Monthly Archives: Januar 2012

Gaetano Donizetti – Don Pasquale

Gaetano Donizetti

Don Pasquale

Komische Oper in drei Akten

Personen

Don Pasquale, ein alter Junggeselle, altmodisch, geizig, leichtgläubig, eigensinnig, im Grunde

ein guter Kerl (Baß)

Doktor Malatesta, Arzt, ein findiger Kopf, zu allen Scherzen gern aufgelegt,

unternehmungslustig (Bariton)

Ernesto, Neffe des Don Pasquale, jung, glücklicher Liebhaber von Norina (Tenor)

Norina, eine junge Witwe, sprunghaftes Naturell, unfähig Widerspruch zu ertragen, aber

aufrichtig und gefühlvoll (Sopran)

Ein Notar, verkleideter Freund Malatestas (Baß)

Ein Haushofmeister. Mehrere Bediente und Mägde. Eine Putzmacherin. Ein Friseur

Ort und Zeit der Handlung: Rom um 1750

Ouvertüre

Erster Akt

Saal im Hause Don Pasquales

Haupttüre im Hintergrunde, zwei Seitentüren nach den anderen Zimmern. Es ist Tag.

Erster Auftritt

Don Pasquale allein. Dann Malatestas Stimme.

Nr. 1. Introduktion

DON PASQUALE sieht ungeduldig auf die Uhr.

Schon um neune! Ach, der Doktor

könnte endlich wiederkommen!

Horch … mir scheint … er ist es … Unsinn!

‘s war im Garten nur der Wind.

Welch ein Pillchen, mein Herr Neffe,

geb’ ich Eurem Mund zu beißen,

und ich will Don Schafskopf heißen,

zeig’ ich Euch nicht, wer wir sind!

MALATESTA von draußen.

Ist’s erlaubt?

DON PASQUALE.

Nur näher, näher!

Zweiter Auftritt

Don Pasquale. Doktor Malatesta.

PASQUALE ängstlich.

Habt Ihr?

MALATESTA.

Ruhe! Haltung! Würde!

PASQUALE.

Mich zerquetscht der Sehnsucht Bürde …

Habt Ihr eine?

MALATESTA.

In der Tat!

PASQUALE.

Dank dem Himmel!

MALATESTA für sich.

O der Trottel! O Pasquale!

Laut.

Hört mich mit gespannten Ohren!

Eine, die für Euch geboren,

nur für Euch, Don, ganz allein!

PASQUALE.

Sprecht, ich bin nur noch zwei Ohren,

selig, stumm, ein Bild von Stein.

MALATESTA.

So höret!

Nr. 2. Romanze

MALATESTA.

Schön wie ein holder Engel,

hierher gesandt zur Erde,

und wie die Lilie keusch und rein,

kurz, eine ganz Verklärte.

Blicke voll ros’gem Lachen,

Blicke, die selig machen,

lächelnde, ros’ge Lippen

und wie Ebenholz das Haar.

PASQUALE.

Wie? Meine Frau das? O welch ein Glück!

Ach, Doktor, Doktor! Ist’s auch wahr?

MALATESTA.

Unschuldig wie ein Engel,

fremd allen bösen Trieben,

bescheiden wie ein Veilchen

und anmutig zum Verlieben.

Mildtätig mit den Armen,

voll Güte und Erbarmen;

Gott schuf es Euch zum Lieben,

dies Wesen wunderbar!

Rezitativ

PASQUALE.

Familie?

MALATESTA.

Fein, vermögend!

PASQUALE.

Der Name?

MALATESTA.

Wie der meine.

PASQUALE.

Verwandt mit Euch am Ende?

MALATESTA.

Ein bißchen, ja … entfernt …

PASQUALE.

O, was Ihr saget!

MALATESTA.

‘s ist meine Schwester!

PASQUALE.

O Freude! Das macht mich doppelt froh.

Wann darf ich sie sehen?

MALATESTA.

Nun … morgen um die Abendzeit.

PASQUALE.

Erst morgen? Nein, heute! Heute!

Ich will sie gleich betrachten.

MALATESTA.

Erst noch ein wenig schmachten!

Es tut Euch gut, bewegt das Blut.

Bald kommt sie zu Euch her.

PASQUALE.

Wahrhaftig?

MALATESTA.

Zähmt das heiße Blut!

Ich bringe sie Euch her.

PASQUALE.

O Lieber!

MALATESTA.

Doch höret mich …

PASQUALE.

Geht, ich bitte.

MALATESTA.

Doch … hört!

PASQUALE.

Beflügelt Eure Schritte

und holt sie gleich mir her!

Hält ihm den Mund zu und treibt ihn fort.

Dritter Auftritt

Don Pasquale allein.

Nr. 3. Kavatine

PASQUALE.

Ein Feuer, Feuer,

es brennt mich, brennt mich,

auswendig, inwendig,

in Herz und Hirne.

Alter vergangen,

Jugend kam her.

Grad, als ob zwanzig,

zwanzig ich wär’!

Du Holde, komme doch,

süße Gemahlin!

Von Mädchen, Buben

fühl’ ich mich Vater.

Ich seh’ sie springen,

höre sie schrein,

woll’n mit mir spielen

und lustig sein.

Neues Leben!

Komm heran nun, mein Herr Neffe!

Mit Euch rupf’ ich ein Hühnchen,

sobald ich Euch treffe …

Da ist er schon!

Vierter Auftritt

Don Pasquale. Ernesto.

Rezitativ

PASQUALE.

Kommst eben recht.

Wollt’ dich grade rufen lassen.

Bitte, bitte!

Will dir keine Rede halten,

nur ganz kurz möcht’ ich fragen.

Also höre!

Ist’s wahr oder nicht wahr,

daß ich jetzt vor acht Wochen

dir ein Mädchen ohne Tadel

anbot, reich, schön, von Adel?

ERNESTO.

Es ist wahr.

PASQUALE.

Und versprach ich dir nicht weiter

‘ne Rente noch dazu und nach meinem Tode,

was ich besitze?

ERNESTO.

So ist es.

PASQUALE.

Ferner droht’ ich

im Falle des Trotzes

dich zu enterben und nötigen Falles

noch mich selbst zu vermählen.

ERNESTO.

So ist es.

PASQUALE.

Wohlan denn!

Ich biete dir noch einmal

wie vor acht Wochen

die Gattin an.

ERNESTO.

Ich kann nicht. Ach, nur Norina,

ihr gehört meine Liebe.

PASQUALE.

Wohl – doch sonst auch nichts.

ERNESTO.

Mit Respekt solltet Ihr lieber reden

von der Armut, rein und voll Tugend.

PASQUALE.

Du bist also entschlossen?

ERNESTO.

Unwiderruflich fest.

PASQUALE.

Nun gut, so such dir

auf der Stell’ eine Wohnung!

ERNESTO.

So wollt Ihr mich verjagen?

PASQUALE.

Dein Trotz und Ungehorsam,

er enthebt mich der Rücksicht.

Sorg’ für dich selber künftig.

Ich nehm’ mir ‘ne Frau!

Nr. 4. Duett

ERNESTO. Ihr – ‘ne Frau?

PASQUALE. Ja, mein Herrchen.

ERNESTO. Ihr?

PASQUALE. Wie ich jetzo vor dir stehe.

ERNESTO. Ach, entschuldigt mein Erstaunen.

PASQUALE.

Ich bin verlobet.

ERNESTO.

Welche Tollheit!

Ihr seid verlobet?

PASQUALE.

Ich sag’s zum zweiten Male:

Aus Cornato Don Pasquale,

Hausbesitzer, hier zuständig,

an Seel’ und Leib lebendig,

hat die hohe Ehr’ dir anzuzeigen,

daß er sich vermählen will.

ERNESTO.

Ihr macht Witze!

PASQUALE.

Witze? Ihr irrt Euch!

Zwar bin ich nicht mehr ein Knabe,

doch da gut gelebt ich habe,

ist mir Kraft und Saft geblieben.

Drum, Herr Neffe, mag’s belieben,

seht mein Haus von draußen an!

ERNESTO.

Weh, ich bin vom Glück vertrieben,

ach, mein Gott, was fang’ ich an?

Traum in Nacht und Tagen,

nun bist du hingeschwunden.

Ich muß dem Glück entsagen,

eh ich es ganz gefunden.

Arm und verlassen,

verstoßen ins bittre Elend,

eh ich dich elend mache,

Teure, entsag’ ich dir!

PASQUALE.

Ein Querkopf, nicht zu sagen!

Der Bursche ist aus Eisen!

So mag er’s denn auch tragen,

ich will es ihm beweisen.

Er hat es selbst verschuldet,

und was er nun erduldet,

mir soll er es nicht klagen, –

ist selber daran schuld!

ERNESTO.

Noch zwei Worte, Onkel, bitte!

PASQUALE.

Steh’ zu Diensten.

ERNESTO.

Einer kann allein sich irren,

rätlich scheint, sich Rat zu holen,

und der Doktor Malatesta

ist ein Mann von Ernst und Würde.

PASQUALE.

Richtig, richtig!

ERNESTO.

Fragt ihn, Onkel, doch.

PASQUALE.

Ist auf’s schönste schon geschehen.

ERNESTO.

Widerriet er?

PASQUALE.

Nein, ganz und gar nicht,

gratulierte voll Entzücken.

ERNESTO.

Gratulierte?

PASQUALE.

Hör mich, komm, ich sag’ dir mehr.

Sie … nun spitz die Ohren, Bester!

Sie … doch still … ist seine Schwester!

ERNESTO.

Seine Schwester? Laßt das Scherzen! Seine Schwester?

PASQUALE.

Seine Schwester!

ERNESTO.

Malatestas?

PASQUALE.

Malatestas!

ERNESTO.

Verräter, dem ich glaubte!

Wo ist die Geliebte?

Schicksal, das mich beraubte,

ach, ende diese Pein!

Was soll ich weiter leben,

rings nur von Leid umgeben?

Du nahmst mir die Geliebte,

so nimm mir auch das Sein!

PASQUALE.

Der Hieb hat gut gesessen.

Nun wird das Herrchen kirre,

hat seinen Witz vergessen,

steht da als wie von Stein.

Doch recht geschieht dem Knaben,

er wollt’s nicht anders haben

und wird, wenn ich nicht irre,

künftig vernünftig sein.

Sie gehen ab.

Verwandlung

Zimmer im Hause Norinas

Fünfter Auftritt

Norina tritt in einem Buche lesend ein. Später ein Diener.

Nr. 5. Kavatine

NORINA lesend.

»O diese Glut in Blicken,

Vorgeschmack vom Paradies,

daß sich der Held voll Entzücken

wonnig besiegen ließ

und in die Kniee niedersank

und ewige Liebe schwor.«

Sie legt das Buch weg.

Ich kenn’ den tiefen Zauber

von einem Blick zur rechten Zeit,

ich weiß, wie schnell ein Herz entbrennt

in bittersüßer Seligkeit.

Der Blicke schnelle Grüße,

heimlicher Tränen Süße,

ich kenne sie und kenne

die liebe Mattigkeit.

Ich kenne all die Wege

und zärtlichen Gehege

der Liebe, der Treue

und ihre Heimlichkeit.

Den Kopf voll Kapricen.

lieb’ ich nicht zu trauern,

bin nicht von den Sauern,

kenn’ nicht Trauerton.

Will mal überfließen

die Galle und quälen:

bis drei gilt’s zu zählen,

da lache ich schon.

Rezitativ

Und der Doktor nicht zu sehen?

Dies dumme Warten!

Vom Lügengewebe

gegen Freund Don Pasquale

hört’ ich nur allzu flüchtig;

so verstand ich nur wenig und warte.

Ein Diener tritt ein, übergibt ihr einen Brief und geht dann wieder.

Wie? Was? Ernesto? Ich zittre …

Sie liest voll Staunen, dann mit Schrecken.

Sechster Auftritt

Norina. Doktor Malatesta.

MALATESTA.

Guten Abend, Norina!

Das schöne Lügenplänchen …

NORINA.

Ist mißglückt, ist zu Ende!

MALATESTA.

Was denn? Was ist?

NORINA reicht ihm den Brief.

Da leset!

MALATESTA liest.

»Meine Norina, ich schreibe

den Tod im Herzen.«

Für sich.

Wir machen ihn munter!

»Don Pasquale, angestellt

von jenem Schurken –«

Für sich.

Danke!

»– dem doppelzüngigen Doktor Malatesta,

verlobte sich mit dessen Schwester,

verjagte mich aus seinem Hause,

enterbt mich völlig. Entsagen muß ich,

die Liebe will es so.

Ich verlasse Rom sofort und nächstens

Europa. Addio! Bleibt glücklich! Dieses

wünscht Euch von Herzen der Eure.. Ernesto.«

Die übliche Dummheit!

NORINA.

Doch wenn er abreist?

MALATESTA.

Er reist nicht, glaubt mir!

Bin ich bei ihm, und er erfährt,

was wir gesponnen, so wird er bleiben,

dess’ bin ich überzeugt.

NORINA.

Doch möcht’ ich wissen,

was Ihr gesponnen. – Bitte!

MALATESTA.

Um den Neffen zu strafen,

der nicht will, was er möchte,

will Pasquale sich kurzer Hand beweiben.

NORINA.

Das weiß ich schon.

MALATESTA.

Nun gut, ich bin sein Hausarzt

und steh’ bei ihm in Ansehn

schon seit Jahren,

legt’ mein Veto ein – vergebens.

Drum hab ich schnell gewechselt meine Taktik

und steh’ ihm scheinbar bei.

Don Pasquale weiß,

daß hier in dem Kloster meine Schwester …

Und Ihr sollt für sie segeln.

Euch hat er nie gesehn, Euch präsentier’ ich,

eh andre vor uns kommen;

sieht er Euch, ist er weg.

NORINA.

Ganz vortrefflich!

MALATESTA.

Und auf der Stell’ ist Hochzeit!

Mein Vetter, Freund Carlotto,

gibt den Notar ab.

Das andere, Freundin, das ist Eure Sache,

ich glaube, daß Ihr’s trefft.

Bringt ihn zum Wahnsinn,

er ist ganz in Euren Händen.

NORINA.

Schon gut. Bin im Bilde.

Sodann …

MALATESTA.

Ganz vortrefflich!

Nr. 6. Duett

NORINA.

Gut, ja, ich tu’s! Für meine Liebe,

da will ich mich gerne maskieren

und den Alten brav vexieren,

alles soll kopfüber gehn!

MALATESTA.

Für Ernesto, für Norina

geb’ ich mich gern ans Intrigieren,

und es wird mich amüsieren,

Don Pasqual im Netz zu sehn.

NORINA.

Nun, so sei es! Mög’s gelingen!

MALATESTA.

Seid nur schlau vor allen Dingen!

NORINA.

Spiel’ ich die Traurige, die Tolle?

MALATESTA.

Nein, das ist nicht Eure Rolle.

NORINA.

Muß ich seufzen, weinen, schrein?

MALATESTA.

Wartet, ich will Lehrer sein. –

Spielt die Einfalt mir vom Lande.

NORINA.

O, das kann ich ausgezeichnet!

Ach, ich schäm’ mich … bin so bange,

Danke … sehr, ich … bin noch klein.

MALATESTA.

Brava, brava, kleine Schlange,

besser könnt’ es gar nicht sein!

NORINA.

Schief das Köpfchen.

MALATESTA.

Flüsterstimme.

NORINA.

Ach, ich schäm’ mich.

MALATESTA.

O, die Schlimme! –

Besser könnt’ es gar nicht sein.

NORINA.

Etwa so?

MALATESTA.

Ja, brava!

NORINA.

Schon der Plan zum großen Werke

gibt mir Lust und gibt mir Stärke.

Nun zum Kriege mit dem Alten

für der Liebe heil’ge Sache!

Was ich sagte, will ich halten,

was ich will, das kann ich gut.

Der Gedanke an die Rache

tut mir wie die Rache gut.

MALATESTA.

Ach, der arme Don Pasquale!

Aus der Liebe Racheschale

überschwemmt ihn bald mit Brausen

ungeheure Wetterflut.

Hu, des Sturmes wildes Sausen,

Blitzesschrecken, Donnergrollen!

Bald umtobt mit schweren, vollen

Strömen dich des Wetters Wut!

Zweiter Akt

Saal im Hause Don Pasquales

Es ist Tag.

Erster Auftritt

Ernesto, aufs äußerste niedergeschlagen.

Nr. 7. Rezitativ und Arie

Rezitativ

ERNESTO.

Armer Ernesto! Wie mit einem Mal

genieß’ ich der Qualen allerbitterste Hefe!

Ach, mein Feind ist nun dieser,

dem als Freund ich so ganz und gar vertraute!

Norina verlieren – o Jammer!

Allein wie konnt’ ich sie ketten

an dies elende Leben?

Nein, ich mußt’ es ihr schreiben,

das Wort des Abschieds.

Weh mir, ich darf nicht bleiben!

Arie

In der Fremde will ich weilen,

will allein mein Unglück tragen.

Ach, es wird mein Herz nicht heilen

und nicht enden meine Klagen.

Doch es sollen nicht Not und Schmerzen

und es sollen nicht Land und Meer

weg dich reißen aus meinem Herzen,

meine Liebe geb’ ich nicht her.

Und wenn einst in zartem Triebe

neu du glühest und vergessen

unser Glück, unsre Liebe,

die ich einst so reich besessen,

dann sollst du nicht fürchten, Süße,

daß ein Elender dich verflucht;

seine Seufzer sind die Grüße,

sind ein Hauch, der das Glück für dich sucht.

Rezitativ

Da ist der Onkel. Ich gehe.

Verwundetes Wild will sich verstecken.

Entfernt sich.

Zweiter Auftritt

Don Pasquale in großer Gala, begleitet von einem Diener.

PASQUALE zum Diener.

Wenn du hier eingelassen

den Doktor Malatesta – doch ohn’ Begleitung –

paß genau auf, du Schlingel!

darf niemand mehr herein.

Wehe dir, du Tölpel,

wenn du dawider handelst!

Jetzt pack dich, verschwinde!

Der Diener ab.

Den Notar hab’ ich selbst bestellt,

es ist mein bester, ältester Freund,

der von dort

Weist auf die Tür rechts.

wird erscheinen.

Man kann nicht wissen,

nicht jeder Herr Notar ist zuverlässig.

Holla, sie kommen!

Hymen, in deinen Schutz sei ich genommen!

Dritter Auftritt

Pasquale. Doktor Malatesta, die verschleierte Norina an der Hand.

Nr. 8. Terzett

MALATESTA.

Vorwärts! Mutig!

NORINA.

Ich vergehe. Ach, ich zittre!

MALATESTA.

Tretet nur ein!

Indem er Norina eintreten läßt, winkt er Don Pasquale zu, sich beiseite zu stellen. Dieser

verbirgt sich in einer Ecke.

NORINA.

Ach, mein Bruder, ach mein Bruder!

MALATESTA.

Nicht so zittern!

NORINA.

Ach, ach Gott!

Sobald Norina in den Vordergrund gekommen, eilt Malatesta auf Don Pasquale zu.

MALATESTA.

Aus dem Kloster erst entlassen,

weiß sie sich noch nicht zu fassen,

diese kleine wilde Taube,

die zu zähmen Euch bestimmt.

NORINA.

Ach, mein Bruder!

MALATESTA.

Fassung, Fassung!

NORINA.

Gott, ach Gott, wenn jemand käme!

Für sich.

Daß ich diesen Narren zähme,

weiß ich jetzt schon ganz bestimmt.

PASQUALE in seinem Versteck.

Holde Einfalt! Jede Wendung

so, daß mich’s gefangen nimmt,

und ich heiße sie Vollendung,

wenn das Antlitz dazu stimmt.

NORINA.

Ach, mein Bruder!

MALATESTA.

Welch Gezitter!

NORINA.

So allein! Ach, ich vergehe!

MALATESTA deutet auf Pasquale.

Nicht allein. Sieh diesen Ritter!

Don Pasqual ist in der Nähe.

NORINA.

Wie? Was? Ein Mann! O weh, ich Arme!

Schnell fort von hier!

PASQUALE für sich.

Welch ein Kind, daß Gott erbarme!

Diese süße Unschuld mir!

MALATESTA für sich.

Ha, du bist schon im Alarme,

doch noch wärmer macht sie dir!

Rezitativ

MALATESTA zu Norina.

Keine Angst, nur nicht fürchten.

‘s ist Don Pasquale,

mein Freund und Gönner,

Krone aller Ehrenmänner.

PASQUALE verbeugt sich tief.

NORINA schenkt ihm keinen Blick.

MALATESTA zu Norina.

Erwidert seinen Gruß doch!

NORINA ohne Don Pasquale anzusehen.

Danke …

bitte …

PASQUALE für sich.

Die Hand wie Alabaster!

MALATESTA leise.

Er ist schon in Siedehitze.

NORINA für sich.

Wart, altes Laster!

PASQUALE rückt Stühle zusammen und setzt sich in die Mitte.

MALATESTA.

Na, was sagt Ihr?

PASQUALE.

Ach, ein Engel! Doch der Schleier …

MALATESTA.

Sie würde niemals wagen,

den Schleier aufzuschlagen

vor einem Mann. Wollt Ihr jetzo sondieren,

ob eure Charaktere harmonieren,

dann wird man sehen …

PASQUALE.

Verstehe. Es soll geschehen. –

Zu Norina.

Da ich mir darf gestehen …

Und da auch der Herr Bruder …

der beste der Doktoren …

hab’ ich … das heißt …

MALATESTA leise.

… den Kopf verloren.

Zu Norina.

Gebet Antwort!

NORINA.

Bitte … danke …

Macht einen Knicks.

PASQUALE.

Ich wollt’ Euch sagen, abends

haben die Damen gern Gesellschaft …

NORINA.

O, mein Herr, nein! In dem Kloster

waren abends wir alleine.

MALATESTA.

Doch zuweilen im Theater?

NORINA.

Ich weiß nicht, was das ist,

und mag’s nicht wissen!

PASQUALE.

Und dabei sollt Ihr bleiben.

Doch muß man so oder so die Zeit vertreiben.

NORINA.

Mit Sticken, Nähereien oder Stricken;

auch geht man in die Küche.

Die Zeit hat’s gar zu eilig.

MALATESTA für sich.

Die kennt die Schliche!

PASQUALE ebenso.

Sie ist für mich geschaffen.

Verdammter Schleier da!

MALATESTA.

Liebe Sofronia, leget ab Euren Schleier!

NORINA.

Ach Gott … vor einem Mann!

MALATESTA.

Wenn ich es wünsche …

NORINA.

… so gehorche ich gleich.

Nimmt den Schleier ab.

PASQUALE.

Alle Wetter!

MALATESTA.

Mein Gott, was ist?

PASQUALE.

Eine Bombe hat eingeschlagen,

Ihr müßt, Ihr müßt sie fragen,

ob sie will sein mein Eigen.

Ich kann bloß stehn und schweigen.

Ich schwitze! Ich friere! Bin tot!

MALATESTA.

Nicht verzagen! Mir scheint,

sie ist geneigt, ich will sie fragen. –

Zu Norina.

Schwesterchen, liebes, kleines,

sagt mir … wollt Ihr wohl … nun also …

Dieser Herr da … gefällt er Euch?

NORINA.

Ich schäme mich, ‘s zu sagen …

MALATESTA.

Nur mutig!

NORINA.

Ja …

Für sich.

Du bist ein Riesenesel!

MALATESTA.

Meinen Segen! Da nehmt sie!

PASQUALE.

Ich Glücklicher! Ich juble auf!

NORINA leise.

Wart noch ein bißchen, warte!

PASQUALE.

Nun hurtig zum Notare!

MALATESTA.

Ich hab’ für alle Fälle

den meinen mitgebracht.

Er sitzt im Warteflur, laßt mich ihn rufen.

PASQUALE.

Herr Doktor, dafür laßt mich nur sorgen.

BEIDE um die Wette.

Herein, Herr Notare, herein,

Herr Notare!

Vierter Auftritt

Die Vorigen. Der Notar. Diener, die einen Tisch zum Schreiben herrichten.

NOTAR grüßt, setzt sich und macht sich zum Schreiben fertig.

Nr. 9. Quartett und Finale

MALATESTA diktierend.

Es sind erschienen etcetera

Sofronia Malatesta,

gebürtig in etcetera,

in irgendeinem Nest da …

Und andrerseits etcetera

Der Ritter Don Pasquale etcetera …

NOTAR.

Etcetera.

MALATESTA.

Etcetera, daß sie, wie sich’s gebühret …

NOTAR.

Etcetera.

MALATESTA.

Gemäß dem Rituale,

nach tiefer Überlegung

und Hin- und Hererwägung …

NOTAR.

… wägung.

MALATESTA.

Eingehn der Ehe Copula,

dazu sind sie ja da.

PASQUALE zum Notar.

Habt Ihr geschrieben?

NOTAR.

Geschrieben!

PASQUALE.

Schon gut.

Zu Malatesta.

Wollt weiter belieben.

MALATESTA diktiert.

Der Herr, der Don etcetera,

tut hiermit deklarieren,

daß er von seinem Hab und Gut

die Hälfte will zedieren

der Obigen etcetera,

die er zum Ehweib sich ersah,

denn dazu ist er da.

NOTAR.

Geschrieben!

PASQUALE.

Und weiter wünscht er …

NOTAR.

… er …

PASQUALE.

Daß alle ehren sollen

sie als seine geliebte – Gemahlin

und ihr Gehorsam zollen.

Sie soll hier dominieren,

das will ich statuieren,

dazu bin ich ja da.

NORINA UND MALATESTA.

Wir bestätigen Eure Großmut,

dazu sind wir ja da.

NOTAR.

Hier der Kontrakt. Nun die Namen.

PASQUALE unterschreibt.

Hier ist der meine.

MALATESTA führt Norina an den Tisch.

Nun, liebe Schwester, der deine,

und dann ist es geschehn.

NOTAR.

Ein Zeuge ist noch nötig,

soll’s nach dem Rechte gehn.

Man hört Ernestos Stimme vor der Tür. Norina läßt die Feder fallen.

ERNESTO draußen.

Zum Teufel! Zurück, ihr Tagediebe!

Zurück! Ich will doch sehn!

NORINA für sich.

Ernesto! Jetzt beim Himmel,

bleibt mir das Herze stehn.

MALATESTA ebenso.

Ernesto! Ach, und er weiß nichts!

Verdammt! Wie wird das gehn!

Fünfter Auftritt

Die Vorigen. Ernesto.

ERNESTO zu Pasquale.

Ich will Adieu Euch sagen,

man weist mich von der Türe.

Wer darf die Frechheit wagen,

Wer darf sich’s unterstehn?

PASQUALE.

Ach Gott!

Wir hatten Geschäfte groß und wichtig,

doch kommst du eben richtig.

Es fehlt zum Ehkontrakte

ein Zeuge unterm Pakte.

Zeigt auf Norina.

Hier, Neffe, deine Tante!

ERNESTO für sich.

Norina! Schmach und Schande!

Fällt nicht der Himmel ein?

Das kann und kann nicht sein!

Laut und zornig.

Die hier?

MALATESTA.

Die Tante dort, mein Bester,

ist meine Schwester!

Leise zu Pasquale.

Ach, er ist erregt, habt Mitleid,

ich kriege ihn schon klein.

Zu Ernesto leise.

Verschon uns mit Protesten!

Es ist zu deinem Besten!

Willst du Norina halten,

mußt du jetzt folgsam sein.

NORINA.

Um Gotteswillen stille,

sonst stürzt das Ganze ein.

ERNESTO.

Sofronia, seine Schwester?

Ich muß von Sinnen sein.

MALATESTA laut.

Hier ist der zweite Zeuge,

Ernesto will es sein.

Führt Norina zum Unterschreiben.

ERNESTO unterschreibt ebenfalls, wenn auch zögernd.

NOTAR.

Nun ist geschehn die Vermählung.

Entfernt sich unauffällig.

PASQUALE will Norina umarmen.

Mein Schneckchen!

NORINA plötzlich in verändertem Tone.

Nur Ruhe bitte!

Vom Leibe mir zwei Schritte,

und fragt erst um Erlaubnis.

PASQUALE unterwürfig.

Darf ich, mein Mäuschen?

NORINA.

Nein!

ERNESTO lacht.

Ha! Ha!

PASQUALE.

Was gibt’s da zu lachen?

Wart nur, du Frecher, dich will ich lehren!

Du sollst dich jetzo zum Teufel scheren!

NORINA.

O pfui!

Solch bäurisches Betragen

find’ ich durchaus nicht fein.

Zu Ernesto.

Ihr bleibet!

Zu Pasquale.

Die guten Sitten,

die flöß’ ich Euch noch ein.

PASQUALE.

Herr Doktor?

MALATESTA.

Don Pasquale?

PASQUALE.

Welch Wechsel!

MALATESTA.

Sehr fatale!

PASQUALE.

Was soll das nur?

MALATESTA.

Beruhigt Euch,

ich werde bei Euch sein!

NORINA UND ERNESTO für sich.

Ich kann nicht mehr, ich platze,

mir drückt’s das Zwerchfell ein!

NORINA zu Pasquale.

Ein Mann wie Ihr, so greisenhaft

und dick und ohne Allüren,

kann keine schöne junge Frau

galant spazieren führen.

Ich brauch’ einen Cavaliere;

Zu Ernesto.

erweist Ihr mir die Ehre?

PASQUALE.

O nein, Madame, Entschuldigung,

o nein, das kann nicht sein!

NORINA.

Kann nicht sein? Warum?

PASQUALE energisch.

Weil ich’s nicht wünsche.

NORINA.

Ihr wollt’s nicht haben?

PASQUALE.

Nein!

NORINA mit gemachter schmeichlerischer Sanftmut.

Nein?

O mein Engelchen, was fällt Euch ein?

Ihr wollt? Wie dürft Ihr wollen?

Ich will! Nach dem Kontrakte

soll ich nur wollen sollen!

PASQUALE.

Herr Doktor!

NORINA.

Mir sollen alle gehorsam sein,

mir, mir und mir nur allein!

MALATESTA für sich.

Jetzt kommt es zur Entscheidung.

ERNESTO ebenso.

Jetzt heißt es: schnappt er ein?

PASQUALE.

Doch wenn … nun aber der …

NORINA.

Ich dulde kein »aber«!

PASQUALE.

Wenn dieser …

NORINA.

Wer? Ihr habt zu schweigen!

Still da! Jetzt war ich milde,

doch kann ich Krallen zeigen.

Mit entsprechender Geste.

und grab’ dem Götterbilde

ein Angedenken ein.

PASQUALE weicht zurück.

O träum’ ich? Wach’ ich? Welch ein Schrecken!

Beißen? Kratzen? Brava! Prächtig!

Oder will sie mich nur necken?

Das sind dumme Spässe, dächt’ ich.

Wehe, wehe, Don Pasquale,

was wird wohl dein Ende sein?

NORINA UND ERNESTO.

Bitter scheint es ihm zu schmecken!

Dieser Schreck ergreift ihn mächtig!

MALATESTA.

Wie sich seine Glieder strecken,

fast wird er vor Schrecken schmächtig!

Mut, mein lieber Don Pasquale,

es ist nur ein böser Schrecken,

es ist nur ein böser Schein.

NORINA UND ERNESTO.

Unsre lustige Kabale

wird nun wohl begriffen sein!

NORINA ergreift eine Klingel und schellt heftig.

DIENER tritt ein.

NORINA.

Ich wünsche hier geschwinde

die Dienerschaft zu sehn.

DIENER ab.

PASQUALE für sich.

Was will sie? Mein Gesinde?

MALATESTA ebenso.

Soll’s auf dem Kopfe stehn?

Sechster Auftritt

Die Vorigen. Haushofmeister. Zwei Diener.

NORINA.

Drei im ganzen? Hahaha, ausgezeichnet!

Knapp ausgerechnet drei!

Zum Haushofmeister.

Zu Euch!

Mich dünkt, Ihr seid der Chef

der Dienerschaft, beflissen

in aller Treu, ein Mann von Ehr’,

Erfahrung, Würde, Wissen.

Drum wünsche ich, daß Euer Sold

jetzo verdreifacht sei.

Ich brauche neue Leute,

Lakaien, Kammerzofen,

mich dünkt, es sind zwei Dutzend

für’s erste mir genug.

PASQUALE wütend.

Jetzt seid Ihr doch wohl fertig?

NORINA.

Schon jetzt? Ihr seid nicht klug.

Zum Haushofmeister.

Gleich nachher müßt Ihr laufen,

zwei Wagen mir zu kaufen

mit Polstern und mit Federn,

vom Holz der feinsten Zedern.

PASQUALE.

Jetzt seid Ihr endlich fertig?

NORINA.

Doch fast hätt’ ich vergessen:

das Haus ist ganz abscheulich,

die Möbel mehr als greulich;

die ganze Rumpelkammer wird

von Grund aus umgekehrt.

Besorgt mir noch behende

für punkt vier Uhr ein Essen,

besorgt es mir aufs beste,

es kommen fünfzig Gäste.

Und daß mir auch nicht das Kleinste fehlt,

so wie es sich gehört.

MALATESTA UND ERNESTO.

Ein Blitz herunterfährt!

HAUSHOFMEISTER entfernt sich mit den beiden Dienern.

PASQUALE.

Wer zahlt das?

NORINA.

Mein Himmel, Ihr!

PASQUALE.

Ich aber schwöre hier,

ich zahle gar nichts.

NORINA.

So?

PASQUALE.

Nein, bin ich der Herr im Hause?

NORINA.

Ach, laßt doch diese Flause!

Herr – hier, wo ich befehle?

MALATESTA zu Norina.

Ich bitt’ Euch …

NORINA zu Pasquale.

Bei meiner Seele,

Ihr seid ein Bauer, ein Ungetüm,

ein unerzogner Narr!

PASQUALE höhnisch.

Drum nahm ich Euch zur Frau!

MALATESTA zu Pasquale.

Nehmt es nicht so genau!

NORINA.

Doch nur Geduld, ich komme,

fürwahr, ich komme ihm!

PASQUALE.

Ha, sie will mich massakrieren,

in die Hölle mich bugsieren,

will mich zum Gelächter machen,

doch das soll nicht also sein.

Aus des Teufels Elixieren

gab sie mir zu trinken ein.

NORINA zu Ernesto.

Dir den Star zu operieren,

spiel’ ich heute hier den Drachen,

nur um dich nicht zu verlieren,

ging auf dieses Spiel ich ein.

Diesen Narren zu vexieren,

macht mir wahrlich selber Pein.

ERNESTO zu Norina.

Teure, sieh mich revozieren,

aus dem Mißtraun mich erwachen,

nie will ich mehr phantasieren,

daß du könntest untreu sein.

MALATESTA zu Pasquale.

Teurer Don, wollt Euch kalmieren,

das sind eben Ehesachen,

Jeder muß sie ausprobieren,

geht ins Bett und schlaft allein.

Zu Norina und Ernesto.

Aber euch, ihr Teufelsdrachen,

rat’ ich auf der Hut zu sein!

Dritter Akt

Saal im Hause Don Pasquales

Auf Tischen, Stühlen und am Boden liegen zerstreut Toilettenartikel für Damen, Kleider, Hüte,

Pelze, Spitzen, Schärpen, Kartons usw. Abend.

Erster Auftritt

Don Pasquale sitzt in großer Aufregung an einem Tisch voll Preislisten und Rechnungen. Diener

stehen teils wartend umher, kommen teils aus Norinas Zimmer. Ein Friseur verläßt dieses

soeben, eilt über die Bühne und geht durch die Mitteltüre ab. Später eine Putzmacherin.

Nr. 10. Introduktion

ERSTER DIENER.

Die Diamanten! Schnelle! Schnelle!

ZWEITER DIENER.

Die Marchande de modes!

DRITTER DIENER.

Komme sie nur!

PUTZMACHERIN tritt mit einem Berg von Kartons ein und verschwindet in Norinas Zimmer.

VIERTER DIENER mit einem Pelz, Blumenstrauß und Parfümflaschen.

In den Wagen auf der Stelle!

WEITERE DIENER.

Hier der Fächer, der Schleier, der Pompadour,

das Lorgnon, das Schnupftuch, das Puderkästchen.

Ist zum Souper schon alles gerichtet?

FÜNFTER DIENER.

Die Pferde ins Geschirre

und schleunigst angespannt!

PASQUALE.

Abscheuliches Gewirre,

ich komm’ um den Verstand!

DIE DIENER haben ihre Aufträge ausgeführt und eilen hinaus.

Zweiter Auftritt

Don Pasquale allein.

Rezitativ

PASQUALE die Rechnungen studierend.

Laßt sehen!

Für die Modistin hundert Taler.

Sehr verbunden!

Den Herren Kutschern sechshundert.

Bagatelle!

Vierzehnhundertundfünfzig für Geschmeide.

Für die Pferde … Fahrt zum Teufel

alle Pferde, alle Händler und auch die Ehe!

Ausgehn am ersten Tag unsrer Ehe

ist so ohne Recht und Würde,

daß ich als Herr im Hause

muß protestieren,

muß Einspruch hier erheben,

was auch geschehe.

Doch wenn ich sie höre,

wenn ich sie vor mir sehe –

sie hat verteufelte Augen

so zum Regieren,

weiß so herrisch zu schauen,

daß ich das Fieber kriege vor Grauen

schon bei der Vorstellung.

O Don Pasquale, wohin bist du gekommen?

Auf alle Fälle versuche ich’s einmal,

es gehe so schief es wolle.

Ach, sie kommt. O wehe!

Dritter Auftritt

Don Pasquale.

Norina in großem Putz, ausgehfertig.

Nr. 11. Duett

PASQUALE.

Ei, wohin in solcher Eile,

schönes Fräulein, darf ich fragen?

NORINA.

Ins Theater, Langeweile

nach Gefallen zu verjagen.

PASQUALE.

Nun, und wenn der Mann bescheiden

einen Einspruch würde wagen?

NORINA.

Würde man so was nicht leiden,

denn der Mann hat nichts zu sagen.

PASQUALE.

Nur nicht auf die Spitze treiben

dies unglaubliche Betragen!

Heut zuhause soll’n Sie bleiben,

auf Ihr Zimmer gehen Sie!

NORINA spöttisch.

Nur nicht sich so sehr erregen!

Alten Leuten ist zu raten,

zeitig sich ins Bett zu legen.

Alles andre morgen früh.

Marsch zu Bette, wohl zu ruhen,

marsch zu Bette, gute Nacht!

PASQUALE vertritt ihr den Weg.

Hier geblieben?

NORINA.

Zu Befehle!

PASQUALE.

Ich bin müde.

NORINA.

Ich bin munter.

PASQUALE.

Freche Katze!

NORINA.

Unverschämter!

Holla nimm, da hast du deinen Lohn!

Gibt ihm eine Ohrfeige.

PASQUALE.

Dies das Ende, Don Pasquale,

brauchst nicht weiter nachzudenken,

irgendwo dich aufzuhenken,

wird nun wohl das Beste sein!

NORINA für sich.

Dieser Knalleffekt war bitter,

doch ich konnt’ ihn dir nicht schenken,

denn ich muß zum Ziele lenken

und darf nicht bedenklich sein.

Laut.

So – ich gehe!

PASQUALE.

Geht, doch spart Euch

ja des Wiederkehrens Mühe.

NORINA.

Morgen komm’ ich in der Frühe.

PASQUALE.

Zugeschlossen wird mein Haus.

NORINA.

Ei, ei, mein Gebieter,

spiel Er nicht den Tiger,

leg dich lieber nieder,

mein guter Großpapa.

Wenn Träume dich wiegen,

wird Ärger verfliegen,

und morgen zur Früh ist

die Gattin dir nah.

PASQUALE.

Ich lasse mich scheiden!

Ich pfeif’ auf die Ehe!

Vor Ärger und Leiden

schon starb ich beinah.

Erst wenn ich geschieden,

kehrt wieder der Frieden,

nie wieder geschieht mir,

was jetzt mir geschah!

NORINA geht ab, beim Fortgehen läßt sie einen Zettel fallen.

Vierter Auftritt

Don Pasquale allein. Später ein Diener.

Rezitativ

PASQUALE hebt den von Norina fallengelassenen Zettel auf.

Noch so ein Zettel voll Häubchen und voll Spitzen,

wie sie die Gnädige sät in den Stuben.

Öffnet den Zettel und liest.

»Vielgeliebte Sofronia!« –

O wehe, was soll das heißen?

»Zwischen neun und zehn Uhr heut Abend

erwart’ ich meine Vielgeliebte

hinterm Garten, Du weißt, am bewußten Platze.

Ich empfehle meinem Schatze,

wenn es geht, mich zu lassen

durch’s kleine Hinterpförtchen. Dort ohne Stören

im Schatten könnten wir uns angehören.

Noch eines, Geliebte,

ich werde ein Zeichen durch Singen Dir geben.

Nun spitz deine Öhrchen!

Der Deine in Treue fürs Leben.«

Außer sich.

Das ist zuviel! Zuviel! Sie will

mich um das Leben bringen.

O weh, ich kann nicht mehr,

ich bin am Ende.

Ich rufe Malatesta.

Klingelt, ein Diener erscheint.

Sofort zum Doktor laufen,

und sag ihm, ich sei krank,

ich lieg’ im Sterben.

Diener ab.

Werd’ ich sie nimmer los,

muß ich verderben!

Er entfernt sich.

Fünfter Auftritt

Die Dienerschaft des Hauses.

Nr. 12. Chor

ALLE.

Welch unaufhörliches Hinum und Herum,

just wie geschlagen, o jerum, o jerum.

Kling-kling von dort, ping-ping von da,

man wird verrückt, verrückt beinah.

Alles so fein, in großem Stile,

wir schwimmen im Fett, halleluja!

DIE ZOFEN.

Nach Tische kam man sich in die Haare.

DIE DIENER.

Das fängt gut an; gebt uns Bericht.

DIE ZOFEN.

Sagte die Gnädige: Adieu, ich fahre.

Sagte der Herr: Du fährst mir nicht!

Mit Zank und Schnaufen

gab es ein Raufen.

DIE DIENER.

Aber die Gnädige gewann, hahaha!

Da steckt ein Neffchen im Hintergrunde.

DIE ZOFEN.

‘s ist für den Alten ‘ne böse Stunde.

DIE DIENER.

Der Gnäd’gen mangelt es nicht an Feuer.

DIE ZOFEN.

Dem Alten ist es nicht recht geheuer.

ALLE.

Stille, es kommt wer; wir wollen verschwinden.

Wir schwimmen im Fett, halleluja!

Sie ziehen sich zurück.

Sechster Auftritt

Doktor Malatesta und Ernesto.

Rezitativ

MALATESTA.

Wohl verstanden?

ERNESTO.

Vortrefflich. Schnell in den Garten,

meine Rolle fein zu spielen.

MALATESTA.

Und ich die meine dito!

Doch vor allem, daß dich der Alte

nicht erkenne!

ERNESTO.

Nur nicht ängstlich!

MALATESTA.

Sobald du uns kommen hörst …

Ernesto …. bin ich über die Mauer.

MALATESTA.

Bravo, bravissimo!

ERNESTO.

Auf Wiedersehen!

Eilt davon.

MALATESTA allein.

Diese plötzliche Berufung lehrt mich,

er ist auf den Leim gegangen

und will die Ungetreue jetzt erwischen.

Sieht in die Kulisse.

Armer Kerl! Gott, wie schaust du doch verändert!

Die Augen umrändert!

Man könnte Mitleid fühlen …

Doch heißt es Haltung,

wieder den Doktor spielen.

Siebenter Auftritt

Doktor Malatesta.

Don Pasquale.

Rezitativ

MALATESTA.

Don Pasquale?

PASQUALE.

Ha, Schwager, Ihr seht in mir

‘ne wandelnde Leiche.

MALATESTA.

Laßt mich hören!

Was kann im Glück Euch stören?

PASQUALE für sich.

Zu denken, daß die eigne Borniertheit

mir eingebrockt die Suppe!

Hätte doch lieber der Junge seine Puppe!

MALATESTA für sich.

Das ist wichtig zu wissen!

Laut.

So sagt mir endlich doch …

PASQUALE.

Fast eine ganze Jahresrente

in Hauben und Bändern verschwenden –

das ist nicht alles.

MALATESTA.

Was weiter?

PASQUALE.

Das gnädige Fräulein

möchte ins Theater fahren.

Ich widerspreche milde,

jedes Wort ist vergeblich,

ist ganz verloren.

Ich befehle … sie gibt die Antwort

mir hinter die Ohren.

MALATESTA.

Eine Schelle?

PASQUALE.

Eine Schelle, ja, so ist es.

Doch noch nicht alles,

es kommt noch viel schlimmer.

Da leset …

Gibt ihm den Brief.

MALATESTA nachdem er gelesen.

Bin versteinert!

PASQUALE.

Doch bei allen Teufeln, ich nehme Rache!

MALATESTA.

Sehr richtig!

PASQUALE.

Ich werd’ sie fassen

in flagranti!

MALATESTA.

Wie das?

PASQUALE.

Hört mich ruhig. Ich hab’ mein Plänchen.

Höret an!

MALATESTA.

So redet!

Nr. 13 Duett

PASQUALE.

In den Garten, leise, leise,

schleichen wir, und meine Leute

bilden dichte Zingelkreise,

fangen uns die freche Beute.

Ist das Paar ins Garn gegangen,

haben wir sie fest gefangen,

sei kein Augenblick verloren,

gleich zum Bürgermeister hin!

MALATESTA.

Doch bedenket, Eure Beute,

sie ist ja doch meine Schwester.

Soll es denn für Eure Leute

ein erwünschtes Schauspiel sein?

Bessren Plan laßt uns ersinnen.

Halt – mir fällt schon erwas ein!

Hört mich an, wie ich es meine:

Gehn wir beide schnell alleine,

lauern wir in den Gebüschen,

bis die beiden wir erwischen,

und wir packen sie und drohen,

drohen mit der Polizei,

bis die beiden uns versprechen,

daß die Schmach zu Ende sei.

PASQUALE.

Doktor, nein, so kann’s nicht sein.

MALATESTA.

Sagt, ist denn der Plan nicht fein?

PASQUALE.

Für so niederträcht’ge Dinge

ist die Strafe zu geringe.

Fort muß sie aus meinem Haus.

BEIDE.

Delikat ist die Affäre,

Rache ist, was ich (er) begehre (begehret),

doch die Klugheit muß der Strenge

freilich an der Seite sein.

PASQUALE.

Ihr müßt wissen …

MALATESTA.

Ha, gefunden!

PASQUALE.

Was? Ich bitte

schnelle, schnelle. Bitte redet!

MALATESTA.

Unsre Schritte

lenken wir ins Büschedunkel

und belauschen das Gemunkel

der Verruchten. Ist es sündig,

dann soll sie vertrieben sein.

PASQUALE.

Bravo, bravo, bin’s zufrieden.

Bravo, bravo, mag’s geschehen.

Warte, mein Drache,

leise, verstohlen,

so naht die Rache,

ha, dich zu holen.

Haha, sie packt dich,

ha, am Genicke,

all deine Tücke

büßest du mir.

Da wird nichts helfen,

Kabale und Schliche,

erlogenes Lächeln,

Seufzer und Tränen.

Dich hat meine Rache

in sicherer Schlinge,

in eiserner Falle

zappelst du mir.

MALATESTA.

Träume, nur träume,

armer Pasquale,

Träume sind Schäume.

Doch das Finale,

wehe, es packt dich,

eiserne Kralle,

und in der Falle

zappelst du hier.

Der Arme baut

Kalkül auf Kalkül,

ahnt nicht, daß alles

Blasen im Winde.

Der Tölpel merkt nicht

die offene Falle,

springt in das Eisen

mit Wollust schier.

Sie gehen zusammen ab.

Verwandlung

Garten am Hause Don Pasquales

Nacht. Mondschein.

Achter Auftritt

Ernesto, in einen Mantel gehüllt. Chor hinter der Szene.

Nr. 14. Serenade

ERNESTO.

O süße Nacht

im Mai durchwacht!

Tiefblauer Samt

der Himmel, vom Mond durchflammt.

CHOR.

O süße Nacht

im Mai durchwacht!

ERNESTO.

Herz, ah, wie weit!

Selige Mattigkeit!

O komme zu mir,

die ich erwarte hier.

CHOR.

Herz, ach, wie weit!

Selige Mattigkeit!

ERNESTO.

Es wehen Seufzer

in trüben Winden,

mein Herz, es suchet dich

und muß dich finden.

Ich warte dein,

du mein Herzbegehr,

bleib’ ich allein,

so leb’ ich nicht mehr.

Und all dein Weinen

ruft mich nicht zurück,

bin ich gestorben,

starb auch dir dein Glück.

CHOR.

Und all dein Weinen

ruft mich nicht zurück,

bin ich gestorben,

starb auch dir dein Glück.

Neunter Auftritt

Norina aus dem Hause. Ernesto, der den Mantel fallen läßt. Später Don Pasquale und Doktor

Malatesta.

Nr. 15. Notturno

NORINA UND ERNESTO.

Laß es, ach, laß es mich hören,

sag es mir immer aufs neu,

daß wir einander gehören,

daß du für immer mir treu.

Das Wort von deinen Lippen

ist Balsam für meine Wunden.

Wo du bist, muß ich gesunden,

krank bin ich ferne von dir.

PASQUALE ist herbeigeschlichen und hat sich hinter einem Strauch verborgen.

Seht doch da, wohl aufgepaßt!

MALATESTA hinter Pasquale.

Nur leise, leise!

Zehnter Auftritt

Norina. Ernesto. Pasquale. Malatesta.

Rezitativ

PASQUALE hat sein Versteck verlassen und leuchtet Norina mit der Laterne ins Gesicht.

Halt da, halt!

NORINA.

Diebe! Zu Hilfe!

PASQUALE.

Stille! Wo ist der Buhle?

NORINA.

Wer?

PASQUALE.

Der eben hier war,

mit Euch im Gespräche!

NORINA.

Alle Himmel, wen könnt Ihr meinen?

Hier war keine Seele.

MALATESTA für sich.

Die freche Katze!

ERNESTO hat sich inzwischen aus dem Staube gemacht.

Elfter Auftritt

Norina. Pasquale. Malatesta.

PASQUALE.

Ihr wagt zu leugnen?

So werd’ ich ihn Euch zeigen!

NORINA.

Noch einmal denn:

‘s war niemand hier. Ihr scheint zu phantasieren.

PASQUALE.

Was trieb Euch, grad jetzt hier zu spazieren?

NORINA.

Frische Luft genießen.

PASQUALE.

Frische Luft! Die Unverschämte!

Fort aus meinem Hause oder …

NORINA.

Oho, mein Herr Gemahl,

Was habt Ihr für Ideen?

PASQUALE.

Fort sag’ ich, hinaus!

NORINA.

Nicht mal im Traum. Das hier ist mein Haus.

Ich bleibe!

PASQUALE.

Bombengranaten tausend!

MALATESTA tritt dazwischen.

Don Pasquale,

jetzt ist die Reih’ an mir. Laßt mich nur machen

und schweigt stille. Ich habe Vollmacht?

PASQUALE.

Vollkommen!

NORINA.

O Gott, jetzt kommt’s zum Krachen.

MALATESTA zu Norina.

Paßt auf! Erst die Erstaunte nach Kräften spielen.

Laut.

Ich bitte, Schwester, hört mich

geduldig an. Es gilt,

Euch eine Schmach zu ersparen.

NORINA.

Mir eine Schmach?

MALATESTA leise.

Vortrefflich so!

Laut.

In dieses Haus wird morgen

einziehn ‘ne neue Gattin.

NORINA.

‘ne neue Gattin? Mir das zu bieten!

MALATESTA leise.

Das ist der Moment, nun bitte wüten!

NORINA.

Gattin von wem?

MALATESTA.

Ernestos, Norina.

NORINA.

Das kokette Geschöpf, die schlaue Norina!

PASQUALE für sich.

Bravo, mein Doktor!

MALATESTA zu Norina.

Seht, schon gewonnen!

NORINA.

Das wäre grad so meine Sache!

Norina so mit mir unter einem Dache!

Niemals! Viel lieber geh’ ich!

PASQUALE für sich.

O, machte sie’s doch wahr!

NORINA als ob sie überlege.

Doch … einen Augenblick!

Wenn diese Heirat eine List nur wäre?

Da will ich doch erst sehen …

MALATESTA.

‘s ist richtig. – Don Pasquale, soll es gehen,

müßt den beiden Ihr euren Segen geben,

sonst geht sie Euch nicht fort.

PASQUALE.

Nun, meinetwegen!

MALATESTA ruft.

Heda, heda! Heraus da, Ernesto!

Zwölfter Auftritt

Die Vorigen. Ernesto.

Bediente.

ERNESTO.

Hier bin ich!

MALATESTA.

So höret.

Es gibt Euch Don Pasquale

zur Ehe Frau Norina und eine Jahresrente

von rund viertausend Talern.

ERNESTO.

Ach, teurer Onkel, ist das wahr?

MALATESTA zu Pasquale.

Jetzt keine Zeit verlieren,

sagt schleunig ja!

NORINA.

Ich will nicht!

PASQUALE.

Ich aber will es!

Zu Ernesto.

Lauf und hole Norina,

auf der Stelle will ich sie dir zum Weibe geben.

MALATESTA.

Nicht not, sie zu suchen.

Die Braut steht hier.

PASQUALE.

Wieso? Erklärt Euch!

MALATESTA.

Hier steht Norina.

PASQUALE.

Dies ist Norina? Bombengranaten!

Und Sofronia?

MALATESTA.

Im Pensionate.

PASQUALE.

Und meine Ehe?

MALATESTA.

War keine Ehe,

nur eine Warnung, vor Leid Euch zu wahren.

PASQUALE.

O diese Räuber!

Für sich.

Welches Vergnügen!

Himmel, ich dank’ dir!

Laut.

So mich belügen!

ERNESTO.

Wollet verzeihen!

NORINA.

Wollet verzeihen!

MALATESTA.

Nun seid Ihr glücklich aus allen Gefahren.

PASQUALE.

Da, Generalpardon! Habt meinen Segen!

Schenk euch der Himmel sein schönstes Glück!

Nr. 16. Rondo-Finale

MALATESTA.

Bravo, bravo, Don Pasqual!

Nun vernimm auch die Moral!

NORINA.

Die Moral von der Geschichte

aufzufinden ist nicht schwer,

daß ich kurz sie Euch berichte,

bitt’ ich um Gehör:

Weiße Haare sollen nicht freien

um der Jugend Lockenkranz,

sonst gibt’s böse Balgereien

und mit allen Teufeln Tanz.

PASQUALE.

Die Moral hat böse Spitzen,

doch auf mich, da paßt sie ganz,

und mit Recht ließ Blut mich schwitzen

dieser freche Mummenschanz.

ERNESTO UND MALATESTA.

Die Moral hat böse Spitzen,

doch es stimmt nun die Bilanz:

auf dem rechten Haupte sitzen

seht Ihr nun den Hochzeitskranz.

Gaetano Donizetti – Der Liebestrank

Gaetano Donizetti

Der Liebestrank

Komische Oper in zwei Aufzügen

Personen

Adina, eine junge reiche Pächterin, (Sopran)

Nemorino, ein junger Landmann, (Tenor)

Belcore, Sergeant, (Bariton)

Dulcamara, ein Quacksalber, (Baß)

Gianetta, ein Wäschermädchen, (Sopran)

Ein Notar

Ein Soldat

Ein Diener

Ein Mohr

Wäscherinnen. Landleute. Schnitter. Unteroffizier. Trommler. Trompeter. Soldaten. Knechte

Ort der Handlung: Ein Dorf im Florentinischen.

Im ersten Aufzug: Dorfgegend, Berge, Wald, Getreidefelder.

Im zweiten Aufzug: Innerer Hof von Adinas Pachtgut.

Zeit: 1815.

Spielzeit: Zweiundeineviertel Stunde.

Erste deutsche Aufführung: Berlin, Königstädtisches Theater, 26. Juni 1834.

Nr. 1. Präludium und Introduktion.

Der Vorhang hebt sich nach dem einundachtzigsten Takte.

Erster Aufzug.

Dorfgegend. Im Hintergrunde Berge, Wald und Getreidefelder. Hinten eine felsige Erhöhung, von

der sich ein Ablauf nach unten zieht. Rechts eine große Buche mit einem Tisch und zwei

Lehnschemeln davor; von der Buche nach dem Baume rechts Leinen mit Wäsche. Links vorn der

Pachthof mit Eingangsthür; vor dem Pachthof ein niederer Schemel. Links hinten ein Brunnen an

einem Baum; an dem Brunnen Zuber, mehrere Eimer und Waschkörbe.

Es ist inmitten des Tages.

Links und rechts vom Darsteller.

Erster Auftritt.

Gianetta. Adina. Nemorino. Bauern. Bäuerinnen. Schnitterinnen. Wäschermädchen. Knechte.

Gianetta und Adina letztere lesend, sitzen sich gegenüber auf den beiden Lehnschemeln unter

der großen Buche inmitten des Platzes.

Nemorino steht links vorn und betrachtet Adina unverwandten Blickes.

Wäschermädchen, Schnitterinnen, Bauern und Bäuerinnen in einer Gruppe um die Buche herum.

Knechte und Wäschermädchen um den Brunnen herum links hinten mit Waschen beschäftigt.

GIANETTA UND CHOR.

Vor des Tages Hitz’ und Schwüle

Schirmen uns der Buche Zweige;

Kurze Rast in frischer Kühle

Wird uns neue Kraft verleihn.

Wenn die Sonne Flammen sprühet,

Muß der kühle Quell uns laben,

Doch wenn Lieb’ im Herzen glühet,

Flößt kein Trunk uns Labung ein.

Nur wer sich der Lieb’ entziehet,

Kann beglückt und heiter sein.

Nur wer sich der Lieb’ entziehet,

Kann beglückt und heiter sein. –

Nr. 2. Kavatine.

NEMORINO die lesende Adina beobachtend.

Welche Schönheit, welche Reize,

Die Adina hold umschweben!

All mein Mühen, all mein Streben

Flößt ihr kein Erbarmen ein!

Sie gebildet und belesen,

Und ich arm beschränktes Wesen,

Ich kann nichts von all den Dingen,

Seufzen kann ich nur allein.

O wie schön! O wie schön, ach!

Welche Schönheit, welche Reize,

Die Adina hold umschweben!

All mein Mühen, all mein Streben

Flößt ihr kein Erbarmen ein!

Nein, ach, nein!

Flößt ihr kein Erbarmen ein!

Wer erheitert meine Sinne,

Lehrt mich liebenswürdig sein?

GIANETTA UND CHOR.

Wenn die Sonne Flammen sprühet,

Muß der kühle Quell uns laben!

NEMORINO für sich.

O weh mir Armen!

GIANETTA UND CHOR.

Doch wenn Lieb’ im Herzen glühet,

Flößt kein Trunk uns Labung ein.

GIANETTA.

Nein, dann flößt kein Trunk uns Labung ein.

CHOR.

Dann flößt kein Trunk uns Labung ein.

NEMORINO für sich.

Wer erheitert meine Sinne,

Lehrt mich liebenswürdig sein? –

GIANETTA UND CHOR.

Nur wer sich der Lieb’ entziehet,

Kann beglückt und heiter sein.

NEMORINO für sich.

Wer erheitert meine Sinne,

Lehrt mich liebenswürdig sein?

GIANETTA UND CHOR.

Nur wer sich der Lieb’ entziehet,

Kann beglückt und heiter sein.

NEMORINO für sich.

Ach, wer lehret mich

Liebenswürdig sein!

Nr. 3. Kavatine.

ADINA lachend.

Hahahaha!

Sie steht auf.

Gianetta ebenso.

ADINA.

Eine drollige Geschichte!

Was sind das für tolle Sachen!

Die Arbeit hört auf.

Alle versammeln sich um Adina.

GIANETTA UND CHOR.

Warum lachst du? Laß doch hören! –

Sag’, was machte dich so lachen?

ADINA wichtig thuend, doch lächelnd.

Tristans Lieb’ und Herzenswehe

Ist es, was das Buch enthält.

GIANETTA UND CHOR.

Lies doch! lies doch! ei, so lies doch!

NEMORINO für sich.

Zu ihr mich schleichen werd’ ich, während sie erzählt.

GIANETTA UND CHOR.

Lies – doch!

ADINA liest.

Tief von Isoldens Reizen

War Tristans Herz getroffen:

Getäuscht in seinem Hoffen,

Ward er vor Sehnsucht krank.

Da kam, ihm Trost zu spenden,

Ein Wundermann gegangen;

Der gab mit milden Händen

Ihm einen Liebestrank,

Um seine Qual zu enden:

Isoldens Hochmut sank.

Lächelnd zum Chor, ohne zu lesen.

Könnten wir doch nur ergründen,

Ob der Wundermann noch lebt;

Nirgends ist er mehr zu finden

Und verloren sein Rezept.

GIANETTA, NEMORINO UND CHOR.

Könnten wir doch nur ergründen,

Ob der Wundermann noch lebt;

Nirgends ist er mehr zu finden,

Und verloren sein Rezept,

Ja, sein Rezept. – Lies doch!

Lies doch weiter!

ADINA liest weiter.

Kaum hatt’ er in zwei Zügen

Den Zaubertrank genommen,

So wußt’ er zu besiegen

Schmelzend und zärtlich.

Isoldens Grausamkeit.

Mit Pathos.

In einem Augenblicke

Hatt’ er ihr Herz bezwungen,

Sie hing an Tristans Blicke,

Von seinem Arm umschlungen,

Und heiß durch ihre Adern

Durchzuckt sie Liebesschmerz. –

Wie vorher lächelnd, ohne zu lesen.

Könnten wir doch nur ergründen,

Ob der Wundermann noch lebt;

Nirgends ist er mehr zu finden,

Und verloren sein Rezept.

GIANETTA, ADINA, NEMORINO UND CHOR.

Könnten wir doch nur ergründen,

Ob der Wundermann noch lebt;

Nirgends ist er mehr zu finden,

Und verloren sein Rezept.

Trommelwirbel links in der Nähe.

Alle wenden sich nach hinten und beobachten nach links hinein.

Der Sergeant Belcore marschiert mit einem Tambour, zwei Trompetern, einem Unteroffizier und

acht Soldaten, alle in vollständiger Ausrüstung, von

links hinten über den Ablauf herbei.

Zweiter Auftritt.

Die Vorigen. Belcore und seine Soldaten.

BELCORE kommandiert nach fünfunddreißig Takten des Marsches.

Halt! – Front! – Richt’ euch!

G’wehr bei Fuß! – Rührt euch!

Die Soldaten stellen ihre Gewehre in Rotten.

Belcore steckt seinen Säbel ein, nimmt den Hut ab und von demselben einen schönen

Blumenstrauß, nähert sich mit diesem Adina, den Hut unterm Arm.

Nr. 4. Kavatine und Stretta der Introduktion.

BELCORE zu Adina.

So wie Paris mit dem Apfel

Nur die Schönste einst beglücket,

Soll der Strauß, den ich gepflücket,

Auch nur dir beschieden sein.

Mehr als jener Hirtenknabe

Darf mein Los ich glücklich preisen,

Denn zum Lohn für meine Gabe

Seinen Strauß überreichend.

Ist dein kleines Herzchen mein!

Er setzt seinen Hut auf.

ADINA halblaut zu den Mädchen, indem sie den Strauß an den Busen steckt.

Wie bescheiden ist das Herrchen.

GIANETTA halblaut.

Ja, wahrhaftig!

CHOR ebenso.

Ja, wahrhaftig!

ADINA halblaut.

Wie bescheiden!

NEMORINO beiseite, voll Wut.

O ich vergehe!

BELCORE für sich, nach Adina gewendet.

Ja, ich wette, kleines Närrchen,

Bist verliebt im höchsten Grade.

Und wer möchte drob erstaunen?

Laut.

Ein Sergeant voll Stolz und Ehre!

Leis’ erbebt das Herz der Frauen,

Läßt ein blanker Helm sich schauen.

Auch für Mars glüht’ einst Cythere,

Mußte liebend sich ihm weihn.

ADINA für sich.

O wie sinnig!

GIANETTA ebenso.

Ja, wahrhaftig!

BELCORE.

Leis’ erbebt das Herz der Frauen,

Läßt ein blanker Helm sich schauen.

NEMORINO für sich, mit verbissenem Ärger.

O welche Pein!

BELCORE.

Auch für Mars glüht’ einst Cythere,

Mußte liebend, ja, sich ihm weihn. –

Zu Adina.

Da die Herzen sich verstehen,

Warum willst du dich noch zieren?

Laß uns denn kapitulieren,

Sag’, wann soll die Hochzeit sein?

ADINA schelmisch.

Ei, mein Herr, nur nicht so eilen,

Lassen Sie mir doch auch Zeit.

NEMORINO für sich, bebend.

Soll Adina ich verlieren,

Bleibt der Tod mir nur allein!

BELCORE dringend zu Adina.

So laß uns doch –

ADINA schelmisch.

Nicht so eilen –

BELCORE wie vorher.

Kapitulieren! Sag’, wann soll –

NEMORINO wie vorher.

Weh mir Armen!

BELCORE wie vorher.

Die Hochzeit sein?

NEMORINO wie vorher.

Weh mir Armen!

BELCORE wie vorher.

Sag’, wann soll die Hochzeit sein?

ADINA schelmisch.

Nicht so eilen, nicht so eilen,

Bittend.

Lassen Sie mir doch auch Zeit!

BELCORE feurig.

Nicht lange mehr besonnen,

Bald ist die Zeit verronnen;

Im Krieg, wie in der Liebe

Heißt’s rasch entschlossen sein.

Aus meinen Siegerbanden

Kann nichts dich mehr befreien,

Nein, nein, dich mehr befrein!

ADINA scherzend zu Belcore.

Ei, seht mir doch die Männer an

Mit ihrem eitlen Prahlen,

Sie glauben, eh’ der Kampf beginnt,

Die Sieger schon zu sein!

Nein, nicht so leicht gelingt es dir,

Adina ist zu schlau! sie ist zu schlau!

NEMORINO sich aneifernd.

Könnt ich wie er es wagen,

Mein Leid ihr zu gestehen,

Kaum dürfte meinen Klagen

Ihr Herz verschlossen sein!

Könnt ich wie er es wagen,

Mein Leid ihr zu gestehen,

Kaum würde meinen Klagen

Ihr Herz verschlossen sein!

Mein schüchternes Betragen

Wird nie mir Glück verleihn!

Ach, nein! ach, nein! ach, nein! kein Glück verleihn!

BELCORE feurig, drängend.

Nicht lange mehr besonnen! –

Bald ist die Zeit verronnen!

Im Krieg wie in der Liebe –

Ja, da heißt’s, rasch entschlossen sein! –

Aus meinen Siegerbanden

Kann nichts dich mehr befrein,

Dich mehr befrein, dich mehr befrein! –

Kann nichts, kann nichts dich mehr befrein!

ADINA abwehrend, scherzend.

Mein Herr, nur nicht so eilen,

So lassen Sie mir Zeit! –

Mein Herr – nur nicht so eilen!

Mein Herr, Geduld! mein Herr, Geduld!

GIANETTA UND CHOR belustigt unter sich.

Da gäb es wohl zu lachen hier –

Wenn ihm der Streich gelänge! –

Da gäb es wohl zu lachen hier! –

Der Freier bunte Menge,

Wie würde sie’s erfreun!

Doch nein, in ihrem Herzen

Wird niemals Liebe sein!

Nein nein, nein nein, nein nein,

Nie Liebe sein!

Haha, haha, haha, haha!

MÄNNERCHOR wie vorher.

Nein, nein, in ihrem Herzen wird –

BELCORE wie vorher.

Kapituliere!

MÄNNERCHOR wie vorher.

Niemals Liebe sein!

ADINA wie vorher.

Nur nicht so eilen!

FRAUENCHOR wie vorher.

Nein, nein, in ihrem Herzen

Wird niemals Liebe sein!

ADINA wie vorher.

Ei, seht mir doch die Männer an,

Mit ihrem eitlen Prahlen;

Sie glauben, eh’ der Kampf beginnt,

Die Sieger schon zu sein!

Für sich, nach Belcore hin.

Nein, nicht so leicht gelingt er dir,

Adina ist zu schlau!

Nein, nicht so leicht gelingt es dir,

Adina ist zu schlau! Ja, ja, sie ist zu schlau!

BELCORE wie vorher.

Schatz, aus meinen Siegerbanden

Kann nichts dich mehr befrein!

NEMORINO für sich, sich ereifernd.

Könnt’ ich wie er es wagen!

Könnt’ ich wie er es wagen,

Mein Leid ihr zu gestehen,

Kaum dürfte meinen Klagen

Ihr Herz verschlossen sein!

BELCORE wie vorher.

Nicht lange mehr besonnen! –

Ach, bald ist die Zeit verronnen.

Im Krieg wie in der Liebe –

Ja, da heißt’s rasch entschlossen sein!

NEMORINO wie vorher.

Könnt’ ich wie er es wagen,

Mein Leid ihr zu gestehen,

Kaum dürfte meinen Klagen

Ihr Herz verschlossen sein!

ADINA abwehrend, scherzend.

Mein Herr, nur nicht so eilen,

So lassen Sie mir Zeit! –

CHOR UND GIANETTA belustigt unter sich.

Da gäb es wohl zu lachen hier,

Wenn ihm der Streich gelänge!

Da gäb es wohl zu lachen hier,

Da gäb’s zu lachen hier!

GIANETTA UND CHOR beiseite.

In ihrem Herzen

Wird niemals Liebe sein!

NEMORINO wie vorher.

Mein schüchternes Betragen

Wird nie mir Glück verleihn!

BELCORE mit Zuversicht.

Aus Siegerhand

Kann nichts dich mehr befrein!

ADINA wie vorher.

Nein, nicht so leicht gelingt es dir,

Adina ist zu schlau!

GIANETTA UND CHOR beiseite.

Doch nein, in ihrem Herzen

Wird niemals Liebe sein!

BELCORE wie vorher.

Aus meinen Siegerarmen

Kann nichts dich mehr befrein!

ADINA wie vorher.

Nein, nicht so leicht gelingt es dir,

Adina ist zu schlau!

NEMORINO wie vorher.

Mein schüchternes Betragen

Wird nie mir Glück verleihn!

BELCORE spricht, zu Adina. Du erlaubst doch mir und meinen Leuten, in deinem Pachthof ein

wenig auszuruhen?

ADINA freundlich erwidernd. O sehr gern! Nach links zeigend. Kommt nur herein. An einem guten

Trunke zur Erquickung soll es nicht fehlen.

BELCORE galant. Sehr verbunden! Für sich, mit Humor. Sie thut schon, als ob ich zur Familie

gehörte.

ADINA zu den andern. Ihr könnt nun wieder an eure Arbeit gehen, die Hitze hat schon etwas

nachgelassen. Sie giebt den Schnitterinnen einen Wink, ihre Arbeit wieder aufzunehmen und

deutet Gianetta an, von den Wäscherinnen die Wäsche besorgen zu lassen.

Gianetta vollzieht den Auftrag.

Die Wäscherinnen und Gianetta nehmen die Wäsche von den Leinen rechts und tragen sie in Körben

in den Pachthof links.

Die Schnitterinnen entfernen sich nach verschiedenen Seiten hin.

Bauern und Bäuerinnen folgen ihnen.

Belcore wirft Adina eine Kußhand zu, giebt seinen Soldaten ein Zeichen und geht mit ihnen ab

in den Pachthof links.

Adina weist die Knechte an, den Soldaten nachzugehen und ihnen zu trinken zu geben.

Die Knechte folgen den Soldaten.

Adina wendet sich, wenn alle andern sich entfernt haben, ebenfalls nach dem Pachthof.

Nemorino zupft sie sachte am Rocke.

Dritter Auftritt.

Nemorino, Adina zu seiner Linken.

Recitativ.

Nr. 5. Recitativ und Duett.

NEMORINO sanft und zurückhaltend; singt.

Ach, nur ein Wörtchen, Adina!

ADINA ungeduldig.

Gewiß die alte Leier,

Der fade Liebesjammer.

Ihn zurechtweisend.

Du thätest besser,

In die Stadt zu deinem Ohm zurückzukehren,

Der krank daniederliegt

An schwerem Leiden.

NEMORINO.

Doch gegen meine Leiden ist’s nichts, ich wette!

Nicht kann von dir ich scheiden!

Tausendmal schon versucht ich’s!

ADINA.

Wird er nun sterben,

So wird ein andrer erben.

NEMORINO.

Was kümmert’s mich?

ADINA.

In Not und Elend

Wirst du zu Grunde gehen!

NEMORINO.

Sei’s aus Not, sei’s aus Liebe –

Das gilt mir gleich.

ADINA.

Höre mich!

Du bist gut, du bist recht artig –

Nemorinos Gesicht erheitert sich.

ADINA.

Doch kannst mit dem Sergeanten

An Artigkeit dich nimmer messen.

Nemorino wird wieder traurig.

ADINA.

So, wie ich brav dich nenne,

Sag’ ich dir auch, daß dein Herz

Vergebens brenne,

Mit Malice.

Daß ich eigensinnig bin;

Was heut’ mich fesselt,

Macht Verdruß mir und Abscheu

Am nächsten Tage.

NEMORINO.

Adina, sag’, warum?

ADINA.

Ei, schöne Frage.

Duett.

ADINA.

Frag’ die kühlen Morgenlüfte,

Frag’, warum sie schmeichelnd kosen;

Bald mit Lilien und bald mit Rosen

Bald über Flur und Bäche wehn:

Nur Natur kann man es nennen,

Was zum Flattern sie bewegt.

Ja, Natur, ja, Natur zum Flattern,

Zum Flattern sie bewegt.

NEMORINO traurig.

Also soll ich?

ADINA derb.

Mir entsagen! Mir entsagen! Fliehn von hier!

NEMORINO.

Ach, wie könnt’ ich das ertragen?

ADINA.

Nicht vermagst du’s? So sag’, warum? Warum?

NEMORINO.

Warum? Warum? –

Frage doch, warum die Quelle,

Die dem Felsen schnell entspringet,

Hin zum Meere rieselnd dringet,

Wo der Tod sie kalt umfängt.

Ach, sie kann es dir nicht sagen,

Welch geheime Macht sie drängt!

ADINA mit Güte.

Also willst du?

NEMORINO.

Wie sie nun sterben,

Doch vor deinem Angesicht.

ADINA.

Magst bei andern um Liebe werben!

NEMORINO.

Nein, o nein! Das kann ich nicht!

Das kann ich nicht! Das kann ich nicht!

ADINA ausgelassen lachend.

Von dem Wahne dich zu heilen,

Denn nur Wahn ist Liebestreue,

Mußt du meine Ansicht teilen,

Täglich lieben eine Neue.

Statt dem Gram mich hinzugeben,

Dient die Liebe mir zum Scherz;

So genieße ich mein Leben

Und in Freiheit bleibt mein Herz,

Ja, ja, mein Herz,

Und in Freiheit bleibt mein Herz!

NEMORINO.

Ach! Wo ich weile, wo ich gehe,

Fühl’ ich bang’ mein Herz erbeben;

Träume mich in deine Nähe,

Seh’ dein Bild mich hold umschweben.

Hat dein Leichtsinn auch getrieben

Mit der Liebe seinen Scherz,

Ach, zum zweitenmal zu lieben,

Das vermag kein treues Herz!

ADINA.

Ja, ja, ja!

Sie geht an ihm vorüber nach rechts.

NEMORINO.

Nein, nein, nein!

ADINA.

Ja, ja, ja!

NEMORINO.

Nein, nein, nein!

ADINA.

Ja, ja, ja!

NEMORINO.

Das vermag kein treues Herz!

ADINA.

So genieße ich mein Leben

Und in Freiheit bleibt mein Herz!

NEMORINO.

Nein, nein, nein! – Nein, nein, nein!

Das vermag fürwahr kein treues Herz!

ADINA mit Güte.

Also willst du?

NEMORINO.

Ich will in Liebe sterben

Vor deinem Angesicht!

ADINA.

Magst bei andern –

NEMORINO.

Nein.

ADINA.

Liebe werben!

NEMORINO.

Nein, lieber sterben für dich! –

ADINA.

Ei, ei, für mich willst sterben du?

Von dem Wahne dich zu heilen,

Denn nur Wahn ist Liebestreue,

Mußt du meine Ansicht teilen,

Täglich lieben eine Neue!

NEMORINO.

Hat dein Leichtsinn auch getrieben

Mit der Liebe seinen Scherz,

Ach, zum zweitenmal zu lieben,

Das vermag kein treues Herz!

ADINA.

Ja, ja, ja!

Sie geht an ihm vorüber nach links.

NEMORINO.

Nein, nein, nein!

ADINA.

Ja, ja, ja!

NEMORINO.

Nein, nein, nein!

ADINA.

Ja, ja, ja!

NEMORINO.

Das vermag kein treues Herz!

ADINA.

So genieße ich mein Leben

Und in Freiheit bleibt mein Herz!

NEMORINO.

Nein, nein, nein! – Nein, nein, nein!

Das vermag fürwahr kein treues Herz!

Hat dein Leichtsinn auch getrieben

Mit der Liebe seinen Scherz,

Ach, zum zweitenmal zu lieben,

Das vermag kein treues Herz!

ADINA.

Statt dem Gram mich hinzugeben,

Dienet Liebe mir zum Scherz;

So genieße ich mein Leben,

Und in Freiheit bleibt mein Herz!

Adina wendet sich zum Abgang nach links in den Pachthof.

Nemorino eilt ihr mit bittender Gebärde nach.

Adina bemerkt es und dreht sich um.

Nemorino erschrickt.

Adina droht ihm mit erhobenem Finger.

Nemorino tritt ihr bittend näher.

Adina stampft leicht auf, stellt sich böse und zeigt ihm mit ausgestreckter Hand, daß er gehen

solle.

Nemorino geht in kläglicher Haltung ab nach rechts hinten.

Adina eilt laut lachend ab nach links in den Pachthof.

Ein Posthorn wird von links in der Nähe gehört.

Landleute eilen von allen Seiten herbei und beobachten nach links.

Vierter Auftritt.

Landleute.

Nr. 6. Chor.

FRAUENCHOR.

Ei, was mag dieser Ton wohl bedeuten? –

MÄNNERCHOR.

Hört, o höret! Was Neues!

Habt ihr’s noch nicht vernommen?

In vergoldetem Wagen

Ist ein Fremder angekommen.

Welcher Adel in Mienen und Blicken,

In Mienen und Blicken!

Wie die Leute sich neigen und bücken,

Sich neigen und bücken!

Sicher geht auf so glänzende Weise

Nur ein Baron, ein Marquis auf die Reise.

FRAUEN UND MÄNNER.

Sicherlich geht auf so glänzende Weise

Nur ein Baron, ein Marquis auf die Reise.

Solchen Herrn ihr wohl hier noch nicht sahet,

‘s ist ein Herzog, der steigt bei uns ab!

Ha, gebt Achtung, er kommt schon, er nahet.

Schnell die Hüte, die Mützen herab!

Der Quacksalber Dulcamara kommt von links hinten auf einem mit Gold verzierten Wagen, der von

einem magern Gaul gezogen wird; eine Stange mit einem schlecht gemalten Bildnis Dulcamaras und

eine Tafel mit einer Ratte darauf gezeichnet sind an der Hinterseite des Wagens angebracht;

der Wagen ist über und über mit marktschreierischen Gemälden, Fahnen und Schildern bedeckt,

selbst der Gaul hat Tafeln mit Inschriften auf sich hängen; hinter Dulcamara ein auffallend

gekleideter, reich bordierter Diener mit einem Posthorn und mit einem Kasten voll Tinkturen,

Pillenschachteln, Medikamenten etc.; ein kleiner Mohr führt den Gaul und teilt dann Zettel mit

Anpreisungen aus; der Wagen fährt schräg in die Mitte und Dulcamara bleibt im Wagen stehen.

Fünfter Auftritt.

Dulcamara. Diener. Mohr. Landleute.

Die Landleute umstehen staunend den Wagen.

Nr. 7. Kavatine mit Chor.

DULCAMARA.

Vernehmet! Ihr Leute! O höret mich!

Gemurmel.

Seid stille! Spitzt die Ohren!

Es wird still.

Gewiß ist schon vom weiten

Seit langen grauen Zeiten

Durch Famas laute Zungen

Der Ruf zu euch gedrungen

Vom Doktor Dulcamara,

Berühmt durch seine Thaten,

Durch seine Wunderkuren,

Bekannt in ganz Europa,

Gesprochen.

Selbst bei den Mulatten –

Er singt weiter.

Als Arzt zieh ich von Haus zu Haus,

Durch Berge und durch Thäler,

Ich treibe jede Krankheit aus

Und leere die Spitäler.

Ich biet’ euch die Gesundheit an

Mit meiner Medizin;

Drum komm und kaufe jedermann,

Ich geb’ sie wohlfeil hin! –

Diener reicht ihm während der folgenden Anpreisungen die Gegenstände, Schachteln, Gläser und

Mixturen zu.

DULCAMARA greift nach einer Flasche und einem Blättchen mit Beschreibung.

Hier sehet mein Specifikum,

Es wirkt auf seltne Weise;

Schnell bringt es alle Motten um,

Die Ratten und die Mäuse.

Er reicht das Blättchen hin.

In dem Certifikate

Vom hohen Magistrate

Könnt’ ihr die Probe lesen,

Da steht es deutlich drin.

Er ergreift eine zweite Flasche.

Durch dieses, mein Specifikum,

Sympathisch wirkend um und um,

Ward kürzlich erst ein Alter

Noch seines Stamms Erhalter:

Ein paar gesunde Zwillinge

Wiegt er auf seinen Knien!

Er langt nach einer Salbenbüchse und zeigt sie umher.

Mit diesem Elixire

Still’ ich der Witwen Sehnen,

Es schwinden ihre Thränen

In kurzer Zeit dahin.

CHOR.

Ah!

DULCAMARA sich zu den Matronen wendend, zeigt er eine große Flasche mit einem Totenkopf.

Und ihr, verehrte Frauen,

Wollt ihr euch jung erhalten,

Dem Mittel könnt ihr trauen,

Es glättet alle Falten!

Mit mehreren Fläschchen in der Hand.

Tragt, Mädchen, ihr Verlangen

Nach Grübchen in den Wangen?

Ihr jungen Bauersleute,

Wollt ihr recht schöne Bräute,

So kaufet mein Specifikum,

Ich geb’s euch wohlfeil hin!

Ihr Bursche und ihr Mädchen,

Ihr Witwen und ihr Frauen,

Kommt, kaufet mein Specifikum,

Ich geb’s euch wohlfeil hin!

Sei einer paralytisch,

Asthmatisch und asphyktisch,

Rheumatisch, apoplektisch,

Hysterisch oder hektisch,

Und kann ein schwacher Magen

Ein Gläschen nicht vertragen,

Ich weiß ihn zu kurieren

Mit meiner Medizin.

Er zeigt eine Schachtel vor.

Dies Mittel ist für Wanzen gut,

Auch wohl es für die Leber thut,

Es hilft auch für die Wassersucht,

Ist herrlich für die Lungensucht;

Drum kauft nur mein Specifikum,

Ihr Männer und ihr Frauen,

Ihr dürfet mir vertrauen,

So wahr ich ehrlich bin.

Herbei! Herbei! Ihr Mädchen!

Herbei! Herbei! Ihr Frauen!

Kommt, kaufet mein Specifikum,

Ich biet’s euch wohlfeil an,

Ja, ja, ich biet’s euch wohlfeil an! –

Er weist mit einem Stäbchen bald auf die Aushängeschilder, auf sein Pferd und auf seinen

Wagen, bald auf Flaschen und Gläser.

Der Mohr und der Diener bieten immerfort Medikamente aus.

DULCAMARA.

Ja, ich bring’s von weiter Reise

Über tausend Meilen her.

Er ergreift wieder eine Flasche.

Wie? Ihr fraget nach dem Preise?

Was der Wert der Flasche wäre?

Schreiend.

Zwanzig Thaler.

Lächelnd.

Nein! –

Vierzehn? – Nein! – Sieben!

O seid darum nicht bange.

Weil ihr freundlich hergekommen

Und mich höflich aufgenommen,

Sollt ihr wohlfeil es bekommen:

Sehr laut.

Einen Thaler wendet an.

CHOR staunend.

Einen Thaler? Ei, man denke!

Das ist ja ein Ehrenmann! –

DULCAMARA eine große Flasche mit einer langen Fahne vorzeigend.

Sehet her, für diese Flasche

Mit dem Wunder-Elixire,

Geben die, die ich kuriere,

Sonst mir jedesmal neun Lire.

Doch da ich hier Orts geboren,

Geb’ ich etwas dran verloren,

Und ihr sollt die Wundergaben

Um drei Lire von mir haben.

Er spricht zu seinem Diener.

Blase nun!

Diener bläst auf seinem Posthorn.

DULCAMARA steigt vom Wagen.

Klar und deutlich muß euch allen

Der Beweis ins Auge fallen,

Daß ihr so bei diesem Handel

Einen Thaler euch gespart.

CHOR.

Ja, die Rechnung ist ganz richtig!

Wollet schnell nur her es geben!

Großer Doktor, Ihr sollt leben!

Sie drängen sich an ihn. Dulcamara teilt gegen Bezahlung Fläschchen, Büchsen, Schachteln und

dergleichen aus.

Kaufet! – Drei Lire! – Avanti! – Avanti!

CHOR.

Nimmer wird man Euch vergessen,

Denn Ihr seid ein braver Mann! Ja!

DULCAMARA.

Ach, der Heimat süße Bande

Wirken Wunder dann und wann!

CHOR.

Nimmer wird man Euch vergessen!

DULCAMARA.

Denn der Heimat süße Bande

Wirken Wunder dann und wann!

CHOR.

Nimmer wird man Euch vergessen,

Braver Mann!

DULCAMARA.

Wirken Wunder dann und wann!

CHOR.

Ja, Ihr seid ein braver Mann!

DULCAMARA im tragischen Tone.

Denn der Heimat süße Bande

Wirken Wunder dann und wann!

CHOR.

Ein braver Mann!

DULCAMARA.

Denn der Heimat süße Bande

Wirken Wunder dann und wann,

Ja, dann und wann!

CHOR.

Ein braver Mann, ein braver Mann,

Ja, Ihr seid ein braver Mann,

Braver Mann!

Sie bezahlen den Doktor, zerstreuen sich mit ihren Medikamenten, sich eifrig besprechend und

auf Dulcamara zurückweisend, nach allen Seiten hin.

Nemorino ist schon früher von rechts hinten herbeigekommen, hat eifrig auf Dulcamara

hingehorcht, scheint einen Entschluß gefaßt zu haben und nachdem die Landleute alle

verschwunden sind, nähert er sich dem Doktor.

Der Mohr und der Diener entfernen sich nach links in den Pachthof, wie um eine Erfrischung zu

erbitten, nachdem sie vorher den Gaul abgespannt und nach links hinten weggeführt haben.

Sechster Auftritt.

Nemorino, Dulcamara zu seiner Linken. Dann der Mohr, der Diener, zwei Knechte.

Recitativ.

Nr. 8. Recitativ und Duett.

NEMORINO für sich; singt.

Nur Mut! Vielleicht erlesen

Zu meinem Glücke

Ist von höherm Wesen der Wundermann,

Der hier erst angekommen.

Ich will ihn sprechen,

Ist mein Herz auch beklommen. –

Er zieht seinen Hut, laut.

Herr Doktor, Ihr verzeiht mir,

Ihr habt wohl, wie man sagte,

Gar wunderbare Sachen?

DULCAMARA mit Pathos.

Ja, zum Staunen!

Pandoras Schätze trage ich in meiner Tasche.

NEMORINO voll Begierde.

Habt Ihr denn auch zum Beispiel

Ihm zublinzelnd.

Jenen Liebestrank der Königin Isolde?

DULCAMARA ihn anstarrend.

He? Was? Was für’n Ding?

Duett.

NEMORINO sieht sich um, ob jemand lauscht und nähert sich; halblaut.

Man erzählt von einem Tranke,

Der ein sprödes Herz soll rühren.

DULCAMARA ihn verstehend, pfiffig.

Ach! Ja, ja! Verstehe, begreife!

Ich kann selbst ihn destillieren!

NEMORINO freudig.

Wär’ es wahr?

DULCAMARA.

Ja, heutzutag’

Ist die Frage, ist die Frage stark danach!

NEMORINO.

Welches Glück! Und Ihr verkauft ihn?

DULCAMARA.

Ich verkauf’ ihn aller Welt!

NEMORINO.

Nennt den Preis mir nur geschwinde!

DULCAMARA mild.

Er ist billig!

NEMORINO froh.

Billig?

DULCAMARA ihn fixierend.

Das heißt – je nachdem.

NEMORINO betrübt.

Einen Dukaten – mehr hab’ ich nicht!

DULCAMARA schnell und freudig.

Und gerade reicht es hin.

NEMORINO reicht ihm sein Geldstück.

Ach, empfangt für Eure Gabe

All mein Geld und heißen Dank.

DULCAMARA nimmt den Dukaten, geht an den Wagen und nimmt eine mit einer Vignette beklebte

Flasche heraus.

Hier hast du den Wundertrank!

NEMORINO nimmt mit heftigem Entzücken.

Sehr verbunden, o sehr verbunden!

Aller Kummer ist entschwunden!

Zaubermittel, wer dich erfunden,

Ist fürwahr ein großer Mann! Ja! –

Er küßt die Flasche und drückt sie liebevoll an sein Herz.

DULCAMARA geht an ihm vorüber nach rechts; für sich.

Auf der Erde weitem Kreise

Hab’ ich Dumme wohl gefunden,

Doch ich traf auf meiner Reise

Keinen solchen Pinsel an.

Er will nach links abgehen.

NEMORINO wie vorher.

Sehr verbunden, sehr verbunden!

Aller Kummer ist entschwunden!

Zaubermittel, wer dich erfunden,

Ist fürwahr ein großer Mann!

Ihn zurückhaltend.

Einen Augenblick, Herr Doktor.

Nur noch eines möcht’ ich wissen. –

Wie muß ich den Trank genießen?

DULCAMARA mit verschmitzter Miene auf die Vignette weisend.

Schüttle ihn erst eine Weile,

Sonst zersetzen sich die Teile.

Öffne dann den Kork der Flasche;

Doch ist Vorsicht zu gebrauchen,

Denn der Geist kann leicht verrauchen!

NEMORINO hat mit offenem Munde und mit großer Aufmerksamkeit zugehört.

Gut!

Der Mohr, der Diener und zwei Knechte kommen von links aus dem Pachthof und entfernen den

Wagen nach links hinter den Pachthof.

DULCAMARA.

Eilig setz’ ihn an die Lippen –

NEMORINO leckt mit der Zunge, als ob er schon koste.

Gut!

DULCAMARA.

Nur ein wenig davon zu nippen –

NEMORINO bejahend.

Gut!

DULCAMARA.

Und die Wirkung wird sich zeigen,

Freund, ich stehe dir dafür.

NEMORINO mit Erstaunen.

Wirkt es schnelle?

DULCAMARA einlenkend.

Nicht auf der Stelle!

Erst in vierundzwanzig Stunden.

Beiseite.

Zeit hab’ ich indes gefunden,

Weit bin ich alsdann von hier!

NEMORINO ihn ansehend, mit saurem Gesicht.

Doch wie schmeckt es?

DULCAMARA dessen sich bewußt.

Ganz vortrefflich!

NEMORINO mit großen Augen.

Ganz vortrefflich?

DULCAMARA.

Ganz vortrefflich!

Beiseite.

‘s ist Bordeaux, kein Elixir!

NEMORINO wie vorher.

Sehr verbunden, o sehr verbunden!

Aller Kummer ist verschwunden!

Zaubermittel, wer dich erfunden,

Ist fürwahr ein großer Mann!

DULCAMARA für sich.

Nein, ich traf auf meiner Reise

Keinen solchen Pinsel an!

NEMORINO.

Sehr verbunden, sehr verbunden!

Aller Kummer ist verschwunden!

Zaubermittel, wer dich erfunden,

Ist fürwahr ein großer Mann!

Er will sich entfernen.

DULCAMARA ihm zurufend.

Junger Mann – he! he!

NEMORINO kehrt um.

Herr Doktor?

DULCAMARA geheimnisvoll.

Reinen Mund! – Verstanden?

Hörst du? Fein stille – geschwiegen!

Liebestränke abzusetzen,

Widerstreitet den Gesetzen.

NEMORINO.

Aha!

DULCAMARA.

Ja, ja, glaub’ mir!

Es widerstreitet den Gesetzen!

Geheimnisvoll.

Freund, es wär’ um uns geschehen,

Mischt die Obrigkeit sich drein!

Also nur schweigen!

NEMORINO die Hand aufs Herz legend.

Heilig will ich’s Euch versprechen,

Werde schon verschwiegen sein.

DULCAMARA.

Nur schweigen!

NEMORINO.

Heilig will ich’s Euch versprechen!

DULCAMARA.

Nur schweigen!

NEMORINO.

Heilig will ich’s Euch versprechen,

Werde schon verschwiegen sein!

DULCAMARA ihm die Hand reichend und sie schüttelnd.

Gehe denn, du Hochbeglückter,

Reichen Lohn bringt dein Vertrauen,

Denn die Mädchen und die Frauen

Sind bis morgen alle dein.

Gehe denn, du Hochbeglückter,

Denn die Mädchen und die Frauen

Sind bis morgen alle dein!

NEMORINO mit Feuer.

Ach, das Herz, das Herz der einen,

Soll fortan mir ganz gehören.

Keiner sonst, das will ich schwören,

Wird der Trank gewidmet sein.

DULCAMARA für sich.

Früh, wenn kaum die Nacht sich endet,

Hoff’ ich fern von hier zu sein!

Laut.

Gehe denn, du Hochbeglückter,

Reichen Lohn bringt dein Vertrauen,

Denn die Mädchen und die Frauen

Sind bis morgen alle dein!

Für sich.

Früh, wenn kaum die Nacht sich endet,

Hoff’ ich fern von hier zu sein!

NEMORINO nach Dulcamara hin.

Ja, vom Himmel mir gesendet,

Traf er hier im Dorfe ein!

DULCAMARA.

Nun, so geh’, du Hochbeglückter, geh’, geh’!

NEMORINO.

Fort denn!

DULCAMARA.

Geh’, doch nur strenges, strenges Schweigen,

Ja, Schweigen!

NEMORINO.

Ich versprech’ es!

Werde schon verschwiegen sein.

Ach, das Herz, das Herz der einen

Soll fortan mir ganz gehören;

Keiner sonst, das will ich schwören,

Soll der Trank gewidmet sein!

DULCAMARA für sich.

Früh, wenn kaum die Nacht sich endet,

Hoff’ ich fern von hier zu sein!

Laut.

Gehe denn, du Hochbeglückter,

Reichen Lohn bringt dein Vertrauen,

Denn die Mädchen und die Frauen

Sind bis morgen alle dein!

Für sich.

Früh, wenn kaum die Nacht sich endet,

Hoff’ ich fern von hier zu sein! Doch –

NEMORINO wie vorher.

Ja, vom Himmel mir gesendet,

Traf er hier im Dorfe ein!

DULCAMARA.

Doch wirst du strenge auch verschweigen –

NEMORINO.

Ich versprech’ es!

DULCAMARA.

Wirst du strenge auch verschweigen?

NEMORINO.

Ja, ich schwöre!

DULCAMARA für sich.

Früh, wenn kaum die Nacht sich endet,

Hoff’ ich fern von hier zu sein!

Früh, wenn kaum die Nacht sich endet,

Hoff’ ich fern von hier zu sein!

NEMORINO.

Ja, vom Himmel mir gesendet,

Traf er hier im Dorfe ein!

Traf er hier im Dorfe ein!

DULCAMARA.

Ja, fern zu sein, ja, fern zu sein!

Ja, dann hoff’ ich fern zu sein!

Nemorino läuft in großer Freude umher, den Doktor in seinem Eifer umhalsend.

Dulcamara lacht und geht an ihm vorüber ab nach links in den Pachthof.

Siebenter Auftritt.

Nemorino allein.

Recitativ oder beliebig Dialog.

Nr. 9. Recitativ.

NEMORINO hebt die Flasche hoch, singt.

Göttlicher Trank, du mein nun!

Ja, ganz mein eigen! –

Wie kräftig muß der Tranksein,

Da seine Kraft,

Noch nicht einmal getrunken,

Mich schon erhebet

Und mir schafft Begeistrung! –

Ach, daß mein heißes Sehnen

Die Wirkung erst soll sehen

Und fühlen die Freude,

Wenn ein Tag vergangen?

Zaudre nicht!

Er trinkt.

O köstlich! O herrlich!

Schnell noch ein Schlückchen!

Er trinkt in langen Zügen.

Ich fühle durch die Adern

Wonnige Wärme rieseln.

Feurig.

Ob wohl ihr Herz

Bald diese süße Flamme

Auch zu fühlen beginnt?

Er trinkt.

O welche Wonne!

Rosig erscheint die Welt

Heut’ meinem Blicke!

Ja, selbst der Appetit

Kehrt mir zurück.

Er setzt sich an den Tisch rechts, nimmt Brot und Früchte aus der Tasche und singt laut und

mit vollem Munde.

La, la, la, la, la, la, la, la, la!

NEMORINO die Flasche mit Wohlgefallen betrachtend, spricht. Himmlischer Trank, du bist nun

mein, ganz mein Eigentum! Wie groß muß deine Zauberkraft sein, wenn du noch ungetrunken mich

schon belebst, erhebst und mir Mut und Stärke durch die Adern gießest! Aber warum das Zaudern?

Warum soll ich warten, bis ein ganzer langer Tag verflossen ist? Ich probier’s gleich! Es wird

den Kopf nicht kosten! Er trinkt. Herrlich! Er streicht sich den Bauch. Ganz köstlich! Ich

hab’s ja gesagt! Schnell noch einmal! Er trinkt in langen Zügen; aufatmend. Ah! Ich werde ein

anderer Mensch! So was hab’ ich ja nie gefühlt! Es hämmert mir im Kopf und es zittert mir im

Herzen! Feurig. Ob’s bei ihr ebenso ist? Fast sollt’ ich es glauben! Mir sagt’s die Ahnung,

die mir die schöne Welt noch herrlicher erscheinen läßt – und der Hunger, der mich plötzlich

quält! Er setzt sich an den Tisch rechts, nimmt Brot und Früchte aus der Tasche und singt laut

und mit vollem Munde.

La, la, la, la, la, la, la, la, la!

Adina kommt von links aus dem Pachthof.

Achter Auftritt.

Nemorino, Adina zu seiner Linken.

ADINA beobachtet Nemorino, für sich.

Wer ist der Narr?

Sie tritt näher.

Was seh’ ich? ‘s ist Nemorino! –

Gar so lustig? Und weshalb?

NEMORINO.

La, la. la –

Er sieht sie, für sich.

Himmel, da ist sie!

Er steht auf, will auf sie zu, besinnt sich aber und setzt sich wieder; für sich.

Doch nein, ich bleibe kalt!

An meinen Seufzern

Darf sie nimmer sich erfreun!

Sie selbst soll morgen,

Wie ich’s bisher gethan,

Um Liebe flehen!

ADINA für sich.

Er sieht mich gar nicht an?

Was ist geschehen?

ADINA für sich. Wer schreit denn so hier herum? Sie tritt näher. Wahrhaftig, es ist Nemorino!

Und so lustig? Wie geht denn das zu?

NEMORINO wie vorher. La, la, la – Er sieht sie; für sich. Richtig, da ist sie! Er steht auf,

will auf sie zu, besinnt sich aber und setzt sich wieder. Nicht voreilig, Nemorino! Bleibe

kalt! Sie soll auch nicht einen Seufzer von mir hören, die Hartherzige! Morgen wird sich das

Blättchen wenden! Dann wird sie um Liebe betteln – ja, betteln – wie ich es bisher gethan

habe. Nur Geduld, nur Geduld!

ADINA für sich. Was ist denn mit ihm vorgegangen? Er sieht mich ja nicht einmal an. Was ist

denn da geschehen?

Nr. 10. Duett.

NEMORINO steht auf, tanzt und trinkt.

Lalalalalalalalalalalalala

Lalalalalalalalalalala!

ADINA staunend, für sich.

Wie soll ich das verstehen?

Verstellung scheint es nur!

NEMORINO.

Lalalalalalalalalalalalalalalalalalala!

Lalalalalalalalalalalalalalalalalalalalalalala!

Für sich, heimlich nach Adina blickend.

Noch zeigt sie keine Liebe!

Lalalalalalalalalalalalalalalalala

Lalalalalalalalalalalalalalalalala!

ADINA wie vorher.

Ja, ja, er will mich necken.

NEMORINO für sich.

Noch kann ich nichts entdecken.

ADINA für sich.

Gleich hab’ ich’s wahrgenommen.

NEMORINO für sich.

Geduld, es wird schon kommen.

ADINA lacht.

Haha! – Ha! –

NEMORINO.

An meiner Sehnsucht Leiden

Mag noch ihr Herz sich weiden;

Geduld, Geduld bis morgen,

Dann ist die Reih’ an mir,

Die Reih’ an mir, die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Den Ketten zu entfliehen,

Dahin geht sein Bemühen!

Jedoch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür.

Den Ketten zu entfliehen,

Dahin geht sein Bemühen!

Jedoch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür!

NEMORINO.

O juble nur, morgen schon,

Dann ist die Reih’ an mir,

Die Reih’ an mir!

An meiner Sehnsucht Leiden

Mag noch ihr Herz sich weiden;

Ja, morgen naht das Ende, ja,

Ja, dann ist die Reih’ an mir!

Er trinkt heimlich; gesteigert wie vorher.

Lalalalalalalala!

ADINA sich nähernd.

Bravissimo!

Ei, ei, das muß ich loben,

Du folgest meiner Lehre.

NEMORINO heiter zu ihr.

Ich wollt’ es nur erproben,

Ob’s wohl auch möglich wäre!

ADINA ironisch.

Und deinen Herzenskummer?

NEMORINO.

Ich wiege ihn in Schlummer.

ADINA wie vorher.

Der Schmerz, den du empfunden?

NEMORINO mit Frohsinn.

Er ist schon halb verschwunden;

Noch vierundzwanzig Stunden,

Dann wird er ganz vergehn!

ADINA sich erstaunt stellend.

Gewiß?

Nemorino bejaht.

ADINA.

Ei, ei, das freut mich!

Und doch – wir wollen sehn!

Sie geht an ihm vorüber nach rechts.

NEMORINO.

Mein Herz wird heilen.

ADINA.

Nun wohlan! Nun wohlan!

Sie geht lachend auf und nieder.

NEMORINO für sich.

An meiner Sehnsucht Leiden

Mag noch ihr Herz sich weiden!

ADINA für sich.

Den Ketten zu entfliehen,

Dahin geht sein Bemühen!

NEMORINO für sich.

Geduld, Geduld bis morgen,

Dann ist die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Ja, doch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

An meiner Sehnsucht Leiden –

ADINA für sich.

Den Ketten zu entfliehen,

Den Ketten zu entfliehen,

Dahin geht sein Bemühen;

Jedoch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

An meiner Sehnsucht Leiden

Mag noch ihr Herz sich weiden;

Schon morgen naht das Ende sich,

Dann ist die Reih’ an mir!

Schon morgen naht das Ende, ja,

Dann ist die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Jedoch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

Ja, ja, die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Ja, ja, bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

Ja, ja, die Reih’ an mir! –

Zu Adina.

Mein Herz wird heilen.

ADINA schelmisch lächelnd.

Gewißlich?

NEMORINO.

Ja, ja, gewiß! – Ja, ja, gewiß!

ADINA wie vorher.

Ja?

NEMORINO gesteigert.

Ja!

ADINA ebenso.

Ah! –

NEMORINO für sich.

Ja! – An meiner Sehnsucht Leiden –

Mag noch ihr Herz sich weiden.

ADINA für sich.

Den Ketten zu entfliehen,

Dahin geht sein Bemühen!

NEMORINO für sich.

Geduld, Geduld bis morgen,

Dann ist die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Jedoch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

An meiner Sehnsucht Leiden –

ADINA für sich.

Den Ketten zu entfliehen,

Den Ketten zu entfliehen,

Dahin geht sein Bemühen;

Jedoch mit stärkern Banden

Wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

An meiner Sehnsucht Leiden

Mag noch ihr Herz sich weiden;

Schon morgen naht das Ende sich,

Dann ist die Reih’ an mir!

Schon morgen naht das Ende sich,

Dann ist die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Jedoch mit stärkern Banden

Ja, wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

Ja, ja, die Reih’ an mir –

ADINA für sich.

Ja, ja, bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

Ja, ja, die Reih’ an mir!

ADINA für sich.

Ja, dann wird er bestraft dafür!

NEMORINO für sich.

Ja, morgen ist die Reih’ an mir!

Sergeant Belcore singt im Pachthofe links.

Neunter Auftritt.

Adina rechts, Nemorino zu ihrer Linken. Belcore im Pachthofe.

Nr. 11. Terzett.

BELCORE drinnen singend.

Tram! tram! tram! tram! tram! tram! tram! tram! tram!

Im Krieg und in der Lieb’

Darf man es nicht verpassen –

ADINA geht an Nemorino vorüber nach links; für sich.

Ganz recht kommt mir Belcore!

BELCORE drinnen.

Man muß den Zeitpunkt fassen

Im Krieg und in der Lieb’!

NEMORINO für sich.

Schon prahlt er mit dem Sieg!

BELCORE drinnen.

Ja, man muß den Zeitpunkt fassen

Im Krieg und in der Lieb’!

Tram! Tram! – Tram! tram!

Er kommt von links aus dem Pachthof heraus und begrüßt Adina freundlich und zutraulich.

ADINA ebenso zu ihm.

Mein Freund, seid Ihr zufrieden?

Was sagt Ihr zum Quartiere?

BELCORE.

Der Platz will Trotz mir bieten,

Obgleich ich ihn blockiere!

ADINA nach Nemorino blickend.

Solch tapferm Helden sollte

Nicht leicht ein Sieg entgehn!

BELCORE.

Ja! Wenn nur Gott Amor wollte?

ADINA freundlich.

Er will, Ihr werdet es schon sehn!

BELCORE freudig erstaunt.

Himmel! So dürft’ ich hoffen?

NEMORINO ingrimmig für sich.

Mein Herz will fast verzagen!

BELCORE Adinas Hand ergreifend.

Mein Engel, sag’ es offen,

Wann wird die Stunde schlagen?

ADINA freundlich und entgegenkommend.

In kurzem schon!

NEMORINO erschreckt auf seinen vorigen Sitz zurücksinkend.

Was Teufel!

BELCORE dringend.

O rede!

ADINA Nemorino beobachtend, stark betonend.

In sechs Tagen!

BELCORE.

Ah! Vor Freude, vor Behagen –

NEMORINO fröhlich und laut.

Hahahaha!

BELCORE.

Fühl’ ich das Herz mir schlagen!

NEMORINO wie vorher.

Hahahaha!

BELCORE.

Das Herz –

NEMORINO wie vorher.

Hahahaha!

Er steht auf.

BELCORE.

Mir schla – gen!

NEMORINO wie vorher.

So geht’s recht schön! So geht’s recht schön!

Haha, haha! So geht’s recht schön! –

BELCORE für sich.

Was hat der hier zu lachen?

Geduld, ich lehr’ ihn schweigen!

Den Weg werd’ ich ihm zeigen,

Will er nicht von hier gehn!

NEMORINO wildlustig lachend.

Haha, nur zu!

BELCORE wie vorher.

Den Weg werd’ ich ihm zeigen –

NEMORINO wildlustig.

Haha, nur zu.

BELCORE wie vorher.

Wird er nicht von hier gehn!

ADINA für sich.

Sein Unglück macht ihn lachen!

Ei, fürwahr, das ist doch eigen!

Ihm meinen Zorn zu zeigen,

Kann ich kaum noch widerstehn!

NEMORINO für sich.

Ganz herrlich stehn die Sachen!

Er wähnt sie schon sein eigen! –

Bis morgen wird sich’s zeigen –

Da sollt ihr Wunder sehn!

BELCORE für sich.

Was hat er hier zu lachen?

Geduld, ich lehr’ ihn schweigen!

Den Weg werd’ ich ihm zeigen,

Wird er nicht von hier gehn!

Ich werd’ den Weg ihm zeigen schon,

Wird er nicht von hier gehn!

ADINA für sich.

Ihm meinen Zorn zu zeigen,

Kann kaum ich widerstehn!

Sein Unglück macht ihn lachen,

Fürwahr, das ist doch eigen! –

Den Zorn ihm – nun zu zeigen –

Ja, ihm meinen Zorn zu zeigen,

Kann ich kaum noch widerstehn!

NEMORINO für sich.

Bis morgen wird sich’s zeigen,

Da sollt ihr Wunder sehn!

Ganz herrlich stehn die Sachen,

Er wähnt sie schon sein eigen!

Schon morgen – da wird sich’s zeigen!

Ja, schon morgen wird sich’s zeigen,

Morgen sollt ihr Wunder sehn!

BELCORE für sich.

Dieser Gimpel! – Dieser Gimpel! –

Ja, den Weg werd’ ich ihm zeigen,

Ja, den Weg ihm zeigen,

Wird er fort nicht gehn –

ADINA für sich.

Ihm meinen Zorn zu zeigen,

Kann ich kaum noch widerstehn!

NEMORINO für sich.

Haha, haha, hahahaha, haha, haha, hahahaha!

Ja, morgen wird sich’s zeigen,

Da sollt ihr Wunder sehn!

BELCORE für sich.

Wird er von hier nicht gehn!

Den Weg werd’ ich ihm zeigen,

Wird er von hier nicht gehn!

ADINA für sich.

Ihm meinen Zorn zu zeigen,

Kann ich kaum noch widerstehn!

NEMORINO für sich.

Haha, haha, hahahaha, haha, haha, hahahaha!

Ja, morgen wird sich’s zeigen,

Ei, da sollt ihr Wunder sehn!

BELCORE für sich.

Wird er von hier nicht gehn!

Den Weg werd’ ich ihm zeigen,

Wird er von hier nicht gehn!

Trommelwirbel links hinten.

Gianetta kommt mit den Wäscherinnen von links aus dem Pachthof.

Die Soldaten und Knechte folgen von ebendaher.

Landleute, Bauern und Bäuerinnen eilen von allen Seiten herbei.

Zehnter Auftritt.

Die Vorigen. Gianetta. Soldaten, Bauern und Bäuerinnen, Wäscherinnen, Knechte zurückstehend.

Nr. 12. Quartett und Stretta. Erstes Finale.

GIANETTA zu Belcore.

Mein Herr Sergeant! Mein Herr Sergeant!

Recht gut, recht gut, daß man Euch hier fand.

BELCORE.

Was giebt’s? Da bin ich!

Was soll die Eile?

EIN SOLDAT mit einer Schrift.

Vor zwei Minuten kam die Stafette,

Die eine Ordre hier für Euch gebracht.

Er überreicht sie.

BELCORE nimmt und liest.

Von meinem Hauptmann. –

Ah! – Ah, recht gut, recht schön!

Recht gut, recht schön!

Zu den Soldaten.

Auf, Kameraden! –

Wir müssen gehn!

CHOR DER LANDLEUTE.

Ihr wollt marschieren?

CHOR DER SOLDATEN.

Von hier marschieren?

BELCORE.

Frühzeitig morgen!

CHOR DER LANDLEUTE.

O weh! So eilig?

NEMORINO Adina beobachtend.

Es macht ihr Sorgen.

BELCORE achselzuckend.

Die Ordre lautet so,

Kann’s nicht verstehn!

CHOR DER SOLDATEN.

Verwünschtes Schicksal! Aus den Quartieren

Muß man so oft hin und her marschieren,

Daß man vom Liebchen so bald muß gehn!

BELCORE zärtlich zu Adina.

Du hast es vernommen:

Schon morgen wir scheiden!

CHOR DER FRAUEN.

Ihr geht – so bald?

So bald schon scheiden?

CHOR DER MÄNNER.

Ja, ja –

BELCORE wie vorher.

O denk’ zuweilen meiner,

Der sobald dich muß meiden!

CHOR DER MÄNNER.

Sobald – sobald schon scheiden?

NEMORINO selbstzufrieden für sich.

Ja, ja, schon morgen –

Wirst du’s erfahren!

ADINA nach Nemorino blickend, zu Belcore.

Treu will mein Herz stets

Ich dir bewahren

Und mein Versprechen halt’ treu ich dir.

NEMORINO für sich, wie vorher.

Wart’ nur – haha! –

BELCORE feurig.

Geliebte!

NEMORINO wie vorher.

Ja, ja, schon morgen

Wirst du’s erfahren!

BELCORE.

Bist du entschlossen, dein Wort zu halten,

Ei, welch ein Hindernis

Kann hier noch walten?

Kannst du nicht heut’ noch

Die Hand mir geben?

NEMORINO laut, erschreckt.

Wie, was? Schon heute?

ADINA Nemorino betrachtend, froh für sich.

Ich seh’ ihn beben!

Stockend, laut zu Belcore.

Wohlan! – Noch heute!

NEMORINO erschrocken sich Adina nähernd.

Wie? Schon heute? O Adina!

Du sagst: noch heute?

ADINA pikiert.

Warum denn nicht?

NEMORINO bittend.

O warte

Noch bis morgen!

ADINA drängend.

Warum?

NEMORINO wichtig.

Nur heute, heute nicht!

ADINA gesteigert.

Warum?

BELCORE trotzig zu Nemorino.

Was kann’s dich kümmern?

Du armer Wicht!

Du armer Wicht! Du armer Wicht!

NEMORINO.

Wozu die Eile? Wozu die Eile?

Adina, nur heute nicht! –

Ärgerlich, Adina mit Heftigkeit bittend.

Adina, glaube mir, laß dir nur sagen!

Ach, ihn zu freien, wie kannst du’s wagen?

Ach, einen Tag nur! laß dich bewegen!

Weshalb ich flehe, weiß ich allein!

Nur bitterm Grame eilst du entgegen

Und ewig, ewig wirst du’s bereun!

BELCORE tritt zwischen Nemorino und Adina, stößt Nemorino fort.

Dem Himmel dank’s und seinem Walten,

Daß ich für trunken dich gehalten!

Gehauen hätt’ ich dich in Stücke,

Doch flößt du mir Erbarmen ein.

Zeigst du noch ferner dich meinem Blicke,

Dann, toller Schwätzer, kannst du dich freun!

NEMORINO für sich, mit Beben.

O der Doktor!

ADINA.

Mein Freund, was wollt Ihr –

BELCORE heftig zu Nemorino.

Jetzt pack’ dich –

ADINA.

Mit ihm beginnen?

BELCORE wie vorher.

Zum Teufel!

ADINA für sich.

Der arme Bursche –

BELCORE wie vorher.

Und gehe –

ADINA für sich.

Ist halb von Sinnen!

BELCORE wie vorher.

Du Pavian!

ADINA für sich.

Stets will vor Liebe –

BELCORE.

Zeigst du dich ferner meinem Blicke,

Dann, toller Schwätzer, kannst du dich freun! –

Heftig.

O du Pavian! Geh’ zum Teufel! –

Dem Himmel dank’s und seinem Walten,

Daß ich für trunken und närrisch dich gehalten,

Doch flößt du mir Erbarmen ein!

Zeigst du noch ferner dich meinen Blicken,

Dann, toller Schwätzer, kannst du dich freun!

ADINA für sich wie vorher.

Das Herz ihm brechen,

Vergeht in Sehnsucht, um mich zu frein!

Für sein Betragen werd’ ich mich rächen,

Zu meinen Füßen soll er’s bereun!

NEMORINO laut.

Ach, Adinchen!

Für sich, mit Beben.

O der Doktor!

Weh mir Armen!

Bittend.

Schon morgen, Teure,

Schon morgen! Ja, ewig, ewig wirst du’s bereun!

Nur bitterm Grame – eilst du entgegen,

Ach, ewig wirst du es bereun!

GIANETTA für sich.

Ei, seht doch an! Ei, wie vermessen!

Er kann den Abstand so sehr vergessen!

Er schickt sich an, den Kampf zu wagen,

Mit Belcore läßt er sich ein!

CHOR unter sich.

Ei, seht doch nur an, ei, wie vermessen!

Er kann den Abstand so sehr vergessen!

Ei, seht doch, ei, seht doch, ei, seht doch nur an!

GIANETTA UND CHOR.

Ei, sehet doch den Gecken an,

Den armen übermüt’gen Thoren!

NEMORINO zu Adina.

Ach, einen Tag nur, laß dich bewegen! –

Ach, ewig wirst du es bereun,

Wirst es bereun, wirst es bereun!

BELCORE zu Nemorino.

Dank es dem Himmel und seinem Walten,

Daß ich für trunken und für närrisch dich gehalten!

Doch jetzt pack’ dich! Zeigst du noch ferner

Dich meinem Blick, dann, toller Schwätzer,

Kannst du dich freun, kannst du dich freun –

ADINA für sich.

Für sein Betragen werd’ ich mich rächen,

Ja, zu meinen Füßen soll er es bereun,

Soll er’s bereun, soll er’s bereun!

GIANETTA für sich.

Er schickt sich an, den Kampf zu wagen!

Mit Belcore läßt er sich ein! Seht doch an!

Gewiß, ihm möcht’ es wohl behagen,

Ließ sich Adina von ihm frein,

Von ihm frein, von ihm sich frein!

CHOR unter sich.

Ei, sehet doch den Gecken an,

Den armen übermüt’gen Thoren!

Er schickt sich an, den Kampf zu wagen,

Mit Belcore läßt er sich ein!

Gewiß, ihm möcht’ es wohl behagen,

Ließ sich Adina von ihm frein,

Von ihm sich frein, von ihm sich frein!

BELCORE.

Kannst, toller Schwätzer, du dich freun! –

ADINA entschlossen.

Nun kommt, Belcore! –

Lachend.

Schickt schnell zum Notare!

NEMORINO verzweifelt für sich.

Herr Doktor! Erbarmen!

Gieb Rettung mir Armen!

BELCORE, GIANETTA UND CHOR.

Wahrhaftig, ‘s ist Narrheit!

NEMORINO wie vorher.

Herr Doktor! Herr Doktor!

ADINA für sich.

Dir wird nun dein Lohn!

NEMORINO wie vorher.

Herr Doktor! Herr Doktor!

BELCORE, GIANETTA UND CHOR.

Wahrhaftig, ‘s ist Narrheit!

ADINA für sich.

Dir wird nun dein Lohn! –

Lachend zu den Anwesenden.

Beim fröhlichen Feste –

Seid all meine Gäste!

BELCORE übermütig.

Ich lad’ euch, ihr Mädchen,

Zum Tanz und zum Schmaus!

GIANETTA UND CHOR.

Ein Schmaus und ein Tänzchen, Wer schlüge das aus?

NEMORINO wie vorher.

Herr Doktor, zu Hilfe!

Herr Doktor, kommt zu Hilfe mir!

ADINA heiter.

Beim fröhlichen Feste

Seid all ihr meine Gäste! –

Ja, zum Schmause!

GIANETTA UND CHOR.

Wer schlüge das aus? Wer schlüge das aus?

Ein Schmaus und ein Tänzchen,

Wer schlüge das aus!

BELCORE wie vorher.

Zum Tanz und zum Schmause!

ADINA nach Nemorino hin, für sich.

Dir wird dein Lohn!

NEMORINO wie vorher.

Ich sehe die Menge mich spottend umringen,

Die Brust wird mir enge, das Herz will zerspringen,

Es schwand mir der Hoffnung erquickendes Licht!

Herr Doktor, zu Hilf’, verlaßt mich doch nicht! –

Ja – ja – lacht nicht!

Ach, Herr Doktor, zu Hilfe, verlaßt mich doch nicht!

BELCORE, ADINA UND CHOR wie vorher.

Laßt muntre Gesänge voll Jubel erklingen,

Im bunten Gedränge uns tanzend umschlingen,

Wir dulden beim Feste kein trübes Gesicht!

Drum lacht dieses Thoren und schonet ihn nicht!

Laßt muntre Gesänge voll Jubel erklingen,

Im bunten Gedränge uns tanzend umschlingen,

Wir dulden beim Feste kein trübes Gesicht!

GIANETTA wie vorher.

Laßt muntre Gesänge voll Jubel erklingen,

Im bunten Gedränge uns tanzend umschlingen,

Wir dulden beim Feste kein trübes Gesicht!

Sie lacht seiner Thorheit und schonet ihn nicht!

Laßt muntre Gesänge voll Jubel erklingen,

Im bunten Gedränge uns tanzend umschlingen,

Wir dulden beim Feste kein trübes Gesicht.

NEMORINO wie vorher.

Ich sehe die Menge mich spottend umringen,

Die Brust wird mir enge, das Herz will zerspringen,

Es schwand mir der Hoffnung erquickendes Licht!

Herr Doktor, zu Hilf’, verlaßt mich doch nicht!

Herr Doktor! Herr Doktor! Erbarmen! Zu Hilf’!

Ach, Herr Doktor, zu Hilf’! Ach, Herr Doktor, zu Hilf’!

Herr Doktor, kommt, o kommt doch, kommt!

Zu Hilf’! Zu Hilf’! Zu Hilf’! Zu Hilf’!

BELCORE, ADINA UND CHOR wie vorher.

Laßt muntre Gesänge voll Jubel erklingen,

Im bunten Gedränge uns tanzend umschlingen,

Wir dulden beim Feste kein trübes Gesicht!

Drum lacht dieses Thoren und schonet ihn nicht!

Hahahahahaha! Hahahahahaha! Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!

Nun laßt uns gehn! Nun laßt uns gehn!

GIANETTA wie vorher.

Laßt muntre Gesänge voll Jubel erklingen,

Im bunten Gedränge uns tanzend umschlingen,

Wir dulden beim Feste kein trübes Gesicht!

Sie lacht seiner Thorheit und schonet ihn nicht!

Nun laßt uns gehn! Nun laßt uns gehn!

Adina giebt Belcore den Arm.

Belcore führt sie an Nemorino vorüber.

Adina und Belcore betrachten Nemorino dabei mit spöttischem Lachen und gehen ab nach links in

den Pachthof.

Nemorino will ihnen in höchster Erregung ergrimmt nacheilen.

Die Soldaten halten ihn zurück.

Gianetta sucht ihn zu beruhigen.

Nemorino stößt sie zurück und beginnt plötzlich in höchster Leidenschaft zu lachen und zu

tanzen.

Die Anderen werden davon ergriffen und lachen mit.

Gianetta wendet sich schluchzend ab.

Zweiter Aufzug.

Nr. 13. Introduktion und Chor.

Dorfgegend, Wald, Getreidefelder, Berge

Innerer Hof von Adinas Pachtgut mit Aussicht ins Freie auf Wald, Getreidefelder und Berge.

Eingangsthor links Mitte. Rechts von dem Eingangsthor Musikantentribüne. Rechts der Eingang in

das Pachthaus. Links Wirtschaftsgebäude. Tische, festlich geschmückt, mit Wein, Blumen und

Speisen besetzt und von Stühlen umstellt. Schattige Bäume.

Es ist Tag.

Erster Auftritt.

Doktor Dulcamara, Gianetta, Adina, Sergeant Belcore essen und trinken am Tisch rechts mit

Wäscherinnen, Bauern und Bäuerinnen. An den Tischen in der Mitte und links essen und trinken

Soldaten, Bauern und Bäuerinnen und stehen essend und trinkend im Hintergrunde. Auf der

Tribüne rechts vom Eingangsthor Musikanten.

DULCAMARA, BELCORE, GIANETTA UND CHOR.

Nun singet und trinkt!

Ja, singt, ja, singt und trinkt!

Bei frohem Rundgesange

Laßt Braut und Bräut’gam leben!

Sie mögen sich noch lange

Des schönsten Glücks erfreun!

BELCORE.

Das Lob des Weins, der Liebe

Will laut ich stets verkünden,

Denn Gram und Kummer schwinden

Bei Liebe und bei Wein!

Das Lob des Weins, der Liebe

Will laut ich stets verkünden,

Denn Gram und Kummer schwinden

Bei Liebe und bei Wein!

DULCAMARA UND CHOR.

Nun singt – ja, singt – ja, singt – ja, singt!

ADINA für sich.

Warum muß Nemorino

Jetzt nicht zugegen sein!

DULCAMARA, BELCORE, GIANETTA UND CHOR.

Bei frohem Rundgesange

Laßt Braut und Bräut’gam leben!

Sie mögen sich noch lange

Des schönsten Glücks erfreun!

Des schönsten, des schönsten Glücks erfreun!

Sie mögen sich noch lange

Des schönsten Glücks erfreun,

Des schönsten, des schönsten Glücks erfreun!

Des Glücks, des schönsten Glücks erfreun!

Dulcamara der inzwischen tüchtig gegessen und getrunken hat, wischt sich den Mund und steht

auf.

Nr. 14. Recitativ und Barkarole.

DULCAMARA.

Ihr liebet den Gesang;

Auch ich kann damit dienen!

Es ist noch gar nicht lang’

Ein Lied bei uns erschienen!

Gern will ich’s produzieren,

Ich weiß, es wird euch freun!

Zu Adina gewendet.

Will, mich zu sekundieren,

Die Braut so gütig sein?

CHOR steht auf und horcht erwartungsvoll auf Dulcamara.

O laßt das Lied uns hören,

Es soll uns Freud’ gewähren;

Wenn solch ein Mann es lobet,

Dann muß es herrlich sein!

Alle Übrigen stehen auf.

DULCAMARA zieht zwei Büchelchen aus der Tasche, giebt eines mit Grazie und schmachtenden

Blicken Adina; sprechend. Das Theater stellt eine wüste menschenleere Insel dar, auf welcher

eine Rosenlaube befindlich. Der Senator Dreizack, ein Hypochonder und Podagrist, lernt dort

auf der Promenade, bei einigen dreißig Grad Wärme, eine soeben durch einen zu erwartenden

Sturm ans Land geworfene Schifferin kennen und bietet ihr sein Herz und seine Hand an. Es ist

anbrechender Morgen und die Sonne wirft soeben ihren letzten Strahl aus Westen auf jenen

unglücklich Liebenden. Den Ton ändernd. Dieses Intermezzo hat auf allen Bühnen Italiens Furore

gemacht und ist unter dem so bezeichnenden Titel: »Nina, die schöne Schifferin und der Senator

Dreizack« allgemein bekannt.

Er singt.

Barkarole für zwei Stimmen.

Den Anwesenden zuwinkend.

Seid stille!

Er tritt in die Mitte.

Adina zu seiner Rechten stehend, nimmt das Büchelchen, sieht hinein und giebt, mit dem Kopfe

nickend und lächelnd, ihre Zustimmung, mitsingen zu wollen.

Dulcamara führt Belcore an einen Tisch links.

Belcore setzt sich dort.

DULCAMARA ordnet seine Zuhörer in einem Halbkreis und spricht bei der Fermate. Ruhe! Erste

Stanze! Dann singt er, agiert mit komischem Liebespathos gegen Adina und sieht dann und wann

in sein Büchelchen.

Barkarole.

DULCAMARA.

Holdes Kind, willst du mich haben,

Du bist schön und ich bin reich!

Tauschen wir nun unsre Gaben,

Dann sind wir einander gleich!

ADINA begleitet ihren Gesang mit Gesten wie Dulcamara.

Ein Senator, welche Ehre!

Will ein Schiffermädchen frein?

Doch der Mann, den ich begehre,

Muß von meinesgleichen sein!

Sie wendet sich ironisch lächelnd von ihm ab.

DULCAMARA begeistert.

Süßes Kind, entschließe dich,

Komm, o komm, beglücke mich!

ADINA demütig.

Excellenza irren sich,

Kein Senator paßt für mich!

CHOR sehr stark.

Bravo, bra –

Sie klatschen in die Hände.

DULCAMARA schreiend unterbrechend.

Silentium! Stille! –

Er spricht wieder bei der Fermate.

Zweite Stanze!

Dann singt er wieder wie vorher.

O du Schönste aller Schönen,

Laß die Liebe, nimm mein Gold,

Stille dieses heiße Sehnen,

Sei mir nur ein wenig hold!

ADINA mit Gebärden wie Dulcamara.

Ein Senator, welche Ehre!

Will ein Schiffermädchen frein?

Nur Zanetto ich begehre,

Er nur kann mein Schätzchen sein!

DULCAMARA kniet in feuriger Begeisterung vor ihr.

Süßes Kind, entschließe dich,

Komm, o komm, beglücke mich!

ADINA hebt ihn schüchtern empor.

Excellenza irren sich,

Kein Senator paßt für mich!

CHOR laut jubelnd, wobei Einige Dulcamara umarmen.

Bravo, bravo, Dulcamara,

Herrlich ist die Barkarole!

Keinen Sänger kann es geben,

Der wie Ihr in aller Gunst!

DULCAMARA stolz und aufgeblasen.

Ja, der Doktor Dulcamara

Ist Professor jeder Kunst!

DULCAMARA UND CHOR.

Ja, der Doktor Dulcamara

Ist Professor jeder Kunst!

ADINA, DULCAMARA UND CHOR.

Ist Professor jeder Kunst,

Ja, jeder Kunst!

Dulcamara erbittet sich von Adina das Büchelchen zurück und steckt beide Büchelchen wieder

ein.

Der Notar kommt mit dem Ehekontrakt in einer Mappe von links durch das Eingangsthor links

Mitte.

Zweiter Auftritt.

Die Vorigen. Der Notar.

Belcore steht auf.

Notar nimmt die Mitte und begrüßt das Paar mit einer tiefen Verneigung.

Adina geht ihm entgegen, steht zu seiner Linken und erwidert seinen Gruß mit zurückhaltender

verlegener Freundlichkeit.

Recitativ.

Nr. 15. Recitativ und Duett.

BELCORE singt, ohne Pause sortfahrend, laut.

Doch stille! Der Herr Notarius!

Für sich.

Bald ist mein Glück gegründet,

Adina wird nun mein!

CHOR zum Notar.

Seid uns gegrüßet!

DULCAMARA tritt dem Notar zur Rechten, ihn verbindlich begrüßend.

Willkommen! Freundlich gegrüßet

Seist du auch mir!

Du Hymens und Amors

Special!

ADINA tritt hinter Belcore weg auf die linke Ecke.

Schon ist hier der Notar!

Verlegen sich umsehend, betrübt für sich.

Doch Nemorino kommt noch nicht.

BELCORE zu Adina.

O Teure, laß uns gehen!

Frappiert.

Doch ach, was muß ich sehen?

So trüb’ ist meine Sonne?

ADINA entschlossen, laut.

‘s geht vorüber!

Ärgerlich für sich.

Er ist nicht hier zu meiner

Rache Wonne.

BELCORE zärtlich zu Adina.

O komm, laß uns nicht weilen,

Zum Eh’kontrakt zu eilen!

Belcore und Adina nehmen den Notar in die Mitte und geleiten ihn nach rechts in das Pachthaus.

Gianetta, die Landleute, Soldaten und Musikanten wenden sich nach links Mitte unter dem

folgenden

Chor aus Nr. 13 zum Abgang.

CHOR.

Bei frohem Rundgesange

Laßt Braut und Bräut’gam leben!

Sie mögen sich noch lange

Des schönsten Glücks erfreun!

Des schönsten, des schönsten Glücks erfreun!

Des Glücks, des schönsten Glücks erfreun!

Sie verschwinden nach links Mitte.

Bauernbursche tragen den Mitteltisch, die Tische links und deren Stühle nach rechts und links

hinweg. Der große Tisch rechts mit seinen Stühlen und ein Tisch links mit zwei Stühlen

bleiben, nachdem sie vorher abgeräumt worden sind, stehen.

Dulcamara nahm schon vorher eine Flasche und ein Glas, empfiehlt sich Adina und den übrigen,

setzt sich dann an den Tisch links, schenkt sich ein und trinkt.

Recitativ.

DULCAMARA singt.

Die Freuden der Verlobung

Und ihre Festlichkeiten sind angenehm.

Doch besser noch gefallen mir

Die Klänge, die zur Tafel erschallen.

Nemorino kommt gedankenvoll, mit untergeschlagenen Armen von links durch das Eingangsthor

links Mitte.

Dritter Auftritt.

Dulcamara, Nemorino zu seiner Linken.

NEMORINO sieht nach der Thür rechts.

Den Notar sah ich, ja, den Notar!

Ach, dahin ist alle Hoffnung,

Verachtet mein Herz.

Er bemerkt Dulcamara nicht.

DULCAMARA singend und trinkend, ohne Nemorino zu sehen, gleichsam die früheren Verse

wiederholend.

O du Schönste aller Schönen,

Sei mir nur ein bißchen hold.

NEMORINO erschrickt, sieht sich um.

Ihr hier, Herr Doktor?

DULCAMARA steht auf.

Zur Tafel hat mich geladen

Die schöne Braut.

NEMORINO in großer Erregung, laut vor sich hin.

Doch ich – bin in Verzweiflung,

Bin außer mir!

Weh’ mir, ich bin verloren!

Die mein Herz sich hat erkoren,

Heute noch muß sie mich lieben! –

DULCAMARA kopfschüttelnd für sich.

Er ist närrisch!

Laut zu ihm.

Nimm das Elixir,

Dann ist’s um sie geschehen.

NEMORINO schwer atmend, rasch.

Lieber Herr Doktor, noch eine Flasche!

DULCAMARA.

Von Herzen gern! mich freut es,

Bedrängten beizustehen.

Gierig.

Doch hast du Geld?

NEMORINO mit dem Kopf verneinend, ihn starr anblickend.

Gar keines mehr!

DULCAMARA ironisch verächtlich.

Mein Guter, so komme schnell zu mir,

Wenn du was hast.

Im Gasthaus wirst du mich finden;

Nun lebe wohl!

Laß nicht die Zeit unnütz entschwinden!

Er trinkt aus und geht lachend mit seiner Flasche und seinem Glas ab nach rechts in das

Pachthaus.

NEMORINO.

Wehe mir Armen!

Er setzt sich an den Tisch links und stützt den Kopf verdrießlich in die Hand.

Sergeant Belcore kommt gestikulierend von rechts aus dem Pachthaus, schüttelt den Kopf und

sieht, ohne Nemorino zu bemerken, nach dem Hause zurück.

Vierter Auftritt.

Belcore, Nemorino zu seiner Linken.

Recitativ.

BELCORE für sich.

Der Weiber bunte Launen,

Ach, wer kann sie ergründen?

Adina liebt mich,

Will mit mir sich verbinden.

Doch erst diesen Abend

Will sie unterzeichnen.

NEMORINO erblickt Belcore.

Ha, mein Rival!

Er faßt sich wütend am Kopfe.

Könnt’ ich mit eignen Händen mich vernichten!

BELCORE für sich.

Zum Henker!

Welche Wut ergreift den Armen?

Er geht auf Nemorino zu, ihn anschreiend.

He! holla! he, guter Freund,

Sag’ an, was dich so quälet?

NEMORINO verdrießlich.

Ich muß verzweifeln, weil ich –

Weil’s mir an Gelde fehlet,

Und niemand kann mir helfen.

BELCORE ironisch lächelnd.

Ei, sei nicht thöricht!

Ist es dies nur allein?

Gewichtig und flott.

Werde Soldat und zwanzig Thaler sind dein!

Duett.

NEMORINO schnellt erfreut empor.

Zwanzig Thaler?

BELCORE bejahend.

In blankem Golde!

NEMORINO.

Wann denn? Noch heute?

BELCORE.

Auf der Stelle!

NEMORINO für sich.

Ha! Was thu’ ich?

BELCORE.

Und mit dem Solde

Ruhm und Ehr’ im Regimente!

NEMORINO.

Ach! Nicht Ruhm kann mich verführen,

Gerne leist’ ich drauf Verzicht!

BELCORE.

Ist es Liebe? In den Quartieren

Fehlt’s an schmucken Mädchen nicht!

Nein, nein, nein, nein, nein!

An schmucken Mädchen fehlt es nicht!

NEMORINO.

Ach nein!

Für sich.

Ach nein! Ah! –

Blut’ger Kämpfe wildem Grauen

Soll ich nun entgegenziehen?

BELCORE ihn lockend.

Zwanzig Thaler!

NEMORINO für sich.

Meiner Heimat Blumenauen,

Freund und Oheim soll ich fliehen!

BELCORE wie vorher.

In blankem Golde!

NEMORINO wie vorher.

Doch ich weiß auf andern Wegen

Nicht ihr Mitleid zu erregen,

Ach, vielleicht wird sie erbeben,

Ja, wird mein Schicksal ihr bekannt!

BELCORE.

Bei der Trommel lautem Schalle

Giebt uns Liebe das Geleite;

Flinke Marketenderinnen

Ziehen schäkernd uns zur Seite!

NEMORINO für sich.

Gerne wag’ ich selbst mein Leben!

BELCORE fröhlich.

Mädchen finden sich die Menge,

Sind mit Helden nicht zu strenge;

Flehen, Seufzen, Schmachten, Beben

Ist uns Kriegern nicht bekannt!

NEMORINO für sich.

Winkt am Ziel Adinas Hand!

BELCORE lockend, munter, fast tanzend.

Glaube mir, das schönste Leben

Bietet der Soldatenstand!

Flehen, Seufzen, Schmachten, Beben

Ist uns Kriegern nicht bekannt!

Glaube mir, das schönste Leben

Bietet der Soldatenstand!

NEMORINO für sich.

Gerne wag’ ich selbst mein Leben,

Ja, winkt am Ziel mir Adinas Hand!

BELCORE wie vorher.

Ja, glaube mir!

NEMORINO für sich.

Gern wag’ ich –

BELCORE wie vorher.

Ja, glaube mir!

NEMORINO für sich.

Mein Leben –

BELCORE wie vorher.

Das schönste Leben –

NEMORINO für sich.

Winkt mir Adinas Hand!

BELCORE wie vorher.

Bietet der Soldatenstand, Ja, glaube mir!

NEMORINO für sich.

Gern wag ich –

BELCORE wie vorher.

Ja, glaube mir!

NEMORINO für sich.

Mein Leben!

BELCORE wie vorher.

Das schönste Leben –

NEMORINO für sich.

Winkt mir Adinas Hand –

BELCORE wie vorher.

Bietet der Soldatenstand!

Ja, glaube mir, das schönste Leben

Bietet der Soldatenstand! Ja, unser Stand! –

NEMORINO für sich.

Adinas Hand! Adinas Hand!

Winkt mir am Ziel Adinas Hand! –

Rasch zu Belcore.

Zwanzig Thaler!

BELCORE zieht eine Börse hervor und öffnet sie schnell.

Auf der Stelle!

NEMORINO.

Wohlan! – Hurtig! – Her das Handgeld!

BELCORE tritt an Nemorino vorüber hinter den Tisch links, legt das Geld auf den Tisch und

drückt die Hand darauf.

Nicht so hitzig! – Nur gelassen!

Unterschreib’ erst dies Papier!

Er legt Nemorino eine Schrift vor, die er nebst einem Stift hervorzieht, zeigt auf die Stelle

und spricht bei der Fermate.

Hierher den Namen oder drei Kreuze!

NEMORINO spricht fragend.

Hierher?

Belcore bejaht.

NEMORINO seufzend sprechend.

Es sei!

Er unterschreibt und streicht dann rasch das Geld ein; für sich, singend.

Dulcamara!

Ja, eilig bin ich bei dir!

Ja, eilig bin ich bei dir, bei dir!

Er will forteilen.

BELCORE hat zufrieden nickend die Schrift und den Stift eingesteckt, hält Nemorino zurück.

Brav, mein Junge, eingeschlagen!

Es geschieht.

Du gefällst mir, bin zufrieden!

Wirst du tapfer dich betragen,

Ist dir Ehr’ und Glück beschieden!

Bald hast du den Streif erworben,

Wenn mein Beispiel dich belehrt. Ja!

Für sich.

Den Rival hab’ ich geworben,

Das allein ist schon viel wert!

NEMORINO.

Wüßtet Ihr, nach welchem Ziele

Ich bei diesem Schritt gerungen:

Kenntet Ihr nur die Gefühle,

Die so heiß mein Herz durchdrungen!

Für sich.

Wie dies Geld mir reich soll lohnen,

Ach, das weiß nur ich allein!

Es ist mehr als Millionen,

Glückt es mir, geliebt zu sein!

BELCORE.

Mädchen finden sich die Menge,

Sind mit Helden nicht so strenge;

Flehen, Schmachten, Seufzen, Beben

Ist uns Kriegern nicht bekannt!

Wenn wir in die Stadt marschieren,

Winkt manch’ reizendes Gesicht!

NEMORINO.

Kenntet Ihr nur die Gefühle,

Die so heiß mein Herz durchdrungen!

BELCORE.

Glaube mir, in den Quartieren

Fehlt’s an schmucken Mädchen nicht!

NEMORINO.

Ja, wie dies Geld mir reich soll lohnen,

Davon weiß nur ich allein.

BELCORE.

Ja, glaube mir, in den Quartieren

Fehlt’s an schmucken Mädchen nicht!

Brav, mein Junge, eingeschlagen!

Es geschieht.

Du gefällst mir, bin zufrieden!

Wirst du tapfer dich betragen,

Ist dir Ehr’ und Glück beschieden!

Bald hast du den Streif erworben –

NEMORINO.

Ah, du weißt nicht –

BELCORE.

Wenn mein Beispiel dich belehrt!

NEMORINO.

Ach ja!

Für sich.

Wie dies Gold soll reich mir lohnen,

Ach, das weiß nur ich allein!

Es ist mehr als Millionen,

Glückt es mir, geliebt zu sein!

BELCORE für sich.

Den Rival hab’ ich geworben,

Das allein ist schon viel wert!

NEMORINO für sich.

Ja, glückt es mir, geliebt zu sein,

Geliebt zu sein!

BELCORE laut.

Als Krieger wirst geliebt du sein,

Geliebt du sein!

Beide gehen Arm in Arm nach hinten; am Eingangsthor trennen sie sich.

Belcore geht lachend ab nach rechts in das Pachthaus.

Nemorino wendet sich durch das Eingangsthor links Mitte nach rechts hinten.

Gianetta kommt in eifriger Unterhaltung mit vielen jungen Bauernmädchen von links hinten durch

das Eingangsthor links Mitte.

Fünfter Auftritt.

Gianetta, Bauernmädchen um sie herum.

Nr. 16. Chor.

MÄDCHEN.

Sollt’ das wohl möglich sein?

GIANETTA.

Wie ich euch sage.

MÄDCHEN.

Ich kann’s nicht glauben!

GIANETTA.

Ihr dürft es glauben!

MÄDCHEN.

Doch sprich, erzähl’! Woher die Nachricht?

GIANETTA.

Stille!

MÄDCHEN.

Wer dir es sagte, erzähl’ und sprich!

GIANETTA den Finger auf dem Mund.

So sprecht doch leise nur!

Schweigt vor den Leuten!

Noch darf die Sache man

Nicht laut verbreiten,

Denn unserm Krämer

Kam es zu Ohren,

Der im Vertrauen es mir gesagt.

MÄDCHEN.

Wie, unser Krämer hat dir’s gesagt?

Dann ist’s gewiß auch wahr,

Ich bürg’ dafür.

ALLE.

Dann ist’s gewiß auch wahr!

Leise!

Ich bürg’ dafür, ich bürg’ dafür!

Stille!

GIANETTA geheimnisvoll.

Er raunte vorhin mir sacht ins Ohr,

Daß Nemorino den Oheim verlor.

Gestern schon nahm ihn der Tod aus der Welt

Und es erbt der Neffe

Unmenschlich viel Geld.

Bewegung.

Doch daß mir keine es weiter erzählt!

Doch daß mir keine –

MÄDCHEN.

Wir schweigen still!

GIANETTA.

Es weiter erzählt!

MÄDCHEN.

Wir schweigen still vor aller Welt,

Vor aller Welt!

GIANETTA.

Stille!

MÄDCHEN.

Stille! –

ALLE unter sich.

Nun kann er sich im Golde vergraben,

Kann seine eigene Wirtschaft haben;

Jetzt wagt kein Mädchen, ihn auszuschlagen,

Und die er nimmt, kann vom Glücke sagen!

GIANETTA.

Doch stille, leise! stille, leise!

MÄDCHEN.

Doch daß es keine weiter erzählt,

Stille, nur stille vor aller Welt!

ALLE.

Stille! leise! stille vor aller Welt! stille!

Nun kann er sich im Golde vergraben,

Kann seine eigene Wirtschaft haben;

Jetzt wagt kein Mädchen, ihn auszuschlagen,

Und die er nimmt, kann vom Glücke sagen!

Doch daß es keine weiter erzählt,

Stille, nur stille vor aller Welt!

Nemorino kommt von rechts hinten durch das Eingangsthor links Mitte.

Sechster Auftritt.

Gianetta und die Mädchen. Nemorino.

Alle Mädchen ziehen sich, sowie sie Nemorinos ansichtig werden, nach rechts hinten.

Nemorino nur mit sich beschäftigt, bemerkt sie nicht.

Nr. 17. Quartett mit Chor.

NEMORINO für sich.

Wahrlich, von diesem Wundertrank

Hab’ reichlich ich genossen!

Wie es der Doktor versprochen,

Sind alle Mädchen mein, ja!

Alle Mädchen mein!

Mein Busen atmet freier,

Die Hoffnung kehret wieder;

Mein Herz ergreift ein Feuer,

Wie ich’s noch nie empfand!

GIANETTA für sich.

Noch kennt er nicht sein volles Glück,

Leicht wird er mein nun sein!

MÄDCHEN unter sich.

Er ist so blöd, voll Schüchternheit,

Noch ist ihm nichts bekannt!

NEMORINO wendet sich nach rechts zum Pachthof.

Nur Mut!

GIANETTA tritt ihm mit einem Knicks grüßend entgegen.

Ergebne Dienerin!

Mädchen knicksen mit Gianetta.

NEMORINO fragend.

Gianetta!

ALLE MÄDCHEN freundlich knicksend.

Ergebne Dienerin, ergebne Dienerin!

NEMORINO verwundert für sich.

Ei, was wollen diese Mädchen?

GIANETTA für sich, kokettierend.

Er ist ein schöner Junge!

NEMORINO für sich.

Ei, was soll’s?

MÄDCHEN unter sich.

Er ist ein schöner Junge!

NEMORINO für sich.

Ei, was soll’s?

GIANETTA für sich.

Er ist, das muß man sagen –

NEMORINO für sich.

Ach – ich merke –

MÄDCHEN unter sich.

Er ist, das muß man sagen –

GIANETTA stets für sich.

Ein art’ger junger Mann –

NEMORINO stets für sich.

Des Doktors Wundertrank –

MÄDCHEN stets unter sich.

Ein art’ger junger Mann!

GIANETTA.

Er weiß sich zu betragen,

Man sieht ihn gerne an!

NEMORINO fröhlich und erstaunt.

Fängt schon zu wirken an!

MÄDCHEN umgeben ihn, drängen eine um die andere vor.

Er weiß sich zu betragen,

Man sieht ihn gerne an!

GIANETTA.

Er ist, das muß man sagen –

NEMORINO.

Es kommt schon! es kommt schon!

MÄDCHEN.

Er ist, das muß man sagen –

GIANETTA.

Ein art’ger junger Mann!

NEMORINO.

Es fängt zu wirken an!

MÄDCHEN.

Ein art’ger junger Mann!

GIANETTA.

Er weiß sich zu betragen –

NEMORINO.

Es kommt schon! es kommt schon!

MÄDCHEN.

Er weiß sich zu betragen!

GIANETTA.

Man sieht ihn gerne an!

NEMORINO.

Es fängt zu wirken an!

MÄDCHEN.

Man sieht ihn gerne an!

GIANETTA.

Ein art’ger junger Mann!

NEMORINO.

Ja!

MÄDCHEN.

Ein art’ger junger Mann!

GIANETTA.

Ein art’ger junger Mann,

Man sieht ihn gerne an!

NEMORINO.

Des Doktors Wundertrank fängt schon an,

Fängt zu wirken schon an!

Hahahahaha!

MÄDCHEN.

Ein art’ger junger Mann,

Man sieht ihn gerne an! –

Doktor Dulcamara kommt, schon ganz reisefertig, von rechts aus dem Pachthaus.

Sergeant Belcore und Adina folgen ihm.

Siebenter Auftritt.

Die Vorigen. Dulcamara. Belcore. Adina.

Belcore übergiebt im Heraustreten Adina Nemorinos Verschreibung und geht dann ab durch das

Eingangsthor links Mitte nach links hinten.

Achter Auftritt.

Die Vorigen ohne Belcore.

GIANETTA UND MÄDCHEN umschmeicheln Nemorino wie vorher.

Ihn gerne an!

NEMORINO wie vorher.

Hahahahahahaha!

DULCAMARA UND ADINA ganz verwundert, unter sich.

Was seh’ ich?

NEMORINO wie vorher.

Welch Entzücken!

Er sieht Dulcamara, laut.

Laßt mich ans Herz Euch drücken!

Der Trank, wie Ihr versprochen,

Flößt allen Liebe ein!

ADINA erstaunt, für sich.

Was hör’ ich?

DULCAMARA ungläubig pfiffig.

So darf ich’s glauben?

Er tritt zwischen Gianetta und Nemorino; zu den Mädchen, nach Nemorino hinweisend.

Er gefällt euch?

GIANETTA UND DIE MÄDCHEN.

Ihr könnt noch fragen?

Es könnte sein Betragen

Nicht liebenswürd’ger sein!

GIANETTA wie vorher; für sich.

Den lieben schmucken Jungen –

Laß ich mir nicht entgehen!

Was andern schon gelungen,

Wird mir so schwer nicht sein!

DULCAMARA wie vorher; für sich.

Ist’s möglich, was ich höre?

Lachend.

Nach allem, was geschehen,

Muß ich doch wohl auf Ehre

Ein Wunderdoktor sein!

Er tritt zwischen Nemorino und Adina.

NEMORINO wie vorher; für sich.

Ach! könnt’ ich sie verkünden,

Die Lust, die mich durchdrungen!

Wenn alle Lieb’ empfinden,

Ist auch ihr Herz wohl mein!

ADINA erstaunt und eifersüchtig, für sich.

Statt trostlos ihn zu finden,

Muß ich ihn heiter sehen!

Von neuem ihn zu binden,

Wird dies wohl möglich sein?

ALLE MÄDCHEN für sich.

Den lieben schmucken Jungen

Laß ich mir nicht entgehen!

Was andern schon gelungen,

Wird mir so schwer doch nicht sein!

GIANETTA.

Nun laßt uns alle zum Tanze gehen!

Zärtlich zu Nemorino.

Werdet Ihr kommen?

NEMORINO sieht heimlich nach Adina, thut aber, als beachte er sie nicht; zärtlich zu Gianetta

und den anderen Mädchen.

Ich werde sehen!

ALLE MÄDCHEN drängen sich an Nemorino.

Ihr werdet doch tanzen?

GIANETTA.

Mit mir?

NEMORINO wie vorher.

Ja!

DIE ANDERN MÄDCHEN Gianetta wegdrängend.

Mit mir?

NEMORINO wie vorher.

Ja!

GIANETTA sich vordrängend.

Ich bin die erste!

DIE ANDERN MÄDCHEN.

Nein, ich! nein, ich!

GIANETTA wie vorher.

Mir ist’s versprochen!

NEMORINO wie vorher.

Ei, seht doch! ei, seht doch!

GIANETTA will ihn fortziehen.

So komm doch!

NEMORINO macht sich los.

Sachte!

DIE ANDERN MÄDCHEN ihn bedrängend.

Entscheidet!

NEMORINO wie vorher.

Nur stille!

Zu Gianetta.

Du bist die erste!

Zu den andern.

Dann du, dann du!

DULCAMARA für sich, nach Nemorino gewendet.

Daß Gott erbarme, er liebt sie alle!

Mag’s wohl bekommen, tanz’ du nur zu!

Tanz’ du nur zu, tanz’ du nur zu!

ADINA tritt zwischen Nemorino und Dulcamara; zu Nemorino, ihn bewegt an der Hand fassend.

He, Nemorino!

NEMORINO beglückt für sich.

Ha, auch Adina!

DULCAMARA erschreckt ausrufend.

Der tanzt mit allen!

ADINA.

Nur auf zwei Worte:

Ein kleines Sümmchen kann dich verführen,

Dich als Soldaten zu engagieren?

GIANETTA UND DIE MÄDCHEN erschrocken, laut.

O Himmel! zum Soldaten?

ADINA Nemorino fester fassend.

Das war ein Fehler!

Ich spräche gerne deshalb mit dir!

NEMORINO sieht sie erwartungsvoll und schmachtend an.

Ei, ei, so rede! ei, ei, so rede!

GIANETTA UND DIE MÄDCHEN Nemorino bedrängend.

Nur fort, zum Tanz, zum Tanz, zum Tanze!

NEMORINO zu Adina.

Gleich nach dem Tanze

Siehst du mich hier! – Sogleich! – Sogleich!

Er wendet sich zum Gehen.

ADINA ihn zurückhaltend.

Ach, höre! ach, höre!

DULCAMARA.

Ich bin ein ganzer Narr! –

Der Fall ist neu und selten! –

In welch’ erhabnem Glanze

Strahlet heut’ mein Elixir!

ADINA wie vorher zu Nemorino.

O höre!

NEMORINO froh für sich.

Was sie mir sagen will,

Ist leicht zu sehen,

Sie kann dem Liebestrank

Nicht widerstehen!

Ja, sie empfinde nur

Im wunden Herzen

Der Sehnsucht Schmerzen,

Der Liebe Pein!

ADINA für sich.

Ha! wie so launenvoll

Sind unsre Triebe,

Mit bittrer Reue

Rächt sich die Liebe.

NEMORINO wie vorher, für sich.

Ja, sie ertrage nun –

ADINA stets für sich.

Ihm, den ich quälte –

NEMORINO stets für sich.

Der Liebe Pein –

ADINA.

Mit kaltem Hohne,

Muß ich zum Lohne –

NEMORINO.

Der Liebe Pein!

ADINA.

Nun Liebe weihn!

Ihm, den ich quälte

Mit kaltem Hohne,

Muß ich zum Lohne –

NEMORINO.

Ja, sie ertrage nun

Der Liebe Pein!

ADINA.

Nun Liebe weihn!

Muß ich zum Lohne

Liebe weihn, ja, Liebe weihn,

Ja, Liebe weihn!

NEMORINO.

Ja, sie ertrage

Nun der Liebe Pein!

DULCAMARA lächelnd für sich.

Ich seh’ sie alle vor Lieb’ erkranken;

Nur meinem Wundertrank hat er’s zu danken!

Ich werde Schätze mir noch verdienen;

Ich werde bald schon ein Krösus sein!

GIANETTA für sich.

Nach allen Männern fast vom ganzen Orte

Hat sie geangelt schon mit süßem Worte!

Mit Nemorino soll’s ihr nicht gelingen,

In ihre Falle geht er nicht ein!

NEMORINO für sich.

Ja, sie empfinde nun – der Liebe Pein!

Ja, sie empfinde nun im wunden Herzen

Der Sehnsucht Schmerzen, der Liebe Pein!

ADINA für sich.

Ha, wie so launenvoll – sind unsre Triebe!

Mit bittrer Reue rächt sich die Liebe!

Ihm, den ich quälte mit kaltem Hohne,

Muß ich zum Lohne nun Liebe weihn!

MÄDCHEN unter sich.

Nach allen Männern fast vom ganzen Orte

Hat sie geangelt schon mit süßem Worte;

Mit Nemorino soll’s ihr nicht gelingen,

In ihre Falle geht er nicht ein!

DULCAMARA lächelnd für sich.

Ich werde bald ein Krösus sein!

GIANETTA für sich.

Sie fühlet Pein, sie fühlet Pein,

Doch er geht nicht in ihre Falle ein!

NEMORINO für sich.

Der Liebe Pein, der Liebe Pein,

Der Sehnsucht Schmerzen, der Liebe Pein!

Ja, sie ertrage diese Pein, ja, sie ertrag’ der Liebe Pein!

ADINA für sich.

Ja, Liebe weihn, ja, Liebe weihn,

Muß ich zum Lohn nun Liebe weihn!

MÄDCHEN unter sich.

Sie lockte – ihn gerne,

Doch er geht nicht in ihre Falle ein!

Er geht nicht in die Falle ein!

Gianetta und die Mädchen nehmen Nemorino in ihre Mitte und wenden sich zum Abgang.

Adina sieht ihnen betrübt und aufgeregt nach.

Nemorino wendet sich, bevor er geht, verstohlen nach Adina zurück, doch scherzt er mit den

Mädchen und schwingt den Hut vor Freude.

Gianetta und die Mädchen fassen ihn am Arm und hüpfen in ausgelassener Fröhlichkeit mit ihm

fort durch das Eingangsthor links Mitte nach links hinten.

Dulcamara lacht über das Possenspiel.

Neunter Auftritt.

Adina, Dulcamara zu ihrer Linken.

Recitativ.

Nr. 18. Recitativ und Duett.

ADINA schmerzlich ergriffen, singt.

O wie geht er zufrieden!

DULCAMARA stolz.

Mir soll er’s danken!

ADINA ihn erstaunt betrachtend.

Wie? Euch, Herr Doktor?

DULCAMARA selbstbewußt lächelnd.

Ja, mir nur!

Ich gebiete der Freude, destilliere die Lust,

Und schaffe Liebe gleich dem Rosenwasser.

Was Ihr bewundert,

Was Euch mit Staunen füllet an dem Jüngling,

Das alles ist mein Werk,

Das Werk des Doktors!

ADINA verächtlich.

Possen!

DULCAMARA.

Possen, sagt Ihr? Ungläubige!

Possen? Wär’ Euch bekannt nur die Gewalt

Der Alchimie, der hohe Wert des Elixirs

Der Königin Isolda!

ADINA staunend fragend.

Isolda?

Sie denkt nach, als ob sie sich ihrer Vorlesung erinnere.

DULCAMARA.

Isolda! Verstehe ich doch selbst,

Es zu bereiten.

ADINA für sich.

Was hör’ ich?

Laut.

Und Nemorino? Und jenes Elixir?

DULCAMARA.

Mich fragte er,

Wie Lieb’ man könnt’ erwecken

In einem harten Herzen.

ADINA.

Er also liebte!

DULCAMARA.

Und seufzte Tag und Nacht.

Vergebens war sein Hoffen!

Nur einen Tropfen von diesem Trank,

Dem herrlichen, zu kaufen,

Opfert seine Freiheit er

Und ward Soldat!

Duett.

ADINA für sich.

Ach, wie grausam! Soviel Treue

Lohnt’ ich mit Verachtung dir!

DULCAMARA sie beobachtend, für sich.

Ha, nun kommt sie an die Reihe!

ADINA für sich.

Wie grausam!

DULCAMARA für sich.

Not thut ihr mein Elixir!

ADINA für sich.

Wie grausam!

Dulcamara fragend.

Also wirklich ist Nemorino

Hochbeglückt in seiner Liebe?

DULCAMARA eitel.

Alle Mädchen sind besessen,

Können nimmer ihn vergessen.

ADINA ängstlich weiterfragend.

Ach! Welcher Schönen konnt’ es gelingen,

Seine Liebe zu erringen?

DULCAMARA.

O so heiß geliebt von allen,

Wird auch keine ihm mißfallen.

ADINA für sich.

Und voll edler reiner Treue –

DULCAMARA für sich.

Ja, nun kommt an sie die Reihe!

ADINA wie vorher.

Hing dies Herz einst nur an mir!

DULCAMARA für sich.

Not thut ihr mein Elixir!

Laut, eitel.

Alle Mädchen sind besessen,

Können nimmer ihn vergessen.

Für sich.

Ja, nun kommt an sie die Reihe,

Not thut ihr mein Elixir!

ADINA für sich.

Ja, voll edler reiner Treue

Hing dies Herz einst nur an mir!

DULCAMARA.

O Adina! – Kannst mir vertrauen!

Nur das Köpfchen in die Höhe!

An den Mienen ist’s klar zu schauen,

Daß du leidest an Herzenswehe!

Wenn du willst –

ADINA schnell.

Und was? So redet!

DULCAMARA.

Helfen will ich Trotzkopf dir

Bei meinem Leben!

Ich will dir ein Mittel geben,

Das hinweg das Übel schafft.

ADINA ihn schelmisch fixierend.

Doktor, fruchtlos ist Eu’r Streben,

Denn bei mir hat’s keine Kraft!

DULCAMARA.

Willst du, soll kein Mann entrinnen,

Alle sollen um dich schmachten.

ADINA.

Mit so vielen, was beginnen?

Nur nach einem will ich trachten!

DULCAMARA.

Tausend Weiber sollst du sehen,

Die in Eifersucht vergehen!

ADINA.

Ach, wie soll es mich erfreuen,

Zwietracht lieblos auszustreuen?

DULCAMARA.

Einen Reichen kannst du wählen –

ADINA.

Ich will lieben und nicht zählen.

DULCAMARA.

Willst du Grafen, willst du Marchesen?

ADINA.

Nemorino ist erlesen –

DULCAMARA.

Ich will dir ein Mittel geben –

ADINA.

Fruchtlos ist doch Euer Streben –

DULCAMARA.

Das hinweg das Übel schafft!

ADINA.

Denn bei mir hat’s keine Kraft!

Nein, nein, bei mir hat’s keine Kraft! Nein!

DULCAMARA zieht einige Fläschchen hervor.

Nimm doch dies – oder dies!

Ich will dir ein Mittel geben,

Das hinweg das Übel schafft!

So nimm die’s hier!

ADINA.

Ach nein, bei mir hat’s keine Kraft!

DULCAMARA spricht.

So?

Er singt weiter.

Wie kannst du dich unterstehen,

Meinen Liebestrank zu schmähen?

ADINA.

Euern Wundertrank in Ehren,

Doch ich kann ihn leicht entbehren;

Andre Mittel als Mixturen

Führen mir den Teuren zu!

DULCAMARA geht an ihr vorüber nach rechts; für sich.

Freund! Hier scheitern deine Kuren!

Die ist pfiffiger als du, ja! ja!

ADINA feurig.

Ein vertraulich süßes Nicken,

Und ein Wink als Liebeszeichen

Kann der Männer Sinn berücken,

Und ein Marmorherz erweichen.

Zauber liegt schon in den Blicken,

Reden Lieb’ sie und Entzücken;

Nemorino kann nicht fliehen,

An mich ist er festgebannt!

Auf ihr Gesicht zeigend.

Das Rezept steht hier geschrieben,

Hier im Aug’ ist Liebestrank!

Ein vertraulich süßes Nicken,

Und ein Wink als Liebeszeichen

Kann der Männer Sinn berücken,

Und ein sprödes Herz erweichen.

Zauber liegt schon in den Blicken,

Reden Lieb’ sie und Entzücken;

Nemorino kann nicht fliehen,

An mich fest ist er gebannt!

Nein, nein, er kann mir nicht entfliehn!

DULCAMARA für sich.

Ach, ich merk’ es, lose Kleine,

Deine Kunst besiegt die meine! –

Ei, die Schelmin! – Ei, die Schelmin! –

Armer Doktor! Ja, mit diesem holden Munde

Schlägst und heilst du manche Wunde,

Und ein Strahl aus deinen Blicken

Kann ein krankes Herz erquicken!

Nein, nein, man kann ihr nicht entfliehn!

Nein, nein, er kann nicht!

Er spricht.

Ei?

Er singt weiter.

Ja, ich merk’ es, lose Kleine,

Deine Kunst besiegt die meine!

ADINA.

Ach! Herr Doktor!

DULCAMARA.

Ja, mit diesem holden Munde

Schlägst und heilst du manche Wunde!

ADINA.

Ach! Herr Doktor!

DULCAMARA.

Und ein Strahl von deinen Blicken

Kann ein krankes Herz erquicken!

ADINA.

Zauber liegt schon in den Blicken –

DULCAMARA.

Die Arznei kann’s nicht erreichen,

Was durch Anmut wohl gelang;

Ja, beschämt muß ich hier weichen!

ADINA.

Reden Lieb’ sie und Entzücken!

DULCAMARA.

Ja, beschämt muß ich hier weichen,

Besser ist ihr Liebestrank!

ADINA auf ihr Gesicht zeigend.

Das Rezept steht hier geschrieben,

Hier im Aug’ ist Liebestrank!

Ein vertraulich süßes Nicken,

Und ein Wink als Liebeszeichen

Kann der Männer Sinn berücken,

Und ein Marmorherz erweichen.

Zauber liegt schon in den Blicken,

Reden Lieb’ sie und Entzücken;

Nemorino kann nicht fliehen,

Fest an mich ist er gebannt!

Nein, nein, er kann mir nicht entfliehn!

DULCAMARA.

Ei, die Schelmin! – Ja, ich merk’ es!

Lose Kleine! Deine Kunst besiegt die meine! –

Ei, die Schelmin! – Ei, die Schelmin! –

Armer Doktor! Ja, mit diesem holden Munde

Schlägst und heilst du manche Wunde,

Und ein Strahl aus deinen Blicken

Kann ein krankes Herz erquicken!

Nein, nein, man kann ihr nicht entfliehn!

ADINA.

Ja, in dem Aug’ ist Liebestrank!

DULCAMARA.

Ja, beschämt muß ich hier weichen,

Besser ist ihr Liebestrank!

Adina schabt abgehend Dulcamara ein Rübchen.

Dulcamara droht ihr freundlich.

Beide gehen ab nach rechts in das Pachthaus.

Nemorino kommt von links hinten durch das Eingangsthor links Mitte.

Zehnter Auftritt.

Nemorino allein.

Nemorino sieht mit Wehmut in den Blicken nach dem Pachthof rechts, will hinein, zögert und

geht langsam in den Vordergrund.

Nr. 19. Romanze.

NEMORINO.

Wohl drang aus ihrem Herzen

Ein Seufzer zu mir her,

Und bei der Mädchen Scherzen

Hob ihre Brust sich schwer!

Was will mein Herz noch mehr?

Liebe, sie fühlet deine Macht,

Ja, deine Macht!

Hinge ihr Auge nur einmal

Liebend an meinem Blick;

Gäb’ mir ihr Mund nur einmal

Der Liebe Wort zurück.

Ach, gäbe sie mit schmachtendem Blick

Der Liebe süß Geständnis zurück!

Mag dann der Tod mir drohn,

Ach, mir ward der schönste Lohn!

Adina ist schon etwas vorher von rechts aus dem

Pachthaus erschienen.

Nemorino bemerkt Adina und wendet sich anscheinend zum Gehen.

Elfter Auftritt.

Adina, Nemorino zu ihrer Linken.

Adina ruft ihm verlegen zu.

Nemorino wendet sich mit zögernden Schritten zu ihr zurück.

Recitativ.

Nr. 20. Recitativ, Arie und Duett.

ADINA singt.

Nemorino! Warum willst du fliehen?

Was konnte dich bewegen,

Die Waffen zu ergreifen?

NEMORINO.

Ich sah, es würde nimmermehr

Mein Glück hier reifen.

ADINA.

Doch Nemorino, dein Leben ist mir teuer.

Was du unterschrieben,

Hab’ von Belcore ich zurückerworben.

NEMORINO froh ausrufend.

Adina!

Für sich.

Des Trankes Kraft scheint bei ihr sich zu entfalten.

Arie.

ADINA zieht Nemorinos Vertrag hervor, den ihr vorher Belcore übergeben hat.

Nimm hier! – Nimm hier!

Nemorino nimmt den Vertrag.

ADINA.

Ich bring’ die Freiheit dir!

Bleibe im Vaterlande,

Denn des Geschickes Bande

Fesseln dich ewig noch nicht. Bleibe!

Du findest Liebe überall,

Treu wird ein Herz für dich schlagen!

Ach! Bald wird verstummen dein Klagen,

Wonne wird lachen dir.

Duett.

NEMORINO beglückt für sich.

Nun wird sie reden.

ADINA reicht ihm die Hand, als wolle sie gehen.

Leb’ wohl denn!

NEMORINO sie erstaunt ansehend, hält sie zurück.

Wie? Du willst scheiden?

ADINA zögernd.

Ich – ja!

NEMORINO.

Nichts weiter sagst du mir?

ADINA.

Nichts weiter.

NEMORINO.

Wohlan!

Er läßt ihre Hand los.

Nimm dies Papier!

Er giebt ihr den Vertrag zurück; verzweifelt.

Kann Lieb’ ich nicht erwerben,

Will als Soldat ich sterben;

Der Stab ist nun gebrochen,

Der Doktor trieb nur Scherz;

Will als Soldat nun sterben,

Der Doktor trieb nur Scherz.

Er will fort.

ADINA legt ihren Arm auf den seinen, sieht ihn liebevoll an; dann schlägt sie den Blick zu

Boden.

Nein! Wahr hat er gesprochen,

Frag’ doch dein treues Herz! –

Wisse denn und höre! Wisse denn!

Du bist mir teuer!

NEMORINO freudig außer sich.

Himmel!

ADINA verschämt.

Du bist mir teuer! Ich liebe dich, liebe dich!

NEMORINO sie an beiden Händen fassend.

Du liebst mich?

ADINA mit gesenkten Blicken.

Dich lieb’ ich!

NEMORINO entzückt.

Ja?

ADINA wie vorher.

Teurer!

NEMORINO ebenso.

Ja?

ADINA ebenso.

Teurer!

NEMORINO zitternd.

O Wonne, kaum noch fass’ ich dich.

ADINA.

Was du um mich gelitten –

NEMORINO wie vorher.

Du liebst mich?

ADINA.

Soll Liebe dir vergüten.

NEMORINO.

Betrog der Doktor nicht?

ADINA.

Nein!

NEMORINO sie umfassend.

O Wonne, kaum noch fass’ ich dich!

ADINA zärtlich.

Glück soll fortan dir lachen, Dir lachen!

NEMORINO freudig.

O Wonne!

ADINA sich an ihn schmiegend.

Vergiß vergangne Leiden,

Erkenne meine Reue!

BEIDE umfangen.

Vergiß vergangne Leiden, ach!

Erkenne meine Reue!

Nichts soll von dir mich scheiden,

Nein! dir schwör’ ich ew’ge Treue!

Ja, mein, ja, mein, du mein,

Ja, mein, ewig mein! / dein!

NEMORINO stets wie vorher.

O Wonne, kaum noch fass’ ich dich!

ADINA ebenso.

Teurer!

NEMORINO.

Mich betrog der Doktor nicht?

ADINA.

Nein!

NEMORINO.

O welche Seligkeit!

BEIDE.

Vergiß vergangne Leiden, ach!

Erkenne meine Reue!

Nichts soll von dir mich scheiden,

Nein! dir schwör’ ich ew’ge Treue!

Ja, mein, ja, mein, du mein,

Ja, mein, ewig mein! / dein!

ADINA.

Nichts soll von dir mich scheiden,

Dir schwör’ ich ew’ge Treu’!

Ja, mein sollst du sein!

NEMORINO.

Der Doktor täuschte nicht!

ADINA wie vorher.

Nichts soll von dir mich scheiden,

Dir schwör’ ich ew’ge Treu’! Ja!

Mein sollst du sein!

Ja, mein sollst du auf ewig sein,

Ja, mein auf ewig sein!

NEMORINO wie vorher.

O welche Seligkeit!

Ja, dein will ich auf ewig sein! –

Will dein auf ewig sein!

Beide stehen in Umarmung.

Trommelwirbel links hinten in der Nähe.

Sergeant Belcore marschiert mit seinen Soldaten von links hinten durch das Eingangsthor links

Mitte

herbei.

Doktor Dulcamara kommt gleich nachher von rechts hinten durch das Eingangsthor; sein Mohr und

sein Diener folgen ihm mit seinem Gaul und Wagen, der mit den beiden letzteren Personen vor

dem Eingangsthor hält.

Gianetta kommt von links hinten mit Landleuten und Wäscherinnen, die ihr von rechts und links

hinten durch das Eingangsthor folgen.

Zwölfter Auftritt.

Gianetta. Belcore. Adina. Nemorino. Dulcamara. Soldaten. Landleute. Wäscherinnen. Der Diener.

Der Mohr.

Nr. 21. Recitativ.

BELCORE sieht die Umarmung, eilt vor und ruft den beiden Liebenden und seinen Soldaten im

Kommandoton zu.

Halt!

Dann zu seinen Soldaten.

Front! Präsentiert!

Es geschieht.

Erstaunt.

Was seh’ ich? – Vor meinem Nebenbuhler

Laß ich präsentieren?

Er spricht kommandierend.

Gewehr auf Schulter! Gewehr bei Fuß! Rührt euch!

Es geschieht.

ADINA zu Belcore.

Ja, ja, so ist’s, Belcore!

Ohne Groll möcht’ ich gerne Euch scheiden sehen!

Er wird mein Gatte! Was geschehen –

BELCORE entschlossen, ihr mit süßsaurem Gesicht entsagend.

Ist geschehen!

Behalte ihn, du Schelmin,

Schlimmer für dich!

Noch giebt es andre Mädchen!

Viel Tausend weiß ich wohl noch aufzutreiben.

DULCAMARA wichtig und lächelnd zu Belcore.

Nur müßt Ihr fein

Beim Liebestrank verbleiben.

NEMORINO pfiffig, indem er Dulcamara die Hand reicht.

Euch, weiser Mann, hab’ ich mein Glück zu danken!

CHOR Dulcamara anstaunend.

Was hör’ ich?

DULCAMARA wichtig und aufgebläht.

Ja, mir! Denn wisset, daß Nemorino

Heute mit einem Male

Hier der reichste Besitzer ist geworden,

Denn sein Oheim ist gestorben!

ADINA erstaunt.

Sein Oheim tot?

NEMORINO ebenso.

Mein Oheim tot?

GIANETTA für sich.

Das wußt’ ich längst.

DULCAMARA für sich.

Und auch mir war es bekannt!

Laut.

Doch was ihr noch nicht wisset,

Und was ihr nicht wissen könnt:

Vernehmt, daß dieser überirdische Trank

Nicht nur die Kraft hat,

Liebe zu heilen gleich auf der Stelle,

Er macht auch reich arme Teufel!

CHOR staunend.

O herrlicher Trank!

Nr. 22. Zweites Finale.

DULCAMARA übertrieben lobpreisend.

Er kurieret alle Mängel,

Sind sie gleich uns angeboren,

Macht aus Weibern pure Engel,

Wenn die Schönheit sie verloren.

Krumme, Lahme macht er gehen,

Taube hören, Blinde sehen,

Ja, er glättet jede Stelle,

Wo zuvor ein Buckel war!

Er winkt seinem Diener und Mohren.

CHOR Dulcamara bedrängend.

Mir ein Fläschchen, hurtig, schnelle!

Gebt, o gebt mir gleich ein Paar!

Mohr und Diener nehmen Medikamente aus dem Wagen, verkaufen sie an die Landleute und nehmen

das Geld dafür.

DULCAMARA wie vorher.

Wenn die Tanten neidisch wachen,

Wird der Schlaf sie bald besiegen;

Selbst die eifersücht’gen Drachen

Weiß er schmeichelnd einzuwiegen!

Bringet Trost den müden Schönen,

Die im Bette schlaflos gähnen!

Ja, es hilft für alle Fälle

Und beseitigt die Gefahr!

CHOR wie vorher.

Mir ein Fläschchen, hurtig, schnelle,

Gebt, o gebt mir gleich ein Paar!

Mohr und Diener wie vorher.

DULCAMARA aufschneidend wie vorher.

Einen Schatz empfingt ihr heute,

Alles hab’ ich euch gegeben:

Gold, Gesundheit, Männer, Bräute,

Schönheit, Glück und langes Leben!

Mit so herrlichen Geschenken

Dürft ihr freundlich mein gedenken,

Ja, für all die Wundergaben

Mögt ihr stets mir dankbar sein!

Er geht nach hinten und steigt in seinen Wagen.

CHOR zudringlich wie vorher.

Kehrt mit Euren Wundergaben

Bald im Dorfe wieder ein!

ADINA UND NEMORINO.

Was wir heut’ errungen haben,

Ist die schönste aller Gaben,

Liebe nur kann sie verleihn!

Zu Dulcamara.

Lebt wohl nun! lebt wohl!

BELCORE nach Dulcamara hin.

Charlatan, ein Wassergraben

Mög’ dein nächstes Lager sein!

Hüt’ dich wohl!

GIANETTA UND CHOR nach Dulcamara hin.

Kehrt mit Euren Wundergaben

Bald im Dorfe wieder ein!

Lebt wohl nun, lebt wohl!

Der Mohr bläst draußen am Wagen das Posthorn.

Der Diener und der Mohr nehmen dann auf dem Wagen mit Platz.

Dulcamara grüßt herablassend mit den Händen und fährt fort.

Alle winken ihm mit Tüchern und Hüten nach.

Belcore wendet sich achselzuckend zu seinen Soldaten.

Gaetano Donizetti – Anna Bolena

Gaetano Donizetti

Anna Bolena

Tragische Oper in zwei Akten

Personen

Heinrich der Achte, König von England

Anna Boulen, seine Gemahlin

Johanna Seymour, Hoffräulein der Königin

Lord Rochefort, Bruder der Königin

Lord Richard Percy

Smeton, Page und Musikus der Königin

Sir Hervey, Hauptmann der Leibwache

Hofdamen und Pagen der Königin

Hofleute. Lords. Leibwache des Königs

Der erste Akt spielt in Windsor, der zweite zu London, im Jahre 1586.

Erster Akt.

Großer Saal im Schlosse zu Windsor.

Erste Scene.

Hofherren. Später Johanna Seymour.

CHOR.

Er kommt noch nicht? Seyd stille!

Er wird nicht kommen? Und Anna?

Sie duldet still, doch trauert sie,

Ihr Stern wird untergehen,

Des Königs Herz, so wandelbar,

Sucht neuer Liebe Lust.

Des finstern Argwohns ganze Macht

Tobet in seiner Brust.

JOHANNA.

Mehr, als ich es ertragen kann,

Ist sie mir zugewendet,

Ist ihr nicht meine Schuld bewußt,

Ist wohl ihr Aug’ gebleudet.

Wie mir die Ruhe raubet

Der schuldbewußte Sinn.

Zweite Scene.

Vorige. Anna. Damen. Pagen. Smeton.

ANNA.

Warum dies ernste Schweigen im geselligen Saale?

Selbst Deine Launen, immer so heiter,

Kannst Du heute nicht finden,

Und kein Lächeln erblick’ ich.

JOHANNA.

Wer könnte lächeln, in froher Laune,

Wenn der Königin Miene

Nur Trauer kündet.

ANNA.

Verstimmt wohl mag ich scheinen,

Doch ohne Grund! Sorgen, finstre Schwermuth

Und Kummer rauben mir die Freude

Seit so manchem Tage.

SMETON.

Die Arme!

JOHANNA.

Ich zittre bei jedem ihrer Worte.

ANNA.

Smeton, tritt vor!

SMETON.

Königin!

ANNA.

Nimm Deine Harfe und brich dieses Schweigen

Durch Deine Lieder, durch den Klang der Saiten,

Bis sich der König naht.

JOHANNA.

Nun athm’ ich wieder.

ANNA.

Laßt uns aufmerksam hören!

SMETON.

Für sie mein Leben!

Lächelt der Liebe Rosenkelch,

Und Kummer drückt Dich nieder,

Scheucht mich Dein stiller Schmerz,

Giebt Trost Dein Lächeln wieder.

Vor meines Auges Strahlen

Schwinden des Lebens Qualen,

Und Lunens sanftes Himmelslicht

Strahlet Dein Zauberblick.

Sieht Dich mein Aug’ so reizerfüllt

Und still durch’s Leben gehen,

Glaub’ ich der ersten Liebe Schmerz

Im Mädchenblick zu sehen.

Herrsche auf Englands Throne,

Doch leicht entbehrt die Krone

Der mit des Blickes Allgewalt

Dringet in jedes Herz.

ANNA.

Schweige! o schweige!

SMETON.

Gebieterin! o Gott!

CHOR.

Tief ist ihr Herz erschüttert.

ANNA.

Wie dieses Jünglings süßes Lied

Mächtig das Herz beweget,

Der ersten Liebe Schmerz und Lust

Noch in der Brust sich reget;

Ihn werd’ ich nie vergessen,

Der dieses Herz besessen.

Und nicht Ersatz gewähret mir

Der Glanz, der mich umgiebt.

Doch wohl vergebens harren wir,

Bald wird die Nacht entschwinden.

JOHANNA.

Sanft dämmert schon das Morgenroth.

ANNA.

Wohlan denn! auf Wiedersehen,

Laßt uns zur Ruhe gehen;

Nicht kommt der König mehr.

Nun komm’! wir gehen.

JOHANNA.

Ach! wie sie zittert.

ANNA.

O Liebe, deine Himmelsmacht

Sie lindre meine Schmerzen,

Laß Untreu’ mächtig werden nicht

In des Geliebten Herzen.

Ich gab mich ihm zu eigen,

Mir ward zu Theil die Krone,

Und die beschworne Treue

Bewahrt’ ich auf dem Throne.

Doch ist’s des Himmels Wille,

Daß mich Berrath soll treffen,

So will ich lieber sterben,

Als mich verlassen seh’n.

Alle ab.

Dritte Scene.

JOHANNA allein.

Wie mir das Herz erbebet,

Wie die Schuld mich bewegt – hab’ ich verrathen,

Was meine Brust erschüttert?

In meinen Zügen hat Verrath sie gelesen.

Wie drückte an ihr Herz mich die Arme,

An ihren Busen, den Vertrauen erfüllt,

Konnt’ ich zurück mich ziehen von diesem drohenden Abgrund;

Die früh’re Ruhe, sie ist entschwunden;

Ach, dem Schicksal entgehen kann ich wohl nimmer,

Mit diesem Herzen –

Himmel! Ja, er ist’s!

Vierte Scene.

Der König, Johanna.

KÖNIG.

Warum erbeben?

JOHANNA.

Ich zitt’re! –

KÖNIG.

Und wo ist Jene? –

JOHANNA.

Sie ruhet.

KÖNIG.

Ich nimmer. –

JOHANNA.

Hört meine Bitte! – Ach, mein Gebieter! –

Nie seh’ ich Euch so wieder, o schwört es

Mir Armen!

KÖNIG.

So soll es seyn! Bald wirst Du

Am versammelten Hofe mit mir Dich zeigen. –

Du staunest? Johanna! Erhoben sollst Du werden!

JOHANNA.

Dann laßt mich sterben! Im Grabe

Verdeck’ ich nur mein Vergehen.

KÖNIG.

Zum Throne

Werd’ ich Dich führen, wie Annen es geworden,

Mein ganzes Land soll Dich, Geliebte, preisen.

JOHANNA.

O mein Geliebter! Nicht eitler Glanz

Führt mich zu diesem Ziele.

KÖNIG.

Von Deinem Herzen

Hoffe ich mehr.

JOHANNA.

Und so liebt mich mein König?

KÖNIG.

Ha, Falsche, was kannst Du wünschen?

JOHANNA.

Der Tugend Größe!

KÖNIG.

Größe? Ja, sie soll Dir werden,

Wie die Welt nicht höh’re kennet,

Wenn man meinen Namen nennet

Strahlt ein Glanz auf Dich zurück.

Keine gleichet Dir auf Erden,

Und Du bist mein höchstes Glück!

JOHANNA.

Nur der Tugend frommes Walten

Kann mir einzig Größe geben,

Doch zerstöret ist mein Leben,

Nimmer find’ ich wahres Glück,

Wird die Flamme nicht erkalten,

Kehrt die Ruhe nie zurück.

KÖNIG.

Ich verstehe!

JOHANNA.

Mein König, hört!

Soll Argwohn meine Liebe lohnen?

KÖNIG.

Nun kenne ich Dein Streben!

JOHANNA.

Mein König!

KÖNIG.

Nicht mir gilt Deine Liebe.

JOHANNA.

Mein König!

KÖNIG.

Den Thron willst Du erreichen.

Anna auch versprach mir Liebe,

Und mein Herz ward ihr zum Lohne,

Doch des Stolzes eitle Triebe

Zogen sie zur Königskrone.

Nun hat sie ihr Haupt getragen,

Doch allmählig wankt sie schon,

Und sie fand mit bittern Klagen

Nur in ihr des Schicksals Hohn.

JOHANNA.

Ach, nicht ich versprach Euch Liebe,

Und nicht strebt ich nach der Krone,

Die Erwied’rung Eurer Triebe

In des Herzens Tiefe wohnet.

Wie könnt’ ich es eitel wagen,

Mich zu nah’n dem Königsthron.

Höret doch der Unschuld Klagen,

Nehmt von mir des Schicksals Hohn.

KÖNIG.

Du verläßt mich?

JOHANNA.

Ich muß es!

KÖNIG.

Verweile!

JOHANNA.

Ach, ich kann nicht!

KÖNIG.

Verweile und höre:

Meine Krone sollst Du zieren,

Zum Altar werd’ ich Dich führen.

JOHANNA.

Himmel! – Und Anna?

KÖNIG.

Bestraf’ ich.

JOHANNA.

Was hör’ ich!

KÖNIG.

Es erbleich’ ihr falscher Schimmer!

JOHANNA.

Wär’ sie schuldig?

KÖNIG.

Ich war betrogen;

Liebe hat sie mir gelogen.

Früher schon in fremden Banden,

Und auch jetzt als Königin.

JOHANNA.

Euer Bündniß?

KÖNIG.

Werd’ ich zernichten.

JOHANNA.

Sie verstoßen?

KÖNIG.

Bald wird’s geschehen.

JOHANNA.

Ach, ich will, ich kann’s nicht glauben,

Lasset nicht die Strenge walten,

Euch die Gattin zu erhalten,

Glaubet falschem Argwohn nicht.

Wolltet Ihr den Thron ihr rauben,

Nur ihr Herz und meines bricht.

KÖNIG.

Bald wird Deinen Wahn Dir rauben

Meines Willens strenges Walten,

Und Dein Eifer wird erkalten,

Wenn des Nebels Schleier bricht.

Vor der Wahrheit bitterm Glauben

Bebt Dein Herz, doch meines nicht!

Fünfte Scene.

Park im Schlosse zu Windsor.

Percy und Rochefort.

ROCHEFORT.

Wen seh’ ich! auf Englands Boden –

Du, mein Percy!

PERCY.

Mich rief zurück, o Theurer,

Des Königs Gnade; hier will ich ihn erwarten.

Bald wird zur Jagd er ziehen,

Und hier vorüber; wie sind der Heimath Lüfte

Dem sich sehnenden Herzen des lang’ Verbannten

Die höchste aller Freuden, doch nicht dem meinen.

ROCHEFORT.

Höre, mein Freund! erlegen

Bist Du nicht dem Schmerz; Dich zu erkennen

Ist mir gelungen.

PERCY.

Du kannst noch spotten?

Du, der meinen Kummer genau doch kennet,

Der mich verzehret, – ich wage kaum zu forschen

Nach Deiner Schwester, nach Anna Dich zu fragen.

ROCHEFORT.

Schwer drückt die Krone, deckt sie des Herzens Klagen.

PERCY.

Was mir das Gerücht verkündet,

Ist’s Wahrheit wohl? – Der König wanket?

ROCHEFORT.

Erkaltet für sie und ihren Kummer.

PERCY.

Ach, Anna, geraubet wardst du mir, der dich liebte,

Um dich nur zu verderben.

ROCHEFORT.

O schweig’, Verweg’ner!

PERCY.

Was könnte ich noch fürchten?

Von dem Tag, da sie entschwunden,

Mußt ich brechen süße Bande,

Fern von ihr in fremdem Lande

Schloß sich nicht die Wunde zu;

Nimmer fand ich frohe Stunden,

Fern von Menschen durft’ ich klagen,

Wo die Erde mich getragen,

Hofft’ in ihr ich Grabesruh’!

ROCHEFORT.

Wirst Du nun in ihrer Nähe

Auch des Herzens Gluth bezwingen?

PERCY.

Wenn ich sie nur lächeln sehe,

Werd’ ich Fassung wohl erringen.

Sollte mich der Schmerz bezwingen?

Nein, die Lust wird überwiegen,

Und der Qual bin ich entnommen,

Keinen Kummer fühl’ ich mehr.

ROCHEFORT.

Stille jetzt, die Jäger kommen,

Denn laut wird es rings umher.

Sechste Scene.

Vorige, Jäger, Pagen, Krieger.

CHOR.

Zur Jagd! Es schallt des Hornes Klang,

Gesattelt stehen schon die Rosse,

Und Hunde bellen, Jagdgeschrei

Ertönt vom Königsschlosse;

Durch Feld und Wald zieh’n wir vereint,

Ja, der König bald erscheint.

PERCY.

Und mit ihm Anna!

ROCHEFORT.

Ach schweig’!

O Richard! ach schweige!

PERCY.

Ach, so in den schönen Tagen

In der ersten Jugendliebe

Fühlte ich dieselben Triebe,

Und sie war mein höchstes Glück.

Bald werd’ ich mein Schicksal lesen

In den sanften Himmelsblicken,

Wird ihr Lächeln mich entzücken,

Kehrt die Blüthenzeit zurück.

Siebente Scene.

Der König und sein Gefolge, dann Anna mit Damen und Dienern, Percy, Hervey und Leibwache.

KÖNIG.

Wie, schon so früh entflohen

Heute der Ruhe?

ANNA.

Viel stärker war das Streben,

Meinen König zu sehen,

Nach manchem Tage, als Bedürfniß der Ruhe.

Mag meine Sehnsucht mein Erscheinen vertreten.

KÖNIG.

Wohl manche schwere Sorge

Hab’ ich getragen, doch waren stets die Gedanken

Zu Dir gewendet, und nicht eine Stunde

Bist Du entgangen dem aufmerksamen Auge. –

Lord Percy hier?

ANNA.

Was muß ich sehen! er ist es!

KÖNIG.

Kommet mir näher!

PERCY.

Gebieter!

KÖNIG.

Schnell kehrt Ihr wieder –

PERCY.

Nicht zögern wollt’ ich, o König!

Einen Augenblick länger, Euch auszusprechen,

Was ich dankbar empfinde, und eilend nah’ ich

Zu Euren Füßen, die Treue Euch zu schwören!

Die Hand, die mich verbannte, und mich wiedergegeben

Dem Vaterlande, laßt mich sie küssen!

KÖNIG.

Ich weiß, daß Ihr schuldlos –

Von Eurer Treue bin ich überzeugt.

Die mit Euch erwachsen, mit Euch erzogen,

Sie kannte des Herzens Treue, gerne glaub’ ich,

Was Anna sagt.

PERCY.

Anna?

ANNA.

Kaum wag’ ich aufzublicken!

PERCY.

Diese Worte, darf ich sie glauben?

Habt Ihr mich nicht ganz vergessen?

ANNA.

Nimmer wollte England glauben,

Daß Ihr Euch so schwer vergessen.

KÖNIG.

Ja, Eure Treue wird sich bewähren,

Ihr Vertrauen wird Percy ehren;

Schwer hat man Euch angeklagt,

Sie allein vertraute Euch!

PERCY.

Diese Güte!

ANNA.

Erhebt Euch! – nicht weiter!

ROCHEFORT.

Er vergißt sich!

KÖNIG.

Hervey!

HERVEY.

Gebieter!

ANNA.

Ach, ich fühle mein Herz erbeben,

Seh’ ich fließen seine Thränen,

Nimmer endet dieses Sehnen,

Nimmer endet diese Pein.

PERCY.

Ach! ich fühl’ ein neues Leben,

Nein, sie hat mich nicht vergessen,

Und ihr Herz, das ich besessen,

Bleibet auch für immer mein.

ROCHEFORT.

Wahnsinn ist es zu ihr zu heben

Deine Hoffnung, ist eitles Streben,

Dich bewacht, ich seh’s mit Beben,

Jeder Blick zu meiner Pein.

KÖNIG.

Mein Vertrauen sey Dir gegeben,

Seine Schritte wirst Du erspähen,

Und kein Blick darf Dir entgehen,

Dann sollst Du mein Rächer seyn.

HERVEY.

Ja, ich schwör’s bei meinem Leben,

Ruhig dürft Ihr auf mich vertrauen.

Wird mein Herr auf mich jetzt bauen,

Soll er bald befriedigt seyn.

KÖNIG.

Da Ihr nun dem Vaterlande

Und dem Hof’ zurückgegeben,

Schließ’ ich fester noch die Bande,

Meine Gunst soll Euch erheben.

PERCY.

Eure Gnade zu erreichen

Laßt mich einem Bessern weichen,

Und kaum könnt’ ich –

KÖNIG.

Nein, nein, ich will es,

Stets um mich soll Percy seyn,

Laßt die Jagd uns nun vergnügen!

Anna! lebt wohl! –

ANNA.

O welche Pein! –

ALLE.

Dieser Tag, so schön begonnen,

Sey mit froher Lust gekrönt,

Haben Beute sie / wir gewonnen,

Fröhlich dann das Horn ertönt.

ANNA. PERCY.

Dieser Tag, so schön begonnen,

Schimmert ernst auf meine Bahn.

KÖNIG.

Meine Beute ist gewonnen,

Keine Macht sie retten kann.

Achte Scene.

Kabinet im Schlosse.

SMETON allein.

Ja, einsam bin ich – in anderen Gemächern

Wohl die Damen verweilen; und sollt’ auch Eine

Mich hier bemerken, weiß sie ja doch,

Daß ich durfte diese inneren Gemächer mit meiner Harfe

Nach der Königin Willen oft wohl betreten. –

Was ich im Stillen raubte, dies Bild der Geliebten,

Leg’ ich zurück, eh’ man entdecket meiner Kühnheit Frevel,

Nur einmal noch will ich küssen diese himmlischen Züge.

Leb’ wohl nun, du Heißgeliebte, die meines Herzens Schläge

Hier in dem Bildniß mir zurückgegeben. Lebe wohl!

Hör’ ich nicht geh’n? – es naht sich hier

Jemand dem Gemache – fort ohne Weilen.

Neunte Scene.

Anna. Rochefort.

ANNA.

Schweige, ich will nicht hören

Die gefährliche Bitte.

ROCHEFORT.

O laß ihn kommen

Den Tiefbetrübten, nicht darfst Du fürchten,

Daß ihn Gefahr hier bedrohet; doch fürcht’ ich wohl für Percy,

Wenn Deine kalte Strenge, des Herzens Qualen

Die Sinne ihm verwirren.

ANNA.

Weh’ mir, ach warum mußt’ ich ihn wiederseh’n! –

Wohlan! er komme! Du wache über uns,

Daß Niemand sich hier nahe,

Der mir nicht treu ergebenö.

ROCHEFORT.

Beruhige Dich!

Ab.

Zehnte Scene.

Anna. Smeton.

SMETON.

Nicht kann ich fliehen!

ANNA.

Warum gewährt’ ich, ich sollte nimmer ihn seh’n,

Ihn streng’ vermeiden; ach, konnte ich

Ihn durch Strenge kränken,

Der noch lebet in diesem Herzen?

Elfte Scene.

Percy. Anna.

ANNA.

Er ist es! – Ich bebe! ich zitt’re!

PERCY.

Anna!

ANNA.

Ach, Richard!

Nicht lange darfst Du weilen,

Vorsicht und Stille! Vielleicht muß ich bereuen

Meine gebrochene Treue. Ich büße,

Du siehst es, ja ich büße mit Strenge.

Meinem Stolze ward Englands Krone,

Und doch mit Dornen umwunden.

PERCY.

Ja, ich seh’ Deinen Kummer; Dir ist vergeben,

Der eigne Schmerz entschwindet,

Denk’ ich des Deinen, nicht kann ich zürnen, ich vergesse,

In Deiner Nähe die frühern herben Leiden,

Ja, sie weichen Deinem Himmelsblicke,

Wie nach Wellen und Sturm die Hoffnung leuchtet,

Alles will ich vergessen. Aus Deinen Augen

Strahlt mir mein Stern entgegen.

ANNA.

Nimmermehr, nicht solche Worte! Was kannst Du hoffen?

Vergessen hast Du die Bande und meine Schwüre.

PERCY.

O sprich nicht aus, nicht denken

Will ich es mehr, ja nur Anna kenne ich,

Und Richard erkennst Du nimmer, der Dich geliebet,

Der lieben Dich gelehret, dem Du sein Alles,

Der Dich zurück begehret? Der König hasset Dich?

ANNA.

Er haßt mich; es ist wahr!

PERCY.

Wohl, ich geh’, doch wiedersehen,

Muß ich Dich, versprich es! schwöre!

ANNA.

Nein, nie mehr!

PERCY.

Nie mehr? So ende

Sich mein jammervoll Geschick!

ANNA.

Ach! halt’ ein! Du rasest!

Zwölfte Scene.

Vorige. Smeton.

SMETON.

Entsetzen!

ANNA.

Güt’ger Himmel!

PERCY.

Von mir zurück!

ANNA.

Hallet ein! o haltet! wir sind verloren!

Hört! man naht sich! Ach! ich vergehe!

Dreizehnte Scene.

Die Vorigen. Rochefort.

ROCHEFORT.

Theure Schwester!

SMETON.

Deine Sinne schwinden!

ROCHEFORT.

Der König naht!

SMETON.

O Gott!

Vierzehnte Scene.

Die Vorigen, der König und Hervey.

KÖNIG.

Was seh’ ich?

In der Königin Gemache

Muß ich bloße Schwerdter seh’n!

Schnell herbei!

Fünfzehnte Scene.

Vorige, Ritter, Damen, Pagen, Wachen, dann Johanna.

PERCY.

O bitt’res Schicksal!

CHOR.

Hier sind wir!

SMETON. ROCHEFORT.

Was wird geschehen?

KÖNIG.

Jeder schweigt, von Angst beklommen,

Doch vermuth’ ich, was geschehen,

Und der König mußte kommen,

Seine Schande hier zu sehen!

Alle seyd Ihr hier nun Zeugen

Von dem schnöden Hochverrath!

SMETON.

König! o König! ich muß schweigen,

Doch geschah nicht Frevelthat!

KÖNIG.

Wie, Du wagst es? In Deinen Jahren

Schon ein Meister schlauer Lügen?

SMETON.

Tödtet mich, doch, unerfahren,

Kann ich nimmer Euch betrügen!

KÖNIG.

Ha! was seh’ ich?

SMETON.

O Gott!

KÖNIG.

Dies Bildniß?

Kaum kann ich den Augen glauben,

Dieses Bild hat Dich gerichtet,

Und bezeuget Dein Vergeh’n.

PERCY.

Anna! Ihr Bildniß!

SMETON.

Ich bin vernichtet!

ANNA.

Ach, wo bin ich? Was ist geschehen?

Zum Opfer auserkohren

Hat mich des Schicksals Tücke,

Wohin ich immer blicke,

So les’ ich nur Verdacht;

Doch, was ich Dir geschworen,

Hab’ ich auch treu bewacht.

KÖNIG.

Nur falsch hast Du geschworen;

Hier stehst Du Deine Schande!

Zerrissen sind die Bande.

Folge des Schicksals Macht,

Denn bald bist Du verloren,

Bewährt sich mein Verdacht.

PERCY.

O, wär’ ich nie geboren!

Sie konnte mich betrügen?

Mit diesen Engelszügen!

Wie schwer bin ich erwacht!

Das Höchste ist verloren!

Bald ist mein Lauf vollbracht.

JOHANNA.

Weh’ mir, sie ist verloren!

Ich seh’s in seinen Blicken.

Nicht kann ich unterdrücken

Die Angst, die hier erwacht. –

O wär’ ich nie geboren!

Wird so mir Thron und Macht?

SMETON. ROCHEFORT.

Weh’ mir, sie ist verloren!

Kaum kann ich es ertragen!

Vergebens sind die Klagen!

Zu schwer ist der Verdacht!

O wär’ ich nie geboren!

Mich trifft des Schicksals Macht.

KÖNIG.

Schnell in den Kerker führet sie

Alle, zu dieser Stunde!

ANNA.

Alle? – Mein König! –

KÖNIG.

Fort von hier!

ANNA.

Ach! nur ein Wort!

KÖNIG.

Von hinnen!

Nicht ich, des Landes Richter nur,

Sie sollen Recht Dir sprechen.

ANNA.

Richter, für Anna?

Für Anna den Kerker?

PERCY. SMETON. ROCHEFORT.

Für Anna?

ANNA.

Ach, mein Tod ist schon beschlossen,

Wenn mich der zu richten waget,

Der mich selber angeklaget,

Der Gewalt erliege ich!

Aber wenn mein Blut geflossen,

Rächet einst das Schicksal mich!

KÖNIG.

Ja, Dein Tod ist schon beschlossen,

Denn man müßte mich verhöhnen,

Sollte ich Dich schuldlos wähnen,

Der Verdacht verdammet Dich.

Hat das Recht Dein Blut vergossen,

Dauert dennoch Anna mich.

PERCY. JOHANNA. SMETON. ROCHEFORT.

Ja, ihr Schicksal ist beschlossen,

Rimmer kann sie ihm entgehen,

Keine Rettung mehr erspähen.

Strenge rächt der König sich.

Doch wird Annens Blut vergossen,

Rächt es einst sich fürchterlich.

CHOR.

Ja, das Schicksal hat’s beschlossen,

Und gehorsam seinem Willen

Alle Schrecken sich enthüllen,

Jeder Hoffnungsstrahl entwich.

Wird der Unschuld Blut vergossen,

Rächt es einst sich fürchterlich.

Zweiter Aufzug.

Vorgemach.

Erste Scene.

Wachen. Damen.

CHOR DER DAMEN.

Schnell nun entschwand der Königin

Der Glanz, der sie umgeben,

Und Kummer nur ist ihr Gewinn,

Gefahren sie umschweben.

Ja selbst Johanna bleibet fern,

Die sie so sehr geliebt,

Doch leuchtet auch ihr böser Stern,

Fühlt sie des Schicksals Walten.

Wir wollen mit ergeb’nem Sinn

Fest uns’re Treue halten.

Nicht fliehen wir die Königin,

Wenn sich ihr Stern auch trübt.

Zweite Scene.

Anna und die Vorigen. Hernach Hervey mit Wache.

ANNA.

Ihr, meine Lieben,

Seyd mir getreu geblieben.

An Eurem Herzen sind’ ich Ruhe,

Noch leuchtet mir die Hoffnung,

Doch sterb’ ich gern, denn diese Erde,

Sie bietet mir nur Schmerz und Kummer

Nach eitlen Träumen.

Wer naht sich? Hervey!

HERVEY.

Königin! hart ist der bitt’re Auftrag

Vom hohen Rathe, den Pflicht mir gebietet.

ANNA.

Wohlan, vollende!

HERVEY.

Die Damen Deines Hofes.

Sie sollen zeugen.

DIE DAMEN.

Hoffe!

ANNA.

In seinem Wahn beharr’t der König noch?

Wie kann er glauben, was mit Abscheu mich erfüllt?

HERVEY.

Was kann ich sagen?

ANNA.

Mit offener Stirne

Den Richtern, die Gewalt mir gesetzt,

Kann ich mich zeigen; daß schuldlos Eure Herrin,

Mag Euer Mund bekennen. Ihr kennet Anna!

DIE DAMEN.

O bitt’re Stunde!

ANNA.

Gehorchet!

Hervey und die Damen ab.

Dritte Scene.

Anna. Dann Johanna.

ANNA.

Himmel! dir ergeb’ ich mich gerne,

Ich fleh’ zu dir, beschließe!

Verdien’ ich diese Schande, richte mich mild!

Du kennst dieses Herz, o Himmel!

JOHANNA.

Anna in Thränen? Kaum wag’ ich mich

In ihre Nähe!

ANNA.

Schwer rächet

Die Qualen seiner früheren Gattin

An mir nun ein ernst Geschicke!

Doch kann ich kaum ertragen

Die Schmach, die mir bestimmt

Des Schicksals Walten!

JOHANNA.

Ach, meine Königin!

ANNA.

Seymour! Du kehrest wieder an dieses Herz zurück?

So blaß, in Thränen? Du scheinst verwirrt?

Bebest? – Aus Deinem Munde

Hör’ ich wohl neue Schrecken?

JOHANNA.

Der Kummer, Entsetzen,

Treibt mich zu Deinen Füßen, o hör’ mein Flehen;

Fürchte des Königs Ausspruch, nimmer wird er Dich schonen.

Mit stillem Beben, wird das Gericht,

Gehorchend seinem Willen,

Diese Schmach nun erfüllen;

Und selbst Dein Leben kann sein Haß Dir nun rauben.

O fliehe! entflieh’ aus diesem Lande!

ANNA.

Erkläre, fasse Dich!

JOHANNA.

Es sagen? ich zitt’re!

Doch mußt Du’s hören. Wirst schuldig Du erklärt,

Bist Du verloren; man raubt Dir Thron und Leben!

ANNA.

Was sagest Du?

JOHANNA.

Das Schicksal,

Das Dich verfolget, hemmet Dir jeden Ausweg,

Wenn Du nicht fliehest.

ANNA.

Du kannst mir solches rathen?

Du kennst mich nicht!

JOHANNA.

Ach! glaube mir!

ANNA.

Du willst,

Daß ich mit Schmach mich bedecke, und Du, Seymour,

Du kannst mir dieses rathen?

JOHANNA.

Nur Schmach und Schande

Dich hier erwartet. O Königin, erfülle meine Bitte!

Es ist des Königs Wunsch, es ist die Bitte

Der Unglücksel’gen, die des Königs Liebe

Will auf den Thron erheben.

ANNA.

Sprich, wer ist sie?

Ja, Du weißt es! o rede! sie könnt’ es wagen,

Zu rathen ihrer Königin – Entehrung,

Die ich mir selbst soll geben? – rede – wer ist sie?

JOHANNA.

Unglücklich ist sie!

ANNA.

Was ich durch sie geworden!

Mag des Vorwurfs Schlangenbissen

Sie im Thronesglanz erliegen!

JOHANNA.

Ach! Du weißt nicht –

ANNA.

Von Schmerz zerrissen

Soll sie nimmer den Gram besiegen.

JOHANNA.

Ach, verzeihe!

ANNA.

Auf dem Throne

Werde ihr die Dornenkrone!

Wenn vor Liebe wonnetrunken

Er in ihren Arm gesunken,

Werde Marter ihrem Glücke,

Mein Gespenst mit starrem Blicke!

Und das Beil, das mich erschlagen,

Schwing’ ich in der kalten Hand.

JOHANNA.

Ach! welche Bilder! ich sterbe! – Entsetzen! –

Mein Geschick – hast Du – genannt!

ANNA.

Du?! was hör’ ich?!

JOHANNA.

Sieh’ mich hier zu Deinen Füßen!

ANNA.

Wie? Verworf’ne!

JOHANNA.

Bitt’res Wehe

Füllt den Busen – und mein Gewissen!

ANNA.

Fliehe! –

JOHANNA.

Ach, hab’ Erbarmen! –

Gieb ein tröstend Wort mir Armen!

Seinen Worten, seinem Flehen

Konnt’ ich nimmer widerstehen!

Daß ich liebe, ist meine Schande,

Und Verbrechen sind die Bande,

Dennoch fühl’ ich, die schuld’ge Liebe

Will nicht weichen aus der Brust!

ANNA.

Schweige! – Nur seine Triebe

Sie entflammten Deine Brust.

Deiner Reue will ich vergeben;

Nimmer wirst Du ihm entgehen,

Auf den Thron wird er Dich heben,

Und Du wirst beglückt Dich sehen;

Doch bald endet sein Entzücken,

Und Dir bleibet Schmerz und Pein,

Nur die Todtenblume pflücken

Wirst Du dann – und Anna seyn!

JOHANNA.

Hat Dein Herz mir auch vergeben,

Kann ich nicht dem Gram entgehen,

Nicht der Thron kann mich erheben,

Muß ich Dich verstoßen sehen.

Nie entschwinden meinen Blicken

Deine Qualen, Deine Pein.

Nie wird Liebe mich beglücken,

Immer werd’ ich elend seyn.

Ab.

Vierte Scene.

Hofleute, später Hervey.

HOFLEUTE 1.

O sagt, wer vor den Richtern jetzt

Von den Beklagten stehet?

HOFLEUTE 2.

Smeton!

HOFLEUTE 1.

Vielleicht der Jüngling wohl

Die Wahrheit eingestehet.

HOFLEUTE 2.

Geschlossen sind die Pforten noch,

Ernst ist der Augenblick.

ALLE.

Wache, o Himmel, über ihn!

Jung noch, und unerfahren,

Wie leicht giebt er sich den Schlingen hin,

Schweben um ihn Gefahren.

Mag er vergessen nimmer doch

Der Königin Geschick!

ALLE.

Stille! merkt auf!

HERVEY.

Die Königin

Und Percy vor Gericht!

CHOR.

Und Smeton?

HERVEY.

Hat angeklagt!

CHOR.

Der Schändliche!

Hat gegen sie gesprochen?

HERVEY.

Was er den Richtern eingestand,

Hat sie mit Schmach bedeckt.

CHOR.

Des Königs Haß bestrafet nun,

Was der Verrath entdeckt.

Fünfte Scene.

Der König, die Vorigen.

HERVEY.

Entfernt Euch! – Seht den König! –

Was hat, o König,

Dein Zorn beschlossen?

KÖNIG.

Was meine List geleitet,

Ist schon erfüllet, der erste Streich gelungen:

Wer ihn geführt – frohlocket!

HERVEY.

Schnell fiel der Page

In unsre Schlinge!

KÖNIG.

Im Kerker mag er erwarten

Der blinde Knabe die Frucht des falschen Wahnes,

Bis wird die Stunde schlagen,

Die meine Rache krönet, und sie zu retten

Mag er noch glauben. – Doch, sie erscheinet.

HERVEY.

Mit Anna, von der Wache gefolgt.

Auch Percy naht. –

KÖNIG.

Von hinnen!

Sechste Scene.

Anna und Percy von Wachen umgeben. Vorige.

ANNA.

Verweile, o König! –

Verweile, und höre!

KÖNIG.

Das ziemt den Richtern!

ANNA.

Sieh’ mich zu Deinen Füßen! tödte mich durch

Deine Hand!

Wohl magst Du mich entheben der Schande des Gerichts,

Des Königs Name in mir geachtet werde!

KÖNIG.

Hast Du geachtet auch wohl die Königin?

Von meiner Seite stiegst Du zu diesem nieder.

PERCY.

So sehr verachtet hast Du Percy wohl nicht,

Als Du erschienst, kühn ihm zu rauben,

Die mir auf ewig theuer!

KÖNIG.

Verweg’ner! Du wagst es?

PERCY.

Der Wahrheit Sprache mußt Du hören!

Bald werd’ ich nun erscheinen vor jenem Richter,

Dem die Deinen weichen, der mich richtet

Nach meinem Herzen. Bei Jenem schwör’ ich,

Ich schwöre es! Anna, rein ist sie geblieben!

Ja, tief empört, hat sie mir streng verwiesen

Des Herzens Wünsche, ich schwör’ es!

KÖNIG.

Werth fand sie ihrer Liebe einen niedern Pagen.

Er hat’s gestanden, und viele der Damen

Ihres Hofes.

ANNA.

Ende! die frevelhafte Klage

Erhebet meine Würde, denn selber hast Du

Den Pagen wohl verführt, mich anzuklagen.

Ja, von Dir nur kommt der Frevel.

KÖNIG.

Du kannst es wagen, Verweg’ne!

ANNA.

Du schändest

Dich allein und Deine Macht. Tödten

Kannst Du die Gattin, doch nicht verhöhnen,

Und meine Schande ist nur, daß ich entsagte

Dem Herzen Percy’s, das mich zärtlich geliebt.

Und daß ich glaubte, das Glück bei Dir zu finden,

Der mir nur Schmach jetzt beut.

PERCY.

O welche Wonne!

Nein! nie hat solcher Frevel

In diesem Herzen wohl Raum gefunden.

Ich kenne Anna! und freudig

Mit diesem Glauben geh’ ich dem Tod’ entgegen!

Doch Du wirst leben, ja, Du wirst leben!

KÖNIG.

Was hör’ ich?

Bald sollt Ihr Beide sterben!

Was könnte Euch noch retten?

PERCY.

Das Recht allein!

ANNA.

Gerechtigkeit

Trägt hier Tyrannenketten.

KÖNIG.

Wohl müßte sie hier schweigen,

Schüchtern vor Dir sich neigen,

Als Aragoniens Tochter

Du von dem Thron verdrängt?

Doch laut soll sie nun sprechen!

PERCY.

Magst Du sie hören, wenn sie ihr Loos verhängt!

Soll der Verrath bestrafet seyn,

Magst Du den Tod mir geben;

Doch sey das Opfer ich allein,

Schone nur Annens Leben! –

Wir sind vermählt!

KÖNIG.

Was hör’ ich?

ANNA.

Was sagst Du?!

KÖNIG.

Du wagst es?

PERCY.

Das Band hast Du gebrochen,

Ich ford’re sie zurück!

KÖNIG.

Ist’s wahr, was er gesprochen?

ANNA.

Percy!

PERCY.

Kannst Du’s leugnen?

ANNA.

Mißgeschick!

PERCY.

Denke der ersten Jugendzeit,

Die stets mein Trost geblieben,

Selbst als Du mir die Treue brachst –

Mußt’ ich Dich dennoch lieben.

Der, dem Du Dich ergeben,

Raubt Dir nun Ehr’ und Leben,

An diesem treuen Herzen

Suche Dein früheres Glück!

ANNA.

Ach! wie beschämt Dein Edelmuth!

Treu bist Du mir geblieben! –

Verworfen hab’ ich, Verbrecherin,

Den stets ich mußte lieben.

Getrennt von Dir, mein Leben,

Hat mir der Thron gegeben

Neue und bitt’re Schmerzen –

Für meiner Liebe Glück!

KÖNIG.

Schwer sey die Strafe, und strenger noch

Will ich die Rache nun üben –

Vergebens wagt Ihr zu täuschen mich,

Frevel habt Ihr getrieben.

Bald sollet Ihr erbeben,

Und Eure falschen Herzen

Vereint ein ernst Geschick.

Wohlan! man führe sogleich

Vor Gericht die Königin!

Bald werd’ auf den Thron ich heben,

Die nur würdig allein ihn zu zieren.

Kron’ und Leben mag die Falsche verlieren,

Die nur Schande und Hohn mir gebracht.

ANNA. PERCY.

Wohl kannst Du den Tod uns geben,

Magst Du Dich mit Schmach bedecken,

Kron’ und Leben mit Schande beflecken –

Doch auf Dich fällt der schnöde Verdacht.

Siebente Scene.

Die Vorigen, Hervey.

HERVEY.

Für Euch mit froher Kunde

Hier ich erscheine; schenken will Euch das Leben

Des Königs Huld!

PERCY.

Leben? für uns Beide? und Anna?

HERVEY.

Die Strafe des Verbrechens

Wird sie erleiden.

PERCY.

Und mir will er vergeben,

Und sie bestrafen, die schuldlos? der Frauen Zierde

Will er morden! – Schnell magst Du künden dem König,

Daß ich verwerfe die mir geschenkte Gnade!

HERVEY.

Was hör’ ich! – Und Rochefort?

ROCHEFORT.

Folgt seinen Lieben zum Tode!

PERCY.

Höre doch des Freundes Bitte!

Willst Du ihre Leiden mehren?

Lebend scheide aus uns’rer Mitte,

Und erfülle, was wir begehren!

Denke trauernd an Deine Lieben,

Die im Tode sich vereint,

Daß doch Jemand hier geblieben,

Der an unserm Grabe weint!

ROCHEFORT.

Theurer Freund! laß mich Dir folgen!

Dich entbehren kann ich nimmer.

HERVEY.

Eure Antwort?

PERCY. ROCHEFORT.

Entweiche! – Wir sterben!

HERVEY.

Ihr müßt scheiden!

ROCHEFORT.

Leb’ wohl dann – auf immer!

PERCY.

Les’ ich Muth in Deinen Blicken,

Kann gefaßt ich von Dir scheiden,

Denn ich litt nur Deine Leiden,

Bebte nur für Dich allein!

Ja, der Tod wird uns beglücken,

Denn er endet alle Qualen;

In des Morgenrothes Strahlen

Grüßet uns ein bess’res Seyn!

Alle ab.

Achte Scene.

Anna’s Damen.

CHOR.

Wer sie erblicket in ihren Leiden,

So fest und ruhig, so still, bescheiden;

Der steht verbluten ihr edles Herz.

Ein steinern Bildniß nur glaubt man zu sehen,

Dem Marmorthränen im Auge stehen.

Verwirrt lächelt sie mit blassem Munde,

Bebend erwartet sie die Schreckensstunde;

Wenn der Gedanke sich zum Bild’ gestaltet,

Spricht die Verzweiflung aus ihrem Schmerz.

Neunte Scene.

Anna, Vorige.

ANNA.

Ich seh’ Euch weinen? woher die Thränen am Hochzeitstage,

Bei Hochzeitfreuden? Der König harret, geschmücket

Steht er schon am Altar. Schnell, meine Lieben,

Bringt die bräutlichen Kleider! Die Stirne schmücket

Mit der Krone von Rosen –

Daß Percy nichts erfahre! so will’s der König.

CHOR.

Welch’ bitt’re Erinnerung!

ANNA.

Wer sprach von Percy?

Percy kommt nicht zurück; sollt’ er erscheinen,

Müßt’ ich fliehen seine Blicke, vergebens hier ist er!

Wie er zürnend auf mich blickt! – Ach, verzeihe!

Sieh mich elend geworden! rette mich aus schweren,

Aus eisernen Banden! – Ja, Du lächelst? O Wonne!

Nicht einsam wird Deine Anna nun sterben!

Laß mich an Deiner Hand

Dort wieder leben,

Wo mich im Heimathland

Träume umschweben

Von meiner Jugend

Seligem Glück.

Dort wird die Gegenwart

Leise entschwinden,

Dort Ruh’ und Lebensglück

Sich wieder finden,

Ach hör’ mein Flehen,

Führ’ mich zurück.

Zehnte Scene.

Vorige. Wachen. Hofleute. Herren.

ANNA.

Welch dumpfer Ton! – Was seh’ ich?

Hervey und Wachen!

HERVEY.

Oeffnet! und führet die Gefang’nen

Nun fort zu ihrer Strafe!

ANNA.

Ach! in welcher Stunde

Schwindet der Wahnsinn! ganz soll ich ihn fühlen

Den Augenblick des Schreckens!

Letzte Scene.

Vorige. Rochefort, Percy, zuletzt Smeton

PERCY. ROCHEFORT.

Anna! –

ANNA.

Mein Bruder!

Und Percy Du! – Für mich müßt Ihr nun sterben!

SMETON.

Allein nur durch meine Thorheit! – Mich nur verdammet!

ANNA.

Smeton!

PERCY.

Verworf’ner!

SMETON.

Ach! wohl verworfen! ich sterbe

Mit Verbrechen beladen! im Wahne fiel ich,

Verführt vom König, in diese Schlinge, und glaubte

Euch zu erretten, da Lüge ich gesprochen;

Doch zu spät nun erkenn’ ich dies Truggewebe!

Da ich nur glaubte, die Hoffnung meines Herzens

Trifft der Fluch mich am Grabe.

ANNA.

Smeton – Du bist es? –

Knieend – verweilst Du? Wo hast Du Deine Harfe?

Wer riß Dir Deine Saite?

ROCHEFORT.

Anna! –

PERCY.

Was sagst Du!

CHOR.

Ihr Wahnsinn kehrt zurück.

ANNA.

O hört dies Tönen in meinem Herzen,

Dies ängstlich leise Stöhnen in Todesschmerzen!

Der letzten Stunde Beben erhebt zum bess’ren Leben

Mich bald empor! O hört dies Tönen –

ROCHEFORT. PERCY. SMETON.

O bitt’rer Schmerz!

CHOR.

Die Arme!

ANNA.

Bald schwingt die bange Seele sich

Hinauf in’s bess’re Leben,

Die Hoffnung steht am Grabesrand,

Strahlend im Himmelsglanz.

CHOR.

O mag, vom Wahn befangen,

Sie sanft hinüber schweben!

Ein Himmelsbote winde ihr

Den letzten Blumenkranz!

ANNA.

Wer erweckt mich? – wo bin ich, Percy? – sagt, was hör’ ich? –

Festesklänge hör’ ich schallen, was deuten diese Töne?

CHOR.

Von dem Jubel des Volkes umgeben

Wird gekrönt –

ANNA.

Ach schweiget! verstummt!

Nur mein Blut muß vergossen noch werden, –

Und erreicht hat der Frevel sein Ziel!

CHOR.

Wenn die Hoffnung verschwindet auf Erden,

Lohnt dem Dulder das himmlische Ziel!

Auf ihn vertraue!

ANNA.

Wahn entschwinde, der Himmel versöhnet. –

Ihn nur seh’ ich, in dieser Schreckensstunde!

Ward mein Schmerz auch auf Erden verhöhnet,

Deckt das Grab doch die blutende Wunde,

Und der Lohn wird dort oben mir werden,

Bald erreich’ ich das strahlende Ziel!

CHOR.

Unglücksel’ge! sie sinkt, sie stirbt!

ROCHEFORT. SMETON. PERCY.

Schon erreicht hat ein Opfer das Ziel!

Theodor Däubler – Das Nordlicht

Das Nordlicht (Florentiner Ausgabe) von Annette von Theodor Däubler als EPUB downloaden

Theodor Däubler

Das Nordlicht

Florentiner Ausgabe

Erster Theil

Das Mittelmeer

Prolog

Es sind die Sonnen und Planeten, alle,

Die hehren Lebensspender in der Welt,

Die Liebeslichter in der Tempelhalle

Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet,

Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt,

Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet,

Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;

Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,

Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,

Er sehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nackt gelichtet,

Durch Glut und Glück belebt sich der Planet,

Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,

Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,

Wird Leben auch sofort entflammt,

Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,

So weiß das Leid, daß es dem Glück entstammt.

So muß die Erde uns mit Lust gebaren,

Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,

Können doch Sterne uns vom Grund belehren

Und sagen, daß kein Liebesband zerreißt.

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben,

Es ängstigt uns das Alter und der Tod,

Drum wollen wir an einen Anfang glauben

Und schwören auf ein ewiges Urgebot.

Doch ist die Ruhe blos ihr Ruheleben,

Nichts ist verschieden, was sich anders zeige;

Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben,

Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre,

Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwuth,

Und blos der Geist ist da, daß er beharre,

Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern

Und sie umrundet drum den eigenen Kern,

Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern,

Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Es mag die Welt das Weiteste verbinden,

Der Geist jedoch, der aus sich selber drangt,

Kann solche Riesenkreise um sich winden,

Daß überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden,

Doch da sich Ewiges jedem Fiel entreißt,

Entlösten Sterne sich von Sternesbanden,

Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen,

Blos Liebe ohne Zweck und ohne Ziel,

Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,

Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,

So hätte Eine Welt sich aufgebaut,

Und traumlos würden Geister heller Schollen,

Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

Ich sah einmal in einen Regenbogen,

Er schien mir aller Stürme stilles Thor,

Dann ward ein Karren plötzlich durchgezogen,

Es zerrten Büffel ihn stets weiter vor.

Es gingen diese Thiere selbst des Weges,

Längst hatte sie der Mensch für sich betäubt,

– Es hieß das noch etwas, – wers kann, erwäges –:

Ich sah hinweg, ins Licht, das nie zerstäubt!

Oh weiße Sonne, Deine goldenen Strahlen

Berauschen und erwecken meinen Geist,

Du bist die Arbeit, und mit heiligen Qualen

Trifft Dein Gebot mich, wenn das Herz vereist.

Was Du bedeutest, Sonne, ist der Seele,

Auf dieser Welt, am innigsten verwandt,

Es ist, als ob die Glut den Kern entschäle,

Denn mein Erbarmen gibt mir selbst Bestand.

Ich bin so blos wie Du, geliebte Sonne,

Und wo ich nackt bin, herrschst Du über mich,

Und folg ich Dir, so ist das reinste Wonne,

Denn Dein Gebot ist mir ganz wesentlich.

Ja, meine Freiheit sind die Weltgesetze,

Der Geist ist Überkraft ihres Vereins,

Dort bin ich tief wie ungehobene Schätze,

Ein Theil des allerjüngsten Eigenseins.

Es kann mein Geist entsetzlich sich ereifern,

Denn alles, was in ihm sich selbst bestimmt,

Wird durch die Schatten, die ihn blaß umgeifern,

Da sie veraltern und zergehn, ergrimmt.

In mir erglimmt die allerreinste Weiße,

Ein Licht, das mich in Sonnentreffen ruft!

Es klirrt beinah: »Was Dich beengt, zerreiße!«

»Ihr Urlichttiefen, schützt, was Ihr erschuft!«

Ich habe jetzt die Welt in mir empfunden

Und langsam überdenk ich, was geschah;

Ich konnte mich, mir selber, klar bekunden,

Ich war als Schöpfer mir Geschöpf ganz nah!

Jetzt weiß ich auch vom Grund der Himmelsdinge,

Die Erde trägt im Kern ihr Sonngebot,

Befiehlt das Licht es, sprengt sie Felsenringe,

Und was verstumpfte zeigt sich goldumloht!

Versucht die Schöpfung in den Raum zu drängen,

Denn zeitlich faßt ihr nicht das WeltenEi.

Und wißt, wo Sterne in einander hängen,

Erkennt das Urlicht sich und schöpft uns frei.

Wo sich die erste Weltenweiße spaltet

Und plötzlich in ihr Urereigniß tritt,

Erscheint der Tag, den sie geheim verwaltet,

Und rollt sein Schweigen in die Sphären mit.

Die Sonne wahrt ihr Wesen stets am hehrsten

Und hat es still der Erde anvertraut,

Die schimmert nun am Pol, wo sie im Leersten

Der Einheit helles Urgebot erschaut.

Der weiße Erdenkelch, der dort ersprossen,

Beweist der Welt, daß der Beschluß

Der Dinge, die sich tief in sich ergossen,

Sich unabwendlich ernst ereignen muß.

Wie es vom Licht die Erde überkommen,

So hegt sie ihr Geschick im eigenen Kern,

Und ist im Menschen das Vertraun verglommen,

Wird sie sofort ein goldener Rachestern.

Auf unserer Freiheit, unserm Innerlichte,

Beruht der Erde stille Schaffensglut,

Doch furchtbar geht die Sonne zu Gerichte,

Beherrscht sie nicht ein geistiger Erdtribut.

Die Erde treibt im Norden tausend blaue Feuerblüthen

Und übermittelt ihren Sehnsuchtstraum der Nacht,

Drum soll der Mensch auch seinen Flammenkelch behüten,

Wenn er, durch ihn belebt und lichterfüllt, erwacht.

Fürwahr, es sind die Gluthanschürer Gärtnerschaaren

Von einer langbegrabenen, auferstandenen Pracht,

Versteinte Wälder wollen sich uns offenbaren

Und Pilger holen sie aus finsterem Erdenschacht.

Ja, Pilger graben, wühlen sich stets mehr hinunter,

Stets tiefer in der Erdenmutter dunkles Heiligtum;

Ihr Herzschlag, ihr Gehämmerwerk, erhält sie munter,

Asketen aber sind sie zu des Urlichts Ruhm.

Auf ihrer Freiheit, ihrer Glutenkernesnähe

Beruht und tagt das ganze Dasein dieser Welt,

Sie sorgen, daß das Totgeglaubte auferstehe,

Durch sie wird jede Nacht vom Nordlichte erhellt.

So wandeln wir in wunderbaren Flammengärten,

Es thürmen Feuerlauben sich ins Grau empor,

Die fernen Drachen wurden freundliche Gefährten

Und schimmern still vor meines Weibes sicherm Thor.

Ihr Grubenarbeiter, Ergrübler freier Wunder,

Vertraut dem Irrlicht nicht, das listig Euch umschwirrt

Bleibt unbeirrte, biedere Erdenherzerkunder,

Seid Eurer eigenen Willensthiere ernster Hirt.

Der Sonne könnt ihr blos im Erdenschooße nahen,

Dort unten stoßt ihr auf den Sinn von dieser Welt,

Und auch das Licht der Dinge, die noch nie geschahen,

Wird grundbestimmt durch Euch in uns hervorgeschwellt.

Fürwahr, ich habe Tropenwälder schon im Traume,

Als Nord und Südlicht, wunderbar erblühn gesehn,

Ich fühlte Morgenröthen rings im Mittagsraume

Aus unserer Erde plötzlich kindlichrein entstehn.

Ich faßte mich und nahte manchem jungen Manne

Und lauschte gern auf seines Wesens Wirkungslied;

Ich fand ihn ganz allein und doch im Urlichtbanne,

Und sah, wie er den Kern von alten Schaalen schied.

Es schienen lauter Hände mir fast Urwaldfächer,

Ja Knospen gar, aus denen Blüthen aufgezuckt;

Und schon ihr Daseinsrausch durchsprühte Scheibendächer

Und hat mit Flammenzungen Düsterzeit verschluckt.

In Riesentreibhäusern sind die verschwundenen Wälder,

Als grüne Flämmchen und als Blüthenschein erwacht,

Der Dampf gemahnte an die heißen Nebelfelder

Von einer tiefvergrauten fernen Lebenspracht.

Und jeder Jüngling hütete die eigene Blüthe;

Sowie er kam, entzuckte sie aus seiner Hand,

Aus jedem Wirten glühte aller Kerne Güte,

Doch gleich verglomm der Glanz, sobald sein Gärtner schwand.

Mit Feuerschwertern ward die Starre aufgerieben,

Mit Samenpfeilen selbst das Eisen kühn erweicht,

Sein Blut aus seinem Wesensgrund emporgetrieben,

Die ganze kalte Weiblichkeit vom Geist geaicht.

In die Natur sind lauter Kolben vorgestoßen,

Die Walzen und die Nacken haben rings geschwitzt,

Aus Allem wühlte sich die Sehnsucht nach dem Großen,

Ein Urgewitter hat in Menschenhut geblitzt.

Nun seh ich Menschen, von der Erde selbst gehoben,

Zu ihrem Werke, wie zu einem Feste, gehn,

Und Tropenwälder, in ihr Wirken eingewoben,

In freier Sonnenluft auf unserer Erde stehn.

Nun sind sie schon der Flammenforst der Menschenseele,

Die Einheit, die sich aus der Wechselschalung samt,

Ein ganzes Weltgewitter lebender Befehle,

Das Schweigen, das uns strahlend an uns selber mahnt.

Ich sehe einen Meteor in Menschenhänden

Sich wunderfältig bilden und dem Geist entfliehn,

Ich staune nun vor lauter Feuerbränden

Und sehe zitternd einen Stern nach Norden ziehn.

Das ist ein Eisenleib, ich kann ihn klar erkennen,

Ein Werk, das in sich selbst das Erdenlicht verschließt,

Es will sich stolz von seinem Ursprungsfeuer trennen,

Oh seht, wie kühn es sich in Fremdheiten ergießt.

Jetzt träum ich nicht, die Gluthen werden blasser!

Das ist ein Riesenschiff, das kühn vom Stapel läuft;

Nun zieht es heim. Sein Wesen kennt das Wasser.

Es wird von tausend Küssen schäumend überhäuft.

Es eilt das Schiff durch seine selbstbewegten Wogen

Und flieht das Land, voll Freude an der Flut,

Doch dann bedenkt es sich und dreht in kurzem Bogen

Rasch um und weiß sich in des Meeres Hut.

Es scheint mir so ein Eisenleib eine Verheißung

Von einer geistgelenkten Meteorenwelt,

Von einer langerwägten, plötzlichen Entreißung

Der fleischgewordenen Seele, die sich lichtwärts schnellt.

Auch ich will wandern, immer weiter heimwärts schreiten,

Mein Geist wird sich im Eis von seiner Furcht befrein,

Um meinen Leib ein blonder Süden hold sich weiten,

Das Meer in meiner Seele eine Thräne sein.

Die Einsamkeit umfange mich wie eigene Flügel,

Selbst die Verzweiflung ist für mich ein kühler Wind.

Schon weiten sich ringsum der Sehnsucht goldene Hügel,

Ein fremdes Erdenglück umlächelt mich gelind.

Das ist ein Wandern, ach, ein schweres, tiefes Wandern,

Zu viele Gletscher sind bereits in mir erstarrt,

Ich bin ein Hafen, voll von sturmgepeitschten Landern,

Doch für mich selbst sind meine eigenen Pförtner hart.

Hinweg, erschallt es, fort von deinen stillen Seen,

Hinweg von deinem stahlkalten Verstand, hinweg!

Hinweg aus Buchten, wo sich Segel windlos drehen!

Wozu ein Traum an einem urbestimmten Fleck?

Ich aber schaue fort, mich zwingen stärkere Träume,

Sie bannen mich, – da stehn sie, – sehn mich an, – weh mir! –

Mein armes Ich, mein Leben, das ich stets versäume,

Aus einem Schwindelgrat sträubt sich mein Willensthier.

Ich will, ich darf nicht in die eigene Tiefe blicken,

Sie zieht mich an, sie quält mich, läßt mich nimmer los,

Ich sträube mich, beschwert mit wirklichen Geschicken,

Mein Thier, mein Nacken bleiben steif: – jetzt keinen Stoß!

Das Übel weicht zurück, ich fühl es an den Haaren;

– Was mich erschreckte, war nicht arg, doch ungewöhnt –

Das Schweigen um mich her hat viel von mir erfahren,

Ich werde irgendwo im Mittagslicht verhöhnt.

Ich kenne in mir selbst ein Thal, wo alle Bäume,

In Fliederbleiche, zu einander Grüße wehn,

Wo längsterlebte, starrgewordene Schreckensträume

Wie Gletscher über Wolken in die Tiefe sehn.

Ich liebe dieses Thal, um mich herauszusehnen,

In weißen Schlössern herrscht mein einziger Feind,

Im Weiher spielen seine Kinder mit den Schwänen

Und meine Spötter sind in Lauben laut vereint.

Ich nahe einem hohen, offenen Gartengitter,

Ich möchte mich versöhnen, doch da bellt ein Hund,

Dann eine Meute, rings umschwirrt mich Astgeknitter,

Ich laufe, Jemand ruft: Verfluchter Vagabund!

Das Thal ist lang, unendlich seine Duftalleen,

Ich stürze meinem eigenen Schrecken hilflos nach,

Dann bleib ich, wie ein Hirsch, den man getroffen, stehen,

Ich wittre, – ja, man beißt mich, ach, der argen Schmach!

Ich lebe noch, somit kann ich noch weiter leben,

»Ich bitte!« sprechen Wege höhnisch rings um mich,

Wohin? Um nicht am gelblich gleichen Fleck zu kleben –

Hinweg vom Wahn! Mein Ich, laß endlich mich im Stich!

Es geht, wenn mans vermag, und schließlich kann man helfen,

Ich wandere stiller fort und nahe einer See;

Ich siegte selbst, – hinweg sind alle Märchenelfen, –

Dort unten schweigt der große Freund von meinem Weh.

Das Meer ist grau, doch urgesund und brandet,

Um nicht der Fiebersterne Ruhebett zu sein,

Es ist der Strand von starkem Algenhauch umrandet;

Es schlürft mein Wesen sein Geheimniß lüstern ein!

Nun heißt es bauen, Schiffe bauen, Holz behauen,

Sich Segel liefern lassen, Bretter hobeln, leimen;

Auch Abends wirken; – furchtlos vor den Dämmerbrauen –,

Des neuen Leibes Rippen ohne Tadel reimen.

Nun muß ich auch zum Daseinsakrobaten werden,

Auf Riesenschleifen nieder und dann aufwärts schnellen,

Das Leben nimmer fürchten, heldisch sein auf Erden,

Verworfen werden, aber nimmermehr zerschellen!

– Den Tod verachten? – Oh, das ist bedeutend schwerer!

Den Denkern glauben? Nebenbuhler, Akrobaten!

Die Dinge selber werden immer mehr die Lehrer,

Was bleibt uns da, als eine Welt naiver Thaten?

Doch alles das bin ich, nicht meine tiefste Flamme,

Verscheucht man mich, so wird sie immer mehr erwarmen,

Ich weiß, daß ich als Geist von altem Adel stamme,

Verhöhn ich mich, so muß sie meiner sich erbarmen!

Ich will das Meer und alle offenen Religionen!

Hinweg von mir, zurück zu meinem hohen Wesen,

Verzehren muß ich mich und gar nichts darf ich schonen,

Doch da ich bin, so heiße es, im Brand genesen.

Geschick! Ein dumpfes Echo unserer toten Heiden.

Vernunft! Ein längst verfahrner, alter Räderkarren.

Der Glaube! Leider oft die Angst vor Glück und Leiden.

Begeistere Dich! So ruft es! Und ich laß mich narren!

Begeistere Dich! erschallt es durch das ganze Leben,

Es ist ein Baum seine Begeisterung, die er meistert,

Du sollst, wie er, mit festen Frühlingsblättern schweben,

Begeistere Dich! Sei schon auf Erden ganz begeistert!

Nun schweige Du als Traum; steh Welten westwärts träumen,

Doch Du geh mit der Erde ihnen ernst entgegen,

Du mußt mit Deinem Kern Dich gegen Sterne bäumen;

Sei friedlich und sei frei auf allen Deinen Wegen!

Mein klarster Strahl, nun sei bereit mit mir zu wandern,

Doch nein, ich folge Dir, Du bist bereits im Osten,

Noch seh ich Dich nicht ganz, Du räthselst noch in andern,

Drum fort, mein Schiff, Du gaukelst schon um Deine Pfosten.

Wir fahren bald den Sternen, Wind und Meer entgegen,

Dann peitscht der Sturm die Träume mir aus meiner Mähne;

Der Wahn wird sich vor meinem Willen niederlegen;

Geschicke mich umblitzen, da ich Macht ersehne!

Sei nicht verzagt, Du suchst die Freiheit jüngster Welten,

Die Erdengluth, die nordwärts strebt, um dort zu dämmern;

Doch zieh nach Süden; laß sie rufen, laß sie schelten,

Laß Du von Deinem Herzen Dir Dein Schicksal hämmern.

Doch gleich ans Werk, – sei ruhig und doch unbesonnen,

Den Abend sieh von toten Tageshelden schwärmen,

Doch Du vollende nie, was Du mit Dir begonnen,

Und reizt das Zwielicht Dich, so magst Du Dich erwärmen!

Sei heiß und heilig, wie die Liebe unserer Erde,

So eisig wie der Sterne strenge Feuerbahnen;

Verbrennt am Tagesgrab man seine Schlachtenspferde,

So mag Dichs an die Nüchternheit des Siegens mahnen.

Doch ruhst Du, ruhe jetzt, – Dich völlig zu begreifen, –

Die Nacht erscheint mit ihren längstdurchlebten Träumen,

In Deinem Tage mag ein anderes Wirken reisen,

Laß die Natur, nicht Dich, vorüberschäumen!

Es folgt am Himmelsbogen

Das Licht dem Mutterruf,

Und scheidend noch bewundert

Die Sonne was sie schuf.

Mit ihren Strahlenarmen

Aus reinem Liebesgold,

Umschlingt sie noch das Leben,

Bevor sie weiterrollt.

Aus Thälern und aus Fluren,

Bedeckt mit Waldespracht,

Dem Kleide unserer Erde,

Entrauscht die kühle Nacht.

Die losen Windesboten

Entschlüpfen dem Geäst

Und herzen einen Nebel,

Ders Tagesbett verläßt.

Der letzte Kronenschimmer

Der Sonnenelfen bricht

Und überall betrübt sich

Das bleiche Dämmerlicht.

Zeigt nimmer sich den Blicken

Der Sonne tiefste Macht,

So gleicht doch unsere Liebe

Enthüllter Sternenpracht.

Enträthselte Gefühle,

Ihr wallt zum Himmelszelt,

Und oben sehn die Sterne

In Liebe auf die Welt.

Zum Wind und Nebelreigen wehn

Rings Wiesenwische gar geschwind,

Man sieht sie durch die Fenster sehn,

Ob Träume etwa munter sind.

Halloh, da folgt ein loser Traum

Dem Schattenwink mit einem Satz

Und gibt dem Waldgespenst aus Schaum

Auf Bauch und Schenkel einen Schmatz!

Der Mond reißt seinen Silberspind

Auf einmal für die Tänzer auf,

Und manche kalte Hand von Wind

Beputzt bereits den Schemenhauf.

Das zieht sich ganz in Flitter an,

Die Nebel nicken, thut es nur,

Und glaubt, daß man uns trauen kann,

Auch wir sind Träume der Natur!

Nun schwebt mit leichtem Windestritt

So mancher Traum mit seinem Dunst,

Der Mond beleuchtet ihren Ritt

Und seine Thiere sind in Brunst.

Ein Traum wird über Feld gebracht,

Durch Haine, die noch unbewohnt;

Ein Märchen, das ein Elf erdacht,

Erzählt man ihm vom Silbermond.

Einst trug der Mond Geschöpfe,

Die wurden immer bleicher,

Denn oben kargten plötzlich

Die vollen Lebensspeicher!

Nun ist man dort verdorben;

Durch Kampfe und Entbehrung

Geschah der Mondesfluren

Entsetzliche Verheerung!

Doch es erfüllte einstens

Ein Mondvolk Sonngebote

Und ahnte kaum das Ende,

Das seinen Feinden drohte.

Die Göttin ihrer Liebe

War unsre grüne Erde,

Ihr sandte man die Träume

Und Seufzer der Beschwerde!

Jetzt giebt es oben Geister,

Doch sind sie ungeboren,

Auch ging für sie die Liebe,

Die sterblich macht, verloren!

Doch glücklich sind sie nimmer,

Sie rühren keine Hände,

Denn geht der Mond in Trümmer,

Bedroht auch sie ein Ende!

Die Nebel fliegen weiter,

Es schüttelt sie der Wind,

Die Nacht ist kühl und heiter,

Den Träumen wohlgesinnt.

Sie ziehen ihre Kreise

Und drehen sich geschwind,

Und ihre rauhe Weise,

Die pfeift der Wirbelwind.

Sie wehen um die Weiden

Der Reihe nach heran,

Und alle ihre Leiden

Erfahrt der Baum sodann.

Die Winde könnens wissen,

Sie Haltens Leid in Bann,

Ihr Leib ist schmerzzerrissen,

Sie ziehn den Selbstmord an.

Sie scheinen sich zu sträuben,

Sind sie noch blaß und nackt,

Ihr Weigern zu betäuben,

Wenn Frühlingsbrunst sie packt;

Doch ihre winzigen Blätter

Verkünden nirgends Glück,

Es sehnt ihr Zweiggekletter

Sich nach dem Nichts zurück.

Des Laubes nasse Schleier

Entrieseln fast dem Baum

Und schleppen bald im Weiher

Den einzig frohen Saum!

Verschiedene Nebel drängen

Sich ganz in das Geäst

Und bleiben drinnen hängen

Und schlafen plötzlich fest.

In weichen Wolkendecken,

Im zarten Nebelflor,

Mag manches Räthsel stecken,

Denn ringsum glänzt das Moor.

Ein Irrlicht huscht herüber

Und tanzt vergnügt am Sumpf,

Doch wird der Wald stets trüber,

Die Luft gar rauh und dumpf.

Nur zwischen Teich und Binsen

Hüpft noch das grüne Licht,

Und einige Nebel grinsen

Mit totem Angesicht.

Das ist der letzte Reigen,

Der um die Sümpfe wallt,

Die kühlen Nebel neigen

Sich ohne Wesenshalt.

Die Nacht hat ausgefunkelt,

Der letzte Stern verblinkt,

Die Welt ist ganz verdunkelt,

Der blutige Mond versinkt.

Die Hymne der Höhe

Wildwabbernde Fackeln, die qualmend verglühen,

Beginnen die Bahre des Tags zu entzünden;

Es gibt im Gebirge kein reifes Verblühen;

Verbluten, Verrauchen, soll Frieden verkünden!

Schon regt sich in Schluchten das traumhafte Leben,

Es fangen Gespenster, in Flammenspiralen,

Sich an in die funkelnde Luft einzuweben,

Und Glastfalter siehst Du ihr Dasein verstrahlen.

Der Hauch und die Seele von farbigen Schäumen

Wird eben von Nebeln zum Meere getragen,

Es scheint, was da blühte, jetzt Wolken zu säumen

Und träumt noch von südlichen, glücklichen Tagen.

Fürwahr, heiter rüstet sich jetzt eine Flotte,

Schon winden sich Segler aus purpurnen Hallen,

Denn meistens beschützt sie der Dom einer Grotte,

Aus Herbstwolkentrümmern und Aderkorallen.

Doch reckt schon, im Thal, sich der Riese des Dunkels

Und hebt mit den Schultern die glühenden Lasten

Des langsam verchwirrenden Tagesgefunkels,

Und tief in den Schluchten scheint alles zu rasten.

Noch einmal zersprengen die Sonnenscheinlanzen

Die Massen und Mauern von Schattentitanen;

Den Gipfeln entstrahlen jetzt Protuberanzen,

Es wird das ein Traumland von lauter Vulkanen.

Es brennen die Höhen. Und Abschiedsignale

Beginnen auf sämtlichen Zinken zu rauchen!

Es wallen auch Blutschatten nieder zum Thale,

Es scheint mir das Jahr heute Nacht zu verhauchen!

Ich sehe die Stunde der Ruhe entschweben,

Es scheinen Gebirge sich grau zu bekränzen,

Der Mond sich, als mildes Gefühl, zu erheben,

Rings Wölkchen in windstiller Andacht zu glänzen.

Es trübt seine Nachtfahrt kein Zittern und Rauschen,

Es wollen sein einmütiges Gipfelerblicken

Die Hoheliedwolken der Sohle belauschen,

Und oben, da scheinen die Sterne zu nicken.

Es funkeln die ewigen Gletschergedanken,

Vom mystischen Blau ihrer Tiefe umwandet;

Sie sind hochgefroren, da gibt es kein Schwanken,

So werden Ideen vom Sterben umbrandet.

Doch sprudeln die Bäche erfolgreich ins Leben

Und selten vergrübeln sich Fluten in Seen,

Der Mond aber liebt es, das heimlichste Weben

Der Dingedurchdringung im Geist zu erspähen. –

Es stürmt dort das Wasser wie zaumlose Pferde

Mit wirbelnden Mähnen die Felsen hinunter,

Das Leben behagt dieser brünstigen Heerde,

Sie wittert es schon und das macht sie so munter.

Zu Adern Italiens geweitet, entschwellen

Die Gießbäche brausend dem Gletscherbereiche,

Auch meine Gefühle sind Hochgebirgsquellen

Und stürzen sich südwärts ins breite Geschleiche.

Es faßt mich das Leben: Verwalten und Spenden,

Ist ewig das Wirken von Menschen und Welten,

Wir selber vollenden mit eigenen Händen

Das Ur-Ich, an dem wir schon zeitlos zerschellten.

Ihr Flammen der Liebe, Ihr Lebensgestirne,

Erfunkelt Euch dauernd das gleiche Bestehen,

Und auch die Ideen in meinem Gehirne

Verwirklichen ewig mein geistiges Lehen.

Sie scheinen mir Blüthen im himmlischen Haine,

Oft pflückt sie der Schöpfer mit goldenen Stielen,

Das Dunkel vernarbt aber rasch jene Scheine,

Die Seufzer ums Leben der Schnuppen die fielen.

Die Sterne behaupten durch rhythmische Schnelle

Ihr Lebensgefunkel erleuchteter Sprache,

Verklärt doch des Blutes erlösende Welle

Auch hier, durch Erkenntniß, die einsamste Brache!

Die schrecklichen Berge sind Steine auf Leichen,

Die Kohlen im Untergrund Särge, die modern,

Doch werden die Toten dereinst den Bereichen

Der unholden Nacht, urbegeistert, entlodern.

Sie pferchten das Gold in das tiefste Gebirge,

Die Habsucht erspäht noch die Schätze des Geizes,

Dann gilts, daß die eine den andern erwürge,

Und stets siegt das Gold und die Schmach seines Reizes.

Doch Gold ist der Schein eines wirklichen Lichtes

Und sagt uns: »Ihr sollt Eure Reichthümer heben!«

Der Erde entschwellt es, die Seelen durchbricht es,

Erreicht Eures Sternes frohsinniges Leben!

Ihr toten Gesellen, wie soll ich Euch packen?

Ich will Euch erwecken, Ihr werdet mir dienen,

Gespenster, ich krieg Euch, es wird Euer Nacken

Dereinst noch vom lastlosen Tag überschienen.

Ihr felsfinstern Sphinxe, auch Ihr tragt im Kerne

Den geistigen Tag ohne Schluß und Beginnen;

Ich wittre sein Dämmern in innigster Ferne,

Nun heißt es, mit Bergen verbunden, gewinnen!

Ihr stummen Kolosse, Ihr sprecht mit den Gipfeln

Bestimmt eine Sprache zerbröckelnder Formen,

Doch seht, in den Zungen, Geberden und Wipfeln

Belebt sich, erhebt sich, ein Grat ewiger Normen.

Ihr Sterne erhebt mich, Ihr Sterne entzückt mich,

Ich bin außer mir, doch in mir wurzeln Gluthen!

Und deshalb, Ihr Sterne, zerpflückt mich, entrückt mich,

Ich fühle so gerne mein Urlichtvermuthen.

Das Thallied des Werdens erklingt in der Seele,

Es glimmt zu den Gipfeln, noch regt es sich leise,

Jetzt faßt mich die Erde, erfüllt meine Kehle,

Und weither durchschauert uns still ihre Weise.

Jetzt packt sie mich ganz, dann streift sie mich sachter,

Es sucht sich in Rhythmen die Zeit zu vollenden;

Ich bin ja ein Dichter, ein Zustandsverachter,

Und kann, was vergeht, zu den Ursprüngen wenden!

Es ist meine Seele an Freiheit gebunden,

Sie kann sie nicht fliehn und erschöpft sie als Bilder,

Sie lebt und besteht auf unendlichen Kunden,

Und Nordlichterscheinungen sind ihre Schilder.

Die Mondscheingebirge umfrösteln jetzt Winde

Und wärmere Hauche verhüllen und betten

Sich tiefer in hangende Wolkengewinde

Und Sturzbäche rauschen wie silberne Ketten.

Es prangen die Gletscher in Monddiademen,

Es können sich Spitzen mit Perlenschmuck krönen,

Die Stirnriesen scheinen verschleierte Schemen,

Und seltsam, man hört keinen Schreckruf erdröhnen!

Es träumen die Adler, es schlafen die Geier,

Und Mondeulen rüsten sich brünstig zum Fluge,

Es brüten die Weibchen rings sichtbare Eier

Und Raubgier erwühlt sich im hellgrauen Zuge.

Jetzt frierts in den Lüften, und starrblaue Schatten

Beginnen die Nacht in die Thäler zu bannen,

Der Mond übergleißt die verglasenden Matten,

Der Reifvogel kann manchen Grat überspannen.

Die Sterne jedoch überglimmen die Schleier

Der frostigen Mondnacht und regsam verkünden

Sie, züngelnd und sprühend, als Glücksprophezeiher,

Das Bündniß von allen erhabenen Gründen.

Die Treue des Kernes der Erde zu Sternen

Kann leise im irdischen Sein sich bekunden,

Wir sollen die Winke des Werdens erlernen

Und strahlend der wechselnden Übel gesunden.

Es birgt alles Dauernde Urlichtsekunden,

Oft werden wir schwindelhaft einwärts gerissen,

Dann zeigt sich uns, plötzlich, die Welt überwunden

Und weit in uns selber erglimmt das Gewissen.

So treibt auch die Erde die innerste Stille,

Ihr rollendes Wesen, in uns, zu ergänzen,

Drum ist es bestimmt, daß der menschliche Wille

Bedeutung erfunkle, um tief zu erglänzen!

Doch nährt auch der Erdkern rebellische Eile,

Und die fügt sich nimmer an runde Konturen;

Beseeligter Gluthen fast sonnige Theile

Zersprengen, zerbröckeln sich Klammertorturen.

Die Pole umschließen die härtesten Rippen,

Die mittlere Schwere bezwingen blos Reifen,

So kommt der Planet immer wieder ins Kippen,

Und was da beginnt, das gelangt nicht zum Reifen.

Es wandern die Pole und zeugen Entgleisung,

Dem Gluthinnern kann sich die Kruste nicht fügen,

Die Rundform veränderter Axenumkreisung

Des Wuthkerns Ellipsenbrunst nimmer genügen.

Die ruhlose Erde vermochte nicht lange

Die Kinder des Lichtes am Land zu bewirthen,

Und schützte, versteckte sie sorgsam und bange,

In sicheren Meeren, die Inseln umgürten.

Jetzt rüttelt die flüssige Lava an Felsen,

Ihr Druck ist zumal am Äquator gar mächtig,

Was helfen Vulkane mit Speichern und Kesseln,

Die Lava zersprengt sie, – die Erde ist trächtig! –

Die Inseln bis Japan erbeben am meisten,

Amerikas Zentrum erlebt keinen Frieden,

Die innere Urgluth vernichtet die Leisten,

Die selbst sich die Rundsucht des Globus beschieden.

Der Lavaball drängt zum magnetischen Pole

Und will sich stets gegen die Erdaxe sträuben,

Er schenkt uns das Nordlicht und trachtet zum Wohle

Des Lebens, des Lichttages Zwang zu betäuben.

Der Mond nun erwartet den Bruder noch immer;

Und läßt oft die Erde aus Sehnsucht erbeben,

Doch diese zersprengt nicht den Mutterschlundglimmer

Und kann nur die Nordlichtpropheten beleben.

Oh Mond, dir zu trauen ist schrecklich gefährlich,

Du trügst uns vielleicht in den freundlichsten Nächten,

Du steinbleiches Bild, ist Dein Wohlwollen ehrlich?

Du bist der Vertreter von furchtbaren Mächten!

Dein Lichtflimmerschleier ist milchig und traurig,

Oh, will er dereinst alles Leben bedecken?

Die Seelen und Mütter durchwühlst Du oft schaurig,

Soll alles, sich wieder gebärend, verrecken!

Geschwächt ist im Innern das Lavagluthtoben,

Das Glastmeer umklammern granitharte Wände,

Die Are wird immer nur mählig verschoben,

Es zeitigt das Leben sich Dauerbestände.

Es streut ja das Nordlicht, aus goldenem Horne,

Rings Blüthen und Küsse auf Gletscher und Meere,

Setzt flimmernde Schlangen in sprudelnde Borne

Und leuchtet in jeder lebendigen Lehre!

Jetzt scheinen Gebirgssphinxe Götter voll Güte,

Sie tragen ja Gluthen in eiskalten Falten,

Es ist, als ob Gott alles Leben behüte,

Es kann sich nur felsenumschlungen erhalten!

Der Mond muß als ohnmächtiger Schemen erbleichen.

Die Aare umkreisen wie Schöpfergedanken

Die Nordlichtgebirge. Den Thälern entweichen

Rings Nebel wie Weihrauch, der Gottheit zu danken.

Vom Herrgott erfleht unsere Erde den Frieden;

Mit eigenen Flammen entbrennt sie ihr Leben;

Dafür wird der Menschheit Vollendung beschieden,

Denn uns ist gegeben, wonach wir noch streben.

Venedig

Mir war es einst, als hätte mich der Felsenaar zum Licht getragen,

Da hob mich Zeus, im Flügelthal, zum Unermeßlichgroßen,

Ein Fordern war mein Wonneflug, dem Mannesblick ein Jagen;

Ich wollte fort, blos fort, und nirgends dort, an Ziele stoßen.

Mir ist es oft, als ob ein Gott die keusche Jünglingsseele kühre.

Da sah mein Herz, noch jung und frei, um sich die Welt entweichen,

Und Zeus war froh, daß sein Geschöpf nicht Furcht und Höhenbangen spüre,

Ich wollte nichts – und wollte doch das Unerfaßbarste erreichen!

Es könnte sich die Weiblichkeit dem Schwane sanft ergeben,

Den schlanken Hals, voll Lustgewalt, um ihre Glieder schmiegen,

Ihr ganzes Sein, beim Gotteskuß, im größten Glück erbeben,

Doch nein, ach nein, es scheint im Weib die holde Urfurcht doch zu siegen.

Oh Sonne, wirf uns übers Meer die blendendlichte Lebensbrücke,

Die allen folgt, die weit von Dir zerstreut, durch Meere steuern,

Es scheint mir doch, oh Sonnenschein, daß jede Regung dich entzücke,

Denn Küsse sprühn, wo Gondeln ziehn, im Kranz von Lebensfeuern.

Durch Wellen schlängelt es sich her, mein Weltband hellen Sonnenlichtes.

Ein Schwanenhals erscheint es mir, am Gondelkiel und Buge,

Der jedes Boot, das schwankt, umkost, und sieh, aus Goldspiralen flicht es

Ein Sonnennetz und dieses folgt, leicht wogend, auch dem Gondelzuge.

Das Ruder schöpft sich Flimmergold aus morgenblassen Spiegelfluten,

Die Inseln rings umspinnen sich mit wunderhellen Sonneweben,

Und dichter sehe ich, wie Gondeln ringsum mich umsputen,

Oh Rührigkeit, bald wird auch mich ein Glückgespinnst umgeben.

So manches Segel, gelb und rot, umschwebt mich, wie Venedig

Es freundlich mir, als Gruß aus seiner Buntheit, sendet;

Oh Herrin, bleibe mir, dem Schönheitspilger, hold und gnadig,

Es ist mein Blick von deinem Spiegelmeer geblendet!

Venedig, deine Marmorsäulenwälder

Durchstreif ich tausendmal und gerne,

Sie sind die bleichen, steinernen Vermelder

Versunkenen Seins in Meer und Nebelferne.

Arkadien bist du unsrer Welt geworden,

Zu Menschenlust von Menschen aufgerichtet,

Schufst du Oriente frei in Welschlands Norden,

Und Hellas Geist hat über dir gedichtet.

Doch ist Arkadien nicht durch dich gefallen?

Oft ward das Leben in besiegten Ländern

Wild von Venedigs scharfen Löwenkrallen

Zerzaust, denn so gefiel es Machtverschwendern.

Die Forste breiter Berge, die verkarsten,

Verschwanden bald im Schlamm, wo sie verschimmeln,

Die Eichen, die einst Abhangfelsen barsten,

Versteinern, wo jetzt Kellerasseln wimmeln.

Arkadien hat sich früher ausgebreitet,

Es rauschten Bäche durch Illyriens Schluchten

Zu Leuten, die sich dort ein Glück bereitet;

Venedigs Flotten lagen in den Buchten!

Erwürger trugen sie, roh und verwegen,

Erpresser, die des Landes Kraft entwalgten;

Es heulten ihnen Stürme zwar entgegen,

Die Felsquelladern rings verkalkten,

Doch blieb der Leu auf seinen braunen Matten;

Dann bargen sich die Krumen unter Steinen;

Und Wolken werfen nun violette Schatten

Auf Friedhöfe von Urwäldern und Hainen.

Oh Frühjahrsfrüh, hoch oben auf Arkadiens Bergen,

Erscheine mir in deiner blaffen Glut,

Du sollst mir keine Zauberkraft verbergen,

Die noch behutsam in den Keimen ruht.

Das Licht erstrahlt aus großer Morgenferne;

Die Sonnennähe, die uns bald umkrallt,

Entreißt sich erst der Ewigkeit der Sterne,

Wenn sich ein Sonnentag zusammenballt!

Oh Weltenei, mit deiner Sonnenmitte,

Dich sehen wir als einen Strahlendom,

Und drinnen regt, mit leichtem Engelstritte,

Das Leben sich, in stillem Feuerstrom.

Schon bannt das Licht die künftigen Gestalten

Mit Gluthenmacht auf harten, nackten Stein

Und merzt sie tief in steile Felsenspalten

Als Lebensbilder, Formgespenster, ein.

Auf Trümmern seh ich Lichtgedanken thronen,

Wo mancher sich mit Wucht am Felsen hält,

Drum wurzeln, dauern Arten für Aeonen,

Da nie ein Sturm ein Gluthenurtheil fällt.

Die Bäume spenden sich mit vollen Zweigen,

Was jeder hat, an Lust, an Lebensduft,

Wir Menschen aber suchen, was uns tief zu eigen

Und doch getrennt ist durch die Sonnenkluft.

Die Macht des Lichtes, die uns rings versprengte,

Wie dies ein großes Taggebot befiehlt,

Ließ Treugefühle, wo sich Brunst verschränkte,

Als Band zurück, das sich durch Gluth erhielt.

Die Wesen, die den Wurzeln sich entringen,

Vollbringen es durch ihre Eigengluth,

Doch hängt ihr Sinn an sonderbaren Dingen,

Denn tausendfach regt sich verwandtes Blut.

Der Mensch kann die Versuchung von sich streifen;

Er weiß, daß eine Reife in ihm ruht;

Erwacht sie, wird er sich erst ganz begreifen,

Die Wahrheit glimmt in keuscher Weibeshut.

Nur eine Seele kann die Blüthe tragen,

Oft knospt sie lang, bevor sie rasch erwacht,

Ein Augenblick kann einem Auge sagen,

Was Sonnenkinder unter sich vollbracht!

Ach, welche Kluft mag mich vom Weibe trennen,

Von jenem Kind vom gleichem Wesensbaum;

Gestalten kanns die Seele, ja erkennen,

Dem Leibe eilt sie weit voraus im Traum.

Bevor mein Sonnenfesttag aufgegangen,

Erblaut mein Schicksal, das ihm blaß entsteigt,

Mit Seelenarmen möcht ich darnach langen,

Ich ahne was sich fern entgegen neigt.

Ja, bloß ein Wesen ist für mich erschaffen,

Einst führt die Sehnsucht uns zum gleichen Ort,

Für Sonnenkinder darf kein Abgrund klaffen,

Man sieht sich und erkennt sich durch ein Wort.

Die Welt kann sich durch Liebe nur erhellen,

Da treu ein Stern des andern Leben hegt,

Ein Weltlichtherz entschnellt nur Schwesterwellen,

Das Lebenslicht, das Liebe trägt und wägt.

So malt die Sonne bunte Frühlingsranken,

Aus Fels und Schlucht, Entwürfe voll von Kraft;

Ihr Mittag bringt des Lebens Vollgedanken,

Aus denen sie die Thatgeburten schafft.

Gedanken, die durch starre Felsen dringen,

Erschöpfen jedes Sein aus Stein und Licht,

Denn bloß notwendige Sonnideen zwingen

Zur Lebenslogik, der die Form entspricht.

Ein Taggeschöpf muß sich zur Sonne kehren,

Der Mensch zumal, denn wir sind glaubensbang;

Mein Innerlicht, dir hehl ich kein Begehren,

Gieb mir ein Weib, mein, rein und seelenschlank.

In deiner Schönheit, Weib, bringst du die Schäume

Der Seelenfluth dem Schöpferkusse dar,

Aus deiner Schlankheit sprudeln weiße Träume

Und Jugendgold verklärt dich wunderbar.

Mir ist es oft, als sehnten sich die Blumenwiesen,

In heitrem Lenzesschmuck, nach einem Fernenflug,

Als wähnten sie, als hofften sie, die Winde bliesen

Sie munter fort, als traumhaftbunten Flatterzug.

Nun plötzlich seh ich, wie sich einige regen,

Befreite sie und trägt sie gar ein Lenzgeruch!

Narzissenfelder können ihren Flug erwägen –

Denn Liebenden gelingt der erste Fluchtversuch! –

Nein, weiße Tauben sind es, die mich deutlich täuschen,

Dort weiß ich, daß ich Blüthensehnsucht wahr empfand,

Nun lausche ich der Vögel wirren Fluggeräuschen,

Die erst im Steilgesang ihr Urgewicht erkannt!

Ich selber bin ein Wunsch nach Liebe und Entfaltung,

Der mühsam erst aus Irrgespinnsten bricht;

Mein Weib, wann gebe ich dir lichte Wahrgestaltung,

Wo bist du Kind, das wieder kindlich zu mir spricht?

Ich weiß genau, daß tausend weiße Himmelswiesen

In uns sich suchen, weil sie gleicher Duft beseelt,

Sie wollen sich aus Liebe ferneher erkiesen,

Und keusches Glück hält sie einst sommertreu vermählt.

Ja, keusch ist die Natur, die liebend sich befruchtet,

Denn Reinheit weht vom Mittagsmeer, vom Schneegefild,

Dir gilt mein Lied, oh Gischtsee, die im Felsland buchtet

Und tiefverschluchtet Lebensdurst und Ruhbrunst stillt.

Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe,

Als ob die Welt der eigenen Phantasie

In einem Strom von mattem Golde fließe

Und traumhaft durch die wache Seele zieh.

Das ist das Blut, das die Erinnerungsbilder

Gar traumbeschwingt aus dem Gemüte hebt;

Es ist ein anderes Leben, zarter, milder,

Das aus den Seelengrüften bleich entschwebt.

Die Lichtgestalten haben ausgerungen,

Mit dem Geschicke scheinen sie versöhnt,

Durch meinen Wesenswunsch, beim Flug verschlungen,

Sind sie des Eigenwillens schon entwöhnt!

Jetzt seh ich herbstlich goldene Wälderhallen;

Um Bilder sind die Aeste schön verzweigt,

Dort wo die welken Blätter langsam fallen,

Verstrahlt ein Tag, der Fabelmanen zeigt.

Es tropft das Lebensblut von Bäumen nieder,

Im Wind zerstiebt das gelbgewordene Laub,

Im Walde hallts von Windnachtsschritten wieder,

Am Weg verliert der Herbst den halben Raub.

Sind auch die Blätter bald im Wald verflogen,

Bleibt ihre Seele doch in der Natur,

Das Sonnenroth, das Bäume eingesogen,

Trinkt erst im gelben Herbst die Kreatur.

Die Sommerfreude jauchzt in Vogelliedern,

Als Waldesecho, noch am goldenen Meer,

Die Menschen werden still und sie erwidern

Die Waldestrauer, bang und wehmuthsschwer.

Wenn arme Leute dürre Zweige sammeln,

So lieben sie und sehn sie erst den Wald,

Wenn sie des Waldes Schaudermärchen stammeln,

Wird er der Geister düsterer Aufenthalt.

Du glaubst an einen Hauch der Menschenseele,

Wenn Du den letzten Athemzug erlauscht,

Du glaubst, daß die Natur von sich erzähle,

Wenn sacht ein Wind im Wald zum Abschied rauscht.

Dann ist es mir, als schlichen Sterbewesen

Durch Träume sich in meine Seele ein,

Als Bilder kann ich sie zusammenlesen

Und berge sie im Urerinnerungsschrein.

Die goldenen Ströme flammen auf wie Hallen,

Ein Strahlendom schließt seine Wölbung zu,

Gedanken, die sich stolz zusammenballen,

Entfalten ihre sehnsuchtsfreie Ruh.

Versteinerte Eichen am Grund der Lagune

Beginnen dem Sumpfe mit Wucht zu entwuchern

Es wachst schon die trutzige Dünenkomune,

Und Kunden erblühen von Nordlandbesuchern.

Es können sich rumpfige Gruppen erreichen,

Es schließen sich Thore, es öffnen sich Brücken,

Es wollen sich wiedererstandene Leichen

Die bleiche, verfeinerte Marmorhand drücken.

Die Seele der alten, versunkenen Wälder

Beginnt sich auf einmal verklärt zu beleben,

Arkadien erwacht, junge Lichtrauschvermelder

Belauschen die Fluthen im Dunkel von Reben.

Es grünt und es blüht unser keusches Venedig,

Erfrischt und verjüngt durch die Reinheit des Meeres,

Gelingt es der Seebraut, des Blutbuhlen ledig,

Ein Freistaat zu sein und ein Herz des Verkehres.

Rialto, die Pulsadern deiner Entfaltung,

Kanäle und Ströme, die ferneher fließen,

Gewähren den Träumen der Pfahlwelt Gestaltung,

Da ringsum verkalkte Gespenstalgen sprießen.

Es tragen die Fluthen vom Osten her Rosse,

Porphyre und Stoffe zum Strande des Piave,

Rabbiner lustwandeln auf grünendem Flosse,

In goldenen Kirchen ertönt hold das Ave.

Die Götter Arkadiens sind wieder erstanden,

Im Schatten von Pappeln schlürft Pan kühle Muscheln,

Sirenen, die schüchtern auf Stranddünen landen,

Beginnen sich Märchen der See zuzutuscheln.

Nun tutet Neptun, bis zum Bauche erhoben,

Und weckt die Tritone, die halb erstickt schnarchen,

Die Fichtentitanen und Brackwasserkloben

Entrecken Holzkronen und Kranzwartenarchen.

Mit glühendem Sonnenstift zeichnet sich Klio

Die Thurmthaten auf, die zum Goldhimmel zucken,

Es flattern die Wespengespenster der Io

Zum Schriftforscher Rio, wo Glastadler spuken;

Promethische Zinnen, mit reinen Erdstimmen,

Erklimmen mit Lebensgischtschwingen den Himmel,

Ein Athemgold kann in der Tiefe erglimmen

Und rings übersprüht es das Menschengewimmel.

Venedig, du selbst bist die klaffende Auster,

In der Aphrodite die Schönheit bekräftigt,

Venedig, es rahmt dich ein zephyrgekrauster

Gischtschleier, der lebhafte Nymphen beschäftigt.

Es weben die Wellen sich Lichtflitterflore,

Die Schleier der Keuschheit entschweben dem Meere;

Venedig, eröffne der Venus die Thore,

Doch stelle dich stolz gegen Lilith zur Wehre.

Oh Farbenstadt Venedig, dir zu Füßen

Verstreut und legt ein grüner Strom Juwelen,

Das Meer will jedes Dogenhaus begrüßen,

Es dürfen nirgends Fluthgeflechte fehlen.

Auf himmelblauem Dunkelgluthengrunde,

Verbrähmt und strickt das Meer vor jedem Schlosse

Prunkteppiche, und seiner Tiefe Funde

Umschwärmen leuchtend jede Seekarosse.

Harmonisch sind des Meeres Sonnenstoffe.

Vor Marmortreppen webt es Züngelspitzen

Und droht verfinsternd steil das Gothisch Schroffe,

So hilft es sich mit Silberwirbelwitzen.

Die reinsten Flammen sind Türkisen, Rauten,

Doch hebt das Meer oft ganze Perlenspiegel,

Narzissen schwemmt es vor die Schimmerbauten

Und rothe Nelken vor Verwitterungsziegel.

Ein wahrer Prachtdamast ruht vor den Stufen

Der Muttergotteskirche »la Salute« ,

Das Meer hat allen Prunk emporgerufen,

In diesen Teppich wirkt es Grundtribute.

Die Kirchenkuppel blickt mit mildem Auge

Zur Spenderin der Reinheit auf, zur Sonne,

Da scheint es fast, als labe sich und sauge

Ein Tempelwunsch am stillen Milchtagsbronne.

Venedig, die Empfindungsinseln stiller Stunden

In deinen Fluchen, geb ich dir in Liedern wieder,

Venedig, bunte Fernen sind in dir verbunden,

Verschwundene Numen öffnen hier die Schlummerlider.

Venedig, dankbar bringen dir die Götter Gaben,

Geschenke, wie sie keine andre Stadt empfangen;

Du bist wie Aphrodite, der du gleichst, erhaben,

Du hast erwachend stets ein trautes Brautverlangen.

Bevor dein Bräutigam, das Meer, dich darf gewahren,

Beschaust du dich im Venusspiegel durch die Schleier,

Die nächtlich sich auf deinen goldenen Sonnenhaaren

Verdichten, als ein Liebespfand von deinem Freier.

Der Venus Tauben, kaum vom Traume aufgeflogen,

Umgurren deine buntgefüllten Wandellauben,

Und Taubenschemen, Schaumphantome goldener Wogen,

Besetzen Zinnen, Kirchenkuppeln aller Glauben.

Es blauen dunkle Fluten um die grünen Augen,

Die glanzlos in den Ebbestunden fast erblinden,

Die Sumpfalgen, die Ströme aus den Furchen laugen,

Beginnen rostigroth rings Tanzkränze zu winden.

Das Licht auf der Lagune ist der Pfau der Hera,

Den Zeus Gemahlin für Venedigs Freundschaft spendet,

Denn hier lebt alles noch in einer Sonnenära,

In der Minerva Helm und Lanze frei verwendet!

Fürwahr, die Götter Hellas leben in Venedig,

Auf der Lagune glitzern Hermes Flügelschuhe,

Das Volk ist findig, eitel, heiter und ruhmredig,

Es fand Merkur in ihm seiner Bewegtheit Ruhe.

Der Dogenpalast, den Phantome bewohnen,

Behorcht Domgebote, die Rom streng erwogen,

Und alle die blutlosen Staatsabstraktionen

Beleben die Rhythmen der rollenden Wogen.

Der Volkswille wird eine Weltblüthenlese,

Es kreuzen sich Sitten verschiedener Länder,

Venedig, die Stadt jeder Brauchexegese,

Verkleidet das Fremde in eigene Gewänder.

Die Säulen, die prachtvoll den Staatspalast tragen,

Verzieren verschiedene Blattkapitäle,

Man sieht den Akantus aus Zwergstämmen schlagen,

Auf nordischem Schaft grünt die griechische Seele.

Der Mythus der Parsen, der Kult der Hebräer,

Verästelt sich mit dem Ardennengeblätter,

Urkomische Gnome, homerische Seher,

Vertragen sich trefflich als Völkerbaumvetter.

In heidnischer Einfalt erblüht eine Säule,

Ein Mädchen erwacht und gefällt einem Manne,

Bald liebt sich das Paar unterm Bettdeckenknäule,

Und dann legt die Amme ein Kind in die Wanne.

Die Eckpfeiler dieses grotesken Palastes

Bezeichnen die Menschenerkenntniß der Sünde,

Zuerst das Geheimniß, die Eva erfaßt es,

Ihr Adam empfindet der Traurigkeit Gründe.

Am anderen Pfeiler liegt Noah im Rausche,

Es hat ihn der Saft der Vergebung umdunkelt,

Damit nicht der Alte die Wahrheit verplausche,

Hat Wuth aus dem Blick eines Engels gefunkelt.

Das richtige Urtheil, – wie hier zu Gerichte, –

Spricht Salomon weise, am dritten der Pfeiler;

Den Vierten steht niemand, im innersten Lichte

Der Kirche erstrahlt er als Weltleidenheiler.

Im Erdgeschoß tragen die Ganzunbekannten,

Die Massen des Volkes, die Last des Palastes,

Im Stockwerk darüber, die friedlichverwandten

Geschlechter des großen SanMarkoMorastes.

Auf schlankerem Schafte erblühn hier Gebilde

Verschiedener Stile zu Tragkapitalen,

Der tragische Widder, das Willkürlichwilde

Im Edelblut wittert auf Eichenlaubpfählen.

Ihr furchtbaren Rümpfe und Staatspalastpfeiler,

Ihr scheint mir ein Wuchtgebild wuchernder Wälder

Versteinender Eichen, die schlanker und steiler

Zum Freilichte klimmen, und seid Leidvermelder!

Ihr schnurrigverkrusteten Trumpfkapitale,

Ihr Eidechsen, Schnecken, Schmarotzer und Räude

Aus Marmor und Moos, ihr seid Meergrundjuwele,

Gebilde des Gischtes und Schaume der Freude!

Die Volkskraft am Meere enthüllt und entwindet

Dem wandernden Wasser sein algengeschmücktes

Geschäftshaus: Venedig, die Einsicht erfindet

Das Stützengerüst, das Gemüt überblickt es!

So flammt denn auf, ihr goldenen Hallen,

Erwache meiner Seele Gold,

Gewaltig mag die Blutfluth wallen;

Erstehe, was zum Tag gewollt!

Oh Sonnentempel, golddurchflossen,

Umwölbe Deinen Pilgersohn,

Du nahtest mir mit Sonnenrossen

Und hältst mich nun in holder Frohn.

In tiefstem Bann magst Du mich halten,

Wann immer ich dich ahnen kann,

Denn rufen mich die Huldgestalten,

So holt mich Helios Viergespann!

Ein Fremdling bin ich, losgerissen,

Befreit vom Boden, der mich schuf,

»Du wirst den Hohn der Dinge wissen!«

Das ist mein Sonnaufforderungsruf.

So flammt denn auf, Ihr Abendhallen,

Oh Herbstwelt, wölbe Dich empor,

Du Goldschaum sollst Dich aufwärtsballen,

Auf Wolken wohnt der Sonnenthor.

Ich werde hier mein Herz ergründen,

In diesem Tempel ruh ich aus,

Das Gold in steilen Seelenschlünden

Erwühlt in mir ein Gotteshaus.

Die Sterne hab ich lang bewundert,

Sie nahten nicht dem Sehnsuchtsgold,

Und forschte ich selbst ein Jahrhundert,

Ich wüßte nie, was ich gewollt.

Die Nacht hab ich mit Gold umzogen,

Die Sterne deckt ein Feuerstor,

Mein Herz umglüht ein Nordlichtbogen,

Und ich vergesse, daß mich fror.

Ihr hohen Thore aus dem Osten,

Du überstülptes Wunderhorn,

Du Sonnendom mit goldenen Pfosten,

Du bist Byzantiums reifes Korn.

Du bältst in Dir, als voller Same,

Die Wüstenträume eingekerbt,

Daß Asiens Glaube nicht erlahme

Hat Dich Venedig übererbt.

Es ruhen Heilige und Propheten

In manchem goldenen Tempelsarg,

Sie warten demuthsstumm und beten,

Denn ihr Gemüt ist hoffnungsstark.

Aus Menschennähe hoben Christen

Die Märtyrer in Sternenglanz,

Den Himmel, den rvir sonst vermißten,

Verbildlichte und wahrt Byzanz.

Venedig, Deine Ferngestalten

Bringt unsre Wesenheit ans Licht,

Die spatgeborenen Christen halten

Sich jetzt an Jesus Erdgesicht.

Man holt in goldenen Prozessionen

Des Tempels Sonnenschatz hervor,

Die Engel sollen menschlich wohnen,

Schon öffnet sich das Mittagsthor.

Ein Psalm erklingt, und Davids Name

An sich ist schon ein Hoffnungsborn,

Fürwahr, San Marko ist ein Same,

So goldig wie das volle Korn.

Denn Gold ist der Kometenpollen,

Die Liebe selbst, die Gott erfreut,

Die Wogen auch, die uns umgrollen,

Wenn sie der Lichtsamen bestreut!

Auf dem Markusplatze in Venedig finden

Seit Jahrhunderten sich stets die gleichen Gruppen,

Denn der Tod kann wirtlich gar nichts überwinden,

Aus den Bengeln müssen Eltern sich entpuppen.

Die Gewänder und sein Erbtheil nimmt ein jeder,

Wie das Schicksal sie ihm eben träge bietet,

Des Verzinkers Sprößling greift vielleicht zum Leder,

Und ein Backersohn entsteht, der Holz vernietet.

Die Belebungsfülle aber bleibt die gleiche,

Nach verebbten Nothformen erscheinen Leute,

Kein Verjüngungsstrom bricht durch die Daseinsdeiche,

In Jahrtausenden ist es genau wie heute.

Die Verblichenen, so scheint es mir, beseelen

Ihre Nachkommen im Jenseits ewig weiter,

Die Langeweile muß sie entsetzlich quälen,

Zeigt sich nirgends ein Gewohnheitsüberschreiter.

Nur die Helden konnte Christi Tod befreien;

Die Gottähnlichkeit ist hier so karg bemessen,

Daß zehntausend Fromme nur zugleich gedeihen,

Der Durchschnitt aber wird in Noth vergessen!

Die Vergeßlichkeit ist unser Trost auf Erden,

Doch wenn zeitlos wir die Dinge übersehen,

Wehe uns, da wir uns ewig hören werden,

Und verstehen, daß wir uns um Nabel drehen.

Täglich strömen Leute aus den finstern Gassen

Von Venedig auf den Platz, um Scherz zu treiben,

Jeder kann das Laster aller andern hassen,

Um demselbstverständlicheigenen treu zu bleiben.

Täglich macht der Pöbel seine alten Witze,

Da er einschrumpft, hält er sie beinah für neuer,

Selten nur durchzischen ihn Begeisterungsblitze,

Und aus Uebermuth legt er dann Freudenfeuer.

Stilgeberden und die Sprache, die uns bleiben,

Sind die Lichtgeschenke, die wir uns gerettet,

Doch die Menschheit seh ich krampfhaft abwärtstreiben,

Ihre Wucht und Furchtbarkeit hat sie verwettet.

Durch Verschiedenheit kann sich die Welt erkennen,

Und als Gegensatz darf Aehnliches bestehen,

Doch von Fleischgewohnheiten soll man sich trennen,

Sonst wird die Menschheit bald ermattet untergehen.

Liebesräusche kennen nur die Kinderlosen,

Zum Vergnügen wird der Mensch zumeist empfangen,

Seine Seele kriegt im Elternalltag Hosen,

Häubchen werden von Verwandten angefangen.

Spießbürger, Ihr seid fürwahr nicht umzubringen,

Fremde kommen her, die Freiheit zu genießen,

Kann die Lust ein junges Sein beschwingen?

Nur ein Abenteurer mehr wird ihr ersprießen!

Nein und doch, das Liebesfeuer gährt in allen,

Aus dem Erdenkerne will es sich befreien,

Klarer kann es wählen; mag der Leib verfallen,

Wahlgeschlechter wird der Geist zusammenreihen.

Denn die Liebe und das liebende Gewissen

Ist die Lichtinsel für treibende Gefährten,

Hinter Finsternissen, vielen Hindernissen,

Seh ich Fernen, wo sich Lichtwesen bewährten.

Pöbel, stärker als Dein Trachten sind die Plagen,

Die das Feuer anstachelt, wenn Du verwüstest,

Gemeiner Wurm, Du mußt zur Sonne ragen,

Wär es nur, wenn Du im Tod Dein Nichts verbüßtest.

Eigenmächtigwilde, zynische Projekte

Schmiedet jedermann, – wie oft, – und muß doch lieben.

Ach, wie häufig man das Heidenthum erweckte,

Lieber Gott, und wir sind Christen doch geblieben!

Ja, ein Brand geht durch die Menschheit, eine Flamme,

Die uns rastlos auffordert, dem Licht zu leben,

Lodre Gluth, in unserm guten Arierstamme,

Würde Du der Wesen, die auf Erden kleben!

Pöbel, nein, ich kann Dich wahrhaft gar nicht hassen,

Weiß ich doch, daß Zukunftsgluthen alle leiten.

Ja das Was und das Warum, wer mag es fassen,

Doch genug, wir alle kennen Sehnsuchtsweiten.

Stundenlang kann ich am Markusplatz lustwandeln,

Albernheiten hör ich hier am Tag verhandeln,

Abends trachtet man mit Mädchen anzubandeln,

Garstiger Pöbel, kannst Du gar nicht Dich verwandeln!

Einmal nur im Leben wird der Mensch zum Dichter,

Wenn sich Schwärmerei seiner Natur bemächtigt,

Opfermüthig für die Braut, aufrichtig, lichter,

Wird der Mann, der liebend seine Lust berechtigt.

Mag er da des Eigenthumes Wahrheit ahnen,

Das in fremder Obhut einzig darf bestehen;

Ja, der Same, dem wir heilige Pfade bahnen,

Soll ins Weib, dem er gehört, keusch übergehen.

Würden wir mit Würde den Geschlechtstrieb lenken,

Gäb es weder Diebe noch verdungene Knechte,

Unsre Sucht Besitzgesetze einzurenken,

Ist der Alp und die Erinnerung echter Rechte.

Armes Volk, ein jeder dünkt sich frei vom Ganzen,

Glaubt, er sei ein Mann, ein Weib, rein wie Ideen,

Die im Sprachgebrauch sich einfach fortverpftanzen,

Niemand weiß, wie viele Dinge übergehen!

Die Geschlechtlichkeit, das Tiefste, will bestehen,

Menschenzwitter triffst Du deshalb selten,

Wesen doch, die mehr Geschlechter in sich ehen,

Giebt es, da die Ursprungsketten sonst zerschellten!

Markusplatz, du mußt vom Jenseits Macht empfangen,

Ehen sind in aller Welt auf Dir entstanden,

Wieviel Wesensreihen haben hier einst angefangen,

Täglich stichst du Blickblitze zu Liebesbanden.

Zufall sagt man; kann es einen Zufall geben?

Bis der Markusplatz besteht, mag man dran glauben!

Ist es nicht viel einfacher, daß Parzen weben,

Und daß wir die Frucht vom Schicksalsbaume klauben?

Heiter bin ich jetzt gestimmt, die Saat geht weiter;

Heil San Marco Dir, Du stiftest ferne Ehen,

Du beglückst das Volk und Deine Glanzbestreiter,

Ja, ein Stern scheint sich um diesen Fleck zu drehen!

Sonnenschiffe, die am Markusstrande landen,

Lassen hier den Lichtbegriff der Menschheit steigen,

Selbst der Markusthurm, den Sturm und Brunst umbranden

Scheint symbolisch sich nach Osten vorzuneigen.

Was ich denke und empfinde,

Herz im Herzen, ist es wahr?

Schwebt die Seele nicht gelinde

Vor den eigenen Wunschaltar?

Götter kann ich jubelnd krönen,

Doch mein Glück bleibt lange aus;

Kann mich nicht hineingewöhnen,

In das fremde Weltenhaus!

Goldene Traumfäden verflechten,

Freuden in mein Nachtgespinnst,

Wenn sie Dauerglauben brächten,

Wüßte ich, Du bist und minnst!

Alles, alles nur Phantome;

Selbst die Lust eine Idee?

Hoch empor im goldenen Dome

Bäumt und träumt sich Heil nnd Weh.

Jedes Schicksal trüg ich gerne,

Auch die Sehnsucht die mich plagt;

Käm ein Wink nur aus der Ferne,

Wäre Wahrheit nicht versagt!

Nach dem Tode sinkt der Parze

Nie der Faden aus der Hand,

Nein, sie zieht ihn durch das schwarze

Erdgewebe umgewandt.

Sie verspinnt ihn immer weiter,

Bricht ihn, kreuzt ihn, wies gelingt,

Seh ich dann die Flammenleiter,

Die mich vor den Richter bringt?

Klotho, laß dem Seelenfaden

Des Geschickes Selbstentschluß,

Laß mich kühn im Sturme baden,

Nur die Freiheit ist Genuß.

Hier im Tempel will ich träumen,

Der sich herbstlich aufgebaut,

Unter Heiligen auf Bäumen,

Die im Laub hervorgegraut.

Eigenwillig, Ihr Erbauer,

Habt Ihr diesen Wald gekrönt,

Doch des Herbstes Gold und Schauer

Haben tief emporgethönt.

Unsre Träume haben Grenzen,

Unsre Wünsche, ach, sind kahl,

Wenn die Werke sich beglänzen,

Traf sie ein Verhängnißstrahl!

Blos gehorchen soll man, schaffen,

Kunst, wachs in den Sturm hinein!

Schiffer, die nur Gold erraffen,

Bringen Dir den richtigen Stein.

Träume wucherten, Propheten

Ruhten dort im Eigenlicht;

Als Euch Schemen tief durchwehten,

Künstler, schuft Ihr voll Verzicht!

Ja, Ihr hörtet Eichen rauschen,

Was Euch fast in Angst gedrängt,

Wolltet dann den Lärm belauschen,

Habt Euch an den Tag gehängt.

Lachesis, laß meinen Faden

Nie aus deiner Liebes Hand,

Halte ihn auf allen Pfaden

An die andern angespannt.

Liebe will ich traut empfangen,

Tausend Wesen hab ich gern,

Ja, der ganzen Menschheit Bangen

Trübt in mir den Freudenstern.

In das Wirrnetz der Moiren,

Greife plötzlich Atropos,

Muß ich einst das Licht verlieren,

Thue rasch, was Gott beschloß.

Glücklich werd ich nie im Leben,

Liebe, Wahrheit, die ich will,

Sind nur Dinge zum Erstreben,

Immer stumm und nimmer still.

Wo ich mich um Kenntniß quäle,

Huschen Irrlichter vorbei,

Flammen die ich rastlos zähle,

Mehren, kreuzen ihre Reih.

Spürend fühl ich nur die Leine,

Unsrer Parzen goldene Schnur,

Jedem, weiß ich, wird das Seine,

Gütig ist die Allnatur.

Glaub ich an den Freiheitschimmer,

An die eigne Willenskraft?

Ja, ich bin ein Lichterklimmer,

Der gehorsam borgt und schafft.

Durch die Numen spukt das Ende,

Das die Sterne treffen muß,

Doch es drängen meine Hände,

Von mir ab, den Athemschluß;

Denn aus einem Machtgeschlechte

Ging ich stolz und kühn hervor,

Götter schuf es sich als Knechte,

König wurde oft ein Thor.

Eines Volkes Stil und Stempel

Heiligt man und nennt ihn Gott,

Fatalisten schänden Tempel,

Nicht der Jakobiner Spott.

Ich gehöre zu den Tauben,

Die der Vorwitz nicht berührt,

An die Freiheit will ich glauben,

An die Gluth die Güte schürt.

Wagt Euch vor Ihr Einzelleute;

Glaubt in Gottes Schurz zu sein,

Wie Ihr fühltet, denkt auch heute,

Völker thun es und gedeihn.

Muß es deshalb Gott auch geben?

Schuf er mich von seinem Thron,

Ward ich durch mein ganzes Streben

Element der Negation!

Das Wasser scheint vom Lande eingesogen,

Es reift ein Nachmittag auf dem Moraste,

Von Purpurfurchen ist der Sumpf durchzogen,

Die Segel hängen schlaff von ihrem Maste,

In Trägheit eingemuschelte Gestade

Umstarrt die See gleich einem Prachtachate,

Die Thürme aber glühn in einem Ätherbade,

Es ist, als ob ihnen ein Lichtgott nahte.

Der Wind, der rothe Barken froh geschaukelt,

Erlaubt den Booten jetzt am Strand zu schlafen,

Die Masten sind von Goldträumen umgaukelt

Und glattes Wasser ebbt um jeden Hafen.

Ganz okergelb, wie aus dem Lehm gezogen,

Bedecken Segel, Netze die sich sonnen,

Den trockenen Strand in einem großen Bogen;

Matrosen schlummern unter morschen Tonnen.

Ich sehe Goldranken die Luft durchrauschen,

Es scheinen heitre Rhythmen rings zu schwirren,

Den seltenen Zauber will ich still belauschen,

Doch horcht man hin, so glaubt man sich zu irren.

Ein Windhauch trägt mir viel zu viel vom Äther,

Vom rothen Dunste in die müden Augen,

Ich schließe sie, bis Abendfarben später,

Gemildert, für die Traumgesichter taugen.

Am Meere flimmern ringsum Briesenschilder,

Es kann der Blick den Glanz nicht mehr ertragen,

Die hohe Sonne aber leuchtet milder,

Es kann der Blick sie um ihr Räthseln fragen.

Oh Sonne, Deine Frohheit kann ich noch ermessen,

Die Fernen suche ich in meiner Tiefe,

Der Gott im Schlummer und im Wachvergessen,

Erscheint mir klar. Es ist, als ob er riefe!

Es lodern die Thürme, es lohen die Masten,

Die Menschen sind ringsum von Flitter umzittert;

Um gothische Eckgibel drängen sich Quasten,

Das Meer scheint mit Quecksilberdraht übergittert.

Die Säulen umschleichen jetzt gelbliche Reben,

Und rothe Reflexe wie herbstliche Blätter

Beginnen Balkone am Strand zu umkleben;

Der Abend erscheint, als des Dionysos Retter!

Venedig, Du hast Hellas Götter empfangen,

Sie brachten Dir alle erhabene Geschenke,

Nun röthest Du selber des Dionysos Wangen,

Den Äther durchschwirren bereits Bacchus Schwänke.

Es wachsen die wispelnden Schatten allmählig;

Kein wucherndes Epheugespenst aber tötet

Die goldenen Dolden, die rings schon unzählig

Der Abend am Marmor noch immer fort röthet.

Die ruhigen Ranken umklammern die Bauten,

Im griechischen Stile, mit Gängen und Lauben,

Hier ist es, als ob Flimmerflechten vergrauten,

Dafür aber strotzen und reifen nun Trauben.

Figuren um Dächer und flache Terrassen

Erscheinen wie Geister, die bleich herabschauen,

Es ist als beseelte der Abend die Massen,

Als wären die Statuen in Bernstein gehauen.

Es scheint sich das Meer an die Ufer zu lehnen,

Der Abend wird schwerer, die Stadt imposanter,

Man könnte jetzt Dionysos über ihr wähnen,

Die ganze Lagune liegt da wie ein Panther.

Sonne, Sonne, holde Sonne,

Spenderin von Lust und Leid,

Eine große Lichtkolonne

Ist zu Streit für dich bereit.

Ringen wir nach deinem Lichte,

Ist es weil uns Gluch durchloht,

Denn mit jedem Lichtverzichte

Droht und folgt uns schon der Tod.

Licht, du kannst uns Richtung geben,

Leben ist ein Sonnenkampf,

Selbst die Erdengötter schweben

Eben frei im Abenddampf.

Jeden Leib, alle Gestaltung

Unterwühlt und fällt der Tod,

Doch des Daseinsurerhaltung

Überthönt das Abendroth;

Alle Formen, die sich sonnen,

Stürzt das hohe Mittagslicht,

Hoch in Wolken eingesponnen,

Überlebt uns das Gesicht.

Sonne, du verdammst zum Tode

Und du bist auch die Geburt,

Denn in jeder Sonnenode

West ihr, die ihr heimwärts fuhrt.

Dionys, du bist erhoben,

Sonnentrunken steigst du auf,

Alle Lichtgewordenen loben

Deinen goldenen Wirkungslauf.

Die Strahlen der Sonne sind blutige Speere

Im Kampfe mit Wolken und Finsternisgraun,

Die Ruhe versinkt in dem dunkelnden Meere,

Ich kann kaum hinab in den Grababgrund schaun.

Die Blüthen der Vorwelt erglühen nun wieder,

Die Lenze Italiens erwachen voll Pracht,

Die Lilien Illyriens eröffnen die Lider,

In marmorner Reinheit als Engel gedacht.

Jetzt denk ich an dich, Jacobello del fiore,

Der alle Narzissen der Inseln vereint,

Auch Du sahst die Jungfrau im goldenen Flore

Der Gluthen der Tiefen, der abends erscheint!

Murano, Du Eiland verwunderter Kinder,

Auf Dir knospen Blumen mit Heiligenschein,

Medusenerschauer, als Bechererfinder,

Lustwandeln in deinem lichtinnigen Hain.

Es bluten die Ziegel der alten Paläste,

Im Augenblick, da uns die Sonne verläßt,

Der Abend verglimmt, und es glüht jede Veste

Des Gürtels, in den sich Venedig gepreßt.

Dann folgen die Farben der sanften Geschlechter,

Denn Fliederlicht sprüht über zartes Gestein,

Giorgione und spätere Traumrechtsverfechter

Vermochten es einst hier im Glanz zu gedeihn.

Jetzt schmückt sich der Himmel mit Wolken und Wappen,

Von sämtlichen Völkern zusammengestellt,

Da flattern die Habichte, Warten und Knappen

Von allen vergangenen Geschlechtern der Welt.

Auch meine Standarte mag aufgerollt fegen:

Die Eindrücke faßt meine Seele im Lauf,

Ich will meine Reime nicht suchen und wägen,

Was Rhythmen mir zuwerfen, das fange ich auf!

Venedig, es ergießt sich Deine Ernte

Aus Blumenseelen in die weite Welt,

Denn jeder Duft, der sich von Dir entfernte,

Trug Samen fort für künftiges Blüthenfeld.

Die Nelken Deiner Vorwelt sind erstanden,

Ihr Zauber hat Carpaccios Traum durchschwebt,

In Basaitis blühenden Guirlanden

Sind wieder Korn und Mohnblumen belebt.

Mansueti hat ein holdes Sonnenmotto,

Das Veilchen blüht in seiner keuschen Hand,

Die großen Glocken des Lorenzo Lotto

Umträumen oft ein goldenes Sommerland.

Bellinis, Du Giovanni, Du Gentile,

Ich pflückte Astern oft in Eurem Traum,

Die Diestel sticht sich dicht zu eurem Stile;

Doch grünt in Eurer Art ein Lorbeerbaum!

Oh Tintoretto, lauter goldene Trauben,

Ein ganzes Erntefeld hast Du erschaut,

Des Herbstes Wolkengold und Kupferlauben

Sind wiederum in Dir emporgegraut.

Venedig, ganz Arkadien ist erstanden,

Dein Veronese übersteht den Lenz,

Die Träumer, die an Deinem Strande landen.

Beräuchern Deine Weltmagnifizenz.

Der Zauber, den ringsum die Nacht aufgerufen,

Beginnt sich vernehmlich am Meere zu regen,

Im Schatten verblauen die marmornen Stufen

Der stillen Paläste an wogenden Wegen.

Der goldene Samen des schaffenden Tages

Ist ringsum im flutenden Meer aufgegangen,

Allüberall flackert und glastet ein wages

Geringel von Aalen und glitzernden Schlangen.

Beim Gondeln begegnen wir Zitterpolypen,

Nebst Austern uud anderen Muscheln der Tiefe,

Die ringsum gespenstig am Wellenkamm wippen,

Es ist, ob die See von Gethier übertriefe.

Auch mir will die Seele im Leibe entquellen,

Die Wünsche entsprudeln, gleich Gischtschmetterlingen,

Den innigsten Wellen, die Freuden erhellen;

Ich will, ach ich will mich ins Lichtdasein schwingen.

Ihr Perlen und Spangen am Grund meiner Seele,

Oh laßt Lebensfunken den Blicken entsprühen,

Und dann sehnlichähnliche Thränenjuwele

Im nämlichsten Wesen voll Schwermuth erglühen!

Ihr Tage vergraut, Nächte dunkelt vorüber,

Bis endlich die Sonne mein Glück mag bescheinen,

Das Herz geht mir über, mein Einblick wird trüber,

Oft möchte ich schluchzen und Felsen wundweinen.

Wann wird mir ein Mund mein Geheimnißwort sagen,

Mein Weib, oh mein Weib, wirst Du je mich verstehen?

Dein Mund muß die Gluth meiner Lippen ertragen,

Mein Schmerz wird zu Dir als mein Glück überwehen.

Die Münder verbrüdern Millionen von Blüthen,

Drum muß jedes Wort, das sie sagen, befruchten,

Ein Mund lispelt Liebe und läßt Stürme wüthen,

Die fern in den Seelen sich fruchtbar verschluchten.

Auf des Tages Abendschleppe

Streut der Mond sein Lichtgeschmeid,

Über ferner Alpentreppe

Funkelt noch das Purpurkleid.

Doch ein Ruhestundenschleier

Glitzert jetzt allein am Meer,

Schwangespenster, Silberreiher

Wimmeln, schwimmen ringsumher.

Wie in einem Irisbecken

Ruht der goldene Honigmond,

Zarte Wolkenhände strecken

Ihn empor, wo Sirius thront.

Viele ersterglimmte Lichter

Nicken wieder schläfrig ein,

Denn des Mondes Flor wird dichter,

Alles, alles funkelt rein.

Da vor unserm Gondelbuge

Rauscht ein weißer Fabelschwan,

Rüstet er sich gar zum Fluge?

Immer huscht er um den Kahn.

Kaum hält unser Fährmann inne,

Taucht das Thier ins Meer hinab,

Und in bleicher Silberrinne

Biegst Du um ein Marmorkap.

In den heimlichen Kanälen

Ist der Schwan dann wieder da,

Dichtumloht von Mondjuwelen

Lenkt und leuchtet er beinah.

Seine weißen Flimmerglieder

Sind viel zarter als ein Traum,

Rings verliert er sein Gesieder,

Oder ist es Gischt und Schaum?

Steile Thürme hoher Bauten

Steigen ringsum jäh empor,

Ausweichrufe nur verlauten,

Finster bleiben Thür und Thor.

Oft kann sich der Mond verstecken;

Hinter irgend einem Haus

Will er sich dann vorwärtsrecken –

Plötzlich aber bleibt er aus!

Dunkel wechselt mit der Helle,

Wolken treiben hin und her,

Schneeschein deckt die Riowälle,

Furchtbar dröhnt das ferne Meer.

Stürmen wird es, Wind und Regen

Singen bald ihr Schauerlied,

Und auf stillen Silberwegen

Horch ich dann was rings geschieht.

Oh, es drängt mich wildes Grausen

Hin zum bleichen Dünenmeer,

Wellen, die die Winde krausen,

Reitet jetzt ein Hexenheer.

Ein Stier mit einem Silberhorn

Trägt die Nacht aus Nebelfugen,

Durch Wolkenritzen windverworren

Siehst Du kaum die Sterne lugen.

In schwüle Dünste eingehüllt

Schwärmen düstre Mondlichtseelen,

Der Wölfe Troß, der oben brüllt,

Klefft den Wind aus Silberkehlen.

Die Thiere, noch ganz ungezähmt,

Bleiben rudelweise stocken,

Die Hexen humpeln halbgelähmt,

Viele wollen plötzlich bocken.

Am Hexenbuckel huckepack

Mit weitausgespreizten Beinen

Hockt oft ein Zwerg als plumper Sack,

Gnomen reiten selbst auf Schweinen.

Was hackt sich dort die Flügel aus?

Ach, das sind die Mondlichteulen,

Sie wirbeln rings in wildem Braus,

Oben muß die Bora heulen.

Der Wind verrammelt rasch die Thür

Großer, voller Wolkenberge,

Im Innern aber wühlt dafür

Eine Schaar geringer Zwerge.

Ein Schneegebirg, ein Slavenschloß

Scheint der wilde Sturm zu tragen;

Den Ritt auf tollem Nebelroß

Will ein dünner Lichtprinz wagen.

Schon sprengt er vor, er wagt den Sprung

Hin zur Burg der Silbersale,

Es wohnt da drin in großem Prunk

Eine bleiche Fabelseele.

Wie traumverloren sitzt sie dort,

Spinnt an ihrem Silberrocken,

Die Spindel webt in einemfort

Und verstreut die Mondlichtflocken.

Ich blicke lange dort hinein,

Schön sind diese Wolkenhallen,

Bis Nebel um den Sonnenschrein

Stummer Mondnachtmärchen wallen.

Vom Lido hörst Du Prall auf Prall

Wogenbogen wild zersplittern,

Daß Gischt und Schaum beim Wellenfall

Silberblitze grell durchzittern.

Es scheint hier manches Marmorhaus

Blendendweiß und schroff gezimmert,

Besonders wenns der Wogenbraus

Silberkalt und bleich umschimmert.

Das wurde einst aus Griechenland

Hergefloßt in gleichem Strome,

Der wogte es von Hand zu Hand

Und verklärte es zum Dome.

Jetzt scheint mir, daß ein Silberwurm,

Dort im Meer, ein großer Drache,

Im Mondlichtpanzer nun den Thurm

Des Sankt Georg still bewache!

Auch steigt ein dichter Silberrausch

Aus dem weichen Wogenpfühle

Und schnellt sich rasch als Lebenshauch

In die nächtlichscharfe Kühle.

Es gab so einer Schaumgestalt,

Kaum erwacht in Mondlichtfrieden,

Der Griechengeist einst Formgehalt,

Denn das sind Okeaniden.

Hoch oben, von der Nacht verscheucht,

Fliehen Mondlichtsilberfalter,

Ein Hexenschwarm, der weiterkeucht,

Schleppt sich fort, trotz Sturm und Alter.

So manche Wetterhexe wirft

Blicke aus der Nebelkappe

Und schärft sie, da sie vorwärts schlürft,

Daß sie besser weitertappe.

Am Meeresstrande aber wohnt

Manche Nymphe schmuck und schnippe,

In Silberspiegel wirft der Mond

Frische Jugendkraft der Sippe.

Es schleppt sich nun ein Rittertroß

Schwer heran auf Zottelkleppern,

Gar müde sind schon Mann und Roß,

Wenn sie sich zusammenläppern.

Bis übers Knie sinkt jeder ein,

Weich und schlüpfrig sind die Dünen,

Doch traben sie im Mondenschein

Als verwegene Nebelhünen.

Sie reiten mühsam bis zum Meer,

Ohne alle Sturmnachtrufe,

Und sie verlieren ringsumher

Aus den Dünen Silberhufe.

Es schlottert alles schon vom Leib

Dieser müden Nebelschaaren,

Im Meere grinst ein Hexenweib

Mit verwirrten Mondlichthaaren.

Im Dunst erstickte fast der Wind,

Und es rieselt schon der Regen,

Durch Wolken guckt der Mond geschwind,

Da sich Schleier um ihn legen.

Doch wie der Dunst sich kaum verzieht,

So entsteht ein Mondlichtleben,

Denn wo er sich in Tümpeln sieht,

Bleiben bleiche Krabben kleben.

Die sind des Mondes Wirbelbild,

Sinds im krausen Wellenspiegel,

Dem allerhand Gethier entquillt;

Und am Ufer liegen Igel.

Fern im Schlamme siehst Du noch

Reiter sich und Rosse wälzen,

Die meisten stürzten in ein Loch,

Sieben schleppen sich auf Stelzen.

Ein Panzerschiff im Hafen scheint

Fast ein Wallfisch aus dem Norden,

Ein Unhold, der den Tag verneint,

Stets bereit, das Volk zu morden.

Venedig, bist Du endlich frei?

Eine Albkraft will mich würgen,

Die Panzerfaust, so schwer wie Blei,

Muß den Druck auf Dich verbürgen!

Rom

Ihr Wasserträgerkaryatiden,

Einst wart Ihr Romas Ziegelsklaven

Und heute seid Ihr Invaliden,

Die früh mit hohen Architraven

Sich fort und fort in sich verschlangen,

Bis sie im fernen Apennin

Gar viele Quellennymphen zwangen,

Vor ihrer Kaiserin zu knien.

Die klaren Bergströme ergossen,

Wie Strahlen, senkrecht sich nach Rom

Und sprangen, sprudelten und flossen

Dort munter als Brillantenstrom.

In Iriskränzen wühltet, spieltet

Ihr Tropfen und Ihr frohen Lichter,

Ihr frischen Blumenschäume kühltet

Der Götter Marmorangesichter.

Dann stürzte Zeus von seinem Throne,

Die Nixen wurden bald verjagt,

Und blasser ward der Glanz der Weltenkrone,

Die siebenzackig sonnwärts ragt.

Ihr Invaliden steht ermattet

In der Campagna nun allein;

Verstümmelt, weinumrankt beschattet

Ihr Ziegen noch im toten Hain;

Voll Trauer seht Ihr wie die Reben,

Sonntrunken in verschlungenen Reihn

Und stolz auf den Albanerwein,

Rings freudig in die Weite streben.

Ihr Saft quillt goldig aus den Trauben,

Die in des Herbstes Purpurlauben,

Umrankt von grünen Epheuschlangen,

Auf tiefgebeugten Ästen prangen.

Durchglüht den Wald der Abendschein,

Beginnt das Licht rings zu verklingen,

So ists, als ob im Pinienhain

Die schwersten Silberfrüchte hingen;

Drangen scheinen uns zu blenden,

Ein grelles, gelbes Transparent

Verhängt das ferne Firmament,

Und Riesenbäume spenden

Uns roter Äpfel große Last;

Doch geht hinter den Obstgeländen

Der fahle Tag dann bald zur Rast,

So fallen sie gereift vom Ast.

Aus einer Wolke Glastportalen

Besonnt die Glut das Herz der Welt

Und spannt mit ihren goldenen Strahlen,

Hoch über Rom, ein Riesenzelt.

Die Nebel, die sich fest verkneten,

Umzackt ein schroffer Feuerrand,

Dann werden sie zu Goldmagneten,

Denn Glut entsaugt das Gold dem Land;

Und viele scheinen selbst mit Händen

Die Farben ringsum anzuziehn,

Und wo sie Lohe wild verschwenden

Da ists, als ob Vulkane spien!

Ist auch die Sonne schon gesunken,

Erhalt sich eine Wolke lange

Die Abendglut in ihrer Wange

Und walzt sich plötzlich farbetrunken

Ins Dämmergold, das aufwärts schwellt.

Der Himmel scheint ein Erntefeld

Mit reifen Sonnenstrahlenähren,

Die Spukgebilde nun verheeren;

Und viele Kupferkuppeln schimmern

Des Abends um das Kapitol,

Und viele tausend Fenster flimmern,

Wie überklebt mit Goldstanniol.

Der Boden ist verdorrt und braun wie Ocker,

Die Hütten und Gebüsche siehst Du kaum,

Die Häuser sind aus Lehm gebaut und locker,

Das ist der nahen Großstadt gelber Saum.

Was leuchtet dort hinter den welken Bäumen?

In tausend Farben schimmert jetzt ein Feld,

Ich sollte so ein Schauspiel nicht versäumen,

Die Todten steigen aus der Unterwelt!

Ich bin zu Allerseelen angekommen,

Oh Rom, schon zeigst Du Dich in buntem Kleid!

Es brennen rings die Blutlampen der Frommen,

Dabei der gelbe Schmerz, das blaue Leid;

Das ist die Saat, die Gottes Licht verstreute

Und die sich Rom in seinem Hain gehegt,

Das da sind lauter brave Weinbergleute,

Die längst der Todesengel fortgefegt.

Feldeinwärts greifen schon die Spinnenfühler

Der Stadt, die jetzt mit einemmal beginnt.

Die Häuser steigen an. Die Luft wird schwüler.

Es zieht mich in das fremde Labyrinth.

Doch überall, hinter den Wuchtzypressen,

Entschwirrt den Friedhöfen ein Schein wie Od.

Ich werde diesen Eindruck nie vergessen,

Ich lobe Rom, dem Hoffnungsroth entloht!

Den Meisten scheinst Du, Rom, dazu erkoren,

Den Frieden immer wieder zu verleihn,

Hat man die Ruhe in der Welt verloren,

So will man Rom, dem Erdenherz, sich weihn!

O Sonnenstadt, Du gießt den großen Massen

Dein Friedensöl in ihre Seelenfluth,

Und selbst den Menschen, die Dein Walten hassen,

Verjüngt Dein Zauber noch den Glaubensmuth.

Ruht doch in Deiner fabelhaften Enge

Die Kraft, die unsern Menschengeist befreit;

Du einst in Dir das größte Machtgepränge

Und wahrst dabei die stolze Eigenheit.

Die Herzblutwellen, die durch Völker rollen,

Entschnellst Du, Rom, durch Deiner Pulse Schlag,

Der Welt befiehlt dadurch Dein Herrscherwollen,

Doch diese leistet nur, was sie vermag!

Es rannte mancher Papst mit seiner Stirne

Wohl aus Verzweiflung an die Tempelwand,

Beschränkt erschienen ihm die Christenhirne,

Für Großes reicht kein menschlicher Verstand!

Dann ward durch Romas Wuth die Welt vergiftet,

Die ganze Menschheit hat den Zorn erweckt,

Der Lateran hat Böses angestiftet,

Das Fieber dann die Erde angesteckt!

So war es mir, als ich die Urbs begrüßte,

Und die Campagna hell in Flammen stand,

Ein Pilgerchor, der seine Schuld verbüßte,

Schlich romwärts in den hellen Feuerbrand.

Enthüllt sich mir ein Glücksempfinden,

Kann ich an Deiner Herznatur

Die Seelenruhe wiederfinden,

Oh Rom, befreit mich Dein Azur?

Ein Sonnentag ist eine Freude

Und wirklich anders hier in Rom,

Krystall umfunkelt die Gebäude,

Die Lust ist mir ein Lichtphantom.

Es ruht des Himmels blaue Leere

Auf Säulen ganz aus Luft und Licht,

Es gleicht der Äther einem Meere,

Kein Himmelssegler ist in Sicht.

Die Sonnenfäulen stehn auf Plätzen

Und tragen ihren Baldachin,

Die Stunden werden sie versetzen

Und ihre Schatten weiter ziehn.

Ein Lebensdom mit Sonnenpfeilern

Zieht ewig über Meer und Land,

Doch bleibt in trägen Erdverweilern

Sein Wesen völlig unerkannt.

Die Sonnenpsalme, die erschallen,

Singt unsre Seele, lichtverwandt,

Und Geister baun sich Tempelhallen,

Wo der Gedanke sich entspannt.

Oft werden Götter überwunden,

Gar bald verlischt ihr hoher Ruhm,

Doch neuer Götzen rasch entbunden,

Verbleibt der Mensch im Heidenthum!

Zur Pauluskirche geh ich täglich,

Es war zuerst blos Zeitvertreib,

Doch liebe ich sie jetzt unsäglich

Und suche dort nach meinem Weib.

Zur Kirche müßt es wiederkehren,

Beglückt wie ich durch ihre Pracht,

Es sollte stets den Rausch begehren,

Der immer wieder hier erwacht!

Der Frau gefallen Kolonnaden,

Die um den Marmorspiegel stehn,

Die Üppigkeit im Knauf entladen

Und sich im Boden wiedersehn.

Es schweift ihr Sinn an Säulengängen

Hinab, hinan und weit zurück,

Sie liebt die fächerfreien Längen

Und Räume, rings beherrscht vom Blick!

Der Petrustempel bleibt hienieden

Zum Einbruch ferner Geister frei,

Es birgt den zweckefremden Frieden

Des Domes aufgerecktes Ei.

In Völkern, die im Kampf gewonnen,

Wird aus dem menschlichen Gehirn,

Dem Weltgesetze eingesponnen,

Sich neue Lebenskraft entwirren.

Es wird der Mensch einst ohne Sorgen

Zum Geist, der gegen Schein sich bäumt

Und unbekümmert um ein Morgen

Die Phantasien ganz entzäumt.

Die Macht sei eingeprägt in Rassen,

Die ihren Staub sich umgeschafft,

Denn sonst verliert sich in den Massen

Der Auserlesenen Sonderkraft.

Dann soll der Mensch in diesen Räumen,

Wo man das Höchste schon erfaßt,

Der Kindheit Gaukelspiel verträumen;

Bei Göttern ist er hier zu Gast.

Unheimlich sind die Dimensionen,

Wo Perspektive fast verschwand,

Den ptolomaeischen Legionen,

Die Eigenmaaße nur gekannt.

Den Raum, die Zeit zu überwinden,

Versucht der Mensch im Petersdom,

Einst werden sie von selbst verschwinden,

Schon bannt uns Ewiges an Rom.

Ein großer Meister, der uns mahnte:

Kopernikanisch sollt Ihr sein!

Und freiere Geschlechter ahnte,

Erbaute seinen Traum in Stein.

Wie bei dem Hirn die Schädeldecke

Sich an die innere Fülle paßt,

So wälzte er die Marmorblöcke

Um die Idee, die er erfaßt.

Er thürmte auf und wölbte mächtig,

Was seiner Ahnung klar entsprang,

Verjüngungskühn, gedankenträchtig

Gebar er seinen Marmorsang.

Der Geistesblitz, der den Planeten

Ins Sternenall hinaufgeschnellt,

Begeisterte den Steinpoeten

Zum größten Tempel dieser Welt.

Er ahnte mehr als er vernommen

Und setzte schon das Monument

Gedanken, die noch kaum erglommen,

Wo die Idee schon hell entbrennt.

Ihr Lebensfeinde, schwere Steine,

Wenn Euch ein Sonnensohn bezwang,

Seid Ihr im rhythmischen Vereine

Ein felsgewordener Sonnensang.

Bei allen heißen Meißelschlägen,

Wenn blitzend das Gestein zerspringt,

Wenn Riesentrümmer sich bewegen,

Und irgendwo ein Werk gelingt,

Wenn wir die Säulen sonnwärts stellen,

Was nur Titanenkraft vollbringt,

Wenn die Gebirge selbst zerschellen,

Hast Du, oh Sonne, uns gelingt.

Drum Marmorstein, Du mußt erbleichen,

Du dienst dem Himmelstürmer Geist,

Den keine Fallsterne erreichen!

Der Meteor erlischt, vereist.

Zu seiner Sehnsucht Starre friert er.

Bringt Kandelaber, reich geschmückt!

Stellt sie um Marmorbilder reichgezierter

Bekräftiger, daß Euch viel geglückt!

Die Leuchter schmücken goldene Spangen,

Die Blutrubine starr umglühn,

Smaragde seh ich ringsum prangen,

Brillanten in den Tempel sprühn.

Nun spricht ein sanftes Gold zum Herzen,

Es rauscht mich an wie Feuerklang,

Gar lieblich flimmern stille Kerzen,

Und das Gemüth wird wehmuthskrank.

Ich höre Engel jubelnd singen,

Die Thränen werden deren Kleid,

Und die Musik zu Unschuldsschwingen,

Mein Glück, da gleichst Du meinem Leid!

Die Wuchtkuppel durchbraust ein Psalter,

Hoch oben schwebt ein Cherubim

Als hehrer Hierarchieerhalter,

Denn Art und Adel tagt in ihm!

Hinan zu meinem Götterhimmel!

Hier werde ich zum Kind und schwach,

Mein Traum entrausche dem Gewimmel,

Du Meteor in mir, erwach!

Dir Artemis, der Erstgeborenen

Von Letos hohem Zwillingspaar,

Dem reinsten Weib, dem zuchterfrorenen,

Bringt mein Gemüth den Nachtsang dar.

Dein Speer und Silberpanzer blinken.

Auf wildem Schimmel, ohne Zaum,

Die Halbmondfackel in der Linken,

Durchschweifst Du still den Sternenraum.

Du reitest sicher, ohne Zügel,

Und stürmisch wiehert nun Dein Roß,

Es wittert weißes Nachtgeflügel,

Da schleuderst Du Dein Wurfgeschoß!

Es sprengt Dein nacktes Magdgeleite

Auf Windfliehern um Dich herum,

Wohl keine weicht von Deiner Seite,

Zur Jagdzeit sind sie meistens stumm.

Sie haschen Vögel, die ermüden,

Doch blos die Göttin wirft den Speer,

Nun kommt der Jungfrau, aus dem Süden,

Ein Vogelzug jäh in die Quer.

Um Störche, weiße Tauben, Reiher,

Ein reiches, frühes Lenzgeschenk,

Wirft jetzt der Jagdtroß dichte Schleier,

Und fängt sie listig und gelenk.

Doch vorwärtswirbelnd, wiederkehrend,

Setzt sich der Vogelschwarm zur Wehr,

Sich weiterwindend, rings sich mehrend,

Weicht nimmer dieses Wolkenheer.

Dianas Fakel zu verdüstern,

Scheint ihnen Rettung in der Noth,

Doch bleiben sie von Windverwüstern,

Trotz Muth und Hurtigkeit, bedroht.

Ein Zug von Turteln gurrt, und lüstern

Wirft sich der Jungfrau munteres Pferd,

Jetzt geifernd aus den weiten Nüstern,

In diese Schlacht, die es begehrt.

Ganz wirr, verworren sind die Mähnen

Der Gäule bei der wilden Jagd,

Sie tragen tausend Luftsirenen,

Von Artemis hoch überragt!

Die führt den Troß, der sie begleitet,

Jetzt wüthend ins Getümmel ein,

So weit das Wolkenfeld sich breitet,

Entbrennt der Kampf im Fackelschein.

Sowie die Herrin Beute wittert,

Durchzuckt Begierde ihr Gesicht,

Es blendet, bricht, es blitzt uud splittert

Jetzt Britemertis Silberlicht.

Sie will das Wild zu Tod verletzen,

Ganz rücksichtslos wird aufgeschlitzt,

Selene liebt das tolle Hetzen,

Ihr Silberlicht wird rings verblitzt.

Bald wird das Nachtgezücht zerstieben,

Der Himmel ist mit Flaum bedeckt,

Der ganze Schwarm ist aufgerieben

Und im Gemetzel lahmgeschreckt.

Den Göttern wird als frohe Kunde

Verkündet, daß die Schlacht vollstreckt,

Es heulen noch die Sturmwuthhunde,

Sie haben heute Blut geleckt.

Der Himmel muß als Mond erscheinen,

Der sich ins Sternenall erstreckt,

Denn hinter Federn und Gebeinen

Liegt nun der Kampfplatz ganz versteckt.

Hoch oben sieht man Kraterschlacken

Von Silbersäumen leicht erhellt,

Und scharf umgrenzt von Mondlichtzacken

Erscheint das große Todtenfeld.

Erstarrt, vereist ist jetzt der Himmel,

Der Mond eroberte ihn ganz,

Und siegreich sticht das Jagdgewimmel

Sich einen Rieseniriskranz.

Nur langsam löst sich das Gefieder,

Es ist der Göttin Jagdtrophäe,

Als Flocken wirbelt es hernieder,

Die Höhen hüllen sich in Schnee.

Als strebten Segler nach dem Orte

Der sichern Rast, mit scharfem Kiel,

Drangt durch das Wogen unserer Worte,

Durch kühner Rhythmen Wechselspiel,

Gleich Pfeilen von entspannter Sehne,

Als Lichtbild, herrlich die Idee:

So tritt aus Nebeln jetzt Selene,

Ganz Hellas glänzt in Silberschnee!

Das Mondlichtnetz umschlingt uns wieder,

Der Himmel ist fast wolkenfrei,

Und Leleithia steigt hernieder,

Sie hilft des Nachts von eins bis drei.

Stets westwärts wehen die Jägerschaaren

Im Mond Muchion übers Meer,

Wie sie Italiens Strand gewahren,

Fliegt flinker noch das freie Heer.

Durch Wälder streifts im Schwebeschritte

Als blasser, weißer Nebelstreif,

Um Wiesen schweifts, mit leichtem Tritte,

Und gleitet schon und schleift aus Reis.

Die Göttin sieht auf fernen Zinken

Des Bruders Troß im Purpurlicht,

Und horch, sie muß zum Aufbruch winken,

Da eine Jungfrau leise spricht:

Zu Wüstensand verbrannte

Der Erde trockener Theil,

Und in die Wildniß sandte

Apoll den ersten Pfeil.

Der Wüstenathem brachte

Ihm nichts als heißen Sand,

Er schmachtete und dachte

Vielleicht an Phöbos Hand.

Die Gluthenstrahlen drangen

Gar tief ins grüne Meer

Und regten das Verlangen

Nach Wolkenschutz und Wehr.

Gar duftige Gestalten,

Vom Wellengang geschnellt,

In Nebelmänteln wallten

Nun in die blaue Welt.

Sie kamen unvermuthet

Zum ausgedorrten Pfeil,

Er war beinah verblutet,

Sie brachten ihm das Heil.

Er wäre bald verkommen,

Er schmachtete im Sand,

Sein Leben schien verglommen,

Die letzte Hoffnung schwand.

Die Nebel kosten, küßten

Den dürren Zukunftsbaum,

Sie labten ihn mit Brüsten,

Erfüllt von Lebensschaum,

Sie sagten: Nicht verzagen,

Es wird die Hoffnung bald

Im Boden Wurzel schlagen,

Sie sei Dein fester Halt!

Sie rauschten das mit Wärme,

Erst hörte er sie kaum,

Dann sah er Nebelschwärme

Ringsum im ersten Traum.

Bald drangen frische Kräfte

Zum letzten Federnsaum,

Und grüne Frühlingssäfte

Durchfieberten den Baum.

Oft hat die Langeweile

Die Palme dann gequält,

Von einem andern Pfeile

Ward ihr darauf erzählt.

Zu unverheilten Wunden

Rang sich ihr Sehnsuchtsdrang,

Da ward die Brunst entbunden

Und blühte liebesbang.

Die Hoffnung wollte lieber

In keiner Blume ruhn,

Sie schwang sich noch hinüber,

Als Duft sich zu verthun.

Den andern Baum bethörte

Der Düfte Überschwang,

Sein Blüthenohr erhörte

Was sein Gemüth durchdrang.

Doch hat der Blüthenzungen

Geflüster nicht die Scham

Der Blume gleich bezwungen,

Als sie von Lust vernahm.

Erröthend nur erhörte

Ein Kelch den Duft sogleich,

Die meisten aber störte

Er nicht, sie welkten bleich.

Verdurstend, elend, standen

Die Palmen oft allein,

Die Nebelkinder fanden

Sich lange, lang nicht ein.

Vom alten Baume blieben

Sie ganze Monde fern,

Da ward er aufgerieben,

Es brach sein Lebensstern.

Die letzten Wesensstrahlen

Erblühten noch voll Pracht,

Es sind die Purpurqualen,

Als Abschiedskranz, erwacht!

Oh Göttin, welches Weh durchzittert

Dich sanft, da Du das Lied erlauscht,

Hat es die Keuschheit Dir verbittert,

Hat Dich der Traum vom Baum berauscht?

Von Ästen seh ich Nebel baumeln,

Der Jungfrau Traumlust scheint erwacht,

Sie zagt, ihr bangt, sie könnte taumeln,

Nun blendet sie die eigene Pracht!

Die Stute wiehert, denn es striegelt

Sie schon der erste Sonnenschein,

Ihr Waidweibantlitz aber spiegelt

Der Nemisee entzückend rein.

Die Schönheit, die ihr göttlich deuchtet,

Die ward mit Keuschheit ihr bestimmt,

Drum hat ihr Blick sich leicht befeuchtet,

Sie flieht, da schon der Tag erglimmt!

Es steigt mit der goldenen Leier

Apollo empor in die Welt,

Das Licht ist an sich eine Feier,

Und wer sie empfindet ein Held.

Es lüften sich duftige Schleier,

Es trennt sie der strahlende Schwall,

Und Erdstimmen freuen sich freier

Im sonnendurchglühten Krystall.

Das Gold, das wir alle begehren,

Das ewig der Sonne entrollt,

Erklingt in den weitesten Sphären,

Denn alles ergötzt sich am Gold.

Wo Wölkchen am Himmel erglimmen,

Da schweben auch Englein hervor

Und singen mit kindlichen Stimmen

Des Morgens unendlichen Chor.

Kaum hört man die Stimmlein noch säuseln,

Die Äuglein sind strahlend und klar,

Die Lüfte des Frühlings verkräuseln

Die Flügel, das goldene Haar.

Die Elfen beginnen den Reigen,

Sobald nur ihr Weckruf erschallt,

Man sieht sie den Blüthen entsteigen,

Ihr Lichtschritt durchzittert den Wald.

Sie wirbeln in flimmernden Schäumen,

Sie tragen sie zierlich zur Schau,

Beim Tanzen entfällt ihren Säumen

Erfrischender, perlender Thau.

Sie folgen geschwind Terpsychoren

Und suchen beim Tanze Genuß,

Erhascht von dem Hauche der Hören

Verwehn sie beim brünstigen Kuß.

Jetzt klingen die Lebensgelüste

Zum spendenden Gott aus dem Thal,

Dann sieht er vom Strahlengerüste

Oft Länder, verwüstet und kahl.

Doch brennt er, mit flammendem Stifte,

Der Starre vernichtet, verzehrt,

Lebendige Worte in Trifte

Der Wüste, die Wollust begehrt.

Der Morgenrothstrauß hat sich lang schon erhoben.

Wie Bluttropfenrosen im sammtigen Moose

Ihr Knospen verbergen, verglüht nun dort oben

Im Dunkel der Dünste die letzte Frührose.

Den Himmel umflimmern die lieblichsten Farben,

Im Nebel erscheinen Hortensien und Lilien,

Es züngeln im Blüthenkranz glühende Garben,

Und alles das spiegelt die See von Sizilien.

Jetzt will sich die Anmuth vollendet genießen,

Dazu ihre Ruhe im Meere vertiefen,

Der Spiegel erscheint, alle Brisen zerfließen,

Als ob nun die wogenden Seewünsche schliefen.

Es gleicht jetzt der Tag einem ruhenden Löwen

Mit goldig erglühender, sonniger Mähne.

Ganz still ist das Meer. Und fast suchen es Möven.

Es ist, als ob jede im Äther sich wähne.

Erschreckt durch ihr Eigenbild flattern sie weiter,

Um irgendwo Winde und Wogen zu finden.

Es reckt nun Poseidon gewaltig und heiter

Sein Haupt aus der See, alle Zweifel verschwinden.

Die Stirne des Gottes ist gar nicht umzogen.

Im Bann seiner Blicke bestätigt sich alles,

Bedächtig und ernst wird die Schöpfung erwogen,

Er denkt an die Kinder des klaren Krystalles.

Da leuchten die Algen und Aderkorallen,

Die leiblos, fast todesverschont, sich vermehren;

Es leben dort Schwämme und farbige Quallen,

Die hinschwimmend Leiden und Jubel entbehren.

Es ist das kein Leben voll Trauer und Schauer,

Wo Leibes und Todesorkane sich hetzen,

Das Wasser ist schwanger an Schwere und Dauer

Und mag sich in klare Betrachtung versetzen.

Es horchen Tritone dem Chore der Horen,

Sie spielen den Sonntag auf goldenen Trompeten,

Es gehn keine himmlischen Hymnen verloren,

Die herrlich der Leier Apollos entwehten.

Es dringt aus den Liedern ein lustiges Trillern,

Ein schalkhaftes Trällern zufriedener Kinder,

Tritonflossen fangen an ringsum zu schillern,

Da lacht man wahrscheinlich und schwimmt nun geschwinder!

Erfaßt von der Freude am Flimmern und Glänzen,

Versprüht auch der Tag seine scherzhaften Brisen,

Delphine umspringen mit schimmernden Schwänzen

Poseidon, den einfältig lächelnden Riesen.

Die schaumgeborenen Nixen sind übersprudelnd heiter,

Sie schnellen sich im Meere, in wilder Lust empor,

Delphine und Tritone sind meist ihre Begleiter,

Gesellig ist ihr Wesen, voll Leichtsinn und Humor.

Du hörst sie unterm Wasser von Lust und Liebe tuscheln,

Sie plätschern und sie schäkern nach lauter Kindesart,

Sie schauen auf zum Strande, bewerfen ihn mit Muscheln,

Und nun erhebt ein Nix sich mit nassem, langen Bart.

Er möchte gerne Fischern verständlich sein und prahlen,

Er taucht nach Iakobsschalen und schlürft daraus das Salz,

Den Bart auswindend spritzt er jetzt plötzlich Wasserstrahlen,

Und Austern, Tang entzaust er dem Haar auf Wams und Hals.

Die raschen Brandungswogen begehren schon das Leben,

Sie rollen voller Sehnsucht herüber übers Meer,

Sie schwellen starke Lüfte, die über Land entschweben,

Und sie gebären Lieder im blinden Greis Homer.

Sie überfluthen Länder und branden erst in Wäldern,

Entzünden bunte Blumen, verkuppeln sie sogar,

Entschäumen dann als Blüthen den winddurchwogten Feldern,

Sie sind die Macht des Meeres, das alle Kraft gebar.

Du dunkle See, vertraue Nachts der Sonnenwärme,

Nur was der klare Tag erschafft ist stark und wahr,

Oh Muttermeer, dem Licht gebierst Du Wolkenschwärme,

Denn es befeuchtet und begehrt Dich immerdar.

Ihr falschen Silberblicke doch, im Dunstgespinnste,

Was flackert Ihr so frech, voll geiler Mondesbrunst,

Es ist, als ob ein Geisterbund am Seegrund grinste,

Ihr sucht umsonst nach Lebenslust und Liebesgunst.

Die Liebe seid Ihr nicht, Ihr kalten Augenblicke,

Es kennt die Freude nicht, was sich der Scheelsucht weiht,

Ihr seid kein Samenlicht für Kraft und Glücksgeschicke,

Da ihr zu seelenleer und doch voll Neidsucht seid.

Du siehst die Eos kaum im Traum erzittern,

Bevor sie plötzlich schön und rasch erwacht,

Von Helden träumte ihr und Lichtgewittern,

Vom Sonnengott, der sie zum Weib gemacht.

Es ließ das Traumgesicht sie leicht erröthen.

Und schon geschieht was Eos kaum gedacht,

Apollo kommt, den Dunkelwurm zu tödten,

Und beider Liebe überströmt voll Pracht.

Oh Sonne, unsere holde Lebensmutter,

Von Wolkenschwärmen bist Du eng umdrängt,

Es gleicht ein Mädchen Dir, das Taubenfutter

Und volles Wohlwollen von Herzen schenkt.

Die weißen Flaume wehen leicht belichtet

Zum Sonnenscheine, der sie hold erhellt,

Ihr ganzes Wesen scheint hinangerichtet,

Denn sie entwanden sich dem Thal der Welt.

Jetzt schillern sie, bekränzt mit Thauguirlanden,

Und wie Perlmutter glänzt die Seeglasur,

Im Morgenflor wird Aphrodite landen,

Sie bringt die Lebensmilch in die Natur.

Es grüßt sie Athene mit blitzender Lanze,

In himmlischen Augen erblaut ihre Seele,

Sie schaut auf ihr Hellas im traumgrauen Glanze,

Auf Elfenbeinburgen und Lichtseejuwele.

Gar fröhlich bringt Hermes den Göttern die Kunde

Der plötzlichen Schönheit erblühender Wiesen,

Sein Flug unterrichtet fofort Junos Runde,

Denn munter erscheint er auf duftenden Brisen.

Es hören die Götter die Lenzlerchen schmettern,

Es jubeln die Schwalben, es gurren die Tauben,

Die Horen beginnen auf Bäume zu klettern,

Um hurtig den Wald und die Flur zu belauben.

Es wecken der Venus leichtschwebende Schritte

Die schlafenden Thiere, Reptilien und Schnecken,

Befreit sind die Muscheln vom schleimigen Kitte,

Es können sich Nattern jetzt wiederum strecken.

Die Sturmfluth des Lenzes, des Lichtes, der Gluthen

Umbrandet die Hügel als reifendes Korn,

Es steigen die Blutdasein fordernden Fluchen

Stets höher, es speist sie ein Ewigkeitsborn,

Im Herbst aber müssen die Reben verbluten,

Dann leert sich der Flora glückspendendes Horn,

Es werden die Faune in Felsspalten tuten,

Und überall zeigt sich die Dürre, der Dorn.

Kein Laub hemmt den Schall mehr; die Zeit heller Klänge,

Die Jäger, das Echo erscheinen im Thal,

Wild wirbelnde Rhythmen verdrängen Gesänge,

Man klatscht und man macht den Bacchantenskandal.

Es fangen die Faune an rings zu erwachen,

Es staken die Schalke in fremdem Revier,

Du hörst sie und gleich darauf Bergschemen lachen,

Und was man auch sagt, hört ein ganzes Spalier.

Es rufen des Herbstes glücksuchende Stimmen,

Es blutet die Rebe, die Gluthen ersehnt,

Sie liebt den Vesuv und sie will ihn erklimmen,

So sonnt sich Ariadne an den Panther gelehnt.

Es wirbelt des Herbstes bacchantischer Reigen,

Es tanzt ihn im Walde ein weiblicher Chor,

Wie Kupfer entflimmern die Blätter den Zweigen,

Es rascheln dabei Tamburellen hervor.

Wie taumelnd erstarrte Titanen verschlingen

Sich Felsen, von Wäldern und Bächen umrauscht,

In Schluchten, wo lustige Sprudel entspringen,

Hat einst die lärnäische Schlange gehaust.

Gigantenkakteen gedeihen auf Wänden,

Um Felshermen züngelt wildwuchernder Wein,

Die Rillen durchklimmt er mit blutigen Händen,

Und Moose umflechten wie Bärte den Stein.

Man sieht sich den Epheu zu Schaukeln verknüpfen,

Und drauf hocken Olme und krötig Gethier.

Vor Grotten beginnen Giftvipern zu hüpfen,

Und drinnen pfeift lüstern ein kleiner Satyr.

Auf Pinien und steilen Zypressen verspinnen

Die Lichter sich langsam zu goldenem Flor.

Es zucken des Abends die purpurnen Zinnen

Der Burgen des Tages zum Äther empor.

Jetzt schreitet uns Bacchus im Walde entgegen,

Das Wetter bedingt seinen launischen Sinn,

Nichts ist ihm an anderer Unbill gelegen,

Mit grünendem Thyrsusstab zieht er dahin.

Am Wagen verschlingt sich das Laub um die Speichen,

Es schleppen ihn Panther durch fruchtbare Flur,

Es scheinen die scheckigen Thiere zu schleichen,

Und Epheu entwuchert als Wagenradspur.

Es reicht eine Nymphe dem Weingotte Wasser,

Er sieht nur mit funkelndem Blicke hinein,

Und schon wirkt der Zauber. Der Trank edler Prasser

Entschäumt nun der Schale. Es blutet der Wein.

Von Eris, der streitbaren Schwester geleitet,

Von Hermes, dem Gotte der Stürme befreit,

Erscheint uns jetzt Ares, der ungestüm reitet,

Er fühlt sich zu jeder Verheerung bereit.

Er hetzt mit dem Sturme, der Eichen entwurzelt,

Und Windwirbel wälzen sich hinter ihm her,

Es sind schon Begleiter in Schluchten gepurzelt,

Die Thäler durchrast bald ein schreckliches Heer.

Als stürmisches Dröhnen die Trifte durchschallte,

Erweckten Trompeten die schlummernde Wuth,

Und als dann der Marssang in Halden erhallte,

Berauschte die Mannen barbarischer Muth.

Das Land überfluthen rebellische Stämme,

Es stürzen sich Völker auf fruchtbare Flur.

Die Anhöhen krönen lebendige Kämme,

Es wechselt der Berge bewegte Kontur.

Jetzt schleudert man Steine auf steiles Gemäuer,

Mit Brandfackeln dringt man zum Hauptthor hinan.

Es helfen die Winde, sie nähren das Feuer

Und stecken im Stadtgebiet Brandherde an.

Verreckende Menschen durchwühlen Gebeine

Verstümmelter, röchelnder Krieger am Feld,

Und brennender Städte wildlohdernde Scheine

Beleuchten die Schlachtnacht, die Ares durchgellt.

Den Stadtwall verkleiden gigantische Leitern,

Es thürmen sich Lanzenquadrate steil auf,

Doch scheint rings die Angreifertaktik zu scheitern,

Verschnaufende decken die Erde zu Hauf.

Der Kriegsgott zieht lachend durchs ärgste Gedränge,

Es freut ihn das Blitzen von Lanze und Speer,

Es dröhnen jetzt überall Schlachtengesänge,

Und hinter ihm taumelt ein klapperndes Heer.

So wird noch der Grause als Traumbild von Kriegern

Im letzten Momente des Lebens gesehn:

»Oh macht unsere Kinder zu Rächern und Siegern!«

Beginnen dabei, die da fiebern, zu flehn.

Ein sterbender Fürst sieht sein Volk nun in Ketten

Und stumm schon, wie Schemen, in fremde Frohn ziehn,

Man kennt ihn nicht, niemand mehr denkt ihn zu retten,

Wie herzlos macht alle der eigene Ruin!

Der Lichtschein der Fackel der Eris beleuchtet

Entsetzliche Szenen; ein Krieger erschlägt,

Von Blut und von Angstschweiß beschmutzt und befeuchtet,

Den eigenen Genossen, der Werthwaffen trägt.

Die Todten ziehn fort, ohne Abschied zu nehmen,

Der Zug ist noch länger und ärger gepreßt,

Die Krieger verbluten, umgaukelt von Schemen,

Und plötzlich entsteigt zwischen Freveln die Pest.

Sie schließt sich an alle veränderten Farben,

In schwarzen Gewändern durchstreift sie die Nacht;

Harpyen, die schreckliche Gifte erwarben,

Verschleppen was heimlich die Greisin entfacht.

Sie stiegen von dannen, das Nahen der Schaaren

Giebt niemals ein Krächzen und Auflodern kund;

Wir können sie nirgends beim Brüten gewahren,

Sie nisten am liebsten in röchelndem Mund.

Sie fliegen stets vorsichtig, durchsichtig, leise

Durch Strecken, die eben der Kriegsgott verheert,

Dann ziehen sie immer noch weitere Kreise,

Und wo sie erscheinen, wird eifrig bekehrt.

Es lassen Propheten oft Jünglinge schlachten,

Die werden den Numen zum Opfer gebracht,

Sie trachten ein Sühnungsgebot zu beachten

Und hoffen, daß Zeus holde Milde erwacht.

Von Betenden, die die Altäre umhocken,

Wird eifrig Erlösung vom Übel ersteht;

Sie möchten den Göttern ihr Mitleid entlocken

Und fühlen sich plötzlich vom Pesthauch umweht.

Ein Jüngling verkam bei der schrecklichen Seuche,

Sein Grab hat ein Mädchen für sich mitbegehrt,

Doch waren im Lande die Opfergebräuche

Verzweifelter Bräute und Wittwen verwehrt.

»Verweigert mir jemand mit Dir fortzuschlafen,

So schwöre ich Rache zu nehmen!« Beschließt

Das Mädchen fanatisch: »Auch mich will ich strafen,

Wie Euch, die Ihr stumpf meinen Buhlen verließt!«

Die Rasende sieht man mit Brandfackeln rennen.

Sie wirft sie in Scheunen. Die Flamme erloht.

Jetzt fängt schon der Seuchenherd an abzubrennen.

Und ringsum die Völker verschont nun der Tod!

Doch früher schon fühlte ein Mann sich erkoren

Und plötzlich von Göttern zum Handeln gedrängt;

Der Angstschweiß bedeckte des Predigers Poren,

Es war seine Sprache von Geistern gelenkt.

Es schien ihm zuerst, daß ihn Todte beklemmten,

Und plötzlich, als würden ihm Worte entwürgt,

Da bald keine Zweifel den Redeschwall hemmten,

So schien ihm die eigene Mission fest verbürgt.

Er hielt alle Menschen um sich für besessen,

Und wirklich aus allen sprach Fieber und Brunst,

Sie schienen orgiastisch die Pest zu vergessen,

Er dünkte sich ringsum von Schweinen umgrunzt.

Er sah, wie die Leiber ihr Leben erhalten,

Bewußtlose Körper von Fäulniß zernagt,

Verkrampften sich, wollten nicht kampflos erkalten,

Da hat er die Worte der Rettung gesagt!

Es stieg ihm ein Frösteln in Nase und Ohren,

Er glaubte sich selber vom Übel erfaßt,

Er hielt sich beim Reden bereits für verloren,

Drum sagte er alles in rastloser Hast.

Er sprach rasch von Flucht und er ward kaum verstanden,

Es schwoll seine Inbrunst, er sah sich gehemmt,

Ein Schwindel war nahe, die Sinne entschwanden,

Er hat sich der Ohnmacht entgegengestemmt.

Es schienen ihn Todte und Träume zu plagen,

Sein innerstes Wesen ist schrecklich entbrannt,

Es konnte sein Herz ohne Hinderniß schlagen,

Es preßte ihn dann eine blutrothe Hand.

Er sprach von der Sonne, von schöneren Landern,

Er sprudelte Worte vom Auszug hervor,

Er sah alle Menschen in Flammengewändern,

Sie kamen ihm größer, lichtähnlicher vor.

»Ihr alle seid Kinder des himmlischen Glanzes,«

Begann er, von Fieber geplagt und gejagt:

»Ihr leuchtenden Träger des Urflammenkranzes,

Oh sagt, habt Ihr noch nicht den Ausfall gewagt?«

Doch wiederum fühlt er die Nachtflügel schlagen,

Er wehrt sich uud bäumt sich, spricht doppelt vom Licht,

Erzählt von dem Gotte im fliegenden Wagen

Und stürzt dann zu Boden, sein Augenlicht bricht.

Da schreien und laufen bereits ganze Schaaren,

Die Sonne hochpreisend zum westlichen Meer.

So lang sie die Krone des Lebens gewahren

Befiehlt noch ein Herzog dem rasenden Heer.

Am Strande besteigen sie eilig Triremen,

Die stürmische Brandung, das Dunkel der Nacht

Vermögen nicht Fahrlustorkane zu lähmen,

Man liefert sich oft um ein Boot eine Schlacht.

Man zimmert sich Flöße, trotz Stürmen und Tosen,

Und stiegt auf die Fluchen mit Weib und mit Kind,

Es stürzen am Wogenmeer thurmhohe Hosen

Hernieder, und Segel zerfetzen im Wind.

Es retten sich Wenige nur in den Booten,

So manches, das steuerlos, dichtgefüllt, treibt,

Vermißt auf dem Meere den sichern Piloten,

Man hört wie die Fluch sich an Bauchplanken reibt.

Wohl glaubt man das Ende des Sturmes zu spüren,

Doch fühlt man sich hilflos, verlassen im Meer,

Man ist nicht im Stande, das Schiffchen zu führen,

Nun scheint die Natur ringsum dunkel und leer.

Doch mag auch das Meer sich im Windschlummer wiegen,

So wacht es doch weiter und nie wird es ruhn,

Die Liebe, das Leben kann gar nicht versiegen,

Am Ozean nachtet ein seliges Thun.

Oft will er sich dehnen und regungslos glatten;

Doch nimmermehr senkt sich sein schöpfender Arm,

Er schlingt mit den Lüften die ewigen Ketten

Des Lebens und schwellt seinen Nachtwanderschwarm.

Ein Boot sah von ferne ein plötzliches Glimmen,

Es ward nur von wenigen Augen gewahrt,

Doch ging es dem Lichte wie freundlichen Stimmen,

Es freute die Menschen auf stürmischer Fahrt.

Bald war es verschwunden und nimmer zu finden,

Die Schiffer durchspähten das Dunkel der Nacht,

Sie trachteten Fackeln am Bug anzubinden,

Es waren die Masten zusammengekracht.

Bald huschte ein Licht, wie ein Irrlicht, am Meere,

Die Fluch schlug darüber und löschte es aus,

Dann fuhren die Armen der Kreuz und die Quere

Und hörten im Meeressaus garnichts als Braus.

Oft zeigten sich Sterne, als Wolken zerrissen,

Sie blinkten wie Splitter auf blaugrauem Stahl,

Der Taggigant hob dann auf wolkigem Kissen

Den Morgen empor in den Sternbildersaal.

Es schienen noch Berge die See zu begrenzen,

Es schliefen die Wellen, der Morgen war lau,

Man sah oft Sprungbrisen am Meere erglänzen,

Und ringsherum wuchtete wolkiges Grau.

Es springen jetzt Lichtschemen plötzlich zum Meere,

Es lächelt das Wasser, der Himmelsazur,

Die Dünste zertheilen die Tageslichtspeere,

Ein Halbwrack umglüht eine Flammenkontur.

Ein Tag ist erschienen voll goldiger Dauer,

So hold wie ein Jüngling, leichtlockig und blond;

Der Himmel wird dunkler, noch höher und blauer,

Ganz glatt ist die See, die sich wonniglich sonnt.

Die Verschwenderin der Liebe, unsere Sonne leuchtet wieder,

Und das Meer ist von der Wonne ihres Goldes überstrahlt,

Ganze Rudel von Delphinen tauchen auf und tauchen nieder,

Ob das Wasser mit der Sonne und den Meergeschöpfen prahlt?

Alle Wellen sind Impulse, sind der Wunsch nach Windbewegung,

Winde sind die Flucht ins Leben, Sprünge aus dem Ruhezwang,

Und das Leben ist die Sehnsucht und der Flug zur Lichterregung,

Und das Meer ist eine Lunge, voll von großem Athmungsdrang.

Weißes Licht und weiche Lüfte, kommt, das Meer wird Euch empfangen,

Schnellt es Wellen doch mit Armen, ganz aus Gischt und Licht empor,

Seht! Es schleudert Freudenkränze, wo sich Luft und Schaum umschlangen,

Und die stiegen nun vergoldet, wie ein Meergoldmeteor.

Freude siehst Du ringsum funkeln, gar nichts rastet auf den Fluchen.

Athmen will das Meer, nur athmen! Seht den Wind, der ihm entweicht!

Hört ihn kichern, hört ihn plätschern! er, das Kind der Sonnengluthen

Wird die schwülen Lüfte kühlen, wo er nur den Strand erreicht!

Auf den Schiffen die Matrosen werden alle froh und heiter,

Wie ein Traum von Schaumbrillanten zischt der Gischt empor am Kiel,

Ringsum springen die Delphine, unsere munteren Schiffsbegleiter,

Und dann schimmern ferne Riffe, für die Schiffenden ein Ziel.

Jedes Schiff bekommt jetzt Ruder, ja womöglich Steuer, Segel,

Alles regt sich voller Hoffnung, da man fern ein Eiland sah,

Hemden näht man rasch zusammen und man findet Hammer, Nägel,

Und so trägt nach kurzen Stunden manches Boot schon Mast und Raa.

Durch den Zitteräther blinken

Riffe traumhafter Gestalt,

Oftmals glaubst Du, sie versinken

Als ein Trugbild ohne Halt.

Silberschwingeninseln schweben

Ferner als der Himmelsrand,

Wenn die Winde sich beleben,

Treibt man bald zu ihrem Strand.

Endlich, endlich kommt man näher,

Und die Rettung scheint gewiß,

Denn es sehn die besten Späher

Nirgends mehr ein Hinderniß.

Sind das Inseln der Sirenen,

Von Smaragden eingefaßt?

Warten auf den Sonnenlehnen

Nymphen auf den seltenen Gast?

Plötzlich wollen alle lauschen,

Jeder fürchtet den Gesang,

Oder hören sie im Rauschen

Etwa schon den Brandungsdrang?

Dennoch gebt es anzulegen,

Sagen sich die Schiffer kühn:

Düfte hauchen schon entgegen,

Und die See wird hell und grün.

Schwierig ist es einzufahren,

Wo das Meer, wie eingeschlitzt,

Zwischen lauter sonderbaren

Klippen Silbergischt verspritzt.

Hohe Brandungswogen pressen

Sich voll Wucht durch eine Schlucht,

Und es wachen rings Zypressen

Um die dunkle innere Bucht.

Doch die Einfahrt zwischen Klippen

Wagt kein Boot bei Wellengang,

Denn mit lauter lauten Lippen

Warnt das Meer den Fels entlang.

An die nächste Inseldüne

Wird ein Schiff dann angeweht,

Denn es haben kühle, grüne

Ströme günstig sich gedreht.

Hin zum Strande, wo die Qualle

Nach dem kalten Salze lechzt,

Steuern jetzt die Schiffe alle,

Rings von Möven laut umkrächzt.

Viele wollen strandwärts waten,

Und am feinen Muschelsand,

Den die Schiffer nie betraten,

Ziehen sie jetzt ihr Boot ans Land.

Viele weitverstreute Schiffe

Hat ein Strom zum Strand geschwemmt,

Und es wurde durch die Riffe

Nur ein einziges geklemmt.

Kaum ist durch die Felsenenge

Dieses volle Schiff hindurch,

Tönen gleich Sirenenklänge,

Und am Buchtgrund lugt ein Lurch.

Wie die Menschen näher kommen

Sehn sie ringsum Nymphen nahn,

Einige kommen angeschwommen

Und es wippt dadurch der Kahn.

Manche sehn sie Kurzweil treiben,

Viele tummeln sich herum,

Menschen doch und Nymphen bleiben

Alle, voll Erstaunen, stumm.

Jene mit den Robbenschwänzen

Sind den andern stets voran,

Und sie sehn sich beim Scharwenzen

Klug mit Seehundsaugen an.

»Will ein Fürst sich offenbaren

Der den Namen freundlich nennt?

Will er sein Geheimnis wahren

Als ein stummer Meerregent?

Seinen Wunsch will ich beachten,

Läßt er gütig uns ans Land!

Opferthiere will ich schlachten,

Stehn wir erst auf festem Strand!«

Diese klug erwogenen Worte

Sprach, vom Schiffe aus, ein Mann,

Und aus hoher Felsenpforte

Trat ein Weib, das sanft begann:

»Seid willkommen, Ihr Dämonen,

Hier am stillen Nymphenstrand,

Auf der Insel dürft Ihr wohnen,

Knüpft mit uns ein Freundschaftsband!

Seht in jenem Flimmerrahmen,

Wie der stille Fürst sich nennt,

Ströme winden seinen Namen

Durch die Flut, die blau entbrennt,

Mag der Wind die Wellen hetzen,

Sichtbar bleibt er immerdar!«

Solches sprach in klaren Sätzen

Jenes Weib mit Wunderhaar.

Darauf stieg sie auf die Klippe,

Wo sich wild die Strömung brach,

Und dort lauschte ihre Sippe,

Wie sie freundlich weiter sprach:

»Fremdlinge, Ihr seid erlesen

Hier in unserer Hut zu sein,

Denn wir sind beherzte Wesen,

Die den Menschen Schutz verleihn.

Durch die Ströme unserer Meere

Wurdet Ihr hierher gebracht,

Der Delphine kundige Heere

Haben Euch dabei bewacht.

Eures Volkes besten Samen

Haben wir in Euch bewahrt,

Ja, wir kennen Eure Namen,

Nun erfahrt von unserer Art:

Wißt, es wurde jedem Fische

Eine Nymphe hold bestimmt,

Seht, wie in der Salzesfrische

Jede anders taucht und schwimmt,

Rings aus unseren niedern Kuppen,

Wo nur eine Nixe liegt,

Leuchten ganz verschiedene Schuppen,

Wenn ein Weib den Schwimmrumpf biegt.

Häufig senden die Forellen

Ihre Nymphen an das Meer,

Über Felsentrümmer schnellen

Sich die Bachbewohner her.

Seht doch, mit dem Karpfenschwanze

Jenes stille Nixenpaar,

Und, im hellen Sonnenglanze,

Jene Goldmakrelenschaar,

Es sind dort die roten Barben

Stolz auf ihren Schuppenglanz,

Schaut und staunt, in tausend Farben

Flimmert unser Nymphenkranz.

Fische werden sie Euch bringen,

Alles wird Euch hier geschenkt,

In die Netze, in die Schlingen

Wird die Nahrung still gesenkt.

Seid nur gütige Dämonen,

Helft den Nymphen immerdar,

Denn auf fernen Muschelthronen

Herrscht ein böses Otternpaar.

Tief in Grotten soll es wohnen,

Furchtbar wird uns seine Brut,

Nimmer sollt Ihr sie verschonen,

Tödtet sie mit kühlem Muth!«

Kaum war dieser Gruß entflossen,

Trat aus einem Felsenthor

Hold, zum Sonnensang entschlossen,

Die Sirenenfürstin vor:

»Höret nun vom großen Sehnen,

Hier auf dieser Sonnenflur,

Was die Schaar der Felssirenen

Schon an Wundern tief erfuhr.«

Diese holdgesungenen Worte

Wiederholte dann ein Chor,

Und es wuchs am steilsten Orte

Eine Harfe hoch empor,

Gleich umflatterten sie Schwingen;

Durch des Weibes Meistergriff

Ward das Spiel zu Schmetterlingen,

Rings umtanzten sie das Riff.

Stärker war die Meeresbrandung,

Wo ein Kap sich niedersenkt,

Vor der Insel Felsumrandung

Schien ein Gischtstrom hingelenkt.

»Blickt auf unsere Flattermähnen!«

Hub die Felsentochter an:

»Ungekämmt sind die Sirenen,

Doch schon wogt der Schmuck heran.

Unsere größte Augenweide,

Taucht aus dem Brillantenschaum,

Rauschend reicht er das Geschmeide

Aus dem allertiefsten Raum.

Seht, es schnellt zu jeder Stunde

Anderer Schmuck vom Grund empor,

Unser Blick giebt unten Kunde,

Welche Gluth man sich erkor!«

Solches sangen die Sirenen

Und sie sie flochten Gluth ins Haar,

Bis auf ihren Flimmersträhnen

Nichts als Licht zu sehen war.

Dieses stoß zum Meer hernieder,

Sprühte zu der Fluth zurück,

Und der Felssirenen Lieder

Sangen hold vom Liebesglück.

Ihre Harfe tönte weiter

Und sie wuchs bei jedem Ton,

Ihres Spieles Stimmungsleiter

Schuf sich eine Formvision.

Denn, statt frischer Silberklänge,

Wurde wildverrungenes Weh

Ein bewegtes Fischgedränge –

Und das fiel dann in die See.

Abend wars mit einem Male,

Ringsum brach das Tagesgold,

Selbst die Nachmittagsopale

Haben sich am Strand verrollt.

»Hört das Wesen unserer Thränen,

Lauscht dem Sonnenabschiedsbrauch,

Hört die Trauer der Sirenen!«

Tönte nun ein Zephirhauch.

»Kommt, Ihr leichten, holden Elfen,

Löst Euch von den Zweigen los,

Kommt, Ihr sollt mir spielen helfen,

Denn die Harfe ward zu groß!«

Also sang die Felsentochter,

Als das letzte Gold verglomm,

Und ihr tonweltunterjochter

Elfenchor gehorchte fromm.

Dieser Fürstin stolze Miene

Schien ergriffen, als sie sang:

»Kurz nur krönen uns Rubine,

Wenn der Tag in Blut versank!«

Dunkler Strudel Purpurgluthen

Schäumten, bäumten sich zur Bö,

Lustimpulse, die noch ruhten,

Sprühten plötzlich in die Höh.

In den Himmel wuchs die Harfe,

Elfen spielten überall,

Und zur stummen Daseinslarve

Ward schon mancher Anfangshall.

In der Höhe ihres Fluges

Nahmen Vögel ihren Sang,

Von des holden Elfenzuges

Schöpferharfe, in Empfang.

Helle Abendrosenkränze

Schlangen sich im Hain empor,

Und die wunderbarsten Tänze

Wand dabei der Elfenchor,

Rosen wuchsen um die Klippen

Auf der dunkeln Kuppenflucht,

Endlich aus der Boote Rippen,

In der stummen Inselbucht.

Und da riefen schönheitsbrünstig

Viele Stimmen auf der See:

»Große Göttin! sei uns günstig,

Lasse uns in Deine Näh!«

»Hört noch dies von den Sirenen!«

Sang darauf die holde Frau:

»Tiefen Nachtfluthen entlehnen

Wir die reichste Krönungsschau.

Diese Ströme bergen Greise,

Blendendhell ist ihr Talar,

Und in stillem Lichtgeleise

Schreiten sie das ganze Jahr.

Nur in Silbermondlichtnächten,

Wenn die Muscheln offen sind,

Suchen sie für uns die echten

Perlen aus dem Kalkgewind.

Seht! Die Strömung bringt uns alle

Perlen her, in ihrem Lauf,

Und sie wirft sie uns beim Pralle

Ihrer Brandung jäh herauf.

Wenn wir dann die Perlen tragen,

Glühen Käfer uns im Haar,

Und in ihrem Silberwagen

Naht uns zart die Elfenschaar.

Lauter leise Elfen laden

Perlen auf, für ihren Wald,

Nächtlich schmücken ihn Dryaden

Lieblich dann und mannigfalt.

Morgens, mit der ersten Wärme,

Wogt der Horenzug heran,

Und es sehn die blonden Schwärme

Sich den Putz der Bäume an.

Und sie blicken voll Entzücken

Auf den Perlenüberfluß,

Auf die Nachtthauzweige drücken

Sie den frühen Blüthenkuß.«

Kaum hat so das Weib gesprochen,

Blinkten Meer und Mondenschein –

Plötzlich hat sie abgebrochen,

Und sie lud die Gäste ein.

Kaum war man ans Land gesprungen,

Hörte man den Wald im Wind,

Doch das Meerlied war verklungen,

Und man hielt sich fast für blind.

Alle Menschen, traumumfangen,

Hatte gleich der Durst gequält;

Von der Ankunft Furcht und Bangen

Wurde später noch erzählt.

Auf der Insel wilder Myrthen

Ließ ein stilles Hirtenvolk

Sich von Nymphen blind bewirthen,

Wunder gaben ihm Erfolg.

Später lebte dort ein echter,

Fabelschauender Poet,

Denn es hatten Urgeschlechter

Guten Samen ausgesät.

Jupiter hat Großes wollen,

Als Semelen er umschlang,

Und da nahmen jene Schollen

Sein Begehren in Empfang.

Es lebt in Dir, oh Zeus, wie Menschen Dich erfassen,

Die Rumpfnatur und unser Trumpf, die Götterwelt.

In Dir sieht man die Riesen, die Du haßt, erblassen,

Sie klammern sich an Dich, wenn sie Dein Arm zerschellt.

Zyklopen, die beim Absturz selber sich zerquetschten,

Hat noch der Kampf gegen die Götterwelt gestählt,

Als die Titanen einst zum letzten Male fletschten,

Hat sich ihr Satansathem Jovis Licht vermählt.

Sie haben sich versteinernd, noch beim Todesringen,

Umkrallt und ihren Feuerodem selbst gehemmt;

Und schrecklich sieht man ihre Leiber sich umschlingen,

Seit eine starre Kruste unsere Welt umklemmt!

Es lebt in Zeus, was er besiegt hat und zerschmettert,

Die Felsenwucht, die unterm Spiegelmeer versinkt,

Der Lebenssturm, der über Wolken weht und wettert,

Der Menschengeist, der ihn im Marmelstein besingt.

Es haucht Dein Mund, oh Jupiter, die Fluchtplejaden,

Und wenn Du lachst, so flattern Nebelkinder auf,

Es können Deine Blicke Wuthblitze entladen,

Es zeugt Dein Donnerwort vom Ernst im Weltenlauf.

Gott, wolltest Du von Deinem Throne Dich erheben,

So hätte alles Wollen seinen Tod erstrebt,

Du aber würdest still und friedlich weiterleben,

Da Deine Allmacht nie vor einem Ende bebt.

Es kann der Reichtum Deines Wesens nicht erlahmen,

Schon ruht des Fatums Ewigkeit in Dir vollbracht.

Die Weltgedanken drängen sich zu Deinem Samen

Und werden Sterne oder Einzelgöttermacht.

Jetzt runzelt sich auf Deiner Stirn der Menschheit Sorge,

Was trübt auf einmal Deine heitere Majestät?

Die Furcht, daß sich der Geist ein anderes Licht erborge,

Zu dem er einst durch Leid vergöttlicht übergeht?

Oh Zeus, Du hehres Angesicht in Hellas Mythen,

Du blaue Himmelsjugend, die sich voll verschenkt,

Nun weichst Du einem Wüstengotte der Semiten,

Der in der Menschheit seine eigene Pein bedenkt.

Oh Rom, Du unermeßlich weiter Machtgedanke,

Du Riesenreich, ohne geniale Religion,

Es widerstand Jupiter Stator nicht dem Zanke

Der fremden Gottheiten vor Vestas Thron.

Als sich der Römer vor den Feinden sicher fühlte,

Als kein Barbar Italiens Fluren mehr betrat,

Und ferne sich die Kriegswuth der Quiriten kühlte,

Da ist die Zeit zum Geisterkampf in Rom genaht.

Oh Rom, Du hast bereits zwischen den Ziegelmauern

Gar sanft und gut in trauter Blumenau geruht

Und konntest drum die Götterschlacht nicht überdauern,

Denn stärker als Zäsarenwuth war Glaubensmuth!

Es ward in Rom dereinst ein Tempelbau beschlossen,

In den die Sonne durch die offene Kuppel scheint,

Es ist ihr Licht darin zu jedem Gott geflossen,

Es schien im Pantheon der Weltolymp vereint.

Man wünschte damals wohl nur einem Gott zu dienen

Und ahnte kaum, welch Ei man in die Festung trug,

Man wollte Numen lieben und erbaute ihnen

Den Streittempel, aus dem die Flamme plötzlich schlug.

Die Brandfackel warf einst der Arier Alexander

In eine Tausendglaubensstadt, nach Babylon,

Er schweißte damals viele Götter aneinander

Und setzte sich auf einen neugefügten Thron.

Doch wurde der, wie Babels Kult, ein Ungeheuer,

Er schwankte bald, und alle Tempel wankten mit,

In Babylon entstand ein großes Glaubensfeuer,

Und es vollzog sich da der Geister Rassenübertritt.

Die Ariergötter wurden männlicher und böser,

Der Rachegeist hat Asiens Staaten eingerenkt,

Gezähmten Wandervölkern aber wurde der Erlöser

Vom Sieger, als Versöhnung, in das Herz gesenkt.

Es überkamen die Semiten Indiens Samen,

Hebräer schürten Asiens Gnadenlicht und Heil,

Die Arier handelten in Staatenschicksalsdramen,

Ihr Pfad zur Rasseneinsicht war verkrümmt und steil!

In Rom erst wurde dieser Kampf ganz ausgerungen,

Die Geister sind zu ihrem Stamm zurückgekehrt,

Das Kreuz hat Asiens Überschwemmungsvolk bezwungen,

Das Judenthum sich gegen Christi Wort gewehrt.

Oh Rom, oh Rom, beschließ die Einheit Deiner Sitten,

Du hast über den Weltenlauf zu kühl gedacht,

Die Römer horchten launisch zu, wenn andere stritten,

Ob Jahwe oder Jupiter die Welt gemacht.

Die Numen wechselten im Lande der Quiriten,

Stets nahm man Fremde auf und hat sie umbenannt;

Es durften alle sich in Rom Altäre miethen,

Man hielt von keinem viel und wurde tolerant.

Der späte Römerglaube war nicht bodenständig,

Sonst hätte ihn kein anderer Brauch ersetzt,

Der Kult der Keuschheit aber war bereits lebendig,

Die Muttergottes hat die Vesta nicht verletzt.

Das Feuer ehrten stets Italiens Kinder,

Es ward als das Symbol der Ehrfurcht scheu geschürt,

Man übergab ihm Opferlämmer, Widder, Rinder,

Und ward dafür bei seiner Gottheit eingeführt.

Dem Müßiggang verdankt die Frau die frühe Achtung,

War sie es doch, die unkundig für Krieger bat,

Dem Tode schenkt, wer rastlos schafft, fast nie Beachtung,

Doch ist ein Fürwort gut, wenn man dem Ende naht!

Wie sind uns heute die Begriffe doch geschwunden,

Um die Geburt verschiedener Glauben einzusehn,

Wie hätte Christi Wort sich können je bekunden,

Hätte kein Urkult dürfen zu ihm übergehn!

Nur wer vermochte sich zu fremdem Leid zu neigen

Und wer die kleinen Freuden eines Volks verstand,

Wer nicht verschmähte sich als Heidenfreund zu zeigen,

Empfing das wahre Heil aus der Apostel Hand.

Es blieben Krieger, die ihr Leben wild verbrachten,

Als Christen selbst den Sakramenten fern;

Und da sie sterbend erst ihr Seelenheil bedachten,

Vertiefte und verewigte man den Avern.

Es fehlte nicht im alten Rom an Emotionen,

Die Todten wurden öffentlich daselbst verbrannt,

Es freute Rom Bestattungsfeiern beizuwohnen,

Es kam die Plebs der ganzen Urbs herbeigerannt.

Ja, Rom ergötzte sich an Trauerbacchanalien,

Es ward in früher Zeit bereits in Rom gepraßt,

Im Heldenlenze gab es schon die Luperkalien,

Vom Schaulusttaumel ward das ganze Volk erfaßt.

Erlag ein Imperator durch Gewalt dem Tode,

Hat jeder Bürger sich voll Wichtigkeit gedünkt,

Er fühlte seine Rolle bei der Episode

Und liebte Romas Boden, wo ihn Blut gedüngt!

Oh Rom, wer hat mit einer Wölfin Dich verglichen,

Die Nimmersatt die Völker um sich her verschlang?

Es hat die Menschen stets ein Angstgefühl beschlichen,

Wenn Botschaft Deiner Siege bis zu ihnen drang.

Dich fürchtete die Welt als Unhold voller Tücke,

Als bösen Dämon, der am Erdenrand besteht,

Sie glaubte, Deine Schwere und Gewalt zerdrücke

Unwiderstehlich was ein anderer Stamm gesät.

So seh ich Dich in Menschen, die Du im Triumphe

Durch Deine Gassen fortschleppst bis zum Kapitol;

Legionen brachten Deinem aufgedunsenen Rumpfe

Die Zufuhr, die ihn labt, denn immer war er hohl!

Zum Spotte und zur Marter zogen Todgeweihte,

In langem Zug, durch manchen aufgesperrten Schlund;

Die Siegespforten und das spöttische Geleite

Der Kriegsgefangenen gab seine Bosheit kund.

So konnte der Besiegten Haß noch nicht erschlaffen,

Sie hatten ihre Ohnmacht allerdings erkannt,

Und dennoch blickten sie voll Wuth auf ihre Waffen,

Die Rom zum Hohne neben die Besiegten band.

Die Männer blieben meistens stumm und wuthvergessen

Und dachten still an neue, nahe Körperqual;

Die Weiber aber schrieen thierisch, wie besessen,

Erfaßte sie die Schmerzensangst mit einem Mal.

Dann wurden sie, ganz ungewohnt länger zu denken,

Urplötzlich still und haben höchstens mitgebrüllt;

Die Römer aber schien die Stumpfheit arg zu kränken,

Denn Folterwuth hat ihren Sinn bereits erfüllt.

Den Qualverfallenen sprachen sie von nahen Schmerzen,

Und haben der Gefangenen Bangen aufgereizt;

Sie wollten erst mit Schreckensgräueln scherzen,

Mit denen sie auch später keineswegs gegeizt.

Verthiert erschienen ihnen meistens die Barbaren

Und nur die Augen kleiner Kinder hell und klug,

Ein Gott dünkte sich jeder unter diesen Schaaren,

Und war gewiß, daß er die Zügel würdig trug.

Der Feldherr mußte still an Alexander denken,

Wie er ihn einst auf einem Schlachtenbilde sah,

Und wollte so die Triumphatorrosse lenken,

Was auch voll Pathos und Geberdenspiel geschah.

Es ward des Vaterlandes glücklichem Befreier

Der Bürger Dank beim Einzug festlich dargebracht,

Ein Dichter hat im Auftrage zur Siegesfeier

Ein Widmungslied auf Romas großen Sohn gemacht.

Oh ruhmumstrahltes Rom, mit einer Riesenrose

Verglich Dein Sänger Dich im Abendpurpurglanz.

Er sah Dich so, da Flammenfalter leicht und lose

Dich bunt umflatterten, als schwirrten sie zum Tanz.

Er nannte, Roma, Dich die Blüthe edler Freuden,

Den Baum der Griechengöttinnen am Tiberstrand,

Die Stadt in deren Tempeln und Gebäuden

Der Geist des Platon die Gespenster Asiens fand.

Doch scheinst Du, Weltstadt, mir, im klaren Sonnenlichte

Ein Wuchtkrystall, der jede Fluthenflucht bezwingt;

Du birgst, in Dir versteint, die halbe Weltgeschichte,

In der, zum Schutz, die eigene Sonderkeit versinkt.

Du hast wohl fremde Sitten, andern Kult erworben,

Zum Spenden aber war Dein Geist zu klein,

Es hat Dein Volk das Wort des Heilandes verdorben,

Und statt Vergessen lugte Trug aus Deinem Wein.

In Rom erschien der Griechen wunderleichte Muse

Und hat sich an Italiens Lichtfeldern erfreut,

Die Urbs jedoch blieb eine rohe Riesendruse,

Die alles aufsog, was ein freier Geist verstreut.

Das Lied verknöcherte in steifen Gönnerbanden,

Die Kunst war schon vor Alarich in Rom verscharrt,

Das Nazarenerthum hat kurze Zeit bestanden,

Zu todten Formen ist sein Feuerthum erstarrt.

Du wuchsest, Urbs, ohne das Weite zu erstreben,

Die Flora Asiens scheint in Dich hineinkrystallisiert,

Du konntest Dich mit dumpfem Punierprunk umgeben,

Der Rom, das große Erdmuseum, ziert.

Aus den Häusern, von den Schollen

Reißen sich jetzt trage Haufen,

Denn der Weckruf ist erschollen,

Wilde Bestien werden raufen.

Ja, im Zirkus giebt es heute,

Einen Kampf von Gladiatoren,

Dann zerfleischte Christusbräute!

Alles drängt schon zu den Thoren,

Hin zum Zirkus der Zäsaren;

Römer, Griechen, Skythen, Mohren,

Können da sich bunt gewahren.

Kinder gingen schon verloren,

Mütter fangen an zu kreischen,

Und gepreßte Kinder krächzen;

Vorwärts wollen alle dringen,

Um sich, selbst durch Schreien, Ächzen,

Ihren Einlaß zu erzwingen.

In dem großen Menschenknäule

Können Diebe Beute haschen,

Und im großen Angstgeheule

Ihre Opfer überraschen.

Vor den argbedrängten Pforten,

Und auch drinnen, auf den Stufen

Des Theaters, allerorten,

Fangen Stimmen an zu rufen:

Bestien seien ausgekommen!

Menschen, die zu rasch geklommen,

Um sich Plätze zu erstürmen,

Die im großen Zirkusbogen,

Sich als Stufen Überthürmen,

Wollen wieder niederwogen;

Andre hergerannte Leute

Aber bleiben trotzdem hocken!

Draußen noch kam eine Meute

Durch die Aufregung ins Stocken,

Da sich in den engen Gassen

Eine Menschenmenge staute,

Die sich durch die Schreckenslaute

Hat von Angst erfassen lassen!

Endlich drängt die Pöbelschlange

Vor bis zu den letzten Sitzen,

Und die Menge kann nun lange

Noch, im Zirkus wartend, schwitzen.

Diese ganzen trägen Massen,

Die das Welttheater füllen,

Wird, sobald die Bestien brüllen,

Wilder Taumel rasch erfassen;

Alle werden ihre Blicke

Gleich zum grausen Schauspiel wenden,

Wo durch Bisse im Genicke,

Menschen ohne Kampf verenden.

Andere, die sich etwas wehren,

Werden wild zerfleischt verrecken,

Um noch anderes Blutbegehren

Ihrer Zuschauer zu wecken!

Ja, die ganze tolle Meute

Wird dann mit erhobenen Händen

Rings, für ihre Menschenbeute,

Tigern lauten Beifall spenden.

Reichgeschmückt ist das Gelichter,

Das da wartet, die Gesichter

Sind gerötet durch die Hitze,

Und darüber fallen Witze;

Römer lachen und verspotten

Alle fremden Prachtgewänder,

Denn der rombeherrschten Länder

Bunte Völkermassen rotten

Sich im Zirkus bunt zusammen.

Nicht allein das Blutvergießen

Kann das Publikum entflammen,

Noch das grause Bauchaufschlitzen

Durch die scharfen Krallentatzen

Völlig wilder Wüstenkatzen

Einzig alle unterhalten.

Nein, man lacht und spottet gerne

Über schlechtgeschminkte Falten,

Und was sonst das Hochmoderne,

Wie zum Beispiel Flachsperücken

Reicher schöner Adelsfrauen,

Die sich fast barbarisch schmücken,

Um berückend auszuschauen!

Heute wird man auch die Priester

Fremder Völker hier verlachen,

Denn die bleiben meistens düster,

Wenn die andern Späße machen.

Unten sieht man ein Geknülle

Doch man kann nichts klar erkennen

Und vernimmt nur Wuthgebrülle.

Wilde Schaulüste erbrennen,

Ganze Zirkusreihen schreien

Aus das Staubgewölke nieder,

Viele Stimmen prophezeien

Dem und jenem krumme Glieder.

Kaum verweht die Balgerwolke,

Steht in ihrem Katzenruhme

Eine Bestie vor dem Volke,

Und schon fliegt so manche Blume

Zu den Tigern, die die Christen,

Vor den Blicken Roms, zerfetzten.

Römer wollen sich nun brüsten,

Daß sie wahrlich nicht die letzten

Seien, die im Stande wären,

Gästen, die sie zu sich luden,

Ein Spektakel zu gewähren!

Nubier freuen sich und Juden

Und ganz ebenso Germanen,

Allen ist bereits das Morden,

In geschlossenen Zirkusbahnen,

Ein Bedürfniß fast geworden!

Sieh Rom, es gleicht Dein rundes Prachttheater,

Das Du der Volksbelustigung geweiht,

Fürwahr dem größten Menschenflammenkrater,

Der Gluthbrunst wuchtvoll rings um sich verspeit.

Es wird von Rom sein Bestes hier geboten,

Denn als es den Theaterbau begann,

Versuchten Künstler alles zu verknoten,

Was je der Geist voll Trefflichkeit ersann!

Es wurden auf Korinthos schlanke Säulen

Etruriens Bögen ringsum aufgesetzt,

Und Hellas Helden mit geschwungenen Keulen

In Marmor und in Travertin gemetzt!

Die Stufen senkten sich vom Aventine

Zum Thale unterm steilen Palatin,

Dem Hügel mit dem Kaiserbaldachine,

Und alles baute man aus Travertin.

Das war die größte Rennbahn unserer Erde,

Sie hat elliptisch Steinpfeiler umkreist.

Dort bäumten sich die erzgegoßenen Pferde,

Die weither übers Meer nach Rom gereist.

Selbst Obeliske sollten lichtwärts sich erheben,

Auch Sphynxe gab es rings in großer Zahl,

Die Wolfin säugte Rheas Brut daneben,

Der Zirkusherkules war kolossal.

Ich ahne einen Zirkusbrunnen,

Der zwischen stummen Numen plaudert,

Und Buben stechen mit Harpunen

Ins Spundthier, das zu speien zaudert.

Darunter ruht ein Marmorbecken,

Das Steintritone wuchtig tragen,

Und aus den Plätscherfluthen recken

Sich Kinder heiterer Wassersagen.

Als Nixen spielen sie und spritzen

Die Fluth zu losen Luftplejaden,

Und aus den Nebelhemdenschlitzen

Der Weibchen rieseln Gischtkastaden.

Ich höre Abendhauche säuseln

Und sehe Wimpeln die sich schlängeln,

Ich merke wie sich Kämme kräuseln

Und langsam aus dem Becken drängeln.

Da überspannt die starken Wogen,

Die windbewegt rasch niederschlagen,

Mit einem Mal ein Regenbogen,

Den goldene Sprudelfluthen tragen.

Der Abend hält die Welt umschlungen,

Der Dinge Lichtringe zerrinnen,

Und lauter goldene Wolkenzungen

Beginnen Stimmung zu gewinnen.

So stiegt denn fort, Ihr Himmelszeichen,

Verklagt die blutigen Zäsaren,

Erzählt von stummen Bruderleichen

Den Schaaren, die Begeisterung wahren.

Entflattert durch den fernen Äther,

Und Pflügern, die ums Wetter fragen,

Erzählt als rastlose Verräther

Von Zirkus und Zäsarenwagen!

Erklärt Euch Völkern, sprecht zu Numen,

Und giebt es wirklich Rachegeister,

So ruft sie auf, und aller Krumen

Befruchtungswunsch sei Cäsars Meister!

Zu Vipern sollt Ihr Wolken werden,

Und laßt Ihr Euch vom Gluthhauch tragen,

So werdet Ihr mit Lämmerheerden

Im fernen Blau zusammenschlagen.

Ein Wolkenwidder wird sich wehren,

Ihr aber sollt nur Rache schreien,

Mit Blitzen streckt die Lümmelbären,

Der Donner muß den Lenz verleihen.

Das Kriegsvolk, das den Blitz betrachtet,

Wird sich für Speer und Schild entflammen,

Der Priester, der sein Opfer schlachtet,

Hört Götter donnernd Rom verdammen!

Ihr Dünste sollt dann hagelschwanger

Die Wolkenbotschaft weiter tragen,

Und trefft Ihr Bauern an am Anger,

So müßt Ihr sie vom Felde jagen.

Zerschlagt die Äcker der Barbaren,

Die feig um ihre Herde lungern,

Erweckt den Neid auf die Zäsaren

Und laßt die Friedlichen verhungern!

Das Taggerüst steht jetzt in Flammen,

Die Ordnungswelt scheint zu verlohn,

Profile, die von Phoebos stammen,

Entweichen vor Hephaistos Thron.

Den Marmor haben Abendstrahlen

Im Zirkus bis aufs Blut verletzt,

Und allseits wird von Marterqualen

Voll grauser Lüsternheit geschwätzt.

Ein Schiffer spricht dabei von Feuern,

Die man auf Masten oft erblickt,

Er sagt, dann muß man furchtsam steuern,

Da sie ein Gott zur Warnung schickt!

Auf einmal scheint es auch, als schwirrten

Arenaflammen ringsumher,

Sie fallen auf und einige Hirten

Erschreckt ein irres Lichterheer.

Das Abendblut ist abgewaschen,

Der Himmel sieht getigert aus,

Die Nacht wird alles überraschen,

Doch lahmt sie nicht den Zirkusbraus.

Es suchen Viele mit dem Schmuck zu protzen

Und halten Werthsachen ans Licht,

Geschmeide, die von Feuer strotzen,

Sind ringsum lange noch in Sicht.

Auf einmal wird der Himmel röther,

Die Sterne scheucht ein Glanz zurück,

Doch schimmern nur die Christentödter

In ihrem Ruhm und Schlächterglück.

Ein Morgen graut am Firmamente,

Im Zirkus blickt sich niemand um,

Jedoch die letzten Erdmomente

Der Opfer machen Viele stumm.

Die Hatz hat noch nicht ausgewüthet,

Nun ist die Blutgier voll erwacht,

Es dünkt sich niemand ganz vergütet

Und eher um sein Geld gebracht.

Noch immer lechzt man nach dem Kampfe,

Der bringt der Menge wahre Lust,

Sie liebt das wüthende Gestampfe

Der Bestien auf des Opfers Brust.

Der Zirkus weckt die Kriegsbegierden,

Die Lust zu plündern lodert hell,

Der Mensch hängt trotz Manier und Zierden

An Schlächtereien und Bordell.

Er will am Abend Lust erreichen,

Er ist durch wilde Brunst erhitzt

Und mancher denkt sich einzuschleichen,

Weil er kein Kaufgeld mehr besitzt.

Im Zirkus sterben ringsum Christen,

Unglaublich steigt die Leichenzahl,

Verreckte giebt es mehr als Kisten,

Und noch fließt Blut durchs Marmorthal.

Schon schwelgen die Patrizierkinder

Im Vorgefühl vom Bacchanal,

Sie sind obszöne Lustempfinder

Und treffen für die Nacht die Wahl.

Die Weiber, die mit Lümmeln flüstern,

Sind ringsum meistens bleich und dick

Und haschen mit dem Buhlen lüstern

Noch einen letzten Christenblick.

Das letzte Augenlichtgeflacker

Erfreut sie, weil es Wuth aufwühlt,

Dann wird beim Bacchanal der Racker

Und Metzen Sinnenlust gekühlt.

Es sind der meisten Menschen Züge

Bereits verthiert und schweißbedeckt,

Doch keiner sah noch zur Genüge

Wie Tiger Menschenblut geleckt.

Im Zirkus liegen lauter Leichen,

Die Opfer haben ausgezuckt,

Die satten Bestien aber schleichen

Durch Leiber, die sie halb verschluckt.

Es schließt das Leid in Liebestriften

Des Jenseits unsere Lust mit ein,

Das Unheil, das wir boshaft stiften,

Macht unsere Opfer wehmuthsrein.

So zieht denn hin, Ihr tapfern Christen,

Dem Märtyrer ist Licht bestimmt!

Wozu ein blasses Leben fristen,

Wenn dort, in Euch, das Lamm erglimmt?

Die Menschen sind verlorene Schafe,

Die der Zerstörer wild zerstreut,

Dort ferne, hinterm Grabesschlafe,

Erscheint der Hirth, der uns erfreut.

Die Freiheit und die Zucht sind Geister,

Die man auf Erden blind verjagt,

Das Jenseits hilft dem edlen Meister,

In dessen Kunst die Wahrheit tagt.

Ihr Christen, Euer weißes Sterben

Ist wirklich ein beherztes Werk,

Ihr mußtet Euch in Rom verfärben

Und glänzt dafür auf Zions Berg.

Auch Euren Feinden wird verziehen,

Sie gehn mit Euch bei Jesum ein,

Es wurde ihnen Wuth verliehen,

Um Eurer Unschuld Hort zu sein.

Siebenfache Bogengänge

Überwinden ihre Schwere

Und sie wölben über Hänge

Sich empor zum Belvedere,

Wo ein Kaiser ungezügelt

Allen seinen Lüsten fröhnt.

Krauses hat er oft erklügelt,

Doch an seine Staatsverwaltung

Hat die Welt sich bald gewöhnt.

Sie erbaute ohne Murren

Was der Träume Prunkentfaltung

Eines Kaisers je an Schnurren

Und an bunten Luftgebilden

Nur begehrte. Hangegärten

Wurden steil von Künstlergilden

Und assyrischen Gelehrten

Mit dem Gelde aller Länder

Aufgebaut und ausgestattet.

Und der römische Verschwender

Sitzt, von Palmen überschattet,

Auf dem goldenen Herrscherstuhle,

Den die schönste Zierrath schmückt,

Neben ihm ruht seine Buhle,

Deren Lächeln ihn beglückt.

Auf des Zirkus Marmorstufen

Liegt die Welt zu Neros Füßen,

Die ihn feierlich mit Rufen

Und Applausen will begrüßen.

Plötzlich aber faßt ihn Schwindel,

Vom verachteten Gesindel

Hört er sich als Gottheit preisen,

Und beglückt durch das Gejohle,

Läßt er tausend Gäste speisen!

Denn es liegt ihm viel am Wohle

Seiner freien Unterthanen,

Die in ihm Apollo ahnen.

Jede Kehle schreit sich heiser,

Denn soeben ist der Kaiser

Aufgestanden, und zum Lohne

Winkt er jetzt von seinem Throne.

Wird er auch Befehle nicken?

Ringsum sieht er bleiche Schranzen

Auf die Kaiserwimpern blicken

Und es wachen Praetorianer

Links und rechts mit blanken Lanzen.

Steil in Stein als Wegebahner

Stehn Kentauren bei den Treppen.

Schwarze Sklaven aber schleppen,

Über Nero hoch erhoben,

Wunderbare Flimmerschilder:

Diesen Einfall will man loben,

Denn das sind die Ebenbilder

Ewig funkelnder Gestirne,

Die dem Kaiser und der Dirne,

Die er heute Nacht wird küssen,

Stets gehorsam folgen müssen!

Nero geht mit seinen Gästen

Jetzt nach Hause, und vom Westen

Speit ein Riesenungeheuer

Ihm die unverdauten Feuer

Eines Tages schräg entgegen.

Dieses Thier scheint sich zu regen,

Greift es gar nach Romas Zinnen,

Die sich immer dunkler röthen?

Soll ein Brand der Urbs beginnen

Und die Stadtbewohner tödten?

Rom sieht spät den Tag verglimmen

Und die Gluthen sich verfärben,

Doch zum Kaiser flüstern Stimmen:

»Bau ein Rom auf Romas Scherben!

Willst Du Dich mit Zeus verbinden,

Mehr als Helios sollst Du können!

Um die Sonne Dir zu gönnen,

Mußt Du aber Rom entzünden!«

Kaiser Neros Blicke schweifen

Jetzt zum Meer, das sie als Streifen,

Wie ein blutigrothes Zeichen,

Voll Bedeutung, noch erreichen.

Feuerkämme überragen

Albalongas Berggelände,

Hohe Lohezungen schlagen,

Aufgewühlt durch Riesenbrände,

Hinter jenen Hügelketten,

Wie aus Kratern, in die Lüfte.

Doch die Straße stiller Stätten,

Wo die großen Römergrüfte

Ernst aus der Campagna steigen,

Wird nun bald im Dunkel rasten

Und ihr Farbenflimmer schweigen.

Auf den höchsten Gräbern glasten

Jetzt bereits die letzten Schlacken,

Und auf steilen Mauerzacken

Sieht man auch nur Einzellichter,

Denn die Finsterniß wird dichter!

Etwas später erst beginnen

Des Gebirges steile Wände

In den Schneefeldern und Rinnen,

Wie in Blut getauchte Hände,

Plötzlich wieder aufzuglühen

Und ihr Gold rings zu versprühen.

Nero sind die grellen Scheine

Vor dem Aufbruch noch erschienen

Und er denkt der Berge Weine

Sich bei Festen zu bedienen.

Romwärts will er jener Thäler

Reiche Purpurfluthen lenken,

Daß die künftigen Erzähler

Ihm einst Anerkennung schenken.

In des Kaisers Hirne spukten

Stets die reichsten Bacchanalien

Von ganz Asien und Italien.

Und auf Riesenaquädukten

Sieht er nun nichts mehr als Weine

In den Zirkus sich ergießen

Und sich selber, im Vereine

Mit dem Volk, die Pracht genießen.

In den spätern Naumachien,

Denkt sich Nero, werden Fürsten,

Herrscher ferner Monarchien,

Die nach Ruhm und Reichthum dürsten,

Einzig dann vor Rom verenden.

Und in andern Wasserschlachten

Will ich Haifische verwenden,

Denn ich weiß, vor mir schon brachten

Kaiser grause Krokodile

In den Zirkus. Doch mein Wille

Ist noch größer, und viel weiser

Bin Ich, Nero, Gott und Kaiser.

Lange, lange muß es währen,

Bis der Zirkus sich vom Haufen

Schwüler Gäste kann entleeren.

Endlich wird man sich verlaufen,

Um in engen, dunkeln Gassen

Oft sein Letztes zu verprassen!

Draußen will sich alles letzen,

Dichte Schatten aber setzen

Sich im leeren Zirkus nieder.

Alle Flämmchen rings zerstieben,

Nur ein Saum wie Frühlingsflieder

Ist am Marmor noch geblieben.

Roms verschiedenartige Schänken

Sieht von Menschen man umringen,

Um erst drinnen nachzudenken,

Wie den Abend zu verbringen.

Ungeheure Gruppen branden

Vor dem gelben Tiberwalle,

Einige können drüben landen,

Doch der Thermen Marmorhalle

Hat Verschiedene aus den Gassen

In ihr Inneres gezogen.

Nun verebben rings die Massen

Aufgewühlter Pöbelwogen.

Ganz stille wirds in Neros finsterm Garten,

Wo die Zypressen auf die Winde warten,

Um laut zu ächzen und zu stöhnen.

Und in den Nischen giebt es Marmorbecken,

Aus denen Flammen aufwärts lecken,

Um Götter mit der Erde zu versöhnen.

Der Kaiser sieht sie mit Geknister lohen

Und trockene Bäume in dem Hain bedrohen.

Es muß ihr Rauch sich im Geäste sammeln,

Wo sich beschwingte, lose Windesschlangen

Im dunkeln Kronendickicht mitverfangen,

Da Pinienhäupter ihren Weg verrammeln.

Umkreist von einem matten Irisbogen

Kommt nun der volle Mond heraufgezogen.

Er ist vom vielen Wandern wohl ermattet,

Er scheint ein trunkenes Auge, roth verschwommen.

Der Kaiser merkt es kaum, daß er erglommen,

Da ihn der Pinienhain tief überschattet.

Er läßt sich in den Gang der Orchideen

Und Rosen, die ihm Duft entgegenwehen,

Von seinen Lieblingssklaven tragen.

Er will sich an den Blüthendüften weiden,

Und Lärm und Lust der Nebenmenschen meiden,

Denn nicht mehr zieht es ihn zu Trinkgelagen.

Der Kaiser denkt jetzt an das GötterEnde.

Oft wars, als ob man Botschaft sende,

Wenn Schnuppen lautlos durch den Äther schwirrten,

Es werde Zeus von seiner Höhe stürzen.

Und irrte er dabei zwischen den stillen Myrrhen.

So konnte ihm der Fall die Nacht verkürzen.

Die Gäste trinken nun beim Bacchanale

Falernerwein aus tiefer, goldener Schaale,

An Schönheit kann sich jeder Gast entzücken,

Gelöst sind Romas ernste Ehebande,

Denn eine große einzige Guirlande

Umfängt die Menschen, die sich frei beglücken.

Es fröhnt in Neros marmornem Gebäude,

Wer fröhlich ist, der tollsten Sinnenfreude.

Man ließ die Wände wunderbar bekränzen,

Und um die Würde festlich abzumildern,

Verhängte man den ernsten Stein mit Bildern

Und schuf im Riesensaale Blumengrenzen.

Wenn Römer ihre Marmorhallen bauen

Und in die Säulen tiefe Rinnen hauen,

So bleibt die Felsenwucht doch ganz dem Steine,

Und wenn die Künstler längst zu Staub zerfallen,

So lebt das Märchen steiler Marmorhallen

Noch fort und schafft sich langsam Trauerhaine.

Die Säulen zeugen stumm von Sklavenleiden,

Und wenn sie Gluthblumen im Herbst umkleiden,

So sprüht als Rankenschmuck das Blut der Todten

Noch rings hervor in dem Erinnerungsgarten

Der vielen tausend fern und längstverscharrten

Gemarterten, Gefangenen von Despoten.

Es blinken weiße Tempel durch die Lauben

Und um die lauten Brunnen gurren Tauben.

Der Säulen rassescharfer Kanelierung

Entspricht des Dorers adlige Regierung.

Die Hallen zeugen rings von Jugendstärke,

Und stolz auf die Gedankenwelt der Sagen,

Die sie in Stein gemetzt zum Lichte tragen,

Sind diese Bauten traute Meisterwerke.

Versuchte Rom das Schönste sich zu bieten,

So griff es zu den heitern Griechenmythen,

Man zauberte die lieblichsten Gelände

Der Odyssee auf roth getünchte Wände.

Gestalten, die im Trojerkrieg erscheinen,

Lustwandeln in Elysiums heitern Hainen,

Und ringsum unter Heldenepisoden,

Bedecken Seidenkissen Mosaike,

Mit ihren Fabelwesen der Antike,

Denn jeder Gast singt, trinkt, versinkt am Boden.

Auf andern Wänden leuchten Luftgestalten

Und blonde Knaben, die Guirlanden halten.

Doch von der Decke eines hohen Saales

Beschauen lauter wohlgepflegte Numen

Die muntern Menschen, reichgeschmückt mit Blumen,

Und freun sich am Gebraus des Bacchanales.

Es leben im Weine rebellische Kräfte!

Denn wenn sich der Sommer mit Wolken bedeckt,

Als ob er zum Aufbruch die Sturmsegel reffte,

So wird auch die Wuthgluth der Reben erweckt.

Das Erdfeuer will dann sein Wollen bekunden

Und bleibt nicht mehr länger in Trauben gebunden,

Es fügt sich nicht länger dem Sonnenverzichte,

Es gährt und es sucht seinen Ausbruch zum Lichte!

Solange sich Reben auf Lichthügeln weiten,

Wird Sonnenbegehren den Menschen begleiten,

Denn Traubensaft stärkt uns beim tollkühnen Wagen

Und läßt selbst den Schwankenden nimmer verzagen!

Der Wein ist die Frucht, die den Wildwald vertrieben,

Und ist der Begleiter der Menschen geblieben,

Er soll zur Berauschung und Freude gedeihen

Und Menschen das Jahr hindurch Lichtlust verleihen,

Er bleibt seinem Pfleger und Lichtspender treu,

In beiden sind Liebe und Lenz ewig neu!

Es reift nicht der Same allein in den Früchten,

Es müssen sich Gluthen als Räusche verflüchten.

Berauschen uns Trauben, vom Sommer geschwängert,

So wird unsere Jugend und Wollust verlängert.

Drum singt man und trinkt man zum wärmenden Weine,

Damit uns das Leben urwillig erscheine,

Der Mensch will die Schönheit zur Freude genießen,

Es soll nicht der Liebe die Frucht nur ersprießen,

Es müssen auch Träume der Seele entschweben,

Kultur ist ein bacchisches Erdgluthenleben,

Und wenn sich die Menschen, aus Traumlust, umschlingen,

So soll sie das Feuer der Erde durchklingen,

Und wenn sie, berauscht, lauter Freuden entzünden,

Befruchten sich Seelen in heimlichen Schlünden!

Ein Weib im Saal vergißt des Adels Hoheit,

Die Brunst erhitzte es zu schwüler Rohheit,

Das Marterschauspiel voller Blutvergießen

Erweckte seine dumpfen Fleischgelüste,

Und als sie einen Sklaven brünstig küßte,

Begann sie ganz in Wollust zu zerstießen.

Der Jüngling ist im Zirkus aufgefallen,

Sein rothes Kleid, die blanken Achselschnallen

Gefielen dort sogleich verschiedenen Frauen,

Und eine treibt mit ihm jetzt süße Händel!

Es schwingt ganz ruhelos ihr Seelenpendel,

Sie kann sich nicht am Kind zufriedenschauen,

Sie küßt sein Haupt und seines Haares Rosen

Und fühlt die Gier noch immer wilder tosen.

Sie hält sein teures Wesen hold im Arme,

Nein, Lüste sind es, die sie halb ersticken,

Jetzt sieht sie Bilder sich entgegennicken

Und Finger winken ihr im Traumlustschwarme.

Gar feurig glühn des Knaben dunkle Augen,

Sie herzt ihn innig, seinen Hauch zu saugen,

Doch treulos schwelgt ihr trübes Lustempfinden

Bei einem andern, der bereits erblaßte

Und dessen blondes Haupt sie nie umfaßte.

Sie sah ihn kaum in wildem Schmerz sich winden

Und seinen weißen Leib im Blut verschwinden –

Er ist dahin, sein holder Blick gebrochen,

Hat er sein letztes Sterbewort gesprochen?

Oh könnte er im Traume noch erscheinen,

Um Unverständliches ihr zuzuraunen

Und sie mit blauen Augen anzustaunen!

Dem Weibe wars, als müßte sie vor Wehmut weinen!

Es drängt sie zum Athmen, sie muß in das Freie,

Sie will, daß ihr Buhle sie dennoch geleite.

Es regt schon der Morgen voll heimlicher Weihe

Die eigene Stimme aus rauschender Weite.

Das Murmeln und Singen vom innersten Werden

Befreit ihre Seele von Erdenbeschwerden.

Nun fühlt sie sich locker, voll trautem Entzücken,

Statt sinnlichem Fiebern ein seelisches Schwingen,

Sie glaubt nun, sie könne den Sorgen entrücken,

Und horcht auf ein erdhaftes, innerstes Klingen.

Nun ist es, beim Wandeln im Parke, dem Paare,

Als ob sich die Seele der Welt offenbare,

Es sieht wie verwundert die Stille sich weiten

Und ruhige Sterne die Nachtbahn durchschreiten,

Und beide erkennen die Urzwistigkeiten,

Sie meinen, es dürften die Winde nachlassen

Und dennoch kann nachttiefer Braus sie erfassen!

Die Nebel entsteigen der goldenen Ferne,

Da spiegeln die Seelen zufriedene Sterne,

Die Umwelt wird munter, und Rom liegt im Schlummer,

Auf Wolken wie Kissen verschlaft es den Kummer.

Fast leichenbleich scheint jetzt die Herrin der Lander,

Wo bleibt das Gebraus seiner Menschenverschwender?

Es schimmern die Berge in ruhigen Linien,

Dem Nebelfeld draußen entragen rings Pinien.

Im Park ein Narziß, wie Ovid ihn sich dachte,

Beschaut sich im Schloßteich und horcht auf sein Rauschen,

Es ist, als ob Sehnsucht in ihm tief erwachte,

Denn immer noch scheint er aus Marmor zu lauschen.

Er frägt und befrägt sich im schlummernden Weiher.

Der Geist dieser Statue begreift nicht das Schweigen.

Dann hüllt er sich langsam in flimmernde Schleier,

Da ringsum der Thau fällt und Lichter entsteigen.

Es werden die Tropfen noch wachsen und schwellen

Und endlich wie schimmerndes Obst sich erhellen,

Wie Keime zu Augen und Knospen ersprießen.

Es wird auch der Thau sich dem Tage erschließen,

Bald werden die Tropfen das Sonnlicht empfangen,

Um fallreif und flimmernd im Garten zu prangen.

Es sehnt die Natur sich mit wuchtiger Brunst

Der Dämmerung entgegen. Es schwankt schon der Dunst.

Er zweifelt, ob heute das Goldlicht obsiegt.

Vielleicht naht ein Tag, da der Nebel aufstiegt:

Doch nein, denn es fiebert das Leben nach Licht,

Das Morgens sich Thaukränze flicht und durchbricht!

Die Kuppen der Berge sind Eisgötterzelte,

Und rings auf den Felsen liegt überall Schnee,

Im Thale erdrosselt der Frühling die Kälte,

Und oben verschanzt sich die Winterarmee.

Wenn westliche Winde dann wonniglich wehen,

Ergrünt um die Eisburg ein lebender Wall,

Die silbernen Panzer verschrumpfen, zergehen,

Und Waldstimmen lispeln vom Schneefestungsfall.

Bald sieht sich der Winter im Lager umzingelt,

Er reißt seine Zelte ab, groß ist die Wucht.

Es hat sich der Schnee schon wie Leinwand geringelt

Und stürzt als Lawine hinab in die Schlucht.

Es tragen die Flüsse die Lenzbotschaft weiter,

Die Schneereste schmelzen, vermischt mit dem Gischt,

Es blühen die Mandeln, der Himmel wird heiter,

Der Winter hat weithin Italien erfrischt.

Den Gießbächen jubeln die Schwalben im Thale

Voll Freude entgegen und alles erblüht,

Das Wasser entbraust jedem Bett und Kanale,

Der Frühling kam diesmal besonders verfrüht.

Die Thauwinde kräuseln die lauen Gefilde,

Da tauchen die Blüthen wie Schaumkämme auf,

Die Weiten umschlingt ihre milchigste Milde,

Stets weißer, blos weiß wird des Lichtlenzes Lauf:

Wie Inseln, umbrandet von schäumenden Wassern,

Erscheinen die Villen, in blühender Au,

Und bergen die Träume von Daseinsvergessern,

Denn oft wohnen Denker in marmornem Bau.

Es rastet die Fluch dort, um ruhig zu wirken,

Und rings bilden Myrthen und Schlehdorn den Haag,

Es treiben bereits viele Linden und Birken,

Und zwischen den Blattern liebäugelt der Tag.

Die langen Alleen beschatten Zypressen,

Ein Teich aber scheint sich durch Rosengerank

Und anderes Dickicht im Park einzupressen,

Und Lorbeer umdunkelt den Gartensfluthgang.

Dem Weiher entragt eine Inselterrasse,

Die gleicht einem Schiffe, das Wasserkraut hemmt,

Im Seerosensumpf steckt die breite Rumpfmasse,

Von Blüthen ist selbst das Verdeck überschwemmt!

Dort oben, am Steinboot, im Frühlaub verborgen,

Enttaucht eine Statue, der Flora geweiht,

Doch sieht man kein Mädchen für Lenzopfer sorgen,

Man nennt das den Ort, wo die Kirsche gedeiht.

Es stellte der umbrische, edle Gestalter

Des Bildes die Reine ins friedliche Grün,

Jetzt singen die Vögel und tanzen die Falter

Davor und umher, wenn die Sträuche erblühn.

Es braucht ihr kein Mensch seine Huld zu bezeugen,

Und bleibt auch das Standbild im Dickicht versteckt,

So werden die Bäume sich weiter verneigen,

Und jährlich wird Frühlingsglück wieder erweckt!

Oh Flora, du hast dein Italien der Kriege

So herrlich mit Blüthen und Träumen verschönt,

Dich hätte das römische Volk nach dem Siege

Von Herzen zur Göttin der Liebe gekrönt.

Doch brachten Gelehrte, verzückt, Aphrodite,

Nach Wanderungsjahren, aus Griechenland heim,

Sie senkten den Blick in die Herzensgebiete,

Das Meer aber gab seinen Erdhimmelsreim.

Die See offenbarte auch ihnen die Liebe

Und hat ihre Räthsel stets weiter entrückt,

Sie zog sie hinein in ihr Wellengestiebe

Und hat sie belehrt und doch niemals beglückt.

Man liebt jenen goldenen, sichtbaren Bogen,

Das Ende der Welt, das sich ewig entdehnt,

Man weiß wohl und fühlt, man wird immer betrogen,

Und doch folgt ihm stets, wer sich fort von sich sehnt.

Und oftmals erblickt man auch Inseln von Streifen,

Wie Reifen mit Flimmerjuwelen umsprüht:

Der Mann will das Eiland erreichen, begreifen,

Und löst seinen Gürtel, der Keusches umglüht.

Der Grieche zumal schäumte leicht durch die Wogen,

Er hat lauter Fernen lebendig erfaßt,

Das Meer ist den tollkühnen Männern gewogen

Und trägt seine Last oft zu traumreicher Rast.

Drum hat sich den Griechen der Zauber des Meeres

Am Strand ihrer Inseln voll Schönheit enthüllt,

Sie sahen am Morgen auf einmal ein hehres,

Lichtinniges Weib, ganz von Erdbrunst erfüllt!

Das war Aphrodite. Aus schäumenden Kronen

Erschien sie und hat ringsum Urmilch verschenkt,

Sie wollte die Kühnen am vollsten belohnen

Und hat Jungfrauaugen vor ihnen gesenkt.

Als Roma die Venus von Hellas empfangen,

Da wurde Italien um Flora gebracht,

Nur selten durchglühte die Lust ihre Wangen,

Und da ist die Keuschheit der Blumen erwacht.

Oh Flora, Dich hätte kein Christkind vertrieben,

Du wärest als Göttin der Liebe erkannt,

Die Erdmutter Gottes, die Urfrau geblieben,

In der die Geburtsgluth der Gnade entbrannt!

Du Ewigkeitsweib, holde Flora, wir stehen,

Du UnerkanntEinsame, die nicht erstirbt:

Oh, lasse Dein Wesen die Erde umwehen,

Da Jugend im Dufte sich sucht und erwirbt!

Oh, lasse entwurzelte Seelen durch Kränze

Noch einmal am Erdhauch sich bitter erfreun,

Im Duft schwankt die Sinne und Urgefühlsgrenze,

Drum mag man mit Reuethau Blüthen bestreun!

Oh Flora, Du hättest, als Göttin der Liehe

Den vollen Gefühlen des Volkes verwoben,

Als Hoffnungssymbol, im Verheerungsgetriebe

Der Kriege, die Seele der Römer erhoben.

Das Heiligthum Deiner vollendeten Güte,

Oh Flora, erglühte bereits in den Herzen

Der Streiter, in denen ein Wunschgarten blühte,

Um einst dort zu rasten und Gram auszumerzen!

Den Römern erschienen auf Gipfeln, in Triften,

Sowie in der Wüste die lieblichsten Gärten,

Und wenn sie den Ozean furchtlos durchschifften,

So sahen sie Fluren, die Frieden gewährten.

Oh Flora, Dich seh ich ein Glücksland enthüllen,

Du zeigst heitere Villen an Bajäs Gestaden,

Die Greise mit Jünglingen eifernd erfüllen,

Und lauter noch plaudern versteckte Kaskaden.

Umrauscht vom wildsausenden Brandungsgebrause,

Erscheinen Terrassen, die Pfade verknüpfen,

Und diese geleiten zu marmornem Hause,

Um wieder im Dickichte rings zu entschlüpfen.

Die Villen entstanden im Sinne Vitruvius,

Und drinnen erblickte man feurige Schlangen,

Die rings auf den Hängen des fernen Vesuvius

Wie kupferne Klammern und Gluthspangen prangen.

Reflexe, wie Aale und blutrothe Fische,

Enthuschen bei Bajä dem flimmernden Gischte,

Und hie und da hört man ein seltenes Gezische,

Wenn einmal das Mondlicht ein Gluththier erwischte.

Oh großes Rom, mit Deinen stolzen Marmorbauten,

Versteckten Backsteinhäusern und verruchten Gassen,

Als Deine Kinder ihrer Weltmacht ganz vertrauten,

Begannen sie die Stadt beruhigt zu verlassen.

Ein zweites Rom, das an die Festungswälle grenzte,

Ist dann in der Campagna wunderbar entstanden,

Und diese Landstadt, die Dich rings und hold umkränzte,

Beschützte ihren Frieden zwischen Laubguirlanden.

Schon Cäsar hat die Wünsche Roms verstanden,

Als er der Allgemeinheit seinen Park vermachte,

Und als die Bürger dann daselbst Erholung fanden,

So freute sich das Volk, weil Cäsar es bedachte.

Dann später wohnten die Patrizier nur in Villen,

Und ihre Baumeister wetteiferten an Können,

Um alle Prachtbedürfnisse von Rom zu stillen

Und sich die Freude freier Künstlerschaft zu gönnen.

Es brachten doch die Bürger zum Palaelienfeste

Bis in das Herz von Rom berühmte Blüthenhügel,

Die Reichen praßten da, das Volk bekam die Reste,

Sogar die Plebs hatte ihr Anrecht auf Geflügel!

Du freudige Stadt, ein ensetzliches Nagen

Durchwühlt Deinen Boden. Vernimmst Du das Klagen?

Oh Rom, horche auf, unterscheide das Bohren,

Es wird unterirdisch ein Lichtgott geboren!

Die Menge der Anhänger Christi gräbt Gänge,

Um drinnen ihr Leid und sich selbst zu verstecken,

Es ist, als ob innerste Erdgluth sie dränge,

Die Heilkraft des Menschengeschlechtes zu wecken.

Du riesiges Rom, Deine Wälle und Mauern

Vermögen dem Anprall der Feinde zu trotzen,

Verfolgte jedoch, die in Grotten schmarotzen,

Beginnen Dich schon voller Haß zu belauern,

Kein Leib aber wird seinen Wurm überdauern!

Die Heiden verspotten noch immer die Christen

Und nennen sie dumme Bewußtseinsbetäuber

Und schelmische Käuze, die unsichtbar nisten.

Versteckt unter ihnen sind allerdings Räuber,

Von Christo in Schutz seines Kreuzes genommen,

In Manchen ist wirklich auch Reue erglommen.

Sie trachten die blutigen Schemen zu bannen,

Womöglich die Erdgiftinstinkte zu würgen,

Und singen Lichtlieder, die Priester ersannen,

Um Büßern das ewige Reich zu verbürgen.

Verschiedene Graber und Nachgrübler wähnen

In sich und den meisten den Tod der Gelüste,

Da aber erstehen auf einmal Hyänen,

Die Nachschleicher dessen, der Jesum falsch küßte,

Und diese beschließen die Christengemeinde

Zuerst zu verleumden und dann zu verkaufen.

Denn, meinen sie, liefern wir Rom seine Feinde,

Im Untergrund, aus, läßt man uns dafür laufen!

Und wirklich, die Römer verzeihen den Räubern

Und lassen die Grottenstadt lüften und säubern:

Sie ziehn unter Rom, aus den schimmligen Löchern,

Gestalten, die halbnackt im Kellersumpf waten

Und lebend schon fast zu Skeletten verknöchern.

Auch Priester sind unten in Isisornaten,

Und alle die Narren, so schmipft man die Sekte,

Von der schon so mancher im Zirkus verreckte,

Vertheilt man nun wieder an alle Theater,

Und spottet: nun rette sie dort ihr Gottvater!

Das Christenthum aber ist nickt zu vernichten,

Es steigen die Jünger des Heiles auf Leitern,

Bereit auf die leibliche Lust zu verzichten,

Zurück in die Grüfte, die stets sich erweitern.

Erglimmt die Begierde zum eigenen Entsetzen,

So reißt man dort heimlich die Kleider in Fetzen

Und kratzt eine Statte, mit blutigen Händen,

Im Urbsuntergrunde, zum Gottesdienst aus.

Die Thatsachen formeln sich hier zu Legenden,

Und singt man, so schallt in den Gängen Gebraus.

Doch lieben die Christen ihr schreckliches Heim,

Und sprechen sie, lispelt die Decke den Reim:

Der Reim ist geboren, der Reim ist erstanden,

Das christliche Lied, in unheimlichen Banden

Vermag aus der Urklage klangwärts zu branden.

Oh Rom, diese Höhlen durchfressen den Boden,

Auf dem Du Dich roth wie ein Morgen erhoben,

Es trachten sich Christen zusammenzuroden,

Um Gott und den Heiland unheimlich zu loben.

Die Leute, die bohrend die Schlünde durchschleichen,

Empfinden ein neues, unstillbares Glück,

Sie trachten gemeinsam das Heil zu erreichen

Und finden davon in sich selber ein Stück.

Gar oft, wenn sie betend und schaffend erschlaffen

Und fieberdurchfröstelt beim Graben verzagen,

Erscheint es beinahe, als könnten Gedanken

Und Geister, allein, weiter schaufeln und schaffen.

Die Weiber erkranken, man grabt kaum, doch Klagen

Und Seufzer vermögen noch weiter zu nagen!

Ein Priester umgab sich im weitesten Gange

Mit gläubigen, bleichen und Leichengesichtern.

Nun spricht er, beleuchtet von rußenden Lichtern,

Mit winziger Stimme, mit zinndünnem Klange,

Vom Golgathasieg über Satan, die Schlange!

Es schleppen sich immer noch Greise auf Krücken,

Mit Weibern und Kindern, mit wimmernden Stimmen,

Von ringsum herbei, um zu Gott zu entrücken

Und frei durch den Geist Christi Reich zu erklimmen.

»Oh kommt«! ruft der Priester: »Ich will Euch beglücken,

Ihr alle dürft Blüthen der Ewigkeit pflücken,

Ihr selbst seid des Geistes lebendige Kronen,

Und kann auch der Tod Eure Stiele nicht schonen,

So bleibt doch das Licht und der Hauch für Aeonen!

Vernehmt Ihr die Worte, die Jesus gesprochen,

So wird in Euch selber der Winter gebrochen,

Dann träufelt der Thau einer geistigen Taufe

Erfrischend und segnend aus Gott in die Seele.

Ihr folgt tausend Strömen, beim innersten Laufe,

Und sorgt, daß der Trost nimmer unter Euch fehle!

Oh Menschen, nun sind in Euch selbst Christi Saaten

In eigener Wärme im Herz aufgegangen,

So spendet den Pollen mildthätiger Thaten,

Dock scheut Euch, verbergt auch die Scham auf den Wangen,

Und kommt dann, das Blut Christi selbst zu empfangen!

Der Sommer der Seele wird Lenze befruchten,

Der Ingrimm in Euch Christi Feind niederwuchten,

Ein Lenz aber, der in der Seele erblühte,

Währt ewiglich, sieht man, daß Gott ihn behüte!«

Die Zuhörer fühlen sich ringsum durchschauert

Und lichte Gedanken, von Sorgen umkauert,

Die alle zu schwach zum Erblühen geblieben,

Beginnen nun spürbar durchs Dunkel zu sieben.

In Träumen entstand wohl bereits manche Ranke

Aus Eden vor Menschen und zauberte Auen

Vor fündige Sinne. Der Anhaltsgedanke

Jedoch war zu schwach, um sich tief zu erschauen,

Und ließ die Gelüste ein Reizschloß erbauen.

Am Ewigkeitskeim konnte Erdfaulheit nagen,

Gewohnheiten durften die Hoffnung verlachen,

Durch Christum jedoch wird Elysium jung tagen,

Die Gluthfrucht im Schwachen am stärksten erwachen!

Oh Rom, ein gewaltiges Hämmern und Bohren

Zernagt Deinen Boden und will nicht verstummen.

Es haben sich Christen tief unten verschworen,

So höre, das unheimlich steigende Summen!

Die Christen beginnen den Leib zu kasteien,

Um so jede Gier aus der Seele zu merzen

Und völlig den Geist aus dem Staub zu befreien,

Denn alles das, glauben sie, können die Schmerzen!

Das Christenthum hat seine Wurzeln geschlagen

Und schon unterwühlt es den römischen Boden,

Es wird bald, als Baum, in den Sonnenraum ragen,

Und einst überschattet es Friedensperioden.

Nur wird es beim Wachsen Rom früher zerspalten

Und alle Theater und Tempel zerschmettern,

Doch spendet es dann mit helllobdernden Blättern

Und ewigen Blüthen der Welt Urgewalten.

Es wird als Befruchter von Geistesgeschlechtern

Den Völkern um sich holde Jugend verleihen.

Durchpilgert von heiligen Glaubensverfechtern

Wird dann ein gesegnetes Weltreich gedeihen,

Und sollte der Baum auch in Rom einst verdorren,

So werden schon Schößlinge ringsum ersprießen,

Denn endlich wird dennoch die Wahrheit entworren,

Wir werden sie alle gemeinsam genießen!

Ein Priester dort unten verträgt nicht das Bohren,

Die Martern, die Sorgen, das ewige Hämmern.

Es ist ihm, als ginge die Jugend verloren,

Als müßte er nutzlos in Kerkern verdämmern.

Es kann schon ein Fühlen die Lüsternheit schüren,

Es packt ihn auf einmal ein Ekeln und Grausen,

Ganz freudlos in Gruben verschüttet zu hausen,

Und schon wird er flüchtig, ein Weib zu verführen.

Doch hält ihn dort oben bald Trauer umklammert,

Er sieht seines Körpers fast todähnliche Blässe,

Er fühlt, daß er nun trost und hoffnungslos jammert,

Und abermals sinnt er von Dunkel und Nässe.

Verfinstert erscheint ihm die Seele der Heiden,

Er hält sie für schlechte, verlotterte Buben,

Ein ewiges Licht aber, weiß er, sind Leiden

Und Jubel der Bruderschaft, tief in den Gruben.

Es scheint ihm auf einmal ein Irrlicht die Pfade

Der Innerlichkeit und der Stadt zu erhellen.

Es huscht durch die Sinne, es scheint ihn zu schnellen –

Da ruft er: »Oh Herr, habe Nachsicht und Gnade!«

Doch folgt er dem Tanzlicht durch Gärten und Gassen

Und trachtet dann Buhlinnen rasch zu bekehren,

So rufen die Leute: »Was sind das für Lehren,

Fürwahr, er ist toll und man müßte ihn fassen.«

Nun will er die Zukunft von Rom prophezeien

Und wie die Sibyllen das Ende der Götter

Verkünden und Tempelaltäre entweihen!

Da ruft aber plötzlich ein anderer Spötter:

»Fürwahr, es braucht niemand in Rom zu verzagen,

Viel besser als Narren, kann Janus uns sagen,

Ob dunkle Epochen mit flunkernden Sehern

Sich uns, den Beherrschern des Erdrundes, nähern.

Doch nein, Ihr könnt still wie der Gott – ohne Grauen,

Den Feinden zum Trotze – ins Zukunftslicht schauen!«

Da ruft jener Priester emphatisch und zornig:

»Ihr Heiden seid bleicher als wir in den Schachten,

Und ist unser Weg auch verborgen und dornig,

So will ich doch wieder im Schlund Gott verfechten!«

Nun hält man den Priester für völlig verschroben

Und laßt ihn auch, trotz seines Blutfluches, laufen;

Doch ihm ist es plötzlich, als müßte er toben

Und weinen, er ist ja gemein wie der Haufen!

Er ist der Gemeinschaft der Christen entflohen

Und hat sich auch wieder den Lüsten ergeben,

Man wird ihn bestimmt als Verräther bedrohen.

Er tappt aber trotzdem zurück durch die Gange,

In denen die Christen voll Bangigkeit schleichen,

Er fürchtet dabei seiner Obrigkeit Strenge

Und freut sich dann wieder, das Heim zu erreichen.

Nun wird er, er kann es wahrhaftig nicht fassen,

Von allen Genossen mit Jubel empfangen,

Man wartete lange, voll Angst und mit Bangen

Auf ihn, der die Grottenverstecke verlassen.

Es scheint sein Erscheinen sogar zu entzücken,

Er sieht, wie die meisten sich demüthig bücken,

Sie glauben, er sei aus der Gruft zum Bekehren

Und Spenden des Heiles urplötzlich verschwunden

Und habe als Flüchtling das Rechte gefunden,

Damit ihm die Freunde die Reise nicht wehren!

Sie hofften, es werde der Herr ihn geleiten,

Und beteten öfters, es möge gelingen,

Gefahrlos die feindliche Stadt zu durchschreiten

Und vielen das Wort des Erlösers zu bringen.

Der Priester war schwach und er konnte sein Treiben

Dort oben in Rom keiner Seele bekennen,

Doch hoffte er ferner asketisch zu bleiben

Und nimmer im Fieber ins Freie zu rennen.

Auf einmal jedoch kam die Luftsehnsucht wieder

Und glühende Brunst fuhr ihm jäh durch die Glieder.

Da warf sich ihm aber ein Mädchen zu Füßen.

Sie kam in die Gruft, für Vergangenes zu büßen,

Sie zitterte lange, jetzt kann sie kaum stehen

Und muthvoll ihr teuflisches Fühlen gestehen.

Doch ruft sie auf einmal mit blutigem Mund:

»Oh heiliger Bruder, mein Herz ist so wund,

Ich starrte in Moder und garstigem Dunst,

Ich stöhnte, oh Heiland, entraff mich der Brunst,

Ich habe gefastet, ich sprach mein Gebet,

Es haben sich Bilder im Kreise gedreht,

Ein Jüngling erschien mir, auf schäckigem Thier,

Doch kam nicht der Heiland herunter zu mir.

Ich faßte den Knaben, er hat mich geküßt,

Da pochte mein Herz und es wuchs mein Gelüst,

Ich weiß, – oh ich hab ihn im Traume gedrückt

Und herrlich mit Blüthen und Thränen geschmückt.

Die Venus, vor der ich mich früher geneigt,

Hat sicherlich diese Gestalt mir gezeigt.

Denn bat ich um Männer vor ihrem Altar,

So zeigte sich gleich eine herrliche Schaar.

Ach, wie mich noch jetzt die Erinnerung quält:

Ich habe da stets, was mich reizte, gewählt,

Doch nun packt mich immer die Sorge im Traum,

Erwach ich, so würgt mich der modrige Raum.

Gespenster erfüllen die furchtbare Leere,

Sie stürzen auf mich, ich fühl ihre Schwere,

Oh hilf mir, ich weiß, ich bin immer noch geil,

Der eigene Kalvarienberg ist mir zu steil,

Oh rette mich, du, und versprich mir das Heil!«

Nun bückt sich der Priester und spricht voller Güte:

»Der Heiland erhört Deinen innigen Ruf,

So bete mit mir, daß der Herr Dich behüte.

Denn siehe, er liebt was er leiderfüllt schuf.

Umarme die Wände und küsse die Erde,

In der wir verborgen den Heiland erflehn,

Und wisse, es ruht Christi folgsame Heerde

In Grüften, um einstens noch rein zu erstehn!

Ob wisse, wir können die Erde nicht schänden,

Sie haucht sich jungfräulich die Pestschemen weg,

Nach Kriegen und Aufruhr, nach gräßlichen Bränden

Umgrünt sie, versteckt sie den schandhaften Fleck,

Sie birgt uns in sich, da wir Rom einst zerstören,

Die Stadt, die wie Babylon, brunsterhitzt praßt,

Doch muß man sich erst gegen sich keusch empören,

Bevor man das Übel der Heidenurbs haßt.

Die Gluth dieser Erde, die hier uns erkoren,

Die Feinde des Fiebers im Darme zu sein,

Hat gleichfalls den Heiland jungfräulich geboren

Und will, daß nun wir unterm Kreuze gedeihn!«

In sich aber greift und erfaßt jener Priester

Das Grauen des Zwiespaltes, der ihn bewegt,

Er beichtet, befragt sich und innerlich liest er

Dabei ein Gebot, das sein Wesen zerlegt.

Er schluchzt: »Mutter Gottes, Du helles Gewissen,

Du glühender Wunsch, der das Dunkel zertheilt,

Der Schmerz hat die Nebel der Seele zerrissen,

Und Du hast mein furchtsames Herz dann geheilt.

Maria, Du liegst in unendlichen Wehen,

Du Erdmutter, Mutter, Du leidest in Gruben,

Im Schlunde der Urbs, die als Urgrund entstehen.

Wir schwanken, uns schwindelt in wunschdumpfen Stuben,

Wir irren und walten durch weltgraue Räume

Und sind nur die Wurzeln für Träume, für Bäume.

Maria, auch Du mußt Dich einsam erkunden,

Wir wühlen für Dich und wir schlagen Dir Wunden,

Wir wollen verschrumpfen, doch Du sollst einst tragen

Und Sonnen verfinsternd der Erde entragen.

Oh Heiland, nun hab ich Dich wahrhaft gefunden,

Du ruhtest so traurig und stumm in dem Grab,

Dann bluteten plötzlich, oh Herr, Deine Wunden,

Da ich Dich, Dein Mörder, bleich angesehn hab.

Das Blut aber leuchtete sanft in der Tiefe,

Es wurde die Erde auf einmal erhellt,

Und mir war, als schimmerte, sickerte, liefe

Es ringsum ins sonnlichtbeackerte Feld.

Ich sehe es noch in den Weinbeeren reifen,

Der Glaube an Dich, guter Heiland, erwacht,

Wir können die Saat Deines Blutes begreifen,

Die Herbsternte strahlt in unsagbarer Pracht!

Es fließt Deine Milch, in verzücktem Gebete,

Und reifen im Lichte Geschlechter heran,

So legt in dem Baum, den die Schöpferhand säte,

Der Sohn seine Liebe und Fruchtbarkeit an.

Es wachsen die Wesen, in Streit und in Liebe,

Und geben ersterbend lebendigen Geist,

Auch ich habe Beeren und Ranken und Triebe

Im Urgrund der Seele, die Gott ewig preist!

In mondbleichen Nächten, beim sternstillen Morgen,

Erleuchtet und kräftigt der Sohn mein Gebet,

Die Gluth, die im Schooße der Erde verborgen,

Berauscht meinen Wein, wenn die Wärme verweht.

Ach, ferne vom Tage und lautem Verhalten

Giebt ganz sich der Mensch seiner Herzlichkeit hin.

Oh Heiland, dann magst Du in mir wachsam walten,

Ich lache, ich weiß, daß ich ganz bei Dir bin.

Du kannst mich zu Dir, viel zu tief zu Dir ziehen,

Dann seh ich, getilgt ist die furchtbare Schuld,

Denn Gnade ist mir, für mich selber, verliehen,

Ich trage die Reue und Scham mit Geduld!«

Ganz erschöpft vom Bacchanale findet Nero keinen Schlaf,

Und es dringt aus fernen Räumen sanft verklingende Musik

Bis zum Kaiser noch herüber, weil sie keine Thüren traf.

Und da flüchtet das Gewölke. Neros Träumemosaik

Zeigt ihm Rom im Purpurkleide, aufgebaut aus Abendpracht.

Das Gestöhns ferner Flöten hat den Dunst nun ganz verzweigt.

Und in Neros Traumregionen ist ein grauser Schwarm erwacht,

Der aus seinen Seelenkerkern zügellos und wild entsteigt.

Freches Lachen, schrille Schreie, wie das raschelt, wie das klingt,

Wie das Zittern straffer Saiten Schloß und Riegel rasch bezwingt,

Wie es Fieberfeuer schürt, selber nun als Lohe glüht,

Bis im Traumgluthstrom des Kaisers mancher Feind als Schatten brüht!

Nero folgt nur seiner Neigung, ob er fiebert oder tobt,

Schrecklich ist das Machtbedürfniß im tiberischen Geschlecht,

Nero kann es nicht vertragen, wenn man Kaiser Claudius lobt,

Weil sich der an fernen Fürsten noch im Innern Roms gerächt.

Viel zu weit sind jetzt die Grenzen im vollstreckten Römerreiche,

Und so feiern Satrapien selber ferne den Triumph.

Es entwachsen Kolonien ringsum schon dem Urbsbereiche,

Und es blühen Freudenstätten ferne zwischen Wald und Sumpf.

Nero aber will, trotz allem, Großes seinen Römern bieten,

Und da glaubt er plötzlich, es entspricht des Volkes Appetiten,

Fängt er an die Traumgestalten wirklich durch die Gluth zu hetzen,

Ganz entschieden, denkt er, wird man mich dafür unendlich schätzen,

Denn es schläft kein Weltbeherrscher, immer schwelgt er nur und träumt!

Es umschleichen ihn stets Schleier, wie ein schnellverträumter Trug.

Plötzlich sieht er Fürsten taumeln, ihr Gewand war roth gesäumt,

Und er sah auch, wie aus Wunden furchtbar grell ein Feuer schlug.

Dieses Bild hat ihn gereizt, und er denkt nun mit Gefallen,

Wie besiegte Völkerstämme furchtbar enge Fesseln tragen,

Wie auf einmal, aus der Höhe, Flammenmassen niederfallen

Und die Menschen rasch vertilgen, weil sie ihm nicht mehr behagen.

Ja, er sieht nun blasse Sklaven sich durch Feuerschlangen winden,

Endlich auch die Senatoren, die ihm immerhin noch trotzen,

Und die ganzen Menschenknäule dann im Flammendunst verschwinden,

Plötzlich aber andere Fratzen aus den Nebelfalten glotzen,

Doch es grämt ihn, daß das Feuer gar so wuchtig weiterschwoll

Und der Rauch so schnell entfauchte, ihm den Marterreiz zu nehmen.

Plötzlich gellt ein heiseres Lachen. Nero hört, man nennt ihn toll.

Und es kreischen schon und kichern, rings um ihn, vermummte Schemen.

Flammen werden wohl erscheinen, wenn die Masken niederrollen,

Denkt der Kaiser. »Aber nein doch, seht, es sind die frechen, tollen

Christen!« ruft er: »Die statt meiner, Rom, die Welt beherrschen wollen!

Nero wagt man toll zu nennen, mich, den größten Römerkaiser?«

Brüllend hat er sich erhoben, und er schreit nun: »Spottet leiser!«

Und er sieht, zum Traum gewendet: »Kreischt doch nicht mit schrillen Stimmen,

Denn die Welt könnte Euch hören!« Da ihn jene fort ergrimmen,

Will er jetzt im eigenen Inneren Rauch und Dunst heraufbeschwören,

Denn die Christen, dieser Auswurf, dürfen keine Allmacht stören!

Solche Qualen der Beschimpfung kann ein Kaiser nicht ertragen,

Und so laßt er Lästerchristen rasch aus ihren Höhlen holen

Und sie rings auf hohe Kreuze für ihr freches Höhnen schlagen.

Darauf läßt er Holz entzünden, denn sie sollen schnell verkohlen.

Dieses Schauspiel findet Anklang, die verdroßenen Weltbesieger

Lassen, unterm Boden Romas, ringsum nun nach Menschen scharren,

Nach dem Maulwurf suchen emsig jetzt Hyänen, Hund und Tiger,

Und man zwingt auch viele Sklaven mitzubrüllen: »Wir sind Narren,

Denn wir glauben an die Marter, spannt uns vor die Judenkarren!«

Ja, es müssen schwarzverhüllte, todtgeweihte Karawanen

Wechselweise ihre Wagen, voll von Christen, vorwärts ziehen,

Und da giebt es ganz verschiedene Bürger, Freie, Unterthanen,

Aber Keinem wird von allen Gnade oder Recht verliehen.

Wie ein Wurm wird nun die Sekte aus dem Darme Roms gerissen.

Doch es trauern nicht die Christen, denn ganz rein ist ihr Gewissen.

Sie bemerken kaum die Feinde, sie vernehmen kein Gekicher,

Ihr Gebet giebt ihnen Starke, denn nun müssen sie verscheiden.

Und sie ziehen fest und tapfer, ihres Martertodes sicher,

Hin zur Stätte ihrer letzten, gottgefälligen Erdenleiden.

Viele glauben es genügt nicht, um zu Gott sich aufzuschwingen,

Stark und gläubig auszuharren, und Verlästerung und Qual

Scheinen ihnen viel zu wenig, um den Himmel zu erringen,

Und sie singen Gott bestürmend fromme Lieder im Choral.

Fieberangstdurchzuckt erreicht nun dieser Wurm die Marterstätte,

Hurtig werden schon die Christen auf die Kreuze angenagelt,

Und man ruft, wie einst bei Christo: »Bittet Gott, daß er Euch rette!«

Und von hohen Flammenstößen sieht man, wie es Funken hagelt.

Rom, besonders um das Forum, wird durch diesen Brand bedroht.

Doch man schürt das Feuer weiter, hocherfreut, daß etwas loht!

Niemand denkt jetzt an Gefahren, mit Gejubel und mit Johlen

Sieht der grausam rohe Haufen jene Christen dort verscheiden.

Alle brüllen, klatschen Beifall, daß die Feinde nun verkohlen,

Denn man liebt es, sich an Leiden anderer Menschen frech zu weiden.

Ach, die wilde Feuermarter, wie sie einreißt, wie sie schneidet!

Doch Gedanken und Gefühle voll von Liebe, Todgeweihte,

Die Ihr für den Henkerkaiser und sein feiges Krongeleite,

Hoch zu Gott empor gerichtet, weil er mit der Schöpfung leider,

Heben Euch zu Dessen Rechten, Nero noch zur linken Seite!

Wie aus Weltenessen stäuben stets lebendige Gedanken,

Und sie legen, wo sie können, Feuer in den Hirnen an.

Heute aber prasseln sichtbar Bäume mit Raketenranken

Und entzünden in den Seelen, was sich nur empören kann.

Glühend rother Bast wie Zunder löst sich los von todten Christen

Und entschwebt ihnen wie Tauben, denn so niedrig ist sein Flug,

Und es kann auch dieses große Gluthgefieder ringsum nisten:

»Feuer!« hört man plötzlich rufen, wo der Sturm den Zug hinschlug!

Eingeäschert ist schon manches jämmerliche Backsteinhaus,

Jeder Brand aber bringt Freude, denn man weiß doch, Nero baut

Jedem gerne neue Häuser und drum giebt es Saus und Braus.

Trunken tanzt man um Ruinen, Rohheit wird nun ringsum laut,

Leichtsinn ist die nächste Folge, mit dem Feuer kann man spielen!

So ein Brand ist doch ein Schauspiel, wie es niemand früher kannte,

Nichts ist schöner als ein Feuer, wenn die morschgewordenen Dielen

Funkenstiebend rasch verprasseln und die Balken imposante

Wuth entflammen; traurig ist nur, wessen Haus nicht mitverbrannte!

Trunken und im Trubel drängen sich die Massen hin zum Kaiser,

Der erleuchtet durch der Kreuze helles, grelles Fackelflackern

Sich das Marterschauspiel ansieht. Viel zu schrill jedoch und heiser

Gellt ihm jetzt das wilde Schreien von so dünkelhaften Rackern!

Ja, er glaubt ein Machtbewußtsein aus dem Volksgebrüll zu hören –

Gar nichts aber, denkt er, darf durch Lob des Kaisers Allmacht stören.

Jetzt erstürmt der böse Pöbel plötzlich Neros schöne Gärten.

Durch des Pincios holde Haine tollt die angetrunkene Menge

Und entleert sich vor den Büsten von Heroen und Gelehrten,

Und vor Virgils Marmorstandbild lallt der Haufen Lottersänge.

Ringsum fahndet er nach Christen, um sie rasch ans Kreuz zu schlagen,

Da man aber keine findet, fängt man an darum zu losen.

Kreuze sind schnell aufgerichtet, tausend Mordgesellen tragen

Schon ein todgeweihtes Mädchen, das sie erst noch lüstern kosen,

Jetzt zum rasch geschaffenen Richtplatz. Keinem Opfer hilft sein Brüllen.

Heute müssen Ungezählte noch als Ruß die Nacht erfüllen!

Die dunkelsten Gluthen des Juli verbluten,

Es scheint ein entschwundenes und kurzes Vermuthen

Glückssprühenden Lebens der Welt zu entsteigen,

Sie fühlt ihrer Spannung tiefrhythmisches Schweigen.

Es quillt wie ein Leuchten aus herbstlichen Narben,

Die Asche der Farben, die brennend erstarben,

Erblaßt und verzittert, und Frühlichtbestäubung

Versenkt alle Schleier der Farbenbetäubung.

Erschlaffen die Strahlen, die Wonne erwecken,

Entstehen Lichtflechten, die Gluth zu bedecken,

Es scheinen sich Netze auf Farben zu legen,

Und Nerven beginnen sich ringsum zu regen.

Die waren einst selber die Freude, die Farben,

Und ahnten im Lenze, nach sonnlosem Darben,

Den Aufruhr des Sommers, sein fühlendes Schaffen,

Und spüren bereits sein urjähes Erschlaffen.

Es liebt die Natur diese drückende Schwüle,

Sie ahnt ihre leiblichsten Muttergefühle,

Sie läßt sich von glühenden Küssen betäuben,

Und fügt sich in Alles, sie kennt ja kein Sträuben!

Sie schweigt, ihrer Wonne, der Sonne ergeben,

Sie schützt ihr der Starre entbundenes Leben,

Und stirbt dann der Sommer, verweht ihr Empfinden,

Sie kann sich mit allen Gestalten verbinden!

Nur kurz hat die Schwüle des Juli gedauert,

Schon fühlt sie, wie Müdigkeit matt auf ihr kauert,

Es flüchtet die Gluth über blühende Zäume.

Und fühlst Du! Ihr Abschied erschüttert die Bäume. –

Es baute sich Nero auf Antiums Gestaden

Ein Lustschloß mit marmornen Prachtkollonaden,

Und eben erfreut sich der Kaiser im Schatten

Am heitern Getriebe auf sonnigen Matten.

Er sieht, wie sich Blüthen im Zephyr entblättern,

Um scheinbar als Flügel ins Blaue zu klettern

Und wieder zu fallen, wenn andere fliegen,

Um träumend sich wieder auf Halmen zu wiegen!

Es ist ihm, als warteten Pinien am Hügel,

Mit riesigen Kronen wie offene Flügel,

Aufs Machtwort des Lichtes, sich selbst zu besiegen

Und übernatürlich zur Sonne zu fliegen!

Er hört ein Geplätscher, aus steinerner Muschel,

Als wäre es Liebender leises Getuschel,

Und wirklich, ein Pärchen in Marmor gehauen,

Kann dort seine Schönheit im Weiher erschauen.

Im Sonnenlicht aber erfrischen Fontänen

Den Garten mit hellen, gelockerten Strähnen,

Die Marmordelphine und Nixe verschnauben,

Damit sie am Mittag wie Perlen verstauben. –

Ein Regenkreis soll diese Borne umranden,

Ihr Thau aber sprüht auf die Gartenguirlanden,

Die Erzkinder, rings voller Lust und Behagen,

Am Brunnenrand winden und mühelos tragen.

Das Wassergeräusch und Gefächle von Kühle

Liebt Nero besonders bei drückender Schwüle;

Da scheint ein Campagnatag weithin zu rauchen,

Um Abends in blutigem Dunst zu verhauchen.

Dann will sich der Äther mit Nebel verhängen

Und allseits die Kreise des Lebens verengen,

Die Küste darf gar keine Welle bespülen,

Es scheint selbst die See dann die Schwüle zu fühlen.

Vermag sie dem Land keine Briese zu schicken?

Sie scheint heute wirklich in Dunst zu ersticken.

Die Sonne versinkt hinter glühenden Streifen,

Doch Nero will weiter den Garten durchschweifen.

Er wartet bis Sterne ihn freundlich begrüßen,

Bald legt sie das spiegelnde Meer ihm zu Füßen;

Denn er ist der Gott, der die Erde verwaltet,

Schon wundert er sich, daß der Dunst sich nicht spaltet.

Der Kaiser beginnt jetzt zu schimpfen, zu fluchen,

Er will es durch wüthendes Schreien versuchen,

Die Götter und Sterne des Himmels zu wecken

Und selbst die Olympier durch Christum zu schrecken.

Nun ruft er, er läßt sich bekehren und taufen

Und will dann die Sterne den Göttern abkaufen,

Dafür aber Rom als sein Opfer anzünden,

Wenn Götter ihm Antwort durch Sterne verkünden.

So wandelt der Kaiser noch lange am Strande

Und blickt auf den Himmel mit purpurnem Rande,

Die Lichter des Abends sind noch nicht erglommen:

Was zögert das Dunkel herüberzukommen?

Es blicken dann endlich drei Sterne hernieder,

Doch haben sie Höfe, wie blutige Lider,

Sie wollen nicht einfach wie sonst herabsehen,

Und alles, voll Milde auf Erden verstehen.

Ihr Blick ist verfinstert und fast ohne Leben,

Nicht reuelos schöpfender Liebe ergeben,

Doch kann sie der Kaiser verweint fast gewahren,

Und hält sie für Zeichen der himmlischen Schaaren.

Er sagt sich, da Götter mich ganz anerkennen,

So muß ich zum Danke die Urbs niederbrennen,

Und bau ich dann Tempel mit goldenen Hallen,

So will ich sie plaudernd mit Hermes durchwallen.

Er will, daß die Welt sein Erträumen erlerne,

Denn denkt er, so krümmt sich sein Sinn in die Ferne!

Er kann lauter raumfreie Haine entfalten,

Und zeitlos, ganz grundferne Bauten gestalten.

Doch plötzlich entsinnt er sich göttlicher Spender

Und blickt dann zum Himmel, wo röthliche Ränder

Noch immer die spärlichen Sterne verschleiern,

Denn ringsum die Nebel sind finster und bleiern.

Es hat sich die Dämmerung noch nicht ganz verzogen,

Er sieht einen heftigen, flitternden Bogen

Von Osten empor sich stets heller erheben,

Daß selbst in der See jetzt Reflexe erbeben!

Es laßt ihn besonders die Richtung erstaunen,

Er glaubt an ein Schauspiel olympischer Launen,

Da sagt sich der Kaiser: nach göttlichem Rechte,

Erleuchte auch ich bald die feindlichen Nachte!

Er sieht sich bereits von der Gluthurbs umgeben,

Wo goldene Wimpel den Fenstern entschweben,

Es dünkt ihn, es grüßen ihn Feuerdämonen

Die lange schon lauernd die Häuser bewohnen.

Doch stehen auf einmal die schrecklichen Recken

In Kellern und Dachkammern auf, schlagen Decken

Und Treppen schnell ein, und die Rieseneinbrecher

Entragen den Lucken der brennenden Dächer.

Die Glutharme greifen voll Wuth und begehrlich

Nach allem was nah ist und feuergefährlich,

Dabei aber trachten die Flammentitanen,

Sich immer noch andere Gassen zu bahnen.

Die lockern Gesellen, mit zackigen Zungen,

Sind sicherlich schon zu den Tempeln gedrungen

Und Flammengestalten, mit furchtbarem Hauche,

Entwachsen rings Arme und Häupter am Bauche.

Es sieht sie der Kaiser sich himmelwärts bäumen,

Und ihn, der ein Gott wird, im Kreise umzäumen,

Darauf, als ein lohender, goldener Reigen,

Tief huldigend ringsum vor ihm sich verneigen.

Doch Nero träumt nimmer! Wahrhaftige Gluthen

Beginnen der dunstigen Nacht zu entbluten,

Es wurden die Wolken zu Lippen und Wunden,

Der Mond und die Sterne sind völlig verschwunden.

Jetzt hört er auch plötzlich ein menschliches Schreien,

Es scheine der Boden rings Feuer zu speien,

Doch gleich darauf: »Rom brennt! es ist ganz verloren,

Es hat sich die Plebs mit dem Heere verschworen!«

Es wollte der Kaiser die Brandfackel werfen,

Drum denkt er die Aufsicht im Land zu verschärfen,

Er sinnt schon nach Strafen für jene Entzünder

Und sieht sich zugleich auch als Roms Neubegründer.

Dann glaubt er, es wollte ihn Zeus freudig stimmen,

Und deshalb ließ Hermes die Häuser erglimmen;

»Es folgte ein Gott«, ruft er, »meinen Befehlen,

So kommt denn, wir wollen beim Brande nicht fehlen!«

Es glaubt nun der Kaiser sein Werk zu genießen,

Nicht soll ihn der Anschlag von Andern verdrießen,

Er freut sich noch heute im Feuer zu prassen,

Ja, strahlend will Nero sein Antium verlassen.

Es scheinen ihm Qualme, durch irdisches Tosen

Und Wettern, entblätterte himmlische Rosen,

Doch immer noch andere erglühen dort oben,

Wo Träume sich plötzlich als Bäume erhoben!

Es haben die meisten ihr Viertel verlassen,

Es schleichen jetzt Diebe, verwegen und dumm,

Durch öde und schmutzige, brennende Gassen

Und schleppen die Beute fortplündernd herum.

Es folgen schon allseits den Räubern und Mördern

Die Flammentitanen mit flatterndem Bart.

Es scheinen auch Stürme ihr Wüthen zu fördern

Und nirgends bleibt irgend ein Stadttheil erspart.

Es stürzen sich Winde, in riesigen Wirbeln,

Ins lodernde Rom und zerschleudern es wild,

Es knattern rings Balken, wo Glastfalter schwirbeln,

Der Hunger der Gluthen wird nimmer gestillt!

Die gräßlichen Brände der Hauptstadt entfachen

Die Funken vom mittleren Feuersbrunstheerd,

Es tönt dort beständig ein furchtbares Krachen,

Die ganze Suburra ist längst schon verheert.

Wenn brennende Bretter beim Einsturz zerschellen,

Erheben sich Funken mit Asche vermischt,

Dann können Raketen sich plötzlich entschnellen

Und lohen, wenn es im Vipernneste dann zischt.

Die Stadt überrascht nun ein gräßlicher Regen

Von Funken, den Keimen zu künftigem Brand,

Und gleich darauf wollen sich Glastschlangen regen,

Gar gierig umzüngeln sie jegliche Wand.

So wie sie dann Pfosten und Balken erschleichen

Umschlingen sie sie, wie durch Hunger ergrimmt,

Es lodern sofort alle Bretter und Speichen.

Der Brand, der die Hügelstadt siegreich erklimmt,

Muß bald den Palast der Cäsaren erreichen!

Am Boden versengen besoffene Leute,

Die plötzlich die Gluth in Spelunken erfaßt,

Es stürzt aus den brennenden Häusern die Meute

Der Räuber fast immer zugleich mit dem Glast;

Denn Menschen beneiden die Gluth um die Beute

Und plündern beinahe mit ärgerer Hast.

Verworfene Weiber durchjohlen mit Dieben

Die Trümmer und scheinen verteufelt vergnügt,

Und werden sie endlich vom Feuer vertrieben,

So rauft sich das Pack, weil kein Raub ihm genügt.

Schon will man nach Christen zum Peinigen suchen,

Die Menge ist wieder zum Martern geneigt,

Der Pöbel beginnt auf die Juden zu fluchen

Und ruft: »Diese Schmutzbrut von Ratten entsteigt

Den Grüften von Rom, um die Stadt einzuäschern,

Drum spüret nach ihnen mit Hunden und Häschern!«

Doch findet der Pöbel nicht viele zum Hetzen,

Der Blutdurst der Massen wird noch nicht gestillt,

Es ist nach dem Rauben von Plunder und Schätzen,

Jetzt mancher zum Morden und Schänden gewillt.

Man flucht auf die Numen und huldigt dem Kaiser,

In Rom wird jetzt nimmer an Götter geglaubt,

Die Stadt hält es sicher für richtiger, weiser,

Wenn jeder die Wuth gegen Schemen verschnauft.

Es haben ja doch beim Verbrennen Penaten

Die Pflicht als Beschützer der Heerde verletzt,

Hingegen kann niemand des Kaisers entrathen,

Denn dieser hat stets, was da brannte, ersetzt.

Es freun sich die Römer, wenn Tempel abbrennen,

Wer wird sich zu Göttern, ohnmächtig ihr Gut

Vor Feuer zu schützen, noch weiter bekennen?

Fürwahr, die Olympier vernichtet die Gluth

Geschädigter Menschen, in Fieber und Wuth!

Entlaufene Sklaven, Soldaten und Metzen

Verprassen Geraubtes in wildem Genuß.

Sie plünderten, raubten zuerst auf den Plätzen

Und schwelgen jetzt roh auf der Insel im Fluß.

Der Äsculaptempel wird schleunigst erbrochen,

Im Inneren predigt ein junger Prophet,

Es scheint ihm das Blut in den Adern zu kochen,

Er schwört, daß er Zion als Lichtbraut erspäht.

Er fiebert von Sodom, Gomorrha, den Städten,

Die einstens Jehova mit Schwefel zerstört,

Er weiß es, die Bibel mit Rom zu verketten,

Und ruft, daß Gottvater, durch Frevel empört,

Beschlossen hat, Rom durch den Brand zu zerstören:

Er habe bereits Christi Jünger gesandt,

Die Welt noch zur Einkehr zu Gott zu beschwören,

Doch wurden sie alle verkannt und verbrannt.

Die Christen erschracken beim Sprengen der Pforten,

Sie wurden auch gleich von der Menge geplagt,

Doch hat es der Priester, mit feurigen Worten,

Zu sprechen und weiter zu donnern gewagt.

Es horcht nun der Mob auf den tapfern Zeloten,

Der alle Patrizier und Reichen verklagt,

Dem Volke, aus Goldgier und Hochmut verboten

Zu haben, verbrüdert und glücklich zu sein,

Doch Christus läd alle zum Abendmahl ein!

Er spricht von Verzeihung und Gnadenverleihung,

Vom himmlischen, allen verheißenen Reich,

Von Herrschaft der Liebe und Knechtebefreiung,

Und siehe, es wirkt diese Predigt sogleich!

Der Pöbel versteht seinen Gott der Zerstörung,

Und fängt schon, in wilder und blöder Empörung,

Im Tempel des Gottes der Heilsmächte an

Die Opfergeräte in Stücke zu schlagen.

Es findet dabei wo ein Mann einen Wagen,

Und rasch macht ein Haufe daraus ein Gespann.

Es wird einer Christin das Büßergewand

Auf einmal mit Johlen vom Körper gerissen,

Und Buben und Greise sind eben beflissen

Das Mädchen zu schmücken; mit komischem Tand

Bedeckt, steht die Nackte nun oben im Karren,

Und der fängt schon an, über Dielen zu knarren!

Obszön hergerichtet, voll Tempelbehängen,

Begleitet von höhnischen Pöbelgesängen,

Erscheint nun die Christin, den Ihren entrissen,

Im Freien. Und kraftlos als prächtiger Bissen

Gepriesen, entschwinden ihr endlich die Sinne,

Da heißt es, es schlafe die Göttin der Minne!

Bedroht durch die Flammen, verfolgt von der Hitze,

Verläßt man die Insel, die Feuer umloht.

Es droht noch der Priester und schreit nach dem Blitze,

Da schlägt ihn ganz einfach die Volksmenge todt.

Darauf zieht die Meute hinab zum Emporium

Und schlägt, in der Unordnung komisch vereinigt,

Ein liederlich klingendes MassenBrimborium.

Und trifft man wo Christen, wird flott losgepeitscht,

Ja, selbst alle Mächtigen, die nicht entflohn,

Begegnen in Rom jetzt verwerflichem Hohn.

Die Flammen erfaßten die Schläuche Boreas,

Da sind alle Winde dem Gotte entsaust,

Nun werden die Güter der Erben Äneas

Von Stürmen und Flammen zusammen zerzaust.

Die Gassen durchhallt wildes Brausen und Pfauchen,

Und oft dröhnt und donnert es plötzlich und kurz,

Das heißt dann, in Häusern, die lodern und rauchen,

Erfolgte ein Dachstuhl und Stützbalkensturz.

Es zerrt mancher Flüchtling des Hauses Penaten

Noch krampfhaft hervor aus dem gräßlichen Brand,

Und rechnet aufs Glück seiner künftigen Saaten,

Auf Zukunft und Wohlstand, durch eigene Hand!

Das Volk läßt sich schwer durch die Hitze vertreiben,

Es hängt noch am grauen, verlorenen Gut,

Und will nah beim Grab seiner Habe verbleiben

Und denkt still an das, was für immer dort ruht.

Doch langsam beginnt es nach oben zu drängen,

Es weiß sich vielleicht höher besser gefeit,

Doch liebt es auch sehr sich in Knäule zu engen

Und drückt sich an anderer Leiber und Leid.

Es suchen die Reichen sich hoch zu versammeln,

Auf kühleren Hügeln, vor Feuer geschützt,

Beschließen sie gleich jeden Weg zu verrammeln,

Damit nicht das Volk diesen Rückzug benützt.

Es muß sie die unklare Zukunft verstimmen,

Besitzende Menschen sind meistentheils scheu,

Sie zittern, wenn Herr oder Diener ergrimmen,

Und hassen und fürchten was fremd ist und neu.

Sie trachten, die raschen Entschlüsse zu meiden,

Sie haben sie oft schon, zu spät erst, gefaßt,

Sie bangen auch jetzt für die Götter der Heiden

Und wünschen dabei nichts als Aufschub und Rast.

Ja freilich, sie schmähten am liebsten, am stärksten,

Und schwer nur verbeißen sie Kummer und Wuth,

Es trifft doch das Feuer die Reichen am ärgsten,

Denn gar nichts verliert die plebejische Brut!

Doch hoffen sie, Nero wird alle beschenken,

Zumal, die das Feuer zu Bettlern gemacht,

Besitz in verläßliche Hände zu lenken,

Bewährt sich doch immer zum Stützen der Macht.

Gar viele erklären die Christen für schuldig

Und tuscheln, sie hätten die Hauptstadt zerstört;

Doch sagt man es nicht, und schweigt lieber geduldig,

Solang man nicht Neros Vermuthung gehört.

Dann wollen die Reichen vor ihm sich verneigen und stöhnen,

Bis endlich sein Herz sich der Ihren erbarmt;

Noch können sie Keiner die Christen verhöhnen,

Sie fühlen sich alle ein wenig verarmt.

Sie trachten nur Nero für sich zu gewinnen

Und sinnen nach Macht durch zäsarische Huld;

Und nennt dann der Kaiser die Träger der Schuld,

So wollen sie die ganz ins Trugnetz verspinnen.

Die Reichen geloben den Thron zu erhalten,

Sie haben im Freistaat das Alte gestützt,

Seit jeher gefiel ihnen machtvolles Walten,

Und oftmals schon haben sie Kaisern genützt!

Sie lassen sich immerdar schützen und führen,

Sie sind doch der Bürgerschaft sicherer Theil,

Auch können Propheten die Reichen nicht rühren

Und selten nur sind sie im Staatsdienste feil.

Das, denken sie, muß doch ihr Kaiser bedenken

Und ihnen, blos ihnen, sein Wohlwollen schenken!

Wahrhaftig sie sind auch kein schwankender Haufe,

Sie haben nur Sinn für die sichtbare Macht,

Sie folgen dem Strome auf jeglichem Laufe

Und haben es stets wie die Starken gemacht;

Ja, sinkt auf der Waage unsichtbarer Machte

Die Schaale des Neuen auf einmal beschwert,

So herrschen sie weiter; durch eherne Rechte

Wird wiederum der, der das Geld hat, geehrt!

Sie bleiben die Staats und Familienerhalter,

Die Herrscher in jeglicher Generation,

Sie lassen ihr Recht als Gesellschaftsverwalter

Bestimmt ihren Enkeln und meistens dem Sohn!

Doch seht nur, sie ehrten doch auch die Penaten,

Und brachten stets Opfer nach herrschendem Brauch,

Sie ließen für Jupiter Mastochsen braten

Und freuten ihn so durch den speckigen Rauch.

Sie stellten sich stets zum Olympe am besten,

Indem sie zu Ehren der Götter gepraßt,

Sie opferten immer bei häuslichen Festen,

Wie es Göttern und Priestern auf Erden gepaßt!

Ja, wurde bei Reichen ein Hymen geheiligt,

So hat man auch Opfergelage bestellt,

Stets waren die Götter beim Jubel betheiligt,

Und neidlos hat Zeus sich zu Menschen gesellt.

Nun haben die Götter die Reichen verlassen,

Sie denken, warum wurde Rom nicht verschont,

Was wollen sie, thun sie, man kann es nicht fassen –

Fürwahr ihre Freundschaft hat gar nicht gelohnt!

Besonders Vulkan wird von allen verlästert,

Es heißt schon, wo bleibt die hieratische Zucht,

Es sind diese griechischen Götter verschwestert,

Und Gift birgt der Inzucht verwerfliche Frucht.

Nun spricht ein Patrizier die folgenden Worte:

»Oh Jupiter Stator, beherrsch uns allein,

Wir halten zu Deinem gesetzlichen Horte,

Damit wir auf Erden fast sorglos gedeihn.

Erscheine als Adler und schrecke die Schlange,

Die fürchterlich wüthet, zurück in den Staub;

Es weilt ihre ringelnde Brut schon zu lange

Hier oben, Dein Rom wird ein Unterweltsraub!

Zertritt diesen Gluthwurm mit schmerzlosem Fuße,

Er knete sich rasch zum verzuckenden Knäul,

Oh Jupiter, hör uns, auch wir thuen Buße,

Gebiete dem furchtbaren Furiengeheul!

Wir lieben Dich, Jupiter, Herr unserer Schlachten,

Du solltest, Du guter und leuchtender Gott,

Die anderen Numen zu Tode verachten,

Sonst stürzt Dich noch einst ein Olympierkomplott.

Wir wollen von nun an nur Dir auf Altaren,

Was Du und was andere Götter begehren,

Zur Huldigung opfern, den Widder, den Stier,

Die Taube, das Schaf, jedes reinliche Thier,

Auch Sklaven, verlangst Du es, schenken wir Dir,

Der Kaiser und wir!« und es ruft schon die Menge:

»Oh Jupiter, herrsche allein auf der Welt,

Wir weihen Dir Tempel, und Feiergesänge

Ertönen für Dich, der die Ordnung erhält!«

Es greift jetzt der Brand nach den weitesten Gassen.

Als hungriger, allesverschluckender Wurm

Beginnt er die Vorstädte rings zu erfassen,

Und seht, seinen Durst löscht ein furchtbarer Sturm.

Doch müssen im Bauch die Metalle sich stauen,

Sie reißen des Drachen Gedärme entzwei,

Und was nicht die heißen Geweide verdauen,

Entfließt seinem Wanste als zuckender Brei.

Der Pöbel verlaßt nun die dumpfigen Stätten

Des Lasters, in denen der Brand ihn bedroht,

Man drangt aus den Schenken, sein Leben zu retten,

Und sieht sich schon himmelhoch, grellroth umloht.

Gewürgt von entsetzlichen Plagen und Sorgen

Verlieren die Menschen ihr letztes Vertraun,

Die Nacht ist voll Schrecken, und was bringt der Morgen?

Sie denken mit Grauen ans baldige Graun.

Jetzt fängt auch die gräßlichste Gier an zu schnauben,

Es folgt das Gelichter dem eigenen Drang,

Es kann sich nun allerhand Raublust erlauben,

Denn plötzlich sind Mörder die Meister vom Strang.

Es grinst die Begierde aus thierischen Zügen,

In Blutblicken fuchtelt die Schurkennatur,

Die Nasen verkrümmten entsetzliche Lügen,

Ein Mord ließ auf jeglicher Stirn seine Spur.

Ein Schrei seines Opfers durchgellte die Ohren

Von jedem Gesellen, der Trümmer durchsucht,

Die Ohrmuscheln sitzen wie knapp angefroren,

Das sagt, so ein Kopf ist von uran verflucht.

Da zieht so ein Haufe, mit Beute beladen,

Die Straßen entlang und verspottet Merkur,

Er ruft ihn, verspricht ihn zu Festen zu laden,

Doch zeigt sich vom Gott keine irdische Spur.

Da pfeift nun der Mob und ein wildes Geschrei

Erklärt, daß er nimmer die Raubgottheit sei!

Der Pöbel macht Aufruhr und schwört, daß er Ares

Allein seinen Diebsantheil abtreten will,

Er flucht und verspricht, daß des Kriegsgottaltares

Gesprenkelter Marmor vom März bis April,

Und dann von September bis Ende des Jahres,

Von Lenzzicken, Ferkeln und HerbstwurfHausthieren

Bedeckt sein wird, um seinen Tisch zu garnieren!

Es kommen jetzt abermals flüchtige Soldaten

Und Sklaven mit wimmernden Kindern und Frauen.

Sie mögen die Asche mit Opfern durchwaten

Und grausam sich, ringsum, am Grauen erbauen.

Oft tragen sie die noch zurück in Spelunken,

Wo Schwache, wie irre, den Flammen erst trotzen:

Doch wirbeln von überall glitzernde Funken,

Und alles beginnt in das Feuer zu glotzen.

Nun fangen die Römer an doch sich zu wehren,

Es packt sie die alte, fanatische Wuth,

Und siehe, sie treiben die Räuber mit Speeren

Und Steinen zurück in die zischelnde Gluth.

Sie sehen oft Mütter im Feuer verschwinden,

Und viele zerfetzen vor Schmerz ihr Gewand,

Die suchen verwirrt ihre Kinder zu finden,

Doch Mörder und Opfer vertilgt schon der Brand.

Es wagt es kein Mann, sie der Gluth zu entreißen,

Und schließlich, wen kümmert das Weibergeschrei?

Sie suchen den eigenen Gram zu verbeißen,

Und stehn, wenn ein anderer schluchzt, stumm dabei.

Es greifen die Gluthklauen immer noch weiter,

Das schnaubende Feuer wird nimmermehr satt,

Es glimmt und es klimmt auf der Hügelurbsleiter

Von Gasse zu Gasse, zum Saume der Stadt.

Es nahen von allseits die Flammen den Schaaren

Von Römern und Fremden in furchtbarer Noth.

Sie können nichts anderes als Feuer gewahren,

Das Grab ihrer Habe ist blutroth umloht,

Die Gluth leckt rings weiter, doch sonst herrscht der Tod!

Das Feuer an sich aber wird zum Gespenste,

Der Gott, der dem Moses im Strauche erschienen,

Und der über Daniel in Babel erglänzte,

Dem jetzt neben Juden auch Christen fromm dienen,

Hat eben sein Antlitz den Römern gezeigt,

Und sehet, das Volk hat vor ihm sich verneigt!

Bedrängt durch das Plündern uud Morden der Horden,

Erstickt und bedroht durch den qualmenden Brand,

Sind alle beinahe zu Kindern geworden:

Da dünkt sich ein Träumer vom Himmel gesandt.

Er plappert emphatisch, zum Volke gewendet,

Es hätten die Götter die Tempel geschändet,

Und dann hat er laut in die Flammen geschrieen:

»Ihr Numen habt Eure Altäre bespieen!

Du Mars, hast die Pfeiler des Staates zerschlagen

Und nicht einmal Hera und Hesta verschont,

Die Flammen Hephaistos verdüstern den Wagen,

In dem herrlich Phöbos, der Sonnengott, thront.

Wir werden an Jesum von Nazareth glauben!

Wir wollen ihm Opferaltäre erbaun!

Es mögen die heidnischen Götter verstauben!

Wir können dem Jupiter nimmermehr traun!«

Die Worte des Priesters erschüttern die Menge,

Sie dünkt sich wahrhaftig von Göttern genarrt,

Doch fühlt sie zugleich die entsetzliche Strenge

Des Neuen, das dort aus der Gluthsäule starrt.

Sie konnte noch nie solche Wuthrede hören,

Was heute erscholl, hat noch niemand gewagt,

Sie will sich noch immer nicht offen empören,

Doch wird alles Alte forsch weiterbenagt.

Wer kann es verstehen, daß Götter verkommen?

Doch seht Euch nur um, allzuwahr ist der Greuel!

Der Herr aber, der seinen Weltthron erklommen,

Verschüchtert noch immer den hilflosen Knäuel

Von Heiden, den Funken und Sprühgarben taufen.

Und plötzlich spricht wiederum einer im Haufen,

Und zwar der verstockteste, grausamste Heide,

Der früher den Pöbel zum Morden verführt,

Von christlicher Hülfe, von siegreichem Leide

Und Herrschaft der Armen, die Jesum erkührt.

Ein anderer sagt mit ekstatischen Gesten,

Er sei aus den Höhlen der Christen entflohen,

Er kenne das Walten der Sekte am besten

Und fühle nun wieder sein Christenthum lohen.

Er habe sich völlig dem Heiland verschrieben,

Da dieser die Menschen als Brüder beschützt,

Er sei auch ein christlicher Priester geblieben

Und habe schon oft der Gemeinschaft genützt.

So werden die Bürger, die Rom tief betrauern,

Dem Christenthum langsam gewogen gestimmt,

Sie müssen sich selber so innig bedauern,

Daß endlich der Heiland in ihnen erglimmt.

Sie denken, ein Gott der sich selber gepeinigt,

Erspart uns, die leiden, bestimmt seinen Hohn.

Ein Gott, der in sich alle Welten vereinigt,

Und der seinen eigenen, leiblichen Sohn

Den Menschen geopfert hat, wird uns beschützen

Und freundlich beim Ausbau von Rom unterstützen.

Ein Weib kommt nun plötzlich wie rasend gelaufen.

Es scheint durch Geschautes verblüfft und verzückt.

Ein eisiges Staunen erfaßt schon den Haufen,

Er wird, wie aus Angst, auseinandergerückt.

Jetzt hält diese Frau ihre Hände erhoben,

Als folgte sie, sehend, der hellsten Vision.

Erst mag sie das Kreuz und die Märtyrer loben,

Und nun schreit die schauende, wilde Person:

»Ich habe zwölf Kinder auf einmal verloren,

Sie wurden vom höllischen Feuer verzehrt!«

Sie hätte acht Söhne dem Staate geboren

Und selber mit üppigen Brüsten genährt,

Nun hätten die Götter die Heimath vernichtet

Und die und sie alle zu Grunde gerichtet.

Nun sucht sie und scharrt sie, im Schutt der Ruinen,

Ihr Schreien hat furchtbar die Brandnacht durchgellt,

Es ist ihr des Heilandes Mutter erschienen:

Sie sieht sie als leuchtende Herrin der Welt.

Nun schwört sie, sie werde zum Throne gerufen,

Es habe die Mutter sich zu ihr geneigt

Und gleich dann, auf herrlicherleuchteten Stufen,

Ihr rings ihre Kinder als Engel gezeigt.

Nun ist sie im Taumel zu Boden gesunken,

Sie glaubt, sie hat himmliche Milde getrunken,

Es hat ihr die Jungfrau die Lichtbrust gereicht

Und drum ist ihr plötzlich so wonnig und leicht.

Doch faßt sie sich wieder, voll brünstigem Verlangen

Zum Volke zu reden, beginnt sie nun laut:

»Ich habe den Heiland, hoch über den Schlangen

Der lodernden Welten, voll Ruhe erschaut!«

Zuerst ist das alles nur schweres Gestotter,

Sie zerrt noch, zerzaust ihren Sprachenballast,

Doch plötzlich entwirrt und enthaspelt sie flotter

Die trefflichsten Worte, zu Sätzen gefaßt.

Stets schriller beginnt sie zu wüthen, zu wettern,

Als schlüge sie Blitze aus stahlhartem Stein,

Sie ruft, sie wird Götteraltäre zerschmettern

Und gleich darauf setzt sie den Weltheiland ein.

Schon folgen ihr Mütter und leidende Frauen,

Die viele verloren, die Kinder, den Mann,

Sie wollen von nun an der Leidmutter trauen,

Die schmerzensreich ewige Gnade gewann.

Nun zieht sie, im Zuge, in offene Gefilde,

Rings sieht sie den Dunst und die arge Gefahr,

Im Himmel erschaut sie die Göttin der Milde

Und baut ihr daselbst einen Sternenaltar.

Ja, Sterne sind wahrhafte Boten der Güte,

Denn immer, wenn lodernde Helle erblaßt,

Sobald nur der Blutring des Tages verglühte,

Erscheinen sie alle als Spender der Rast.

Ihr innerstes Wesen ist seelig beflügelt.

Ihr gläubiges Funkeln verstrahlt Gottes Macht.

Ihr Minnen ist frei und ihr Chaos gezügelt,

Und was da erkeimt, wird von ihnen bewacht.

Im Dasein der Sterne, den schützenden Müttern,

Sind Sorgen und Freuden urewig gepaart,

Drum muß auch ihr Leuchten die Frauen erschüttern,

Die sich schwach und hülfebedürftig gewahrt.

Die nächtliche Ewigkeit, sehen sie, spendet

Erlöschende Sterne der sterblichen Welt,

Die Milde der glücklichen Lichtfürsten sendet

Uns Erdkindern Grüße, durch Mitleid erhellt.

Nun flüstern die Mütter, wir werden allnächtlich

Uns hier, unter Bäumen, oft wiederum sehn,

Oh bleiben wir, tagsüber, reinlich und rechtlich

Und lassen wir Nachts uns von Schauern umwehn.

Oh bringen wir Blüthen, die Sterne des Tages,

Zum holden und herrlichen Gottesaltar,

Dann freuen die Augen des weltlichen Haages

Der Sterne urkindliche, liebliche Schaar.

Jetzt singen die gläubigen Weiber: »Wir pflücken

Die Blüthen der Felder, um Gott zu erfreun,

Wir wollen versammelt uns lieben und schmücken

Und dann wie die Blätter uns weithin zerstreun!«

Als vielerlei Länder Sybillen gebaren,

Hat Romulus Wölfin sie alle gesaugt,

Und jetzt stürzt ein Jude das Reich der Cäsaren,

Und ihn hat das Leid aller Menschen gezeugt.

Er ist ein unendlicher Seelenerwecker,

Er hat an dem Kreuze die Erde befreit,

Er ist aller Völker Verheißungsvollstrecker,

Und wer an ihn glaubt, überflügelt das Leid.

Es hat ihn die Weibheit der Erde getragen,

Er ist, wie das Licht, der Jungfräulichkeit Kind,

Er leidet das Leben und kennt keine Klagen,

Und schenkt uns sein Blut, wie ein Herbstwald dem Wind!

Es folgen ihm Weiber und gläubige Männer,

Durch ihn sind sie Alle zu sterben bereit,

Er ist unser gütiger Herzenserkenner,

Und wer ihn erfreut, ist von Zweifeln befreit.

Er machte die schweigenden Tiefen empfindlich,

Und als er die Römer zur Kreuzigung zwang,

Da wurden die Leidenden unüberwindlich,

Denn groß ist der Büßenden fürstlicher Gang.

Von glühenden Zungen, die Unheil verkünden,

Ist ringsum die Urbs des Genusses umloht,

Und Flammen, die Leiber und Seelen entzünden,

Bereiten den Gottheiten Sorge und Not.

Weltungeheuer, aus Zunder und Feuer,

Es sind Deine Numen in Satans Gewalt,

Es wird schon das Burgen und Tempelgemäuer

Von gräßlichen Klauen des Brandes umkrallt.

Die Auen des Pan sind unheimlich verglommen

Und Flammengedanken verschlingen sich tief

In Seelen, die leibliche Botschaft vernommen!

Erwacht ist der Weinberg, der still und stumm schlief!

Die Krallen des Brandes verschleudern die Steine

Der Tempel der alten, versinkenden Welt,

Verwüstet sind weithin die heiligen Haine,

Es haben Propheten die Eichen gefällt.

Ganz Rom kann die brennenden Tempel erblicken,

Die Numen sind alle vom Feuer bedroht,

Sie werden aus Angst in den Flammen ersticken,

Es naht ihr lebendiger, lodernder Tod.

Denn seht, diese Flammen beschützen das Leben,

Sie sind schon ein furchtbares Zukunftsgespenst,

Es kann sich der Erdgeist oft drohend erheben,

Doch er ist es, der uns mit Freuden bekränzt.

Der Boden muß ringsum Ideen gebären,

Die Erde trägt ewige Wälder im Schooß,

Sie labt, wer da Durst hat, mit Reben und Ähren,

Und wenn wir verzweifeln, so zeigt sie sich bloß.

Denn nackt sind die Flammen, ja Rankenskelette

Das haftige Wesen vom wachsenden Wald.

Gar vieles erzählen uns brennende Städte,

Und Roma entleuchtet Jehovahs Gewalt!

Doch Nero, von brüllenden Löwen umgeben,

Erblickt nur ein Schauspiel von singendem Gold,

Und wenn seine Bestien, vor Schrecken, erbeben,

So fürchtet er gar nichts, denn Zeus ist ihm hold!

Die Katzennatur scheint an Flammen zu saugen,

Vielleicht wird ihr Wüstenbedürfniß gestillt,

Die Grausamkeit gleißt schon aus grünlichen Augen,

Der Brand macht die Thiere erschrocken und wild.

Der Kaiser jedoch merkt kein Zerren und Pfauchen,

Er sieht nur ins Feuer, das Wunder versprüht,

Er schaut, – doch er ahnt nicht, daß Götter verhauchen,

Da jegliches Denken ihn fürchterlich müht.

Die nächsten Geschlechter begruben die Numen

Und haben sich Tempel aus Trümmern gebaut,

Ihr Gott aber wuchs nicht aus römischen Krumen,

Er hat auch nicht einfach ins Weltwerk geschaut.

Man wählte den Gott, der Ägypten gegeißelt

Und der seine Feinde im Meere ertränkt,

Man hat ihn sofort im Gedanken gemeißelt

Und so dessen mystisches Wesen gekränkt.

Man gab ihm bewegliche, griechische Glieder,

Ein jüdisches Haupt und etruskischen Rumpf,

Man webte sein Wesen in christliche Lieder

Und sang sie zu Ostern zum Sonnentriumph.

So müssen im Brande die Götter vergehen,

Das Bildniß des Zeus ist schon lange gestürzt,

Es haben die Stürme, die fürchterlich wehen,

Dem Feuer den Weg über Hügel verkürzt.

Die Flammen zerstören die Marmoraltäre,

Doch unberührt dauert des Weltherrschers Thron,

Dort schützt bald der Papst seine römische Lehre,

Dann später das Reich und die Inquisition.

Oh Weltenleu, oft sträubst Du Deine Flammenmähne,

Entloht der Urbs der Feuerabglanz Deiner Wuth?

Oh jage Löwe: was bedeuten Purpursträhne?

Es brüllt der Mensch. Das Holzwrack knarrt. Es tobt die Gluth.

Sind Gallier drinnen, um nach Römergold zu scharren?

Die Gänse schnattern nicht, fort ist der Latiermuth!

Erscheint ein Triumphator dreist am Siegerkarren,

Soll Rom im Brand den Abglanz seiner Kraft gewahren?

Barbaren sind es und sie werden hier beharren!

Dort kommen sie mit windverworrenen, goldenen Haaren!

Es sträubt die Feuermähne die Zerstörungslust

Von frechen Söldnern und von freien Kriegerschaaren!

Die haben kaum von Gold und Goldesmacht gewußt,

Und wie sie ungestüm die Tempelpforten sprengen,

Erscheint in Manchen plötzlich Gott im Flammenwust!

Die Römer sehn sie wild zertrümmern und versengen,

Sie suchen Gott im Feuerheerd nnd Abendhauche,

Und Rom beginnt sie drum mit Wasser zu besprengen.

Wie eine Wittwe wühlt die Urbs, im eigenen Rauche,

In der Campagna sich ins Grab von ihrem Geiste,

Sie scharrt und stöhnt und liegt dann stumm auf ihrem Bauche,

Das Gold ist fort und tot der Aar, der sie umkreiste!

Das Weltgenie von Rom war todt.

Der Löwe hatte kurz geröchelt,

Die Leiche aber weiter fort die Welt verpestet.

Ihr voller Rumpf, der sich durch lauter Raub gemästet,

Schwoll an, und wie ein Aas im Straßenkoth

Bedrohte er die Welt mit arger Fiebersnoth.

Doch Rom, die Stadt des stumpfen Mittelweges,

Blieb selbst noch skeptischabergläubisch groß.

Sie wuchs, denn sich zu füllen blieb ihr Loos,

Doch sie behielt auch ferner etwas Träges.

Ihr guter Bürgersinn gab ihr Gedanken

Und stellte sie in keiner Lage bloß.

Verletzten sie des Nachbars Räuberpranken,

So gab sie plötzlich ihm den Todesstoß.

Oh Rom, ich sehe, wie Du meistens Dich vertheidigst:

Die Völker, die Italien mitbewohnten,

Propheten, die Dein Mittelmaaß beleidigt,

Die Sklaven, die sich gegen Rom verteidigt,

Und jeder Feind, der Deiner Macht genaht,

Ward von der Göttin Roma überfahren.

Du übertrumpftest schließlich das Triumvirat,

Stets konnte sich Dein Bürgergeiz die Macht bewahren.

Zertrümmert lag das Werk der herrlichen Cäsaren,

Doch Rom, das immer siegreich seinen Feind zertrat,

Besiegte nun durch seinen Glauben die Barbaren.

Das Wort ward durch das Römerthum zur That,

Die Urbs verschmähte nicht vom Besten anzunehmen,

Denn niemals liebte sie, was arg zurückgeblieben,

Das Kühnste mußte schließlich sich nach Rom bequemen,

Denn Rom besteht und die Propheten werden aufgerieben.

Gedeihe, großes Rom, bestelle Dir Konzile,

Verknüpfe alles was Du irgend schlau vermagst,

Es gilt Dein Wollen einem großen Lebensziele,

Dem Werk, in dem Du selber unvergleichlich tagst.

Versuche, Rom, in Deiner Kirche das zu fördern

Was irgendwie sich an Dein Machtverlangen schmiegt.

Du wirfst die Weltrebellen zu gemeinen Mördern,

Und biegst, zerknickst, was Deinem Sieg entgegenliegt.

Es braucht der Mensch den Mittelweg, um still zu wandeln,

Und den hat Rom für alle Völker reingefegt,

Die Abgewichenen wird es gerne mild behandeln,

Da keine Schwäche Rom sich in die Wege legt.

Den Tartarus vertiefte es zur Christenhölle

Und hat dadurch den Einsturz seiner Macht gehemmt:

Sein Geist war da, damit die Zahl der Christen schwölle,

Und seine Kraft hat Riesenfluthen eingedämmt.

Oh Rom, Du wecktest Schätze, die in Heiden schliefen,

Du hast Dir Grundverschiedenes angepaßt,

Du hörtest tausend Stimmen, die nach Rettung riefen,

Und trugst der Weltkultur unendlich große Last.

Du zogst die Welt in Deinen Bann erhabener Ruhe,

Du sammeltest die Worte, die Du rings erfrugst,

Du legtest fremdes Gut in Deine goldene Truhe,

Um die Du dichte Schleier des Vergessens schlugst.

Jetzt fühle ich der Schönheit Flügelschläge,

Im Norden ist die Lilie Frankreichs aufgegangen,

Die Christenliebe wird in Marmorblöcken rege.

Es scheint der Fels nach Sonnenformen zu verlangen,

Es klimmt ein Frühjahr steil empor an Kathedralen,

Und über Thürmen seh ich Schönheitsgipfel prangen.

Das Leben läutert sich aus unempfundenen Qualen,

(Denn nichts zu fühlen ist der Fluch im schweren Steine,)

Zu Formen, die lebendig ihrer Nacht entstrahlen.

Es trachten lauter Sonngeburten im Vereine

Als Pfeilerbündel langsam sich emporzurecken,

Denn alles Irdische verneint das Steile, Reine!

Es scheinen Osterglocken allerliebste Schnecken,

Verkrümmte Lurche, Olme, Echsen, stumpfe Würmer,

Die reinste Teufelsbrut, im Steine zu erwecken.

Fürwahr, es ruft mit ernstem Glockenschlag der Thürmer

Ein ganzes Schlummerreich empor ans Licht, ins Leben,

Und weist: Oh folgt dem Menschen, Eurem Sonnenstürmer!

Ihr Wesen alle, laßt Euch froh zum Licht erheben,

Ihr Schwalben, sehnt Euch her nach stolzen Menschenwerken,

Ein Taubenschwarm soll immerdar dem Bau entschweben!

Ermüdet mag der Wanderer einen Dom bemerken,

Die Schönheit ihm fast engelsgleich entgegenfliegen,

Des Münsters Himmelssehnsucht jeden Pilger starken!

Es mögen Wünsche domwärts in der Luft sich wiegen,

Und sollte unterwegs die Büßer Furcht beschleichen,

So möge Schönheit alle Zweifel gleich besiegen.

Es kann kein Engel zwar von seinem Sockel weichen,

Noch je der Glockenklang ihm goldene Flügel leihen,

Doch seine Schönheit wird uns immerdar erreichen!

Jetzt schweben holde Engel schon in langen Reihen

Vom Dom herab und leiten uns in hohe Hallen,

Um Seelen durch beschlossene Ruhe zu befreien!

Das Innere scheint mir in Italien aufzuwallen:

Da sieht der holde Franz in eigener Innerferne

Die gleiche Gluth wie Frankreich, hinter Blutkrystallen!

Sein Münster wölbt sich über Gottes liebe Sterne,

Selbst Vögel nisten traut in seinen Kathedralen,

Denn was da liegt und leidet hat er innig gerne.

Er scheint mir fast die liebe Frau auf Glas zu malen.

Warum? Ich weiß es nicht: Auf einem stillen Anger

Erscheint mir seine Jungfrau hinter Gnadenstrahlen.

Sie ist für mich der ganzen Welterlösung schwanger,

Es fangen Frühlingsblüthen an um sie zu lachen,

Doch wird ihr Antlitz immer traumhafter und banger.

Besonders blaß erscheint sie durch das Lenzerwachen,

Sie ahnt vielleicht bereits in ihrem Muttertraume

Den eigenen Sohn im Kampf mit irgend einem Drachen.

Da zwitschern aber alle Vögel laut im Zaume

Und wollen wohl die Angstgedanken so verscheuchen,

Doch seht, auch Engel blasen schon im Wolkenflaume.

Das singt aus voller Brust und aufgeblähten Bäuchen,

Das braust, daß es die Jungfrau rasch im Haag erwecke,

Denn Frühlingsstürme werden bald das Land durchkeuchen.

Doch hegt der Heilige besonders eine Hecke,

Wo Blüthen bunt aus blassem Glase bluten,

Und predigt Vögeln dann in einer grünen Ecke.

Das alles ist ein hohes Lied der Erdengluthen,

Ein Heilsversprechen jeder kleinen Vogelstimme,

Ein wunderbares Dichterthum und Grundvermuthen!

Das singt von Höhen, die der Mensch erklimme,

Von einer Liebe, die das Sternenall umarme

Und die in Werken sich ihr Weltgesetz bestimme!

Nun schnitzt der Heilige, in seinem tiefem Harme,

In einer Sprache, die wie Holz so gern erblühte,

Auf einmal Jesum, daß Er unser sich erbarme!

Die Sprache, die beim Trab von Virgils Vers erglühte,

Die wie ein Roß die Recken stolz ins Treffen führte,

Wird plötzlich so, als ob sie sanft zu sein sich mühte.

Ja, sie erweichte, als Franziskus sie berührte.

Nun tönt sie hold und giebt des Heiles Stimme wieder,

Es ist, als ob sie lusthaft seine Hand verspürte.

Es bleibt der Heilige bei seinem Werke bieder,

Er hat nur seinen Gott in frisches Holz geschnitten,

Doch keiner blickte je so treu vom Kreuze nieder.

Das ist ein Christus, der für alle ausgelitten,

Umgraut vom Dunkel einer alten Tempelecke,

Erfahrt er wohl bereits das Gut, das er erstritten.

Jetzt hascht ein rother Strahl empor zur kalten Decke,

Vielleicht ein Wiederschein der Gluth, die er entzündet,

Doch ists, als ob die Hölle sich nach oben recke!

Die Sünder schlängeln sich zum Heil, das er verkündet,

Doch wieder nein, das rothe Licht, das da erzittert,

Ist ruhig wie ein Herz, das sich mit Gott verbindet.

Wer weiß, was dieses Lämpchens Einfalt alles wittert?

Wie dem auch sei, das Werk, mit dem er uns bedachte.

Ward bei der Arbeit nie durch Zweifelsangst verbittert.

Er sähte stets und sah die Saat, die bald erwachte,

Sein Leib war Früh und Abendgluth, die nach dem Sturme

Schon häufig heitere Überraschungsstunden brachte.

Nicht Glocken, Schwalben rufen uns von seinem Thurme.

Es siebt die Erdengluth durch Kathedralenranken,

Sie hat sich rings in kühnem Schnörkelwerk verkrustet,

Das Lebensfieber sprengt nun alle Leibesschranken!

Erschaut die Gluth, die in den Zinken weiter prustet,

Seht NotreDame, das sich trotz Teufelsspott erhoben,

Verweilt, wo Nachts der Sturm durch finstere Bögen hustet!

Dort harrt ein Nonnenzug und scheint den Tod zu loben.

Er steht vielleicht, er möge sie dem Tag entreißen,

Denn hier ist Licht nur bleich in Trauer eingewoben.

Doch höher oben seh ich Marmorengel gleißen,

Die scheinen schon im Himmel Hymnen anzustimmen,

Und drunter trachten Drachen Schmerzen zu verbeißen.

Doch wollen Freuden rings die Leiden überklimmen,

Es strebt und klettert drum das ganze Domgefüge

Vorbei an Wuthgebilden, die in Stein ergrimmen.

Es ringeln sich und wandeln lauter Schneckenzüge,

Wie Schicksalstreppen und astrale Schreckgewinde,

Bedenklich aufwärts über Spuk und Teufelslüge.

Hier ist es ganz, als ob der Stein die Form empfinde

Und sich im Thurm zum Himmelssturme selbst ermannte,

Es ist, als ob ein Dom die Welt in sich verbinde.

Oh Bau, jetzt kommt der Geist, den Dir Italien sandte.

Er wandelte und blickte lange in Ruinen,

Er liebt und er begreift Dich schon, man nennt ihn Dante.

Das Frankenthum erfaßt er in Terzinen,

Er ist ein Massenfolterer und Dichter,

Und rings umschielen ihn verblüffte Mienen.

Es ist, als ob im eigenen Höllentrichter

Er Wurfspiralen, Schatten, rhythmisch bändigte,

Denn seht, im Wirbel glotzen Schreckgesichter!

Es ist, als ob sie Gott in sein Belieben händigte,

Er wird ein Geisterrichter und ein Seelenkomponist,

Heil Dante Dir, der solche Fahrt beendigte!

Du bist ein Weiser, aber dennoch schon ein Christ,

Ein Welscher, der die Massen liebt und heimlich lauert,

Ob einer das Verstellen kurz vor ihm vergißt.

Doch Gnade jedem, der ertappt, vor ihm zusammenschauert,

Denn kalt ist er und jetzt sogar ein Menschenhasser,

Er sieht, versteht kein Laster, das sich dumpf verkauert.

Wie lugt die Faulheit doch, verdummt aus grauem Wasser.

Wo Lebensmilde nie durch dicke Deiche bricht,

Da steckt im EigenDreck der Geizhalz wie der Prasser.

Dem Dichter winkt gar oft ein schreckliches Gesicht,

Das ist dann meistens wer, den er im Leben kannte,

Und häufig lauscht er hin, was so ein Schatten spricht.

Doch da er jeden Zufall aus der Welt verbannte,

So fühlt er eine urgerechte Welt im Ich

Und deshalb rührt auch selten nur ein Schicksal Dante!

Durch innere Zwiste führt der Genius einen Strich,

Da tritt, mit blutigem Haupt, die Tragik erst zu Tage

Und grinst das Wesen an, das sich mit Gott verglich.

Dann ists, als ob das Höllenlachen aufwärts rage,

Als ob die Grausamkeit sich jäh mit Fleisch bekleide,

Und selbst die Starre falsches Lächeln noch vertrage.

Es ist, als ob ein todter Blick am Leid sich weide,

Stets heller, hohler, höher hallt das Höllenlachen,

Und alles grinst und girrt, verkrallt im Lasterrachen.

Das sind die Zangen der Materie, Sünden, Seuchen,

Auch Unzuchtzähne, Fieberbiber, Ursturzmächte,

Gewissensbisse, die uns hin und wieder scheuchen.

Des Schleudergeistes Ohnmacht im Geschlechtsgefechte

Verkrampft, was in uns heult, zum eigenen Steinsymbol,

Zur Höllenplastik ewig starrer Seelenmächte!

Verdammtes kreist da, ohne Axe, ohne Pol,

Die Selbstmörder sind ewig in den letzten Zügen,

Der Urblick zwinkert grundlos tief und schrecklich hohl.

Da muß die Wuth sich in das Welterbeben fügen,

Und das will rastlos, unerlösbar seinen Tod.

Du kannst den Höllengrund zerreißen, nicht durchpflügen!

Es giebt wohl keine Rettung mehr im Sünderkoth,

Und dringt darum auch Wuth und Spott aus dem Morast,

So stößt den Schreier Dante ruhig weg vom Boot.

Vielleicht hat er bereits das Paradies erfaßt,

Es dringt sein Geist wohl ahnungsvoll in Christi Nähe,

Doch nichts als Dites Stadt entstammt ihm seine Hast.

Es ist, als ob sie ganz aus Wuth und Glast entstehe,

Schon sieht er Thürme, Trümmer schaurig funkeln,

Wer weiß, ob nicht ein Schmerz die Festungsstümpfe blähe?

Seht, Nackenmauern, dick bespickt mit Giftfurunkeln,

Umschwirren Seufzerschwärme, die den Schlaf verloren,

Und Weh entströmt aus Thüren, die in uns verdunkeln.

Oh, das sind Schlünde, Münder, Feuerflammenohren,

Gehirne, Bäuche, die sich Nimmersatt verzehren,

Gebisse, Spuk wie Speichel vor den Höllenthoren.

Es brennen Gluthen, ohne etwas zu bekehren,

Sie säubern nichts und sind doch grauenvoll und mächtig,

Und nirgends wird sich ihrer je ein Mensch erwehren!

Ach, ewig bleibt die Erde an Verdammten trächtig,

Und dennoch, – was dort schleicht, – das sei mit Recht verachtet,

Ja, Nachsicht ist der Höllenabkunft sehr verdächtig!

Was sich verstellt und einwärtsschielend sich betrachtet,

Bleibt immerdar der Qual im Höllenschlund verfallen,

In dem das Fleisch, wenn schuldlos selbst, doch nöthig schmachtet,

Da blos als Gegensatz die Seelen heimwärts wallen!

Entreißt der Geist von Dante sich aus Höllenkrallen?

Belebt, vermengt er noch dazu den Rassenschleim?

Durch ihn wird manches fremde Lied in Rom erschallen!

Horcht, jetzt entwindet sich sein Wunsch aus Satansheim,

Mit Himmelsrhythmen sprengt er jede Geistesfessel

Und spielt nur mehr mit Bildlichkeiten und dem Reim.

Denn peitscht sein Feuergeist auch im Verderbenskessel

Die Seelen noch im starren Kreislauf auf und nieder,

Vertauscht er doch schon Höllenthron und Richtersessel.

Er giebt der Christenheit ihr Rechtsbewußtsein wieder,

Er zeigt den Menschen als ein armes Erdensein

Und nennt den Leib ein urverfluchtes Leidensmieder.

Es gilt, aus diesem sich im Geiste zu befrein,

Ist in den Körper doch die Seele blos gebettet,

Und in der Dichtung faßt sie schon den Freiheitsschein!

Wo Dante Büßer durch ihr Seufzen kühn verkettet,

Da hat er rasch den Bann des Einzelseins gebrochen

Und Seelen, als des Wortes Widerhall, gerettet.

Des Handelns Einklang hat der Dichter ausgesprochen,

Wir hören ihn und übergeben ihn den andern,

Und deshalb kommen Büßer vielfach angekrochen.

Verbunden müssen sie dem Heil entgegen wandern,

Doch wieder einzeln und entlöst der Gluth entschweben,

Denn Seelen werden abermals zu Salamandern!

Einst wirst Du stark wie irgendwelches Urerbeben,

Das stets an Rachefelsen, freudenkündend, rüttelt,

Und schreist den Freiheitsschrei, den alle jetzt erstreben!

Denn einst genesen wir vom Fieber, das uns schüttelt,

Ist der Erlösungsruck von Dantes Büßerseelen

Doch ein Gebet, das zwischen Gott und uns vermittelt.

Das Christenthum vermochte sein Genie zu schweelen,

Er wurde zum Symbol, das Jesus Kraft erkannte,

Und konnte, aus Vernunft fast, dessen Lehren wählen.

Oh Du Verbannter, unerfaßbar herber Dante,

Oh sage, was bestimmte Dich fürs Heil zu werben,

Ich glaube und mag glauben, daß dich Liebe sandte.

Du suchtest frische Dornen unter Tempelscherben

Und konntest Worte Platons und von andern Weisen,

Damit in unsere Gesetzestafeln kerben.

Du sahst, wie lang der Geist auf Christum hingewiesen,

Und wie ihn ein verstecktes Volk hervorgebracht,

Und hast dafür die große Vorsehung gepriesen!

Selbst Aristoteles ist jung in Dir erwacht,

Den Himmel bautest Du nach Maaßen alter Heiden,

Ward Ptolemäus doch der Schwerpunkt neuer Macht.

Oh Dante, nun verstand Dein Geist nicht blos das Leiden!

Ein Christ schon, fühltest Du den Überschwang der Gnade,

Aus deren Wesen sich die Lebenswege scheiden.

Damit sich jede Innergluth zu Gott entlade,

Ward uns die Freude am Verschiedenen gegeben,

Und schließlich wandeln wir auf unserm Lieblingspfade!

In allen Völkern sollte sich das Heil beleben,

Und Dante war der Kirche ein beherzter Streiter,

Doch konnte sich sein Geist hoch über Rom erheben!

Seht, alle Völkerengel schweben auf der Himmelsleiter

Empor zum Licht und sind wie Kühnheit, Adel, Treue,

Erhabene und helle Himmelsbahnbeschreiter.

Oh, daß nur keiner seines Fühlens Echtheit scheue,

Verschiedene Menschen, alle Völker sind willkommen,

Daß jeder nur in sich die Gottheit freue!

Alltäglich wird das Paradies von uns erklommen,

Durch Christi Licht ist manche Albgewalt zerstoben,

Und um den Gnadengrund ein Engelskranz erglommen.

Der will im Chor den Wechsel aller Wesen loben,

Und statt der sieben stummen Regenbogenfarben,

Die Ewigkeit bedeuten, wenn Gewitter toben,

Erscheinen Engel, die sich Thatenglanz erwarben,

Und Gottes Ewigkeit im Tagewerk verkünden,

Und alle uns durchstrahlen ihre Flammengarben.

Sie suchen sich zugleich im Fühlen zu verbünden

Und durch den Herzschlag Ewiges zu unterbrechen,

Um rhythmisch nochmals in den Kreislauf einzumünden.

Oft wollen wir zu Gott mit goldenen Glocken sprechen,

Und da entsprüht der Seele englische Musik,

Und alles lobt den Herrn in freien Feuerbächen.

Das Zeitgefühl, das einstens urharmonisch schwieg,

Bevor der Raum sich eigentlich hineinergossen,

Erwirbelt sich bewußt als Rhythmenmosaik.

Die Klangrubine, die ganz klar in uns ersprossen,

Beruhn beinah auf unserm tiefsten Daseinshalt,

Da sie der Zeit, doch ohne Rauminstinkt, entflossen!

Du volle Allgewalt, die durch die Seelen schallt,

Du sollst als Wort den Eindruck meines Ichs erhärten,

Oh, mache mich zu einer freien Lichtgestalt!

Ihr Fieberblüthen meiner Wunsch und Wollustgärten,

Laßt meinen Seelenhüter hehr in Euch enttauchen,

Kommt, Cherubims mit urgezückten Flammengerten!

Aus Zauberbeeten mag die Himmelssehnsucht hauchen

Und wandle bodenlos und stumm durch meine Seele,

Und Gold soll, um ihr rothes Michumwehen, rauchen!

Seht, nun entstehen Engel ohne jede Fehle,

Es blendet mich jetzt ihre grelle Helmenhelle,

Doch ist es schon, als ob ein Hauch sich drüber schweele.

Nun wogt ein grüner Frauenchor zur Gnadenquelle,

Ein ernster Stolz bewegt ihr weises Erdgehaben,

Doch sind sie blos der Lenz der blauen Traumeswelle.

Nun braust auch diese schon, berauscht durch Schöpfergaben,

Die sie in sich verbirgt, gewaltsam durch mein Fühlen,

Und spricht von Greisenernst und Jubeln munterer Knaben.

Wahrhaftig, Kinder singen rings auf Wolkenpfühlen,

Wie mild erweichen mich die Schwingen dieser Geister,

Die das Gemüth erwärmen und mein Fieber kühlen.

Ein Saumschwall innerer, regenbogenglanzumkreister

Vertreter mystischer, wie nichtigster Gewalten

Erscheint uns jetzt, geführt von einem stillen Meister.

Unfaßbare, unendlich ferne Grundgewalten

[Rand: Duccio da Buoninsegna]

Beginnen wie aus Schlünden rings hervorzuklingen,

Um demuthsvoll um Unsere Liebe Frau zu walten.

Fast unsichtbar sind ihre lila Cherubsschwingen,

Und es vermag ihr Chor die liebe Himmelsweise

Durch Erdenrhythmen unverletzbar zu verschlingen.

Es thront die Muttergottes hehr im Engelskreise,

Den unser Dasein in die Ewigkeit erhoben,

Und übertönt der Sterne einfache Geleise.

Der Mutter Wesen ist aus Menschlichkeit gewoben,

Erbleichend darf blos Sirius ihre Pracht begrüßen,

Und unser Hoffen ihre Muttersorgen loben.

Des Mondes Todessichel starrt zu ihren Füßen,

Der Sterne zwölf, durch ihre Bahnen urverbunden,

Erscheinen blos, um in ihr Wesen einzufließen.

Es trachten andere, sich zu einem Reif zu runden,

Und kein Versuch geht je im Mutterschooß verloren,

Selbst Sternensehnsucht kann, als That, der Mensch bekunden!

[Rand: Piero della Francesca]

Ganz makellos erstrahlt, wer unser Heil geboren,

Es ist, ob Ewiges von keiner Sünde wüßte,

Jungfräulichkeit hat sich zur Schöpfungsgluth erkoren!

Es schwellt des Weibes Minne ihre hellen Brüste,

Doch ihre Milch sind Sternennebel die vergrauen,

In ihrem Blick geht jeder Sonnentag zur Rüste.

Die Welten scheint ein Fünkchen Güte aufzubauen,

Und nichts als Gnade strahlt aus ihren stillen Augen,

Die Eine Weltidee spannt ihre Flügelbrauen.

Der Mutter Wangen können alle Thränen saugen,

Was zählt ein bloßer Mond in solchem Perlenbilde?

Ihr Nacken mag zum höchsten Königsleiden taugen!

Wie Arme Hände werden, wird die Macht zur Milde,

Die Würde kann sich unter ihrem Halse stauen,

Der Adel birgt sich hinter ihrem Schulterschilde.

Aus dem Profile ragt das Lebensgrundvertrauen,

Es scheint ihr Haupt, gekrönt von holden, goldenen Flechten,

Die Möglichkeiten der Kometen zu erschauen.

Es ist, als ob die Auen ihr ein Opfer brachten,

Und Duft und Liebeshauche sich zusammenrafften

Und ihre Schöpferin mit ihrem Kleid bedächten.

Mag doch der Duft an allem, was ihm hold ist, haften,

Um so ein menschliches Gedenken zu erwecken,

Denn Hauche sind es, die der Jungfrau Anmuth schafften!

Oh seht, wie Düfte sie gar einfältig bedecken,

Wie plötzlich lauter Hauche sich zu Bauschen schwellen

Und so den keuschen Leib vor unserm Blick verstecken.

Daß ewig Düfte sich um ihre Glieder wellen,

Verbirgt des Erdenfrühjahrs junges Waldverwandeln,

Denn Lenz muß sich zu Lenz in stiller Reih gesellen!

Ich seh ein Hemd, gewoben aus dem Hauch der Mandeln,

Als Duft und Pracht der Jungfrau um den Leib sich legen,

Natur, wie zart willst Du Dein Menschenwerk behandeln!

Die Sonne scheint für Dich, Marie, den Strauch zu hegen,

Dem Rosenströme, Purpurfluthen hold entrauschen,

Für Dich, der Strahl in Kelchen Liebe anzuregen.

Denn Königin, Du zeigst Dich nun in Purpurbauschen,

Du wirst zum Sinnbild aller thronenden Gewalten,

Doch um die Schultern scheinst Du Düfte zu vertauschen.

Denn Veilchenhauch legt dort sich auf die Mantelfalten,

Du willst die Demuth leicht auf Deinem Wesen spüren,

Um in der Welt voll milder Huld zu walten!

Wer tritt nun schaudernd durch die goldenen Himmelsthüren,

Oh Jungfrau, sieht Dich Dante jetzt in Deiner Größe?

Er wagt es nicht, den Saum von Dir nur zu berühren!

Doch ists, als ob er Leben in Gebilde flöße,

Die seinem Innern rein wie ein Gebet entsteigen,

Verträgt doch seine Urvollendung keine Blöße!

Er scheint mir selbst ein Baum mit reichen Blüthenzweigen,

Ein hoher Stamm, an dessen Wurzeln Menschen nagen

Und dessen Äste Liebeswinde weiter neigen.

Er lauscht wie Andere gegenseitig sich verklagen,

Es wollen seine Wurzelfühler Leid verspüren,

Um alles Menschliche durch sein Gefühl zu tragen.

Genie, wer trachtet nicht Dein Wesen einzuschnüren!

Du darfst, Du kannst an Altersschwäche nimmer sterben,

Und deshalb muß der Mensch Dein Feuer furchtbar schüren.

Es wird die Wurzeln Dir der Nageneid verderben,

Denn jeder fühlt sich durch Dein Riesensein beraubt,

Und thut Dir weh, um Dich dann rascher zu beerben.

Doch Dantes Lebensbaum hat sich stets mehr belaubt,

Da seine Seele blos das Paradies ersehnte,

So leuchtete es endlich in sein Dichterhaupt.

Ein Engelschor, den seine Seele wirklich wähnte

Und der sonst unerfaßt am Grund der Seelen weilte,

Verhauchte Blüthen, die sein Baum ersterbend thränte,

Und vieles, was der Mond zerrüttet hatte, heilte!

Oh Rom, Du Stadt des Heiles und der großen Wunder,

[Rand: Buonaventura Berlinghieri]

Du Licht des Glaubens, das die Christenheit durchleuchtet,

Wir alle fühlen uns durch Deinen Trost gesunder!

Ihr Aussatzkranken, die Ihr Euer eigenes Weib verscheuchtet,

Gesteht, vermochte Rom nicht Euer Leid zu bessern?

Ihr sagtet nein, da Ihr verwirrt vorüberkeuchtet!

Kein Papst vermag es, Eiterwunden zu bewässern,

Den Kranken allen, die ein grauses Übel peinigt,

Hilft kein Gebet, noch sonst ein Arzt mit Trank und Messern.

Von Sünden aber wird der Mensch in Rom gereinigt,

Der Vatikan vergiebt die Schuld der Erzbefleckten,

Denn Heiden haben Heilige zu diesem Zweck gesteinigt!

»Dort wo die Märtyrer das Gnadenwerk vollstreckten,

[Rand: Simone Martini]

Da wird uns Elenden der reichste Trost gespendet!«

Denkt mancher Pilger, dessen Muth Legenden weckten.

Wie mancher sich, von Rom aus, wieder heimgewendet,

Erblickte er, mit voller Lust im Lenz den Flecken,

Der seinen Tagesmarsch, als nahes Ziel, beendet.

In junger Pracht, erwachten rings Toskanas Hecken,

Gar schöne Mädchen kamen ihm des Wegs entgegen,

Und keine schien vor fremden Pilgern zu erschrecken.

Auf allen Wegen sah man sich das Leben regen,

Oft Söldner vor den Schänken leicht ihr Geld verspielen,

Ein Fräulein gar am Fenster ihre Flechten pflegen,

Verschiedene Wirthe nach den Pilgersäckeln schielen.

[Rand: Antonio del Pollajuolo]

Oft stumme, dunkle Mädchen, unter niedern Thüren,

Erröthen, wenn sie schmucken Jünglingen gefielen.

[Rand: Masaccio]

Dann kam ein Wirth die Pilger in sein Haus zu führen,

Und da sie lahm und müde vor den Schänken harrten,

War es das Erste dort, die Schuhe zu entschnüren.

[Rand: Sano di Pietro]

Dann wollten sie behaglich auf die Mahlzeit warten,

Zu Haus jedoch, gewahrte einer, voll Vergnügen,

[Rand: Pisanello]

Drei Mädchen wunderbar in einem Nelkengarten.

[Rand: Botticelli]

Es waren Schwestern mit den selben schönen Zügen,

Die sich soeben um den gleichen Freier stritten,

Mit einem andern wollte keine sich begnügen.

Sie riefen, keine hätte jemals es gelitten,

Daß eben der mit einer andern sich vermähle,

Und käm ein Prinz dafür für sie herangeritten!

Ihr goldenes Haar durchblitzen Prachtjuwele,

Und jede konnte, selbst im Streit, den Anstand wahren,

Vielleicht, damit der Fant, als Klügste, sie erwähle!

Sie wollten jetzt schon alle Reize offenbaren,

Die Streitbarste trug in den Flechten grüne Spangen,

Die fast wie Schlangenwunder in dem Goldwust waren.

Die Zweite schien bei jeder Kopfwendung zu bangen,

Sie hatte Perlen still um ihren Hals gewunden,

Und leichtes Fieber schlug ihr öfters in die Wangen.

Der Jüngsten Art und Scherze schienen zu bekunden,

Daß sie der Brautschaft sich am allernächsten wähnte,

Auch schien, dem Lächeln nach, der Zank ihr fast zu munden.

[Rand: Pisanello]

Wie sie das Köpfchen sanft an ein Geländer lehnte,

Umschwirrten dieses Schmetterlinge, die der Nelke

Fast glichen, die von ihrer Brust sich aufwärtssehnte.

Denn keine Blume will, daß sie verblätternd welke,

So schienen Herz und Nelken etwas zu erwarten,

Und endlich knarrten auch der Laube Kreuzgebälke.

Der langersehnte Jüngling war nunmehr im Garten,

[Rand: Botticelli]

Und für die Jüngste hat er gleich ein Beet geplündert,

[Rand: Pisanello]

Doch setzten sich darauf rasch Falter aller Arten.

Kein Zweifel hat den Fant, bei seiner Wahl, behindert.

[Rand: Botticelli]

Er ging zur Jüngsten hin, die ihn so bang ersehnte.

Die Andern schwiegen. Ward dadurch ihr Schmerz gelindert?

Rasch reichten sie der Braut, die nun am Bräutigam lehnte,

Schnellabgerissene, schmetterlingsumhuschte Blüthen

[Rand: Pisanello]

Und gingen dann von dannen, da ihr Auge thränte.

[Rand: Botticelli]

Als dies der Fremdling sah, so mußte er darüber brüthen,

[Rand: Masaccio]

Doch ward er weg vom Traum zum Abendmahl geladen,

Das, wohl aus Müdigkeit, die Pilger stark verfrühten.

Dort hörte er statt holder Freierserenaden

Den Sang von Pilgern, die soeben romwärts zogen,

Und auch er selbst empfahl sich da Marias Gnaden!

Wie Abendvögel kamen Männerstimmen angeflogen,

[Rand: Giotto]

Und endlich konnte er des Liedes Worte auch verstehen,

Sie baten sanft die Jungfrau: »Sei uns Elenden gewogen!«

Sie sangen: »Schenk die Gnade uns, die wir von Dir erflehen!«

Sei freundlich und durch Güte tilge unsere Sünden,

Dein Lächeln ist so lind und mild wie stilles Frühlingswehen.

Oh steig hinab zu unseres Herzens Gluthenschlünden,

Oh kühle unsere Seelen, wie ein Lenzhauch unsere Brüste,

Und hilf uns gnadenvoll das Reich des Sohnes zu begründen!

Maria, geht ein heißer, langer Tag zur Rüste,

So mag, wer seine Heimath liebt, Dich holde Mutter loben,

Dann ists als ob der Himmel sich mit Funkelsternen brüste.

Die Sterne sind in Deinen Mondlichtschleier eingewoben,

Der Gürtel Deiner Reinheit ist der Milchstrom ferner Sterne,

Und unsere Seelen werden über ihm zu Dir erhoben.

Gar tief erfaßt man Dich in seines Wesens Glaubenskerne,

Wir danken Dir, daß Du uns Leid und Liebesahnung schenktest,

Doch hilf uns jetzt, denn wir verzweifeln oft, ob deiner Ferne.

Als Du den ersten Liebesblick ins Weltendunkel senktest,

Da konnte gar kein Augenblick mehr zeitlos je verzittern,

Da Du bereits in jedem Glück zur Weltekstase drängtest.

Bald wandte sich der Sonnenball hervor aus Lustgewittern,

Und bis zu uns empor, die wir uns selbst durch Dich erworben,

Vermochte keine Wuth, kein Trotz die Urfluth zu verbittern!

»Ward dann ein Schöpfungstag auch durch des Bösen List verdorben,

So konnte doch Dein Thränenmeer den Heiland uns gebären;

Du weinst, Marie, daß wir durch eigene Schuld gestorben!«

[Rand: Neoccio da Siena]

Wie konnte dieser Sang nun eines Pilgers Herz beschweren,

Denn dieser blieb zurück, aus Reue sich am Rain zu winden,

Er schluchzte laut, denn unermeßlich war sein Bußbegehren.

Ein anderer Pilger, der nach Haus zog, sollte so ihn finden,

Er neigte sich zu ihm herab und flüsterte ganz leise:

»So hör auf mich, Du armer Mensch, laß alle Sorgen schwinden!

Es winkt der Friede Dir nach einer solchen schweren Reise,

Du gehst bestimmt zum Himmel ein, der Papst wird Dir vergeben!«

Der andere aber schrie: »Er rettet mich auf keine Weise!«

Er stöhnt: »Verteufelt war von Kindheit an mein ganzes Leben!«

Da sagt der andere darauf: »Der Papst ist voller Macht und Güte,

Es scheint ein Jünglingsherz in seinem Inneren zu erbeben!

Er ist kein Greis, ob er uns auch mit weißem Haupt behüte,

Denn als er mir verziehen hat, da schwanden mir die Sinne,

Es war, als neigte sanft zu mir sich eine Frühlingsblüthe.

Es schien, als streifte sie den Schnee herab, daß er zerrinne,

Da fühlt ich keinen alten Mann, ich ward so voll von Leben,

Ich wußte, sah nur, daß ich Trost für alle Zeit gewinne!«

»Umsonst ist meine Pilgerfahrt, ganz nutzlos mein Bestreben!«

Rief abermals der Wandersmann und wandte sich am Boden:

»Es kann sich kein Gebet von mir, bis hin zu Gott erheben!

Der Böse will aus meinem Ich sein Theil zusammenroden,

Ich fühle, wild verzweifelnd mich bereits in seinen Krallen,

Und zahl schon, vor Vertragsverfall, mit Satansepisoden.

Die Seele fleucht den Leib bereits, die Seele die verfallen,

Oh sieh, wie sie die Glieder krümmt, um höllenwärts zu fegen,

Nun büß ich ewig, ewig lang für dieses Erdenwallen.

Ich war fürwahr ein herber Fant, ein wüster, trüber Degen,

Nur war ichs schon von Angeburt, ich mußte eben tödten.

Doch eines Tages konnte sich in mir die Reue regen.

Wie glühte da das Hoffnungsroth empor aus Sturmesnöthen,

Voll Einfachheit schien da mein Sein zu Gottes Werk zu stimmen,

Der nächste Morgen aber war ein höllisches Erröthen!

So muß die Schönheit in der Welt den Bösen arg ergrimmen,

Ach, welchen Bruch vollbrachte er, als ich mein Glück verachtet,

Ich warf es weg, es durfte nichts als Haß in mir erglimmen!

Doch was ich that, war stets bewußt. Mein Sinn war nie umnachtet.

Als Sünder war ich immer frei, mein Blick war niemals kühler,

Ich habe selbst mich schrecklich kalt aus starrem Trotz betrachtet.

Verdammt bin ich in Ewigkeit, ich armer Satansschüler,

Ich füge mich nicht mehr ins Reich, das Gott für uns geschaffen,

Schon fühle ich der Höllenhast verkrümmte Gluthenfühler.

Der Abgrund, den ich selbst erschuf, wird nun unendlich klaffen,

Und Schatten werden mir des Nachts von jetzt ab stets erscheinen

Und, traurig singend oder stumm, durch dumpfes Dunkel gaffen!

Sie singen schon: Wir wollen uns im Mutterschooß vereinen,

Dich hätte blos ein Fünkchen Glück in Gotteswelt gerettet,

Doch stießest Du die Mutter fort, drum müssen wir nun weinen!

Es hätte jede That von uns mit Gott Dich jung verkettet,

Das Böse schmiegt ans Gute sich, sonst gab es keine Güte,

Doch hast Du uns kein einzigmal im Herzen eingebettet.

Da jedes Einzelne von uns, um Dich sich nutzlos mühte,

So sei samt Deinem Schlag verdammt, stets wird der Fluch sich mehren,

Wir nisten nun als Schreck in Deinem ruhlosen Gemüthe.

Auch unser Abgang von der Welt kann Hader rings gebären,

Die Hölle ist entsetzlich rief und steigt, wenn Sünder sinken,

Ihr Haß ist furchtbar, kann sie doch die ganze Welt begehren!

Ja wirklich, sieh, ihr Thor versperren rostgefeite Klinken,

Sie will mit ihrem Dunkelschlund rings Schatten geil erschnappen,

Ich fühle mich ganz rettungslos, stets schneller, gluthwärts hinken!«

Das rief der Pilger und er riß sein Kleid dabei zu Lappen,

Im Staube wälzte er sich bleich, als wär er schon ein Schatten

Und stand dann auf und schwankte weg, um romwärts fortzutappen.

Ein anderer Zug, der heimwärts ging, schien langsam zu ermatten,

Da sang er denn ein geistlich Lied, voll Gottesfurcht und Würde,

Dann ging die Reise mit Gesang viel leidlicher von statten.

Man stimmte an: »Es trägt der Mensch fürwahr die schwerste Bürde,

Doch arg und bitter wär sie nur, wenn Gott uns nicht auf Erden

Den eigenen Sohn, als Trost und Glück, stets reicher schenken würde.

Drum greifet froh nach Gottes Gunst, verzagt nicht bei Beschwerden,

Das wäre wohl ein trüber Fant, der Gottes Hand verschmähte,

Der könnte sich, statt erfurchtsvoll, fürwahr nur dumm gebärden!«

Da plötzlich wars, als ob die Schaar ein Wunderbild erspähte,

Es blitzte im Olivenhain, man sah wo Perlenreifen,

Und alles war so silberfrisch, da Wind im Haine wehte.

Es schien dort eine Wurmgestalt wie durch den Wald zu greifen,

Dann wars der Trasimenersee, zu Füßen eines Weibes,

Denn kalte Hauche sah man klar rings Marmorberge streifen.

Fürwahr, im Mondlicht zeigten sich die Formen eines Leibes,

Das war ein eigenes Wunderding, das an die Götter mahnte,

Und schien entrückt, gar weit entrückt, vom Hauch des Erdgetreibes!

Es wartete, wie kühlbewußt auf Macht, die es schon ahnte,

Es war ein Wolkengötterbild, das in Italien reifte,

Und plötzlich schiens, als ob ein Streif von ihm, sich seewärts bahnte.

Und als die Briefe auf der Fluth wie auf und nieder schweifte,

Da schien der Dunst ein Arm zu sein, der Perlensträhne fischte,

Die wohl die Göttin, Morgens früh, von ihrem Leibe streifte.

So lag der Schmuck bei Tag im See, wo sich sein Glanz erfrischte,

Und kam dann immer nur ans Licht, die Göttin hold zu schmücken,

Dann wars, als ob sein Perlenblau mit Silber sich vermischte.

Doch konnte da die Göttin wohl die Menschen leicht entzücken,

Und tauchte je das Strahlennetz dann auf, voll Lichtgezitter,

So thats der Wind; doch schiens ein Arm beim Fischen zu verrücken!

Zypressen wachten stumm im Thal, man hielt sie leicht für Ritter,

Und Ölbaumreihen ruhten rings wie müde Bajaderen,

Und schliefen sie, durchglimmte stets ihr Dunstlaub Mondlichtflitter.

Doch schien ihr Wesen kaum der Schlaf bedeutsam zu beschweren,

Gar manche sprang frisch auf zum Tanz, wo andere sich umschlangen,

Und eine Ausgestreckte schien schon Wollust zu begehren.

Das Mondlicht war das Flockenbett für mancherlei Verlangen,

Und tausend Lagen gaben sich, die Bäume wie die Schatten,

Es sahn die Pilger, wie sie schon nach andern Posen rangen!

Die Heimfahrt ging den Pilgern nun gar rasch und gut von statten,

Ein Jüngling, der mit ihnen zog, erzählte dann im Norden:

»Italien wollte einen Blick mir in sein Herz gestatten!«

Er sprach: »Ich bin in jenem Land ein anderer Mensch geworden!

Dort spielte, nackt und wunderbar, ein Jüngling aus der Leier,

Der Schwestern neun umrauschten ihn und lauschten den Akkorden.

Gar rhythmisch um den Leib gewellt, umwallten sie die Schleier,

Sie wogten sacht wie Fliederduft und ließen sich nicht haschen,

Auch war ihr Anblick leicht verwischt, wie nur ein Hauch im Weiher.

Doch kann man sie beim Tanze oft im Mondlicht überraschen,

Mit Feuerklängen schmücken sie die rauschenden Gewänder,

Und streuen in Wirbeln dann Brillanten aus den Faltentaschen.

Mit Funkelpracht umgürten sie im Schwung die Schleierränder,

Dann ists, als ob die Klänge rings zu Gluthen übersprühten,

Und so ihr Erdenfeuer sich mit jedem Takt veränder!

Umhaucht ist jener ferne Hain von Oleanderblüthen,

Olivenwälder dehnen sich noch weithin um die Lichtung,

Um ihr Geheimniß vorderhand noch eifrig zu behüten.

Den Wald jedoch durchdringt der Klang von jenes Jünglings Dichtung,

Stets zittern Silberblätter mit, als ob sie Wind bewegte,

Und jeder Ölbaum birgt bereits dort jener Rhythmen Richtung.

Dort ists, als ob der nächste Tag sich langsam mondwärts regte,

Gespenstig schien mir jeder Baum, vor dem sein eigener Schatten,

Zu Mittag, wie um Mitternacht, sich dünn zur Ruhe legte!«

Als eines Morgens, noch im Lenz, rings auf Toskanas Matten,

Sich Pilger ihrem Heimatland gar frei und munter nahten,

Da wollte mancher Einer sich dort lange Rast gestatten.

Sie warfen ihre Stäbe weg und gruben mit dem Spaten

Im Wald nach einem Wurzelstrunk, der wulstig wär und knotig,

Und bei der Arbeit konnte dann ein Lied zumeist gerathen.

Nicht immer war es kunstgerecht, nein schwulstig oft und zotig,

Es trug in sich das rohe Maaß verknorrter Wurzelknoten

Und sprühte voll von Übermut aus seiner herben Gothik.

Es wußte nichts von Silbenzahl, von steifen Kunstgeboten,

Und gab sich selbst den neuen Guß, den Leib, der ihm behagte.

Der Druck blieb dann als Werk zurück. Die Flammen, die entlohten!

Ja, alle Schöpfung, die bestand, das heißt, dem Stein entragte,

Vermied allein den Untergang, denn Dasein ist das Leben,

Dock blieb sie nur dem Tode gleich, der, was sie schuf, verjagte.

Dann konnte sie fast wie der Tod sich plötzlich fremd erheben,

Und fing sich gleich, ganz Leiblichkeit, voll Wollust an zu regen,

Denn jedes will die reifste Form des Einzelseins erstreben.

Es ist ein Sein, auf sich gestellt, fast leidlos und verwegen,

Auf sich allein besteht die Lust und das bewirkt das Leben!

Der Tod kommt, weil wir unbewußt den Weg uns selbst verlegen.

Die Erde trächtige allerorts berauschendes Erbeben

Und hält es sich Millionenhaft durch brunstgeschaffene Rudel

Als Haas entspringt der Lenz dem Busch, als Schwalbe fort zu schweben.

Ein Feigenbaum erscheint beinah ein grüner Wollustsprudel,

In dem die Erde Freude spürt, da sie ihn doch belebte.

Damit das Jüngste munter sei, herzt nun ein Kind ein Pudel.

Es ist, als ob das Blüthenglück am Zaun als Bohne klebte,

Als ob ein lustiges Frühlingslied, gar quellenfrisch gesungen,

Sich plötzlich mit dem ganzen Rausch recht inniglich verwebte.

Der eine sang: »Welch forscher Bursch, kam just vom Busch dahergesprungen.

Der Lenz, das Kind der Winterswuth,

Ist es bestimmt und bläst aus vollen Lungen.

Er ist ein starkes, junges Blut

Und freut sich mit den Lerchen,

In Nestern weckt er schon die Brut

Und klappert mit den Störchen!«

Ein Anderer hat sein Lied verfaßt

Und singt es schaurig wie ein Märchen:

»Der Engel Deines Hasses reißt mit Hast

Mir alte Wunden auf am Marterpfahl,

Ich seh Dich nicht und finde dennoch keine Rast.

Du träumst mit Lust von meiner Höllenqual,

Doch zieh ich weiter durch den Wald in wonniglichen Lüften,

Und freu mich stets am grünen Saal mit seinem gelben Lichtportal!«

Jetzt steht ein Zug geblendet still, umschwirrt von Honigdüften,

Und es vermögen sich die Pilger kaum der Sinne zu bedienen,

Es ist, als stünde ihr Verstand vor lichtdurchsprühten Sonnenklüften.

Es sind die Dinge rings um sie mit einem Irisring erschienen,

Und endlich glaubte mancher doch, er höre ringsumher ein Summen,

Und wehrte sich mit seinem Arm, als wärs ein Schwarm von Bienen.

Und in den Lüften klar und warm schwoll immermehr das dumpfe Brummen.

Doch drang durch keinen Zitterzweig die Spur von einer Leibgestaltung,

Im Goldrausch wollte nichts entstehn, noch das Gemurre rings verstummen.

Doch plötzlich sahn sie einen Keil, wie eine rothe Lichtzerspaltung,

Durchs Flimmergrün, mit festem Schritt, dem Pilgerzug entgegentreten,

Das war dann mancher Wandersmann, der romwärts ging mit edler Haltung.

Es zog wohl oft ein Kriegerherz, dort romwärts für sein Heil zu beten.

Denn mancher Knappe war dabei und wirklich sang ein Troß von Rittern:

»Oh Herr, wir ziehen von den Dingen weg, die unser Herz verdrehten.«

Dann ging es fort: »Wir thaten viel, um Deine Freude zu verbittern,

Doch sehn wir auf dem Golgatha von Lanzenknechten Dich umgeben,

Und ihr und unser Speer muß gleich vor Deiner Huld zersplittern.

Vergießt Du auch Dein Herzeblut, kann sich in Dir kein Zorn beleben,

Die Seele bleibt ganz makellos, ob auch die blutigen Eiterflecken

Den Leichnam dort am Marterkreuz als schwarze Krusten rings umkleben.

Es konnte sich der Geist dafür entscheidend aus dem Körper recken,

Und blau wird jetzt der Himmelsbau, zu dem die Wünsche sacht ersprießen,

Wo noch mit weißen Wolken Dich die Sünden schwer bedecken!

Dann aber kannst Du, durch den Mond, des Nachts Dein Sternenhaus erschließen,

Und jeder, der dann Christum minnt, schaut solche Prachtgestaltung

Und fühlt in sich von überall die große Liebe minnig fließen.

Dann sehn wir hoch im Sternendom die ewige Heilsentfaltung,

In uns ersteht ein Gnadenthal voll stillem Himmelsschimmer

Und alles das verschenkst Du uns für kurze Fleischenthaltung!«

Vorüber zog der Ritterzug, und bald verschwand er im Geflimmer,

Da sang die Schaar, die heimwärts zog, ein geistlich Lied mit vollen Stimmen

Und hörte in den Pausen noch den andern Chor wie ein Gewimmer.

[Rand: Alessio Baldovinetti]

Sie sang: »Oh Mutter, hör auf uns, Du kannst alleine nicht ergrimmen.

Christi Reich mit List und Lanzen kühn bewahren,

Doch Du bleibst Königin des Heils, die Heiligen sind die Immen.

Drum halte treu und sündenrein die Seele Deiner Pilgerschaaren,

Die Schleier, die Du wonnig trägst, sind Nebel leichten Iristhaues,

Und rothes Strahlengold durchglüht den goldenen Schwall von Deinen Haaren.

Als Mittagskleid umwallen Dich die Hüllen unseres Himmelsbaues,

Am Abend aber streifst Dus ab, in Gold und Purpur Dich zu zeigen,

Und fällt es in das Meer, so strahlts wie das Geglitzer eines Pfaues.

Im Rosenhemde magst Du früh dem Sternenkleide sacht entsteigen,

Oh Jungfrau, Jungfrau, hör auf uns: Maria, Jungfrau, bleib uns gnädig,

Und wandere hehr durchs Himmelreich, wenn Stürme Völker niederneigen.

Die Schönheit, die Dein Sein umstrahlt, was Dich enthüllt, ist sonnenfädig

Und knüpft sich jung und neu aus uns, hervor aus unserm Lichtersehnen,

Verzeih uns, Jungfrau, doch es macht Erkenntniß Deiner Huld ruhmredig!

Nicht wir sinds, die Dir Schönheit leihen, nein wenn die Menschen Schönheit wähnen,

So wird von Dir und Deinem Sohn uns dessen Ahnung blos beschieden,

Denn auf den Strömen Deines Heils kann jeder sich durchs Weltall dehnen!«

So war, was man beim Pilgern sang, stets wahr und dennoch sehr verschieden,

Ein Kreuzzug, eine Romfahrt gab den Seelen herrliche Belehrung,

Wer hinzog, war von Angst gepeitscht, wer heimging barg den Frieden.

Verschiedentlich wie die Natur blieb drum der Seelen Lichterhebung.

Doch die Bewegung ging durch Rom. Dort konnte jeder sich bekennen.

Denn da erst faßte man zumeist des Eigenwesens Selbstbestrebung.

Die kleinste Regung gab das Heil. Es sollte überall erbrennen.

Es konnten Offenheit und Scham den lieben Herrgott gleich erfreuen.

Es war, als wollte sich von uns der beste Theil der Seele trennen.

Die Meisten konnten ihren Fehl, des Lebens Sünden tief bereuen,

Und kreuzte man sich dann am Weg, so zog man stets in anderer Richtung,

Daß keine je die andere wog, um jede Wirkung zu zerstreuen.

Ja wahrlich, Rom barg in der Welt, in sich, die größte Wunschverdichtung,

Die Massen wältzen sich herbei, sich ihres Dünkels zu entkleiden,

Und Völker gingen draus hervor, denn rasch ergab sich deren Sichtung.

Veredelten die Christenwelt doch Glaubenszwang und Alltagsleiden,

Ob jetzt ein Kaiser oder Papst auch grausam ihre Macht gewannen,

So waren doch die Folgen gut, sie konnten Glück von Größe scheiden!

Die Zukunft sehnte sich zum Volk, wie Lust und Bildung zu Tyrannen,

Die Kirche herrschte durch den Geist, schon mehr durch Kraft als wahren Glauben

Und trotzte kühn dem Schwabenschwert, des Raisers kriegserfahrenen Mannen.

Stets wollte sich das Äußerste der Macht durch List berauben,

Der Einfalt blieb der Alltag hold und ließ sich selbst zum Heil belügen,

Die wuchs in gerader Ehrlichkeit und ließ die Wildheit dann verschnauben.

Es können Schwert und Fegegluth zur Staatenführung kaum genügen,

Man braucht auch Herrschergier und Noth, um Menschen menschlich zu vereinen,

Denn blos wenn man das Recht erzwingt, gelingt es Reiche fest zu fügen.

Oh Rom, wie konntest Du den Rausch, der Dich umschwoll, in Formen gießen?

Hier weitete des Nordens Bau sich abermals zur Heidenhalle,

Es tauchten wieder Tempel auf, wie Jovis Priester sie verließen.

Es schien, als ob des Franken Geist zur Pilgerfahrt nach Süden walle,

Und plötzlich wie Orvietos Dom und wie Spoletos Kathedrale

Zu Deinen Füßen, altes Rom, bezwungen auf die Kniee falle!

Das Römerthum entreißt sich nie der Erdenwucht mit einemmale,

Gar erdenfreudig strebte hier die stolze Gothik gleich ins Weite

Und wandelte, aus Wonnedrang, den ersten Dom zum hellen Saale.

Doch wars, als ob die Erde selbst die Würde solcher Kunst bestreite,

Die Edelform entstieg dem Grab, denn als man rings nach Tempeln scharrte,

Bedeuchte es, daß Überschwang zum Einfachen von selber leite.

Man sah, wie Brunellescos Trotz zur wuchtigen Rustika erstarrte,

Und wie nach Mystik und nach Furcht, nach langem Himmelsreichbegehren,

Der Mensch nun mehr vernünftig Thun und kluge Wirklichkeit erharrte,

So fügte man auch Stein auf Stein, gar bald nach heiteren Lebenslehren.

Im Norden aber scheinen sich Gerippe gegen Fleisch zu wehren,

Der Geist, der sich von Roms Bestimmtheit weg und weiterkritisierre,

Vermochte plötzlich eine Form nach eigener Artung zu gebären.

Die schale Leiblichkeit, die bald zur Lasterfratze halb verthierte,

Ward selbst als Sinnbild eitler Lust im Kirchenschnörkelwerk vermieden,

Drum sah man aufdemDomen kaum ein Spukbild mehr, das niederstierte.

Man sah, berechnete Verquickungen von seltenen Unterschieden

Und spitzte alles Wissen zu, um himmelwärts hinanzuklettern,

Und steifte sich beim Thürmen stets auf Krönungspyramiden.

Gar manches Münster trotzte so, fast erdentrückt, den Himmelswettern

Und ward dadurch ein Ebenbild geklärter, geistiger Empfindung,

Gereifter Reinheit, ders gelang, die Teufelsmächte zu zerschmettern.

Die Säule, keine Stütze mehr, erkannte sich als Formverbindung,

Im Dome konnten schwindelhoch Gedanken Halt im Stein besitzen,

Denn blos aus tiefstem Innermaaß entströmte jede Pfeilerwindung.

Mit Schillerspielen sollte Licht die Kircheneinsamkeit durchblitzen,

Belehrend drang es in den Dom, erzählte stets von Gottes Wollen,

Und drängte, kreuzte sich versprengt durch die verglasten Mauerritzen.

Auch schien ein dunkler Schwermuthshauch die Marmorbilder zu umgrollen,

Die Köpfe waren leidverzehrt, fast leibentrückt in ihrer Größe,

Und Mäntel sah man oft vom überlangen Halse niederrollen.

Gewänder, schlaff und faltenreich, verbauschten keusch die kleinste Blöße,

Der Heiland aber jener Zeit blieb stumm in seinen Marterqualen,

Und oft verbleichte nur sein Leib, zerfleischt durch rohe Lanzenstöße.

Doch ward er blutentleert zu schwer, so sing die Seele an zu strahlen,

Und waren seine Glieder bald verblichen, wesenslos, gebrochen,

Durchgeistigte der Heilandsgeist ganz eigentlich die Kathedralen.

Oh Christenthum, Du läßt das Herz der Leidentrückten stärker pochen

Denn nie verhehlst Du einen Schmerz, der Armut magst Du Dich nicht schämen,

Und da Du neue Leiden schufst, hast Du Dein Machtwort ausgesprochen.

Ja, die Betroffenen eilten zu, an Deinem Kreuz sich auszugrämen,

Denn schmerzenfördernd wie Du warst, begriffst Du auch, wer Schmerz erlitten,

Es ist, als ob die Leiden doch zum Menschenheil vom Himmel kämen.

Du tönst als ein Naturlaut fort und hast zumeist den Sieg erstritten,

Denn blutvergießend legtest Du stets Balsam aus die Wunden,

Und Du erwarbst dein Engelsheer, wo Du ein Dasein abgeschnitten.

Die Wittwen, Waisen folgten Dir, war doch ihr Fröhlichsein geschwunden,

Die ganze Menschheit aber geht stets sonnenwärts durch Leidepochen

Und hat sich drum aus Müdigkeit mit Leidverbreitern noch verbunden.

Die alten Deutschen, die so schwer mit ihrem Heidenthum gebrochen,

Empfanden lang das neue Heil so arg wie scharfe Marterzangen

Und wollten dann die Leiblichkeit dem Geiste gänzlich unterjochen.

Sie nahmen sich fürwahr zu ernst. Zu freudlos war ihr Lichtverlangen.

Sie suchten, konnten fast das Ich, samt seiner eigenen Unschuld, morden,

Doch schürten sie da unbewußt Beginne, die im Herz erklangen.

Was er nicht liebte und empfand verstand nach langer Pein der Norden,

Doch sind dabei, nach kurzer Frist, die groben, trotzigen Germanen

Ein heimathfremdes Träumervolk, ein wurzelwunder Stamm geworden.

Doch endlich schien die Erde sie an ihren tiefsten Hort zu mahnen:

Und Kathedralen, hoch und hehr, strengmathematisch ausgeklügelt,

Steilrhythmisch in die Höh gethürmt, ein anderes Werden anzubahnen!

Wo sich der Meister selbst erhebt, wenn er des Münsters Wucht beflügelt,

Und kaum der Gottheit Nahe sucht, vermag ers, Thürme aufzurecken,

In denen keinen Höhenflug ein erdentreues Rufen zügelt.

Doch in sich selbst begann man nun noch schönere Dome zu erwecken,

Aus Liebesgluth und Brunst gefügt, erstand so mancher Glaubensthurm,

Der konnte, einmal ganz am Ziel, die Welt, das Sonnenglück erschrecken.

Wohllautwolken entwirbeln im Orgelsturm

Den Seen der Seelen, die Ufer zerschlugen,

Denn ringsum entreckt sich ein glühender Wurm!

Und rhythmenverblitzende, wuchtige Fugen

Erlösen melodisch die Liebesgefühle,

Die lange den Fluch der Verdammniß ertrugen.

Die Freude entschmettert der lüsternen Schwüle

Und wonnigerstrahlend als Freiheit und Äther

Umhaucht sie ersprühte krystalllichte Kühle.

Ein Aufschwung lichtherrlich, urwillig gesäter,

Zu Tönen erglühender, reifender Liebe

Durchwuchtet die Seufzer asketischer Beter.

Genußschreie schluchzen im Wollustgetriebe

Und gleichen dem brausenden Aufklatschen nasser

Strandstürmender, wogenverkrümmender Hiebe.

Es schlingt aus uns allen ein goldener, blasser

Gefühlsschwall, der jeder Verstummtheit entbuchtet,

Sich weitwärts ins bacchische Lachen am Wasser.

Ein tönender Sprudel, der Sonnen befruchtet,

Entzückt, überstürzt sich, berührt mich als Manna,

Erhört sich als Echo im Münster verschluchtet

Und braust über uns als Erlösungshosianna!

Altes Rom, der große Geist Deiner Cäsaren,

Dein erfrühtes Glück und Deine Lustgelüste

Übertrotzten jeden Wuchttrumpf der Barbaren,

Nur Dein Marstag ging im Sturmgebrüll zur Rüste.

Denn als Du die Welt, die Du dereinst besessen,

Voll von Möglichkeiten in Dir selbst erschautest,

Hast Du Deine Erzlegionen bald vergessen,

Und es kam die Nacht, in der Du selber grautest.

Ja, die Riesenkunst von Rom erstand erst später.

Fremdlinge, die wild die Urbswälle zerschellten,

Blieben tausend Jahre ihre Selbstvertreter,

Bis sie Michelangelo ins Dasein schnellten!

Blutvermischung, Völkerwirbel, Rassenspeicher

Haben Buonarroti an den Tag gewunden,

Die Germanen machten ihn wohl glaubensreicher,

Doch vor allen hat sich Rom in ihm empfunden.

Seine Seele konnte selbst das Größte meistern,

Jener Dom, der über seinem Geist entstanden,

Krönt den Tempel einer Welt von freien Geistern,

Deren Macht Erschauer der Natur empfanden.

Peterskirche, Markstein romverlorener Schlachten,

Keim und Prachtkrystall versammelter Kulturen,

Wuchtgefühl der Urbs, das junge Schöpfer überdachten,

Birgst Du Roms Idee in Deinen Steinkonturen!

Greifen doch arenarunde Tempelarme

Wie aus Deinem Wesen in die breite Weite!

Doch beschützt Du auch die Welt im Tagesharme,

Kühlen Brunnen, was Dein Gluthengeist befreite?

Jener Moses, den ein Wunsch für Dich bestimmte,

Petersdom! scheint Deinem Innersten zu fehlen,

Denn der Geist, der über Pracht und Zank ergrimmte,

Kann die Welt nicht mehr, aus Rom heraus, beseelen.

Zuchtgebote mußtest Du mit Wucht verheißen,

Moses Wesen, Rom, zur vollen Gottheit steigern,

Nicht versuchen, Länder rings an Dich zu reißen,

Und Dir selbst das Wort und seine Furcht verweigern!

So hat Michelangelo in seinem Moses

Nur barock sein eigenes Wesen übertrieben,

Und es folgte gleich auf ihn ein hoffnungsloses

Epigonenthum, das ohne Gott geblieben.

Doch mit jenem Sklaven, der in sich das Wesen

Beider Erdgeschlechtlichkeiten noch verbindet,

Hat er ganz gefühlt und ist er Er geblieben,

Denn das Leid um seinen Lenz steht dort entrindet.

Auch in jenem anderen trachtet die Gestaltung

Immer noch aus Unvollendung aufzuragen,

Ach, wie furchtbar ist des Sklaven ganze Haltung,

Da die Muskeln ihren Arbeitstag verklagen!

Gott, Italiens Erde ist so hold und düster,

In der Muttergottes hüllt sie sich in Dünste:

Doch ein knabenhafter, frühlingsglückbegrüßter

Tag entsaugt ihr immer innere Feuersbrünste.

Oh, das Blut durchrollt die honiggoldenen Blöcke,

Deren Wesen Michelangelo erschaute,

Und Italiens Wiesen, Weine, Rinder, Böcke

Rauschen oder flüstern hier versteinte Laute.

Morgen wird es! Wie verfleischlicht schweigt die Frühe.

Langsam athmen blos die hellen, gelben Lehnen,

Und es ist, als ob der Geist sich Formen glühe.

Oh Du Weib in mir, wonach wirst Du Dich sehnen?

Wirf die Nacht und ihre Hüllen stolz vom Haupte,

Schon durch Deinen Wunsch kann sich der Wind erheben,

Doch es ist, als ob Dir nur der Harm erlaubte,

Bald ein Tag zu werden, tief uns zu beleben!

Nein, der Tag erklärt uns nicht sein Wesen,

Ewig unvollendet staunt und lauscht er immer,

Seine Kraft ist niemals seine Macht gewesen,

Blos Panik entwirbelt ihm, als Weltwuchtschimmer.

Könnte er den Arm bereits nach Osten heben,

Oh, so bliebe unsere Erde plötzlich stehen,

Diese Schöpfung würde gar nichts mehr erstreben:

Doch sein Haupt lenkt, unvollendet, keine Wehen!

Jetzt erklärt sich die Sixtina mir im Geiste,

Und ich sehe die Propheten, die Sibyllen

Eifern, daß der Tag sein stilles Lichtwerk leiste,

Denn die Welt gehorcht dem vollen Jenseitswillen.

Bannt doch Gott, der Herr, stets seinen eigenen Schatten

Auf die Erde, daß sie reiche Früchte trage,

Und darum ermüden nimmer unsere Matten,

Denn der Geist verlangt, daß er zum Tage rage!

Dort erfaßt sich die Unendlichkeit im Herzen

Adams, den sie weckt, damit sie tief bestehe.

Diese Gaben aber birgt der Mensch mit Schmerzen,

Und er wünscht, daß er zurück und untergehe.

Oh das Weib, das ihn schon fürchterlich erblickte

Scheint am Manne nun voll Bangigkeit zu hangen,

Und ihr Schatten, der ihn lange schon bestrickte,

Fängt jetzt an, nach Wahrgestaltung zu verlangen.

So geschieht es denn. Die Frau ist auferstanden!

Aus den Farrenbainen wuchten Paradiese,

Vögel jubeln, Palmen schleppen Prachtguirlanden,

Innere Frühjahre erblühn auf Hang und Wiese.

Doch der Genius wächst noch. Wird das Weib genügen?

Fühlt es schon in sich die eigenen Wesensmängel?

Reiz an Reiz versucht es an den Leib zu fügen,

Doch der Mann will die Idee und glaubt an Engel.

Wenn es schläft, ermahnt ihn sein Gewissen,

Halte Dich an das, was Dir der Herr gegeben,

Denn sonst wirst Du bald das Paradies vermissen,

Trachte furchtlos fort in der Natur zu leben!

Adam aber will sein Innerstes erfassen

Und beschließt zu sinken, um zu Gott zu steigen.

Keine Harmonie will er geordnet lassen,

Und was schwach ist knickt und nennt er nun sein Eigen!

Armes Weib, Du Urversuch den Mann zu trösten,

Biete Dich nicht an, verfluchter Lust zu dienen!

Doch es ist, als ob sich alle Fesseln lösten,

Ja, die Freiheit ist im Weib zuerst erschienen!

Der Entschluß des Opfers ist in ihr entstanden.

Feig hat Adam seine Knechtin angenommen

Und enteilt mit ihr nun allen Heimathlanden

Und ist Vielem nah, doch nie zu sich gekommen!

Rase nun, verlorener Sohn, von Schmerz zu Leiden,

Wollte Gott, der Herr, doch still auf Dir beruhen,

Du jedoch willst ihn um seinen Grund beneiden,

Und verzweifelt seh ich Dich den Tag verthuen.

Abend wird es. Blasser Mann, nun darfst Du rasten.

Deine Unvollendung fängt sich an zu klaren.

Und Du sagst Dir ernst: Wozu das breite Hasten?

Doch zu spät! Der Abend kann nicht lange wahren.

Deine Schultern sind die scharfen Horizonte

Eines Thales, dessen Schlund die Nacht entwuchtet,

Die Brust ist alles Berggelände, das sich sonnte

Und nun athmend kundgiebt, was es tief verschluchtet.

Dein gewellter Bauch ist wie die See in Häfen,

Die da aufhüpft, gurgelt und nur schwer ermüdet.

Nachsicht schwebt und legt sich nun um Deine Schläfen

Und Du preist die Nacht, die sich mit Gluth umfriedet.

Oh, die Nacht geht auf und hoch im Osten glimmt es,

Einsichtsvoll versenkt sie sich in innere Sterne,

Denn sie liebt ihr sterbliches, weil urbestimmtes

Lächeln aller Welten ohne Grund und Ferne.

Ihre Brüste sind die See der beiden Hemisphären,

Die da übervoll den jungen Tag erbangen,

Um dem Kinde milde Labung zu gewähren.

Hast auch Du, oh Nacht, so wildes Lustverlangen?

Große Nacht, ich kann Dich eben klar betrachten,

So wie Du in stillen Meeren Dich oft spiegelst,

Fühl auch ich Dich, dessen Sterne tief erwachten:

Bleibe, die Du einst die Sonne ganz verriegelst!

Stürzt die Welt aus ihrer Tiefe her zusammen?

Drangt das ewige Gericht nun zum Erlöser?

Eine nackte Flamme, der wir fern entstammen,

Ruft uns nun zurück, wir werden religiöser!

Was nicht nackt an uns ist, wollen wir verstecken,

Des Verfleischlichten beginnt man sich zu schämen.

Unsere Blosheit aber will sich gottwärts recken,

Herr, Du wirst den Geist in Deine Obhut nehmen.

Alle Welten streben nach der Seelenmitte,

Und darum empfinden wir das Zeitverschwinden.

Heiland, führe uns bei jedem Heimwärtsschritte,

Denn wir können gar nichts aus dem Zeitschlund winden!

Jeder kann in sich den eigenen Werth erlangen,

Doch es gilt zur rechten Stunde anzukommen,

Lange werden deshalb alle Lauen hangen,

Und die Seligkeit gehört den Starken, Frommen!

Herr, die ganze Nacht kehrt in dein Inneres wieder,

Jedes Wesen muß unendlich sich beginnen,

Alle Sterne singen ihre Liebeslieder,

Herr, Du bist in uns und bist in ihnen drinnen!

Ich fühl den Blick von einem Sterne

Seit meiner frühesten Jugendzeit,

Ich spielte kaum und bangte gerne,

Und nur das Leid war mir nicht weit.

Ich hing an mir und kaum am Leben,

Doch meine Mutter liebte mich.

Ich wollte fort und doch vor Lust erbeben,

Und starb nicht, als ich mir entwich!

Ach, ich empfand die Macht von Mächten,

Die mich da losriß vom Gewühl

Und suchte dann in heiteren Nächten

Nach jenem Sterne im Gefühl.

Auf einmal ist er aufgegangen,

Er war nicht der, den ich gewähnt,

Nun überstrahlt er jedes Bangen

Und glüht, wenn meine Seele thränt.

Er lenkt mich oft aus den Gefahren

Und führt mich stets zurück zum Leid,

Er will im Schmerz sich offenbaren,

Und drum vergeß ich jeden Streit.

Als mir das Liebste ward entrissen,

Empfand ich kaum den grauen Tod,

Es ist zwar schwer, den Schmerz zu missen,

Doch bleibt der Stern, dem er entloht!

Oh, immer strenger wird mein Wesen,

Und die Erinnerung findet ihren Grund,

Es gilt sich selber auszulesen,

Die Liebe macht kein Schicksal wund.

Ich fühl den Blick von einem Sterne

Seit meiner frühen Jugendzeit,

Ich spielte nie und bangte gerne,

Und auch das Leid war weit, zu weit!

Arkadien meiner Seele, nun erwache!

Ich harre auf den Wind, der mich versteht,

Ich warte, daß er meinen Lenz entfache:

Erscheine, Geist, der durch die Wesen weht!

Es werden Lieder reif in mir erblühen,

Die keusche Wahrheit plötzlich offen sein,

Das Leid wird dann als Thau den Traum besprühen,

Oh, nun ergründe Dich, mein holder Hain!

In meiner Seele bleichen Dämmerstunden

Wird gar behutsam jedes Reis gehegt,

In stummen Blumen schlummern unsere Wunden

Und öffnen dann die Lust, die man verborgen trägt.

Der Menschen Freude wird sich zu mir bücken,

Ich will ob ihres Glückes glücklich sein!

Auch meine Einsamkeit wird sich dann schmücken,

Und das Erfühlen wunderbar gedeihn!

Es ist Italiens Karneval ein großer Dichter,

Das Urerlebte dieses Volkes wühlt er aus.

Vermummen sich die braven, täglichen Gesichter,

So nehmen die Instinkte ihren freien Lauf.

Es preßt sich da der Geist zurück ins Heidenleben,

Die Dominos sind die Gespenster einer fernen Nacht,

Der Pantalon wird schon in guter Unschuld streben,

Wozu der Harlekin die Zwischensprünge macht.

Er ist der Hermes dieser grausen Lumpengötter,

Doch seine Farben plaudern sein Geheimniß aus,

Er kennt sie alle und ist deshalb auch ihr Spötter

Und hat vor Unterweltfiguren keinen Graus.

Die Colombina läßt sich noch als Venus schmeicheln

Und ist das Affenspiegelbild der Helena,

Katharinen muß man selbst mit Pfauenwedeln streicheln,

Denn sie war Juno, als der Weltanfang geschah!

Der Ganymed ist zum Brighella ausgewachsen,

Zum Doktor hat es Aristoteles gebracht,

Der Jupiter versteckt sich hinter Maskenfaxen

Und wird als Erzbetrüger schließlich ausgelacht.

Jetzt fühlt sich jeder frei wie auf des Oeta Höhen

Und schlüpft, wo er nur kann, bei einer Nymphe ein.

Es lassen Danaen sichs ausgezeichnet gehen,

Es regnet Gold in manches stille Kämmerlein.

Es kann die Juno heute Nacht unmöglich schlafen,

Und wirklich kommt ihr Jupiter mit Bacchus heim,

Sie wird ihn barsch, trotzdem es kalt ist, strafen,

Und zwar am Theil mit plastisch vollem Reim.

Der Bacchus aber läßt den Zeus alleine,

Protheisch ändert er sich plötzlich überall,

Oft ist er dick, oft klein, dann nichts als Beine,

Und scheint der Schatten aller nach dem Maskenball.

Fürwahr, er ändert sich durchs Gehn zwischen Laternen,

Da schiebt er manche, die nach Haus ziehen, fast zum Licht,

Und schmilzt zusammen, wenn sie sich davon entfernen,

Du schlimmer Wicht, hilfst nur in dunklen Gassen nicht!

Was dröhnt jetzt plötzlich? Römische Legionen?

Geharnischt ziehen sie die Gassen laut herauf,

Sie werden ihre Beute, Weibervolk, nicht schonen:

Oh Weltnothwendigkeit, so nimm denn Deinen Lauf!

Der Spaß beginnt, nun wird es immer lauter, toller,

Die vielen Menschen werden langsam aufgemischt,

Das jubelt, sprudelt immer thörichter und voller,

Die Jugend, selbst die Kindheit, wird nun aufgefrischt.

Der Lenz erblüht bereits in den geschloßenen Städten,

Und Frühlingslust und Brunst wird ringsum angefacht.

Das Volk verpfändet selbst die Kleider und die Betten,

Da jeder undrapiert, stets anderswo, erwacht.

Im Karneval drangt alles an die Oberfläche,

Mit Juxen und mit Lumpen ist das Volk bedeckt,

Es ist, als ob der Tand von selbst aus Kisten brache,

Und wer nicht mitthut, wird als Finsterling geneckt!

Die Dirnen erscheinen als büßende Nonnen,

Pierrots, häufig Ladenverkäufer, sind stumm,

Und Diebe, als Richter, zu Strenge gesonnen:

Als schwanger ziehn alternde Fräulein herum.

Verkrümmte verkleiden sich gerne als Krieger,

Matronen, als Puppen, gefallen sich gut,

Es brüllen Bediente als Löwen und Tiger,

Romantiker tragen die Feder am Hut!

Die Damen bewegen sich oft wie Kokotten

Und laufen im heiklen Momente davon,

Der Freidenker läßt sich als Priester verspotten,

Und ringsum ergeht sich ein Weltpantheon.

Voltaire spricht ein wenig französisch und Dante

Giebt rasch einer Köchin für elf Stelldichein,

Selbst Newton verkehrt mit des Belzebubs Tante

Und reitet mit Cato ein hölzernes Schwein.

Ein Lord mit unendlichem Pappenzylinder

Wird eben mit Gyps und Papier überweißt,

Ein Sokrates sucht seine eigenen Kinder,

Ein Mönch wird von johlenden Knaben umkreist.

Seht, Bismarck führt dort eine Gans ins Theater,

Vielleicht reißt sie gleich nach dem Abendmahl aus,

Sechs Kinder verloren soeben den Vater,

Und auch ihre Mutter ist nimmer zu Haus.

Die Weiber, mit männlichem Blut und Allüren,

Sind endlich in Hosen zufrieden und keck.

Betrogene lauern im Dunkel der Thüren

Und springen oft wüthend aus ihrem Versteck.

Nun stiegt wo ein Hut, man zerrt eine Mähne,

[Erstochen wird jedesmal irgend ein Mensch]

Die Deutschen erleben dabei eine Szene,

Und Engländer sitzen zufrieden beim Lönsch.

Nun sieht man den Karneval selber als Prinzen

Im Wagen erscheinen. Er ist eine Frau.

Und allerhand Leute bestaunen, begrinsen

Den Zug mit Najaden und Magiern genau.

Denn alles ist da tiefsymbolisch gestaltet,

Es gehn die drei Könige schmunzelnd voran,

Der Karneval selbst, dessen Anzug veraltet,

Verzweifelt und stirbt schon im Hintergespann.

Doch gleich nach dem Zug kommen Mönche und Nonnen

Und tragen für Mittwoch schon Kohl und Salat,

Doch sind sie noch alle zum Ulken gesonnen

Und tanzen, trotz Gaffern und trotz Zölibat.

Der Frühling ist da und am Korso erscheinen

Die lieblichsten Frauen in offenem Wagen,

Es wollte ganz Rom seine Grazien vereinen,

Das Wetter erlaubt, lichte Kleider zu tragen.

Ein Mädchen, das alle Bewerber verlachte,

Erschien uns soeben in Lilien gebettet,

Sie will, daß die Männerwelt lechze und schmachte:

Wer weiß, welcher Geck sein Geschlecht doch noch rettet?

Ei, seht das Gespann, alle Pferde und Räder

Sind herrlich mit Rosen geschmückt und umwunden,

Die Damen, die drin sind, besuchen die Bäder

Und haben dort immer Bewunderer gefunden.

Da kommen noch prächtige Wagen mit Damen,

Die Gäste des Hauses mit Sträußen beschenken.

Da sieht man auch Bräute in blühendem Rahmen

Vergnüglich an Bälle und Bräutigam denken.

Nun taucht auch ein Karren mit bunten Ciocciaren

Im Hintergrund auf. Rugantino sitzt drinnen.

Wir können durch ihn manches Neue erfahren,

Er wird die Kritik des Momentes beginnen.

Er pfeift auf die Redner und Volkstribunale

Und labt sich am Weine der römischen Hügel,

Es braucht sein Humor kein Nörglerskandale

Er hält keinen Schmeichlern und Strebern den Bügel.

Der Frühling ist da. Keine Maske, kein Spötter

Bekritelt, bezweifelt sein frühes Erscheinen.

Es regen sich überall römische Götter,

Der Janus erklärt sich in sinnlichen Hainen.

Bald fallen die Larven. Dann blicken die Augen

Ganz offen hinaus in die goldenen Tage.

Die Wurzeln beginnen rings Leben zu saugen.

Wir pflückten schon Primeln und Veilchen im Haage.

Bald füllt sich die weite Campagna mit Leuten,

Die Mandeln beginnen sie schon zu erwarten,

Es duften Orangen und rufen nach Bräuten,

Es wird die Natur, wie von selber, zum Garten.

Oh, nun leb auch ich der Freude,

In mir selbst ist Karneval,

Flaggen heiterer Luftgebäude

Wehen jetzt mit einemmal.

Seltenes Glück kann ich erfassen,

Worte hör ich auferstehn,

Darf sie nicht verhallen lassen,

Rasch ist es um sie geschehn.

Flugs verfolge ich Gedanken,

Die ein Wehwunsch aufgescheucht.

Oh, nun aber ja nicht schwanken:

Packt das Wild, das flüchtig keucht!

Ja, das ist ein neuer Kummer,

Dort versteckt er sich im Laub,

Der verbleibt erst dann im Schlummer,

Doch ein Lied ist jetzt mein Raub!

Alle rothen Wolkensippen,

Alles was der Tag verbarg,

Lispelt nun mit tausend Lippen,

Schlimm und gut, um seinen Sarg.

Ferne höre ich die Winde,

Die geschwätzig waldwärts wehn,

Seht, und auch ich selbst empfinde

Träume, die Euch Antwort stehn.

Bäume, die ich oft erspähe,

Tragen ihre Tagesfrucht,

Und die schüttelt erst die Nähe

Einer Nacht in meiner Schlucht.

Rosenhauche kurzer Stunden,

Die Ihr ringsum Gold verwebt,

Wißt! ich bin Euch eng verbunden,

Denn Ihr habt mich tief belebt.

Lieder kann ich jetzt vernehmen,

Alles schweigt und alles singt,

Stimmen, die vor mir sich schämen,

Haben sich schon zugeblinkt.

Oh, sie trachten sich zu reimen,

Bald verdämmert ihre Macht.

Träume, die im Nu erkeimen,

Stehen schon in Blüthenpracht.

Alles mag ich fest umschlingen,

Leg Dich, Wind, an meine Brust!

Nacht, Du wirst mein Herz durchdringen,

Sterne werdet weltbewußt!

Auch Ihr letzten Himmelsnarben,

Seht, auch ich bin stumm und wund.

Bald verflimmern alle Farben,

Denn die Nacht ist urgesund.

Abend ist es, wenn ich singe.

Wenn der Tag verhaucht, verblaßt,

Ahnt sich die Natur der Dinge:

Werde Lied, das mich erfaßt!

Namenlos sind meine Lieder,

Sagbar kaum wie sie entstehn,

Laute tauchen auf und nieder,

Bis sie klar zusammengehn.

Endlich freuen mich die Rhythmen,

Die ein Lied sich ausgewiegt,

Und ich will mich ihnen widmen,

Ihre Stimmung hat gesiegt.

Würde ich durch die Gefühle

Tiefer Liebe überrascht,

Hätte ich im Truggewühle

Alles Wirkliche erhascht.

So vertrau ich meinen Liedern

Nur die wahrste Sehnsucht an.

Kann ein Wesen sie erwidern,

Steh ich schon in einem Bann?

Meine gutgemeinten Worte,

Zieht denn hin und immer fort;

Horcht an manchem fernen Orte,

Ob ein Herz, ein Strauch verdorrt.

Lispelt leiser als die Blätter,

Daß kein Schmerz Euch überhör,

Seid der letzten Hoffnung Retter,

Fädelt Euch durchs feinste Öhr.

Findet Ihr ein keusches Wesen,

Das Euch wirklich ganz vernimmt,

Oh, so kann ich fern genesen,

Plötzlich werd ich gut gestimmt.

Namenlos sind meine Lieder,

Soll ich ihnen widerstehn?

Mein Geschick klingt drinnen wieder,

Was da kommt, ist schon geschehn!

Ich will in einem Park den goldenen Abend feiern

Und träumen, wenn die ersten Sterne sich erschaun.

Dann blickt auch mein Gemüth aus Amethystenschleiern

Und fängt im Traume an Erlebtes zu bethaun.

Dort blinkt schon einer. Und nun gleich ein zweiter.

Ihr fernen Sterne folgt Euch stets und habt Euch gern.

Ihr hehren Weltbeschreiter seid Euch stets Begleiter

Und alle ehrt Ihr, selbst im Kleineren, Euern Herrn.

In die Musik will ich mein schweres Leid versenken,

Sie möge es umzaubern und um mich verwehn,

Von purer Gluth, die Angstgefühle, die mich kränken,

Entwirren, bis Ideen furchtbar vor mir stehn.

Ihr Brunnen seid zu laut zu solcher Klärung,

Ein Garten, ein Sonnett, ein Bild sind mir genug.

Ihr vielen Sterne, gebt mir viel zu viel Belehrung,

Wo Schicksal graut, wird alle Sprache bald zum Trug.

Ein Friedhof ist bereits ein Paradies auf Erden,

In das wir schon aus Marmor unbeweglich schaun,

In Gärten aber, wo die Götter sprachlos werden,

Beschleicht mich unergründlich bleiches Graun.

Die Numen schlummern nicht. In einer kecken Laune,

Sind alle dort im Lorbeerdunkel festgebannt.

Hermaphroditen wehren schlau sich gegen Faune,

Endymion wird von Artemis im Schlaf erkannt.

Ich kann mich nirgends still mit stummem Grün umfrieden,

Vereinsamt unter Myrthen ölt sich ein Athlet.

Bis auf die Zehen bleich sind Marmorniobiden.

Geht jetzt der Mond auf? Flüstert Pan ein Nachtgebet?

Die Götter schlafen nicht. Wo ich auch träume, wander,

Verfolgt der Wind mich und es rauscht das Laub.

Oh, nun begleiten mich auf einmal Oleander,

Alleen sind so traut und dort – die Lichtung – taub!

Fürwahr! Es schweigt und schlummert diese Wiese,

Sie hat sich rings mit Schwermuthsthränen bunt bethaut,

Ein Baum aus Asien wuchtet da als fremder Riese,

Ich meide ihn! Wo tönt mir ein vertrauter Laut?

Ich schweife weiter. Lauter dichtes Flüsterdunkel

Umgiebt mich wiederum! Auf einmal lausch ich auf!

Kamelien blühen. Horcht, ein zartes Waldgefunkel,

Dann ein Gebraus, sagt laut: dort ist ein Wasserlauf!

Carraraschwäne harren blaß an einem Wehre,

Doch Wasserquirle halsen hastig hin und her,

Ein Schneegewölk kommt eben ostwärts in die Quere,

Und nun ist dieses Dunkel lautvoll, leer und schwer.

Der Lorbeerduft und Harzgeruch der Parkzypressen

Umflattert wild mein winderfrischtes Angesicht.

Ich sehe kaum! Wie soll ich Weg und Steg ermessen?

Ich schlendre unterdessen, – und seht, – dort wird es licht!

Ein leiser Weiher spiegelt still den großen Baren.

Die anderen Sterne sind noch alle weiß umwölkt.

Vielleicht wird bald die alte Klarheit wiederkehren,

Zumal da doch der Nordwind noch im Duster schwelgt.

Ich zieh den Teich entlang und denke an die Numen,

Die plötzlich in den Seelen heiter aufgetaucht,

Dereinst begrünten sie Italiens dunkle Krumen,

Und heute sind sie da, und wieder fast verbraucht.

Was bannt mich fest? Was will sich mir erklären?

Wie, spiegelt dieser Weiher eine echte Sphinx?

Ich blick empor und sehe nimmermehr den Bären,

Denn es bedeckte sich der Himmel neuerdings.

Doch sehe ich die Thiergestalt sich trotzdem spiegeln,

Und zwar so still, daß eine Sphynx auch aufwärts blickt.

Es will das Obere seine Tiefe wohl erklügeln,

Und Unteres scheint durchs wahre Dasein ganz berückt.

Ich mag mich abermals im Lorbeerhain verlieren,

Nun weiß ich ja was dieser Garten alles birgt,

Gespenster wallen auf, entwurzeln sich aus Thieren,

Und ruhen dort als Mikrokosmus streng bezirkt.

Der Garten selbst verschlingt in sich Italiens Schätze,

Dem Stein und Muschelstrande gleicht der Weiherkies,

Ein dunkler Weg im Grünen ahmt die Gegensätze

Von Flur und Haide in Etruriens Paradies.

Jetzt ist der ganze Park noch kalt, verwildert, finster,

Und ich verstehe seinen Reiz vielleicht allein,

Erblüht jedoch am Meer und Apennin der Ginster,

So rahmt auch hier der Goldlack holde Beete ein.

Und dann umglühen Käfer offene Purpurblüthen,

Und eine Aloë verschenkt in einer Nacht

Die Pracht, die ihre Wurzeln hundert Jahre hüten,

Bis sie auf einmal jäh und übervoll erwacht.

Es glänzt mein Pfad! Ich werde nun zu Menschen treten.

Fürwahr! Vor mir erstrahlt ein herrlicher Palast.

Zum Feste denn! Ich darf mich heute nicht verspäten.

Ach, welches Bangen mich auf einmal ganz erfaßt!

Ein blendendes Treppenhaus hält mich umfangen.

Ich weiß nicht, wie recht durch die Knäule und Schlangen

Von Masken und Schleppen zum Saal zu gelangen.

Treppauf und treppab seh ich Dominos stiegen

Und riesig gewandt, sich in Festgruppen schmiegen.

Das wirbelt und plaudert. Das blendet die Sinne.

Das funkelt und flunkert von flüchtiger Minne.

Das fächelt mit rosigem Fächer noch Scham

Ins blasse Gesicht eines alternden Gecken,

Der eben sich etwas zu eifrig benahm.

Ich sehe mit Küssen sich Arme bedecken.

Dort wirft eine Dame den Handschuh zurück;

Ein Jüngling berührt ihre Spitzen voll Glück;

Und niemals bemerkte ich Kleider, Geschmeide,

So sehr, als wenn Larven die Züge verhüllen.

Jetzt heben sich Finger behandschuht zum Eide,

Erwünschtes verspricht man sich bald zu erfüllen!

Es ist das ein Vorspiel in rauschender Seide.

Ich selbst aber sehne mich weg von den Stiegen

Und trachte mich langsam ins Innere zu schmiegen.

Es schweift nun mein Auge durch flimmernde Zimmer,

Rings spiegelt sich Flitter und Lüsterlichtschimmer.

Ein Walzer fängt an manches Paar zu beschwingen

Und rhythmisch den festlichen Saal zu durchklingen.

Jetzt wirbelt und tanzt alle Welt durcheinander,

Im Umkreise protzen verlaßene Matronen.

Es streift mich soeben ein Prachtsalamander.

Ein Zwiegespräch könnte sich allerdings lohnen.

Doch ist er bereits unter Feen verschwunden.

Nun faß ichs, es handelt sich hier um Sekunden!

Die nächste Entstiegene lohender Gluthen

Wird sicherlich gleich, wo es sei, angehalten;

Vergnüg ich sie dann blos auf kurze Minuten,

So fürchte ich nimmer die rothen Gewalten!

Ein Domino, schwarz wie die Nacht in den Meeren,

Trägt Perlen im Haare. Ich sah ihn schon früher.

Vielleicht sind das Schnüre urkünftiger Zähren.

Wer weiß? Er ist lustig, denn viele Bemüher

Und junge Erglüher umschwirren ihn heiter.

Nun lassen wir sie, und lustwandeln wir weiter.

Die Kerzen umschimmern schon flimmernde Schleier,

Und Wandspiegel geben sie kugelhaft wieder;

Fürwahr, oben hangen jetzt durchsichtige Eier

Und gießen ihr Irislicht rieseldicht nieder.

Kurz nur treffen sich die Blicke,

Jedes denkt an heitere Dinge.

Knüpft durch eine Zufallsschlinge

Hier der Augenblick Geschicke?

Ist ein Ansturm wo geglückt,

Plötzlich wird dort hell gelacht.

Ward ein Fall ans Licht gebracht?

Jede Laune wird zerpflückt!

Skepsis ist des Faschings Wesen,

Seine Freude Medisance,

Lauter kleine Antithesen

Geben Witzen Resonance:

»Seht im Spiegel jene Damen

Haben Häubchen wie ein I,

Passen wirklich in den Rahmen!«

Lacht ein Täubchen mit ésprit.

Hier ist alles Rokoko,

Blüthenbüschel schlüpfen sacht

Aus der Zierrat blasser Pracht.

Engel sitzen ohne Tracht

Hoch auf Wolken irgendwo.

Feen schweben im Trikot,

Über unserem Erdniveau.

Alle sind galant und froh,

Masken geben Rendezvous,

Vor der Hand, nur Fuß an Fuß,

Gottseidank inkognito.

Überall wird kokettiert,

Herzen brennen lichterloh,

Jeder Witz ist unmaskiert,

Wehe jedem, der sich ziert!

Hier kommt alles apropos,

Nur! wo bleibt mein Domino?

Schwupps! da huscht er durch den Saal!

Maske, hab ich dich einmal!

Muth, mein zugereister Mann!

Sprechen wir sie höflich an:

»Magst Du Maske, mir Vertrauen schenken,

Möchte mich um Deine Gunst bemühen,

Laß den Blick in Deine Seele senken

Und den Fall der Larve hold verfrühen.

Wenn zwei Menschen Gleiches denken,

Kann ein Blick ein Ja versprühen,

Unser Fühlen hold zur Liebe lenken,

Und die Herzen aneinanderglühen!«

Meine Kühnheit hat gefallen,

Denn ich bin schon eingeladen,

Plaudernd auf und ab zu wallen,

Und nach heitern Promenaden,

(Kann ich wirklich amüsieren)

Ernste Themen zu riskieren.

Doch vor allem will ich loben:

»Holde Maske, Du bist prächtig,

Deine Schönheit mitternächtig,

Perlen, die Du rings verwoben,

Gleichen Deine trauten Augen,

Die nicht für die Erde taugen.«

»Nicht so schnell, das Paradies,«

Heißt es jetzt: »ist furchtbar weit,

Und da man mich draus verstieß,

Trag ich jetzt als brave Maid

Muthig jedes Erdenleid!«

»Oh es ist die Einsamkeit,«

Fall ich ein: »Voll Bitterkeit,

Täglich schlag ich eine Schlacht,

Mein Alleinsein giebt mir Macht,

Du jedoch bist wie die Nacht,

Weib und schwarz und voller Pracht!«

»Müßte Dich erst ganz erproben

Kannst bestimmt auch Andere loben!«

»Oh, bewundern kann ich Viele,

Manche,« sag ich: »hat Geschmack,

Helles paßt zum Faschingstile,

Schwarz jedoch zu meinem Frack!«

»Schließe nicht nach dem Gewand!«

Hör ich: »Mann aus fremdem Land,

Oft verbirgt die schwarze Hülle

Weiser Schönheit Überfülle!«

»Ganz und gar nicht, glaube mir,«

Fall ich ein: »Gewand und Zier

Sprechen offener als ein Mund:

Deine Seele ist ein Schlund.

Weißes Fleisch ist ein Geschenk.

Deine Schönheit Dir zu eng.

Durch die Larve, nicht die Haut,

Hab ich ganz in Dich geschaut!«

»Was Du sprichst ist zwar gewagt,«

Wird als Antwort mir gesagt:

»Doch es freut mich immerhin,

Deine Worte haben Sinn.

Willst Du mit mir plaudern gehn?

Hier wo sich die Paare drehn,

Die Musik von Liebe girrt,

Wird man ganz und gar verwirrt!«

»Auf ein recht vertraulich Wort,«

Sag ich: »geh ich gerne fort,

Hier im Saal ist es so warm:

Schlanke Mohrin, Deinen Arm

Und zugleich die kleine Hand,

Als ein erstes Freundschaftspfand!«

»Alma dürfen Sie mich nennen,

Doch von nun an, bitte: Sie.

Sollen lieber gleich mich kennen,

Denn Sie haben Phantasie.

Stellen Sie sich wenig vor,

Schließen Sie nach meinem Ohr,

Das ist klein und etwas rund,

Und so ungefähr der Mund!«

»In die allerliebste Muschel«,

Sag ich: »wispert man kein Sie,

Du und Du wirkt im Getuschel

Voll von dunkler Harmonie!«

»Nun so muß die Larve fallen!«

Heißt es nun mit Energie.

Was nun folgt, kann mir gefallen,

Dieses Weib hat Poesie!

»Werthe Dame, Ihre Blicke

Gaben mir den ersten Stich,

Doch ich glaube an Geschicke,

Und verstehe manchen Schlich.

Wollte mir daher vertrauen:

Frauen sind nicht fürchterlich,

Doch gesteh ich, Ihre Brauen

Triumphieren über mich!«

Kaum bin ich damit zu Ende,

Reicht sie mir vergnügt die Hände:

»Dem Besiegten«, sagt sie: »Gnade,

Sein wir offen und gerade,

Eben noch voll Prüderie,

Hab ich jetzt schon Sympathie!«

»Nun so wandern wir denn weiter,

Flüchten wir von Saal zu Saal!«

Meine ich vergnügt und heitert

»Menschen sind mir eine Qual,

Sehn wir lieber durch das Fenster,

Hinterm riesigen Krystall,

Auf die silbernen Gespenster,

Dort beim großen Wolkenball!«

»Oh da bin ich gern dabei,

Was ist, bitte, Poesie?

Sehe sie in allerlei,

Doch ihr Wesen saß ich nie!«

Wie mich das die Dame frägt,

Sage ich ihr unentwegt:

»Treue Freunde, Traumgebilde,

Jeder Ahnung Wahrgestalt,

Unseres Wanderns Mondgefilde,

Gar kein Ziel, ein innerer Halt!

Lebenshauche unserer Lieder,

Frühjahre der Seelennacht,

Hier an Ihrer Brust der Flieder,

Der mich bang und froh gemacht,

Aller Dinge Melodie,

Nicht der Glanz, doch das Genie,

Tiefste Wirbelharmonie,

Ist ganz greifbar Poesie!«

»Jene Dame dort im Saale

Scheint mir schön geschmückt zu sein,

Ja, es ist mir, als verstrahle

Sie den klarsten Sonnenschein,

Ihre Tagsmaragden leuchten

Und ich sagte gern, befeuchten

Wie ein helles Quellengrün

Wiesen, wo Narzissen blühn!«

In die Rede stimm ich ein:

»Sehn Sie dort, im Kerzenschein,

Ruht ein Weib fast mitternächtig,

Nur Rubine und Granaten

Übersprühn es urbedächtig:

Skeptisch gegen Tagesthaten

Scheuen sie fast jeden Laut!

Doch auf Ihrem Haare graut

Schon des Morgens Perlenschimmer,

Oh sie tagen, tauen immer!«

Ihre Larve fällt herab,

Scham und erstes Morgenroth

Sah und haschte ich noch knapp,

Und ich weiß was mich bedroht!

»Kommen Sie, doch vor den Leuten

Bleibt es noch beim alten Du!

Dieses Sie darf nichts bedeuten!«

Meint die Maske voller Ruh,

»Nun das sei, um Mitternacht,

Sag ich so wie so dann Sie,

Maske, durch Deinen Esprit

Wird die Zeit mir kurz gemacht!«

Kaum erst ist das ausgesprochen,

Werden laut wir unterbrochen.

Es wirbeln und rascheln im Saal Tamburellen,

In Seide gekleidete Masken umtollen,

Als Eidechsen, Falter, Insekten, Libellen,

Bacchantinnen, die ihre Spenden entrollen.

Mit Reben umgeben sie Fenster und Thüren,

Satyre verschenken Orangen und Nüsse,

Silen will die lieblichste Nymphe verführen,

Und Kinder mit Lichtflügeln werfen uns Küsse.

Jetzt tritt Aristophanes selbst auf das Podium

Und ruft die italischen Masken ins Leben;

Wir sehn lauter Frauen voll Kampflust und Odium,

Und Männer sich weiblichen Launen ergeben.

Rosaura hat eben den Hausstand zerschlagen,

Es kann Harlekin sich darüber nicht trösten,

Doch auch Pantalon nicht den Jammer ertragen,

Er läßt bei Brighella rasch Trostäpfel rösten.

Das alles erklärt von olympischer Warte

Ein Weib, das verzückt aus dem Chore getreten;

Es sagt uns, es sei die Commedia dell’ arte

Das letzte Hellenenthum junger Poeten.

Nun schenken uns Faune ganz reizende Düten;

Wir öffnen sie, tosten und schneiden Gesichter,

Wir möchten das bittere Geheimniß behüten,

Doch schwatzt schon und lacht das Paniskengelichter.

Das Weib am Kothurne entschuldigt sich heiter

Und schwört uns bei Bacchus, das seien die Reste

Des attischen Salzes und fahrt munter weiter,

Was wir nun besorgten, sei weitaus das Beste

Aus Hellas, homerisches Riesengelächter!

Wir sollten es tief aus den Bauchhöhlen holen,

Denn Dionysos liebt alle frohen Geschlechter!

Und nun schlagen Kobolde laut Kapriolen.

Auf einmal erscheinen im Saale Laternen.

Wer trägt sie und schwingt sie? Ganz weiße Gestalten,

Pierrots mit hellflimmernden, blendenden Sternen,

Beginnen jetzt schweigsam beim Feste zu walten.

»Sie sind dem eleusischen Dunkel entstiegen

Und kennen die Paare, die bald sich vermählen,

Und werden sich gleich an die Glücklichen schmiegen!«

Beginnt nun die Pythia mit Schwung zu erzählen.

Nun wird meine Maske, dann ich von Laternen

Und stummen Geberden umschwirrt und umgaukelt,

Und trotzdem die Lichter sich endlich entfernen,

Ists beiden, als würden wir förmlich geschaukelt.

Gottlob, die Prophetin fährt fort: »Die Laterne

Hat Diogenes diesen Pierrots hinterlassen,

Doch auch seine Tonne, – ich zeige sie gerne –,

Ist da, sie kann heimliche Insassen fassen!«

Es will meine Maske nicht wegsehen. Verlegen

Erwarten wir beide recht peinliche Scherze.

Doch nein! Ein gefälliger Gott ist zugegen

Und tritt mit dem veilchenumwundenen Märze,

Der Blumen verstreut, rasch im Pantherfell auf.

Das Faß wird gewendet; es sprudelt der Wein

Wie Gold aus dem Spund; seinen schäumenden Lauf

Durchkreuzen und dämmen nur Trinkbecher ein.

Verschiedene Zwerge mit kreischenden Stimmen

Und sprechende Vögel erscheinen im Saal;

Sie thuen, als würden sie neidisch ergrimmen

Und machen im Fistelton argen Skandal.

»Folge mir aus diesem Saal,

Hier ist alles zu konfus,

Das wird fast ein Bacchanal!«

Sagt die Maske: »Billigst Dus?«

»Nein, ich gehe gerne fort,«

Sage ich sogleich erfreut:

»Sprechen wir ein trautes Wort,

Sinnlos, aber doch gescheit!«

»Sehn wir jetzt dem Windfest zu!.«

Sagt die Maske überrascht,

Wie sie plaudernd, ganz im Nu,

Eine Mondvision erhascht.

Hinterm Fenster sehen wir

Wolkenrosse Leichen ziehen,

Und ein helles Silberthier

Glotzt in Chaosharmonien.

»Willenlose Wirbel sind

Wilde Beute ohne Herrn,«

Meint die Maske: »jedem Wind

Folgen, geben sie sich gern.«

»Flockenwolken stocken dort!«

Fall ich in die Rede ein:

»Scheuen sich in einem fort,

Formen oder Gischt zu sein.«

»Nebeldüten öffnen sich,

Weiße Kelche gehen auf,«

Meint die Maske feierlich:

»Sieh den dichten Irishauf!«

»Welches fabelhafte Gold,

Welche große Pollenwuth,«

Sag ich: »sich dort hoch entrollt

Und dann überm Monde ruht!«

»Gehn wir weiter, möchte jetzt

Eigentlich am Meere sein!«

Sagt die Maske: »denn zuletzt

Sah ich es im Mondenschein.

Ringsum perlte der Kies,

Lauter Wünsche huschten auf,

Alles zerrte, schwirrte, stieß

Ohne Anfang und Verlauf.«

»Habe ich nicht recht geahnt,

Als ich sagte, daß Dein Geist

Dich an dunkle Hüllen mahnt?«

Frage ich die Maske dreist,

Sie erwidert: »Sicherlich

Hast Du recht, zu recht gehabt,

Doch ich fühle, innerlich

Wird die Trauer weggeschabt.«

»Nun, so wollen wir im März«,

Ruf ich froh, »aufs Land hinaus,

Ja es pocht bereits mein Herz

Mit dem wilden Meergebraus,

Oh, der Lenz kommt ungehemmt,

Fühlst Du ihn nicht aufwärtsziehn?

Windeswogen überschwemmt,

Wittert ihn der Appenin.

Jeder Wuchtcharakter beugt

Endlich sich vor Lust und Föhn,

Jede Wandlung, die er zeugt,

Macht den Leichtsinn wunderschön.

Hat doch alte Erdenkraft,

Mit der Sonne hold vermählt,

Den Planeten umgeschafft,

Das er selbst den Gott erwählt,

Der sich ihm als Rausch entrafft.«

»Deinen Fels erklimm ich nicht,

Meine Seele liebt die See,

Dir zu folgen wird mir Pflicht,

Doch bedenk auch Du mein Weh!

Unser Urgeburtenmeer

Zog mich fast zurück zu sich.

Schon ward alles ringsum leer,

Und die Leere fürchterlich.

Doch man hat mich aufgefischt,

Die Erinnerung aber war

Schon im Busen aufgefrischt,

Und nun wird mir völlig klar

(Weiß ich auch nicht recht warum),

Daß ich nichts entfalten darf.

Irgend etwas wehrt es stumm,

Damals aber sah ichs scharf!

Doch ich liebe noch das Meer,

Wenns dem Nichts entgegenschäumt

Und erbärmlich hin und her

Sich verschlagt und wild verträumt!

Schäumt es, glaub ich fast, es sträubt

Etwas sich, nur Wind zu sein,

Doch sowie es ganz zerstäubt,

Gischtet es dann frei und rein!«

»Ja, es sträubt, es bäumt die See

Gegen das Zerstäuben sich,

Schäumend schluchzt sie noch Ade,

Und enthaucht dann bitterlich!«

Fall ich ein, dann faß ich mich:

»Schwarze Maske, lasse das,

Komm aus diesem Witterstrich,

Ohne wirklichen Verlaß,

Rasch zurück zum Maskenfest!

Tritt ans Fenster! Monderhellt

Stehn dort Wesen felsenfest,

Blicke in die äußere Welt!«

»Siehst Du jenen Tropenbaum,

Sterne spähn durch sein Geäst,

Goldig sah ich ihn im Traum,

Und darauf ein Schlangennest!«

Sagt das schwarzverhüllte Weib,

Athmet tief und fährt dann fort:

»Gar nichts hatte seinen Leib,

Ringsum wogte Gottes Wort.

Früchte bunt und schlangenrund,

Sah ich ohne Zeit und Ort,

Eine führte ich zum Mund,

Und da war ihr Ast verdorrt.

Ich verbiß in Felsen mich,

Durch die Zähne troff die See,

Und der Erde Vipernstich

Fühl ich noch als großes Weh!«

»Komme fort und sieh mich an,

Weg von Dir uud jener Welt!

Hänge Dich an Deinen Mann,

Sieh in ihm ein Lichtgezelt.

Was man schaut und rings erfährt,

Das bestätigt was man ist!«

Sage ich: »Denn man bewährt

Tiefer sich als Ziel und Frist!

Wenn man wirklich innig liebt,

Braucht man keinen Wunsch zu fliehen,

Was ein einzger Mensch vergiebt,

Hat schon Gott durch ihn verziehen!«

»Sei mein Freund und steh mir bei,

Nimm den Ring von meiner Hand,

So! Nun bin ich endlich frei!«

Sagt ein Weib mir urverwandt!

Mitternacht! Mitternacht! Die Larven fallen.

Mitternacht! Man erkennt sich, jubelt laut.

Mitternacht! Walzer wallen durch die Hallen.

Mitternacht! Keinem Gaste bangt und graut.

Mitternacht! Die Isis wird bewußt

Und entschleiert sich der Sonnenwelt.

Jubel sprudelt aus der Göttin Brust:

Ihre tiefe Einsicht überwellt

Urgesuchte, weltverliebte Lust.

Wollust wird zu Gott geschnellt.

Mitternacht! Ich beschenke Dich mit Blumen.

Mitternacht! Du trinkst mir zu, man wünscht und hofft.

Mitternacht! Blüthenreif bedeckt die Krumen.

Mitternacht! Der Nordwind geistert und erschreckt uns oft.

Mitternacht! Was sieht nimmt einen Flor.

Völker überziehen sich mit Scham.

Ostern glüht jetzt überall empor.

Geist entsteht. Wer weiß woher er kam!

Mitternacht! Mein Weib und ich sind eins,

Eins im ewiggroßen Weltgebraus,

Glücklich unseres Zusammenseins,

Ruhen wir vom langen Wandern aus!

»Alles Fühlen, alles Denken

Ist ein fremdes oder fernes

Insichselbstsichtiefversenken!«

Sag ich: »Jeder Mensch erlern es.

Doch vor allem soll es gelten,

Sich persönlich zu verschenken,

Licht aus seinen Innerwelten

In die Nächsten zu versenken.

Alles Sehen, alles Lieben,

Ist an sich das wahre Leben,

Blos die Hoffnung ist geblieben,

Die Ereignisse entschweben!«

»Das Gebrause, das ich höre,

Ist wahrscheinlich wirklich wahr,

Lauter unsichtbare Chöre

Singen uns als trautes Paar.

Winde walzen Wolkenwogen

Unaufhörlich himmelwärts,

Für die Liebe ausgezogen

Wuchtet auch in uns der Schmerz.

Dieses Ineinanderbranden,«

Sagt mein Weib: »ist wunderbar,

Oft geht da der Blick abhanden,

Doch auf einmal wird es klar:

Immer neue Wünsche winden

Tief sich in ein Urgemüth,

Können nie das gleiche finden,

Da es sich zu dauern müht

Und in stillen Freiheitspeichern,

Immer fester sich erfaßt,

Und so glaub ich, wir bereichern

Uns auch fort und ohne Rast!«

»Willst Du nicht zum Fenster treten?«

Frag ich: »doch dann sprich nur weiter,

Siehst Du jene Statue beten?

Oh, die Mondnacht ist nun heiter!«

Der Mond umfaßt die Glieder eines Knaben

Und seinen Leib bedecken Perlenschnüre.

Ist das Ekstase, starres Lustgehaben?

Die Schatten dauern still wie Liebesschwüre!

Der Mond will sich am weißen Marmor halten,

Als Weltruine liebt er kalte Gesten:

Das Felsgestirn sucht weithin in den Spalten

Der Erdromantik stets nach hehren Resten!

Der Grieche scheint die Mystik einer Seele

Dem todten Lichte völlig darzubringen,

Dafür empfängt sein holder Leib Juwele,

Die aus der Geisterwelt herüberklingen.

Ein Schein wie Milch umfließt die weißen Glieder,

Und Iristropfen schimmern aus dem Steine.

Selene steht und tritt zum Jüngling nieder,

Es ist, als ob sie küssend ihn beweine.

Nun scheint das Licht sich schweigsam zu beleiben

Und fast die stillen Glieder zu erweichen;

Es wollen beide stumm in Glück verbleiben,

Und blos in einem Liede sich erreichen.

»Schwermuthwolken kann ich wittern,

Gehn wir nicht zurück zum Fest?

Träume wollen uns erschüttern,

Werde mein und halt mich fest.

Furchtbar fühl ich schon die Stunden,

Da man lebt wie jeder lebt!«

Sagt mein Weib: »ich liebe Kunden,

Wo der Mensch sich überhebt!«

»Meinst Du jene Lichtsekunden,

Da man selber sich entschwebt,

Da die Mühe überwunden,

Immer tiefer niederstrebt?

Ja, mit jedem Flügelschlage

Schließt man Gräber unter sich,

Denn die Zukunft aller Tage

Wirkt in Dichtern innerlich!

Doch für heute laß das gehn,

Höhen hat die Erde auch,

Und ihr Wesen ist Gestehn!

Doppelspiel ist Frauenbrauch!

Worte«, sag ich: »kann man zügeln,

Sterne aber scheinen wahr,

Blicke kann man kaum erklügeln,

Immer sind sie offenbar!«

»Nun, so komm, wir wollen schweigen,

Glücklich lehnt sich Traum an Traum,

In uns selber aber steigen

Traute Stunden aus dem Raum.«

»Siehe«, spricht mein Weib: »wie innig

So ein Saal sich selbst beseelt,

Wie sich alles still und sinnig,

Minnig fast in Pracht vermählt.

Oh, der Raum fängt an zu sagen!

Ruht er schon vom Feste aus?

Schweigen ist das tiefste Fragen,

Horch! es lispelt jetzt das Haus!«

Marmorsäulen sind mit reicher Steinmetzarbeit dicht umlaubt,

Tragen dumpf der Fenster Bögen. Karyathiden halten Wacht,

Bleich im Narrenspiel der Menschen, stumm im Wechselspiel der Nacht,

Und die kleinen Nischensäulen sind gewunden und geschraubt.

Oh Ihr weiten, fernen Zeiten! In der Seele wachgerufen,

Taucht Ihr auf, Euch zu empfinden, und lebt fort, wenn Ihr mich rührt.

Altumwandet kommt das Neue, und wir werden so verführt,

Als Erprobtes zu verwenden, was wir eben selber schufen.

Große Römervillen werden Ruheplätze der Natur,

Wo sich tausend Elemente unserm Menschenwillen beugten.

Wesen, die fast abgeschlossen von den Schollen, die sie zeugten,

Geistig und sich selber lebten, wandelten auf freier Spur!

Im Gedanken freie Schwärmer, Philosophen, Forscher, Dichter,

Allen Lebens Feuerblüthen, starke Seelen voller Glanz,

Immer schlürft Ihr, wie Kometen, Pollengold vom Sternenkranz,

Ahnt Ihr aber auch die Gründe ewiglich verschiedener Lichter?

Sterne und ihr Nachtgefolge ziehen durch ein stummes All,

Ihre Sehnsucht weckt das Leben, keine Strahlen gehn verloren,

Denn die Ewigkeit ist innig: und in uns bereits geboren,

Wird der Geist, der sie durchleuchtet, jung beseelt als Widerhall!

Stille Treue zu den Sternen ist das Leben der Planeten,

Und die Sonnensehnsucht zeigt sich als Kometen in der Welt,

Und auch diese werden endlich frei auf ihre Gluth gestellt.

Suchen sie dann selbst die Ruhe, können Welten sich verkneten.

Aller Sterne Feuerblüthen schleift in sich der Weltkomet,

Denn sein Schooß empfängt beim Wandern lauter Sternenelemente,

Doch wir selbst erschaun sein Wurzeln blos auf kurze Glücksmomente,

Wenn er Liebesworten ähnlich seine Feuerschnuppen sät.

»Sieh, im Tanzsaale die Paare!

Hofft dort jemand was wir fanden?

Denn was ich nun tief verwahre,

Hab ich früher nie verstanden.

Sage Du mir,« spricht mein Weib:

»Wie soeben alles kam,

War ich Dir blos Zeitvertreib?

Sage, wie ich mich benahm.«

»Nun wir haben traut geplaudert,«

Gebe ich zur Antwort: »Endlich

Hat man nimmermehr gezaudert,

Alles schien uns unabwendlich!

Holde Anmuth Deines Wesens

Hat mich innerlich bewegt

Und die Ahnung des Genesens

Plötzlich in mein Herz gelegt.

Traut beginnen meine Lieder

Bis ich Höhenlust erwühlt,

Schwer nur faß ich mich dann wieder,

Doch so wie ich Dich gefühlt,

Holdes Weib, blieb ich hienieden,

Deine Augen hielten Wacht,

Riefen mich und strahlten Frieden.

War das meine letzte Nacht?«

»Deine letzten finstern Stürme!«

Sagt mein Weib: »An Deiner See,

Bau ich unsere festen Thürme,

Daß ich Dich beruhigt seh!«

»Richtig,« ruf ich: »Deine Blicke

Senkten gleich sich in mein Sein,

Lenkten schon unsere Geschicke,

Denn ich fuhr im Hafen ein.

Wahrlich, so ist es gewesen,

Jetzt entsinn ich mich vielleicht,

Oh, ich war ein wirres Wesen,

Habe nie mein Ziel erreicht.

Schifflein waren unsere Reden,

Wiegenspiele munterer Fahrt,

Mit der Flagge eigener Art,

Sollten ernst sie sich befehden.

Gut gerüstet als Piraten,

Haben meine aufgepaßt,

Deine sollte Dich verrathen,

Da Du Dich verkleidet hast!«

»Ja, die Wimpel meiner Laune«,

Sagt das Weib: »Verrieten mich!

Wirklich wahr, ich denke, staune:

Alle ließen mich in Stich!«

»Ich verfolgte sie im Treffen,

Hofft ich doch, daß ich verlor,

Ließ oft andere Segel reffen,

Sieh, und endlich kam ich vor!

Hinterm Damme Deiner Zähne,«

Mein ich: »Rüstetest Du fort,

Plötzlich fiel da eine Thräne,

Auf das flinkste Kaperwort.

Oh, da ist es gleich gesunken,

Beide tauchten wir danach,

Alle Mannschaft ist ertrunken,

Unsere Schlacht ward unsere Schmach;

Jene Perle liegt im Meere,

Und wir denken noch an sie,

Todt sind unsere munteren Heere,

Alles schweigt aus Harmonie!«

»Bleib in meinem sicheren Hafen,«

Sagt mein Weib: »ich halte Wacht,

Selbst die Träume sollen schlafen,

Ferne braust die dunkle Nacht!«

Die Putten, mit den schweren Fruchtgewinden,

Die heute lauter Schelmerei erlauscht,

Sind fröhlich, denn nun haben sie verstanden

Was Liebe ist und wie uns Lust berauscht.

Die Spiegel, die Gestalten wiedergeben

Und die dem Saale seinen Prunk verleihn,

In denen scheinbar lauter Paare schweben,

Sind bald bestimmt, ganz blind zu sein.

Erinnerungen werden wiederkehren.

Und tausendfach erträumt sich dann der Saal,

Gleich Spiegeln können ihn Visionen mehren,

Und ringsum wimmeln Nischen holder Wahl.

Doch werden hier die Sammtgardinen rasten,

Im Mondlicht schimmert bald ihr Purpur halb,

Die prachtvollen und schweren goldenen Quasten

Umbaumeln sie darauf gleich einem schweren Alb.

Die Gäste fangen an nach Haus zu gehen.

Die Edelsteine hüllen sich in Nacht.

Aus Sammt und Seide wird bald Wärme wehen

Und feenhaft entschwebt sich selbst die Pracht.

Nun heißt es scheiden und zufrieden bleiben,

Ich nehme vieles Glück vom Feste mit.

Der Abschied drängt: wozu noch Kurzweil treiben,

Zum Wiedersehen wagen wir den ersten Schritt!

Nur lose Blumen darf ich jetzt verschenken,

Sie sind so bunt wie es beim Feste war,

Ich selber will blos an die Freuden denken,

Es wird in Blüthen jeder Frühling wahr!

»Oh, sei mein Lenz, ein ganzes neues Leben!

Oh, lös den Reif, der meine Seele zwangt,

Fort aller Trotz, ich will das Glück erstreben!«

Ruft hold mein Weib: »Die Welt ist gluthdurchtränkt!

Mein Keuschheitsfeuer strahlt zu Deiner Wärme,

Mein Leib ist Dein, es folgt bereits der Geist,

Fühlst Du sie nicht, die flüggen Frühlingsschwärme?

Sie sind aus mir in Dich emporgekreist!

Der starken Sprache frische Sprudellieder

Entschwirren mir zugleich als Sang und Lied.

Das Eis zergeht, ich habe Dich nun wieder,

Urewig bin und war ich blos Dein Weib.

Oh sei mein Lenz, ich kann Dich herrlich bannen,

In Sehnsuchtsbachen spiegle sich Dein Licht.

Fängt dann der Lustschwall an sich abzuspannen,

Umträume mich und schweige, schlafe nicht.

Oh bleibe mir, daß sich die Seelen küssen,

Oh fühle dort, wie Wunsch zum Wunsche bangt,

Denn Träume sind es, die sich hören müssen,

Damit ein Sein im andern sich erlangt!«

Nun sage ich: »Laß an die Brust Dich drücken,

Es jauchze schon, voll Übermuth, ein Kind!

Wir wollen kindlich, kindisch uns beglücken,

Denn Lust zerrinnt, wer bannt sie, hascht den Wind?

Wenn weltvernarrte Träume uns entschweben,

Verspinnen Scherze sich von Herz zu Herz,

Und immer mehr von uns muß sich ergeben,

Der Leiber Gluth vereint zu gleichem Schmerz!

Nicht morgenhold sollst Du mich je entstammen,

Kein Scharlachgold entlohe Deinem Blut,

Ich scheue Freuden mit zu wundersamen

Enträthselungen unserer Geisterfluth.

Ich mag die Welt in voller Sonne sehen,

Wo jedes Fühlen sich zur Klarheit dehnt,

Die Mittagshauche Blüthendüfte wehen,

Erhaben alles sich nach Reife sehnt!

Mich freut der Tag, der sich von Liebe flüstert,

Ich liebe Seelen, die sich ganz vertraun,

Das Feuer, das in stillem Blicke knistert,

Doch vor der Schwüle packt mich arges Graun!«

»Oh sei mein Lenz, laß mich den Traum vergessen,«

Fleht nun mein Weib: »Da ich gar einsam war.

Das war ein Bild voll Weiden und Zypressen

Und selbst die Sonne schien nur selten klar.

Nun will ich Luft und Licht und Dich genießen,

Schon kommt der volle Lenz, der mich erweckt,

Des Winters Irisflimmer wird zerstießen,

Bald scheint die Welt von Teppichen bedeckt.

Wird alles Gold aus dunklem Schacht gezogen?

Sieh, wie es innerlich die Reben wärmt,

Von den Geschöpfen wird es eingesogen,

Da es berauschend durch uns alle schwärmt.

Ein Kuß voll Gluth und Gold soll uns vereinen.

Oh komm, zwei Ringe, kühlen, fühlen sich,

Wir wollen fiebernd uns gefällig scheinen,

Wie bist Du kalt, war das ein Stich?

Wir sind ein paar und eng verbunden,

Wir liebten glühend und sind auch erblaßt,

Was fremd uns schien, verblich und ist verschwunden,

Und nur was beide eint, hat sich erfaßt.

Was unsere Seele nicht unendlich paarte,

Ist weggesprüht, in beiden längst versengt,

Doch was sich heimlich, ähnlich, offenbarte,

Hat sich vermengt und Frieden uns geschenkt!«

Ich sage drauf: »Ich kann nur wenig lieben,

Das, was mich freute wird mir plötzlich fremd,

Was mich dereinst berauschte, das ist stumm geblieben,

Was hat wohl immer noch mein Glück gehemmt?

Mein Traum enttauchte stets dem Abendgolde

Und unermeßlich schien sein Horizont,

Gestalten wandelten in meinem Solde,

Und haben bläßlich sich in Blut gesonnt.

Ich ließ mich oft von Wünschen weiterführen,

Und habe Sänger ahnungslos belauscht,

Ich träumte mich durch offene, goldene Thüren,

Und ward vom Wald in tiefen Schlaf gerauscht.«

»Du rastest nie!« sagt nun mein Weib: »Verbleibe!

Wo rast Du hin, hast Du ein Ziel im Sinn?

Ich habe auch die Nacht in meinem Leibe,

Sie harrt auf Dich, sieh, wie ich hurtig bin!

Schon rauscht aus dunkelen, lebensbangen

Gefühlen Manches wie Verwunderung auf,

Sirenen wollen nach Juwelen langen

Doch trügt der Mond sie und ein Tunfischhauf.«

»Der Mond!« Entschlüpft es mir: »Mit Wolkenflügeln

Erweckt er pulsend kaum den Wind am Meer,

Er küßt die Säume, die ihn glitzernd spiegeln,

Doch grollt die See, denn grau ist sie und leer.«

»Ich habe ja das Meer erschaut, empfunden,«

Sagt nun mein Weib: »Es sucht und hascht die Lust,

Sein ganzes Wesen ist von Glück durchwunden,

In Geistern, Fischen, durch und durch bewußt.

Ein Irisschleier, Netze der Sirenen,

Verschlingen sich um jeden Funkenschaum,

Und Briefen, die sich sprühend weitersehnen,

Verstrahlen flimmernd, irgendwo im Raum.

Das Meer genügt, vergnügt sich, ohne Mitte,

Und spendet was das Mutterland verlangt,

Denn schlagend flüstert es die dumpfe Bitte:

Gieb mir zurück, wonach mich lange bangt.

Die Erde seufzt darauf und athmet schwerer.

Da springt die Briese auf. Der Schiffe Schwarm

Kehrt rasch zurück. Das Meer wird leerer.

Und alles schläft dann ohne Angst und Harm.«

»Oh sei mein Hort, mein Heim,« steht meine Stimme:

»Auf heller Briese wehe ich Dir zu.

Daß nur mein Heimathlicht jetzt nicht verglimme,

Sonst findet meine Seele keine dunkle Ruh.

Du bist mein Pharus, will Dein Licht mich rufen?

Schon wirft es mir sein langes Flammenseil.

Dort ist der Hafen. Da der Mole Stufen.

Ins Dunkel sticht und wühlt der Blendepfeil.

Das Wasser kann allein das Licht erfassen:

Ihm ist kein Stern zu ferne und zu schwer.

Wird sich in Dir mein Glück empfinden lassen,

Und sei es schwankend nur, wie tief im Meer?«

Sahst Du noch nie den Fall der Leoniden?

Wenn Sterne lautlos durch den Äther zittern

Und ringsum sich beim Falle noch zersplittern,

Erkennst Du doch den großen Wunsch nach Frieden.

Blick auf die Vögel! Ziehen sie nach Süden,

So scheinen sie, vereint, kein Arg zu wittern.

Doch kann ein einziger Sturz den Zug erschüttern,

Denn gleich fühlt sich der ganze Schwarm ermüden.

Dich konnt ich durch ein tiefes Wort erlangen,

Denn Du ergabst Dich plötzlich unbewußt,

Und Scham und Liebe quoll in Deine Wangen;

Jetzt glüht Dein Fühlen hold an meiner Brust.

Bald kann ich Dich in voller Gluth umfangen,

Denn Ruhe sucht urschließlich jede Lust.

Nun bist Du mein! Denn wunderbar ist Liebe,

Ein Tag von Stimmen, über uns gekommen.

Wir haben uns im trüben Lautgetriebe

Nur allzutief und klar und ganz vernommen.

Stets überwellten Wünsche Deine Brüste

Und ich bedrückte Dich durch Liebesschwüre,

Doch heute ruhen diese Herzgelüste

Und Deinen Nacken zieren Perlenschnüre.

Erinnerungen schimmern durch die Freuden

Und traut und traurig seh ich Bilder wieder,

Ich harre in unendlichen Gebäuden

Und Träume wachen auf als lauter Lieder.

Ich will das Unvergleichliche verstehen

Und sehe mich im Mondlicht über Seen,

Ein Fieberwind kann mich so mild umwehen,

Daß alle Sterne zitternd untergehen.

Aus Perlen können zarte Träume thauen,

In ihrem Wesen schlaft ein Abgrundgrauen,

Das sie geängstigt immerdar erschauen,

Und Schicksal scheint aus ihnen aufzublauen.

Auf einmal wandle ich in tobten Hallen.

Sie scheinen gothisch und am Mond entstanden,

In Gängen seh ich Wesen heimisch wallen,

Und schon gefall ich mir in diesen Landen.

Unweigerliche, ehrliche Zypressen

Umwuchten dort das einfachste Gebäude,

Da drinnen kann man seine Welt vergessen

Und schöpft aus Seelenbrunnen Himmelsfreude.

Ein Marmorhaus mit seltenem Kirchengibel

Erschimmert jetzt in sanfter Perlenbleiche,

Und hehre Bildergruppen aus der Bibel

Erschauen sich im goldenen Himmelreiche.

Orkane, die zumeist als Traum verblaßten,

Vielleicht das Mittelalter meiner Ahnen,

Gewalten, die sich niemals klar erfaßten,

Beginnen mich bestimmt an sich zu mahnen.

Ein Dom, gewiß dem Monde zugewendet,

Versteinert ringsum seine grünen Muster.

Dort, wo die Hostie ruht bin ich geblendet.

Was glimmt! Ich werde urbewußter.

Ich trete vor und höre hohle Stimmen,

Das ist das KryptaEcho meiner Todten,

Jetzt fängt das Blut der Steine an zu glimmen,

Oh Gott, der Mensch erkennt Dich in Geboten:

Es singt der Fels sein Lied in Strahlengarben.

Oh Herr, gestatte, daß ich einsam werde.

Ich mag um sanfte Marmorstille darben.

Beruht auf ihrem Nordlichte die Erde?

Oh kalte Flamme, leichter als das Leben

Und stiller als die nackten Felsenriesen,

Ich will Dich wie der Stein in mir erstreben,

Oh Herr, Du seist im jüngsten Glück gepriesen.

Der Tempel ist noch immer nicht verschwunden.

Wie kann ich diesen Traum so lange bannen?

Ich bin ihm jetzt durch Wirklichkeit verbunden

Und blos ein Wille bringt mich nun von dannen.

Da schwelgt die Stadt in bleicher Perlenzierde.

Mit Marmorthürmen blickt sie zu den Hügeln.

Doch keine Rhythmen zeigen hier Begierde,

Und Linien seh ich nirgends Sehnsucht zügeln.

Der Fluß mit seinen WaldIntimitäten

Vertheilt gerecht des Thales Ernst und Milde,

In Buchten drängt er sich mit Bußgebeten

Und vor Gemäuer schwemmt er Mondlichtschilde.

In heimlicher Entfernung ragen Vesten,

Der stille Perlenstrom gelangt zu jeder.

Auch ruht ein Nebel fern auf Burgesresten,

Und scheint mir eine Ghibelinenfeder.

Es ist, als ob ein Traum zu sein sich schäme.

Trägt jegliche Idee in sich Verzicht?

Denn sonderbare, große Bergprobleme

Besonnen sich in meinem Innerlicht.

Versteinert sich noch immer nicht mein Schweigen,

Und doch, es schmückt, berückt uns jetzt ein Lenz,

Erinnerung, Du sollst der Nacht entsteigen,

Ich rufe Dich, ich nenne Dich Florenz!

Fürwahr, das sind die edlen Festungsthürme,

Die ich von San Miniato voll empfand,

Dort sah ich allen Marmors Flammenstürme

Und stummer Gluthen leisen Daseinsbrand.

Rings sehnen Lehnen sich zum Arno nieder,

Und Ölbestände glimmen still empor,

Sie lispeln ihre leisen Silberlieder,

Und oft tönt oben ein Zypressenchor.

Du wundervolle Landschaft, Deine Milde

Hat ein gewaltsames Geschlecht verstärkt;

Und deshalb ragt ein Schloß in einem Bilde

Unbändig auf, wenn man es kaum bemerkt.

Das goldene Ostergrün bethauter Wiesen

Erknospt, wenn längst die Morgenlerche singt,

Und rings um steilbethürmte Festungsriesen

Ein mädchenhafter Frühlingshain sich schlingt.

Toskanas Geist erklärt sich mir in Worten,

Schon hat er bleibend sich in mich versenkt

Und meine Sehnsucht oft zu holden Orten,

Zu Füßen hoher Zwingburgen, gelenkt.

Ich liebe Dich, Bereich der Silberlinien

Und Schneegebirge, die als Hauch verwehn,

Gelände, wo nur selten niedere Pinien,

Geschieden von Zypressen, einsam stehn.

Florenz, Dein Volk soll Städtemauern bauen,

Du hast die Arbeit kraftvoll anerkannt,

Dein Geist will Felsentrümmer rein behauen,

Und Klarheit ward durch Dich in Stein gebannt!

Du gabst der Erde Thaten und Ideen,

Doch niemals ward Dein Boden Schwärmern hold,

Du hast Dich selbst als Wirklichkeit gesehen

Und Leib und Seele ganz und rein gewollt.

Die Nacht in Deiner Seele ist nicht finster,

Du kennst doch kaum ein mystisches Versteck,

Aus Deiner Öde blüht noch goldener Ginster

Und lacht und duftet über jeden Zweck.

Es ist Toskanas eingeborene Stimmung

In ihren Robbias eigentlich erwacht,

Sie schufen ringsum kalte Prachterglimmung

Und haben Märzbeginnen angefacht.

Die Engel, die durch blaues Wasser waten,

Wie man sie oft auf Wandmedaillen sieht,

Vermocht ich selber einstens zu errathen;

Es war, als still ein Arbeitstag verschied.

In goldener Wonne ruhten die Maremmen,

Und nirgends, nirgends, regte sich ein Wind:

Da nahte, zwischen eines Flusses Dämmen,

Auf einmal mir ein hehres Himmelskind.

Es mußte sicherlich durchs Wasser schreiten,

Es kam so langsam wie ein Riesenschwan,

Es schien die größte Stille zu verbreiten

Und hat dem Uferhain kein Leid gethan.

Es glühten seine Flügel durch Zypressen,

Die fühlten wohl sein Aureolenlicht,

Denn sie verneigten sich wie angemessen,

Und alle Dinge schienen wirklich schlicht.

Dann kam der Traum mir leider in die Nähe,

Ganz plötzlich hielt ich ihn für reinen Dunst,

Und da empfand die Seele arges Wehe,

Und es verließ sie wohl des Himmels Gunst.

Ein Schiff sollte den letzten Zauber rauben,

Denn als ein solches fuhr der Traum vorbei,

Doch was ich sehe brauch ich nicht zu glauben,

Ich und die Segel sind sich einerlei.

Florenz, das ist ein kühner Frühlingstag,

Ich stoße überall auf heiteres Glück,

Wohin ich auch die Blicke wenden mag,

Es fallt in mich ein Eindruck stets zurück.

Die Sonne blendet heute überall,

Ich kann ihr wirklich kaum entgehn

Und wittere einen Seelenüberfall,

Will gar in mir ein Omen auferstehn?

Ich pralle abermals vor Glanz zurück.

Der Arno schien mir gerade ins Gesicht.

Ich gehe wiederum ein kleines Stück:

Und endlich wird es in mir selber Licht!

Erscheint vielleicht im Geist der weiße Christ,

Ist meine Seele wahr und keusch genug,

Legt seine Milde sich in meinen Zwist,

Da ich schon häufig heiter Leid ertrug?

Entstehe, bleicher Heiland, fern in mir:

Du blendest mich und bist dabei so weich.

Das ist mein Seelengrund: erfüll Dich hier!

Beherrsche mich, Du bist in Deinem Reich!

Wie eine Zelle sei mein stilles Herz,

Oh, geh in sie, wie in San Marco, ein,

Dort ist das Leid so weit von jedem Schmerz,

Oh könnt ich einsam, rein und einfach sein!

Maria ist die Reinheit in der Welt,

Die einzig Gottes Flammenwort empfangt,

Und wenn sie das in sich verborgen hält,

Hat sich der Herr in seinen Sohn versenkt.

Ihr Engel, Wanderer, Esel, Rind,

Erzählt Euch selbst, was Ihr bei der Geburt

Von unserm Gottgeschenkten Gnadenkind

In Eurer biedern Einfachheit erfuhrt.

Denn damals wurde Er in Euch bewußt,

Ihr wart voll Angst und deshalb floh er Euch,

Dann hielt der Nil ihn noch an seine Brust

Und wer ihn zeugte, folgt ihm mit Gekeuch!

Bei seiner Taufe ward ihm selber klar,

Daß er der Heilige der ganzen Welt

Und der Verkünder ihres Geistes war:

Der Jordan selber hat sich aufgewellt.

Oh Herr, jetzt steigst Du aus dem dunklen Grab.

Ob Dich dazu der Wächter Schlaf beschwingt?

Zwar trägst Du schon den holden Friedensstab,

Doch bist Du noch von Urvergessenen umringt.

Was Dir nicht nahen kann, bleibt immer da.

Verbunden sind Dir ewig Fuchtel, Pfahl.

Wo jemals eine Christenthat geschah,

War sie ein Sieg über den Stolz, die Qual!

Der Herr mit seinem Leibe ist nun fort.

Der Engel macht es seinen Jüngern klar:

Er lebt in uns. Er flammt aus Gottes Wort.

Er strahlt nun ewig in der Christenschaar.

Hier ist er nicht, im finstern Grabesloch,

Noch oben zwischen Sternen in der Nacht.

Doch leiblich ist er da. Erkennt ihn doch!

Oh geht ihm nach, versucht was er vollbracht!

Oh Christus, wär ich rein und weltenbleich,

Erfröre endlich jeder Erdensinn,

Erthaute ich in Deinem Himmelreich,

Wie bin ich schwach und sehn ich mich dahin!

Oh Gott, Dein Sohn erscheint im Frühlingshain.

Die Magdalena sieht ihn schwebend gehn.

Es ist kein Thau so klar, kein Schnee so rein,

Wie das Ereignis, das vor ihr geschehn.

In seinem Schweigen schläft bereits das Leid,

Er ist der Dinge allerdünnster Hauch,

Das Leben, das sich seinem Schöpfer weiht,

Der Trost und unser holder Wesensbrauch.

Als Gott mit uns bis in die Sünde fiel

Und in der Wesenheit unendlich blieb,

Enthüllte Er sich als das Himmelsziel

Und tilgte eifrig jeden Wuchertrieb.

Auf dem Erbarmen, das sein Sohn empfand,

Beruht nun auch des Vaters Gnadenthum,

Und in den Christen bleibt das Unterpfand

Von unseres Schöpfers Wirklichkeit und Ruhm.

So hat am Tabor Christus sich verklärt,

Berückend hell war die Astralgestalt,

Er ward das Ganze, das sich nie verwahrt

Und ewig sich in uns zusammenballt.

Es reichen seine Hände aus dem Ei

Des eigenen Wesens und zugleich der Welt,

Er ist der in sich selbst gekehrte Schrei,

Der jedes Wert im Nichts zusammenhält.

Erhoben und zerschmettert ist das Sein.

Die Jünger stürzen, oder wallen hehr,

Aus diesem Erdenleben voller Pein,

In Jesus Christus weites Gnadenmeer.

In Viele schwankt und wankt etwas zurück,

Doch Alle drängt des Geistes Majestät,

In tiefsten Seelenwinkeln glüht das Glück,

Auf dem Er noch in hehrer Pracht besteht.

Maria wird vom Sohne hold gekrönt.

Sie beugt sich keusch zu ihrem Heile vor.

In ihr sind Schöpfer und Geschöpf versöhnt.

Ekstatisch singt die Welt den Gnadenchor.

Angelico, in Dir erklingt er rein,

Wie nirgends sonst in Deinem Heimathland,

Du knüpfst von ganz Toskanas Frühlingshain

Zu Gott ein wunderbares Friedensband.

Florenz, es sprüht aus Deinem großen Ernst,

Ein heiteres Erdenlicht zu Gott empor,

Oft mein ich, daß Du Dich vom Leid entfernst,

Und Deine Seele wellt sich wie ein Flor.

Ein vollerfüllter Wunsch befreit zu sein,

Auf Gottes Sonnenstille zu beruhn,

Eine Idee, der sich die Engel weihn,

Entschuldigt da das untere Sein und Thun.

Oh, wie das jubelt und der Welt verzeiht!

Wie sich das Licht, wenn alles still ist, regt!

Wie sichs Verzückungsstunden hehr verleiht

Und rings die Erdgeschicke redlich wägt!

Ach, dieser Glanz ist außen wie in mir.

Die Sonne selbst hat Gott für sich gestellt.

Als Licht erwärmt Er Menschen, Flur und Thier,

Und ist der Sohn! Und wir sind Geist der Welt!

Oh Gott, Du krönst die Schöpfung, die Du liebst,

Wo ich auch irre, folgt mir Deine Luft,

In der Du Deine ganze Huld vergiebst:

Ich liebe Liebe, Wärme, Licht und Duft.

Florenz, das sind die Erzstunden des Tages!

Jetzt sehe ich die Steingespenster kaum,

Doch zittert nun ein seeliges und vages

Erleben, aus den Bronzen in den Raum!

Es einen Feuer, Wasser, Schmelz und Härte,

Der Geist und die Materie sich im Erz,

Es ist ob Kupfer Lust in sich versperrte,

Und ungebändigt friert im Zinn der Schmerz.

Verocchios Reiter und nervöse Pferde,

Die Jünglinge, die hold die Sonne freit,

Sind dauernde Geständnisse der Erde,

Die fiebernd sich der Sonnenliebe weiht.

Aus Pollajuolos holden Knabenlippen

Erschäumt noch jetzt des Gusses Innergluth,

Des Sonnenlichtes Salamandersippen

Entschlürfen solchen Mündern Wollustblut.

Das Erz ist nackt. Es will sich sieghaft sonnen.

In Donatellos David ward es frei!

Es hat der kleine Leib entblößt gewonnen,

Er hielt allein die Fußbekleidung bei.

Die schien ihm schön! Ob er sie brauchen konnte?

Als Harnisch wird sie stets am Licht bestehn,

Und wie er seinen Körper lieblich sonnte,

Vermocht er es, sich fertig anzusehn.

Die Thiere des Bologna werden munter.

Es sucht ihr Blut im Erz die Sonne auf.

Ein Truthahn sträubt sich, balzt mitunter,

Und Echsenvolk vergoldet sich zu Hauf.

Des Baptisteriums grüne Wunderthüren,

Verkünden sich im Glanz, was einst geschehn,

Und ihre Thiere und Guirlanden spüren

Bestimmt in sich den Frühling übergehn.

Gestalten, die an Bronzepforten hungern,

Berührten oft mein wehmuthsvolles Herz,

Und Hunde, die längs warmen Mauern lungern,

Ersah ich schon und fand ich drum in Erz.

Es giebt auch ewigstarre Kupferpfaue,

Verschiedene Schildkrotpaare aus Metall,

Verzinkte Katzen lieben das Getraue

Vom großen, ganzen Mittagssonnenschwall.

Es ringeln Igel sich am Licht zusammen.

Ein Stieglitz pickt ein Sonnenbrosam auf.

Es streben Krebse aus gebrochenen Flammen,

Und Schlangen knüpfen einen Klopferknauf.

Als einst sich ein Flamingo her verirrte,

Bereitete ein Meister seinen Guß,

Und als er wiederum der Stadt entschwirrte,

Bestand er schon als Kunstentschluß!

Selbst jene erzexotischen Giraffen,

Die man den Medicis einst dargebracht,

Erschienen hier, sich dauernd umzuschaffen,

So daß man ihren Bau noch jetzt belacht.

Auf einem Thurme seh ich Störche hocken,

Auch brütet über uns der Mittagsball,

Es läuten sonngebräunte Männer Glocken

Und so erklingt und wirbelt rings Metall.

Des Knaben Tag vertiefter Mittagsnabel

Bestärkt um sich die ganze Lichtfigur,

Und Jovis Adler raubt mit scharfem Schnabel

Und hellen Krallen seine Kreatur.

Die Glockentöne geben ihr Gestaltung,

Nun sehe ich das Sonnenthier genau,

Auch Ganymed erscheint mit schlanker Haltung

Und schwebt im Erzlicht auf der FrühlingsAu.

Es schlafen Ziegen müde auf den Feldern,

Es hat die warme Luft sie übermannt,

Die Wälder füllen sich mit Brunstvermeldern,

Dort tanzt ein Greis, priapisch angespannt!

Florenz, das sind die Erzstunden des Tages,

Des Mittags urentscheidender Moment,

Die Schicksalsmacht jedes Vernichtungsschlages,

Der Schöpfungssturz, in dem sich Gott erkennt!

Der Augenblick, in dem bereits das Messer

Von Abraham des Sohnes Hals berührt,

Und da der Engel rufend einfällt: »Besser

Als Jakob, das geliebte Kind, gebürt

Es sich, für Jahwe einen reinen Bock zu schlachten!

Oh sieh, da Du das Feuer angefacht,

Begann Dich scheu ein Widder zu betrachten!«

Und Brunelleschi hat das Werk vollbracht.

So strahlt der Durchblick, wenn sich Kinderseelen

Entscheiden Knabe oder Maid zu sein,

Wie andere unbewußt sich nur erwählen,

Als Idolino allem sich zu weihn.

Florenz, am Himmel stehen weiße Lilien

Und strömen Pollengold zu Gott empor,

Es schlingen Bäche sich wie Lichtreptilien

Durch manches burggekrönte Felsenthor.

Der Arno breitet sich im Sonnenscheine

Still zwischen Hainen und Palästen aus,

Wohl übergolden sich bereits die Steine,

Doch schweigt noch lange nicht der Tagesbraus.

Ich sehe Bauern jetzt, auf schlanken Booten,

Stromauf und abwärts ihrer Hauptstadt nahn.

Was für ein Schaustück wird mir nun geboten?

Nur Blüthen duften, glühn aus jedem Kahn.

Es wallen Züge über hohe Brücken,

Jahrhunderte erwehn in diesem Traum,

Ich sehe Häuser sich mit Flieder schmücken

Und Nenupharen gleicht des Flusses Schaum.

Zur alten Hochburg folge ich der Menge,

Denn dorthin rankt sich jeder Blüthenkranz,

Und eine Rosenschlange sonder Länge

Umfaßt bereits die Häusersäume ganz.

Am Platze gleißt ein Riesenscheiterhaufen,

Es höhnen, lachen Schemen wild empor,

Die Henker harren. Ihre Knechte laufen.

Drei Mönche schreiten aus dem Kerkerthor.

Doch eigen! Bauern legen weiter Blüthen

Auf alle Stapfen ihrer Heimathschmach,

Es ist, als ob sie traumhaft sich bemühten,

Zu tilgen, was dereinst Florenz verbrach!

Savonarola schreitet stumm zum Galgen

Und denkt sich, über sich, zu Gott zurück,

Im Umkreis aber sieht er Spuk sich balgen,

Denn Jeder hascht vom Schauspiel blos ein Stück.

Es weiß der Mönch jetzt nichts mehr vom Gefängnis,

Die Marter im Bargello war so arg!

Wogegen jenes Thurmes Schreckensengniß

Beinahe holde Einsamkeiten barg.

Nun zwitschern Vögel um die Seufzerkreise,

Die dort des Heilands Liebling tief erwühlt,

Sie schluchzen laut und jubeln schließlich leise,

Denn Schmerzen werden fast durch Schmerz gekühlt.

Die Bauern bringen immer noch Guirlanden

Und schmücken wunderbar den ganzen Platz,

Ich sehe weiter neue Barken landen:

So flechtet fort, Toskana birgt Ersatz!

Savonarolas Martern waren schrecklich,

Wie stieß das Erz in seine Weichen ein,

Es hieß: »Ist Deine Reue unerwecklich,

So sollst Du fort und fort gefoltert sein!«

Er hörte sich, vielleicht auch Andere schreien,

Die Erzgesetze, die er einsam floh,

Begannen Henkern Rachekraft zu leihen,

Die Not zu leben wurde ringsum roh.

Es kitzelte, erhitzte diese Knaben,

Des armen Mönches Peiniger zu sein,

Vor ihm verkupferten sich plötzlich Raben

Und pickten in sein wundes Fleisch hinein.

Ein Truthahn wühlte sich aus seinem Bauche

Unweigerlich, entsetzlich geil empor,

Er gluckste wie ein Darm und sein Gepfauche

Ging unter Messern selbst in Erz hervor.

Nun denkt der Mönch an seine Zelle,

In der sich Christus hold zu ihm geneigt,

Hat doch die Fluth der inneren Wesensquelle

Ihm stets den Sieg über das Leid gezeigt.

Die Bauern bringen weiter Rosen und Narzissen,

In Barken und auf Karren weit herbei,

Der Mönch kann sie nicht sehen, doch ahnen, wissen,

Daß er ein Keim im neuen Lenze sei!

Jetzt fressen fast wie Kupferkrebse Flammen

Sich in des armen Mannes Nacktheit ein,

Sie müssen wohl aus den Bargello stammen,

Ja, dorther kommen sie in langen Reihn!

Doch wird die Zelle von San Marco weiter,

Der Heiland dämmert in ihr Inneres ein,

Wie herrlich strahlt die hehre Himmelsleiter,

Die Gnade kann ihm Leichtigkeit verleihn.

Die Hähne aus Metall verschwinden krähend,

Der Tag und seine Kraft vergeht in Nichts.

Zurück Astralwelt! dieser Geist wird sehend

Und überblickt sich jenseits des Gerichts!

Der Duft der Tugenden kann ihn umarmen,

Es heben seine Engel ihn zum Heil,

Wie ruhevoll wird er in Gott erwarmen,

Er weiß es tief: sein Weg war gar nicht steil!

Es ist der Scheiterhaufen jäh verschwunden,

Der Platz wird aber weiter ausgeschmückt,

Die Thürme sind durch Kränze weit verbunden,

Die Feindlichkeiten scheinen überbrückt.

Es streuen zarte Kinderhände Rosen,

In denen Wangenroth auf Schnee erglüht;

Ich fühle rings, wie sich Gerüche kosen,

Wie sich ein Duftgewind zu werden müht.

Die volle Pracht der ernsten Loggiabögen,

Die dreimal ihren Schwung bestätigt hat,

Das Merkmal ewig stummer Sprackvermögen,

Bleibt einzig ungeschmückt, erstarrt und glatt.

Doch kann jetzt Perseus hier sein Erz beleben,

Noch wirkt er stolz in grüner Ruhe fort.

Es siegt der Geist, was soll die Welt daneben,

Er ist das wieder stumm gewordene Wort!

Er mag das abgeschlagene Haupt nicht zeigen,

Er wägt es nur und findet es nicht schwer,

Und doch; ihm ward ein großer Sieg zu eigen,

Denn in sich selber würdigt er sich hehr.

Am Arno seh ich weiter Blumen landen,

Sie wellen Düfte um Fiorenzas Brust,

Die Vögel schlingen rings Gesangsguirlanden,

Und alles duftet, jubelt, schluchzt vor Lust!

Es ruft mein Weib: »Du darfst im Singen nicht ermatten,

Es hat Florenz die jungen Werthe angefacht,

Und Mancher darf sich hier ein Heimathlied gestatten!

Oh sieh das Paradies, das aus Toskana lacht!

So blieb der Grund von uns, so muß es ringsum werden,

Im Genius ist schon oft ein Traum davon erwacht.

Einst wird es wieder tiefer Nordlichttag auf Erden,

Die Gluth, die auf den Hügeln in die Reben knistert,

Beginnt sich plötzlich urrebellisch zu gebärden.

Der Wind, der schlangenkalt vom Paradiese flüstert,

Verbreitet leicht und hurtig unsere Sehnsuchtsmähren.

Wie gerne werden Elemente jung verschwistert!«

Da fall ich ein: »Die Urgefallenen begehren,

Am mächtigsten durch das Genie, das sie uns spenden,

Aus ihrer Weiblichkeit zur Macht zurückzukehren.«

Da ruft mein Weib: »Aus unserer Erdenmutter Lenden

Ging einst ihr Hoffnungssohn, der holde Mond, hervor,

Und damals wollte alles sich zum Vollen wenden.

Das Leben schlang der Goldepocken Märchenchor,

Das Lamm war wirklich mit dem Löwen traut verbrüdert,

Und Mondbewohner sorgten für die Nothdurft vor.

Wir alle waren wieder engelsgleich befiedert

Und schlürften Thau als unsern frischen Morgentrank,

Denn unser Seelenfriede wurde rings erwidert!«

Ich falle ein: »Es ward der Mond auf einmal krank,

Da siechten auch die Wesen dieser Erde hin,

Dann starb er ab und allen uns ward todtenbang!«

Nun ruft mein Weib; »Das Dasein birgt den gleichen Sinn,

Toskana ist als letztes Paradies geblieben,

Aus seinem Boden schöpft die Zukunft noch Gewinn.

Das Urlicht will aus seinen Lieblingskindern sieben,

Der Mond entringt sie seiner Mutter fort und fort,

Ein Zweiter kommt in uns und strahlt in Seelentrieben.

Wenn auch Toskanas Erdenparadies verdorrt,

Wird doch gereiftes Innergold Triumphe feiern,

Schon wogt der Mond in uns, Heil unserm Seelenhort!«

Die letzte Heimath kann sich plötzlich mir entschleiern,

Sibiriens Gletscher sind mit Gnadenglast besprengt,

Es singen Kinder, Greise spielen noch auf Leiern.

Der todte Mond ist durch das ewige Licht verhängt,

Der Norden strahlt sein Blut in Welt und Seelenfernen,

Im Menschen hat die Freiheit sich der Brunst entengt.

Du ahnst den Ineinandersturz von Rassenkernen,

Die goldenen und die weißen Völker sind versöhnt

Und spenden ihres Wesens Heimlichkeit den Sternen:

Durch Geistesjugend wird das graue Land verschönt!

Die Windesschlangen lispeln schadenfroh von Eden

[Rand: Botticelli]

Und fiebern goldig dort durch einen Lorbeerhain,

Es will der Abend mit den Blattern freundlich reden

Und Dämmer zieht in die verborgenen Seelen ein.

Am Arno wandeln junge, mythische Figuren,

Ihr Frühling fühlt sich ungeschwächt zur Ruhe gehn,

Ich sah sie oft mit Sonnenuntergangskonturen,

Als Rätsel still erstehn und bald darauf verwehn.

Oft schienen sie, in Thau gehüllt, sich kaum zu wiegen

Und stumm zu weinen, weil ihr Perlenschmuck zergeht,

Sich aneinander schlank und schmerzensbang zu schmiegen

Und hold zu horchen, ob ihr Schicksal sich verräth.

Es blicken Augen, die den ganzen Tag erschauten,

Durch edle Lust vergeistigt, in den frühen Tod,

Und blasse Leiber, die der Tagespracht vertrauten,

Sind urerborgt von goldenem Abendroth umloht.

Die Sorgenbilder eigener Jugend werden schwinden,

Wohl sind sie noch ein Traum, doch sehe ich sie kaum,

Vielleicht kann ich auf einmal sie nicht wiederfinden,

Doch perlt und schimmert jetzt des Flusses Muschelschaum.

Auch in mir selbst ist vieles Schöne schon erstorben,

Und Schnörkel, Schnecken seh ich Abends rings umher,

Wie wenig habe ich bisher im Leid erworben,

Und was mich freut, wird schließlich wieder inhaltsleer.

Nun sind sie weg. Ich wußte es. Die Dunstgestalten,

Die Frühlingsfreuden haben keinen eigenen Halt.

Nun heißt es, Hoffnungen von trüben Dingen spalten,

Der Geist glüht fort und viele Formen werden alt.

Mein Gott, ich habe mich vom Jubel abgewendet

Und horche fort und fort und immer ohne Grund:

Wozu wird meine arme Seele wild verwendet?

Ich lausche auf, doch nirgends ruft ein Wundermund!

Es blickt der Mond schon skeptisch auf die Dinge nieder.

[Rand: Ambrogio Lorenzelli]

»Er fühlt sich«, sagt mein Weib: »als ganzes Element,

Es regen Thierbeginne ihre Ringelglieder,

Erwirbeln sich und werden wieder rings getrennt.

Den Sternen gleich, die ängstlich durch die Dämmerung spähen,

Ob alle Fremderscheinungen bereits verwehn,

Beginnen viele Silberwische zu entstehen,

Um wieder hurtig zwischen Strudeln zu vergehn.

Es macht der Mond im Fluße Quecksilberversuche

Zu einer geilen, jugendhaften Wirkungswelt,

Es spüren Hunde vieles schon vom Brunstgeruche,

Oh hör, wies von Gehöften fern herübergellt!«

»Die Ölbäume, die dunkle Fluren übersilbern,

Verstecken,« sag ich: »manchen grauen Aufenthalt

Von kindischen Geheimnißweltentsilbern,

Die immer wispeln, was nicht mehr zu Ohren hallt!

Oh sieh, dort wird ein müder Esel heimgetrieben,

Wie eigentümlich er vom Fluß gespiegelt wird!

Man stößt und zerrt ihn, sag, wo ist der Herr geblieben?

Hat er, oder das Thier sich hier, vor mir verirrt?«

»Oh lache, lalle nicht, so angstvoll ernste Sachen,

Du magst,« sagt mir das Weib: »Kentauern sehn,

Erfahre Deine furchtbar urempfundenen Drachen,

Doch wehe Dir, wenn je wir auseinandergehn.

Du bist ein Kind und trinkst die Milch von meinen Brüsten,

Du thust so dumpf, weil Dich nach weiterer Lust verlangt,

Genügt kein Liebesglück, kein Weib, Deinen Gelüsten?

Bist Du vielleicht an eitel Übermacht erkrankt?«

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

[Rand: Paolo Uccello]

Er sei von Silberkatarakten überschwemmt,

Allein die Arche Noahs soll noch fort bestehen,

Man hämmere, zimmere sie, geheim und ungehemmt!

Es kommen alle Vögel langsam angeflogen

Und bauen sich in ihrer Rettungsburg ein Nest,

Auch andere Thiere fühlen sich herbeigezogen

Und kommen selber, Paar an Paar gepreßt!

Im Mondenscheine lagern aber noch Geschlechter,

Auf die das Silberlicht sein Todtenlinnen senkt,

Was helfen da die schwerbehelmten Uferwächter,

Da hoch der Mond das Sterben über sie verhängt!

Kameele kommen mit fast menschlichen Gesichtern

Aus großen Wüstenfernen schwerbeladen heim,

Vom Sonnentag verführt, begleitet von den Richtern,

Den Sternen, wittern sie des Mondes Todeskeim.

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Schon stehen nun Figuren wie Gespenster da,

Und überall, wo Nachts die Silberwinde wehen,

Erfriert, erstirbt beinah, was je am Tag geschah.

Im schwachen Schatten freundlicher Olivenbäume

Verschlafen Schafe rings das stille Mondesgraun,

Sie sind wie todt, denn schon verlassen sie die Träume,

Um brünstig sich in Fremdnaturen zu erschaun.

Dort gehen sterbliche Gestalten eben jagen,

Ihr Hund beschnüffelt jeden Mondesschattensaum,

Im Grünen hör ich viele kleine Stimmen klagen,

Den Tod der Eltern fühlen sie vielleicht im Traum.

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Ich nehme die Idee von jedem Thier zu mir,

Ein stilles Leben will ich tief fürs Thier erstehen,

Denn wirklich ist das Thier und sterblich einzig hier.

»Erkenne Dich in Deinen gelben Seelenhallen,

[Rand: Giotto]

In denen Du den Sonnenmythus tief erlebst:

Ersehnst Du Wesen, die in Dich herüberwallen,

Ersteht ein stilles Traumbild, daß Du ganz erbebst!«

Hat das mein Weib gesagt? Ich seh es an und träume.

»Fürwahr, in unserer Arche ruht die Schöpfung aus,

Wie groß ist doch der Grund, wie wenig jene Schäume!

Wie rasch!« sagt laut die Frau: »erschöpft sich aller Graus!

Durchlebe es, wie junge Menschen Früchte pflücken,

Wie gerne giebt sich, lockt uns fast das reife Obst,

Es freuen Blüthen sich, ein blondes Haupt zu schmücken,

Denn alles bringt sich dar und wird, wo Du es lobst!«

»Wir müssen uns durch innere Willensthiere dienen

[Rand: Simone Martini]

Und werden erst durch unsere Lieblingslämmer Wir,

Wir brauchen Wölfe mit verwegenen Räubermienen

Und brave Hunde für des Geistes Jagdrevier!

Wir wollen stets ein selbstgewähltes Lamm beschützen

Und drum verketzern wir, was ihm zuwider ist,

Doch«, frage ich, »wozu solch einen Zwist benützen,

Blos um zu wissen, wie man schließlich sich vergißt?«

»Das Lamm ist da, es ist gestorben und erstanden,

Doch Schemen deuchten Hunde mich und Wolfsgezücht,

Der Leu, der Stier, der Aar, die sich dem Lamm verbanden,

Sind«, sagt mein Weib: »ein Element und Urgericht!

Des Geistes Schönheit dünkt mich auch im Grund erhaben,

Ich sehe Dichter fromm zu edlen Frauen gehen,

Die Pracht des Weibes, ganz, sammt seinen Nacktheitsgaben,

Im Marmor als ein Dom der lieben Frau erstehen!«

»Merkst Du denn nicht, wie bange ich im Mondlicht fische,

[Rand: Taddeo Gaddi]

Der Stier, die große Macht, ist schon seit langem todt,

Das Lamm verglüht, jetzt schickt der Geist uns seine Frische,

Ich Armer warte fiebernd vor der Seelennoth!

Ich senke meine Angel in die Meerestiefe

Und sehe keinen Sturm, der meinen Gott bedroht,

Was könnte ich, wenn ich ihn auch aus seinem Schlummer riefe,

Ich fische eigenmächtig,« ruf ich: »Mein Gebot!

Im Geistermeer wird bald der Fische Fürst erscheinen,

Der überstrahlt und klärt dereinst was wild verbraust –

Ich fische fort, verschwende meine langen, langen Leinen:

Wie finster ringsum alles hadert und sich zaust!«

Was man auch will, den Willen wird man doch verketzern!

[Rand: Thomas von Aquino]

Denn blos in großen Grundideen kennt sich Gott.

Oft ist ein Mensch, der sich besinnt, zu voll von Schwätzern,

Und leer an Glauben, Ehrfurcht, Adelskraft und Spott.

Urplötzlich fühl ich mich in Gottes Hand und Nähe,

Und es verklärt sich wundereinfach die Vernunft:

Wie prachtvoll ich die Welt im Geist verankert sehe,

Es folgt die Gnade tief in alle Niederkunft!

Wozu den hehren Kirchenbau bewußt zerstören,

Wozu ihn stützen, falls der Geist ihn schon verließ?

Erlernen wir, statt auszuforschen, jetzt das Hören,

Wer weiß, wie oft das Neue Reich sich schon erwies!

Es sind die Sprachen Flammenvögel, die in Rassen,

Die sie erst selber schaffen, ihre Nester bauen,

Aus mancher kann das »Feuerwort« sich jung entraffen,

In allen schläfts: aus welcher wird es grauen?

Ich horche lange schon, vielleicht schon manches Leben:

Zu jedem Kinde beug ich mich voll Glauben hin,

Was sprüht aus jedem Blick, wer soll die Welt erheben?

Wie furchtbar tief ist jeder Waise Wesenssinn!

Im hellen Seelenscheine sehe ich mich selber,

[Rand: Taddeo Gaddi]

Seit Ewigkeit auf meinem eigenen Kreuzweg gehn,

Ich irre durch das Zweifeln ab, die Welt wird gelber,

Ich sterbe, lebe auf und ab, und muß bestehn!

Oh heilige Verachtung, großer Spott des Geistes,

Der alles urerwogen dennoch tragen kann,

Dein Wesen ist zu streng, denn sieh, mein Herz zerreißt es:

Gesteh, entkomme ich durch Ehrfurcht Deinem Bann?

Hinweg, Du großes Licht, ich will vor Dir vergehen,

Ich fasse nicht die Majestät von Deinem Leib,

Ich fliehe Dich, um stets in Dich zurückzuwehen,

Ich zweifle, fluche, und bin doch zu sein bereit!

Gefühle, die den Geist mit Schmerz geboren haben,

Verstummen und zerwühlen sich vor ihrem Sohn,

Das ganze Leid ist kalt, da kann uns niemand laben,

Oh, welcher Hohn durchdonnert die Passion!

Es kann kein Mensch mehr muthig seine Pflicht verrichten,

Wer weiß, ob seine Meinungen auf Gottes Wort

Nicht immer noch verzichten, ja es gar vernichten:

Wie oft warf ich wohl selbst mein hehrstes Gut schon fort?

Ich treibe um die schalsten Nichtigkeiten Schacher,

In meinen Frieden schleicht sich der Verrath,

Stets finden die Entschlüsse Zufallswidersacher,

Ich klimme, ringe! – Ob mir je die Gnade naht?

Ich sehe mich im Herzenslichte stets nur selber,

Seit Ewigkeit, auf meinem eigenen Kreuzweg gehn,

Ich zweifle immer noch, die Welt wird langsam gelber,

Ich sterbe immer und kann nimmer auferstehn!

Florenz, wie herrlich ragen Deine Burgenthürme,

Toskanas Gluth wölbt Deine Kuppeln stolz empor:

[Rand: Masaccio]

Im hohen Dom vertoben erst die Erdenstürme,

Und oben lobt Dich still der Sterne Engelschor.

Wir wollen alle wieder schlicht und einsam werden,

Wie das die starke Herzensgluth in uns verlangt,

Die sagt: So wird es einst und war es schon auf Erden!

Ja wie? Nun so, wie unserm Herzen darnach bangt!

Wir haben schon den allerwunderbarsten Glauben,

Er macht uns unermeßlich frei und willensstark,

Es kann ein Kind sich Gottes Heim zu sein erlauben,

Und in so manchem Wesen ist kein Trug und Arg.

Ja, blicke ich in Kinderaugen oder Sterne,

So denk ich, Gott, wie viel Du uns noch sagen wirst!

Ich bin in Dir und Du in meinem Wesenskerne,

Oh Mensch, verzage nicht, selbst wenn Du stirbst und irrst!

Florenz, die Muttergottes weilt in Deinen Mauern,

Wie hehr die Erde sich in Dir erhoben hat!

Es kann ihr Hohelied in Deinen Stätten dauern,

Ich lobe Dich, oh lichtverlobte Marmorstadt!

Dein Dom ist hoch, doch über ihm, da sind die Sterne,

Und so viel weiter wird noch unser Glauben sein,

Doch in der Ewigkeit vergeht auch jene Ferne,

Es mag mir Gott kein Fassen, sondern Macht verleihn!

Oh Muttergottes, jenseits Deiner Herzensnähe

[Rand: Die heilige Anna]

Erdämmert eine Mutter, die wir nie erkannt.

Befragt mich nicht, da ich sie unwahrnehmbar sehe,

Doch weiß ich mich von ihrer Heimlichkeit gebannt.

Florenz, wie selbstverständlich still sind die Paläste,

[Rand: Leon Battista Alberti]

Vor denen einstens große Fackeln grell geloht –

Die Feste sind vorbei, nur selten seh ich Gäste,

Und nirgends zeigt sich mehr ein stolzer Schloßdespot.

In engen Gassen stehen sie mit Mondlichtsäumen,

Die grünen Fensterläden sind hermetisch zu,

Du glaubst es kaum, daß noch dahinter Seelen träumen,

Denn alles schweigt in runzeldumpfer, dunkler Ruh.

Ich aber sehne mich nach Todtenmonumenten,

Wo Mann und Weib am eigenen Sarg gelacht,

Dort haben sie, bevor sie sich für immer trennten,

Noch einmal, buhlend, Liebesfieber angefacht.

Wo Wollustwucht zu ganzen Machtgenerationen

In einem Augenblicke sich verschwendet hat,

In heiteren Rustikagebäuden wollt ich wohnen

Und träumt ich gern den Jubeltraum der eigenen Stadt!

Wo bist Du, großer Geist, der alles leisten konnte,

Der akrobatenhaft die Menge unterhielt,

Der Launen meisterhaft als Wirklichkeiten sonnte

Und der mit Weltproblemen wunderbar gespielt?

Die Formen scheinen vor dem Geiste zu verschrumpfen,

Florenz, ich kann und will nicht mehr zu Dir zurück,

Zyklopisch gilt es jetzt sich selbst zu übertrumpfen,

Denn blos in den Geschicksgewittern blitzt das Glück!

Florenz, ich habe mich an Dir emporgesungen

Und jetzt durchwandle ich Dich abermals als Kind,

Ich klopfte an Dein Erz, es hat mir hold geklungen:

Wie sind mir Wind und Dinge hier doch wohlgesinnt!

Der geile Brunnen mit den steilen Wasserwürfen,

[Rand: Bartolomeo Ammanati]

Der zwischen Thürmen sich nach Eigenhöhe sehnt,

Mit seinen Erzfiguren, die nackt Austern schlürfen,

Erscheint mir jetzt einer versunkenen Welt entlehnt.

Wie kalt belauscht Neptun das Plätschern von Tritonen,

Wie freut ihn noch der Gischt, der seine Schenkel kühlt,

Er bleibt auch hier ein Stück der immerstillen Zonen,

Wo Nasses Kaltes durch sich selber fiebern fühlt.

Die Nymphen, mit den vielen Fingern, krauen

Der schlüpfrigen Delphine gleißendes Geschupp,

Und heitere Faune aus den schwülen NachbarAuen,

Umlungern nun bereits den Quell als munterer Trupp.

Der kleinste Faun, der Schalk des muntern Rudels,

Hat eine Fratze wie ein Truthahn, wenn er balzt,

Und schielt nach einem Bengel, der im Schwall des Sprudels

Mit starken Erzgliedern ein Wasserwunder halst.

Dir, Nereus, legt in Deine alten Kupfermuscheln

Das Mondlicht Perlen, die es Wasserschemen weiht,

Die zieren sich damit, und wenn sie wichtig tuscheln,

Bezeigt der ganze Quell ihre Zufriedenheit.

Es stürzt der Gischt in lauter losen Silbersträhnen

Ganz schleierähnlich über manche Erzfigur,

Die seh ich sich an alle Möglichkeiten lehnen

Und juble plötzlich wie die Fluch in die Natur!

Ich habe einst Giganten langsam wandeln sehen

[Rand: Andrea del Castagno]

Und nun vergesse ich das Schauspiel nimmermehr,

Dann konnten sie auf einmal nicht mehr auferstehen

Und ich war froh, denn sie bedrückten mich zu sehr.

Nun dachte ich an lauter frische, grüne Dinge

Und pflückte Manches, das sich mir verschwiegen bot,

Ich wußte wohl, wie jeder Übermuth verginge,

Und dennoch floh ich jede große Lebensnoth.

Doch plötzlich sind sie wiederum vor mir entstanden

Und haben schrecklich sich der Kleinlichkeit entreckt,

Es sind das Königinnen, Fürsten wilder Banden,

Ein Tisch, den man für Weltgewissen fromm gedeckt.

Ihr Riesen dürft mich aber nimmermehr bezwingen,

Zwar seid Ihr größer als der allerhöchste Thurm,

Doch will ich gegen alle Hindernisse ringen,

Es braust in mir ein Sturm, es wühlt in mir ein Wurm!

Ich höre in mir selber eine Hölle heulen,

Weg von der Erde, Ihr Titanen dieser Stadt!

Es packt der Geist die Thürme, schwingt sie stark wie Keulen,

Jetzt findet eine Schlacht, vielleicht im Jenseits, statt!

Es lacht ein Riese, lacht ein grünes Runzellachen.

Das kann der Wille. Wächst er doch durch ihn empor!

Erscheint mir Pan? Kann der durch meine Wuth erwachen?

Ich wälze Felsen und jetzt lacht ein Echochor.

Es bleibt kein Thurm. Ob ich denn nicht zum Kampfe tauge?

Der Dom allein ist übrig. Darf ich ihm nicht nahn?

Der Riese wächst. Der Mond ist sein Zyklopenauge.

Der Dom beharrt. Er wankt durch keinen Größenwahn!

Herz, mein Herz, sei wieder demuthvoll und offen

[Rand: Der heilige / Franz von Assisi]

Und komme Dir und andern Feinden gütig bei,

Du darfst und sollst noch mehr als ein Florenz erhoffen,

Doch manche Dich zuerst von Wuth und Dünkel frei!

Der Dom des Herrn ragt immer noch in holder Bleiche

In diese sternenhelle Perlennacht empor,

Doch scheint er mir bereits wie eine reiche Leiche,

Mit einem mondgewirkten Riesentodtenflor.

Behutsam, meine Seele, denn Du wirst nun siegen!

Erblick im Sterben Leben und Du bist befreit!

Oh, wie die schweren Dinge fürchterlich erliegen,

Sie weichen schon und zwischen uns bleibt unser Leid!

Oh, unsere vielen Willensthiere sind vergänglich,

Wie sehn sie uns aus ihrem Dämmer blutig an,

Mein Herz, so zeige Dich für alles Leid empfänglich,

Oh, liebe sie und ziehe sie in Deinen Bann!

Dem Dome selber gleichen seine tausend Tauben,

Die sind wie er so grau, so blau und fernenroth,

Nun ruhen und gurren sie in meinen Felsenlauben

Und nisten zwischen Seelen, Schnee und Todesnoth!

Oh Gott, jetzt bin ich wirklich schwindellos erhoben,

Der monderhellte Dom verbleicht in meiner Nacht,

Ich stehe fest und möchte dennoch fort nach oben,

Oh Gott, wozu verleihst Du mir so hehre Macht?

Empor, empor, empor zu Gottes mildem Frieden!

Die Völker liegen unter mir in stiller Ruh!

Ich suche Gott und bleibe dennoch ganz hienieden.

Ich herrsche, folge, und wer früge noch: Wozu?

Ich wandle nun, als urbesorgter Mensch und Dichter,

[Rand: Domenico di Michelino]

Als Riese, unerreichbar hoch, über Florenz,

In meiner Hand ist alles, selbst die Himmelslichter,

Ihr Grund gewährts und mein Beschluß erkennts!

Ich wirke selber liebreich zum Bestand der Dinge:

Du einzige Möglichkeit der Möglichkeiten sei!

Durchglüht uns hold, Ihr wundergleichen Schöpfungsringe

Und macht die Sonne reich und unsere Seelen frei!

Du, Sirius, grüßt uns brüderlich durch alle Schleier,

Die still vom Monde niederperlend uns umgraun,

Ich danke und ich melde Dir, die Welt wird freier:

Nur das ist wahr, daß wir uns einst in Gott erschaun!

Wie treu Ihr blickt und blinkt, Ihr traurigen Planeten,

Ihr habt noch ein Geschick und tragt es muthig fort!

Ich grüße Euch, wir wollen heiter sein und beten,

Wir alle wälzen uns um Gottes holdes Wort.

Du müde Stadt, Du Blüthenfrühling mir zu Füßen,

Oh ruht und träumt, entweht Euch, duftet in die Nacht:

Das was Ihr seid, nicht scheinen müßt, will ich begrüßen,

Oh glaubt, was Ihr nicht glaubt! Ihr seid voll Werth und Pracht:

Was Ihr verdeckt, verachtet, höre ich verstummen.

Des Friedens, den Ihr träumt, entsinnt Ihr Euch nicht mehr?

Ihr seht die heitere Pflicht gespenstig sich vermummen,

Doch die ist Euer Tag, so hehr und klar wie er.

Florenz, hoch über Deinen Thürmen schwebt die Seele,

Die blos in Dir für alle Ewigkeit erwacht,

Dafür erhältst Du auch die schönsten Mondjuwele,

Denn Deine Marmorpracht verherrlicht noch die Nacht!

Die Gnade will, daß wir die argen Dinge hassen.

[Rand: Die heilige / Katharina von Siena]

Der Brand entsteht, damit das kalte Licht besteh!

Der Friede kommt, damit wir uns zusammenraffen,

Der Engel aber, der uns liebt, birgt Krieg und Weh!

Es soll auf Erden Lenz und langer Frieden werden,

Doch wehe jedem Volke das die Rast erstrebt,

Drum liebt und tragt für Euer Vaterland Beschwerden:

Denn Gott verläßt den Menschen, der am Eigenen klebt!

Ihr dürft die Häuser, Tempel jeden Lenz bekränzen,

Doch sorgt dafür, daß stets im Herzen Feuer sei,

Bekriegt Euch selbst und brandschatzt jenseits aller Grenzen,

Macht Eure Seelenkluft von Lieblingsplätzen frei.

Erforscht die Bösen, helft Gesunden, tränkt die Feigen

Und seid entmenschlicht, wenn Ihr mit Euch selber ringt:

Ihr sollt der Welt ein thränenloses Auge zeigen,

Erscheint ihr stark, selbst wenn Ihr tief in Ohnmacht sinkt!

Seid Raubthiere mit gräßlich scharfen Daseinskrallen,

Doch wählt die Beute und verzehrt sie still und fern,

Laßt nie ein Stück davon zurück zur Erde fallen,

Denn was Verbote scheut, meint abermals den Herrn.

Das Wort in uns beflügle Euch zu Heldenthaten!

Seid wie ein wandelnder bereiter Festungsthurm,

Wenn Noth es heischt, so dürft Ihr selbst zum Kriege rathen,

Doch wehe Euch, folgt dann kein Frühling auf den Sturm.

Das Wort in uns befreie Euch von aller Stärke,

Verankert demuthsvoll das eigene Volk im Herrn,

Denkt niemandem zu helfen, bleibt beim eigenen Werke,

Und wirkt dadurch so unerschöpflich wie ein Stern.

Florenz, es kämpfen Riesenwolken mit dem Äther,

[Rand: Filippo Brunelleschi]

Noch sind sie haltlos über Fluren hingestreckt,

Doch heller, windgeblähter, lauern rings Verräther,

Am Marmor haben Schatten jäh emporgeleckt!

Jetzt stapeln Wolkenbrocken plötzlich sich zu Treppen

Und schließlich gar zu einer Riesenkuppel auf,

Das ist ein Schwebebau mit lichten Silberschleppen,

Und stets zerschlitzt ihn noch der Mond auf seinem Lauf.

Schon hat das Ganze Ton und Glanz von roher Seide

Und scheint beinah ein faltenloser Baldachin,

Jetzt wetterleuchtet es, und lauter Mondgeschmeide

Beginnen diesen Nachtpalast zu überziehn!

Ich sehe Heiden stolz sich wie daheim benehmen

Und Riesenalabasterkaryathiden stehn

Mit ganz unsagbar echten Perlendiademen

Jetzt rings als Träger stummer Wunder, die geschehn.

Doch herrscht der Mond noch immer hold in diesen Hallen.

Es steigen seine Silberreiher wieder auf,

Ich sah sie ja am Dom empor und niederwallen,

Und plötzlich überschwärmen sie den Bau zu Hauf.

Nun ruft es stumm in mir: die Kuppel ist gelungen,

Und nur der Geist, kein Bauwerk wird je weitergehn,

Die Marmorthürme hat die Zukunftsfluth verschlungen,

Nun heißt es in der Seele einen Dom erspähn!

Der Giottothurm erglüht in seltenem Eigengolde,

Wie sonst es sich allein auf Elfenbein gezeigt:

Florenz, aus Dir erblüht das UnerreichbarHolde,

Ich aber wittere Sturm, wo sich Dein Traum verzweigt!

Florenz, Du wirst in meiner Wirklichkeit bestehen,

[Rand: Cimabue]

Erglühe, strahle ferner monderleuchtet fort,

Mein Seelensturm wird Deinen Lilienstaub verwehen,

Ich trage Kinder Deiner Huld von Ort zu Ort.

Doch Du verglimmst in mir, ich kann Dich nimmer bannen,

Du hast noch einmal Deinen Himmel sanft geklärt,

Dir bleibt der Mond, doch wandere ich nun frei von dannen,

Wer weiß, was meine Seele noch an Huld erfährt!

Fürwahr, nicht eine Wolke ist der Nacht geblieben,

Die Mondstadt hat sie alle über sich verscheucht,

Auch meine Traumgebilde werden bald zerstieben,

Ob mir ein großes Urgeheimniß wirklich deucht?

Hieratisch ist die Mutter Gottes hoch erschienen,

In Mondlicht schimmert rings die Nachtkontur,

Empfindungen mit kindlichstillen Engelmienen

Gewahren mich in Menschen, Dingen, Fluth und Flur.

Ich blicke auf Florenz, doch ist es mir zu ferne!

Der Arno und der Marmor perlen aus dem Grau,

Doch heller kaum als drüben noch der Mond, die Sterne:

Denn Geist erdämmert schon im ersten Morgenthau!

Die Muttergottes grüßt uns, ohne leicht zu nicken,

Je ein Planet verwirklicht ihren Kronenrand,

Die Freigestirne können Geist und Welt erquicken,

Das Christuskind hält bald die Sonne in der Hand.

Der Mond geht herrlich hinter Schneegebirgen unter.

Florenz wird eine Perle, die ich wachgeträumt.

Nun ruht sie wieder und die Farben werden munter.

Oh, welche Frühe aus dem eigenen Weibe schäumt!

Mein Weib und ich, wie glücklich sind wir doch gewesen,

[Rand: Fillippo Lippi.]

Sie folgt uns noch, die goldene Wonne von Florenz,

Es ist in jenem Traum ein anderer Mensch genesen,

Oh glaube, danke doch dem lichtentzückten Lenz.

Es wollen Felsen, Flüsse, Wälder froh sich sonnen,

Und seelig drängt das Frühjahr sich an uns heran,

Was eben Thau benetzte, zeigt sich goldumsponnen,

Horch auf die Luft, ob man ein Kommen wittern kann.

Du Frühling in mir selbst, Jungfräulichkeit der Lüfte,

Erfaßt und halst Euch, klingt und jubelt wie das Licht!

Es ist, als ob der kühne Lenz die Welt verblüffte,

Die Lerchen trällern: Gebt Euch hin, verwehrt Euch nicht!

Jetzt springt der Ginster auf und giebt der Wonne Stärke.

Ein ernstes Glockenläuten zittert durch den Wind.

Am Felde gehen Menschen forsch zum Tagewerke.

Und irgendwo in unserer Nähe brüllt ein Rind.

Auf einmal kann ein Schiff im Strom nicht weitersegeln.

Es halten Pappeln wohl die Morgenbriese auf.

Ins Wasser furcht es lauter krumme Schifffahrtsregeln.

Wann wieder giebt der Wind ihm seinen goldenen Lauf?

Es stiegen meine Wünsche schneller als die Winde.

Ich helfe, schwelle Segel bis ans helle Meer.

Sind meine Lieder nicht belebte Angebinde?

Ihr Auferstehn ist leicht, ihr Dasein folgenschwer!

Ich träume fort, ich träume fort, muß träumen!

Wohin? Wohin? Ein Flügel stürzt dem andern nach!

Das ist der Wind, der Wind! Wir wogen, schäumen!

Ein Lied erbraust, wo eines laut zusammenbrach!

Der Traum von Venedig

Venedig, lös Dich los von meinem Traumeswogen!

Ich bin wie Fluch, die in Kanälenschlangen dunkelt:

Du milchige Lagune, hast mich angezogen

Und nun erscheinst Du lichtlebendig überfunkelt!

Ihr meiner Seele wildverschlungenen Wehmuthsschlangen,

Versucht der Sehnsucht trübe Hüllen abzustreifen,

Verweilt wo Städte zwischen Meer und Himmel hangen,

Denn seht, schon leuchten Inseln aus Smaragdenreifen.

Was taucht nun auf, was zaubert jetzt vor meinen Sinnen?

Es hilft kein Wind den letzten Morgenflor zu weiten,

Es will das Licht, allein, den goldenen Tag entspinnen,

Und alles Wasser scheint mir wie verglast heranzugleiten,

Venezia schweigt in ihrem freien Sonnenfrieden,

Denn Schmuck und Herrlichkeiten bringen ihr die Wellen.

Es wird ihr stets das Meer ein Lichtgeschmeide schmieden,

Und Wogen müssen ihr zu Füßen Gold zerschellen.

Am Strande scheint die Fluth sich vor der Stadt zu neigen

Und rings an ihrem Saume Gaben hinzulegen,

Stets langsam nur zur Marmorbraut emporzusteigen,

Und, schenkend noch, die Schritte endlos zu erwägen.

Ich sehe Wogen hinter Wogen schweigsam rollen

Und weiß, es wünscht das Meer einst zu beharren,

Und dort nur kann sein volles Werdenswollen,

Seit langem schon, zu einem Marmortraum erstarren.

Senkt eine Briese sich nach Freiersart hernieder

Und hebt dann alle Schleier keck hinweg vom Meere,

So giebt die See ihr tausend Wollustküsse wieder,

Als ob sie eine Frau mit Flammenlippen wäre.

Sobald jedoch die Wellen wiederum verschwinden,

Erspiegelt sich Venedig abermals in Frieden,

Denn wo sich Meer und Himmel inniglich verbinden,

Wird jeder Ruheraub in der Natur vermieden.

Ihr weißen Träume, Schwäne auf den Perlenwogen,

Erhebt Euch dort, wo Goldgischt Marmordämme geißelt,

Von mir beseelt, erschwebt in weitem Spannenbogen

Den Traum, den man aus Gold und Elfenbein gemeißelt.

Oh seht, dort schwimmen schwarze Schwäne um Paläste

Und schleppen Purpurteppiche durch grüne Fluchen,

Es eilt vielleicht die ganze Stadt zu einem Feste,

Denn Freude plätschert, wo Gedanken eben ruhten.

Es scheint das Meer sich jetzt mit Gondeln zu bedecken,

Doch schwanken sie wie Traumgestaltungen der Wogen

Noch fern und unstät auf Venedigs Spiegelbecken,

Und immer andere Bilder kommen gleichsam angeflogen.

Ob jetzt ein Traum sich eine Wirklichkeit bereitet?

Ob unser Schicksal seine Plötzlichkeiten mehre?

Denn seht, ein Goldschiff naht von Gondeln hold begleitet:

Nun bleibt es stehen und scheint ein Schloß im Meere!

Wird unsere Welt die eigene Traumlichkeit genießen?

Wie? könnten alle Wünsche, die ihr Glück erstreben,

Hier in Venedig völlig ineinanderfließen?

Ganz Ungeahntes kann sich nun in mir erleben!

Ich fahre noch in meinem Sehnsuchtskahn hinüber,

In einem anderen ruht mein Weib wie traumverloren,

Nun werden aber ihre Augen immer trüber,

Ihr Lachen und ihr Sorgen scheinen tief erfroren!

Sie blickt auf manchen Schweif von klaren Edelsteinen,

Auf alle Funken, die verstreute Gondeln säen.

Die gleichen suchen sich um ihre Gluth zu einen,

Doch alle, die sich sehen, müssen gleich vergehen.

So lasse das, mein Weib, es mag Dir nichts bedeuten!

Schon nähern unsere Kähne sich der Abendstunde,

Und wenn die Glocken dann am Markusthurme läuten,

So giebt es einzig Blutrubine in der Runde.

Ich komm zu Dir, dann wird die Gondel tiefer sinken,

Auf unserer Fahrt nur munteren Funkenprunk beleben:

Die letzten Sonnenblitze werden rings verblinken,

Und wir, dem Wunsche nach, zur Innerruhe schweben.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Sie nähert sich soeben ruhevoll Venedig

Und dort bereitet man sich laut zu einem Feste,

Um hohe Gäste hold und huldvoll zu empfangen.

Am Himmel seh ich winzige Purpurwölkchen prangen,

Es hat der Wind sie wie Lampions gekräuselt und gezapft,

Und eben zucken auch die ersten Sternlein auf:

Da ists, als wollten sie den Wölkchen sacht sich nähern,

Um rings das Licht der bunten Lämpchen zu entzünden.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Nun tritt sie stolz, mit silberheller Mondessichel,

Im Abendlande durch Venedigs Pforten ein.

Wie würdevoll sie unterm Sternenbaldachine,

Der höher als der edle Schmuck der Mondessichel schwebt,

Nun übers Meer, mit wollustfreudiger, gütiger Miene,

Sich immer weiter hebt und unser Ruheglück belebt!

Es übersprühen ihre Schleierhüllen Prachtsmaragde,

Und ihren unteren Saum und die Sandalen Blutrubine:

Vier schöne Königssöhne tragen ihren Baldachin,

Zwei Bleichgesichter ziehen still in weißem Seidenkleid voran.

Ihr Wamms ist goldbetreßt, sie tragen einen viola Mantel

Und müssen stets, wenn sie das Abendland beschreiten,

Aus Anstand, einen Schurz um ihre Lenden breiten.

Doch hinter ihrer Königin erscheinen holde Mohren,

Die tragen ihr der Herrschaft herrliche Insignien nach,

Das Szepter gar ist wunderbar, besetzt mit vier Planeten!

Von vorne sind sie völlig nackt, doch überwellt in holder Pracht

Das erste Morgenroth, als Mantel, ihre schwarzen Rücken!

So tragen sie den Baldachin, den schönen, sternbesäten,

Und können drum, voll Königssinn, den Westen stolz betreten.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Die Mondessichel glänzt und glimmt

Als Silberschmuck auf ihrer kühlen Stirn,

Und ihre volle nackte Brust befächelt sacht

Ihr blasser Sklave Zephir mit dem Wolkenfächer:

Der ist aus Flaum und leichtem Nebelschaum,

Es färben ihn die letzten Abendgluthen,

Es kräuselt ihn sein Eigenwind,

Da ihn der Sklave, schwebend, fächelt.

Belustigt das die Königin,

Denn seht, wie jugendlich sie lächelt?

So bunten, grellen Federnputz

Erreicht in schriller Farbenreih

Allein der Schmuck vom Papagei,

Wie eben ihn in voller Pracht

Der Abend auf dem Flaum entfacht,

Wo selbst das Rötheste und Allerblauste

Der Wind geschmackvoll zueinanderkrauste!

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Mit nacktem Busen, bloßem Bauch

Betritt sie nun die holde Stadt Venedig.

Sie trotzt dem fremden Christenbrauch,

Der starkbehaarte Theil der Scham

Ist jeder Überhülle ledig.

Sie bleibt bei uns, so wie sie kam,

Und um sie her nimmt alles seinen ungezwungenen Lauf,

Doch fällt im großen Dunkel so ein Schamtheil wenig auf.

Der Mohrin Nacktheit merkst Du kaum,

Man schmückt und ändert blos den Schleiersaum,

Den dieses Weib so üppig durch Venedig schleift,

Daß sein Besatz noch weithin die Lagune streift.

Mit Flammengarben aller Art,

Mit Purpurzungen, blutigen Flecken,

Mit manchem fahlen, halbverblaßten Bart,

Will in Venedig man den Schleierrand bedecken.

Am Lande wird das Flammenband,

Nach alter Art, als langer Flammenrang gewahrt,

Den Zauber aber müssen Meerreflexe erst erwecken!

Frohlocken will die ganze Stadt!

Mit langgezogenen Kantilenen,

Mit eigentümlich süßlicher Musik,

Mit Tönen, welche Lüste nur ersehnen,

Mit Trommelstreichen wie im Krieg,

Mit Lustfanfaren nach dem Sieg,

Mag man die Mohrenkönigin empfangen:

Und wenn sie schon berauscht vorbeigegangen,

So heften wir auf ihre Schleppe Purpurspangen.

Ist sie dann fort, kriecht alles Gluthgewürm zur Rast,

Die Flammenschlangen, die der Menschenhand entstammen,

Verbergen sich vor uns in großer Hast,

Und tiefverringelt im Morast,

Muß ihre Brut wie Aale grau verschlammen,

Und auch der Schwarm von grünen Feuerfröschen

Wird bald im dunklen Sumpf verlöschen.

Perlen von Venedig

Jacopo Bellini

Wahrhaftig die Trauer der salzigen Meere,

Erwacht im Gemüth Deines herrlichen Knaben,

Verwundert wie alles allmächtige Gehaben,

Erfüllt sein Erstaunen die glaubhafte Leere.

Das Weltherz ist klar, wie der Schmerz einer Zähre,

Und Sterne, die nichts als ein Muttermeer haben,

Erblassen, um leidende Seelen zu laben,

Denn drüben enttauchen wir sanft, ohne Schwere.

Maria, die Vieles erfuhr und erlitten,

Blickt still auf die Unschuld des strahlenden Kindes

Und hofft, für die Kindlichkeit Aller zu bitten.

Oh, hofft auf die Reinheit des leuchtenden Windes,

Er weht, doch er kommt nicht mit langsamen Tritten,

Er hilft euch als Hauch eines Lichtangebindes.

Der Schiffer

Es ächzen die Flanken und Taue wie Kinder,

Das Meer bäumt sich auf, wie ein fiebernder Kranker,

Es wird jeder Wirbelsturm rascher und schlanker,

Die Hosen entstehn und vergehn stets geschwinder.

Der Fischer bewegt sich und greift wie ein Blinder.

Er wehrt sich und betet: »Mein Gott und mein Anker,

Enttrage das Boot, es wird lecker und schwanker,

Ach, zeige Dich, Herr, als der Sturmüberwinder!«

Es fliegen dem Manne Schaumknäule wie Tauben

Voll Wucht noch im Fluthenbraus unter die Nase,

Da sinkt ihm der Muth und er sucht noch zu schnauben.

Doch steigt schon die Bahre, im grauen Gerase,

Voll Schleier empor, ihm den Athem zu rauben …

Schon ist er erblaßt – verhaucht im Geblase.

Das Weib

Das Kind ruft im Fieber: »Der Vater ist böse,

Beschütze mich, Mutter, er schimpft mich und droht,

Er ballt seine Fäuste, er naht mir im Boot

Und johlt durch das heulende Wogengetöse.«

Es betet die graue, vergrämtreligiöse

Gefährtin des Schiffers in tödtlicher Noth:

»Mein Heiland, entreiße mein Söhnchen dem Tod!«

So wiegt sie, so hofft sie, daß Gott sie erlöse.

Das Kind ächzt: »Der Vater ist wieder betrunken,

Er findet jetzt nimmer den Weg bis nach Haus.«

Die Mutter ist schaukelnd zusammengesunken.

Das Kindlein verstummt, das Gestöhne ist aus:

Es weint nun das Weib und es weißt sich sein Haar,

Das wird es beinahe im Wesen gewahr.

Die Irrsinnige

Madonna, ich sah Dich am sternhellen Meere

Da kamen im Winde die Todten zu mir,

Dann wuchs eine Sichel mit grausamer Gier

Und schnitt in die Weihe der Seelenverkehre.

Ich suchte und fand keine Hülfe zur Wehre,

Es ward jene Schlange ein blendender Stier,

Und sieh, jenes Thier ist jetzt immer noch hier,

Das Kind und den Gatten erdrückt seine Schwere.

Maria, verscheuche den Spender der Schrecken,

Ich schenke Dir gerne mein gischtweißes Haar,

Das Meer aber möge sich wieder verstecken.

Ich bringe die Milch meiner Weiblichkeit dar,

Ich will Deinen Hauch milder Hülfe erwecken,

Es wehe das Schweigen, das wird wie es war.

Um Neumond ist traumblau mein Gatte erschienen,

Sein Kommen verbreitete heimliches Schweigen,

Es wollte mein Wesen sich ganz zu ihm neigen,

Da war er um mich, wie das Schwärmen von Bienen.

Ich wollte sein Nahesein treulich verdienen

Und gab ihm, was irgend der Seele zu eigen,

Um Liebe und Reinheit vereint zu erzeigen,

Da schwirrte es licht, wie das Knistern von Kienen.

Ich sah ihn: es war seine Mannheit vergangen,

Das bartlose Antlitz allwissend verjüngt,

Der Mund ohne Purpur und farblos die Wangen.

Ich habe mich seiner theilhaftig bedünkt,

Sein Wollen durchwogte mein herzhaftes Bangen,

Es ward meine Weichheit mit Thränen gedüngt.

Ich gab meinen Wahnsinn dem wandernden Wasser,

Das schlaflose Schmachten bekam ja die Nacht,

Ich habe das Lachen der Schwachen erdacht

Und achte als wallender, unsichtbar blasser

Erbarmungsgedanke und Warnungserfasser

Auf alles was schamhaft im Weltall erwacht,

Ich habe dem Walde den Sang dargebracht,

Und altere nun als ein markkranker, nasser,

Ja selbstnasser Stamm einer wehweichen Weide

Am Weiher vom weltweiten eigenen Leide.

Ein Reh wittert oft in die sandstarre Haide

Und kehrt dann ins Schicksal zurück, das ich meide.

Ich weiß nicht, verbirgt sich vor mir eine Weide?

Ich weile im Wehwind! Wann weichen wir beide?

Oh Meer, ach, ich brauche von Dir eine Thräne,

Es mag sie Dein Anblick der Seele gewahren,

Da lächelt mein Kind durch den Schimmer der Fähren,

Damit ich sein Mündlein im Augenroth wähne.

Und wenn ich sein fernes Getändel ersehne,

So will ich die Quelle der Schmerzen entleeren,

Und wie auf den Händen die Thränen sich mehren,

So glaube ich, daß sich ein Hauch an mich lehne.

Bald perlen die Finger von kindlichen Blicken,

Nun streichle ich leicht meinen flimmernden Arm,

Und fühle ihn weit leise Kühle erquicken.

Mein Glück ist nun ganz mein erstrahlender Harm,

Das Kind scheint dem sickernden Naß zuzunicken:

Es ist ja wie Milch so beseligt und warm.

Das Märchen vom Meere

Erzähle, oh Meer, mir das Märchen vom Meere,

Das Lied Deiner Inseln versteinerten Leides,

Besinge die Klippen des plötzlichen Neides,

Die Wiederkehrwirbel der innersten Leere.

Die Mär aller Meere ist gar keine Lehre,

Der Mittag bricht ab wie die Kraft eines Eides,

Der Abend, das Bild eines späten Bescheides,

Verbirgt des Verhängnisses sinkende Schwere.

Die Nacht hehrer Meere kann niemand errathen,

Da spiegelt die Trauer unsagbare Dauer,

Es ist, als ob Kunden dort gar nicht mehr nahten:

Die Fragen sind draußen genauer und rauher,

Die Märchen jedoch, die wir je dort erbaten,

Sind stumm und ergrauen in uns nur als Schauer.

Gewißheit

Es rollt der Löwe zweiunddreißig Sonnen,

Zu seinen Füßen und im eigenen Leibe,

Im Sommer nahe vor die Sonnenscheibe,

Und alle Wolken sind sogleich zerronnen.

Die Erde aber bleibt von Gold umsponnen

Und fast verschleiertnackt, gleich einem Weibe,

Von dem man fordert, daß es übertreibe,

Was ihm Natur und Sitte angesonnen.

Dann schlafen alle Träume, alle Schäume.

Blos Mittagsmystik loht aus jedem Zweige.

Und wie vergeistigt sind die stillsten Bäume.

Da ists, als ob ein Ding zum Dingsein neige:

Ja, ja, um Alles schwirren Athemsäume,

Kein Wesen wünscht, daß da ein Gott entsteige.

Die Sonnenblume

Du Blume, die sich hold zur Sonne wendet,

Ich wollte einstens Deinem Wesen gleichen,

In mir die Sonnenzukehr fromm erreichen,

Doch etwas sagte mir: Du bist verblendet!

Ich habe alle Blüthenkraft verschwendet,

Ich fühlte samend meinen Glanz erbleichen,

Die Luft den Duft von meiner Jugend streifen,

Und heute sind die Lust, die Macht verendet.

Doch seh ich Blumen tief aus sich erstrahlen,

An jedem Morgen sich zur Sonne neigen

Und fast mit Hingebung zum Lichte prahlen.

Ich aber mußte rasch herniedersteigen.

Verloren sind ja alle Sehnsuchtsqualm;

Mein Wesen wurde Niemandem zu eigen.

Frieden

Das blaue Meer verliebt sich in das Leben,

Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:

Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!

Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.

Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,

Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,

Mag sich dann irgendwo und ganz ergeben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren.

Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:

Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, Dir werde nicht auf einmal schwer!

Bestimmt hast Du bereits ein Lied geboren,

Nun sing Dich aus, am traumhaft blauen Meer.

Orpheus

Den Inselkranz bewachsen kalte Farren.

Der Thauwind weht vom Süden und vom Meere.

Der Regen stürzt sich in die Wintersleere.

Die Farren aber müssen weiter harren.

Auf einmal scheint ein Rausch den Wind zu narren.

Die Mythe bringt das Lied vom Lichtbegehre:

Sie schwimmt im vollen Mittag durch die Quere.

Ja, Tongestalten siehst Du rings erstarren.

Das ist ein Wunderthier mit goldenen Flossen.

Ein Lied weht seinen Sänger hold zum Strande,

Und Farren lösen alle Wurzelbande.

Durchs Lied sind Liebesblüthen voll ersprossen.

Verthierte Formen drohn vom Pflanzenrande,

Der Sang harrt: steil in Bäumen eingegossen.

Vision

In meinem Traumesgrau erscheinen Lilien:

Unendlich groß und doch in meiner Seele

Wird ihr Erguß zu manchem Prachtjuwele,

Und plötzlich gießt es Licht wie auf Sizilien.

Im Traum verwurzeln sich die Scheinreptilien.

Und halb bewußt, daß ich ihr Wesen schweele,

Umwande ich die scheuesten Urbefehle

Als Pflanzenspuk und als Gesichtsfamilien.

Das heikle Fiebergrau der Traumgewitter

Wird immer silberner und schließlich bleicher,

Und endlich knistert, blitzt ein Zickzackgitter.

Und dennoch merke ich andere Albeinschleicher.

Ihr Streit mit meinem Funkennetz ist bitter:

Doch schon ist meine Furcht gespensterreicher.

Des Liedes Wesen

In einem Land, wo alle Dinge traumhaft schauen,

An einem blauen Wundermeer kam ich zur Welt.

In einer Au, die ihre Pracht verborgen hält,

Begann mein Wesen seinen Räthselthurm zu bauen.

Aus allen Mienen dort glüht gütiges Vertrauen:

Was sanft in jenen Fernen in die Augen fällt,

Beschaut Dich zaghaft, wie von Innerthum erhellt,

Und Seelengrauen schweigt vor solchem Weltergrauen.

Ich glaube noch an jene blauen Morgenmeere,

Und oftmals blickt mich, was ich nie bemerkte, an.

Ja, Lieder perlen, wie in fremdem Augenbann.

Mein Träumen thaut auf Blicken ohne Ort und Schwere.

Mein Sang, der nirgendwo und ganz urselbst begann,

Will fragen, sehn und sein, und funkelt in die Leere.

Einsam

Ich rufe! Echolos sind alle meine Stimmen.

Das ist ein alter, lauteleerer Wald.

Ich athme ja, doch gar nichts regt sich oder hallt.

Ich lebe, denn ich kann noch lauschen und ergrimmen.

Ist das kein Wald? Ist das ein Traumerglimmen?

Ist das der Herbst, der schweigsam weiter wallt?

Das war ein Wald! Ein Wald voll alter Urgewalt.

Dann kam ein Brand, den sah ich immer näher klimmen.

Erinnern kann ich mich, erinnern, blos erinnern.

Mein Wald war todt. Ich lispelte zu fremden Linden,

Und eine Quelle sprudelte in meinem Innern.

Nun starr ich in den Traum, das starre Waldgespenst.

Mein Schweigen, ach, ist aber gar nicht unbegrenzt.

Ich kann in keinem Wald das EchoSchweigen finden.

Panik

Schon fühlen Nachtgestalten rings ihr Walten.

Des Tages Wangenwärme muß enthauchen.

Ihr Dinge wißt doch, daß wir Frieden brauchen,

Drum trachtet nicht den Athem anzuhalten.

Was mahnt, als dürften sich nun Hände falten?

Jetzt wars, als würde eine Furcht enttauchen,

Als ob die Blätter sich, geschreckt, vor Gauchen

Wie Säuglingsfingerchen zusammenkrallten.

Nur Ruhe, Ruhe! Und zuerst im Innern.

Dann läßt sich bald kein Wesen überraschen:

Des Friedens kann man sich ja blos erinnern.

Ach was, am Wasser laß die Plappertaschen:

Laß Dich nicht ein mit Zwiegesprächsbeginnern!

Was kümmern Dich die Schatten, die da waschen?

Odysseus

Das Leid, in dem ich willenlos ertrinke,

Entfernt und wellt mich oft an einen Strand,

Vielleicht in aller Sehnsucht Mutterland,

Von dem aus ich den andern Träumen winke:

Und wenn ich drüben meinem Selbst entsinke,

So bin ich nackt und doch im Schamgewand

Und nehme scheulos einer Jungfrau Hand

Und freu mich, daß ich frei von Schäumen blinke.

In jenem Osten bin ich oft gewesen.

Von dort weht ja die Hoffnung noch herbei:

Hat drüben eine Seele mich erlesen?

Man wandelt dort fast schein und schattenfrei,

Und doch voll Sonnenwohl sind jene Wesen!

Was schöpf ich noch im trüben Allerlei?

Verstumpfen

Du meine Seele, sei nicht so erschrocken!

Wird auch Dein krankes Wehmuthswort verstummen,

So müssen doch die Bienen weitersummen.

Und surren, surren wird es stets um Rocken.

Der goldene Morgen soll ja fort frohlocken,

Und Mücken werden sich zusammensummen,

Denn über jeder Pfütze muß es brummen,

Und Spinnen werden stumpf auf Moder hocken.

Du arme Seele, ach, Du kannst nicht schweigen:

An lauter kleinen Wesen wirst Du kleben

Und noch aus Müdigkeit zur Sonne steigen.

Auch Deine Dumpfheit wird noch weiterleben,

Dein Brüten einst vielleicht zum Weben neigen,

Vielleicht auf Spiegeln als Lybelle beben!

Der Gesandte des heiligen Antonius

An hellen Tagen, wenn die Stunden gelber blinken,

Befährt ein Mönch in einem kleinen Segelboote

Die braune Fluch, die just in vollem Golde lohte,

Und er vermag es, Fische sanft herbeizuwinken.

Sie tauchen heerdenweise auf, das Licht zu trinken,

Und da erklärt der Mönch ihnen die zehn Gebote,

Vertheilt unter die Horcher sieben große Brote

Und zieht dann fort, bis todt die Lichter niedersinken.

Er kann auch ruhig ohne Wind und Ruder fahren,

Denn immer, wenn er auftaucht, folgt ihm eine Briefe

Und oft vermagst Du ihn ganz nahe zu gewahren,

Da ists, als ob ein Geist ihm in das Segel bliese,

Denn gar nichts regt sich dann in seinen blonden Haaren,

Und ungekräuselt bleibt das Gras der nächsten Wiese.

Das Meer

Das Meer beginnt ringsum zu brausen:

Ich horche auf und tauche tief in Qualen,

In Schlünde, ohne Licht und Eigenstrahlen,

Wo nichts als grüne Schatten hausen.

Den bleichen Quallen fängt es an zu grausen,

Sie fliehen mich in dunkelnden Spiralen,

Ich schlüpfe zwischen meinen geilen Aalen

Und will am Hals die Krausen blind zerzausen.

Das Meer, das Meer! Was ist vom Meer geblieben?

Ein böser Traum mit aufgeschlitzten Wogen!

Mein Meer, mein letztes Meer, ich will Dich lieben.

Mir heißt das Meer, Du wirst hinabgezogen,

Du sollst zerträumt, hinweggeträumt, zerstieben:

Oh Meer, oh Meer, auch Du hast mich belogen!

Die Glanzperle

Im Halbmond, wenn die Sterne sich verdichten,

Der Wasserathem langsam dann verzieht,

Enttaucht ein Kahn, so traumhaft wie ein Lied,

Und scheint die letzten Wellen zu beschwichten.

Ein Seelenpaar, das Herz und Blick belichten,

Das blos die reinste Einheit giebt und sieht,

Vermag nach allem, was in Glück geschieht,

Den Rhythmus seiner holden Fahrt zu richten.

Es regt sich da kein Hauch am grauen Meere,

Es hat der Kahn statt Segel einen Traum

Und wiegt ganz spurlos seine Schattenleere.

Die Liebenden sind blaß und zart wie Schaum,

Ihr Antlitz mild, als ob es nichts begehre:

Man wundert sich ja nur, und wähnt sie kaum.

Sonderbar

Es wird der Mond in sieben Tagen erst verscheiden.

Die Ratzen hörst Du haßerfüllt und brünstig miauen,

Im Wasser todte Silberfratzen sich beschauen

Und ringsum hörst Du, hörst Du, Hunde schrecklich leiden.

Gestalten wirst Du plötzlich huschhaft unterscheiden.

Es fangen Hexen an, den Sabbathtrank zu brauen:

Ihr Werbeschrei und Katzentakt durchschrillt die Auen,

Die laute Nacht ist voll von blauen SatansEiden.

Doch jetzt erwachen, dort in Dir, die eigenen Eulen,

Die sind so fremd und eigen, weil Dir selbst zu eigen.

Wie schweigt die Nacht? Beginnt es blos in uns zu heulen?

Die Eulenmutter mag nicht aus dem Neste steigen.

Sie brütet über halberwachten Jungenknäulen.

Wie eigen, wenn die Dinge einmal alle schweigen.

Grau

Ich singe, wenn die seltenen Sterne glänzen,

Der Halbmond sich dem Meer entgegen neigt,

Das dunkle Friedensblau der Au entsteigt,

Und alle Fluren sich mit Thau bekränzen.

Ich singe zu den Mondschritttänzen,

Wenn plötzlich jede Windesstimme schweigt,

Bevor das erste Perlengrau sich zeigt,

Und mag in mir die Furcht der Flur ergänzen.

Doch auch in meinen blaffen Tagesträumen

Erwacht bestimmt der Farbenklang der Nacht

Und hält mich unter frischbethauten Bäumen.

Ein fernes Meer vermuthe ich dann sacht,

Und auch der Hauch von seinen Ginstersäumen

Wird mir mit seinem Rauschen nahgebracht.

Adria

Von Hellas kommt der Wind mit einem Nachen,

In reiner Sternesterbensstunde her.

Es perlen schon die Lüfte überm Meer,

Und ganz geringe Lichtdinge erwachen.

Das Sichverringeln hat etwas vom Lachen,

Und gar nichts, selbst das Fragen, wird mehr schwer:

Das erste Morgengold ist sorgenleer,

Und Alles scheint sich selber anzufachen.

Italiens Silberwälder siehst Du zittern,

Doch blos ein schwacher blauer Stern erbleicht,

Und wenig kann der erste Wind zerknittern,

Erlebst Du, was sein Weltgeschehn erreicht?

Die Erde scheint am Meere viel zu wittern.

Wer weiß, was für ein Wirken uns beschleicht!

Schicksal

Oh Morgenstern, ich wittere Deine Strahlen,

Du scheinst von einem Weib emporgehalten,

Du läßt auf Erden die Empfängniß walten,

Du bist das Ich von allen Scheidensqualen.

Dich Erzfunken unter den Traumopalen

Vernehme ich als welttiefes Erkalten,

Vom Sterben kannst Du frühe Liebe spalten,

Du trittst in Dich zurück, gleich Idealen.

Ick habe nie geliebt, wann muß ich sterben?

Oh Liebe, Liebe, trachte mir zu nahen.

Ich sterbe gern. Ums Sterben will ich werben!

Was thun, um Dinge, die schon urgeschahen?

Ich habe nicht geliebt und soll verderben.

Mein Lied, mein Lied, was bleibt Dir zu bejahen?

Das Eiland

Das Eiland meiner Wünsche ist vergessen,

Verträumt der Hauch seiner Nachmittagswärme,

Hinweg der Trauer traute Bienenschwärme,

Umsonst muß ich die Lider niederpressen.

Ich sehe wohl des Felsen Strandzypressen,

Doch nie die Au, für die ich draußen schwärme:

Je mehr ich mich am Meer um Frieden härme,

Muß ich ein immer Ferneres ermessen.

So bleib ich denn in meinem Hain von Lichtern:

Berauscht von Sternblüthen in düsteren Lauben,

Begegne ich dort anderer Welten Dichtern.

Mich wiegt ein Meer. Ein Leib schnürt meinen Glauben.

Und dennoch pflücke ich mit Traumgesichtern

Die holden Hoffnungen von Sternentrauben.

Der rothe Schimmer

Am klaren Meer unter den letzten Sternen

Kann sich ein Zauberschiff mit goldenen Masten,

Auf denen die verscheuchten Albe rasten,

Aus einem rothen Wolkenschoos entkernen.

Doch wenn Du hinblickst, wird es sich entfernen,

Es ist als ob die Insassen erblaßten:

Zu schwere Schatten dürften es belasten,

Und Du sollst auch das Träumen dann verlernen.

Doch sah ich dort einst Heilige und Frauen,

Die Helden Ilions und Illyriens Fürsten,

In ihren Gründen Künftiges erschauen.

Ich nenne keinen, kenne blos den Dürrsten:

Er sah zurück zu stillen Blüthenauen

Und schien nach Lebensspenden noch zu dürsten.

Die Dogaressa

Das ist ein Weib mit morgenrothen Wangen:

Der Mund gewöhnt, daß man ihm ernsthaft traue,

Verschwendet lächelnd Schimmer wie im Thaue,

Und diese Nase wittert unser Bangen.

Es sind die Flechten goldig wie die Spangen.

Die Augen grau, mit einem Stich ins Blaue,

Die Brauen Bögen, wie bei einem Baue,

Den lange Byzantiner angefangen.

Um ihren Busen athmen auch die Schleier,

Die Achseln fallen wie mit Blutgischt nieder

Und machen so den Hals fast rastlos freier.

Verwegen schlank versinkt das ganze Mieder,

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Das ferne Schloß (Miramar)

Du heller Fürst auf ewiggrünen Hügeln,

Es kennt Dein blaues Auge nicht das Meer,

Umsonst erscheint mir Deine Wehmuthswehr,

Du kannst auf einmal keine Wünsche zügeln.

Du glaubst nur traumhaft hin und her zu klügeln,

Doch weht Dein unergründlicher Begehr

Vom Meer, von dort, vom großen Meere her,

Und ein Entschluß wird alles überflügeln.

Du bleiches Schloß, das Meer hat doch gewonen,

Es grünen Deine Lauben, trotzen noch die Mauern,

Doch alle Heimlichkeit war bald zerronnen.

Du sollst vor Deiner Leere tief erschauern:

Du bist ja schon von Sagen sacht umsponnen,

Das Meer und Deine Trauer werden dauern.

Zauber

Der Vollmond ist schon da! Hinter den Feigen

Siehst Du ihn kupferroth und kalt erscheinen.

Der Himmel hat das Blau von echten Weinen:

Und seht, der Mond erblaßt beim raschen Steigen.

Wie ist die Welt doch thierhaft jetzt und eigen:

Vielleicht wenn still die Sternelein erscheinen,

Für einen Augenblick mit sich im Reinen,

Und alle Seelen müssen dann auch schweigen.

Schon sind sie alle da! Die Szepter, Kronen!

Der Westen blos blieb gelber als Zitronen,

Und auch der Mond beginnt sich einzuschleiern.

Die fernen Glocken werden kurz nur tönen.

Es muß das Ohr sich an die Nacht gewöhnen.

Ich höre lauter Traumkonzerte feiern.

Die Wasserschlange

Besorgniß überkommt mich beim Gedanken,

Daß eine ungeheure Wasserschlange,

In sich verschlungen, bis zum Weib gelange,

Vor dessen Fenstern meine Wünsche kranken.

Ich möchte dort dem Mund mein Glück verdanken,

Und weiß bei allem nicht, weshalb ich bange,

Mein Herz ist voll von holdem Schmeichelsange

Und doch: die Stimme und die Schritte schwanken.

Ich darf in dieser Stadt kein Weib berühren,

Ich fürchte mich vor allen stummen Fluchen,

Sie werden es ja selbst zum Grauen führen.

Ich kam nicht her, um Jubel zu vermuthen,

Ich sollte blos die Angst des Wassers spüren:

Und nun genug, denn lauter Wunden bluten.

Die Epheuranke

Der Epheu dort am gothischen Palaste

Verschlängelt sich zum marmornen Balkone,

Sein Schattenwesen gleicht einem Spione,

Den irgendwie ein Rachewunsch erfaßte.

Es ist, als ob er wachsend weitertaste,

Um klar zu werden, wer das Schloß bewohne,

Und ob sich wirklich ein Verrath verlohne:

Er winkt ja schon mit einem freien Aste!

Nun blickt der Mond um eine hohe Ecke:

Und sieh, ein Weib erscheint hinter den Scheiben,

Was hält es dort so bleich an einem Flecke?

Der Epheu muß noch viele Zweige treiben,

Damit er seinen Kundschaftsweg vollstrecke:

Die Dinge sterben ab, die Räthsel bleiben.

Jetzt mag der Mond auf Mosaiken spielen,

In stillen Kirchen, die man schüchtern meidet,

Beweint sein Licht den Heiland wohl, der leidet,

Weil die Geschöpfe ihrem Nichts verfielen.

Auch knieen blasse Schatten auf den Dielen

Und thränen, schwören, da die Nacht verscheidet:

So wird der Schein, der ihren Schein umkleidet,

Dort eingehn, hinter steilen Lichtprofilen.

Mein Augenblick, mein Traumgeschick wirft Schatten.

Was halte ich? Verlassen wir uns ganz?

Ich werde ja und mag schon langst ermatten.

Ich webe mich empor mit fernem Glanz:

Gestalten, die mich einst verleiblicht hatten,

Erschaut mein leises Wiedersein Byzanz.

Der Strom

Im Mondlicht schwimmen lauter Kinderleichen,

Es halten viele zwar die Augen offen,

Doch im Krystallsarg kann man nimmer hoffen

Und sucht blos Friedensmeere zu erreichen.

Verschleiert scheint das Mondweib nachzuschleichen:

Hast Du es nie verwittwet angetroffen?

Es weint: der Todten Augen bleiben offen,

Es weint und weint, durch Leid Dich zu erweichen.

Geschick, was spricht zu mir? Ich leide!

Ich habe doch genug an mir zu tragen,

Ich weiß ja klar, daß ich umsonst verscheide.

Wozu muß ich, ja ich, nur Schmerz ertragen?

Was zwingt mich, der ich jedes Nahen meide,

In Aller Klagen mich erst freizusagen.

Übertreibung

Oh Stadt, in Deinem letzten Dämmerlichte

Verflattern Fackeln langer Leichenzüge,

Als ob jetzt selbst die Fluch die Gluth vertrüge,

Sprühn alle Ufer nun in stillem Lichte.

Doch plötzlich, seht, die seltsame Geschichte:

Im Wasser selber schöpfen Feuerkrüge.

Doch ist das Schauspiel Zauber oder Lüge?

Wie, flimmerten und fischten drinnen Wichte?

Wie, glühte nie dein Wunder zur Genüge?

Es will nicht, daß ein Grün aufs Sprühn verzichte,

Und drum ergiebt es sich in Würmerflüge.

Nun sage, Sehnsucht, wie ich Dich beschwichte,

Mein Deuchten, Leuchten in den Rhythmus füge:

Ihr, meine Gluthfunken, seid Ihr Gedichte?

Der Vollmond naht des Meeres Silberrande

Und geile Lippen schwellen ihm entgegen,

Ertrunkene siehst Du sich am Seegrund regen:

Gespenster lösen alle Leichnambande.

Das Todtenflüstern aber zeitigt Schande,

Und alles siehst Du deshalb Grauen hegen,

Den Vollmond sich bequem aufs Wasser legen,

Und Angstgekicher weht zum gelben Strande.

Einst wird der Leib in meinem Grund versinken.

Was ich geschaut, ihn kurz und stink umgischten,

Dann jede Taggestalt ertrinken, sinken.

Gar oft, wenn sich Geschicke in mir trafen,

Errieth ich, daß um mich sich Andere mischten,

Einst aber kann ich nackt und einfach schlafen.

Das Sonnett

Es sollte mein Sonnett den Sternen gleichen,

Die blutigblau aus ihren Kernen leuchten,

Zuerst den Augen Feuerkreuze deuchten

Und dann auf einmal Lichtgeschimmer weichen.

Doch muß gar bald das Schimmern auch erbleichen:

Als ob die Urgluthen die Strahlen scheuchten,

Erscheint, bis unsere Lider sich befeuchten,

Den Blicken strahlenfrei das gerade Zeichen.

Dann zittre, wie um Sterne, feucht die Frühe,

Auf das erblickte Lid, zart eine Zähre,

In der die Gluth der Blutwünsche versprühe.

Es wünscht ja doch, daß es die Mär gebäre,

Daß schillernd Träumen seinem Grau entglühe

Und spielt, als ob es eine Perle wäre.

Der Herold des Sonntags

An perlenblassen Sommersonntagsmorgen

Erscheint ein Himmelskind unter den Dingen,

Es öffnet reiner Übermuth die Schwingen,

Und selbst der Wind hat wenig zu besorgen.

Das freie Meer bedenkt kein anderes Morgen,

Denn wenn sich Dinge über Tag verdingen,

So ist es nicht, um selber zu gelingen,

Ein Sonntag ist ja überall verborgen.

Der Sohn der Sonne wird in uns geboren,

Er strahlt aus allen, die dem Tag entstammen,

In diese Welt, die Gottes Wort verloren.

Oh, bleiben wir doch ohne Ort beisammen,

Der Sonntag hat uns, wo wir sind, erkoren,

Die Werke, Wesen werden seine Ammen.

Die hohe Botschaft

Wenn Wolken rings phantastisch niederblicken,

Entsteigt der Mittagsadler ohne Regung,

Doch meint die Stille innerste Bewegung

Und reicht die Frühe fertigen Geschicken.

An Quirlen kann sich da der Aar erquicken,

Der in der Stunde klarster Überlegung

Dort hinblickt zu der Fernen Flügelfegung,

Wenn alle steilen Strahlen rasch zerknicken.

Gar hehr erweist sich da der Geist am Meere:

Wir ahnen wohl, daß wir nicht blos empfangen,

Und streben dann nach eigener SeelenEhre.

Was da der Tag mit uns schon angefangen,

Das hegt und wird der Wesen ewige Lehre

Und kann in aller Nacht zu Wort gelangen.

Der Ruf

Der Sturm erfüllt das ganze Meeresdunkel,

So horcht, von Osten kommt das große Tosen,

Es möchte rufen, doch im athemlosen

Sichüberstürzen hörst Du blos Gemunkel.

Nun brüllt es auch, und zischendes Gefunkel

Vergeistigt wunderlich groteske Hosen,

Die Stengel tanzvernarrter Wolkenrosen:

Und plötzlich drohen oben GlotzKarfunkel.

Der Stier beginnt im Winde jetzt zu rufen.

Er bringt die Stille des bewußten Starken

Und tritt die blinde Wildheit mit den Hufen.

Die Murmelnden beginnen abermals zu harten,

Man dient dem Stier in allen Lebensstufen,

Die Arbeit wird die Wahrheit aller Marken.

Der Löwe

Der Werktag schleppt sich fort in dichtem Regen,

Ein Schiff wird in der Werft zurecht gemacht,

Es drehn sich Krahne unentwegt mit Fracht,

Und auch der Regen will sich gar nicht legen.

Das klare Wasser hört nicht auf zu fegen,

Zu Ende wird die Arbeit bald gebracht.

Da staunt: der Nachmittag zeigt seine Macht,

Der Markuslöwe spendet blauen Segen.

Im Westen ist er goldig klar erschienen,

Er wälzt sich zwischen Regenbogen vor

Und will, daß ihm die Elemente dienen.

Die Menschen wimmeln durch des Löwen Odemflor,

Die Boote auf der Goldsee scheinen Bienen,

Und Aller Blicke krönt ein Siegeschor.

Serenissima

Es beben die Schwalben wie Herzen, die toben,

Sie singen hinein in den siegenden Lenz,

Sie feiern den Herzog der Seeresidenz,

Der ausfährt, sich hehr mit dem Meer zu verloben.

Es ist noch der Morgen in Flore verwoben,

Drum siehst Du kein Schaustück, doch jedes Rind kennts,

Und alles erfreut sich des Hochzeitsmoments

Und dringt mit dem Glockengeläute nach oben.

Der Doge hat stolz einen goldenen Reifen

Ins traumhafte Blau seines Meeres versenkt,

Die Braut nur geschaut, um ihn traut zu begreifen.

Der Herzog hat traurig nach Hause geschwenkt,

Die Gondeln beginnen im Golde zu schweifen,

Dem Sang haben ganz sich die Schwalben verschenkt.

Der Herold von Florenz

Der Herold von Florenz in goldenem Flore,

In leichter, turteltaubengrauer Tracht,

Der unterwegs sein Eigenthum bedacht,

Erscheint am Meer in einem Sonnenthore.

Er tritt zu einem Frühlingskinderchore,

Und wo er hold zu der Umgebung lacht,

Dort gleicht sein Gruß dem Lenze, der erwacht,

Und die Erscheinung einem Meteore.

Am Strande die Gespielinnen der Wellen,

In bleichen Schleiern und mit hellem Haar,

Gewahren ihren fremden Spaßgesellen.

Am Wasser sagt er, was der Himmel war,

Und blau umschwebt von bebenden Libellen,

Wird allen trautes Heimweh offenbar.

Die Tochter von Fiesole

Toskanas Tochter kommt voll Reiz und Scheue

Zur hehren, sonnenhellen Sommersee.

Ein Taubenpaar, so weich und weiß wie Schnee,

Erscheint ihr da in der verzückten Bläue

Der Inselwelt unter dem Flügelleue

Und grüßt der grünen Hügel Frühlingsfee,

Die Hülle einer wehen Glücksidee,

Und wünscht, daß sie der Flug als Gruß erfreue.

Die Tochter Fiesoles entnimmt die Blüthen,

Die Kinder ihrer Vaterstadt gepflückt,

Nun strohgeflochtenen Körben, die sie hüten,

Und schon die Einfalt ihrer Art beglückt:

Die Tauben ruhen nun, wie um zu brüten,

Stumm an der Brust, an die das Mädchen sie gedrückt.

Des Dichters Angebinde

Am Arno stehn Zypressen starr am Grabe

Der Braut, die nur ein armer Träumer sah:

Der Statte ihres Waltens blieb ich nah,

Doch glaub ich, daß ich nichts erfahren habe.

Das Lied, an dem ich meine Sehnsucht labe,

Blieb ganz allein und als alleine da,

Doch plötzlich wars, als ob etwas geschah,

Und ich bekam vom Leide eine Gabe.

Ich wägte, hegte was ich schwer erduldet,

Da ward im milden Licht das Leid zum Lied

Und hat sich tief als Perle eingemuldet.

Und das empfand ich mit gesenktem Lid:

Nun Heimathmeer, mit Dir bin ich verschuldet,

So nimm von mir, was noch mit mir geschieht.

Die Sendlinge von Siena

Auf rothen Rossen kommen stolze Boten,

Mit Rollen über das Gebirge her,

Sie denken nach: das Amt ist schwer,

Es wird ein Freistaatsbündniß angeboten.

Die nordischen Despoten, Roms Zeloten,

Bedrohn die Eigenreiche immer mehr,

Den Markusstaat allein beschützt das Meer,

Doch hofft man nun, Toskana zu verknoten.

Die Reiter sind noch jugendlich und heiter:

Und seht, verkleidet kam ein Mädchen mit,

Zwar ist es angethan wie sonst die Reiter,

Auch merkst Du nicht, daß es beim Ritte litt,

Doch dienen ihm die bärtigen Begleiter,

Und einer folgt ihr gar auf Schritt und Tritt.

Der Wasserfall

Das Wasser wandert durch die blauen Thäler,

Der Wind verliebt sich in die stillen Dinge:

Es will das Licht, daß Alles Hymnen singe.

Und seht, die Wälder werden rings Erzähler.

Ein Bündnißgeist, des Guten frömmster Wähler

Ist da, damit der Heimath Sang gelinge.

Er spricht ins Wasser, daß es Botschaft bringe,

Er dröhnt sogar: Denn horcht, das Thal wird schmäler.

Es ist die Sprache das der Patriarchen.

Das Wasser sagt fürwahr: Wir wollen leben!

Und aller Schaum verlangt, daß Walzen schnarchen.

Der Ache Schleusenschlösser werden Archen,

Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben,

Man mag den Schatz des Wassers »Raschheit« heben.

Der holde Mönch vom Monte Oliveto

Es denkt der Mönch: Die Seele konnt ich wahren,

Ich hoffe, Gott erhält mich keusch in Frieden,

Der Liebe Grauen hab ich fromm vermieden,

Und etwas mag sich stets mir offenbaren.

Ich bin ein Kind mit weißem Kleid und Haaren,

Und habe nie mich weltlich unterschieden,

Ich weiß nicht, weilt ein Leib von mir hienieden,

Denn der hat nie den Hang am Fleisch erfahren.

Und doch, die Seele sing sich an zu trüben,

Drum zog ich aus und wandre nun zum Meere,

Um alle Blauheiten im Blau zu üben.

Damit der Perle Schimmer wiederkehre,

Versenkt man sie ins Meer, dem sie entnommen,

Auch ich bin krank und mag zum Heile kommen.

Das schnelle Ende

Das Grauen meines Wesens will erbleichen,

Es ist, als ob es in der Seele schneite:

Das Lied ist krank, dem ich die Perle weihte,

Der milde Schimmer scheint mir kalt zu weichen.

Ihr tranken Perlen seid der Krankheit Zeichen,

Ihr werdet blau und sagt, das Fieber schreite

Aus meinem Sange in das Klanggeleite:

Statt Perlen seh ich Augen blonder Leichen.

Ihr Perlen wollt meinem Gesicht entgleiten,

Ich spüre Euch ohne Gewicht erweichen,

Vergeht denn, liebliche Absonderheiten!

Ihr ward ein Schein aus morgenklaren Reichen

Und müßt vor einem Tag mit hellen Weiten,

Wie allerletzte Mondstrahlen, entschleichen.

Der Bernstein

Die Menschen lesen gerne in den Sternen

Und denken an die herbe Schrift des Herrn:

Ich aber wähle keine Weltenfernen

Und wähne das Geschick im Wesenskern.

Ich nehme einen Stein aus fremden Meeren

Und sehne mich nach seinem Sagensang,

Sein Wesen glänzt von eingekerbten Lehren

Und macht mich da gar traumerfüllungsbang.

Du goldenes Geschick in meinen Händen,

Erzähle Deine eingefrorene Mär,

Das Honigroth von Deinen glatten Wänden

Besprüht mein Spürsinn lüstern wie ein Bär.

Verglast in Deiner Blaßheit, ahn ich Schwingen

Und senke meinen Wahn in Dich hinein:

Nun lebe ich verwandt mit fernen Dingen,

In Dir, oh Stein, mit mir und Dir allein.

Es pocht mein Herz, Du Bernstein sprichst: sei leiser!

Nun bin ich still, still wie Dein Athemgold,

Denn Bernstein, heller Stein, ich bin Dein Weiser,

Ich weiß wie hold sich Ewiges entrollt.

Du wächst und athmest wie die gelbe Erde,

Die herrlich durch die Wälder Sonne schlürft,

Die wagt und plagt, damit sie größer werde,

Und Wachstum sagt: wachst, da ihr plündern dürft.

Ach was, Du bist ja athemloses Wachsen,

Du bist ja Wachs, halb Wabenwachs, halb Harz:

Mein Wahn erwacht: ein Wasser, voll von Lachsen,

Entrauscht und überrascht den alten Quarz.

Gesprengter Stein, in Ursels und in Fluthen,

Auf Deinen Härten will ich Fernen schaun!

Granitgrate, was könnt Ihr grau vermuthen?

Ihr Urburgen beruht auf Grundvertraun!

Das Wasser wechselt, Wechsel schnellen Wellen,

Und Wellen schwellen Schwingen und den Wind,

Der Wind beseeligt und die Seelen quellen

Unüberwindlich, weil sie gar nicht sind.

Nun Geist, als Sonne, komme Du zu Worte,

Die Sonne ist des Wortes Goldsymbol,

Erkunde unumwunden Zufluchtsorte

Und Hochzeitsgipfel für das Wonnenwohl.

Du Seligkeit, Du Ich mit Frühlingsflügeln,

Erhebe Dich, soweit es Welten giebt!

Dem Wasser laß den Sprung, dem Glück das Klügeln,

Du brauchst nicht Flügel, sei der Flug, der liebt!

Entschwebe Dir doch selbst, beseeltes Wesen,

Auch Deine Mutter Erde stiegt durch Dich,

Sie lebt ja nur, das Beste auszulesen,

Sie strahlt bereits und scheint uns innerlich.

Vineta, holder Wortesort erscheine,

Entschwebe Deiner Zukunft, werde Traum,

Ich schaue Dich in goldener Morgenreine,

Und Dein Erschwellen wellt Gewitterschaum.

Du Wendenwahn Vineta, Wind der Wende,

Du Wehmuthswunsch, erwache auf der Fluch,

Du Wagnißstadt und Warnung ohne Ende,

Entschließe Dich zum Flug, der Flug ist Muth.

Du Wahneswahrheit auf dem Wanderwasser,

Du Ewigkeit mit Gluthwurzeln im Blut,

Ich selbst, ein blauer Wunderwunscherfasser,

Erschaue nur, was fern im Glauben ruht.

Vineta, winde Dich empor zum Wesen,

Vineta, strahle aus Erbarmen auf,

Vineta, werde wie es nie gewesen,

Der Wind der Stille lenke unsern Lauf.

Schluß der Perlen von Venedig.

Du holdes Weib, verliebte, lyrische Gedanken

Berauschen mich im Augenblicke voller Lust,

Es will mein Wesen Dir in jedem Kusse danken,

Und doch, der Liebe Abgrund wird uns nie bewußt!

Durch unseren Jubel zittern Reihen von Äonen,

In ihrer Ewigkeit verzuckt der Schwall der Feit,

Es kann sich alle Einsamkeit in uns belohnen,

Ja, es erklärt und es befriedigt sich das Leid!

Das Athmen Deiner holden Brust vermählt die Wogen

Verwolkter Meere mit der Sonne meines Wesens,

Mein Wollen hat den Sturm aus Dir emporgesogen,

Denn Liebe birgt den Schauer mystischen Genesens.

Aus unserer Liebeswonne jauchzt verborgenes Werden,

Doch sie verschlingt auch todesöde Möglichkeiten,

Sie wiegt in sich das Wesen unverhoffter Erden

Und überschreitet lauter angefangene Zeiten.

In unserem Rausch verträumen jene Weltgebilde,

Die einst der Erde, voll von eigener Wucht, entstrebten:

Doch leuchtet auch in ihn des Lenzes Sonnenmilde,

Die Halt gebot, bevor die Wüsten sich belebten.

Es einten uns die reichen Ursprungselemente,

Doch wir gebaren ein bewußtes Lichterhoffen.

Als sich in Dir der Seele Unschuldshülle trennte,

Stand auch in mir ein Schöpfungsabgrund plötzlich offen.

Wer weiß, was für ein Mensch jetzt in das Dasein schauert,

Was wir ihm schenken werden mag er überwinden,

Was er uns eben giebt, ist das, was ewig dauert,

In ihm soll sich die Welt als neue Macht empfinden!

Irr nicht ab, oh Geist, vom Pfad auf dem Du wandelst,

Frage nicht, ob Du, so wie Du glaubst, auch handelst,

Schwärm Dich aus, Du magst es wie die Andern treiben!

Spätere mögen sich Dein Denken einverleiben.

Fühlte ich mich doch von Jugend an als Heide;

Und verlangt die Seele auch nach fernem Leide,

Will ich es trotzdem mir nicht selbst bescheeren,

Denn das Schicksal birgt für mich von selber Lehren!

Ich fühle mich ganz eins, ein Leib und eine Seele,

Und führe Streit, den ich in mir erwähle;

Kein Gespenst, das ich nicht selber tief erschaue,

Hilft mir je bei meinem eigenen Wolkenbaue.

Singt die Seele auch auf einmal ferne Lieder,

Steigen dann im Herzen Zweifel auf und nieder,

Weiß ich doch, ich werde mich an sie gewöhnen

Und mit neuem Thun und Formenschmuck versöhnen.

Plagegeister, ich erbau Euch keine Bühne,

Nimmer glaube ich an Sünde und an Sühne:

Was Romantiker so gerne übertreiben,

Wird in mir Geheimniß oder Schrulle bleiben.

Heute da die Menschen alle lesen können,

Will ich ihnen gerne große Gesten gönnen,

Doch ich zieh es vor stets athembang zu schweigen,

Wo sich Räthsel plötzlich über mir verzweigen.

Für Saturn begründet man jetzt unbewußt Altare,

Stellt sich philantropisch gegen ihn zur Wehre;

Fortschrittszugluft zeugt gar häufig Gliederreißen,

Einsichtslos will jeder laut das Nichts verheißen!

Opfer der Natur, Ihr könnt mich nicht erboßen,

Statt zu packen, scheint das Leben Euch zu stoßen!

Ach, wie tief es trifft, statt rasch vorbei zu wehen!

Ernst ist es, und dennoch kann ich fortbestehen!

Glocken erschallen!

Von ruhmvollem Dom

Locken und hallen

Die Rufe von Rom!

Es folgen die Leute

Dem klingenden Strom.

– Sonntag ist heute –

Frohlockende Glocken,

Ihr greift mir ins Herz!

Der Äther ist trocken

Und klar schwingt das Erz.

Campaniens Campanen

Erweckt doch in allen

Ein gläubiges Ahnen,

In schallenden Hallen

Ergeht sich der Geist:

Oh Rom, du verzeihst

Dem Geist der entgleist!

Der Frühling erglitzert,

Von Liedern umzwitschert,

Umblühen die Bäume

Inngfräuliche Schäume.

Jetzt tönen auch Schellen

Von Klöstern Kapellen,

Und selbst bis in Zellen

Dringt Jubelgetön:

Ja alles wird schön!

Auf schneeigen Höhn

Verflattert der Föhn!

Duftender Schaum

Steigt durch den Raum,

Das Frühlingserblühn

Verschüttet das Grün.

Wie, alles vergeht?

Der Westwind verweht;

Nein, Bläue die währt,

Hat alles verklärt!

Fromme Gesänge

Beleben die Hänge,

Menschliche Schlangen,

Voll Gottesverlangen,

Durchziehen die Felder,

Dann bergen sie Wälder!

Oft hör ich Gebimmel:

Da seh ich Gewimmel,

Auch scheinen rings Fahnen

Zu drohn und zu mahnen,

Das freut wohl den Himmel,

Denn niemals noch war

Der Äther so klar.

Am Volksplatze vereinen sich die Karawanen.

Von Rom befreite Sklaven aller Welt

Erscheinen mit geweihten Siegerfahnen

Und haben sich auf Rampen ringsum aufgestellt.

Die Sklaverei wurde zum Hauptprobleme

Der Römer, als sie es zur Macht gebracht.

Durch alle Zwangssysteme sind im Diademe

Der Urbs Befreiungsfunken wunderbar erwacht.

Die Kirche hat den Kampf zum Schlusse ausgefochten,

Und überwunden, steht sie dennoch siegreich da.

Die Gegner ihrer Wirksamkeit vermochten

Stets mitzuschaffen, daß die That, die da geschah,

Zerfasert und zerstückelt, dann auf uns gekommm!

Und nun ist Rom sein Lichtgedanke ganz genommen.

Doch öffnet sich die große Stadt den treuen Schaaren,

Gleich einem Herzen, das zu Seligkeiten führt.

Ich kann Sankt Peter und das Kapitol gewahren,

Und jedermann wird durch den Anblick rief gerührt.

Der übersonnte Corso gleicht jetzt einem Pfeile,

Der unser holdes Weltherz durch und durch durchdringt:

Er ist die Strecke der modernen Tageseile,

Der Macht, durch die das Ketzerthum die Urbs bezwingt.

Ihr Pilger, zieht zu Ara Coelis Wunderknaben,

Zur Scala Santa und zum nahen Vatikan,

Versucht den armen Geist durch sein Gebet zu laben,

Ersteht vom Himmel einen jungen Glaubenswahn.

Du Rom, entschließe Dich zu neuem Kampfe,

Tritt gegen Wucher und den Scheinwerth muthig auf,

Die Welt um Dich vergeht in wildem Werktagsdampfe,

Verhindre, kannst Du etwas, diesen Abgrundslauf.

Es ist ja Geldeswerth allein im Geist entstanden,

Drum säe man was fix ist, nicht als Samen aus.

Gold kann nicht wachsen, Christen habt Ihr es verstanden?

Dem Schöpfer ist die Wucherei ein arger Graus.

Das Werk des Vaters nachahmen ist Satanssunde,

Drum sei das Kapital, das sich verzinst, verdammt!

Der Geist, der trachtet, daß er Ewiges begründe,

Und dessen Wesen jedes Handelsmaaß entstammt,

Wird auch beleidigt, wenn man seine großen Werke

Wie Zeitliches behandelt und sich mehren läßt.

Drum Rom, erringe neue Zuversicht und Stärke,

Und stehe endlich gegen Ketzerschacher fest.

Befreite Sklaven, kommt in großen Prozessionen,

Drangt massenweise rings heran: Patrizier Roms

Empfangen Euch mit Flaggen. Auf den Festbalkonen

Begrüßen sie den Geist des freien Menschenstroms.

Es muß auch in der Zeit, was ewig einwirkt, siegen,

Die Feiertage strahlen durch das ganze Jahr,

Doch zu Frohnleichnam bändigen und überstiegen

Die Feststunden die Arbeit, die der Zwang gebar.

Frohnleichnam, Ruhetag unter den Feiertagen,

Du Auferstehung aller großen Erdensagen,

Du sagst, wenn man in einem fort im Leben stirbt,

So muß man schließlich auch an einem Zeitpunkt sterben.

Und wenn man immer neue Himmelslust erwirbt,

So wird dereinst die Welt das Gnadenlicht erwerben!

Wenn ewig sich Jungfräulichkeit im Sein erzeugt,

So mußte eine Jungfrau einmal schuldlos zeugen:

Wo das Geschöpf sich dauernd vor dem Schöpfer beugt

Da sollte Gott sich einmal vor der Schöpfung beugen.

Dort wo dem Fleisch verziehn wird, daß es aufersteht,

Wird einstens alles Sünderfleisch frei auferstehn,

Doch wo der Körper, nicht der Geist, zu Grunde geht,

Wird alles, was nicht geistig ist, zu Grunde gehn.

Da alles, was geschieht, sich unaufhörlich richtet,

So wird die Welt bestimmt auch in der Zeit vernichtet.

Da die Natur zum Schlusse jeden Hader schlichtet,

So wird die Schöpfung noch zum Ursprungsgeist verdichtet.

Dreieinigkeit besiegelt sich in allen Dingen,

Drum muß sie auch sich göttlich in die Höhe ringen.

Und da der Gottheit alle Dinge jung entspringen,

So wird sie ewig, was entsteht, ins Dreimaaß zwingen.

So zieht denn hin, die hohe Gnade soll verflachen,

Durch Euch hindurch in Thier und Pflanze noch erwachen!

Das Christenthum wird ringsum tiefe Wurzeln fassen

Und selbst die Felsenmassen nimmermehr verlassen.

Oh Rom, ich lobe Dich, denn in gezähmten Horden,

Bist Du zu einem tiefen Weltgesetz geworden!

Die vielen Glocken fangen wieder an zu lauten,

Ein ordentliches Dröhnen, – man muß sich dran gewöhnen, –

Beginnt nun, für sich selber, Manches zu bedeuten,

Und will uns da, wo wir auch sind, mit Gott versöhnen:

Das lockt und ruft und eilt einem auch nach,

Oh Klang, erfasse uns, in träger Geistesschmach!

Es sind nun Jesus Christus, Moses, die Sybillen

Bereits ein wenig in die Menge eingedrungen,

Man kann mit Vorsicht und mit etwas guten Willen

Von Dingen, die dem Geist des Christenthums entsprungen,

Nunmehr mit Bürgern und sogar mit Priestern reden.

Sie werden Euch, als närrisch, kaum noch ernst befehden!

Giordano Bruno, wie? Auch Du spukst schon im Haufen,

Jetzt ehrt man Dich, denn Dein System schuf Kopfzerbrechen,

Bekämpfte Dich ein Mensch, so würde man auch raufen

Und für so Schwererlerntes eine Lanze brechen.

Giordano, ach, Du sahst den Heiland in der Menge,

Und Du entsetztest Dich vor ihrer Schauderenge,

Du scheutest ihren Gott, Du holder Sonnensohn,

Und jede Prozession entlockte Deinen Hohn.

Du tratest auf, um träge Festzüge zu stören,

Dein Sang erhob sich bald in tausend Lebenschören

Und als Du heimgingst, mußten Dich die Götter hören!

Du warst ein wahres, feierliches Seelenlicht,

Das heutzutage sich in Prozessionen bricht,

Du selbst bist fort, Dein Regenbogen aber glüht

In allen Farben, die ein ewig Werk versprüht.

Was in uns liegt, kann oftmals ein Gemüth erfassen,

Doch will man es, selbst wenn bewußt, noch schlummern lassen:

Und wühlt es fort, so wird es auch zur Übermacht

Und schließlich uns, durch Liebe, völlig nahgebracht:

Entrauscht es dann, so hat es Eigenkraft zum Leben,

Und endlich müssen wir uns noch zu ihm erheben!

Es ringt das All, sich rings aus Liebe zu durchdringen,

Und ewig sucht es deren Dauer zu erzwingen,

Es kämpft dabei die Zeit, den Abstand zu vernichten

Und trachtet, sich als Lichtgestirne zu verdichten,

Verrundet und erstarrt, Errungenes zu schützen,

Und seine Schlummerlust dadurch, verstreut, zu stützen.

So ruht und so beruht die Welt auf ihren Sternen

Und wir empfinden rastlos deren Daseinsfernen.

Stets müssen sich die Abstände mit Formen füllen,

Die Lüfte sind der weiten Freiheit weiche Hüllen.

Das Licht, die Wärme, die ein Wesen kaum bespülen,

Sind Übergänge in den tiefen Weltgefühlen.

Die See ist da, um Dunst und Seelen aufzuscheuchen,

Und Stürme hören wir in Liebeslücken keuchen:

Ja, ja, das ist die Liebeskette der Natur

Und mitten drin im Meer, entstand die Kreatur.

Wir Menschen sind halb Sonnenkraft, halb Erdenzwang,

Ein Reis, das sich aus Liebe um die Heimat rang,

Denn liebreiches Vermitteln ist des Menschen Denken,

Das ganze Werden soll aus ihm zur Sonne schwenken.

Die Masse ist nur da, Gesetze zu bewachen,

Es soll sich stets der innere Tag in ihr verflachen,

Sie will, daß man sie nicht mit neuen Flammen störe

Und stets Gebotenes, wenn es neu ist, überhöre!

Oh Menschheit, die sich spinnenartig rings verbreitet,

Die alle Erdenbrunst in das Bewußtsein leitet,

– Denn alles was bestimmt ist, bis zum Licht zu klimmen,

Muß erst als Daseinsfunke wurzeltief erglimmen –:

Du wahrst Dir eifrig die Alltäglichkeit im Leben,

Denn Deine Pflicht ist blos ein stilles Weitergeben

Von Räuschen, die vom Grunde aus zur Sonne steigen

Und sich in Wäldern und in Seelen still verzweigen,

Die eine Liebestreppe in den Wesen finden,

Und dauernd, was geschieden ist, in uns verbinden!

Impulse tief verwerthen, Eigenes balanzieren,

Berührt sein, im Gemüth den stäten Wechsel spüren,

Für Kleinigkeiten Muth und Daseinskraft verlieren,

Ganz unbewußt ein Leben voll Gefahren führen,

Das ist das Loos, das immer in uns übergeht,

Und auch zugleich, als fremd, an uns vorüberweht.

Es ist der Mensch sein eigener Geschicksmagnet

Und er beherrscht sich durch ein stummes Lichtgebet,

Drum ziehet hin und sammelt Euch in Prozessionen,

Die Geister, die Euch sonst vor Eurem Tod verschonen,

(Denn wißt, er droht Euch rings! Und einem Riesenglücke

Verdankt Ihr Euer Leben trotz des Daseins Tücke,)

Vermögen es, wenn Ihr gefahrlos weiterschreitet,

Das Eigenglück, das Euch sonst Schritt für Schritt geleitet,

Zu Eurem Besten anders und erhabener auszunützen,

Doch müßt auch Ihr es, durch Gebete unterstützen.

Es gilt im Inneren sich zur Prozession zu sammeln

Und vor dem Alltage für einmal zu verrammeln!

Wir Menschen tauchen auf, geboren wird man nicht.

Die Kindlichkeit, die zart sich durch das Dasein flicht,

Verweht, wenn der Karakter in uns aufersteht

Und rhythmisch in die große Ordnung übergeht.

Der Geist, der freie Wille können selten gelten,

Doch, daß sie beide sind, erleuchtet ganze Welten:

Die Freiheit ist so klein, daß erst die Ewigkeit,

In der sie aber Macht hat, ihr ein Maaß verleiht.

Sie ist ein Nichts, doch immer wieder angenommen,

Hat sie in uns den höchsten Einheitswerth erklommen,

Die Möglichkeit zu leben ist unmöglich klein,

Und dennoch fügt sich alles in das Ganze ein!

Ein Opfer, ein Entschluß kann das Geschick von Ländern,

Auf einen Schlag, durch einen Zufall, sagt man, ändern!

Des Erdeneigenwillens kleinste Übermacht,

Der ewigferne schon im Sonnenschooß erwacht,

Hat einst die Welt, auf der wir wandern, frei gemacht!

Auch Menschen streifen lauter Freiheitsmöglichkeiten

Und müssen oder können sie oft überschreiten:

So kommt nach Rom, Ihr Katholikenprozessionen,

Und hofft Ihr es, so wird in Euch ein Wunder wohnen.

Oh, singt der frommen Männer Kampfchoral,

Ja, beugt Euch vor dem Leben, wie aus freier Wahl,

Das was Euch Wucht verleiht, das hält Euch lang befangen,

Doch was Erfahrung giebt ist immer noch vergangen.

Ihr ändert Euch und öfters merkt Ihrs an den Andern,

Das heißt, Ihr seht wie Eure Schrullen wandern,

Die Jugend um Euch her hat Manches Euch entzogen,

Voll Übermuth errafft, Euch Klügere drum betrogen.

Ihr glaubt vielleicht, mit jedem Augenblick zu sterben,

Warum nicht lieber rufen: »Herr wir erben, erben!«

Ihr sollt, was Ihr vereinzelt habt, schnell weitergeben,

Um Euch, nach freier Wahl, stets edler zu beleben!

Der Sinn des Daseins ist blos Handeln und Vertauschen,

Doch wenn Ihr wählt, sollt Ihr Euch selber gut belauschen,

Und bleibt bei Eurem Tode blos der Ursprungsfunken,

So sei Eure Persönlichkeit bereits versunken!

Verrauscht im Krieg der Mannen starke Lebenskraft,

So wird sie gleich von Anderen wonnig aufgerafft,

Es können Schlachten gar nichts auf der Erde schaffen,

In dieser Lebensfluth wird nie ein Abgrund klaffen.

Die Geistersphären, die das All zusammenschweißen,

Kann nimmer irgend ein Geheimniß niederreißen!

Wer herrschen darf, der muß sich überschätzen,

Und seine Macht dadurch, wenn sie entsteht, zersetzen.

Die Liebe aber wächst und rankt das Christenthum,

Die Wahrheit, um den Erdball, voller Macht, herum.

Wir mögen drum an Völkerführer immer glauben,

Noch will uns die Natur nicht die Romantik rauben!

Oh kommt, Ihr Menschen, mit Standarten und mit Fahnen,

Ihr triumphiert bei dieser großen Prozession,

Es zog der Geist zuerst dahin in langen Bahnen,

Nun geht der Leib, die Seele aber herrscht vom Thron.

Oh singt im Sonnenlicht, singt Euren Liebeschor,

Vielleicht könnt Ihr die Schmerzensketten noch zersprengen!

Geht irgendwo bereits ein großer Umschwung vor,

Will aus der Menge sich der Wahrheitsgeist entengen?

Wird man an Kreuzesstatt dereinst die Sonnenscheibe

Bei Prozessionen, wie beim Sonnenkult, gewahren?

Man trägt sie schon, seht die Monstranz aus Gold! Dem Leibe,

So wie dem Geiste, wird sich Gnade offenbaren:

Wir werden immer nur den Gott der Liebe feiern

Und seinen Glanz, aus Furcht, mit Sonnenlicht verschleiern!

Es überkommt die Gaffer bei der Prozession

Gar leicht, besonders wenn es heiß ist, Schlummer.

Und so verduseln viele Leute ihren Kummer,

Sie denken nicht an Mutter, Gatten, Sohn.

Was sie bewegte, sehn sie nur als ferne Bilder,

Dann überblenden sie auf einmal rothe Schilder,

Ein dichter Kupferflitter schwirrt vor ihren Augen,

Und Hals und Beine scheinen nimmermehr zu taugen.

Für sie würgt sich der Zug nur schwer durch heiße Gassen,

Und Schwüle senkt sich auf den Athemdunst der Massen,

Doch wacht man auf, geschieht es meistens wie im Schwindel,

Es ist, als tanzte Blut und Gold um eine Spindel!

Die Weiber, meistens Mütter, kommen nun zu Gruppen,

Das sind des Erdenwiderstandes tapfere Truppen;

Sie beben ihre Wünsche stets aus Seelensummen,

Ihr Hoffen, Wollen ist verwirrt wie Glockensummen.

Den Schein und dessen Anmuth wahren sie dem Leben,

Kein Weib wird sich mit solchem Schild ergeben!

So betet denn für glaubensabgewichene Söhne

Und hofft, daß jeder sich dem Himmel einst versöhne.

Wie herrlich ist es Euch noch fromm und stark zu sehen,

Der Geist wird Eure Reihen immer mehr umwehen!

Das Weib ist reich an Träumen und auch zukunftsschwanger,

Der Mann an Seligkeit zumeist nur ihr Empfanger!

Sie ist zwar leiblicher und auch viel erdennäher,

Doch Sie empfängt dadurch auch alle Urgluth eher,

Das Liebeslicht, das aus der Erde sonnwärts strebt,

Wird immer erst als Scham und Huld im Weib belebt.

Es liebt die Erde wohl die Frau am allermeisten

Und will an ihr das höchste Maaß an Schönheit leisten,

Der Tropen Überfülle wuchtet in den Haaren,

Die wir als Kranz um jedes schöne Weib gewahren.

Des Gischtes Frische mit des Riffes Schliff vermählt,

Ward zum Gebiß, das Seegeblink und Schmelz beseelt.

Der vollen Lust und Jugend holde Morgenkunde

Entschwellt aus jedem wonnereichen Frauenmunde.

Die Abendwolken, die zuletzt am Himmel hangen,

Vergehen nimmer auf des Weibes zarten Wangen,

Des Meeres Ströme, die in Buchten still erwarmen,

Sind nichts als Ahnungen von weichen Frauenarmen.

Des Muttermeeres Kinder aber sind die Seeen,

Zu denen Wolken, deren Ammen, niederwehen,

Oh Weib, in Dir verleiblicht sich die Weltenmilde,

Du bist das stillste aller wirklichen Gebilde.

Mit Purpurfahnen, wo der innern Liebe Gold

Vor unsern Sinnen Märtyrer entrollt,

Erscheinen jetzt in Furcht und Nacht gehüllte Nonnen,

In denen schon der Geist über das Fleisch gewonnen.

Die Allerschwächsten singen einen Machtchoral

Und preisen seelig ihren himmlischen Gemahl,

Nicht jeder Seelenrausch darf sich zum Licht ergießen,

Es müssen Thränen auch zu Wurzeln niederstießen.

Ein Theil der Welt will seine tiefen Schlünde füllen,

Und wer es wagt, wird sich in inneres Dunkel hüllen.

Wer Sonneneigenschaften in sich trägt ist gut,

Doch auch die Erde fordert Gluth von unserm Blut.

Der Staub ist da, damit die Wesen ihn erheben,

Das Licht, damit die Menschen es der Tiefe geben.

Drum dürft Ihr auch, voll Muth, das Tollste denken,

Was man auch thut, den Weltgang wird man weiter lenken!

Die Wahrheit ist vielleicht kein Zweck, blos eine List,

Es giebt blos einen Zwang, der ist, das was man ist.

Der Alltag ist der Gott, die Schönheit blos Symbol,

Die Tugenden und Hoffnungen gar häufig hohl.

Der Spießbürger um uns ist unsere Schicksalsmacht,

Er flüstert nur, durch alles, was er kreischt und lacht,

Die Wirklichkeit von unsrem Erdgeschick ins Ohr!

Wir ahnen es, und deshalb graut uns so davor!

Die Sünden, die wir oft entsetzt in uns gefühlt,

Verbleichen von den Gegenwarten fortgespült,

Doch etwas bleibt von ihnen stets in Jedem hangen,

Und deshalb muß uns noch vor ihren Siegen bangen.

Du fromme Prozession, zieh hin bei Glockenlauten

Du bist zumeist ein Troß von just noch braven Leuten.

Denn jene, die sich einmal nur erwischen ließen,

Nebst denen die den Anstand ganz verließen,

Durchgrübeln Kerkerlöcher, wühlen fort und fort,

Denn stets erwägt sich, stirbt und triumphiert der Mord.

Sie brüten unten fort, verseuchen langsam Alle,

Nur fremde, böse Mächte bringen uns zu Falle.

Wenn jemand plötzlich tief und schauerlich erbebt

Und fühlt, daß sich ein Arm der Hölle aufwärts hebt,

So fürchtet er vor allem selbstbegangene Fehle,

Denn an die Schuld der ganzen Welt erinnert sich die Seele!

Verbrecher sind als Lasterspeicher zu betrachten,

In ihnen lagert sich der Menschheit Schande ab.

Die Schuld, nicht ihre Träger, sollte man verachten,

Wo viel verbrochen wird ist auch der Richter schlapp.

Die Mörder tödten, heißt ihr Unrecht neu gebären

Und so der Welt zwei Missethäter mehr bescheeren.

Die Blutinstinkte, die Gefangene wild verbeißen,

Darf niemand durch Gewaltgerichte roh zerreißen,

Sie müßten sonst gleich einen neuen Mörder schweißen,

Dazu erzeugt auch jede That gleich eine Seele,

Und Blutgespenster schwirren stets um Mordbefehle!

Gewohnheitspanzer schützen uns vor Flüsterstimmen

Und Gluthimpulsen, die am Herzensgrund erglimmen:

Nur was die Menge will und stets von uns begehrt,

Hat sich, bis wir erwachsen sind, als gut bewahrt.

Vielleicht sind Schliffe, die uns unsere Umgebung giebt,

Alleine das Bewußtsein, das um uns zerstiebt:

Wenn uns die vielen Gegensätze rings verließen,

So würde jedes Sein im Traumgewirr zerfließen.

Die Völker haben sich schon ziemlich ausgeglichen,

Und in der Kleidung wird die Gleichheit unterstrichen,

Man hängt von anderen ab und ist sich nie genug,

Die Freibeweglichkeit ist jetzt ein Meistertrug.

Du Gleichheitsdrang, Tellurgesetz, hast viel besiegt

Und wilde Ranken oft um Zäune hold geschmiegt:

Ein Volk, das ruhig seinen Alltag leben mag,

Erscheint bereits und huldigt einzig dem Vertrag.

Bald wird es keine Götter um sich dulden wollen

Und nur Geboten in sich selber Ehrfurcht zollen:

Das Reich des Geistes wird in nächster Feit erscheinen,

Wer wittern kann, beginnt das Große schon zu meinen!

Ein Himmelreich, ein flaches Volk, fast ohne Recken,

Beginnt nun auch den Westen langsam zu bedecken.

Statt Jesus wird der Buddha noch der Herr der Erde!

Oh Heiland, der am Kreuze starb, durchzuckt kein Schauer,

Kein Taumel der Unendlichkeit jetzt Deine Heerde,

Genügt denn Allen eines Daseins dumpfe Dauer?

Oh Rom, beginnst Du, um die Ewige zu bleiben,

Schon wieder Schacher mit dem Christenthum zu treiben?

Du denkst, verzichte ich auf Ruhm und Krone

Und fecht ich mit dem Volke, das jetzt siegreich ficht

Und immer größere Schlingen um die Thronen sticht,

So herrsche ich bestimmt dereinst mit ihm zum Lohne!

Du glaubst, verbleib ich die Gebieterin der Welt

Und kriege ich auf diese Art genügend Geld,

So kann ich alle Volker führen und vergnügen

Und immer mehr Gewinnste zum Errafften fügen.

Italien schenkt mir dann noch eine hohe Kunst:

Man sagt, sie harre einzig auf Mäzenengunst.

Ja, goldene Scheiben in gewandten Händlerhänden,

Zumal wenn diese es mit offenem Verstand verschwenden,

Sind oft so wirksam wie des Lenzes Sonnenschein:

Es dringen ihre Strahlen überall hinein.

Denn zeugt das Licht stets Jubel, Sprudel, Duft und Garben,

Gebärt das Gold Gesänge, Standbilder und Farben!

Das Leben zieht den Purpur an,

Der Abend naht dem Petersdom,

Oh abgespannter Wandersmann,

Bald siehst Du einen Brand von Rom!

Der Tag zieht plötzlich laut dahin,

Es bringt uns seine bunte Schleppe

Verrauschten Jubel in den Sinn;

Es trägt mich eine Himmelstreppe

Jetzt in ein Seelenparadies,

Das ich wahrscheinlich nie verließ

Und mir doch immer nur verhieß.

Ein Schleier der sich niederwellt

Und auch aus allen Kelchen schwellt,

Der ringsum auf die Welt geweht,

Zugleich zum Himmel aufersteht,

Hat auch mich selber überkommen

Und ist doch tief in mir erglommen.

Oh Abendthau in der Natur,

Du Nebelgeist auf goldener Flur,

Bist Du auf einmal auch ein Traum?

Oh sage es, ich träume kaum!

Die Tagesprozession zieht weiter durch die Gassen,

In mir jedoch, erscheint schon manche Nachtgestalt:

Vermag ich es, sie noch in Form zu fassen,

Ist sie ein Wesen oder eine Weltgewalt!

Durch alle Menschen schwebt ein Inbrunstdunst,

Begreife und verdicht ich ihn, so ist es Kunst.

Es zeigt und neigt sich stets Erworbenes und Erlebtes,

Mein Wille, wenn er Muth hat, ordnet und verwebt es.

Mit Panzerhemden gilt es die Vision zu schützen,

Drum Konventionen kommt, Ihr müßt mich unterstützen!

Es sprechen schon die Blitze, die mich rings umschlingen,

Die Bajonette fangen an ihr Lied zu singen.

Ein altes Volk, das überall in Waffen starrt,

Erklärt sich mir: Sein Schicksal scheint ihm hart,

Doch mußte es, um noch der Gleichheit nachzustreben,

Ein großes Heer zum Schutz der Freiheit weit beleben

Und diesen festen Menschenwall im Land erheben.

Der ist ein Wall, wie fern um China, dessen Mauer,

Ein riesiggroßes Buddhathum liegt auf der Lauer:

Es wühlt sich schon empor und schafft sich rings ein Reich,

Oh Rom, was drängte sich in Deinen Machtbereich.

Es heißt vor allem für Millionen Nahrung schaffen!

Der Wille, gut verpflegt zu sein wird bald erschlaffen,

Wer Steuern zahlt, wird sich zu manchem noch bequemen,

Für seinen Frieden läßt man sich das Beste nehmen!

Oh Christenheit, man wird sich wahrhaft Deiner schämen,

Was hilft, um solche fremde Einflüsse zu lähmen?

Es hat der Schöpfer alles derart vorgesehn,

Daß alle Dinge scheinbar ohne Gott geschehn!

Wer die Gesetze mustert und mit List studiert,

Ist oft bestimmt, daß er den Glauben ganz verliert,

Der Geist ist in den Dingen gar so gut versteckt,

Daß wenn Du suchst, Du ihn dann oft nicht mehr entdeckst,

Dafür jedoch ihn unbewußt um Dich erweckst.

Ich mag darum den Staat noch fort analysieren,

Werd ich dabei die Hoffnung weghypnotisieren,

Kann sich vielleicht ein Geist noch irgendwie beleben

Und plötzlich herrlich über meinem Gleichmuth schweben.

Die Sonne hat den Wall, der uns beengt, versprengt.

Der steht in die Gesellschaft dehnbar eingerenkt,

Der blitzt und funkelt überall im Abendlicht

Und er erfüllt bei Prozessionen seine Pflicht.

Die Phantasie verfolgt ihn durch die Christenländer,

Denn jeden Staat verklammern feste Eisenbänder,

Indessen legt ein rother Hauch sich ringsum nieder

Und scheinbar fiebern jetzt die fernen Weltstadtglieder.

Die Prozessionen haben sich bereits verlaufen

Und tausend Schauspiele belustigen den Haufen,

Es flattern Purpurfahnen durch den Abendäther:

Nur in den Kirchen rings verspäten sich noch Beter,

Doch wollen jetzt auch diese schon nach Hause,

Und immer neue ruft der Glocken Erzgebrause.

Und wieder seh ich lauter rauschende Sutanen,

Und in des Tages Feuerstunden wehen Fahnen

Vom hohen Himmel selber auf die Erde nieder.

Aus fernen Kirchen schallen fromme Christenlieder,

Doch alles übertönt der Abendglockenklang,

Die ganze Stadt blinkt wie berauscht und fieberkrank.

Die Sonne ist von Wolkenriesen eingeschlossen,

Denn diese sind des Lebenssternes Kampfgenossen,

Sie häufen sich zu einer stumpfen Pyramide,

Und tief in deren Innern hämmern scheinbar Schmiede.

Nun ist der Bau schon purpurroth und ungeheuer

Und speit und schleudert wie ein Kriegsthurm Feuer,

Auch seh ich aus den überwälzten Stockwerkfugen

Rings Strahlenspeerquadrate drohend aufwärtslugen.

Hoch oben hält man seine Lanze schon gebogen

Und scheint zu einem Angriffe der Nacht gewogen,

Man ist auf diesem Wolkenwall gewöhnt zu siegen

Und unaufhaltbar westwärts immer fort zu stiegen!

Die Sonne ist gesunken und der Apennin

Beginnt sich schon mit Düsterkeiten zu umziehn,

Doch plötzlich überglühn die Spitzen Feuergeister,

Ein Schemenzug, von Norden kommt er, ostwärts reist er,

Umglüht und übersprüht die fernen, höchsten Berge.

Verlassen Könige auf einmal ihre Särge?

Dort seh ich einen goldenen Gigantenzug,

Und Reifen, wie man sie zu Kaiserzeiten trug,

Erscheinen jetzt auf diesen hellen Wiederscheinen!

Auch Kronen, eine Tiara, voll von Edelsteinen,

(Und am Sorakte, selbst nun eine Dogenmütze,

Von der es scheint, daß sie den Berg vor Unheil schütze,)

Umzaubern alle Höhen und verschwimmen schon:

Hinweg ist auch die blasse Geisterprozession!

Die Glocken, Vögel und die Zwielichtzitterluft

Hat nun die Nacht, die stumm erwacht, zur Ruh gebracht:

Die Sterne zeigen sich in jeder Wolkenkluft,

Und auch in mir herrscht eine stille Wundernacht.

So wie der Abendstern durch Dämmerschleier glimmt,

Wird alles auf der Erde friedlicher gestimmt,

Die stummen Stürme wuchten in den Seelenschlund,

Und unser Mund giebt nichts als Athempausen kund.

Befunkelt sich darauf das ganze Firmament,

Durchzuckt uns alle ein Geburts und Glücksmoment!

Wer ist der Mensch, der nicht den Abendzauber kennt?

Es wird die Seele da so still und transparent!

Die Träume schmücken sich mit Tand und Kronen

Und überall vermuthen sich dann Prozessionen,

Es schließt die Nacht bald ihre warmen Wolkenflügel:

In warmen Mutterarmen schlafen ja die ganzen Sänger,

Die vielen, vielen Seelenkreise werden enger,

Und Träume überschimmern alle Blüthenhügel.

Nun zeigen sich auf einmal blaue Nebelgletscher

Und Flimmerbäche scheinen rasch herabzuthauen:

Ich sehe hellen Gischt und höre kein Geplätscher,

Denn Silberkatarakte darf ich blos beschauen!

Auf allen Zinnen und Ruinen perlen Ketten

Und überall erglimmt das müde Silberlicht,

Die Welt versammelt sich in tausend Zauberstätten

Und bringt sich nur im Ragenden dem Sinn in Sicht!

Auf Thürmen, die einst Rom zu seinem Schutz gebaut,

Wird allerlei lebendig – aber niemals laut, –

Dort leuchten bleiche Silberspeere, Geisterschilder,

Doch sind es wortlose, verschlossene Mondlichtbilder.

Ein fester Glaube braucht nicht mehr die hohen Warten,

Und deshalb mußten bald die Thürme hier entarten,

Jetzt sehn wir viele Kirchen Kuppeln hehr erstreben,

Und oben, fast wie eine weiße Friedenstaube,

Das Mondlichtspiegelbild, in sicherer Stille schweben:

Oh Rom, ich glaube nun, es herrscht und siegt Dein Glaube!

Vom Sonnenbann befreit, werden die Erdenwesen

Von Müdigkeit umarmt und in den Schlaf geführt,

Die Jugend wächst heran, Verwundete genesen,

Von Jedermann wird in sich selbst die Nacht gespürt.

Sie läßt im Thal durch uns, ringsum, die Fenster schließen

Und überreift das fröstelnde Gesträuch der Höhn,

In Häusern wollen Paare ihren Leib genießen,

Und wach erhält uns oft Musikgetön.

Die Nacht ermöglicht manches, was der Tag ersonnen,

Denn was das Licht vermittelte, was scheu sich traf,

Vereint das Dunkel und sein Spiel ist so gewonnen:

Die Welt verschließt die Welt in sicherem Liebesschlaf.

Oh Mutterschlummer unserer Erde steige, webe

Dich in das Schicksal aller Deiner Rinder ein,

Entwichene Wünsche, jedes Wesens Werberebe

Soll sanft verpflegt und treu durch Dich erhalten sein.

Es giebt nach einem solchen Sonnenfeiertage

Bestimmt nun einen Traum von Pracht und Glaubensmacht,

Es hält der Schlaf in jeder Seele deren Wage.

Denn Rausch und Ruhe werden da stets gleich gemacht!

Was andere Wesen unter Tags aus uns entrankten,

Wird durch den Schlummer nun in uns zurückgeführt,

Wir taumeln träumend, wenn wir nach Verschiedenem langten,

Und Nachts verhüllt sich, was bei Tag das Herz gerührt.

Dann ruht ja die Vernunft, sie liebt ihr Schweigen,

Die Dinge wirken aus sich selbst, kein Geist greift ein,

Die Träume dürfen in verlorene Tiefen steigen,

Und Längstvergessenes kann auf einmal froh gedeihn.

Die Seele stürzt oft durch verschwundene Zukunftsthüren,

Fürwahr der Traum ist unser großes Labyrinth,

Wir lassen uns vom Sinn der dunklen Ruhe führen,

Da er allein Verwirrtes wieder fest verspinnt!

Die Menschen fangen an sich ringsum zu verlieren.

Die grellsten Häuser scheinen oft vom Mond geschminkt,

Perrücken bleiche Standbilder aus Stein zu zieren,

Die Dinge sind von Silberflitter überblinkt.

Es zischeln und es flimmern allerhand Fontänen,

Gespenster starren auf den grünen Beckengrund,

Brillantensprudel lockern sich zu Perlensträhnen

Und Silber quirlt aus jedem lauten Marmorspund.

Ich fühle jetzt: es träumt die Stadt vielleicht von Schlachten!

Der Geist ergiebt sich unumschränkter Erdenmacht,

Die Phantasie erschaut ein Volk in alten Trachten,

Und Rom umschweben Prozessionen voller Pracht.

Und wie die Traumgewebe sich verwickelt schließen,

Da tauchen lauter Schaumvisionen auf,

Aus tausend Seelen müssen Prachtgestalten sprießen

Und unbewußt tritt jede in den Schemenhauf.

Was träumt der Mensch! Von vielem Kummer, wenig Schmerzen?

Die blassen Nachtgespenster, zart wie Filigran,

Entschwirren voll Ergebung, durcherlebt, den Herzen

Und klären aller Seelen urgeheimen Wahn.

Dort wo das Nordlicht niederperlt, entschweben Schemen

Aus allen Seelen in die blaue Seelennacht,

Sie scheinen oft sich vor dem Schauenden zu schämen

Und haben deshalb lila Hüllen mitgebracht.

Wie viele sind aus unseren Leidweben gesponnen

Und wühlen blaue Trauer in ihr blondes Haar!

Erfüllt uns plötzlich Lust, so sind sie gleich zerronnen,

Und wir erscheinen uns mit Träumen als ein Paar.

Der Mensch wird einst der Träume Wahrheiten erkennen

Und wissen, daß er blos im Schlafe Eigenes denkt,

Daß, wenn ihn fremde Einflüsse des Tags berennen,

Doch nur sein innerer Gesang das Leben lenkt.

Wir ahnen schon, daß alles was wir wirken, schaffen,

Stets Eindrucke für unser Jenseitsträumen läßt

Und daß, wenn alle Eigenformen einst erschlaffen,

Der Schmerz, den wir erweckten, uns dann niederpreßt.

Wir beichten Nachts und sollten uns auch bessern,

Doch geben wir auf keine eigene Stimme Acht,

Wir waten immer schamlos in getrübten Wässern

Und taumeln dumm durch jede Welterfrischungsnacht.

Nun ist die Prozession von Rom zu Ruh gebracht,

Der Meisten Traum verdumpft bereits zu schwerem Schlaf,

Nur über Dichtern zaubert noch die Fabelpracht,

Wer weiß, was sich soeben alles sah und traf?

Ich steh am Tieber und erblicke in der Tiefe

Jetzt eins große, riesengroße Prozession.

Es ist, als ob der Mond sie aus dem Schlummer riefe,

Doch nein, es träumt vielleicht der Strom die Illusion.

Ich sehe unaufhörlich wundersame Greise

Den Fluß hinunter, wohl zum Meere, ziehn:

Vollendet jetzt das Frühlingswalten ihre Reise,

Beginnen sie, erschöpft, vor Jüngeren zu fliehn?

Ich weiß nicht wer das ist, doch sind das Prozessionen!

Vielleicht ein Trauerzug mit Särgen aus Krystall!

Unendlich schnell entwischen diese Mondvisionen,

Doch zaubert es bestimmt im Wasser überall!

Oft glaub ich, Eis beginne rasch herab zu schwimmen,

Und schau und staune, daß sich nichts an Brücken staut,

Dann aber seh ich in den Schwärmen Licht erglimmen

Und weiß und fühle auch, wovor mir lange graut.

Im Strome sehe ich bestimmt Heroensärge,

Der Fluß, der nach der tiefen Stille strebt und rinnt,

Entführt vielleicht die Fürsten unterwühlter Berge,

Wer weiß, ob das nicht lauter Urgewalten sind?

Vielleicht sind Flüsse lauter große Leichenzüge,

Es trägt die Fluch ja alle Wucht der Felsen ab,

Die Ewigkeit erglüht aus jedem Scheingefüge,

Und Wasser, Ströme sind der Schlacke Trubelgrab.

Der Rhythmus ist ein Himmelsflug und zeitigt Träume,

Die Silbenleiter führt zu dauernden Gedanken,

Die Reime sind die Blüthen erdentreckter Bäume,

Und deren Duft Gefühle, die durch Seelen schwanken.

Den Adler raubt das Sonnenlicht den Felsenmassen

Und leiht ihm Kraft zu einem steilen Wonneflug,

Sein Innermaaß kann er beim Steigen erst erfassen,

Denn schwebend ruht er dort, wohin das Licht ihn trug.

So ist es auch für Sonnenhelden nur gebührlich,

Dort auszuharren, wo sich fast der Geist verliert,

Dem Genius ist das Erdentrücktsein so natürlich,

Wie das Scharwenzen einem Gecken, der sich ziert.

Der Tag gebar auch das, was sich die Nacht erkoren,

Denn diese hat dem Mondlicht Wesen gleichgestimmt,

Die Fische, Eulen, Katzen und verschiedene Thoren

Besitzen Seelen, wie das Licht, das blau erglimmt.

Die Blüthen und die Lieder, die an Hecken hängen,

Sind wie das Silberlicht, das rings um Spitzen gleist,

Und Träume, die verschränkt durch unsere Seele drängen,

Sind ohne weißen Mondhalt gleich in uns verwaist.

Die Nachtigall jedoch hat sich ein Stern erschaffen!

Ihr Sang, der langsam schwellend durch die Seele bangt,

Läßt oft im Menschen Ahnungsweiten plötzlich klaffen

Und sagt ihm, daß er schon zur holden Heimath schwankt.

Oh Nachtigall, Du erderzeugtes Kind der Sterne,

Belebe das Gefühl, das sich ins Jenseits schwingt,

Dein kurzer Schlag entringt sich allerfernster Ferne

Und ahnt den Sturm, den noch das Schlummermeer verschlingt.

Oh Nachtigall, Du rufst nach einem Sohn der Erde,

Der die Unendlichkeit in seinem Wesen preist,

Oh schlage Nachtigall, daß er einst wirklich werde,

Erwühle, was ein Schmerzgefühl in Dir verbeißt!

Blos im verworrenen Wollen und im Wunschverlegen

Vermag die Seele nach dem Ewigen zu flehn,

Im steten Wechsel steigt sie selbst zu Sternenwegen

Und fühlt dabei die hehre Stille bleich erstehn.

Ja, die Unendlichkeit beginnt an uns zu zerren

Und wird nicht ruhn, bis sie dereinst auf uns beruht,

Und, daß wir nimmer uns vor ihrer Macht versperren,

Verfolgt sie uns mit Leid und opfert unser Blut.

Ihr holden Sterne, urverzückte Lebensfunken,

Ihr Liebesblüthen, Freuden der Unendlichkeit,

Aus Euren Bornen hab ich Glück und Gold getrunken,

Und nun bin ich berauscht und lustbefreit.

Du Milchstraße, Du Schleier aller Bräutlichkeiten,

Der Geist, der wie ein Wind auf Deinen Äckern weht,

Umarmt und halst mich oft und will mich heimwärts leiten,

Ich weiß, daß Deine Macht in meiner Nacht entsteht.

Die ersten Menschen liebten, fürchteten die Sterne,

Benannten wohl den herrlichsten nach ihrem Schatz,

Dann sagten sie, der dort ist nah, der hat mich gerne,

Und machten bald ins Zahlenthal den Geistessatz.

Mit Magieraugen blickt Ihr dunklen, hellen Sterne

[Rand: Leonardo]

In unsere leiderfüllte, heitere Sonnenwelt

Und wirkt, daß man den Trug der Täglichkeit verlerne.

Und endlich habt Ihr eine Seele selbst erhellt!

Es war das jener Meister stiller Machtfiguren

Und jenes Weibeslächeln, das die Welt versteht,

Der Schöpfer selbsterhellter Menschen und der Fluren,

Auf denen goldene Luft von blauen Auen weht.

Er war allein so ewig wie die stillen Sterne,

Und seine Seele fühlte deren Lebenskuß,

Geschlechtlich zog er fast die Dinge, aus der Ferne,

An seine Brust und sah und schuf sie gleich als Guß!

Als dann der Löwe des Erschauens aus dem Thale

Wager Gestalt, sich abermals zur Klarheit wand,

Verschwanden langsam manche seiner Daseinsmale,

Und heute noch entschweift ihr Geist dem Lebensrand.

Die Bäume sehen wir jährlich gleiche Blüthen tragen,

Bis plötzlich eine schönere irgendwo erglüht –

Dann weht ihr Duft zu anderen, die aus Knospen schlagen,

Und keine will sie, wie des Dichters Gluthgemüth!

Ja es verhaucht, verwildert, manche Wunderseele,

[Rand: Tasso]

Entblättert sich der Wandelträume ohne Halt,

Sie liebt, daß ihre Liebe sie zu Tode quäle,

Und alles ängstigt sie, als fremde Weltgewalt.

Unseelig, wer zum Lieben unter uns gekommen,

Aus Liebe leiden und aus Liebe sterben muß:

Wer stets betrogen, nie sein Echo hold vernommen,

Der ist ein seeliger, unstetiger Überfluß!

Oh Tasso, Tasso, plötzlich schöne Daseinsblüthe,

Was Du ersehntest, wußtest, wurde nie Dein Glück,

Du brauchtest eine Glaubenswelt voll schlichter Güte,

Stets hielt Dich Dein Geschick von jedem Ziel zurück.

Oh Nachtigall im Frühlingswald des Südens,

[Rand: Raphael]

Dein Sang verklingt und nimmer hört man so ein Lied,

Du warst die Fiebergluth urweiblichen Ermüdens,

Ein Hauch, ein Traum, der jede Duftberührung mied.

Geweihtes Rom, Du hast den Geist Deiner Poeten,

Dein Eigenthum, aus Deinen Mauern fortgebannt,

Italiens holde Tugenden in Staub getreten,

Und, Rom, auf einmal hast Du Dich nicht mehr erkannt.

Das Wucherlaub, der Epheu Deiner Urbsruinen,

Lebt nimmer in den Seelen junger Römer fort,

Du fängst nun an, den Schändern Deiner Macht zu dienen,

Warum verwucherst Du den edlen Glaubenshort?

Italiens Lavabäche hör ich nirgends fluthen,

Die hellen Gluthen werden fruchtlos aufgetheilt.

In Normen, die auf Feuerzeugenschaft beruhten,

Hat man Gesetzverschnörkelungen eingekeilt.

Wer riefe noch zum Gott dogmatischer Gebote?

Der stille Schöpfer, der die Sternennacht umfaßt,

Der einst aus allen Thaten gläubiger Wesen lohte,

Wird als Naturphantast entwickelt und gehaßt.

Es fühlt jetzt niemand mehr der Jenseitsstürme Wüthen,

Die Ewigkeit, die bang in jedem Leibe weilt!

Man gleicht, verebbt sich, hat nur Weniges zu hüten,

Und denkt, daß die Verflachung unsere Übel heilt.

Die Sonne hat für uns die Tropengluth verloren,

Das Meer die Seele und die Wüste ihren Geist,

Wir folgen nimmer plötzlich aufgereckten Thoren,

Und Wuchtgestalten stören, ärgern uns zumeist.

Wer kennt die Liebe zu vertrauten Glaubensstätten?

Selbst die Familie, unser Heimathglück, versinkt.

Oh Rom, bleib fest und hilf uns Ewiges zu retten,

Dem Glauben opfre jede Disziplin, die hinkt.

Verstehen wir das Mittelmeer und seine Milde,

Verträumter Spiegelseeen linden Kräuselwind!

Berauscht Euch, jubelt wieder, wellige Gefilde!

Die Mutter Gottes ist den Liedern wohlgesinnt!

Du Seele, fühlst Du nicht: das Leben ist die Wiege

Der Ewigkeit, dem stillen Kind von Lust und Leid?

Du Geist, erörtere wieder Fahrten, Furcht und Siege,

Der Mensch sei stets zu Freiheitsfreiungen bereit!

Mein Rom, in Deinen Kirchen, Friedhöfen und Hainen

Ergeht sich meine Seele, wenn ihr bangt, so oft,

Wie könnte sie dann noch um ihre Todten weinen,

Da alles doch in Rom die Ewigkeit erhofft!

Wie gerne schweife ich durch jene langen Reihen

Lebendiger Obeliske, die als stumme Wacht

Der heiteren Nacht auf Gottesäckern streng gedeihen.

Oh Gott, unter Zypressen ist mein Sang erwacht!

Sie standen da in meiner Kindheit wildem Garten,

Von Pinienwipfeln blickte ich zum Silbermeer,

Ich konnte damals meine Wallfahrt kaum erwarten,

Und alles wuchs und blühte fröhlich um mich her.

Bei Sturm und Nacht verfolgte ich von meinem Fenster

Des Nebels und der Segel märchenhafte Fahrt,

Und als ich schlafen wollte, habe ich Gespenster

Auf meinem Bette oft, wie aufgebahrt, gewahrt.

Oh, meiner langen Kindheit schrecklich bange Tage,

Warum, warum, vergeß ich Euch noch immer nicht,

Weshalb entringt sich mir auch jetzt die ferne Klage:

»Du Jugend, erste Jugend, furchtbares Gericht!«

Zypressen knisterten in unserem wilden Garten,

Ich wollte leben und ich sah sie sorgend an,

Es war mir ja, als ob sie meiner wissend harrten,

Ich lief ins Haus, als bangte mir vor ihrem Bann.

Drum hört, Zypressen, meine dunklen Lieblingsbäume,

Ihr werdet stets in meinen Lichtvisionen stehn,

Ich hab Euch immer noch in meinen holden Träumen,

Als eine Mahnung und Erinnerung, gesehn!

Zypresse, ach verlaß mich nicht,

Wache einst an meinem Grabe:

Wenn ich ausgerungen habe,

Sehe Dich mein Innerlicht!

Greife mit den Wurzeln noch

Bis zu meinem Wundenherz,

Wühle dann nach einem Schmerz,

Sei mein allerletztes Joch!

Du, Zypresse, bist mir ähnlich,

Willst Du mein Begleiter sein?

Strebt Dein volles Sein doch sehnlich,

So wie ich, zum Sonnenschein.

Oh, mein Leben ist so traurig,

Urverlassen glüht mein Herz,

Meine Stille ist oft schaurig,

Dock mein Geist sinnt sonnenwärts!

Armes Herz, mir scheint, Du weinst!

Holder Baum Du sollst dereinst,

Was von mir noch zu erreichen,

Über Dich hinübertragen:

Ach, ich will auch Dir entweichen

Und vielleicht wo anders tagen!

Neapel

Du herrschendes Kind im erwachsenen Leben,

Du strahlender Knabe, unglaubliches Meer,

Du hast Dich für ewig Dir selber ergeben,

Drum bist Du so furchtbar unnahbar und hehr.

Erstaune nicht Kind: es erscheint ein Gespiele.

Er ist nicht so wild wie der kleinliche Wind.

Er schwellt nicht, es schnellt keiner Geisteskeit Kiele,

Er ist wie der Mittag so sinnig und lind.

Sei innig, oh Meer, und sei minnig und leise.

Es liebt Dich ein Sänger voll Sehnsuchtsgesang,

Die Bitterniß schwellt seine weibliche Weise.

Es sei Dir nicht mehr, Meer, um Leidesklang bang.

Entzücke mich, Meer, und sei nicht nur Gespiele!

Mein scheuestes Lied Dir ergiebt es sich ganz.

Du willst keine Liebe. Du wiegst viele, viele!

Du bist nur Gespiele. Dein Spiel ist Dein Glanz.

So sei die Gespielin! Ich will Dich genießen.

Sei mehr als Gespielin: mir wird ja es schwer.

Du kannst als Geliebte die Augen nicht schließen.

Stets mehr bist Du Meer. Denn das Meer ist das Mehr.

Zum sternigen Himmel italischer Nacht,

Versteigt sich der duftige Odem Sorrents,

Soeben sind Boten des Tages erwacht

Und überall freuen sich die Rinder des Lenz.

Es schwellt der Orange benebelnder Duft

Fast heimlich herbei und berauscht meinen Sinn,

Es kühlt stiller Lorbeer die windstille Luft

Und Myrthen enthaucht es, kaum merkbar: ich bin!

Ins traumhafte Dunkel der Nachtigall dringt

Das klagende Brausen der jauchzenden See:

Den Grotten, den Orgeln der Brandung, entringt

Der Rhythmus der Sehnsucht sich ewig und jäh.

Smaragde umschwirren das traumhafte Blau

Vom eingenickt still sich bethauenden Grün,

Und ruhen diese Thierchen auf blühender Au,

So scheinen rings Kelche und Sterne zu glühn.

– Jetzt tagt es, – denn überall sickert das Licht

Ins stetig vergrauende Blauen der Nacht,

Es flüstert auf einmal im Heckengeflicht:

– Es kommt schon der Morgen, – Ihr Wesen, gebt acht!

Das sind keine Rehe, – das Leben beginnt! –

Was knistert? Wer flüstert? – Was ists, das verstummt? –

Oh seht, wie sich etwas besinnt und entspinnt,

Ich liebe Dich, Biene, die immer noch summt! –

Die Sterne verschwinden wie Mythen im Grau,

Nur Sirius, der funkelnde Winterdemant,

Erwartet, wie Morgens der Blick einer Frau,

Den Tag, der die Welt als Gestalt übermannt.

Die bleiche und träumeumschleierte Erde

Besinnt sich des eigenen Ichs und erwacht:

Dahin ist des Nachthimmels Schicksalsbeschwerde,

Die Erde, der Tag, der sie freit: alles lacht.

Sie sehen sich, fasten sich, beide erröthen,

Ein wonniges Athmen entschnürt sich der Braut,

Es ist, ob sich Wesen zur Huldigung erböten,

Es neigt sich der Lorbeer, im Walde wirds laut!

Es schüttelt der Wind die verwelkenden Blüthen

Von thauüberschimmerten Bäumen herab,

Es regnet beinah, und es ist, als verfrühten

Die Lichtbringer rings ihren hastigen Trab.

Es zeigt ihrem weißen und herrlichen Ritter

Die Erdbraut, berauscht, ihre gastliche Pracht,

Durch alle Erlebenden zuckt das Gewitter

Des siegreichen Gatten, der fliehenden Nacht.

Es streichelt der Tag nun mit wonnigem Arme

Sein innig ergebenes, herrliches Weib,

Und lauter vergeistigte, wonnige, warme

Gefühle verhaucht nun der weibliche Leib.

Die See selbst durchzittern jetzt Wonnegefühle,

Die Felsen und Höhen sind sonnenbestaubt,

Und steil über Dünsten, wie Nachtlagerpfühle,

Erhebt der Vesuv sein lebendiges Haupt.

Sein Rauch ist so weiß wie ein bräutlicher Schleier

Und senkt sich fast unsichtbar ringsum herab,

Doch nahen jetzt Knappen des Tages, als Freier,

Sie kommen zur See, sie biegen ums Kap!

Die helleren Segel erscheinen zuerst,

Bei Capri entstammt sich das mächtigste Schiff,

Du Held, der Du rings Deine Schlachtflotte mehrst,

Du fürchtest wohl nirgends ein Seewirbelriff?

Das segelt bereits aus der finstersten Bucht,

Das ist ja die Große Armada des Lichts,

Sie schlagt alle Schemen sofort in die Flucht,

Denn seht doch, schon bleibt von der Dämmerung nichts.

Doch wächst sie noch an,

Wir sehn ihre Macht,

Im Sonnenlichtbann

Gewinnt sie die Schlacht!

Da kommt der Korvetten verschlungene Reih;

Mit schneidender Briese, mit stechendem Strahl,

Erfüllt sie die That, daß es Sonnentag sei!

Und immer noch mehrt sich der Lichtschiffe Zahl.

Mit schlängelnden Hälsen, auf schäumendem Gischt,

Zerreißen die Schwänegallionen die See,

Die seidig ergleißend und gluthuntermischt

Noch dalag wie milchige Weiten im Schnee.

Es spielen die Schwäne mit Silbergeschirr

Und reißen noch immermehr einwärts ins Meer,

Es schwirrt ihr Geklimper und schrilles Geklirr

Ringsum mit den Schiffen des Lichtes einher.

Ach, wie mich der sonnige Morgen erfreut,

Oh seht, jener Wölkchen italische Pracht,

Sie scheinen ja Fächer mit Flitter bestreut,

Und alles am Meer, alles Strahlende lacht.

Wie seelig durchschauert mich irdische Liebe,

Es feiern der Geist und der Wind ihren Rausch,

Sie dringen noch mehr als das Licht ins Getriebe

Und schwärmen sich überall glutherfüllt aus.

Jetzt spielt meine Seele mit Pinien im Walde

Und flüstert bereits den Gesang eines Baums,

Wir beide verstehen Dich, Mutter, und balde,

Italia, umsprüht Dich der Hauch meines Traums.

Oh Pinie, ich stehe auf südlicher Erde,

Wie Du, voller Wurzelgesundheiten, fest,

Doch träum ich mich fort, über jede Beschwerde,

Und fiebere und flüstere wie Du im Geäst.

Du athmest die freiesten Lebensergüsse,

Es meint Deine Schlankheit den krönenden Geist,

Oh Baum, Du empfindest fast Seelengenüsse,

Du bist ja ein grünender Psalm, der sie preist!

Ob verliebt in Menelaus,

Paris oder Fausten,

Wollustküsse jemals ganz

Helena berauschten?

Durch ein Ahnen ward das Glück

Immer ihr verbittert,

Hat sie doch am Mannesmund

Hades Hauch gewittert!

Aber ihr Trabantenchor

Schwelgte in Genüssen

Und vergaß im Augenblick

Völlig sich im Küssen.

Einzig im Erinnern kann

Glück sich still erhellen,

Freuden, die ein Mensch ersehnt,

Träumen nur entquellen.

Was sich sacht und langsam sucht,

Faßt sich keusch und zagend,

Plötzlich erst entstammt Genuß,

Alles überragend.

Holde Braut, Dein Eigenglück

Loht in der Pupille

Und vermählt sich wehmuthsvoll

Meiner tiefen Stille.

Eines Dunkels Trauerlaut

Perlt in Deinen Augen,

Ist es doch, als müßte ich

Licht und Leben saugen!

Still im Weib und unberührt

Ruht in ihm ein Friede,

Doch die Liebe haucht ihn weg –

Faßt ich ihn im Liede?

Gilt ein solcher Abschiedsblick

Deinem schönen Leibe?

Fort, beseeligter Gesang,

Leben, oh verbleibe!

Ahnt die Seele liebend gar,

Daß sie sich verzehre?

Daß die Schönheit, rasch verhaucht,

Nimmer wiederkehre?

Ragst Du mit dem schlanken Leib,

Weib, doch aus dem Staube,

Und der Jugend schwanker Hauch

Wird sich selbst zum Raube.

Hält, wenn man sich herzt und preßt,

Jugend uns umschlungen,

Hat ein Sein sie uns schon oft,

Werdend, abgerungen!

Fort ist unsere Jugend, fort,

Jäh uns weggenommen,

Und in Schöpfungen vielleicht

Über uns erglommen!

Als dereinst an Hellas Strand

Dies ein Mensch verspürte,

Wars, als ob ihn Wehmuth still

Zu sich selber führte.

Und da trat er in den Traum,

Wo die Götter wohnen

Und die Todeshauche sacht

Liebende verschonen.

Und er sah von Meer und Flur

Schleier auferstehen

Und im Frühling keusch und zart

Den Olymp umwehen.

Und er hörte wie der See

Wellenwiege rauschte,

Als die Venus sie fürs Bett

Blumiger Pracht vertauschte.

Die Sonne glüht die Weltgesetze,

Ihr strenges Antlitz giebt sie kund,

Gebote, die man nie verletzte,

Verkündet sie mit Feuermund!

Doch ihre großen, goldenen Strahlenarme

Ergreifen Hände einer andern Welt,

Sie schweifen hin zu manchem Flammenschwarme,

Den ihnen fern ein Stern entgegenschwellt.

Die Sonne birgt in gleichen Lichterhüllen,

In Lebensfalten, die sie schön entrollt,

Geschöpfe, die ihr Lichtgebot erfüllen,

Ideeen, die ihr heißer Kuß gewollt!

Planeten waren einst mit ihr verbunden:

Umfaßt von ihrer goldenen Mutterwand,

Gelang es ihnen selbst sich abzurunden,

Doch nie verletzten sie ihr Liebesband.

Nun will die Liebe uns zur Sonne bringen,

Es sprengt die Seele ihre Erdgestalt,

Die Nacht wird nie die Sehnsucht niederringen,

Sie ist Gesetz und hat in sich den Halt!

Sie ist die Liebe jeder EinzelBlüthe,

Die Welteneinheit, die sich wirklich fühlt,

Der Ring, der unsere Erde einst umglühte,

Die Macht, die jetzt die Starrheit unterwühlt.

Doch ist der Mensch noch tief an sich gebunden:

Wann hat er es bis übers Ziel gebracht?

Nur stufenweise wird das All empfunden,

Und selbst das Ursein ist beschränkt gedacht.

Es wird der Mensch vom Licht in seine Kreise

Durch geistige Wirklichkeit gebannt

Und in der Erde Seelengluthgeleise

Das All, als Ganzheit, erst in ihm erkannt.

Verschieden wurden sämmtliche Planeten,

In sich, ein sonderbarer Sonnentheil,

Und mußte jeder sich auch rund verkneten,

Trifft alle doch der gleiche Sonnenpfeil!

Und da das gleiche Licht auf allen lodert,

Erglüht auf jeden stets ein andrer Kuß:

Was jeder Strahl ist, wird von ihm gefordert,

Daß ihm das Seltene sich ergeben muß!

Durchs Leben wird es an den Tag gewunden,

Ihm Gleiches will das Sonnenangesicht,

Als Lust wird jeder Sonnenkuß empfunden,

Nur was sich liebt und trifft, das ist das Licht!

Ganz unergründbar sind die Sonnenseile,

Die uns auf Seelenhöhen schon gebracht,

Doch Licht sind die erlösten Erdentheile,

Und wärmend ringt, was bald als Licht erwacht.

Das ist die Macht der innern Sonnenmystik,

Die erdenseltenes Seelenlicht erhebt,

Denn durch heroische Charakteristik

Wird in der Welt der Adel streng belebt.

Doch drängt die Massengluth zur Sonnenscheibe,

Erheischt der Mensch für sich ein weites Wohl:

Er selbst vollendet sich in seinem Weibe

Und macht das Gold zum Sonnenglückssymbol!

Es gleicht das Gold erstarrten Sonnenstrahlen,

Gold wollen ist oft Sonnensohnespflicht,

Für Lust erleiden wir auch Schmerz und Qualen,

Denn so will es das Licht, ist Lust doch Licht!

In uns erglüht die Freudenfeuerkette,

Der stumme Nuß der Erd und Sonnengluth,

Und Sonnenwandlung bringt uns stets zur Stätte,

Wo, unser harrend, Glück auf uns beruht.

Doch hat der Ring der Freuden goldene Schranken,

Gar eng ist drum der Kreis vom Erdenglück,

Selbst Starke, die ihm nahe kommen, schwanken,

Denn SonnErkorene stoßen sie zurück.

Blos wer im eigenen Lichtmoment geboren,

Der jauchzt und jubelt unentwegt:

Es lacht das Licht, die Lust, in Feigen, Thoren,

Und freut sich, daß es so die Welt bewegt.

Oh Sonne, Sonne, großer Lichtgedanke,

Der Du das Unding zur Gestaltung raffst,

Oh, wüßtest Du, wie brünstig ich Dir danke,

Daß Du ein Kind durch meine Liebe schaffst.

Des Weibes stummer Blick hat mir verrathen,

Daß meine Sehnsucht heilige Wurzeln treibt,

Daß Träume wogend sich als Keim bejahten,

Und daß ein Wunsch von mir sich nun beleibt.

Du Kind, mein Kind, Du Frucht von meinem Wesen,

Erstehe stark und hold im Mutterschooß,

Oh Du mein Schmerz, sei endlich mein Genesen,

Oh ringe, ringe Dich von mir nun los!

Dann schmiege Dich als Glücklicher auf Erden

Durch die Erkenntniß an das Lichtgebot,

Es gabs ein Sonnensohn den Sonnenheerden,

Wie es am Sonnenantlitz, wechselnd, loht.

Wir Menschen wurden die Beschlußverkünder

Des Daseins, das sich überm Licht erwägt,

Die Einfalt und die Geistigkeitsergründer

Der Dinge, die den Tod in uns gelegt.

Gebt ab, Ihr Seelen, was Ihr kurz empfunden,

Vertieft in Euch was Ihr berauscht erfuhrt.

Es bleibt der Geist mit Eurem Nichts verbunden

Und Echtheit strahlt in jede Nacktgeburt.

Einer Frucht, die reif ist, ähnlich,

Stürzt die Sonne in die See:

Unerdenklich, unerwähnlich,

Ist es Abends Abschiedsweh.

Schatten, die uns überraschen,

Da das letzte Licht versinkt,

Scheinen Hände, die erhaschen,

Was im Äther rasch verblinkt.

Wie von lauter Flammenbündeln

Ist das Düster überloht,

Ringsum seh ich Argwohn zündeln,

Und ein Wolkeneinsturz droht!

Fällt der Aar getroffen nieder,

Schwingt das winzige Volk der Luft

Augenblicklich das Gefieder

Und schon schwirrts in Kluft und Schluft.

Alles Flimmern, das geblieben,

Dieses letzte Zwitterlicht,

Wie es Flederwische lieben,

Ist auf Haar und Schmuck erpicht.

Weiberaugen, Schminkgesichter,

Federfahne, Ring und Knopf,

Gleißen stärker öffentlicher,

Widersinn bezwingt den Kopf.

Weg aus solchen Brunstmomenten,

Niemand hält den Räthseln Stand!

Wär es endlich doch, als trennten

Lauter Sterne Meer und Land.

Schmale, kahle Dünen schmiegen

Ihren Pharus an das Meer,

Und ein Glockenschwall von Ziegen

Tönt vom Thale leise her.

Ängstlich wimmern diese Glocken:

Ob ein Heimchen mich umschwirrt?

Nein, ich höre nun frohlocken,

Eben singt der muntere Hirt.

Schlug man dort, tief eingebuchtet,

Einst ein blutiges Seegefecht,

Denn warum entreißt, entwuchtet,

Rings sich ein Gewaltgeschlecht?

Jene Schemen sind Zypressen,

Die in Gruppen einsam stehn

Und den Zug der Fluch von Pässen,

Sammt den Fluren, übersehn.

Oh, sie ringen aus dem Boden,

Sich entwurzelnd fast, empor:

Wollen sie zusammenroden

Was sich dort an Blut verlor?

Wehmuthsvoll und stumm verbluten

Wolkennarben immer mehr,

Und in farbenschweren Fluchen

Schwimmen Knaben hin und her.

Zwischen goldenen Plätscherkronen,

Die das Tintenblau erwühlt,

Kann sich erst der Schweiß verlohnen,

Wird er kühl hinweggespühlt!

Seht, das Meer tauscht mit den Wipfeln

Seinen ersten Windesgruß,

Und die Dämmerung giebt den Gipfeln

Ihren blutigen Abschiedskuß.

Doch nun glimmt es vor Altaren

Unserer sanften, lieben Frau,

Stimmen, Wesen, die sie ehren,

Bringen selber sich zur Schau.

Und die Stadt, die sich erhellte,

Gleicht im lichten Nachtgewand

Jetzt von selbst dem Himmelszelte

Mit dem Sommerdämmerrand.

Drüben am Vesuve schwellen

Seine Adern blutig auf,

Seines Wesens Grimmeswellen

Lenken unsern Schicksalslauf.

Er vergräbt sich wild in Pläne

Und erfüllt sie auch sogleich,

Seines Hauptes Schlangenmähne

Übersieht das Sonnenreich!

In Geschicke fügt er immer

Noch sein strenges Wirken ein,

Stirnenrunzeln, Wuthgeschimmer

Sind uns dessen Wiederschein.

Fühlte doch die erste Bleiche

Eruptiv die Daseinsnoth,

Ward die schwangere Wolkenweiche

Plötzlich ganz vom Geist durchloht!

Ja, der ersten Liebesschäume

Duftig zartes Dunstgedicht

Reckte sich, als Lebensträume,

Stracks zur Buhlschaft mit dem Licht!

Zucken immer noch Entschlüsse

Durch des Berges Flammenhaupt?

Drohen uns die Lavaflüsse?

Seht, wie grauenvoll er schnaubt!

Kann er gar das Fatum lenken,

Rührt er langsam seinen Arm?

Welches Volk will er ertränken?

Wo versinkt ein Inselschwarm?

Taucht er Skandinaviens Küsten,

Für Atlantis, aus der Fluth?

Mag zum Südpol er sich rüsten,

Wohin gährt sein Lavablut?

Oh Vesuvius, es umschlingen

Würmer Dein Medusenhaupt,

Gifte, die sich Dir entringen,

Werden in den Wind verstaubt.

Todverheißend sind die Schlangen,

Die in Deiner Nacht entstehn,

Lauernd auf den Raub gegangen,

Sprühn sie, wenn sie Leben sehn.

Angeschlemmt mit Todesflammen,

Selber fast ein Lavabrei,

Kneten sie sich erst zusammen

Und dann bersten sie entzwei.

Flammendrache, grauser Wühler,

Du bist Du und nur Dein Schein,

Deines Grundes Lavafühler

Greifen in das Dasein ein.

Was bezweckst Du hier im Leben,

Schäumender Verderbnißkrug?

Menschen, Thiere, Wald und Reben

Tödtet schon Dein Athemzug.

Bis zur Meersirenensippe

Rann sich oft Dein Gold verziehn,

Denn dort wollen auf der Wippe

Weiber rasch damit entfliehn.

Ja, sie balgen und sie streiten

Raschelnd sich ums Aftergold,

Netze sehn wir sie entbreiten,

Und kein einziger Schein entrollt.

Doch der Berg bleibt lebenlenkend,

Unerbittlich gluthverhüllt:

Wechselweise sich verschenkend,

Ist das Sein durch ihn erfüllt!

Es schlingen durch Liebe verkettete Stunden

Ein wonniges Band durch die innere Nacht,

Nun können sich Sterne der Unschuld bekunden,

Doch trüben wir gerne, was ferne erwacht.

Die keuschen Gefühle sind winzige Sterne,

Sie können kaum blinken und winken sich zu,

Sie lächeln wie Kinder in lautferner Ferne,

Sie weinen ein wenig und gehn dann zur Ruh.

In uns Urverliebten, in mir und im Weibe,

Erweckt sie und stärkt sie die große Natur,

Es bittet mein Weib, oh verbleibe mir, bleibe!

In mir aber wüthet es: Sei, Kreatur!

Auch draußen erscheinen die Kleinen, die Freien,

Sie folgen der Mutter natürlichem Wink,

Sie nicken bescheiden in kindlichen Reihen:

Da sind wir und freun uns am eigenen Geblink.

Die Sonne ist längst schon nach Westen gegangen,

Doch schleppt sie im Sommer noch Goldschleier nach,

Drum sehn wir am Ozean Schaumkronen prangen,

Doch schwindet auch dieses Gefunkel gemach!

Durch innige Bande der Liebe verschlungen

Sind Wärme und Lüfte die Buhlen der Welt,

Damit in den triftigen Felsniederungen,

Selbst früh, nicht das Eine dem Andern entfällt.

Ich sehe in Liebe erglühende Sterne

Und auch der Planeten treuhaftenden Blick,

Die Inseln und Berge in nebliger Ferne,

Und alles erfüllt und erfährt sein Geschick.

Das ist es, das ist es, drum sind wir geboren:

Die innere Bestimmung erschaun wir stets mehr!

Kein Blick und kein Einblick geht jemals verloren,

Naiv sind die Sterne und wissend das Meer.

Doch was unsere Augen nicht sehn und nicht merken,

Wird heimlich und herrlich in Herzen erhellt,

Wir können erleben, beleben, uns starken,

Wir sind zweier Menschen geschlossene Welt.

Wie herzhaft erleiden wir Räthsel der Freude:

In Dich leg ich alles, ich bin ja durch Dich,

Oh Freude, oh Freude, oh Traumesgebäude,

Gabs jemals ein Licht, das mit Euch sich verglich?

Wo Du mich durchwitterst, da bin ich der Meine,

Verschiedene Seelen empfanden einst mich,

Doch Du bringst mein Wesen erst freundlich ins Reine,

Mein Weib, ja ich weiß es, Du selber bist »Ich«!

Ein räthselndes Schwingen, Erleiden und Fliegen,

Erläutert uns leuchtend, erklärlich und wahr,

Ein zeitliches SichinderEwigkeitWiegen

Betäubt, was sich eben dem Tage gebar.

Du dunkelerfunkelte, sterneversprühende,

Dich selber zum Tempel verzaubernde Nacht,

Auch ich bin und habe dir glücklich erglühende,

In sich lustverzückteste Hymnen gebracht.

Ihr Schemen des Forderns, zu Lüsten gesteigert,

Wo Ihr, wie von uns grundgesondert, erscheint,

Wenn nichts Eurer Brunst, in uns selbst, sich verweigert,

Sind Körper getrennt und die Seelen vereint.

Es sendet die Welt sich, getrennt, ihr Gefunkel,

In Schnuppen beseelt, in sich selber zurück,

Es weiß das Erstrahlte sein innerstes Dunkel

Und schwellt und erzittert sich ewig sein Glück!

Hier lacht die Nacht: das ist die Stadt der tollen Nächte,

Das ist das Land der Liebe und der Liebesrechte,

Es fürchtet Niemand hier die großen Zweifelsmächte,

Da weilt die Kindlichkeit im schaudernden Geschlechte.

Das herzt sich und lacht, das tanzt auf der Straße,

Das nimmt sich aus Neigung und küßt sich zum Spaße,

Man liebt um zu lieben, entjubelt dem Maaße

Und ruft sich und winkt sich, das singt auf der Straße.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde schämt sich, daß wir tanzen, scherzen,

Die Erde blutet ja vor Mutterschmerzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

So komme, so komme, die Reue ist ferne,

Ich habe Dich gerne, wir haben uns gerne,

Die Nacht ist beruhigt, es flimmern die Sterne,

Wir jubeln und jubeln: die Sterne! die Sterne!

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde will nicht, daß wir herzen, scherzen,

Sie will uns aus der Herzensnähe merzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Das ist die Stadt, wo ich ein Wesen knickte,

Wo ich beinah vor Bangigkeit erstickte,

Das war kein Kind, das aus dem Fenster nickte,

Das war die Schuld, die mir das Schicksal schickte.

Jetzt springen wir, wirbeln wir, drüber, hinüber!

Vorüber, vorüber, je schneller je lieber!

Ich juble, wir singen, ich werde doch trüber,

Ich denke nicht dran und ich schwärme im Fieber.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde will nicht, daß wir herzen, herzen,

Sie will uns aus der Herzensnähe merzen,

Sie blutet aus dem Herzen! aus dem Herzen!

Der Gram erfaßt mich, ringsum wird es dunkel,

Nur selten blitzt es, wittern wir Gefunkel,

Du börst und mehrst zugleich das Stadtgemunkel,

Auf einmal ward es überraschend dunkel!

Das Mutterherz blutet, es blutet und blutet,

Das Unheil wird überall wortlos vermuthet.

Was giebt es am Meere? Es grollt und man tutet,

Die Nacht ist vergraut, doch sie blutet! und blutet!

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Wir können nicht fröhlich sein, jubeln und scherzen,

Es fängt sich der Himmel an furchtbar zu schwärzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

»Du Heiliger, Schutzpatron dieser Gefilde,

Maria, Du Königin ewiger Milde,

Beschirme die Stadt mit dem bräutlichen Schilde!«

Ertönt es vor manchem beleuchteten Bilde.

Wir wollen uns herzen, besitzen, vergnügen,

Wir lassen uns nimmer von Schemen belügen,

Wir mögen uns nicht mit dem Fleische begnügen,

Ihr Anderen laßt Euch betrüben, betrügen.

»Du Mutter, die keine Gewaltthat erfahren,

Beschütze, was fromm ist, vor Schreckensgefahren,

Erschaue Gerechte in thörichten Schaaren!«

Ertönt es: »Und lasse uns Trost offenbaren!«

Es blutet das Dunkel, das Mutterherz blutet,

Es blutet das Meer und man tutet und tutet,

Die Luft ist geschwärzt und von Schaudern durchgluthet,

Der Tag ist verkohlt und die Nacht grell durchblutet.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Man singt jetzt; »Wir wollen uns eillig noch herzen,

Der Tod ist so schwarz und so ledig an Scherzen!«

Es tönt: »Bringt der Jungfrau gesegnete Kerzen!«

Es donnert die Luft und es tönen die Glocken,

Es kann, was da jubelte, nimmer frohlocken,

Es mag sich jetzt Niemand zum Tändeln verlocken,

Es blutet das Dunkel, es grollen die Glocken.

Das singt Litaneien, beleuchtet die Straßen!

Es wagt es jetzt Niemand zu lästern, zu spaßen,

Die Menschen, die lange das Murmeln vergaßen,

Durchmunkeln nun dunkeldurchblutete Straßen.

Das läuft aus den Häusern, die Freude ist ferne,

Das betet in jeder verrauchten Taverne,

Das tapft von Laterne jetzt stumm zu Laterne:

Auf einmal erschallt es: »die Sterne! die Sterne!«

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Menschen fangen plötzlich an zu scherzen,

Das will genießen, jubeln, scherzen, herzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Lebensgold ist jedes Blatt und es kann nicht sterben,

Nichts als Same, selbst der Stiel edles Sichverschwenden:

Was da weste, werden wir urbewußt ererben,

Ja, wir folgen immerdar inneren Palmenhänden.

Ach es blüht, entzaubert sich unsere Lebenssäule.

Reinheitsrosen schmücken sie. Volle Keuschheitskelche

Überwuchern sich zum Wald. An der Sonne grasen Gäule.

Und im Schatten wittern rings stille Friedenselche.

Todesschreie gellen tief, dort in meinen Tiefen,

Hinter Fieberlinden sind sicherlich die Nester

Dieser argen Hälslinge: ach, wenn sie doch schliefen!

Doch vernimm, sie schlafen ja! – Schliefen sie noch fester!

Kaumverfleischlichtes entreißt jäh sich seinen Eltern,

Was sich nur erhalten kann, mag sich schon besitzen,

Oh die Lust, doch auch der Tod, schäumt drum aus Behältern,

Die mit Schweiß und Thränen sich ewig überschwitzen!

Eine Sonne sinkt in mir, denn ich sehe Herzen

Sich erfunkeln und der Nacht Wesenspulse pochen,

Augenblicklich freuen mich meine tiefsten Schmerzen,

Doch die Freuden kommen schon düster angekrochen!

Ja, die Sterne flimmern doch, so wie sie uns scheinen:

Alle hämmern wie ein Herz, züngeln nach Geschicken,

Flackern aus dem Innersten, funkeln nach dem Reinen,

Lebend, durch Lebendigkeit, voll sich zu erquicken!

Mein Gedanke hat mir Weib und Kind getödtet,

Mörder! Mörder! dröhnt es um mich her,

Nein, es ist das kein Gesicht eines Phantasten,

Meine Seele ist ein wilderregtes Meer.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Es scheint mich jenes Licht, das brennt, tief zu verklagen,

Das foltert, tödtet mich mit scharfem Speer,

Es splittert, nein, es beugt sich bis zum Herzen,

Es sticht so tief, so tief hinein! –

Dort scheucht mich jene rothe Blutgardine,

Der langen Gasse einziger Schein!

Er haftet sich an die Erinnerung an,

Er wird der armen Seele blutigrother Fleck,

Es wogt ihm meine Wollenssucht entgegen,

Doch immer wieder packt er mich als Schreck! –

Ach, schrecklich schmiegt er sich, als blutige Schlange:

Jetzt taucht er auf, – taucht empor – mit einem Bild!

Mein Weib seh ich erstarrt in Krämpfen,

Dazu mein Kind, ein blutiges Gebild.

Da liegt sie todt, von mir erdrosselt,

Es hat sie zu viel Lebensmuß erwürgt!

Dort seh ich noch die todten Schlangen, blutige Streifen,

Die Schmerzensspangen, die sie todtgeschnürt.

Ach, hat die Todesangst ihr Licht vernichtet,

Hat sie aufs Leben wissentlich verzichtet,

Hat sie das alles, alles das, gespürt? –

Zu plötzlich faßten sie die Schmerzenskrallen,

Gar rasch ist sie dem Erdentod verfallen,

Es suchte noch ihr Blick nach mir,

Er starrte nach der dunkeln Thür:

Sie spürte Tod und Schmerz in allen Nerven,

Es zerrte ja an seinen Mutterwurzeln

Ein jungerkeimtes eigenes Sonnensein!

Sie rief dabei bestimmt um Menschenhülfe,

Wie läge sonst ein Weib bei ihr, das ich noch nie gesehn,

Es schluchzt noch immer dort an ihrem Todtenbette,

Und weiter treibt es mich von dieser Schreckensstätte!

Ende des ersten Theiles.

Zweiter Theil

Sahara

Ich habe »Sahara« in den Hauptteilen vom Herbst 1904 bis zum Frühjahr 1906 niedergeschrieben. Spätere Ergänzungen, die sich namentlich in den Schlußteilen finden, erstreckten sich bis in den Anfang des Jahres 1910.

Th. D.

Das Kataklisma

Da Deine Sternenaugen nie erblinden,

Oh Liebe, Seele aller Weltnaturen,

So flüstre sacht, kann ich die Todte wiederfinden,

Verspürst Du noch der Vielgeliebten Spuren!

Ist alles fort! Sind Menschen ewige Wesen?

Lebt nur von ihr, was sie in uns versenkte,

In uns, die sie aus Liebe auserlesen,

In mich zumal, dem sie ihr Sein verschenkte!

Du stärkste Liebe, Starrkrampf unserer Erde,

Die uns so schrecklich wird durch ihre Klammern,

Wenn sie mit Krallen, aus der Sonnenheerde,

Lebendiges ergreift, daß wir drum jammern,

Dich, ruf ich an, Dich Förderin der Schrecken,

Dich Mörderin, die uns erfüllt mit Grauen,

Du suchst das Gleiche wieder vorzustrecken

Und trachtest Lebensfluthen anzustaunen!

Wirst Du die Keime meiner Todten binden,

Daß ihre Formen sich zum Licht erheben!

Werd ich durch Liebe sie dann wiederfinden!

Kann, was er raubt, der Tod uns wiedergeben!

Durch seine Wüstenschrecken will ich schreiten,

Doch nur, was ich erfahr, will ich verbuchen:

Kein Hoffnungsglaube möge mich verleiten,

Für wahr zu halten, was wir hoffen, suchen!

Nicht süße Heuchler oder Priesterworte

Beweisen, daß die Todten auferstehn:

Doch forschen will ich, ob der Menschensorte

Gestalten, voll und gänzlich, untergehn.

Oh wüchse doch des Einzelwesens Starke,

Daß es den Tod noch überdauern müßte,

Daß man als Maurer großer Menschenwerke

Doch niemals mehr erbaute als Gerüste.

Dann müßte die Natur uns wieder zeugen

Und abermals zum Meisterwerke stellen:

Wie Gattungen sich nie dem Tode beugen,

So kann der Tod auch keine Helden fällen!

Gar friedlich waren alle Menschen, die mich einst umgaben,

Und fast zufrieden sind die meisten aus der Welt geschieden;

Sie ließen sich von kalten Worten, Staub und Schnee begraben,

Und Flocken fallen auf ihr Grab, fast wie ein Wunsch nach Frieden.

Am Friedhof laßt die Wandersonne ihre letzten Spuren.

Nun sind sie blutig und von Abendschleiern bleich umschattet.

Ich seh mich dort, auf jenen eis und gluthbedeckten Fluren,

Als Menschen, der beim Gehn im harten Schnee ermattet.

Die Schatten werden bald den letzten Tagesschein verdauen,

Und meine Stapfen wird der Wind mit frischem Schnee durchschütteln,

Und auch die Seelennarben werden mehr und mehr vergrauen,

Denn bald schon werden andere Leidensstürme an mir rütteln.

Schon wird es langsam stiller. Der Schnee dient anderm Schnee als Lager.

Und nichts empfindet mehr der frischen Flocken herbe Kälte.

Die Seelen schrumpfen ein: sie werden stumpf, gefühllos, hager,

Da sie ein Schmerzensschrei zu oft, ach gar zu oft, durchgellte!

Natur, Dein Wunsch nach Ruhe mag sich immerdar erfüllen

Und schließlich folgt ihm auch die Menschheit ohne Widerwillen.

Schon naht die Nacht, da alle Jubelfarben sich verhüllen,

Und alle Dinge ihre Sucht, nur Form zu bleiben, stillen.

Ich selber, frostiger Mond, fühl mich zu Dir hinangezogen

Und leiste gern den Albtribut, den ich Dir schulde:

Auf bleichen Schauerträumen bin ich oft zu Dir geflogen

Und spürte da das Grinsen Deiner hohlen Backenmulde.

Erwachte ich, so fühlt ich auf der schweißbedeckten Stirne

Die Silberhand, die mich zurück ins schwere Träumen drängte,

Und folgte willig fast dem schreckverschwendenden Gestirne,

Das alles, was ich je erfuhr, zur Zwerggestalt verrenkte.

So werd ich schmerzzerfleischt den Tod einst selber rufen:

Auf Fieberwiddern ihm in kalter Nacht entgegen jagen,

Die Böcke werden prustend und verhustend, mit den Hufen,

Mein letztes Zucken, Blitzen gleich, aus eisigen Krusten schlagen!

Wer mag dem Tode langer trotzen als die ganze Erde?

Versprüht sie doch das Leben nur, um völlig zu erstarren:

Dem todten Monde folgt bereits der Erde Traumspukheerde.

Schon stolpert ihm die Fallsucht zu und zerrt am Narrenkarren.

Im Winter, wenn die Wolken sanft das Land beschützen,

Vermags der Mond die festgestockten Nebel zu zerreißen,

Dann löschen trockene Winde ihren Durst in Silberpfützen

Und scharfe Kälte kann, was kaum entsteht, bereits zerbeißen.

Zur heißen Zeit verhaucht die Blüthenfülle ganzer Haine

Gar oft in einer einzigen, schwülen Mondscheinnacht im Süden,

Von Anfang an kreist das Gestirn in honiggoldenem Scheine,

Und Duft auf Duft entweicht den Blüthen, die zu Tod ermüden!

Verwelkt ist dann die holde Frühlingspracht am warmen Morgen.

Der Mond kann rasch des Lebens Frühlingsbraus entsaugen:

Sein Licht ist schroff. Er selber kennt nicht mehr die Schöpfersorgen.

Und starrt uns müde an, mit langst erloschenen Krateraugen.

Kein Liebesstrahl erfrischt die Tropennacht, die er durchschreitet.

Wie mattes Erz erglimmen seines Lichtes scharfe Klauen,

Womit er Helfen sprengt und Laken neben Laken breitet,

Um grinsend lichtbedeckte Scheingerippe anzuschauen!

Er raubt uns unsern Schlaf, um unsere Kräfte zu verbrauchen!

Er quält, erschlafft uns durch das Träumen, das uns meist zuwider.

Er bläht, berauscht sich mit der ganzen Erde Lebenshauchen

Und stürzt dann blutbesoffen, umgestülpt, des Morgens nieder.

Mein Weib, mein Weib, wie Du Dich tapfer sträubtest!

Du bist so schwer, so bitter schwer, dahin gegangen.

Du Schmerz, als Du das liebste, holde Sein betäubtest,

Da konnte es der Tod noch lange nicht erlangen!

Als wahre Riesin ist mein Weib, zum Schluß, gefallen!

Mein Weib, Du warst mir da so plötzlich fortgenommen,

Du hast das ganze grause Leid vom Erdenwallen

In Deiner allerletzten Stunde voll vernommen.

Einmal, des Nachts, umschlangen wir uns plötzlich fester!

Als unsere Herzen immer wild und wilder pochten,

Verliebten wir uns mehr als je, stets stärker und gepreßter

Umhalsten wir uns da, wie wir es nur vermochten.

Doch plötzlich, überraschend plötzlich, wars zu Ende.

Zur Ohnmacht, ach, war Deine Stummheit rasch geworden,

Und nutzlos nur, betasteten Dich meine Hände,

Ganz machtlos sah ich Fieberwüthen Dich ermorden!

– – – Vermutheten wir gar, daß wir uns trennen müßten,

Wie wir im Glücke niemals den Verlust bedachten!

Es war, als wir uns damals scheidungsinnig küßten,

Als ob auf einmal lauter Ahnungsschauer jäh erwachten!

Du trampftest Dich an mich und Du begannst zu weinen.

Gar wilde Bitterniß war unserer Lust entfahren!

Was mochte da in Deiner Seele wohl erscheinen!

Denn nichts, was Dich erschreckte, konnten wir gewahren!

Doch Trauer träufelte so schwer auf unsere Freude,

Und nie umschlangst Du meinen Hals so lang und bange,

Und Du erträumtest wohl viel düstre Spukgebäude,

Dann lachtest Du gar kindlich bang und lange.

Und endlich doch, als wir das Glück zurückgewannen

Und uns vertraulich wieder hin zum Schlummer neigten,

Begannen die getrauten Träume Flügel aufzuspannen:

Ihr Bruderflug begann, indem sie nimmer sich verzweigten.

In Seelenfernen, die in uns kein Ende kennen,

Möcht ich Euch nach, ihr seeligen Stunden eilen,

Sie waren beider Glück und können sich nicht trennen,

Doch nein, ich blieb allein und werde nirgends weilen!

Ich seh in mich, ich blick Euch nach zum Himmelszelte!

Mein Glück ist fort, ganz unerreichbar meinem Wesen:

Denn sie ist weg, die unsere Wesen heimwärts schnellte,

Und unser Kind, auch unser Kind, muß mitverwesen!

Der Mondschein ist der Leichenschleier bleicher Kindersterne.

Die Silbersichel mäht zuerst die Allerschwächsten nieder,

Und stündlich ists, als ob ein Größerer sich von uns entferne

Und endlich schließen auch die Nachtbrillanten ihre Lider.

Und überstrahlt die Todtenbleiche ringsumher den Sternenacker,

So sprühn die Ewiggroßen, die selbst kleine Kinder kennen,

Im Vollmondscheine weiter; mit urmächtigem Geflacker

Bestehn sie fort und nichts kann sie von ihren Thronen trennen.

Und wird das Mondlicht später täglich wieder schwach und schwächer,

So siehst Du Sternlein, wie der Mächtigen Kinder, jung erscheinen,

Und es erglühen Bären, Löwen, goldene Palmenfächer,

Die ewige, weiße Schlange wühlt sich vor im Sternenhaine.

Und wie es war, so wird es dort auf Gottes Himmel wieder!

Doch auf der Erde, ach, erstehn wir nimmer aus dem Grabe,

Du Heißgeliebte mein, so öffne wieder Deine Lider,

So komm zurück, Du Lust, Du mein Geschick und meine einzige Habe!

Du Ruhenacht, wie herrlich bist Du doch im schwülen Süden.

Kein schwacher Lufthauch wagt es, Deine Schöpferpracht zu stören.

Es ist, als ob sich Liebesstimmlein fernher zu sich lüden.

Und ohne zu ermüden, müssen sich die Kleinsten hören.

Aus Blüthen und aus Seelen, ja aus der Stille selbst im Haine,

Weht stets ein Duft empor, regt sich ein Traumesschimmer:

Oh Nacht, oh bitterfinstre Nacht, nur mich läßt Du alleine,

Die Stimme, die mich rief, ach nur die meine, hör ich nimmer!

Du leuchtest, klare Sternennacht, in ewiger Schöpferstille:

So spiegle Dich im leiderregten Meere meiner Seele

Und senk Dein schweres Gold hinab! das ist mein Friedenswille:

Nur Du tauchst bis zur Tiefe, wo ich mich um Stummheit quäle.

Nur Du machst alles Leid zum Lied und doch bewunderungsstummer!

Du giebst den Frieden, der befreit: der Schlaf beschwert die Glieder.

Zum Traum verspinnt die Trauer sich: was hilft ein dumpfer Schlummer?

Die Wehmuth hält er weiter wach, beschwert er auch die Lider ……..

Es scheint, daß eine schillerreiche

Nachnebelbrunst dem Meer entschwebt:

Und alles schweigt in dieser Bleiche,

Aus Mondlicht und aus Dunst verwebt!

Die fahlen Silbersträhne dehnen

Sich schleierhaft hervor im Raum.

Den Mond umblinzeln Iristhränen,

Als wie ein feuchter Trauersaum.

Die Sterne starren wie die Blicke

Der Sterbenden im Todeskrampf,

Verlöschend, durch die wolkendicke,

Dunstschwere Wand aus Licht und Dampf.

Sie glitzern und sie flimmern nimmer.

Du siehst wie ihre Kraft gebricht.

Der Mond vergraut im Eigenschimmer:

Und bald verblaßt auch dieses Licht.

Es will das Meer den Sturm gebären,

So plötzlich wogt es grollend auf,

Es brüstet sich, die Welt zu nähren,

Und schwellt die Wellen schon zu Hauf.

Die Sterne und der Mond verblassen.

Das Wasser aber sprudelt hell:

Nun huschen Aale aus dem nassen,

Unsagbar tiefen Lebensquell.

Sie ringeln sich und sie entwischen

Dem Salzgischt, den die Welle spritzt,

Und stehlen sich mit Silberfischen

Ins Leben, das jetzt ringsum blitzt.

Oh Wißbegier, wann hast Du ausgetobt in meinem Innern?

Wann mildern der Gefühle zartverwobene Wehmuthsweben,

Den Sonnenschleiern gleich, die einen stillen Herbst durchschweben,

Das schlafloswilde Wühlen von erregten Sorgenspinnern?

Gefühl und Güte sind der Reichthum innerer Seelenflammen,

Und große Thaten Formen, die sich die Natur gestattet;

Vernünfteln die Verzweiflung einer Gattung, die ermattet,

Die um den Nutzen schleicht, um lustlos zu verschlammen.

Der Erdenwesen Trachten sonnlebendig fortzudauern

Ward einer Schlange, die sich durch die Lebenswüste windet

Und endlich einen nutzerwägenden Verstand erfindet,

Gar ahnungsoft verglichen und erklärt von Weltdurchschauern.

Dein bleiches Spiegelbild, oh Wüste, die das Opfer fordert,

Das will ich jetzt durchträumen und mit Träumerlust genießen:

Nicht soll vor Schmerzensgraun Dein farbenschwankes Bild zerstießen,

Die Einsicht loht bereits, das Schicksal hats beordert!

Wohl ahn ich schon die Ruhe meines eigenen Wesens,

Denn der Gefühle Allgewalt, der Menschen Freude, ihre Liebe,

Die unauslöschlich glimmt und stockt, als wärs aus einem Siebe,

Beherrscht mich schon und zieht mich fort von dem Belauern des Verwesens.

Ich wähle eine Welt mit hellen Flammenkathedralen:

Schon wähn ich sie im Seelenschooße starker Menschenschaaren.

Ein Lebensüberschwang gebiert der Menschen Freigebahren,

Und domhoch seh ich Lebensströme ineinanderstrahlen.

Doch Wüstensand, noch locken mich Verstandespyramiden.

Ich bin ein Sohn der Zeit, da die Vernunft zu höchst gepriesen!

Ein Seelendrang hat mir den Weg ins Wüstenthal gewiesen,

Drum folg ich ihm beherzt, sind meine Wünsche auch verschieden.

Geschöpf, der Augenblick ist nah, Dir freudig zu verkünden,

Daß, was Du hoffst und heischst, Dir die Natur nicht mag verwehren,

Du warst bestimmt, das Feuer freier Freude fromm zu nähren,

Und Deiner Einsicht mag sich heut ein Wonnerausch verbinden.

Es braust der Erde Freudenschwall durch unser Glücksempfinden.

Ein stummer Rausch erzittert wonnig in den Wunschgefühlen,

Doch Wonnewogen, die wir jubelnd in den Äther spülen,

Sind auch das Liebesglück, durch das wir uns zu Sternen winden.

Die Armut, das Verzichten hat der Mensch sich selbst geboten,

Als unserer Erde Wonnerausch noch allzu karg bemessen;

Nun ist er reich und hat den alten Glauben fast vergessen,

Da Freudenflammen ihn noch wuchtiger und frei durchlohten!

Auch der Verstand ward so zum Mittel stärker zuzugreifen,

Er fügte sich in das bedingte Vollmaß als Ergänzung:

Er ist emporgereift aus seiner einstigen Begrenzung

Und fordert den geputzten Sparsinn abzustreifen.

Die Lebensschroffheit und die Sitte bergen die Askese,

Die noch die Lebenswüste fordert, die uns Wesen peinigt.

Doch wißt und glaubt, die Freude steigt jetzt, brüderlich vereinigt:

Dies ist das Wort, das ich im Herzen und am Himmel lese!

Des Lebens große Sonnerklärung

Erwacht im menschlichen Verstand,

Sie ist die reinste Lustgewährung

Der Gluth, die sich im Glück erkannt!

Die Brandung, die uns tief durchwuchtet,

Die schaffend, singend uns durchtönt

Und durch bewußtes Thun befruchtet,

Ist überall von Glück gekrönt.

Die Sonne wird uns Kraft gewahren,

Da Mühsal die Vernunft erhält:

Von Flammen, die sich nie verzehren,

Wird Gluth und Glück zum Licht geschwellt.

Wir können froh den Tag genießen,

Da sich die Menschheit frei verband,

Nicht mögen wir uns scheu verschließen:

Die Sitte ordnet der Verstand.

Die große Sonn und Erdvermählung,

Die sich so reich ins All gefügt,

Die wir geahnt in der Erzählung,

Bis unsere Einsicht sie erglüht,

Die hat harmonisch uns durchklungen:

Sie ist in uns herangereift,

Hat voll und herrlich uns durchdrungen

Und Furcht und Hoffnung abgestreift.

Ein Band muß strahlend sich gestalten,

Das Welten aneinander schweißt:

Erfüllung ruht in solchem Walten,

Wo alles Sein urselbst sich preist.

Was mir erscheint, ist das der große Gotteshimmel,

Ists Sternenglanz, der sich im Traumesdome regt?

Ist es die Nacht auf wildbewegtem Wolkenschimmel?

Ists kühler Wehmuthsschnee, der sich aufs Herze legt?

Du Traumesruhe, die auf reifer, abgemähter,

In schlafversunkener Mutterflur die Schmerzen heilt,

Du bleiches Bild, Du Sternenwelt im Purpuräther:

Ihr Glücksgefühle der Unendlichkeit, Ihr weilt!

Mir ists, als ob nun eine Ähre hell entsteige,

Schon schwebt sie frei, sah ich die Hand, die sie gepflückt?

Nun scheints, daß sie die vollen, goldenen Köpfe neige:

Ists ein Komet, der sich zur Erde niederbückt?

Ein goldener Strahl scheint zitternd aus mich her zu kommen.

Ein Meteor der meinem bangen Herzen naht!

Ein Bote ist vor meinen Augen schon erglommen,

So morgenklar und ernst wie eine freie That:

»Es kann das Menschenherz die Wahrheit streifen,

Es ahnt der Liebe und des Friedens Macht.

Hier mag der Same ewiger Freiheit reisen

Und er ist würdiger als Sternenpracht!

Der Mensch ist nicht von Gott verstoßen,

Er sündigt mit dem Sterne, der ihn trägt,

Es kann sein Thun nicht freuen noch erboßen,

Schon wirkt das Heil, wo man erwägt.

Die Menschheit soll ein Liebesband umschlingen,

Vernunft ist für Gerechtigkeit gereist,

Kein Schmerzensschrei wird unerhorcht verklingen,

Wo er im All ein Menschenherz ergreist.

Vernunft allein wird keine Wege finden,

Sie dient der Gnade, die die Welt verdient,

Ist Anfang nur und laßt den Schluß verschwinden,

Zeigt Euch das Nichts, wo Ihr am Ziele schient!

Die Freude wirble nun in Menschenseelen,

Der Frohsinn sei uns allen nicht vergällt:

Zum Troste mögt Ihr nach Äonen zählen,

Bis alles Leben mit dem Ball zerfällt.

Doch die Gerechtigkeit ist nur Erklimmung

Von Maaßen in der Schmerzenswelt.

Erlösung ist des Weltalls Urbestimmung

Und Gnade ists, die unsere Hoffnung schwellt.

Was leib und lustbegehrlich hier ersprossen,

Was weltharmonisch sich zusammenkrönt

Und sich vernünftig in die Form gegossen,

Das wird von Gnadenstimmen überdröhnt.

Schon die Vernunft ist ein Geschenk der Gnade,

Vor der die Welt in Ewigkeit erstarrt:

Kein Anfang sprüht empor vom Zeitenrade,

Wenn die Vernunft auf ihrer Kraft beharrt.

Das Fleisch ist nun erlöst aus der Verachtung,

In die der Sonne Strenge es gebannt,

Und die Vernunft entwandt sich der Umnachtung,

Wo sie die Gnade früh und schwach erkannt.

Heut mag die Gnade Euch Bestimmtheit schenken,

Sie schäumt und träumt urewiglich empor,

Nicht glauben mögt Ihr, sondern würdig denken,

Und keine Angst beklemme Euern Chor.«

Und als der Bote dies im eigenen Glanz verkündigt,

Verschwand er rasch, doch seine Stimme klang noch fort:

»Der Wahn verschwinde, daß die Schöpfung sündigt,

Doch nun verdunkle die Vernunft das hohe Wort!

Ja, Hohn und Leiden mag das Gnadenkind erfahren,

Da Ahnung seinem holden Sein entschwellt,

Denn aus der Welt, die wir durch Sinnentrug gewahren,

Erstrahlt auch Wahrheit, die uns der Verstand vorstellt!«

Die Silberwölklein, die ich rings um mich gewahrte,

Zerpflückten sich zu allerliebsten Engelein,

Blos Schönheit wars, die meinem Blick sich offenbarte,

Und eigenes Glück, dem sich die Seele konnte weihn.

Der helle Flockenschein auf winzigen Wolkenköpfen,

Der wurde Mang und Sang und Jubelmelodie.

Die Englein schienen aus dem Heil ihr Sein zu schöpfen,

Das stets der Welt ihr Licht und ihren Klang verlieh.

Sie sangen klar: »Wir grüßen Dich, Du große Gnade,

Die aus dem Heil sich in die Ewigkeit ergießt,

Um da als Welt zu wirken, ihrem eigenen Gnadenpfade!

Dich Gnade loben wir, die sich in Leidensformen schließt,

Die sich als Sünde suhlt und Sünderschmerzen leidet,

Bis Gnade sie in ihrem Gnadenschooß erwählt:

Die Gnade zu erfahren, selbst um Gnade neidet,

Da Gnade dann der größten Sünde sich vermählt!«

Dann sah ich rings um mich die Engelschaaren.

Sie wollten niederknien aus Wolkenkissen,

Doch da sie viel zu leicht und lustig waren,

So neigten sie im Chore Lichtnarzissen.

Sie sangen jubelnd: »Erde, Deinen Pollen,

Den Nordlichtsamen streust Du in den Ather,

Du schenkst die Keime hohen Sehnsuchtsschollen

Und wirkst als Deines Heiles Übertreter.«

So schweift denn, freie Flammengoldkometen,

Bis Wirbel Euch in eigene Fesseln legen:

Wenn Sonnen sich aus Liebesgluthen kneten,

So müssen sie im Schooß die Gnade hegen.

Wir Engel pflücken winzige Heilsgefühle,

Die spärlich auf dem Sonnenacker blühen,

Wir sehn das Menschenherz im Kampfgewühle

Und strahlen durch sein muthiges Lichtbemühen.

Ein einziger Gedanke, ein Empfinden,

In letzter Stunde mag ein Wesen retten:

Die Furcht und Reue mögen sich verbinden,

Ein Sein mit unserm Heile zu verketten!

Was Gnade wünscht und freie Gnade spendet,

Erweckt das Heil im Schooße eigener Gnade,

Durch Gnaden wird der Weltenlauf vollendet,

Vermag sie es, daß sie sich selber schade.

Erfülltes Heil in einem Weltenwesen

Muß alle grause Weltenlust zertrümmern,

Drum trachten Engel Gnade aufzulesen

Von Wesen selbst, die schwach und schlecht verkümmern.

Ein freies Nein ist starker als Gestirne,

Die blind, in ihrem Glanz sich eitel drehen,

Die Welterlösung hängt an einem Zwirne,

Nur muß ein Wesen frei zu Grunde gehen.

Der Mensch verstreut den Samen solchen Kommens,

Durch sichentgrenzendes und freies Wirken:

Das Heil vereitelt Knechtschaft eigenen Frommens:

Und drum verwünscht den Wunsch nach Sonnbezirken!

Pocht jetzt der Glaube plötzlich an mein Urgewissen!

Wie, sollte es schon bald mit mir zu Ende gehen!

Von lauter Skrupeln wird das wahre Ich zerrissen,

Und vor dem Tode sollst Du bleich in Stummheit stehen!

Den Wald, die Flur mag ich im heiligen Herbst betteten,

Und meine Seele gleiche dem entlaubten Baum –

Da mag kein Strauch die Andachtsfrist verspäten:

Er sammelt seines Wesens tiefureigenen Traum.

Der Baum, der üppig seine Lebenskraft verschwendet,

Der in des Daseins lustigem Schwelgen mitgewirkt,

Hat sich dem eigenen Räthselwesen zugewendet:

Er fühlt die eigene That, die sich in ihm verbirgt.

Ihr klaren Äste steht die hehrsten Herbstgebete,

Und in die goldene Stille starrt Ihr fromm empor:

So ringt nach Ruhe, wenn ich stumm den Wald bettete,

Ich such von mir, was ich im Jugendrausch verlor!

Die Buchen wollten sich dem Leben schenken.

Es hat am Walde sich der Baum berauscht:

Doch mag er jetzt sein Eigenwesen tränken,

Die Einzelheit, die jedes Sein behaust!

Versenk ich mich in meine Wurzeltiefen,

So glaube ich an einen Lebenskeim,

Dort wo die tausend andern weiterschliefen,

Erwachte er im üppigen Lebensschleim.

Daß Er dann Leben rauben muß und geben,

Weil er nicht mehr als aller Staub besteht,

Daraus erklärt sich Sitte, EinzelStreben,

Nur wünscht und fühlt der Mensch, wie er vergeht!

Von allem Gleichen freundlich angezogen,

Verschenkt er gütig, was sein Ich verlangt,

Er merkt es kaum, wie er vom Schein belogen,

Nur zwischen sich und seiner Freude schwankt.

Hat Irgendwer mein ganzes Sein ergriffen,

So ward mein Ich in größter Lust zerstreut:

Doch wird durch Raub der Mensch so hart geschliffen,

Wie dies das Leben für sein Ich gebeut!

Und doch banal ist was ich hier verfechte,

Die Weltmechanik deuten mag ein Tropf!

Nur ob ein Gott das Urgeschick verflechte,

Ob eine Allmacht ans Gewissen klopft,

Ach, wenn ich dies zu einer Lösung brachte!

Doch nein, dazu genügt kein klarer Kopf!

Die Welt aus ihrem Gleichgewichte heben,

Dies möchte jeder, der persönlich denkt.

In Weltgerüsten, die zusammen streben,

Wird alles, was im Ganzen ist, gezwängt;

Was sich nicht fügen laßt, das bleibt daneben,

Und unsere Seelenkreise werden so verengt.

Drum ist man höchstens noch berufen,

Durch schöne Täuschung, die das Herz erfreut,

Die Menschen vorzulocken vor die Stufen

Des neuen Götzen, der in uns gebeut!

Ersehntes kannst Du wohl zur That berufen,

Doch nur Gewänder werden so erneut!

Gelingt es Göttern, aus der Gruft zu schweben,

Empor zu steigen aus dem schönen Sarg,

Durch den ihr Mythos sich noch mag beleben,

Gar lang nachdem die Gottheit sich verbarg,

So müßten auch die Todten sich ins Sein verweben:

Blieb doch in allen uns ihr Bildniß klar und stark!

Mein Gott, wie kann ich mich zu dem Gespenste wenden,

Zu jenem Wesen, das ich voll erfaßt:

Sie fleht zu mir, mit ihren weißen Händen:

»Vergiß mich nicht, bin ich auch jetzt erblaßt,

Als bleicher Schatten müßte ich verenden,

Wär ich nicht länger Deine Leidens Last!«

Kein Gott und keine Sonne kann mich stärken,

Vernichtung, gieb mir wieder, was Du nahmst,

Nein Leben, sag, was ändert sich an Werken,

Die Du doch immer wieder ahnst und ahmst?

Wird Meinesgleichen einst sein Weib bemerken?

Wenn Du uns wieder in Dein Wirken rahmst?

Schwindel packt mich, Bilder eilen

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Ringsumher in wildem Tanz,

Hergeschleppt viel tausend Meilen,

Sprühn sie auf, in matten Glanz:

Keines mag um mich verweilen,

Jedes schwankt als Firlefanz.

Leiber scheinen sich zu theilen

Und verschwinden plötzlich ganz;

Doch in einem bleichen Haine,

Wo sich Ast und Ast verflicht,

Zeigen plötzlich sich Gebeine –

Und auf einmal wieder nicht.

Eva huscht in rothem Scheine,

Kauernd fast, hervor ans Licht:

Eingestemmt sind ihre Beine,

Abwärts schaut ihr Angesicht.

Ob sie jäh der Mutterscheide

Als ein reifes Weib entsprang,

Und dem Druck der Eingeweide

Schmerzhaft sich, mit Wucht, entrang?

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Wie gedrückt zu ewigem Leide,

Reißt sie sich vom Nabelstrang:

Und schon schwanken alle beide,

Mann und Weib, den gleichen Gang.

Deutlich will der Tod sich zeigen

Und er grinst mich hönisch an:

»Sieh, was einem Sein zu eigen,

Sprich, ob man noch hoffen kann!

Alles will sich hier verzweigen,

Setzt die besten Kräfte dran:

Menschen die zum Lichte steigen

Drehn sich schon in meinem Bann!«

Kurze Beine, schöne Büsten,

Weiber ohne Ebenmaaß,

Sah ich, die sich läppisch grüßten,

Komisch, ohne rechten Spaß!

Ob sie für die Ichsucht büßten,

Die ihr Sein aus Grüften las?

Tod Du wirst den Spuk verwüsten, –

Er zerspringt wie sprödes Glas!

Musiker mit Löwenmähnen,

Häupter ohne Leiberhalt,

Hat ein tiefes Lichtersehnen,

Plötzlich fast, emporgeballt.

Alles scheint sich hier zu dehnen.

Ist noch nichts als Ungestalt.

Sucht sich aber schon zu wähnen:

Wird bewußte Urgewalt!

»Solches Ineinanderklingen

Gab dem Leben Melodie,

Brachte mit gereiften Dingen

Auch den Zwerg in Harmonie.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Kann nicht so die Sichel schwingen,

Wie sie Schönheit einst verlieh,

Könnt mich um das Unkraut bringen,

Doch verschwinden werd ich nie!«

Kaum hat dies der Tod gesprochen,

Den ich blaß im Zwielicht sah,

Kamen Sphinxe angekrochen –

Und schon waren sie mir nah.

Wie von Zweigen abgebrochen,

Waren auch Harpyen da,

Und mein Herz begann zu pochen,

Als ich merkte was geschah.

Alle letzten Erdengäste,

Die im Todeskrampf entstehn,

Abfallszwitter, Lebensreste,

Die im Menschthum untergehn,

Wollten sich zum letzten Feste

Noch in Folterqualen sehn!

Was sich grausam würgte, preßte,

Lüstern, leidend, zu vergehn,

Fand, als Abglanz, aus den Wänden

Eines Saales jetzt Gestalt.

Manche Sphinx hat beim Verenden

Sich dort oben eingekrallt;

Nur ein Weib bis zu den Lenden,

Blickt sie um sich stumm und kalt,

Doch verräth ihr Nackenwenden

Einer Löwin Hinterhalt!

Ferne scheint mir, goldverschwommen,

Daß ein Weib im Takt sich dreh.

Wirbelnd wird sie naher kommen,

Ob ich sie dann besser seh?

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Ist denn noch kein Blick erglommen,

Hier im Weck m meiner Näh?

Ach, wie bin ich angstbeklommen,

Denn der Tod ward Salome!

Hei, sie tanzt mit Castagnetten –

Wie das klappert, wie das klirrt,

Um den Leib, die goldenen Ketten,

Haben klimpernd sich verwirrt.

Will sie vor dem Haupt sich retten,

Das sie surrend jetzt umschwirrt?

Nein, die Haare will sie glatten,

Und da steht sie unbeirrt.

»Sieh, das Ich in vollem Siege,

Wie es plastisch triumphiert,

Sieh, die Glieder, die ich biege,

Sieh, die Jugend, die sich ziert;

Daß sie nimmer unterliege,

Lobt den Tod, der sie gebiert:

Schaukelnd steht er bei der Wiege,

Da ers Leben balanciert.”«

Als die Worte rasch verklangen,

Die Salome zu mir sprach,

Kamen Greise angegangen

Und die Jugend folgte nach;

Und mir wars, als ob sie sangen,

Als das Schloß zusammenbrach.

Doch von Mauern noch umfangen

Sah ich plötzlich ein Gemach;

Vieler frommer Greise Hände

Trugen sanft ein zartes Kind,

Statt des Mutterleibes Wände

Hieltens Menschen, wohlgesinnt!

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Denn wenn Fleisch und Warme schwanden,

Da wir kaum geboren sind,

Müßten wir gar schnell verenden,

Ist was schroff ist und geschwind,

Doch an sich der Grund der Leiden,

Da er Liebesketten sprengt!

Uns der Ichsucht zu entkleiden,

Die in Jammer uns gedrängt,

Und vom Tod und Sünde, beiden,

Die noch über uns verhängt,

Uns mit Liebeshand zu scheiden,

Ward ein Mensch der Welt geschenkt.

Sterne flogen hin und wieder,

Botschaft kündend nächtelang,

Und die Menschen knieten nieder,

Nahmen Jesum in Empfang.

Königsmienen, still und bieder,

Eine Mutter schwank und krank,

Eines Kindleins zarte Glieder,

Sah ich jetzt im Traumgerank,

Plötzlich ist der Tod erschienen,

Als ich kaum das Bild gewahrt:

»Alles muß mir ewig dienen!«

Höhnte er nach Siegerart.

Mütter mit Verzweiflungsmienen,

Sah ich jetzt um mich geschaart:

»Hab gewüthet unter ihnen,

Keiner blieb ihr Leid erspart!«

Ries der Tod und tanzte schrecklich!

»Hei der Tag vom Kindermord!«

Scholl es: »war für mich erklecklich,

Nie ergötzt ich mich wie dort.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Selbst die Gluth blieb unerwecklich,

Die mich tödtet und verdorrt!«

Niemals tanzte er so kecklich

Und dann endlich war er fort!

Söldner seh ich spielen, wetten,

Christen, die um Gnade stehn,

Und zum Golgatha, in Ketten,

Jesum durch die Menge gehn.

Kann ein Mensch die Götter retten,

Die bedingt im All bestehn?

Wenn sie Macht zur Hilfe hätten,

Würde sie kein Sturm verwehn!

Alles will nach oben streben,

Höhenrausch umfangt uns schon,

Selbst der Tod kämpft um sein Leben,

Furcht gebiert schon seinen Hohn.

Ja, ein Gott ward uns gegeben,

Ohne Ende, ohne Lohn.

Zu ihm kannst Du Dich erheben,

Läßt Du neidlos ihn am Thron.

Götter mußten arg ergrimmen,

Als ein Mensch in Freiheit starb.

Konnte nicht der Tag verglimmen,

Als sein Leib am Kreuz verdarb?

Nicht die Nacht den Thron erklimmen,

Als ein Mensch um Gottheit warb?

Nutzlos tönten Donnerstimmen:

»Blutiger Himmelsriß, vernarb!«

Nein, die Wunde blieb geröthet.

Gluth ergoß sich aus dem Schnitt.

Götzen, die das Volk gelöthet,

Stürzten ohne Halt und Kitt.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Menschen, die Ihrs Kreuz erhöhet,

Wo ein Mensch fürs Leben stritt,

Einen Gott habt Ihr getötet,

Doch er riß die Götzen mit!

Da erfaßten mich Skelette,

Statt des Todes Wiederkunft,

Sah ich mich in einer Kette

Von Gespenstern selbst verschrumpft.

Eine Stimme rief: »Ich wette,

Du verknöcherst in der Zunft,

Dichter, laß, daß ich Dich rette,

Folg nun wieder der Vernunft!«

Und nun fühlt ich mich im Fallen.

Sah Gerippe über mir.

Sank allein durch blasse Hallen,

Ausgeschmückt mit Ungethier.

Hielt an Fühlern mich von Quallen.

Und die sahn mich an mit Gier.

Dann entfiel ich ihren Krallen,

Durch ein andres Albspalier!

Und den ganzen Weg des Tanzes,

Den der Tod mit mir getollt,

Schien mir wie ein Drachenganzes.

Hart gestockt! In sich verknollt!

Und im Grün des Panzerglanzes,

In der Schuppen Flimmergold,

Sah ich mich von seines Schwanzes

Knorpelgliedern eingerollt.

Ruckweis ward ich vorgeschoben.

Rhythmisch schwankt ich hin und her.

Durch das Zucken dieses Kloben

Glitt und fiel ich immer mehr.

[Rand: Der testamentarische Todtentanz]

Plötzlich schwamm ich wieder oben.

Ob der Schweif der Jordan wär?

Denn den Drachen hör ich toben:

Sicherlich das Todte Meer!

»Dies irae, dies illa,

Solvet saeclum in favilla,

Teste David cum Sybilla!«

Klang es plötzlich aus der Stille:

»WeltenEnde ist der Wille

Unseres Gottes Zebaoth!

Mensch, begreif die Weltennoth!

Sieh was allen Wesen droht,

Denn der Tod ist Urgebot!«

Wahrlich alles kam in Schwanken.

Mein Bewußtsein nur blieb still.

Stumm zerbarsten Felsenschranken.

Doch urplötzlich dröhnt es schrill.

Das sind ganzer Völkerstämme

Todesschreie in der Nacht –

Doch der Berge offene Klemme

Hat sie rasch zur Ruh gebracht.

Wohl gelingt es den Vergeudern

Des Geschaffenen, für den Tod,

Meere in die Luft zu schleudern.

Aufgedampft aus dunklem Schlot,

Thürmen sie in hohen Sphären,

Sich zu Wolkenburgen auf:

Doch es muß das Urmaaß wehren,

Nie entgleists in seinem Lauf.

Unserer Erde Sonnbegehren,

Das die Völker einst durchzuckt,

Muß sich jetzt als Gluth verzehren,

Die aus Kratern Inseln spuckt!

Dort das Volk wird sich erhalten,

Da es schnell und dauernd schwimmt.

Kind und Greis und Weibsgestalten,

Hei, wie das den Fels erklimmt!

Aller Völker Lebenssäfte

Schlagen jetzt aus diesem Stamm.

Ob ein Wuthhund plötzlich kleffte,

Schäumt nun fern ein Wogenkamm.

Kollossale Bergesrachen

Seh ich ganze Meere spein.

Alles muß zusammenkrachen,

Und die Menschheit hör ich schrein: »Ra«

Als ein Echo ohne Ende

Hat der Schrei nun fortgegellt.

Wenn die ganze Welt verschwände,

Dieser Schrei blieb als die Welt!

Ringsum Alles ist verschoben,

Felsendome ziehn mich an:

Was ist unten, was ist oben?

Frei bin ich vom Erdenbann!

Hei, Du wildes Felsgekrämpel,

Ängstigst nicht das Erdenkind,

Denn ich schweb in Deinen Tempel,

Dessen Lücken ringsum sind.

Erdenklammern oben, unten,

Machen unsere Seele frei,

Und es strömt aus lebensbunten

Fenstern jetzt das Licht herbei.

Wie ich mich so haltlos wiege,

Denk ich, daß in größter Noth,

Einst der Mensch dem Land entfliege,

Wenn der Ländereinsturz droht.

Denn die feste Menschbedingung,

Die sich still im All verwebt,

Ist ein Theil der Weltbezwingung,

Die der Sonne Macht belebt.

Unverschieblich, unverletzlich,

Ist das Sonn und Erdenband:

Unser Dasein drum gesetzlich:

Sonnbeschützt auf schwankem Land.

Bis die Erde sich noch bindet,

Ob sie noch so tobt und wühlt,

Ihren Schwerpunkt wieder findet,

Und mit Meeren Wunden kühlt,

Die am tiefsten eingerissen,

Sprengt sie nichts von dem Gesetz,

Das verknotet, als Gewissen,

Frei nun herrscht auf seinem Netz:

Auf dem Netz, das urversponnen,

Freies Sonnbewußtsein hegt,

Und das, wo es nachgesonnen,

Erdenheimweh sonnwärts tragt!

Meere seh ich niederwallen,

Aufgewühlt zu schwülem Dunst.

Menschenschreie hör ich schallen,

Schrecklich durch die Wolkenbrunst.

Ist doch alles eingefallen

Und die Menschheit langst zerstört!

Kann das Echo nicht zerprallen?

Da man noch das Rufen hört?

Was ertönt wird schrill und schriller.

Plößlich kreischt ein heiserer Schrei.

Und dann ists, als huscht ein stiller

Riesenvogel dumpf vorbei.

Und von neuem hör ichs rauschen:

Ja, das ist ein Flügelschlag!

Schallgebilde, rings, vertauschen

Ihre Flugbahn scheu und zag:

Wenn sie stumm um Kanten biegen,

Zwischen Felsen in der Nacht,

Hör ich dumpf ihr schweres Fliegen,

Da das Echo rasch erwacht.

Ganze Stimmenleitern ringen

Sich vom Mutterrufe los,

Um als Schreie zu verschwingen,

Abgesprüht vom Echostoß!

Und zu Bündeln paaren andre

Echowirbel sich im Kreis,

Und da scheints, das Leben wandre

Schon zurück in sein Geleis.

Hier wird gar kein Schrei vernichtet,

Alles schallt von Fels zu Fels:

Ja, die Welt wird neu verdichtet,

Lauscht dem Aufschwall des Gefälls!

Scheint ein Ruf wo abzuprallen,

Irgendwo vom Erdenrand,

Rasch im Chaos zu verhallen,

Steigt schon eine Bergeswand

Hoch empor, ihn aufgefangen!

Jeder Berg und jedes Werk,

Das zu sein nur angefangen,

Ward, daß es die Menschheit stärk!

Alles was nur quillt und schmelzt

Oder aus Bestimmungsbangen

Plötzlich sich ins Dasein wälzt,

Krümmt und thürmt sich nur zu Stufen,

Die dereinst der Mensch besteigt.

Gar nichts wird emporgerufen,

Was sich nicht vor Zwecken neigt!

Immer starker schwanken, beben

Bergkollosse im Entstehn.

Furchtbar ist ihr Haupterheben,

Kurz war das Zugrundegehn!

Ja, ich merk an jener Schlote

Langgefügter Doppelreih,

Daß sein Dasein sich verknote,

Das einst weltharmonisch sei.

Die Natur greift in die Tasten

Und bezähmt bestimmt die Welt,

Alles wird durch Rasten, Hasten,

Immer nur ins Maaß geschnellt!

Ganze Wandermeere dampfen

Aus den Orgelschlünden auf:

Kogel, Knäufe, Gipfel krampfen

Sich nun überall zu Hauf.

Doch das Alles scheint zu wackeln.

Alles wallt empor und fällt.

Still nur leuchten Riesenfackeln,

Wie als Ahnung aufgestellt!

Und ich laß den Traum gewähren,

Der mir lieblich zugeraunt:

Sieh, das sind die Cordilleren

Die Du werdend angestaunt.

Ja, wir wurden eben beide.

Alles was ich da erschaut,

Ist die Macht im Traumeskleide,

Die das Schicksal aufgebaut.

Was ich seh ist längst verschwunden,

Nur die Folgen schleifst Du nach,

Und dem Dasein eng verbunden

Bleibt was jäh zusammenbrach.

Feiern mag ich das Entstehen

Dieser Welt, die noch besteht,

Ihren Ursprung werd ich sehen:

Ursturz werde ein Planet!

Eben ist der Wirbel mächtig,

Irrgestirne zieht er an,

Weltkometen, schlank und prächtig,

Alles stürzt in seinen Bann.

Vieles krampft sich jetzt zusammen.

Der Kometen Flügelschweif,

Der ihn forttrug, auf den Flammen,

Wird zum steifen Erdenreif!

Plötzlich, aus dem Ozeane,

Hebt sich manches schroffe Kap:

Flügellahme Welttitane

Stürzen steil und rasch herab.

Über mir, in Felsenkrämpfen,

Ringt ein Riese mit dem Tod.

Er verpfaucht in Sturm und Dämpfen

Und sein Rumpf ist feuerroth.

Endlich berstet im Giganten

Das Gekrös und gluthenwund

Speit er seine schmerzverbrannten

Eingeweide aus dem Schlund.

In den Rippen, in den Knöcheln,

Zerrt ihn seine letzte Gluth,

Plötzlich schweigt sein Todesröcheln.

Wie verschnaubt er seine Wuth?

Um die Flügel und die Glieder

Hat sich rasch die Nacht geballt,

Aus dem grausen Schaumgefieder

Wich des Riesen Gluthgewalt.

Ja, der Gluthenrest vom Hasse

Des Giganten ist entzitscht.

Donnernd stürzt die kalte Masse.

Hei, die Fittige sind dicht.

Blitzend sprühte er von dannen.

Alles ward nun hart und schwer.

Auch des Riesen Wolkenspannen

Schlummern beide bald als Meer.

Tief in einer Erdenspalte

Stockt und friert der Feuerfluß

Und der große, felsenkalte

Recke ist der Kaukasus!

Mitten in der Erdzerspaltung

Taucht in mir die Ahnung auf,

Daß der Feind der Ungestaltung

Und der tödtliche Verlauf

Allen Daseins die Empörung

In den Leidenswesen schuf:

Und so folgt nun der Zerstörung

Unser Fluch, ihr Sünderruf.

Nun so seh ich die Erscheinung,

Jetzt als Christ und Sünder an,

Schließlich bleibt die tiefste Meinung

Nur ein tüchtiger Steuermann!

Grollen will ich mit den Mächten,

Deren Knecht ich bleiben muß,

Immer such ich nach dem echten

Unerreichten Seelenguß.

Denn mein Tod ist meine Sünde

Und ich ahn die Todesschuld:

In mir selber sind die Gründe

Meiner großen Ungeduld.

Doch: sie nimmer eingestehen,

Ist im Kampf von großem Werth,

Werd ich sie nur um mich sehen

Hab ich mich schon halb bewehrt!

Drum was einstürzt ist mir feindlich,

Mein Gewicht von mir getrennt,

Und mein Leib bedingt vermeintlich

Was man Tod und Strafe nennt.

Sonnwärts wird der Mensch nun stiegen,

Da er seine Schwere haßt.

Jeder Braus in Sonnenkriegen

Sei als Erdflucht aufgefaßt.

Alle Lastersucht versinke,

Da die Sonne Schlankheit heischt.

Seht vor Euch die Sonnenzinke,

Hört den Aar, der sie umkreischt!

Erde, bliebst Du meerumschlossen,

Flög ein flockiges Geschlecht,

Leicht dem Wogenschaum entflossen,

Nie durch Erdenbrust geschwächt,

Steil empor aus Sonnenwegen,

Als der Erde Danktribut,

Dem Planetenschwung entgegen,

Fast als freie Sonnenbrut!

Meer, oh bliebst du allerorten!

Nein die Wüste steigt empor!

Schreckniß, faß ich Dich in Worten?

Tod und Sünde wie zuvor!

Jammer zeigt sich meinem Wittern.

Meer, so öffne Dich, versckluck

Klippen, Riffe die zersplittern:

Doch von unten kommt ein Druck:

Und ich ahne Satanalien.

Stimmen tuschelns hin und her.

Und nun hebt sich ganz Australien

Ungeheuer aus dem Meer.

Schnuppen seh ich erdwärts stürzen.

Schroff und schräg und kreuz und quer!

Schuppenpanzer zwängen, schürzen

Jetzt den Erdball ringsumher.

Hei, das ist ein Feuertaumel:

Wie das heiter prasselt, zischt,

Und das bunte Birngebaumel

Bald sich mit der Gluth vermischt!

Flammen sprühn den Schnuppenregen

Feurig flimmernden Metalls

Erdenessen steil entgegen.

Schon im Wirbelkern des Balls

Lüstern sie, sich zu verschließen,

Einzufrieren in die Rast,

Formlos sich ins Sein zu gießen.

Und in wilder Werdehast

Thürmen Felsen sich unendlich,

Wo ein Menschthum fußen wird;

Und sein Schmerz wird unabwendlich,

Wenn es Wüsten einst durchirrt!

Von der Erde bis zur Sonne

Ist in uns ein steiler Weg,

Und es wälzt sich die Kolonne

Tapferer Völker schwer und trag

Immer weiter nur nach Westen:

Jedes Ziel bleibt unerreicht:

Auch der Uberschwang der Besten

Wird durch Selbstsucht eingedeicht.

Freudenlaute schrill und lüstern

Pfauchen jetzt Titane aus:

Allseits aus den weiten Nüstern,

Schnauben sie ins Weltgebraus:

»Sich im Erdenschacht verkrallen,

Das ist der Titanen Lust,

Krampfhaft sich zusammenballen,

Bein um Arm und Steiß an Brust!«

Also dröhnt es durchs Gepruste:

»Bald giebts keinen Unterschied,

Alles wird zur Felsenkruste,

Jedes ein geschlechtlich Glied.

Nur durch unsere dunkle Starre

Wird die Lust gezeugt, bewacht;

Uns erscheints, daß alles harre,

Ewig dauern Lust und Nacht.

Welches Glück in sich zu finden,

Was sich scheinbar flieht und haßt.

Lust und Ruhe, die sich binden,

Kaum hat man sich ganz erfaßt,

Ihr mögt dauernd Euch belohnen,

Schient Ihr ewig auch getrennt,

Kommt es plötzlich nach Äonen,

Daß Ihr Euch als Eins erkennt!«

Verworren scheint mir, was ich eben hörte,

Doch in mein Wesen dringt der alte Friede,

Es war, als ob mein LichtIch sich empörte,

Daß uns die Erde noch an schwere Ketten schmiede!

Doch gerne fühl ich jetzt die Macht der Erde,

Und die Genesung zuckt in jedem Gliede,

Erbauung sprüht aus jeglicher Geberde,

Ich will den Schein, daß ich den Leib besiege.

Sag, Erde, wann bekleidest Du die Heerde

Der freien Menschen und der Sonnenthiere?

Ihr Feuerwesen glüht in Deinem Flammenheerde,

Daß nimmer sich ihr Lebensgrund verliere.

Wir werden wiederum dem Festlande entstammen!

Sowie die Ruhe kommt, den Ball zu heilen,

So sprudelt Leben gleich aus seinen Schrammen,

Dem meine Wünsche schon entgegeneilen!

Die ganze Sehnsucht fühle ich im Glücke,

In jungen Formen, Mensch an Mensch, verweilen;

Es scheint, daß uns die Erde schwer bedrücke,

Doch hält ein Sonnenwahn den Mensch umfangen,

Daß er dem Erdenglücke stets entrücke.

Wir jubeln wohl aus heiterm Sonnverlangen:

Doch spricht die Erde hier ein Wort der Theilung:

Die Sonnenbrunst bleibt an Geschlechtern hangen,

Und selbst am Ich, das sie, zur eigenen Heilung,

In Menschenwerth und Stammeshort gespalten.

Auch da beruht das Glück nur auf Verweilung,

Da Sitten unsere Stammesart ergänzen;

Denn lassen wir den Glauben gerne walten,

Gilts Stammesart durch Brauche zu ergänzen.

Wo Sitten bald zur Lebensform erkalten,

Dort ruht der Mensch in seinen heiligen Tanzen;

Halb Erdenkind, halb freier Sonnenkrieger,

Schnellt er sich fort, in seiner Schnelle Grenzen;

Da scheint der Leib der Leiblichkeit Besieger

Und seine Seele weilt in sich versunken.

Oh Leib, Du seeleninniger Sonnenflieger,

Nun wirble bald, am Eigenwesen trunken,

Auf Erden, glückerfüllt, wie freier Äther,

Wie starrer Fels, wie ewige Sternefunken!

Wirkt fort, Ihr sonnensündigen Erdenkneter,

Besorgt die Formung einstiger Lustempfinder,

Denn aus dem Wuste starrer Felsvertreter,

Steigt einstens der Gebildeüberwinder.

Statt lüsterm Schlaf, erfüllt er dann die Lüste

Eines Erzeugers eigener Sonnenkinder:

Ja, doppelt, denn er saugt die Gluth der Brüste

Der Erd und Sonnenflammen und empfindet

Die Lust der Erdenruhe, die er überwinden müßte!

Doch da so vieles Glück in ihm sich bindet,

Kann solches Doppelspiel sich nur erfüllen,

Wenn durch bewußtes Wollen jenes schwindet,

Das unsere Sonnenblicke kann verhüllen

Und sich als Erdentrieb bewahrt in Stunden,

Wenn Leiber sich in Brunst zusammenknüllen.

Oh Erde, endlich werde ich gesunden!

Oh Erde, Erde, Wille Du zu meinem Leibe,

Oh Erde, trachte Dich zum Ball zu runden,

Zur stachen berg und tiefenlosen Scheibe.

Wohl sind die Erdentriebe sonnensündig,

Doch sehn ich mich nach sündhaftem Getriebe,

Auch werden Menschen durch die Flammen mündig,

Die durch die Menschenliebe sonnwärts strahlen,

Denn unsere tiefste Lust ist weltenbündig,

Und gern ertrag ich alle Wüstenqualen,

Kann ich dafür das Sonnenziel erreichen.

Drum wältzt Euch tief in Flammenbacchanalen

Der Gluthverschluchtungen, Ihr lavaweichen,

Bald festgestockten, frischen Leiblichkeiten.

Versucht es, Euch in Ruhe einzudeichen.

Erstarrt, um neu den Lebensspalt zu weiten,

Den einst die Menschenseele überbrücke,

Wenn Völker wieder diesen Ball umschreiten!

Nun öffne Dich, Du große Weltenlücke,

Oh, daß die Erde sonnenfeindlich würde!

Du Erde, weih uns sonnenfremdem Glücke,

Denn wollustträchtig ist die Leibesbürde,

Mit ihrem sonnenfernen Erdenhange:

Auch giebt der innere Abstand uns die Würde.

Die Seelenschroffheit zeigt sich schon am Gange,

Dem Merkmal seelenschlanker Sonnenkinder,

Mit ihrem stolzerfüllten Thatendrange!

Drum Flammen, engt Euch ein und werdet minder,

Dann sollt Ihr rasch im Felsenschlund verwehen:

Der Starrheit und der Freiheit Weltverbinder,

Der Mensch, der Wüstenherrscher, muß entstehen!

Ich liebe Dich, Du Trotz im Weltdämone,

Nicht lieb ich nur, ich kann Dich auch verstehen:

Du bist in mir die Kraft zum Kampf und Hohne,

Du bist ein Räubertrieb voll jugendhafter

Vielseitigkeit im Tanz um ewige Throne.

Du nährst den Bauch mit Klumpen sonnentraffter

Verwesungsjauche und Du pfauchst ein nasses

Gewalg, ins Sonnenantlitz, aus dem Aster,

Als Ausbruch Deines ewigen Sonnenhasses!

Die Erde kreist im weltbestimmten Pilgerschritte,

Um täglich ihre lebenskräftigen Lenden

Dem Licht, zum heißen Leibeskusse, zuzuwenden:

Und schon entsprüht das Leben ihrer Flankenmitte.

Orkane, die Ihr wild das Felsgewirr durchkeuchtet,

Iht legt Euch langsam jetzt zur Ruh in tiefen Schluchten,

Doch in der Höhe mögt Ihr zwischen Wolken wuchten,

Dort hoch im Lied der Erde, das ihr Leid durchleuchtet.

Doch die Vulkane, die den Wolkenwust durchflittern,

Verschrumpfen auch zu stumpfen, ausgebrannten Augen.

Mag wohl die Erde nun zum alten Leben taugen,

Und alles Beben in der Sonnensaat verzittern?

Unendlich fühl ich mich zu Dir hinabgezogen,

Doch Erde, gute Mutter, sei mir jung gepriesen:

Schon flackern die Gesichter bärtiger Riesen

Aus Flammengarben, die von selbst zusammenwogen.

Es muß sich alles jetzt zu kräftigen Bündeln einen

Und wird sein Dasein so als Einzelwesen retten,

Was sich getrennt benagte, muß sich fest verketten,

Und unsere alte Welt im Morgenglanz erscheinen!

Die Erde soll sich neue Lebensformen gießen

Und Sonnenwesen stark im eigenen Bann erhalten,

Die Sonne wird den Menschen grad und schlank gestalten,

Denn frei wird er im neuen Lebenstag ersprießen.

Schon blinkt die Mondessichel durch die rothen Dämpfe,

Doch brach liegt noch das Bett erstarrter Lavafluthen,

Zu Lebensformen blocken sich erfrorene Gluthen,

Wie starre Todes und zugleich auch Lebenskrämpfe.

Es ist, als wollten Beine, Rümpfe sich erheben,

Es mag kein Arm getrennt von seinem Leibe bleiben:

Ein Schlachtfeld ists, wo Stümpfe durcheinander treiben,

Und alles hebt und drangt ein dumpfes Erderbeben.

Ein eigenes Weltgeräusch durchzittert noch die Öde,

Durchs Echo ward der letzte Völkerschrei zersplittert:

Nun hörst Du ihn, als Rhythmenschwall, der Leben wittert,

Zurück geschleudert von Gebirgen, schroff und spröde!

Dem Erdbereiche ist kein einziger Laut entkommen.

Gebirge haben seitwärts sich für ihn erhoben.

Es donnerten die Wolken ihn zurück von oben

Und unten wurde jeder sorgsam aufgenommen.

Jetzt können Töne sich als Stimmen gar zerstreuen.

Am Lavafelde wogen sie nun auf und nieder,

Und immer schriller geben sie die Spitzen wieder,

Als wollten sie bereits ein Weltidiom erneuen.

Ich seh kein Pferd und höre das Gestampf von Hufen,

Auch Menschen nicht und doch vernehm ich ihre Stimmen,

Wenn alle Lebenstrümmer wieder zu einander stimmen,

Dann werden Münder ihre Einzelsilben rufen.

Und Ohren werden sie, zur Rettung, gleich empfangen.

Und sprechend werden Leiber sich zum Tag erheben.

Und aller Länder Echo wird als Mundart sich beleben

Und jedes Volk wird unverschiedenen Klang erlangen.

Schon krallen sich Leiber hervor aus den Schluchten.

In Brunst sind die beiden Geschlechter verbunden.

Sie halten sich krampfhaft beim Werden umwunden

Und müssen sich unbewußt kletternd befruchten.

Erst dann, wenn die Flammen am Erdball verglimmen,

Die Meere verflachen, mit Höhn sich bedachen,

Kann helles Gewahren im Menschen erwachen.

Und schnelles Gebahren das Dasein bestimmen.

Nun klettern rings Körper auf Zacken wie Zunder;

Doch hätte auf einmal der Ball sich beschwichtigt,

So würde die Lage im Schlage berichtigt,

Und jedes geschäh, wie dereinst, durch ein Wunder!

Jetzt scheinen die Rassen hier Boden zu fassen.

Es zwängt diesen Trichter ein eigenes Gemenge

Von allerlei Kliffen in buntem Gepränge,

Und Farbe und Ausdruck erwerben die Massen,

Von felsigen Grund, den sie senkrecht erstürmen;

Sie streben empor zum beleuchteten Grade

Und färben sich kletternd, auf kantigem Pfade,

Um, aufwärts vom Grade, die Glieder zu thürmen.

Die Haut scheint durch innere Gluth zu verblassen,

Drum seh ich auch deutlich das Leibergeranke:

Jetzt walzt es und ringt es sein Sonnengedanke

Empor aus dem Trichter, als wulstige Massen.

Der Haarwuchs bedünkt mich ein wuchtiger Schatten

Am Menschen, der schreitend die Sonne ersehne!

Drum fallen vom Haupte die nächtlichen Strähne

Zum Schlunde zurück, wie ein weiches Ermatten.

Pechschwarz sind die Haare von jeglicher Rasse.

Sie wallen zu Boden wie riesige Schleppen.

Die Rothhäute schleifen sie längst über Steppen,

Denn diese erklommen zuerst die Terrasse.

Sie stiegen auf härtestem, altem Granite,

Der röthlich sie färbte, gewandt bis zum Lichte.

Schon folgen die kleineren, braunrothen Wichte

Den Spuren der Starken im Nachbargebiete.

Auch scheint sich im Trichter ein Stamm zu verbohren!

Er möchte der Lichtkegel steilsten erklettern,

Doch müssen die meisten entgleisen, zerschmettern,

Die übrigen bleiben schwarzlockige Mohren.

Nun endlich erklimmen die hellsten die Spitzen.

Doch steigen sie weiter auf endlosen Lehnen.

Das Schicksal bestimmt sie zu ewigem Ersehnen,

Zum schweifenden Zweifel und kurzen Besitzen.

Die gelben hingegen, am Rande der Spalte,

Bestreben sich muthig die Flur zu erreichen:

Ich sehe sie tapfer Kamine durchschleichen,

Sie trotzen dem spröden und glatten Basalte.

Sie klettern gar rüstig. Sie harren am längsten

Und athmen den Schwefel vulkanischer Dämpfe.

So fördern die Völker bewußtlose Krämpfe

Und streben noch immer, gefeit vor Sturzängsten!

Du Lebenskrampf, nun wirst Du Klarheit wollen.

Das Sonnenmuß erscheint als Lust zu leben.

Das letzte Volk entklettert zäh den Stollen,

Und Vollbewußtsein kann sein Haupt erheben.

Die Massen, die dem Kraterschlund entfliegen,

Bedünkten mich verkrampft am Hang zu kleben,

Als Tausendhänder sich hervorzuschmiegen,

Verkrallt, verrunzelt, wo die Spalten klafften,

Noch starr die schroffen Schranken zu besiegen.

Nicht länger taugt das Aneinanderhaften.

Es muß die Blindheit der Gefühle schwinden.

Die Menschheit löst sich aus den fabelhaften,

Fast schlangengleichen, starren Urgewinden

Nun langsam auf, in krumme Einzelwesen;

Doch jedes trachtet wieder das zu finden,

Was eben noch mit ihm verschränkt gewesen.

Noch stehn die Menschen kaum und dennoch kriechen

Die Leiber, ihrer Wunden erst genesen,

Sogleich zurück zum fiebersiechen,

Geschlechtsverschiedenen andern Leibe

Und scheinen da den gleichen stets zu riechen.

Dann ists, als ob sie andere Sucht vertreibe.

Die Männer trachten sich emporzurecken,

Doch stets verfolgt vom gleichen krummen Weibe,

Gelingt es schwer, den Sonninstinkt zu wecken.

Denn will der Mann sein Ich aus Brunst erheben,

So trachtet sich das Weib ihm nachzustrecken:

Und scheint dann eines ganz aufeinmal zu erbeben,

So liegen gleich auch Andere mit in Krämpfen,

Um Drillingen im Nu das Sein zu geben.

Doch das Gebären kann die Wollust dämpfen.

Die Weiber wollen ihre Kinder nähren

Und lassen nun die Männer wüthend kämpfen.

Der Feinde muß sich Niemand noch erwehren,

Und dennoch würgt man sich nach alter Weise.

Ja, das Bewußtsein scheint erst einzukehren,

Wälzt der Instinkt sich längst im Urgeleise!

Der Schreck verfärbt die Haare mancher Streiter,

Und schon besitzt die Welt wie einstens Greise,

Doch diese leben hundert Jahre weiter.

Die Jugend werden Kinder bald ersetzen,

Und vollbesetzt ist dann die Altersleiter.

Gestalten, die das stumpfe Sein benetzen,

Die treten in der Menschheit jung zu Tage.

In ihr versucht die Welt sich festzusetzen

Und urhamonisch schafft sie eine Lage,

In der Gestirne sich das Leben spenden,

Dem einst die Menschheit klarbewußt entrage.

Zum Weib seh ich den Mann sich aufrecht wenden.

Er findet wieder was er einst verlassen.

Er labt das Weib mit seinen eigenen Händen,

Und was ihm naht, das muß er blindlings hassen.

Drum scheint es mir, es wird nach einiger Weile,

Wie einst, sich alles ineinanderfassen:

Und sprießt, was jetzt entsteht, mit Sturmeseile,

Geschiehts, um alte Maaße einzurenken.

Der Menschheit grundverschiedene Wesenstheile

Sind da, sich als Bewußtsein zu verschränken.

So wird die Einheit stolz ihr Sein erfassen

Und ihren Lebensdurchlauf kurz bedenken:

Heil Dir Natur, wie kannst Du Kraft verprassen!

Du reißt die Stütze Deines Weltenbaues

Aufeinmal ein und Du vertilgst die Rassen,

Die Fluren Deines heitern Erdengaues:

Du stückst und thürmst sie wiederum zusammen,

Und kühlst von Deines hohen Sonnenbaues

Unendlich steilem Throne alle Schrammen!

Wir wagens, Dich in Gut und Schleckt zu theilen!

Doch selber wirst Du nimmer Dich verdammen.

Viel größer ist Dein ewiges Urverweilen,

Als Lebensstürme, die sich selbst verzehren

Und zweck und ziellos durch das Chaos eilen!

Du kannst sie ewig jung in Dir gebaren.

Nun grüß ich sie in meiner eigenen Gattung,

Denn eben laßt Du diese sich vermehren.

Auf Erden giebt es nirgends mehr Ermattung.

Und was sich jäh in seine alte Form gegossen,

Das fordert des Geraubten Rückerstattung,

Und nichts Erworbenes ist mit ihm ersprossen!

Jetzt sind die Stumpfgewalten übermächtig,

Noch giebt es keine Kampf und Ehgenossen.

Die Leiber bleiben kaum drei Monde trächtig,

Um Drillingen das Erdensein zu schenken.

Selbst Greisinnen und Mädchen, jung und schmächtig,

Gewahr ich, wie sie plötzlich Kinder tranken:

Die vollen Brüste strömen üppig über,

Und nichts kann diesen Überfluß beschränken.

Oft wird das Lichtbewußtsein wieder trüber.

Die Schnellgeburten rauben es den Vätern:

Doch giebt es gleich ein Licht und Schattengegenüber,

Verkörperlicht in Sonn und Erdvertretern.

Auch Länder fangen wieder an zu beben.

Da hörst Du plötzlich die Bewohner zetern

Und Schreckensrufe schrill und laut erheben.

Doch so wird manches Angstempfinden rege,

Und unsere Sprache uns zurückgegeben.

Die Menschen packen auf den Wüstenwegen,

Die Echorufe auf von Felsenrändern,

Damit der ganze Stamm sie sorgsam hege

Und, um die Muttersprache nie zu andern!

Die Völker ziehn dem Lebenslaut entgegen,

Ihn aufzugreifen, in verschiedenen Ländern

Und ihn hinein ins eigene Sein zu legen!

Die Sprache hilft die Stämme auszuprägen

Und selbst den Eigenstolz als Gott zu heben,

Denn wallt sie auf, so zwingt sie zu erwägen,

Und wildfanatisch seh ich Völker sprechen,

Als schrien sie, schmerzdurchzuckt von Peitschenschlägen!

Ja, so nur können sie die Starrheit brechen

Und Zwecke fühlen durch das Volksgehaben:

Und solches fängt nun an hervorzustechen!

Nun sieht ein Wanderstamm in einem Graben

Die Reste abgedorrter Fühlerhaken.

Die zucken noch und trachten sich zu laben:

Sie stammen wohl von gleichen Lebenskraken,

Der plötzlich aus dem Krater Fühler langte,

Die lange tief im Erdenschooße staken.

Doch was sich krampfhaft hier zum Wurm verrankte,

Das scheint fürwahr kein Knäul von Menschengliedern,

Und jedes Volk, dem gleich vor Fremdem bangte,

Beginnt nun diese Masse anzuwidern.

Die meisten werfen schon darauf mit Steinen,

Doch einige trachten mit gesenkten Lidern

Sich dort mit Weibestheilen zu vereinen.

Die Menschen kamen fast allein in steinige Lande,

Und dann erst wucherte die Lebensfülle nach:

Sie hungerten und dursteten im Gluthensande,

Denn Sturm und Sonne lüfteten nun allgemach

Die Wolkendünste, die das Erdenrund bedeckten,

Und Gluthenströme stürzten nieder auf das Land.

Die Wüstenlehnen, die sich weit und weiter streckten,

Entstanden kahl und brach im großen Sonnenbrand.

Der Himmel selbst verlor sich hinter Feuersbrünsten:

Nur Abends zeigte sich ein Gluthenkatarakt.

Dann ward es dunkel und der Erdendunst am dünnsten

Und Gold umschwirrte Felsenzacken, gelb und nackt.

Die Menschen, die sich oft zu Dritt, zu Viert, verloren,

Vermochten nie allein oder getrennt zu ziehn.

Sie trafen plötzlich Andere, die gar weit geboren,

Und dies hat ihnen ihre Lebenskraft verliehn.

Sie blieben mindesten zu Dritt und eng verbunden.

Sie schleppten müd und traurig eine Kettenlast.

Sie sahn sie nicht. Doch niemals ist sie ganz geschwunden.

Sie hielt sie unzersprengbar fest und schwer umfaßt.

Dies waren unserer Ahnen große Fesselqualen.

Doch Selbst und Pflichtgefühl ist nur dadurch erwacht!

Sank einer hin, verwundet von den Sonnenstrahlen,

So ward vom andern ihm ein Labetrunk gebracht.

Die Schlangen, die fast unbemerkbar rasch entstanden,

Vergifteten die Menschen oft durch ihren Biß,

Die andern saugten gleich wo sie ein Tröpfchen fanden,

Wodurch der Lebensdurst dem Tod ein Sein entriß.

Doch stürzte irgend einer jäh in eine Tiefe,

So warfen sich die andern alle blindlings nach.

Es war, als ob ein Wesensband durch alle liefe,

Das Schwindel zeugte, wo ein Glied zusammenbrach.

Das Gleiche sehn wir heute noch bei unsern Ziegen,

Sie folgen rudelweise einem einzigen Bock

Und sehn sie ihn in eine Schlucht hinunterstiegen,

So folgt dem einen Bock sogleich das ganze Schock!

Und mußte dann ein Mensch im Wüstensande sterben,

So haben sich die andern doch nicht mehr von ihm getrennt,

Sie mußten angeschmiedet dort im Nu verderben,

Dies aber zeugte, was man Freiheitssehnsucht nennt!

Doch eines Tages fanden sich gar viele Stamme

Auf einem Kap zusammen, das meereinwärts stach,

Nun wars, als ob es Leben überschwemme,

Wo machtlos sich das Meer an seinen Klippen brach.

Hier konnten sich die Menschenfesseln plötzlich lösen,

Denn alles zog sich allseits durcheinander an

Und warf den Samen zur Erkenntniß alles Bösen,

Das sich, als menschenfeindlich, je ein Mensch ersann.

Die Allgemeinheit konnte bloß das Sein befreien.

Durchs Pflichtgefühl giebt Jedermann an sie zurück

Was das Gemeinwohl schafft, wo Wollende gedeihen,

Und um den Heldenglauben wogt das Völkerglück.

Der Menschheit Sonnbewußtsein will, daß wir uns ändern:

Und jeder opfert gerne seinem Sonnenziel.

Der Glaubenszwang, die Strafen in verschiedenen Ländern,

Sind Völkern, wie den Kindern, heitres Spiel.

Es muß sich solch Gebahren lange vorbereiten,

Bis später es der Mensch zur Sitte prägen kann,

Um Sonnenkinder stark am Sonnenweg zu leiten,

Auf dem ein Wahnbild selbst Bedeutung oft gewann!

Wir sehn das Vorbedachte sich in Formen wälzen,

Da nur das Tiefbedingte in Erscheinung tritt;

Und können große Sonnenbrände unsere Götzen schmelzen,

Genügt zum neuen Guß bereits ein Wageschritt!

Wir nennen weltharmonisch, was schon vorbereitet,

Urplötzlich faßbar, vor beschränkten Sinnen steht:

Oft sehn wir nicht, was schon bewußte Bahn beschreitet,

Weil Sonnenwollen dem Geschehn entgegenweht.

Nicht solche Lichtgedanken, aber Sonnenthaten,

Ersann allein auf einer Klippe dort ein Mann,

Aus einem Riff, das andre Menschen nicht betraten,

Da jetzt die Fluth ringsum die Oberhand gewann.

Er sah die jungen Menschen sich durch wilde Tänze

Der neuerworbenen Freiheit hier am Kap erfreun;

Es war, als ob sich alles ganz beim Fest ergänze,

Als suchte Leben volle Pollensaat zu streun.

Man wollte lang und frei am steilen Riff verweilen,

Und Jünglingsgruppen schleppten goldenes Korn herbei.

Und andere sah er froh zu brünstigen Spielen eilen,

Und unersättlich, rastlos wogte noch die Reih

Der nackten, jungen, lüstern tollenden Gestalten,

Und mächtig zogs den Einsamen zurück zum Spiel.

Er sah nun einen Mann das Weib im Arme halten,

Das ihm vor allen andern wunderbar gefiel!

Er wollte rasch durch jene Sturmesfluthen schwimmen,

Dem Jüngling zu entreißen, was er fest umschlang,

Da hörte er auf einmal weiche, innere Stimmen,

Und leise horchte er dem eigenen Seelensang.

Da ist ein ewiges Weib in einer Mannesseele,

Die Sonnensitte, jäh, mit keuschem Blick, erwacht.

Ihr Auge flehte, laß, daß ich mein Lieb erwähle,

Und rasch hat sie ihr Schöpfer plastisch ausgedacht.

Er sah die Anmuthsreiche sich im Tanze schmiegen,

Die Weiblichkeit der Menschheit, Weichheit der Natur,

Die Kriegerbrunst im Manne einst besiegen,

Und er empfand die Anmuth schon auf freier Flur! –

Die Sonne hatte viel aus ihrer eigenen Kraft getrunken,

Nun sank sie übersatt und überrund herab.

Da stand der Mann, in seine Einzelheit versunken,

Gar tiefbewegt und stumm auf jenem schroffen Kap.

In seiner Ruhe blieben alle Rhythmen rege,

Die dort in brünstiger Lust sich üppig ausgetobt:

Nach Sonnverscheiden wurden alle müd und träge,

Doch ward das Licht, in ernster Andacht, noch gelobt!

Schon wogte Nacht: Schon fühlten sich die schlaffen Glieder,

Als jenen Sonnbefreiten rasch die Sonne sank.

Und sonnberauscht und müde sank die Menge nieder

Und wußte, unbewußt, den Schöpferstrahlen Dank.

Doch kaum wars dunkel, kam das Übel angekrochen.

Man fühlte, daß die Freiheit mit der Sonne schied.

Die Nacht hat sanft ihr erstes Machtwort ausgesprochen:

Die Sterne kündeten es funkelnd vom Zenith.

Und schon begann das Sonngefühl sich zu umnebeln,

Es zogen sich die Menschenknäule brünstig an.

Die Wucht des Leibes konnte bald die Stimme knebeln,

Die heut, beim Sonnenfest, ihr Sonnenlied begann.

Das Sonnenfest, das Sonnenglück war abgebrochen.

Man würgte sich und preßte sich in wilder Gier.

Raum ward es dunkel, kam das Übel angekrochen:

Die ganze Menge schnaubte wie ein brünstiges Thier.

Erdrosselte vermengten sich bereits zu Haufen,

In einem lustdurchwühlten, engverkrampften Knäul,

Und man vernahm, vermischt mit ächzendem Verschnaufen,

Verschlungener Menschen brünstigstöhnendes Geheul.

Die Stärksten trachteten zum Strand zurückzuschleichen.

Sie sahn, mit Graun, den Leiberwust in fahlem Schein,

Und mitten drin erstickte Menschen, schlaffe Leichen,

Und, auf dem Fels, den einzig freien Mann, allein!

Da packte sie die Wuth und einige warfen Steine,

Auf jenen Helden, der persönlich sich erhielt.

Dann schleuderten sie alle, blindlings im Vereine,

Doch nur die ersten Würfe waren wohlgezielt.

Nun sanken ihre Arme schwer und steif hernieder,

Sie langten wohl noch lange schlafbefallen aus,

Doch alle Kenntniß schwand, es senkten sich die Lider,

Und schlummernd überwand ihr Sein den ersten Graus.

Sie krochen unbewußt zurück zu jenem Haufen,

Der sie mit Ekel und mit dumpfem Graun erfüllt.

Es konnte keiner sich zu seinem Heil verlaufen,

Sie waren alle bald mit jenem Knäul verknüllt.

Der Mann auf seiner einsamsteilen Felsenklippe

Empfand die Kettenlast, die ihn hinüberzog,

Ihm wars, als ob er selber mit dem Felsen wippe,

Als ob nun alles um ihn her in Dunst zerflog.

Ein Sprung ins Meer wäre bestimmt sein Tod gewesen:

Der Gischt, der über Klippen jäh emporgebraust,

Erschien ihm jetzt ein Heer von wasserflüchtigen Wesen,

Verschränkt emporgeschnellt, verschlungen und verkraust.

Der Schaum, der stach zurrückglitt, die verstreuten Leichen,

Die jetzt die See in einem Wirbelgrab verschlang:

Er fühlte auch, er könnte nie das Land erreichen,

Und tief in Ohnmacht lag er viele Träume lang.

Doch als man Steine warf, da war das Werk gelungen!

Er richtete sich auf, als wär er selbst aus Gneis.

Die Kette, die ihn fest umschlang, war jäh zersprungen, –

Doch ward in kurzer Frist aus jenem Mann ein Greis.

Als er die Menschen sah, die ihn aus Neid bewarfen,

Da sprach er nichts, doch seiner Seele wilde Gluth

Verrunzelte sein Antlitz und in schroffen, scharfen

Verkreuzten Furchen, da erstarrte seine Wuth.

Ein Ackerfeld, das kaum der Lebensgeist bepflügte,

War jetzt des freien Menschen kühnes Angesicht,

Und was er selber über sich am Fels zerfügte,

Das machte er der ganzen Menschheit nun zur Pflicht.

Sein Fieberodem stockte rasch zu Wolkenmassen,

Voll Zornesdonnern beim befruchtenden Erguß,

Um mit den Flammen Blindbelebtes zu verprassen:

Und Mahnblicksfolgen blitzten durch der Seele Überfluß.

Die letzten Steine sah er jetzt am Riff zerprallen,

Da hat der Menschen Ohnmacht ihn in Wuth gebracht,

In Sonnenkriege ließ er Völkermassen wallen

Und Machtgedanken flatterten bereits zur Schlacht.

Verbote, die sich Panthern gleich aufs Opfer stürzen,

Hat auf die Lauer er vor manches Ziel gelegt,

Gewitter, die zur Erntezeit die Lüfte würzen,

Die haben sein erträumtes Sonnenfest durchfegt.

Zerstören mochte er, was allzurasch gelungen,

Zur Menschbefreiung aber wollte er den Zwang,

Der ihn vom Knäul getrennt, bis dessen Reif zersprungen,

Durch alle legen, als ein sonderndes Gerank.

Ein Baum ward so gepflanzt, ein Kunstwerk hold begonnen.

Wie Blüthenthau, der durch den Morgen schwebt,

Hielt nun ein leiser Duft den Hauch der Welt umsponnen.

Ein Sonngeschenk, in dem das Erdenglück erbebt,

Ein Kunstwerk ward gepflanzt. Der ganze Hain begonnen,

In dem der Mensch sein Opfer gegen Himmel hebt.

Da mochte jeder sich in heiterm Glücke sonnen,

Ward doch durch alle auch sein Einzelzweck erstrebt!

Nun ebbte es und siedend flohen schon die Fluchen,

Da wußte wohl der Mann, der Staaten ausgeträumt,

Es würde, wenn auch Sturm und Meer nicht bald gesondert ruhten,

Der Rückweg ihm doch immerhin geräumt.

Und da begann der Sturm den Samen fortzutragen,

Der aufgespeichert um die brünstige Rotte lag.

Er wurde westwärts in ein fernes Land verschlagen

Und überschwemmte es mit Korn am nächsten Tag.

Der Menschen Brunstgestöhne und ihr Angstgepuste

Entflatterte der Erde steil im Sturmesflug,

Die Stimme gabs der Möve, die entstehen mußte,

Und kam zum fernen Strand, wohin der Vogel es vertrug.

Das Echo ward von jungen Möven gleich erwidert.

Im Neste weckte sie der erste Mutterruf.

Bald hatten alle Lebensschreie sich befiedert,

Da alles Dasein sich ein Lebensurlaub schuf!

Ganz plötzlich ward ein blondes Mädchen irgendwo geboren.

Sie reizte durch ihr Haar, und Kinder hatten sich verschworen,

Bei jedem wilden Spiel ihr junges Leben zu gefährden.

Drum hätte sie es auch bestimmt, bei einem Streit, verloren,

Wäre ihrs ein einziges Mal mißglückt, der andren Herr zu werden.

Doch sie war stark und nahm es selbst mit rohen Knaben auf.

Die überlangen Haare schlang sie fest zu einem Knauf,

Denn sie belustigten sie oft beim Spiele und im Lauf,

Und wuchs und reifte sie auch rascher als die Spielgenoßen,

Schien dennoch große Üppigkeit in ihren Leib gegossen.

Die bleichen Schenkel schwellten durch das Laufen und das Hetzen,

Wie Milch, die beim Erwärmen aus der Schale ausgeflossen.

Die Brüste sind mit seltener Kraft dem schlanken Leib entsprossen

Und wogten auf, wie Wellen, die sich leicht mit Schaum benetzen:

Und große Anmuth schien sich an den Hüften festzusetzen.

Doch kaum entquoll die erste Milch den vollen Brüsten,

So floh sie mit zwei Jünglingen, die sie im Walde küßten,

Als sie erschöpft, durch die Verfolgung, in das Moos gesunken:

Denn beide hatten von der Jungfrau Athemquell getrunken.

Nun flohn sie alle drei nach einem Ort in fernem Lande,

Dort jenseits, hinterm Wald, vielleicht an einem Weltenrande.

Ein Einziger konnte ihrer Wollust nimmermehr genügen,

Sie wollte Lust zu Lust in holdem Wechselspiele fügen,

Sie trug verschiedene Rassen eingeprägt in ihren Zügen,

Und nur dem Krampf verschiedener Lust gelang es, sie zu sondern.

An ihren Kindern sah sie oft die Spuren beider Väter,

Ihr eigenes Antlitz spiegelte sich meistens in den Blondern

Und später schien der Wesensgang der Vaterschaft Verräther.

Doch damals waren Zwillinge gar oft so grundverschieden,

Daß man nicht wußte, welchem Vater sie das Weib geboren.

Doch lebten alle lange, lange noch im Wald in Frieden,

Denn keinen hatte sich das Weib zu größerer Lust erkoren.

Sie zog mit ihren Männern, ihren Kindern immer weiter,

Durch Wälder, die in kurzer Frist, mit stolzer Wucht, entstanden,

Und immer blieb sie munter, blieben munter die Begleiter.

Nur Glück empfanden diese sorgenlosen Walddurchschreiter,

Bis alle, wie gebannt, vor einem Wunder sich befanden.

Ein Spiegel lag vor ihnen. Silbergrau und dennoch heiter.

Er löste sich, mit sanfter Anmuth, aus den Uferbanden

Und wurde weit das breite Meer und wogte weiter, weiter.

Dann senkten sich die Abendgluthen auf die müden Fluchen,

Und auf den Klippen wars, als ob dort bleiche Flocken ruhten,

Und Rieselwässer, sickernd, sich durch braune Klüfte drängten,

Da Honig oder blonde Harze sich mit Gluth durchtränkten,

Bevor sie bernsteinschwer ihr Gold in grüne Tiefen senkten!

Violette Quallen waren matte Schatten grüner Wellen,

Und tauchten auf, wie untere, festgestockte, salzige Quellen.

Die Möven flogen hin und her, da sie die Vögel schreckten,

Die sie doch selber, als ihr Schattenspiegelbild, erweckten.

Das Weib, das an der Küste stand, umspielten grüne Schatten,

Denn dunkler Wald bekränzte noch die Klippen und die Watten:

Sie stieg auf einen Fels im allerletzten Sonnenscheine,

Und trat dem Wunder stolz entgegen, tapfer und alleine.

Sie sah das dunkle Meer ihr rings entgegenbrausen.

Doch ihre Flanken konnten einen Rassenkeim behausen.

Der kühn in ihr entsprossen und am Meeresstrand erzogen,

Als Volk sich heimisch fühlen würde, auf den trotzigen Wogen.

Sie stellte ihre Macht, mit Würde, einem Meer entgegen:

Vermochte jenes schwere Frühlingswolken aufzufegen,

Aus Wellenbrüsten Lenzesfolgen ewig oft zu spenden

Und dennoch seine Schöpferkräfte nimmer zu verschwenden,

So konnte Ihrem Busen fette Lebensmilch entquellen,

Die Völker säugt, wie sie im Wald die höchsten Stämme fällen.

Und die, in pechdurchtränkten, kornbeladenen, hohlen Bäumen,

Den Winden und den Wellenschäumen sich entgegenbäumen.

Auch ihre Träume wiegte sie gar oft am Meeresstrande,

Und nimmer schied sie von dem holden, wunderreichen Lande,

Wo all ihr Fühlen sich in bunter Bilderreih ergänzte

Und gleicher Rhythmus ihren Athem und die Fluch begrenzte.

Es glich ihr Sturmesodem einer überstürzten Welle

Im Meergebraus; der Seele stillem rhythmischem Gefälle

Entsprachen aber Tage wahrer, klarer Sonnenhelle,

Und viele Jahre später sang sie noch an jener Stelle:

»Wie flüchtige Wünsche, seh ich Wolken mit den Winden ziehen.

Sie gleichen Bräuten, die dem Liebeswunder sich ergeben,

Und scheinen wohl in keuschester Jungfräulichkeit gediehen,

Drum müssen sie auch bleich im goldenen Morgenschmuck erbeben.

Doch sind sie alle nur vergängliche und grause Launen

Erfüllungsschwangerer, unendlich keuscher Sehnsuchtsmeere. –

Und blitzen Fragen auf, durchrollt sie donnernd das Erstaunen.

Entringt sich ihnen Wolkenwonne und urbrünstige Schwere,

So möchte meine Seelensee unendlichlang ihr Glück genießen:

Sie schenkt es nicht. Sie schlürft es ein, aus jedem blonden Strahle,

Dem Lande gleich, wenn sich die Gluthenströme drauf ergießen,

Den Wonnedurft zu stillen aus der goldenen Tagesschale.

Die Erde trinkt doch stets aus überstülptem Sonnenbecher,

Den sie des Morgens mit dem Lippenrande kaum benippte,

Den ganzen Tag. Und ist er leer, so wird ihr Durst erst langsam schwächer.

Auch schlief die Erde stets, sowie die Schale niederkippte!

Ich gleiche einer Welle, die sich sonnewonnetrunken,

In Abendwollust, zwischen Klippen brünstig bettet,

Und die den Schaum, in dessen Goldgeflecht sie fast versunken,

Um Felsen spült, mit denen sie ihr Glück beinah verkettet!

Ich liebe Wellen, die sich zwischen Felsenklippen balgen,

Denn ich vermag es, so wie sie, die Liebe doppelt zu genießen,

Es wählen, quälen ja die Schaumes wellen brünstig zwischen Krustenalgen,

Wie weiche Arme, die sich sanft um rauhe Männer schließen.«

Und ihren Gatten sang das Weib noch schönere Wonnelieder.

Eins klang: »So legt Euch neben mich im weichen Sande nieder,

Denn ungeduldig wogt der Busen und mir glühn die Glieder,

Und keine Fluch, kein Meer giebt mir die holde Kühle wieder,

Und einzig nur ein Kuß von Euch vermag die Brunst zu kühlen.

Ihr, meine Männer, laßt mich Eure kühlen Küsse fühlen,

So küßt und kühlt mich überall, die Gluth hinwegzuspülen.

So küßt die Flechten mir, und in den Euren laßt mich wühlen.

Wie traurig lieg ich Nachts alleine zwischen weichen Pfühlen;

Ein grauses Träumen wallt empor aus scheuen Angstgefühlen,

Und nur aus Albgestalten, ach, aus bildertollen, schwülen,

Verhaucht der Traum, wenn Morgenlüfte unsere Schläfen kühlen.

Bin ich allein, verhängt sich jede Nacht mit schweren Dünsten.

Ich wälze mich am Lager, bis die leeren Plätze dünsten,

Und lüstern spring ich auf, verzehrt von innern Feuersbrünsten:

Doch seid Ihr da, sind Traum und Luft zugleich am allerdünnsten.

Und wacht Ihr noch, seht Ihr mich an, wenn ich in Schlaf verfalle,

So ists, als ob sich klar der Himmel immer höher balle;

Ich träume da, daß ich in stillem Sternenhain nach Hause walle

Und alles blickt mich freundlich an in der geträumten Halle.«

Einst lag, nach langer Zeit, das blonde Weib im Traumesschlummer,

Als sie die Morgenwache längst schon hätte wecken müssen.

Doch alle waren zaghaft, selbst das laute Volk schien stummer,

Und keine Thaten folgten den Verlegenheitsbeschlüssen,

Denn über allen lag ein ungewohnter, schwerer Kummer.

Doch da entschloß ein Sklave sich, dem sie als Weib gewogen,

Die blonde Herrin sanft aus ihrem tiefen Schlaf zu küssen.

»Welch starker Thau heut niederfallt, der Herbst kommt angezogen«,

Sprach da das Weib: »Nun werden uns die Schwalben bald umschwärmen!«

Mit diesen Worten ist ihr letzter Traum hinweggeflogen,

Denn als sie aufstand, hörte sie ganz plötzlich starkes Lärmen,

Und alles drängte aus dem Zelt der lauten Schaar entgegen,

Um sie nicht allzusehr durch ihren Anblick abzuhärmen,

Denn mancher war des Nachts bei Überfall und Mord zugegen.

Und sah der Herrin Liebling mit blaublutigen Gedärmen!

Man dachte nun, man werde einen Todten niederlegen.

Doch statt der Bahre schleppte man den Mörder, der sich bäumte,

Vor die Gebieterin, die das Ereigniß rasch durchschaute

Und sah, wie er aus Wuth, geknebelt und gebunden, schäumte,

Daß Geifer plötzlich vorquoll, der sich hinter seinen Lippen staute.

Dann blickte sie um sich und merkte, wie dem ganzen Volke graute.

Erst stand sie stumm, dann eilte sie in wildem Schmerz von dannen.

Ein Sklave folgte ihr mit raschem Schritt, auf einige Spannen.

Lang hetzten sie im Wald umher. Dann liefen sie zur Leiche

Und fanden sie in blutigen Pfützen, die bereits gerannen.

Sie wusch sie ab und stürzte dann auf ihre edle Bleiche.

Dies war der Jüngling, den sie einst zu sich heran gezogen,

Er blieb so lange mädchenhaft in seiner holden Weise:

Nun lag er da, verrenkt, verkrümmt, wie ein zerbrochener Bogen,

Und schien ein Kind, ein todtes Kind, aus einem stillen Teiche

Ans Land zurrückgeschwemmt von unschuldsvollen, stummen Wogen.

Er war ein Kind und konnte nie zum starken Helden reifen,

Drum wars so hold, ihm all das schwere Rüstzeug abzustreifen.

Nun war es aus. Die Glieder waren frostig anzugreifen

Und blieben in der Hand, um ihre Starrheit abzuwägen.

Die Herrin konnte nur zum letztenmal die Flechten pflegen

Und ihre warmen Arme um die kalten Schenkel legen,

Den aufgeschlitzten Bauch mit einem rothen Tuch bedecken,

Die Thränen vor sich selbst und ihrem ganzen Volk verstecken,

Um sich zur Rache und zu neuer That emporzurecken.

»Ich habe meine Pflicht erfüllt, ich hab mich nie verweigert

Und ohne Heuchelei der Männer Leibeskuß empfangen,

Und nach Verdienst, nicht nach der Jugend, meine Lust gesteigert,

Denn meine Brunst war groß, wenn würdige Krieger mich umschlangen,

Und blieben Jäger lange ohne Weiber und Gefährten

Allein im Wald, bis sie mit schwerer Beute wiederkehrten,

So gab ich ihnen, was sie kühn von mir begehrten,

Und war beglückt und brunsterfüllt, wenn sie den reichen Samen

Mit freiem Lusterguß, mir in das leere Becken warfen.

Und welche Männer immer mich in ihre Zelte nahmen,

Das Volk geleitete uns stets mit Fackeln und mit Harfen,

Und selbst den ersten Männern, die der Tod mit fortgenommen,

Ergab ich mich, erschienen sie mir, Nachts, als Larven.

Es durften Sklaven, Kinder, Kindeskinder zu mir kommen

Und meine ewigen Jugendreize konnten allen frommen!«

So sprach das Weib, dann ward vor ihr und ihrem Volk gerichtet.

Der Mörder hatte selbst auf die Vertheidigung verzichtet,

Und beim Verhöre ist er stumm und willensstark geblieben.

Hat irgendwer von seiner Lust und Grausamkeit berichtet,

So peinigte die Menge ihn sogleich mit Peitschenhieben.

Kein mitleidsvoller Blick, kein Trost hat ihn emporgerichtet:

Er fügte sich gefesselt in des Feindes Machtbelieben.

Doch plötzlich schien der Herrin Wuth besänftigt und beschwichtet.

Doch nein, sie log, da ihre Blicke noch aus Haß zerstieben,

Es hat kein großes Lieben ihren Seelenkern gelichtet,

Sie rief: »Er ist ein Krieger, er hat manchen Kampf bestanden

Und einst des Feindes Übermacht in einer Schlacht vernichtet!«

Die Menge aber brüllte: »Kein Mensch in Feindeslanden

Hat je Dick so gekränkt, zum Kämpfen war er doch verpflichtet,

Drum quetscht ihn ein und peinigt ihn mit seinen eigenen Banden!«

Sie aber rief dazwischen: »Ach, gedenkt doch seiner Sänge,

Erinnert Euch der Lieder, die er einst für mich gedichtet,

Bedenkt, bedenkt, er ist ein Sänger und dann mildert Eure Strenge!«

Nun aber tobte es noch ärger in der großen Menge.

Gar viele heulten: »Sagt was kümmern uns die süßen Klänge,

Wir möchten sehn, ob uns kein Minnelied für Dich gelänge,

Wenn uns Dein Arm, wie einstens ihn, in holder Brunst umschlänge!«

Nun hat in jenem Weibe eine Schlange sich verringelt,

Die Wuth, die Eitelkeit, und manche Schlacke brünstiger Triebe,

Verschlangen sich zum Knäule, und ihr Haß hat drauf gezüngelt.

Voll Wonne hörte sie die Rufe und die dichten Hiebe,

Und plötzlich kreischte sie von ihrem ganzen Volk umzingelt:

»Vergeßt es nicht, vielleicht seid Ihr die Kinder seiner Liebe

Und dort, Ihr Peiniger, des trotzigen Mörders Söhne;

So laßt doch ab und hört erbarmungsvoll auf sein Gestöhne.

Giebts keine Einsicht, die Euch endlich mit dem Mann versöhne?«

Nun wars, als ob der ganze Wald vor Wuthgeheul erdröhne.

Man hörte nichts. Doch schiens, daß man das Opfer laut verhöhne.

Und alle schlugen drauf, als ob ein Volk der Mordlust fröhne.

Dazwischen aber wimmerten des Mörders Sterbetöne.

Schon war er fast bewußtlos und man hörte nimmer das Gepfauche,

Noch jene Stimme, die da rief: »Laßt ab, denn ich verpöne

Die grause Lust, da ich das Maaß zum Staatenbauen brauche!

Laßt ab, daß ich mein Werk in letzter Stunde noch verschöne!

Bezähmt die Wuth, damit ich tief in Eure Seelen tauche,

Den Schmuck zu fischen, der Euch einst in fernen Tagen kröne:

So faßt Euch denn und dann empfangt aus meiner Hand die Löhne!

Der hellen Sonne gleich, die nach dem wolkenüppigen Föhne

Das Wesen ihrer Macht in klare, goldene Strahlen kleidet

Und ruhig Sturm und See und Dunst und Berge wonnig scheidet,

Die Feuerbrücken spannt, wo schon der Glanz das Naß zerschneidet,

Und Nebel trennt, wo bald ein Hirt die sanften Schafe weidet,

Vermöge es die Königin, im Volk die Wuth zu schlichten!

Mit ihrem hellen Blick, die ganze Massenwuth zu sichten!

Mit salbungsvollen Worten, die sich auf die Wogen legen,

Die Zorneswirbel durch die wilden Horden fegen,

Das tolle aufgeregte Volk allmählich zu beschwichten!

Und durch Versprechungen die Friedenswünsche zu verdichten!«

Von eigener Brunst begann sie ihrem Volke zu berichten,

Um all der Aufgeregten Spannung auf sich selbst zu richten.

Und siehe, bald begann man auf das Martern zu verzichten.

Kaum hat die Herrin im Gewühl den Zornesprall gebändigt,

Mit Wort und Blick die Urnatur in ihrem Volk gemeistert,

So hat sie kühn, mit einem dreisten Zug, ihr Werk beendigt

Und sich am eigenen Seelenschwung und Wörterrausch begeistert.

Sie hat die Wollust ihrem Redeschwalle eingehändigt.

Es rief das Weib: »Ich schlief mit jenem Kind in meinem Zelte,

Als eine Gluth die Glieder beider zu einander schwellte.

Wir sahn das Blut, das Lust und Liebe durch die Leiber wellte,

Und als der warme Hauch der nahen Körper sich berührte,

Da wars, als ob ein Wesensschaum die holde Lust verspürte:

Ein Schauer überfiel uns, als sich Schwindel in uns rührte,

Und wohl als Jubel sich aus Brust und Kehle sanft entschnürte.

Wir fühlten wonneschwere Leiber ineinander fallen,

Die gute Lust von Glied zu Glied, von Aug zu Auge wallen.

Wir sahn uns an. Ich bebte. Konnte nichts von Liebe lallen.

Und hatte an den Gliedern, die ich wundschlug, mein Gefallen.

Er war so jung, ich wollte mich an seine Jugend krallen.

Ich küßte seinen Nacken und befühlte seine Lenden.

Die steifen Finger wühlten in den weichen Leibeswänden.

Was kann die Nacktheit eines Leibes doch an Prunk verschwenden!

Mit Purpurspangen schmückte ich sein Fleisch, mit meinen leeren Händen!

Und ich erstickte seine Küsse, wollte sie beenden,

Um nach Belieben seinen Körper hin und her zu wenden.

Doch war er gar so sanft und folgte jeder Sinnesregung.

Er sah mich an, so glückerfüllt und fast bereit zu sterben.

Ein schwüles Graun erfüllte mich bei jeglicher Bewegung.

Ich schnürte seinen Hals und sah den Körper sich verfärben.

Ein Blick noch schien, wie um Erinnerung, zu werben.

Und lächelnd wollte er aus meinen Schlangenarmen scheiden,

Von ihrem Druck befreit, von Leid und Leib sich sanft entkleiden!

Da packte michs, ich müßte mich an seiner Sehnsucht weiden.

Ich ließ ihn los und hauchte nun auf seine blassen Lippen.

Wie war das herb, wie fühlte ich ein wonneschwüles Leiden.

Ich rieb und rieb und sah die Röthe zwischen seinen Rippen,

Denn endlich kam das Blut und tilgte seine Schreckensbleiche:

Ich tödtete ein Kind, zum Manne weckt ich nun die Leiche.

Als er erwachte, war ein Abgrund zwischen uns geschaffen.

Wohl half ich ihm, doch blieben wir für immerdar geschieden!

Wir trachteten uns stumm zu neuem Leben aufzuraffen,

Doch unsere scheuen Blicke hatten sich dabei gemieden.

Dann schlich ich aus dem Zelt, in dem der erste Mord geschehen,

Und er lief bald in einen Wald, mir aus dem Weg zu gehen.

Nach Jahren kam er heim in einem selbstgefügten Boote

Und unser Dorf umschlich er scheu, als ob ihm Strafe drohte.

Doch nie empfand ich ihn als Übertreter der Gebote,

Er konnte wiederkommen, doch sein Leben war gebrochen.

Er hatte nie zu einem Weib von süßer Lust gesprochen,

Was ihn umgab, das wollte er zerstören und entschleiern.

Er schuf den Pfeil, um seine Rache auf der Jagd zu feiern.

Es zog sein ganzes Wesen zu den leichengierigen Geiern.

Aus Lust am Rauben hat er kühn ein schlankes Boot gezimmert,

Die letzte Liebe zu der Welt und allen ihren Dingen

Gab ihm die Sucht und Lust in ihr Geheimniß einzudringen. –

Er haßte das Vorhandene, das freudetrunken schimmert:

Er wollte das Bestehende zu anderm Dasein zwingen.

Und hat das Holz geächzt und seine Beute matt gewimmert,

So gab ihm das die Lust, was er begann, ans Ziel zu bringen.

Drum ruf ich stolz, was Ihr erschafft, ist immerdar geschlechtlich,

Was anders käme, wäre freudlos und somit verächtlich.

Die Weiblichkeit ist räthselträchtig, unerforscht und mächtig,

Sie hält ein Stück des Weltgeheimnisses durch Scham verborgen,

Und drum empfangt Ihr auch unwiderstehlich stark und rechtlich,

Aus ihren Armen nur, den jungen Thatendrang am Morgen.

Ihr fühlt Euch einzeln und Ihr sucht Euch allseits zu ergänzen.

Euch macht das Räthsel, das Ihr brünstig sucht, im Weltall Sorgen,

Und das Bewußtsein habt Ihr, weil Gefühle Euch begrenzen.

Als Einzelwesen glaubt Ihr ganz mechanisch an Ergänzung

Der Sinnlichkeit, durchs ewige Eins, das still und unverständlich

Sich tief in allen birgt, weit jenseits allen Daseins Ichumkränzung:

Und Freuden schufen Euch einst thätig, lustbelebt und endlich,

Drum scheinen Euch die Lust und schließlich Welt und Weib verblendlich.

Vom Weibe abseits sucht ein Jeder, von etwas etwas zu erfahren,

Und vom Genusse manches für die Stille zu bewahren.

Wer schwer des Weibes Huld empfängt, wird häufig schwül und bissig

Und wittert in der Welt umher und findet sie bald rissig.

Und der, dem ichs vergällt habe, hat Kräfte überschüssig

Die eigene Welt sich aufzubauen, die Welt mit einem Henkel,

Die Welt in der er Ordnung fand, weil alles eigenschlüssig:

Und zeugt er keine Kinder drin, schafft ihm sein Trachten Enkel!

Und statt im Schamtheil sucht er dann knapp unter ihm im Zwickel

Ein Räthsel, das sich hohl erweist. Doch spreiz ich da die Schenkel,

Geschiehts, damit sich furchtbar stets ein Wonnespiel entwickel.

So bleibt das Weib der Räthselhort! Und könnt Ihrs nicht genießen,

So laßt ihr eine Wollustwelt aus Dreiecken ersprießen.

Seit jenen Tagen hab ich Jünglinge zumeist erkoren,

Da fühlt ich fast das warme Blut den jungen Leib durchstießen:

Hab ihnen Kinder, wie den Männern, schmuck und schlank geboren.

Ich lieb des Jünglings Lächeln nach der ersten Nacht der Liebe,

Und nimmer hats ein Schreck in Kinderzüge eingefroren.

Ich spielte selbst damit und hoffte, daß es lang verbliebe,

Denn selbst des Tags geht solches Lächeln nicht verloren:

Und alles that ich, daß der Freudenschimmer nicht zerstiebe.

Doch jenes letzte Kind, das ich in holder Lust genossen,

Das traurig zu mir kam, als ob ihn grauses Schicksal triebe,

Hat jener dort erdrosselt, ach, hat mir so theures Blut vergossen!

Drum schlagt den Wütherich!! Sagt, weshalb zögern Eure Hiebe?

Erfüllt die Pflicht und martert ihn und peitscht ihn unverdrossen!

Er ist ein Mörder und Ihr peinigt stets die feigen Diebe.

Ja gerne! Selbst wo man bereut! Und jener bleibt verschlossen!«

Doch nun bemerkte jenes Weib ein eigenes Volksgetriebe.

Die Freien und der Henker selbst, mit seinen Spießgenossen,

Vereinten sich zu einem Volk, das seiner Herrin trotzte.

Man drohte dreist und hielt die Mächtige umschlossen

Und sah, wie sie erschreckt, auf ihre Sprossen wüthend glotzte.

Im Augenblicke hatte sich ihr schlichtes Haar geringelt.

Ein Schlangenhaupt erschien dem Volk, das fast mit Frechheit protzte.

Und rasch zerstob der Mob, der dreist das Weib mit Wuth umzüngelt.

Dann rief sie laut: »Nur ich hab jenem Manne Lust gegeben,«

Und hastige zügellose Wuth hat nun aus jedem Wort gezüngelt:

»Mein Haß vermochte hohe, kühne Thaten zu beleben,

Drum bleib ich stolz und Ihr müßt feig und scheu erbeben.

Nun rasch zur Pflicht, jetzt peitscht ihn weiter, und gehorcht aufs Wort,

Entreißt ihm mit Gewalt die letzten Worte vor dem Mord.

Doch nein, sein Todesröcheln, horcht, entgurgelt ihm soeben,

Nun rasch die Axt zur Hand und murkst ihn ab, ich blicke fort!«

Jetzt senkten Ernst und Trauer sich, auf die Gemüther nieder:

Aus Menschenseelen, wie aus Felsenklüften, schien das Schweigen

Als erste Abendahnung schwer und mählig aufzusteigen.

Millionenflügel eines Windes schwirrten hin und wieder.

Die schwülen Hauche senkten müd ihr schlaffes Luftgefieder.

Sie irrten durch den Hain und schliefen ein, auf üppigen Zweigen.

Und alle Aste schienen sich von Luft beschwert zu neigen.

Des Himmels letzte Wolke schwebte nun herab zum Meere.

Sie schien von einer Insel sanft zu sich herabgezogen.

Sie senkte sich wohl selbst, durch ihre eigene Wollustschwere,

Und kam als brünstiger Schwan, aufs üppige Eiland zugeflogen.

Und fern verflüchtigt, senkten sich zwei Wolken thalwärts nieder,

Als wollten sie ihr Liebesthun in dunkler Schlucht verbergen.

Und zum Genusse streckten sie die zarten Schaumesglieder

Gar lange aus, als ob sie überall ein Fiebern bargen.

Die eine hielt die andere fest, in lüsterner Umarmung,

Und ihr Geheimniß wallte auf, bis zu den stummen Bergen.

Und durch die Welt zog nun ein Rausch unendlicher Erbarmung.

Da trat die Königin hervor und sprach zum ganzen Volke:

»Es droht uns Tod und Neid und Streit und seelische Verarmung!

Der Menschheit Frevel liegt auf diesem Strand wie eine Wolke.

Verlaßt das Land, es scheint von einem Alb belastet.

Verscharrt mich hier im Wald und nehmt mich mit in Euren Träumen:

Und träumt von mir und fremden Bäumen, wenn Ihr ferne rastet:

Was Ihr von mir erfaßtet, als Sage laßt es schäumen.

Verlaßt den Strand, aus flotten Booten, hoch und steil bemastet,

Zieht Träumen gleich, auf Schäumen hin, wo Schäume Länder säumen.

Kreuzt selten eine Bucht, da nichts auf Eure Fahrten achtet,

Und zieht der Sonne nach, wenn Euer Sinn nach Fielen trachtet.

Ich selber wähl den Tod und will zur Greisin nicht erfrieren.

Mein goldenes Haar darf seine edle Farbe nicht verlieren.

Ich bin ein Fels, den Abendstrahlen matt mit Gluth verzieren.

Ich bin ein Sagenberg, mit Gold erfüllt und goldumflossen.

Lebt wohl, ich hab genug von holder Sonnenlust genossen.

So legen eigene Kinder mich, als Greise, bald zu Grabe

Und hüllen mich in blonde Flechten ein, die mich umwallen.

Dann ruh ich tief gebettet in der schönsten goldenen Habe:

Denn Gold, nur Gold, wird allseits auf die Glieder niederfallen.

Doch sollt Ihr stets in fernen Herbsten die Mysterien feiern,

Und an die Mutter denken, die nach langem Erdenwallen,

Sich selbst zurück zur Erde sehnte, um in goldenen Flechten

Gar tief zu ruhn, wenn Sänger einst ihr Sagenbild entschleiern.

Ich selber habe aufgehört zu knechten und zu rechten.

Zieht dann umher und singt berauscht, mit laubbekränzten Leiern,

Den Hymnus Eurer MutterErde, der die Saat entsprossen,

Und heut zum letzten Mal, nachdem Ihr meinen Sarg bereits verscharrtet,

Besingt die Erde, der ein reicher Erntestrom entflossen,

Und die bereits die neue Samengluth erwartet.

Belauscht die Sprache, die im Lispelton die Blätter sprechen,

Wenn sie geräuschlos fast von ihren dürren Zweigen fallen.

Belauscht Euch selbst, wenn Schamgefühle aus der Liebe brechen,

Und ein Geheimnißzauber anfängt in Euch aufzuwallen.

Dies ist die Erde. Fürchtet nichts, die gute Muttererde!

Dies ist der Tod, die Stille und die sehnsuchtsreiche Liebe!

Sie schlummern, tief verborgen vor begehrlicher Geberde,

Im Alltag unerkannt, verdrängt von lautem Sonngetriebe:

Doch bricht die Erdmacht vor, so zieht es Euch zurück ins Dunkel!

Was Ihr nur selten fühlt, wird zum Geheimniß Euch, das Lieben!

Was Euch dem Licht entzieht, ja Eures Wesens Lustgefunkel,

Das Sterben ist Euch feindlich und verhängnißdumpf geblieben.

So bleibt denn unbelauscht, wenn Euch die Liebe schwer durchgluthet!

Was Ihr in seltenem Liebesglück Euch gebt, verschließt es innig.

Versenkt es in den Seelengrotten, die Ihr kaum vermuthet,

Und bleibt Euch treu, seid Ihr aus reiner Sehnsucht minnig!

Und wer für Liebe und für Liebesschmerz wie ich verblutet,

Der thut es für ein Räthsel, das voll Schwermuth ist und sinnig!

Die Leiblichkeit des Weltgeheimnisses sind Zucht und Sitte:

Durch Thaten zwingt die Erde uns, es dauernd einzukleiden:

Denn ihre Macht hält zwischen den Bestrebungen die Mitte

Und bleibt sich gleich und zwingt uns stets zum Unterscheiden.

Darum erwägen wir mit Stolz die eigenen Lebensschritte,

Beschließen wir nach freier Art Verworfenes zu vermeiden,

Will sich in uns das herrlichste Geheimniß doch behaupten!

Drum auf! Zu den Mysterien! Zieht im Herbst mit gluthumlaubten,

Verwelkten Zweigen zu den heiligen Grotten der Propheten

Und windet Euch, im Chore, durch die langen sonnbestaubten,

Geweihten Haine, zu den Priesterinnen vor, die beten!

Dort weilen Weiber, die noch nie vom Liebeshauch getrunken

Und keines Mannes Schöfperrausch im eigenen Sein empfunden!

Sie bleiben stets in heiliger Erdenandacht tief versunken

Und halten sich mit ihrem eigenen Räthsel eng verbunden.

In Dampf gehüllt wird aller Weiber SonnenIch gebändigt:

Und manche kann dabei, betäubt, Empfundenes dumpf bekunden,

Wovon die innere Erdbestimmtheit sie im Traum verständigt.

Doch wird der Erdenräthsel urgewaltige Vollerfüllung

Durch Euer keusches Thun und Lieben allerzeit beendigt,

Und dem, was sich erfordert, gebt Ihr stündlich die Umhüllung!

Du erderwünschtes Zögern, edle Sprödigkeit des Weibes,

Du wahrst und förderst das Geheimniß unserer Seele,

Dem Sinn entrückt, wirkt Muttererde in der Frucht des Leibes:

Ihr nah zu treten, fühlst Du fast als Schmach und Fehle,

Denn heilig ist die Scham und sie verwirklicht Zuchtbefehle!«

Als nun der Abend seine Purpurdecken niedersenkte,

Und dann der Tag, mit blutigem Schatten, wie zum Abschied, schwenkte,

Da ließ die Herrin einen großen Löwen vor sich führen,

Den ihr, vor kurzem erst, ein mächtiger Nachbarkönig schenkte.

Sie ließ des Thieres Leib mit Stricken fest umschnüren:

Und sieben Männern nur gelangs, den Auftrag auszuführen.

Dann sprach das Weib: »Jetzt will ich meine letzte Lust verspüren!

Ich mag aus freier Wahl den kühnsten Sühnentod erküren:

Nun bindet mich auf dieses Thieres holdgeschmeidigen Rücken.

Sein goldener Leib wird meine weiche Nacktheit noch beglücken:

Dann sprengt die Löwenfessel, laßt uns Klüfte überbrücken

Und seine Wildheit wird uns Euren Blicken rasch entrücken.

Stecht ihm zuerst, mit einem Schwert, in seine fleischigen Lenden,

Der Katze Wuth zu steigern und die Todesqual zu kürzen:

Dann werden wir zusammen bald in einer Kluft verenden,

Denn schmerzzerfleischt wird diese Bestie jäh von einem Felsen stürzen.

Ich bin ein Sturm und will die letzte Wucht und Wuth verschwenden!

Seht dort die Wolken, die um spitze Felsenkegel fegen,

Wo Winde ihre Horste baun, sich drin zur Rast zu legen.

Soll da ein Sturmbraus keine Lust an seinem Ende haben!

Wohl doch! Seht, ich berausch mich an den letzten Flügelschlägen!

Wo Ihr mich finden werdet, sollt Ihr mich sogleich begraben,

Damit ich mich in meine Ewigkeit hinüber dehne:

Im Goldhaar ich, die Rachekatze aber mit der Mähne.

Nun hört auch, welches Wesen ich in diesem Thiere wähne.

Erschaut das giftige Gefunkel seiner Stachelblicke,

Oft scheint sein Fieberauge eine haßdurchblitzte Thräne,

Dem Seelengroll entquoll, und nun durchzuckt es grüne Tücke.

Ein Unheilstern der Menschheit sträubte diese Sonnenmähne:

Drum ruh ich bald auf meines Feindes wuchtigem Genicke

Und menge wollustvoll die beiden Flammendiademe

Und stemm mich auf und krall mich fest, im letzten Schreckensglücke,

Und warte, daß der Tod uns grauenvoll entgegen gähne.

Oh Menschen, als Ihr einst den Wald durchwandelnd einwärts drängtet,

Da ließ die Wildniß Euch am Wege süße Beeren finden.

Als Ihr Euch haufenweise durchs Gestrüppe vorwärts zwängtet

Und hohe Bäume furchtlos fälltet, um Euch durchzuwinden,

Da fandet Ihr die Stacheln neben saftgeschwellten Beeren.

Und als Ihr boshaft Eure Schritte durch den Urwald lenktet,

Da mußte der, zum Schutz, die Schlangenbrut gebaren.

Und als Ihr Wälder dann, aus argem Trutz, versengtet,

Da sollten giftige Flammen Euren Weg im Wald durchqueren.

Sie huschten nachts aus Tümpeln, wo Ihr Euch des Tages tränktet,

Wie Feuerfrösche, schnell hervor, den Marsch Euch zu erschweren.

Ihr fiebertet bereits, als Ihr am Wege abseits schwenktet,

Dem Tod entgegen taumelnd hinter falschen Flammenheeren.

Und wo Ihr Eure Glieder nicht aus Schmerzensqual verrenktet,

[Denn Fieber kamen, Eure Dörfer gräßlich zu verheeren]

Ertrankt Ihr oft, wo Ihr das Wollen in den Wald versenktet,

Im Schlamme, der sich aufgehäuft vor Eurem Sonnbegehren!

Und weiter zogt Ihr, ob Ihr Euch auch martertet und kränktet,

Bis Euch die Wildheit selbst entgegen sprang, um sich zu wehren:

Der Wildniß Wucht und Wuth mit einem Katzensatze zu entleeren.

Ihr Menschen, das Mysterium müßt Ihr aus dem Walde locken!

Es rankt sich, Epheuschlangen gleich, empor an stolzen Stämmen.

Es krampft sich einwärts in die letzten, splitterspröden Brocken.

Es wühlt sich aus der Fäulniß vor, ersproßt in bunten Schwämmen.

Es scheint der Viper gleich, in welkem Laub und Busch zu hocken

Und trachtet überall sein giftiges Sein hervorzuklemmen.

Und muß der Bäume Saft in frischen Stümpfen plötzlich stocken,

So seht Ihr Pilze bald die Waldeslichtung überschwemmen!

Doch zieht es an, das schreckliche Geheimniß wilder Wälder!

Erkennt im Wald des Schädlichen und Bösen giftige Keime:

Erfaßt und hegt in Euch die ersten kindlichen Vermelder,

Von inneren Reuelauten. Jedes Mißtons Echoreime,

Giebt Euch die Seele ganz empfindungsklar von innen wieder:

Oft sind es Laute nur, oft unbezwingbar wilde Lieder!

Ein Sang, ein Lebenshauch durchrauschte sanft mein Lebenswallen

Und ward ein Wind und wehte scharf um jede Lebenswende.

Doch endlich schlief er ein in meiner Seele Waldeshallen:

Doch diesmal ists ein Sturm, sein Echo werfen alle Wände

Gar tief in mich zurück, die Stimmen können nicht zerprallen

Und rufen laut in mir nach einem kühnen Sühnungsende:

Drum kommt! Ihr müßt mich rasch auf dieses Löwen Rücken schnallen!«

Gar hurtig regten sich der jungen Sklaven blutige Hände,

Die nun den Löwen knebelten. Und Blut, vermischt mit Geifer,

Entträufelte den Lefzen dieser Katze, die behende,

Sich ihrer Peinigerschaar erwehrte, die mit wildem Eifer

Nun ihre Herrin auf des Löwen Rücken band und schnürte.

Und noch bevor das Weib die Ohnmacht seiner Glieder spürte,

Da es, die Katze wild umhalsend, seine Arme rührte,

Entsprang das schöne Thier, das seine Königin entführte.

Wieder kam die Welt ins Schwanken!

Berge stürzten jählings ein:

Und das Bersten aller Schranken

Nahm der Mensch in Augenschein.

Auf den Inseln, die versanken,

Konnten Völker schon gedeihn:

Doch als Mensch und Thier ertranken,

Wurden sie noch handgemein.

Denn, dem Tode sich entraffen,

Dies nur galt und wirkte jetzt.

Gar kein Wesen konnt erschlaffen:

Angst hat rasch die Kraft ersetzt.

Magre Hälse der Giraffen

Würgten Schlangen, fluthbenetzt,

Und den wildbehenden Affen

Haben Menschen nachgehetzt.

Weg von seinen eigenen Jungen

Flog nun selbst der Pelikan.

Haß und angst und kraftverschlungen,

Fletschten sich die Bestien an.

Alle hat der Tod bezwungen,

Wo die große Fluth begann:

Lauernd war sie aufgesprungen,

Plätschernd schlich sie sich heran!

Ärger war es, wo sie zagend

Vorgedrängt, von Fern genaht:

Als wo Berge, himmelragend,

Nieder sausten auf die Saat

Junger Wesen, die fast fragend,

Aufgeblickt zum Felsengrat,

Der, sie alle rasch erschlagend,

Jeden Sonnenkeim zertrat.

Schrecklich sahn sich Menschenfratzen

Dumpf vergurgeln in der Fluth:

Eng verkrallt mit wilden Katzen

Sträubte Mancher sich mit Muth.

Andere, aufgebläht zum Platzen,

Bargen lang noch Lebensgluth:

Und das Wasser schien zu schmatzen,

Ganz durchschwelgt von Aas und Blut!

Bild und haltlos war die Eule

Schon als erster Vogel schlapp;

Schlangen reckten sich als Säule,

Hoch empor am letzten Kap.

Andere stürzten dumpf als Knäule,

Oft mit Tigern jäh herab,

Und es schien, daß im Geheule

Alles hörbar Athem schnapp.

Wie ein grauses Angstgequake

Halbverreckter Krötenbrut

Scholls aus der Kadaverlake,

Und noch immer schwoll die Fluth.

Gurgelnd trug die Aaskloake

Der Ersoffenen Erdtribut,

Als ein gelber Wasserkrake,

Dumpf in sich hinab, voll Wuth!

Riesenschlangen, Büffeltruppen,

Barsten rings, in sich verkrampft.

Gräßlich waren auch die Gruppen,

Wo die Lurche, hufzerstampft,

Auf den letzten Lebenskuppen

Ziegenheerden, starr und sanft,

Würgten: und dort haben Suppen

Schwüler Fäulniß aufgedampft.

Und es war beim Knäulverzucken

Allerlei hineingeklemmt,

Zwischen Bären eingestemmt,

Sah man Menschen drinnen hucken.

Und die Fluth hat beim Verschlucken

Geil mit Mensch und Vieh geschlemmt:

Doch sie hat beim Leichenspucken

Bäuche nur zurückgeschwemmt.

In einem Land, das von der Fluth fast unberührt geblieben,

Begann der Boden sich auf einmal bebend zu verschieben:

Das Meer hat hohe Wasserhosen an den Strand getrieben,

Die bald beim Sturm zu Brandungsschaum und Wirbelgischt zerstieben.

Da drang der Druck der großen Fluth herbei mit grausem Blitzen:

Ein Sturmrausch wars, ein Sausebraus, beschwert mit Hagelschauer,

Als wollte sich sein Nebelrumpf zerreißen und zerfitzen.

So stürzte er am Weltenmeer, auf wilder Dauerlauer,

Als Riesenwirbel hin und her und wurde immer dichter

Und riß auch manches Felsenriff hinab in seinen Trichter.

Da wälzte sich in einem Ruck ein Sturmstumpf mit Gebrüllt,

Vom Trubelkessel wuchtig los und trug, in schwarzen Hüllen,

Gar furchtbare Gewitterlust und schlug die Mutterfülle,

Als junge Stürme, keuchend los; da stürzten die, wie Füllen,

Dem Braus mit Windgewieher nach: und alles tanzte, tollte

Mit Wirbellust in sich zurück, als ob es sich verschlingen wollte.

Und Dünste schlürfend wuchs der Sturm noch immermehr, am Ozean,

Und raste dann mit einemmal dahin als fahndender Orkan.

Wahrscheinlich zog das Abendland ihn plötzlich mächtig an:

Er wallte, wogte hin zum Land, bis er den schwanken Strand gewann.

Und Schaum und Gischt und Fluth und Nacht erklommen Riesenhänge.

Der Mittag war in Sturm gehüllt. Die See entsprang den Ufern.

Weiß übergischtet war der Fels in steiler Meilenlange.

Das Meer hat stürmisch aufgejauchzt, als wärs von tausend Rufern:

Und Schlamm und Dunkel mischten sich zu wirbelndem Gedränge.

Die Schlacken zuckten blitzend auf, wie unter Sonnenhufern:

Da wars, als ob ein Rhythmentanz die Wildheit fast verschlänge,

Als trüge Fluth, beim Lebenssturm, als Mähne Gischtbehänge.

Und wieder donnerte am Meer ein anderes Ungeheuer,

Noch manche dunkle Ungeburt, aus dunstbezwungenem Feuer,

Zerschlug verblitzend, dort am Strand: und klarere Orkane

Entschlangen sich dem Wirbelherd und landeten am Strande.

Es war, als ob ein Walten sich auf einmal wieder ahne:

Denn peitschten Winde Kämme auf, dort hart am Strandesrande,

So waren sie im Trab davon, als ob sich eine Karawane,

Da stracks, am starren Lavahang, den Weg ins Dasein bahne!

Der Strand erklang, da Sturmeshast das ganze Land durchfegte,

Und allerseits dem Trubel sich, der Hang entgegenregte.

Ein Armenacker, Beingerank, das Gott von Rümpfen sägte,

Rang lavastarr nach Daseinsform und schwankte, ob es wägte,

Nach welcher Art, am freiesten, den neuen Leib zu fügen!

Das Erderbeben schnellte nun, aus tiefen Wirbelzügen,

Die erdenbrache Kreiskraft auf, der Lebenshast entgegen,

Und langsam schien ein Massenkrampf sich wirklich zu bewegen.

Und Sturm und Wogen klommen jäh empor auf Lavahängen.

Und Lustsuchtwucht und Ursprungsqual erstürmten starre Riffe.

Die Blitze mußten Dunst und Nacht mit einemmal zersprengen:

Ganz athemlos kam ein Orkan, als ob er seinwärts griffe,

Auf Wellenschimmeln gleich daher. Und alles drang nach oben.

Und immer wuchtiger erscholl das hohe Brandungstoben.

Und stöhnend, schnaubend, schlug die Fluth nun aufwärts über Klippen.

Und ächzend, wiehernd brach der Wind sich rings an scharfen Kanten.

Und dröhnend, knarrend fügte sich der Fels zu Knochenrippen.

Und pfauchend raste der Orkan, der plötzlich leibhaft rannte,

Dahin, am schwanken Lavafeld. Schon ward er eine Heerde!

Und gruppenweise stürzten sich ins Dasein wilde Pferde.

Und Schimmeltruppen schlugen toll den Blitz aus Lavakanten.

Und Rappen trabten, wo das Land im Augenblick erstarrte:

Da Schwankheit und Verzogenheit sich rasch in schlanke Leiber wandten.

Der Erdfels starrte, den, im Nu, der Rossetroß durchscharrte.

Und auch der wilde Wind verschwand. Der Sturm war abgebrochen!

Sein Rhythmus nur ward fortgeschnellt, als Herz und Lungenpochen.

Der Dunst umschwoll das Felsgestell aus festgefügten Knochen.

Und immer kam noch, fern am Meer, die Lavafluth gekrochen.

Die Wogen bäumten sich empor. Fast waren sie schon Rosse!

Es schien, als ob beim Brandungssatz, der See ein Sein entsprosse!

Und Pferdphantome, gischtbewehrt, entsausteu schon den Wellen.

Festleiblich ward ihr Luftgebild. Zum Hufe ward die Flosse.

Die Nüstern witterten voraus. Und eilig wie Gazellen,

Sah sich der ganze Rossetroß, jählings ins Leben schnellen.

Sie streckten ihre Hälse vor, wie einstmals die Giraffen:

Doch waren sie zu bärenplump und stürzten ihren Formen nach:

Beim Rasen ihre Leiblichkeit zu haschen, zu erraffen,

Wobei sich manches Roß sogleich die sprödgefügten Glieder brach.

Von Schimmeln wimmelte das Feld. Den Stuten und den Hengsten

Lief wiehernd manches Füllen nach und rief sie schon mit Ängsten,

Als suhlte es, beim Sturmgebraus, nicht rasch genug im Lauf zu sein.

Die Hengste sprengten mitten durch. Sie hielten sich am längsten.

Sie strengten sich oft gräßlich an und stürzten über Roß und Stein.

Sie drängten sich behende vor, und wo der Knäul am engsten,

Da warfen sie sich brunsterfüllt auf hurtige Mutterstuten

Und mußten meistens, hufzerstampft, am Boden dann verbluten.

Es konnten Rosse nun, im Trab, das Kap rasch überfluthen.

Ihr Blick war voller Kampfbegier. Sie lugten immer weiter:

Doch blitzten aus dem Seelenschlund, fast menschlich gute Fluchen

Und überglühten fast die Wuth, oft perlensanft und heiter.

Denn Räthsel würgten sich empor, die tief verborgen ruhten,

Und plötzlich wieherte ein Roß, als rief es seinen Reiter.

Doch ganze Heerden rasten vor. Sie wollten sich blos sputen.

Die Funken blitzten hell empor. Dies ward ein Jagdgewitter:

Denn abgestaut schien selbst der Wind, durch sonniges Gezitter,

Und Schweif und Mahnen sprühten jetzt, von Schweiß benetzt wie Flitter.

So stoß denn holdes Sonnengold aufs stolze, hohe Kap herab.

Und kataraktrasch sprang die Fluth jäh aufwärts über Klippen.

Der Lavastrand hat ausgebebt und dröhnte unterm Rossetrab:

Denn der hat jetzt den Gau belebt und trug in sich das Wippen.

Da schlug die innere Hast den Trupp bis hin zum Abendrande.

Und vorgewälzt und rings umdrängt, entschloß der Troß der Rosse

Sich rasch zum kühnen Todessatz und sprang am andern Strande

Ins schwanke, kalte Naß herab. Wie wuchtige Geschosse,

Entstürzte nun, mit toller Wuth, dem Strand die Pferdeheerde:

Und wieder gab dem Wogenmeer, was sie empfing, die Erde!

Und tausend über Tausende von Rossen wankten nieder

Und brachen sich beim Sprung sofort die kaum verkrallten Glieder.

Und immer größer war der Schub: je mehr im Meer ertranken,

Um destomehr erkrampften sich ihr Sein am andern Strande.

Sie klommen durch den Wogenprall, entsprangen Brandungspranken:

Und wild umkraust von Mähnengischt, sah man sie einwärts dampfen,

Und mit den Hufen, blitzhaft rasch, das Lavaland zerstampfen.

Im Nu belegte Stutenbrut, verfolgt von jungen Füllen,

Durchschwamm nun eine Ruhebucht, um da aufs Land zu springen.

So sollte sich die Ursprungswucht, durch Zufallslust, erfüllen,

Und unserer Wieherthiere Wurf nun unbedingt gelingen.

Und immer tiefer drin im Meer ward jeder Ruck zum Roß:

Und was am Wasser aufgetaucht, das ward gar rasch ein Wogensproß:

Und schwamm da lang als schwammiger Hengst, bevor er aufwärts schoß,

Und durch den heftigen Brandungssprung, sich fest in Formen goß:

Wo alles sich so wunderbar zu tieferfaßter Fügung schloß.

Von Wasserrossen so verfolgt, durchschnaubten stets die Pferde

Den schlackenstarren Lavaplan und fahndeten hinüber

Und rasten durch das brache Land und fühlten nie Beschwerde

Und stürzten dann, nach langer Hast, am andern Strand kopfüber,

Zurück, hinab ins Wassergrab, wo sie beim Satz ertranken.

Und andere trabten ihnen nach, vom Meer empor, zum Meer zurück:

Und sanken abermals ins Nichts: nurs Land kam aus dem Schwanken:

Doch rasch verschnaubte jedes Pferd: sie stürzten alle, Stück für Stück,

Hinab in einen Trubelschlund: die See hat sie verschlungen:

Und andre sind, trotz Todesritt, noch immer nachgedrungen.

Durch Schlucht und Schlund brach jäh der Sturm:

Er brauste lang am grauen Meer

Und schleppte seinen Trubelthurm,

Aus Schlamm und Wasser, hin und her.

Nun drang er zwischen Bergen ein

Und wälzte trockenen Lehm bergauf:

Er schien ein Bau, aus Staub und Stein,

Und rauchte aus dem Wirbelknauf.

Er stürzte sich, durch Fels und Schlucht,

Wo alles noch gebebt, gezuckt:

Und unten ward die dumpfe Wucht

Von manchem runden Schlund verschluckt.

Dort zuckte oft ein rothes Roß,

Im schauerlichem Todeskrampf.

Das Blut, das aus den Nüstern stoß,

Ward schwüler, dicker Lakendampf.

Die Würmer zehrten schon vom Fett:

Und als der Sturm daher gebraust,

Erweckte er das Pferdskelett,

Das halb verreckt war und verlaust.

Dies war vielleicht der letzte Rest

Vom herrlich freien ersten Ritt.

Was klein blieb, ward herabgepreßt,

Das Starte stürzte strandwärts mit.

Jetzt reckte manches Pferd den Hals

Und zerrte sich aus Dreck und Staub.

So ward der Zweck des Weltenfalls

Ein eiliger Bewegungsraub.

Die Rotte schlotterte noch lang:

Doch schwankte auch das Lavaland;

So schleppte sie, mit gradem Gang,

Sich langsam fort, durch Staub und Sand.

Am Boden lag ein Leiberstumpf:

Durch Wüstenwolken, fast verdeckt,

Vielleicht ein Rest vom Krakenrumpf,

Der sich als Menschen aufgereckt.

Die Rosse schnüffelten aus Durst,

In Fleisch herum und Menschgebein:

Da regte sich die Leiberwurst

Und biß sich in die Zitzen ein.

Es wieherten die Mähren laut

Und schleppten einzeln Menschen mit:

Und was sich da zu Haus gestaut,

Ward zuckender, bei jedem Schritt.

Beschwert durch solche Körperlast,

Die es nicht mehr von sich gewälzt,

Sank manches Roß. Doch halsumfaßt,

Trugs Reiter, die sich draufgesetzt.

Und Weiber, Kinder schleppten sich

Mit Pferden fort, am Bauch und drauf.

Und als das Bodenbeben wich

Kam alles bald in raschen Lauf.

Voll Schmerz und Müh ward fortgestampft.

Die Kraft kam nun vom Sturmwuchtbruch.

Und Mensch und Pferd in sich verkrampft

Entgurgelte ihr Ursprungsspruch. –

Es schreckt mich die Wüste, die rings sich entrollt:

Sie zeigt mir kein Ende im flimmernden Gold.

Die Sonne blickt traurig, als dunkler Opal,

Auf blendende Felsen, wie starrende Qual.

Es schweigen die Winde, von Hitze erstickt:

Da zeigen sich Wirbel, zu Wolken verdickt.

Sie treiben am Sande spiralisch umher,

Verschwinden auf einmal und werden bald mehr,

Durchstauben die Ebene, umkreisen den Grat,

Da scheint mir der Plan ein bewegter Achat.

Sie kommen mir naher. Ich athme den Staub.

Ich hör kein Gesause: ich wähne mich taub.

Da stampft schon im Sande ein Volksstamm vorbei:

Auf bräunlichen Pferden durchsprengt eine Reih

Verrunzelter Reiter mein sichtbares Feld.

Ich seh, wie sich jeder da sattelfrei halt.

Es kommen auch Weiber und grinsen mich an:

Sie folgen auf Gäulen, mit Kindern, dem Mann.

Es fletscht mit den Zahnen manch zwerghafter Wicht.

Sie scheinen mir Schemen: ist das ein Gesicht?

Mein Geist ist gespenstig, doch die sind aus Fleisch!

Nun hör ich auch deutlich ihr Gurgelgekreisch.

Es ist das der Hyksos berittenes Volk!

Ich fand ihre Truppspur, damit ich ihr folg.

Ich merk mir den Sturmschwarm aus Räubern und Staub,

Das Wüstengewitter, das Lichtheer auf Raub:

»Ein gelblicher Zwergstamm mit Weib und mit Kind,

Durchstreift die Sahara, gewandt und geschwind.

Auf braunen Arabern erreicht er den Nil

Und kommt und verschwindet und bleibt ohne Ziel!«

Nun seh ich auf einmal durch lebende Zinnen

Ein Schlackengeschwanke in wirbelnder Pein.

Dort mag wohl die Lava zu Formen gerinnen,

Und Flammen entwallen dem Brockengestein.

Es sträubt sich und wehrt sich der Schlundgrund dort drinnen,

Als wollte er stocken und tanzmunter sein:

Verzerrt und verzogen erhebt er sich zuckend

Und gluthrothe Qualme umsprühn ihn ringsum.

Und Schluckten, fast trubeldumpf Garben verschluckend,

Durchbuchtet ein dunkles und dumpfes Gebrumm:

Und Menschen, auf stilleren Felsspitzen huckend,

Begaffen das Schauspiel verwundert und stumm.

Der Felskessel hebt sich. Er bebt und verschwindet.

Der Krampf, den die Lava erstarrend verlor,

Wird leibhaft: und plötzlich empfindet

Ein Rumpf innere Gluth, da sein Umkreis erfror.

Jetzt lechzen die letzten Gluhtzünglein nach Leben.

Die Rachen am Brachplan sind glattstarr verkrallt.

Verschrumpft sind die Zacken. Zerzuckt ihr Erbeben:

Nun reißt jene Bestie empor mit Gewalt.

Sie laßt sich vom Felsgrat urplötzlich erheben.

Doch macht schon ihr Sockelblock überrascht Halt

Und schnellt nun den Urur empor auf die Beine.

Da steht er gewaltig. Gefühllos! Und bockt,

Als scheute er immer noch blutige Scheine,

Die rings aus dem Brockengemäuer gestockt.

Da klettern zum Apis, im Brudervereine,

Die Menschen, die rings die Geburtskluft umhockt.

Ich fühle mich selber hinübergerissen.

Ich folge dem Volk, das den Numen erkennt.

Auf einmal ist alles erregt und beflissen.

Ich seh mich im Schwarm, der die Zinne berennt.

Und wieder bewegen sich Felsenkulissen.

Doch brüllt nun der Stier für das Wuthelement!

Ein Kreisen von Bergen, von rasselnden Graten,

Ein Felsengewirbel entschleudert uns jetzt.

Die Erde scheint schrecklich in Schwung zu geraten:

Wir stehn auf der Platte und werden versetzt.

Vom Stamm, der bestimmt ist zu herrlichen Thaten,

Wird niemand beim großen Ereigniß verletzt!

»Wir rufen Dich, Isis, geschwängert im Bauche

Der Mutter, vom Bruder, Osiris dem Gott,

Entraff uns den Klüften, dem Schwefel, dem Rauche!

Sei huldvoll dem Volk, das um Apis sich rott!

Wir werden Dich ehren nach heiligem Brauche:

Dir nahe kein Feind mit verwegenem Spott! « – – –

Nun plötzlich verrammt sich die riesige Schraube.

Die Hose aus Kegeln und Gipfeln beharrt.

Verstummt ist das Dröhnen und Rasselgeschnaube.

Hat alles zurück in die Angeln geknarrt!

Es schützt uns die Erde. Es hilft uns der Glaube.

Kein einziger Mensch ward beim Bergruck verscharrt.

Oh Nilthal, Ägypten, du bist uns beschieden!

Wir steigen vom Sinai ekstatisch herab:

Dort schirme die Wüste ihr Zuchtreich in Frieden.

Es brüllt schon der Apis, beim zottigen Trab!

Bald baun wir ihm Tempel und Felspyramiden,

So steil wie der Sinai, das rettende Kap!

Wir wollen Dich ehren, Gebirge der Erde:

Du trugst uns aus Westen im Fluge herbei!

Wir folgten dem Apis. Wir sind seine Heerde.

Wir glauben an Isis, befruchtet im Ei

Ihrer Mutter vom Bruder, als Hort ewiger Herde:

Oh Isis, Du inbrunstgewaltiger Schrei!

Das Ra Drama

Die Pyramide

»Verwegener was willst Du?

Was peitscht Dich aus der Ruh?!«

Erscholls in meinen Träumen,

Als jähbewußter Schrei.

»Ich kann Dich nimmer zäumen,

Du Lichtbrunst schön und frei.

Ihr Wünsche zu erfahren,

Euch schnellt ein Sonngeheiß,

Die Lust am Faßbarklaren,

Empor zum Bild von Sais!«

Dies hab ich rasch gestammelt,

Als ich Ägyptens Ra,

Vor Tempeln traumverrammelt,

In heiliger Würde sah.

Das Volk war rings versammelt.

Da schien es mir beinah,

Als trügen jene Schaaren

In sich den Urbeweis

Der Kraft des Sonnenwahren

Bis vor das Bild zu Sais.

Dort hockten stumme Beter.

Da drang, nach Art und Weis

Der Krieger, ein Trompeter

Hervor aus einem Kreis

Ekstatisch krampfverdrehter

Erleuchteter von Sais!

Er blies und rief: »Für Väter

Der Gaue schafft ein Gleis,

Ihr andern folgt erst später:

Der erste sei ein Greis!«

Ich aber rief: »Wo geht er?

Daß er um keinen Preis

Vor mir, dem Lichtvertreter,

Den Schleiertand zerreiß?«

Nun hört ich ein Gezeter.

Es heulte das Geschmeiß

Der Weiber, Missethäter,

Besessener zu Sais.

Da lag das Pack in Krämpfen.

Ein Knäul von nacktem Fleisch!

Um Wuth und Brunst zu dampfen,

Schrie Ra durch das Gekreisch;

»Das Heil will Ich erkämpfen:

Verstummt, da ichs erheisch!«

Doch brüllten Weiber, Kinder,

Jetzt stärker und zu Fleiß.

Und Bauern trieben Rinder,

Mit Peitschen, in den Kreis.

Und riefen: »Schmerzverwinder,

Wann hilfst Du uns zu Sais?

Was soll mir Pein und Mühe,

Was Plage, Drangsal, Schweiß,

Zerstampfen Stier und Kühe,

Das eigene Weib, als Geis,

Wenn ich in Fieber glühe,

Am Feld, das junge Reis!«

»Es sollt Ihr armen Bauern,

Versammelt hier zu Sais,

Im Traume nicht erschauern,«

Rief Ra: »Und zum Beweis,

Begründ ich vor Beschauern

Was stets RaArbeit heiß.

Die wird Euch überdauern:

Ihr gebt mir nur den Gneis:

Ein Werk daraus zu mauern,

Wie ich allein es weiß!

Kein Volk wird es betrauern:

Der Welt vermach ich Sais!«

»Wir werden schmähen, keifen,

Bis Du uns nicht erhörst,

Uns fest darauf versteifen,

Daß Du den Alb zerstörst,

Und jammernd Sais umschweifen,

Bis Du den Spuk beschwörst!

Wir schließen einen Reifen,

Und wenn Du Dich empörst,

So wird man sich vergreifen,

Weil Du das Land bethörst.

Versuch nicht zu entkneifen,

Da Du den Strauß verlörst!«

So schrie beim Stadtumstreifen,

Ägyptens Volk vor Sais.

Dies ward ein Johlen, Pfeifen,

Ein wüthendes Gekreisch.

Selbst Kinder sah man kneifen,

Zur Stärkung ihres Schreis.

»Ihr seid zu viele Bauern.

Ich schaff den Priesterstand.

Wenn Träume Euch belauern,

Entschüttelt sie durch Sang

Und gebt mit Felsbehauern,

In einer Riesenwand,

Tief zwischen Felsenmauern,

Dem Schreckgesicht Bestand!«

Dies hatte Ra verkündet!

Wo man sich schlug und wand,

Da war sein Kult begründet,

Im nilgeborenen Land.

Da hat den Glaubensbrand

Wo still der Schlammstuß mündet,

Die Sprache Ras entzündet,

Gott schaffend, gottgesandt!

»Die Widder kommen nächtlich,

Als Spuk in unsern Gau.

Die Zahl ist gar beträchtlich,

Wir sehn sie ganz genau,

Stumm sehn sie und verächtlich

Auf uns, in unserer Au,

Und scheinen unanfechtlich

Bis spät im Morgengrau:

Drum sperr Du sie bedächtlich

Des Nachts in ihr Verhau!«

So rief man: »Ist es rechtlich,

Daß eine große Sau

Mit Ferkeln, mitternächtlich,

In unserm Kürbisbau

Gefräßig und geschlechtlich

Am Dasein sich erbau?«

So mischten mit Emphase

Sich Andere ins Geschwätz:

»Bei uns ist es der Hase,

Der wider das Gesetz,«

Schrie plötzlich eine Blase:

»Uns plagt. Und wie ich schätz,

Frißt er den Kohl im Grase,

Wenn je ich solchen setz!«

»Kein Alb soll Euch entsetzen,

Daß man sich drauf verlaß,

Ich kann ihn grabwärts hetzen!«

Rief Ra begeisterungsblaß;

»Nach seinen Lebensplätzen,

Sucht traumgrau, voller Haß,

Was Ihr mit Axt und Netzen,

Und ohne Unterlaß,

Getrachtet zu verletzen!

Drum zieht nunmehr fürbaß,

Das Thierbild beizusetzen,

Im eigenen Nachtgelaß!«

»Kein Reiher läßt sich fassen,

Wenn ich im Schlaf mich wetz!

Des ganzen Gaues Sassen

Verstricken sich im Netz,

Wo Vögel früh verblassen,

Ob sie das Licht verletz:

Drum sag, wie man Grimassen

Der Nacht sich widersetz?!«

So riefen die Erwerber

Der Landschaft hart am Nil. –

»Und uns umrauscht der Sperber,

Wir tödteten zuviel.

Wir wurden Jagdverderber,

Weils Morden uns gefiel.

Kein Landvolk hauste herber,

Beim grausen Jägerspiel!«

So rief ein starker, derber

Gaustamm mit Aarprofil;

»Jetzt sind wir Rangbewerber,

Mit Hohenpriesterziel:

Sind wir einst Machterwerber,

Bleibt doch der Stand servil!«

Da rief der Kraftverleiher,

Ägyptens Ra: »So seis,

Oh Sperbergau, Du freier,

So komm, ich überweis

Dir Macht und Schutz vom Schleier

Der Gottgewalt zu Sais.

Euch Priester, Prophezeiher,

Euch Wissende umkreis

Der Sperber heiliger Weiher,

Als Sohn des SonnenEis:

Am Mittag aber, sei er

Euch Sinnbild, Hort und Preis!

Ich will, daß man ihn feier,

Verehr und monatweis,

Als Sohn vom Lebensfreier,

Von Ra, der Urkraft, preis!

Ihr Andern kriegt den Reiher,

Und was Euch quält, die Geis.

Die Hasen, Storch und Geier,

Gewährt Euch wechselweis

Mein Gau und Gotteinweiher:

Auch Träger des Geweihs

Bekommt Ihr Bauern, Meier,

Nach Schreck und Zweck zu Sais!«

Nun heulten Männer, Weiber:

»Oh Herr, ein böses Thier

Ist unser Ruhvertreiber!

Doch sind wir alle hier,

Gesellen, Weber, Schreiber

Und flehen fromm zu Dir:

Oh, heile Seelen, Leiber

Vor der Dämonengier!

Wir sind nicht Übertreiber!

Doch glaub, ein Albvampyr

Ist jener Nachtdurchbleiber

In unserm Schlafquartier,

Wir spüren nur den Schrecken,

Wir fühlen einen Druck

Und können uns nicht recken,

So bleischwer wiegt der Spuk.

Ein Sarg will uns bedecken,

Da kann kein Stoß und Ruck

Der Sklaven uns erwecken,

Da ist es, als verschluck

Ein Würgerschlaf, in Sacken,

Den Rumpf, daß er verzuck!«

»Das sind die Todtenlehren!«

Rief Ra gedankenschwer:

»Verstorbene begehren

Die Sonnenwiederkehr.

Sie wollen Euch beschweren:

Begrenzen Euch stets mehr,

Zurück zu sich, zu kehren:

Was langsam im Verkehr

Sich ändern kann, verzehren:

Denn bleibt Ihr wie bisher

Und haltet Ihr in Ehren,

Was heilig ist und hehr,

So könnt Ihr fort Euch wehren:

In ewiger Todeswehr

Wird jung sich das gebären,

Was nie den Stamm versehr,

Dann taucht Ihr in der Rasse,

Als Form, die stets sich gleicht,

Und werdend nur erfasse,

Was ihr die Urform reicht,

Als ewiger Hintersasse,

Empor, wo Gleiches weicht!

Und solche Völkermasse

Erzeugt sich straks und leicht:

Denn, daß Bewehrtes passe,

Bleibt überrall erreicht.

Kein Krieg, geschürt vom Hasse,

Der, bildend, Euch durchschleicht,

Erzwingt sich eine Gasse,

Die Jungformen umdeicht.

So horcht auf Eurer Ahnen

Sichselbsterhaltungsschrei,

Friedförderliches Mahnen

Und Schlafaufwiegelei:

Beschreitet ihre Bahnen,

Macht Euch vom Albdruck frei!

Der Kultus, den wir planen,

Verlängert Eure Reih

Zu Lebenskarawanen

Im Schutz der Wüstenei.

Verbleibt beim Gutgethanen,

Aus Ahnenschwärmerei,

Und steht als Unterthanen

Den RaErstarkern bei!«

So sprach der Gott, da brachte

Ein junger Menschenbund,

In dem der Kult erwachte,

Ein Unthier groß und rund,

Aus einem tiefen Schachte

Vom Fels herab zum Sund.

Beim Tragen überdachte

Sein Rumpf die Männer und

Der Eindruck, den er machte,

War wunderlich und bunt.

Man trug den Unhold sachte

Und gab den Leuten kund,

Dies sei ein Gott und schmachte

Nach Kult am Erdenrund.

Man rief, er übernachte,

Verschrumpft am Grottengrund,

Und wenn auch todt, so trachte

Der hohle, heilige Fund,

Daß ihn der Mensch betrachte!

Trotz Bauch und Leberschwund,

Empfehl es sich, man schlachte,

Für den bezahnten Schlund,

Ein Opferthier und achte

Auf seinen Rumpfbefund.

Und wo man dies erdachte,

Ward man zur Stund gesund!

»Ach Ra, aus Schreckensnächten,

Vom Zorn des Albgottskloß,

Mach uns mit regelrechten

Beschwörungsformeln los.

Bestimm, uns selbst zu knechten,

Wir wünschen den Verstoß

Und wollen nimmer rechten,

Denn unsere Not ist groß!

So hilf den Spuk zu ächten:

Gar schrecklich ist das Los,

Gewürgt von Werggeflechten,

Erstarrt und athemlos,

Verklemmt in Todesschächten,

Zu sinken in den Schooß

Von feindlichschlechten Mächten:

Die Freiheit gieb uns blos!«

So schrien bejammernswerthe

Gepeinigte nach Frohn.

Und Ra, der Gott, bescheerte

Ägypten seinen Thron.

Dem Volk zu Sais erklärte

Er kühn die Sonnvision:

»Das, was ich Euch gewährte,

Wird jetzt zur Religion.

Es sehn die Priester schon,

Daß sich zum Guten kehrte,

Was Euch, zu Spott und Hohn,

Als Alb, den Schlaf verwehrte;

Drum lebe jetzt und wohn,

Wer lang die Rast entbehrte,

In Glück daheim, zum Lohn:

Und Priester und Gelehrte

Bewachen die Nation!

Ihr müßt Euch gleich erhalten!

Drum schafft ein Glaubensbild

Des gutbewährten Alten.

Und Inbrunst kühn und wild,

Laßt rings im Stein erkalten.

Was jung und frisch entquillt,

Mag Eure Kunst gestalten.

Doch was am meisten gilt:

Euch selbst müßt Ihr verwalten,

Wie Ra Euch einst gedrillt!

Dies wird den Kult entfalten,

Und durch ein Lichtgebild,

Bleibt Ihr dann ungespalten:

Der Wechseltrieb gestillt!«

Da war es, als entstamme

Urplötzlich Ra das Land.

Im aufgebrachten Stamme

Geschah nun allerhand.

Da schrie man: »Ra, verdamme,

Was Dir als fremd bekannt,

Und schütz mit festem Damme,

Nur was uns eng verwandt;

Erzwing durch unduldsame

Verbote den Bestand!«

»Ich laß vom Bräutigame,«

Schrie plötzlich brunstentbrannt

Ein Mädchen. »Zieh als Amme

Zum Kalb, das Ra gesandt!«

Befahl dem Weib ein Gatte,

Der eben sich entmannt.

»Oh Vater mein, gestatte!«

Rief jemand überspannt;

»Daß ich Dich neu bestatte,

Der Du in Nacht gebannt!

Ich heb die Felsenplatte,

Vom Grab mit eigener Hand;

Was ich am liebsten hatte,

Das sei Dir zugewandt.

Nun ruh auf anderer Matte,

Da nimm auch mein Gewand!«

Dann war es, als ermatte

Der Grabgestikulant.

Nun wurden lange Züge

Einander stumm gewahr.

Die brachten Eimer, Krüge

Und was ihr Hof gebar,

Den Fruchtpreis ihrer Pflüge,

Spontan zum RaAltar!

Man dachte, es genüge,

Bringt jeder Opfer dar,

Daß sich ein Staatsgefüge

Fest aufbau und bewahr.

Doch änderten die Züge

Der opferwilligen Schaar

Sich rasch, als Ra, zur Rüge,

Nun aufschrie: »Die Gefahr,

Die Gauen droht und Glauben,

Ist stets der Seelengeiz!

Wohl haben Lämmer, Tauben

Für Priester Werth und Reiz,

Doch nie werd ich erlauben,

Daß sich ein Reicher spreiz,

Weil er von üppigen Lauben

Am Felde, allerseits,

Die beste Frucht kann klauben!

Zur Linderung Eures Leids,

Müßt Ihr Euch schwer berauben:

Beim Schwören eines Eids

An Alle, die verstauben,

Wird nur des Ahnenneids

Plagkraft und Wucht verschnauben.

Drum nehmt das Liebste! Weihts

Für ewig Euren Todten,

So lang Ihr lebt und leibt!

Auch Euch wirds einst geboten,

Wenn Ihr Euch jetzt verschreibt

Und thut, was ich geboten!

Der Sohn, der hinterbleibt,

Erhalt Euch mit devoten

Gefühlen wohlbeleibt,

Und frag bei Todtenboten,

Ob Ihrs, wie einstens, treibt!

Im Dasein sich verknoten

Vermag, wer sich beweibt.

Doch das ist ganz verschieden,

So wie es Könige gilt

Mit Freuden, wie hienieden,

Im Westlichen Gefild,

Für ewig zu umfrieden!

Denn Könige sind gewillt

Von allen Unterschieden

Der Stände sich ein Bild

In loser Form zu schmieden:

Drum bergt, was ungestillt

Verloht, in Pyramiden!

Auf Sorgen flüchtig wild,

Legt einen todtsoliden

Sargdeckel, wie ein Schild.«

Da schleppte man die Blöcke

Ekstatisch hin zu Ra.

Auch waren Opferstöcke,

Von überall schon da.

Geschrei und Bocksgeblöcke

Verriethen was geschah.

Die Obern schwangen Stöcke

Und tödteten beinah;

Doch band man sich an Pflöcke

Ganz willig und man sah,

Wie Menschen Kühe, Böcke

Umtanzten, mit Hurrah!

»Laßt Urerfüllungszacken

Als Wunderbau entstehn!

Die schwanken, scharfen Hacken

Der Bilder, die verwehn,

Ergreifen sich und packen

Euch stets beim Untergehn.

Jetzt tragen sie als Nacken

Von Männern, die da flehn:

Kein Albgott soll sie zwacken:

Sie thürmen und zergehn.

Ihr Sein ist Ziegelpacken,

Befehlen und verstehn,

Verunglücken, beim Backen,

Vor Schmerz, das Aug verdrehn!«

Rief Ra: »Fürwahr, das Große

Ist nötig, schon gethan.

Nun lohts vom Erdenschooße,

Empor als Menschenwahn.

Der Schmerz vom wuchtigen Stoße,

Gab Schürung dem Orkan:

Daß man sich schlag, erbose,

Gehört zum Brunstvulkan!

Doch bleibt vom Tagalbkloße

Nichts übrig als ein Zahn.

Beim Aufbau schon Ruine,

Durchweht vom Todeshauch,

Entsteh das Grab und diene,

Beim Werden, als Verbrauch

Des Seins und als Maschine,

Die Sonnwucht knapp verpfauch!

Doch Bauer und Beduine,

Im Bann vom neuen Brauch,

Der Menschen Stromlawine,

Die sich ums Zweckmal stauch,

Das Weib mit Schreckensmiene,

Mit aufgeschlitztem Bauch,

Das gläubig zu empfangen,

Sich wild der Frucht entleert,

Und voller Brunstverlangen,

Die Ahnen, die es ehrt,

Die längst schon heimgegangen,

Als Kinder nur begehrt,

Das sind die Schicksalszangen,

Die ewig unversehrt,

Aus dumpfem Zukunftsbangen,

Urmächtig, unverwehrt,

Scharf ineinander hangen!

In diesem Fall verzehrt

Der Raffzahn der Erfüllung

Sich spurlos nicht und läßt

Des Nöthigen Leibumhüllung

Als Felseck scharf und fest.

Und tiefster Krafwerknüllung

Stumpfwunderlicher Rest

Erstarrt in Stein auf Erden!«

Der Pöbel schien mir Gleis

Und Pläne zu gefährden,

Da blickt ich sehnsuchtsheiß,

Empor aus diesen Heerden.

Inmitten des Geschreis

Stand Ra, mit Kraftgeberden.

Sein Mantel, schwer und weiß,

Konnt nimmer blutig werden

Und zu mir sprach er leis:

»Nach Trübsal und Beschwerden

Berausch Dich nun zu Sais!«

Ach, Fata Morgana der Sagensahara,

Erhabener Abglanz des alten Ägypten,

Ich las Deine Texte von Wandmanuskripten,

Ich wagte und schwankte; da kamen und kippten

Die Tempel, mit Inschriften, um. Und all das da sah Ra!

Da stand Er auf endlosen, schwebenden Treppen.

Ich kniete auf Stufen, am untersten Rand,

Und fühlte des Baues erstarrten Bestand:

Da wollt ich mich lichtwärts zum Taggotte schleppen.

Es warf noch sein Leib einen menschlichen Schatten,

Der fiel über Treppen, als Teppich, herab.

Ich stammelte lange, und bat ihn dann knapp,

Er möge mir Eintritt und Einsicht gestatten.

Dann kam ich zum Schatten. Ich faßte den Saum.

Denn dieser war wirklich, die Treppe ein Traum!

Ra blickte nach Westen und streckte den Arm

Zur Sonne hinüber, die aufwärts gewuchtet.

Der Tag war entstammt und das Dunkel verschluchtet.

Sein Auge ganz klar und sein Athem so warm.

Und Ra starrte schweigsam dem Taggott entgegen,

Der war uns im goldenen Karren genaht:

Kein Wind schien durch Ärmel und Falten zu fegen,

Und dennoch verwehte und schwand sein Ornat;

Auch brauchte kein Wollen den RaArm zu regen,

Nackt ragte er sonnwärts, als Warnung und That!

Da packten gar grimmige Riesen den Wagen,

Der Horus von Osten herüber getragen.

Sie ballten und krallten sich fest an die Räder.

Sie sprühten und glühten und bebten aus Wuth.

Es barst fast ihr rachsuchtentflammtes Geäder,

Da nirgends der Himmel Gewitter entlud!

Nun zogen auch wirklich die gierigen Hände

Der feindlichen Mächte den Wagen hernieder.

Nun wars, als ob alles im Brande verschwände.

Es fanden der Rosse geschmeidige Glieder,

Sammt Speichen und Deichsel und Karre, ihr Ende.

Da öffnete Horus, der Lichtgott, behende

Das flimmernde, herrliche Tagesgefieder!

Zum blauenden Saume verzitterte Iris.

Es trugen des Sonnenballs machtvolle Spannen,

Zerflitternd den leuchtenden RaSohn Osiris,

Aus stammendem Karren der Ankunft, von bannen!

Von Eindrücken, die mich so innerlich packten,

Hat wohl mein Bewußtsein nur einige erhascht.

Wo war ich? In grabpyramidenumzackten

Gefilden des Delta, mit Staub überascht?

Hat Fließen und Branden von Nilkatarakten,

Vielleicht meinen Halbtraum gar stark überrascht!

Ein riesiger Kessel umschloß mich im Kreise.

Auch stand ich so hoch, daß ich Gleise und Reise

Des Stomes in weitester Ferne gewahrte.

Ich sah, wie der Nil sich im Süden zertheilte,

Durch Schluchten schnell eilte, im Sande verweilte,

Sich einte und trennte und abermals paarte.

Doch gab es kein Ende, als glühenden Sand,

Und näher beinah, eine flammende Wand,

Und rückwärts vielleicht einen anderen Brand!

Der Nilstrom schien langsam herunter zu fließen.

Er schlich durch die Wüste in breiter Verschlingung,

Um rasch unter mir dann vorüber zu schießen.

Dies war, wie ein Anlauf zur Aufstiegserzwingung,

Um mühsam den Schlamm in die Höhe zu wälzen

Und endlich empor auf den Abhang zu kommen.

Gar prächtige Vögel auf riesigen Stelzen,

Umzogen den Strom, der die Nordwand erklommen,

Dann schienen sich Haine und Licht zu verschmelzen!

Dies war wohl ein Trug, der am Himmel erglommen?

Oft schien er so deutlich, oft goldrauschverschwommen!

Nun konnt ich den Blick schon zur Sonne erheben,

Zwar tiefer als wir, steht sie nirgends und nimmer,

(Die Warte sei hoch oder meerspiegeleben,)

Doch scheint sie des Morgens der See zu entschweben;

Versinkt sie des Abends im fluthenden Schimmer,

So stehn wir so hoch wie die Pupurgluthbrandung,

In der sie im eigenen Lichtsturm zerprallt,

Denn nur was uns scheint, trägt der Logik Gewandung

Und giebt unserer Urvernunft dauernden Halt!

Ihr Gräberkollosse, symmetrisch und protzig,

Erstarrte Symbole unbändiger Stumpfheit,

Ihr macht mich rebellisch, verwegen und trotzig!

Nur anspruchsvoll, ausspruchslos, dumm fast und klotzig,

Verwahrt Ihr die Mumien in modriger Dumpfheit;

Ihr sagt zwar, daß Völker gar lang, als Barbaren,

Des Stammlandes Wesensart halten und wahren,

Und wenn innere Gluthen den Wechsel entfachen

Und Horden als fahndende Menschen erwachen,

So wuchte die Starrform gespensterhaft nach

Und baue sich Fetisch und Ahnengemach.

Doch ist, was nur ruhn will, verrucht und verflucht.

Die Scholle soll geben. Die Erde muß spenden.

Und wer sie begehrlich, mit Lust, untersucht,

Den will sie mit Schätzen verwirren, verblenden,

Dem wird sie auf Wänden mit Schattenlegenden,

Die Bahnen bedeuten, das Werk zu vollenden,

Um Furcht, von sich selbst und der Menschheit zu wenden!

Sie schenkt und versagt ihren weiblichen Reiz:

Vergiebt uns die Habsucht, doch nimmer den Geiz:

Mir selber verzeiht sie und liebt mich bereits!

Ihr Seelenkrampfkrystalle, todte Pyramiden,

Alte Stillstandsmale, starre Dauertrümpfe,

Wie ist die Menschheit doch von Euch verschieden!

Ich hasse Euch, Ihr starren Urwuchtstümpfe!

Verachtung zoll Euch, Ihr gewaltsstupiden

Albhorte, jetzt die Plebs der Sudelsümpfe:

Ich will, daß gegen Euch, nach Störenfrieden,

Die Nasen störrisch selbst der Rudel rümpfe.

Wer sind die Gäuche, die ich rings vermuthe,

Die gräßlich nun entstehn, daß ich erbleiche?

Vampyrenbrut, Du trinkst von meinem Blute!

So weiche doch, noch bin ich keine Leiche,

Kaum ahnst Du selber Dich eine Minute,

Und schon ists, als ob Dich Lust durchschleiche:

Schon regt sich, was soeben scheinlos ruhte.

Welch neuer Alb erscheint im Mumienreiche!

Es ist, als ob mir Furcht und Muth entfluthe,

Und ringsum Rümpfe zum Gefühl erweiche.

Ach, wie entstehn doch alle Weltenwesen:

Was ist Bewußtsein, was Geschlecht, Verstand,

Was Sitte, Leib und Seelenantithesen,

Wie geht, was sich bekämpft, stets Hand in Hand!

Wie könnten wir von Spuk und Furcht genesen!

Du Sonne, brich der Starrheit Widerstand!

Wozu, mein Ra, hast Du mich auserlesen,

Was wollt Ihr Bestien wuth und brunstentbrannt?

Soeben seid Ihr nichts als Alb gewesen

Und schon erscheint Ihr meinem Sein verwandt!

Die Hälse reckt Ihr überlang vom Rumpfe,

Auch zwangt aus einigen sich bereits ein Kopf.

Dort ists, als ob ein Löwenleib verschrumpfe,

Und seine Mahne flechtet sich zum Zopf.

Zu Klumpen scheinen Stuten zu verstumpfen,

Doch wächst ihnen dafür ein Menschenschopf.

Nach Leben sehnt sich aber wirklich alles:

Die Ruhwucht, Urbrunst des Uräußerrings

Vereint sich selbst, bei des Ellypsenfalles

Vernunftgeburt, und zeugt sich neuerdings,

Beim Umlauf, kraft des Aufwärtspralles

Und der Beweglichkeit des tiefsten Dings,

Und starrt als Schwerpunkt unseres Dogmenwalles!

Und wie im Zauberbanne eines Winks,

Versteinerte nun jedes Thier zur Sphinx

Und reihte sich um mich: und rechts und links

Erblickte ich priapisch steile Obeliske.

Da wars vom Weiberhaltenden, als drings

In weiche Leiber, als fixierten Basiliske

Das Strakserstarrende, zur männlichgeraden Sphinx!

Und taufende von RaOsiris Sonnendisken,

Im Vollbesitze ihres Irislichtgeblinks,

Umschwirrten Purpursphinxe weiter Tempelzonen,

Wie Lichtgedanken zwischen Gluth und Blutvisionen.

Es mußte Ra in solchen Tempelhallen thronen,

Damit sein Ruhbewußtsein sich für uns bewahre,

Und RaGedanken, lauter unsichtbare Aare,

Umkreisten mich im Flügeltakte von Äonen!

Ein Albdruckgebirge, menschmächtig und nächtlich,

Entwuchs nun der Erde und scharrte mich ein.

Sein Sphinxblick nach innen durchdrang mich verächtlich,

Und rings das Gekröse erstarrte zu Stein.

Da schlug meine Seele, ein ängstlicher Vogel,

Ihr weißes Gefieder. Dann schwand mir das Licht.

Die Sphinx ward zum Berge. Ihr Kopfknauf ein Kogel.

Ihr Rumpf wohl ein Thierleib: ein Gott ihr Gesicht.

Und endlich erwacht ich aus Enge und Graun.

Und schlotternde Schatten, verschwommen und braun,

Gestatteten gelbes Gerank zu erschaun.

Gestalten verschwanden und trennten sich, wippten

Wie einst ich sie sah, nun in schweflichem Glanz.

Da rief eine Stimme: »Erwach in Ägypten!

Germane, verträume das Träumen beim Tanz!

Verschling, die vom Nektar der Traumgötter nippten,

Und stehe dann fest und gehöre uns ganz!«

Waren dies die Spinxfelsfibern,

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Die da schwollen und erstarrten?

Wars ein Ruck von Weltverschiebern,

Die noch tief in Grotten harrten?

Oder kam ich selbst ins Fiebern,

Als um mich die Berge knarrten!

Welch Gezücht von Ottern, Biedern

Quietschte in den Felsenscharten,

Als aus Höllenschluchtkalibern

Grufteinbrüche sie verscharrten.

Bache sträubten sich und zischten,

Auf und nieder durch Kulissen.

Wo sich Fels und Wasser mischten,

Ward der Strudel fortgerissen.

Eulen, die mit Hast entwischten,

Prallten auf an Hindernissen;

Und ich sah die mörderischten

Szenen jetzt ins Schattenrissen.

Riesengroße Schlangen fischten,

Aufgereckt, nach Leichenbissen!

Aufwärts langten sie nach Beute.

Senkrecht standen sie im Kessel.

Und ich wußte: dies bedeute,

Daß, was todt schien, sich entfessel:

Und bald peitscht die Albspukmeute

Uns mit Dorngerank und Nessel!

Mumien sehn ein neues Heute.

Tod sitz fest auf Deinem Sessel,

Denn, was Deine Hand zerstreute,

Bricht die Raum und Zeitmaaßfessel!

Und als Schlangenhälse barsten,

Da entkrochen Lurchenkröpfen

Nestbesätze mit bizarrsten

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Schwulstentschlüpften Doppelköpfen,

Und die allersonderbarsten

Vögel, mit Gesicht und Zöpfen,

Flogen aus den todtenstarrsten

Mumien auf und Urnentöpfen.

Schlünde sah ich rasch verkarsten

Und im Nu ihr Schreckbild schöpfen.

Felsen zeigten, daß sie leben,

Daß die todtgeglaubten Steine,

Ewig wechselnd, sich erheben.

Katzenklumpen, Riesenschweine

Schienen fast im Sprung zu schweben.

Und im letzten Wonnehaine,

Trat ein Stier auf heilige Reben.

Rosse schleppten Menschenbeine,

Und von Dreck und Aas umgeben,

Schnaubten Hunde Feuerscheine.

Plötzlich klaffte eine Spalte,

Und des Tages gelbe Grelle,

Die ins dunkle Wirrsal prallte,

Bannte uns an Ort und Stelle.

Nur ein Mannestorso ballte

Sich empor mit Riesenschnelle:

In ihm staute und verkrallte

Sich die letzte Lebenswelle,

Und der Glast, der einwärts wallte,

Glich da einem Löwenfelle.

Ja, es krümmten sich und zuckten

Rumpfgestalt und Muskelbänder,

Denn sie alle würgten, schluckten

Unthierspuk und Leichenschänder.

Keine Kopfknaufschwülste guckten

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Wuchernd über Halsstumpfränder,

Denn die Brut von Spukprodukten,

Lang verheerter Unglücksländer,

Schrumpfte ein, und manche duckten

Selber sich im Zweckvollender.

Berge wurden Muskelgruppen.

Rückgratfurchen Gießbachsschachte!

Achselhöhlen Grottenkuppen:

Jedes Ungeheuer brachte

Abfallschnitzel, Wesenschnuppen

Unter, als ihr Herr erwachte.

Knorpeln, Muskeln, Fleisch entpuppten

Stets was ihr Entstehn entfachte.

Drachen, Lurche, Urbrunsttruppen

Wurden, daß ein Arm sie schlachte!

Rings auf albbefreite Länder

Schien der Mittag heiter nieder,

Wolkenberge, Inselränder

Gaben klar die Wollust wieder,

Die das Meer, der Liebesspender,

Aus dem Irisflittermieder,

Rings durch Schleier, durch Gewänder

Und mit Lust und Luftgefieder,

Wallen läßt, als Freudensender!

Und um schroffe Inselglieder

Wand sich eine Strandguirlande,

Und die See, die weiblichweiche,

Spielte mit dem feinen Sande.

Sie, die trug und schimmerreiche,

Schwellte Flittergold zum Strande:

Und da warfen Klippen, Teiche,

Scheine, Splittergold, zum Pfande

[Rand: Der klassische Todtentanz]

See zurück, fürs Gleiche;

Und so suchte, im Verbande,

Jedes, daß es Lust erschleiche!

Aus den Räthselbuchten fuhren

Windgetragene Seegelboote,

Und auf ihren goldenen Spuren

Sah ich, wie die Schönheit lohte.

Volle junge Kraftnaturen

Folgten da dem Lichtgebote,

Fernen, fremden Kreaturen

Nichts zu sein als Liebesbote:

Und ich wünschte, fern auf Fluren,

Glück dem Schönheitsaufgebote!

Rings um Brunnen, klare Quellen,

Wuschen Königskinder Linnen:

Solches Mädchenspiel mit Wellen

Wollte Venus einst ersinnen,

Daß der Busen holdes Schwellen,

Vor der Mädchen Prüfersinnen,

Sich dort spiegeln und erhellen

Müßte, stündlich, vor dem Minnen:

Pracht zur Strahllust zu gesellen,

Ist der Venus Urbeginnen!

Aller Herrlichkeit Vollendung

Sah mein Aug, im Abendglanze

Vor sich stehn, als reife Sendung.

Nackt, mit einem Myrthenkranze,

Ward ein Weib, mit keuscher Wendung

Ihrer Hüften jetzt der ganze

Inbegriff von Schönheitsspendung!

Ach, in einem Todtentanze,

Traf mich plötzlich volle Blendung:

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Helena stand auf der Schanze

Priamus, und Troja brannte!

Und ich sah, wie sich begehrlich

Heldensinn zu Fernen wandte!

Völker schienen unversehrlich,

Als die Not sie westwärts sandte.

War die Fahrt auch grundgefährlich,

Kam man doch um Riff und Kante.

Fehlte auch was unentbehrlich,

Wenn kein Wind die Segel spannte,

Blieb doch Raubsucht unverzehrlich!

Grüne, schmale Länderstrecken,

Zwischen gelben Horizonten,

Silberranken, Städte, Flecken,

Felsenlehnen, die sich sonnten,

Kollossale Gräberrecken,

Ewig stumme Gruftremonten,

Tempel zu Begräbnißzwecken,

Schrecklich starre Festungsfronten,

Sah ich rings das Feld bedecken,

Das mir Träume geben konnten.

Aller Vögel Zufluchtstätte,

Anhalt meiner Trostgedanken,

Reich der Todten, stau und rette,

Was Du kannst, in schattenschwanken

Wunschphantomen: ach verkette

In den blassen Traumesranken,

Jetzt im stummen Spukballette,

Aller jener, die versanken,

Die, die ich so gerne hatte:

Ach, vermöcht ichs, Dir zu danken!

Helden wohl nach dem Gebahren,

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Mann und Weib in Brunst verschlungen,

Konnt ich nun genau gewahren.

Just ist Lust ins Weib gedrungen.

Er, bedeckt von ihren Haaren,

Schwand beinah vom Weib bezwungen:

Manneswucht zu offenbaren,

Ist er keuchend aufgesprungen.

Sie ist mit emporgefahren:

Keinem ist der Sieg gelungen.

Tief verschmolzen, brunstbeklommen,

Konnte niemand matt entschleichen,

Zu einander zuckten, klommen,

Beide wonneschauergleichen

Leiber, deren Lust erglommen.

Wieder hat sie seine reichen

Lebenskräfte aufgenommen,

Doch nun mußte sie erbleichen,

Plötzlich war sie weißverschwommen,

Und ihr Fleisch schien zu erweichen.

Und sie hockten alle beide

So verkrümmt, aus Brunstverlangen,

Daß die Blicke, voll vom Leide

Ihrer Lust, mich wild bezwangen.

War ich beider Augenweide?

Galt mein Schmerz und Schauderbangen

Als der Ausdruck nur vom Neide,

Weil sich Schemen hold umschlangen?

Hell erblitzte ihr Geschmeide,

Ihre Augen, ihre Spangen,

Denn nun war sie weiß wie Kreide.

Wieder hat ihr Leib empfangen.

Dennoch wars, als ob er leide:

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Sprühend waren seine Wangen,

Unerschöpft die Eingeweide:

Sie doch blieb, von ihm umfangen,

Ein Skelett im Schleierkleide,

Ihre letzten Gluthen drangen,

Wie durch leichte, bleiche Seide.

Augen und Rubinenschlangen,

Glühten jetzt so schauertrunken:

Alles was ich um mich sah,

Schien ein Streit von Wollustfunken,

Ach, und ich erkannte da

Jener Augen Glühn und Prunken:

Meiner Todten war ich nah!

Wie, sie winkte halbversunken?

Gräßlich war nun was geschah:

Schon zersetzten dunkle Tunken

Antonius und Kleopatra!

Wie bist Du furchtbar hingeschwunden,

Geliebte mein, Geliebte mein,

Wie konntest Du mich so verwunden,

War Deine Seele niemals rein?

Nein, nein, sich so verrucht bekunden:

Der Frevel geht mir nimmer ein!

Als Buhlin jenem dort verbunden,

Soll dies ein Neugierantrieb sein,

Daß ich in grausen Marterstunden

Dich nun verfolg mit Graun und Pein!

Ist dies die Feindschaft der Geschlechter,

Der ewige Amazonenkrieg!

Schon seh ich Männerschaaren, Fechter,

Mit ewigvorbestimmtem Sieg.

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Dort ists, als ob ein Troß bezechter

Mänaden sich durchs Dunkel schmieg:

Und schon durchzuckt mich Brunstgelächter,

Das lang in meiner Seele schwieg.

Auch scheint mir gar nichts folgerechter

Als, daß schon Eins beim Andern lieg.

Nun will das Weib den Mann bezwingen.

Wie es bestrickend ihn umnetzt!

Er muß die Weiblichkeit durchdringen.

Ach, wie der Mann die Beute hetzt!

Nein, beide wollen sich verschlingen!

Der Haß wird langsam abgewetzt.

Der Friede will auch hier gelingen:

Es ist im Urlauf festgesetzt,

Daß Ruheformen jung entspringen,

Wo irgendwas das Maaß verletzt.

Die Schatten seh ich rings verschwinden.

Nun taucht ein Jüngling strahlend auf.

Mein Auge scheint fast zu erblinden,

Als ob es Goldgeflock betrauf.

Wie Knospen langsam sich entrinden,

Entschwellt nun Anmuth jedem Knauf

Der Sehnen, die sich herb verbinden,

Und endlos ist ihr Fleischverlauf.

Des Jüngling Namen will ich finden,

Ich denke nach, wie ich ihn tauf:

Antinous, nicht Bacchus heißt er

Und wird als Ziel emporgeschnellt.

Als Frucht entschwundener, entgleister

Gestalten, die er rings zerschellt,

Ist er versuchsgeburtumkreister

Endzweck, der sich ins Menschthum stellt!

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Wird ein Geschlecht sein hehrer Meister?

Erscheint die Zeit, da er verfallt,

Und andre junge SonnenGeister

Befruchten was sein Maaß erhält?

Leibhaftig sah ich ihn soeben!

Die Einsicht hat ihn mir erhellt:

Weltkräfte, die uns Knorpeln geben,

Die Weiblichkeit, die Busen schwellt,

Die haben sich als Formbestreben,

Zusammen hier als Leib gesellt.

Von Milch der Weichlichkeit umgeben,

Von Mädchenanmuth zart umwellt,

Seh ich den Jüngling keusch erbeben:

Um den Epheben ringt die Welt.

Tod, Du menschlicher Gedanke,

Sag, wann wirst Du ausgewischt?

Was nicht harren kann, das Kranke,

Wann wirds plastisch aufgefrischt?

Werden uns nach wildem Zanke,

Wenn die Rachsucht einst verzischt,

Feste Bissen mit dem Tranke

Seliger Räusche aufgetischt!

Noch erzwingt sich keine Schranke,

Bis der Aufruhr nicht erlischt!

Hier in diesem Herd der Gährung,

Seh ich alles wild vermengt:

Sklaven, ohne Rast und Zehrung,

Werden rasch zurückgedrängt.

Wer nichts suchte als Belehrung

Wurde nutzlos angestrengt.

Wünschte jemand gar Bekehrung,

Weil ihn Todesfurcht bedrängt,

[Rand: Der klassische Todtentanz]

Hat er Urtheil, Gott, Entbehrung

Selber über sich verhängt!

Zwischen rundverzweigten Schienen

Ist der Tod ein Sektorschnitt,

Durchgefurcht durch Brunstlawinen,

Voll bewegtem Lebenskitt.

Hier kann nur Erfahrung dienen.

Sonst hält der Verstand nicht Schritt!

Unter Fratzen, wilden Mienen,

Geht der Tod mit Würde mit,

Doch er ist als Bild erschienen,

Platon ists, der ihn vertritt!

Unfügbar ins Wechselganze

Bleibt das feste Ideal,

Drum gehts auch im Todtentanze

Weiter ein für allemal.

Tod, zu unserm Lebensglanze,

Bist Du selbst der tiefste Strahl:

Larven auch, zum Mummenschanze,

Schenkst Du uns, zur eigenen Wahl:

Gott und Mensch und Thier und Pflanze

Streben aus der Scheidungsqual!

Aus dem Schäumen des Gesagten und den Rhythmen, die mich trugen,

Aus den Wogen des Gewagten, die mich leidenschaftlich schlugen.

Zog mich Halberschöpften plötzlich Ra empor, mit starkem Arm:

»Fühl Dich fest und ursprungssicher, dieses Land ist lebenswarm!

Kannst Du völlig uns begreifen, schwindet bald Dein wilder Harm.

Lös Dich los von jenem schwanken, rast und zweckelosem Schwarm:

Gierig sind die Schemen alle, aber schrecklich beutearm.

Komm, mein Sonnenkind, und walle tiefberuhigt durch die Halle,

Fürchte nichts vom Widerhalle, folge mir: vor jedem Falle,

Wahrt Dich meine Götternähe!« Also ward zu mir gesprochen

Und ich fühlte dann: ich stehe wirklich fest mit Fleisch und Knochen.

Endlich wußt ich auch: ich sehe, denn der Tag war angebrochen,

Und es hatten Nacht und Wehe tief in Winkeln sich verkrochen.

Und ich flehte: »Nun vergehe, meines Herzens graues Pochen!«

»Sieh die große Tempelhalle mit den hehren Königsbildern,

Keine Zunge ist im Stande ihre Herrlichkeit zu schildern,

Kein Gedanke, keine Sehnsucht ihren Schreckensernst zu mildern,

Faß Dich drum, Du wirst erfahren was gestaltbelebend wirkt:

Freue Dich, Du wirst gewahren, daß kein Räthsel sich verbirgt.

Höre rasch auf mein Geheiß: hier im Heiligsten zu Sais,

Dreh Dich rings herum im Kreis, nirgends steht ein Gottbeweis.

Jenes Bild ist eine Sage: Antwort giebt auf jede Frage,

Hilfe doch bei keiner Klage, das Bewußtsein das ich trage!«

Also ward ich angeredet, dann gab Ra mir die Erklärung:

»Den Urkern aller Selbstverzehrung,

Den Quellgrund eigener Lichtgewährnng,

Den Weltzwang unserer Lebensnährung,

Die kennst Du, durch Dein Grüblen, alle längst,

So daß Du mich durch Einsicht vorwärts drängst.

Nur was dem Geiste nach ägyptisch,

Doch für das Volk hier unerfaßbar,

Daß aller Urgrund ruheleptisch,

Dies sag ich Dir nun leiblos, haßbaar.

Der Laut durchbraust uns als der Hellste,

Wo er am zartesten entschwellt:

Das Licht erscheint uns als das Grellste,

Wo es verzitternd fast sich wellt:

Denn mächtiger, als ihr Ruhestreben,

Hat da ihr Ursprung sich entschnellt:

Verschlängelt muß sich drum erheben,

Was ruheflüchtig sich erhält!

Der Mensch, durch Sonnenzwang erhoben,

Verkrümmt sich bald zur Niederkehr,

Doch da ihn Gluthen wild durchtoben,

So streift und streckt er sich noch mehr.

Der Affe ist einst aufgeschossen,

Nach Andern hast Dus selbst erschaut,

Bis spät in seinen graden Sprossen

Sich Erdwucht üppig angestaunt.

Ein Neugeschlecht ist vorgeschritten.

Sein Lichtgang, erdbewußt und fest,

Hat mit dem Lichttrieb hold gestritten,

Der sich ein Seelchen fast entpreßt.

Das Faulthier, das herabgefallen,

Erstrebte den Elypsenschluß,

Doch sonnwärts muß Belebtes wallen,

Drum war das auch kein Dauerguß.

Nun will der Mensch sich frei erheben

Und schwingt sich kühn der Seele nach,

Wenn beide sich einst jung verweben,

Schwebt vor, was sich die Flügel brach.

So schlängelt Ihr Euch hin zum Lichte.

Verkrümmt bleibt drum der Höhenlauf.

Durch stille Kult und Selbstverzichte

Gebt Ihr das Überwundene auf.

Der Sphynxe kühnes Haupterheben

Entsteht elyptischschön im Leib

Und zeigt wie Formen sich beleben:

Aus Drang zum Licht, wie zum Verbleib!

Zum Manne klimmt die Weibesseele

Und sträubt sich vor dem Leibverein,

Es scheint, daß sie der Antrieb quäle:

Sie bildet sich zu gerne ein!

Doch habt Ihr sie einst fortgerissen,

So giebt sie Scham und Glauben auf,

Wird gerne Lustversprechen missen

Und willigt in den Daseinskauf.

Man kanns im Kleinen schon erleben,

Du selbst bist da kein Sonderling,

Du scheinst zu stark am Weib zu kleben,

Als daß Dein Geist sein Werk vollbring.

Zwar ist die Schwäche stark geschwunden,

Du hast Dich Todten nachgeschnellt,

Du hast sie, ehrlich, nicht gefunden,

Doch Du entdecktest diese Welt.

So laß denn gehn, was langst zersplittert,

Doch nimmer mehr vor Dir erscheint:

Du hast als Bock herumgewittert,

Doch war der Anlauf gut gemeint.

Die Todte müßtest Du vergessen.

Sie war zu nichtig und zu klein

Für Dich, der sich so hoch vermessen!«

Da aber fiel ich plötzlich ein:

»Du Ra, bist wahrlich unermeßlich,

Grad ragt Dein Geist zur Sonne auf,

Doch etwas bleibt mir fremd und gräßlich,

Daß Wehmuth nie Dein Herz betrauf,

Du bist fürs Weib ganz unberührbar,

Uranisch bist Du, nichts als Mann!

Der Lichtweg ist in Dir durchführbar,

Und geistig wirkt, was dumpf begann,

Doch sag, wo ist das Weib geblieben,

Denn ihre Fährten such ich nun.

Du sprachst, die mußten sich verschieben.

Nein, nein, wo ist der Todten Spur,

Wo ist, was sich beinah vom Leibe

Der MannElypse einst getrennt?

Du sagst, wir sind nicht weit vom Weibe,

Ich glaub, man hats, wo man es nennt!«

»Fürwahr, Du bist nicht leicht zu bessern,

So stürm Ihr nach, wenn Dus vermagst,

Wenn Du in blassen Sumpfgewässern

Die Taube ohne Pfeil erjagst.

Doch hehrer wärs, beim dumpfen Waten,

Wo Du nichts Flügges haschen kannst,

Du läßt den Seelenwurf gerathen,

Indem Du Dich zum Flug ermannst!

In Geistelypsen aufzuspüren,

Ist schrecklich schwer, doch wonnehell:

Es giebt das grellste Lusterglühen,

Erfahrs aus Deinem Strahlenquell!«

So hatte Ra zu mir gesprochen,

Und wieder stammte jedes Wort:

»Es schlängelt, ewig ungebrochen,

Das Leben sich zur Sonne fort.

Es sucht im Grund die runde Ruhe,

Doch lichtwärts führts sein Sonnenzwang.

Daß sich das Muß nicht schlaff verthue,

Sorgt stets der Sonnenmutterstrang,

Denn nie verrunzeln Nachtplaneten,

Von ihrem Urlicht ganz getrennt:

Sie bleiben, mit empfundenen Nahten,

So lang das Heben dumpf verbrennt,

Mit ihrem Mutterstern verbunden:

Und wenn sich Sonnenhöh erkennt,

Wird sich das Muß als Macht bekunden,

Indem es Zwänge Schöpfer nennt!

Ein Kind hat Freuden und Gedanken

Der Mutter immer zugewandt

Und seine ersten Schritte schwanken

Zur hilfbereiten Menschenhand.

So kommts, daß sich der Erdenkinder

Urstamm dem Kult der Sonne weih,

Dann kommen schlaue Gotterfinder

Und fühlen sich, begeistert, frei!«

»Ein freier Gott ist Menschenfreiheit!«

So jauchzt ich in die Rede ein:

»Und das Gelingen zeigt die Dreiheit,

In der es stets in uns erscheint.

Was Du mir zeigst, ist ramechanisch,

Es ist da Uhrwerk nur von Gott,

Doch was ich fühl ist überpanisch:

Erst jetzt wird mein Beginnen flott!

Nicht nur der Mutter urverbunden

Scheint mir ein Mensch, der wirkt und liebt,

Er hat in langen Schauerstunden,

In sich versenkt, was nie zerstiebt:

Was Raum, was Zeit, wir sind erwachsen!

Ich fühle was mein eigen war:

Wann kreuzen sich die Lebensaxen?

Was schimmert dort auf dem Altar?«

»Dir werde, was Du kannst erzwingen!

Vermags Dus, sprenge jedes Thor,

Der Lichtwucht wird noch viel gelingen!«

Sprach Ra: »Doch höre mich zuvor,

Wohl schwingt sich fort, was Du vollbrachtest,

Doch krümmst Du selbst Dich bald zurück:

Seitdem Du ichbewußt erwachtest,

Verglühte ein Elypsenstück.

Das Beste, was Du hier vollbrachtest,

Lebt fort, es war Dein größtes Glück.

Nun gilts, daß Du Dich selbst betrachtest,

Und sich Dein Urlauf niederbück!

Dein zweiter Brennpunkt wird erscheinen,

Den Du in Dir fürs Menschthum siehst.

Es schafft Dein Wollen ihn, Dein Meinen,

Vom Standpunkt, dem Du nie entfliehst.

Bald brennt in Deinem Busen Theben,

Weils viel zu viele Gluthen barg.

Der andere Brand in Deinem Leben

Der Stadt, die siebenhügelstark,

Ist langst verglommen und vorüber:

Du hast ihn unbewußt entstammt,

Denn damals war Dein Wesen trüber,

Und hat halbahnungslos verdammt!

Doch hör, es strahlt beim Brand von Theben,

Der Sonnenkult mit Macht empor,

Und es versagt sein Glanzbestreben

In Rom, wo er die Schlacht verlor!

Vernimm vom Strahl der andern Schlange,

Die langsam aus der Erde reift,

Die zündend, oft im Überschwange,

Die große Brunstspirale streift.

Sie strebt viel grader und viel greller,

Mit gleicher Schnelligkeit zum Licht:

Der Erdenkern, ihr Machtentschneller,

Bewirkt, daß sie den Tod durchbricht.

Sie weht in uns ganz sonnenähnlich,

Sie macht uns frei und mild und gut:

Und bleibt die Sonne stets ersehnlich,

So liebe auch die innere Gluth,

Die Flamme, die vom tiefsten Kerne

Der Erde, durch die Menschheit steigt.

Sie freue Dich, habe sie gerne,

Wo sie im Nächsten sich verzweigt!

Die Erde streift den Schwang der Seelen,

Beim Sonnumkreisen ewig ab:

Nach Rhythmen, die sich da entschälen,

Ists, als ob Chaos gierig schnapp.

Die meisten sind für uns verloren,

Nur wenige werden festgeschweist,

Und leiblich angepackt, geboren,

Weil sie die Erde niederreißt,

Die ihre Are rasch umschwingend,

Noch Abgewetztes stark ergreift

Und, unsere Flucht mit Wucht bezwingend,

Uns leiblich wieder niederschleift.

Von zwei Bewegungen erschaffen,

Wo sich zwei Richtungen erraffen,

Kommt auch ein Wesen nur zur Welt,

Was die Geschlechtlichkeit erhält!

Du siehst auch die Natur auf Erden,

Wie sie den Samen voll verpraßt,

Wie selten nur die Wesen werden,

Weil ihre Keimlust Kraft erfaßt.

Doch fruchtlos scheint mir keine Liebe,

Denn Seele ist sie selber nur.

Und glaubt man auch, ihr Rausch zerstiebe,

So läßt sie dennoch eine Spur.

Und was dem Ball, im All, entwuchtet,

Ist anderer Welten Keimgewalt,

Und was im Dasein nichts befruchtet,

Wird herrlich noch zu Gluth geballt.

Und um die Pole glüht der Same,

Den unsere Erde üppig streut,

Ein Wink, daß nie die Macht erlahme,

Die Wechselordnung sich gebeut!«

Da fiel ich ein mit sanfter Stimme:

»Jetzt fühl ich wohl, daß ich nun bald

Die Höhe eines Seins erklimme,

Da jeder Laut mich hold umhallt.

Ich bin befreit von jedem Grimme.

Ich habe selbst mich in Gewalt.

Mir ists, als ob das Leid verschwimme,

Ich fühl mich leicht und gluthdurchwallt!«

»Du weißt was heute sich begegnet,«

Hat Ra nun freundlich eingestimmt:

»Was flammenhändig alles segnet,

Und um die Pole kalt erglimmt:

Doch ohne Schreck ists nicht entstanden!

Du weißt: der Erde Kerngluth kreist,

Stets rüttelnd an den starren Banden,

Womit der Rundball sie umschweißt,

Da zum elyptischen Beharren,

Sie selbst ihr Flammenwesen weist:

Doch Lavakrusten, die erstarren,

Der Kugelschädel, der vereist,

Will selbst die Axendrehung ändern,

Wenn eine Wechselkraft erkreist:

Es trachtet stets nach gleichen Rändern,

Was Starrsinn in die Ruhe reißt!

So dient die Kugel sich zum Schutze

Vor kosmischer Zersetzungswuth,

Die Axe ändert sie zum Trutze,

Denn ihr ist Gleichheit ewige Hut.

Doch stört sie stets ein aufgeblähter,

Schnell schwingender Äquatorreif:

Denn innere Gluth, verwandt dem Äther,

Wirkt urelyptisch, ruhereif.

Das Mittelding von Fels und Helle,

Umkämpft den alten Axenstand,

Und sprengte oft, als Wechselschnelle,

Die innere starre Kugelwand.

Doch jetzt ist dieser Ball gegossen.

Der Makrokosmos schrumpfte ein.

Urfremdes hat sich angeschlossen

Und schafft das Leben im Verein!«

… … … … … … … …… . .

»Das mystische Suchen, das Mythenverbuchen,

Der Packt der Eunuchen, die Kraft zu verfluchen,

Die Inbrunst beim Besten, das Wunschkrautentjäten,

Das Werk der Asketen, die Sehnsuchtsraketen

Verflachen am Ende: Du stehst an der Wende,

Empfange die Spende verschwendender Brände!«

So hörte ich plötzlich die Stimme von Ra.

Nun war es ergötzlich, was vor mir geschah,

Ich fiel in die Rede des Herren des Lichtes:

»Am Ende der Fehde, des EigenVerzichtes,

Wo bald die Elypse des Uebergewichtes

Den Leib sich erschwingt, der den Aufschwung vollbringt,

Den Formguß erringt, der selbstherrlich erklingt.

Durchbraust mich und winkt mir, was traumhaft gelingt!

Wo nichts als die Nacht den Altar mir enthüllte,

Und flimmernde Pracht sich dann langsam verknüllte,

Da seh ich nun Schleier ein Bildniß umwallen,

Es öffnet ein Weib seine goldenen Schnallen,

Nun werden die Hüllen den Hüften entfallen!«

Jetzt hör ich mich selber, mein Rufen erschallen,

Mein eigener Name erbebt in den Hallen,

Schon sind Leib und Leib ineinander gefallen

Und fühlen an Liebe, am Dasein Gefallen.

Mein Weib ist mir wieder in Wonne gegeben,

Ich hab es errungen, ich hab es erkämpft.

Jetzt will ich nur leben, berauschend erbeben,

Kein Glück sei verschwiegen, kein Schaudern gedämpft.

»Du hast Deine Höhe im Dasein erklommen,

Du bist an Dein Lichtziel, als Wesen, gekommen,

Nun mußt Du Dich eigenselbst immer mehr neigen,

Zurück in sich selbst wird Dein Thun sich verzweigen:

Hat einst sich die Leidenschaft völlig empfunden,

So wird auch die Lichtbrunst verstumpfen und schweigen!«

Dies konnte mir Ra noch, verdunkelnd, bekunden,

Dann ist mir der Nume für immer entschwunden.

»Das sind Deiner Augen hinsterbende Blicke,

Glückwerbende Funken im dunkeln Geschicke,

Das ist Deines Mundes lustseliges Lachen,

Wenn Freuden und Gluthen der Wangen erwachen

Und morgenzart Träume des Glückes entzünden

Und Wolken der sonnigsten Wonne verkünden.

Du schäumende Seele, Du träumende See,

Dein fruchtbares Fluchen, Dein dunkelndes Weh,

Dein weichliches Wogen und furchtbares Grollen,

Dein weibliches Wähnen und funkelndes Wollen

Entschwellen dem Busen, gebähren den Lenz,

Mit dem ich Gestalten und Tempel bekränz:

Du bist meine Kraft, Du mein seliger Genuß,

Ein Sommer erglüht jedem brennenden Nuß!«

»Und Du meiner Träume kometvolle Nacht.«

So flüstert das Weib, fast unhörbar und sacht:

»Du birgst meiner Sehnsucht grellzwinkernde Zwecke

Drum weck ich der Sterne unendliche Decke,

Die Lust und Begehren beharrlich umblaut

Und tief aus der Seele den Frieden erschaut!«

»Es glühn die Gefühle, die goldenen Schwäne,

Die Löwen des Himmels mit schweifender Mähne,

Empor in die Nacht, die um uns sich verschluchtet,

Da jedes Erzittern ein Weltbild befruchtet!«

Dies jüngste Empfinden versenkt ich, bis tief,

Wo traumlos, die Seele des Weibes noch schlief.

Dann rief sie: »Dein Wirken ist Fiebern und Wittern,

Dein Rhythmenempfinden ist Liebeserzittern,

Und was Du erfaßt, das begreifst Du mit Lust,

Du fühlst was Du herrlich beseeligen mußt.

Es schmerzt Dich, Du herzt es, und rhythmisch durchpulst,

Entmerzt das Gebild sich dummstillosem Schwulst!«

»Ich lieb Dich, Dein Wittern, Du wirst zur Gestalt,

Zum Blut, das berauschend die Glieder durchwallt!«

Dies hab ich gerufen, gestammelt, gelallt,

Dann sagt ich ihr stiller, voll Freudengewalt:

»Du Lust, Du Bewußtsein, Du Lustwuth und Hunger,

Es ist ob ein Brunsthund Dich unstät umlunger,

Doch Du nur bist wahrhaft, als scheinloses Spiel,

Dein Dasein ist Wirkung, ist Anfang und Ziel.

Die Erde ist erst mit den Menschen entstanden,

Die Geister beherbergend Urlust empfanden.

Nur Aberwitz zählt nach der Sonnenumkreisung,

Denn todt sind Äonen der Weltenentgleisung:

Unzählbar Epochen sonnüppiger Speisung

Stumpf niedriger Kriecher, die widrig zerstieben:

Uns sind nur Impulse, von allem geblieben!

Ein Krieg ist ein Brunstwolf, ein Weltjahr Lichtfibern,

Und liebender Menschen erzitternde Fibern,

Erzuckende Nerven empfinden der Welten

Entstehn und Vergehn, denn dumpfbrunststumpf zerschellten

Die Kegel und Gipfel, wo Menschenerkenntniß,

Ermessend nur, Anläufe annimmt und Endniß!

Ich liebe, ich herze, ich halt Dich umschlungen,

Nun werd ich vom tiefsten Ereigniß durchdrungen:

Aus unserer Umarmung entsteht eine Welt,

Durch jedes Gefühl wird ein Lustlicht geschwellt!

Wir zittern erzuckend: Jahrhunderte, dringt

Empor aus den Chaos, entsprüht uns, entspringt.

– Wir leben: – Jahrtausende, sterbt und versinkt!«

Lothos

Ich liege im Kahne und fahre nach Theben

Und sinne, wie Dinge sich sorglos verweben,

Es träumt und es lächelt ein Mädchen daneben,

Sie schläft nun, da Winde sich kühlend erheben.

Die schwellenden Segel entschleichen der Stille.

Der Mondschein belichtet die Palmen am Nile.

Was hascht durch das Wasser, vielleicht Krokodille?

Es plätschern die Wellen jetzt silberne Spiele.

Die Mystik der Stille scheint Träume zu wecken:

Auf riesigen, schimmernden, schwimmenden Strecken

Sich suchender Fluchen, die Wirbel verstecken,

Die silberne Zungen des Schweigens belecken,

Kann leise der fiebernde Lothos erwachen.

Nun will seine Fülle Lichtblumen entfachen

Und mag, überblühend, die Kelche mit schwachen

Lichtkronen umgaukeln, die schaukelnd verflachen.

Der Nil überschwemmt bald mit Schlamm alle Saaten.

Gefunkel bedrängt schon verdunkelte Watten,

Wo Flußpferde schnuppern und uferwärts waten:

Sie scheinen gestockte, verknorpelte Schatten.

Du Mädchen im Kahne, Du kindliche Seele,

Dein Mund, der Traumtrautlichkeit bebende Schwelle,

Durchhaucht meinen Athem, ich trink ihn: die Kehle

Durchsickert die frische, gluthpurpurne Quelle.

Und Küsse auf Küsse entblühen dem Munde,

Ich plündre Dein Wesen in glücklicher Stunde,

Und laß nur die Seele, als blutende Wunde,

Die Lippen, geschwellt zu gluthüppiger Runde.

Du Kind, überreich noch an Lust und Begehren,

Dein wohllüstig Wesen muß heut sich verzehren,

Drum schweele es Freuden, die Freuden gebähren,

Bevor es Gedankengewitter verheeren.

Schon staut sich das Dunkel ringsum zu Ruinen,

Mit Strahlenkonturen und tragischen Mienen,

Von rückwärts von bleiblauem Mondlicht beschienen:

Dann senken sich plötzlich schwarzfinstere Lawinen.

Die Sterne zerflackern in rauchrothen Gassen,

Und Gluthzungen seh ich nach Nilbeute haschen,

Doch decken die Fackeln noch Hafendammmassen,

Bis Nachtkatarakte mich rasch überraschen.

Theben ist eben dem Leben ergeben!

Wohl hör ich sein Brausen, doch fehlt mir das Auge,

Mich vollauf mit all seinem Rausch zu verweben.

Ein Traum, der mich würgt, dem ich Sphynxmilch entsauge,

Verscheucht sich in Wirbeln und bannt mich doch mächtig:

Da fühle ich Ekel vor dampfender Lauge.

Doch die brodelt weiter, dickqualmig, albträchtig:

Dann weckt mich mein Erdhang beim Schlafen urplötzlich,

Der Traum setzt mich selbst nun ans Land, zartbedächtig.

Und was nun geschah schien mir leibhaft ergötzlich:

Das Wasser durchwateten schwankende Massen,

Der Könige hörige Völker, die göttlich, gesetzlich

Der Herrscher Ägyptens berief, um jetzt vielfach zu prassen.

Sie kamen durchs Wasser, sich vorerst zu waschen,

Dann hallte ihr Schritt durch gepflasterte Gassen.

Es sollte der Nahenden Zahl durch das Rascheln bereits überraschen.

Der lüsterne Fürst aber harrte allein im Terrassenpalaste

Und suchte des Anblicks Gewalt, voll Wollustgeschmack, zu erhaschen.

Es staute sich Anzahl auf Anzahl, daß nimmer der Volksanprall raste.

Wie glitzernden Gürteln entschmiegt, entwimmelten viele dem Nile,

Doch andere torkelten nach, im mondblau besprengten Moraste.

Noch weitere kamen von fern, herwandernd zum heiligem Ziele,

Zu Amon, dem machtvollen Gott! Sie brachten ihm allerhand Gaben,

Daß keiner die göttliche Gunst, die Huld seines Herrschers, verspiele!

Es hatten die Wandrer im Nile fast alle ein ernstes Gehaben,

Sie schwammen und wateten leicht, als hatten sie flimmernde Flossen:

Dann kamen sie nackt und ganz naß an das Land aus dem marschigen Graben.

Da wurden auch Wasser und Schaum zu Schemen von Menschen und Rossen,

Auch diese erstiegen den Strand, mit silbernen Rümpfen und Greifern.

Doch kaum kam das Schauspiel zu Stande, war rasch auch sein Zauber zerflossen.

Doch folgten sich Troß über Troß, für Amon die Gottheit zu eifern.

Dann hatte der König den Tod der pilgernden Schaaren beschlossen.

Drum zerrten ihn Löwen herbei, umgeben von Huren und Pfeifern.

Es stürzten die Bestien sich wild, voll Grimm, auf die frommen Genossen,

Sie sprengten dem Herrscher ein Gleis, zerrissen die Menschen am Wege,

Und haben das Blut und das Fleisch, der König den Anblick genossen!

Und immer noch walzte der Nil die Massen gewaltig und träge

Ans Land, wo zu Kurzweil und Spiel, die Katzen den Haufen durchrannten;

Doch starr blieb des Königs Profil, als ob er sich gar nicht errege.

Dann plötzlich enttauchten der Nacht, dem Dunkel, die Staatselephanten.

Die stampften die Büßer zu Tod, erwürgten sie rasch mit dem Rüssel

Und schleuderten wild aus der Nahe des Fürsten die niedern Passanten.

Dann reichte der König voll Huld dem Kanzler des Festraumes Schlüssel.

Wohl freit ich ein Kind,

Urjung wie die Nacht,

Bevor sie erwacht

Und des Tags sich besinnt.

»Sei heut meine Braut!«

So flüstert ich kaum:

Da hat sie im Traum

Mein Wesen durchschaut.

Sie blickte mich an,

So düster und süß,

Dann sprach sie: »Ich grüß

Dich minniger Mann.«

Sie folgte mir treu,

Mit traurigem Blick:

Es war ihr Geschick,

Daß ihr Leib mich erfreu.

Es sangen Gespielinnen lieblich beim Reigen:

»Ergieb Dich Du herrlichste Freundin und Schwester,

Bezaubre den Fremdling und sei ihm zu eigen,

Daß nie seine Zunge Niltöchter verläßter.

Dein Wesen umschmiege den Stolz seiner Seele,

Er gleiche der Palme, umrankt von Lianen,

Ihr mögt Euch umklammern, durchschauern, vermählen,

Bis goldene Stunden zum Aufbruche mahnen.

Wir Mädchen zerknicken, vom Manne gebrochen,

Sobald wir das Übel des Glückes genossen:

Wir gleichen dem Lothos, der endlose Wochen

Geduldig erkeimt, ohne Knospen und Sprossen.

Wir ähneln Agaven, die wuchern und wuchten,

Die knorpliche Blätter entknollen, entrollen,

Beinah brunstentwurzelt, ihr Fleisch zu entfruchten:

Und Pollen der Schollen dem Sonngolde zollen.

Der Aloë gleicht unser traumhaftes Wesen:

Der Pflanze, der einmal Lichtfieber erblühen,

Um kurz nur, des Nachts, ihrer Brunst zu genesen,

Der rauschrasch und brausstark Blühlüste entbrühen.

Es gleicht unsere Liebe der Luftlust am Dufte,

Der Urlust des Duftes, mit Winden zu spielen,

Es ist, als ob rasch jedes Blühglück zerpuffte,

Als ob Jungfraureize, erfreit, gleich zerfielen.«

»Wie die Blume nach der Blüthe,

Sehnt die Jungfrau sich nach Liebe;

Wacht, daß sie ein Glück behüte,

Das dann rasch als Lust zerstiebe.

Jüngling, hör, ich bin die Blume,

Die in einer Nacht verschmachtet,

Die, vom tiefsten Eigenthume,

Alles zu verschenken trachtet.

Jüngling, glaubs, ich bin Dein eigen,

Geist und Leib will ich Dir geben,

Will mich freun, erbeben, schweigen,

Lust und Seelenglück verweben.

Komm, oh komm, mit raschen Schritten,

Nur aus Liebe bangt der Seele:

Laß sie nimmer zaghaft bitten,

Daß der Leib sich traut vermähle.

Trag mich, über Marmorstufen,

Zu des Brautgemaches Thore!«

Also hat die Maid gerufen

Und dann sang sie mit dem Chore:

»Mondlicht weckt die Zauberstille, Priesterin im Heiligthume,

Das ein frommer Weltenwille bildet ohne Thun und Lärmen:

Schweigsam, schuldlos, jungverwundert blüht am Nil die Lothosblume

Und sie fühlt ihr zartes Träumen sacht zur Sternennacht entschwärmen.

Jungfrau, laß, wenn Freudenschäume perlend Deinen Leib erwärmen,

Nur behutsam, lustversunken, seinen Mund am Busen zittern.

Hast Du Nacktheit ihm gegeben, laß ihn tiefstes Fieber wittern,

Niemals mag nach Unerwühltem er sich ruhelüstern härmen.

Jungfrau, hell wie eine Woge, wie der Thon der schlanken Vasen,

Hefte Lothos in die Flechten, in die dunklen Lockenhaare:

Wieg ihn, voller Leibeswollust, durch die kühnsten Glückekstasen,

Daß sich wild, in Schauernächten, alle Schönheit offenbare.

Streu die Perlen, streu sie schimmerend auf das Lager, auf die Kissen,

Laß die Stille in den Räumen, tief im dunklen Brautgemache,

Ihre Zauber schwer verträumen: ach, vergiß, um nichts zu missen!

Sink, versink in Schmerzbegehren, fühl des Lustempfundenen Brache.«

Brust an Brust in Lust versunken,

Halt ich Dich mit warmem Arm:

Meiner Glücksgefühle trunken,

Schenk mir Deinen Fieberschwarm.

Denn der Seele Wollustfunken,

Übersprühn als Irrlichttanz

Der Pupillen dunkles Prunken,

Grüner als ein Iriskranz.

Deine Träume mag ich haben.

Deine Nacht! Dein Sternenreich!

Schätze will ich wild ergraben,

Sinken in den tiefsten Teich.

Schrecklich muß ich mich beglücken.

Weib, Du meine schönste Nacht!

Schmerzen, Lüste, die entzücken,

Alle, alle sind erwacht.

Sternennächte, groß im Raume,

Hab ich oft in mir verträumt:

Himmel doch im Zeitenzaume,

Die kein Weltenende säumt,

Kannst nur Du, mein Weib, mir schenken!

Sterne funkeln würdig auf,

Rhythmen, die Geschicke lenken,

Kreuzen sich im Feuerlauf.

Dichte Augenzwinkerhaufen,

Bilder träum ich wüst und leer,

Schnuppen fühl ich niedertraufen,

Ewig glüht das Flammenmeer.

Sterne, Sterne sprüht die Seele.

Jetzt ists ein Brillantenschweif!

Plötzlich bleiche Mondjuwele,

Dann ein rother Flackerreif.

Ziellos ziehn die Sternenwelten,

Strahlend wie ein Glücksgefühl,

Friedlich unter Zeitenzelten,

Als verknüpftes Lustgewühl.

Sterne, Sterne, will ich haben.

Ewig daure das Gesicht!

Reich, oh Nacht, bist Du an Gaben.

Weib, versagst Du? willst Du nicht?

Nein Du spendest unermüdlich,

Nur ich selbst bin satt und müd,

Unerschöpflich, übersüdlich,

Bist Du, Jungfrau, lustdurchglüht.

Wüthe nicht, ich kanns nicht fasten!

Ewigkeit hab ich gewollt:

Großes laß ich Dich verprassen,

Sternengold das todt verrollt!

Was ich kann, muß ich entpressen,

Riesenweib, Du unterliegst:

Gelbe Schmerzenssternenessen

Spenden Lust, bis Du versiegst.

Dies sind meine Schicksalleuchten,

Dies der tiefste Unheilsblitz,

Angstschweiß, Sphynx, soll Dich befeuchten,

Sieh, schon klafft ein rother Ritz.

Hah, nun hab ich mein Geheimniß!

Bluthkorallen tropft im Takt!

Nichts bereu ich, als Versäumnis,

Ich bin Ich, Barbar und nackt.

Es schweigt der Silbersichelsee.

Drin blitzt das Licht der Himmelsbilder.

Nur Krieger flüstern in der Näh:

Im Mondlicht blinken ihre Schilder.

Sie spielen wohl die ganze Nacht.

Du hörst sie oftmals hellauf lachen.

Wohl keiner denkt an eine Schlacht,

Und einsam wandeln bloß die Wachen.

Die Erde, die zum Himmel gähnt,

Verlangt jetzt Lusterreger:

Die Kriegerschaar, die sie ersehnt,

Verstümmelt die gefangenen Neger.

Sie peitscht die Opfer rings herbei:

Wer bockt, wird gleich zu Tod gesäbelt.

Es liebt der Mensch den Marterschrei,

Drum wird, was leiden soll, entknebelt!

Als Werkzeug dient ein Riesenpflug,

Der kann auch Fleisch zerreiben:

Der schneidet jetzt, auf einen Zug,

Zehn Leiber durch, mit scharfen Scheiben.

Der Pharao, im Festsaal, läßt

Die liebsten Sklavinnen erwürgen;

Des Schergen Finger, der sie preßt,

Muß für die nächste Marter bürgen.

Die ganze Hand wird abgehackt,

Dem Henker bleiben blutige Stummeln.

Drob lachen Weiber, jung und nackt,

Die schäckernd ihn, im Takt, umtummeln.

Im Saale wird nun aufgetischt,

Wo lüstern leckre Paare zechen!

Doch Gift ward ins Gericht gemischt,

Und einige siehst Du schon erbrechen.

Erschrocken fahren andere auf

Und fangen an hinauszurasen,

Doch packen Krämpfe sie im Laus

Und Blut entsickert ihren Nasen.

Und rings, im Festraum hingestreckt,

Verröcheln jetzt die Königsgäste,

Dann kommen Söldner, blutbefleckt,

Und bringen johlend Menschenreste.

Geschultert werden Bein und Arm,

Rumpftrümmer, die noch immer triefen,

Dann folgt ein dichter Fliegenschwarm,

Und finster wirds in Schwindeltiefen.

Mir träumte nun, uns allen träumte,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Daß, was da zuckte, vorwärtsglitt

Und so die Welt zusammenräumte,

Denn jeder Abfall hupfte mit.

Das Blut, das noch aus Schrammen schäumte,

Ward abermals zum Daseinskitt,

Was krampfhaft sich zusammen bäumte,

Verschrumpfte rasch beim Übertritt

Zum Jungwurf, der sich kraus umsäumte,

Denn kleinlich war der neue Schnitt.

Was Menschen stündlich wüst verwuchern

Verkrüppelte und wurde starr.

Das Lumpige in Weltdurchsuchern,

Verschrumpfter Seelen Brunstkatarrh,

Das Schamlose in Fleischverfluchern,

Was zynisch bleibt und urbizarr,

Der Zunftdruck in Geschichtsverbuchern,

Eunuchenlust, Berufsgeknarr,

Der Muth in dummen Weibsversuchern,

Verbeugte sich als Zwerg und Narr.

Des Kloben schwammige Substanzen,

Durch Zwergtracht in Betracht gebracht,

Die Bauchfracht und der Buckelranzen,

Verdrehten sich ganz ungeschlacht.

Er wirbelte, begann zu tanzen.

Er hat lebendig aufgelacht.

Er kreiste zwischen Firlefanzen

Und riß sie mit als Wirbelmacht:

Was schimmelnd anfing anzuranzen,

Ist, rasch gewandt, als Wicht erwacht.

»Zwerg, Wirbelknirbs« rief ich: »belustig

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Dich frisch, verdirbs dem Tod, beim Tanz,

Was stiegt erwirbs und werde fett und wustig:

Des Nichtsgezirbs Urdissonanz

Sei laut in Dir, sei eigenbrustig!

Tanz, tanz, die Welt entlaus, entwanz,

Hei Negerzwerg, pechspeckig, rußdick

Bedeckt von schwarzem Kohlenglanz,

Dein Kopf schrumpft ein, der Rumpf wird krustig,

Und um Dich walzt ein Mummenschanz!«

Falls alle schwarzen Larven fallen,

So grinsen mich nur Schädel an:

Gerippe sinds mit Fingerkrallen,

Im Kaftan, wie ein Muselmann.

Die Mäntel, die sie lang umwallen,

Sind Schatten nur, die Truglust spann:

So dacht ich und mit Wohlgefallen,

Bemerkt ich wie der Spuk zerrann:

Durchschaut zerstoß wie Gallenquallen

Der Schwarm in meinem Geisterbann.

Statt Masken, dunklen Spukhalunken

Umgab mich jetzt ein Tschungelteich;

Umkrochen fühlt ich mich von Unken,

Und was ich abgriff wurde weich:

Ich selber bin somit gesunken.

Ich schwamm und watete zugleich,

Mir wars, als ob in Seegrundtunken

Mich eine Leiche bleich umschleich,

Und lauter grüne Fischblickfunken

Erleuchteten ihr Nebelreich.

Mein Sinken mocht ich nur vermuthen,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Denn schon entschlüpfte ich dem Schlamm,

Und meine starren Glieder ruhten

Bereits auf einem Sammtsanddamm.

Tief unter mir, in dunklen Fluthen,

Erglühte mancher blutige Schwamm:

Am Ufer wuchsen Binsenruhten

Und blühten Blut, das leuchtend schwamm.

Die Leiche fing sich an zu sputen

Und regte sich gar wundersam.

Schon tauchten ihre schwarzen Flechten

Empor aus tiefem Tintenteich,

Dann schlug sie plötzlich mit der Rechten

Ein Halbrad und versank sogleich.

Die allzuschweren Haare schwächten

Zu stark das Weib, das leichenbleich

Und eingezwängt von Schilfgeflechten,

Versuchte, daß es einen Deich,

Halbangeschwemmt und halb mit rechten

Schwimmregungen, bewußt, erreich.

Kaum war das Weib ans Land geschwommen,

So wich der Teich hinweg und sank.

Sie aber blickte angstbeklommen

Zurück auf Binsenkraut und Tang.

Vom Sumpf, dem sie zur Noth entklommen,

Blieb fast nur das Morastgerank,

Doch ist kein Gluthschwamm drin verglommen,

Blutblühten sprühten auf der Bank,

Und ganze Funkenschwärme klommen

Empor am nahen Uferhang.

Des magern Weibes starre Glieder

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Vermochten kaum noch gradzustehn,

Sie standen auf und fielen nieder,

Sie mußten sich aus Schwache drehn.

Nun schlossen sie sogar die Lider.

Das Weib war noch zu matt zum Sehn.

Die Binsen lagen rings danieder

Und schienen plötzlich einzugehn,

Doch ihre Kraft gab ihr ein Mieder:

Ein Gluthhauch schien sie anzuwehn.

Zu Muskeln wurden Marterknuten.

Das Fleisch ward straff und fasersteif.

Das Blut sing an mit Hast zu fluten.

Die Brüste wurden schwer und reif.

Es war, als ob der Binsenruthen

Urdasein in die Schenkel kneif,

Die Striemen, die am schlaffsten ruhten,

Erhärteten zum Knorpelreif:

Es schien, in kurzen Kraftminuten,

Als ob, was schafft, zusammengreif.

Die Seele fing an aufzuwachen.

Nie war sie so empfindungsreich.

Brunstjagden, die die Lust entfachen,

Des Mannes Sieg, sein Züchtigungsstreich,

Das Willkürbangen aller Schwachen,

Verschmolzen Furcht und Lust zugleich:

Drum mußten beide hier verflachen,

Und, sieh, das Weib ward wesensweich!

Kaum sah es auf, vernahms das Lachen

Von Menschen und ward schreckensbleich.

Scheingreise grinsten rings im Kreise,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Und da empfand das Weib die Scham,

Da kams, daß sie auf grause Weise

Ein wilder Ekel überkam.

Angstfieber schüttelten sie leise

Und ihr Gehaben wurde zahm.

Es staunten selbst die lüstern Greise,

Wie seltsam sich das Weib benahm,

Ihr wars, als stak sie tief im Eise,

Und ihre Glieder wurden lahm.

Die Schaulustunken, Lasterkröten,

Die Fische geiler Grausamkeit

Durchfröstelten das Weib, erhöhten

Ihr Junggefühl als nackte Maid.

Es war, als ob sie Schamkraft böten,

Zum Ruckstoß der Urwesenheit.

Sie wurden Fleisch, und Fleisch zu töten

Und haben dicht die Brunst beschneit:

Doch Ahnungen von Morgenröthen,

Die Wallung der Verborgenheit,

Quoll hoch empor in Weibeswangen.

Es sprang die Ruthengluth herbei,

Die Blühten, die am Schilfrohr schwangen,

Durchfieberten sie frisch und frei.

Es trug sie dort ein mutvoll Bangen,

Dem, vollbewußt, das Weib sich weih!

Zum Jungfrauschauspiel zu gelangen

Umstaute eine Greisenreih

Das Weib, und ihre Blicke drangen

Mitschöpfend, daß die Zuckt gedeih,

Tief ein ins fremde Weibeswesen.

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Und dieses, schamdurchschauert, scheu,

Versuchte Ranken aufzulesen.

Doch, was es angriff, ward zu Spreu.

Die Ruthen, selbst die Binsenbesen,

Zerstoben wie verdürrtes Heu.

Sie alle mußten rasch verwesen

Und trugen schon, im Weib, aufs Neu:

Sie sind der Zuchtkraft selbst genesen,

Und sieh, das Weib ward keusch und treu.

Es mochte nun zum Wasser langen,

Daß plätschernd es die Scham bedeck,

Doch nutzlos war das Unterfangen,

Längst leckte es ein Fiebern weg.

Durchs Bücken und Sichbeugen drangen

Die Flechten zum geheimsten Fleck

Und dienten so dem Weibsverlangen,

Durch Zufall, zum Versteckungszweck.

So blieb es denn, die Haare schlangen

Sich breit ums tiefe Schenkeleck.

Zuerst erstarrten Hand und Sohle.

Dann ward das Becken festgebannt.

Die Jungfrau ward zum Steinsymbole,

Durch sie bekam die Scham Bestand.

Das Greisengeile, Urfrivole

Erhärtete und blieb frappant.

Ein Mohr, verschrumpft zur Fußkonsole,

Entwuchs der dunkeln Unterwand:

Dann ward das Schauspiel rasch zu Kohle,

Da alles schwarz in schwarz verschwand.

Lauter winzige Silberwische

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Wurden ringsum immermehr,

Keimgefunkel, schwärmerische

Flitterblühten, wie im Meer,

Liebesblicke ewiger Frische,

Wohl ein ganzes Traumlustheer,

Wirbelten als gleisnerische

Sehnsuchtsfibern, voll Begehr,

Daß sich Gleiches geil erwische,

Sich verwickelnd, um mich her.

Waren das die Brunstgedanken?

Wars der Sinne Feuerbrand,

Jener Menschen, die versanken,

Als die Jungfrau keusch verschwand?

Wurden gar die schwachen Ranken,

Die ich zart um mich empfand,

Die ich leuchten sah und schwanken

Einer Jungform Urbestand?

Wurzeln, die das Fieber tranken,

Das die Leiber hold verband?

Eine Lothosblume ragte

Nun verduftend in die Nacht:

Als die Gluth der Liebe tagte,

Ist die Blume hold erwacht:

Und vor solcher Pracht verzagte

Mein Begehr, der brunstentfacht

Jede tolle Frage wagte,

Um zu wissen, was, vollbracht,

Jede Antwort kühl versagte:

Und ich hab nur nachgedacht!

Denn der Blüthe blasse Blätter

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Wiegten sich gar wollustbleich,

Blutdurchglüht und leicht violetter

Schmiegten sie sich weiblichweich,

Immer fleischlicher und fetter,

Endlich weißen Leibern gleich,

Eins ans andre, als erkletter

Jede Wallung aus dem Teich,

Fiebernd, wie ein fernes Wetter,

Leiblich schon und wollustreich,

Ein erzuckendes Empfinden,

Das als Buhlin sich ergiebt:

Und ich ahnte, hier verbinden

Viele was sich rings verschiebt.

Wenn wir selbst in Lust uns winden,

Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,

Sucht das Weib vom Weib zu finden,

Was im Rausch dem Mann entsiebt,

Und der Mann will sich entrinden,

Der den Mann im Weibe liebt!

Welturanisch, unerklärlich

Liebt sich selbst das tiefste Ding,

Ewig still und unversehrlich

Schließt sich der UräusRing!

Die Geschlechter sind begehrlich,

Doch das Übel ist gering,

Für sich selber nur gefährlich,

Weil sich drin der Schmerz verfing,

Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,

Daß die Liebe sich entschwing!

In den letzten Brunstgewittern,

[Rand: Der äthiopische Todtentanz]

Die ganz kraftlos sind und satt,

Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,

Fast affektlos schon und matt;

Ohne Fernen zu durchwittern,

Ist die Liebe satt und platt,

Kaum geschlechtlich mehr, erzittern

Leib an Leib verlegen, glatt;

Und hier zucken und verwittern

Weib an Weib als Lothosblatt. –

Nächtlich keimen und entrollen

Blätter, zart und wundersam,

Den Bestand der weibertollen

Weibchen aus dem Mutterstamm

In den Kelch der wesensvollen

Liebe mit dem Blüthenkamm:

Lustgefühle, jäh erquollen,

Sind sich Braut und Bräutigam.

Und, statt goldenen Sonnenpollen,

Schnellt die Liebe, unduldsam,

Ohne leiblos auszurasten,

Aus dem tiefsten Werdenskern

Knaben vor, die sich betasten

Und sich haßvoll und doch gern

Ansehn und beim Schwelgen hasten:

Denn bald sind sie feind und fern!

Viele sah ich, die verblaßten,

Doch der Liebe ewiger Stern

Gab sich andern, die erfaßten,

Das Geschlecht erst zu ersperrn!

»Barbaren!« war der Warnungsruf,

»Die Feinde!« der Verzweiflungsschrei,

Dann traf mich schon ein Pferdehuf,

Und rings begann die Metzelei!

Nun bin ich wach und seh genau:

Ein feindlicher Volksstamm, mit Rossen und Wagen,

Durchplündert und brandschatzt den Usgau,

Da kommt er mit Pferden, auch Menschen zu jagen:

Die Hyksos erscheinen, Ägypten zu plagen!

Sie fahren im Karren, zertrümmern, zerschlagen,

Was immer sich aufreckt und aufthürmt,

Wo Reiter und Roß wild dahinstürmt.

Es schnalzen die Hyksos, es wiehern die Rosse!

Es blinken die Lanzen, es schwirren Geschosse!

Es pfeifen die Lenker, es grinsen die Weiber!

Gewimmer entschnarrt einem rauchenden Haufen

Verreckender Menschen, verzuckender Leiber,

Die röchelnd sich bäumen, zuletzt noch zu raufen!

Bewußtlose Menschen empfinden die Hiebe

Der Hufe, verscheidend, beinahe als Lust:

Zerquetscht durch die Räder im Karrengetriebe,

Verschnarcht mancher Rumpf mit zerschlagener Brust.

Nun rasen die Wagen bergauf über Leichen,

Es macht erst der Ansturm die Insassen munter,

Doch weiche Kadaver belasten die Speichen,

Drum stürzt Roß auf Roß katarakthaft herunter:

Ein irdisches Fiebern durchschüttelt Ägypten.

Ein Lichtbraus, der hurtige Hyksos beflügelt,

Durchschauert das Land, wo die Bauern versippten

Und menschlicher Starrsinn ein Hiersein erklügelt.

Die Lichtwucht will liebreich Erdkinder durchdringen,

Doch kann Mann an Mann nur im Kampfdrang heran:

Ganz anders, gelingt es dem Mann durch das Ringen

Zu fassen, was haßvoll ihm zustürmt im Mann!

Es wälzt sich ein Wüstengetümmel herüber,

Ein wildes Gewimmel verirrt sich zum Nil:

Nie färbte der Fluthschlamm die Flußwässer trüber,

Als da die Sahara das Thal überfiel.

Ein rasender Reitertroß würgt und verstümmelt,

Mit Wagen und Waffen, was rastete, praßte;

Ich selbst habe, nackt, unter Nackten gelümmelt,

Bis Angst mich vor kalten Kadavern erfaßte.

Ein Roß überstürzt sich, jetzt muß ich ersticken!

Es wiehert, ich beiß ihm mit Lust in die Nüstern,

Es wird mich erdrücken, ich fühl mich zerknicken,

Doch hört mein Bewußtsein noch weltwirres Flüstern.

Ich blute bestimmt, bin verwundet, zerschunden,

Gewahre im Mondlichte Rümpfe und Fratzen,

Ich schleiche durch Leichen, mit triefenden Wunden,

Um gierig das Fleisch von den Schädeln zu kratzen.

Nun packt mich ein Grauen, verkrampft mich in Mähnen:

Ein Pferd, das verreckte, versteckt meine Glieder,

Denn überall lecken und schnuppern Hyänen:

Nie ward mir ein Eindruck so schrecklich zuwider.

Es dürsten am Schlachtfeld wohl Tausende weilen,

Ich merk es am Lecken und hörbarem Trinken,

Drum such ich zum Schutze nach Lanzen und Pfeilen,

Die müssen im Mondlichte irgendwo blinken.

Und immer noch rasen Saharabarbaren,

Wie Schatten des Wahnes empor aus der Nacht:

Ich kann ihre Wagen am Schlachtfeld gewahren,

Da nirgends ein Tempel mich steil überdacht.

Vermag die Sahara das Thal zu verscharren?

Versandet das Land und zerfallen die Hallen?

Denn Schaaren von Hyksos, auf Rossen, in Karren,

Entfahren der Ferne, sich hier einzustallen.

Sie jagen durch Tempel und Tempelruinen:

Da wenden sich ihnen rings Menschen entgegen:

Vom sterbenden Mondscheine gelblich beschienen,

Beginnen sich etliche Gegner zu regen.

Verwesendes Theben, entstehn Dir denn Helden?

Vermag es die Schlachtenwucht Muth zu gebähren!

Beginnt sich die Schmerzbrunst Geschlagener zu melden?

Die Wurmlust der Ohnmacht sich stumpf zu verzehren?

Was Ehren, was Trotz, was Gefasel von Thaten,

Zum Schluß hilft die Geilheit beim muthvollen Sterben!

Mag plötzlich den Feigling Beherztheit berathen!

Ich seh ihn, verderbend, um Lustjucken werben,

Drum greif ich zum Scheine nach Pfeilen und Lanze

Und hoffe, es wird mich der Tod nicht verschonen!

Dem Feind winkt der Speer mit erbebendem Glanze,

Der Opfertod möge mein Großthun belohnen.

Komm Hyksos, erfreu dich beim Stechen und Schnüren,

Ich trachte Dir katzenhaftfahl zu entweichen,

Dann kann ich mein nahendes Ende verspüren

Und langsam erkalten wie andere Leichen.

Verzagtheit und Keuschheit, Ihr Ehrfurcht und Grauen,

Stets habt Ihr mir Thatkraft und Werblust versauert,

Nun laßt Euch, als Ohnmachtsgauch, kauernd, durchschauen,

So seid noch mein Lustwurm, von Abscheu durchschauert!

Erblickt mich der Krieger, der einsam dort reitet!

Ach, käm er herüber, ich wags nicht zu winken.

Wie werd ich gering, wenn der Angstkrampf sich weitet,

Bald muß ich in schrecklicher Schmerzlust versinken!

Unheimliches Kommen, angstschwangerstes Nahen,

Ich kann Dich erwartungsstumpf, einsam ertragen.

Mir ist es, als ob wir uns kannten und sahen,

Nun komm, Mann, mich Wehrlosen roh zu erschlagen! –

Halb Unding, halb menschlich empfundener Schatten,

So springt jener Klotzgnom vom zottigen Rosse:

Ach, bald kann ich schlafschlaff erblassen, ermatten,

Wie groß wird doch plötzlich mein Schlußlustgenosse!

Mein Henker, mein Richter, ergötz Dich beim Köpfen,

Die Freude wirft ewig quallüsterne Schatten:

Nur Du magst das größte Glück, tödtend, erschöpfen:

Da bist Du, nun geht die Vernichtung von Statten.

Ich fühl alles Zagen, voll Wollust, verrunzelt,

Jetzt kann ich die ganze Verachtung ertragen:

Nun seh ich den Henker, ganz blitzrasch, geil schmunzeln,

Und lüstern, als Jüngling, mich kühn überragen!

Sind Kopf jetzt und Wesen, gefällt und zerspalten!

Mir ist es, als sauste der Henker selbst nieder:

Fast wach ich, verkrampft unter Schattengewalten:

Und Dunkel und Ruhe belasten die Glieder.

Ein Sturmbraus durchwuchtet mein schluchtiges Wesen,

Mein Henker ist selbst in mein Inneres gefahren,

Nur so kann die Seele der Schmachlust genesen:

Ich reiß mich empor, um mich selbst zu gewahren!

Da kommen die Hyksos, von Raublust gepeinigt!

Oh, könnt ich ein Pferd ohne Reiter erspähn,

Oh, wär meine Seele von Feigheit gereinigt,

Ich würde nicht Raub und nicht Todtschlag verschmähn!

Jetzt schnell ich empor, um ein Roß zu erfassen,

Schon schnüre ich Nüstern und würg einen Reiter,

Ich schlag ihn zu Boden, ich seh ihn erblassen,

Ich saus auf den Gaul und schon brausen wir weiter.

Das war nun ein angstfreier, klarer Gedanke!

Ihr eigenstes Glück hat sich Kühnheit errungen,

Nun fall ich dem Feinde, zu Pferd, in die Flanke,

Und streite als Reiter: mein Streich ist gelungen!

Jetzt hetz ich mein Pferd ins Gemetzel von Schlemmern.

Bewußtlose Menschen zertritts mit den Hufen,

Und Halbtodter Schlafen beginnen zu hämmern

Und wollusttoll hör ich Verendende rufen!

Verächzen, Gestöhne, den Schrei der Hyäne,

Vernehm ich beim Ritt, über Rümpfe und Stummeln,

Es ist, als ob Erbschmerz der Dumpfheit entgähne,

Nun will ich, zu Roß, auf dem Schlachtfelde tummeln.

Hier bin ich der Meister, der Held und der Sieger,

Ich kann Dich, Saharanacht, qualbaar, verachten,

Ich bin kein Verreckender, bin auch kein Tiger,

Ich bin das Ereigniß nach brunstwuchtigen Schlachten.

Ich werde der Lebensrausch krampfstarrer Reste:

Geschwellt von der Sprudelbrunst sterbender Welten,

Erhält sich der Geist, als urewige Veste,

Die leidlos empfängt, was die Sinne vergelten! –

Gedanken, als klare, krystallkalte Drachen,

Ereignen sich tief, ich durchschau sie mit Muße!

Sie flattern wie Banner. Allflammen erwachen.

Und leibhafte Sieger thun schmerzverkrampft Buße.

Sahara, Du hast Deine Rasse geboren!

Schon schwängern die Schatten der Todten die Leiber:

Im Weib wird der Feindesschleim fertiggegoren,

Der Hyksossohn sei einst der Hyksosvertreiber.

Im Weibesleib treffen sich feindliche Rassen,

Dort keimen dumpf, unerfüllt, männliche Seelen:

Im Weib kann die Eigenheit stets sich erfassen,

Aus breiter Eintönigkeit Formen entschälen.

Die Frau ist das Traumesgraun schlummernder Lenze,

Die Ahnung, den Urbrunstdurst selbstlos zu schöpfen,

Die Nacht aller Möglichkeit, weit ohne Grenze,

Das Staunen vor Höhen ergrübelnden Köpfen.

Den Mann hat die RaGewalt sonnhoch erhoben:

Der Drang und das tiefste Ding bleiben das Gleiche,

Doch schufen die Sinne, die lustbunt vertoben,

Den Trieb, der die Einsicht persönlich erreiche! –

Die Kette der Liebe ist nirgends zerrissen:

Zwar hat die Sahara uns zahllos gespalten,

Doch bildet das Weib die verschiedenen Gewissen,

Und drum wurden Wesen geschlechtlich erhalten.

Der Urgrund der Seele ist wesensuranisch

Und soll sich, verkörpert, geschlechtlich empfinden:

Oft opfert der Sonnkern sich heldisch, titanisch,

Daß alles, was Weib wird, tief innen verschwinde.

So faß ich ratapfer Saharagedanken:

Kein Weib kann das Weib meines Wesens erwecken,

Die Reinheit des Einblicks gebiert ihre Schranken,

Und schrecklos läßt Klarheit in mir sich erstrecken.

Ihr zwinkert, Ihr Sterne, auch Ihr seid nur Sünder!

Ists Licht auch naiv, das Ihr selbstwesend spendet,

So seid Ihr Entzünder des Lebens auch Gründer

Verdunkelnder Schollen, wos Wollen verendet.

Ihr weckt die Planeten, die selbst sich verdichten,

Die furchtlos vom Tag in die Dunkelheit tollen,

Die Finsterniß lieben, verschließen, verkneten

Und, ewig vertrieben, enttollen, verrollen!

Heut gleicht Euch mein Geist, an Gewalt und an Würde,

Er selbst ist ein Stern und ein Tag aller Klarheit:

Er ruht und erträgt seine kosmische Bürde,

Sein Wesen, ein Ganzes, ist sonnhohe Wahrheit.

Er strahlt aus sich selbst, wenn die Erde verdunkelt,

Er kennt seine Macht, wie einst Simson die Kräfte.

Dich, Tempel der Welt, der als Raum mich umfunkelt,

Verklammert mein Urgrund jetzt blindlings, wie Schäfte

Versänk ich und wollt ich das Sein überwinden,

So würdet Ihr, zitternde Sterne, zertrümmert,

Ihr müßtet im finstersten Nichts mitverschwinden:

Das All wäre leer, um sich selbst unbekümmert!

Ra

Oh Sonne, Dein Wesen ist ewiges Siegen!

Dein Wollen ist Licht, Deine mystischen Flügel

Erstrahlende Wärme, Dein Siegen ist Fliegen

Und hoch überblickst Du die Thäler und Hügel.

Dein Anblick ist herrlich, erscheinende Scheibe,

Und schön was Du ansiehst, oh Gottheit der Milde:

Du weist auf den Reichthum im menschlichen Leibe

Und schaffst den Gedanken zum stilstrengen Bilde.

Fast athemlos starr ich Dich an, gutes Feuer,

Ich bete und strebe zu Dir wie die Saaten:

Doch weilte kein Geist je beständiger und treuer

Bei Ra, seiner Gottheit, als ich Dein Chuenaten.

Erwachen die Strahlen des Tages, am Morgen,

So lachen wir alle Dir kindlich entgegen

Und können vom Sonnengold sorglos erborgen,

Was dann zu gebrauchen, wir frei überlegen.

Doch kann die Sahara Dick Abends verscharren,

So muß sich die Erde im Dunkel vergraben.

Sie gleicht dann den Todten, die tagfern erstarren

Und wahllos mit Gaben von andern sich laben.

Was da ist, ist da, weil es nachahmt und trachtet

Wie Du, heiliger RaBall, im Glanz zu erscheinen,

Vom Tage gebändigt, geschwängert, betrachtet

Das Erdkind sein allgemein eigenstes Meinen.

Wir wollen uns formen, wie Du es beorderst,

Und wünschen den Lichtpriestern schlechtwegs zu gleichen,

Wir hoffen und streben zu sein, was Du forderst,

Und loben Dich, wo wir Dein Wollen erreichen.

Es hüpft unser Herz, wenn wir folgsam Geheiße

Der Urgluth in uns, Dir zum Danke, erfüllen:

Da singt unsere Seele, als blende und gleiße

Ein RaTag in Tiefen, die stumm sich verhüllen.

Dir zwitschern frühmorgens die Vögel entgegen,

Die Fische entschlüpfen den Tiefen des Niles,

Die Schiffe beginnen sich munter zu regen,

Mich selbst fühlt ein Ich tiefverinnigsten Spieles.

Du, mannbarer Ra, hast das All erst erschaffen,

Das höchste der Werke mit Lust zu empfinden,

Doch laßt Du die Schlünde vom Werdesturz klaffen,

Um ewig das Größte, besiegt, zu verwinden.

Du blickst in die Tiefe erschreckender Meere,

Die fürchten, daß Sturmwuth die Weltfluth erschöpfe:

Es ist, als obs Weib sich, gebährend, verzehre:

Du tödtest die Schöpfung durch ihre Geschöpfe!

Doch Du dauerst fort. Von Räthseln durchschauert,

Erwartet das Erdweib das Sonnfruchterwachen.

Es horcht, ob das Leben, das tief im Leib kauert,

Durch Hüpfen es anstachelt, sonnauf zu lachen.

Ra, Allmacht Ägptens, Du Weltfelsenthürmer,

Du Herrgott der Hyksos, Du Urgrund der Meere,

Du Königserschöpfer und Schützer der Würmer,

Du Ungeduld aller, Du ewige Lehre,

Dich rufe ich an, als Dein Diener Chuenaten!

Ich will aller Welt Deine Macht offenbaren,

Drum gieb mir die Kraft zu rarühmlichen Thaten,

Dann ziehn wir gar bald zum Altar mit Fanfaren.

Du, Ra, gabst der Menschheit das Recht auf Gebieter,

Drum darf sie auch fordern, daß ich sie bezwinge:

Oh, sieh Deinen Diener Chuenaten, hier kniet er,

Hier fleht er, oh laß, daß das RaWerk gelinge!

Das Weib hat das Recht einem Mann zu behagen,

Die Dirne, als Kind, daß ein Knabe sie schände,

Es haben die Beine das Recht, uns zu tragen,

Die Palmen und Staaten aus plündernde Hände,

Die Lüfte der Wüste, aufs Meer sich zu stürzen,

Die Nebel, daß hitzige Winde sie hetzen,

Die Düfte der Blüthen, die Lüfte zu würzen,

Der Neid den Besitz seines Nächsten zu schätzen,

Verstorbene auf Ruhe und Murmelgebete,

Die Urgluth, durch Brunstwucht, die Lücken zu füllen,

Auf Angst und auf Kampf, die Allarmtrompete,

Die Luft und das Leid auf der Hungernden Brüllen,

Die Dummen, daß Gauner sie oftmals belehren,

Der Krieg auf die Städte, die prassen und rasten,

Das Feuer auf Zyklen, aufs Stetswiederkehren

Des Tags, das vermag, allen Glast zu entlasten.

Du, Ra, hast ein Recht auf die Werbegebete,

Da Du uns erleuchtest, was leuchtet, zu nehmen;

Du schufst uns, daß jeder Dein Wollen vertrete,

Drum preist Dich, wer aufhört, vor Dir sich zu schämen.

Du bist ja der Reichthum der alles verschwendet!

Wer einseitig handelt, mag gut sich verhalten

Und wäre gar thöricht und maaßlos verblendet,

Versuchte er selbst, sein Gesetz zu gestalten.

Doch Ra, ich, der König, verkünde Dein Wollen,

Da Du, Ra, mein Vater, ob unserer ergrimmtest:

Mein Wort gleicht des Lothos sonngoldenem Pollen,

Der alles befruchtet, was Du ihm bestimmtest.

Ein Urtrieb der Menschheit, gehorsam zu dienen,

Verschafft uns die Lust, uns nach Numen zu sehnen;

Was feig sonst, in mir ists heroisch erschienen,

Auch ich mag die Nacht meiner Gottheit entlehnen!

Ich bin wie des Niles belebende Fluthen,

In denen die Menschen sich spiegelnd erkennen,

Du selbst schufst die Fluthen und Ursprungsbrunstgluthen,

Damit Deine Räthsel in mir erst erbrennen.

Du siehst und erkennst Dich in Meeren und Seelen

Und suchst sie Dir ewig, aus Liebe, zu nähern,

Drum willst Du Gebete und Nilnebel schweelen,

Erfreust Dich, zur Fluthzeit, an Lichtheilerflehern!

Das alles, oh Ra, will ich folgsam erringen,

Ich will Nilfluthspeicher mit Spiegeln erschaffen,

Das Wasser, das abfällt, verriegeln, bezwingen,

Der RaWallfahrt alle Altare erraffen.

»Chuenaten,« rief Ti, dessen Mutter: »Chuenaten,

Dein Morgengebet ist fürwahr unbesonnen,

Oh laß Dich, Du thörichter Schwärmer, berathen!

Das Werk, das Dein herrlicher Vater begonnen,

Zerstöre es nicht durch verzweifelte Thaten:

Chuenaten, Chuenaten, die stolzen Kolonnen

Der Kämpfer für Ra, Deine bravsten Soldaten

Sind ringend gefallen, und wer hat gewonnen!

Es stehen die Vesten und Tempel von Theben.

Und mag Deine Würde auch ruhmvoll erstrahlen,

So weißt Du, was Anbeter Amons erstreben.

Die Priester der Hauptstadt verstehn mit Kabalen

Bestimmt noch den Aufruhr im Land zu beleben!

Du fahndest fanatisch nach RaIdealen,

Du wandelst auf einsamer Bahn und daneben

Vergißt Du der andern Gedanken und Qualen.

Ich warne Dich. Sage, was bringt Dich zum Rasen!

Ein Wahn ist in Dich, mein Chuenaten, gefahren.

Was wallt in Dir auf? Ach, laß die Ekstasen

Den Armen, den Kranken, die das offenbaren,

Was lange RaPriester vor Priestern verlasen.

Begrab die Gefallenen und laß die Fanfaren,

Die Frieden verkünden, zum Todtenfest blasen!

Das Ahnenverscharren bewahrt vor Gefahren:

Zur Zeit als mein Mann Amenemhotep lebte,

Befand sich, wo immer man Kriegsruhm erstrebte,

Im Heere des Landes ein Kadaververpacker,

Der sorgsam die Mumien der Helden verklebte,

Und sieh, auch Dein Vater war tapfer und wacker!

Doch weiß ich von Unheil, das einst uns umschwebte:

Es warf die Sahara waghalsige Racker,

Bis Theben, zu Pferd, daß die Erde erbebte,

Und damals, nur damals, verwesten die Leichen.

Chuenaten! So banne die schwankenden Schatten

Und laß uns nickt wieder von Ahnen umschleichen;

Sie kamen zuerst als verhungernde Ratten

Hervor aus den dumpfen, verdunkelten Reichen,

Und als wir für sie keine Nahrung mehr hatten,

Da mußten die Lebenden selber erbleichen:

Drum sollst Du, mein Sohn, Deine Todten bestatten,

Um nimmer den bösen Barbaren zu gleichen!

Ja, Zeichen erscheinen am Himmel, auf Erden,

Die gleichen, die einstens auf Elend gewiesen;

Die Priester erzählen mit Schauergeberden,

Von Tempelgespenstern und Schattenrißriesen.

Chuenaten, was soll aus den Nilländern werden,

Die Äcker sind brach, kein Vieh auf den Wiesen;

Sieh, niemand bekümmert sich mehr um die Heerden,

Die Steuern sind höher, geringer die Priesen,

Und Bauern vertummeln ihr Gut mit den Pferden!

Fürwahr, mein Chuenaten, Du gleichst den Barbaren,

Ratrunken zerbrachst Du Altare und Städte,

Doch sag, kann Dein Ra Dich vor Schaden bewahren!

Ich seh in den Tempeln, in Theben, Skelette,

Rings Menschen im Elend, statt rastarken Schaaren.

Man raschelt den Namen von Ra um die Wette

Und ahmt Dich auch nach, mit verwandtem Gebahren,

Doch Ra, wenn er Allkraft und Dankbarkeit hatte,

So könnt er Ägypten den RaKrieg ersparen!

Oh, glaube dem Weib, das mit Leid Dich geboren,

Dem Amon und Ptah bleibt die Kraft für die Rache,

Schon jetzt ist Dein Werk und Dein Welttraum verloren,

Schon ahn ich der RaFeinde gräßliche Lache.

Die RaMacht zerprallt vor den Amonstadtthoren:

Es spiegelt der Mond sich im Blutsprudelbache,

Der aufschäumt aus Mündern, aus Wunden und Ohren:

Mir ists, als ob Ras Tempel berste und krache,

Als hatte das Land gegen Dich sich verschworen!

Chuenaten, Chuenaten, Du hast keine Söhne,

Es konnte Dir Ra keine Knaben bescheeren,

Dies bleibt Deine Schuld, – drum hör mich: versöhne

Dich rasch mit den Feinden, die allseits sich mehren.

Chuenaten, oh hör auf das Völkergestöhne

Und laß uns nicht länger den Frieden entbehren!

Vermahle die schönste der Töchter und kröne

Den Freier zum König, bestürm ihn mit Ehren,

Daß niemand dereinst Dein Gedenken verpöne.«

»Ach Mutter«, rief plötzlich fanatisch Chuenaten,

»Kein Weib wird mein Streben und Wirken verhindern,

Das Dasein von Ra kannst Du nimmer errathen,

Da giebts keine Milde, da läßt sich nichts lindern.

Das da ist das Drama aus Ras Manngewalten,

Die allseits erwachen, den RaKampf entfachen,

Beim Dreinschlagen lachen, die Maße zerspalten,

Die Staaten gestalten, die Sklaven bewachen!

Ra selbst ist der mannbare Daseinsgedanke,

Der geisterhaft wachst und den Leib überwindet:

Er selbst der RaSehnsucht asketische Ranke,

Ist das, was im Menschen das Lichtall verbindet!

Er kehrt von der Erde den Blick hin zum Lichte,

Er kennt seine Ewigkeit zwischen den Welten,

Er wirkt, daß das Zeitliche selbst sich vernichte,

Und liebt was fanatisch bleibt, raumfrei und selten.

Ra selbst ist das Dasein von Menschen und Thieren,

Ra tödtet was schwach wird beim Sichselbsterringen,

Ra will, daß wir Männer den Erdtrieb verlieren,

Ist Ra doch das Schicksal: wer mag es bezwingen?

Die RaFlamme stirbt nicht, denn Licht ist ihr Wirken,

Ihr Anfang, ihr Aufschwall und zielloses Ende:

Sie will sich entzirkeln, entstrebt den Bezirken

Und schafft drum den Urschein von Raum und Zeitwende.

Chuenaten, oh Mutter, wird nimmermehr sterben:

Ihm konnte kein Weib seine Söhne bescheeren,

Ich werde einst selber mein Wirken ererben,

Die Flamme in mir kann sich nimmer verzehren.

Bald wird die Sahara das Nilthal verscharren,

Das reiche und üppige Leben verwesen,

Das Schwache erstarren, die RaKraft beharren,

Drum trennt sich was Mann ward vom weiblichen Wesen.

Bei Fischen, bei Fröschen, bei Kröten und Schlangen

Sind Männchen und Weibchen von nämlicher Gattung,

Die Tigerin hat noch das Raubthierverlangen

Des Tigers und zeigt keine Weibheitsermattung.

Die Löwin ist tapfer, doch fehlt ihr die Mahne,

Schon konnte der Löwe den Königstopf krönen.

Bei Vögeln, bei denen es ist, als ob sich Erhöhung ersehne,

Ist schön nur das Männchen, an Formen, an Tönen!

Der Stier ist das reifste der männlichen Thiere,

Die Kuh ist verschrumpft und sie gleicht einer Mutter:

Für uns ist es gut, daß sie Wildheit verliere,

Sie sucht nur ihr Futter, sie kalbt und giebt Butter:

So mag sich im Weib alle Weiblichkeit sammeln,

Der Mann muß, was schwach ist, von Anfang an, bannen,

Es darf das Geschlecht keine RaBahn verrammeln:

Und wird man ganz Mann, kann man fast sich entmannen!«

»Chuenaten, erscheine beim Fest der Kastraten!«

Rief plötzlich ein Priester mit zitternder Stimme.

Chuenaten ist fast außer Fassung gerathen,

Doch sieh, er ging hin mit verbissenem Grimme.

Rings standen des Tages Altarkandidaten,

Meist Kinder, bestimmt, daß ihr Urtrieb verglimme.

Es brachten die Eltern die Knaben nach Theben,

Sie sollten geschlechtslos dem Staatswesen nützen.

Es freute die Kinder, ein Fest zu erleben,

Sie suchten sich kaum vor den Schmerzen zu schützen,

Denn Neugier und Angst ließ sie gleichstark erbeben,

Dann schauten sie lüstern auf blutrothe Pfützen.

Es waren die Weiber nicht langer zu halten,

Es graute sie garnicht, das Schauspiel zu schauen,

Man sah wie sie keiften, wie Fauste sich ballten:

Es wollten sich alle am Blutstuß erbauen,

Und schrie säh ein Knabe, verkrallten sich, prallten

Und stauten sich Haufen von grausamen Frauen.

Die Männer im Harnisch, die rings sie vertrieben,

Beachteten kaum, mit verlorenen Blicken,

Die blutigen Szenen und stießen mit Hieben

Die Weiber zurück, um nicht selbst zu ersticken;

Gar viele verreckten, doch mehr noch verblieben,

Sich wirklich in Theben, beim Fest, zu erquicken.

Oft warfen sich Männer orgiastisch zu Boden,

Gar manche begannen sich selbst zu entmannen,

Und schrien dann vor Schmerz, mit verstümmelten Hoden.

Und Weiber, die wild ihren Wachen entrannen,

Begrinsten, begafften die Krampfepisoden,

Die rings sich, beim Fest der Kastraten, entspannen.

Die Hallen begannen sich langsam zu ädern:

Ein Scharlachbach sprang über Marmorterrassen:

Die Weiber, gereizt zum Beschaun von Blutbädern,

Bekamen die Jünglinge blasserer Raffen

Zu lüsternem Spiel, zum Verstümmeln, zum Rädern

Und kalten Betrachten von Martergrimassen.

Unfaßbar viel Volk ist nach Theben gekommen,

Und immer noch folgen sich Schiffe auf Schiffe:

Da kommen schon wieder Nilflotten geschwommen!

Gar viele umschifften gefährliche Riffe:

Zumal die den Weg durch die Schnellen genommen,

Sind fix und verstehn sich auf Nilschifffahrtskniffe!

Verankerte, heimische Barken entladen

Die nächtlich erbeuteten Austern und Fische:

Gar sorgsam entklaubt man von jäglichem Faden

Des Netzes die Thiere, daß keines entwische;

Und nah, am Gestade, lustwandeln und baden

Thebaner, erquickt durch die silberne Frische.

Jetzt nähern sich ringsum die Segler dem Strande,

Verschiedene bringen aus Punt Spezereien.

Die Händler erscheinen im besten Gewande,

Um sich und der Waare den Glanz zu verleihen:

Das hebt ganz natürlich die Freude am Tande,

Und gleich fängt man an, Werth und Preis auszuschreien.

Die Mannschaften klettern und reffen und raffen,

Mit Hast, doch im Takt, daß die Kraft nicht erlahme.

Fast würdevoll sitzen hingegen die Affen

Mit vagen Besitzerbegriffen im Krame

Und lassen sich gerne vom Haufen begaffen,

Und einer begrinst eine alternde Dame.

Die Frauen aus Punt sind rundputzig und tragen

Nur kurze, durchsichtige Kleider wie Glocken,

Begehrliche Männer, mit schlechtem Betragen,

Beginnen sie drum, halb zum Spaß, zu umhocken;

Behindert, beleidigt, vertheidigen, schlagen

Sich manche und andere entkommen erschrocken!

Die Krämer aus Charu, auf hohen Kameelen,

Belustigt das Schätzen und bloße Betrachten

Der Menschen und Sachen zum kaufen und stehlen;

Und manche, die lange nach Sinneslust schmachten,

Spazieren bereits ihre lüsternen Seelen,

Wo Gaukler und Weiber berauscht übernachten.

Vertheilt und versprengt, fast verloren, gerathen

Doch schließlich die meisten zum Platze des Festes,

Zur Feier der eben geweihten Kastraten.

Ganz Theben strebt hin und kein einziger verläßt es,

Denn dort sieht man Narren und Tanzakrobaten,

Und stets giebt ein Fest, wo auch Blut fließt, sein Bestes!

Chuenaten begrüßt nun sein Volk vom Balkone

Des Schlosses und spendet sein Gold den Getreuen

Des Ra; er zeigt sich den Städtern zum Lohne,

Weil diese nicht länger die Götzenmacht scheuen.

Selbst Hörige, Sklaven befreit er von Frohne,

Wenn diese sein Herz, durch den RaKult, erfreuen.

Der König, vom Weib und den Töchtern umgeben,

Denn sieben hat jene Chuenaten geboren,

Hat Ai und sein Weib, für ihr Günstlingsbestreben,

Statt Priestern des Amon, zur Huldigung erkoren:

Und diese versprechen stets eifrig zu leben

Und haben Chuenaten RaTreue geschworen.

Des RaTempels Diener umtanzen, umspringen,

Mit Trommeln und Flöten, den König zum Danke

Für alles was Ai und sein Weib schon empfingen;

Chuenaten hat fast die gebräuchliche Schranke

Und Ferne, die Königsgesetze bedingen,

Verwunden, denn einzig gilt jetzt der Gedanke!

Des Ai beste Schreiber und Zeichner erscheinen,

Bereit, das Ereigniß sofort zu vermerken;

Gemalt und gemeißelt, auf Rollen und Steinen,

Bewahr es die Nachricht von heilsamen Werken,

Von Tugenden, die sich im König vereinen,

Von Strahlen des Ra, die ihn anstachelnd stärken!

»Nun seht,« spricht Chuenaten: »ich fühle die Hände,

Die tief aus dem RaAll mein Inneres ergreifen;

Empfangt drum beherzt jede fürstliche Spende,

Denn ewig läßt Ra seine Tagessaat reifen:

Sein Reichthum ist alles, was anfängt sein Ende,

Drum spür ich sein Wollen zu Gold sich versteifen!

Nehmt hin: ich verschenke das Gut meiner Väter,

Empfangt auch das Geld jener feindlichen Lenker

Des Staates, der schamlosen Amonanbeter!

Ich selbst bin der eifrige RaStaatseinrenker

Und wüthe bewußt gegen alle Verräther:

Ja, wer nicht gehorcht, der verfällt meinem Henker!

So seht doch den Himmel und seht jene Streifen

Von Nebeln, die weit ihn und stillernst bedecken;

Um milde den heutigen Tag zu durchschweifen,

Gebar sie das Licht, und nun will sichs verstecken;

Doch bald wird es wieder durchs Schleierbrett greifen,

Als wollte es stündlich sein Dasein erwecken:

Doch dann sollt Ihr betend zum RaBall Euch wenden,

Damit er Euch, perlend und funkelnd wie Sterne,

Aus Wolken erblühend, erschaun kann und blenden.

Ihr Männer Ägyptens, Ihr Söhne der Ferne,

Dann beugt Eure Kniee und steht mit den Händen,

Und liebt Licht und Wärme, verehrt sie auch gerne!«

Es hat kaum Chuenaten die Worte gesprochen,

So strahlt schon der RaBall hervor aus den Schleiern,

Und stolz fühlt der König sein hohes Herz pochen,

Dann jetzt wird auch Theben die RaAllmacht feiern.

Schon kommt auf den Knieen die Menge gekrochen

Und schrill schallt der Schrei aller RaProphezeiher,

Die überekstatisch das RaReich verheißen.

Der König erscheint nun, von Gold übergossen,

Am hohen Balkone; denn Lichtbündel gleißen,

Hernieder auf ihn, auf sein Weib, auf die Sprossen

Des Hauses, die lieblich und zart sich befleißen,

Zu schenken, was scheinbar vom Himmel geflossen.

Es schreit nun die Menge: »Du, großer Chuenaten,

Unendlich wie Ra sind fürwahr Deine Thaten,

Du bautest die prachtvolle RaStadt Chutaten

Und schütztest die Tempel mit tapfern Soldaten,

Du sandtest dann Fürsten, mit Friedensmandaten

Nach Theben, zur Warnung der Stadtpotentaten,

Und siehe, sie kehrten mit Rathreferaten

Von Amon bekehrt und als Ras Renegaten

Zurück in die Stadt, die sie schamlos verrathen.

Du straftest sogleich alle KaApostaten

Und nahtest dann selbst Deinen Aufrührerstaaten.

Rasch schlugst Du die Heere von Amons Prälaten

Und bist, laut Beschlüssen und Friedenstraktaten,

Nun Herr und nun hier in der Stadt der rabiaten

Beherrscher des Usgau, in Amons Ornaten.

Wir sehn Deine Kraft an den Kriegsresultaten,

Wir preisen Dein Wesen in Tempelkantaten

Und trachten gehorsamst Dir gleich zu gerathen!«

Die Menschen die solche Gesinnung vertraten

Und jammernd den König um Gunstgaben baten,

Begannen in Ras Krampfgewalt zu gerathen

Und heulten orgiastisch: »Chuenaten, Chuenaten,

Nun laß uns dem Sumpf der Eunuchen entwaten!

Chuenaten, Chuenaten, ersetz die Kastraten

Durch Mönche mit Lustobgewaltsurrogaten;

Verriegle die Weiber allein in Kemnaten

Und schaff einen Orden mit Razölibaten

Und wahr uns vor fremden Geschlechtsattentaten.

Oh bilde die Sekte! Und Uraggegraten

Sind alle Ägypter, oh König Chuenaten!«

Nun bringen auf einmal fanatische Frauen

Die Kindlein herbei, sie dem Könige zu zeigen,

Und lassen Chuenaten, erfüllt von Vertrauen,

Indem sie sich tief vor dem Throne verneigen,

Die Säuglinge, die sie geboren, beschauen:

Und Graun packt den König, und nun folgt ein Schweigen!

Mit Riemen verschnürt sind die kindlichen Leiber,

Die Köpfe beschwert, um sie ganz abzuflachen,

Denn längst schon begannen die Zeichner und Schreiber,

Beim Bilden, ganz schroff, jede Stirn abzudachen:

Denn so ist der König und, sieh, auch die Weiber

Versuchen es Schreibern, in Fleisch, nachzumachen!

Der Priester des Amon benützt nun das Schweigen

Und ruft, von geharnischten Kriegern umgeben:

»Dein Aarprofil, König, ist garstig und eigen

Und sagt nur, Chuenaten ist überverwegen:

Er wird sich zu maßloser Dreistheit versteigen,

Ganz schonungslos handeln und nichts überlegen.

Gar schlaff ist Dein Fleisch, schlanker König Chuenaten,

Gar zart bist Du wahrlich, Du Mann Du, gerathen!

Doch sag, warum schreist Du in Mannschaftstraktaten,

Daß Du Mann, nur Mann bist, mit Ras Mannmandaten:

Fürwahr Du bewährst Deine Kraft durch Soldaten,

Die alles zerstampfen, so Städte wie Saaten!

Für Dich sind die Menschen umsonst und zuwider,

Drum schlachtest Du alles im RaÜbermuthe,

Und liegen auch Städte und Strecken darnieder,

Was thut es, zum Schluß liebst Du nur Deine Stute.

Nichts freut Dich als Reiten und Stärken der Glieder;

Ja, sicherlich steckt Dir der Hyksos im Blute!

Du plünderst die Grüfte, verweigerst die Gräber!

Du bringst selbst Amenti in Angst und Erregung!

Du bist nicht Osiris, Du schändlicher Streber!

Du giebst keiner Mumie die erste Bewegung!

Du bist nur ein diebischer Würdenvergeber

Und sorgst, statt für Todten für Pferdeverpflegung!

Du glaubst an ein urfreies leibloses Leben

Und willst Ku von Nivu und Ba gar entlösen,

Doch Blut ist die Seele und eitel Dein Streben,

Drum schone das Blut, mit bewußtreligiösen

Gefühlen der Achtung, dem Ewigen ergeben:

Nichts Tieferes giebt es in Leichengekrösen!

Doch laß alle Buße, Dir hilft kein Spruchsprudeln,

Zu spät ist es heute, Dein Blut ist verloren,

Es mag Dick Dein RaTroß, die Aischaar lobhulden!

Von Amon verdammt, wirst Du nimmer geboren;

Nun zähl Deine Freunde: in Ras Aufruhrrudeln

Hat mancher RaSchwärmer sich treulos verschworen!«

Jetzt naht von gewaltigen Massen umgeben,

Fast athemlos, Amons Gesandter Chuenaten

Und ruft: »Du Verwegener, nun sollst Du erbeben,

Verzucke, gefällt durch die eigenen Thaten

Und ohne, daß andere den Leib Dir verkleben,

Zum Nichtsein verflucht, von Soldaten verrathen,

Verdirb auf dem Felde, den Geiern zur Beute!

Nichts bleibe mehr aufrecht von Ras Machtdiktaten,

Aufflamme das Gold aller habsüchtigen Leute,

Die Gaben und Almosen schalkhaft erbaten:

Die Gluth ihres Gutes verzehre noch heute

Die RaSchaar im Nilthal, samt allen Piraten.«

Nun stürmen sich wüthend zwei Haufen entgegen:

Der König entreißt einem Bauern die Hacke

Und bricht sich gewaltsam, ganz tollkühn, verwegen

Ein Gleis, – trotz des Anpralls vom schwankenden Packe,–

Jetzt vor, bis zu Amon und stürzt ihn mit Schlagen

Der Axt und schreit: »Alpklotz zerstückle, zerknacke!«

Nun sieht er sich strahlend der Menge entragen

Und spottet, zum Priester des Amon gewendet:

»Nun kannst Du, vermagst Dus, den RaBall zerschlagen,

Denn Amon liegt da, von Chuenaten geschändet;

Ich mußte fürwahr nicht aus Zartheit verzagen,

Du rufe Dein Amen, mein Werk ist vollendet!«

Es dringt jetzt ein schreckliches Fremdengezeter,

Vermischt mit Gewimmer erstickender Kinder,

Hervor aus den Reihen lautschreiender Beter:

Auch kreischen die Weiber und Priester nicht minder,

Doch plötzlich schweigt alles, nun heißt es: »Dort geht er!«

Und bleich weicht das Volk vor dem Gottüberwinder.

Nun ruft man fanatisch; »Chuenaten, Chuenaten,

Wir sind es, die stets Deine RaRraft bejahten,

Du gabst uns Beweise, mit wahrhaft probaten

Gewaltakten, die ja Ras Allmacht verrathen!«

Und Männer aus Charu und andern Fremdstaaten

Bewundern besonders die That von Chuenaten.

»Chuenaten,« spricht Ti, dessen Mutter: »Chuenaten,

Der Kampf war gewaltig, der Sieg ist errungen,

Die Feinde, die Amon und Theben vertraten,

Sind alle zerspalten, beinahe bezwungen.

Chuenaten, doch laß Dich trotz allem berathen,

Du hast viele Fremde als Söldner gedungen,

Erhalt sie und laß Deinen Bauern den Spaten,

Der Friede beweist, was im Kriege gelungen.

Chuenaten, auch ich habe große Gedanken,

Ich wage es einen Dir, flüsternd, zu sagen:

Die Fremden, Chuenaten, zerbrachen die Schranken,

Die ewig im Nilthal dem Staat unterlagen;

Ich glaube sie alle sind wuchernde Ranken,

Die schwer nur die Stämme Ägyptens ertragen:

Nie darf unser Land wegen jener erkranken,

Doch sollst Du sie plagen, nicht wahllos verjagen!

Chuenaten, Dich haben die Fremden betrogen,

Sie haben gestohlen, geschachert, erbeutet,

Sie haben Ägypten die Nährmilch entsogen

Und wo Ihr Euch hadernd im Nilthale bläutet,

Dort haben sie ihre Erfolge erwogen.

Und wenn Ihr Euch herrlicher Siege erfreutet,

Ward immer von Fremden der Kampfplatz bezogen:

Die nahmen, was Ihr zu erringen Euch scheutet,

Mein Sohn, und Du bist solchen Leuten gewogen!

Erfülle, Chuenaten, die einzige Bitte,

Behalte die Fremden als Sklaven im Lande

Und tödte die Reichen, nach üblicher Sitte:

So bringst Du gewaltige Feste zu Stande

Und jedermann richtet dann lieber die Schritte

Nach Städten des Ra und erneuert die Bande

Mit Dir, großer König, und löst so die Kitte

Der Gaue mit Theben, dem Amon zur Schande:

Denn sieh, Dein Chutaten liegt gut in der Mitte

Des Landes und prächtig am Weg zu den Meeren.

Dort kannst Du die Straßen nach Theben verlegen,

Den Zulauf zu Festen des Amon verwehren

Und leichter Ägypten zum RaKult bewegen.

Doch Ra, der Dir half, sollst Du einzig verehren

Und Haß gegen Fremde und Günstlinge hegen.

Auch sollst Du den Erben nicht länger entbehren,

Was ist Dir an Weib und an Töchtern gelegen,

Ein anderes könnte Dir Knaben bescheeren!«

Worauf jetzt der König entschlossen erwidert:

»Die Fremden besitzen ein gutes Gedächtniß,

Sie sahen erstaunt, was ich rastark gegliedert,

Wer weiß, übernahm man dabei mein Vermächtniß?!«

»Mein Kind,« wimmert Ti jetzt verletzt und erschrocken:

»Nicht wurden die widrigen Hyksos vertrieben,

Um ärgere Feinde ins Nilthal zu locken:

Noch ist uns die Macht zum Regieren geblieben,

Mein Sohn, und Du lockerst den Staat, um die Brocken

Ägyptens dem gierigen Feind zuzuschieben,

Zum Schluß wird das elende Kusch noch frohlocken

Und Du die Kuschitinnen hätscheln und lieben,

Mein Kind, dies erwog ich und sag es nun trocken.«

»Ach Muter, Du sprichst nur, Du weißt nicht zu sagen,

Du willst nichts erfragen, Du hast nichts verloren;

Das Weib bleibt das Übel, dem Thäter entragen,

Und sieh, Männer sagen, als wissende Thoren!«

Kaum hat jetzt die Mutter die Worte vernommen,

So giebt sie zur Antwort: »Du sollst mich belehren,

Mein Sohn, alles Große stets soll es Dir frommen,

Du konntest Ägypten zum RaKult bekehren,

Dein Heer hat die Mauern von Theben erklommen,

Drum soll Dich das Vaterland lieben und ehren;

Es seien die Fremden im RaStaat willkommen,

Dein Schutz sei vollkommen, Du magst ihn gewähren,

Doch hält Deine Rachsucht mein Herz arg beklommen!«

»Der Mann ist der Sünder, das Weib seine Sünde,

Es würgen und sän doch die nämlichen Hände:

Verrucht ist der Staat, den ich eben begründe,

Doch laß, daß ich schrecklos mein Werk jetzt vollende!«

»Du zitterst, mein Sohn, laß, mein Kind, Dich begreifen,«

Hat Ti jetzt, als Antwort, aus Antwort, gegeben:

»Du fieberst,« so spricht sie: »Visionen umschweifen

Dich jetzt und verdrängen Dein ernstes Bestreben.

Du solltest Dich besser auf RaWerthe steifen

Und andere aus göttlichem Ansehn entheben,

Du magst Dich an Götzen wie Amon vergreifen,

Doch nimmer so tief in Dir selber erbeben,

Ach, ruh jetzt und laß Deine RaSaat erst reifen!«

»Nein Mutter, es stehen die Tempel von Theben,

Die werden noch heute, zum Fest der Kastraten,

Entstammende Arme zum Himmel erheben

Und beten und flehen, daß alle drin braten.«

Es hat kaum der König die Worte gesprochen,

So schreit seine Mutter: Ȇb Gnade, Chuenaten,

Schon hab ich die Flammen seit Wochen gerochen,

Ich sah Dich, aus Wahnwitz, in Blutlachen waten;

Das Feuer ist rasch in der Stadt ausgebrochen,

Drob bist Du in arge Bedrängniß gerathen;

Es waren um Dich alle Wachen bestochen

Und stießen Dich nieder, als Feinde Dir nahten:

Selbst jetzt läßt der Anblick mein Herz rascher pochen.«

»So werde ich alle Ägypter entlassen

Und Fremde zu Wachen und Anstiftern wählen,

So mag denn die Gluth gleich ganz Theben erfassen,

Und niemand sich feig aus der Feuersbrunst stehlen.«

Den Worten des Königs wirft Ti sich entgegen

Und schreit: »Warum willst Du die Hauptstadt verbrennen?

Wie kannst Du so ruchlose Lauerwuth hegen,

Wie wagst Dus, den grausamen Plan zu bekennen?

Wozu blindlings dreinhaun und Feuer anlegen,

Warum nicht den Freund erst vom Erbfeinde trennen?

Du dürftest mich nimmermehr, Mutter mein, nennen,

Vermöchtest Dus nochmals den Brand zu erwägen!«

»Ein großes Bewußtsein ersetzt tausend Theben,

Denn Ra wirkt im Hirne, gewaltsam und herrisch,

Er muß sich aus Kampf und Krampf ewig ergeben,

Drum ist solch ein Wahnwitzbrand fürwahr nicht närrisch.«

Kaum sagt das der König, so spricht Ti entschlossen:

»Ich kann Deinen Worten wahrhaftig nicht trauen,

Ins Schloß, wo Du einst meinem Schooße entsprossen,

Begeb ich mich jetzt, ohne Zaudern und Grauen,

Inmitten von Theben, vom Feind eingeschlossen,

Erwart ich mein Schicksal, umgeben von Frauen.

Ich hoffe, Ihr habt Eure Pfeile verschossen,

Ich will, daß die Bauern den Usgau bebauen,

Von Bränden, von Possen, erzähl Zechgenossen!«

Allein zu sich selbst sagt nun grimmig Chuenaten:

Gott selbst ist der Sünder, die Schöpfung die Sünde,

Drum darf ich das Weib, nicht sie mich verrathen,

So brenne denn Mutter: ich wüthe, entzünde!

»Was mag der Krawall im RaLager besagen,

Es kappern wohl endlich die krätzigen Fremden,

Man will vielleicht Aussatzbefallene verjagen

Und kreischt oder feilscht nur um prunkvolle Hemden.

Ägypter, die Zucht unserer Väter verkümmert!«

Schreit jetzt Amons sehender Priester und wimmert;

»Der König hat hier unsere Gottheit zertrümmert

Und uns und sich selber das Dasein verschlimmert!

Fast trachtet der Tag heute länger zu dauern,

Es scheint sich ein Glastwall um Theben zu stauen;

Bespickt mit Beschauern sind alle Stadtmauern,

Rings mag sich die RaSchaar am Ballfall erbauen.

Man ahnt wobl, daß heute das Glück Thebens scheidet,

Denn morgen schon wird man in Blutgossen waten,

Ach Ai, warum hast Du uns albern beneidet,

Und ach, was verbrachst Du, waghalsiger Chuenaten!«

»Was machst Du da, Papis, fast scheinst Du zu warten!«

So schrein aus dem Tempel Altartanztrabanten:

»Komm laß uns die Seele von Amon entfachen,

Wir wollen toll schweißen, was andere umrannten!«

»Ach laßt mich,« sagt Papis: »den Abend betrachten

Und warten bis sacht alle Strahlen verglühen,

Jetzt wallen Gefallene vergangener Schlachten

Durchs Thal: sagt, was treibt Euch, das Fest zu verfrühen?«

»Es zieht der Tanz Todte an« schrein Koribanten:

»Gewesene hetzen uns, jung zu entstehen,

Und wo sie mit Krallenkraft Paare festbannten,

Umschauert gleich Mann und Weib des Werdens Wehen!«

»Ich komme gleich, Kinder mein, Ihr mögt genießen,«

Spricht Papis: »Das Licht ist nun ziemlich verschieden,

Doch seht wie um Theben jetzt Gluthähren sprießen,

Ein Goldrausch erwacht nun statt Silberfrieden!«

»Die Männer vermummten, verhüllten sich alle,

Die Mägdlein erscheinen wie Lichtmeteore,

Drum walle zum Schalle, zu Amons Nachtballe!«

So gellts aus des Tempels verdunkeltem Thore.

»Ich komme, ich komme, doch horcht aufs Geprassel,

Ja Flammen und Waffen des Ra seh ich nahen,«

Ruft Papis, dann hört er nur Schall und Gerassel

Der Schaaren, die rings seine Ahnung bejahen.

Im Tempel das Fest ist schon lange im Gange:

Die Männer, in Mäntelgewändern verkleidet,

Versuchen, verdunkelt, im Tanzüberschwange,

Ein Mädchen, das keine Gestalt unterscheidet,

Für sich zu erhaschen und hold einzufangen.

Die Mädchen, in flimmernden Schleiern, vermeiden

Zu rasch in die Freiersgewalt zu gelangen,

Woran sich die Sinne der Theilnehmer weiden.

Es ist das der Tanz heller Glanzmeteore!

Erstrahlende Mädchen entwallen dem Dunkel

Und wirbeln und kreuzen sich, rhythmisch im Chore:

Sie tanzen nach Harfen: ihr Perlengefunkel

Erzittert so reizend wie Mondlicht im Nile.

Schon sieht man so manche im Mantel verschwinden,

Da treibt sie ihr Freier zu lieblichem Spiele,

Wenn andere sich lang noch dem Dunkel entwinden.

»Ihr Kinder, Ihr Kinder, was hab ich geraten,

Das Fest ist ergötzlich, doch falsch Ort und Stunde!«

Ruft Papis: »Beim Feste fremdwidrer Kastraten

Darf niemand mehr tändeln; vernehmt meine Kunde:

Es mag jetzt die Gottheit durch Euch nicht genesen,

Es steht unser Amon mit Ra nun im Bunde,

Wir werden im Tempel verbrennen, verwesen,

Schon stammen die Häuser, ringsum in der Runde!«

»So komm in den Tempel, Dein Fieber zu kühlen,

Wir kennen die Männer nicht, die uns verführen,

Doch hold ist ihr Athem, und süß ihn zu fühlen,

So komme denn selber, ein Mädchen zu kühren.«

So singt man im Tempel, doch Papis ruft traurig:

»Ach, seht wie die Nacht sich mit Purpur verschleiert,

So glaubt an die Gluth, denn sie naht und ist schaurig:

Es geht nicht, daß Ihr, wenn man Ra anruft, feiert.«

»Die Sterne sind heiter und flimmern wie immer,

Das ist ein Komet, der uns goldig umschmeichelt,

Wir lieben sein schwirrendes, lichtes Geflimmer,

Er ists, der uns anhaucht und liebkosend streichelt.«

So singt man im Tempel, doch Papis schreit grimmig:

»So seht doch die Funken, die hoch Euch umschweben,

Erhebt Euch jetzt endlich und betet einstimmig,

Es möge Euch Amon das Zögern vergeben.«

»Die Sterne stehn fest, doch wir Taumelnden schwanken,

Wir zittern und beben, uns schwindelt, wir sinken;

Zu groß ist das Glück, um jetzt Amon zu danken,

Oh, laß uns Lust trinken, da Sterne selbst winken.«

So singt man im Tempel, doch rasend ruft Papis:

»Zertrümmere, Du bübischer Stümper Chuenaten,

Den Amon, den Ptah und vertreibe den Apis,

Doch wahr uns vor Flammen; ach laß die Soldaten

Rasch Eimer ergreifen, statt nutzlosen Lanzen:

Verschone Ägypter, die nie Arges thaten,

Sie wollten nur glücklich sein, jubeln und tanzen,

Du darfst nicht brandschatzend das Nilthal verrathen!«

Das Feuer haust immer noch näher und näher,

Jetzt stieben die Paare erhitzt auseinander,

Verstummt ist die Stimme von Papis dem Seher,

Doch ist es, als ob er die Halle durchwander.

Die Männer zerstampfen die Mantel und Larven

Und tanzen jetzt nackend im purpurnen Lichte,

Man spielt noch frenetisch auf berstenden Harfen

Und glaubt, daß man tanzend den Amon aufrichte.

Jetzt sträuben die Häuser entsetzt Flammenmähnen,

Die Winde zerzausen sie prasselnd und rauschend:

Im Tempel beginnen entsetzliche Szenen.

Doch Papis bleibt still und sich selber belauschend

Erwägt er die Flucht aus den rauchenden Mauern.

Da fangen schon Mäntel und Schleier rings Feuer

Und Papis sieht, lang kann es nimmermehr dauern,

Und keiner der Ausgänge scheint ihm geheuer,

So ruft er denn: »Kinder, die Todten erwachen!«

Er rast nun und ruft zu der Tanzsarabande:

»Es kann Euer Lachen den Amon anfachen,

So schmelzt jetzt versengend die ehernen Bande,

Die Euch mit der Gottheit für ewig verschweißen!«

So tollen denn alle, die brennend noch johlen.

Und Großes sucht Papis dem Volk zu verheißen.

Dann wogt Gold aus Körpern, die röchelnd verkohlen!

Die Windsbraut, die Brunstbraut, entfahren den Dächern,

Sie fassen sich, lassen sich tanzend nicht ruhen,

Sie sausen mit Fächern, entzausen sie Schwächern

Und wirbeln sich Gluthschmuck aus funkelnden Truhen.

Hier tanzt alles anders. Hier giebts kein Verweilen.

Die Glastpaare springen aus Lucken und Thüren.

Des Wahnwitzes Brandschwärme sprühn, glühn und eilen

Im Fluge aus furchtbaren Funkelgeschwüren.

Terrassen, umglastet von Scharlachguirlanden,

Die Flammen, auf Blutgluthglastkränzen erklettern,

Erscheinen wie Hallen für Brandsarabanden,

Und Blüthen umglühn sie mit grünlichen Blättern.

Ein Garten erwacht auf den brennenden Bauten,

Denn Blumen entwirbeln den flimmernden Schleiern,

Und Lichtbäume wuchern, wo Gluthen sich stauten:

Ja, Harze entstammen wie Kelche auf Weihern.

Die Thürme, die langsam zu bersten beginnen,

Erklimmen jetzt glimmende RaBrandBananen,

Und Wimpel umspringen die finstersten Zinnen,

Als schwenkten Chuenatens Fanatiker Fahnen!

Jetzt rasen auf einmal die Menschen zu Haufen

Zurück in die Stadt, ihre Habe zu retten:

Es scheint ganz unglaublich zu sehn, wie sie laufen,

Und viele versengen sogleich zu Skeletten.

Doch andere, die wieder im Freien erscheinen,

Entschleppen die Götzen und tanzen vor Jubel:

Es kann so der Brand ganz Ägypten vereinen,

Denn selbst RaSoldaten thun mit im Getrubel.

Die Fremden aus Charu durchplündern die Trümmer,

Sie sollten die Stadt für Chuenaten entzünden,

Doch dachten sie klüger: es wäre nichts dümmer,

Als glüthen die Güter in Feuersbrunstschlünden.

So stimmten die Fremden, voll Witz, und einhellig:

Die Tempel umsprühe ein glühender Gürtel,

Dort sei man beim Anschüren kühn und anstellig:

Doch ganz unbehelligt belaß man die Viertel

Der Stadt, wo die kleinmüthigen Spießbürger wohnen,

Dort schände man Mädchen und prügle Matronen,

Dann mag wohl der Tag sich zum Brandschatzen lohnen.

Doch plötzlich entsteht unter Mordbrennern Fehde,

Denn Weiber und Kinder beginnen zu stehlen;

Da hält gleich ein Lediger folgende Rede:

»Vermählte, Ihr sollt Eurer Diebsbrut befehlen,

Daß keines sich mehr an der Beute vergreife

Und lieber die Karren und Schiffe bereite,

Damit man dann leichter das Raubgut fortschleife,

Und nun schafft das Pack ohne weiteres beiseite.«

»Wie sprecht Ihr da,« zischelt ein Vater und Gatte:

»So laßt Weib und Kind sich ihr Eigenes erwerben,

Im Gegentheil will ich, daß niemand ermatte;

Es suche ein Jeder sein Gut unter Scherben.

Ihr Lottergesellen und Mütterverführer,

Ihr sollt jetzt ägyptische Jungfrauen schänden,

Ihr Schurken, Ihr zuchtlosen Meuteaufrührer,

Ihr müßt Euch vom Plündern zum Einbrechen wenden.«

»Wir haben zusammen Chuenaten verrathen,

Und rauben, um dann Eure Weiber zu kaufen,

Ihr Alten doch sollt heut in Feuer gerathen.«

So antwortet jener vom fraufreien Haufen.

Drauf wird vom Familienbeflissenen erwidert:

»Die Weiber und Kinder bestimm ich zum Plündern,

Zum Schutz sind die Väter ins Heer eingegliedert,

Und Ihr bleibt mit weitaufgerissenen Mündern.«

»Ihr Weibsknechte wartet, Ihr Lumpenbrutzüchter,

Ich will Euch im Nilthal wie Unkraut ausrotten;

Dich krieg ich, Du willkührlich ruchloser Richter,

Erwisch ich die Hoden, so liegst Du am Boden.«

Kaum schreit das der Ledige, entsteht ein Gezeter,

Es fängt mancher Hausen schon an, los zu raufen,

Doch blast noch vor Anfang des Kampfs ein Trompeter,

Und alles beginnt nach dem Hauptplatz zu laufen,

Doch gräßlich erregt und erschreckt, schreit die Menge;

»Wer Recht hat, entscheide, wer laut disputierte,

Im Einzelturnire verlier und versprenge

Nur der Blut und Gut, der so dreist renommierte.«

Da ruft schon der Gatte: »So warte Du Schmäher,

Gleich werd ich Dich quetschen, Dein Knorpelfleisch kneifen,

Du Einsteiger, Milchkalb und Kindskopfverdreher,

Ich werde Dich, Feigling, durch Blut und Dreck schleifen.«

»Und ich Deinen schlaffen Familiensitz packen,

Du Hahnrei, mich dünkts, ihn in Händen zu haben,

Dann mag ich Dich langsam erst knebeln und zwacken

Und will mich zum Schluß noch, beim Todtwürgen, laben.«

Kaum sagt das der Ledige, so droht ihm sein Gegner

Und trachtet, am Kampfplatz, ihn knapp anzuspringen:

»Du nennst Deine Schliche, Du dummdreistverwegner,

Du witzloser Ringer, so muß mirs gelingen

Dich gleich, selbst beim ersten Sprung, drunterzukriegen;

Noch bin ich gelenk und steh fest auf den Beinen,

Drum schleich ich umher, Dick im Nu zu bezwingen,

Und merk Dirs, ich werf Deine Eier den Schweinen.«

»Doch wärmt mich noch eher Dein Hausvaterlaken,

Ich hab Dir bereits Frau und Tochter geschändet,

Du glaubst nicht wie oft andere bei ihnen staken,

Noch wer Deine Habe genießt und verschwendet.«

Es schreit dies der Ledige, hindurch durchs Gelächter

Der Leute am Markte, die zischen und keifen:

»Ihr seid uns gar feig, beide, Hausdieb und Wächter,

So greift Euch doch an und erfreut Euch beim Kneifen.«

Nun kracht es und poltert es, blitzt es entsetzlich:

Der Tempel des Amon ist plötzlich geborsten!

Drin flattert, was flockig ist, flink und zerfetzlich,

Ja, Brandadler brausen aus glaststarren Horsten,

Und bis das Geprassel, das Rasseln der Wabe

Sich langsam besänftigt, sind Kinder und Weiber

Verbrannt und verscharrt unterm flammenden Grabe.

Ein Mann nur bleibt übrig und mustert die Leiber,

Die brenzelnd und bebend und knisternd verrecken,

Und hin zu ihm strecken sich glasthafte Tatzen,

Drauf schrecken ihn Zungen, die lechzend Gluth lecken,

Dann Blicke, so blau, wie von taubstummen Katzen.

Nun trachtet er kriechend dem Tod zu entkommen

Und stolpert zu Körpern, die hilflos verröcheln,

Die Angst vor dem Brand zeigt ihm alles verschwommen,

Und plötzlich verbohrt sich ein Schmerz in den Knöcheln.

Er muß seinen Leiberweg forttastend wähnen,

Er merkt nur, die Wand ist mit Gluth überkrustet,

Und menschliche Bänder sind brennende Mahnen,

Doch ists ihm, als hörte er rings sich umpustet:

Draus wirds ihm, als ob ihm der Ausriß gelange,

Auch ist er, fast traumhaft, ganz richtig getreten.

Und wie er hervortritt, umschreit ihn die Menge:

»Es zeigt uns ein Gott seinen echten Propheten.«

Nun wird schon der Mann auf die Schultern gehoben,

Er kann kaum den Schmerz seiner Wunden verbeißen

Und merkt nur, wie alle ihn johlend umtoben

Und schreiend laut auffordern Gott zu verheißen.

Doch ruft er nur: »Wasser!« und immer nur: »Wasser!«

Da stürmen die Fremden fanatisch zum Nile,

Und allseits verfolgen sie Amons RaHasser

Und selbst RaSoldaten sind jetzt mit im Spiele;

Und trotzdem gelingt es den Fremden, die Schiffe

In Eile zu kentern und rasch zu befrachten.

Die meisten sind flott und bereits im Begriffe

Die Anker zu lichten; wo andere noch trachten,

Die Feinde hübsch ferne vom Ufer zu halten

Und recht viel Erbeutetes unterzubringen:

Doch schließlich sind alle fast, ganz wohlbehalten,

Am Wasser und fangen an Psalme zu singen.

Doch da sich Ägypter am Ufer versammeln,

So lacht man verachtungsvoll draußen am Wasser

Und schlachtet, mit eben geheiligten Hammeln,

Auch Sperber und Reiher; ja, immer noch krasser,

Man laßt auch den Apis zum Frühstück zerstückeln!

Nun hört man ihn brüllen; dann grunzen und gackeln.

Drauf giebt man den Garaus selbst Neckhes Karnickeln.

Da packen Ägypter hellflammende Fackeln

Und trachten sie schwimmend in Brand zu erhalten,

Um draußen die Schiffe noch rasch anzuzünden;

Doch müssen fast alle beim Nachtbad erkalten,

Denn überall tauchen, aus nächtlichen Schlünden,

Des Nils Krokodille empor und erhaschen

Sofort alle Schwimmer, die selbst sich belichten.

Es wußten die Thiere: es giebt was zum Naschen!

Sie merkten das Brenzeln von vielen Gerichten

Und hörten das Lachen und Brüllen beim Schlachten.

Nun finden sie Menschen, die vortrefflich munden,

Und alle die Flammen, die Schiffern Noth brachten,

Sind wunderbar plötzlich zusammen verschwunden.

Da rufen die Fremden: »Stets gehe es Häschern

Wie Euch, grausen Henkern, in allen Gewässern;

Ihr wolltet uns ruchlos, zur Rache, einäschern,

So plätschert statt uns, frechen Apisfleischessern,

Jetzt heiter, mit heiligen Nilkrokodillen,

Im Flusse der Heimath und freut Euch am Spiele!

Wir wollen das Leid unserer Mitbürger stillen:

Es wartet schon Moses am unteren Nile.«

Jetzt tragen die Winde die Flammen zu Hausen:

Die Mitte von Theben steht gänzlich in Feuer,

Und Sprühregenbündel und Gluthblüthen traufen

Aus Rauchsäulen, rings überm Trummergemauer.

Das Feuer gelangt nun allmählich zum Garten

Des alten und prachtvollen Herrscherpalastes,

Und selbst alle Hallen, wo Staatswachen warten,

Sammt Pharaos Sammlungsarchiven erfaßt es.

Es knattern entstammende Balken und Planken,

Und alle die schlanken Palastsaalpilaster

Umarmen rasch RaGlastgranatapfelranken,

Und krachend zerbröckelt der Wandalabaster.

Da läßt sich denn Ti aus dem Flammenhaus tragen.

Die andern sind alle vor Theben geblieben,

Nur sie war entschlossen, ihr Leben zu wagen,

Sie hoffte, es würde ihr Sohn sie noch lieben.

Nun tritt sie, von Sklaven getragen, zu Tage,

Und rüstige, wirklich noch biedergesinnte

Bediente, vom alten ägyptischen Schlage,

Entführen sie klug aus dem Brandlabyrinthe.

Wohl stürzen am Wege Ruinen zusammen,

Und Brandstätten scheinen die Bahn zu versperren,

Doch senkrecht fast streben die Essen und Flammen

Empor aus den Tempeln, und unbeirrt zerren

Die Diener den Karren der Herrin treu weiter,

Und rings um den Zug fallen Glastschlacken nieder.

Ein Wirbel zerschlagener, ringsumverspeiter,

Zersplitterter Scherben umschwirrt ihn stets wieder.

Doch schrecklos und fast ohne inneres Bangen

Vermögen die Flüchtlinge weiter zu schreiten,

Um endlich heraus aus dem Brand zu gelangen.

Und bald scheint sich Kühle ringsum auszubreiten.

Die Kaiserin ward unverwundet gerettet:

So wurde die Mutter Chuenatens zum Wunder!

Sie war im Palast zwischen Glast eingebettet.

Die Pracht wie der Plunder, verpufft nun wie Zunder

Und steigt, zu Rosettengebilden verkettet,

Empor, um die Herrin von Ferne zu schmücken.

Doch sie hat, ganz einzig, beim Brand nichts verwettet,

Sie ging aus dem Schloß, um ihr Land zu beglücken,

Ihr ist es, als ob sich ihr Herz gar nickt gräme,

Sie tritt, ihrer Würde bewußt, aus dem Feuer:

So wird ihr die Hauptstadt zum Prachtdiademe,

Sie selbst zum Orakel im RaAbenteuer.

Es war das kein Brand, sagt sich selber Chuenaten,

Und was da noch aufflammt kann keiner mehr werden,

Ich wurde vom eigenen Anhang verrathen,

Was hilft da ein Anruf, was Menschenbeschwerden!

Wir werden jetzt selber von Theben verschlungen.

Ich mag auch mein Weib und die Kinder nicht retten.

Es ist mir der RaStaat, das Lichtreich, mißlungen.

Was kümmern mich da alle Kerker und Ketten!

Doch kann ich den nahenden Tag nicht erwarten,

Ich müßte, aus Scham, vor dem Lichte erröthen:

Es Glaube nicht Ra, daß wir alle ihn narrten,

Er findet noch Theben, doch ich will mich tödten!

Ach Mutter, wie eigen sind doch unsere Loose,

Du sagtest, es würde mich niemand bestatten,

Und siehe, Du selber versprühst in der Rose

ErG0ühender Blätter, die stammend ermatten.

Wie mochtest Du doch ob des Feuers erschrecken,

Nun bist Du verloren, auf ewig vernichtet,

Es wird Dich Ossiris jetzt nimmer erwecken,

Doch ich werde bald von ihm selber gerichtet!

Kein Mensch soll je wissen, wohin ich mich wende,

Kein Sklave Chuenatens Kadaver verrathen:

Ich will, daß kein Feind meine Grabstätte schände,

Drum berg ich den Leib vor Gewaltattentaten.

Ich klopf an die Thore der Stadtnekropole:

»Ihr Würmer der Unterwelt, öffnet die Pforte

Und sorgt, daß der König nicht oben verkohle,

Gehorcht, denn das sind eines Selbstmörders Worte.«

»Amenhoteps Sohn ist jetzt König im Lande,

Er nennt sich: Der AbG0anz vom RaBall, Chuenaten,

Er warb fremde Häscher und macht uns nur Schande,

Er fahndet fanatisch nach wahnwitzigen Thaten.«

Kaum ward diese Antwort im Keller gesprochen,

So wurde Chuenaten fast starr vor Entsetzen,

Und fing, halb gebrochen, an, nochmals zu pochen.

Er drohte noch, flehte schon folgende Sätze:

»Ich heiße Chuenaten und trachte zu sterben,

Ihr Priester empfangt meine letzten Befehle,

Doch wählt Ihr dann selber, zum Dank, meinen Erben,

Und hütet dafür auch das Blut meiner Seele!«

»So tödte Dich draußen, Du König der Häscher,

Wir warten auf Dich mit dem Bauchaufschlitzmesser,

Die Priester, Ossiris Gedärmeauswäscher,

Bereiten Dich dann für den Rangsargzumesser.«

Kaum hört das Chuenaten die Priesterschaft sagen,

So ruft er verzweifelt: »So laßt Euch verkünden,

Ich will das am lebenden Leibe ertragen,

Doch thut es, sonst laß ich ganz Theben entzünden.«

»Chuenaten, so nahe den schlafenden Ahnen

Im Urall, wo Dauer und Ewigkeit kämpfen,

Es fahnden fanatische RaKarawanen

Zuletzt nach Schlußkrämpfen, die Leid und Lust dämpfen.«

Kaum wurden die Worte von unten gesprochen,

So ward eine winzige Steinthür entriegelt,

Und flugs ist der König durchs Felsloch gekrochen,

Dann hat man es eilig versperrt und versiegelt.

Es folgt nun Chuenaten dem Priester durch Gänge,

Hindurch zwischen Bergen von Mumien und Särgen,

Jetzt kommt er zu einem, der hat seine Länge,

Da sagt ihm der Führer: »Der da wird Dich bergen!«

Chuenaten entblößt seinen Bauch und sagt tapfer:

»Da lieg ich im Sarge, der knapp ist und sackhaft.

Nun walkt, Darmauspacker und Blutsturzabzapfer

Im Bauchwurm herum: mancher Krampf ist auch schmackhaft.

Es freun mich die eigenen und anderer Schmerzen,

Drum laßt auch mein Blut, langsam tröpfelnd, entfließen

Und greift dem lebendigen König zum Herzen:

Ich will noch den Balsam der Mumien genießen.«

»Chuenaten, Du forderst unsagbare Leiden,

Wie kannst Du Dich selber so wahnwitzig hassen,

Wir tödten Dich erst, um Dich dann aufzuschneiden.«

Erwidert der friedliche Priester gelassen.

Drauf sagt rasch der König: »Ich kann Euch nicht trauen,

Ich will die Gewähr meiner Wiederkunft spüren,

Ich will mich beinahe als Mumie beschauen,

Drum wetzt Eure Messer und laßt Euch nicht rühren.«

Drauf murmeln die Männer der Mystik zusammen,

Und endlich spricht einer: »Dein Blut darf nicht fließen,

Sonst kannst Du Dich selber zum Nichtsein verdammen,

Es muß Dirs Ossiris einst wieder eingießen.«

»So sammelt, was abfließt, in Schläuchen aus Därmen,

Und legt es mir bei, in der Höhlung des Bauches,

So wird es mich einst, bei der Wiederkunft, warmen,

Doch folgt sonst in allem den Formen des Brauches!«

Kaum hat das Chuenaten ekstatisch gesprochen,

So sind alle Priester zum Schlachten entschlossen:

Man bindet ihn fest, dann wird rasch zugestochen

Und nichts von dem Blute Chuenatens vergossen.

»Ra, Ra,« rast Chuenaten: »Du schmerzwahres Alles,

Du wahrst Dir den Sieg, oh Du Macht des Erkennens,

Was macht Dir der Schlag meines eigenen Falles,

Du bist ja die Schlange des Weltallerbrennens!

Ra, Ra, laß den Mastdarm Chuenatens anpacken,

Es wallt rastlos G0ast durch die Adern erstarrter,

Fast harter G0uthmuskeln! und Brandzangen zwacken

Wahrhaftig ins Schmerzfleisch, ach, raste RaMarter!

Was soll diese Ruhe, Ihr grausamen Henker,

Ihr wollt meine Wunden mit Balsam bestäuben!

Ach, gebt mir den Garaus; doch laßt einen Denker,

Der sehend verscheidet, nicht sündhaft betäuben!

Ich fühl Deine Wege, Du rastlose Schlange!

Du selbst überwundene, unendlich verbundene,

Unfühlbare, sichtbare Zeugin vom Drange

Der Erde zur Sonne! Du furchtbar empfundene

Erstickerin, Würgerin üppiger Triebe,

Du kalte Vernunft und Du mitleidlos Leiden,

Du Irrweg im Krampfhirn, Du Schmerzsterngestiebe,

Du siegende Schlange, ach, laß mich verscheiden!

Ich spür mich zurück bis zur Wurzel vom Bösen,

Denn weibliches Leiden erschleicht mein Geweide:

Du Dreckweg zum Menschen, in Urschwulstgekrösen

Erweist Du Dich immer und steigst von der Scheide

Empor, bis zum menschlich veränderten Herzen,

Du würgtest die Urwelt bis hinzugelangen

Und suchst jetzt Instinkte mit Schmerz auszumerzen

Und kannst durch den Hirnbrei im Weltall frei hangen.

Du suchst Dich verschlungen im Bauch zu verstecken,

Das ist Deine List, mannhaft furchtbare Schlange!

Entweicht Dir das Erdweib, so kannst Du Dich recken,

Denn Frauen empfangen vom RaDrange bange

Den Schleimwurf mit übelgeträchtigtem Samen.

Entwischt Dir die Beute, so wirst Du G0eich steifer

Und zischst geil bis Scham, Graun im Weibsbild erlahmen,

Und spritzt Du Dich aus, speist Du giftigen Geifer.

Ra, Ra, Fatum, furchtbares Flammenentstammen,

Ich selbst bin das Feuer. Man packt mein Gedärme.

Ach, Schmerzbrände züngeln aus zuckenden Schrammen

Und setzen sich fest, und entsetzliche Schwärme

Von Brandfaltern flattern aus brennenden Resten

Des Leibes empor und verpesten die Länder!

Ach, Papis und ich, alle beide entpreßten,

Bei widrigen Festen, als Schwärmer und Schänder

Der Erde den Sommergott, trächtig an Schrecken

Und Freund der Kastraten und rastloser Laster!

Ra, Ra, Du kannst rasende Schmerzen erwecken!

Du siegst, Hascher, Häscher! Es wächst das Geknaster

Verpraster Brandgarben. Jetzt wackelt das Pflaster.

Dort qualmen die Fackeln. Hier schwirren die Kerzen.

Es fallen die raG0asterfaßten Pilaster.

Und mir greift von unten jetzt jemand zum Herzen.«

Der Ararat

Die Indische Symphonie

Milde Winde warmer Nächte,

Streift die Fieberträume fort,

Wenn der Schlaf mir Frieden brachte,

Glühte ich ein Flammenwort.

Morgen, morgen will ich sagen,

Was mich jetzt so toll umdrängt

Und dann mag ich klagen, fragen,

Welches Räthsel mich durchtränkt.

Doch ich muß in mich versinken

Und die Träume ferne sehn,

Wenn sie aus der Seele winken

Und dann still vorübergehn.

Von den Wesen muß ich scheiden,

Die mich kindlich hold gelenkt,

Will sie noch mit Licht umkleiden,

Doch ich selbst bleib unbeschenkt.

Zieht denn weiter, heitere Dinge,

Schöne Menschen, kühnes Spiel!

Und wenn ich Euch leicht beschwinge,

Ist es, weil mein Traum zerfiel.

Ach, ich muß in mich verrunzeln,

Hab schon tief hinabgeschaut;

Wie wenn Brunnenbrüder schmunzeln,

Hat es mich vor mir gegraut.

Bis zum Tag, da ich geboren,

Hielt ich oft Gedächtnißschau:

Und da schoben sich, als Mohren,

Bilder vor aus blassem Grau.

Und ich ließ sie würgen, brennen,

Hab mit Feuer sie gekrönt,

Als ich anfing sie zu kennen,

War ich schon daran gewöhnt.

Alle liebe ich wie Kinder,

Ach, der Abschied thut mir weh,

Doch ich schrumpfe ein – geschwinder

Noch entgleist mir was ich seh.

Lebt allein, zu anderer Freude,

Schwelgt und welkt aus Überschwang;

Schweb empor, mein Traumgebäude,

Über meinem Untergang!

Kann die Nacht heut nimmermehr vergrauen?

Hält die Welt die Sternenträume wacht

Sind es Wolken die sich ringsum stauen?

Wann entstammt das ganze Himmelsdach?

Was erschau ich, das aus Schachten gruselt.

Sind es Riesen, die dem Grab entrollen?

Seht, sie schlafen; ihr Bewußtsein duselt;

Augen, Ohren sind noch dickgeschwollen.

Weiber sind es, überstark und schwanger,

Männer mit verkrampften Muskelgruppen,

Und sie stehn zusammen, wie am Pranger,

Um die Urbrunst blutend zu entpuppen.

Immer andere wuchern aus der Erde!

Sind es Menschen, die sich sterbend regen?

Glühend macht sie jede Krampfgeberde,

Bis sich Purpurkrusten drüberlegen.

Sind es Scharlachbäche, die entsickern?

Alabasterschwarten schwären, platzen:

Schweiß benetzt bereits die Dickern

Und sie zucken, wetzen sich und kratzen.

Seht, ihr Handgranit kann nimmer schmelzen,

Selbst die Arme frieren aneinander,

Bäuche scheinen sich hervorzuwälzen,

Doch wird Gneiß sofort ihr Krampfumrander.

Klumpenbrut, verramme Dich als Mauer,

Würg Dich, um die Restgluth zu entschnüren;

Schwül umschwirr sie uns, auf Zunderlauer,

Und entfliege dann zum Taganschüren!

Wahrlich, endlich hat der Tag begonnen;

Und schon wird sein Kupferrahmen breiter:

Licht beginnt das Weltbild zu besonnen:

Und ich seh, die Felsen wachsen weiter.

Glast umtanzt sie jetzt mit Scharlachschwingen,

Doch sie selber sind ganz formlos, massig,

Plötzlich aber hör ich Stimmen singen,

Und die tönen tief und dumpf und rassig;

»Arier, laß Dich unter Pracht begraben,

Sieh, Dein Werden ist ein rasches Sterben,

Nur die Kraftgedanken sind erhaben,

Die für ewig sich in Felsen kerben.

Wir sind alle nur von Dir verstanden:

Nackte Schatten, die Dich blaß umsprangen

Und dann plötzlich sich allein empfanden,

Können wir jetzt Werthbestand erlangen.

Doch Du selbst magst Dich verlassen, härmen,

Nichts erhaschend, nahe Deinem Grabe,

Laß von Schatten rastlos Dich umschwärmen,

Dazu stammt in Dir die LoderWabe.

Deine Aussicht muß Dein Traum verbauen,

Und er wird, soweit Du siehst, entrücken:

Ferne aber werden wir uns stauen,

Und als Grab von Dir die Welt entzücken.

Warte lang, verachte Dich und schmachte,

Gieb Dich auf, verweil in Dich versunken,

Deinen Nabel, nur Dich selbst, betrachte,

Schür in Dir den urbewußten Funken.

Doch erreicht ihn Deine Seelenleiter,

Wirst Du Wunder überall verbuchen!«

– Still ists jetzt, das Echo nur gellt weiter,

Wie ein Chor erstarkender Eunuchen.

Mein Erbtheil will ich wohl versehen:

Wie Blüthen liebt der Baum den Saft,

Ein Winterlied soll ernst erstehen,

Ich sammle meine Wanderkraft.

Doch soll ein Baum mit Wunderblüthen

Mein Schützer sein und doch kein Traum,

Es wird sein Grün mich kühl behüten,

Mein Reich umschwankt sein Schattensaum.

Und singt der Wind in seinen Ästen,

Und lullt sein lauer Hauch mich ein,

So träum ich von den liebsten Gästen,

Und bitte sie, mir gut zu sein.

Sie bleiben! Und mit steilen Leitern,

Durchsteigen sie des Baumes Laub;

Sie sprechen weiter und erheitern

Sich kindlich, selbst beim Früchteraub.

Dann ruf ich sie herbei und sage:

»Euch munden süße Früchte gut,

Ich lehr Euch, wie Ihr alle Tage

Mit Früchten Euch zu gute tut.

Ihr sollt Euch alle tief begreifen:

Die Silben lispeln wie ein Blatt,

Ein ganzer Satz kann in Euch reifen,

Der Saftgeschmack und Adel hat.

Ein Wort aus sich herausgesprochen,

Wird fruchtbar im Prophetenmund,

Und ist es reif hervorgebrochen,

So fühlt man das am eigenen Schlund.

Ein sanfter Nachgeschmack bleibt haften,

Er fühlt sich an wie Dattelduft,

Er reizt und zieht die halberschlafften

Wortfolgen aus der Gurgelschluft.

Seht, unsere Münder sind wie Blüthen,

Ein Hauch rafft das Geplapper fort,

Doch wenn wir Früchte in uns selber glühten,

Genügt von uns ein Mussewort.«

Es streben die Felsen stets fester und steiler

Empor aus der Sagen entathmenden Erde,

Und Ahnungen wallen, wie wandernde Meiler,

Umher mit gespenstiger Sehergeberde.

Mein Baum kann die Traumlandschaft langsam befruchten:

Es fangen jetzt Palmen an, Wurzel zu fassen,

Und Feuchtigkeit traust aus den Purpurgluthschluchten

Und macht sie zu wuchtigen Schattensatzmassen.

Durch Furchen erblick ich den Einbruch des Tages:

Die Gluthen beginnen bereits zu verblauen,

Und Kuppen und Buchten berauscht nun ein vages

Gefunkel von Augen mit randharten Brauen.

Man fordert mich auf, dort ein Meer zu erblicken,

Und wirklich ich seh einen glattstarren Spiegel,

Mit Sternen am Grunde, die ängstlich ersticken:

Dann ists, als ob Wind dünnes Grün drin aufwiegel.

Ach, Nebel durchschwarmen wie seltene Fische,

Mit eigenem Lichte, die dunkleren Fluthen,

Da spritzt jetzt und gischtet das Licht und die Frische

Ins untere Thal, wo die Nachtschatten ruhten.

Es ist, als ob Strahlen die Massen festbannten,

Dafür aber recken sich Schatten ins Leben:

Aus Wuchtklumpen macht sich ein Ruck Elephanten,

Die Hügel umscknuppernd, die Rüssel erheben.

Nun glastet der Tag aus den Wäldern und Spalten,

Aus Bergen, die immer noch Spitzen entschnellen,

Und Gipfel, wie warnende Arme, gestalten;

Und Jubel umzwitschert die sprudelnden Quellen.

Das Wasser entrauscht allen Spalten und Scharten

Und trachtet Granitfelsen rasch zu umarmen,

Als klarer Bach lacht es und mag nirgends warten

Und trankt alle Adern und kann nicht verarmen.

Jetzt springt es gar kühn, ungestüm über Trümmer

Und fängt an, auf Felsen und Wände zu klimmen,

Dann stürzt es aufs Grün, daß es nimmer verkümmer,

Und purzelt um Bäume, die kugelnd nun schwimmen.

Da ruf ich, mit Unmuth, zum Urwald gewendet:

»Ihr schnellfüßigen Rhythmen und holdtollen Wellen,

Ich will, daß Ihr selbst Euch, als Wesen, mir spendet.

Es soll Eure Wildheit zu mir sich gesellen.«

Da schenkt mir der Wald eine junge Gazelle,

Sie platscht durch den Bach, rascher herzugelangen,

Sie naht mir und ist auch schon munter zur Stelle

Und legt sich zu Boden und kost unbefangen.

Das Wasser erbraust aber immer noch stärker,

Ganz andere Bäche umbranden die Felsen:

Ein Wuchttrubel sprengt seinen sckluftdumpfen Kerker,

Und Schaumschwäne sausen mit Wirbelgischthälsen

Heraus aus dem Spalt und zergehn halbgestaltet:

Ein Spundbruch hat ringsum die Fluthwuth entbunden

Und bald alle Bachgewalt fallend entfaltet,

Im Nu sind die Flußfurten weithin verschwunden.

Jetzt schrei ich hinein in den kreisenden Strudel:

»Ich trag nach dem Schaum allen Wassers Verlangen,

Ein Wunder spukt stumm durch das Trubelgehudel,

Gestalte Dich eigenes, unklares Bangen!«

Es stiegt nun ein Taubenpaar sausend herüber

Und setzt sich jetzt gurrend, im Bäume, zur Ruhe;

Drauf gießt es auf einmal, es wird ringsum trüber,

Und ich der Verüber beschau, was ich thue.

Der Bergring gebart selbstersonnene Wolken,

Auch hat mancher Bach sich nach Farben gespalten,

Aus lockerem und ockrigem Boden wogt Molken,

Und Sandschleim und Milchgischt gleißt weiß auf Basalten.

Der Fluthsturz durchwuchtet das Wassertheater;

Der Schluchtschluft entgruselt der Indus, der Ganges.

Granitgrat, Du bist auch des Euphrat Felsvater,

Der Tigris entrieselt der Nachtwand des Hanges!

Es gleicht jetzt der Wuthfluthen Ursprungswuchtwunder

Dem fallenden Barthaar des Wahlvaters Brahma,

Denn Ewigkeitsbleiche umgraut den Bekunder

Vom Anklang und Anfang im Allflammendrama.

Jetzt steh ich, mit Wehmuth dem Welternst ergeben:

»Du Ehrfurcht in mir, Du mein Tiefdlickgewissen,

Ihr Schaumwollustleiber, die bleich niederschweben,

Ihr Gischtkinder, rings in den Wirbel gerissen,

Du Nacktheit des Wassers im Schaumkatarakte,

Du Urbrunst und Unschuld im Hudelgetrubel,

Gedanke, der Scharten und Grate zerzackte,

Entschleiere die Frucht unterm Gischtsudgejubel.«

Im Nu stürtzt der Wuthsturz nun selbst eine Brücke:

Ein prachtvolles Bogenroth loht aus dem Wasser,

Und Gelb schwellt, und Blau schaut, und Grün füllt die Lücke

Im Gluthrund am Fluthschlund. Und nun glüht ein blasser

Doch breiter, weitschweifender Veilchenkranz, sichtbar

Schon, mit in dem thorhohen deutlichen Bogen:

Und siehe, der Fluthguß und Gischt wird beschwichtbar:

Ein Loch hat die Wogen vielleicht aufgesogen.

Ja, tief unterm Fluthsturz kann Felsgrund erscheinen,

Und wuchtig entwächst jetzt ein Grat den Gewässern,

Ein Eiland aus harten und kahlen Gesteinen,

Entsteigt starr und farbig den glitzernden, blässern

Und langsam verrieselnden, flimmernden Schleiern,

Die bachkatarakthaft das Kap überdachen.

Dort will jetzt mein Geist eine Einweihung feiern

Und scharrt aus dem hohlen Granitgrottenrachen

Gemächer und prachtvolle, heilige Hallen:

Er kann seinen Felstempel herrlich entzacken:

Ich lasse in mir den Ballastwall zerfallen,

Und Schattenschalmassen zermalmen wie Schlacken.

Ich spür mich von Einsamkeitschmerzen zerfressen.

Ich fasse die Ohnmacht im Traumraum der Seele.

Nie werd ich die wirklichste Sehnsucht vergessen:

Ich preß mich durch schier unermeßliche Säle,

Ich werf mich dämonisch in wildfinstre Schlünde,

Und Glaubensgedanken umstarren mich heiter;

Ich staune nun selber und will meine Gründe:

Kein Traum aber zweifelt am Zeitbergbesteiger!

Die standbildgestaltenden Langergedanken

Entzieht mein Bewußtsein, im Kleid von Begriffen,

Jetzt langsam dem Traumbau, mit endlichen Schranken,

Und sieht seinen Felstempel fertig geschliffen.

Von Jubelbrunstfluthen und Bächen von Thränen

Verhüllt, überspült, und beim Sturz überschüttet,

Erfaß ich als Jungfrau mein inbrünstiges Sehnen

Und hüte in mir, was kein Suchtsturm zerrüttet.

Durch Urgluthbrunstunschuld und Reinheit des Gischtes

Kann prachtvoll das Weib sich im Geist offenbaren,

Stets darf ein durch Wassergeburt jungerfrischtes

Urdasein der Mannheit die Frau keusch bewahren!

Umkreist von den Wellen des Kesselgetreibes

Erscheint mir mein herrlichstes, lieblichstes Wesen:

Den Wuchtfels umschmeicheln die Flechten des Weibes,

Das selbst sich der Geist aus der Welt auserlesen,

Und Ruhe durchstrahlt alle Weltwechselfieber,

Obwohl jetzt die Farben des Bogens erblinden:

Doch was ich erschau ist mir tausendmal lieber,

Das Auge der Frau kann ich langsam empfinden!

Sie lehnt an der Pforte der Felstempelgrotte,

Die eben mein Forschergedanke gegraben,

Dort wohnt sie wohl ewig und hegt ihrem Gotte,

Im eigenen Leibe, der Welt Weibweihgaben.

Der Weg bis zum Tempel ist frei und ich wäre

Jetzt leicht bis zum liebreichen Weib vorgedrungen,

Doch ruf ich: »Ihr Fluchen erklärt Furth und Fähre,

Ihr wurdet just jubelnd und schluchzend verschlungen:

Jetzt dürft Ihr nicht schlürfend und summend verstummen,

Vermag ichs, den Grat, ohne Pfad, zu erklimmen!

So helft mir im Kummer, zertheilt die Unsummen

Von Schluckgurgelwirbeln zu wirklichen Stimmen.«

Ich weiß nun: ich habe die Sprache des Wassers

Und alles um mich ist nur Echo, Nachahmung:

Die That selbst ein Rückprall aufs Haupt des Verfassers

Der Eigenwelt, tief in der Traumrauschumrahmung.

Drum mag ich mich ernstlich der Jungfrau zuwenden

Und juble und schluchze, mit bebender Stimme,

Und hör erst das Echo von allen Wandenden,

von dem was da wimmert. Und schrei dann im Grimme:

»Oh sag und gieb kund allda, ahnende Nymphe,

Was schafft Dir das Wasser, dem Manne zu sagen,

Sei wahr, ich bewahr Dich vor jeglichem Schimpfe,

Ich nahe Dir nicht und will ferner nicht fragen.

Mein eigener Traum mag als Schaumhauch verzittern,

Die Urbrunst in mir laß ich leidwund enteilen,

Die Lust meiner Seele verzuckt in Gewittern,

Die andere Tage dereinst ernst zertheilen.

Es wird meine Dichtung ihr Eigenglück spüren,

Wohl mögen die holden Gefühle oft tauschen,

Doch nichts kann von meinem Gejauchze herrühren,

So bleibe denn keusch, Du Gesicht von Glücksrauschen.«

Nun schlagen auf einmal ganz rauchlose Flammen,

Im Umkreis der Jungfrau, hervor aus der Erde:

Sie müssen wohl tief aus dem Quarzpanzer stammen,

Sie zünden nichts an und ich seh keine Herde.

Mein Anruf doch gab jener Jungfrau die Gabe,

Durch folgende Sätze, mich tief zu belehren:

»Im Mannstamm die Flamme, im Weibe die Wabe,

Die laß Dir aus andern Gewalten erklären.

Du drangst stark und rasch durch den Sand der Sahara

Und sankst da ins Grab, wie Dir Ra das wahrsagte,

Du bautest ein Drama aus Quarz von Sakkhara

Und sahst, wie Chuenaten dem Epos entragte.

Jetzt fällst Du noch schneller zurück in dich selber,

Da giebt es bestimmt keinen Tag der Verweilung,

Doch werden die Träume schon heller und gelber,

Und siehe, Du fühlst auch bereits Deine Heilung.

Zwar trennt sich die lange Erdwandererspirale,

Die Schlange des Ra, jetzt stets mehr und stets starker

Von jener des Erdkerns, die gleich einem Strahle

Zur Sonne emporschnellt, aus tieffinsterm Kerker.

Zwar mußt Du als Mensch Deine Schwerwucht wegschleppen

Und fast Deine Seele, als Traumbild, verlassen,

Doch kennst Du bereits Deinen Weg durch die Steppen

Und weißt, wie dereinst Deinen Wunsch zu erfassen.

Das Weib macht dem Arier den Lichtumweg leichter,

Die Frau ist, als Erdweib, der Erdwabe näher,

Drum senkt auch der Mann, von der Höhe erreichter

Lichtspitzen, als ewiger Ellipsenbegeher,

Die eigene Seele zurück in die Seele

Des Weibes, das langsam, von Wabe getragen,

Dem Wandersmann nachklimmt und fast parallele

Strahlpfade betritt, um ihm nach aufzuragen.

So wird auch die Liebe der Menschen viel tiefer:

Sie giebt der Geschlechtlichkeit Mystik und Weihe,

Dann ist es am Lichtweg des Mannes, als rief er

Die Seele nur auf, daß sein Weib reich gedeihe.

Jetzt sind Leib und Seele beinahe verbunden.

Drum ist auch Dein Rücktritt noch nicht so beschwerlich,

Noch kann sich das Weib als Gefährtin bekunden,

Doch bald wird Dein Raubsteig der Frau zu gefährlich:

Dann klimmst Du allein und gedenkst Deiner Seele

Und suchst Dich an ihr und am Weib zu beglücken,

Dann hofft auch die Frau, daß sie Dir sich vermähle,

Und kann stets, durch Schmerzgeburt, ruckweis nachrücken.

Will später das Weib seine Schwachheit verwinden

Und kann die Genossin des Mannes erwachen,

So werden sich Seele und Leib wiederfinden

Und langsam die Pfade zum Lichte verflachen.

Du selbst aber wirst nur den Rückzug verspüren,

Und aufsteigend nichts als die Schaufelmüh fühlen,

Du wirst, bleich vor Schreck, blos ein Traumschaumbild küren

Und Spuklaunen, bis in Dein Grab, hinabwühlen.

Doch weißt Du, seit Sais, welchen Weg Du beschreitest,

Und siehe: Dein Traum wurde fremder und ärger,

Nur wußtest Du kaum, ob Du selbst ihn begleitest,

Und rings die Sahara ward nackter und kärger.

Zwar sinkst Du noch tiefer zurück in Dein Inneres,

Doch bald wird Dein Traum Dir den Weltaufschwung zeigen,

Denn alles was wird, das durchzittert ein dünneres

Und hilfreiches Feuer, das Indien zu eigen.

Es gleicht unser Land einem riesigen Herzen,

Vom Ozean, ostseits und westwärts, umflossen,

Beherbergt die Erde hier Berge von Erzen,

Und drin in den Grotten liegt Gold wohlverschlossen.

Im Norden verriegeln Gebirge die Pforten

Und halten den Gangeslandausgang verrammelt.

Und deshalb gehorchen wir stolz eigenen Worten,

Denn Kraft ist in allen uns tief angesammelt.

Wir gruben und suchten nach funkelnden Schätzen,

Wir grübelten nach und erwühlten Gefühle,

Die ätzten sich ein, an seeleinsamen Plätzen,

Und trieben uns rein aus der trüben Lustschwüle.

Das Mutterthum selbst hat die Weihe erschlossen:

Das Erdweib umgürtet sich kühn mit der Wabe,

Die reich aus dem Erdkern, im Lichtreich ersprossen,

Sie gab uns die Scham und das Mitleid als Labe.

Das geistige Reich, das in Indien erwachte,

Ist tief mit dem Innern der Erde verwachsen,

Zwei Wanderbranddrachen entwallen dem Schachte:

Der Gatsberge Richtungen sind ihre Aren.

Das Erdwabezwillingspaar theilt sich und schreitet

Der Sonne entgegen und folgend, nach Norden,

Die Gluth, die die Zugspuren mystisch begleitet,

Wird so einst, in Herzform, ein Weltstück umborden.

Denn das, was sich hier, fast als Gabel, gespalten,

Erstrebt doch ein Ziel, auf geschiedenen Wegen,

Zwar wird sich ein Drache fast krampfhaft erhalten,

Denn hart ist sein Brandkampf dem Tagball entgegen,

Doch muß sich der andere gar herrlich erweitern,

Um einstens den Bruder zu sich hin zu führen,

Und sieh, dieser Ernst soll Dein Herz jetzt erheitern:

Ich wähle für Dich Indiens westliche Thüren!

Ich selbst will den Träger des Tages gebären,

Oh, könnt ich mein Kind einst als Lichtkönig krönen!

Die Hingabe ist nur ein dankbar Verehren

Des größeren Mannes und Spenders von Söhnen.

Doch will auch die Seele ihr Lichtkind, voll Milde,

Der Welt ihren Sonnensohn, gottgleich, bescheeren;

Der Erdenschoß schenkt ihn dem Sonnengefilde,

Dann soll er hier oben das Wabewort lehren.

Wir Lichtkinder alle sind irdische Sünder

Und müssen ob unseres Daseins erschrecken,

Doch kann schon die Liebe des Mannes den Gründer

Des Reiches der Güte im Weibe erwecken.

Denn wisse: der Sonnensohn gleicht seinem Vater,

Und beide umstreben die Flammenumarmung,

Und kann man sich lieben, oh Wanderer, so naht er:

Der Geist reißt durchs Leidfleisch und heißt Welterbarmung!

Die Sünder, Gott selber der sündigt, erlöst er,

Daß Erdweib wird so einst geheiligt erscheinen:

Ein König ersteh mir, ein Lichtkindertröster,

In dem sich vereinigte Flammen verneinen!

Urjungferlich, ohne die Sonngluthbefruchtung,

Gebiert einst das Mutterthum rein seinen Heiland!«

So schluchzt nun das Weib in der Felsenverschluchtung,

Und Wabe umwallt schon ihr einsames Eiland.

Ich kann meine Jungfrau jetzt nimmer befragen,

Ihr Anblick hat wohl meine Einsicht beschwert,

Ich werde sie lange und tageweit tragen,

Bis einst sich die wandernde Wabe verzehrt.

Ich weiß, daß die Anfangshand nimmermehr rastet,

Es wäre die Ankunft zu wunschlos und hold,

Doch Wolken und Gipfel und Felsen umglastet

Sichselberbesitzendes, schweigsames Gold.

Und ich bin ein Schatten vergänglicher Träume,

Der ewig besitzlos sein Wesen verschenkt,

Ein Weiher, der selber befruchtete Bäume,

Zurück in sich selber, als Ansicht, versenkt.

Vielleicht schreit ich, streitend, den Dingen entgegen,

Vielleicht bleiben Lichtsprung und Nachtanbruch starr:

Vielleicht kann in mir sich der Tag schlafen legen:

Was bin ich, ein alles umfassender Narr?

Ich selbst bin ein Griff, Unbegriffenes zu pflücken,

Und sehend erwähl ich das Reife zum Mahl.

Die Aste, die, früchtebehangen, sich bücken,

Sind wohl so vernünftig wie ich, bei der Wahl.

Verlang ich beim Wandern, auf einsamen Pfaden,

Nach ruchloser Lust und versuch ich, zum Spaß,

Gewaltsam dem labenden Walde zu schaden,

So gleich ich dem Sturme, dem Stammfraß und Aas,

Die Wälder verderben und Städte verpesten!

Ich bin wie der Wirbelwind unstät und wild

Und irre, verwirr mich, wie er in den Asten,

Und wahllose Gesten verblassen mein Bild.

Vermag ichs vernunftvoll, den Gluthdurst zu stillen,

So braucht mich die Welt und gewährt mir auch Schutz

Und will, daß, vom Gaumen auf, Rauschadern quillen,

Und schafft mir Genuß, stets aus Ureigennutz.

Gewöhnt an den Frieden des Lebensgenießers,

(In dem erst die Wollust des Reifens ersprießt,

Die täglich die Frucht unterm Strahl des Begießers,

Voll Obhut und Freude am Werden, verschließt)

Wird wohl die Natur meine Stille erhalten

Und trachten, den sanften Betrachter der Welt

Stets jung zu gebären und gleich zu gestalten,

Da tief in den Wesen ihr Maß sich erhält.

Verließ ich auf einmal mein Dasein auf Erden,

So würde mein Waldaufenthalt hurtig ersetzt,

Mein Abgang wär trächtig an Austauschbeschwerden,

Wodurch ein Ereigniß Ergebnisse hetzt.

Ich selbst bin des Erdwerdens Reifevollstrecker,

Mein Seelenempfinden der Duft nur vom Duft,

Das Schmecken der Ernte ist Zweck für die Äcker,

Das Säen ein Sprung über jegliche Kluft.

Nun zeig mir, mein Inneres, die Frucht vom Gegrübel,

Der Wahrsagung Nachhall entschleire zuerst:

Des Wasserfallmaßes unsichtbare Kübel

Begreif ich als Rhythmus, durch den Du mich lehrst,

Die Einsicht ins Wesen begeistert zu steigern,

Denn schaffend nur treten wir gänzlich zu Tag:

Ein eigener Traum wird allein nichts verweigern,

Er zeigt erst wieviel in uns sprachlos brach lag.

Die Landschaft um mich ist noch immer gewachsen:

Die Wabe loht sott, denn es löscht sie kein Wasser,

Ihr Schatten macht haschende handartige Faxen,

Als wär das der Spukzug der Daseinserfaffer.

Ja, wahrhaft, der Abgang der Nymphe ließ Lücken:

Sie selbst ist verschwunden, die Arbeit blieb liegen,

Drum sammeln sich Schwaden, ins Sein einzurücken,

Und Höchstunwahrscheinliches fängt an zu wiegen.

Der Traum war zu groß, um sich jetzt zu erweisen,

Es kann sein Versprechen den Umfang nicht halten.

Es sei denn, die Welt rollt in Wahnwitzgeleisen

Und kann alle Räthsel ins Dasein einschalten.

Oh Wabe, oh Wabe, die Theben gerettet,

Da Du, wie ich ahne, die Flammen ersticktest,

So zeig Dich, unheimlich im Sein eingebettet,

Wie einst, als Du, fremd noch, mich dennoch bestricktest.

Und wahrlich, die Wabe zerschleiert, zerflattert,

Die letzten Glaststerne vernebeln, verblassen,

Doch bleibt nirgends Asche, da gar nichts verknattert,

Der Wabeschwall hat keine Spuren gelassen.

Dafür aber blühen die Sträuche und Bäume,

Ein Dufthauch und Blutrausch ist übrig geblieben

Und zündet die Blüthen an, schlüpft in die Träume,

Und alles fängt an sich ekstatisch zu lieben.

Was seh ich? Ein Paar scheint im Walde zu fliehen!

Die Nacktheit der Beiden, von Anmuth durchschauert,

Mag mächtig die Seelen zum Urwunsche ziehen.

Wo kauert der Feind, der mein Traumbild belauert?

Der Wald ist voll Keuschheit, oh, laßt Euch drin nieder,

Ihr dürft seine Düftelust überempfinden,

Ihr schlürft seine Sehnsucht ein: glühn Eure Glieder,

So müßt Ihr aus Wünschen die Wonne entwinden.

Verschlingt Eure Arme, als wären es Äste,

Und laßt drauf die Gluthküsse traumhaft erblühn,

Denn jede Umhalsung vertieft sich zum Neste,

Dem Jubelgefühle der Jugend entsprühn.

Was schreckt Euch, was kann Euch im Wald überraschen?

Die Schatten, die flatternd von Ast zu Ast hasten,

Sind Wabegespenster, die Glastfalter haschen,

Um dann mit den Fluchtgluthen ganz auszurasten.

Zwar scheinen mir dort jene Schatten gar eigen,

Die Wabe verglimmte schon lang, und sie weilen

Noch immer um uns, ohne matt zu verzweigen.

Doch fürchtet nichts, bald wird ihr Schwarm sich zertheilen.

Nun sagt mir, was macht Euch jetzt fröstelnd erbeben!

Des Mannes Pupille verstrahlt Diamanten,

Die Weibesblickperlen erschimmern ergeben,

Es ist, als ob beide die Sinne anspannten!

Wo harrt die Gefahr! Wie, verkrampfte das Dunkel!

Jetzt scheint es, als nahten uns Kriegselephanten:

Ein fernes Gesumme erwachst zum Gemunkel,

Dort kommt wohl ein König, gefolgt von Trabanten,

Die schildkrötenartig, geschützt von zwei Panzern

Und Helmen, mit ehernen, lauernden Katzen,

Jetzt plötzlich, und gleich bösen Waldfirlefanzern,

Hervorhuschen und mit verrunzelten Fratzen

Dem Liebespaar, ringsum im Urwald, auflauern.

Schon will eine Sippe die Flüchtigen anspringen,

Da scheint ein Gewitter den Wald zu durchschauern,

Und überall sieht man sich Schützer aufschwingen.

Es werfen sich Baren herab von den Zweigen

Und stemmen sich Einbrechern zornig entgegen,

Doch immer noch neue Verfolger entsteigen

Den Büschen, wo Bären die Wege verlegen.

Da fangen die Schatten verblaßter Erdwabe,

Die nimmer verzitternd nach Dasein verlangten,

Auf einmal an, grabbelnd, nach langem Geschabt

Am Waldrand, wo Handschemen lang und bang schwankten,

Ein Antlitz und leiblichen Gang zu erraffen;

Schon ordnet ein Zug sich behender Gestalten.

Und drauf schafft ein Ruck rings selbständige Affen,

Die stattliches Kriegergepräge entfalten.

Voraus saust ihr König mit goldener Krone,

Froh folgt ihm ein Troß mit blankblitzenden Lanzen,

Auch ficht manche Äffin, als Astamazone,

Gar listig jetzt mit, hinter Urwaldlaubschanzen.

Die trefflichen Schützen erklettern die Bäume

Und helfen den Baren, die Flüchtigen zu schützen,

Schon scheints, daß der Feind feig die Waldwahlstatt räume,

Da stürzen sich Unken aus Dschungeln und Pfützen

Und trachten, fast grunzend, das Paar anzuekeln,

Auch sieht man sich Fledermausschwärme erheben,

Und wie sich im Wegkehricht Spannferkel rekeln:

Drum wird es jetzt Zeit, daß die Zweige erbeben,

Daß alle Waldblätter, als Prachtpapageien

Davonfliegend, Fledermauswirbel vertreiben,

Und quakende Frösche, durch kindsartiges Schreien,

Die garstigen Kröten im Sticksumpf aufreiben!

Jetzt wird jede Astachsel gleichsam zum Neste,

Und allerhand Waldvögel folgen dem Zuge

Der Gluthkakadus und der gelben Festgäste

Der Äste, beim Dschungelsumpfstreitlustkriegsftuge.

Es wälzen die Bären die Säue aus Löchern

Und brummen, damit wir das Grunzen nicht hören,

Die Affen mit selbstsichanfüllenden Köchern

Beginnen die feindliche Wehr zu zerstören.

Sie stürzen sich stürmisch aus Thürme und Throne,

Die Kriegselefanten zum Kampfplatz befördern;

Sie schleichen behänd in die Tragpavillone,

Und manche Matrone erschrickt vor den Mördern,

Die frech alle Insassen zerren und zausen

Und muthwillig Menschen aus Käfigen wetzen

Und anfangen Damen der Hofwelt zu lausen,

Um Thierchen von sich in den Zopfschopf zu setzen.

Das macht selbst die würdigen Staatstrampler ruppig,

Sie wollen nicht länger das Affenpack tragen,

Doch drinnen im Kasten sind allesamt struppig,

Drum packt oft ein Rüffel ein Fräulein beim Kragen.

So kollern die Buckelbewohner zu Boden

Und kugeln, von Affen umhalst, in die Pfützen,

Da fängt sich, durch alle die Plumpsepisoden,

Der Einhufergleichmut an stark abzunützen.

Und wuthentbrannt stürmen die laufenden Hügel,

Mit Thronen und Schlössern und Götterpagoden,

– Doch ohne Geduld und Vernunft oder Zügel, –

Hinein in den Wald, wo Verfolgter Kustoden

Sich eilfertig waffnen, den Angriff zu hemmen.

Es senken die Bäume von selbst ihre Aste,

In dichtes Gestrüppe den Feind einzuklemmen,

Und bilden dadurch eine lebende Veste.

Nun spannen die Äffinnen Ranken und Kränze,

Um rings Elephanten zum Stolpern zu bringen;

Sie trachten auch listig der Waldstampfer Schwänze

Jetzt untereinander gewandt zu verschlingen.

So wird jede feindliche Festung gefangen,

Der Hof und das Harem des Königs geschändet,

Doch hofft noch der Herrscher zum Paar zu gelangen,

Und jetzt wird dazu gar ein Magier verwendet.

Der kann dem Gebieter nur eines versprechen:

Ihm selber, alleinig, doch fast bis zum Paare,

Ganz heil und gesund einen Weg durchzubrechen,

Damit er es dort lustverschlungen gewahre.

Der Herrscher greift zu, und schon knistern die Zweige:

Die Flüchtlinge fühlen den Sieg ihrer Liebe,

Da ist es, als ob sich ein Greisenhaupt zeige

Und gleich alle Unschuld der Nacktheit zerstiebe.

Es flattern die buntesten Blumen der Runde,

Als Schmetterlingsschwärme herbei und bedecken

Mit Blumen den Leib ihrer Jungfrau, im Bunde,

Und schützen die schamvollen Seelen vor Schrecken.

Und glänzende Käfer entschwärmen den Ästen,

Die Nacktheit des Jünglinges hold zu verhüllen.

Nun ists, als ob Panzer die Glieder umpreßten,

Ein Schutz und ein Keuschheitsgebot zu erfüllen.

Der Greis blickt jetzt grausam enttäuscht auf die Jugend:

Sein Wunschweib vergab sich, ein anderer bekam es,

Und brunstgeil, durch Buschwerk und Thränenthau lugend,

Verharrt er noch lange am Platz seines Grames.

Verheimlicht die Jugend sogar ihre Reize!

Was bleibt da dem Alter noch länger zu schaffen!

Kaum kann man sich spreizen; vom gräßlichen Geize

Besessen, gehts schwer mehr, sich Lust zu erraffen.

Die Traumbraut lehnt still an der Brust ihres Freiers,

Der Jüngling hat alles, ach, alles errungen!

Der Greis sieht den Sieg durch den Gischt eines Schleiers,

Denn Bäche von Leid sind den Lidern entsprungen.

Die Thränen des Alters sind frisch wie das Lachen

Der Jungen, die glücklich zusammen erzittern,

Auch kann oft ein Greisenblick Blitze entfachen,

Und Schmerzschleier werden zu Brunstdunstgewittern.

Der König soll donnern, doch stockt seine Stimme,

Da wirken sein Haß und sein Lähmungsschreck magisch,

Die Nagegedanken, der Wuthbruch im Grimme,

Umschwirren ihn eingepuppt, leiblich und tragisch.

Dann wallen sie langsam zu Gattin und Gatten,

Doch fliegen schon Bienen herbei und verscheuchen,

Als schwebende Helme, die flatternden Ratten,

Die endlich, gehetzt und zerstochen, verkreuchen!

Der Greis schweigt. Verbleicht! Und die schneeweißen Flechten,

Sein Bart, scheinen langer noch niederzuwallen.

Sie ringeln und kräuseln sich, gleich kunstgerechten

Gelegenheitslocken. Und wachsend umwallen,

Verschnallen sie Bündel und Büschel mit Zweigen

Der lebenden, himmelwärts wachsenden Bahre:

Gleich zeigt sich der Geier fleischwitternder Reigen,

Doch bergen den Leichnam jetzt Aste und Haare.

Dem Paare im Walde verschaffen die Thiere

Die herrlichsten Steine und Schleiergewänder,

Sie ziehen erbeutete Szeptersaphire

Und Kronenrubine eroberter Länder

Hervor aus den Truhen des fremden Thronschatzes

Und freun sich, damit die Verfolgten zu schmücken;

Im Raum um das Paar, auf der Flur des Waldplatzes,

Erscheinen rings Diener und füllen die Lücken

Der Aste und Wipfel mit Leibern und Schleiern.

Ernst senken zwei Tauben die Schaumhemden nieder,

Und Mantel, gehalten von schwebenden Reihern,

Umarmen dann langsam der Brautleute Glieder.

Ganz ruckweise schwärmen die Käfer und Falter

Nun auf von den Leibern, die hold sich bekleiden.

Doch Affen, die eifrigsten Putzumgestalter,

Benehmen sich keck und zumeist unbescheiden.

Sie geben sich viel mit den Spiegeln zu schaffen:

Die Äffinnen ärgern die eigenen Grimmassen,

Drum trachten sie Bilder der Frau zu erraffen

Und spiegeln sie links und rechts, frech, ausgelassen,

Und können es nimmer, beim Draufblick, verstehen,

Weshalb jene Züge so haltlos verblassen,

Hingegen die eigenen nimmer vergehen

Und niemals das lebende Glashaus verlassen.

Jetzt kapern die Affen des Greises Prunkbarke

Und rudern sie wuchtig herbei bis zum Paare,

Fast ists, als ob jeder da sichtbar erstarke,

Ja, alle sind schon wahre Prachtexemplare.

Der König der Affen sitzt sicher am Steuer

Und späht, ob sich keinerlei Unholde nähern.

Wahrhaftig sein Wesenskreis scheint nicht geheuer,

Denn nirgends noch stach man die Feinde mit jähern

Blitzspitzen, als hier dieses Thierherrschers Blicke

Vergiftend, vernichtend die Bösartigen treffen.

Und da es fast ist, als ob Rudern erquicke,

So trachten die Bären das Thun nachzuäffen

Und machen sich gleich um die Stricke geschäftig.

Doch nicken sie allzu geschwind mit den Köpfen

Und thun, trotz der Plumpheit, so überaus heftig,

Daß bald Bauch und Brust rudern, Athem zu schöpfen.

Das Brautpaar steigt ein, und es rudern die Affen

Die Barke, durch Röhricht und Algen, vom Lande,

Wo Feinde mit Packelephanten und Waffen

Im Walddickicht stecken, nach sicherem Strande.

Sie fahren durch Dschungeln und enge Kanäle.

Es bildet der Urwald unendlich viel Pforten.

Das Brautpaar umjubelt die ganze Waldseele,

Denn Thiere begrüßen es jetzt allerorten.

Die Fische umspringen den Kiel und die Ruder

Und zeigen den hellbunten Bauch ausgelassen,

Und selbst Krokodile ziehn mit, um ein Luder,

Das abfallen könnte, im Nu zu erfassen.

Das plätschert und gischtet gar lustig durchs Wasser,

Die Singvögel zwitschern dazu ihre Lieder,

Und oben am Aste, da hockt mancher Hasser

Des Daseins und sieht unwillkürlich hernieder.

Den Mahatma kann man am Mantel erkennen,

Der erdgelb stets auffällt, wo immer die Zweige,

Vom Walderemiten belastet, sich trennen,

Und jedermann vorerst vermeint, oben zeige

Sich fahl zwar, doch klar ein Stück Himmel im Walde;

Und Schreipapageien umschwirren im Kreise

Die Schallbahn der Barke durch Waldgang und Halde,

Und Lichtfalter folgen dem Schaumspurgeleise.

Das Siegerpaar naht einer sichtbaren Insel;

Da fängt das Geäst an, den Feind zu befreien,

Und hörbarer wird nun ein schwaches Gewinsel,

Weil Menschen und Thiere gleich, wachwerdend, schreien.

Es ist das die Zeit, da Gazellen und Hirsche

Rings anfangen wild ihr Geweih abzuwetzen,

Drum kriegen die Aste gar häufig unwirsche

Geweihstöße, die ihnen Thiere versetzen.

Beim Äsen und Schnuppern im dunkeln Geäste

Will öfters ein Männchen ein Weibchen bespringen,

Dann knicken die Zweige, und tiefeingepreßte,

Vom Buschwerk umwucherte Wesen entschlingen

Sich langsam ringsum aus dem Waldlaubgefängniß;

Zuerst sehn sich zwerghaste Krieger entschlüpfen,

Die gleich die Gefährten aus arger Bedrängniß

Befreien, indem sie Laubknoten aufknüpfen

Und dichtes Geäst, mit den blinkenden Schwertern,

Ganz einfach und forsch jetzt, der Reih nach, aufhauen.

So wird bald den stärkern und kriegskunstgerechtern

Gewaltelementen, die Lauben umstauen,

Ein Ausweg aus feindlicher Waldhast bereitet:

Jetzt können schon Menschen und selbst Elephanten

Die Lichtung, die rings vor den Blicken sich breitet,

Behäbig beschreiten: statt schlafübermannten,

In Waldnacht gebannten, gefangenen Soldaten

Besitzt so der Erbe des Reiches des Greisen,

Der eben gestorben, ein Heer von probaten

Genossen, entschlossen sich treu zu erweisen.

Jetzt denkt man vor allem ans Königsbegräbniß,

Das weite Veranstaltungsumsicht gebietet:

Vorbei ist ja nun das Gefängnißbegebniß

Im Dickicht, das jeglichen Lichtblick vernietet!

Doch als noch sein Wachsen das Heer schwer bedrängte,

Verrenkte und streckte sich immer der Leichnam:

Auch schwand dessen Haar, das sich Pflanzen verschenkte,

Da bald es der Wald in den eigenen Bereich nahm.

Ja, wuchtige, weißliche Wollbäume wuchern

Jetzt rings um den eben verschiedenen Riesen,

Auch nützt gleich der Fund diesen Buschwerkdurchsuchern

Die hier, mittendrin in den Fruchtparadiesen,

Im dichten Gewirre von Myrthen und Linden,

Von Mangos, Katappen und Ebenholzbäumen,

Auch Fasern zum Weben und Einhüllen finden,

Um leichter dann Schäume der Wildbrunst zu zäumen.

Der Leichenzug zieht nun, nach mehrstündiger Mühe,

Durch Haine von Palmen und heiligen Feigen,

Es scheint, daß zur Feier der Lodrahbaum blühe

Und manche Padmakastammzweige sich neigen.

Es kann sich von selbst jetzt ein Urwaldweg bahnen:

Wie Schlangen entschleichen spiralhaft Bananen,

Udumbarafeigen und Myrobalanen

Umwandeln sich langsam zu Affenaltanen,

Da rings, überall, sich die Waldthiere stauen,

Verwundert, aus Lauben den Zug zu erschauen;

Denn Brustwehren scheinen sich steil aufzubauen,

Weil Brustbeerbaumranken sich armstark vertauen.

Und Dschungeln, umgeben von urstummen Muscheln,

Wo munter die Unkenbruthnumen sich tummeln

Und suchen, sich Lustsucht durch Brunst zuzutuscheln,

Umsummen Unsummen von Brummeln und Hummeln.

Natur, wie reich und hehr mußt Du in uns erscheinen,

Da nur, was sich vertiefen wird, ins Dasein stürzt:

Und kann mit Fernem Durchempfundnes sich vereinen,

So fühlt man, wie ein Wunder die Erfüllung würzt.

Doch könnte jeder seinen Schlummerkern erkennen,

Entbehrten wir der Räthsel heilige Prachtgewalt;

Und alles, was die Menschen weltharmonisch nennen,

Erschräcke uns als zackenlose Ungestalt.

Und dennoch will ich die Vernunft zur Reife bringen

Und trachten, daß die Frucht in einen Urschlund fall;

Nicht jedes Ei muß sich zum Himmelsflug beschwingen,

Nicht jedem Wunsch entsprießt ein Sehnsuchtsschwall!

Die Ruhe sucht, erträumt die Blume, die verduftet:

Zum Frieden treibts die Menschheit, die Erkennmiß will:

Im Eigensein, in Seelen, schreck und felsdurchkluftet,

Beschwichtet sich die Brunst und liebt sich wieder still.

Die Leidenschaft, die Bäume, Träume, Bilder zeitigt,

Und stets verschiedenes aus dem gleichen Trieb erwirbt,

Wird leider nie vom Eigengeist verneint, beseitigt,

Bis nicht dereinst der Erdensehnsuchtswirbel stirbt.

Die Waldung scheint verführerisch und überglücklich,

Doch bald erwacht bewußt der Wind, der drinnen jagt,

Und es zerstückt, entzweit sich dann was unverrücklich

Sich selbst verschweigt, bevor die Arbeitsunrast tagt.

Nein, nein, mein Traum, Du kannst mich nicht bethören:

Ich mach mich leicht von Lust und Schönheitsräuschen frei,

Ich mag den Jagdruf meiner Tagbrunst nimmer hören,

Ich hole meines Wesens Ende selbst herbei.

Der krumme Weg, den diese Menschheit steil beschreitet

Und den sie immer völkergruppenweis erklimmt,

Ist jedem Einzelnen, der frei sein Dasein sich bereitet,

Zum Schlusse doch ganz gleich, vom Ursprung an, bestimmt!

Der Eine kargt, um seinen reichen Geist zu schärfen,

Ein Andrer schwelgt, weil innere Armut es verlangt,

Ein Späterer kann ins Weltall tanzend Sphären werfen,

Wo vielen vor der eigenen Geschlechtskraft bangt.

Ein jeder wird an seinem besten Platz geboren,

Verbrecherisch, asketisch, menschlich Weib und Mann:

In Waisen, Henkern, Narren, Dichtern, Krüppeln, Thoren

Steigt jegliches Bewußtsein gleich und steil hinan.

Ich habe ganz bestimmt das Meiste schon erfahren:

Ich war einst Mörder, Sänger, Dirne, Büßer, Held:

Ein jähes Ende doch und tausend Taggefahren

Ersparte mir vielleicht das Gleichgewicht in dieser Welt.

Und jetzt, in einem besseren und leichten Leben,

Erwartet mich bestimmt bereits ein Überfall:

Ein Schicksalseinbruch muß sich logisch oft ergeben,

Denn selbst zieht man ihn an, im Unzeitintervall.

Doch nein, die Menschheit muß das alles durchempfinden:

Mein Wesen ist nur einmal hier am rechten Platz:

Ich soll ein Vorspiel wohl mit Späterem verbinden,

Und mein Bewußtsein bleibt im Schicksalsbuch ein Satz.

Ich tauche ja, als logisch schuldloses Ergebniß,

Im Dasein auf und fühl ein Theil vom Weltenleid:

Doch mein ist kaum das einzige Jetzterlebniß,

Nein, nein, ich werde durch den Tod befreit!

Ich habe keine Seele, die unsterblich leidet,

Und schrecklich wär es, würde eine mir zu Theil,

Der Lebensgriff, der mich in Daseinsformen kleidet,

Verwelkt, und sein Verdorren ist mein eigenes Heil.

Oh Seele, meine Furcht, und wenn Du trotzdem fortbeständest,

So würde ich Dich tiefbegreifend dennoch los,

Du bist und leidest, weil Du Dich zu Fernem wendest,

Doch ich verschränke Dich in meinem Eigenschooß.

Ich bin die Frucht, die stirbt und keine Wurzelfühler

Und keine Blätterflügel in das Zeitreich streckt,

Ich bin ein kühler Grübler und vernünftiger Schüler

Der Erde, die Lichtherde in sich selbst erweckt!

Ich will keine Seele, vernehmt es Ihr Berge,

Und gebt mirs vielstimmig, als Echo, zurück!

Ich will keine Seele, so schreit es, Ihr Zwerge,

Ihr Riesen: denn dies ist mein Weltzuchtmeisterstück.

So schreit es noch lauter, dann kann ich es glauben:

Ich will keine Seele! Das Leid ist besiegt!

Das Grab ist ein Ende. Die Leiber verstauben.

Mein Ich wird zurück in den Schlummer gewiegt.

Es giebt keine Seele: das Erdwabenfieber,

Die innerste Gluth bringt uns Lebensverdruß.

Sie würgt die Mannflamme. Doch dies ist mir lieber.

Sie hilft, daß ich nimmermehr Mensch werden muß!

Ich seh einen Friedhof, von Träumen befruchtet:

Die Vorstellung reckt Grabkolosse empor,

Das Thal, das mich anstarrt, ist dunkel verschluchtet,

Und steigende Stummheit verschleiert ein Moor.

Durch Werdesturzurwucht und Sehnsucht zum Lichte

Entsteigt mancher Grabklotz, als Phallusgebild,

Und ringsum, wohin ich die Blicke auch richte,

Entragt die Begierde dem Lichtbrunstgefild.

Die furchtbarste Erdfurche, gleich einer Scheide,

Vertieft sich und klafft unter jeglichem Grab,

Der Stein und die Grube erhalten drum, beide,

Den Urspalt getrennt, der sich Tagdasein gab.

Die Gruftstümpfe, ursprünglich gleich, doch verschieden

Verzapft und verzackt und stets lichtwärts gewandt,

Umziehn ihre Schatten mit stumpfen, stupiden

Verreckungen, knapp schon beim Eigengrabrand.

Das da aber sind unsere wahrhaften Seelen:

Sie werden zu Mittag verdickt und verkürzt:

Jetzt wachst noch der Traumwall: doch wird er einst fehlen,

Begreif ich, warum man dann grufteinwärts stürzt.

Es giebt keine Seele! Laut kann ich es schreien.

Ich sink schon ins Lock, dem ich kaum erst entkroch.

Du hast keine Seele! den Phallusgruftreihen

Entgähnt schon das Ende. Ich bin nicht ….. und doch?

Den Gipfeln und Riegeln, die rings sich belaubten,

Entschnellen auf einmal unendliche Kegel.

Was will sich vor mir gluthentfesselt behaupten?

Es ist, als ob Stummheit im Nebelschiff segel.

Von Zeit zu Zeit kann sich das Dasein verheißen!

Und Urbrunstgluth muß uns zum Ursprung berufen!

Ich seh jetzt die Erde Glastkrater aufreißen

Und Felszungen zuckend sich starr überstufen.

Doch stumm sind die Kletterblitzdonnerwuchtspuren,

Es wird wohl ein Wort bald das Weltall durchgellen.

Es sammelt, beim Rasten der Tagkreaturen,

Sich stets die Gesangskrast, vor Anspruchsapellen,

In Herzkammern an, um dann rasch zu erwachen.

So wird auch die Erde ihr Fieberlied hören,

Doch vorläufig wachsen noch Zeugen aus Rachen

Und Kratern empor, um das Sein zu beschwören.

Der Felskegel fünf recken, handhaft verbunden,

Sich steil über mir in den schweigenden Äther,

Und siehe, sie bluten aus furchtbaren Wunden,

Und jegliche Schramme wird stets aufgeblähter.

Dann schrumpft jede anders verrunzelt zusammen,

Nun kann sich der Handschatten plötzlich verkneten,

Auch er scheint dem selbigen Arm zu entstammen

Und will seine Wirklichkeit thätlich vertreten.

Ein eben verknorpelter Finger empfindet

Den Spender der eigenen Schattensaumseele,

Drum merk ich, wie einer den andern umwindet!

Der Wirklichen Größter trägt seltene Juwele.

Er kann sich nicht krümmen. Er stellt die Probleme

Und läßt sich von Augen des Schattens bestaunen.

Ein anderer besteht, da ich selbst ihn vernehme,

Und der kann dem Schattenohr Dasein zuraunen.

Der vierte, der dünnste und schwächlichste Finger,

Verschrumpft ohne Knöchel und sucht seinen Schatten,

Der rüsselhaft schnuppert, als wäre er Ringer,

Mit Wucht anzupacken; doch beide ermatten

Und ziehn sich verekelt zurück, so wie Schnecken

In Krampfschaalen, diese in Eigenschleimwände.

Der letzte bleibt wund, und, bedeckt von Blutstecken,

Beleckt ihn des Schemen erhebendes Ende.

Die Hände, die beide sich ängstlich ergänzen,

Sind Männlichkeit, Weiblichkeit, engangegliedert:

Die, Umrisse sprengend und trotzdem in Grenzen,

Sich selber, im Nebengeschlechte erwidert,

Urinnig genießen und sinnlich begreifen,

Doch ich kann sie dreifach, als Drittes, ermitteln:

Sie schaffen den Raum, den Gedanken durchschweifen,

Und Willenskraft schließt sich, mit jenen Zweidritteln

Des Menschenbewußtseins lebendig zusammen;

Und zwiefach erkenn ich, durch Sprache und Geste:

Es muß, was stets wechselt, sich selber entstammen,

Denn hier giebts nur Gluth, Luft, die Fluth und das Feste.

Drum seh ich auch Leichtigkeit, Fluchtsucht und Dauer,

Urrundwucht, Weltwechsel, Verfall und Allschmiegung,

Als sieben bewegliche Glieder auf Lauer

Nach einer vom Dasein geforderten Biegung.

Noch vier solche Wuchtgruppen sieht meine Seele,

Als irdische Gottheit, das Dasein gestalten.

Wer kann sie beschreiben! Ich staune und zähle

Die Handpalmen, die sich aus Armschaften spalten!

Ein Felstempel leidet und bebt jetzt lebendig

Und blickt in sich selber, mit allerhand Augen,

Ich selbst bin mehr drinnen und sehe inwändig

Die stetswunden Fühlspitzen Blut einwärts saugen.

Der sinnlichempfindende Zackenkamm gliedert

Sich achtzehnfach, leidvoll und lustreich, vom Stocke

Der fünf Gefühlspitzfühler los und erwidert

Dann sechstens, verrunzelt, verwirklicht, als hocke

Im Innern des Tempels, in selbstheller Engniß,

Verpriestert ein Finger, bewußt das Empfundene:

Er sperrt, was er spürt, ins Gedächtnißgefängniß

Und ihm nur verdankt sich das Rhythmischverbundene.

Den sechs Weltempfindungen setzen Gesichter

Sich, zerrbildhaft spiegelnd, genau gegenüber,

Drum ändern sich stets ihre Selbsteinblickslichter:

Entrückt die Empfindung, so werden sie trüber!

Erhebt sich der Finger der Eigenempfindung,

So scheint sein Gesicht ihn halbstarr anzustaunen;

Verbirgt er sich aber, als Brunstimpulswindung,

Verräth sich sein Schrumpfruck durch Auflachkrampflaunen.

Die Finger sind blaß. Und des Welttraumes Buntheit

Ergießt sich wahltrefflich ins All aus Pupillen:

Und ebenso trachtet das Erdsein die Rundheit

Und Rhythmensymmetrik, durch Ruhlust und Willen,

Die urfest bestehn, in uns zu erzeugen:

Und Süßgeschmack, Wollustduft sichern und regeln

Ideen, die unter sich Werdendes beugen,

Und zwingen sich stets, sich als Bild einzukegeln.

Der große Koloßklotz beruht auf Wühlfüßen,

Die zwei über fünfzig Gefühle verspüren,

Oft kann eins das andere stark übel versüßen,

Wo einige, vereinigt, das Leid herbeiführen.

Im Innern des Tempels verknüpfen die Enden

Von neun mehr als achtzig Welthanden als Herz sich

Und wollen, vertieft schon, sich Selbstdasein spenden

Und sitzen auf mir, denn stets bin ich inwärts Ich.

Doch tiefer als ich noch, im Schooß des Kolosses,

Erblick ich den Freiheitsohn selbsthell erleuchtet,

Dort reift er heran, in der Pracht eines Schlosses,

Und thront schon am Lothes, der nie sich befeuchtet.

Wahrhaftig, ich sehe das herrlichste Wunder!

Die Erde wird selbst ihren Heiland gebaren;

Erst wurde der Mutterleib runder und wunder,

Doch fängt jetzt der Geist an, das Fleisch aufzuzehren.

Das Kind, wie der Morgen im Irislichthemde,

Verweilt ernstbedenklich, von Engeln umlächelt:

Und Krüppel und Bettler entsendet die Fremde,

In welche der Wind schon die Botschaft gefächelt.

Wer bucklig war, schreitet heran wie ein Ritter.

Die Stummen beginnen Heilshymnen zu singen.

Die Blinden erschreckt noch das Taglichtgeflitter.

Und alles, was taub war, erhält Seelenschwingen.

Der Seele entreißt sich das Ursprungsgedächtniß.

Was eingesperrt war, überspringt seinem Kerker.

Die Menschheit erwirbt und verbirgt ihr Vermächtniß,

Denn ringsum erscheinen Ereignißvermerker.

Dem Himmel entsteigen jetzt Weltschlundkometen

Und wallen als Urwabezungen hernieder.

Das Kind aber wächst durch die Kraft von Gebeten

Und strahlt durch des Mutterleibs Honiggoldglieder.

Der Sohn kann der Mutter die Schönheit verleihen:

Der einfache schlanke Geburtszweckgedanke,

Wird alles jetzt weibereich, rhythmisch anreihen,

Und üppiger bleibt nur die Weltfruchtschaalflanke.

Und selbst alle Thiere durchzuckt das Menschwerden

Des Sohnes der Erde, der gar nicht empfangen

Und lustunbesteckt, ohne Schmerz und Beschwerden,

Im Mutterleib Kraft hat, sein Werk anzufangen.

Ein hellblonder Löwe vergnügt sich mit Kindern.

Und goldene Gänse durchstiegen den Äther,

Durch Liebesdurstbotschast Lustsehnsucht zu lindern.

Die Tigerbruth selbst sendet sanfte Vertreter.

Die Schlange Ananta verkrümmt sich als Brücke

Und läßt still die Thierstuch den Pfuhl überschreiten.

Die Singvögel jubeln von fristfreiem Glücke

Und lassen sich angstlos von Falken begleiten.

Im Waffer die Fische erheben die Köpfe

Und scheinen bereits die Verheißung zu hören:

Als ob dieser Freiheitssohn Erdfieber schöpfe,

Gelingt es jetzt Wildheit und Maß zu beschwören.

Ein Edelhirsch stürzt nun, mit goldenem Geweihe,

Gehetzt, aus dem Urwald hervor an die Lichtung,

Es scheint, daß der Heiland ihm Beistand verleihe,

Denn selbst bricht und lenkt sich der Pfeile Flugrichtung.

Es kann ihn kein Menschengeschoß je erlegen:

Verfolgen ihn ringsum auch hungrige Jäger,

Und rennen ihm einige hurtig entgegen,

So tauscht er gewandt jeden Fluchtwegverleger.

Wohl sind die Verfolger mit Blindheit geschlagen,

Denn niemand vermag es, das Kind zu erblicken,

Und jedermann trachtet die Thiere zu jagen,

Um endlich mit Speise den Leib zu erquicken.

Doch keinem gelingt es, ein Thier zu erhaschen:

Die Beute entgleitet sofort allen Händen,

Das kann zwar die Jäger gar stark überraschen,

Doch niemand befiehlt noch die Jagd zu beenden.

Verzweifelt, von Hunger gepeinigt, entschließen

Sich, fiebernd, die Menschen jetzt Beeren zu essen,

Doch selbst diese Früchte sind nicht zu genießen,

Es scheinen die Finger stets Perlen zu pressen.

Ein halbharter, dickfeuchter, prickelnder Reifen

Verteidigt auf einmal die mindesten Kräuter:

Die Menschen versuchen ins Obstfleisch zu kneifen,

Doch alles hat Stacheln, und nichts als Dickhäuter

Beherbergt der Forst jetzt, und selbst durch den Äther

Gelangt das Geflügel ganz heil, aus Gefahren,

Zum Wabealtar, wo die letzten Verspäter

Im Luftreich sich still um den Freiheitssohn schaaren.

Jetzt sehn sich die menschlichen Jäger den Schrecken

Des Endes durch Hunger und Furcht preisgegeben:

Ihr Bangen ums Dasein kann Mitleid erwecken,

Und Tauben beginnen erweicht zu erbeben.

Die fiebernden Thiere, die nimmermehr grasen,

Sehn wehmuthsvoll auf zum vermenschlichten Leiden,

Da sieht man auf einmal, erstaunt, einen Hasen,

Das Jägervolk auffordern, ihn auszuweiden.

Sofort wird das Opfer des Thieres vollzogen.

Doch kaum ward der Hase vom Menschen geschlachtet,

So steigen der Wabe schamkräuselnde Wogen,

Im Geiste der Jäger, der jäh sich entnachtet,

Gewaltsam empor: und auch sie packt das Wunder.

Sie sehn schon ihr Opfer sich goldroth erleuchten,

Ihr Leib fühlt sich satt an, die Seele gesunder

Wie je noch, wenn Fasttage Krankheit verscheuchten.

Jetzt fängt sich im Erdleib das Kind an zu regen.

Viel heller und greller noch blendet es alle.

Der Mutter entsteigt es und spendet den Segen.

Und gleich einem Leuschrei durchbebt es die Halle:

»Ich bin! das Martyrium der Erde verschwinde:

Mein Dasein erheischt aller Gottheit Verneinung,

Mein Licht blinkt von innen, und mild und gelinde,

Durchzieh ich die Welt als Urfriedenserscheinung.

Bald habt Ihr den Brahmakrampf ganz überstanden,

Die Tagkraft, der Arbeitsdrang darf rasch verfallen,

Das Licht aber geht Euch dafür nicht abhanden,

Es mag aus Euch allen ins Ätherall wallen.

Es wird jedes Kalpa aus mir jung geboren,

Die Felsen erschüttert mein Erdlichterklimmen,

Aus Seelenschluchtthoren zu Mutterleibsohren

Verkünden mein Kommen komethafte Stimmen.

Vernehmt meine heutige Seelenverheißung:

Die Wabe in mir, die ich machtvoll entfalte,

Verspricht Euch die herrlichste Lichtschmerzentreißung

Und schließt manche Scharte und Taggattungsspalte.

Es kann Euch der Hase der Umwelt versöhnen,

Denn jetzt bleibt die Wabe den Erdkindern nahe,

Kein Opferthier soll je zum Sonnengott stöhnen,

Damit sich das Fatum der Tagkraft bejahe.

Ganz schonungslos dürft Ihr nun keines mehr tödten,

Das Lebensleid sollt Ihr gemeinsam verneinen,

Das Weib, das mich jetzt ohne Schmerzschrei und Nöthe

Gebar, aber darf Euch noch unrein erscheinen.

Auch wird meine Mutter nach knapp sieben Tagen,

Nachdem sie mich sichtbar zehn Monde getragen,

Als unbefreit sterben, und weitere Plagen

Erwarten das Weib, doch laßt mich das sagen:

Nach mir kann dereinst sein Befreier erstehen,

Das Jungfrausymbol bleibt auch dann noch erhalten,

Das Kind aber wird mit entsetzlichen Wehen

Den Leib seiner schreienden Leidmutter spalten.

Das Weib jedoch wird dann am Leben verbleiben

Und sehn, wie die Menschheit den Erdheiland peinigt,

Ein Opferlamm nochmals sich willig entleiben,

Das Weib aber dann mit dem Manne vereinigt.

Die Wabe muß stumm um den Lichtaltar wallen

Und langsam den Gott mit dem Sohne vereinen:

Die Sünde dereinst auch vom Fleischgenuß fallen,

Und so sich das Jungfrausymbol selbst verneinen.

Dann werden verschiedene Mütter, vom Manne

Geschwängert, den eigenen Erdsohn gebaren,

Die Wabekraft kann einst, von Spanne zu Spanne,

Dem Tagjammer Helfer der Wahrheit gewähren.

Doch merkt es, die Wabe hilft ewig den Rassen,

Die rastlos sich aufwärts zum Lichtspender schwingen:

Und kann sie der Vater im Menschthum erfassen,

So dürft Ihr das Reich freien Friedens erringen.

Da giebt es aus Erden einst keine Verneinung:

Die Flamme wird tief in die Erdwabe greifen,

Die Liebe tritt wieder als Urlichterscheinung

Ins Dasein, zu welchem wir allesamt reifen.

Schon wartet im Norden der Hort der Befreiung:

Er schlummert im Schatzberge, Meru geheißen,

Und selbst meiner Wiedergeburt Prophezeihung

Verkündet er kühn, Völker an sich zu reißen!

So nennt mich denn Buddah und hört diese Wahrheit:

Ich werde im Dunkel der Menge verschwinden,

Mein Dasein verliert wieder langsam die Klarheit,

Mit der mich die leidreichen Menschen empfinden.

Ich gleiche dem Monde, der traurig verscheidet,

Sich selber erfüllend hingegen die Erde

Gar freundlich belächelt und Lichtschäfchen weidet,

Denn seht doch, auch ich sammle stets meine Heerde.

Bevor ich im Glanz meiner Machtpracht erstrahle,

Vergleicht mich dem Monde, in dem ich den Hasen,

Als Abbild vom sanften Verzichtideale,

Dort selbst, in verschiedenen Abnahmephasen,

Zum Abschiede, stets meinem Erdgeschlecht zeige,

Denn wißt: das Entsagungsthier hab ich mit Wabe

Dort tief eingemerzt, und ich selber entsteige,

Als Vollmondlicht, stets meinem nachtschwarzen Grabe.

Wie, gleich ich dem Vollmond? Der Mond bin ich selber!

Das Zeitleid durchbrech ich als Werth im Kalender,

Aus Herbstfeldern steig ich als reifer und gelber

Erdfruchtkern empor und belausche die Länder,

Die allesammt lang meine Nachtmacht ersehnen.

Gar pausbackig schau ich als Gautama nieder.

Als Erdgeist durchschimmere ich perlende Thränen,

Und Lichtflügel geb ich dem Erdfurchtgefieder,

Das fiebernd versucht, an der Mondbrust zu saugen.

Und seht, meine Milde entschwellt ihrer Hülle:

Mit Lichtmilch beträufle ich traurige Augen,

Und wieder verschwindet die Brust im Lichttülle,

In perlenden Schleiern und Irisgischtspitzen!

Denn wißt jetzt: ich wünsche mich wenig zu regen,

Ich bleibe, der Langlebigkeitsgottheit gleich, sitzen

Und bin drum stets lebend als Buddah zugegen.

Ich gleiche dem Monde, dem Sohne der Erde,

Der nimmer den Bruder befreit und alleine,

Voll Mitleid mit jeglicher Menschenbeschwerde,

Gar schweigsam dahinschleicht in bleichlichem Scheine.

Ich gleiche dem Monde, der Träume und Träumer

Der Erde entschmeichelt: ich kann auch die Brüder,

Die Buddahs, die schlummern, als Erdurschlundräumer,

Durch Ruhe gebären und werde nicht müder!

Ich gleiche dem Monde! Als Sohn dieser Erde

Und milder Verneiner des Sonnenrobottes,

Als Buddah, als der ich in Indien jetzt werde,

Bezweifle ich jegliches Sein eines Gottes!«

Kaum wurden die Worte von Buddah gesprochen,

So meldeten Wächter, im Festprachtgewande:

Ein goldener Vogel sei jäh ausgebrochen,

Nur weiß man nickt wo, ob im eigenen Lande,

Ob ferne im Osten, im Goldschloß der Sonne,

Ob südwärts, wo Meere der Stürme bedürfen,

Ob westlich, wo ewig die Wellen die Wonne

Des Sonnlichtes schmatzend und geilfletschend schlürfen.

Ob hoch, dort im Norden, wo Berge und Sterne

Beharren und nimmer den Wanderer bethören!

Der eine der Wächter sieht scharf in die Ferne,

Der andere kann alles was weitherstammt hören.

Sie lugen und lauschen und spüren noch immer:

Doch keiner vermag, was uns naht, zu errathen.

Da fang ich nun selbst an, in mir einen Schimmer,

Ein Klimperspiel, wie von verschiedenen Dukaten,

Genau, in der eigenen Welt, zu vernehmen.

Ich seh keinen Buddah mehr. Felstempel brennen.

Die Wesen verstecken sich, schreckhaft wie Schemen.

Und Werthe versuchen ihr Sprechwort zu nennen.

Da schlagen auf einmal unendliche Schwingen

Die Sprache der Indier, voll Pracht, auseinander:

Die Federn des Thieres sind Rhythmen, die klingen,

Doch fest, daß ihr Schallband das Weltall durchwander.

Und wahrlich, allüberall formen sich Sprachen.

Lautgruppen versuchen ihr Sein zu beflügeln

Und taumeln wie Nachen, die jäh in See stachen,

Noch auf und ab, tief zwischen Windwogenhügeln.

Der Mutterrumpf gleicht einem Glastpelikane,

Mit weiblichen Brüsten: und ist Mann und Ahne

Der Andern zugleich, und im Aufopferungswahne

Verpraßt er für Nachkommen Sprachenorkane.

Nun wird es mir klar: Indiens Sprache versprühte

Der innersten Mystik unendliche Güte,

Sobald ihre Fülle als Hymnus erglühte,

Und so im Gemüthe, den Ruhbuddab glühte!

Der Glaube, der voll aus ihr selber entstanden,

Befreit erst sein Wesen aus heimischen Banden,

Sein Flügelschlagbraus kann jetzt überall branden,

Und was ihm entstammt selbst im Ozean landen.

Und wirklich des Urrumpfes Achseln entschlüpfen

Schon allerhand Falter, die rings flugs weghüpfen,

Und einige, die flügge sind, fliehn und verknüpfen

Die Rassen, daß bald sich die Federn betüpfen.

Sonngoldene Möven enteilen dem Meere,

Damit sich der Anhang des Buddah vermehre,

Am Schwanz sitzt ein Kauz, Indiens heimliche Lehre,

Doch spürt kaum ein Goldthier die silberne Schwere!

Jetzt läßt mich die Welteinsicht wahrhaft erstaunen:

Die Sprachlaute stauten sich eben zu Daunen

Und schallen am Strande schon stark wie Posaunen,

Die Kauzart jedoch wird im Tempelgrau raunen.

Das schallt Mahabharata! Rakasch erwidern,

Als Echo, das Indieridiom in den Bergen.

Ich selber empfinde den Rausch in den Gliedern:

Und tief aus den Zwergen, die rings sich verbergen,

Verbreiten sich herrliche Lichthymnenfieber.

Der Taumel gefällt mir, denn rings tummeln Frauen,

Oh, könnte er dauern, je langer, je lieber:

Man kann nicht auf einmal das Traumgrau durchschauen.

Die zärtlichsten Winde, die Morgens liebkosen,

Ein mädchenhaft wahres und quellklares Lachen,

Dazu einen Dufthauch von Haut und von Rosen,

Das Auge der Frau, nach dem Brautnachterwachen,

Das alles erfaß ich, als greifbare Bilder:

Ein tanzender Ausbund von Jugendgestalten,

Umwirbelt mich sichtbar und schwingt immer wilder

Die Schleier zu blumenblattartigen Falten.

Und wirklich, beim Wirbeln, verwickeln die Hüllen

Sich krampfhaft, von Blumengedanken gehalten,

Sie schickten, verknüllten sich, Kelche zu füllen,

Als ob sich Dämone zu Tanzknäulen ballten.

Ein einziges Schleiergewirbel verknetet

Die Kleider zum Schlusse, und Jungfrauen hüpfen

Jetzt nackt in den Raum, wo die Priesterschaft betet.

Und wahrend die Hüllen sich bauschig verknüpfen,

Ergeben die Mädchen sich brünstig den Freiern:

Und aller Goldschutzschurz wird Pollen der Blume,

Aus plötzlich von Purpur durchglühten Brautschleiern:

Und oben hockt Schiwa im hochrothen Ruhme,

Der siegreichen eigenen Weltbildvereinung.

Sein Gluthgewicht senkt seinen Thron in die Tiefe,

Und rasch nur erfaß ich die Fiebererscheinung,

Es ist, als ob Gift aus dem Kelch übertriefe.

Ja, zwischen den Blattern liegt brunstschwül ein Panther,

Den Schiwa, sanft streichelnd, im Augenblick bändigt:

Doch tropft Schleim und Speichel ganz kurz übermannter

Thierurwuth vom Maul, wo das Reißzahnfleisch endigt,

Als Giftgeifersprudel hervor und durchrieselt

Die Blutblume, die unter Schiwa verschwindet.

Ein Stechregen, der nun ringsum niederrieselt,

Vertilgt jede Blattflamme, die sich entrindet.

Die Gluthzunge Schiwas, sein Raubkatzenauge,

Verschwinden zuletzt in der Schluftgruft der Erde,

Es scheint, daß der Gott alle Welthast aufsauge,

Denn jetzt stockt in uns jede Körpergeberde.

Die Brunstblume sinkt tief ins Innere der Seele

Des kummerlos schlummernden Tagelephanten,

Da ists, als ob Schiwa sein Kraftsein jäh stähle,

Als ob sich die Mannfasern ruckrasch anspannten.

Denn schon wälzt der weise Kolloß, wilderglühend,

Voll Brunst sich hervor, um die weibliche Erde

Mit Hast zu erfassen; lichtsprühend sich mühend,

Verschwitzt er aus Durstrausch und Auftauch beschwerde

Jetzt tausend Thaubäche, die perlend zerstießen;

Doch geht da die Nachttragpagode in Trümmer,

Das Lichtthier will nichts als den Erdleib genießen,

Es ist, als ob gar keine Weltpflicht ihn kümmer.

Der Sternbaldachin ist schon langst hoch verschwunden:

Der Purpurschabracke zerflatternde Fetzen

Zerstieben in kurzen Urbrunstlustsekunden,

In denen Thauströme die Erdstur benetzen.

Denn immernoch rieseln vom Lichtelephanten

Die Taggeilheitsbache wie Regen hernieder,

Die Perlmutterthürme mit hochimposanten

Prachtflanken, der Baubonzen Elfenbeinglieder,

Die Nachtherrschaftshallen sind alle zerfallen:

Der Tagelephant hat sie brunstwild zerschmettert:

Jetzt kann er sich platt in das Brunststeisch einkrallen:

Er wirst sich aufs Land, das er wuchtstumpf erklettert!

Doch kann mir nun Wischnu aufeinmal erscheinen;

Er thront ja mit Lackschmy, der Gattin, im Äther,

Ganz nackt, hockt er hoch mit verschlagenen Beinen,

Denn Dankgaben, Schambrauch, das alles verschmäht er.

Sein Fleisch strahlt so hell wie die Gletscher im Norden,

Wenn Rosenlichthauche sie Morgens umschmeicheln,

Sein Weib fächelt Wolken nach Blutstromakkorden:

Himalajas Eiswelt, die Stürme kaum streicheln,

Nur kann ich den Gott der Erhaltung vergleichen!

Die Gattin will ganz seine Anmuth genießen

Und wagt es, ihm prachtvolle Spangen zu reichen,

Und siehe, des Weltherrschers Füße umschließen

Bereits allerhand Glanzgeschmeide und Ringe.

Lichtkränze umwallen die Hüften und Schlafen,

Die Hände besetzen unzählige Dinge

Aus fernen, ausländischen Überseehäfen.

Die haarlose Nacktheit bleibt trotzdem erhalten:

Es läßt sie die Pracht nicht an Geltung verlieren,

Im Gegentheil trachtet das Weib, mannigfalten

Prunkgluthschmuck ums reizreiche Fleisch zu gruppieren.

Jetzt windet ein Weib sich, von Armen und Schlangen

Beinahe gebändigt, vor Wischnu in Krämpfen.

Ein Unthier, ein Jüngling, voll Brunstlustverlangen,

Versuchen gemeinsam, das Fleisch zu erkämpfen.

Das Weib aber weiß wohl sein Erbtheil zu stählen!

Geschickt wie die Schlange, entschleicht es dem Manne,

Verständig und fähig, Kampfkräfte zu wählen,

Enteilt es dem Thier, um die kleinste Zeitspanne.

Die Bestie, der Mensch müssen schnell unterliegen,

Denn siegreich erreicht jetzt das Weib beide Rhythmen,

Man sieht es den Feinden im Wirbel entfliegen

Und demüthig Wischnu sein Tanzkunststück widmen.

Die Männer, im Umkreise, athmen viel schwerer,

Da schwellende, fleischige Muskeln sie reizen.

Das Weib aber fühlt nun den Hauch der Verehrer

Und greift, wie um plötzlich mit Schönheit zu geizen,

Jetzt schamhaft zum Knie, um die Schenkel, das Becken

Verlegen mit Flechten gerecht zu verstecken:

Da stockt und da stockt nun der Odem der kecken

Gesellen und fängt an, das Weib zu bedecken.

Nun tanzt es auch wieder im wolkigen Hemde,

Und perlender Thau übersprüht seine Glieder,

Da wirbt und da stirbt jetzt ein Prinz aus der Fremde,

Und siehe, das Weib kriegt ein purpurnes Mieder!

Es tanzt noch, und Rosen, die fruchtlos verwehen,

Entsenden der Tänzerin duftmüde Hauche,

Die kann sie, beim Wirbeln, zu Blutschärpen drehen,

Und braucht sie symbolisch, beim landläufigen Brauche,

Die Scham vor den Menschen der Gottheit zu weihen.

Es scheint, daß ein Schleier ein Weib trefflich rüste;

Die Priester jedoch, die sich rings umherreihen,

Betrachten gar lüstern der Tänzerin Brüste.

Die Gluthblicke bleiben sogleich daran haften.

Im Nu überfunkelt ein Panzer den Busen,

Und Männer, die brunststarr die Nacktheit begafften,

Versuchen das Weib nun mit geilen, konfusen

Versprechungen dennoch zum Fall zu bewegen.

Das Weib aber kann jede Antwort verweigern,

Leicht lächelnd den Kriß in die Zahnklemmen legen

Und wieder den Wirbeltanz unbändig steigern.

Ein Glastpanther trägt dann das Mädchen im Panzer

Auf einmal davon, zu Verwandten und Ahnen,

Und Nachtelephanten und Grausfirlefanzer

Zerstampfen mit ganzer Gewalt die Brahmanen.

Die Nautsch knautschen laut und die Tagdewas spotten,

Um Nachdruck dem grausamen Rausch zu verleihen,

Und abermals lausch ich aufs Echo der Grotten

Und hör Zakhasch laut Mahabharata schreien.

Ich aber sage allen Lebensüberwindern:

Laßt von der Schönheit Euch jetzt nimmermehr verführen!

Ich will die Leiden Eures Erdendaseins lindern,

Ich weiß des Flammengangs geheime Seitenthüren.

Sie stehn Euch offen, folgt mir bloß auf meinen Wegen,

Ihr dürft ein todtes Leben ohne Leid erhoffen,

Ihr könnt Euch selbst die steile Sonnenbahn verlegen,

So kommt, wir haben uns zur Wallfahrt gut getroffen.

So reißt Euch los vom Weib! Das Weib ist bloße Erde!

Doch steigt ins Grab hinein, und nicht empor zum Himmel.

Das Licht, der strenge Hirt, treibt seine Menschenheerde

Mit friedlichem Gebimmel, wie ein Schafsgewimmel,

Stets fort, bergan von Schmerz zu Wunsch, von Brunst zu Leiden;

Ich aber lehre Euch das Licht der Seele zu entzünden,

Und so als freies Sein, den Außenzwang zu meiden,

Und meinen Kult will ich mit Wucht in Euch begründen.

So gebt Ihr Eurem Sein die beste Selbsterhaltung,

Den Tod könnt Ihr im Dammerscheine kaum gewahren,

Verneint Ihr das Geschlecht, die Leib und Seelenspaltung,

So birgt für Euch das Dasein keinerlei Gefahren.

Seid Sternen gleich, die keine andern Sterne stören,

Ich werde wie der Mond Euch durch das Dunkel führen,

Ihr sollt die Lieder meiner Inbrunst nimmer hören,

Und nichts als meiner Liebe Stille in Euch spüren.

Oh Mond, Du lauterer Lothos tiefster Weltenweiher,

Du schwimmst im Urallozean dahin: und Sterne

Entschlummern bleich, bedeckt von Deinen leichten Schleiern,

Und auch die Sehnsucht schweigt in Deiner Obhut gerne!

Drum folgt mir, Daseinsflüchtlinge und Mendikanten,

Vertilgt im Seelenfieber Eure Lichtbegierde,

Entstammt den Ampelschein, da wir sein Heil erkannten,

Kein Drang, kein Mangel sind des Priesters tiefste Zierde!

Ein Lothoslicht voll Milde ist in uns erschienen:

Ich hüte mich, sein Wesen irgendwie zu nennen:

Der Einheit aller Dinge soll mein Walten dienen,

Und Sinnbegriffe, Laute können nichts als trennen.

Der Mund, die Ohren, Augen sind der Umwelt Lucken,

Durch die uns äußere Feinde wahrnehmbar betrachten,

Einst soll jedoch die Einheit ineinander zucken,

Die Urlust die getheilte Reizbarkeit verachten.

»Du irrst, Unseeliger, Du irrst!« ruft eine Stimme.

Ein Krüppel, der mir nachschleicht, hält mir diese Rede:

»Ich reize Dich vielleicht zu herbem«, bitterm Grimme,

Doch wisse, Thor, Du trennst nur und Du wirbst um Fehde.

Laß Leib und Seele mit einander wandern, seelig

Die Welt genießen und das Leidmaaß tragen,

So steigen wir am Sonnenpilgersteig allmählig

Und ohne Umweg auf aus unsern Jammertagen.

Unseliger, Du willst aus Milde Krüppel zeugen,

Ich bin bereits dereinst ein Bettelmönch gewesen,

Mein Leib verkam, doch ließ die Seele sich nicht beugen,

Dafür muß jetzt mein Leib lebendig halb verwesen.

Ich habe meinen Mord vielleicht noch zu begehen

Und werde als Vampyr die Nachte bleich durchschleichen,

Ich muß die Marterqual wahrscheinlich einst bestehen

Und soll verflucht, als Spuk, mein Ziel zuletzt erreichen.

Unglücklicher, Du kannst dem Schicksal nicht enteilen,

Du bist Asket und warst Du wirklich nie ein Prasser,

So wirst Du noch als Schlemmer auf der Erde weilen!

Du hältst Dich rein: vergeblich suchst Du einst nach Wasser!

An mir, dem Hinkenden, kannst Du genau erkennen,

Daß unsere Seelen mindestens ein Leben dauern,

Wildträumend will die Meine sich vom Leibe trennen,

Wohl seh ich oft, wie Windchimären sie belauern,

Doch krampfhaft kann der Rumpf sie abwärts an sich reißen,

Um starrbewußtlos sie ins Fleisch zurück zu binden;

Und dennoch kann sie nimmer sich im Leib verbeißen,

Noch jemals sich wie er, so jung und siech empfinden.

Denn das ist ja das Schauderräthsel meiner Tage:

Die Seele ist viel weiter als mein Leib gegangen,

Es scheint, daß sie fast greisenhaft ins Jenseits rage,

Und sieh, ich bin ein krankes Kind mit rothen Wangen.

Auch ich, unseliger Pilgerhirt, auch ich erblicke

Das Lothoslicht am Rothen Ozean der Seelen:

Wenn ich zusammenknicke und beim Schrein ersticke,

So fängt der Buddah grausam an mich tief zu quälen.

Er ruft: ich bin der Aufruhr und die Seelenruhe,

Ich bin des Mondes Bruder, tief im Mutterschooße,

Ich bin die Furcht vor dem, was ich im Kerker thue,

Den Tod entfessele ich mit jedem Erdgluthstoße.

Ich bin der Daseinsflamme tiefste Urverneinung,

Da ich als Buddah die Vernunftaskese förder,

Drum ist ein Selbstmord meine schwerste Machtverheißung:

Ekstatisch bin ich Mahatma und Seelenmörder.

Mein Sieg kann nur in unterwühltem Land gelingen:

Ich muß den Lebensüberdruß zuerst verbreiten:

Wo Erderschütterungen meinem Sein entspringen,

Vermag ich es, den Kriegs und Pestweg zu beschreiten.

Statt Mord und Sühne könnt Ihr Euch den Selbstmord wählen:

Das ist das Resultat von meinen Einheitskrämpfen:

Die Krüppel dürfen sich im Dasein weiterquälen,

Denn Rohheit läßt sich leichter als das Weltleid dämpfen!

Die Iranische Rhapsodie

Das ist das Land, wo alle Vöge gerne weilen,

Die Zone, wo die Erdbewohner Nester schonen,

Die Höhe, wo die Arten ihre Lücken heilen

Und durch Gefährtenthum den Ackermann belohnen.

Wenn ich im Lenz gar schwer mein leeres Feld bestelle,

Und Pferde Ockertnollen vor dem Pflug zertreten,

So geht ein Hund stets wedelnd mit, und sein Gebelle

Besänftigt Weib und Kind, wenn wir uns wo verspäten.

Wie gut ist doch ein Hund! Wie liebreich viele Thiere!

Wie reizvoll zwitschern Vögel ihre Liebeslieder,

Und girren tausend Tauben ringsum im Reviere,

Drückt mich die Müh und Lebensgier zur Erde nieder!

Wir schaufeln unser Grab, wenn wir das Land bebauen,

Und weilen schon allein, wenn wir die Furchen graben,

An unsere Armuth denken wir dabei mit Grauen;

An mir wird sich die Erde einstens mühlos laben!

Nein, lieber will ich meinen Leib den Geiern weihen,

Was ich so schwer zu Herz und Hirn emporgetragen,

Das sei mit Leidlustschreien und in breiten Reihen

Von Raubthierleibern, über Alltagsarbeitsklagen,

Gar steil und weit zu Licht und Lichterlust gerissen:

Ich gönne Vögeln meines Leibes Leckerbissen:

Sie mögen keines Körpers Kotgekröse missen

Und siegreich ihr Gefieder immer höher hissen!

Mein Bruder, dessen Äcker an die meinen grenzen,

Hält schweißbedeckt in seiner Pflugschararbeit inne

Und sucht mein Lied, in meiner Nähe, zu ergänzen:

Er will vielleicht, daß sich ein Zeitgespräch entspinne.

Ich horche denn auf meines Bruders holde Worte

Und lasse sorglos meine brachen Schollen schlafen,

Und gehts zur Arbeit, so bestimmen wir am Orte,

An welchem wir uns eben unversehens trafen,

Für andere Frühlingstage noch Zusammenkünfte:

Und abermals allein, betrachte ich, was er erdachte,

Wie brüderlich vernünftig er die Einzelzünfte,

In sich, zu einem Lichtzusammenschlusse brachte.

Er hat wohl Recht: wir Bauern schaufeln unsere Gröber

Und sind dem Seemann nur unwesentlich verschieden,

Wir ziehn das Tagwerk kreuz und quer, wie jeder Weber,

Und Lichterstreber sind die Priester nur hienieden.

Mein Pflug gleicht wahrlich einem blanken Kiele;

Er sprüht die Krumen, wie den Gischt, aus scharfem Gleise,

Er nähert sich, wie Schiffe, immer einem Ziele,

Doch kehrt er um, verneint er seine Pilgerreise.

Er ist ein braves Fahrzeug, das die Zeit durchsegelt,

Denn nur viel später siehst Du Pflugscharfurchen schäumen:

Erst wenn der Frühlingssprünge Ubermuth sich regelt,

Beginnen ernste Felder blumenbunt zu träumen.

Gischtweiße Pracht siehst Du zumeist zum Licht ersprießen

Und Wellen gleich die Acker weiß und weit bedecken:

Wir dürfen erst der Pflüge Blüthenschaum genießen,

Wenn sich die Arbeitsnachen irgendwo verstecken.

So lockre denn mein Schicksalsboot die trockenen Schollen,

Es ist, als wäre Lenzgezwitscher eine günstige Briese:

Ich horche, wie in mir die Ozeane grollen,

Und mein Verhängniß übersteigt mich wie ein Riese.

Mein Bruder, ach, Du meintest wohl, was ich empfinde,

Und wärst Du nicht so weit, so möcht ich Dich befragen:

Die Geier, die uns gleich nach dem Verrecken finden,

Sind wohl wie Wolken, die den Tod im Schooße tragen.

Wie oft sieht man sie hoch dem Ozean entragen,

Wie oft die Wogen an der Barke Planken schlagen,

Wie häufig hört man Geier um Kadaver klagen,

Und was uns unterliegt, kann unsere Frist benagen!

Ein Nachbar ist mir jetzt beim Ackern nah gekommen

Und sagt: »Kein Lenz ist je so zeitlich heiß gewesen,

Der Sommer ist wohl heute Morgen schon erglommen:

Zu allen Plagen scheint der Bauer auserlesen!

Wir armen Parsen arbeiten im Glanz des Tages

Und beten, wenn wir uns nach Regenwetter sehnen,

Und dennoch formen Schollen unseres kargen Sonnertrages

Unendliche, im Lenz verbrannte, welke Lehnen.

Zusammen könnten wir den Abhang urbar machen:

Die Felder sollten sich bis dort hinauf erstrecken,

Doch müßte Blau aus Pfützen uns entgegen lachen,

Und blieben selbst die Pferde drin im Drecke stecken,

So ging es immerhin beim Pflügen viel geschwinder:

Die grünen Wiesen würden Frühlingslüfte würzen,

Im Kühlen sangen Vögel und es könnten Kinder,

Durch übermüthige Sprünge, uns die Zeit verkürzen!«

»Dann würde ich den Meder nimmermehr beneiden

Und ließ den Fremdling gern in unserer Mitte, Felder,

In Sternennächten, ihrer Kleinodien entkleiden,

Denn selbst dem Fels entweiden Meder ihre Glieder!«

Dies hat ein Nachbar, der uns hörte, ausgesprochen,

Da sagt der frühere zu mir: »Fürwahr ich dachte

Gar oft, weshalb hält jener sich des Tags verkrochen

Und warum steigt er Nachts hinab in schwarze Schachtel«

Nun tritt der Dritte nah heran, um fortzunadern:

»Fürwahr, wir Parsen, die das Land beackern, darben,

Wir arbeiten in Hadern und aus unsern Adern

Entsprühn in Wirklichkeit jetzt Irans Frühlingsgarben!

Hingegen scheint der Meder nie sein Feld zu pflegen:

Bei Trockenheit sind seine Schollen grobe Knollen,

Nie sehn wir anderes dort als Lehm nach einem Regen,

Doch tiefverborgenes Gold liegt tief in einem Stollen.«

»Fürwahr,« setzt jetzt der andere Nachbar ein: »Wir sehen

Den Fremdling nur in lauer Mondnacht drüben wandeln,

In blauem Prachtgewand sah ich ihn dort alleine stehen

Und mit dem Eigenschatten irgendwas verhandeln.

Was mag er da Geheimnißvolles einsam machen?

Nach Nebeln, diesen gleich, die jetzt das Licht verschleiern,

Hat er in jener grauen Nacht mit mannigfachen

Handregungen gefahndet, und gleich Riesengeiern

Warf da, nachdem der Mond sich erst von selbst versteckte,

Der Wolkentroß sich auf die todte Vollmondscheibe:

Es graute Menschen, Thieren, die ihr Schweiß bedeckte,

Ein Schaudern sprühte kalt aus jedem Baum und Leibe.

Der Meder aber, glaub ich, blieb noch ausrecht stehen:

Wahrscheinlich konnte da sein Schatten niedersteigen,

Denn als der eisige Nebelgletscher anfing zu zergehen,

Ein goldener Mondring sich vermochte bleich zu zeigen,

Da schien der Fremde ebenfalls von Gold umsponnen.

Und als der Mond verjüngt den Himmel heiterfegte,

Da wars, als wäre Licht auf seinem Rock geronnen,

Doch Gold wars, das sein Schatten ihm zu Füßen legte!«

Jetztspricht mein nächster Nachbarfassungslos in seinem Zorne:

»Wir wollen diesen Eindringling nicht länger dulden,

Durch unsere Arbeit sprudeln ringsum klare Borne,

Und salzige Laken sammeln sich in reinen Mulden.

Verschwinden werden nächstens jene gelben Lehnen,

Aus denen höhnisch blaue Tümpel uns begrinsen,

Schon schwellt des Fremdlings Frechheit meine Schlafenvenen:

Vertreiben will ich ihn mit seinen letzten Binsen.

Er dient, der Finsterniß ergeben, blos dem Bösen,

Und scheint bei Ahriman gar tapfer auszuharren,

Den Vögeln giebt er nichts von Speiserestgekrösen

Und läßt sich noch, verreckt, dereinst aus Geiz verscharren!

Er krächzt oft Magierformeln wie ein garstiger Rabe:

Abra, abra, abrakada, dabra so fangen

Die Sätze an, und dann folgt rasch ein Fluchbuchstabe,

Und an dem Satzgespinnst bleibt gleich ein Erdschatz hangen.

Das kann in unserm Lande nimmer länger dauern,

Er würde lauter Unheil hier heraufbeschwören,

Beim nächsten Vollmond wollen wir ihm scklau auflauern

Und seine Macht sammt ihrem Zugehör zerstören.«

Ich habe selbst im Herzensgrunde Wuth empfunden,

Doch fällt mir ein, wie ich dereinst mein Weib erfreute:

Der Meder gab mir einen Stein aus seinen Funden,

Und heute reizt er noch den Neid der Nachbarsleute.

Vielleicht verhexte das Geschenk des Weibes Sinne,

Bestimmt ist es seit damals nimmer zu erkennen,

Es schmückt sich jetzt viel lieblicher zu unserer Minne,

Und öfters seh ich seinen Sehnsuchtsblick erbrennen.

Die Glücksgedanken kann es kaum vom Kleinod scheiden,

Es fühlt mein Weib in mir die Lust an meinen Spenden,

Mein Dasein giebt ihm Kraft, mein Abgang ist sein Leiden,

Doch hält es fest, was ich ihm gab, als Trost in Händen.

Es will die Frau vom Manne Dank und Tand empfangen,

Zufriedenheit kann ich ihr nimmer leicht bezeigen,

Zumal wenn ihr Geschenkgruppierungen gelangen,

Und nur was sie erhält empfindet sie als eigen.

Ein Erbtheil wird sie leichter als ein Gut verschwenden,

Das nacheinander sich um ihren Hausstand gliedert,

Sie sucht sich unsere Gunst durch Weigerung zuzuwenden,

Und oft ists ihre Lust, daß sie kein Glück erwidert.

Das alles habe ich gar rasch in mir erwogen

Und wollte, daß der Fremde uns noch Steine brächte,

Drum sag ich auch: »Wir werden ganz bestimmt betrogen,

Wir haben auf des Meders Geld und Beistand Rechte.

Ach, wäre doch mein Bruder jetzt beim Streit zugegen,

Doch seht, er ackert noch allein dort oben weiter,

Er trachtet, nackt wie ich, die Felder gut zu pflegen

Und bleibt bei seiner Arbeit immer neidlos heiter.

Fürwahr, der würde gütig unsern Gast beschützen,

Er sagte einst, die Wälder, die ich urbar mache,

Erscheinen, meine wachen Träume hold zu stützen:

Es ist, als ob in mir ein Wunderlenz erwache.

Die Kraft, die unter Tags die starken Stämme fällte,

Treibt Nachts die reifsten Lichtgedanken aus der Seele.

Das Traumlaub, das mir oft den Sonnenweg verstellte,

Beschattet mich, seitdem ich mich tagsüber stähle.

Mich selber seh ich ernst empor zum Äther ragen

Und Licht und Nahrung stolz und froh genießen.

Die Nachtigallen fangen an in mir zu schlagen,

Und immer tiefer will ich sie dabei verschließen.

Mein Bruder, könntest Du jetzt selber weitersagen,

Wie Du begreifst, daß Deiner Nachtigallen Lieder

Nur Antwortsfragen auf der andern Klagen wagen,

Oh kämst Du doch ermüdet jetzt zu uns hernieder!

Du ackerst knapp an Deines Arbeitsfeldes Grenze

Und thust, was Du dereinst in Deinem Traum erschautest,

Ein größeres Gut umfriedest Du mit jedem Lenze

Und schützt dadurch auch das was Du nicht selbst bebautest!«

Mein Bruder wirft mit starkem Mannesarm den Samen,

Oh seht zu ihm, er wird vielleicht herüber denken:

Damit die Lichtgedanken nimmermehr erlahmen,

Vermag er jeder Einsicht ihren Traum zu schenken!

Wie jeder Schößling sich mit Blättern leicht beflügelt,

Und wie die Bäume durch das Laub dem Staub entfliegen,

Birgt jeder Spruch, den man bewußt und kühl erklügelt,

Ursprünglichkeit, Furcht, ungezügelt, zu besiegen.

Mein Bruder komm, des Meders Geiz soll sich entfalten,

Der stumpfe Wurm, als Schmetterling, im Lichte schwirren,

Aus unserm Haß entschäle alle Taggewalten,

Die unsere Sinne jetzt als Hirngespinnst verwirren.

Wenn Deine Staatsgedanken bald zu Macht gelangen,

Dann ist es recht, daß auch des fremden Ansicht gelte,

Wenn Sonnenlehren einst in unserer Seele prangen,

Verdienen Medergeld und Werthe nimmer unsere Schelte.

Mein Bruder wird Euch immer klug und gut berathen,

Und meines Weibes Einfalt ist im Grunde besser

Als unsere Wuth und haßerfüllten Mannerthaten,

Drum schleifen wir jetzt Edelsteine anstatt Messer.

Es soll mein Weib von nun an goldene Spangen tragen.

Der Meder darf Geschmeide mit dem Hammer schlagen:

Wir alle wollen einen Staat zu gründen wagen

Und vor dem Anschlag auf das Alte nicht verzagen!

Die Erde, die wir plündern, ist voll innerer Güte,

Und ob der Mensch auch noch so unvernünftig wüthe,

Erscheint trotz allem doch kein Frühling ohne Blüthe,

Und diesmal ist es gar, als ob er sich verfrühte.

Die Erde spendet jetzt auch die geheimsten Gaben:

Sie will bestimmt, daß wir nach ihren Schätzen graben

Und uns im Alter durch Erspartes alle laben,

»Es wird der Sohn es besser als sein Vater haben!«

Jetzt regnet es! Ich kann bereits die Tropfen zählen!

Mein Bruder ist schon patschenaß und denkt entschieden,

Sich nimmermehr mit seiner Arbeit abzuquälen:

So gönnen wir uns denn für heute alle Frieden!

Es sind das sonderbare Wolken, sonnumsponnen

Und gar so dünn, daß sie den Himmel kaum verhüllen;

Und trotzdem hat das Tröpfeln ringsumher begonnen:

Die Nebel werden sich wohl auch zusammenknüllen.

Der Meder hat das Wasser sicherlich gespendet:

Die Tropfen scheinen wie geschmolzenes Gold zu gleißen:

Ein Freund hat diesen Regen ganz gewiß gesendet

Und will vielleicht die Opfer Irans an sich reißen.

Das Nieselwetter sickert mild wie Schweiß hernieder:

Es ist, als ob uns Silberperlen rings benetzten:

Die Thiere nicken ein und schließen ihre Lider,

Ach, wenn die Nebel uns in einen Traum versetzten!

Es scheint das Gold aus unsern Poren sanft zu dringen,

Doch nein, wir sehn es doch vom Himmel niederrinnen,

Dort oben wieder kann es sich zum Lichte schwingen

Und alles was da lebt mit Irisglanz umspinnen.

Nun fängt es endlich lau und kräftig an zu regnen,

Und jeder denkt, die Werkzeuge nach Haus zu tragen,

Wahrscheinlich wird man sich beim Heimwärtsgehn begegnen,

Dort scheint mein Nachbar schon die Schafe fortzujagen.

Nun sehne ich die ganzen Thiere rings im Schlafe:

Kein Hirt vermag das Vieh aus dem Versteck zu treiben,

Wahrscheinlich packt die Angst auf einmal alle Schafe,

Die Böcke, selbst die Rinder, wollen draußen bleiben.

Wir helfen. Immer stärker klitschts und klatschts hernieder!

Es scheint, daß jetzt die Kühle auch erwache.

Die Feuchtigkeit dringt schnell und stark in meine Glieder.

Ich stehe bis zum Knie in einem kalten Bache.

Ich trachte mich bereits an Ästen anzuklammern.

Ein Wolkenbruch ist irgendwo herabgegangen.

Ich höre Thiergebrüll und Einzelstimmen jammern.

Ich fange selber an, ums Eigenheil zu bangen.

Was kann man da im Wasserwirbel wirklich machen!

Ists besser in den Bachen hin und her zu schwimmen?

Vielleicht gelang ich irgendwo zu einem Nachen!

Vielleicht ists rathsam, aus ein nahes Dach zu klimmen!

Nun, schließlich ist es nicht so arg! Noch kann ich stehen!

Ich will versuchen durch den Bach nach Haus zu waten,

Doch jetzt beginnen Nebelfetzen herzuwehen,

Und drunter baumeln lauter Schauderakrobaten.

Die Firlefanzer drangen sich um Schwefelmäuler,

Die scheinen sie voll Geilheit zu verspeisen,

In Schlünden hört ich noch die kleinen Windskindsheuler,

Leicht wimmernd, weggeleckt und eingeschlürft vereisen.

Grad über mir, ein dunkles Sturmwurmungeheuer,

Durch Sumpfdunst aufgedunsen, bricht jetzt Fieberwinde,

Denn dem geplatzten Bauch und Maul, bezahnt mit Feuer,

Entprasselt nun der Hagel seiner Rumpfgewinde.

Der Ätherhai will seinen weißen Laich verspritzen!

Doch nein: ein Weibchen ists, mit kleinen, geilen Eiern!

Ei sieh, die reiben, ritzen sich an allen Spitzen:

Ihr Hochzeitsreigen aber bleibt dabei ganz bleiern.

Die Eiswindwirbel, die sich schräg herniederwälzen,

Vertrusten wohl bereits an allen scharfen Ecken,

Doch mußte Reif in wenigen Minuten schmelzen,

Und in den Hecken bleiben jetzt die Heerden stecken!

»Halloh!« so ruft nun irgendeine ferne Stimme,

Ein Eber grunzt in einem Wurzelstumpf verschlungen,

»Zur Hilfe Elender!« schreit jemand jetzt im Grimme:

Rings von Gebraus und von Geräusch bin ich umklungen.

Ich selber wate durch das Wasser, halb betrunken.

Soeben ist ein Bock, der blöckend schwomm, ersoffen.

So mancher Rumpf ist unter mir im Sumpf versunken,

Und Leichen hab ich, treibend, überall getroffen.

Die Zeit hetzt schnell. Es ist nicht werth bei uns zu bleiben!

Des Übels Unglück ist es, seinen Grund zu fühlen,

Drum laßt sich, was ein Maaß in sich umarmt, vertreiben,

Und das Gewissen wird das Grübeln unterwühlen!

Ach, könnte ich den Wahn der Einzelheit besiegen,

Da die Gefühle doch bei fremden Leiden weilen,

Ach, ließen Zeitsturm, Raumtraum sich in uns durchfliegen,

So war ich frei und könnte alle Menschen heilen!

Was ist das, daß ich nicht am Eigenbangen hafte,

Vermags ein Fieber mich der Umwelt zu verschwägern?

Ich wate in Gefahr, da ich bereits erschlaffe,

Ich taste weiter zwischen eklen Schreckerregern.

»Zur Hilfe denn, die Herden werden weggerissen!«

Dies hör ich irgend eine ferne Stimme wimmern,

Ich fühle klar, ich will, man soll mich nicht vermissen,

Und müßte sich die eigene Lage selbst verschlimmern.

Durch Fluth und Guß versuch ich, munter durchzukommen,

Und fühle wie mich Quellen, lau wie Blut, umspülen.

Von goldenen Zitterwischen dünk ich mich umschwommen,

Und Salzgeprickel kann dabei die Glieder kühlen.

»Verfluchter Meder, der das Wetter uns bescheerte,

Wir werden Dich mit Deiner Hexenbrut vernichten,

Wir kennen jetzt der Erdenschatze Zauberwerthe,

Und auf Verkehr mit Wichten wirst Du nun verzichten!«

Den Fluch vernehm ich jetzt, beinah in meiner Nähe,

Und denke: habe ich das Leid hervorgerufen?

Und nun entsteht um mich ein Bild, voll wildem Wehe,

Denn alles, ach, zerfiel, was unsere Hände schufen!

Ganz fabelhafte, fahle Hagellagen decken,

Wie Klobenroggen, alle Abhänge und Kanten:

Und Menschen, Hirsche, spießten sich in riesenhaften Hecken,

In welche Thiere mit Geweihen blindlings rannten.

Am Himmel wuchten schwere, plumpe Sturmdunstklumpen,

Und blos ein Schauerknaul, mit lauter aufgeschlitzten Bauchen,

Verzieht sich ausgestreckt, und Wolkenbruchrestlumpen

Versucht nun eine Fuchtel schwankend zu verscheuchen.

Ist jener gelbe Fleck dort überhaupt die Sonne?

Sie will sich eitel, einer Greisin gleich, verstecken

Und lugt oft durch die Schleier, geil wie manche Nonne,

Die beten will, dient sie auch brünstig kecken Zwecken.

Jetzt scheint mein Eigenlicht ermüdet zu verkümmern:

In einsam tiefer Dämmerung muß mein Lied verbluten!

Es glüht ein Abend über ungekannten Trümmern,

Die Tempel werden sollten und verschollen ruhten.

Was kann im Halbschlaf mir ein Wasserdasein sagen!

Ich spähe aus, was noch mein Lebensodem bändigt,

Ich will den Anruf eines Wellenwesens wagen,

Vielleicht ist meine Pilgerfahrt noch nicht beendigt.

Ein Gauch wird scharf in meiner Vorstellung entwickelt:

Ich zeichne klar des Zwanges Leibergebniß,

Ich seh bereits, wie Fischblut durch die Adern prickelt.

Und nun steh fest! Dies wird bestimmt noch ein Erlebniß.

Gar schwabbelig ist dieser Wasserwamms gewachsen:

Sein Narwalbauch, mit Zitzenansatz, ist halb thierisch,

Drum stimmen mich auch seine laxen Wackelfaxen

Sowie sein Wachshautnackenflachshaar bald satyrisch.

Er kann kaum athmen, denn das Wasser sprudelt

Ihm unaussetzlich aus dem Walroßmaule,

Die Schwimmhautpratzen, die er rasch zusammen nudelt,

Verschrumpfen mit den Armen fast zu einem Knaule.

Sein Haupt ist bartlos, und der Aussatz klettert

Vom blauen Runzelhals empor zur stachen Glatze.

Der Anblick regt mich auf. Ich bin vor Schreck zerschmettert

Und sehe, stets violetter wird die ekle Fratze.

Sein Fleisch erweicht zu eitrigen Geschwüren,

Blutwucherungen krampfen sich um seine Lenden,

Jetzt fängt das Tümpelgeistgesicht an, mich zu rühren,

Und traurig ruf ich: »Bruder, kann ich Hilfe spenden?«

Der Wasserplatscher aber bleibt dabei apathisch

Und trachtet nichts am Asthmazustande zu andern,

Ich weiß nicht, weshalb, doch er wird mir jetzt sympathisch,

Und fängt sich an mit grünen Zünglein zu umrändern.

Ich tret ihm immer näher und ich sehe, seiner Zehen

Mistmuscheln sind verrunzelte und schmutzige Nägel,

Und wunde Wadenwarzen, die sich gräßlich blähen,

Umkleben bis zur Schlegelhälfte, ekle Egel.

Die Schwefelgarben aber, die ihn grell umglasten,

Gestatten mir das Wasserwesen zu betrachten,

Die nassen Schwimmhautpranken, die nach Nahrung tasten,

Umranken Algen, die die Arme stark befrachten.

Drum platscht er gar so arg im Blattpflanzenmoraste,

Und nun vermag ich auch ganz wahrhaft zu gewahren:

Der Aussatz, der bereits vom Bauch das Haupt erfaßte,

Ist ein Geranke blaßerwachter Nenupharen,

Die Tags darauf sich, langsam wachsend, rosa färben,

Und in der nächsten Nacht, verblauend, leicht erbleichen

Und tief ermüdet in der Blüthenfülle sterben,

Denn liebesschwer versinken sie in ihren Teichen.

Die Kratzkorallen und durch Krampf geplatzten Adern

Vermag ich jetzt mit andern Augen zu betrachten,

Beim Bauche staun sich Pampas und Papierbaumhadern,

Die wildzerzaust auch seine Schamtheile benachten.

Die Wucherungen, mit den blutigen Wurmgeschwüren,

Erfasse ich als kaktusartige Bulbenpflanzen,

Und auf der Schilfbestande schäckigen Rückgratschnüren

Beginnen winzige Wanzentupfen anzuranzen.

Die großen Eiterknollen seh ich goldgelb stocken:

Vielleicht muß ich mich an den Anblick erst gewöhnen:

Doch nun erkenn ich sie als grobe Bernsteinbrocken

Mit schönen, unpolierten fetten Ockertönen.

Ich glaube doch, daß irgend was sich da veränder,

Denn, reich beschwert, beginnt das Wassersein zu sinken,

Jetzt scheint das Ungeheuer fast ein Fettblatthand er,

Auf dessen Flossen Rosen anstatt Ringen blinken.

Der Rumpf ist nun beinah im Sumpf versunken.

Sein Haupt jedoch hat sich mit Gras bebartet.

Die Garstigkeit enthüpft ihm in Gestalt von Unken –

Nun ist er ganz als Mensch und blasser Mann geartet.

Im Tang verstrüppt, versank der Geist bis an die Hüfte.

Jetzt ruhn die Schultern auf den weichen Algenkissen.

Mit runden Büffelaugen schaut er in die Lüfte,

Und schweigend wird er in den tiefen Teich gerissen.

Dämonisch ernst verschwanden Hals und Nacken:

Die längst verzopften Bartflechten sind Aderblätter:

Ganz glatt und glanzhaft bleiben seine fetten Backen,

Und, schlürfend, wird der kurze, schwulstige Mund violetter.

Der Larve Nasenlöcher deckt bereits das Wasser.

Die starren Augen seh ich im Krystalle glänzen.

Verdunkelt sind die hohen Brauen und ein blasser

Goldbogen schwellt empor, die Fluthgruft zu bekränzen.

Ein Weltgeheimniß will sich hier aus sich erschließen!

Ein Zwitter ist ganz manngeschlechtlich jetzt entstanden:

Die Weiblichkeit, die abfiel, sah ich rein ersprießen,

Und da verstand ich, was wir alle längst empfanden.

Die hellen Wellenringe, die sich frei verschlingen,

Die Brauen, Ohren, Nase, Mund und Augen waren,

Erzählen flimmernd von den allerletzten Dingen,

In uns die Schmerzerlösung einst zu offenbaren.

Das Wasser, das ich anstarre, ist klar und strahlend.

Das Geisterauge hat es so zurückgelassen:

Die kalten Angstglastgarben, die beinahe prahlend

Entflackern, kann mein baarer Mannverstand nicht fassen.

Wie tausend Aale ist der Wasserfürst verschwunden.

Ein Werk des Heiles will er sicherlich besiegeln:

Er konnte sich bestimmt schon wo für uns bekunden!

Ich schaue auf. Ganz wach! Und seh den Mond sich spiegeln.

»Den Mann da, hat der Mond wahrhaftig angeduselt,

Er steht mit beiden Füßen in der hellen Quelle

Und sieht verdutzt, wie rings der Unkensumpf verfuselt,

Heh, Held der Feldgesprache, rühr Dich von der Stelle!«

Dies spricht nun, hoch im Fisteltone, eine Stimme.

Ich blicke hin und seh jetzt schnell sechs wilde Schimmel

Den Fels erklimmen, und ein Wicht peitscht sie im Grimme,

Denn ziemlich hell blinkt rings des Himmels Sterngewimmel.

Der Mond hingegen hat sich wiederum verzogen,

Drum kann ich auch den Pferdetreiber nicht erkennen,

Jetzt werd ich wohl von Träumen meines Traums betrogen,

Denn weshalb trachten jene Rosse durchzubrennen?

Ich sah die Pflugschar nicht am Acker blinken,

Wars Kalkgestein, ein Eisquadrat das aufwärts jagte?

Ich rief »halloh« und konnte kurz nur winken,

Da keine Frage sich aus meinem Munde wagte.

Ich möchte mich zurück zum Wassergeiste wenden,

So wahr und glaubhaft ist sein Wesen durch mich selbst gedrungen,

Doch ruht der Sumpf jetzt dunkel zwischen grauen Wanden,

Drum bin ich ihm auch unbedingt im Nu entsprungen.

Ein Wolkenknäul verdunkelt immermehr die Gegend.

Die Sterne werden weniger. Der Mond bleibt finster.

Das rauhe Schrein wirkt drum besonders wildaufregend.

Und angsthaft lauschend schwank ich jetzt durch dichten Ginster.

Im Thale traben lange Schattenkarawanen.

Tief unten hör ich Rosse durch die Schluchten pusten,

Hier Thiergespanne sich am Abhang Pfade bahnen,

Mit Silber scheint der Berg sich rings zu überkrusten.

Das sah ich rasch, da mir der Mond aus Nebeln

Den Überblick für einen Augenblick gewahrte,

Jetzt aber hör ich nichts als ein Geklirr von Säbeln

Und sehe nirgends einen Mann mit einem Schwerte.

Ich tappe weiter, und nun wirds noch einmal heiter,

Da merk ich einen Greis, umringt von weißen Schafen,

Der spricht: »Vertreiben Dich vielleicht die bleichen Reiter?

Tritt ein, wahrscheinlich ist es gut, daß wir uns trafen!«

Ich taumle in die Grotte eines Eremiten.

Ich sinke hin an einem heiligen Feuerherde.

Ich hör den Greis: »Wenn Urgefühle mich verriethen,

Empfangt ein reines Weib vielleicht das Kind der Erde.

Astvatereta wird wahrscheinlich jetzt geboren,

Im Schooße einer Jungfrau muß er hold erwachen,

Denn selbst des reinsten Weibes Echtheit geht verloren,

Kann purer Samen Lebensgluth in ihm entfachen.

Des Parsen Urtrieb ist die Spaltung der Geschlechter!

Drum ist es nöthig, daß sich unsere Welt erlöse,

Wir sind der Elementereinheit rege Wachter,

Und Scheidung ist in uns das Einfachreligiöse.

Das Weib ist irdisch und der Erde gleich zu ehren,

Der Same, den der Mann hat, seine halbe Habe.

Doch fängt er an, den Leib des Weibes zu beschweren,

So liegt er leichenunrein, wie in einem Grabe.

Des Mannes Auswurf, der das Weib entweihte,

Entleert es wiederum, mit einem Schmerzensstoße.

Doch wie das Weib einstmals aus eines Mannes Seite,

Entsteht der Heiland bald aus einer Jungfrau Schooße.

Vielleicht sind jene Stürme, die im Chaos wühlen,

Die Fluthergüsse, unter denen wir erbeben,

Die fürchterlichen Flüsse, die den Berg umspülen,

So wilderregt, weil sie das Erdenkind beleben!«

»Wohl mag es sein!« Hab ich als Antwort drauf gegeben!

»Noch glaube ich, die Nacht bricht jetzt herein auf Erden,

Drum sehn die erste wir, erschreckt, die Welt durchschweben,

Und alles trennt sich scharf, was wir vertreten werden.«

Jetzt wühlt der Greis beim Grübeln tief im Barte

Und starrt mit großen, rothen Augen in die Flamme,

Als ob er Antwort aus dem Element erwarte!

Mich aber reizt das Rankenspiel vom Gluthenstamme.

Die ganze Klamm durchwirbeln grelle Blatterschemen,

Und Schatten wallen durch die Halle des gerechten

Felseremiten, und, bekränzt mit Diademen,

Erstrahlen Stalagmiten ernst wie Marmorflechten.

Jetzt spricht der Einsiedler zu mir: »Anachoreten

Entschließen sich in einem Gottesohr zu hausen,

Die Erde mag, daß wir in Felsenlöchern beten,

Und diese Muschel höre gern sich selber sausen.

Die ganze Sehnsucht Irans hab ich hier gebeichtet,

Auch wirkte ich, da sie so mancherlei gewahrte,

Denn alles, was Ihr Parsen je im Krieg erreichtet,

Durchmurmelte zuerst als Wunschspruch unsere Bärte.

Wir baten alle: Erde laß uns einzeln walten,

Du sollst den Priesterstand des Herrscheramts entlasten,

Vom König mögen Götter, was sich ziemt, erhalten,

Wir Weisen aber und die Priester werden fasten.

Der Leiblichkeit entrückt, kann sich der Geist entfalten,

Drum meiden wir es, bis zur Sättigung zu speisen

Und trachten heilige Gerichte einzuschalten,

Gar mancher Magier machte drum auch Pilgerreisen!«

»Du mildgesinnter Greis, ich will bei Dir verweilen!«

Erwidre ich: »Ich liebe Dich und diesen edlen Sinter,

Denn hier, wo Steine weinen, hofft mein Leid zu heilen.

Nur in der Tiefe giebt es niemals einen Winter.

Mit Tropfsteinen umwolkt sind solche hohe Grotten,

Es wälzt der Fels unendlich viele Frauenbrüste

Aus sich hervor, Goldmolken sickert rings aus Zotten,

Als ob hier alles Bernstein überkrusten müßte.

Hier will ich Dir von edlen Erdgerichten melden,

Von Wein und von Getreide, um das Volk zu speisen,

Doch brauchen wir vor allem große Sonnenhelden,

Die uns in ihrer Zubereitung unterweisen.

Der Wein ist pur und gut, hat er sich rein gegohren,

Das weiße Mehl ist echter Same des Getreides,

Drum sei das goldene Brod als Heilssymbol erkoren,

Vom Weltenbesten, Flamme, Same, hat er beides.

Veredeln wollen wir den Parsenstamm durch Nahrung,

Die ferne, unterjochte Länder reichlich spenden,

Des Parsen Krieg gilt einzig seiner Artbewahrung,

Jetzt tragen Siege uns zu weiten Weingeländen.

So viel man kann, mag man zur Läuterung an sich reißen,

Ich will dem Feuer Feindes Habe, Labe weihen,

Denn meine Zähne sperrt das Recht, ins Fleisch zu beißen,

Mein Flammenstamm kann nur im Krieg gedeihen!«

Nun spricht der Greis: »Mein Kind, Du siehst im Fieber!

Es schmelzt Dein Feuergeist die letzten Erdenbänder,

In Dir erzuckt die Männlichkeit in jeder Fiber,

Doch wirst Du leicht zum hitzigen Sonnengutverschwender.

Es wabbert Deine Seele. Deine Kriegsbrunst knattert.

Sie gleicht dem rothen Flammenbart der aufwärts lodert:

Du siehst nicht wie er rasch im Eigendunst zerflattert,

Und ewige Nahrung fordert, die durch ihn vermodert.

Denn Feuer frißt, als Hungerwurm, in allen Brettern,

Nur stille Seelengluth kann unsere Wuthbrunst dämpfen,

Auch Du begehrst nur ringsum, alles zu zerschmettern,

Und haßt die Nacht mit ihren hehren Wunderkämpfen.

Wie Mondlicht stiegt mein Bart zurück zur guten Erde.

Ich selber fiebre auch, doch meine Lust ist milde:

Sieh, meine Seele liebt die sanfte weiße Heerde

Und sie vergiebt selbst Hast und Haß der Kriegergilde.

Den Wein und das Getreide will ich reinlich ehren,

Doch darf sich nicht der ganze Stamm daran berauschen,

Der Menschheit will ich sie symbolisch nur gewähren,

Zuerst jedoch die Erde selber noch belauschen.

Doch die Orakelantwort ahne ich zur Stunde:

Die Erde will, daß alle sich zuvörderst läutern,

Denn ihre reinste Frucht enthüllt sich nur im Munde

Des edlen Pilgrims und der echten Lebensdeuter!

Und Du, mein Sohn, genieße blos vom goldenen Weine,

Im Augenblick, da Du Dich ganz als Mann erkanntest:

Den Wahrsten blos durchschauere hold das Feuerreine,

Das sag ich Dir, zum Lohn, weil Du Dich schon ermanntest.

Du zwingst die Erde Deinen Traumrausch zu verlangen,

Es liebt die Welt bereits die Frucht unserer Bekanntschaft,

Wer Bilder sieht, braucht keinen Eindruck zu empfangen,

Das Mannwerk kennt man bald am Mangel aller Landschaft!«

»Die Kunst in uns erwuchs noch nie im stumpfen Rudel!«

So rufe ich: »Allein will ich mein Werk vollenden,

Es wuchtet in mir selbst ein furchtbar dumpfer Sprudel,

Oh Greis, ich zieh von Dir, hab Dank für Deine Spenden!

Der Mann, der sich vom Weibe gänzlich ausgespalten,

Kann in sich selbst den Geist vom Leibe unterscheiden,

Und läßt die Seele, als sein Liebstes, über beiden walten,

Und wird am Leib, was sie beleidigt, frei vermeiden.

Ein bloßes Wiederholen ist das Kinderzeugen,

Die Menschlichkeit hingegen dient Begeisterungszwecken,

Dem sucht die Frau, durch ihr Geheimniß vorzubeugen,

Und deshalb sehn wir Weiber das Geschlecht verstecken.

Vom Weib, von Erdenfesseln muß der Mann sich trennen

Und milde was ihn hindert in die Kissen legen,

Allein den Eigenmangel soll er rasch erkennen

Und schroff verachten, ohne lange zu erwägen.«

Das Sausenheim, das Tropfsteinloch des Grottengreises,

Vertausch ich nun mit Sturmgewölk und Regenmahnen,

Ich wähle mir den Schloßenscklag des Hageleises,

Statt eines Weisen Bart mit Weltbegeisterungsthränen!

Das prasselt und das gischtet erderfrischend nieder,

Und sieh, das spritzt und plätschert, wie der Stahl zersplittert,

Aus Schlitz und über Spitz der reinen Erdfelsglieder:

Und Licht erblick ich, das den Silberguß durchzittert.

Du heilige Himmelstraufe, die den Fels entkleidet,

Die Ackerkrumen vom bebauten Lande spülte

Und die es nimmer leidet, wenn man sorglos weidet,

Dich grüßt der Geist, der sich im Fleisch erwühlte.

Du reiner Regen, der das Felsgestein durchschauert,

Der mit dem Mondlicht, erdverliebt, sich ganz entladet,

Du Wasserbart, der den Orkan fast überdauert,

Du letztes Sturmwuchtbündel, wo der Geist sich badet,

Oh, laß mich einst das unfruchtbare Ding erfassen:

Ich kann mein Haus, der Noth gehorchend, nicht besorgen,

Das muß ich Weibern und den Knechten überlassen,

Ich fühle Ewigkeit und ich vergaß das Morgen.

So wie des Weisen Bart vom Geist herabgeflossen,

Denn in den Augen muß die Seele wohl erglühen,

So hast auch Du aus einem Sterne Dich ergossen,

Denn nur der Sirius kann so reine Pracht versprühen.

Die Seele wächst in diesem herrlich frischen Regen:

Sie öffnet ihrer Feuerblüthe Sternkelchflammen

Und läßt sich still von hellen Lichtgeweben hegen,

Sie muß bestimmt vom inneren Erdensterne stammen!

Oh lichte Himmelsmilch, ergieße Dich hernieder,

Umspinn der Urgluthblume weiblich keusches Becken,

Berühr der Kelchamphora wabezarte Glieder,

Und gleich wird sie in heiliger Furcht zusammenschrecken.

Umprassle, eisiger, kalter Schauer, meine Mannesmähne,

Laß Stahlgedanken Staatsgewalten scharf zerspalten:

Da ich mit blutiger Inbrunst mich nach Schlachten sehne,

So laß in mir das gluthgeschweißte Schwert erkalten.

Die Sterne werden mich auf meinem Zug begleiten!

Es zieht das Blut zum nimmersinkenden Gestirne:

Jetzt hört der Wuchtguß auf, der Umblick muß sich weiten,

Und Sterne spiegeln sich im Perlennaß der Stirne.

Heil Sirius, der den frischen Regen uns gespendet!

Du Erden und Du Himmelseinheit ohne Gleichen,

Du steigst nicht gern empor, lang bleibst Du abgewendet,

Und meidest da Tagarbeitsäcker, voll von Leichen.

Oh dunkle Schlummernacht, wie Du uns alle reinigst,

Wie sonderbar und wunderreich Du Dich betrachtest,

Mit Sternen glüht die reine Seele still vereinigt

Und staunt, wie sich das Lichtlosleibliche verachtet.

Die Erde selbst versinkt in ihre Eigenfalten:

Das Glanzlose ist Nachts dem kalten Nichts verfallen,

In Wirbelträumen fegen alle Taggewalten,

Mit Schreckgewalt, hinab in halbzerfallene Hallen.

Der Mensch vergißt sein Thun, daß er sich nur vergebet

Denn unschuldsrein, ein Kind der Ewigkeit, sind alle.

Lebst Du auch kurz in Deinem Schlummerspinngewebe,

So wahrt Dich doch das Zeitlose vom Folgenfalle.

Den Frevel bangt, hinabgeträumt ins Urbewußte,

Noch einst, als Zorneshose, tosend aufzutauchen,

Und das Verbrechen, das man einst begehen mußte,

Vermag man, unerkannt, zum Heile zu gebrauchen.

Mit Kindeseinfalt ruhen eingelullte Seelen,

Wie reine Seeen, nach den garstigen Tagesträumen:

Sie spiegeln Sterne und sie spielen mit Juwelen

Und fädeln Märchen ein und hegen Schicksalsbäume.

Oh Nacht, das Wunder fliegt aus Wolken um die Erde,

Der Geist erfrischt Dich wie der Wind und füllt die Lücken

Und Zwickel jeder jungermessenen Weltgeberde:

Die Freiheit siehst Du überall ihr Lichtschwert zücken.

Das Mondlicht will sogar das arme Land umarmen.

Erlösung möchte durch die Schönheitsflechten leuchten.

Wozu? Die Erde wird in garstiger Brunst erwarmen!

Warum die Feindin mit Geschmeiden rein befeuchten?

»Was brütest Du Menschenkind, hilf uns geschwinde,

Fang an, Deinen Acker zum Schutz zu ummauern,

Wo sind Deine Pferde, Dein Weib, das Gesinde,

Du bist wohl der Faulste von allen uns Bauern!«

Ich schau auf den Rufer und seh einen Wagen,

Von Rindern gezogen, mit Quadern befrachtet,

Bergauf einen mäßigen Halbtrab anschlagen,

Und drauf hockt ein Bauer, der schlau mich betrachtet.

»Ha Nachbar, Feldredner, erkennst Du mich nimmer?«

Dies hör ich: »Heh, wird denn Dein Blick auch schon trüber?«

Mein Nachbar fürwahr! Ich erkenn ihn im Schimmer

Des Mondlichts und laß ihn ganz lautlos vorüber.

Im Thal dort vernehm ich unsägliches Klagen,

Wahrscheinlich hat unten der furchtbare Regen

Die Bergsturzlawinen zusammengetragen,

Ich merk es, weil Menschen sich schrecklich aufregen.

Jetzt seh ich auf einmal Gestalten erscheinen:

Bestimmt nackte Männer, die bergaufwärts laufen.

Die Wehrlosen sehn mich und wimmen und weinen:

»Du magst uns aus Gnade als Sklaven ankaufen!«

»Ich brauche wohl Knechte, mein Feld zu besorgen!«

Dies geb ich zur Antwort; das Land, das mein Eigen,

Ist goldreich: so hoffe ich! Es mißt viele Morgen.

Und ich will mich nimmer zum Staub niederneigen.

»Wer seid Ihr?« so herrsch ich die Kerle entschlossen

Jetzt an. Und erbebend erklären mir jene:

»Die Fluth, die sich hoch über Berge ergossen,

Gebar uns für Dich, dort am Fuß dieser Lehne!«

Jetzt seh ich die Felsen auf einmal erstrahlen,

Ein Flammenband prachtvoll die Zacken umglasten,

Dann merk ich, wie Fackeln in Weltbrandspiralen

Erdämmern, da Männer den Sklaven nachhasten.

Sie klimmen am Abhang behend. »Unsere Krieger!«

So ruf ich und kann schon den ersten umarmen.

Das sind Babels Stadtthurm und Zinnenerflieger!

»Stoßt nieder!« schreit einer: »Und habt kein Erbarmen!«

»Erzählt erst was hat sich im Thale begeben!«

Bestimm ich; drauf sagt mir der Führer der Stürmer:

»Ein Wunder ists, daß diese Flüchtlinge leben,

Der Regen bescheert uns die elenden Würmer!«

»Der heilige Regen!« bestätigen die Gelben,

Denn erdfahl erscheinen die Flüchtigen belichtet;

Ich wende mich ab und vernehme vom selben:

»Wir haben schon längst die Gefangenen gerichtet!

Wir schonten sie nur, um die Geier zu speisen,

Sie lagen bewacht im befestigten Lager,

Und einzelne hatten sogar Feffeleisen,

Doch nährten wir sie, denn sie schienen zu hager,

Um einst unsern heiligen Geiern zu schmecken.

Wir dachten sie eben im Thal abzuschlachten,

Da goß es aus einmal an allen vier Ecken,

Es war als ob Himmel und Erde zerkrachten!«

»Gefesselt!« Befehl ich und höre dann weiter:

»Der Wall unseres Lagers ward plötzlich durchbrochen,

Nichts sah ich, die Bresche ward immer noch breiter,

Und da sind uns alle Gefangenen entkrochen!«

»Ich werde sie alle als Sklaven behalten!«

Dies wurde vom Kriegsvolk sofort angenommen:

»Wir haben ein riesiges Reich zu verwalten,

Und Parsen darf niedrige Arbeit nicht frommen!«

Jetzt seh ich im Felsschloß, knapp links gegenüber,

Entzückt eine herrliche Feuererscheinung:

Ich sehne mich hin, doch es wälzt sich ein trüber

Gebirgsbach, als trennte uns schroff eine Meinung,

Wildaufgeregt gischtend und zischend dazwischen.

Zwölf Riesen mit Fakeln stehn hoch auf der Brüstung!

Dort weilt auch mein Bruder: an echtkriegerischen

Geberden erkenn ich ihn jetzt in der Rüstung.

Er sieht mich und winkt mir nun freundlichabwehrend.

Er späht in die Tiefe. Er gleicht einem Sterne!

Es trachtet sein Troß, daß er Tod und Noth, wahrend

Er niederblickt, schnell aus dem Rückhalt entferne:

Jetzt wittert er sicherlich wildfremde Dinge!

Ich sehe ihn tiefinnerlich schrecklich erbeben.

Es ist, als ob Licht rings zu Schatten verklinge,

Er will sich vielleicht in den Himmel erheben.

Giganten gruppieren vertheilt Flammenflügel,

Es bilden die Fackeln, zu sechs, eine Spanne;

Mein Bruder bleibt ruhig und führt über Hügel

Die Heerschaaren aufwärts, im Augapfelbanne.

Jetzt seh ich verschiedene Fremdlinge nahen.

Zu mir kommen Greise mit herrlichen Bärten,

Die nackt sind und trotzdem mit Schmuck sich versahen

Und Treiber und Thiere mit Lasten beschwerten.

Sie tragen sonnartige, goldene Scheiben,

Die Weiber erscheinen in gelben Gewändern,

Und Kinder, die munter die Maulthiere treiben,

Entstammen bereits den verschiedensten Ländern.

Es spricht jetzt ein Greis: »Sieh die Priesterschaft Babels,

Hier stehn wir von Ria geschützt und gefangen,

Wir suchen Poissona im Schooß des Weltnabels

Und möchten zum Schiffe des Nouah gelangen.

Dem Licht sind wir immer entgegen gezogen,

Und leicht wallt kein Voltsstamm von Norden nach Osten,

Drum sind wir dem Gold und dem Gelb stets gewogen,

Auch wir sind Naturen, die nimmermehr rosten!

Wir haben die Sonnensymbole, zum Schutze

De Freiheit der Welt, in die Knechtschaft getragen,

Doch nun wird es dunkel, und siehe, ich stutze:

Vielleicht kann die Nacht uns jetzt zwiefach arg plagen.

Denn Bal rast vom Ausgang nach Westen und trachtet

Den Lichtschatz auf ewig für sich zu erhalten;

Erjagt er die Räuber, so ringt er, umnachtet,

Im Erdbauche selbst, um die Alltagsgewalten.

Nun sieh, diese Schilde und Weltlichtgeschirre

Versteckten wir tief in den Felstempelkellern,

Hier sind sie jetzt, ach, und ich fürchte, Bal irre

Durch Erdlabyrinthe, mit Himmelserhellern,

Und könne die Krönungsgeschmeide nicht finden!

Wir haben sie oben nach Osten getragen.

Gestatte darum, daß wir selbst nicht erblinden,

Sie dorthin zu thun, wo sie dereinstig lagen.«

Beim Bruder verunglimpft man mich jetzt wahrscheinlich,

Denn alle Verfolger und Peiniger sind drüben,

Doch wahrlich, mir ist diese Schimpfart nicht peinlich,

Es kann mich die Grausamkeit höchstens betrüben.

Ich habe im Kriege zwei Söhne verloren

Und kann die Gefangenen als Sklaven behalten,

Was wollen auf einmal die mordlustigen Thoren?

Nur fortwährend Köpfe und Töpfe zerspalten!

Jetzt fordern die Tröpfe zum mindesten Weiber!

»Ihr Priester des Bal, laßt uns liebliche Geiseln!«

So sprech ich: »und dann, weiße Lichtervertreiber,

Bringt Sonnenschein wieder, sonst wird man Euch geißeln!«

Drauf sagt Bals Vertreter: »Oh Parsifürst, glaube,

Wir leben und laben uns nur durchs Erraffen,

Die Grausamkeit juckt uns am meisten beim Raube,

Und selbst unsere Sinne sind schreckliche Waffen.

Das Weib an sich reißen, das Fleisch geil besitzen,

Das scheint mir der Innbegriff aller Entartung,

Das Dasein ist nichts als ein Sinnenerhitzen,

Drum freie im Weibe den Keim der Erwartung!

Ein anderes, früheres, leidloses Leben

Wird einst durch die Reize der Weiblichkeit zittern,

Oh sieh, hier steht Zirbanit, dem hold ergeben,

Der trachten wird, Räthsel im Rausche zu wittern.

Fürwahr, ihr Nacktheit ist prachtvoll zu schauen,

Ihr Blutfunkelauge ist scheu abgewendet,

Es bangt jede Faser, den Leib faßt ein Grauen,

Wo wäre der Mensch, den der Zauber nicht blendet?

Es sucht jede Muskel sich keusch zu verstecken,

Das Fieber der Scham übersprüht ihre Brüste,

Es müssen Dich Flammen der Sehnsucht belecken,

Wo wäre der Mann, der nicht zustürzen müßte!«

»Vertraue ihm nicht!« schreit auf einmal ein anderer,

»Auch ich bin ein Priester und herrlicher Seher,

Ich stamme vom Volke der Nilthalauswanderer,

Das Babylon knechtete: ich bin Hebräer!

Das alles war lasterhaft falsches Geplapper,

Ich selbst habe häufig vom Weltfall gesprochen,

Doch sagt ich das alles gleich klarer und knapper,

Und der hat begierig am Braten gerochen.

Sieh Zirbanit hier, die verwerfliche Metze,

Die Scheol aus sich in die Menschheit gespieen:

Sie spinnt jetzt Lichtschleier und Sinnlichkeitsnetze,

Ihr ward demiurgische Urkraft verliehen.

Die Tochter der Schlange kann niemand besiegen,

Drum sollt Ihr sie nimmer dem Sonnengott opfern,

Ich weiß, was ich sage, sie kann nicht erliegen!

Ich horchte schon oftmals mit Felsgrottenklopfern

In schallenden Hallen, an Wänden und Schlünden,

Und habe die Wahrheit des Daseins erfahren,

Nun will ich sie Euch, edle Parsen, verkünden,

Dann könnt Ihr uns allen viel Unheil ersparen!

Die menschliche Seele kann nimmermehr sterben

Und trachtet, entleibt, was ihr gleicht, zu umschleichen,

Um irdische Wesen für sich anzuwerben

Und Gutes und Böses, nach Lust, zu erreichen.

In Zirbanit walten unendliche Mächte!

Sie würde, geschlachtet, Euch alle durchgruseln,

Ihr würdet der Wollust ergebenste Knechte,

Drum laßt sie, in Kerkerhaft, langsam verduseln.«

»Ich kann Euch die Antwort, bei Leide, nicht sagen,

Mein Bruder nur darf einen Urtheilsspruch fallen,

Ihr seht ihn dort hehr, hellerleuchtet aufragen!«

So sprech ich: »Ihr mögt Euch zu ihm hingesellen!

Das Reich unserer Seele, ihm sei es beschieden:

Der Geist hat die Pflicht in die Lücken zu dringen,

Er schaffe aus Willkür den Krieg und den Frieden,

Und ich muß die Welt in sein Rechtsystem zwingen.

Ersetzt jetzt den Gießbach, der endlich versiegte,

Nun mögen mich Menschen vom Erzbruder trennen!«

Es ist mir, als ob sich ein Greis heranschmiegte,

Derweilen schon einige den Lichtfels berennen.

»Ich kam aus Milet, um mit Dir aufzutreten,«

So lispelt mir jemand, allein, in die Ohren,

Ich sehe mich um und bemerk den Poeten,

Der früher sich unter den Fremden verloren.

»Ich bin erst, Du sahst es, den Priestern entschlichen,«

So spricht er jetzt leise: »Ich liebe die Geister,

Die Einsamkeit suchend, der Lust ausgewichen,

Ich selbst bin ein Weiser und Leidenschaftsmeister.

Der Sieg über Babylon ist Euch gelungen,

Das wird Euerm Leibe wahrscheinlich behagen:

Die Juden sind tief in das Reich eingedrungen,

Drum kann Eure Seele Propheten befragen!

Doch Hellas allein wird die Selbsteinsicht scharfen,

Von mir kannst Du einst noch das Auffliegen lernen:

Und ohne den freundlichen Leib abzuwerfen,

Gelangst Du zu Roß bis empor zu den Sternen.

Ihr glaubt an die Engel, die wolkenhoch stiegen,

Und habt Sonnenboten noch niemals gesehen,

Doch konnte ein Mensch sich im Winde schon wiegen,

Denn Bellerophon sah ich himmelwärts wehen.

Aus Griechenlands wonnigen Rebengeländen

Vermagst Du dereinst in den Äther zu schweben,

Es wird Dir ein Abend, mit zitternden Händen,

Dort Flügel aus tönenden Goldwellen weben.

Dann fliegst Du zu Pferd über Länder und Meere,

Gesehn und gefolgt von geharnischtem Heere,

Kein Volk setzt sich je solchen Helden zur Wehre,

Drum komme, beschwingt durch die sonneigene Schwere!«

Ich kann das Gesicht dieses Weisen nicht leiden,

Es strahlt aus dem Greis eine schreckliche Kälte,

Ich will, er soll gleich meine Einsamkeit meiden,

Wer weiß, was mir jäh meinen Flugtraum vergällte?

Es mag die Taggestalt in mir langsam verdämmern,

Der Eindruck bleibt an tausend Seelenecken haften,

Das Traumgeschaute läßt sich gern zum Erzwerk hämmern,

Drum sprüht Blutflammen, die schon oft Kunstformen schafften.

Da keine Weite meinen Seelenstern entkräftet,

Will ich die Erde mühsam weiter überschreiten,

Voll Schwermuth an den schwachen Wanderleib geheftet,

Wird Reinerfahrenes mich unendlich lang begleiten!

Die Seele wird sich in die Sternenacht versenken,

Doch gilt es Meer und Länder kühn zu überfliegen,

Der Erdenwechsel regt am besten an, zu denken,

Und das Gedächtniß will das Zufallsspiel besiegen.

Die Sterne müssen wohl die holde Erde lieben,

Denn mit erstaunten Blicken sehn sie rings hernieder,

Und einige nahen gar, von Sehnsucht angetrieben,

Und blicken fort und fort und senken nie die Lider.

Du rothe Welt, die unserm Leib so nah gekommen,

Vielleicht weil unsere Seelen Dich herbeigerufen,

Du glühst mich an: was kann Dir wohl auf Erden frommen,

Vielleicht die Gluthgewalten, die uns freundlich schufen?

Oh, bleibe uns und wolle nimmer von uns scheiden!

Erschöpfe, nimm das Beste was uns hier zu eigen,

Für Deine Freude wird die Menschheit gerne leiden,

Erscheine, tritt aus Deinem hehren Bruderreigen.

Der Erde Inbrunst wirst Du schaurig in uns fühlen,

Die Traumlandschaft in mir ist gut und bieder,

Die Erdbrunst kann sich sanft im Waldgewipfel kühlen

Und jede Krone singt im Winde ihre Eigenlieder.

Priapisch grad entfalten sich die schlanken Palmen,

Und männlichsteil erstehn die Bergzypressen,

In ithyphallen Pflanzen kann die Brunst verqualmen

Und nasses Harz aus ihren schlaffen Fasern pressen.

Du Feuerfürst, so steig herab in Deine Wohnung!

Ich sehe Dich! Du wirst in meinem Traum lebendig:

Nun habe Dank, nimm was Du magst hier zur Belohnung,

Inwendig sprüht das Feuerglück bereits unbändig!

Du gelber Held und Erdenfreund, folg dem Gefährten,

Und kühre Lebensgluth, in kühner Weibgestaltung,

Denn in den Gärten, rings verheckt mit Flechtenbärten,

Gebarst Du Königinnen in der Krönungshaltung.

Sieh, Blüthenschleppen schwellen auf besterntem Teppich,

Die Majestäten sind in Eigenpracht gekleidet,

Und nur verbrämt mit fremdem dunklem Eppich:

Das sind die Haine, die das Waldleid ewig meidet.

Du Grüngestirn, das sich behutsam will erschließen,

Es sprüht bereits Dein Prachtsmaragd aus meinen Leiden,

Hörst Du den Bach durch weite Wiesen fließen?

Und um den Tummler, sieh die stummen Trauerweiden!

Das sind verbannte Dienerinnen, die dort weinen,

Ihr Lockenhaar hat ihre Herrinnen verdrossen,

Oh Mondlicht komm, Du sollst den Armen hold erscheinen,

Laß Hoffnungsfunken auf dem Goldgeflecht ersprossen.

Du kannst das Leid der eitlen Dinger leicht verringern:

So komm und kämme sie mit Deiner Glitzerbriese,

Berühr ihr Haar mit lichten Fieberfingern

Und schmück mit Silberstocken ringsum ihre Wiese.

Mein trauter Traum, in blauem Trauerkleide,

Auch Du laß Deinen Edelstein erglitzern,

Ein Weidenkreis steht ganz allein auf weiter Haide

Und lauscht dem Murmellaut von Rauschräthselbesitzern.

Der heilige Baum ist selbst ein Priester unserer Erbe,

Der ganze Stamm von jener Art ist stark bebartet:

Versammle drüben Deiner Deuter Dienerheerde,

Und ruf uns auf, wenn uns das Magierthum erwartet.

Du Purpurfunke unserer Blutkunstinbrunst, flimmre,

Durchwirble hurtig unsere Traumgestaltungshallen,

Genie, erhasch ein Zufallskind, entführ es, zimmre

Der Nacktgestalt ein Fabelheim aus Bernstein und Korallen.

Der Rhythmus schnelle rasch den Traum ins Leben,

Der Pulsschlag öffne immer andere Wunderthüren,

Stets junges Dasein schöpfte stets des Künstlers Herzerbeben,

Denn jede Neigung mag er zum Altare führen!

Da seid ihr, Sterngestalten, edle Perserfürsten,

Vom Himmel steigt Ihr hehr und steil hernieder,

Ihr fühlt die Seelen hier nach Ruhmesgluthen dürsten

Und habt als Götter doch beschwingte Erdstierglieder.

Der Fürsten fünf, die meine Seele angerufen,

Folgt noch ein großer Sonnengott mit goldener Krone!

Doch reift sein Reich nicht aus! Er stampfts mit eigenen Hufen!

Er kommt vom Nord und zwingt den Ost zu kurzer Frohne.

Der Siebente ist klein und bleibt der Sonne nahe,

Auch er wird seinen Ringlauf, bald erschöpft, vollenden,

Doch was ich selbst bereits durch meine That bejahe:

Das rothe Licht soll Persien jetzt sein Weltreich spenden!

Fürwahr, nun ist Irans Gewalttag erschienen,

Es steigen jetzt sieben Regenten hernieder,

Sie haben nur arische, aufrichtige Mienen,

Doch Babylons Prachtstil erschuf ihre Glieder.

Die breiteste Plastik verknüpft alle Rhythmen,

Die Muskeln durchwachsen sich straff aderartig,

Hier muß jeder Zug sich der Ruhurwucht widmen,

Drum ist auch im Stierrumpf kein Ruck zweckdumpf hastig.

Die Äthergeburten, mit Landstampfverlangen,

Sind wirklich als Büffel vortrefflich gerüstet,

Und da sie noch über mir riesenhaft hangen,

Erführe ich gern was im Windquirl sich brüstet.

Denn Brunst und Lust, Lust und Brunst sind nun das gleichet:

Es dringt mir mein Mutterlaut wie Milch zum Ohre,

Wer weiß, ob ich je den Allinhalt erreiche,

Ich fühle jetzt Gold und durchschweife Goldthore.

Die Flügel der Könige rauschen herunter:

Die Rhythmen sind alle melodisch verkettet

Und streben, statt rumpfkunderbunt, frei und munter

Zusammen und steigen ins Gleichmaaß gebettet.

Jetzt scheint auch das Volk seine Herrscher zu sehen,

Denn überall ruft man: »Dem Könige das Beste,

Es soll ein Geschlecht ohne Sorgen bestehen:

Dem Throne die Feste, dem Volk blos die Reste!«

Ich rufe: »Nun kommt, Eure Veste zu bauen,

Die Könige mögen in Prunkhallen schweben

Und Schönheit und Größe in Schlössern erschauen,

So kommt, in uns selber die Pracht zu beleben!«

Die Landschaft erscheint mir wahrhaft unendlich!

Mein Bruder zieht drüben mit Priestern vorüber,

Nun ist Persiens göttliche Macht unabwendlich,

Doch Brüder, drum wird Euer Schicksal nicht trüber!

Die Sonne soll wieder die Schollen bescheinen,

Das Lebenswort künden bereits ihre Priester,

Ich sehe den Bruder die Fremden vereinen,

Dort steht er, hebräische Texte verliest er.

Was wollen die Menschen? Was wünschen wir alle!

Aus uns irgend etwas, vielleicht unsere Seelen,

Ins Übermaaß schnellen: dann bleibt nach dem Falle

Ein Steinmal, das kann dann von uns breit erzählen!

Der erste Alleinherrscher Persiens betrachtet

Uns jetzt aus der Schwebehöh würdig und schrecklich:

Nun ist auch im Volk, das nach Königsmacht schmachtet,

Die Urkraft aus jeglicher Regung erwecklich.

Der König erscheint als ein Nachtungeheuer:

Den Stierrumpf umkräuseln assyrische Locken,

Die riesigen Flügel aus klingendem Feuer

Vergolden die Welt als Kometbrockenstocken.

Im Nacken verkrallt, hockt ein Adler und wittert,

Als lebender Helm, noch zurück zu den Sternen,

Und kann, wenn ein Goldmeteor niederzittert,

Die Speere des Himmels vom Herrscher entfernen.

Drum jubelt das Volk und mit Fackeln berennt es

Die Lehnen der Berge und peitscht die Gefangenen,

In diesen erglüht drum des Brandelementes

Wuthwirkung und leidreicher Wunsch zu vergangenen

Machttagen von Babylon rückwärts zu steuern.

Doch hilft nichts! Die siegreichen Perser entzünden

Im Fleische noch immer Schmerzfuchteln und feuern

Die Sklaven an, mühsam den Staat mitzugründen.

Die riesigen Augen des Weltherrschers bannen

Die Heerschaaren Asiens in schreckliche Knechtschaft:

Sein Blick kann den Weltwiderstand übermannen,

Denn jeder ist froh, der sein Frohntheil nur recht schafft.

Die Pflichtwichte wimmeln herbei und verzichten

Auf jeglichen Antheil am Ruhme der Großen,

Du siehst sie ekstatisch Frohndienste verrichten,

Selbst Felsen fürs Königsschloß bergaufwärts stoßen.

Da schafft man soeben Krystallkalkquadrate,

Auf Wagen von Ochsen gezogen, zur Stelle:

Und jetzt ists, als ob uns ein Siegerzug nahte,

Denn Fackeln verbreiten ringsum Tagesbelle.

Gefesselte Menschen erblickt meine Seele!

Sie scheinen nach Freiheit und Freude zu lechzen,

Es ist, als ob schreckliches Heimweh sie quäle,

Doch hör ich sie kaum beim Vorübergehn ächzen.

Sie schreiten gelassen zur Arbeit und bücken

Entkettet die bräunlichen Leiber hernieder,

Sie werden stumm helfen, die Königsburg schmücken,

Nur Schreivögel spreizen ihr grelles Gefieder.

Es lechzen der Fackeln luftdurstige Zungen

Aus perlendem Dunste nach freierem Äther,

Sie flattern ermattet, vom Kriegslärm umklungen,

Denn ringsherum blasen Triumphzugstrompeter.

Man schleift Elephanten, mit arger Beschwerde,

Aus Indien herbei, und die Rüsselthiertruppen

Beschnüffeln ermüdet die glühende Erde

Und schnuppern nach Pfützen, versprengt zwischen Kuppen.

Die Mädchen, die liebliche Schleier umglitzern,

Erglühen im Fieber und spähen nach Rettung,

Sie fürchten sich keusch vor den fremden Besitzern

Und scheuen die bräutliche Schicksalsverkettung.

Wohl durstet der Jungfrau im Perlengeschmeide.

Ich winke ihr zu. Sie begreift mich im Fluge!

Was fühlen wir beide, gemeinsam im Leide!

Ich habe noch Wasser im steinernen Kruge,

Ich fülle damit ihre Perlmutterschale.

Nun dankt sie mir stumm. Ach, sie schwankt wieder weiter!

Wohin, in die Arme von welchem Gemahle?

Ach, würde mein Bruder ihr Seelenbegleiter!

»Herbei Babelsmannen, beschafft blanke Platten,

Genug schaler Laster und schmachvoll verpraßter

Glanztage, die gar nichts von Manneskraft hatten!«

So ruf ich: »Ich brauche zum Bau Alabaster!«

Der schwebende König bezeichnet die Stelle,

An welcher er will, daß die Schloßsäulen stehen,

Er selber erglänzt in lichthellem Stierfelle

Und wird jetzt von jedem der da ist gesehen.

Ich spüre die Reihe der späteren Sieben,

Doch scheint sie im Volke fast niemand zu merken,

Es schreit nur: »Dem König kann alles belieben,

Er schmecke den Lustkern von sämtlichen Werken!«

Jetzt treiben schon mehrere Rädermaschinen.

Die Sklaven aus Babel beginnen zu bauen.

Sie können am besten im Hebelwerk dienen,

Auch kann ich sie leicht mit der Aufsicht betrauen.

Sie hatten versucht, Himmelsstiegen zu thürmen:

Und ist auch ihr riesiges Luftschloß mißlungen,

So trachtet ihr Geist jetzt den Äther zu stürmen,

Und manche Baukenntniß ist lang nicht verklungen!

Es drohn schon erhobene Säulenkollosse.

Krystallkalkpilaster umarmen die Hallen,

In der unser König am Throne, dem Trosse

Der Allstaatssatrapen und manchem Vasallen

Dereinst, nach Vollendung der Festung, erscheine.

Es kann Alabaster die Hauptwand verschalen.

Die hehre Palastpracht verdeckt jetzt die Steine.

Und mancher Sohn Babels singt an hold zu malen.

Da kommen die Schaaren aus Mesopotamien:

Auch Juden und Griechinnen seh ich darunter,

Da giebts lauter Weiber, selbst grausame Lamien:

Kein Teufelsput schien mir noch je kunterbunter.

Man trägt auch gigantische Harzfackeln aufwärts,

Es nahen Hetären auf schlanken Kameelen

Und werfen rings Dinge geringfügigen Raufwerths

Ins Pack der Begleiter, damit sie nicht stehlen.

Den Hals der Giraffen umarmen Halbaffen,

Vampyrkinder sind es mit Haar im Gesichte:

Gespenstpanther seh ich aus Fraufratzen paffen,

Und ringsumher schwirren beschwingte Sphinxwichte.

Adonis und Balaat kommen aus Babel,

Ein Priester Phöniziens bringt heilige Smaragde,

Ein anderer die Axt, womit Kain einstmals Abel

Das Haupt, und dann Moses den Kalbskopf zerhackte.

Ja Belgephor selbst, der priapische Esel,

Der Luftsprünge macht, trachtet Nothzucht zu treiben.

Das ärgert die Priester: ihr fremdes Genäsel

Bezeigt es, doch mir muß das räthselhaft bleiben.

Hebräer bemerk ich auf gelben Kameelen,

Darunter vermengt und versteckt Dromedare,

Die wollen sie pfiffig im Zuge verhehlen,

Damit sich ihr Diebstalgeheimniß bewahre.

Jetzt stiegt ein ganz schrecklicher Eber vorüber

Und packt Rindskopflarven im Fluge zum Fraße,

Und nun giebt sich, kriegt alles rings Nasenstüber,

Denn Zuchtstiere brüllen: und frei ist die Straße!

Sie rennen mit Riesengewalt durchs Gedränge

Und trachten den Anlauf zum Flug zu benützen:

Für einmal genügt jedes Flügelpaars Länge,

Doch muß sie die Brunstwuth beim Sprung unterstützen.

Wohl mag eine Spukkuh im Säulenbau kauern!

Was kann gar als Alpkalb im Hallenhaus heulen?

Vielleicht macht der König sie selbst wild erschauern,

Denn siehe, sie springen hinauf auf die Säulen!

Das setzt jetzt ein Klatschen und lautes Frohlocken:

Die Dewas und selbst die Assouras umtanzen

Die Knäufe, auf denen die Stierrümpfe hocken,

Ja, Hansa und Naga und Schlangenschlingpflanzen

Beginnen nun rings einen Firlefanzreigen.

Die Stierhörnerspitzen umschwirren Giftmücken,

Dann seh ich der Erde Bul plötzlich entsteigen

Und alles Monströse im Nu überbrücken.

Im Dunkel verschwunden sind alle Gespenster!

Warum war das Bul? Ich schau zum Palaste:

Dort ruhen die Stiere, erglitzern die Fenster,

Es ist, als ob Wabe die Veste erfaßte!

Das sind lichte Ized und Fervergewänder:

Die persischen Gluthgeister helfen beim Werke:

Das war der Steg Tschinvat, und Festungsvollender

Bezwangen die Drushas durch Amschaspandstärke.

Sie wollen das Dach auf das Herrscherhaus setzen:

Oh, könnte mein Denken Millionen bescheeren,

Denn seht, sie verstehn nicht das Felsenwegwetzen!

»So helft denn den Weibern, Gehilfen gebären,

Ihr geistigen Engel, wir sorgen für Leiber,

Herbei frische Weiber!« so ruf ich begeistert:

»Steh bei, Vohu Manô, betreib Fruchtabtreiber,

Sieh zu, wie der Mensch Elemente stolz meistert!«

Unglaubliche Geilheit erfaßt alle Wichte.

Hier ächzt man aus Lust, und dort kommen schon Wehen!

Es freut mich nun selbst diese wilde Geschichte,

Doch sehe ich leider auch Peris und Feeen.

In Leibern verkrampft und von Weibern zerbissen,

Vergeß ich mich nicht und ich schreie: »Ihr Männer,

Zum heiligen Werke, entwimmelt den Kissen,

Herbei Ihr Besiegten und freien Bekenner!«

Die Amescha Spentas erwarten am Dache

Die Ankunft des alten und frischen Geschlechtes.

Ihouras, ach, macht daß die Urkraft erwache,

Steht bei, Ihr Entscheider des Seelengefechtes.

Das war eine prachtvolle Glastfackelnbrandung!

Laut jauchzend umrast man den Saum des Palastes

Und trachtet die Quadern zur Dachstuhlumrandung

Ekstatisch zu heben. Den Knauf jedes Mastes

Belastet bereits eine Platte. »Schafft weiter!

Noch einmal, oh Menschheit, verrenk Dich zur Treppe!

Der Rumpfwurm wird immer noch brünstiger und breiter,

Und werfende Weiber sind rings Deine Schleppe.«

Noch einmal und wiederum wuchtet der Strudel

Mit Brandfackelkämmen hinan zum Palaste:

Nun giebt es ein Brunstrumpfgenudel, als prudel

Ein Schlangengewirr, schon vernehmbar dem Taste,

Den Bauch hindurchsurrend, durchsichtig und weichlich,

Hindurch, durch die furchtbar befrachtete Menge.

Die Adern sind sichtbar, das Hautgefühl speichlich,

Und immer fort brummts durch die ganze Lurchlänge.

Vom Urrumpfe spalten sich ringsumher Schlangen,

Und jedermann schnürt solch ein Albungeheuer:

Jetzt sind bereits alle von Armen umfangen,

Da zieht der Polyp sie herab und speit Feuer.

Nun sausen Glastadler mit Flammengefieder

Herbei, um die Menschen aus (Dual zu befreien,

Denn alle umschließt jetzt ein Müdigkeitsmieder,

Durchfiebert und schlaff sind die ganzen Sturmreihen.

Die Leute gewahren wohl kaum die Gluthschlange,

Die leuchtende Adler gewaltsam zerhacken,

Sie fühlen blos, Kühle berührt ihre Wange:

Vom Flügelschlag rührt das, beim Krampfrumpfanpacken!

Doch siehe, die Schlange ist nicht zu vernichten!

Die stammende Mähne der Erde gebiert sich

Stets andere Spuklurche, die Jammer anrichten:

Ich selbst zähle rings der Verschiedensten vierzig.

Von allen Weltenden, wo zehn jetzt entstehen,

Erscheinen auch riesige brennende Herzen.

Sie wandern. Das sind meines Bruders Armeeen.

Die werden uns helfen, den Feind auszumerzen.

Dort fließen die Pulse der Welt hold zusammen

Der Glaube der Erde umloht meinen Bruder,

Die Götter, die sämmtlichen Ländern entstammen,

Erschufen doch alle der Seele Lichtruder.

Es werden die Fackeln einhellig getragen.

Vereint schreiten Perser, Hellenen, Semiten.

Drum können auch Flammen zusammen aufragen

Und wirklich den Anblick von Glastherzen bieten.

Nun stiegen Sputschnuppen zur Rettung herunter:

Und statt zu verpuffen, entwickeln sich Schlangen,

Und munter umwirbelt ein flügger und bunter

Luftlurchenschwarm Menschen, vom Erdschmerz umfangen.

Wo immer ein Adler die Schlange gebissen,

Entschlüpft ihr ein Vogelkopf, spreizt sie Lichtschwingen,

Und ist drum, vom Himmelsgezücht wild zerrissen,

Geeigneter, geistiges Sein zu bezwingen.

Drum trachten die Drachen jetzt, Brunstwuth zu wecken

Und eigenen Rasseschleim überzuspritzen:

Du siehst schon die Erdstammen geil aufwärts lecken

Und alles begehrend sich wild überhitzen.

Das ist jetzt ein üppiges Hin und Herhüpfen:

Die Wollust durchzuckt selbst den Urrumpf der Lurche,

Man steht ihn verrenkt sich noch überverknüpfen,

Und irgend ein Leib steckt in jeglicher Furche.

Jetzt streckt sich die Hydra in schrecklicher Geilheit

Und hat in den Achseln Kadaver und Platten!

Mein Bruder benützt die priapische Steilheit

Und läßt zwar die röchelnden Menschen ermatten,

Doch reißt er die Würfel empor auf die Zinnen

Und sieht dann die Schlange in sich schlaff versinken:

Es siegte der Himmel! Das Fest kann beginnen!

Man scheint mir vom fast fertigen Dachstuhl zu winken.

Bald siehst Du nichts anderes als Nachtüberwinder.

Die grauslichen Erdrauschgeburten verrauchen.

Noch halten Glastadler Weibsleichen und Kinder,

Die lebend und schwebend im Umkreis auftauchen.

Das junge Geschlecht ist auf einmal geboren:

Jetzt legen es Atârgestalten zu Boden;

So ging wohl der Rassenkontrast schon verloren,

Und Einheit entrang sich den Kampfepisoden.

Der Jubel ist riesig. Das Werk wird gelingen!

Der erste Regent ist bereits eingezogen:

Sein Wesen kann alles hieratisch durchdringen,

Das Schloß scheint von hohen Geboten umflogen.

Schon nähern sich Gäste der herrlichen Veste,

Doch blieb gegen Osten der Bau unvollendet,

Dort liegen noch überall Trümmer und Reste:

Vom Würfelgetäfel ward wenig verwendet.

»Heran denn zur Arbeit, jetzt giebts keine Schlange!«

Das höre ich rufen, und dann heißt es weiter:

»Herbei faule Krabben, was macht Euch da bange,

Zur Arbeit, zur Arbeit, seid steißig und heiter!«

Nun wälzt sich die Menge, verkrümmt, in die Frohne.

Schon klettern verschiedene Kerle behändig

Auf Säulen empor. Und auf hohem Balkone

Wird alles auf einmal beim Schmücken lebendig.

Doch müde und keuchend erreichen die meisten

Die Pforten des Schlosses und stürzen zusammen:

Die Menge kann nimmer das Sonnenwerk leisten,

Und manche beginnen die Macht zu verdammen!

Da rast einer plötzlich mit qualmender Fackel

Hinan zum Palaste und schreit traumrauschtrunken:

»Du Albkolloß Irans, Du Weltzwingburg wackel,

Du Sternenregent Du, nun herrsch unter Funken!«

Dem Wüthenden stürzt sich kein Wesen entgegen,

Es folgen ihm alle Rebellen und stürmen

Die Stufen des Baues, und sieh, allerwegen

Beginnen sich Menschen schloßhoch aufzuthürmen.

Der Augenblick wird nun mit Kraft wahrgenommen.

Mein Bruder zerschmettert vor sich die Rebellen,

Und schneidet somit, die schon aufwärtsgeklommen,

Durch Schwertschlage rasch von den untern Gesellen,

Den Nutzlosgefährlichen, ab, und hochoben

Vollenden die muthvollen Vordern den Prachtbau!

Nun kommen die Gäste, den Bruder zu loben,

Und fordern, daß jeder auf göttliche Macht bau!

Es zeigt jetzt mein Bruder den vornehmen Gasten,

Daß nur Hundsgemeine beim Burgbau erlagen,

Man räumt die Kadaver, die alles verpesten,

Rasch weg und dann geht man zu Freudengelagen.

Es jubelt das Volk und es klatschen Eunuchen!

Die Jünglinge führen die züchtigen Braute,

Von allen vier Seiten herbei und ersuchen

Den König und selbst seine Schloßedelleute,

Sich erst mit den Jungfrauen gut zu vergnügen,

Bevor sie die Gattin dem Mann überlassen,

»Wir werden uns stets mit den Resten begnügen«,

So brüllt man: »Doch drinnen im Schloß sollt Ihr prassen!«

Die Burg prangt auf Irans gewaltigster Lehne.

Es weidet der Geist, der sie schuf, Glücksgefühle

Den Schloßbau entlang, denn es ruht jede Sehne:

Zufriedenheit birgt hundert Seelenrastpfühle.

Der erste Gewaltherr erstrahlt im Palaste,

Die späteren sechs nahen langsam den Hallen,

So wird jede prachtvolle Himmelsglastquaste

Dereinst als Weltherrscher von oben einfallen.

Am Bergabhang, rückwärts, erglüht die Felskante.

Mein Bruder entzündete dort sechs Herzherde,

Und, als ob das Schloß Feuerflügel ausspannte,

Um aufzufliehn, strahlt die iranische Erde.

Die Gäste sind lange im Prachtsaal versammelt,

Ich selbst will hineingehen, mich drin zu erfreuen:

Am Eingang gewahr ich, daß etwas da bammelt,

Und düster empfängt mich das Brüllen von Leuen.

Wahrhaftig, zwei Sklaven sind dort angekettet,

Es trachtet der eine, die Fesseln zu sprengen

Und schreit: »Ach, ich habe die Freiheit verwettet,

Wer kann jetzt noch Machthaber angstlos bedrängen.

Du Wandrer, gewahr meine Schmach: ich verschmachte!

Die Schlange war gar nicht so arg und gefährlich,

Die Adlerschaar wars, die das Menschenleid brachte,

Der Wabewurm bleibt uns zum Schutz unentbehrlich.

Es wollte die Erde die Nachtmacht benutzen: –

Du weißt es, sie fliegt mit gestirnten Spannen

Dem Manne entgegen, – um Schwaches zu stützen,

Als plötzlich die Aare zu hacken begannen!

Wohl siehst Du das Schloß jetzt, gewaltsam vollendet:

Doch wie zwischen Menschen und Thieren des Lichtes,

Ist nun auch die Freundschaft der Stände beendet,

Das sag ich Dir dreist, und willst Dus, bericht es.«

Von Schmerz überwältigt verstummt nun der Sklave.

Er hängt am Pilaster, ein Schaustück der Straße.

Er zerrt an der Last der Palastarchitrave,

Und Muskeln erwuchern zum Kraftübermaaße.

Der andere ist schöner: voll Jugend, ganz Anmuth!

Und scheint doch schon lange als Sklave zu leiden:

Er schmiegt sich ans Schicksal: man sieht, er gewann Muth

Und läßt still die Striemen ins weiche Fleisch schneiden.

Die Urkraft, sein Erbtheil, hier muß sie verkommen.

Sein üppiger Brustkorb beschwert schon die Lenden.

Sein Athmen ist plastisch, unsagbar beklommen.

Die Kraftarme enden in weiblichen Händen.

Die fleischigen Beine, in männlicher Länge,

Scheint weibliche Keuschheit beinahe zu kreuzen:

Es ist, als ob eines zum anderen dränge,

Und plastisch, statt geistiggeschlechtlich, zu reizen.

Nun sagt mir der Jüngling: »Gar lang muß ich schmachten!

Im Wesen der Welt liegt es, Wesen zu scheiden,

Die Sonne scheint ewig nach Trennung zu trachten

Und sammelt die Thränen im Brunnen der Leiden.

Ganz Mann kann der Arier sich jetzt hehr erheben,

Das reine Geschlechtsweib entsinkt seiner Nähe,

Ich selbst muß verachtet den Zwist überleben,

Ich weiß, daß ich mittendrin weiterbestehe.

Um mich zu verleugnen, erzieht Ihr Eunuchen,

Ihr Leid muß im Streit der Geschlechter vermitteln,

Ein Kettenglied sind sie: mich mögt Ihr verfluchen,

Ich träume mein Ursein und will nirgends rütteln!«

»Ich kann nicht Dein Freund sein, mir fehlt das Verständniß

Für Zwittergestalten, mein Ruf gellt nach Reinheit:

Dein Schrei ist beinahe ein Ohnmachtsgeständniß,

Ein Mann sein ist Pflicht und ein Fluch Geschlechtseinheit!«

Das, sage ich, brülle dann wüthend hinüber:

»Es darf kein Eunuche das Lichtreich bestecken,

Hinweg mit dem Kunstnichts, kein Weib ist mir lieber,

Als Hunderte unter die Fuchtel zu stecken!«

»Du wagst es, auf KönigsEunuchen zu schimpfen!

Du Hund Du, was kleffst Du hier zwischen den Säulen,

Du willst unsern würdigen Stand verunglimpfen,

Zurück, Hund, zu Hunden, hier darfst Du nicht heulen!«

Das haben jetzt sieben Eunuchen gerufen,

Harbona und Bizta, daneben Mehuman

Und Zethar verfluchen mich eben die Stufen

Herunter, sie zetern: »Den Frechling da thu man

Sofort in den Kerker!« Und Karkas, Abagtha,

Selbst Bigtha bestimmen: »Den Wicht,« mich, »den bindet,

Den argarroganten Geschlechtsmann, den packt da

Und reißt ihm den Stolz aus, bevor man ihn schindet!«

Natürlicher Weise beirrt mich kein Fluchen.

Ich schreite empor, doch der Wächter Ginknagtha

Behindert mich gleich bei den Eintrittversuchen,

Und sagt, ganz Verachtung: »Was macht der, im Sack, da!«

Fürwahr, ich bin wirklich nicht festlich gekleidet,

Schon werde ich ringsum als Bauer verspottet:

Ein Troß, der mir Stolz und Verachtung verleidet,

Hat rasch sich im Schloßhof zusammengerottet.

Da wandeln Altparsen mit Tiaren vom Saale

Herüber. Sie tragen Bartlocken und lange Talare.

Das sind meine Nachbarn! Sie wandeln zum Mahle.

Wer weiß, ob ich auch meinen Bruder gewahre!

Sie schmunzeln und sprechen zu mir, halb mit Lachen:

»Mein Lieber, Du wirst nicht zu Hof zugelassen,

Du halfst nicht beim Herrscherpalastüberdachen,

Du hieltest beinah zu den meuternden Massen.

Damit hast Du fast unsern Adel beleidigt.

Die Adler beschautest Du auch wildgehässig.

Zuerst aber hast Du den Meder vertheidigt

Und warst bei der Volksamtzutheilung sehr lässig.«

Fast platzend vor Lachen, mit grauser Grimmasse,

Fährt einer noch fort: »Auch Dein Stand ist nicht ehrlich!

Es heißt, daß sich niemand mit Handwerk befasse,

Was Edle auch machen, stets sei es entbehrlich!

Dazu fängst Du an, auf Eunuchen zu fluchen,

Und sieh, die Kastraten sind arg staatsgefährlich,

Und Du, was kannst Du, gegen Throne versuchen,

Dein Reichthum und Anhang ist wahrhaft zu spärlich!«

Nun trubeln die Weiber des Harems zur Rampe,

Und tanzend umsausen sie dumme Eunuchen,

Und eine schreit herzfrei: »Die Buhlin schlampampe!

Wie Falter die Lampe, zum Luftballett, suchen,

So wirbeln wir Weiber um machtvolle Wesen!

Lang schlafen wir Mädchen allein in der Kammer,

Doch hat uns der Buhle zur Lust auserlesen,

So tanze ihn aus, Deinen brunsttiefen Jammer.«

»Asketen geht weg, denn ich will mich auslaufen«,

So rufen nun alle: »Du Weiser bist häßlich,

Wir tanzen Dich kurzweg im Nu übern Haufen,

Nein, Milde laßt walten, jetzt sind wir vergeßlich!«

Hinüber, vorüber. Der Troß ist zerstoben.

Gewänder verschwinden schon längst hinter Säulen.

Jetzt will sich der Haß der Kastraten austoben,

Und einige drohn mir mit knotigen Keulen.

Da winkt rasch ein Parse und zeigt nach der Halle:

Es lassen die Wächter die Schwungwaffen fallen:

Jetzt zeigt sich mein Weib, bleich, entkleidet, – ich pralle

Zurück und ich fühle die Fäuste sich ballen.

»Umsonst,« ruft die Hure: »Du mußt mich vergessen!

Hier herrscht Myr Militta, das Weib eitler Geilheit,

Ich liebe es, Lust aus der Schmerzbrunst zu pressen,

Die einzige Tugend hier heißt Schmeichlerfeilheit.

Du hast mich dem Hofe nicht selbst angetragen,

Dafür bleibst Du draußen, den Geiz muß man strafen,

Ich selbst mag mich deshalb fürwahr nicht beklagen,

Ich kann meinen Wollustrausch täglich ausschlafen!«

Jetzt klettern die Massen auf allerhand Masten,

Und einige lachen herab von Giraffen,

Selbst jene, die einst den Palastadel haßten,

Versammeln sich rings als Altparsenschlaraffen.

So ist es! Der Spott, der mich trifft, wirkt erfreulich,

Man blickt auf das Schauspiel und mich froh hernieder!

Da sagt mir mein Weib: »Du erinnerst Dich, neulich

Umfaßtest Du noch meine Brunstfieberglieder,

Und heute verschaffe ich reicheren Buhlen,

Die neugierig alle, nach Lustbarkeit geilen,

Die Feinheiten aller Geschlechtspriesterschulen,

Und selbst Deine Marter kann Qualdurstige heilen.

Jetzt laßt mich alleinig das Finstre genießen,

Die Nacht meine weibliche Nacktheit umschließen;

Kein Mädchen kann dunklere Wollust erschließen

Und tieferen Reiz aus sich selber ergießen.

Ich liebe die Weichheit der Finsternißkissen,

Ich mag der Geheimnisse Brüste nicht missen,

Die Nacht soll von mir jede Einsamkeit wissen,

Ich hab mich ins dichteste Dunkel verbissen.«

Man schwenkt Feuerstümpfe. Man klatscht auf den Masten

Und freut sich am Jubel der Königseunuchen.

Man sieht Korrybanten aufs Schloßpodium hasten.

Die ganze Palastrampe dröhnt von Versuchen,

Sich selbst und das Pack durch den Tanz zu erhitzen.

Man pufft und man schleift einen Mann mit Prachtmähne.

Das Haremsvolk guckt durch die Hinterwandritzen.

Der rasende Aufrührer tritt auf die Szene.

Jetzt nahen hieratisch gekleidete Weiber,

Sie tragen Luftschleier, fast zarter als Farren,

Sie folgen, bewacht, dem Palastzeitvertreiber,

Und fangen rings an, auf das Opfer zu starren.

Jetzt fesseln die Henker den schweren Rebellen

Und lassen ihn dann auf die Steinrampe fallen.

Man peitscht ihn, daß weithin die Schmerzschreie gellen,

Und Klatschen und Jubel entbuchtet den Hallen.

Schon naht man dem Manne, mit flimmernden Spießen.

Auf ihn sind auch allerhand Blicke gerichtet,

Denn Menschen, die gerne ein Schauspiel genießen,

Sind ringsum, herum um das Podium, geschichtet.

Wie Sterne im Morgengrau krampfhaft verstahlen,

Und starr, fast im Tagpanzer, langsam verblassen,

Erscheinen mir jetzt diese grausamen Strahlen,

Die fast trachten angestrengt Qual anzufassen.

Den Schrei des Gemarterten würgt das Gezeter

Der Zirbanitpriester, die ringsum sich zeigen,

Und Zither und Zymbelspielkinder, Trompeter

Durchwirbeln der Zirbanit lieblichen Reigen.

Das Weib ist, in Spitzen gekleidet, erschienen.

Ein reizreicher Diener umschmiegt ihre Lenden.

Und Zirbanit zittert. Sie kräuselt mit Kienen

Die Haut des Rebellen: mit fiebernden Händen

Ergreift sie die Krause und zieht sie vom Leibe

Und zwitschert dann leise und sinkt in die Arme

Des Liebesgespielen: sie sieht eine Scheibe

Mit Gluthmarterzeichen und drinnen im Schwarme

Der grellen Gespenster des Lieblinges Lippen.

Sie zittert heran an die brünstigen Schwülste.

Sie fletscht mit den Lefzen. Sie fühlt seine Rippen.

Sie beißt und erzeugt sich im Jünglingsfleisch Wülste.

Jetzt hört man am Mastwald ganz fieberhaft lachen.

Dort oben verkrampfen sich geile Gestalten.

Du merkst kaum, daß einzelne Lustbäume krachen.

Ich suche aus Angst mich an etwas zu halten.

Ich glaube: ich muß jeden Augenblick stürzen

Und fühle ein schmerzhaftes Brennen der Sohlen,

Ich mag mir die Lust nicht so kümmerlich würzen

Und höre schon wieder im Schloßhofe johlen.

Jetzt kommt schon ein Priestertroß vorwärts gelaufen,

Es ist, als ob Rudel Betrunkener nahten,

Das ist der Beschnittenen und Schnittlinge Haufen,

Denn wenige leben in MönchsZölibaten.

Ich sehe, sie schleppen den greisen Hebräer,

Der früher mich ansprach, hindurch durch den Trubel.

Er scheint mich zu kennen. Jetzt tritt er mir näher.

Und ruft nun hindurch, durch den Saufbrüderjubel:

»Hazazel, Hazazel, schreckliches Fatum!

Mein Leib treibt nach unten, man zwingt mich zum Bösen,

Nun bin ich verloren, denn schlägt je das Rad um,

So läßt sich der Sündenbock nimmer erlösen.

Du einsamverspotteter, wirklicher Priester,

Warum schlugst Du Babels Brut nicht schnell in Fesseln?

Du einzig von Jahwe, in Persien, erkiester,

Vernimm es, jetzt peitscht uns das Kebsweib mit Nesseln.

Dein Bruder sieht weit, doch es fehlt ihm die Steile:

Er hat Irans Reinheit an Babel verrathen,

Er sieht selbst im Laster den Lichtkeim zum Heile

Und glaubt an das Urmuß der bösartigen Thaten.

Jehova jedoch ist ein reiner Gedanke.

Er ist fast nur Zukunft. Der Erdschmutz sein Ekel!

Er läßt wohl, daß Babel sein Dasein umranke,

Damit sich sein Gestern mit Schlechtem verhäkel,

Er selbst aber steigt hehr hervor aus der Erde.

Ein einziges Volk nur vertritt seine Größe:

Und Zebaoth heißt er, als Herr seiner Heerde,

Die Laster und Unkraut, durch Schwert und Axtstöße

Um Jahwe her, wegräumt: denn wisse, das Böse

Ist überall dort, wo sich Heiden befinden.

Es reicht Euch vom Scheitel bis tief ins Gekröse

Der Erde hinab, wo die Teufel sich winden.

Das Gute hingegen, reicht nur von Hebräern,

Die eifrig Jehovah im Herzen erstreiten,

Aus ihnen, den irdischen Umvolkvorstehern,

Empor bis zum Schöpfer, zu Urfreiheitsfreiten!«

Es wollte der große Hebräer noch sprechen,

Doch schon hat der Strudel ihn vorwärts gerissen,

Nur: »Hazazel, Hazazel, wer wird Dich rächen?«

Ertönt es noch hinter den Säulenkulissen.

Jetzt strampeln acht wollüstige Panther zur Rampe:

Bacchantinnen tanzen mit nackten Kumpanen,

Es folgt jede lachend dem schlankwüchsigen Kampe,

Ein Lampe und Schafe sind da: Ägypanen,

Mit Zitzen am Ziegenhals, sitzen die Thiere

Bereits hier im Bacchuszug, rings auf der Ferse.

Am Bambusstuhl, prachtvoll im Pampasspaliere,

Erscheint nun ein Dichter und singt seine Verse.

Mit Eselohrbüscheln, mit Flachshaar und Larve,

Umzischeln die Masken den Rhythmenauffinder.

Ein Arschaffenschwanzpanisk zupft auf der Harfe.

Genau gegen mich wischerln spielgeile Kinder.

Da kommt eine reife, fast platzende Traube:

Ein Zugsägypan ists, mit Zitzen und Kröpfen,

Es scheint, daß er gerne beim Wandern erlaube,

Den Brustneckar rings aus den Eutern zu schöpfen.

Drum hängen sich Thiere an alle Milchzitzen,

Auch Tauben umflattern den Jüngling und gurren:

Ein Urwaldsatyr unterhält uns mit Witzen,

Er schlägt Purzelbäume, erzählt freche Schnurren.

Epheben, mit Schellen an Füßen und Händen,

Belustigen Nymphen durch Luftkapriolen.

Satyrkinder lassen sich unverschämt schänden,

Und laufen sogar große Lümmel zu holen.

Ein Mohrägypan ist soeben erschienen,

Ein Schreivögelwirbel umstiegt seine Zitzen,

Sein Traubenrumpf könnte ein Volksheer bedienen,

Er sieht sich genöthigt, Milch selbst auszuspritzen.

Der Kropfägypan und sein Bruder der Neger

Geleiten den Weisen Milesier zur Rampe.

Der schneuzt sich, dann sagt mir der Mythenausleger:

»Zieh fort, sind ein Weib und vergiß nicht die Lampe,

Denn jetzt bleibt es lange noch finster und traurig:

Du wolltest ja selbst alles haarscharf erkennen:

Da hast Dus: der Nachtkern der Dinge bleibt schaurig:

Und Du kannst jetzt säubern, nur immerfort trennen.

Ich selbst bin nur hier, auf der Durchfahrt nach Hause.

Ein Gott, der schon einmal in Hellas geboren,

Der Pentheus, (wie Du, ein ganz dummer Banause,)

Einstmals schon zu kostbarem Spott sich erkoren,

Verschwand in der Heimath, vom Feinde zerrissen.

Doch jetzt ist sein Tag da: gleich wird er erscheinen.

Ich seh ihn bereits hinter Säulenkulissen:

Er kommt, um die Menschen durch Lust zu vereinen.

Selbst ich, der vernünftige Viereckedenker,

An dessen Spitzkanten der Gott sich aufwetzte,

Bin jetzt ein zufriedener Rollwagenlenker,

Und was das Genießen betrifft, nicht der Letzte.

Du siehst, daß ein Mädchen mich heimwärts begleitet.

Ein Knabe liegt oft neben mir auf dem Lager.

Ein indischer Koch, der die Mahlzeit bereitet,

Ist auch da und gleichfalls ein alter Wahrsager!«

Ich weiß nicht warum, doch ich muß plötzlich niesen!

Ists der, der mich derartig seelisch verschnupfte?

Ein Cymbelschlag folgt gleich aufs Niesen und diesen

Witzgruß gab ein Kobold, der blitzschnell entschlupfte.

Da kommt schon der Gott mit vollendeten Locken.

Er ist in den indischen Tropen geboren:

Oh Hellas, bald kann Dein Gefilde frohlocken:

Dein Dionys tritt aus den Sonnengoldthoren.

Er selbst hält sein sonniges Antlitz verschwiegen

Und schreitet bedeutungsreif weiter nach Westen,

Er sieht, wie die indischen Kinder sich wiegen,

Und schwelgt in der Seele bei lieblichen Festen.

Dort torkeln Besoffene mit thränenden Augen,

Ein grunddunkles Blau schaut mir traurig entgegen,

Und Kinder, die kaum noch zum Korbtragen taugen,

Verstreuen rings Tauben auf Dionysos Wegen.

Jetzt kommt auch Triptolemos heimwärts gezogen.

Das Goldkorn, der Weinbau gedeihen auf Erden.

Nun kehrt er zurück und in riesigem Bogen

Bereist er mein Land, nach den Weltkriegsbeschwerden.

Und überall wuchern und blauen die Trauben.

Der Gott zog vorüber. Nun bleib ich alleine:

Urstill wird es rings in den heiligen Lauben.

Geheimnißvoll reifen die kostbarsten Weine.

Die griechischen Trauben voll indischem Feuer,

Durchzuckern die eigenen, gluthschweren Safte,

Sie sprühen mir zu, ach, stets blauer, urtreuer,

Erfreut, daß mein Auge sich sanft an sie hefte.

Urtrunkenheit dunkelt aus perlendem Schmelze:

So glühn auch Pupillen mit gleisendem Saume,

Denn wenn ich Gesichter, ums Schlummerrad walze,

Erschau ich oft Trauben von Augen, im Traume!

Wie herrlich die Reben Geländer umlocken:

Der Zug ist bereits tief im Weinlaub verschwunden,

Das Schloßdach umglasten fast sonngoldene Flocken,

Und doch wird die Nacht noch dereinst überwunden!

Ein Lichtvogel scheint mit verkreuzten Windflügeln

Gar glücklich und still über Trauben zu brüten.

Ein Frühfrühling strotzt nun aus allen Lichthügeln,

Und rings um das Schloß tragt ein Wiesenpfuhl Blüthen!

Mein Weib ist gesunken. Mein Weib ist gefangen

Und schmachtet bewacht im Palast der Kastraten.

Mein Weib! Als Bacchantinnen Tanzlieder sangen,

Vergaß ich Dich ganz: ach, ich hab Dich verrathen!

Mein Weib, höre Weib: ach, zeig Dich noch einmal!

Du warst es bestimmt: ach, Du hast mich verspottet:

Du trugst auf der Schulter Dein untrüglich Weinmal,

Für Dich hat das Volk sich zusammengerottet.

Mein Bruder wird sicherlich alles aufbieten,

Das arme Geschöpf vor Gelüsten zu hüten!

Mein Bruder, – ich sah Dich, – Du warst mit Banditen!

Mein Bruder: Du schmücktest die Locken mit Blüthen!

Ich sah Dich bestimmt! Drin im Zug der Bacchanten!

Du nahmst Deine Larve rasch ab und Du lachtest,

Ich suchte Dich gleich unter alten Bekannten

Und kannte Dich nicht, als Du Spaßknixe machtest.

Du schrecklicher Gott, was hab ich gesehen!

Du ließest mich trunken mein Unglück vergessen,

Ich trank keinen Wein, Dein bloßes Herwehen

Berauschte mich, machte mich schönheitsbesessen.

Mein Weib eine Hure, – der Bruder Verräther!

Nein, nein, – nicht zu fassen, – nur weg! Einige Schritte!

Nur jetzt nicht dran denken: die Schande für später!

Die Schamgewalt her! Schnell: zum erdfernsten Ritte!

Mein Weib eine Hure! Ich stürze kopfüber!

Empor zwischen Ginster: das Schloß liegt schon tiefer!

Ihr Nebel steigt auf! Du Nacht werde trüber!

Doch blickt ich zurück, so sah ich blos Schiefer.

Mein Weib herzt und küßt meinen Bruder! Nein, nimmer!

Doch wie es auch sei, ich muß Euch verlassen,

Ich werde ein einsamer Felsenerklimmer,

Doch Kebsweib, mein Kebsweib, ich mag Dich nicht hassen!

Die Burg liegt dort unten, sie schlummert tief drunten,

Ich mußte mich eben vom Weibe mein trennen:

Nun ruh ich ein wenig: ich lebe nur bunten

Gluthfreuden, die tief aus der Sehnsucht erbrennen.

Kastratenpalast und Verließ geiler Weiber,

Du Festung von Persien, erfüllt mit Verratbern,

Du Babel asiatischer Haremszutreiber,

Du Erzspalt der Sünde, voll Betern, die zetern,

Du Halle, umstellt von priapischen Säulen,

Nun kenne ich Dich: ich seh Dich von oben!

Du Giftpilz der Erde, Du schlimmste der Beulen,

In Dir muß das Übel der Welt sich austoben.

Die Herrscher, die erdwärts dem Schlosse sich nähern,

Durchschaue ich jetzt mit ganz anderen Augen:

Hehr blickten sie erst aus den Seelen von Sehern,

Doch nun scheint ihr Wesen für uns schlecht zu taugen.

Ich will, daß ihr Brunstrumpf zum Gluthstumpf verrunzel!

Zu Kugeln verkrampft überglühn sie die Erde.

Erloschen ist sonst jedes Schloß und Bergfunzel,

Und weg jene herrliche Flügelgeberde.

Es sind sieben Monde wahrhaftig am Himmel,

Ich kann ihren Untergang gar nicht erwarten,

Den richtigen doch überwimmeln Gischtschimmel:

Er mag gar nicht sehn, wie Mondschemen entarten.

Der erste sank längst in den Hof des Palastes.

Ich kann ihn von oben dort unten gewahren.

Er macht mir den Eindruck ganz maaßlosen Mastes

Und stirbt nun im Harem, bei Artunzuchtpaaren.

Ganz ausgegeilt, unverschämt, schwelgt er sich fertig.

Der zweite, ein Lüstling, steht steil überm Schlosse,

Das Hofpack besorgt schon, des Einbruchs gewärtig,

Die Jugend für Orgien, zum Krönungszug Rosse.

Erscheine mir, Zervan Akeren, erscheine!

Und sprich zu mir Angromainyous der Große!

Verneine mich, Andra! Verneine! Verneine!

Und hüte die Schlange im wollüstigen Moose.

Du bist nicht der Schatten und Spötter des Lichtes,

Die Finsterniß bist Du, Du nistest im Schooße

Der Dinge, Du bist die Geburt des Gewichtes

Und willst, daß was ist, da zu sein sich erboße.

Ich sehe Dich schon und bald kann ich Dich fassen:

Erblicke ich doch rings die riesigste Stirne,

Mit tausend Pulsadern, die Ruh und Glück hassen

Und hämmern und grübeln, daß Gott drob erzürne.

Du selbst bist mit AhouraMazda verschlungen.

Ihr seid eng verkapselt. Du zwingst ihn zu werden

Und ruhst nicht, bis alle Geburt ihm entrungen:

Du engst Dich und uns aus den Daseinsbeschwerden.

Du hastest dabei, immer andres zu schaffen.

Die Eigenqual drängt sich, was war umzubauen

Und schamlos stets andres dem Gott zu entraffen,

Du willst auch das Sonnlicht fünfspaltig durchschauen.

Drum bist Du der Allgottheit schlechtes Gewissen!

Die Angst, daß das Weltall für ewig mißlungen:

Du hast das Bewußtsein Ahoura entrungen,

Und drum bleibt die Ruhe urewig verklungen.

Du bist die Zwangsreihe von allen Versuchen:

Es schämt sich der Mensch, sich im Kind fortzusetzen,

Drum fangen wir an, auf die Zeugung zu fluchen

Und ehren die Menschen, die Kampfwaffen wetzen.

Wozu denn, was ewig ist, stets jung verbessern?

Wozu was mißrathen, noch fortwiederholen!

Ich rate hingegen: greift forsch zu den Messern,

Bringt um und brennt ab und laßt ab von Idolen.

Fürwahr, ich durchblicke die Pulsaderstürme:

Ach, Angromainyous du denkst unsern Himmel,

Dein Sorgengehämmer erscheint als Gestirne,

Und nimmer genügt sich das Weltengebimmel.

Wahrhaftig der Satan ragt senkrecht zu Tage!

Unsagbar viel Häupter bedrohn mich im Kreise:

Es scheint, daß der Stadtkronen erdmächtig trage,

Die schimmern, als stäke der Mond tief im Eise.

Denn rings ist der Schweiß, um die Erdriesenstirnen,

Die kalte Gedanken durchblitzen, erfroren.

Hier seh ich, steht Babel, die Stadt wilder Dirnen,

Dort oben thront Zion, mit Thürmen und Thoren!

Genau gegenüber erkenn ich die Hallen

Des Herrscherpalastes, vor dem ich gestanden.

Ich fühle bereits, wie die Fäuste sich ballen,

Und fühle die Wuth Satans Schloß roth umbranden.

Der Teufelstopf drunten kann gar nichts mehr sagen:

Ich habe sein ganzes Geheimniß erfahren!

Es lallt seine Zunge, dann leert sich der Magen,

Ich kann nur das Harem, als Speibrei, gewahren.

Jetzt dehnt sich die Langweile weit durch die Hallen

Und tritt auch leibhaftig als Löwin zu Tage:

So schlank ist noch niemals ein Thier ausgefallen,

Es gleicht fast sein Leib einer endlosen Klage.

Ich kann meinen Ärger nicht länger bezwingen,

Ich reiß einen Pfeil aus dem Köcher und ziele.

Er trifft und ich seh ihn ins Schenkelfleisch dringen.

Die Bestie gähnt schrecklich, und Schweiß deckt die Diele.

Jetzt hebt sich das Babelhaupt läppisch nach vorne

Und schiebt unsere Perserburg ruckweis bei Seite:

Sofort speien rings ihre Weltweisheitsborne,

Und gleich merk auch ich, daß ich geistig fortschreite.

»Ein größeres Babel als das will ich schaffen,

Doch AhouraMazda durchkreuzt meine Pläne,

Ich kann kaum der Ruhe, was da ist, entraffen,

Vielleicht weil ich stets etwas anderes ersehne.«

So spricht zu mir Agromaynious der Große

Und fährt dann fort, stolz die Natur zu erklären:

»Ich wirke in jeglichem Erdbebenstoße

Und mag auch kein Gleichmaaß an Wärme gewähren.

Drum wälze ich mich, ewig sonnenscheinflüchtig,

Im Gluthbett umher, als der Sonnenbescheerer,

Doch macht mich, im Herbste, das Licht eifersüchtig,

So thürme ich Burgen aus Stürmen, und hehrer

Als Ahouras Pappeln erheben sich jene,

Dann hoch in den Äther; und alle Lichtsaaten

Entjäte ich rasch auf der Wintersfruchtlehne,

So muß Gottes Folgenwerk ewig mißrathen.

Ich habe nicht Hände, um weich zu gestalten.

Der Weltschöpfung lichtweiße Strahlenpracht haß ich.

Ich trachte das Ungethier wild zu erhalten,

Und nichts, was schwarzrassig ist, schlag und verlaß ich.

Die Fledermausflügel, die dumm meinem Leibe,

Zum Aufflug kaum taugend, zu riesig entwachsen,

Erzeugen in mir, wenn ich ruhlos verbleibe,

Das grause Bedürfniß zu zweckarmen Faxen.

Du selbst wirst, oh Mensch, durch die Angst aufgerieben:

Du fühlst oft Furchtflügel sich ohnmächtig spreizen,

Du wirst halbasthmatisch zum Fenster getrieben,

Und spürst gleich die Luft Dich zum Durchhusten reizen.

Du prallst vor den Sternen zurück, die das Grauen

Des stahlharten Tages gar bald nicht vertragen,

Du fühlst in der Brust den Furchtausbruch sich stauen,

Und Flügel aus Galle bleiweiß um Dich schlagen.

Die fallen wie windarme Segel zusammen

Und reißen Dich wirbelrasch rettungslos nieder,

Und ich will zum Selbsteinbruch alle verdammen,

Gewährt mir nicht Ahoura Handwerkerglieder.

Gerecht will die Gottheit die Menschengeschicke

Aus Ursachenarbeit behutsam entschälen,

Doch ich, der ich alle ins Angstgarn verstricke,

Laß Magier von Wiederkunftsphasen erzählen.

Ganz Babel erwartet damit fatalistisch,

In Saus und Braus, was uns die Sterne bescheeren:

Mein Wahrsagaltar ist der Weltärgernißtisch

Von Gott, dessen Wesen auch wir schließlich lehren!«

Jetzt fängt auch das Babelhaupt matt an zu schwanken,

Und machtvoll erscheint Zions Goldreifenkrone.

Den Kopf unter ihr furchen Urfurchtgedanken

Und gleich spricht der Mund mir vom Ende der Frohne:

»Jehovah, der männlichste Herr, mein Bezwinger,

Den einstmals der Bauch eines Königs geboren,

Ist nichts als ein eifriger Folgenverschlinger,

Ein Zeitgott und Einfall von logischen Thoren.

Er ist nur ein Vorbild fanatischer Streber:

Und ich, die Unmöglichkeit seiner Erscheinung,

Bin Satan, bin Schöpfung und Schicksalsverweber,

In mir keimt die Hoffnung der Folgenverneinung.

Ich fühle ein Feuer mein Inneres durchglühen:

Einst war es mir fremd, doch in Babylons Frohne

Empfand ich es hilfreich, es linderte Mühen,

Es sprühte aus Süden empor, leicht flüsternd vom Lohne

Der schrecklich geknechteten Kinder der Erde!

Das Feuer sprengt einst jede Zeitfolgenfessel:

Was Anfang, was Sterben, was Pilgerbeschwerde,

Das schmilzt bald des Weltschöpfers ehernen Sessel!

An sich ist es ewig, drum stärker als alles,

Was jemals ein Schöpfer in sich erst vollbrachte,

Es trotzt den Gesetzen des Weltwerdungsfalles,

Es ist was noch niemals zum Dasein erwachte!

Unsterblich sind Götter, aus Furcht vor dem Tode!

In mir aber keimt was einst angstlos das Sterben,

Als jeglicher Folgenschaft Urantipode,

Erdulden wird, um über Trümmer und Scherben

Der Todesnacht siegreich sein Zion zu bauen.

Iehova will selbst meinen Haß überwinden

Und fangt an, mein Wesen bereits zu durchschauen,

Und jedes Verständniß bezeugt Gleichempfinden.

Einst glühen Jehovah und Satan verschmolzen,

Im Menschengeschlecht, fest zusammen, und alles

Was weiterkeucht, klettert am sonnhohen, stolzen

Erbfolgemast dann in des Glückswiederhalles

Unendliches Reich. Und bereits werfen viele

Aus sich etwas Gutes ins Wesentlichbeste.

Die eigentlich Starken verwetten, beim Spiele

Ums Dasein, zwar manches und nur kleine Reste

Entkommen ins Sphärenthum erblicher Meinung!

Drum sind die Verbrecher bestimmt interessanter,

Und tragisch ihr Zwang äußerer Lasterverneinung!

– Probleme birgt einzig ein Satansverwandter! –

Doch kann, ohne mystische Menschenbefreiung,

Der Sonnengedanke den Zwangsraum nicht sprengen,

Es bliebe bei logischer Zahlenanreihung

Und gäbe nur riesige Lichtellenlängen.

Doch einst tritt das Ewige vor im Gemüthe!

Schon wälzt es sich selbst in das Sternegetriebe

Und furchtlos durchschaut es die keimlose Blüthe

Und fühlt sich und weiß sich vom Duft ewiger Liebe!«

»Asketisch ist das Wesenswachsthum ohne Wüste!«

Das höre ich synthetisch jetzt in mir erklingen

Und sehe unter mir bereits die wuchtige Satansbüste,

Mit selbsterkannten und geprägten Werdensringen.

Ein großes Schlangenhaupt wälzt sich zu meinen Füßen.

Polypenarme stürzen Bilder, die ich stets verehrte.

Lichtgötter seh ich stumm in einem Gluthpfuhl büßen:

Und gleicher Glast verschmilzt die kaum getrennten Werthe.

Natur, ich hab von Deiner guten Gluth getrunken,

Oh gieb, daß ich auch das, was da verkrampft, erfasse:

Doch nimmer sollst Du mich in Schmutz und Satanspfützen tunken,

Denn solches widerstrebt der Wallfahrt meiner Rasse.

Unsagbar ist was ich von Deiner Macht erschaute,

Denn Kraft und Kunst entstrotzen meinen vollen Zornesadern,

Du weißt was meiner Männlichkeit gelang: ich baute

Das Albschloß, ja den ganzen Ararat, aus Quadern.

Heil Ararat, Du Schlummerwort in meinen Werken!

Jetzt mögen alle Spuk und Höllenhunde kleffen:

Mein Werk, den Berg, wird sich die Menschheit lange merken:

Heil Ararat, wo sich die Rassen übertreffen!

Noch einige Blöcke will ich aneinander reimen,

Mich senkrecht übers Schlangenhaupt zu stellen,

Dabei wirkt sicherlich ein Fieber im Geheimen

Und wird mein Können plötzlich in die Wolken schnellen.

Den Wüstengeist verschütteten die Pyramiden,

Bis die Saharamannbarkeit dem Sand entragte:

Ra hat das Nilthal zwar nach der Geburt gemieden,

Doch zeugt der Ararat, daß er im Delta tagte.

Der Ararat krampft sich als Weltgrab steil zusammen:

Ein Pyramidenbau, wie keiner ihn erschaute!

Verkrüppelt auch der Mensch dabei, dem wir entstammen,

Erreicht der Geist die Pracht ererbter Mutterlaute!

Zum Ararat hinan klimmt mühsam der Iraner.

Dem Arier folgt ein andrer Arier, der verkrüppelt.

Voran steigt stets im Purpur der Geschlechtsermahner,

Wo Blutverlust, als Schmuck, das Bauernwamms betüppelt.

Die Kunst kann nur aus unserm Herzblute erfrieren.

Der Geist will seines Fatums Ararat erstiegen.

Gelingt es nicht, die Welt mit Blut zu zieren,

So wird der fertige Ararat uns unterliegen.

Hinan, hinan, Iraner, werdet nichts als Männer,

Um RaJehovah für die Rasse zu erringen!

Empor zu Gott, ihr tapfern Felsberenner,

Es gilt die Götzen in sich selber zu bezwingen.

Du Feuer aus dem Süden, glühe westwärts weiter,

Erfasse auch das Wüstenwesen der Semiten.

Herbei, herbei, ihr freien Araratbeschreiter,

Ein einziger Gott soll auf der Welt gebieten.

Auch ohne, daß die Welt verwüste und verkrampft,

Kann Metaphysischschlankes nur zur Sonne reifen:

Am Ararat wird niemand mehr die Saat zerstampfen:

Wir werden Gott auch ohne Angst begreifen.

Doch herrsche Gottesfurcht stets über Weltgeboten:

In ihr allein bewältigt Licht den Schimmel.

Vergißt Du sie, so loht aus frommen Sonnzeloten

Der Racheglast der Ararats furchtbar zum Himmel.

Die Sonnenmacht, die uns zum Licht emporgewoben,

Und, abgesteckt, in uns das Zeitliche geboren,

Den Sonnenkult will ich in uns vor allem loben,

Da er das ewige Gottgefühl im Menschengeist beschworen.

Die Wabe will ich frei und weise preisen,

Denn, selbst Urewiges, bezwingt sie alle Maaße:

Sie hilft und treibt uns weiter auf den Pilgerreisen,

Und allseits ins Unendliche führt jede Rassenstraße.

Heil Ararat, auf dem sich Ewigkeit erkannte!

Du heilige Urgeburt der Seele und des Geistes,

Selbst aus dem Schlangenhaupte schöpf ich das Verwandte

Und leiste freisynthetisch jetzt mein Meistes.

Ich fühle, wie ich mich bereits verjünge:

Das Hydrahaupt dort unten muß verrunzeln!

Ich sehe Fratzen über meine Sprünge,

Vor Spottlust, wieder grün zusammenschmunzeln.

Ein geiles Lachen seh ich sich verflachen:

Ein einzig Maul hält Satan höhnisch offen,

Die Kronen laß ich über mir erwachen:

Der Teufel hört, vereinsamt, auf zu hoffen.

Die Schlangengluth ist in mich selbst gefahren,

Und wabelos verkrümmen sich die Reste,

Nur Lurche kann ich um das Haupt gewahren,

Doch fürcht ich nichts, denn ich begriff das Beste.

Mein Geist wird jetzt die Ewigkeit erkennen!

Dazu wirst Du verschiedentlich gelangen:

Mein Triebinstinkt war das Geschlechtertrennen,

Wobei der Seele Leibesfesseln sprangen.

Ich fühle, wie ich auf mir selbst beruhe:

Die Ewigkeitsellipse kann sich schließen.

Ich weiß, daß ich nicht einen Traum verthue,

Da Zeit und Raum erst aus mir selber fließen.

Ich kann jetzt ganz Kleinasien frei gewahren.

Ein Araratserak tragt mich ins Maaßlosferne.

Ach, kam ich los: könnt ich der Zeit entfahren!

Mein Seelensprungfels schnelle mich ins All der Sterne!

Ich seh ein Riesenmeer mein Vaterland benagen,

Es scheint sich wie ein Wurm in Asien einzubeißen,

Doch wird die Fluth, als Lava, aus Vulkanen schlagen

Und nimmermehr die holde Weibeswabe heißen.

Um dieses Meer herum muß unsere Seele steuern.

Hier gilt es ja, den eigenen Geist zu spalten:

Den Feuern winkt ein Kampf mit Wasserungeheuern,

Drum mußt Du Längstzergliedertes zusammenhalten.

Die runde Raumgestaltung hab ich überwunden,

Seit ich die Flugelipse, Ewigkeit, durchschaue.

Unheimlich wirkt bereits auf mich die Flucht der Stunden,

Da ich befahl, daß jedes Zeitmaaß dumpf vergraue.

Und nun beherrsch ich beide und bestimme mächtig:

»Zu meinen Diensten sollt Ihr jetzt erscheinen!«

Und sieh, ein Riesenrumpf verkrümmt sich mitternächtig,

Und runde Rücken, Buckel wuchten aus den Steinen.

Ich höre über mir die Weltakkorde tosen:

Im Orgelton erschallt eine Planetoktave.

Ich seh den Berg sich ruckweise bemoosen,

Und merke schon: der ganze Raum dient mir als Sklave.

Die Zeit war tief in mir als Melodie gebändigt

Und fängt Vorstellung an, in Form zu kleiden:

So wird mir bald die Raumgewalt klar eingehändigt:

Ich kann bereits, was naht, als Rappen unterscheiden.

Der braust empor und bäumt sich auf! Ich wittre:

Der Hengst, der über Felsen klimmt, braucht Schwingen!

Ich fühle auch, wie ich, durch ihn berückt, erzittre,

Und wie die Sterne erst den Zeitgesang vollbringen:

Er rast, mir nah, empor: und eingefroren

Scheint mir der Weltenraum in seiner Wirbelsäule.

Der Zeitpalast verblaßt. Ich blick aus Tongoldthoren

Ins All, ins All und fühle Lautrauschgäule.

Ich fühle nun, was ich bereits erkannte:

Das Raumfreie in der Musik ist stumm das Große.

Und, daß der Rappen mich ganz maaßlos überrannte,

Vermags, daß ich, was zeitlich ist, jetzt von mir stoße.

Mit Wuth und Wucht stürzt die Musik sich auf den Rappen

Und überwältigt seine Formen wechsellüstern,

Und trotzdem kann das Roß nach Athem weiterschnappen

Und wiehert wild, beharrungsbrünstig aus den Nüstern.

Doch merke ich genau: der Strauß ist ausgerungen!

Es wollen Raum und Zeit versöhnt zusammenfallen,

Nach Freiheit schnuppert nun mein Gaul aus vollen Lungen,

Und aus den Schultern hör ich Flugakkorde schallen.

Mein Roß hat sich an Gluthmusik in Rausch getrunken.

Ich sehe seine hellen Lenden rhythmisch wild sich regen

Und braune Flecken auf dem dunkeln Grunde prunken,

Und fühle mich dabei auf meinem Gaule aufwärtsfegen.

Den Erdschlund unter mir besiegte meine Steilheit.

Ein Satanslacken kann ich noch im Schacht gewahren,

Es wirkt wie einer Dirne Grinsen, wenn die Geilheit

Sie nochmals packt, weil Fremdlinge sich mit ihr paaren.

Mein Roß jedoch wird kühn ins Raumlose emporgetragen

Und es entwischt den Schlangen, die es geil umzischen,

Als Flügel kann uns die Musik hoch überragen,

Und Schweiß scheint jeden Hautfleck wegzuwischen.

Der Raum und selbst die Zeit sind endlos überwunden.

Auf blondem Rosse konnt ich beiden stolz entjagen.

Vom Leib befreit, wird meine Seele jetzt gesunden:

Ich lasse mich vom Isabellenpferde tragen!

Das erdbefreite Sonnenhöchste glüht im Rosse,

Das durch und durch musikdurchtränkt nach oben wuchtet.

Mein Weib allein blieb unten in der dumpfen Gosse:

Entschluchzt ihr nie ein Ruf der Gluth, die sie durchschluchtet?

Mein Weib, mein Weib, ich habe Dich um Licht verlassen!

In einem Harem mußt Du jetzt in Schmach verschmachten.

Des Leibes Geilheit wird den Seelenstolz verprassen,

Du wirst im Sterngeschmeid den Geist durch Lust umnachten.

Zu Dir, zu Dir, mein Weib, will ich durch Wolken reiten,

An Deiner Freiheit ist mir alles jetzt gelegen!

Musik, versuch Dich sturmsteil auszubreiten

Und laß mein Roß durch Nacht sich weibwärts regen.

Ein Stern hat irgendwo sein ganzes Herz erschlossen,

Sein volles Sein soeben in die Welt ergossen,

Und ein Komet davon kommt auf uns zugeschossen,

Und meines Pferdes Schwingen sind beinah zerflossen.

Jetzt loht die Erdensymphonie aus meinem Rosse,

Als zwei Kometenflügel, stolz empor zum Himmel:

Ganz Asiens Prachtsynthese steigt vom Parsenschlosse

Weiß, erdbefreit und lichtbeschwingt hervor als Erdenschimmel.

Empor, empor! Es reißt im weißen Nacktkolosse

Ein Stern der Ewigkeit sich los vom Erdgewimmel:

Als Perseus stieg ich, gleich dem leichten Pfeilgeschosse,

Ertönend hoch empor zum großen Sterngebimmel!

Empor, empor! Der letzte Fels wird überwunden.

Er stürzt, von meines Hengstes hellen Wunderhufen

Zertrümmert, in die Tiefe, deren Schauderwunden

Gluthblutend jetzt um Heil und Hülfe rufen.

Ich bin nun aller dumpfen Erdenlast entbunden,

Bewältigt sind die harten Araratgratstufen,

Die Erde ist beinahe stumm in Nacht verschwunden,

Und nur die Welten funkeln, die sich selbst erschufen.

Jäh unter uns verrunzelt unsere Muttererde.

Ich merke nicht, wie ich mich jetzt beim Flug geberde,

Ich fühle nur, Musik glüht tief aus meinem Pferde,

Sodaß ich schon von seinem Schweiß berieselt werde!

Von ewigem Grundmuß wird nunmehr mein Roß beleuchtet.

Das Nebelnaß, der Schweiß, der unsern Stern befeuchtet,

Umglänzen jetzt die allerklarsten Regenbogen,

Von allen Farben scheint mein Nachtkrystall umzogen.

Die Wolken, die aus meines Rosses Nüstern keuchen,

Verwandelten sich bald in lauter laue Lenze,

Die hoch am Ararat den Gletscherfrost verscheuchen,

Und gleich am Rand des Sternes stattern Flammenkränze.

Ich weiß, daß ich in einem Weltbrillant erglänze:

Sechs Regenbogen spielen ihre Farbentänze:

Mein Freibewußtsein kennt jetzt keine Innergrenze:

Die Selbstbegreifung sprüht Kometenschwänze.

Mein Rappe braucht schon lange nimmer fortzutraben,

Er kann sich flügelleicht im jungen Sein gehaben,

Jetzt seh ich mich! – Im Sterne gleich ich einem Knaben –

Und ach, ich bin im Schacht des Ararat begraben!

Die Alexandrinische Phantasie

(Weihnachtstryptichon)

Ich schwebe in des Pferdes hellem Flügelthale,

Im Schwingenzwielichte verschiedener Symphonieen,

Empor durch Gottes hehre SternenKathedrale.

Ich lasse still das Roß die Mutterflucht vollziehen

Und lehne, selbst ein Hauch, so wie der Wind am Segel,

An meinem Pferde, um dem Lande zu entfliehen.

Wie Gluthrubine flimmern ferne Erdblutkegel,

Und Zepheus Herzgranat fängt langsam an zu nahen:

Astral erhalte ich die kalte Weltallregel.

Ganz erdenfrei erfahr ich Dinge, die geschahen,

Urausbrüche der Ewigkeit, im Rhythmus aller Zeiten,

Und geistig kann ich den Geschlechterspalt bejahen.

Doch weiß ich auch: ich muß dereinst noch erdwärtsreiten!

In der Sahara habe ich das Weib verlassen

Und wieder muß ich es auf Sonnenpfade leiten.

Zwar macht ein Wasserungeheuer mich erblassen:

Wie kann ich seine Speichelleiblichkeit durchdringen?

Unmöglich ist es mir, dem Geist, Naß anzufassen!

Mein Freiheitstag muß aber trotzdem ganz gelingen:

Ich werde ewige Lebensketten selbst erkennen

Und mich, versinnbildlicht, mit Menschlichkeit verschlingen.

Oh Zepheus, lasse mich in Deinem Kreis erbrennen,

Und selbst ein Stern, die Menschenseele klar durchschauen,

Auch Du wirst Dich von Kassiopea niemals trennen.

Es soll Dein Weib seiner Urewigkeit vertrauen:

Die Wabe hat es mehr als alle Fluth gereinigt,

Drum mag es sich auch seinen Thron erbauen.

Fünf Erzgestirne glühn in ihm, als Bild vereinigt.

Das ist ein Feuerdreieck zwischen Wasserzeichen.

Der Fluchenspuk, durch solches Edelsein gepeinigt,

Sucht nun das hehre Wunderbildniß zu erreichen

Und wälzte sich als Mittelmeer zwischen die Länder,

Um unsern Zug zur größten Schönheit einzudeichen.

Andromeda, ich löse Deine Seelenbänder!

Du mußt, was Deine Mutter stolz versprach, erst halten,

Doch zage nicht, ich nahe Dir als Wabewerkvollender.

Als AmonRa, wird Jupiter die Welt verwalten:

Die Wabe hat den selbstgeeinten Gott durchklungen,

Sein Denken muß Athena ewig jung gestalten.

Jetzt blitzt die Parthenogenese ungezwungen

Um, Jowis Stirne, aus unheimlich tiefen Runzeln!

Sein Haupt umdonnern alle Götterdämmerungen.

Auf Tümpelkaulquappen und Grottenspukrapunzeln

Kann bald Andromeda vom ewigen Throne schauen,

Der Wasserunhold stirbt, und Pan hört auf zu schmunzeln.

Mein Pegasus, ich will Dir ganz und gar vertrauen.

Mein Wesen wird die Menschheit nimmermehr verstehen,

Und allem, was mir lieb war, muß mein Stern vergrauen.

Ich bin so fern von jenem Stern, wo Winde wehen,

So weit, so weit, von allen Weltvermittlungsleiden:

Der Geist ist frei und rein von allen SchicksalsEhen!

Ich weiß, wie Sonnen ihre Nachbarkinder weiden,

Die ewig blumenhaft und kindlich Leben trinken

Und sich mit ihrem Schicksal treu und fromm bescheiden.

Oh Gott, oh Gott, oh laß mich ganz in Dir versinken,

Und zeige mir, wie Menschen Dich fortan begreifen,

Wie wird Dein ewiges Wesen sich jetzt irdisch schminken?

Mein Geist kann leibbefreit zur heiligen Wahrheit reifen:

Ich fühle, wie die Menschen immer tiefere Wabe

In sich verwenden, wenn sie westwärts weiterschweifen.

Zum Mittelsterne schwebt mein Pferd im stillen Trabe:

Dort, wo das Glück schon Selbstverständlichkeit geworden,

Steigt einst die Menschheit aus dem Araratnachtgrabe.

Ein Lichtumarmungsschein erstrahlt bereits im Norden,

Den wird dereinst die Schöpfung in ihr Wesen schließen,

Und eben kann die Wabe Asiens Strand umborden.

Die Urgluthbrandung wird sich nie ins Meer ergießen,

Die Wabewogen ballen sich verklärt zusammen,

Den Heiland hehr zu spenden, den sie hold verhießen!

Die Arier, tief geschwängert durch die Erdschachtflammen,

Verstanden hoch am Ararat die RaSemiten,

Die aus Arabiens Wabebrachland stammen.

Die Seelen konnten sich in Irans Berggebieten,

Zu einer einzigen, mit einem Gott, vereinen:

Jetzt wird ein strenger Herr auch unsern Trumpf verbieten!

Der Heiland aber wird in Jahwes Land erscheinen!

Ich fühle ihn bereits im Jungfrauschooße hüpfen,

Oh, wäre ich ein Mensch: aus Andacht möcht ich weinen!

Ein Gott erscheint, die Menschheit herrlich zu verknüpfen!

Die That an sich erschließt uns ihrem Grundgedanken:

Ein Seelenflug muß einem RuheEi entschlüpfen!

Des eingepreßten Sternes Panzerball wird schwanken,

Die Lava nun den Allerlösungsschrei versprengen,

Versöhnungsreben können bald die Welt umranken.

Der Erdkern will sich jetzt zum eigenen Sein verengen.

Ein Kindeswesen wird den Stern als Wort erfüllen,

Denn seine Gluth muß er zum Unschuldherzen drängen.

Nun mag die Wabe sich in Runzelmuskeln knüllen,

Doch wird das Kind die Augen auf zur Mutter schlagen,

So muß sein Stern sich hold der ganzen Welt enthüllen.

Er mag vielleicht bereits die Erde überragen:

Ich weiß es nicht. Doch seh ich Engel sich begrüßen

Und beim Umarmen mit den Flügeln dennoch zagen.

Sie wissen wohl: der Heiland wird für Sünder büßen.

Sie lassen sanft die Schwingen ineinander fallen

Und wollen so, verwandt, ihr Walten sich versüßen.

Ich selber fühle traut ein wahres Wabewallen:

Durchfiebert bin ich ganz von ewigen Sternemächten

Und höre Gottes Ordnung durch mein Wesen schallen.

Ich sehe klar, wie sich die Dinge selbst verflechten:

Die Trennung der Geschlechter, die ich streng vertreten,

Damit die Parsen ihre Artungsthat vollbrächten,

Giebt den vereinten Gott, zu dem wir eben beten,

Die Macht, sich dreifach, aus sich selber, zu entfalten,

Denn Jahwe spricht aus allen jungen Streitpropheten.

Den Wasserkampf hat sich die Gottheit vorbehalten,

Erst auszuringen, wenn der Allumfasser Mendes

Am Mittelmeer erscheinen kann, um sich zu spalten.

Die Menschheit spürte langst die Macht dieses Geländes,

Das um das vorgewalzte Wasser sich belebte,

Denn Gott erdachte selbst das Kap des Raffkraftendes.

Ich zittre jetzt, als ob die Erde tief erbebte.

Es ist soeben die Dreifaltigkeit entstanden:

Ich weiß nun, daß ich längst im heiligen Geiste schwebte.

Oh Gott, der Mann in uns wird dieses Meer umranden,

Am Anfangswege weiterschreitend, uns verlassen,

Das gute Feuer bald ohnmächtig branden.

Oh Gott, oh Gott, wie kann die Menschheit Dich erfassen!

Sie steht am Meer und trachtet Dich einst einzuholen,

Du aber warfst sie ab und scheinst sie, frei, zu hassen.

Oh Gott, wir alle seien Dir durch Deinen Sohn empfohlen,

So lasse uns, am Ursprungspfade, Dich erreichen,

Und zeige Dich am Meer, auf tausend Rettungsmolen!

Herr Zebaoth, Du läßt Dich nimmermehr erweichen,

Du schreitest weiter fort zum ewigen Ruhesterne,

Und gottlos muß der Mensch zu Deinen Füßen schleichen.

Du strenger Gott, Du bist den Menschen schrecklich ferne,

Und heute hilft uns noch die Gluthbrandung am Strande,

Drum hast Du uns auch Deines Sohnes wegen gerne:

Doch bald liegt dieses Land ganz wabebrach in Schande.

Woanders wird der Mensch zu tiefrem Gluthmaaß reifen,

Und Du stammst strenger dann als Ra aus Asiens Sande.

Der Leib, den unsere Seelen leidreich weiterschleifen,

Wird, abermals verflucht, der Satansmacht verfallen:

Wie bitter schwer ist es, das Alles zu begreifen!

Mein Weib, wie löse ich einst Deine Sklavenschnallen?

Du armes Wesen wirst verdammt, verkauft, verderben:

Gar furchtbar sind des Wasserdrachens Brandungskrallen.

Ich möchte gleich um Dich, Du Waberreiche, werben,

Den wahren Augenblick will ich mit Hast erhaschen,

Denn sicherlich liegt nun das Harem kürz in Scherben.

Mein eigener Flug kann mich aufeinmal überraschen:

Vom heiligen Geiste werd ich selig fortgetragen:

Das ist das Reich, in dem sich Lust und Last abwaschen.

Ich kann durch Wabe, anstatt Flammenwolken, jagen

Und scheine abermals, zu Roß, herabzufallen

Und werde plötzlich Ländergipfel überragen.

Da naht ein Stern. Sein Blau kann meinem Traum gefallen.

Wie konnte er so plötzlich goldigschön erstrahlen?

Ich grüß Dich Bruder in den heiligen Lampenhallen.

Du ziehst mich, mit Deinen Wurfspiralen:

Du zitterst, denn Du willst mich immer näher haben.

Du spaltest Dich. Dir bangt in tausend Fieberaalen.

Nun weiß ich aber auch mein eigenes Machtgehaben:

Ich schwebe in des heiligen Geistes Urhauchschwinge

Und kann die Welt mit meinem Wabeathem laben.

Damit die Menschheit wiederum zur Gottheit dringe

Und ihr Gesetz erfüllen könne, schwebt am Meere

Der Geist unserer Dreifaltigkeit, der ich entspringe:

Er überreicht uns mild und friedlich Gottes Lehre

Und kräuselt einen Taubenflügel auf den Wellen:

Nun weiß ich von dem Wunder, das ich miternähre.

Am ganzen Mittelmeere sprudeln heilige Quellen!

Es ringeln sich bereits die beiden Welttheilschwingen,

Und dort das Herz wird bald das Gottesreich erhellen!

Du Pulslicht Du, Du Pharus, laß Dir Botschaft bringen:

Ich nahe Dir als Flügelhauch des heiligen Geistes,

Nun laß uns beide, um die Gotterkenntniß ringen.

Ich falle schon! Und Du, mein Gott, verzeihst es!

Ich will das Weib für Dich, Du Sterngebieter, retten,

Vielleicht, mein Heiland, leiste ich mein Bestes, Meistes.

Die Leuchtthurmfühler fangen an, sich sanft zu glätten.

Es scheint die See gar hohe Wogen aufzugischten.

Ich höre ein Geräusch von fernen Menschenstädten:

Es ist, als ob sich Rufe in die Sänge mischten

Und meines Pferdes Flügelsymphonieen lahmten.

Es wird, als ob sie Dunkellurche schrill durchzischten.

Nun werde ich empfunden – und von unverschämten

Erdkeuchern abermals in einen Leib getrieben:

Es ist, als ob Geschreie meinen Sinn verbrämten!

Schon wieder fühle ich, sich viel um mich verschieben.

Mir scheints, daß ich Geburtsrufe ringsum vernehme.

Jetzt seh ich Schemen, die vermummt zerstieben,

Und steh darauf bewußt und fest im Stoffsysteme!

Da rast ja ein rastloser Haufe zum Hafen.

Unsagbar viel Menschen erklimmen die Molen.

Was giebt es, daß heute die Leute nicht schlafen?

Man gafft in die Prachtnacht und freut sich am Johlen.

Das Feuer am Pharus erstrahlt majestätisch

Und sprengt Scharlachglast auf die nahen Gestalten,

Er scheint fast ein hungriger Brandopferfetisch,

Vor dem lauter Priester ein Nachtfest abhalten.

Das Ufer erklimmen rings Wuthgeiferkamme.

Und Zischgischtgebilde, die schräg niedertraufen,

Bespritzen das Zankpack der Stadthafendamme,

Doch kühlt das kaum merklich die Schaulust vom Haufen.

Das Meer aber wüthet und sprudelt gar mächtig,

Als wollten die Wogen Grundwunder entrollen.

Opalschleier hüllen den Pharus oft prächtig,

Beim Aufschäumen, ein, und sind haschrasch verschollen.

Jetzt kann ich genau ein paar Satze erfassen.

Man heult, halb zum Spaße: »Wir lassen uns taufen,

Doch laß uns, Du Heiland, kein Schauspiel verpassen,

Wir wollen dem wandernden Sterne nachlaufen.«

»Du Judengott, fremder Geheimnißaus hecker,

Verspritz, wenn Du kannst, Deine Sommernachtfunken!«

Schreit eben ein Kopte. Man wird immer kecker.

Und ganze Volksgruppen sind völlig betrunken.

»Schafft Raum!« herrscht der Hauptmann der Stadtsykophanten:

»Und laßt den Gelehrten den Vorfall erklären!«

Nun seh ich ein Männchen, als Darmspekulanten

Und Deuter von Zeichen, den Haufen belehren:

»Der Löwe hat diesmal kein Wasser gesoffen

Und litt einen Monat an schlechter Verdauung,

Erst heut fiel sein Bauchrest, drum könnt Ihr jetzt hoffen,

Es sei nun vorbei mit der Schnuppenanstauung.«

Verwundert beklatschen die Meisten den Weisen

Und wünschen sich Glück zu dem Staatsastronomen.

Nur einer ruft vorlaut: »Das mußt Du beweisen!«

Ein anderer: »Verstopfungen sind böse Omen!«

Doch gleich wird der vorwitzige Einwurf berichtigt,

Die Schreihälse werden von Wachen geknebelt,

Die Volksmenge selbst wird dadurch ganz beschwichtigt

Und droht: »Wer sich vorthut, wird niedergesäbelt!«

Jetzt drangen sich Weiber, in rothen Gewändern,

Auf einmal hervor und beginnen zu schreien:

»Matrosen aus allen menschspendenden Ländern,

Begleitet uns, laßt Euch das Heil prophezeihen!«

Ekstatisch beginnen die Weiber zu tanzen

Und, brünstig aufbrüllend, die Brust zu enthüllen.

Die Schranzen versuchen zwar rasch mit Stahllanzen

Den Ausbruch der weiblichen Mannsucht zu stillen,

Doch sind die Matrosen sammt allen Passanten,

Bereits in den bacchischen Platztanz gerissen –

Und eine kreischt: »Alle wir Heilandgesandten

Lustleiber verkünden den Christ zwischen Kiffen!«

»Halt ein!« ruf ich auf: »Du beleidigst den Vater,

Den Sohn und den heiligen Geist durch Dein Sprechen!«

Jetzt seh ich auf einmal den Weiberberather

Sich rasch durch die Schreisarabande Bahn brechen.

Da steht er: ein üppiger Jüngling, und redet,

Mit Thränen im Auge und Trauben am Haupte:

»Verwerflich ist jeder, der Christum befehdet,

Oh lobe den Gott, der mich huldvoll umlaubte.

So lasse die Gluth in das Weib überfließen,

Im Schooß Deiner Frau Deine Freude ersprießen:

Oh komme, in Christo die Ehe genießen,

Weh dem, der sich wollte der Liebe verschließen!«

Schon schluchzen und schnalzen und lachen die Leiber

Der beiden Geschlechter, vermengt, auf der Erde,

Doch habe ich selbst für den Geilheitseintreiber

Nichts übrig, als blos eine Abwehrgeberde.

Da spricht jener Jüngling verheißungsvoll weiter:

»So lasse Dich heute am Christtag bekehren,

Zu Weihnachten bleibe bei uns und sei heiter,

Du sollst Deine Seele dem Heiland bescheeren!

Es ist heut wie damals ein Glücksstern erschienen

Und freilich gar bald über uns bleich verschwunden,

Ein Gott ließ ihn leuchten, dem alle hier dienen,

Er will sich bestimmt durch ein Wunder bekunden!«

Nun wallen die Weiber in Purpurgewändern

Empor aus dem Brunstpfuhl und singen im Chore:

»Du Sieger und großer Vertreiber von Schändern

Des Tempels von Zion, eröffne die Thore

Des ewigen Reiches, voll Huld, diesen Heiden.

Und Ronach, Du Weib in Jehovah, erscheine:

Erlöse die Frauen von Unreinheitsleiden,

Damit sich einst Knodek mit Ronach vereine.

Oh Spirita Sancta, erfülle die Feiten!

Dem Jünglinge ist jetzt die Maid ebenbürtig!

Das Weib steht noch höher, – als Mutter bei weitem –

Drum sieh, schöner Fremdling, mein Peplon entgürt ich.«

Drauf werfen die Weiber den Pupur zur Erde

Und drehn sich frenetisch und kreischen unbändig:

Und andere schüren das Feuer der Herde,

Und Mädchen entjungfern sich höchsteigenhändig.

Es blenden mich derart die Fackeln und Feuer,

Daß tiefschwarzes Dunkel und furchtbares Grauen,

Als Nachthintergrund mit dem Weltungeheuer,

Der WuthUrsamajor, allein, niederschauen.

Ich sage fanatisch: »Ihr Huren und Memmen,

Ihr dürft die Dreieinigkeit nimmermehr nennen,

Den Fluchausspruch brauch ich in Euch nicht zu hemmen,

Ihr werdet gar bald Eure Gluthbrunst ausrennen.

Die Wabe der Gnade wird bald am Gestade,

Dort jenseits der HeiligenGeistSee entflammen,

Dann tanzt hier fürwahr keine Ronachmänade,

Denn Jahwe wird grade Altasien verdammen!«

Jetzt wirft sich mir Papias ekstatisch entgegen:

»Ich habe einst Simon den Magier gesehen,

Auch der zog mit Helena frei allerwegen,

Und nie ist den beiden ein Unheil geschehen.

Und mein Protoplastevangelium wird immer,

Solange das Weltall besteht, einzig gelten,

Erfaßt Du es nicht, nun gut, desto schlimmer

Für Dich, unsere Gegner sind hier bereits selten!«

Doch siehe, es wagt es kein Mensch mir zu nahen,

Hingegen zerfleischen sich selber die Horden,

Fürwahr, nie wars klarer, daß Wunder geschahen,

Als da und ich sage: »Gluthwogen umborden

Soeben das Ufer vom riesigen Nordmeere:

Und seht, Eure Leiber durchgischtet die Geilheit

Der prachtvollen Wabe: hier wirft alles Hehre

Aus sich einen Rauschschaum und prallt von der Steilheit

Der Wasserwand abermals einwärts ins Gluthmeer,

Der schrecklich erregten, gehetzten Volksseele:

Und bald wißt Ihr niemand, vor furchtbarer Wuth, mehr

Was gut sei zu glauben und recht zu erwählen.

Es ward einst vulkanisch der Stamm der Ägypter,

Aus Westen, herübergeschleudert: und Isis

Ward damals bereits aus der Gluth umgekippter

Felsriesen, im Krampfaugenblicke der Krisis

Und Volksgottkatharsis, sammt Chnun aufgelesen:

Doch schwand sie bald wabebang hin: selbst in Theben,

Dem Gluthursprung naher, verstand man ihr Wesen

Kaum mehr, als im Delta, nach jenem Erbeben.

Doch als Indias Wabe das Nilthal erfaßte,

Der Tag kam auch da, in sein Lichtsein zu schauen!

Da saht Ihr, daß Ra, Ptah sammt Amon erblaßte

Und suchtet aus Gluth Pyramiden zu bauen.

Der Stammartserinnerung ist Isis entfliegen,

Und wiederum ward sie in Tempeln gefeiert,

Und alle die Weiber, die tanzend sich wiegen,

Ob nackt, ob in Purpur, ob lieblich verschleiert,

Sind nichts als die Priesterschaft jener Brunstfürstin.

Ihr opfert die Griechin: die Christin hingegen,

Sucht Jesum und ruft schrill, es dürst ihn

Nach leiblicher Liebe, und will sich aufregen.

Doch das ist die Brandung unglaublicher Gluthen,

Bald wird sie sich jenseits des Meeres zerstreuen,

Das Urfeuer nimmer aus Märtyrern bluten,

Der Heiland sich drüben des Sieges erfreuen!«

»Oh sage,« fällt Papias mir rasch in die Rede:

»Hat Ino von Thalamae solches verrathen?

Ich gebe nicht viel auf ihr Tempelgerede!

Verplapperte Isis den Zweck ihrer Thaten,

Gestand Dir Vulkan seine tückischen Ränke!

Du hast wohl in Memphis im Tempel geschlafen!

Dort träumt einem oftmals, für Opfergeschenke,

Im Arme der Gottheit, von furchtbaren Strafen,

Mit denen die Nemesis jeden Feind züchtigt –

Doch glaube nicht dran, das thun dumme Theurgen,

Ich kenn einen Magierschlund, tief und berüchtigt,

Dort zeigte mir Simon sein Weib in zehn Burgen!«

Gar traurig sagt Papias jetzt weiter: »Erfahre,

Auch ich bin dereinst fromm und Bischof gewesen

Und lag für die Christen bereits auf der Bahre,

Doch konnt ich durch Simon noch einmal genesen.

Dann ward ich ganz heimlich ins Nilthal getragen

Und härte von Simon, was Christus bedeute,

Dann sing ich an, selbst meinen Geist zu befragen

Und was ich ergrübelte, glaub ich noch heute.

Es sucht sich was liebt, fest zusammen zu halten,

Doch Wachsthum zum Lichte bedingt die Askese:

Ins Dasein voll Brunst soll man frei sich einschalten,

Und nur die Enthaltsamkeit schafft die Auslese.

Doch wisse, das Feuer, das Christum erzeugte,

Strahlt heute urheiter ins Antlitz des Lichtes:

Der Fluch, der das Weib vor dem Mann herabbeugte,

Verblich mit dem Grund unseres Liebesverzichtes.

Die Kette der Liebe ist wieder geschlossen:

Das Weib kann die Gottheit im Manne berühren,

Es ist durch den Heiland zu ihm aufgeschossen

Und darf auch, aus Liebe, um Seelenlust küren.

Das Licht und die Erde sind freundlich verbunden:

Der Mann wird das Satansweib schamfrei umfangen,

Denn wahrlich, die Schlange ward ganz überwunden,

Jetzt darf jeder Engel an Jahwes Hals hangen.

Die sinnliche Liebe ist wirklich gereinigt:

Das Fleisch ist bereits von den Todten erstanden,

Denn Sünde und Tod, schon seit Adam vereinigt,

Gehn beide bereits durch die Heilkunst abhanden.

Der Gott, der im Manne die Erde beschreitet,

Hat stets durch den Sohn seine Frau angezogen,

Der Sohn ist der Phallus, und den da begleitet

Das Weib, das für ihn sich um Eden betrogen!«

»Es lebe der Phallus!« beginnen im Chore

Die Weiber zu singen: »wir sind nicht vernünftig,

Wir dienen dem Phallus, als Fallmeteore,

Es lebe der Phallus, denn er herrscht zukünftig.

Wir loben den Sohn des lebendigen Gottes,

Das Glied, das uns ganz mit dem Manne vereinigt,

Wir führen ein frommes, gottseliges, flottes

Brunstdasein, und wer uns bedroht, wird gesteinigt.

Wir feiern die Nacht, da der Heilstern erschienen,

Wir lieben die Sterne, die zitternd ersterben,

Wir gleichen den blumenumschwärmenden Bienen

Und wollen um Wollust und Schlummerwohl werben.

Wir wirbeln, dem Winde gleich, wild um uns selber,

Wir baun in die Mitte die Sehnsuchtsaltare,

Und packt uns ein Schwindel, durchzuckt uns ein gelber

Brunstfunke, damit sich die Lust offenbare,

Dann fallen wir Mädchen, wie Schnuppen, ins Dunkel

Der männlichen Seelen, und nachtschwarze Haare

Bedecken die Leiber, und Seelengefunkel

Und endloses Küssen vereinigt die Paare!«

»Ihr Weiber, Ihr Weiber!« beginn ich mit Strenge:

»Ihr dürft nicht den Heiland mit Isis verwechseln,

Aus Jesu strömt Freiheit und keine Brunstenge,

Ihr Hexen laßt nimmer ein Zapfenkreuz drechseln.

Hinweg mit den Kapseln und Abrarasgemmen.

Ihr seid nur des Bacchus verruchte Manaden.

Es ist meine Pflicht, Eure Unzucht zu hemmen,

Um nicht Christi Fluch auf uns alle zu laden.

Und Du, alter Papias, verlotterter Schwärmer,

Ich habe noch niemals bei Götzen gelungert!

Und bin doch trotz allem an Einsicht nicht armer

Als Du und wer sonst noch nach Weltweisheit hungert.

Du weißt es, der Heiland braucht keine Asketen:

Und haßt die gewaltsamen Brunsteruptionen.

Das Fleisch ist ihm gleich: der Tod kanns zertreten:

So fröhnt ihm, vermögt Ihrs, die Seele zu schonen!

Doch seid Ihr ihm ähnlich, fast brunstfrei geboren,

So wird es Euch leichter, den Geist zu ernähren,

Doch völlig für Gott und sich selber verloren,

Sind jene, die niemals die Fremde begehren.

Ihr habt nicht viel Zeit, Euch zusammen zu halten,

Ihr dürst, was Euch eigen ist, ewig durchfühlen:

Drum trachten die Jahre, das Gut zu verwalten,

Und laßt nicht die Wünsche im Wechselspiel wühlen.

Das Weib ist gerettet! Doch ernster und schwerer

Bleibt vorläufig noch seine Seelenerhaltung.

Verrucht ist der Leichtsinn: drum Weib, der Verklärer

Erwartet von Dir strenge Geist und Leibspaltung.

Vergeßt nicht, Jehovah wird immer noch strenger

Und nur durch die Liebe des Sohnes gemildert,

Ihr selbst wäret nichts, als die ersten Anfänger

Des Menschensohnreiches, und seid schon verwildert!

Ich weiß wohl: die Wabe in Euch schäumt zu kräftig

Empor, um die Gnade von Jahwe zu fassen,

Hier brandet das Feuer wahrhaftig zu heftig

Und muß, anstatt Gott zu umarmen, schal prassen!«

Jetzt scheint ein Tumult ringsumher zu entstehen.

Ich greife zum Schwert, um mich leibhaft zu wehren.

Doch mag sich der Tanz um was ganz andres drehen,

Denn alles fängt an, sich jetzt rasch umzukehren.

Ich sehe im Umkreise lichtblaue Schatten.

Dann nackte Gestalten, mit Schlangenglastfackeln.

Wa schleicht da herbei! ach, das sind Wasserratten!

Was giebts da! Der Mastenwald fängt an zu wackeln.

Jetzt faß ichs: man will uns die Christinnen rauben.

Schon hört man die Weiber und Fleischräuber kreischen.

Es mag jedermann eine Jungfrau aufklauben,

Und glaubt dreist, er darf seine Helena heischen!

Ich lasse den Menschenknäul raufen und pfauchen:

Die Wuth dieser Weiber wird sicherlich schneller

In fremden und kälteren Ländern verrauchen,

Ich bin ja doch selbst dieser These Aussteller.

So bleibe ich da und beschau mit Behagen

Das spaßhafte Schauspiel der raufenden Frauen

In tausend Bauchlagen und auch Unterlagen,

Die schnaubend mit Fäusten aufs Räuberpack hauen.

Doch fängt ihre Wuth langsam an zu verschnaufen.

Ich merke es rasch an den lüsternen Mienen.

Jetzt scheinen die lichtblauen Mäntel und Haufen

Von Leibern, wie Wellen im Spiel mit Delphinen.

Das fletscht und das schlängelt sich hin zu den Schiffen.

Und alte Mänaden, die niemand bedrohte,

Entschließen sich rasch zu Gewaltübergriffen

Und packen Epheben und stürmen die Boote.

Es treiben bereits viele Schiffe am Meere,

Und Glastkörper flimmern ringsum auf den Masten,

Noch setzt sich im Hafen kein Wächter zur Wehre,

Drum braucht auch das Räubervolk gar nicht zu hasten.

Jetzt sind wohl die Barken schon allesammt draußen.

Gar wunderbar glitzern die vielen Schiffslichter.

Ich höre auch wieder die Seebrandung rauschen,

Denn weg ist das ganze erregte Gelichter.

Doch prächtig und grell sind der Maststerne Tanze,

Ich träume mit ihnen, als ferner Beschauer,

Verdunkelt sind alle Nachtstrauße und Kränze,

Nur dort glimmt, oh Schauer, der ganze Kentauer!

Nun stürmen aufjauchzende Jünglinge wüthend,

In nilgrünen Hüllen, hinüber zur Düne:

Nur einer hat Glück, einen Schützling behütend,

Verwünscht er die Flüchtlinge, kündigt er Sühne

Und furchtbare Strafen für alle Schreckthaten

Dem Schiffervolk an, das die Frauen fortraffte.

Die anderen fangen jetzt an zu berathen,

Obs irgend was gebe, was Barken herschaffte.

Verzweifelt beginnt man auf Christum zu schimpfen

Und meint, er sei schuld, wenn das Diebsvolk verrohte,

Und würden die unzüchtigen, flüchtigen Nymphen

Nicht wieder zurückkehren, gebs Christentodte!

Ein Wunder geschieht: Haufen heidnischer Weiber

Entspringen Bordellen, Brautzimmern, Kemnaten

Und geißeln sich selbst und die bleichen Zutreiber,

Und schließlich die Gatten, zum Schluß auch Soldaten.

»O Weihnachten, Weihnachten« kreischen sie heiser:

»Dem Heilande sind wir alleine ergeben!«

Jetzt naht aus dem Tempel Serapis ein Weiser

Und sucht die Besessenheit rasch zu beheben.

Schon stürzt sich ihm Papias, verrückt fast, entgegen,

Und schreit: »Môab, Agok und Ackhap, Phalaris,

Ich traue Dir nicht, denn Du nährst Dich vom Regen,

Bekränz Dich mit Reben: an unserm Altar iß!

Nur dann kann ich glauben, was Du prophezeihtest,

Es müsse das Kreuz, unten ferne im Süden,

[Wahrscheinlich weil Du die Kabale bereitest]

Stets weniger leuchten und schließlich ermüden.«

Da lachen die Weiber im Chore und singen:

»Für uns ist der Heiland am Kreuze gestorben.

Es wird Dir kein ähnliches Wunder gelingen,

Drum wirst Du auch niemals wie Jesus umworben.

Der Heiland verzieh unsere fleischlichen Sünden,

Er liebte das Weib, das die Ehe gebrochen,

Er ließ durch sie selber sein Wirken verkünden,

Gestattete niemals, auf Keuschheit zu pochen!«

Jetzt schwingt jener Magier den Stab der Beschwörung

Und sagt: »Durch die Kraft dieser klaren Smaragde,

Erlöse ich Euch von des Juden Bethörung,

Den damals an Golgatha Todesangst packte!«

Da schreien die Weiber als wären sie eine:

»Es sagte der Heiland zum Vater gewendet:

Dein Wille geschehe, oh Herr, nicht der meine!«

Da denkt sich der Heide: Wer hat sie verblendet!

Dann ruft er: »Im Namen von Dis und Diana,

Durch Jupiter Stigius, Erhalter der Geister,

Erscheine vor mir Apollonius von Tyana,

Du Göttin der Nacht, zeige gleich meinen Meister!«

»Was rufst Du mich, Priester des Jovis Serapis?«

Durchdringt eine Stimme die zitternde Menge:

»Du halbe Gestalt, Du Vernunft nur vom Apis,

Was wärest Du ohne die Stiernabelstränge.

Du hängst ja an ihm, Du gespaltener Kentauer,

Und wagst es alleine, den Christ zu besiegen,

Ich kauerte lange, im Volk, auf der Lauer,

Man kann es bezeugen, um gleich herzufliegen!«

Kaum zeigt sich der Greis unter uns, auf dem Plane,

So kreischt auch schon Papias: »Ich weiß, prima vista,

Durch Christum und Christam, (ich spreche nicht im Wahne,)

Du bist Adonai und Merkur Trismegista.

Abraras, Kaulaka, das bist Du, das krächz ich,

Du selbst und der Priester betrügst niederträchtig,

Sechshundert ist jener und Du sechsundsechzig,

Nun, Astharoth hast Du es ab! Und nun räch Dich!«

Da singen die Weiber und treten uns näher:

»Wahrhaftig, der Heiland vollbrachte acht Wunder,

Auch heut gab er Manna für uns Manichäer,

Sein Blut wurde Gluth, und wir alle sind Zunder.

Drum soll man ihn preisen, sich stets um ihn schaaren,

Und Luzifer nimmer, noch Jupiter dienen,

Doch möchten wir gerne von Isis erfahren:

Drum sprich Apollonius, wie bist Du erschienen?«

»Das war Goëtie,« sagte nun rasch der Befragte:

»Die hilft mir aus Zeit und aus Erdkreisbezirken,

Erst kam ich aus Ländern, wo eben es tagte!«

Dann lispelt er listig: »Der Stier wird gleich wirken!«

Drauf wird er von Papias voll Wuth unterbrochen:

»Nach Mitternacht ist ein Komet wohl erschienen,

Der hat allen hier in die Augen gestochen,

Wir blickten empor mit verwunderten Mienen,

Doch wars nicht die Sonne, verächtlicher Schmäher:

Zwar wird sich gar bald unsere Weltnacht erhellen,

Dann leuchtet das Lamm, und wir treten ihm näher,

Doch Dich wird ein Engel in Satans Schlund schnellen.

Die Nacht ist wohl einmal am Tag angebrochen,

Das war, als der Heiland am Kreuze erblaßte,

Da haben die Felsen die Unthat besprochen,

Man sah, wie die Bäume ein Schüttelfrost faßte.

Man sah, wie sie plötzlich die Seele verhauchten,

Um nackt, wie das Kreuz, in das Dunkel zu ragen:

Fürwahr, die Dryaden und Faune verpfauchten,

Wahrhaftig, aus Jesu allein wird es tagen!«

Da singen die Weiber: »Für dich Hierophanten

Ists eigen, die armen Dryaden zu hassen,

Für alle, die Simon und Helena kannten,

Mags wahrhaft nicht leicht sein, Dein Wesen zu fassen.

Der Wind ist vom Himmel herniedergestiegen:

Zwei Füllhörner haben ihn ganz ausgegossen,

Man sah weiße Wolken vom Jordan aufstiegen,

Die haben den Golgotha plötzlich umschlossen.

Es schien eine Grotte das Kreuz zu umstarren,

Denn dort war die ganze Weltmystik vereinigt,

Ganz athemlos sah man das Drama beharren:

Dann plötzlich war alles im Weltall gereinigt!«

Nun ruft Apollonius: »Warum, Simoniten,

Ist Jesus allein vor den Juden erstanden?

Ich selbst spreche hier und sogleich in Gebieten,

In denen soeben zwei Erzgötter landen.

Die Füllhörner aber, die Simon gesehen,

Sind jene, die Könige häufig gewahren,

Sie können zumal in Ägypten erstehen

Und scheinen die Stadt vor Gefahr zu bewahren.

Ein solches entragte der Erde am Tage,

Da Prinz Alexander das Weltlicht erblickte,

Genau in entgegengesetzter Strandlage

Entstammte der Brand, der Diana erstickte.«

Nun sage ich selber: »Ihr seht nur das Leuchten

Der äußeren Regungen irdischen Waltens,

Doch wichtiger will es mir wahrhaftig deuchten,

Den Weltgrund des ethischen Menschenverhaltens

Genau zu durchschauen und sittlich zu streben:

Oh seht, diese Weiber, die niemand belehrte,

Verkünden den Heiland und kennen sein Leben,

Fürwahr das ist wunderbar: folgt dieser Fährte!

Die Welt muß sich selbst durch den Tod überwinden,

Der Geist wird allein ohne Ende bestehen,

Was starr bleibt, wird einstmals vollständig verschwinden,

Was wechselt, wird langsam zu Gott übergehen.

Die Pflanzen versuchen bereits auszuhauchen,

Doch kann nur die Gattung in Eden bestehen,

Die Thiere, die blos als Versuche auftauchen,

Läßt Gott in den einzelnen Menschen aufgehen.

Die alten Barbaren, bei denen die Sinne

Beinahe die ganze Gefühlswelt erwühlen,

Sind selten vortrefflich für himmlische Minne,

Drum muß sie der Trubel der Rassen durchspülen.

Nur wenig in ihnen kann Gott ganz erfassen,

Doch wird ihre Artung ihr Nachgeschlecht retten,

Jetzt will dieses Meer uns nicht weiterziehn lassen,

Drum zerren die Seelen an Fleisch und Skeletten!

Die Trennung ist längst schon in uns vorbereitet,

Doch nun will der Geist seine Raumfesseln sprengen,

Und da unser Leib nicht im Kinde fortschreitet,

So muß, was sich schuf, sich aus Zeitrhythmen engen.

Ein großer Versuch, ohne Kinder zu zeugen,

Sich selbst durchzusetzen, ist wahrlich gelungen,

Vor Christi Geburt muß die Menschheit sich beugen,

Da hat unser Meer Asiens Wüste bezwungen,

Fürwahr, was wir alle in uns hehr empfinden,

Ist heiliger Geist und wird bald herrlich siegen:

Die Dinge, die wirksam im Sinn sich verbinden,

Sind nur dazu da, vor dem Geist zu verfliegen.

Wahrhaftig, ein ehernes Muß hält das Leben,

Ja, jegliches Wesen, das nachwächst, umklammert,

Denn Reichthum und Sünde, die hart daran kleben,

Sind schlecht, daß der Geist ob der Niedertracht jammert.

Was frei schon, wie Christus, am Weltschöpfer haftet,

Das wird seinen Leib außer sich faulen sehen:

Ihr Weiber, das was Ihr dem Fleische entrafftet,

Das Wunder in Euch, wird ins Lichtreich eingehen.

Das Göttliche hielt sich in Wasser und Wabe,

Als Seele, im heiligen Geist fortzuleben.

Oh seht, seine herrlichste, himmlische Gabe,

Der Heiland, den hat uns der Geist schon gegeben.

Oh seht, dieses riesige Meer ist der Speicher

Des Geistes und Deich des Fleischpfades,

Er macht unser Dasein begeisterter, reicher

Und schwellt unsere Seelen hervor aus dem Hades.

Es kann uns wie Nebel zum Lichte erheben!

Oh hört, wie es brandet: es möchte uns taufen!

Oh hört doch: es singt uns vom ewigen Leben!

Oh seht, wie die Salzschäume laut niedertraufen.

Das Meer, dessen Wellen sich weit überlaufen,

Das rastlos, unendlich ganz Asien umbrandet,

Das aufprallt, als schrie es: wo sind denn die Haufen,

Zum Taufen, die fiebernd und satt hier gestrandet?

Das Meer da, das ward eine machtvolle Taube,

Die hat eine Jungfrau in Reinheit geschwängert:

Das Meer und die Wabe in uns sind der Glaube,

Aus dem unsere Einsicht zu Gott sich verlängert!«

»Wahrhaftig!« sagt Papias: »Das war eine wahre

Erhabene Jungfrau, die Jesum geboren.

Oh laßt, daß ich das, was ich sah, offenbare,

Oh horcht doch, wozu hätte sonst jemand Ohren!

Ich war in Bethanien: da winkte vom Himmel

Ein leiblicher Stern, den ich niemals gesehen!

Im Träume erschien mir ein herrlicher Schimmel,

Da war ich entschlossen, auf Wallfahrt zu gehen.

Ich pflegte am Wege Gespräche mit Leuten,

Die staunend die Pilger ums Wunder befrugen,

Denn Magier erschienen, das Zeichen zu deuten,

Und einige sah ich, die Weihbecken trugen.

Und als ich im Finstern, zur Stelle gewesen,

Betrat ich den Stall mit der Wanderlaterne

Und sah, wo die Jungfrau des Kindes genesen,

Ein eigenes Zwielicht und Spiel winziger Sterne.

Der Herr war verschnürt: ganz in Windeln gewickelt,

Und glich einer Mumie. Die fruchtbare Mutter

Durchschaute mich huldvoll. Wie hat das geprickelt:

Da gab ich verlegen dem Maulthiere Futter.

Die Gänsehaut hatte mich ganz überlaufen.

Ich konnte nicht länger beim Christuskind bleiben.

Es trieb mich hinaus zum gewohnten Volkshaufen:

Noch konnte ich niemand den Eindruck beschreiben.

Ich weiß ganz genau: ich gewahrte die Nase,

Die Ohren der Jungfrau, ganz frei von Gehängen:

Ihr Blick aber brachte mich so in Ekstase,

Daß edle Geschmeide ihr Traumbild umdrängen!«

»Heil Weihnachten, Weihnachten!« singen die Weiber:

»Der Heiland sei heute aus Erden gefeiert,

Gelobt seist Du Papias, Du Heilbotschaftsschreiber,

Du hast uns das Weibheitsgeheimniß entschleiert.

Das Christkind ist selbst in Ägypten gewesen,

Nur Wenige haben es damals gesehen,

Doch hab ich die Schrift eines Priesters gelesen,

Der sah die Familie am Nilstrande gehen.

Des Nachts schliefen Mutter und Kind unter Palmen.

Stets waren die Bäume von Sternen durchleuchtet.

Der Vater bedeckte das Kind sanft mit Halmen,

Sonst hätte der Thau es am Morgen befeuchtet.

Heil Weihnachten, Weihnachten, wollen wir singen,

Das Weib und das Fleisch hat der Heiland gerettet,

Wir selbst werden Gottes Befreiung vollbringen:

Er träumt noch in sämmtliche Seelen gebettet!«

Nun spricht Apollonius: »So laßt mich doch sprechen,

Zu lange schon haben die Christen gewettert,

Und wäre ich nicht da, die Gottheit zu rächen,

So hätte Euch Jupiter längst schon zerschmettert.

Ihr Weiber zumal, seid entsetzlich verblendet,

Es hat Euch kein Magier am Jordan gerettet,

Hingegen die Isis für Euch sich verwendet:

Der Staat Alexandrien hat Euch gerettet.

Kein Theraphim ist zu Euch niedergestiegen.

Der Kampf war gewaltig. Es gab viele Todte.

Kleopatra konnte die Mannheit besiegen:

Ihr nennt sie, im Volksmunde, heute die Rothe.

Zu Hathor blickt auf, zu der Todtenumworbenen!

Sie trägt auf dem Kopfe die Sonne mit Hörnern,

Das sind Lohderseelen der leiblich Verstorbenen:

Als Aour ersteht sie urewig, aus Körnern.

Ihr Ododem sprengt alle Samen und Eier.

Sie ist das Mysterium der Weltphiladelphen.

Sie spinnt Isis sinneverwirrenden Schleier

Und will jedem Rechte der Weiblichkeit helfen.

Als Arrinoë überwand sie die Feindschaft

Der beiden Geschlechter und liebt ihren Bruder:

Seitdem das Geschwisterpaar Leben vereint schafft,

Beruft es beruhigt das Weib ans Staatsruder.

Es trinkt jetzt der König die Milch seiner Schwester,

Wie diese den Samen des Bruders empfangen:

Der Nilfürsten Doppelreifkrone sitzt fester,

Seitdem auch die Weiber zur Herrschaft gelangen.

Ihr Weiber, fürwahr Euer Undank ist gräßlich!

Ihr folgt jenem Mann, der die Fleischlust anklagte,

Der selbst seine Mutter, als wär es nicht päßlich

Auch sie einzuladen, vom Festmahl wegjagte.

Bei Gott, Ihr versteht nicht den Lauf der Geschichte:

Ihr glaubt eitlen Gauklern und dreisten Aufrührern,

Doch Isis geht bald mit der Welt zu Gerichte,

Dann stürzt sie Euch, samt Euren keuschen Verführern!«

»Daduchas, Du mußt unser Unglück verhüten!«

Beschwören die Weiber den heidnischen Meister:

»Du magst gegen Priester und Aufrührer wüthen,

Doch uns zeige lieber die Macht Deiner Geister.

Es sollen die Todten Serapis auftauchen,

Den Weibern, im Krieg um die Herrschaft, zu dienen:

Wir können sie gegen die Christen gut brauchen:

Ist Jesus nicht irgendwo plötzlich erschienen?

Du Licht der Hermetik, wir wollen Dir glauben,

Doch lasse uns früher zu Weihnachten taufen,

Du darfst uns der Festtage nimmer berauben,

Man liebt es sogar, andere Namen zu kaufen!«

»So fahret denn hin, Ihr verlorenen Seelen!«

Beginn ich, gefaßt, zu der Menge zu sprechen:

»Ihr mögt Euch, der Königin gleich, Namen wählen,

Der Haremsgeist fängt wieder an auszubrechen.

Es wird Euch der Priester in gar nichts einweihen,

Da bald alle Geister Ägyptens entweichen,

Ich selbst will das Weib aus dem Kerker befreien

Und werde dereinst Euch die Manneshand reichen.

Erfahret jedoch: Gott verpönt die Kabale,

Nur unreine Geister umflattern Erdleiber,

Das Farum steht da, und die Zukunftssignale

Giebt Gott, wann er will, durch prophetische Schreiber.

Ein Brand wird das ganze Serapium wegraffen,

Denn todt ist die große Gelehrtenmethodik,

Die Menschheit ist frei und soll unbewußt schaffen.

Das Buch vom Geschicke, und seis auch noch so dick,

Als jenes der zehn grundverschiedenen Sibyllen,

Ist werth, daß die Wuthgluth von Gott es versenge.

Diktirt ist dergleichen vom garstigen Willen,

Sich selbst zu verachten und stets auf die Strenge

Der Weltallgesetze die eigenen Fehler

Und selbst unsere Schuld, da zu sein, abzuwälzen.

Ich selbst bin ein Wunder und Normenvermähler,

Doch Ihr seht Mirakel bei Magiern auf Stelzen!

Mein Tag ist ein Kunstwerk, das manches bedeutet,

Das Wissen von jenen hingegen ist Fläche,

Ein Götze, der alle fünf Jahre sich häutet,

Wo ich ganz im Gegensatz ringsum absteche.

Ich spreche ganz klar: ich bekenne die Geister

Und glaube an Gott und das ewige Leben,

Doch sage ich niemals, so ist er und heißt er,

Und will mich nur wirksam zum Ursprung erheben.

Mein Weltgesicht wird aber trotzdem ein Weiser,

Bestimmt nur symbolisch verstehen und deuten:

Fürwahr, als ein umsichtiger Zeitfelsbereiser,

Bewegt die Vernunft mich, die Glocken zu läuten.

Ich stiege auf Strahlen des Lichtergeheißes,

In mir, zu mir selber zurück oder weiter,

Denn was meine Inbrunst bewältigt, wer weiß es?

Mich selbst aber stimmt dieser Urlichttrieb heiter!«

»So trachte denn Du, die Natur nachzuahmen,

Die kann sich Gott selbst atheistisch auslegen,«

Erwidert der Magier: »Ich will nicht erlahmen

Durch Geister den christlichen Sinn auszufegen.

Ihr schreitet wohl fort: stets in Tortelquadraten

Bewegt Euer Geist sich, dem Leibe gleich, weiter,

Das kann mir zwar ganz Eure Mannheit verrathen,

Doch langweilig wird einem schließlich die Leiter.

Es drangt Euch stets, einer für alle zu handeln,

Bedenkt dieses Wort, denn auch das ist quadratisch:

Ich selbst bin genialer und will nur lustwandeln

Und diene dem Volk weder laut noch asthmatisch.

Mein Wesen ist ganz einem Kreis eingeschrieben.

Ich geh nicht bedacht, denn ich fahr durch das Leben.

Ich will nicht mein Werkzeug nach rechts und links schieben:

Ich kann mich auf Blasen ins Traumreich erheben.

Mein Wesen besiegt, wie Ihr seht, leicht die Weiber,

Die sind ja zum Rollen am besten geschaffen.

Zwar bin ich ein Gaukler, ein Kunstübertreiber,

Dafür aber will jeder Mensch mich begaffen.

Ich sang meinen Anhang an laut zu verhöhnen:

Das schadet mir nichts, denn ich kann etwas bieten:

Das Weiberpack mag sich auch daran gewöhnen:

Nun staunt, denn die Kirche geht ganz aus den Nieten!«

Es zeigt sich jetzt Apammon selbst auf dem Platze.

Der Herr Alexandrias tragt goldene Kleider.

Es folgt ihm, zum Schutz, eine riesige Katze,

Und neben ihm schreiten die Staatshalsabschneider.

Da sagt Apollonius: »Nach Osten, von Westen,

Wie einst Alexander, der Sonne entgegen,

Ziehn weise Monarchen, dann stürmen sie Vesten:

Auch Apammon scheint solcher Sitte zu pflegen!

Er wird sich zum Sonnenthorrichtplatze wenden.

Das Od, das nach Westen drängt, wühlt er wie Krumen

In Goldwirbeln auf, und es muß ihm Glück spenden,

Und überall blühn ihm am Weg Ruhmesblumen.

Auch Cäsar war groß, als er ostwärts Krieg führte.

Sein Spießbürgerfeldzug in Gallien war peinlich.

Doch als er Kleopatra selbstherrlich kürte,

Da gabs kein Lateinerthum! Gar nichts war kleinlich!

Ich liebe die Geister der Großen auf Erden:

Ich bin blos ein guter Theurg und ich sagte,

Ich sei auch ein Magier und habe die Heerden

Sofort angezogen, denn gar niemand wagte

Der Macht Demiurgos entgegen zu treten!

Dafür aber geb ich ein Schauspiel wie keines:

Da kommt schon der Apis mit Priestern, die beten:

Nun faßt die Gewalt dieses Wesenvereines!

Der Apis besitzt abgetrennt sieben Köpfe:

Das sind jene Priester: davon drei Kastraten.

Für sich sind sie alle bescheidene Tröpfe:

Verbunden, berathen sie Apis Staatsthaten.

Wahrhaftig ein Weltmikrokosmos wie keiner

Geht eben zum Stadtheptastadion spazieren:

Auf Erden ist gar nichts geschlechtsloser, reiner,

Als hier die Vernunft von den Tempelzuchtstieren.

Es gleicht das Mysterium hermetischer Ehen

Genau dem Spektakel der Stierpriesterzwitter,

Es darf sich ein Weib wohl mit Buhlen versehen,

Doch hatte sie stets, ist sie todt, einen Ritter.

Drum Weiber herbei und vermählt Euch Soldaten,

Und Bursche, von mir knapp im Bann festgehalten,

Herbei nur, herbei, denn der Plan ist gerathen!

Rein Blut ist geflossen! Der Feind ist zerspalten!

Nun also, nur munter den Stierleib vertreten!

Ihr werdet noch Jungfrauen, gleich Bereniten:

Im Hades versteht Ihr die Anachoreten,

Und werdet wie diese recht zimperlich quieken.«

»Heil Dir Berenike, Anassa, Du Keusche!«

So höre ich Stimmen im Apiszug singen.

Dem Hymnus verschwistern sich Liebesgeräusche,

Die rings aus den Thüren und Strandbüschen dringen.

»Zur Bühne, zur Bühne, herüber zur Bühne!«

So hör ich den Magier schon wiederum zetern:

»Daß niemand sich heute zu fehlen erkühne,

Ich selber gehöre zu Hadesvertretern.

Rhaeoris und Bruchum vertauscht die Bewohner:

So wirf, MareotisSee, Aale und Fische

Hinüber ins Mittelmeer, statt monotoner

Sumpfmuscheln bekommst Du dann allerhand frische!«

Wahrhaftig, gar prachtvolle Schlangen umzischen

Die Lüfte. Zwei Füllhörner schütteln Lichtblüthen

Und Sprühbüschel nieder. Und wie sie erlischen,

Entstülpen sich glühende Überflußdüten.

Da lachen die Weiber und sagen: »Soldaten,

Der Sieg der Serapis ist wirklich vollständig,

So macht es mit uns, wie zuvor die Piraten,

Oh tragt uns nach Hause, wir freun uns unbändig!«

Da klascht Apollonius und schreit sich fast heiser:

»Herbei, geile Weiber, es warten die Buhlen

Und führen Euch heim, wie es Zeus und der Kaiser

Befehlen, wozu giebt es sonst Venusschulen.

Oh, seht nur das Schauspiel der Glanzakrobaten.

Die Schlangen Serapis umklettern Glastmasten.

Da platzen auf einmal achttausend Granaten.

Das ist ein Mirakel: was trägt diese Lasten?

Heil Apis, entführe die weibliche Seele,

Es mögen die sieben Vernunfttheile warten,

Bis jedem sich eine im Himmel vermähle,

Für jetzt scheint das Jungfernthum stark zu entarten!«

Ein prachtvolles Schaustück entzückt meine Blicke:

Auf Flammengerüsten, zur rechten und linken,

Steht beiderseits Atlas, die Welt im Genicke,

Vulkan aber scheint durch die Wabe zu hinken.

Der Zerberus will sich ins Mittelfeld stellen

Und fängt stammenschnaubend an, Brand anzufachen.

Ich höre ihn plötzlich entsetzlich laut bellen,

Und drauf, als das Echo, der Weiber Brunstlachen.

Es huschen Glastpanther im Nu von den Masten.

Panisken erklettern sie rasch wie Eichkätzchen.

Vom Himmel herab fallen blasse Glastquasten.

Und Affen am Seil machen allerhand Mätzchen.

»Fürwahr, Alexandria kann etwas bieten!«

Vernehm ich die Stimme des Magiers, noch einmal:

»Die Götter sind riesig als Wahrheit und Mythen

Und reicher ihr Festtisch, oh Jesus, als Dein Mahl!

Das Wappen der Stadt kann sich prachtvoll behaupten;

Der Adler, der helle Verstand, hält Blitzschlangen,

Die einst die Titanen dem Lichtherrscher raubten,

Jetzt wieder mit mächtigen Krallen umfangen.

Das ist unsere Sonnenvernunft, im Besitze

Des stygischen Lichtes: Gespenstergewitter

Entknistern aus jeglicher Isisfelsritze.

Uranus entzischt, unser Adlerlurchzwitter.

Der furchtbare Fluch auf das Dasein verflüchtet.

Den Werdesturzspalt kann Vulkan überwinden.

Ich selbst, der den Spuk der Hekate gezüchtet,

Kann jetzt und für immer im Delta verschwinden!«

Ganz prachtvolle, schlanke Mänadengestalten

Erhalten sich schwindelfrei über Gerüsten,

LichtIbisse schlitzen die Glanzgewandsalten,

Und Flimmermilch sprüht aus den üppigen Brüsten.

Es tragen gewandte und ganz nackte Knaben,

In Körben, rings Purpurgluthäpfel zu Frauen,

Und diese vertheilen die schaumreifen Gaben

Den Erdengestalten, die starr hinaufschauen.

Unglaubliche Vögel umflattern die Stangen,

Auf denen die gelben Gesellschaften stehen.

Sie haben Gesichter mit Fieberwahnwangen

Und scheinen sich immer mechanisch zu drehen.

Das Licht dieser wechselnden Feuerwerkszene

Verdunkelt im Hintergrund alle Sternbilder,

Nur eines besiegt auch die Flammenfontäne:

Der Herkules glüht trotz der Riesenlichtschilder!

Beständig verfärben sich jetzt die Seiltänzer.

Nur einige Luftturner schwenken Prachtfackeln.

Wo sind die geschwänzten Ringsumsichscherwenzer?

Da fängt schon ein Flammengerüst an zu wackeln.

Die Masse um mich ist apathisch geworden.

Die Weiber allein wollen Lustlieder lallen.

Sie sind nun schon längst in die Hände von Horden

Von Schiffern, Soldaten und andern gefallen.

Die Springkinder machen dort hoch Purzelbäume,

Und blendende, lebende Schwebekulissen,

Mit Männern auf Reken, bewegen die Träume

Der Dusler, die jetzt noch den Schlummer vermissen.

Gar mancher liegt gänzlich lethargisch am Damme

Und läßt sich wahrscheinlich sobald gar nicht wecken,

Im Halbschlaf platscht einer im Brackwasserschlamme,

Und immer noch sieht man sich andere ausstrecken.

Was mag mit dem Papias, im Laufe der Dinge,

Geschehn sein? Oh seht, er ist gänzlich verwandelt!

Es ist jetzt, als ob er nun langsam verginge.

Was hat ihn gepackt, daß er einsam verhandelt?

Er selbst ist ein Strauch, dem die Seele entfahren.

Er sieht dabei geisterhaft aus: unaussprechlich

Erscheinen oft Dinge, die Augen gewahren:

Er dünkt sich dämonisch und ist nur gebrechlich.

Jetzt braucht mir vor niemandem ringsum zu bangen:

Apathisch sind alle, nur ich werde stärker.

Die Wenigsten starren empor zu den Stangen:

Dort scheint es, die Seele entsprüht ihrem Kerker.

»Die saftige Dattel!« schnalzt Papias ganz nahe,

Und schmeckt durch und durch eine Frucht auf der Zunge:

»Du stehsts, wie ich Gott in uns allen bejahe,

Denn spuck ich, befreit er sich flugs aus der Lunge.

Verdau ich, so pfaucht er aus meinen Geweiden.

Als Dattel belebt ihn mein schmeckender Gaumen.

Du glücklicher Fruchtgott, jetzt kannst Du ausscheiden,

Ich leck Dich noch auf, von dem klebrigen Daumen!«

Nun schluckt er und spuckt er und thut sehr zufrieden

Und glaubt die Weltseele am Schlund zu bekunden,

Nun ist er schon wieder, und diesmal entschieden

Vollständig, vom Schauplatz des Daseins verschwunden.

Die Menge verliert sich. Ich bleibe alleine

Und horche gespannt auf das Wuchten der Wogen.

Da nahen mir Weiber im Fackelnachtscheine,

Die habe ich unbewußt an mich gezogen.

Ich sehe und zahle. Es sind ihrer sieben.

Sie scheinen zu Christum bekehrte Jungfrauen,

Sonst waren sie, aufgezählt, niemals geblieben,

Nun suche ich sprechend ihr volles Vertrauen:

»Ihr seid wohl die einzigen Schwestern und Bräute

Der Kirche, die Jesus für würdig gehalten,

Die Macht der Magie zu entziehen, die heute

Die Christengemeinde auf einmal gespalten.

Gesteht Eure Zweifel und beichtet die Leiden,

Ich selbst habe heute aus Hochmuth gesündigt

Und kann Magiereinstuß von Brunst unterscheiden,

Zum Priesteramt hat mich der Heiland ermündigt!«

»So sei denn gegrüßt, und gelobt sei der Heiland!«

Erwidern die Weiber einstimmig: »Oh sage,

Wann kommt Jesus wieder und wann wird sein Freiland

Der Seele erscheinen, wann schwingt er die Waage!«

»Ihr Weiber denkt nicht an die Zukunft der Dinge,

Erleuchtet Euch,« Sprech ich: »Euch selbst zu erkennen!

Thut alles, daß Jesus Euch völlig durchdringe

Und trachtet schon da, Leib und Seele zu trennen.

Ihr Schwestern in Christo, oh, könnt Ihrs ertragen

Und seid Ihr für Gott, für das Weltheil erkoren?

Ich habe Euch furchtbare Dinge zu sagen,

Ihr seid vielleicht blos für die Marter geboren.

Der Heiland braucht Geister, um endlich hienieden

Der christlichen Kirche den Sieg zu erfechten:

Oh seht, erst als Märtyrer könnt Ihr in Frieden,

Wie Erzengel, freisprechen, ächten und rechten.

Die Seele muß ganz aus dem Glauben enttauchen,

Dann hat sie noch Kraft, um für Jesum zu streiten,

Ihr müßt, aus dem Marterbett, jenseits auftauchen,

Doch hier schon den Weg der Bekehrung beschreiten.

Ihr Schwestern in Jesu, unsagbare Leiden

Erwarten Euch alle: ich seh Euch zum Tode

Geführt, unter furchtbaren Qualen verscheiden:

Oh Gott, oh Gott, schone das Blut vom Synode!«

»Heil Weihnachten, Weihnachten, seelige Wonne,

Für Jesum zu sterben!« Beginnen die Frauen

Im Chore zu singen: »Oh Wonne der Nonne,

Oh Sonne der Todten, oh Bronnen der Lauen,

Oh Jesus, wir wollen für Dich alles dulden!

Oh Gott, der von uns alle Sünden genommen,

Oh sag, wieviel Todte wir alle Dir schulden,

Wir loben Dich, Gott, der im Herzen erglommen!«

Nun singe auch ich: »Heil Weihnachten, Weihnachten!

Oh Gott, wie der Leib Deines Sohnes im Schooße

Des Weibes behutsam bewahrt war, so trachten

Wir alle das Lamm sanft vor jedem Verstoße,

Vor Bangen und Sünden in uns zu behüten.

Das Blut Deines Herzens, das tief uns durchtränkte,

Die Blüthen der Unschuld, die in uns erglühten,

Die Wahrheit, oh Herr, die Dein Wesen verschenkte,

Die wird uns kein Henkersknecht jemals entreißen.

Noch starker wird einst unser Glauben im Kerker.

Wir werden Dich, selbst im Verließ, noch verheißen,

Wir werden Dich preisen: aus Thür und aus Erker

Wird, Heiland, Dein Name zum Menschen hindringen.

Und ganz eingemauert, bekehren wir Steine:

Die werden uns Antwort der Heiligen bringen,

Dann singen die Todten und wir im Vereine!«

Es schweben jetzt in sich erhellte Engel stille

Herbei, um meine Nachtvision zu klären.

Der Friede quillt aus jeder englischen Pupille,

Und Christi Schmerzen spiegeln sich in ihren Zähren.

Sie stehn, soweit die Einsicht reicht, in bleichen Reihen,

Wie Pfeiler einer Nebelkirche streng zusammen.

Die einen scheinen weiche Scheine zu beschneien,

Von andern mag das Licht vom eigenen Herzen stammen.

Die weißen Engel bringen frische Stengellilien,

Von Himmelswiesen, für die keuschen Kinderseelen,

Und singen lieblich ihre Hymne an Cäcilien,

Die andern tragen Prachtzibarien voll Juwelen.

Ein goldener Pollenstrom entflockt aus allen Kelchen,

Und aus den Erzgefäßen nebeln Glitzerthränen.

Nach welchen Dütenblüthen oder Wehmuthsquellchen

Der Schicksalsschalen darf sich bang die Seele sehnen?

Ich ahne nichts und darf kein Glück zu wissen haben,

Der Anblick solcher Pracht allein ist voll Erfahrung,

Denn was ich fühle, kann mich gleich bei Geistern laben,

Und wahrlich, wahrlich, da gebricht es nicht an Nahrung.

Hab ich die Sinne noch? Ist dies noch Lichtgeflimmer?

Ich kann noch Katharinas Marterrad gewahren!

Ihr Jungfraublut durchstrahlt mich wie Rubinenschimmer,

Und Rosenduft mag sich zugleich mir offenbaren.

Ganz als Granatenstrahlen und als Bernsteinschnüre,

Und dann als wunderbare Gluthrubinendrusen

Durchschauern mich der Heiligen Blutgeschwüre:

Die Wärme ihrer Farben drängt sich an den Busen.

Dufthauche, wie von Heliotrop und von Reseden,

Umspielen meine frischbelebten Fieberschläfen:

Die Lippen küßt ein reiner Kindermund aus Eden,

Wo wärs auf Erden, daß sich solche Reize träfen!

Ich höre nun die sieben Weiber leise singen:

»Oh sanftes Lamm, der Schwingenstier und Flügellöwe

Vermögen es, bis hin zu Deinem Licht zu dringen,

Und ich umflattre Deinen Strand wie eine Möve.

Ein inneres Bangen läßt uns nicht zu Dir gelangen:

Oh Herr, laß uns die Furcht auf Erden überwinden:

Ich möchte meine Pilgerfahrt sogleich anfangen,

Oh laß uns, Jesus, tief den Martermuth empfinden!«

Es bilden jetzt die Engel sieben Dornenkronen,

Aus goldenem Ode sind sie sonderbar geflochten,

Sie scheinen aus Zitrinen oder Kalzedonen

Mit Disteln drin, und oft mit Blutlichtdochten,

Die leise glimmen, tief und wunderbar gestaltet.

Als Meeropalhalbkugeln voller Chrysoprase,

Als Quallenhaupt, aus dem sich eigene Gluth entfaltet,

Versinnbildlicht sich mir die Marterparaphrase!

Die eine meiner lieben Glaubensfrauen

Nimmt Abschied jetzt von ihren trauten Schwestern.

Für sie fängt nun das Geisterreich an zu vergrauen.

Sie hört nicht mehr den Strom von Gottes Sternorchestern.

Schon heißt sie Katharina jetzt, die Keusche.

Sie will die Pilgerfahrt auf Erden fromm antreten.

Sie mischt sich unter Menschenbrunst und Sinnesräusche,

Doch folgt sie unten blos den großen Heilspropheten.

Jetzt höre ich die Schwestern, wieder sieben, singen,

Und sehe auch zugleich, was ich als Lied vernehme:

»Maria, laß Dir unsere Schönheitshuldigung bringen,

Wir preisen Dich in Deinem Schmerzensdiademe.

Oh Jungfrau, als Du uns den Heiland hast geboren,

Da gab der Himmel seinem Kinde Lichtgespielen,

In Bethlehem hat er die Säuglinge dazu erkoren,

Es waren jene, die Herodes Wuth verfielen.

Der Erde raschentraffte Kinderseelen mußten

Dem Mensch gewordenen Gottessohn zur Seite stehen,

Auch heute merkt man, wie sie die kaum durstbewußten

Bettbengelchen als Tandelengelein umwehen.

Zu Weihnachten umstehen sie im Purpurscheine,

Im tiefsten Innerlicht des einigen Marterblutes,

Oh Gnadenjungfrau, Dich, Du holde und Du reine:

Nun segnet uns Dein Kind, auf Deinem Schooße ruht es!

Es ist so bleich wie Du. Ihr scheint ein Mondgebilde.

Des Kindes Röthe wird vom Engelkreis vertreten.

Aus Dir, oh Mutter mit dem Kind, strahlt Silbermilde!«

Und wirklich, mein Gesicht kann, was geschieht, anbeten.

Ich singe mit: »Oh Jesuskind, Du kannst nur Güte

Aus Deiner Mutter Apfelbrust für uns eintrinken:

Oh Jesuskind, daß Dich der Herr für uns behüte!

Aus Deinen Augen seh ich bessere Welten blinken!

Maria mit der stolzen Siebenperlenkrone,

Im Schleierkleid aus keuschem Menschenherzgebeten,

Du herrschst im Mondlichthermelin am Liebesthrone,

Dein Schimmerwellenpelz verwebt sich mit Kometen!«

Jetzt tritt aus der Gemeinschaft, der ich selbst entspringe,

Und die ich rings um mich in stiller Pracht gewahre,

Ein Heiliger mit einem Amethystenringe,

Ein Bischof, auf mich zu und sagt: »Erfahre:

Ich bin das Wesen Augustini. Wisse

Von der Mission, die mir und Dir der Geist gegeben.

Ganz Afrika sammt Asien fallt ins Ungewisse:

Oh Bruder, beide müssen wir darob erbeben.

In Alexandria und in Karthago haben

Des Vaterlandes Gnadenflammen ausgeflackert:

Oh weine nur, vermögen Thränen Dich zu laben,

Bald wird der Heimathsstrand vom Antichrist beackert.

Es wird das nordische, gottlose Rom, als Festung

Der ganzen Christenheit, dereinst die Welt bezwingen,

Im Süden wüthet dann die heidnische Verpestung:

Das Kreuz muß dennoch klar zu allen Herzen dringen!«

»Ich bin ein Prinz aus Kapadozien und beweine

Die ganze Erde, die Natur, die Gott verfluchte!«

Entgegne ich: »Und nicht allein Altasiens Haine,

Es dauert mich das Weib, das Fleisch und die verruchte

Handarbeit: selbst das Tischlerbeil von Christi Vater

Wird lange noch, wie ich es weiß, verachtet bleiben:

Der Heiland war so gut, für alle Dinge bat er,

Er konnte Baal Zebub überall austreiben,

Doch seinem Vater folgend, läßt er noch entgeistert

Und heidnischunrein die Natur zurück in Sünde:

Wahrscheinlich, daß der Tod, vom Menschen einst gemeistert,

Vor Gott und ihm ein leibliches Verdienst verkünde!«

»Mein Bruder, Du und andere Helden sind berufen,

Von ihren Ungeheuern die Natur zu saubern:

Die Krumen, die sie trotz des Kreuzes jung erschufen,

Sind schuld daran und drum verflucht von Ruheräubern,

Von Geisternebeln, Albgestalten arg gepeinigt,

Und selbst besessen noch zu sein!« Entgegnet bitter

Karthagos heiliger Sohn: »auch wird der Mensch gesteinigt,

Der sich zum Licht bekennt, als Kreuz und Heilandsritter.

Du weißt, Du wirst den Wasserdrachen einst erschlagen,

Dem Ungeheuer, das den Menschheitsweg verlegte,

Sofort, kaum daß der Tag erscheint, zu nahen wagen,

Da sich Dein Wesenswerden einzig dazu regte.

Oh Bruder mein, im Geiste, siehe die Gemeinschaft

Des Christenadels, bald wirst Du ihr angehören:

Und da der Mensch sein Werk mit Geistern im Verein schafft,

So wird er schließlich jedes Götzenbild zerstören.

Dereinst vergiebt der Heiland jede Erdensünde!

Dann wird das Fleisch der Todten auferstehen.

Jetzt öffnen sich für Dich bereits die Grabesschlünde:

Das Gnadenwunder wird sogleich mit Dir geschehen!«

»Wahrhaftig, Gott mein Gott, jetzt bin ich Mensch geworden!

Aus tiefster Tiefe ist mein Leib empor gestiegen.

Mich fröstelt, Herr! Ich habe Furcht: man kann mich morden!

Man haßt mich da, oh lasse mich als Mensch entfliegen.

Jetzt bin ich nicht ein Geist, der sich mit Od behaftet,

Um plötzlich als ein Meteorstrahl zu erscheinen:

Ihr Menschen, die Ihr mich beim Sturz begafftet,

Jetzt bin ich ganz wie Ihr, so kommt Euch auszuweinen!«

Ich merke keine Heiligen, um mich, im Kreise.

Ich sehe, völlig Mensch, die Sterne rings am Himmel.

Nur Augustinus zeigt sich sonderbarerweise:

Wahrscheinlich tritt er bald ins menschliche Gewimmel.

Ich höre ihn: »Oh laß Dir, Mensch, den Schweiß abwaschen.

Du hast voll Tapferkeit fürs heilige Kreuz gestritten,

Du ließest Dich von keinem Feinde überraschen

Und hast für Jesum, schon vor ihm, gelitten.

Die Thränen, die Du weintest, sind zu Gott gestoßen.

Im Geist, mit uns vereint, wirst Du die Erde schützen.

Das sündige Weib und seinen brünstigen Fleischgenossen

Wirst Du, vor Gottes Thron, voll Güte unterstützen.

Die Freiheit aller, auch der Schwachen, sollst Du fördern,

Daß jeder, froh, dem Gottessohne Ehrfurcht zolle.

Ich übergebe Dich, zum Zweck, den Christenmördern

Und taufe Dich katholisch: Georg, Sohn der Scholle!«

Ich bin ein Christ und schwebe auf dem Ätherpferde,

Wie einst, empor in hehren Träumesweiten,

Wo es nur Geister giebt und Gottes ewige Heerde.

Ich lasse mich beim Flug von Gluthgefühlen leiten,

Denn Durchempfundenes erreicht sogleich mein Wesen,

Und sehnsuchtslos verwinde ich in mir die Zeiten.

Ich konnte meines Menschengreisenthums genesen:

Das ewige Kind, das Schicksal, das mit Helden tändelt,

Erlaubt mir jetzt, in seinem Siegelbuch zu lesen.

Ich weiß, weshalb es die Erwachsenen gängelbändelt,

Die Morgensorgerthorheit haßt wie eine Räude,

Und freue mich zu sehn, wie alles Trugglück pendelt.

Fürwahr, das Christenthum ist eine Weihnachtsfreude!

Ein ganzer Christ kann nur als Kind zu Grabe gehen,

Und schön ist blos der gläubigen Seele Traumgebäude.

Ich lasse jetzt die Zwillinge in mir entstehen.

Ich liebe diese Heiden, die die Mutter rächten:

Sie werden einst, wie alle Todten, Christum sehen.

Doch heute schon gehören sie zu jenen Mächten,

Die ewig sind und Menschenseelen gottwärts leiten;

Amphion hält die Lyra sanft in seiner Rechten,

Und Zethus scheint das Völkerschicksal zu begleiten.

Sein Spiel setzt heute noch, was rhythmisch ist, zusammen

Und baut uns Festungen, für Gott, den Herrn, zu streiten.

Jetzt sage ich, um klar zu sehn, wem wir entstammen:

Und zieht der Krebs sich noch so weit zurück am Himmel,

Durchschaue ich trotz allem seine Wesensflammen!

Ganz tief am Horizonte blinkt sein Sterngewimmel.

Das sind die Mächte, die das Gute uns erhalten,

Und auch das Gegenstück zu meinem Lichtsturmschimmel.

Das Lyraspiel der Zwillinge durchpulst ihr Walten,

Und der Medusenblick ist ihre Flammenfratze,

Was soll ich Abgrundsmacht daraus entfalten?

Schon packt den Pegasus der Welten Löwentatze,

Der ewig junge Muth, die Vollblutlust zu leben:

Und bis zum Norden wallt die Tropengluth der Katze.

Mein Gott, ein Christ kann über Sterne Dich erheben,

Die Weltenflammen da sind alles kleine Geister:

Ein freier Mensch braucht nicht an ihrer Wucht zu kleben.

Durch Sterne wird man wohl ein Erdgespenstermeister,

Du kannst durch ihre Hilfe, Berge ganz entweiden,

Doch alles das bleibt widerlicher Ehrgeizkleister.

Ein voller Mann wird nimmer unter Fleischgier leiden,

Für ihn kann deshalb kaum ein Zwischenfall geschehen;

Denn einzig über Weltmacht wird ein Stern entscheiden!

Ich aber sehe Engel ohne Bahnen wehen,

Ein Licht erleuchtet sie, das ich noch nicht ergründe,

Auch das Gesetz bleibt fremd, durch das sie urbestehen.

Noch ferner blicke ich in Tiefen, Himmelschlünde:

Da glüht das Riesenbild der Jungfrau mir entgegen.

Steil vorgewälzt liegt Afrika, das Land der Sünde.

Ich sehe Felsbergkegel mir den Weg verlegen.

Der ganze Atlas halt die Jungfrau fest in Banden.

Ich weiß, noch darf die Weibesseele sich nicht regen.

Den Heidenlanden kam das Gnadenlicht abhanden,

Es wird da alles mathematisch abgewogen,

Dort wird die Freiheit nimmer aus den Seelen branden!

Ihr Gott, auch unser Gott, verläßt sie hoch im Bogen,

Sie streben nordwärts, überall zu ihm zu dringen,

Doch endlich bleibt Er uns, den Näheren, gewogen.

Des Mittelmeeres Lindwurm muß mein Speer bezwingen!

Der Geist, der dieser See entweht, wird ewig bleiben,

Da wir durch ihn die Taufe und das Heil empfingen.

Das Übel aber, das sie birgt, will ich vertreiben:

Das Weib im Norden sei der Schamwabe teilhaftig,

Die mag sich Seelen, keinen Schleiern einverleiben.

Des Heidenweibes Fleisch ist reizend, reif und saftig.

Ein Nebelschleier brünstiger Gluth und innerer Reinheit

Bedeckt Dich, armes Haremsweib: doch ich entraff Dich

Den Klauen Deines Wurmes: die Geschlechtereinheit

Beginnt dazu, für sich, das größte Volk zu küren,

Die Abschließung des Weibes wird jetzt zur Gemeinheit.

Ich sehe Wege, die zurück zum Weibe führen:

Die Seele aber ist im Weib emporgestiegen:

Und diese Widersprüche wird die Menschheit spüren.

Das Recht zu lieben wird sich an die Achtung schmiegen,

Das Weib soll ehrenvoll den eigenen Mann erwählen,

Wie wird es gehn, so Grundverschiedenes abzuwiegen?

Angelika, Du Engelskind, von Gluthjuwelen,

Von brünstigen Küssen überdeckt, bedrückt, vernichtet,

Der Nonnehülle soll Dein Schleier sich vermählen:

Angelika, ich habe nicht auf Dich verzichtet!

Ich komme, Weib, mein Weib, ich werde Dich befreien,

Die Schleier hebe ich, die rings das Meer verdichtet.

Ein Meer, ein salziges Meer, sammt allen Wüsteneien,

Wird meine Seele, holdes Kind, leicht überwinden,

Statt Schleiern wird die Wabe Wesen weihen.

Im Norden wird der Mann die Gottheit wiederfinden,

Des Weibes Seele eng an seinen Kraftstamm schmiegen,

Denn was die Nacht getrennt, will sich das Licht verbinden.

Es werden die Geschlechter sich nicht mehr bekriegen,

Die Scham, die tiefernährte aber wird verbleiben,

Die Wabe mag die Wangen weiter überfliegen.

Der Mensch soll sich die Weibesseele einverleiben,

Hat doch der Mann sie weich ins Weib gebettet

Und sich gefreut, zu fühlen wie die Keime treiben.

Vor Mannes Rauheit ward dadurch der Mann gerettet.

Sein Kleinod kann er jetzt vom Weib zurückempfangen:

Der Heide aber hat den Seelenschatz verwettet.

Der Menschengeist muß um das Meer herumgelangen:

Die Wabe voll im Norden aus dem Boden schlagen,

Und ich befreie dann das Weib aus seinen Spangen.

Dort wo die Wogen Sepharat und Afrika benagen,

Wo Herkules dereinst des Atlas Last getragen,

Und wo noch heute seine Säulen aufrecht ragen,

Sieh, dort will ich den Kampf mit einem Drachen wagen.

Des Südens Feuerreste werden überspringen:

Das Weib kann frei sein, und auf Erden wird es tagen.

Das Menschenwerk soll dort und überall gelingen,

Die Wabe wabbert dann gar machtvoll aus dem Boden,

Den Mittag wird der Norden abermals bezwingen.

Dort wo die Wabewellen sich zusammen roden,

Beginnt man langsam schon, Angelika zu kennen,

Denn ihm Lang d’oc besingen sie die Hofrhapsoden.

Wird nicht das erste Tageslicht jetzt bald erbrennen?

Die kleinsten Sterne scheinen langsam zu ermatten.

Der Stil vergraut. Das Licht muß Einzelheiten nennen.

Wahrhaftig, ich durchschaue blasse Zwielichtschatten,

Durch die rings Prachtgestirne herrlich weiterblinken,

Und Spitzen ragen abermals aus glatten Platten.

Ich muß somit schon wiederum herniedersinken!

Das Meer ist still. Es spiegelt mir das Bild der Schlange.

Nun Muth, mein Herz, Gefahren und bewußte Thaten winken!

Der Weg bis an das Ende scheint noch immer lange!

Wie sich die See verringelt und zum Kopf vermindert:

Sag Ungethüm, wird Dir vor meinem Geiste bange?

Angelika, vermag ich Deine Pein zu lindern,

Oh, kannst Du mich im Taubenflügel fern gewahren?

Der Sieg ist meint kein Lindwurm wird den Wurfverhindern.

Der weiße Tag, der naht, kann Dich vor Leid bewahren,

Dem Geist des Heiles ist sein Wesenswerk gelungen,

Ich habe tausend Jahre tief in ihm erfahren.

Ein Wind ist auf dem Meere hurtig aufgesprungen.

Ein Flimmerpanzer überschimmert die Gestirne:

Wahrscheinlich ist ein Hauch des Geistes hingedrungen.

Vom Atlas her bedroht mich manche Zornesstirne.

Ihr Kleinod will mir die Sahara vorenthalten.

Was für ein Purpur rieselt über Zinkenfirne?

Ist das die erste Morgengluth auf den Basalten!

Ist das die Wabe, die erwacht, um auf die Spitzen

Hesperias rasch zu springen: sind das Urgewalten?

Ich weiß es nicht, doch sehe ich rings Lichter blitzen

Und dann aufeinmal in der Finsterniß verschwinden,

Ich weiß: jetzt muß ich gleich das Drachenblut verspritzen.

Sieh dort die Silberschuppensee, verkrümmt, sich winden,

Zwei Sterne, die sich drinnen spiegeln, fast wie Blicke,

Mich anblinzeln und dann geblendet, schnell verschwinden.

Da steht Angelika. Ganz gelb! Eng fesseln sie die Stricke,

Mit denen sie der Wurm an blaue Nacht gebunden.

Jetzt sieh, mein Kind: oh, daß mein Anblick Dich erquicke!

Es könnte unsere Nacktheit Deine Scham verwunden,

So bleibe denn im Schatten Deiner Dattelpalme,

Versteck Dich unter dunkelblonden Fruchtrotunden.

Es seufzt das Meer. Die Welle fletscht. Die Drachenqualme

Umwallen mich. Im Walde ächzen alle Wesen.

Ein Hauch entzuckt jetzt jedem Blatte, jedem Halme.

Das ist der Kampf, zu dem der Herr mich auserlesen!

Dem Geiste stemmen Wind und Mitleid sich entgegen:

Doch nein, der Unschuld muß die Nachtnatur genesen!

Ich selbst erkämpfe sie mit meinem Urlichtdegen.

Ich zücke ihn: der Weltstaub zeigt die Flimmerschneide.

Jetzt spritzt die Drachenmilch hervor: ein Silberregen

Entquillt und säuselt aus dem Lindwurmeingeweide

Und gleicht dem Naß am Stamm der abgebrochnene Feige,

Nun sieh, wie ich das Thier des Schuppengurts entkleide:

Wie Mondblech schwimmt er fort. Ich selber aber steige,

Dem Lichtspeer nach, herab und steche jetzt noch tiefer:

Das Blut huscht auf, und mit dem Drachen gehts zur Neige.

Der Lurch ist todt! Doch rinnt ihm Blut noch aus dem Kiefer.

Der Muth, das Fremde anzugehn, hat Werth! Das Siegen

An sich war leicht. Mir scheints, den halben Kampf verschlief er.

Die Scharlachlaken fangen an, rasch zu versiegen.

Die Dattelpalme hat ein Hauch der Frucht entlastet,

Und wieder kann sie, hoch im Wind, die Krone wiegen.

Angelika, mein Blick hat lang aus Scham getastet.

Wie kann ich, nackt, vor Dich, entblößte Jungfrau, treten?

Doch nein, der Wald ist rings mit Glastqualmen bequastet.

Gerüstet bin ich doch, denn Frühwinde umwehten

Mich sanft: mein Leib ist ganz mit Spiegelthau bekleidet.

Und Du, oh Weib, des Wurmes Milchperlen besäten

Die Schleier Deines Leibes, die mein Schwert entweidet,

Denn Drachenschaum begann sich Dir schlank anzupassen.

Ich sehe Dich, Du Unschuld, die ihr Lämmlein weidet,

Ich grüße Dich und werde Dich sogleich verlassen!

Roland

Der letzte Himmelsstern beginnt sich zu ereifern,

Die Nacht wird sich nicht lange mehr zu weichen sträuben!

So spricht der Nachhut Hauptmann jetzt zu seinen Pfeifern:

»Drum fangt zu spielen an, den Nacktspuk zu betäuben!«

»Oh Herr!« sagt einer von den Heerzugsmusikanten:

»Ich will ein Siegerlied, die Christenhymne, spielen,

So wie es heißt, daß Heiden sich zum Heiland wandten,

Und die Moscheeen rings in unsere Hände sielen!

Der Tag, der anbricht, sieht das Maurenheer geschlagen,

Bald sinkt die bleiche Mondscheinfestung der Khalifen,

Doch gegen Mittag läßt die Nacht Gespenster ragen,

Und Träume scheu ich nicht, die ihrem Leib entschliefen!

Die Flammenhähne, die auf Allahs Häusern rauften

Und sich die Zunderfetzen aus den Krallen zerrten,

Die einen Weltentag verkündend, bleich verschnauften,

Verschafften mir den Einblick zu den Spukkonzerten.

Das Schandpack Satans sah ich prachtvoll überglastet,

Rasch über Zacken, wie im Wald die Affen, tanzen.

Von Grat zu Grat hat manches nackte Paar gehastet,

Mit Firlefanzern schlossen Weiber Fleischallianzen!«

»Das was ich sah war furchtbar,« sagt ein anderer Spieler:

»Die Dulzaina wurde viel und wild geschlagen,

Wie Waldgebraus entrauschte ihr Gesaus, doch vieler

Verhexter Menschen Stimmen schienen durchzuklagen.«

Die Eulenschreie einstiger Heidenweiser schrillten

Durch dumpfes Schweinegrunzen christlicher Vampyre,

Die Rom verstieß, und ekle Hexerwittwen drillten

Sich drinnen ein, und Kuppler bildeten Spaliere.

Um Beelzebub selber wimmelten die Wichte,

Und manches Weib von Stand war da mit ihrem Schraten.

Bestimmt verlor der Leib von seinem Fleischgewichte,

Denn Diebsgesindel wirbelte zum Galgenpaten.

Agaras kam mit Chax im Priesterkleid und taufte

Die liederliche Unzuchtbrut aus seinem After,

Und als sein Segen aus den Eingeweiden schnaufte,

Da sank die Täuflingsschaar sogleich um sechzig Klafter.

Marchozias, Sabnak, Furfur, Ipes, Malphas brachten

Glasialabolas Weiber vor den weisen Kaiser,

Der sprach: »Ihr werdet nimmer lang nach Freiheit schmachten!

Mein Szepter ist der Schicksalsuhr Sekundenweiser.«

Da jauchzte Aamon und aus der Taufspukjauche

Schrie Gomory: »Was fletscht jetzt Zabans Hasenlippe?«

»Die Pest! Den Vatermord!« so unkte es: »Ich tauche

Als Kröte auf!« Und Weiber schrien: »Filippe!«

Da gab ihnen gleich Gaab eine schmutzige Kröte,

Und alle geiferten, indem sie sie zerrissen:

»So wie ich Dich, verrenktes Sumpfthier, tödte,

So thäte ich das lieber Dir, – Du Urgewissen!« –

»Hei!« ruft jetzt ein Soldat: »Die Wachtfeuer verstummen,

Die Flammenzungen fuchteln unvernehmbar weiter,

Die Geister aber wollen sich noch nicht vermummen

Und treiben dreister selbst ihr Spiel, als Besenreiter!«

Wahrhaftig über Felsenspitzen stiegen Zwitter:

So Schatten, Halbgestalten, wie aus Grau und Galle.

Ja, ja, das ist ein anderes Schlachtenungewitter:

Was jener Spuk ist, scheint mir eine Wahnsinnskralle.

Verfolgt mich jetzt der große Teufelsungedanke,

Nachdem die Sorge um den Morgen mich verlassen?

Ich glaubte doch, die ungeheure Weltnachtschranke

Wird nimmermehr, in sich zerrüttet, bang erblassen!

Das Schloß, das Harem unten ließ mir keine Ruhe.

Alektryomantie zwar gab mir gute Zeichen,

Doch ich besann mich fort, wie ich es eben thue:

Nun endlich aber weiß ich, daß die Heiden weichen.

Ich habe heute Nacht auch tapfer dreingeschlagen.

Die Burg muß fallen, doch die Weiber sollen leben,

Das war mein Wunsch: und »Roland« durfte nicht verzagen,

Die Flammen sollten sich vom Mannertrakt erheben!

»Horch Roland, horch doch, höre wenn Trompeten rufen!«

Was ist denn das! Hei, nochmals wagen es die Heiden

Hervorzubrechen! Stampft sie mit den Pferdehufen!

Ich reite vor, daß alle Streiter mich beneiden.

Versinke, ekler Mohr, Dich andern schlag ich blutig!

Das blitzt nur so! Sind das da Augen oder Splitter?

Ihr Funken stiebt! So merk es, Feind: der Christ ist muchig!

Eunuchen, sterbt, es übertrumpft Euch heut ein Ritter

Erbarmungslos und toll! Wie, ist mein Schwert magnetisch?

Der Feind verdirbt, wird auch sein Heerzug langer.

Ich kneble Euch, ich stürze Euren Lasterfetisch,

Da habt Ihr es, Ihr dreisten Frankenlandbedränger!

Haut ein, auch Ihr, ich bin Euch vor um zwanzig Männer!

Ein wuchtiger Schlag! Ich bin allein: das ist nicht schade,

Denn rings ist nichts, als gottverlassene Fluchbekenner:

Mir hilft der Herr, mein Pferd selbst überkommt die Gnade!

Die Flammen rascheln jetzt aus allen Mauerscharten,

Wie Blut entsichert Gluth den offenen Schmelzgeschwüren,

Auch flattern Feuerfledermäuse aller Arten,

Aus Sprühglastnestern, wo sie ihre Gluthbrut schüren.

Versinke, Burg, Du Herd der Scklechtigkeit auf Erden,

Du Festungsthurm, wo man die Weiblichkeit begraben,

Bordell, in dem die Laster sich als Herr geberden,

Du Haremswand, brich ein, ich will die Rache haben.

Du schwarzer Hund, steht noch Dein Dach, so tracht Dein Schädel!

Du Dreckbrut Du, auch Du verreckst durch Säbelhiebe!

Das trifft des Feldherrn Herz, sprecht, ist der Christ nicht edell

So merkt es denn, wie sehr ich Euer Springblut liebe.

Rings um mich her verspritzt Ihr es, Ihr hundert Hunde,

Bald werdet Ihr im Höllenloch die Houris küren!

Gar rührig fließt das Blut aus meiner Vollbrustwunde:

Das schwächt mich nicht, erst sprenge ich die Festungsthüren.

Selbst drinnen noch vertilg ich Euch, Saharakatzen,

Ich fürchte nichts, es hilft mir, schützt mich Christi Segen!

Was Roland, Roland! weg mit diesen Heidenfratzen,

Zur Kaba darf mir niemand mehr den Weg verlegen.

»Horch Roland, horch, Du selber hast Pardon versprochen,

Wirk nicht allein, Du Held, die Festung ist gefallen!«

Ich horche aus, doch höre ich das Herz nur pochen,

Dann fangen die Fanfaren an, laut zu erschallen.

Gesiegt hat Christus, unser Herr! wir danken, beten

Zu ihm, der diese Burg in unsere Hand gegeben.

Jetzt tretet ein, ihr Christenheere, mit Trompeten

Verkündet Sieg, laßt Schallkometen sich erheben.

Ein schöner Tag! besetzt die Festung, die Gefangenen

Schafft fort! ich selber geh zurück ins Lager.

Das Harem laßt! Den schleier und den schamverhangenen

Beherrscherinnen einen Gruß vom Alleswager!

Ich reite fort: mein Kaiser ist bestimmt zufrieden.

Man jubelt rings. »Heil Roland!« hör ich rufen:

»Ein Heilandsstreiter, wie Du bist, lebt nicht hienieden!«

Das weiß ich wohl, ich steige noch auf Ruhmesstufen.

Doch jedem Sieger folgt ein Zwerggespenst beständig,

Die Sonne ging rasch auf: der Kleine will mich packen!

»Heil Roland, Heil!« Mein Schatten wird lebendig.

»Hoch holder Held!« Soldaten hockt er schon im Nacken!

Vor diesem Zelte wird der Kaiser mich empfangen.

Da steht er hehr: sein Spuk verrenkt sich kleinlich, spöttisch.

Ich fühle nun in mir ein stilles Seelenbangen.

Sein Schatten platzt, lieb ich den Kaiser auch abgöttisch.

Der Kaiser spricht: »Ich fühle, wie mein Herz sich weitet,

Du mußt in ihm, am Schlachtfeld, Deine Ruhstatt nehmen!«

Im Perlenteppich, den die Sonne ausgebreitet,

Verkrampfen glatte Schatten sich wie Silberschemen!

»Du hast Dich,« sagt mir Karl: »Wie Gabriel geschlagen!«

Es gleicht Dein Wesen einem vollen Sommermorgen,

In Dir ist keine Furcht, kein Tadel, kein Verzagen,

Du bist so warm und klar und ohne Wolkensorgen.

»Oh Magnus,« meine ich: »Die Mannen alle stritten

Mit Herz und Kopf, ganz Männlichkeit und Frische,

Sie sind bereit, auf allen ihren Lebensschritten,

Sich zu behaupten, fest zu stehn, als kriegerische

Gesellen, überzeugt von ihrem Sein und Schaffen.

Doch ich, mein Oheim, bin blos eine Adlerfeder.

Ich kann und will mich nicht dem Schicksalshauch entraffen

Und werde nie des großen Geistes Widerreder.

Sankt Georg selber wirkt und webt in meinem Wesen:

Ich kann im Schlachtgetümmel ihn zu Pferd erkennen,

Er hat zu seinem Arm und Degen mich erlesen

Und Durendal hörte ich ihn mein Schwert benennen!«

»Du frommer Held,« sagt Ganelon: »Die Sarazenen,

Der Drache, den der Heilige durch Dich besiegte,

Beginnen sich nach Christi Leib und Blut zu sehnen,

Marsilius selber, der uns stets bekriegte,

Schickt AbdErRahman aus, den Sternpropheten,

Der ihm gerathen, sich mit Jesum zu versöhnen.

Er läßt sich taufen mit des Reiches ersten Rathen,

Und schwört, er komme bald mit seinen sieben Söhnen!

So wendet Euch an Karolus, er möge gnädig,

Wie Ihr es immer ward, den Feind verschonen.

Die holde Tochter des Khalifen ist noch ledig,

Die soll mit Roland bald in Saragossa thronen!«

»Oh Ganelon, sprich gradewegs zu Deinem Kaiser!«

Ruft Karolus und blickt voll Zorn auf den Vasallen.

Er streichelt seinen Bart und sagt dann etwas leiser:

»Allein in meine Macht ist Frankreichs Feind gefallen.

Ihr alle seid nur meiner Herrlichkeit Trabanten!

Selbst Roland muß, dem Monde gleich, sein Licht erborgen.

Von Rom, wohin sich eben diese Mohren wandten,

Empfangt sein Traum, wie alle Dunkelheit, den Morgen.

Ich selber aber bin der Tag, die Macht, das Leben.

Mein Silberhaar ist Winterschnee der Pyrenäen.

Der Bart die alten Gletscher, die zu Feuerreben

Die Frische ihrer ewigen Jugend munter wehen.

Mein Haar, mein Bart, sind auch das Frühlingsurerblühen,

Die weiße Fülle, die ein fruchtbar Jahr verkündet,

Mein Wollen Flüsse, wo sich Flotten vorwärts mühen,

Und mein Gemüth das Meer, in das die Weltfluth mündet!«

Fanfaren melden jetzt die Ankunft der Gesandten,

Sie stehen mit gefangenen Heiden noch beisammen

Und alle Rassen, die sich taub zu Allah wandten,

Sind da, ob sie aus Asien oder Tanger stammen.

In Purpur nahen blasse Perser. Ihre Bärte

Sind schwarz und schwer und scheinen sie herab zu zerren.

Mit ihnen gehen gelbgekleidete Gelehrte,

Und gleich daneben splitternackte Berberherren.

Den Turban tragen auch die schlankgewachsenen Mohren.

Es strahlt ihr Augenpaar. Es glänzen ihre Zähne.

Jetzt kommen auch Mongolen aus den Festungsthoren,

Und selbst ein Blonder folgt mit einer Löwenmähne.

Gefesselt sind die meisten: wenigen kleben Flecke

Von Schmutz und Blut am Feldzugskleid, in dem man streitet.

Ob hoch, ob nieder, jeder Dickwamms, jeder Recke

Hat seinen Negerzwerg, der ihn umsonst begleitet!

Ich selber habe meinen Mantel umgeschlagen

Und mag somit jetzt dem Dreiviertelmonde gleichen.

Was kann ich thun, daß mich die Schatten nimmer plagen?

Den Mittag in der eigenen Tiefe ganz erreichen!

»Gesandte des Marsilius, Eure Unterwerfung

Braucht Ihr mir nicht zu melden, kommt und steht um Schonung:

Mein Urtheil über Euch erfahrt keine Verschärfung,

Rebellen, in der Kasba nehm ich meine Wohnung!«

Das sagt der Kaiser. Und die heidnischen Gestalten

Sind wie vom Schlag gerührt und stürzen wimmernd nieder.

Doch endlich kann sich einer wieder aufrechthalten

Und spricht im Vollbesitze seiner armen Glieder:

»Oh großer Herr, das Schwert allein darf nicht befehlen.

Drei Monde nur laß uns durch Geistliche belehren,

Dann werden wir das Heil aus eigenem Drange wählen,

Das Kreuz und Dich allein in unsern Ländern ehren.

Laß Roland hier, magst Du nicht selbst in Spanien weilen,

Er kann bei uns die schönste Königstocher freien.

Getauft, kann jene dann des Landes Plagen heilen,

Wird Deine Wunderhand die weibliche einweihen!«

»Ihr Paladine, Ihr Gesandten, meine Kinder!«

Sagt Karol ernst: »Sprecht Eure Wünsche aus, ich höre!

Auch Eure Rathschläge bringt vor, ich bin kein Blinder,

Der ohne Freisicht zulaßt, daß man ihn bethöre.

Doch merkt Euch dies: was meine Lippen ausgesprochen,

Bleibt wahr und recht und einwandfrei, für Euch geheiligt!

Was rathet Ihr, soll ich ganz Spanien unterjochen?

So sprecht, Ihr seid mit Leib und Seele dran betheiligt!«

»Oh, Großer Herr, gestatte daß wir uns bewähren,«

Ruft Ganelon: »Wir fürchten nichts im eigenen Lande,

Laß uns den Bischof hier, die Heiden zu bekehren,

Verzagtheit ist des Franken allerärgste Schande.«

»Nun,« flüstert Nemo, Baierns Fürst in meiner Nähe,

Daß ich es kaum vernehme, zu des Kaisers Ohren:

»Dem Roland kannst Du vollauf trauen, ich gestehe,

Dem Ganelon nicht ganz, er hat an Wucht verloren!«

Ich trete weg und höre dennoch Nemos Worte:

»Laß Roland hier zurück und kehr dem Land den Rücken,

In Deutschland gährt es abermals an manchem Orte,

Dort müßte uns vor allen noch ein Feldzug glücken,

Bevor wir vollen Frieden unserm Reich bescheeren.

Unheimlich bleibt der Rhein, Gebirge, feste Grenzen:

Die Pyrenäen stehn und werden Schutz gewähren,

Doch in Gefahr sind die Ardennenresidenzen!«

»Oh Magnus« sage ich: »So lasse mich alleine,

Gieb Deinen Segen mir, und Gott wird mich beschützen:

Ich bleibe gern in Spaniens holdem Sonnenscheine,

Blos Olivier, der Gute, soll mich unterstützen.

Dann streite ich mit Durandal, dem edlen Schwerte,

Und mit Hauteclaire steh Olivier mir stets zur Seite.

Und Marchegai sein starkes Pferd, sein Schlachtgefährte,

Befreunde sich mit Veillentif, das ich bereite.

Dann ziehen wir in den Herbst hinein! Der Reisig,

Der rings die Erde deckt, zerknickt am Wege.

Es schwitzt das Pferd, der Wind aber wird eisig,

Und immer ists, als ob ein Reh sich wo bewege.

Die gläubigen Tannen bleiben grün und überleben,

In Ihrer Unschuldwucht, den Fall des alten Laubes,

Ihr Wesen ist erstaunlich frommes Sicherheben.

Sie fühlen: Herr, Du sagst: auch Du bist gut, ich glaub es!«

»Wie frei,« ruft Olivier: »Erscheint mir solch ein Leben!

Mein Kaiser, lasse uns zurück in diesen Thalern,

Der Heide wagt es nicht, sich nochmals zu erbeben,

Durch Christum heilen wir ihn bald von seinen Fehlern!«

»Mein Olivier!« so spreche ich mit Herzensfreude:

»Wir müssen dann nach Flüssen und nach Gründen spüren,

(Aus edelsten Gesteinen thürme ich Gebäude)

Um Aude, Deine Schwester, würdig heimzuführen.«

»Turbin,« sagtKarol nun: »Verschweigst Du Deine Meinung!

Du Kirchenfürst, wie glaubst Du, würde Rom jetzt rathen?

Du weißt, ich bin kein Freund von Furcht und Wunschverneinung,

Doch zaudre ich, mir ahnt von grausen Waffenthaten!«

»Mein Herr!« sagt da der Bischof frei zu seinem Kaiser:

»Vernunft und Vorgefühle muß ein Christ verneinen,

Den Krieg zu Ende führen, halte ich für weise,

Doch unnütz würden etwa tausend Mütter weinen.

Vertrauen wir dem Kreuz. Du magst die Heimath grüßen.

Ich bleibe hier und will in Frieden Heiden taufen:

Viel besser jetzt, als in der Hölle einst zu büßen,

Drum laß uns Mannen, um mit Abtrünnigen zu raufen!«

»Gestrenger Kaiser!« sagt der vornehmste Gesandte:

»Du kannst Dein Heer, wenn Du es willst, im Lande lassen,

Die Franken seien hier daheim, nicht als Verbannte,

Wir werden nimmermehr die Christenstamme hassen!

Dem Ganelon, der uns versteht, sind wir verpflichtet,

Er wird uns immer mehr mit seinem Volk verbinden.

Der Roland hat schon manchen Maurentrumpf vernichtet

Und mag die Herrschaft nun auf Männerachtung gründen«

»Fürwahr, ein großer Freudentag ist angegangen,«

Ruft Olivier: »Oh großer Herr, wir stehen alle,

So laß die Hand bald die erbangte Frucht erlangen,

Doch was Du sagst, ist gut, thu, daß es uns gefalle!«

»Dem Vater wird der Abschied schwerer als den Kindern!

So bleibt denn hier!« Sagt Karol sanft: »Ich werde scheiden.

Blos Nemo soll den Schmerz der langen Trennung lindern,

Auch Ganelon kommt mit, ich mag ihn hier nicht leiden.

Nur eines haben Herz und Geist sich vorbehalten:

Ich ziehe heim, doch folgt Ihr gleich, wenn ichs bestimme!

Mein Machtentschluß ist heut zum ersten Mal gespalten:

Ich wähne Sieg und Glanz, doch seh ich auch das Schlimme!«

Oh Gott, jetzt heißt es vom geliebten Kaiser scheiden!

Ich werde ihn voll Glaubenskraft und Muth vertreten,

Oh Gott, ich kann verschiedene Stimmung unterscheiden,

So hilf mir Herr, ich flehe stets in meinen Werkgebeten.

Oh Herr, der Drache hat sechshundert giftige Zangen,

Und viele tausend, abertausend falsche Augen!

Mein Seelenblick hat meinen Feind erkannt, durchdrungen:

Er steht so grad und kann zu keiner Tugend taugen.

Mein Herr, Du wirst Dein Werk am besten schützen!

Ich fürchte wirklich nichts, auch kann ich nimmer helfen.

Der Kaiser sprach sein Wort, kein Einspruch dürfte nützen,

Nun bangt vor mir, Ihr Drachen, Teufel, Elfen!

Jetzt reicht mir Nemo scheidend seine Hand. Ich fühle

Von ganzem Herzen: »Lebe Wohl!« das ich ihm sage.

Dem Kaiser thränt das Auge, düstre Abschiedsschwüle

Bedrückt uns alle, doch ich fürchte keine Klage.

Mein Olivier, auch Du bleibst stark, Du bückst Dich nieder

Und läßt vom Kaiser Dich umarmen und erheben.

Oh Ganelon, Dein Kuß ist mir, – warum! – zuwider:

Das ist in mir kein freundschaftinniges Erbeben.

Dein Reichthum ist mir fremd. Die grünen Edelsteine

Durchfrösteln mich. Opale lachen geil wie Greise.

Wie Kröten gelb und fahl sind diese falschen Scheine:

Doch das ist nichts! ich wünsch Dir eine gute Reise!

Mein Kaiser, nun empfang ich Deinen Weihesegen!

Oh weine keine Kleinodien zurück ins Innere.

Die Lippen, die sich sanft auf meine Stirne legen,

Sind schwer, weil ich mich an die Taufe jetzt erinnere.

Fürwahr, wir haben uns nun durch und durch vernommen.

So gehe, Herr. Dein Zwerggespenst wird Dich begleiten.

Das meine bleibt bei mir, es muß mir eben frommen,

Doch unsere Sehnsucht wird sich ineinander weiten!

»Es leben die Quellen, sie rascheln und rauschen,

So trinkt doch, erschöpft uns, um Menschen zu taufen,

Ihr seht uns, das Wasser, die Namen vertauschen,

Wir warten als Schnee, um als Bach fortzulaufen.

Wir gleichen als Flüsse der christlichen Lehre,

Die bald alles Schlechte der Welt überwindet,

Wir rasten erst ferne, im ewigen Meere,

In dem Gottes Himmel sein Spiegelbild findet!«

So singen die Christen und ziehen mit Zweigen

Erblühender Gluthen des Südens herüber.

Ich sehe sie rings über Felsthürme steigen

Und wünsche, ach, würde ihr Lied nimmer trüber!

Jetzt bringt Olivier aus dem Wald einen Falken

Und sagt mir: »Mein Freund, den da hab ich gefangen!«

Ich blick auf den garstigen Nachtschattenschalten,

Der knapp sich dem Mann hintenan angehangen.

Ich sage: »Mein Freund, unser Ruhm kann sich mehren,

Gar bald schickt uns Karol nach Spanien Gesandte

Und fordert, wir sollen, wie er, rasch umkehren,

Da Frankreich sich hier in ein Wirrsal verrannte!«

»Nun gut, wie es sei!« ruft nun jener recht munter:

»So wollen wir vorläufig streiten und reiten.

Und steigen wir dann in die Heimath hinunter,

So soll uns der herrlichste Weltruf begleiten!«

»Drum lassen wir,« sag ich: »Für heute das Jagen,

Es bangt mir nach wahrhaftig christlichen Thaten,

Ich kann nicht den Sabbath des Landes vertragen,

Auch wars, als ob tanzende Schatten uns nahten.

Turbin, der den Kaiser drei Meilen begleitet,

Wird bald wieder da sein und langsam beginnen

Das Maurenvolk, das jetzt dem Kreuze zuschreitet,

Mit Beispiel und Lehre dem Heil zu gewinnen!«

»Ich sandte schon Boten, die sollten Propheten

Und Priester der Stadt Saragossa mitbringen!«

Berichtet mein Freund: »Ich will wetten, die beten

Zu Sternen und Steinen und herzlosen Dingen!«

»Wir streiten für Christum, es glühn unsere Seelen.

Oh zückten sie, sprühten sie stammende Zungen!

Wir wollen die Braut unserm Heiland vermählen.

Die Braut ist die Kirche!« wird wieder gesungen.

»Nun hör, Olivier, eine seltsame Jugend

Entkleidet sich plötzlich der täglichen Träume:

Denn sieh, ich entsinne mich urkeuscher Tugend,

Ich weiß eine Mutter und Träume und Bäume!«

Erzähl ich. »Wo war das?« frägt rasch mein Genosse.

»Daheim, irgendwo in entschlummernden Zeiten:

Entnebelter Menscken, verschwommener Rosse

Entsinne ich mich, auf belichteten Weiten!«

»Es wispeln die Wipfel, es sprechen die Sprudel,

Es lispelt der Wind, wo die Lichtlerchen nisten,

Es siebst eine Ricke und sucht ihren Rudel,

Es knistern die Zweige, – es schweigen die Christen!

Aufs Blatt geht der Dammhirsch, das Rind auf die Weide,

Der Tod folgt der Sünde, der Schlechte den Sternen,

Dem Monde der Tolle, – es trotzt blos der Heide!«

So höre ich Stimmen sich singend entfernen.

»Ich selber weiß ferne und liebliche Lieder,«

Erzähle ich weiter: »die Mäher der Mutter

Berichteten ängstlich und doch immer wieder

Vom Kobold Merlin, einem Spender von Futter.«

Einst blühten die Wälder und glühten die Felder,

Ich hörte im Dickicht die Rehkitzen schmälen,

Es zirpten und quiekten die Regenanmelder,

Da wollte ich mich von den Wohnstätten stehlen.

Auf einmal erschallten im Walde Weltlaute!

Es stöhnte wie Holz und es dröhnte wie Eisen.

Unglaublich wars was da mein Auge erschaute:

Fünf Harnischreiter sah ich mich umkreisen.

Es kann nur der Satan, so schien mirs, so lärmen.

Von Teufelgepolter erzählten mir Schnitter,

Doch brauchte ich deshalb mich wenig zu härmen,

Ich wünschte, ich schlüge ihr Rüstwerk in Splitter.

Doch als mir die Reiter ganz nahe gekommen,

Da dachte ich: Ehrfurcht! Denn Engel sind jene.

Nur Gottesgesandten kann solche Pracht frommen!

Rasch kniete ich hin vor dem Tagphänomene.

Zur Huldigung konnte doch Gott selber nahen!

Da sprach gleich der schönste der glänzenden Reiter,

Zu denen, die ferner mich kaum noch recht sahen:

Das Kind ist erschrocken, drum reitet nicht weiter!

»Erschrick nicht mein Kind!« ward ich sanft angeredet,

Ich sagte darauf: »Nein, Gott bist Du, der Gute.«

»Ich bin nur ein Ritter, der Böse beredet,«

Sprach jener: »Drum sei Dir auch munter zu Muthe!«

»Ein Ritter!« Ich frug und ich dachte: »Ein Ritter!

Was ist das! Wie schön muß das sein! Herr o wär ich

Wie Ihr so ein Ritter, dann trüg ich ein Gitter:

So nehmt mich zu Euch, denn ich bin sehr gelehrig.«

Doch ward ich befragt: »Sahst Du eben fünf Reiter,

Mit drei jungen Damen?« Jetzt weiß ich die Frage,

Doch damals bedünkte mich andres gescheiter,

Ich griff und ich frug nach dem panzerbeschlage.

Die Lanze, das Schild, alles schien mir gewichtig.

Und wieder befragt, wollt ich selber nur wissen.

Das fremde Begehren, wie schien es mir nichtig,

Ich wurde fast wild, ich war ganz hingerissen.

Vom König erfuhr ich zum Schluß, der zum Ritter

Kann schlagen. Ich lief zu der Mutter, die weinte,

Als ich mich beklagte, daß sie einen Schnitter

In mir, nicht den herrlichsten Ritter vermeinte.

Sie hatte den Gatten, die Brüder verloren

Und hielt mich drum ferne von Krieg und Turnieren,

Doch da mich der Zufall zum Ritter erkoren,

So zog ich von ihr und den lieben Waldthieren.

Ich sah meine Mutter dann nimmer im Leben.

Wie sollte ich weiter mich ihrer entsinnen!

»Du sprachst mir noch nie von den Schleiergeweben,«

Sagt kurz Olivier: »Jetzt denke ans Minnen!«

Fanfaren melden uns die Ankunft der Gesandten.

Gefangene, Geiseln, stark bewaffnete Trabanten

Von Monarchen kommen stolz aus Elephanten,

Als Vortrab weiser Staatsrepräsentanten.

Damastgewänder, Schleier, Sklavinnen und Affen,

Gestickte Seidenkissen, Wollstoffe, Eunuchen,

Geschirre, Schmuck, Kyneden, Lampen, Prachtkaraffen

Sind aufgehäuft, das Schönste sich herauszusuchen.

Ein Lastthier bringt eine Moschee mit Sternjuwelen,

Mit GoldKometen und drehbaren Planeten.

Sie hält vor uns. Und ihren innern Räthselsälen

Entsteigen sieben reichgeschmückte Weltpropheten.

Jetzt spricht der Älteste der Weisen uns zum Gruße:

»Es wollte Olivier, daß wir vor Euch erschienen,

Da nehmt was Euch gefallt von unserm Überflusse,

Und sagt nur, kann ich, AbdErRahman, sonst Euch dienen?«

»Der Kaiser mag Tribut und Abgaben empfangen!

Bist Du getauft, so magst Du unser Heer beschenken.

Mit Euren Lehren weiß ich wenig anzufangen,

Doch sprich mir, wenn Du willst, von Deinem eigenen Denken!«

Beginne ich. Worauf der Heide mir erwidert:

»Du reiner Thor, Du Sonnenheld, der sich verdunkelt,

Du hast wohl manchen tiefen Himmelswunsch befiedert,

Doch wähnst Du nicht, was als Vernunft und Einsicht funkelt!

Vom gleichen Schicksal sind wir beide hier getragen:

Es muß der Mohr den Christ, der Christ den Mohr ergänzen.

Der Kampf, mein Sohn, ist wie das Wechselspiel der Wagen,

Kein guter Tag, oh glaube dies, wird uns erglänzen.

Das was uns schlecht bedünkt, ist in Euch aufgespeichert,

Was nicht der Franke mag, in mir sieht ers vereinigt.

Der Krieg bringt Noth, doch er ist es, der uns bereichert,

Von andern will man das, wofür man oft ihn steinigt.

Doch glaubt mir, Christen, jene bleichen Weltschreckwesen,

Die oft gespensterhaft die ganze Nacht durchtanzen,

Aus beiden Lagern hat ein Zwang sie aufgelesen,

Und selbst der Tag verscheucht sie nicht aus ihren Schanzen.

Sie sind die Schuld, der dumme Haß von allen beiden,

Und drum das Unheil, das da droht, uns zu verschlingen:

Wir achten Euch als Schriftbesitzer, doch als Heiden

Verketzert Ihr uns, statt uns christlich zu bezwingen!«

»Oh sprich,« erwidre ich: »Was sind die Tanzgestalten?

Sind sie aus Fleisch gewalgt? sind sie blos böse Träume?

Entsteigen sie als Geister dunklen Felsenspalten!

Bewohnen sie der Demeter verhexte Bäume?«

»Phantome sind es, unsere böse Vorbedeutung.«

Belehrt man mich: »Nichts ist an ihnen noch leibhaftig:

Gespenster, Zeugen scheinen sie der Seelenhäutung,

Längstüberwundenes, das unser noch theilhaftig:

So wie die Starrnatur durch Wellen und durch Zacken

Sich ewig weiß, in Maaß und Einheit festzuhalten,

So muß das Geistige durch Hexen, Huckepacken

Und Buckelkobolde sich ineinander halten.

Was da noch walzt, ist unerhaschbar, qualmig, spukhaft!

Doch einstmal quirlen Menschen in dem Hexentrubel,

Und was der Unterdruck schafft, das wird dann schluckhaft,

Samt aller Würde eingeschlürft vom Höllenstrudel.«

»So haben diese Geister keinen eigenen Schatten!«

Entschlüpft es mir: »Und können deshalb überpurzeln!«

»Das da sind Schattenmassen,« heißt es: »Ohne platten

Gefolgschaftsschatten und auch ohne Sturzwuchtwurzeln.«

»Mein Herr, nach einer Musterung geilen schon die Weiber,«

(Quiekt jetzt ein Männchen zu dem Sprechenden gewendet.

Und wirklich richtig spricht der Haremspackzutreiber:

Die Nymphen wetzen sich, durch Eitelkeit verblendet.

Sie scheinen fast ob unseres Zwiegesprächs zu lachen,

Denn unnütz dünkt es sie, nicht blos an Lust zu denken,

Ein wenig ungeduldig sind auch ihre Wachen,

Und darum trachten sie den Blick aufs Fleisch zu lenken.

»Nun Roland, schenke diese Weiber den Soldaten,«

Sagt AbdErRahman schlagfertig und doch verlegen:

»Held, Dir will ich zu einer Neigungsheirath rathen,

Für Fatimê wirst Du die reinste Liebe hegen.«

»Geschlechterumgang ist mit Heidinnen verboten!«

Erwidre ich: »Und läßt sich Fatimê auch taufen,

Befreie, schütz ich sie vor ruchlosen Despoten:

Ihr JungfrauDasein wird dann rein und stolz verlaufen.

Doch eine Fränkin blos will ich als Weib erkühren,

Nicht nur weil ich mich schon verlobt habe, gelobe

Ich solchen Treusinn meinem Blute durchzuführen,

Auch sonst bestände ich die Brunstverlockungsprobe!«

»Nein Roland, Fatimê das Weib der Weiber einigt

In ihrem Leibe was die Erde Hehres spendet!«

Erwidert der Prophet: »Sie ist durch Gluth gereinigt,

Die Weisheit ihrer Haut hat Spaniens Tag vollendet.

Ich sah sie nur in einer Nacht, als sie erwachte,

Und bin auch damals blos in ihren Hof getreten,

Ein wunderbarer Sternenhimmel überdachte

Das Wesen Welt, aus dem Gebete zu ihm wehten:

Da rührte sich das Weib, der Thüre gegenüber.

Ich sah den Rumpf allein und weder Kopf noch Füße.

Ich bin kein Lüstling und kein wüster Wuthverüber

Von Wagnissen, mit denen ich die Nacht versüße.

Ich blieb gebannt dort vor der Kemenate stehen.

Die Nacktheit dieses Weiberleibes war unendlich.

Ich sah die Liebe ihrem Busen sanft entwehen:

Das Schicksal, das ihr Bauch vergrub, schien unabwendlich!

Oh hatte ich die Sohlen, das Gesicht gesehen!

Doch nein, im Sternenlichte regten sich die Glieder,

Dann blieb sie still und ließ den Schlaf mit sich geschehen:

Sie glich der Milchstraße! Ich kniete draußen nieder.«

»Fürwahr,« ruft Tip jetzt, ein Eunuch: »Das Weib ist prachtvoll!

Was ich Dir hier zur Auswahl zeige ist Gesindel,

Als Preis für Fatimê verlangt ich einen Schacht voll

Von Edelerz und glaube mir, es wär kein Schwindel.«

»So viel Dukaten, als am Himmel Sterne glänzen,«

Ruft Kip, ein anderer Kastrat: »Müßte man zahlen!

Ich durste manchesmal um sie herumscherwenzen:

Ich sah sie einst im Bad, nicht sag ichs, um zu prahlen!«

»Ihr fetten Kerle Ihr,« ruft Olivier: »erzählt was Ihr gesehen!

Sagt, Hämmlinge, wie könnte sie Euch auch gut schmecken?

Erzählt, wie sieht sie aus, vom Kopf bis zu den Zehen,

Doch dürft Ihr nicht das saftige Mittelstück verstecken.«

»O Herr,« ruft Tip sogleich: »Ihr könnt mir wirklich glauben,

Wenn auch Kastrat, besitz ich dennoch einen Kiefer,

Kann ich ein Weib auch nicht der Fleischsrische berauben,

So bin ich doch im Dienst nicht blindes Ungeziefer.«

»Und voll Ästhetik gar,« fällt Kip jetzt ein: »sind beide!

Wir Haremswachen hören Morgens keine Hähne.

Die Herrin ist der Tag! Glüht unsere Augenweide,

Auroren gleich, des Weibes Leib: gleißt die Fontäne

Im Vorhofe, so weiß ich, schlafen bald die Sterne!

Von Fatime allein mag ich den Strahl empfangen.

Die Ampel selbst erblaßt vor ihrer Nacktheit gerne.

Und aus dem Marmor träumen, glimmen Tageswangen!«

»Wie eine Tropfsteingrotte, ist die Kemenate!«

Kommt Tip dem Kip zuvor: »Aus Alabasterbrüsten,

Ergießt Frühmorgenmilch sich auf Brokatornate

Der Standeswachen, die sich ihrer Würde brüsten!«

»Jawohl!« ruft Kip: »Wie man erst früh die Meeresstürme

Der fernen Nacht erkennt, am Gang der Wogen,

Verräth der Athem Fatimês, ob ihre Träume Thürme,

Ihr Sehnsuchtsbann ein Christenherz zum Fall bewogen!«

»Durch eine Laube dringt das Licht zu ihrem Bade,«

Sagt Tip: »Ein Spitzenhemd aus zartverzackten Schatten

Umschlingt des Leibes Weichheit bis hinab zur Wade,

Die Füße aber zündeln fast aus blanken Platten.«

Und Kip fährt fort: »Der warme Himmel schaut ins Wasser,

Erst überträufelt er den Leib wie kühle Trauben,

Doch dann, ach dann, wird er ein Lachopalverprasser:

Er kann die Wanne allen Wonnestaubs berauben!«

Und Tip ergänzt: »Ich will die Flechten noch erwähnen:

Fast honigbraun umgaukeln sie den blassen Nacken,

Mit Schildpattkämmen müssen Mohrinnen sie strähnen,

Und alles Haargeschmeide rahmen Bernsteinzacken.«

Ein Kirchenlied klingt tief, zu tief mir zum Herzen!

Ein ganzer Choral wird im Walde gesungen.

Turbin wird es sein, denn es ist »Thal der Schmerzen!«

Der liebste Gesang meines Bischofs erklungen.

Es lauschen die Christen. Es horchen die Heiden.

Hat jemals ein Lied so den Menschen erschüttert!

Die Seele entschwingt sich aus irdischen Leiden,

Verachtet den Tod, der die Aasgeier füttert.

Mir ist es, als stiegen die Tannen hernieder,

So hehr und so mächtig erzittern die Stimmen!

Es ist die Passion das, das Lied aller Lieder:

Ich sehe die Strophen den Himmel erklimmen.

Ich lausche vollendeten Heimathsgeschichten:

»Es preist Dich die Schöpfung, mein Gott, den wir loben.

Der Schnee schmilzt und lichterloh grünen die Fichten,

Denn Sommer wirds oben, am Firne dort oben!

Der Himmel entwölbt sich uns höher und höher,

Und birgt er in sich unser Flehn, unser Bangen,

So wünschte mein Herz: ach, entweht er, entflöh er,

Oh könnte er, Herr, bis zu Dir hingelangen.

Betrübt sind die Engel, wir sehn ihre Thränen

Frühmorgens den Sündenpfuhl Erde benetzen.

Nur wenige sind es, die Gott tief ersehnen,

Und groß ist des Heilandes Schmerz und Entsetzen.«

Wahrhaftig, das sangen erhabene Tannen,

Sie werden jetzt bald in das Thal niedersteigen,

Dann wird sich die Christenheit heilwärrs ermannen:

Erbarmen, Ihr Tannen, umwallt uns im Reigen!

»Das Jahr ist erwachsen,« erschallt es: »im Bache

Versiegt schon das Wasser, doch oben wirds Sommer!

Der Tag sagt zur Felsöde: träum nicht, erwache!

Und alles lebt Gott zu, – der Mensch wird nicht frommer.«

Entsteigt Euren Gipfeln, Ihr christlichen Fichten,

So kommt, wie ein Pilgerzug furchtbar hernieder,

Kommt wuchtige Riesen zu nichtigen Wichten,

OH lehrt uns der Urwelt unendliche Lieder!

»Herr Zebaoth, der Du die Wälder erdachtest,

Die keusch sind, ganz unschuldsvoll, nur Gottempfinden,

Oh lasse auch uns, die Du wandelbar machtest,

In sich Dich erschauen und verwurzelt erblinden!«

So singt man und Menschen entwirbeln den Wäldern:

Wie Fallobst der Stammbäume, seh ich die Krieger,

Die morgen verhauchen, sich ringsum in Feldern

Verlieren: oh harre Wald, Wald, Zeitbesieger!

Beschwert durch den zwerghaften Hintermannsschatten,

Erleichtert durch Kränze und duftende Zweige,

Erscheinen jetzt Menschen, ringsum auf den Matten,

Es wimmelt und drängt sich auf jeglichem Steige.

Turbin wird nun sprechen und wie er muß handeln,

Dabei auch für mich etwas Schicksal enthüllen.

Ich sehe ihn dort mit der Priesterschaft wandeln,

Was will unser Kaiser, was wird sich erfüllen?

»Gelobt sei der Herr Jesus Christus!« ertönt es,

»Der Kaiser schickt allen durch mich seinen Segen!«

Ich liebe Turbin, denn sein fröhlichgetöntes

Organ hört sich an wie ein Fastenzeitregen.

Ich sehe dabei auch den Lenz rings ersprießen.

Ich fühl ein Erblühen in allen Gemüthern.

Es welkt und verdirbt keine Seele, ergießen

Sich Jesus Heilslehren aus solchen Lichthütern!

Er spricht: »Meine Kinder, viel Schlimmes erspäht ich,

Gespenster mit Buckeln und furchtbaren Bauchen!

Seitdem ich vom Kaiser zurückkehre, bei ich,

Gott möge mir helfen, den Spuk zu verscheuchen.

Ich wurde erhört und ich dankte der Fügung,

Im Augenblick, als ich die Heiden gewahrte,

Dafür, daß dem Kreuze gebührend Genügung

Ersprießt, da Gott Täuflinge rings um Euch schaarte!«

Ich sage: »Turbin, arge Schlachtgräuel nahen!

Ich freue mich schon, für den Heiland zu kämpfen.

Die Geister, für die künftige Dinge geschahen,

Versuchen im Voraus die Schrecken zu dampfen.

Sie sandten die Heiden damit Du sie taufest,

Auf daß sich die Hölle nicht allzusehr fülle:

Doch geht Christi Schiff gut und halt jedes Tau fest,

Was kümmert uns da Schlacht und Nachtsturmgebrülle!«

Nun spricht AbdErRahman: »Es hat uns der Kaiser

Drei Monde Bedenkzeit und Lernfrist beschieden.

Auch mich dünkt, es sei gar nichts besser und weiser,

Als Freundschaftsverkehr vor dem wirklichen Frieden.

Benützen wir denn diese kostbaren Tage

Und trachten wir, einig, den Spuk zu vertreiben:

Verschwindet er, glaubt mir, so wird unsere Lage

Nicht länger bedenklich und unsicher bleiben.«

Turbin spricht: »Ihr Heiden, Bedenkzeit gewährte

Der Kaiser, ich weiß es, doch einzig die Taufe

Kann helfen, den Spuk zu vertreiben: Gelehrte

Des Korans, springt zu, daß kein Schaf sich verlaufe!

Oh seht, unsere Lehre, ein Glaube der Gnade,

Verträgt keinen Aufschub und keine Bedingung.

Es mahnt uns der Heiland, durch jede Tanzschwade,

Ans Lehramt und selbst an Bekehrungserzwingung!«

Da meint AbdErRahman: »Nein Herr, denn viel besser

Als Ihr kenn ich beider Geschicke: den Sternen

Entlehn ich mein Wissen: ein Kampf bis aufs Messer

Steht eher bevor, als daß wir Psalme lernen.

Doch lese ich oben, es gebe aus Erden

Ein Ding, einen Stein, den die Engel uns ließen,

Der kann uns aus Kriegen und argen Beschwerden

Erretten und allen die Freiheit erschließen!

Die Boten der Gottheit erflogen die Reinheit

Der himmlischen Heimath, vom Licht angezogen,

Gleich wieder, denn sie sind mit ihr eine Einheit,

Doch hüten den Stein wir, bleibt Gott uns gewogen!«

Turbin ruft: »Verrucht ist das Gucken zum Himmel!

Ein trügerisch Blendwerk, der Schein nach Gesetzen

Zu leben! Die Wissenschaft kennt blos den Schimmel,

Die Krankheiten, die alle Dinge zersetzen.

Den Raum könnt Ihr messen, den Zufall erweisen,

Was Weltschranken sprengt, in Gesetzschranke drangen,

Als Sünde, ums EigenGrab, zeitzählend kreisen,

Dem Tod zu, stets Übel an Übel anhangen.

Doch leuchtet durch alles die Ewigkeit Gottes.

Die That ohne Augenblick, Reue und Taufe,

Entreißt unsere Seele dem Weltsitz des Spottes,

Der kärglichen Kenntniß der Sachen im Laufe.«

»So tauft, wer sich taufen laßt, wir ziehn von dannen!«

Sagt kurz AbdErRahman: »Wir suchten den Frieden,

Doch fanden wir alberne Wortbruchtyrannen,

Für uns sind drei Monde drei Monde hienieden!«

»Halt ein, AbdErRahman, Du fahre zur Hölle!«

Ruft nur Olivier: »Doch die andern verbleiben.

Die Weiber zumalen, denn wahrhaft sonst schwölle

Der Sündenpfuhl gar zu arg an. Euer Treiben

Im Harem ist gottlos. Unwürdig selbst Eurer!

Wir lassen nicht wieder die Weibheit entweichen.

Turbin, tauf die Frauen: ihr Heil ist uns theurer.

Wir wollen uns kennen, bevor wir sie freien.«

»Verrath, Schurkerei,« rufen allerhand Heiden:

»Ihr Christen seid Schufte! wo bleiben die Pakte?

Ihr wollt unsere Schätze! dies darf man nicht leiden!

Das sind Eure Handlungsart kurze Extrakte!«

Ich dröhne hinein: »Das Schwert wird es zeigen,

Wer hier der Verräther ist: einzig Ordalien

Entscheiden den Rechtsstandpunkt. Ihnen nur neigen

Die Christen sich immer, nicht Tanzsatanalien,

Die Ihr aus der Erde, durch Unzucht gegeistert:

Wir hassen Euch, freche und garstige Barbaren.

Wir achten Dich, Mann, der den Höllenspuk meistert:

Fahr hin, Dich mit einer Waldlarve zu paaren!

Erstick im Genusse mit Brunstsalamandern,

Doch nimmer verbiete Dus, Gott anzustehen:

Er möge heut Abends das Schlachtfeld durchwandern

Und helfen, daß Tausende zu ihm eingehen!

Ich werde für Euch, wie für mich bald verbluten.

Für Dich sei mein Schwert, das Dich umbringt, gezogen.

Wie kannst Du uns Duldung von Unzucht zumuthen,

Ist morgen doch Hoffnung aufs Heil schon verflogen.«

Ich höre ein Seufzen durchs Heidenthum fluthen.

Es klingt an mich an. Es verfolgt eine Richtung.

Ein Fluchtuten ists unter Fluchtthunichtguten,

Ihm nach aber stürzt eine Erdgeistverdichtung.

Ein furchtbarer Greis überwindet die Menge.

Den schneeweißen Bart überstimmern dicht Thränen.

Aus Wuchtaugen fuchtelt ihm List und Lichtstrenge.

Die Glieder sind klein und dabei nichts als Sehnen.

Nun ruft er: »Entsetzliches Schlachtengetümmel

Wird, ach, bald die Starken und Schwachen wegraffen!

Der Muselmann lauert, der christliche Lümmel

Durchschaut ihn und greift zu den Waffen!

So packt lieber Weiber, entführt sie den Hütern,

Zu scharf trennen Leiber die Einheit der Seele:

Drum wühlt es und glüht es in beiden Geblütern:

Das Weltschicksal heischt, daß sich Buntes vermähle.

Oh Mann und Weib, tretet Euch geistig doch näher!

So laßt nicht die Schlacht unter Männern entstammen!

Und thut mir, dem Seher, nicht immer noch weher,

Da alle doch Gott, unserm Vater entstammen!«

»Wer bist Du, wie heißt Du, wem dienst Du im Himmel!«

Frägt rasch Olivier diesen fremdartigen Alten:

»Vielleicht hintertreibst Du das Schlachtengewimmel,

Vielleicht geht es, Heiden dem Heil zu erhalten.«

»Du frägst wer ich bin? Was ich glaube und heiße!

Haha!« faucht der Greis: »Hier fällt alles zusammen!

Den Juden beschimpft mich! ich bins und verbeiße

Die Leiden, die stets meinem Glauben entstammen!«

»Du Zeuge der Wahrheit der christlichen Lehre,«

Ruft hurtig Turbin, »so lasse Dich taufen,

Denn sieh, dann gewinnst Du das Heil und auch Ehre,

Du mußt auf der Wanderfahrt endlich ausschnaufen.«

»Du lügst, denn Du irrst Dich!« erwidert der Fremde:

»Die furchtbare Wahrheit vernimm sie und bebe:

Das Weltthal durchschweif ich, sieh da, in dem Hemde

Und Leibe, durch den ich am Irdischen klebe!

Zu Gott, der Ureinheit, muß alles aufleben!

Doch wann kann das sein! da selbst ahnende Geister,

Aus Hochmuth, am Ich und der Zeitlichkeit weben.

Wann kommt der Messias, der herrlichste Meister!

Bis dann giebt es nichts, als die Rückkehr zum Leide.

Erinnerungsfrei kommt der Mensch immer wieder.

Ich selbst bin ein Geist und Ihr seht, ich verbleibe

Auf Erden und habe rein menschliche Glieder.«

»Wir haben seit Adam wahrhaftig an Gaben

Gar manche,« sagt rasch AbdErRahman: »Verwandelt,

Vielleicht auch vernichtet, wir haben zum Laben

Der Kranken verschiedene Heilkräutlein verhandelt.

Auch Du, alter Jude, bist wirklich verwittert.

Doch sag, überkamst Du von Adam die Schale,

In der noch der Saft ewigen Daseins erzittert:

Verrathe, was nimmst Du tagtäglich zum Mahle?«

»Hebräer« sagt jetzt unser Bischof: »Hebräer,

Du kommst aus dem Heidenland, dort hast Du Brüder,

So bringe die Abtrünnigen Gott wieder näher,

Die Welt ist verrucht und wird stets glaubensmüder!

Du weißt es, Du darfst noch im Irrthum beharren!

Wer blind ist, dem kann Gott das Augenlicht schenken.

Doch das da sind starrköpfige, lichtscheue Narren,

Die selbst aus der Schrift ihr Gesetz herausdenken!«

»Ich weiß nichts! Mein Fuß hat am Sinai geblutet.

Es stach mich dereinst am Hymeth eine Hummel.

Ich weiß nichts! Ich wurde vom Maelstrom umtutet,

Und bleibe nur Jude und dumm beim Weltbummel.«

So spricht nun der Alte und lacht und sagt weiter:

»Was wollt Ihr denn wissen, ihr Flachlandbeschauer,

War je Euch der Ursturm ein guter Begleiter!

Oh sprecht, ward Ihr einst Pyramidenerbauer!

Ich weiß nichts! Doch seht, das da seid Ihr gewesen!

Ich musterte damals bereits Euren Dünkel.

Ihr ward immer selbstgefällige, einfältige Wesen

Und schlüpftet auch später aus manchem Weltwinkel.

Das jüngste Gericht wird Euch endlich erleuchten.

Erst dann giebt es wirklich ein Wiedererkennen.

Dann wird Euch so mancher Bekannter bedeuchten,

Ihr werdet ihn Mutter und Kind endlos nennen.

Ihr werdet erschauen Geburten im Fleische,

Beschneidungen, Taufen und allerhand Sitten.

Ich weiß nichts! – doch eines gewahrt, was ich heische:

Oh laßt meine Meinung für jetzt unbestritten!«

Wie früher durchgellt uns ein furchtbarer Schauer.

Ein Seufzer entschleppt nun den sehenden Alten.

Es ist jetzt, als ob er im Lärm sich verkauer,

Ich sah kaum, wie Fauste sich krampfhaft aufballten!

Es spricht nun Turbin: »Heide, laß die Versuche,

Durch Spuk uns und Zauber zur Furcht zu verleiten,

Du stehst im Verrufe und Magiergeruche,

Du darfst solchen Abweg nicht länger beschreiten.«

»Was wollt Ihr?« sagt drauf AbdErRahman im Zorne:

»Bei uns giebt es nirgends im Lager Hebräer.

Als Zauberer hab ich Euch lang auf dem Korne.

Daß Ihr Hexerei treibt, liegt wahrhaftig näher.

Übt lieber Gerechtigkeit! Laßt Eure Künste,

Dann könnt Ihr Euch selbst Eure Tapferkeit schenken!

Und braucht uns auch, weder durch Kriegsfeuersbrünste,

Noch sonstwie, mit Juden und Spuk zu bedenken.«

»Fürwahr, das ist furchtbar, Ihr spottet der Christen!«

Ruft wüthend Turbin: »Der Spaß darf nicht dauern,

Ihr wollt einen Rechtsstandpunkt ruchlos erlisten,

Doch sollt Ihr vor ehrlichem Wandel erschauern.«

»Ihr Priester zieht heim!« ruf ich laut: »Geht von dannen,

Es sei Euch die Freiheit zu irren gelassen,

Doch schuldlose Wesen, so Weiber wie Mannen,

Verbleiben, damit sie die Heilkraft erfassen.«

Verrath, Schurkerei! hör ich überall kreischen.

Die Leidenschaft scheint jeder Zucht auszureißen.

Was hilft Ruheheischen: ich seh, es zerfleischen

Bereits einige Weiber die Wachen und beißen

Sich wüthend zurück einen Weg zu den Heiden.

Das da wird ein Morden und gräßliches Schlachten!

Ich kann ein Geplänkel bereits unterscheiden.

Fanfaren erschallen, die heißt es vor allem beachten!

Zwei Boten des Kaisers erscheinen und sagen:

»Hiermit sei Dir, Roland, mein Wollen beschieden:

Du sollst jede Schlacht, jeden Frieden abschlagen,

Es sei aller Zeitverlust peinlichst vermieden.

Verrath droht! Drum folge mir gleich mit dem Heere.

Und hör ich Dein Horn mich von ferneher rufen,

So weiß ich, Ihr streitet: dann wißt auch, daß Speere

Sich nähern und merkt immer klarer das Trampeln von Hufen!«

Ich rufe: »Sofort alle Heiden entlassen!

Bei furchtbarer Strafe darf niemand mehr raufen.

Der Kaiser verbietet uns, Blut zu verprassen.

Ich führe Euch heimwärts, Ihr waghalsigen Haufen!«

»Es ist mir peinlich, meinem Zwerge nachzusteigen.

So lang er mich verfolgte, war der Spuk erträglich,

Doch so, scheint man dem Boden geradezu leibeigen:

Mit einem Zerrbild ist selbst Heldenfreiheit kläglich.«

»Fürwahr, wir sollten dort im Walde rasten!«

Erwidert Olivier: »Wir werden heute Abends kämpfen,

Es mag sich Spanien unserer ganz und gar entlasten,

Es ist, als läge die Natur ringsum in Krämpfen!«

»Auch Du, mein wackerer Freund, beginnst nun gut zu sehen.

Das freut mich,« sage ich: »Ach könnten wir schon handeln.

Fürwahr, es liegt der Wald, die stille Welt in Wehen,

Die Franken aber, seh ich fast im Thal lustwandeln.«

»Ach, hätte jeder sich ein Heidenweib genommen!«

Meint lachend Olivier: »Wie hätten sies getrieben!

In mir ist auch, was man so Liebe nennt, erglommen,

Denn hätte ich ein Liebchen, ich wäre blind geblieben.«

»Oh Herr!« ruft ein Soldat: »Wir werden überrumpelt!

Ich weiß nicht, sind es Moslems, die uns rings umzüngeln,

Ist es ein Spuk, der auf den Eigenschatten humpelt,

Vielleicht sinds Würmer, die sich über Felsen ringeln!«

»Herbei, herbei,« ertönt es schon im Frankenzuge:

»Wir sind verrathen, alle Schluchten spuken Schurken.

Ein feiger Kampe lugt aus jeder Felsenfuge!

Die Turbane entwuchern ringsumher wie Gurken!«

Ein Ordnen meines Heeres kann nicht mehr gelingen,

Drum dreingehaun und kämpfend seinen Muth erhitzen,

Das ist die einzige Art, den Sieg noch zu erringen:

Halloh, da seh ich hundert Hellebarden blitzen.

Nun hat schon Olivier schlank einen Grat erklommen.

Er ruft: »Fürwahr, wir sind von Ganelon verrathen:

Des ganzen Orients Schildersonnen sind erglommen,

Die Heiden, ihre Rosse starren in Brokaten.«

Viel Tausend Kriegstrompeten höre ich erschallen.

Die schönsten Rüstungen erglühen in der Ferne.

Ich sehe auch ein Riesenheer nach oben wallen:

Das da sind lauter Mannen aus dem Truppenkerne.

Auch Olivier sieht alle Feinde, die uns nahen.

Er ruft hinab: »Die Erde speit die Edelsteine,

Die wir erträumten, aber niemals strahlen sahen:

Die ganze Heidenschaft erprahlt im Mittagsscheine.«

Da lachen meine Franken und ich höre sagen:

»Bei Gott, für solche Beute lohnt es sich zu streiten.«

Nun rufe ich: »Ihr dürft Euch Euer Glück erjagen

Und kämpfend schon den Greisenfrieden vorbereiten.«

Es stürzt nun Olivier herab in unsere Mitte

Und ruft: »Ich habe Heiden, Heiden, rings gesehen,

Noch nie gewahrte ich so viele Fröhner böser Sitte,

Wir werden einen großen Prüfungstag bestehen.«

Da sagen meine Franken: »Es wird sich niemand schämen,

Weil er nicht bis zum Tode hat für Gott gefochten,

Viel eher werden Weib und Kind sich schrecklich grämen,

Daß wir vor unserm Feinde nicht zu fliehn vermochten!«

Doch meint nun Olivier: »Du mußt um Rettung tuten!

Oh blase doch ins Horn, der Kaiser kann uns hören!«

Drauf sage ich; »Was wagst Du da, mir zuzumuthen,

Darf ich denn meinen Ruhm, durch einen Ruck, zerstören!«

»So blase doch ins Horn, ganz nahe sind die Franken,«

Sagt wieder Olivier. »Das will ich nimmer thuen!«

Erwidre ich beherzt: »Mein Muth kennt keine Schranken:

Im eigenen Blute werden bald die Heiden ruhen.«

»Oh laß doch Olifant, Dein großes Horn ertönen,«

Sagt nochmals Olivier. »Nein, nie wird das geschehen!«

Erwidre ich voll Zorn: »Soll man mich einst verhöhnen,

Weil ich für Gott versäumt, in Gott still einzugehen?«

»Mon joie!« hör ich ringsum, den Ruf der braven Franken.

Wir kämpfen beieinander. Wir werden nicht verzagen.

Für meine Tapferkeit wird mir ganz Frankreich danken.

Da liegt schon einer. Da ein anderer erschlagen.

Soll gar mein Vaterland durch mich an Ruhm verlieren!

Und meine Mutter einst sich ihres Sohnes schämen?

Ich fürchte nichts. Mit meinen wackern Kavalieren

Bekämpf ich Allahs Herr, samt allen seinen Schemen.

Mein Olivier, Du kämpfst schon wie ein durstiger Tiger,

Du hast schon sieben Schädel mit dem Schwert zerspalten!

Du scheinst mit Hauteclaire der allerschönste Krieger:

Auch Durendal birgt wunderbare Schlachtgewalten!

Turbin ermuntert auch, zu Pferd, zu muthigem Ringen,

Beredt verspricht er die Vergebung aller Sünden.

»Mon joie und Saint Denis!« den Ruf hört man erklingen.

Oh Gott, oh laß uns hier ein Christenreich begründen!

Ich fälle Dir mit meinem Schwerte ringsum Heiden.

Du Schwarzer bist schon teufelsroth und reif zum braten!

Beschnittenes Pack, ich kann Dir Hand und Hauptbeschneiden!

Dich Alter, spieß ich auf: Dein Bauch ist feist gerathen.

Turbin hat nicht das Wort zum Herzen Dir gefunden,

Ich will mir diese Burg mit meinem Schwert auskratzen.

Vereitre Du aus Deinen eklen Schenkelwunden.

Und Du da magst aus Haß am Schlachtfeld platzen.

Im Bache staun sich lauter blutige Roßkadaver.

Fast giebt es keinen Platz mehr, Heiden zu ersaufen.

So füllt sich kaum die Bucht daheim in meinem Hâvre:

Erscheinen Frachtenflotten dort zu Weineinkäufen.

Wie herrlich wohl ich selbst als Sieger jetzt erscheine:

Es kann kein Gott aus einem Lichtmythos mir gleichen!

Ich wetze keinen Schemen über eckigschwere Steine,

Ich schleppe blos als Purpurschattenmantel Leichen!

Mein Licht empfangt selbst Olivier, dem Monde ähnlich,

Auch er ist blond und schlank und tapfer, wenn ich rase,

Nur wünscht er solche Schlachtgetümmel nicht so sehnlich,

Doch wenn er muß, beschirmt er seine feine Nase!

»Du wolltest nicht ins Schlachthorn stoßen!« Hör ich rufen:

»Ich hab Dich doch gewarnt, wir werden alle fallen!«

Ich gebe keine Antwort, nur vor Thronesstufen

Darf einst der Freunde Blut unendlich hoch aufwallen!

Die Feinde sterben hin, wie Sperlinge im Winter.

Gar mancher zeigt bereits den Arsch in Pluderhosen.

Doch Finsterniß wallt auf, ein Spuk steckt wohl dahinter:

»Du bist verwundet!« höre ich, dann Wirbeltosen.

Den Kaiser überraschen eben Mittagsschrecken.

Wie Heuschrecken umtummeln ihn jetzt Blutbachlarven.

Beim Berg Sankt Michael kann sich die See aufrecken,

Von selbst ertönen dort die Glocken und die Harfen.

»Zurück, mein Freund, Du kannst den Feind nicht schlagen!«

Durchdringt mich jetzt die Stimme von Turbin. Ich lausche

Nicht weiter drauf. Ich schau in Xanten tausend Plagen,

Dort ists, als ob der Rhein aus seinem alten Bette rausche.

»Das ist ein Rachetag!« Erschallen tapfere Stimmen.

Ich selber aber rase und kann deutlich sehen,

Wie dort im Grimme Wellen Frankreichs Strand erklimmen:

Jetzt ahnt man in Calais die Schlacht der Pyrenäen.

»Mein Roland, stoße doch ins Horn, damit ich komme!«

Das ruft mein Kaiser klar aus meiner Seele.

Ich aber weiß, ob mir sein Nahen fromme:

Ich sehe in Burgund nun Luft und Spukkrakeele.

Schon wird es finster um uns her. Die Mohren kann ich

Nur noch an ihren blanken Waffen recht erkennen,

Denn aus dem Blutbachsumpfe steigt ein Abendkranich,

Mit rothem Schopf und Krallen, die wie Lohe brennen.

Es sausen ringsum Pfeile, und es klingen unsere Lanzen.

Ich weiß, ich weiß wohl ganz genau, daß ich noch tödte,

Doch jetzt umschwingt mich eine Wucht: im Rosenkranze

Der Schlachtvision erscheint mir eine Schönheitsröthe.

»Du bist verwundet!« Sagt mir meines Freundes Stimme,

Und Silberfrische spüre ich auf meiner Stirne.

Ich blick empor: mir ists als ob die Sonne glimme:

Ich strenge mich noch an und folge forsch dem Taggestirne.

Nun wird es klar, man kämpft und stirbt! Dort bringt man Todte.

Die tapfersten Gefährten sind bereits gefallen.

Auch Olivier sieht aus, als ob sein Ende drohte.

Nun sage ich: »Ich lasse gern mein Horn erschallen!«

»Zu spät ist es! Turbin ist schon vom Roß gestiegen,

Um die Verwundeten noch eilig zu versehen!«

Sagt Olivier: »Gar manchen, die im Grase liegen,

Genügt ein Halm, um heil zu Jesum einzugehen!«

Fürwahr der Bischof schreitet zwischen tausend Leichen.

Ich selbst bedarf des Trostes und muß weiterstreiten.

Doch Olivier hält mich zurück. Ich will entweichen.

Noch kämpfe ich! Die Feinde drohn von allen Seiten.

Ein Pfeil hat Olivier beinah ins Herz getroffen.

Ich spring aufs Roß. Turbin ist da mit Seelenlabe.

Es kann nun Olivier auf Gottes Gnade hoffen,

Auch mir reicht er das Heil, bevor ich weiter trabe.

Du Strolch, Du hast vielleicht den edlen Freund verwundet,

Ich hau Dich roth und todt, noch kann ich weiterfällen!

Auch Dir sei Deine Lebensfrist kurz abgerundet:

Zur Hölle denn mit Euch satanischen Gesellen!

Ich blicke auf: Was hat sich rückwärts zugetragen?

Es stöhnt Turbin in seinem eigenen Blute.

Bei Gott, ich stoß ins Horn, das ist ein Schall voll Klagen,

Wie wird dem Kaiser jetzt und wie mir selbst zu Muthe?

Mein Gott, mein Gott, ich tödte fort: ich weiß, ich rase!

Wie kann ich mir des Abendmahles Kraft erhalten?

Mein Gott, ein anderer Hieb, es blutet meine Nase.

Ich dresche noch, doch das sind schale Flachgestalten.

Ich reite in rother Gewandung zum Grale.

Da steht Montsauvage, aus sich selber erleuchtet.

Was glüht dort im Saale! man sitzt wohl beim Mahle.

die Bäume sind Träume, mit Perlen befeuchtet.

Ich schlage um mich her und treffe blasse Schatten,

Ich hasse Euch, Ihr leibhaftfeisten Wuchtgesellen,

Ihr schient so stark und deckt als Leichen blutige Matten,

Blos um den treuen Schatten laßt Ihr Euch nicht prellen.

Die Wahrheit erblaut schon im innigsten Wesen,

Ein irdisches Feuer beflügelt mein Dasein,

Ich kann alle Echtheit den Zweifeln entlesen:

Mein Ursprung greift rings in das zeitfreie Maaß ein!

Die Wirklichkeiten, die mich aufdringlich umschwärmen,

Zerschleiße ich mit meinem heiligen Richterschwerte,

Das heitre Blut verspritzt aus Euren Stinkgedärmen:

Ihr Menschlichkeiten habt für mich blos Satanswerthe.

Das Thal, das sich schwarz unterm Burgbau verschlucktet,

Wird böse und furchtbar genannt und gemieden.

Es hat sich am Kreuzigungstag eingebuchtet:

Es ist mein Gewissen und scheucht meinen Frieden!

Ihr halben Albgestalten, bald liegt Ihr erschlagen,

Von Gott und Roland seid Ihr Lichtkinder bezwungen.

Den Gralwächtern aber genügt es zu sagen:

Der Geist ist ins Eigenlicht selbst eingedrungen.

Hallunken sterbt: Ihr habt den Kaiser feig verrathen,

So nehmt dafür den Lohn von seinem Erzvasallen.

Oh Gott, Du berufst mich zu christlichen Thaten,

Ich rette das Schloß, das dem Zauber verfallen!

Die Sonne ist lange schon untergegangen.

Nach Châteaumerveille ist mein Freund abgezogen.

Er darf dort am Mund junger Heidinnen hangen,

Doch bleibe ich blos meinem Weibe gewogen.

Ich weilte schon da. Einst im Träume geschah es.

Ich frug nicht den König, was heilt Deine Leiden?

Ich dachte nur damals ein glanzvolles, nahes

Geschick meinem Weibe und mir zu bescheiden.

Ihr Schattenrißgestalten müßt vor mir verschwinden,

Ihr Heiden wagt es, Euch vor meinem Sinn zu mehren,

Bald seid Ihr nicht, ich will für diese Welt erblinden:

Ihr stürzt und löst Euch auf, Ihr kennt nicht Christi Lehren.

Ich harre, ich darf nicht ins Gralschloß eingehen:

Im Innersten Dunkel entflammen, erstehen

Glastherzen, die Gott für die Menschen anflehen.

Jetzt prunken und glühen die Eispyrenäen.

Ach, Blut liegt im Schnee. Alle Gletscher erglimmen.

Mein Herz, mein Gemüth, meine Liebe weilt ferne.

Der Tag ist weit fort, aber Erdgluthen klimmen

Hinan, still hinan, und ich folgte so gerne.

Das Blut hoch am Himmel, die Gluth auf dem Eise,

Erfüllen mit Wehmuth die einsamen Seelen:

Mein Weib, ach mein Weib, nun erscheine so leise,

Wie rings Gluth und Ehrfurcht vor Gottes Befehlen.

Im Glauben erglühen die eisstarren Riesen.

Ein herrliches Weib ruht, in Blutschnee gekleidet,

Im Nachtschloß und träumt von Welthutparadiesen,

Mein Weib, Du vergißt, wie auch mein Gluthherz leidet.

Entferne Dich von mir, Du grauser Schattenritter,

Dem noch ein Zwerg nachhumpelt, Sonnenunsinn Du.

Ergeben thust Du, doch ich trau Dir nicht, Trachtzwitter:

Ich bring Dick um, da liegst Du, bist vielleicht ein Hindu?

Mein Weib, sage Weib, warum muß ich Dich minnen?

Als Du mich ersahst, bist Du schamroth verschwunden.

Ich habe zur Hochzeit, ich kann mich entsinnen,

Dich rosig im Ampellicht wiedergefunden.

Auf einmal kommt ein Feind, ich hatte endlich Frieden!

Was, zweie seid Ihr? Und dazu noch Kopfputzdiebe.

Ihr Schemen bleibt von einem Christen doch verschieden,

Empfangt, was Ihr nickt stehlen könnt: zwei Frankenhiebe!

Mein Weib, ohne Dich tret ich nicht vor die Ritter

Des Grales, beim Mahle, im prachtvollen Saale.

Mein Weib, steige auf aus dem Urgluthgewitter,

Erstrahle, entwalle dem Flammenportale.

»Du fieberst Roland und nun wirst Du bald verscheiden!«

Dies höre ich und fühle eine leise Frische.

Ich blicke auf und spüre alle Tagesleiden.

Mir ists, als ob Turbin den Schweiß der Stirn abwische.

Er ist es, denn er spricht: »Wir werden beide sterben.

Wir siegten, denn die Heiden sind vor uns geflohen.

Du rastest und Du jagtest toll uns ins Verderben,

Doch jetzt will ich Dir nicht mit Höllenqualen drohen.

Du schlugst zwar eben noch zwei Franken fiebernd nieder,

Und wärest Du nicht selbst gestürzt, ich lebte nimmer.

Ich schließe Dir, mein Freund, die Sündenaugenlider.

Dein Todtschlag ist verziehn: erblicke Gnadenschimmer!«

Als Parseval kann ich zum Gralsaal gelangen.

Es stammen und leuchten die Heilssaftpokale.

Mein Weib darf mich wahrhaftig strahlend empfangen.

Mit Durandal kam ich, als Kampfpreis, zum Grale.

Nun soll dieses Schwert alle Schwachen vertheidigen.

Ich mag, um ihr Leid, alle Armen befragen.

Mein Bann trifft die Falschen und alle Meineidigen:

Kommt Knaben, ich will Euch zu Gralrittern schlagen!

Entsetzlich! Das da sind nur Blutdurstgespenster.

Sie lösen sich auf, hoch im Schlundkuppeldome.

Die Wahrheit ist da! Ein Grab gradumgrenzter

Bedürfnisse, Wecker erregter Phantome

Ist alles! Bald schließt sich mein Sonnausblickfenster,

Denn langsam erstarren die Araratgnome.

Jetzt legen die albernen Kampen die Trachten

Matt ab und sind alle fürwahr zum Erbarmen.

Kastrat, alter Magier, zum brandschatzen, schlachten

Bezahltest Du Mannen, Dein Schatz gab den Armen,

Die Dir, reicher Lacher, Dein Harem bewachten,

Für Qualen, die Nahrung. Mit Überkraftarmen,

Beschützen sie Dich, stürzten Tannen: und Reiser

Nur brachten sie heim, um sich müde zu wärmen.

Für Dich fochten Heiden. Ich selbst und ein Kaiser,

Wir standen stark ein, mit Gehirn und Gedärmen!

Jetzt stürzt Du ins Nichts, Du ein Zauberer und Weiser:

Der Tartarus klafft und besteht auf Scheinschwärmen!

Was bleibt? Hölleneinsicht! Verschweig es dem Todten:

Ein Halbalb von mir strahlt geschmackgar beim Mahle.

Wo nichts mehr zu sagen ist, wandern die Boten.

Unleiblich, erhielt ich die Gunst, beim Gemahle

Zu thronen, und blos von den innersten, rothen

Gefühlen erleuchtet, besitz ich Opale,

Rubine, Smaragde, unfaßbare Werthe.

Die Tragik ist furchtbar! Was harrt von den Hadern

Im Jammerthal aus! Was? Dort sind unversehrte

Gebilde, die aufstehn! Durchschwärmen sie Adern

Gluthflüssigen Bluts! Mit Erdleben beschwerte

Gestalten, wie Schatten und Grundungesichte,

Verschrumpfen zu Einer. Verkrüppelte Wichte:

Der Nachsteiger aller, fällt leibhaftig nieder.

Der Klumpen wird fest. Vom Bauchhauptgewichte

Aus spreizt er, entrecken sich Steh und Greifglieder.

Das Wappen Thrinakrias stürzt im Zwielichte

Des Grabschachtes ab, und nun steht er schon wieder,

Als spanischer Staatszwerg ganz stramm auf den Beinen!

Es lächelt das Männchen: am besten bewährte

Somit sich der Schatten! fast will es mir scheinen,

Als ob sich nie menschliche Schönheit aufzehrte.

Was sollte ich sonst von dem Wahrheitspuk meinen?

Mir ists, als ob etwas den Fuß mir versehrte!

… … … … … … … … … … … …

Drei Ereignisse

Es fließt der Rhône herbei, mit seinen breiten Wogen.

Fast wirbellos, ganz selbstverständlich ist sein Strom.

Von Rossen wird ein Floß den Fluß hinaufgezogen:

Mit rother Kappe kauert drauf der Mittagsgnom.

Wie herrlich flimmern doch die ungestümen Fluchen!

Ein immer anderes Ereigniß schäumt empor:

Ich höre ferne blöken: Glocken tönen: thuten:

Vor mir hier zittert silberhell ein Pappelthor.

Drei junge Mädchen sehe ich am Ufer spinnen.

Geschäftig regen sie die Hände und den Blick.

In Unschuld aber ruht die Seele: ihren Sinnen

Genügt ein Schlankheitseindruck, ohne ein Geschick.

Ihr Mädchen, freut Euch stets an schmucken Kriegsgestalten,

Doch, daß Ihr Euer Sein durchschaut, das gebt nicht zu!

Laßt Euer Jungfernthum nicht durchs Bewußtsein spalten,

Nur eine Unschuldsfrucht bringt dann das Weib zur Ruh!

Ich bin auf einen Abweg und in Traum gerathen!

Im goldenen Korn ist irgendwo ein Wind erwacht.

Die reifen Ähren glühen reife Sprühdukaten,

Denn ringsum überfunkelt sie die Mittagspracht.

In weißem Festkleids erscheinen jetzt drei Reiter.

Der Pferde Füße bleiben ganz verdeckt vom Korn.

Es sieht so aus, als wäre keiner ein Begleiter:

Drei gleiche Gottesstreiter sinds, mit Kreuz und Sporn!

Ich trüge gerne selber solche Rüstungsstücke.

Der Mantel mit dem rothen Achtzackkreuz ist schön.

Jetzt ist es Zeit, daß ich mich grüßend niederbücke,

Denn immer näher höre ich das Eisenkleidgedröhn.

»Katharer sind wir!« Sagt ein Mann im Kampfgewande:

»Und Du! gieb klare Auskunft, wer Du bist!«

»Ein wandernder Scholar aus dem Barbarenlande,«

Erwidre ich: »Und auch ein nimmermüder Christ!«

»Fürwahr, auch wir sind tapfere Heilandsstreiter

Und hassen jenen Gott vom Judentestament!

Der Böse herrscht auf Erden!« Spricht der Ritter weiter:

»Und rein wird, wer das Weib und seinen Schreck nicht kennt!«

»Für die Geschlechtlichkeit ward uns der Tod zur Strafe,

Und ungeschlechtlich ist der Heiland, der nicht starb:

Ich ahne meinen Tod, wenn ich ein Weib beschlafe!«

Erwidre ich: »Und weiß, wie ich den Sarg erwarb.«

»Bist Du ein Schotte!« Frägt man mich und springt vom Rosse.

Man drückt mir fest die Hand und ist dann rasch verstimmt.

»Nein,« sage ich darauf: »Ein Allemannensprosse!«

Und sehe gleich wie jedes Auge grimmig glimmt!

»Was willst Du, schlauer Hascher aus des Kaisers Landen?«

Fragt man mich barsch: »Wir tödten Dich, wenn Du nicht sprichst!«

»Entschuldigt, Herr, ich habe nicht den Gruß verstanden,«

Erwidre ich: »Doch schlecht ists, wenn Du mich erstichst.

Die Scholle selbst hat meine Glaubensart geboren.

Die Christusstamme grünt und blüht aus jedem Blatt.

Ich bin nicht einer von den römisch trockenen Thoren,

Für die der Heiland Gott nicht überwunden hat!«

»Oh Bruder, sagst Du wahr und fromm, so sei willkommen!«

Spricht jetzt ein Tempelherr im Herzen tief erfreut:

»Die Reinheit ist durch Heilandsschuld in Dir erglommen:

Du sprichst nur aus, was Dir der Geist gebeut.«

»Die Wahrheit ist die Flamme, die wir lallend ahnen,

Die unerfaßbar ewig nach Gestalt verlangt:

Sie kann uns an verwandte Reinheitsbahnen mahnen,

An Rasse,« sag ich: »oder Zucht, nach der uns bangt.«

»Das ist der Augenblick der Waldanachoreten,

Geschlechtsertödterin ist Christi Freinatur!«

Erfahre ich: »In Helden, die jetzt ernst auftreten,

Verblaßt und birst die strenge Mannkontur.«

»Das was die Erde schafft, hier ist es ausgesprochen,

Das gleiche Ziel erkührt sich das Gewühlsgefühl!«

Erwidre ich: »Es liegt dem Volke in den Knochen,

Doch weiß es nicht, womit das Blut es sauber spült!«

»Man haßt uns, weil wir Christi That aussprechen,

Denn das Verlangen aller, da ist es gethan!«

Vernehme ich: »Es will die Welt mit Rom nicht brechen,

Und Aller Urbegehren sckaumt dadurch als Wahn!«

»Ein heiliger Sinn ist jedem dummen Sträuben inne,

Durch Krieg und Trutz nur halt die Ordnung stand.«

Erwidre ich: »Der Geist, die Furcht und Christusminne,

Erglimmen in der Menschheit Angstsaharasand!«

»Doch Du tritt in den Orden ein, Du bist berufen:

Sei Bruder uns und trage unser Streitgewand!«

So sagt man mir: »Wir kennen einzig Altersstufen,

Als Greis, seist Du zum Großmeister ernannt!«

»Es kann der Mantel Euren Schatten nicht bedecken.

Auch Ihr bleibt wandelbar und heiligt eine Zucht!«

Erwidre ich: »Verrenkte Spottgeberden strecken

Sich von Euch aus, verkündet Ihr die Irrthumsflucht!«

»Du darfst nicht glauben, daß wir uns des Körpers schämen,

Mit Leibeskräften führen wir den Geisterkrieg!«

Erfahre ich: »Voll Wucht ist unser Trutzbenehmen:

Sprich, trittst Du bei, sonst ringe um den Schemensieg!«

»Ich sage kurz, mein Wesen sucht nach Schaulustruhe,

Die Stille selbst birgt einen Lebenspriesterschein.«

Erwidre ich; »Ich ruhe, wenn ich stumpf mitthue;

Drum sage ich entschlossen: meine Herren, nein!«

Der Löwe Galliens liegt am Rhônestrome in Schlummer

Und träumt von Raubzügen, die er des Nachts vollbringt.

Bei Tag ist er ein Schnarcher, Spinner oder Brummer,

Da alles drin von Räderwerken wiederklingt.

Das ist das Stadtthor mit dem Leu und Lilienwappen!

Ein ganzer Jagdzug geht daraus mit Lärm hervor.

Die Pferde drängen sich. Die Hunde bellen, schnappen.

Der Troßvogt spaßt. Der Schloßnarr kratzt sich hinterm Ohr.

Der Jagdzug, auch der Staub, die Schatten sind vorüber.

Da steht ein Gasthaus, wie in Deutschland, knapp beim Thurm.

Ein Lümmel kriegt vom Wirthen einen Nasenstüber;

Ich kehre ein, ich fühle Dich, mein durstiger Wurm.

Ich trete lieber in das dichtgefüllte Zimmer,

Da hebt ein Schatten stets den andern Schatten auf.

Dafür giebt es Gestank! Pour moi, ist das nicht schlimmer,

Ich nehme diesmal ihn als malerisch in Kauf.

Ich rufe: »Wein her, Wirth, ich kann Euch baar bezahlen,

Denn edel bin ich, wenn auch durstig wie ein Frosch,«

Man schreit: »Tout de suite!« da sich Soldaten jetzt empfahlen:

»Monsieur le Chevalier sans tache et sans réproche!«

»Soldaten habt Ihr wohl genug in Eurem Lande!«

Beginne ich zur Wirthsfrau, die mich stink bedient.

»Ihr seid ein Deutscher wohl, und vom Gelehrtenstandel«

Erwidert sie: »Ich sahs, als Ihr im Thor erschient!«

»Ei freilich!« meine ich: »Sagt habt Ihr was dagegen!«

»Ach nein, vor kurzem war der Kaiser unser Herr.«

Spricht rasch das Weib und ruft: »Giebt es hier deutsche Degen?

So kommt doch her und laßt Geplänkel und Geplärr!«

Von einem Tische, wo ein Weib aus Streitsucht weinte,

Erhebt sich jetzt ein junger prächtiger Soldat,

Der zwar der Wirthin Frage mit dem Kopf verneinte,

Sich aber artig einen Platz bei mir erbat.

»Ich war bei Euch und habe Teufel dort gesehen!«

Beginnt er: »Sagt ob diese Hexe Euch gefallt.

Sie wird Euch ihre Brunst und Liebe eingestehen,

Sie hat sich oft zu fremdem Wandervolk gesellt!«

»Den Teufel saht Ihr! Sprecht, wie habt Ihr ihn gefunden?«

Befrage ich den Söldner lachend und erstaunt.

»Aus der Erinnerung ist mir das beinah entschwunden,

Doch ich erzähle es!« Sagt jener woblgelaunt.

»In einem Wirthshaus, irgendwo in Deutschlands Norden,

In einer großen Kaufmanns und Soldatenstadt,

Ist mir das Glück, das ich erwähnt, zu Theil geworden:

Ich weiß, wie mich das Schauspiel hergenommen hat.«

Nun weiß ich es! Betrunkene Zecher schwätzten, stritten

An einem wohlbesetzten Tisch! Ich blieb allein.

Auf einmal balgten sich, entfuhren oder ritten

Zwei Spießgesellen unter uns, zum Dach, herein.

Der Schreck war gar nicht arg. Ich lachte wie die Meisten,

Der eine war schon alt. Der andere hatte Bart.

Ich kann mich noch erinnern! Die Lumpenbrüder kreisten

Um uns herum, voll Spottlust und ganz sonder Art.

Sie sprachen viel von Liebe, mehr von guten Weinen,

Und saßen plötzlich wo am wohlbesetzten Tisch.

Sie schienen Kraft mit wahrem Anstand zu vereinen,

Und wollten sies, entzischte irgendwo ein Wisch.

Ein Höllenwein quoll aus dem Korke unserer Pfropfen.

Darob erboßte doch kein einziger Trinklochtropf.

Sie konnten rings an allen Kellerpforten klopfen,

Und oftmals sträubte sich, zum Juxe blos, ein Schopf.

Der Bartlose war Satan selbst: ich kann es schwören!

Der andere schien blos sein Kumpan und Mensch zu sein.

Die Ösen nestelten aus unsern Hosenöhren:

Aus Flaschen, Spiegeln, guckten Weiber nackt herein.

Haha, wir freuten uns, wir schwelgten fast und lachten

Und dachten uns, da giebts bald einen Sabbathtanz!

Wir thaten so, als ob wir uns daraus nichts machten.

Nur einer sprach: »Du glaubst, ich sehe nicht den Schwanz!«

Er kicherte verschmitzt mit spitzen Zwinkerblicken.

Ich hörte gut, was er da sprach von seinem Sitz:

»Du kennst die Sitten wohl, die sich für Menschen schicken,

Doch hinten hat Dein Kleid einen verflixten Schlitz.«

Und leise fuhr er fort: »Dein Schwanz ist mir wohl sichtbar!

Die Natter auf der Kellerstiege sieht man schon!

Dein Steiß ist sicherlich nicht ganz gesichtsbaar,

Doch schweige ich, giebst Du ein Weiblein mir zum Lohn!«

»Was Du da munkelst,« fahre ich dem Söldner in die Rede;

»Das Märchen ist gar alt, doch immer taucht es auf.

Liegt wo ein weiser Mann mit Pfaffen kühn in Fehde,

So heißt es gleich, daß der dem Teufel sich verkauf!«

»Wie, sagt, das glaubt Ihr nicht, braucht Ihr Erlebnißdaten?«

Vernehm ich jetzt das Wirthsweib, das im Winkel spricht.

»Wir sind zu dreien. Trau nur,« ruft es: »dem Soldaten,

Du hinkendes und hektisch bleiches Milchgesicht! «

»Ich schleife meinen Fuß aus Müdigkeit, Frau Wirthin,

Doch Ihr habt recht, denn meine Seele scheint mir lahm!«

Erwidre ich: »Laßt ab, Ihr Hexe, Ihr verwirrt ihn!«

Sagt der Soldat: »da er voll Unschuld zu uns kam!«

Es lacht das Weib und sagt: »Kommt, Satans Schwanz betasten!

Haha, mein Mondkalb, antwortet mir doch, Ihr wollt!«

Ich sehe beide an, und fühle Geilheit glasten.

Ich merke auch wie gräßlich er die Augen rollt.

Jetzt schlägt das Weib dem Mann auf Brust und Schulter

Und ruft: »Der Schurke da, der flog schon einmal mit,

Das ist ein wohlgeschulter, zur Ausfuhr eingelullter

Gesell von Beelzebub. Sprich, keck war unser Ritt!«

Der Söldner fangt jetzt an in wilder Brunst zu stöhnen

Und nickt der jungen Hexe schwül und lüstern zu.

»Das nächste Mal fährst Du mit einer andern Schönen,«

Sagt sie und lacht: »Heut Abends salbe ich die Schuh.

Eilf Brautstandhexen kommen und eilf Satansenkel,

Doch sagt, gefiel Euch nicht die Lust bei Sonnenschein?

Von Dir mag ich den Mund, bei Dir die Muskelschenkel,

Ich lechze Mensch, ganz Mensch, ja weniger zu sein!«

Bald gröhlt man vor dem Haus. »Das sind die Johanniter!«

Schreit jetzt das Weib. Doch sind wir alle rasch gefaßt.

Der Söldner hastet auf. Ich seh, den Degen zieht er.

Ich faß nach irgend was und packe einen Ast.

Gesindel das, Vertheidiger verdammter Pfaffen,

Durchzuckt es mich und schon erschlag ich einen Mann.

Da geben uns fünf andere, im Nu, zu schaffen,

Doch jeder von uns beiden tödtet, was er kann.

»Du Hund, vermaledeiter Galgenvögelröster!«

Durchloht es mich und vor mir röchelt ein Soldat.

Der andre ist nickt feig, zwei Fleischpilger erlöst er.

Weh Dir, Du Hexenschinder, der mir naht!

Ich habe ihm das Hascherhirn jäh eingehagelt.

Stürz um, Spion von Rom, verfluchte Fehlgeburt.

Ihr hättet Christum ebenso ans Kreuz genagelt,

Wie Ihr mit freien Ketzern gestern erst verfuhrt.

Auch Dich erschlag ich, dicker Führer feiler Rotten!

Du hast wohl einen Mann, für eine falsche Mark,

Bereits lebendig irgendwo, um Prägerlohn, gesotten,

Und baumeln ließst Du manchen schon für einen Quark!

Da liegen jetzt sechs Weltbürger, von uns erschlagen,

Und es beschnuppern Hunde, wie berauscht, ihr Blut.

Die Schuld von vier Mordthaten muß ich selber tragen,

Derweilen auf dem andern nur die Halblast ruht.

Wir sehen uns an: das waren eigentlich Soldaten!

Ich zucke mit der Achsel. Mein Gefährte spricht:

»Nun desto besser, keiner kann uns mehr verrathen,

Und uns verfolgt man, ganz bestimmt, für die da nicht!«

Jetzt stürzt auf einmal eine Wölfin aus dem Keller.

Juhei, die Hunde kleffen auch schon hinterher.

Das rennt und bellt: das flüchtige Thier läuft aber schneller.

Die flinkesten Köter kriegen es wohl nimmermehr.

Doch meinem Spießgesellen scheint das nicht geheuer,

Er sagt und kratzt sich gar bedenklich hinterm Ohr:

»Der Ausriß unserer Huldin kostet uns noch theuer,

Doch die Verfolgung machen uns die Hunde vor!

Doch was, das schadet nichts, wir sind zwei wackere Degen.

Halt, sag, Du bist so derb, magst Du kein Landsknecht sein!«

Doch ich erwidre, ohne kurz zu überlegen:

»Nein, nein, mein lieber Streitgenosse, nein doch, nein!«

Es streckt der Rhône sich nach unendlich großer Ferne,

Und wie ein Dunstgebilde sonnt sich dort Lyon.

Mit Deinem Wasser, Glanzstrom, plaudre ich so gerne,

Hier hüpfen Zufälle den LichtscherzCotillon.

Mit Sternen überschüttet, sprühen Wellenbrüste,

Zu vielen Mittelwirbeln rhythmisch leicht heran.

Hier ist es mir, als ob ich wild aufjauchzen müßte,

So kräftig hält mich diese Lustigkeit im Bann.

Da spielen Fische mit der Luft und haschen Lichter

Und zeigen muthwillig die weiße Schuppenbrust.

Da tanzen Launen, lachen Wasserschallgesichter:

Hier ist die Lust für uns zu furchtbar unbewußt.

Ach Wasser, Deine Klarheit kann ich nicht vertragen.

Du wähnst es ja, ich bin zu fragwürdig und lahm.

Du bringst mein Bild, dem Schatten gleich, in falsche Lagen:

Weiß Gott, woher mein Haß gegen Verrenkung kam!

Ich wandere weiter, weiter wie mich Träume treiben.

An meinen Wünschen hält mich was, doch keine Hand!

Allein mag ich mit meinem Wassergeist nicht bleiben,

Denn da empfind ich mich zu stark am Jenseitsrand.

Da kommen Johanniter, die will ich befragen!

Wonach? ganz gleich! wenn ich nur überhaupt befrag!

»Wollt Ihr mir keinen Weg aus dieser Schäumniß sagen?«

Frag ich verträumt: »Sie quält mich schon den ganzen Tag!«

»Was Ihr da sprecht, ist uns, verzeiht, nicht ganz verständlich.

Wir können nur Französisch und dazu Latein.

Daß wir sonst nichts gelernt, bedauern wir unendlich!«

Erwidert einer: »Doch Ihr dürft nicht böse sein.«

»Im Wald ist man bei uns so höflich blos mit Dieben,«

Erwidre ich: »Vor mir habt aber keine Angst!«

»Besorgt sind wir, doch Furcht, das wäre übertrieben!«

Gesteht man mir: »So sage denn, woran Du krankst.«

»Da Ihr mich duzt, so sprecht Ihr wohl mit meinem Schatten,

Mit meinem Kleid, und was mich sonst vor Euch beschützt!

Der Muth, der Euch entsank, kommt wieder Euch zu statten,

Doch nichts scheint rasch wie Euer Anstand abgenützt.

Das Wamms, zu dem Ihr sprecht, deckt besser meine Blößen,

Ist es auch arg gestickt, als wäre ich ein Narr:

Die Seele schirmt es doch vor plumpen Mönchsverstößen!«

Sag ich: »Und giebt mirs Recht, daß ich beim Spaß beharr.«

»Ihr seid mir wohl im Land der Witzbolde geboren,

Das wissen wir nun doch, obschon wir es nicht sehn!«

Erwidert einer stink. »Ich laß Euch ungeschoren,

Mit Faust und Witz,« Sag ich: »wenn wir zusammengehn.«

»Giebt es bei Euch zu Haus auch Ketzerei und Hexen?

Erstickt man dort genau wie hier den Graus im Keim?«

Derart befragt, erwidre ich den Folterfexen:

»Es heißt, der Teufel sei im deutschen Land daheim.«

»Was Ihr da sagt, das kann ich wahrhaft gar nicht glauben,

In Spanien und in Frankreich ist es furchtbar arg!«

Erzählt man mir: »Wir sehen Hexen Kinder rauben,

Denn reines Menschenfett braucht man zum Sabbathquark.

Man nimmt auch Wolfswurz, Hexenkraut und Kot der Schwalbe,

Dazu noch Mohn und Blut von einer Fledermaus,

Das kocht man aus und walkt es dann zu einer Salbe

Und schmiert die Scham damit und fährt zum Dach hinaus!«

»Was Ihr da alles sagt, scheint mir beinah wahrscheinlich!«

Erwidre ich: »Ich habe heute viel erlebt:

Und sei ein solcher Vorgang auch im Grunde peinlich,

So möcht ich dennoch sehn, wie sich ein Mensch erhebt.«

»Das wird geschehn!« Sagt mir ein Mönch: »Bald wirst Du staunen!

In diesem Walde geht es eben schrecklich zu.

Man brüllt da, tanzt, das geht selbst über Tollhauslaunen.

Hier giebt ein Teufel tausend Weibern keine Ruh!«

»Miau, Miau«! ich höre einen Chor von hundert Katzen.

»Da horcht einmal!« raunt ein Begleiter mir ins Ohr.

Und »Miau« und »Miau«: das pfauchen Weiberfratzen

Und alle kratzen sich und kriechen platt hervor.

»Im Namen der Dreifaltigkeit, Satan entweiche!«

Beschwört ein Mönch schon diese wildbesessene Schaar.

Doch nur ein einziges Weib sinkt hin wie eine Leiche,

Und bei den andern bleibt es schrecklich wie es war.

»Miau, Miau!« So miaut man schon auf manchem Bäume.

Die Weiber klettern grad wie Wildkatzen hinauf,

Doch einige stürzen ab und wälzen sich im Schaume,

Der ihr Gesicht bedeckt, und manche packts im Lauf.

Unheimlich das! da zuckt ein Weib zu unsern Füßen.

Wir heben es rasch auf und lauschen, was es lallt:

»Wir müssen hier für unsere Wüstensünden büßen,

Weil wir uns wüthend in die Fürstin eingekrallt!«

Miau, Miau! und laut miauend nahen tausend Frauen

Und reiben sich an unsern Beinen schnurrend an.

Das Weib aber stöhnt weiter: »In Bubastis Palmenauen,

Bekam ich, selbst als Katze, einen echten Mann.«

»Jetzt aber kriegst Du wohl nur einen Koch der Hölle?«

Fragt schlau ein Bruder vom lateinischen Spital.

»Ganz kalt ist er, ach, wenn sein Muskel selber schwölle

Ich zerre, wärme ihn!« Ruft sie; »Doch er bleibt schal!«

»Rasch packt sie an: sie hat den Satanspackt gestanden!«

Ruft triumphierend jetzt der Johanniter aus.

Man knebelt sie. Nun liegt sie da in Häscherbanden.

Doch das ist lange nicht das Ende des Gemiaus.

»Ihr Pfaffen, wahrlich, Ihr versteht Euch auf das Heilen.«

Entfahrt es mir: »Ich sehe, daß sich keine wehrt!«

»Es werden Brüder überdies herüber eilen,«

Erfahr ich: »Alle, sind im Teufelszeug gelehrt!«

»Der Satan scheint mir eher aller Schatten!

Und diesen,« sage ich: »Den schneidet Ihr nicht los!«

»Der Schatten ist der Narr, den wir im Sarg bestatten!«

Erwidert man: »der Teufel ist ein starres Loos.«

Miau, Miau! die höchsten Bäume sind erklommen.

Und hörbar pfaucht es ringsumher: »Wir lieben Euch!«

Ich aber denke mir, bevor noch Mönche kommen,

Schlag ich mich lieber plötzlich ins Gesträuch.

»Wir fünfe sind genug, wozu noch andere Brüder,

Ich helfe,« sage ich: »beim Heilen gerne mit!

Ich fürchte nichts: und wißt, ich bin ein nimmermüder

Verfolger von Mittaustiegern beim Sabbathritt!«

Miau, Miau! noch wetzen sich die Weiber stärker.

Wenn nur die Wölfin mich, geilschnuppernd, nicht umkriecht,

Sonst sitze ich des Nachts allein im finstern Kerker,

Es scheint, daß einer schon bei mir den Satan riecht.

»Du Katze aus dem Tartarus, Dich will ich heilen!«

Mit diesen Worten werfe ich mich auf ein Weib:

»Wir binden Dick mit unzerreißbar festen Seilen,

Sogar die Seele, wisse es, ganz wie den Leib!«

»Ihr seid kein Pfaffe, ach, Ihr könnt mich ganz verstehen!«

Entlallt es jetzt dem Mund der Frau, die nimmer miaut.

»Ich darf nicht,« sage ich: »Wie Gott die Gründe sehen,

Und Du hast sündhaft Dich dem Satan anvertraut!«

»Wenn Ihr vergebt, so will ich gerne alles beichten,«

Fleht jetzt das Weib. »Es sei der Seele Dein Verziehn!«

Verspricht ein Mönch. »Als wir den Sabbathberg erreichten,«

Gesteht sie ein: »Befahl man uns, vor ihm zu knien!«

»Das Himmelreich steht Deiner armen Seele offen,

Doch diesen Leib, der einmal schon den Satan barg,

Könnte der Böse doch noch zu erobern hoffen,

Drum liegst Du,« heißt es: »Dir zum Heil noch heut im Sarg.«

Fürwahr, ich bin verblüfft! die Künste dieser Brüder

Sind wirklich von ganz eigentümlich großer Art.

Ich war ganz krank, ich zuckte schon, doch so ein rüder

Machteingriff in das Übel hat mich heil bewahrt!

Miau, miau, und wieder miau! und ohne Ende

Miauen ringsum tausend Frauen frech und laut.

Ich packe eine: »Willst Du, das ich Gnade spende?

Du hast mich,« ruf ich: »Früher lüstern angeschaut!«

»Du warst doch,« schmunzelt sie: »Mein furchtbar strenger Buhle!«

»Ergreift mich!« ruf ich fast. – Ich hab es nur gedacht.

Vorbei mein Leben, ja vorbei die Heilkunstschule,

Durchzuckt es mich! – Man hat sich übers Weib gemacht!

Man fragt: »Wann hast Du Unzucht mit dem Mann getrieben?«

Nun werde ich bestimmt von Augen überwacht.

»Am Nil sind wir allein im stillen Hain geblieben!«

Ich athme auf: »Er hat,« ruft sie: »Mich umgebracht!«

Gerettet bin ich! Und es sagt auch schon ein Bruder:

»Ob dieses Weib beim Sabbath war, ist ungewiß!«

Vielleicht besucht es Nachts ein grabentfahrenes Luder,

Drum hört, beim Foltern forscht nach dem Vampyrherzbiß.

Miau miau! Es wehrt sich keine Frau. Das Miauen

Und Schnurren dauert fort. Man fängt sie alle ein.

Mit tausend Brüdern füllen sich bereits die Auen:

Die dunklen Kutten nahen uns in Doppelreihn.

»Oh Jungfrau!« Singt der Chor: »Nun sende Deine Gnade!

Durchglühe, Holde, das verstockte Sünderherz.

Entzücke es zur Beichte, denn um jede Schwabe

Ist es schade, wallt aller Staub doch himmelwärts!«

»Ihr Brüder hört, ich muß Euch jetzt sofort verlassen,

Ich kann kein Zeuge solcher Sünderflüche sein!«

Enrruscht es mir, »Du darfst nicht die Verirrten hassen!«

Erwidert man: »Du sollst Dich unserer Heilkunst weihn!«

Miau, miau! so höre ich noch weiter miauen.

»Oh Jungfrau« singt man: »Mach uns durch das Feuer rein!«

»Nein!« sage ich bestimmt: »Zu furchtbar ist mein Grauen!«

Für diesmal kneife ich noch aus und rufe: »Nein!«

Der Athem der Natur, der Wind, die Phantasie der Erde,

Erträumt die Götterwolken, die nach Norden wehn.

Der Wind, die Phantasie der Erde denkt sich Nebelpferde,

Und Götter sehe ich auf jedem Berge stehn!

Ich athme auf und Geister drangen sich aus meinem Herzen.

Hinweg, empor! Wer weiß, wo sich ein Wunsch erkennt!

Ich athme tief: ich sehne mich, und Weltenbilder merzen

Sich in mein Inneres ein, das seinen Gott benennt.

Natur! nur das ist Freiheit, Weltallliebe ohne Ende!

Das Dasein aber macht ein Opferleben schön!

Oh Freinatur, die Zeit gestalten unsere Werkzeugshände,

Die Welt, die Größe, selbst die Überwindungshöhn!

Ein Wald, der blüht, das Holz, das brennend, wie mit Händen, betet,

Wir alle fühlen uns nur durch das Opfer gut.

Oh Gott, oh Gott, ich Mensch habe alleine mich verspätet,

Wie oft verhielt ich meine reinste Innergluth!

Im Thale steigt der Rauch, als wie aus einer Opferschale,

So langsam und fast heilig, überm Dorf empor.

Ich weiß es wohl, die Menschen opfern selbst von Ihrem Mahle,

Da eine Gottheit sich ihr Herdfeuer erkor!

Ich glaube fest an Gott und an die ewige Gnade!

Jungfrau Marie, auch Dich, oh Mutter, liebt mein Herz.

Du bist in mir ein Traum und eine Wehmuthslade:

Voll Demuth lege ich vor Dich die Furcht, den Schmerz.

Jungfrau Marie, der Thau der Ähren ist Dein Schleier.

Die blonden Felder sind Dein goldenes Sonnenhaar.

Die Liebe meiner Mutter Deine Weihnachtsfeier,

Und meine Unschuld, Mutter, ist Dein Weihaltar.

Jungfrau Marie, ein Mittagsfeld ist Deine Stirne.

Dein Auge mein Verstand, der jeden Wunsch durchschaut.

Die Brauen sind ein Adler über jedem Firne:

Aus Deinem Mund erlausche ich den Mutterlaut.

Jungfrau Marie, die Bauern hier im Thal sind Schwaben.

Aus Deiner Kehle klingt ein Heimathwort so wohl.

Der Blüthenwald ist nur die frömmste unserer Gaben,

Von Deinem Halsband jedes Dorf ein Karneol.

Jungfrau Marie, der Heimath Schutz sind Deine Hände.

Dein Herz ist die Vergebung meiner schweren Schuld.

Und Deine Schultern sind des Juras steile Wände,

Denn fern von welschen Menschen fühl ich Deine Huld!

Wenn ich im Thal, zerknirscht, bald für das Übel büße

Und liebe Gott und meinen Nächsten so wie nie,

Jungfrau Marie, dann fühl ich Deine heiligen Füße.

Und grüße Dich: ich liebe Dich, Jungfrau Marie!

Das ist mein Heimathwald. Ich liebe alle Bäume.

Ich kenne diese Räume.

Sie wuchten, kuppeln ihr Geheimniß zu.

Sie sind ja alle, alle, lauter grüne Träume.

Ach, wie gerne ich da säume:

Hier lege ich mich einst zur Ruh.

Ich schlummre ein und ruhe gut unterm Hollunder.

Da schau ich tausend Wunder!

Da lieg ich ohne Rock und Schuh.

Mich decken Spitzenfarren zu. Was brauch ich Seidenplunder!

Mein Schlaf ist ein gesunder.

Ein Bachlein sprudelt mich zur Ruh.

In Frankreichs weiten Auen kannte ich gescheite Frauen.

Wird sie mein Auge nochmals schauen?

Die eine sinnt wohl, was ich thu!

Doch die ist weit von meinem Traum, ich konnt ihr nie vertrauen:

Sie hat so dunkle Brauen!

Nun mache ich die Augen zu.

Ist das die Sonne, sind es Augen die mich wecken?

Ein Mensch mit rothem Bart und Haaren sieht mich an.

Ich will ihm meine Rechte gleich entgegen strecken.

Ich sage ihm: »Grüß Gott!« Das ist ein heiliger Mann!

»Willst Du in meiner Grotte ein paar Wochen wohnen?«

Sagt mir gar sanft der Mensch im Einsiedlergewand.

»Ich glaube, edler Freund, das würde sich wohl lohnen!«

Erwidre ich. Und da erfaßt er meine Hand.

»Wir sind schon da, auf hundert Schritte liegt die Klause,«

Sagt mir mein Wirth, den ich jetzt still und gut beschau.

Er ist ein Riese und bestimmt im Wald zu Hause,

Sein Antlitz ist so rauh, sein Auge himmelblau.

Es trägt mein Rothbart eine dunkelbraune Kutte.

Jetzt bleibt er stehn, bestimmt hat er sich festgeheckt.

Ja, er befreit sich schon aus einer Hagebutte

Und sagt: »Sieh, wie der Wald mich liebt und neckt!«

»Hier duftet es so gut nach allen Waldesharzen,

Und Beeren giebt es.« Sag ich: »Wie ichs nirgends sah!«

Ich seh, mein Wirth hat das Gesicht ganz voll von Warzen,

Und viele, viele Fliegenpilze wachsen da.

»Nicht wahr. Wir halten ein paar Tage recht zusammen!«

Ermuntert mich der Klausner und ich sage: »Ja!«

Ich staune: Felsen seh ich wie erstarrte Flammen.

Doch hinterm Heckendickicht lodert es beinah.

Da wohnt der Einsiedler: »Ach, das ist wirklich niedlich,

Da weiden Rehe hinter einem Bohnenzaun.«

»Nicht wahr,« sagt mir mein Mann. »hier ist es friedlich?

In dieser Grottenklause hoff ich zu ergraun.«

Da tragt jetzt eine Eberesche Prachtkorallen!

Wonach? Ja, nach Zyklamen duftet unsere Schlucht:

Bei Gott, nun fühl ich es, da kann es mir gefallen!

»Ein Eichkatzchen, ein Fuchs!« Ruf ich: »Plumps eine Frucht!«

»Mein liebes Kind,« sagt mir mein weiser Held und Lehrer!

»Ich werde Dir jetzt meine Einsicht offenbaren.

Der Schritt nach Norden wird den Menschen immer schwerer,

Und auf sein Wollustopfer stürzt der Sonnenaar!«

Verstand und Kraft, die sich im Manne furchtbar paaren,

Empfinden, ahnen Gott, der in der Seele lebt.

Den Wandel bannend, zahlen wir nach Erdenjahren,

Der Schein jedoch vermuthet was uns nie entschwebt.

Der Herrgott selber wächst mit unsern Sonnenkräften,

Und anders, ohne Unterschied, in jedem Glied!

Es ist, als ob die Völker Pilgersegel refften,

Obwohl der Odem sie, durch Gegenwinde, schied.

Die Erde, unsere Lebensgluth, was Unbegonnen,

Der Dinge Frist, das Nichts, sind voll von Deutlichkeit.

Nicht Sie sind Alle! Sprudel nie! Nur Fluch von Bronnen,

Und dem Gedanken eine holde Bräutlichkeit.

Doch Christus ist die Ruhe Gottes und der Dinge.

Er ist das ganze Ja und das bejahte Nein,

Der Ursprung, der nur kreist, daß er sich jung erringe:

Er blüht ihm Heil und überglüht der Sterne Schein!

Die Gnade ist kein Sinn, kein Sein, sondern blos Einheit.

Sie ist das Leid der Gottheit, das sich offenbart:

In unsern Seelen aber schmerzbefreite Reinheit,

Die Liebe im Geschöpf, die sich ums Urweh schaart.

»Ich selber sterbe!« hat die Gottheit ausgesprochen!

»Wir wissen es«, einst endigt unser altes Weltenleid:

Soeben stirbt ein Stern, Schmerz hat sein Herz gebrochen,

Und ewig ruft es: »Todte, ach, wie schön Ihr seid!«

Gott selbst ist eine Gluth. Die Gnade ist sein Glühen.

Der Heiland hat sie über seinen Tod verneint.

Mit der Erfüllung müssen wir uns nordwärts mühen,

»Denn dort ruht sie noch tief, versteinert, rein verneint!«

»Nicht wahr, Du Meister,« sage ich: »Der Gottheit Ende

Ist nur ein Bild, wie aller Tod und Ungeburt.

Wir wachen, wirken nicht, der Geist der Gegenstände

Tritt unter uns und heißt: ich bin, was Ihr erfuhrt!

Das Chaos giebt es nicht: es kann sich nicht gebaren!

Die Gnade ist und muß darum lebendig sein.

Gott sündigte, um uns Erlösung zu gewähren:

In Ewigkeit ist selbst der Tod von Sünde rein.«

»Mein Kind, das ist der Geist, den Christus uns versprochen!«

Erwidert mir mein sorgenloser Gottesmann:

»Er ist aus unsern Seelen herrlich ausgebrochen:

Jetzt lebt der Gott, den sich der Mensch dereinst ersann!

Bald werden wir ihm keine Tempelräume schaffen,

Auch Christus wird nicht mehr als Heilsgestalt bestehn.

Er kann sich voller Menschlichkeit dem Bild entraffen

Und urlebendig in den Weltgeist übergehn.

Der Geist in der Dreieinigkeit ist auferstanden:

Der Lebensgott und Christi Gnade sind nur Er.

Die Einheit hören wir aus unserm Herzen branden,

Durchs Anderssein ergründen wir sie nimmermehr!«

»Warum sprichst Du vom Glühen und von Gottesflammen,

Ist auch das Feuerelement blos ein Symbol!

Ein Bild scheint mir ein Keim, dem Thatsachen entstammen,

Und heute,« sag ich: »Fassen wir bereits ein Wohl.«

»Mein Kind,« spricht nun mein lieber Meister: »Jedes Gleichniß,

Das tausendfach entsteht und ewig furchtbar wiederkehrt,

Ist Wirklichkeit und nicht, was mehr ist, ein Verzeichniß

Undeutbarer Weltwahrheiten, die man verehrt.

Was Gott geschaffen hat, war kraftvoll ausgestattet:

Leibhaftig hat der Geist sich in die Nacht gesenkt,

Und jedem Weltgedanken, der das All verwaltet,

Hat seine Bildwucht erst die Lebensform geschenkt.

Denn glaube, Sonnenstrahlen sind blos Gottesarme,

Mit deren Wucht Er alles zu zermalmen droht,

Doch seine Hände sind auch weiche Luft, und warme

Leibhaftigkeiten schafft der Tag durch Selbstgebot.

Seid jeher glühte Christus in der Nacht der Erde,

Aus jeder Blüthenschönheit, die aus Liede starb.

Im Abendwind, aus jeder Dankbarkeitsgeberde

Des Baumes, der am Tag sein Feierkleid erwarb:

Aus jedem Reh, durch dessen Blick der Jäger zagte,

In allem Kindeslachen ist er hold erwacht!

Der Heiland ist der Mensch, der in der Menschheit tagte,

Und Christus hat die That der Erdmutter vollbracht.«

»Da er ein Mensch war, wollen wir die Menschen lieben

Und ihn verehren, wo man seinen Nächsten schätzt.

Es ist uns,« sage ich: »Sein Fleisch und Blut geblieben,

Der Geist hat unsere Leiblichkeiten festgesetzt.«

»Mein Kind, es naht das Ende der Gewaltaskese,

Die Keuschheit hat uns Selbstzucht hintermacht,

Es ist bestimmt, daß unser Weib des Fluchs genese:

Des Fleisches Auferstehung,« sagt er: »Sei vollbracht!

Gewahrsagt ward im Inderland von einer Nymphe:

Der Mann steige dereinst zu Gott allein bergan.

Das Weib entsinkt ihm da, im eigenen Fleisch und Schimpfe,

Doch auch der Tag erscheint, da er sie freien kann.

Es hat der Mann sich einst vom Weibe ganz geschieden,

Aus Freigeschlechtlichkeit die Welt nicht mehr gekannt!

Doch stürzte er: Und wieder wandeln wir hienieden!

Nun rächt die Erde sich: wir sind dem Weib verwandt.

Wir Menschen treten uns seit langer Zeit entgegen.

Der Mann, der jetzt die Frau über sich selber setzt,

Empfindet, daß er nach den steilen Wanderwegen,

Das Weib, das sorglos schlief, sonst nimmer würdig schätzt,

Mit ihm die Kraft des Geistes furchtlos zu erfahren:

Und glaube mir, viel Männlichkeit durchtränkt die Frau,

Sonst könnte sie die eigenen Tiefen nicht gewahren:

Nie träfe sie der Mann am Wanderwunderbau.

Kämst Du, mein Kind, nach einigen hundert Jahren wieder,

So wärest Du nicht mehr des Weibes Kavalier,

Es käme als Gefährtin freier Töchter nieder

Und hälfe dir!« Da frage ich: »Das Weib in mir!«

»Mein Kind, Du sollst nicht blos das Innigste verstehen!

Denk auch,« Erfahre ich: »was Dich am Tag erfreut!

Gefährlich ists, in Wissenswehmuth zu vergehen,

Und Pflichterfüllung, daß man Urerkennrniß scheut!«

»Von Spaniens Klippen, wo die letzten Mauren hausen.

Über Sevilla und Toledo braust ein Sturm!

Es tanzen ihn Gespenster, Hexen und Banausen,

Und siehe,« sage ich, »es zieht mich zu dem Wurm!

Es freute mich, mit einer Metze mich zu drehen,

Und im Besitz von Weibern will ich untergehn.

Im Taumel fühlt ich eisigtief die Pyrenäen:

Ganz Frankreich könnte meiner Lust nicht widerstehn!

Von tausend Teufelinnen durch die Luft getragen,

Entleerten wir uns allesamt über Toulouse!

Das wäre wildes, gottverdammtes Lusterjagen:

Nein, nein, mit keinem Weibe wandre ich zu Fuß!

In meiner Freude will ich wie die Eulen fliegen:

In einer Nacht zehntausendmal vom Riff zum Rhein.

Die Ehe hasse ich und das Zusammenliegen:

Ich will ein schöner Träumer meiner Sünde sein!«

»Es würde Dich der Sabbath ganz bestimmt anwidern,

Du nahmst,« erfahre ich, »daran noch niemals Theil.

Die Welt läßt sich nicht heilsam ineinandergliedern,

Denkt jeder nur an seine Lust und nicht ans Heil.

Die Gluth der Sinnlichkeit kann selten frei erglimmen:

In Indien und im alten Rom, da hat das Meer

Vermocht, die Rhythmen der Familie klar zu stimmen,

Doch heute ist man weibertoll und wonneleer!«

»Das nächste Mal jedoch will ich zum Sabbath reiten!

Daß ich ein Sünder bin, oh Meister, weiß ich wohl.

Doch was die Sünde ist, darüber läßt sich streiten,

Was man so nennt,« Erwidre ich: »Ist ein Symbol!

Durch jeden Schritt und Athemzug sät man Zerstörung.

Als unser Schöpfer übel that, war ich dabei.

Doch, daß ein Mord schon Sünde sei, das ist Bethörung:

Das Leben ist die Sünde, Gott haßt blos das Ei!

Aufjubeln heißt, die dumme Niedertracht vergessen.

Die zehn Gebote sind ein eitel Staatsgeschäft.

Zum Sabbath stiegen, heißt sein Ungewicht ermessen,

Und teuflisch ist man nur, weil man den Flug nachäfft.

Der Satan trachtet seinem Gott schrittweis zu gleichen.

Den dummen Teufel, der ihn nachahmt, nenne schlecht.

Der Spiegel selbst, der Neid, die Sucht, Ruhm zu erschleichen,

Und das Geschlecht ist schlecht, so lange es ein Knecht!

Ich aber trachte keine Rotznase zu zeugen.

Dem Schöpfenden sind Dienst und Zufallspiel ein Graus.

Ich will mich nicht vor Gott und seiner Prüfung beugen,

Und schaffe gut, wie das Genie, aus Gott heraus.

Mein Weib ist weich und frei. Mein Zweites ist meineidig.

Und unsere Lust gellt jungen Jubel in die Welt.

Die Luft ist gut. Kein Pfuhl ist so geschmeidig.

Sag Beelzebub, ob dieses Dreiblatt Dir gefällt!

Ein Hagelball ist unsere Sommernachtmatratze,

Die hält uns frisch, und nimmer dampft der Weiber Schweiß.

Im Winter deckt der Föhn mich zu mit meinem Schatze:

Ein Geist bin ich und liebe leichtes Traumgeschmeiß.«

»Mein Sohn, knie nieder und empfange meinen Segen!

Du reizt Dich oft zu grausen Sabbathträumen auf.

Ich weiß: Dein Sündenüberblick ist kühnverwegen

Und drum erlaubt auch Gott nicht Deinen Heilsverkauf!«

Das höre ich und fühle Hände auf dem Haupte,

Und dann: »Oh Herr, bewahr ihn vor dem Thatentschluß!

Nur Du, sein Schöpfer weißt, was ihm die Heimath raubte.

Mein Kind, nun ziehe fort, das war mein Abschiedsgruß!«

Die Blätter lächeln, alles kichert rings vor Freude,

Ich nenn es so, weil ich den Wald ja nicht versteh!

Natur, erklärst Du Dir mein blaues Traumgebäude?

Erkennst Du Dich in mir, Du treues, scheues Reh!

Du fliehst mich ja, Du gleichst wahrhaftig meiner Seele:

Fliegt auf, Ihr Vögel stiegt! Ich schlage auf den Strauch:

Hei, hui, davon, davon, doch stumm bleibt meine Kehle,

Dahin, ganz still dahin ist der Betrübtheit Rauch.

Ich stehe starr, im lauten Walde und alleine.

Entwurzelt sich in mir ein junger Wesenstraum!

Was ahne ich! Ich weiß nur, daß ich innig weine:

Aus Trauerkränzen überbaut sich so ein Baum!

Ihr Siegerzweige könnt Euch in den Äther strecken,

Ach, Eure urbewußte Stummheit ist zu stolz!

Ihr fühlt die Wurzeln, die Euch unbeugbar erwecken,

Ihr seid erfaßter Saft im ungebrochenen Holz.

Unscheinbar, wie aus Überdruß, tragt Ihr die Zapfen.

Die Eichel kündet Euern kleinlichen Verfall.

Bleibt wurzelstark, packt immer andere Waldstandstapfen.

Beharrt, als aller Unschuld sterbensfreier Wall.

Wie nackt und arm empfinde ich des Daseins Schande.

Wie dumm, wenn unser Wurzeln, lustbewußt, aufzuckt.

Der Tod verfolgt uns für gebrochene Stammbaumbande,

Der Urwald ist es, der um Wanderwesen spukt.

Ach Wald, mein Dasein faß ich hier als Kraftgedanken,

Beim Wandern aber rauschst Du über mir als Traum.

Ach Wald, ich weiß, daß wir die Einsicht Dir verdanken,

Mein Leib ist blos ein Schatten, und ich selbst bin Baum!

Nur der Bach kann lachen. Nur die Nacht kann lachen.

Es ist ja bei Kindern fast immer nur Scherz.

Nur wer liebt kann aus Liebe sich wirklich was machen,

Und wer singt, dazu singt, nur der kennt den Schmerz.

Nur der Maiwind kann tanzen. Welche Maid will nicht tanzen?

Meine Maid mag nicht tanzen. Meine Maid hat kein Herz.

Nur die Luft ist oft lustig: und drum nimm deinen Ranzen

Und denke, du liebst, und dann liebt dich der Schmerz.

Ich weiß das Lied von einem Wichte,

Eine ganz einfache Geschichte:

Er war das Launenkind vom März

Und hatte wie der Mensch ein Herz.

Sein Vater war vielleicht die Kälte,

Drum kriegte er von allen Schelte;

Wenn seine Mutter Windsbraut blies,

So hieß es, daß sie ihn verstieß.

Auf einmal kamen laue Winde.

Die Spechte klopften an die Rinde.

Da hüpfte auch des Wichtes Herz,

Doch trieb mit ihm die Freude Scherz.

Er sah die Schwalben Nester bauen,

Das Frühjahrsgrün auf allen Auen,

Ganz einsam blieb nur er, der Wicht,

Und rief: Noch blüht die Linde nicht!

Es kam der Blüthentraum der Kirschen,

Im Wald das Kalben von den Hirschen.

Auf einmal schlug die Nachtigall:

Und horch, man horchte überall!

Das Wichtlein blickte hin zur Linde,

Sie rauschte kaum im leisen Winde.

Warum wohl die sein Traumbild war!

Wer weiß: sie schien ihm wunderbar.

Mit Blitz und Donner kam der Regen,

Um auch die Rosen wegzufegen.

Da fürchtete sich unser Wicht,

Es blieb sein Herz im Lenz so schlicht!

Die Mutter fiel ihm ein im Sturme.

Er blieb mit einem Regenwurme

Im Nassen oder gar versteckt.

Dann ist sein Freund, der Wurm, verreckt.

Auf einmal gab es keine Winde.

Verblüht war aber auch die Linde.

Gar blutig lachte noch der Mohn,

Da starb der Wicht an Leid und Hohn.

Hätte ich ein Fünkchen Glück, wäre alles anders!

Wollte blauer Thauwind hold meine Segel schweelen,

Blitzte gleich durch mich der Geist eines kühnen Landers,

Und ich müßte nimmer mehr, mich ums Mehr zerquälen.

Wäre wenig anders nur: hatte ich ein Fünkchen Glück,

Träumt ich nicht voll Brunstgewalt in die nackte, kalte Nacht,

Denn ich fühlte mich im Weib, bis in meinen Grund zurück:

Würde je mein Graun getilgt, hätt ich keinen Sturm durchwacht!

Wüßte ich, warum ich fromm, daseinsscheu und seltsam bin,

Ahnte ich, weshalb um mich nirgends grünes Glück gedeiht,

Hätte dieses kleine Sein plötzlich schrecklich vielen Sinn!

Nirgends fände ich den Zweck und ich stürbe doch vor Leid.

Dennoch höre, Erde mich: ich bin auch ein Kind von Dir!

Erde, ach, ich liebe Dich. Liebe ist mein Erdensang.

Erde, liebe Deinen Sohn, wie die Pflanze, wie das Thier!

Erde, warum bin ich hier liebesarm und todtenbang?

Hätte ich ein Fünkchen Glück, hielt ich rein das Glück!

So ist oft mein Traumgesicht wild auf Lust erpicht.

Alles bleibt in mir Versuch. Nie gelingt ein Stück.

Sing ich das, so glaube ich, daß mein Herz mir bricht.

Mein Herzog, mein Herzog, ich bin überwunden:

Mein Herzog, mein Herzog, oh schweige, vergieb!

Du starbst doch am Kreuze, so laß mich gesunden,

Ich schüttle mich, rüttle: und Staub bleibt im Sieb!

Mein Herzog, mein Herzog, ist das Deine Gnade?

Mein Herzog, Du hast mich zu plötzlich gepackt!

Du knickst mich, ach, laß mich am Schmerzpilgerpfade:

Vor Gott und vor mir geh ich barfuß und nackt!

Mein Herzog, was that ich, was hab ich begangen?

Schon vor der Geburt, Heiland! schlugst Du mich lahm.

Du ließest mich furchtbar nah zu Dir gelangen,

Daß Schwindel, Verzweiflung bald über mich kam.

Nicht, daß ich vier Menschen, wie ich bin, getödtet,

Nicht das, großer Herzog, betrübt mich zu Tod.

Ich bin ob der Unthat urplötzlich erröthet

Und damit genügte ich Deinem Gebot!

Doch ohne die That warst Du niemals erschienen,

Ich hatte mich nimmer so furchtbar erwühlt!

Mein Herzog, ich seh Dich, nun muß ich Dir dienen:

Oh, hätte als Sklave ich nie mich gefühlt!

Die That ließ im Herzen den Urtag ergrauen:

Jetzt leuchtet in mir sanft und sonnig das Lamm.

Mein Herzog, ich mag nicht so tief hinabschauen:

Mein Herzog, Du heilst nicht, das trübt noch den Schlamm!

Mein Herzog, Du bist das Gespenst aller Gnade:

Ich hab Dich als Sünder und Schöpfer erkannt.

Nun sage mir, wie ich der Qual mich entlade:

Nur wer Dich durchschaut, sei Dir gleich, arm genannt!

Denn Reichthum, mein Herzog, ist Freiheit! kein Elend!

Und Du bringst Dich selbst in den Schöpfungen um,

Ich habe, das Heil und die Einsicht erwählend,

Mich furchtbar verflucht: Gott, oh wärest Du stumm!

Mein Herzog, mein Herzog, als Hiob erkannte,

Wie leidreich und arm Gott der Demüthige ist,

Da war es sein Herz, das zum Schöpfer sich wandte:

Oh schlage mich, Herr, der Du selbst Glück vermißt.

Mein Herzog, mein Herzog, Du triffst mich zu schrecklich!

Oh, sage warum Du in mich Dich vergrubst.

Du wußtest, ein Mord sei im Krüppel erwecklich,

Und suchtest, bis Du den Triumphschrei anhubst.

Mein Herzog, mein Herzog, Du hast mich vernichtet.

Mein Herzog, was hilft Dir ein einzelner Christ!

Jetzt triff mich: ich habe mich selber gerichtet!

Du blätterst: – wo Einsicht so tief an mir frißt!

»Nichts ist ermüdender als gut zu Mittag essen.

Nun theure Freundin thue was mein Blut erfreut.

Du bist genügend lang gefräßig stumm gesessen,

Du weißt, daß sich mein Herz vor keinem Teufel scheut.«

Kaum sag ich das, so horcht die Buhlin auf und zwitschert;

»So lassen wir für heute den Nachmittagsspaß,

Doch wenn die Venus hoch am Osterhimmel glitzert,

So führ ich Dich zu aller Wollust grausem Übermaaß.

Die Thürme Speyers kannst Du gut von hier gewahren.

Rasch rutsch ich hin und bin zur Dämmerung wieder da.

Dann wollen wir zusammen durch den Schornstein fahren:

Nachts treibt der Satan allerhand Allotria.«

»Das ist ein Zufall!« Ruf ich: »Wahrlich eine Freude!

Ich forsche, frage rings im Elsaß und der Pfalz

Nach einer Sabbathbraut, neun Monde schon vergeude

Ich nutzlos wandernd, sprich hast Du das Satansschmalz!«

»Ich will es hurtig für die Auffahrt zubereiten.

Aus Speyer,« Hör ich: »bring ich was mir abgeht mit.

Es fehlt mir Uhublut, Fünffingerkraut und Kleinigkeiten

Wie Ratzenkoth, die nöthig sind als Salbenkitt.

Gestocktes Kinderfett liegt hier in meiner Truhe:

Du kennst die Beeren doch vom Nachtschatten genau!

Klaub sie heraus. Du bleibst allein. In aller Ruhe

Besorg das Amt: nach Sellrie halt ums Haus Umschau.«

»Ich bleibe nicht, ich will mit Dir hinein nach Speyer!«

Erwidre ich: »Mein Schatten macht mir angst und bang.

Ich fürchte mich fürwahr nicht vor der Teufelsfeier,

Doch dieser lange Albhallunke macht mich krank.«

»Ich tummle mich. Entwisch mir nicht. Ich komme wieder!«

Sagt mir das Weib: »Willst Du Prial zum Zeitvertreib!

Orolas, Char und Botis singen Wollustlieder,

Und Buar schlüpft in einen jungen Weiberleib.«

»Ich bleibe nicht, ich bleibe nicht, ich will nach Speyer!«

Erwidre ich: »Mein Schatten macht mich seelenwund.

Kein Teufel ist mein irdischer Gespenstbefreier,

Der Satansschatten da verfolgt mich wie ein Hund!«

»So laufe was Du kannst und hole was ich brauche!«

Sagt mir das Weib: »Beim Katzenstein wohnt Eligor

Mit Ix der Hexe, mit dem Fuchspelzbauche,

Die giebt Dir alles, zeigst Du diesen Zettel vor.«

»Verflucht!« ruf ich: »Du kommst nicht mit! der dumme Schatten

Begleitet mich und ist so schnell wie ich am Ort.

So hager als er ist, er kann doch nie ermatten,

Stets ist er da, bei Wollustgrauen, Scham und Mord!«

»So humple fort!« ruft nun das Weib: »ich habe Eile.

Beim Sabbath bleibt der alberne Geselle weg.

Mit Volak machst Du, bis ich elf zähl, eine Meile,

Und wenn Du wiederkommst, so hol ihn Dir im Dreck.«

»Halloh! juhei! ich tanze heut mit einem Weibe!

Ich laufe hurtig,« rufe ich: »sonst huscht ich stets

Den Bötzentanz mit einem Traum, statt einem Leibe:

Mir scheints, der Haß gegen den Schatten da verräths!«

»So lause denn,« schreit laut das Weib: »ich hole Otze,

Und mache Quark, bevor der Ostertag verglimmt.

Dann wirst Du sehn, wie ich dem Römerherrgott trotze,

Komm bald zurück, heut Abend luderst Du bestimmt!«

Oh Dom Du! – Was ist das? Wie furchtbar! Wie entsetzlich!

Gespenster umwirbeln Dich schattenhaft blaß.

Sprecht, seid Ihr auch Schemen? Ihr scheint unverletzlich,

Doch selbst Eure Hagerkeit dünkt mich zu kraß!

Da sagt mir ein Bürger beinahe in Thränen:

»Ein gräßliches Unglück umnachtet die Stadt!«

Oh sieh diese Schlünde, die überall gähnen,

In die sich die Tanzschaar hier eingekerbt hat.

Heut ist es ein Jahr, seit der Wirrwarr begonnen.

Es rief eine Hexe: »Der Sabbath stockt da!«

Da hat sich der furchtbare Wuthtan; entsponnen.

»Der Rhein ist der Wall!« Schrie sie auf! Dann: »Hurrah!«

»Wahrhaftig,« erwidre ich: »Das da sind Leute!

Doch sehn sie bestimmt nicht. Ihr Blick ist zu starr.

Es sind ja beinahe nur Knochen und Häute:

Ein Schatten ist dicker als so ein Tanznarr.«

»Sieh hin, diese Leiche dort tanzt ohne Arme.

Es ist das die Tochter des Küsters vom Dom.

Der Vater beschwor sie und packte die Arme.

Ihm blieben die Arme, das Kind diesem Strom.

Noch wirbeln sie weiter. Ein Jahr ist vergangen.

Kein Bischof, kein Segensspruch bändigt die Wuth!«

Erfahr ich: »Sie haben schon gar kein Verlangen,

Dreitausend aus unserer Stadt sind es gut!«

Die Kleider sind Fetzen, das Fleisch faul wie Hadern:

Ein Gnom schleppt wohl jeglichen Todten dahin.

Ganz schwarz ist das Blut nun bestimmt in den Adern.

Man schaufelt und schabt schon in Gruben tief drin.

»Das Grab, das da klafft ist nur Schatten auf Schatten.

Die stets gleichen Massen zerkratzen den Grund.

Die Schatten thun,« Sag ich: »das Amt schwerer Platten,

Und glaubt, unser Wegbruder wetzt sich oft wund!«

Der Bürger ist weg, und ich schau auf die Puppen.

Das sind trockene Mumien mit lebendem Haar.

Sie tanzen und fallen, wie zuckende Schnuppen.

Oft grinst schon ein Loch, wo die Nase einst war.

Die Flechten sind frei und bestimmt voller Läuse.

Ja Würmer zerfressen den furchtbaren Spuk.

Ein Zahnlückenmund klafft als Schneckengehäuse,

Und siehe, der thut einen grausen Schaumschluck.

»Heut muß man den Domprobst hier drinnen verscharren.

Der Tod hat ihn diesmal als ersten erlest.

Selbst heute, am Ostertag, schiebt man den Karren!«

Spricht jemand: »Denn wißt, er ist schrecklich verwest.«

»Man zieht ihn nicht, sondern man wird ihn nur tragen.

Seit Ostern starb niemand, nun ist es ein Jahr!«

Giebt jemand zur Antwort: »Doch seht, wir beklagen

Die ganze verdammte, wildtanzende Schaar.«

Wahrhaftig, da bringen acht Nonnen den Todten,

Im offenen Sarg, mit Kapuzen vermummt:

Sie kommen von oben! Acht Schattenvorboten

Sind furchtbare Phallusse! Horcht, was man summt:

»Oh Herr, gieb der Seele des Erdpilgers Frieden

Und fege, oh Feuer, was Makel ist, weg.

Es büßte die Seele schon manches hienieden,

Nun fege, oh Feuer, den letzten Schandfleck!«

Jetzt tanzen die Leichen noch rascher und grauser

Und sperren dem Leichenzug, wirbelnd, den Weg.

Da ruft eine Stimmet »Der Probst war ein Knauser

Und selbst im Gebet für die Tanzmumien trag.«

Ein Pater erhebt seine Hände und bittet:

»Ihr Schatten des Vorhöllenfeuers macht Platz!«

Ganz nutzlos, der Tanz wird nun ganz ungesittet!

Es macht ein Gespenst auf den Sarg einen Satz.

Dann bricht eine Nonne ermattet zusammen.

Die armlose Leiche zeigt grad auf den Thurm,

Da heißt es: »Wir wollen uns alle verdammen,

Man lautete nicht, dafür naht nun ein Sturm!«

Entsetzlich ist jetzt der Lebendigen Erregung!

Man flucht und man betet, macht Zeichen und schreit.

Ein Dompfaff versucht eine Irrthumsauslegung,

Jetzt packt eine Leiche, die tanzt, eine Maid.

Nun endlich beginnt dumpfes Todtengelaute.

Gleich macht auch der Tanzspuk dem Leichenzug Platz.

Ganz langsam verstummt das Geheule der Leute:

Es endigt der Leichen entsetzliche Hatz.

Es dröhnt nun der Brummbaß. Es klingeln die Glöckchen.

Es legen Verreckte sich knirrschend ins Grab.

Drei todte Blondinen erheben die Räckchen

Und wirbeln dann grinsend ins Ringloch hinab.

Jetzt geht es zu Ende! Bald haben wir Frieden!

Vom Dom her ertönt schon der Todtengesang.

Da liegen sie alle, die tanzend verschieden,

Doch gräßlich erhebt sich der Leichengestank.

Ein furchtbarer Rummel durchdonnert die Ruhe.

»Die Pest!« Ruft man ringsum. »Die Pest, seht die Pest!«

Ich weiß nicht, warum ich verzweifelt mitthue.

Auch ich schrei: »Die Pest, seht zu Christi Hülfsfest!«

Ich weiß nicht, was soll die Erbitterung bedeuten.

»Die Juden und Ketzer verpesten das Land,

Wir wollen die Hexen verbrennen und häuten!«

Das schreit man und kreischt man ringsum wuthentbrannt.

Es läuft schon eine Haufe zum Stadtthorgefängniß

Und fordert der Hinrichtung Zeuge zu sein.

Die Wache befindet sich erst in Bedrängniß,

Der Hauptmann jedoch kommt im Nu überein.

»Sie sollen verbrennen, wir wollen sie schinden,

Die Ketzer und Fremden verbreiten die Pest!

Verräther zertrennen, Gedärme auffinden,

Das wollen wir!« Wüthet man vor dem Arrest.

Das Volk schafft das Scheiterholz emsig zur Stelle.

Es ruft und es droht: »Gebt die Hexen heraus!

Das brennt schon!« Ruft plötzlich ein Foltergeselle.

Roth wuchtet es auf, und schon folgt der Applaus.

Ich weiß nicht warum, doch ich schrei wie besessen:

»Verurtheilt ist niemand, drum wartet noch zu!«

Es thut nichts, daß ich mich zu so was vermessen.

Man ruft nur: »Die Ketzer!« Und läßt mich in Ruh.

»Ihr Römlinge,« schrei ich: »Verdammte Verräther,

Verbrennt lieber Mönche! befreit unser Land!«

Da sagt mir ein Nachbar: »Das machen wir später:

Der Satan reicht Pfaffen und Hexen die Hand!«

Ich rufe: »Ihr Schurken, Ihr grausamen Schufte!«

Da huscht schon das Feuer lebendig empor.

Mir ists, als ob jemand mich böswillig puffte,

Doch dringt sonst kein Schimpf gegen mich an mein Ohr.

Die Flamme wirft furchtbare Schnuppen von Schatten.

Die tanzen wie wahnsinnig rings um uns her.

Die Wabe pfaucht auf. Das Gericht geht von statten.

Es naht schon ein Zug. Das Gefängniß ist leer.

Erst kommen die Nonnen und singen im Chore:

»Herr Jesus verzeih Deinem sündigen Kind!

Maria, empfange im Weltthränenflore

Die Seelen, die bitter und böswillig sind!«

Die heiligen Schwestern sind wandelnde Schatten.

Die Schemen daneben hingegen sind wahr.

Es sind das da Irrwische, Augenblicksratten:

Ja, Fledermausschwärme erblick ich sogar.

Man singt: »Deine Gnade kann alles vergeben,

Auch Ketzern und Hexen, die Jesum verflucht.

Selbst wo sie vor Menschen das Haupt frech erheben,

Hast Du ihre Demuth, oh Heiland, verbucht.«

»Mama, ach Mama:« wimmern rasend die Armen.

»Mama!« nur »Mama!« brüllt die Sündopferschaar.

Die Scharfrichter halten sie stark an den Armen.

Die Flamme pafft auf, und es sträubt sich das Haar.

Es singen die schwarzen Gestalten: »Ihr Gnaden

Des Himmels ergießet Euch über die Welt,

Es brachten die Ketzer uns furchtbaren Schaden,

Der Mensch hat verziehn, will der Heiland Entgelt?«

»Mama, ach Mama, lösch den Wuthsalamander,

Den rothen, den drohenden Unhold mach todt!«

Man klammert sich schreiend, ganz Angst, aneinander.

»Mama,« nur »Mama!« schluchzt der Mensch in der Noth.

Das Wort hat den Mann aus dem Weibe erhoben.

Nun stürzt uns die irdische Leiblichkeit nach.

Fast werden wir Zwitter! Die Brunstgluthen toben.

Der Geist sträubt sich auf und verdammt unsere Schmach.

Jetzt singt man: »Sie brachten den Streit und das Fieber

Und fuhren zum Sabbath! wir hatten die Pest!

Die Menschen verziehen: wir wissen, oh lieber

Herr Jesus, daß Du keinen Sünder verläßt.«

Man packt seinen Scharfrichter, halst ihn und bittet:

»Nur leben, nur leben, im dunkeln Verließ.

Die Mauer ist schwarz, jeder Ausweg verkittet,

Mama hilf, Mama, da uns Jesus verstieß!«

Jetzt steht schon, ganz schattenlos, mancher im Feuer.

Man hört fast kein Brüllen der bratenden Schaar.

Das Volk hier am Platz ward zum Wuthungeheuer.

Sogar den Mamaschrei nimmt niemand mehr wahr.

Da schrei ich: »Wir wandeln aus einem Vulkane!

Das da ist des Ararat Allflammenkranz:

Ihr opfert Zehntausend im Strafablaßwahne

Und seid nur des Urfatums blasser Abglanz.«

Es stammen die Ketzer. Es singt das Heer Christi:

»Qui Mariam absolvisti!« Und: »Mama!«

Hallt es noch laut: »Quondam mihi spem dedisti!«

Gehts weiter und Wahnschatten flattern ganz nah.

Da schrei ich: »Wir nahen dem Araratkrater!

Wir wachen und wandeln durch Wabe und Glast,

Denn Gluth nährt das Drama im Alltagstheater,

Und alle hat Weinwuth und Wahnwitz erfaßt!«

Man packt mich beim Arme. Ich werde geschlagen.

Man schreit: »Diesen Fremdling zerblaut und verbrennt!«

»Ich sah ihn bei Kolmar, vor etlichen Tagen!«

Ruft jemand: »Er zeigte sein Klumpfußtalent!«

»Der Ararat spukt noch. Ihr kreuzigt Zehntausend,

Wie Gott es«, so schrei ich: »der Menschheit befahl!«

»Mama, ach Mama!« kreischt man fort, und wildbrausend

Entfachen rings Flammen unsagbare Qual.

Man fesselt mich, reißt meine Kleider in Fetzen,

»Der da hat vor Schatten, vom Sabbath her, Angst!«

Spricht jetzt jener Bürger von früher. Entsetzen

Erfaßt mich. Er lacht: »Daß Du Gnade erlangst!«

»Mama, ach Mama!« schrei ich laut mit den Schaaren

Von blassen Gestalten, die Jesus bestraft.

Man zieht und man zerrt uns an Armen und Haaren,

Ich rufe: »Wacht auf, die Ihr weltwandernd schlaft!«

Der Schatten der Obrigkeit macht lauter Possen.

Am Erdboden zeichnet er Schnurren voll Witz.

Doch mich hält der meine zurück: mit zehn Rossen

Bringt niemand mich fort, da ich schattenfest sitz.

»Bemüht Euch nicht!« ruf ich; »Mein bleischwerer Schatten

Beschützt mich: an ihm zog ich selber mich lahm!

Doch seht, meine Sühne geht trefflich von statten:

Ich lodre als Mensch, denn ich brenne vor Scham!«

Ich weiß wohl: ich durfte kein Weiberfleisch kennen!

Nun werd ich davor durch den Henker geschützt!

Ich prahlte, ich wollte zum Hexenfest rennen

Und habe die Unschuld im Traum abgenützt.

»Du Zauberer!« schreit man und thut mir zu Leide,

Was nur eines Scharfrichters Rohheit vermag.

Doch ich und mein Schatten, wir halten uns beide

Mit Blutwurzeln fest, ja, ich fühl keinen Schlag.

Jetzt ruf ich aufeinmal; »Ach, laßt mich auf Erden!

Ich schlürfe die Farbe als himmlischen Kuß.

Ich lebe, begreifend, ein Künstler zu werden.

Ach, schwärzt meine Seele nicht furchtbar mit Ruß!«

»Mama, ach Mama!« So entschluchzt es Verirrten

Auf Erden, in loderndem Büßergewand.

Mir ists, als ob Schmerzfackeln nah uns umschwirrten:

Ich weiß, in ein Maaß ward das Leibleid gebannt!

»Das Erdrund war niemals so ruhig wie eben.

Es spukt nur der Berg, wenn Ihr Ketzer erwischt.

Doch bald wird das Innere der Welt selbst erbeben,

Dann werdet Ihr mild, denn der Gluthsturz erlischt.

Der Ararat aber wird Weltgericht halten.

In Euch ward die Wabe durch Selbstmarter stark.

Die furchtbar verhaltene Gluth wird Erdspalten

Weit aufreißen: Satans Welt fallt in den Sarg!«

Das rufe ich laut, und mein Schatten ermattet.

Acht Scharfrichter schaffen mich lahmen Mann fort.

Ich werde jetzt bald in der Sonne bestattet!

Ich falle ins Licht: die Erdranke verdorrt.

»Oh Sonne und Erde Ihr seid unzertrennlich!

In mir, großer Lichtvater, bist Du das Weib,

Das Erdaugen liebt. Doch erkenn ich Dich männlich,

Als Theil dieser Erde und Meister im Leib.

Oh Sonne!« So bei ich: »Du scheinst nur so ferne,

Doch allgegenwärtig durchglühst Du mein Sein!

Du Erde wachst wirklich weit über die Sterne,

Du grübelst in mir Dich ins Weltall hinein!«

Mama, ich umhalse Dich wahr in den Flammen.

Macht rasch! rasch! Mama, ach Mama, welches Leid!

Wir brennen. Mein Schatten und ich sind zusammen.

Wie es wahnsinnige Schmerzstecken rings auf mich schneit!

Macht rasch! Rasch! Mama, ach Mama: wie ich rase.

Nur rasch! rasch nur, Rauch her: wischt Schmerz ab, wischt weg!

Nur rasch, ach, Brandfalter umflattern die Nase.

Nur Rauch, Rauch, ich brauche rasch Rauch im Versteck.

Entsetzlich! das da ist die Gluth im Vulkane!

Ich liege im Schachte und werde verbrannt.

Wahrhaftig, dort braten die Sabbathkumpane,

Und ich bin im Tartarus tief festgebannt.

Doch bald pfauchst Du nimmer, Du letzter Titane!

Den Krater verscharrt die ringswachsende Wand.

Sofort ist im Tode das Erdleid vergessen.

Die Schmerzen der Brandwunden fasse ich kaum.

Ich hatte mich, sterbend, zu glauben vermessen,

Die Seele entfliehe als Taube dem Raum.

Doch nein, zwischen Araratfelsen und Pässen,

Gewahr ich noch immer den innersten Traum.

Ich bin noch nicht todt. Doch mein Tag ist erstorben.

Ich athme und qualme noch lustig dort fort.

Mein Leib wird von glühenden Bräuten umworben.

Der fiebernde Schmerzbaum jedoch ist verdorrt.

Die blühenden Blättergefühle verdorben:

Mein Wesen beruht nun bewußt auf dem Wort.

Entsetzlich! wir sterben und Schemen bestehen!

Was wirbelt dort grauenhaft krampfhaft ins Sein?

Ich sehe, wie Schatten sich wahnwitzig drehen

Und plötzlich dem Scheine Weltwahrheit verleihn.

Wo Helden und Ketzer im Urstaub aufgehen,

Hockt noch ihr Verfolger am Grenzmarterstein.

Sie holpern und hoppsen: und Einer packt alle.

Ein Rauchmeteor stürzt vom Gratkap herab.

Ein Mensch ists. Er trifft mich beim Falle

Ins Araratgrab. Doch scheint er mir schlapp!

Sein Wahnsinnsgelächter durchgellt die Felshalle.

Da liegt er! Mein Schatten! Er säumt mich ganz knapp.

Jetzt steht er vor mir: gar erbärmlich und hager:

Der nordische Narr, der uns nachschleicht und packt!

Er ist es! Des deutschen Gemüthes Erbplager!

Der Grübler und Nachrichter, der sich abhackt.

Er naht mir, als garstiger Kadaverbenager.

Da giebts keine Frage: er ist es kompakt!

Die Auferstehung des Fleisches

Die Apokalypse

Mein Grab ist keine Pyramide,

Mein Grab ist ein Vulkan!

Das Nordlicht strahlt aus meinem Liede,

Schon ist die Nacht mir Unterthan!

Verdrießlich wird mir dieser Friede,

Der Freiheit opfere ich den Wahn!

Die Künstlichkeit, durch die wir uns erhalten,

Den Ararat, wird meine Gluth zerspalten!

Der Adam wird zu Grab getragen,

Und übrig bleibt sein Weltinstinkt.

Der baut sich auf aus tausend Marmorsagen:

Ich selbst, ein Schatten, der zur Arbeit hinkt,

Vermag blos um den Ahnen tief zu klagen,

Da er durch mich, im Schacht, um Fassung ringt.

Das Grab, das er sich aufbaut, ist sein Glaube,

Daß ihm Vergänglichkeit sein Urbild nimmer raube!

Ich fühle, stolzer Erdenvater,

Dein Leid, das die Gesetze sprengt:

Ein Drama denkst Du im Theater,

Das tausendstufig Dich umdrängt.

Du athmest Freiheit aus dem Krater,

Der furchtbar sich zusammenengt:

Auf Deine Grabesruhe trachte zu verzichten,

Dann wird Dein Herzensstern die Welt belichten!

Ich selber bin ein Freiheitsfunke,

Das Gleichgewicht ertrag ich nicht!

Hinweg mit dem Erfahrungsprunke,

Ich leiste auf mein Grab Verzicht!

Die Gnade schäumt im Urgluthtrunke,

Als Übermaaß ins Weltgericht.

Doch das will ich mit meinem Schatten halten,

Ich träume Euch, befreite Erdgewalten!

Mein Grab ist keine Pyramide,

Mein Grab ist ein Vulkan.

Mein Hirn ist eine Funkenschmiede,

Das Wert der Umkehr sei gethan!

Kein Friede klingt aus meinem Liede,

Mein Wollen ist ein Weltorkan.

Mein Athmen schaffe klare Taggestalten,

Die kaum erschaut, den Ararat zerspalten!

Es klimmt die Sehnsucht nach der Erdenfreude,

Aus meinem ganzen Wesen, hin zum Licht.

Dort wandle ich durch weite Traumgebäude,

Als ein maskirter, eigenmächtiger Wicht.

Ich führe blasse Mädchen traut zum Tanze,

Und die Verachtung der Moral ist mein Gericht!

Ich heirate in heiterem Festsaalglanze:

Erst kenne meinen Leib, dann das Gesicht.

Ich gebe mich nur halb, doch nehme ich das Ganze!

Du andere Maid, mir gut zu sein, ist Deine Pflicht.

Umarme mich beim bunten Maskenfeste!

Solang Du jenem folgst, behalt ich Dich in Sicht!

Du schönes Kind, die Liebe ist das Beste,

Das unsere Muttererde uns geschenkt,

Komm fort mit mir, sonst sind wir noch die letzten Gäste,

Komm, schlanke Maske, in mich eingehängt:

Komm aus dem Saal der Spötter und der Neider.

Sieh, wie mein Athem hin zu Deinem Munde drängt.

Wir Haben beide weiche Atlaskleider.

Aus Deinen Ärmeln schwillt das warme Fleisch.

Mein Kind, sieh her: es zittern schon die Fibern beider!

Von meiner Stirne, Mädchen, tilg den Schweiß!

Auf Deinem Busen fühl die Lippenwunde.

Wie kommt es: Deine weiße Haut ist kalt wie Eis?

Der letzte Rausch geht erst von Mund zu Munde.

Mein Kind, wie furchtbar wird Dein Unterleib!

Du hinkst! bist Du mit einem Teufel gar im Bunde?

Du bleibst im Kleid: ich bitte Dich verbleib!

Umschlinge mich! Du hast am Arm Geschwüre!

Wie Du verstumpfst? Fürwahr das ist kein Zeitvertreib!

»Du ekles Thier willst, daß ich Dich berühre?«

Ich bin verblüfft. Das Mädchen hats gesagt!

Ich weise diese Maske wüthend vor die Thüre.

»Die Öffnung ist zu klein!« Spricht nun die Magd.

Sie hat an Wucht und Krankheit zugenommen.

Ihr armer Körper ist von Fäulniß ganz benagt.

»Ich werde wohl Dein Fieber überkommen!«

Seufzt nun das Mädchen mit dem Trommelbauck.

»Nein, Scham für Dich ist Scharlach gleich, in mir erglommen!«

Kaum sag ich das, so fühl ich ihren giftigen Hauch.

Sie windet sich vor Schmerz und fletscht die Zähne,

Die ihr entfallen und dann faucht sie: »Fauler Gauch!«

Ihr Haar, das mich umschlang, sind falsche Strähne!

Nun sage ich: »Der Satan ist im Spiel:

Du hast ja eine RingelnatterRückenmähne.«

»Sei still!« spricht sie: »Du reitest einen Stiel!«

Da reiße ich die Larven wild herunter.

»Der Tod!« kreischt sie, der das Profil zerfiel.

Statt ihres Atlaskleides hält ein bunter

Bauchaussatzgürtel sie roth eingeschnürt.

Nun rufe ich: »So eine Braut stimmt einen munter!«

»Ich wurde krank, als Du mich kaum berührt!«

Giebt sie zur Antwort mir. Und ihre Füße

Sind hufbeschlagen, wies für Teufel sich gebührt.

»Entschuldige,« sag ich: »daß ich Dich begrüße.

Ich gehe fort, doch trifft Dich keine Schuld!«

»Wie!« Schreit sie; »Willst du, daß ich für Dein Lasterbüße!«

»Pfui Buhlerin!« Ruf ich, voll Ungeduld.

Da krampft sie sich an mich und schreit: »Verrather!«

Ich komm nicht fort. Und furchtbar wird nun der Tumult.

Wir werden scheinbar beide aufgeblähter.

Der Teufel weiß: war ich zuförderst krank!

Oder war sie es früher schon, und ich erst später?

Wir stehn bestimmt lang im Zusammenhang.

Wir bilden einen schrecklichen Kentauer.

Die Beine regt der nämliche Gedankengang.

Von unsern Stirnen rinnt der Schweiß der Schauer.

Sie fürchtet mein zerfressenes Gesicht:

Und ich bin ihr erschreckter Todtenkopfbeschauer.

Wir haben unser Zwitterdinggewicht

Und trampeln furchtbar auf mit unsern Hufen:

Und Finsterniß entwuchtet nun beim Tageslicht!

Wir sind zu einem Schreckgericht berufen.

Wir müssen tasten, da wir gar nichts sehn.

Doch wo wir rühren, wecken wir nur Wehmuthsrufen:

Um uns will das Gestöhne nicht vergehn.

Wir können unsern Luststug nur vermuthen.

Wir mögen uns vielleicht in Schicksalskreisen drehn!

Ach, werden wir Unseelige einst verbluten?

Wir greifen blos, um endlich still zu sein.

Wir wünschen nur, daß wir in einem Grabe ruhten,

Doch das geht furchtbar über Stock und Stein:

Wir hören unser Dunkelsein verfluchen.

Wie konnte unsere Lust uns solchen Schreck verleihn?

Ich will hier anzurennen doch versuchen:

Im Wahnweh kreischt jetzt eine Stimme auf!

Doch alles fühlt sich an, als wäre es umrindet.

Die Sinnlichkeit nimmt den Verheerungslauf,

Drum sind wir auch durch den Genuß erblindet!

Da pack ich schuldlos wieder einen grauen Knauf:

Ich fühl das Opfer, das sich ächzend windet.

Was soll ich thun! Ich rase fort und fort.

Ich weiß, daß auch das Weib das gleiche Graun empfindet.

Gott spricht aus uns bestimmt ein Richterwort!

Durch die Vernunft mag ich das Menschenleid besiegen.

Es schwelgt mein ganzes Wesen im Erkenntnißraum.

Ich will die Wildnißzweige auseinander biegen,

Die tausend Zufallseinfälle beacht ich kaum.

Sie alle sind mit mir naturgetreu verbunden,

Doch nirgends saß ich ihren klaren Ausdruckssaum.

Ich schau in hellgestirnte Urvernunstrotunden.

Ich baue mir, aus tausend Träumen, Tempel auf:

Und da vernehme ich im Sange alte Kunden.

Probleme, Wahrgestalten kennt man jetzt zu Haus.

Doch die sind nichts als Spinnen menschlichen Geredes

Und ändern wirklich kaum den stillen Dingverlauf.

Jedwedes Weltsystem ist tief, doch ich befehd es,

Wenn es den Menschen nicht zur Erdbeherrschung lenkt.

Ich suche in mir selbst den Standpunkt Archimedes:

Ich sehe wie mein Lebenspendel ruhig denkt,

Und mein Vernunftbewußtsein laß ich dabei schweigen:

Und da erfaß ich, wie es vom Verstand abschwenkt:

Jeder Begriff ist meiner Wesenart leibeigen.

Er bebt, wie es mein inneres Gleichgewicht verlangt.

Doch schwingt er oft noch fort, wo Einsichten abzweigen,

Da ist es, da im Spalte, wo die Seele schwankt,

Wo ich versuchen muß, den Ursprung zu erkunden:

Um dieses Dunkel seh ich, daß sich Hoffnung rankt.

Mein machtvoller Verstand, Du magst Dich klar abrunden

Und sagen, was ich machen soll, um tief zu sein:

»Mein Bruder, aller Dienstbarkeit bist Du entbunden!«

»Nun so erforsch in Dir,« spricht er sogleich: »den Stein

Der Philosophen! den Raum und Kram mußt Du beschaffen

Und auch die Gluth Deines Gemüthes dazu leihn!«

»Was ich an eitler Habe kann zusammenraffen,«

Antworte ich: »Das alles hol ich Dir sogleich!«

Da lacht er: »Her den Tand, bald giebt es keine Pfaffen!«

»Den Ehering nimmer, da, dieser Stein ohne Vergleich!

Das alte Kruzifix noch kann ich leicht entbehren:

Hei, wie das glückt, ich schaffe frei ein deutsches Reich!«

Jetzt spricht er: »Theurer Bruder, lasse Dich belehren,

Im Kampfe gegen Rom ist das noch nicht genug,

Der Fürst wird Dir wohl einen Zuschuß nicht verwehren!«

»Da er mir Landvermeffungsarbeit übertrug,

Besitze ich aus seinem Schatz tausend Dukaten:

Befrei ich ihn damit, so ist das kein Betrug!«

Kaum sag ich das, so wird er gleich zum Advokaten:

»Gieb her, Du hast den Muth, ich den Verstand!«

Antwortet er: »Uns wird der Zukunftsstaat gerathen!«

Wie wunderbar: kaum ist das fremde Geld zur Hand,

So helfen uns schon tausend Kobolde und Gnomen,

Aus freier Warte überschau ich Ackerland!

»Ringsum bemerkt man schon die Besserungssymptome,

Du bist beliebt, treib selber jetzt die Steuern ein.

Diplome,« sagt er, »schaff in Dir wie die Phantome!«

»Nein!« schrei ich auf, »Ich wehre mich ein Schalk zu sein!«

Der Philosophendom entschwindet meinen Sinnen.

Es pendelt der Verstand, ich pack ihn: »Du bist mein!«

Er fühlt bestimmt, er kann mir nimmermehr entrinnen.

Er ruft: »Gelöst ist nun ein großes Weltproblem.

Was nur Erscheinung ist, erfaßtest Du von innen!«

Rein steht er neben mir. Ein Sternendiadem

Verweilt auf seinem Haupt, durch die Bewegungsringe,

Die ich sehe! Er ist herrlicher als ehedem.

Er spricht: »Du sahst die Last der sinnlichsten der Dinge:

Was auf der Erde feststeht, dreht mit ihr sich fort.

Was frei wird, sucht daß es die Linie sich erzwinge

Und trachtet tangential vom Erdberührungsort,

Zu dem es noch die Arschwingung mit sich getragen,

In andere Bahnen einzugehn, und zwar sofort!

Die Erde kann es dann sogleich erjagen.

Das ist, was man den Fall der Gegenstände nennt,

(Vom Pendel kannst Du immer den Beweis erfragen!«)

»Ja,« sage ich; »das kommt, weil alles vom Moment,

Da es dem Land entfallt, in seiner letzten Richtung

Zu bleiben sucht und sich vom Arumschwunge trennt!«

»Die Erde stürzt auf ihre Dinge. Die Vernichtung

Der Einzelheit,« spricht er: »ist sicherlich ihr Zweck!

Durch Unterscheidung aber schafft der Geist Erdichtung!«

Ich aber rufe: »Trotzdem rühr Dich nicht vom Fleck!«

Doch als ich zu ihm sprach, da war er mir entglitten,

Und schon gebärdet er sich überaus gewandt und keck.

Den Dom von früher seh ich Irdisches verkitten.

Die Hülfsgespenster, Nothphantome sind schon da,

Und er, der sie nicht merkt, beherrscht sie unbeschritten!

Ich seh genau: ein Glückszufall ist wieder nah.

Er wird, was sich bereitet, ganz naiv begreifen:

Brav, mein Verstand, verachte Du die Kabbalah!

Der Fürst tritt vor. Ich sehe das Verhängniß reifen.

Er zeigt ihm, von der Warte aus, was ihm gelang:

Er kann dem Prinzen einen Ring vom Finger streifen!

Ich hasse seine Habsucht, diesen niedern Hang,

Das Gold den anderen für Gedanken abzunehmen:

Doch hält sein Thatendrang mich ganz in Bann und Zwang.

Was kann ich thun? Wie soll ich seine Spannkraft lähmen?

Es winkt der Fürst: und Schmuck und Bücher schleppt man her.

Ich muß mich seiner Unverschämtheit langsam schämen.

Er blickt nur auf das Gold: mich sieht er gar nicht mehr.

Die Buchstaben beginnen hin und her zu tanzen,

Und zwar auf mir hoppst nun das winzige Wimmelheer.

Er liest im Buch. Da ordnen sich auf mir die Wanzen.

Er sieht in mich und er versteht den letzten Satz.

Ich diene ihm nur mehr zur Herstellung des Ganzen.

Antik und nackt erscheint zumeist ein Buchstabfratz.

Doch deutschen Aufputz trägt, was der Verstand erschaute,

Und unermüdlich dauert die Umkleidungshatz.

Auf einmal hör ich mir verwandte Laute.

Ja, Menschen sind es, die zum Fürsten dringend flehn,

Er möge rasch zerstören, was mein Bruder baute:

Die Steuern sind zu hoch, man muß es eingestehn!

Doch er lackt höhnisch auf und ringt mit Witz und Blitzen

Den Aufruhr nieder, und der Prinz laßt es geschehn.

Ich sehe ihn jetzt auf ein weißes Pferd aufsitzen.

Die Eheringe nimmt er noch den Leuten ab,

Die sich verzweifelt nun ihr Festgewand aufschlitzen.

Das Roß trägt einen Harnisch. Furchtbar ist sein Trab.

Der Reiter wirft rings Eisenspinnen in die Menge.

Die picken Beutel auf. Einer entrutsch ich knapp.

Ich seh das Übel, das ich als Verstand versprenge:

Mechanisch stinke Eisenfluggebilde schwirren

Ins Volk. Und ihre Rüssel von beträchtiger Lange

Durchbohren manches Herz. Und Gifthauche verwirren

Die Hirne der Verzweifelnden, die Gott verläßt.

Man hört den Reiter überall vorüberklingen.

Fürwahr, mein Bruder haust viel ärger als die Pest,

Denn er zerbricht Gewissen, anstatt Kerkerleiber!

Dem Christenthum giebt er in manchem Reich den Rest.

Er ist Tyrann und auch zugleich ein Geldeintreiber.

Polypenartig, weh, begreift er diese Welt.

Er ist Zutreiber, Pesthauch und Rezeptverschreiber:

Auf baares Geld hat er das Erdschicksal gestellt!

Die Freiheit will ich. Und mein Wesen wird ein Bauer.

Ich gebe es nicht aus: ich sprenge die Kultur!

Ich kämpfe wieder gegen Hitze, Fluth und Schauer:

In aller Trauer, steh mir bei, Natur!

Den Glauben laß ich mir durch keine Kirche rauben,

Denn er vertieft in mir, beim Furchen, seine Spur.

Fliegt auf, um mich, huihei, ihr meine wilden Tauben:

Schlau, steil und stracks, steigt auf, aus Eurem Nesterloch!

Dann hockt der Jäger nutzlos hinter Dornenlauben,

Ich mag Dich, Welt, nicht, doch mein Feld, das lieb ich noch!

»Heh Nachbar!« rufe ich: »Theilt Ihr mit mir den Grund?«

Der Einfall schon entfacht in beiden Zornesflammen.

»Mein Bruder!« ruft er, »uns vereint ein stummer Bund.

Was Du auch brauchst, von mir sollst Dus empfangen,

Den letzten Trunk noch führe ich von Mund zu Mund!«

»Das weiß ich!« sage ich: »Doch lange kanns nicht langen.

Der Adel und die Pfaffen sind der Freiheit Tod.

Der Knecht wird schlecht bezahlt, der Landmann aufgehangen.

Ihr Überstuß, ihr Wissenskram ist unsere Noth!«

»Unsere Gesundheit,« ruft mein Nachbar: »ist ihr Grauen!

Genug der Worte: sän wir weiter Wein und Brot!«

Ich aber will bei mir die Saat der Freiheit bauen.

Mein einziger Genosse bleibt ein Dohlenschwarm.

Ich mag sein Kommen und sein Immermehrverblauen.

Gelt, Luftbettler, wir bleiben immer stark und arm.

Doch wehe jenem Fant! wir brauchen keine Steuern:

Kommt er mir nah, so fühlt er meinen Arm!

Man ruft: »Man will das bischen Leben noch vertheuern.«

Nur zu, nur zu, nur weiter auf den Ritter los!

Bald werden wir in seinem Felsenhorst einfeuern.

Man reißt ihn jetzt vom Roß. Schon kriegt er einen Stoß.

Ich höre ihn von evangelischer Freiheit quieken,

Nun stellt er sich durch seine Afterweisheit bloß.

Er fragt: »Seid Ihr lutherisch oder Katholiken?!«

»Zwischen zwei Übeln wähle ich das größere stets!«

Ruf ich: »Wir bleiben päpstlich brave Kirchenkieken!«

Nehmt schnell die Vogelscheuche meines Seleriebeets.

Ich setze sie aufs Pferd, sammt andern Kramgeräthen,

Und zünde alles an, laut unseres Felddekrets!

Die Grafenmähre gleicht jetzt einem Tagkometen.

Sie wiehert fürchterlich. Entsetzlich ist ihr Schmerz

Und gelb und blau schlägt man den Schloßpropheten.

Fürwahr, das war ein rechter derber Bauernscherz!

Doch was geschieht? Des Pferdes Flammen werden Flügel?

Das Roß steigt auf! Gar fürchterlich pocht mir das Herz!

Der Tand verbrennt! tritt niemand in die Feuerbügel?

Den Aufruhr schnaubt das Roß. Und ringsum wird es Nacht.

Gar wunderbar erhebt es sich jetzt über Flur und Hügel.

Die Flamme ist in allen Herbergen erwacht.

Und zwischen Burgen zischen Blitze hin und wider.

Ja, auch im Felsschacht hat das Schlachtpferd Gluth entfacht:

Am Himmel glüht des Rachegeistes Lichtgefieder.

Nach Norden steigt es auf. Zum Richter wird der Mord.

Kommt Brüder, singen wir der Freiheit Feuerlieder.

Geprüft wird Ort für Ort. Erfüllt wird Wort für Wort:

Verbrannt die Burg der Schulden, erkannt das Urgedulden.

Es weilt des Heiles Hort, das Satansseil verdorrt.

Die Gluth der Unschuld wuchtet aus den Mulden.

Dem Krieg, der wüthen muß, entbiete ich den Gruß!

Das Blut am Himmel ist mein eigener Freiheitsgulden!

So ruft aus voller Brust: »Jamjam hiscit Flammeus!«

Der Tartarus

Das wiechert und wimmelt, das schlingt Wirbelschlippse

Und sucht seine Ohnmacht in Fassung zu bringen.

Das Bild, das ich sehe, gleicht stockendem Gipse.

Was wird sich dem Staub und dem Wasser entringen!

Das da sind die Pferde der Apokalypse!

Die Dünste verklingen. Gluthschwingen zerspringen.

Das Unthier dort kenn ich: es ist meine Stute,

Die packt und zerfleischt alle Lasterbundrudel.

Sie speist sich mit faulem, verdorbenem Blute

Und sorgt, daß die Hure die Welt nicht besudel.

Ich fürchte ihr schreckliches Leid überstuthe

Mein Grab noch, als gischtbleicher Leichensturzstrudel!

Fürwahr, tausend Todte entkollern den Sargen.

Die Hufe der Stute zerknicken zu viele.

Kein Raum ist mehr rings in den Erdfriedhofbergen.

Der Tod übernimmt sich! Da springt eine Diele

Im Dome empor! Eine Zweite! Gleich Zwergen

Erstehen die Väter der Kirche! Jetzt sind wir am Ziele.

Gespenster entrecken sich schrecklich den Gräbern.

Verraucht sind der Drangsale bildliche Fluchen.

Umgeben von wirklichen Erdlichterstrebern,

Verdunstet die Stute in Eigenblutgluthen.

Luftlarven mit furchtbaren Rachedurstlebern

Vertilgen die Giftbrut in drei Urminuten.

Jetzt rennen zwei Hengste noch schneller ins Leben.

Ich sehe sie riesig viel Menschen zertreten.

Die Grüfte sind wieder so voll wie soeben,

Die Leichen jedoch, die sich ringsum verspäten,

Erbrechen die Särge, um selber, umgeben

Von Blechdeckeln, sich in ein Grab einzukneten.

Der Tod hat sich selbst voller Wuth überwunden;

Die Wucht seines Einbruchs belebt die Verreckten.

Ich sehe die Menschheit des Übels gesunden:

Gefährten des Elends, die Flecke bedeckten,

Erstehen im Grab, ohne Ausschlag und Wunden:

Da stehn sie nun frei von ererbten Defekten!

Es wüthen die schrecklichen Hengste noch immer.

Ich sehe sie Heerden ins Todtenreich treiben.

Doch gräßlicher noch sind die Gräberentklimmer,

Die Würmer und Schlaf aus den Hohlaugen reiben.

Der Ararat wankt! Grauses Sterbegewimmer

Ertönt von Entsetzten, die selbst sich entleiben.

Auch mich läßt der Schreck vor dem Ende erbleichen:

Das letzte Gericht will ich nimmer begreifen.

Vom Ararat stürzen bereits Einzelleichen,

Die ringsum die Sterbefluth hinter sich schleifen.

Oh, könnte ein Wille den Fallschwall eindeichen!

Ein Traum aber muß in sich selber ausreifen!

Das siebt durch die Zacken: das schwimmt zwischen Zinken:

Der Todesstrom stürzt von unglaublichen Höhen

Herab in den Schacht. Tausend Schaumleiber blinken.

Das sind keine Leichen. Das sind Körperböen!

Die könnten ihr Leben aus Wuthfluthen trinken,

Selbst wenn alle Wesen den Gräbern entflöhen!

Der Ararat kann seine Leichen nicht halten.

Er speit sie aus allen verrammelten Schluchten!

Es wimmelt in tausend versteckten Bergspalten

Und muß dann herab in den Dunkelschacht wuchten.

Das da sind des Weltfiebers Wahnwitzgewalten,

Die abermals unseren Wunschstern befruchten!

Das da sind Wahrschatten: das da Grabkalfakter!

Es stürzen Nationen herab in den Krater:

Der Leiberfall hat Kataraktbachkarakter.

Da zischeln Schaumlaster. Da fauchen Haßkater.

Und dort gießt es Menschen, wie menschlicher, nackter

Kein Richter sie jemals gesehn, noch ein Pater.

Der Fall von Millionen Lebendigen und Todten

Muß endlich mein furchtbares Schluchtgrab verschütten.

Ich seh, wie sich Gischtanekdoten verknoten

Und stolze Gemüther beim Absturz zerrütten.

Jetzt ists, als ob Falllustbegierden auflohten!

Hier wüthet das Drama der Burgen und Hütten.

Hernieder und immer noch tiefer hernieder,

Herab in den Erdschacht will alles leicht fallen.

Es pressen die Leiber ihr Lichtgischtgefieder

Ganz eng an die Glieder, um abwärts zu wallen.

So sacht wie ein Traum, ohne Flugschuh und Mieder,

Mag da jedes Wesen verwehen, verhallen.

Das schlägt an mein Grab an. Ein Schaumweib kommt näher.

Da stürzt eine wuchtige Leiberlawine.

Es werden mir gleich tausend Fleischaufersteher

Das Taglicht verkürzen. Schon rollt die Gardine

Ganz nahe heran, und um mich, Zwielichtseher,

Ists nunmehr gethan, wie ichs längst schon verdiene!

Was soll das! es zeigen sich vor mir jetzt Leiber!

Ich selber, ich selbst, bin vom Strom fortgerissen.

Es trägt mich ein Goldbett. Als Sturzübertreiber

Erstreben wir wieder ein hohes Gewissen!

Wir schwimmen empor unter wogende Weiber

Und werden dann frei zwischen Wahlhindernissen!

Ich fühle mich wieder ins Leben getrieben.

Es hebt mich und hilft uns das Feuer der Erde.

Ich sehe sein Gold aus den Grundschluchten sieben.

Besiegt ist der Lichtseele Kerkerbeschwerde.

Wir dürfen vor Gott unsern Leib wieder lieben.

Dem Fleisch wird vergeben, daß Weltfriede werde!

Wohl sieben Mal konnte ich lebend Leib wechseln

Und darf mich nun abermals menschlich bekleiden.

Das Feisch umgebären, statt Rechtsformeln drechseln,

Sich selbst für die Fleischfluchvertilgung entscheiden,

Der Bruch mit der Furcht vor zehn Beelzebubwechseln:

Das heißt Auferstehung aus Sterblichkeitsleiden!

Ich rolle im Golde und bin schon fast oben.

Ich kann meine Formen beinahe erfassen.

Ich höre die Nordsee den Weltberg umtoben

Und fühle die Brandung der Südgluth in Raffen,

Die hoch um den Pol ihre Freiheit geloben.

Der Geist unseres Heiles hat Leiden erlassen!

Es naht jetzt die Aussaat des Adams der Reife.

Wir wollen nun alle den Lichttribut zollen.

Es bilden Lebendig und Todt eine Schleife,

Um nackt das Geschlecht vor dem Tag aufzurollen.

Ich weiß, daß ich frei meinem Nachtgrab entschweife.

Es trägt uns Millionen ein Erdgluthenwollen!

Das Meer, das ich sehe, ein Acker dem Geiste,

Tobt wüthend heran, um den Erdfels zu stürzen.

Mein Wesen, das lange den Gluthberg bereiste,

Fühlt plötzlich den Aufflug sich traumleicht verkürzen.

Viel tiefer im Traumkreis, treibt nunmehr das Meiste,

Und Eiswinde spüre ich Übelluft würzen.

Ich ahne mein Weib nun in geistiger Nähe.

Ich fühle: Du bleibst mir unendlich verbunden.

Im Augenblick, da ich das Grab übersehe,

Wo sämmtliche Völker ihr Wesen bekunden,

Durchbebt mich das Wissen, wie nah ich Dir stehe.

Mein bleibst Du im Geist und in Erdenluststunden.

Der Tartarus klafft. Wir erwachen im Schachte.

Verwolkt ist der Himmel. Die Frommheit ist todt.

Gebote, durch die uns der Tag sonnwärts brachte,

Verkümmern, verschrumpfen! Die Innengluht loht!

Das Nordlicht erscheint uns. Es stammt aus dem Schlunde.

Wir werden nicht mehr in die Höhe geführt.

Die Räthsel verschwinden. Der Mensch selbst bringt Kunden:

Es hat uns der Geist aller Gründe gekührt.

Es wird bald die Nackt aus dem Tartarus steigen,

Dem Nordmeer der Sturm aus dem Grunde entfliehen,

Das innigste Licht sich am Himmel verzweigen,

Und Jesus Geburtsstern mit Urgluth umziehen.

Schon wuchtet das Dunkel, mit Sturmwucht geträchtigt,

Am grauen, die Watten umbrausenden Meer.

Der Geist ist zum Flug über Schlünde berechtigt

Und wittert aus Menschen voll Schwebebegehr.

Es wagen schon Fledermausriesen durch Wogen

Des Windes, von westlichen Ufern, den Flug

Ins Fernengebieten. In schweifendem Bogen,

Entschmiegt sich dem Abendsaum sausend ein Zug,

Von Fliegegebilden, die Gruben geboren.

Des Tartarus Schatten sind langsam erwacht.

Sie formen sich oder sie gehen verloren.

Schon waltet auf Wollen und Wogen die Nacht.

Ich mochte den Mond ewiges Leben gebähren.

Im Seelenschein hab ich sein Walten erfaßt.

Er glich einem Auge. Durch Nebel von Zähren

Erschien er mir schimmernd. Dann ist er verblaßt.

Es dunkelt so heilig! Wir werden gesunden!

Ach Nacht meines Innern verfinstere die Welt!

Verwundert Euch, Wesen: Geburten bekunden

Die Ruhe, der jedes Gebilde entschwellt.

Eröffnet Euch, Herzen: die Seelen entfluthen!

Ein silbernes Schwärmen durchschweift meine Nacht.

Ideen, die weit in mir, unsichtbar, ruhten,

Erscheinen nun, über uns, schimmernd und sacht.

Die Nacht, ach, die Nacht wird den Tag überfliegen.

Die Nacht unserer Sehnsucht durchdunkelt die Welt.

Wir fordern Geburten. Oh Meer, tausend Wiegen

Erwühlen die Winde. Bald kommt unser Held!

Auferstandene!

Die glühenden Wünsche des Südens umbranden

Das dunkelnde Nordmeer. Frenetische Frauen

Enthüllen die Brüste in Brunstsarabanden.

Die Küste umrauschen Gelüste der Auen.

Dem Grabe zu Leyden entreckt sich Johannes!

Die Weiber von mondftuthumkräuselten Ländern

Bezaubert der Thatengedanke des Mannes.

Der todte Prophet wagt es strandwärts zu schlendern.

Der Abend ist nahe. Die Wahnschatten trachten

Sich rasch noch in Stahlpanzer starr einzukrusten.

Das Schnarchen der Drachen in nachtschwarzen Schachten

Vereinzelt sich klarer: die Gluthlurche pusten.

Die Mannschaften hasten, die That zu erhaschen.

Des Weibes Vollendung beschleunigen Rhythmen

Der Nachtschlachten, die uns nun bald überraschen.

Am anderen Strande erwartet uns Whitman.

Es wird Euch, Ihr Frauen, das Dunkel umgrauen

Und langsam den Fledermauswirbel verringern.

Und dann werden Nachtfalter traumhafter Auen

Zu leise versurrenden Höhenerzwingern.

Und eiserne Meervögel schleudern sich nächtlich

Dereinst über eisüberkrustete Flächen.

Dann blickt der gebändigte Nordschein verächtlich

Auf Längen, die unseren Flugaufbruch schwächen.

Im leibhaften Dunkel verschwindeln die Wege.

In herrschenden Seelen vernebeln die Zeiten.

Es werden die Rhythmen der Innigkeit rege:

Ihr harrt und Ihr horcht auf ein nahendes Schreiten.

Es wird das geweissagte Weib, überm Eise,

Die Frauen durchdämmernd, das Weltgeschick meistern.

Ihr seht es schon oft, auf verwegener Reise,

Die Schleier der Dinge auf einmal entgeistern.

Wir fürchten uns noch vor der Nacht der Gedanken,

In der unserer Leidenschaft Urkunden bluten,

In denen wir selber Gewitter entranken,

Lebendig verschwenden und wenig vermuthen!

Ihr Frauen, in Euch wird die Träumesbraut grauen!

Die Heldin erscheint in den Seelenlichtthüren.

Und Raubvögel suchen die Nacht zu durchschauen:

Der Mann wird das Weib einst im Freiheitschein kühren.

Überraschung

Durch Pinien lustwandelt der Mond, durch Glyzinien!

Ein blauendes Wasser bringt blauere Blätter.

Ein Windhauch verwiegt und verschmiegt alle Linien,

Das raschelt und scharrt wie von Rosengekletter.

Es scheint, daß der Flieder mit Blüthen sich brüste.

Er wogt seine Düfte, fast athmend, ins Freie.

Es ist, als ob alles mit Hauchen sich küßte,

Damit sich die Lust blos durch Tausche verleihe.

Auf einmal verwirrt mich die traumblaue Bleiche.

Doch sehe ich plötzlich ein Wunder erstrahlen:

Umschimmert von einem krystallklaren Teiche,

Erblassen und trinken Gestalten aus Schaalen.

Es zieht mich hinüber, wie heimwärts zu Brüdern.

Ich platsche ins Wasser. Man lacht mir entgegen.

Man schöpft meine Ringwellen, reicht sie den Müdern,

Und plötzlich beginnen sich Mädchen zu regen.

Ich schwimme so leicht, wie beflügelt, zum Eiland

Und fühle mich dann in verwandelten Landen.

Dort heißt es: Das alles versprach uns der Heiland:

Wir sind in Euch selbst, unsern Gräbern, erstanden!

Ich sehe geadeltes Bauernvolk lachen.

Und Einer sagt: siehe, es lohnt sich der Mühe!

Es freut uns, das Mutterland urbar zu machen,

Kommt, führen wir Büffel! geht, füttert die Kühe!

Ich bin doch zu Hause und glaube mich ferne.

Vielleicht in der Vorzeit. Vielleicht blos am Nile!

Dort steigt man in Berge, ich folgte so gerne,

Doch zeigt mir ein Priester gesonderte Ziele.

Er spricht: »Wir erbauten dereinst Pyramiden

Und trachteten stark, uns in Quarz zu vergraben,«

Doch dann ward ihr Wesen zum seligen Frieden,

Durch den wir uns wieder ins Dasein ergaben.

Wahrhaftig, dort steigt man für Erz in die Erde.

Auf einmal erwachen am Boden Kameele.

Nein, Erdhosen sind es mit Reckungsgeberde.

Man sprengt unterirdisch: das ist ihre Seele!

Der Nilfriede, Nilliebe wirken hienieden.

Hieratische Ruhe durchdämmert das Leben.

Es hat uns der Ausbau von Steinpyramiden

Erst spät unser Grundwurzeln wiedergegeben.

Es spielen rings Kinder auf silbernen Leiern:

Zumeist sanftgebräunte, schwarzäugige Dinger,

In leise verirdischten Mondschimmerschleiern,

Und Licht überspringt ihre spielenden Finger.

Nun darf ich die Kaiserin traumhaft gewahren.

Sie führt ihren lieblichen Sohn zu den Bauern.

Sie trägt einen Lothos verklärt durch die Schaaren

Beherzter Gemüther, die sprachlos erschauern.

Man winkt mir, dem mächtigen Weibe zu nahen.

Ich fühle, es wird mich ihr Wesen befragen.

Ich fasse den Muth, was sie meint, zu bejahen.

Da senkt sie die Blume und fängt an zu sagen:

»Das da sind die Wahrzeichen fürstlicher Güte.«

Nun frage ich, da ich geblendet bin: »Welche?«

Da sagt sie: »Das Glühwürmchen über der Blüthe,

Der blauende Thautropfen unter dem Kelche!«

Jetzt glückt noch der Fürstin das gütigste Lächeln.

Es schimmert in mich, zu den innigsten Bildern.

Schon kann seine Klarheit Gespinnste verfächeln,

Um sanft mein Erleiden durch Zartheit zu mildern.

Nun kommen die Boote allmählig nach Hause.

Es ziehn schon die Fischer rings schimmernde Netze,

Voll Beute und Tang, aus dem Wassergebrause:

Und gleich überwimmeln sich sämmtliche Plätze.

Die Weiber erscheinen mit mondbleichen Sicheln,

Die Mädchen gar häufig beladen mit Gänsen.

Man kichert im Finstern, beginnt sich zu sticheln,

Doch Bauern erhellen jetzt alles mit Sensen.

Es helfen Matrosen mit mondweißen Fischen.

Die krümmen sich zappelnd wie Sicheln zusammen

Und überall schimmern, entwischen und zischen

Gebilde, die leise und bleich sich entstammen.

Doch hocken noch stumme Gestalten am Strande.

Die wollen den Mondfisch, den Vollmondfisch, haschen!

Doch ich wandle langsam, zum Fang außer Stande,

Und weiß wohl, es wird mich noch viel überraschen.

Am Ufer der Träume erzählt mir die Seele

Das Lied meiner leidenden innersten Stimmen.

Ich will, daß der Wind alle Sehnsuchten schweele,

Damit meine Sagen ihr Tagen erklimmen.

Ägyptische Räthsel, erdämmert im Schwärmer!

Thebanische Mädchen, umzaubert uns wieder!

Ihr Starrheitssymbole, der Wind weht schon wärmer,

Drum Unterweltnumen, durchzieht unsere Lieder!

Der tropische Gluthenfluß faßt sich im Leben.

Astrale Gestalten ergreift Euch in Bäumen!

Die menschliche Seele, ein Fieberentschweben,

Entflattere, entwurzle sich ewig in Träumen.

Ihr Pflanzen im heiligen Urfriedensgarten,

Begeistert erscheinend die wirksamen Reiche!

Die Sterne und Quellenberauscher erwarten

Den Lothos der Seele im traumblauen Teiche.

Orkane am Styxe, durchwittert die Seher!

Chimären, beginnt im Gegrübel zu nisten!

Schon kommen uns zwitschernde Kindslarven näher,

Als ob rings Gespenster ihr SegelIch hißten!

Du Wesenheit spiele: erspiele Dir Bilder!

Erklimme Dir Lieder in Mondgeisterzonen!

Du Mildheit in mir, werde immer noch milder:

Entschaue Äonen, die doch blos betonen.

Der Baum

Es spielt der Wind mit vielen tausend nassen Blattern,

Und alle winken immer wieder anderm Wind,

Und Waldeswalzer höre ich im Schatten schmettern.

Auch meine Weisen singen, weil sie windwild sind!

Und viele Lieder wimmeln, wie die winzigen Bienen,

Um jeden Trieb, der sich der Blumungsgluth besinnt.

Der Muth zu werben ist mir Sterblichstem erschienen:

Aus lauter Zweigen thaut mein Urerkünden aus,

Und seiner will Vernunft, wie Bienen, sich bedienen.

Es horcht der Wind. Denn um zu horchen harrt sein Lauf.

Im Baum erlauscht, als Traumhauch, er sein lautes Rauschen.

Drum lauscht: Es überbrausen Meere sich zu Haus!

Es will, als Baum, die Erde sich am Baum berauschen.

Und was im Traum geschieht, wird auch ein eigener Traum,

Denn Träume können uns sammt Träumlichem belauschen!

Verrunzle Dich in mir, Du Traum von meinem Baum!

In meiner Ruhe nisten schon die Sehnsuchtslieder,

Singt doch die Stille durch die Wurzeln bis zum Saum.

Die Wurzeln greifen fern in die Ergebung nieder!

Wie ist die Stille tief! So tief wie sie entschlief!

Doch in der Krone giebt der Baum den Norden wieder.

Er folgt dem Wind. Er wird was ihn als Baum berief.

Er stürzt die Liebe in die witternden Geschicke.

Er wirbt um sich und wirkt als Traum urbaumhaft tief.

Du Baum, ich weiß, wie ich als Dickicht mich bestricke.

Du bist von Liebe übervoll, ja liebestoll!

Du liebst, oh Baum, was ich als Du in mir erblicke.

Und »Du«, nur »Dus«, erlausch ich, wo ich rufen soll.

Das Dunkel aller Ruhe kennt das Du der Dinge!

Drum ist die Welt so holder Wonneworte voll.

Oh Sonne, horche wie ich in der Krone singe:

Der hohe Norden strotzt von mordendem Verstand,

Das Land aber hat Gold für Sternenschmetterlinge.

Ihr Dünkelwichte, Dinge im Vernunftgewand,

Es wickelt Euer Himmelswink Euch aus den Wicken.

Die Schlingen fallen ab: es nagt der Fragebrand.

Es schlagen Wagnißschlangen auf zu Weltgeschicken!

Der Urwald leuchtet in das holde Weltenwohl:

Es glaubt der Baum! Und lauter Witterwipfel nicken!

Der Baum umwurzelt seiner Ruhe Wesenspol.

Er schützt die Nester, schirmt das SchmerzensIch der Thiere,

Denn jedes Blatt ist großer Duldung Erdsymbol.

So wirkt, daß nimmer sich ein Wirkungswink verliere!

Die Thiere aber sind schon mehr als Wimmerwind.

Sie irren sich ja nicht. Sie schwirren um das Ihre.

Entwirrt Euch schier! Das Winzigste ist weltgesinnt!

Und horcht in Eurem Baum aufs Morgen freier Meere.

Du große Sonne, wie genau ein Tag verrinnt!

Der Baum ist hoch. Er füllt schon seine Wesensehre.

Und über ihm begeistert sich ein Sternenkind

Und lauscht der Leidenschaft der Werdensschwere.

Wie viele Rehe weinend schon gefallen sind!

Oh Sternenkind, bewahre ihre Seelenthräne

Und mache uns im Wandel harmlos und gelind!

Der Wesen Schüchternheit, die ich im Wechsel wähne,

War einst ein Blatt, ein Thier, das man zu Tod gehetzt:

Und alles Land entstammt als eine Wahnsinnsmähne.

Im Namen der Verzweifelten, Welt, sei entsetzt!

Birg, Erde, jeden Todesschrei in Lichtgebeten:

Im BaumesNamen, säume nicht! es glüht das »Jetzt!«

Der Erde Wahnwitz brennt durch Winde, die entwehten.

Er ist ein Urwald, der sich flammennackt beseelt.

Hier stirbt man nickt! Die Thiere schimmern in Kometen!

In Riesenschweifen werden sie hinausgeschweelt.

Sie können kalt in alten Nachten plötzlich tagen,

Denn kein Gewissen hat den Weg zu sich verfehlt.

Die Wanderschaften, die den Menschen warnend tragen,

Erfüllen alle Nordheiten mit Seelenbrunst,

Und Thiere wittern aus den jungen Glanznachtsagen.

Zu eigenen Wesenheiten reist die letzte Kunst.

Die Lebensechtheit kann sich nur ekstatisch fassen,

Dort überm Weltbrandwahnwitz dämmert stumme Gunst.

Gedanken fangen an, mit kalter Gluth zu hassen.

Der Traum vom Baum verschlingt sich in den blauen Raum.

Es singen Sternenkinder in den Flammengassen

Und nisten schuldlos in der Ruhehuld vom Baum.

Dunkeldämmerung

Was sagt auf einmal warnungsblaß im Wesen:

»Oh Mensch, beherrsche Deine Überflüsse

Und glaub, daß man auf mich verzichten müsse!

Ich nenne mich: Ich bin die Welt gewesen.

Nun muß ich schreckensbleich verwesen.

Ich fühle mich, durch Eure Vollbrunstküsse:

Mein Leib sind Eure Niedertrachtsentschlüsse:

Ich würge und kann dennoch nicht genesen.

Weil grundgebrochen, wirke ich als Lüge!

Ich mag meinen Gehalt zusammenklammern

Und bin nur, wo ich Zwitterdinge füge.

Ich lauere, in Gewissensbruchentstammern,

Auf aller Wuchereien Dirnenzüge

Und werde Ich in allen Lasterkammern.«

Was warnt mich da? Was hat mich ausgesprochen?

Oh Leib, beschütze mich vor tiefsten Lüsten:

Ich bin Dir oft im Traum zu weit entkrochen!

Ich fand in mir ein Meer mit Lurchenbüsten:

Tumulte Todter waren ihre Schwänze,

Und Trüge träufelten aus ihren Brüsten.

Das war nicht ich! Das waren Schwärmertänze!

Blos meine Satanssache war im Knäule,

Und ich bin starr, daß ich am Tage glänze!

Bin ich nicht da, aus Graun vor meiner Fäule?

Mein Athmen ist ja auch ein Ahnenwalten,

Mein Gang bestimmt der Mütter Hoffnungssäule.

Ihr Freien reißt mich aus den Sturzgewalten,

Aus der Gespenstigkeit der Leidenschaften:

Wer kann allein sich in der Schwebe halten?

Ja, Kraken, die durch Trug zusammenhaften,

(Denn Falschheit muß ihr Fleisch und Mark ersetzen,)

Sind Weltgespenster, die noch nie erschlafften.

Astral läßt Du Dich wild von ihnen hetzen.

In ihrer Daseinsjauche mußt Du waten,

Bis wir uns einst aus ihrem Bann entwetzen.

Die Schemen sind! Wir zeigen es durch Thaten!

Der Ararat speit!

Die Vorsonne

Ich bin der Glaube an die Macht der Sonnen,

Und meine Inbrunst zeitigt alle Strahlen!

Ich walle aus mir selber in die Zahlen

Und halte mich von Ewigkeit umsponnen.

In mir erschöpfen nimmer sich die Bronnen.

Mein Ich entstammt ja festen Wahlen

Der Ringnatur in ihren Wandelqualen.

Drum werde ich. Doch hat mich nichts begonnen!

Ich bin! und weil ich bin, so will ich leben.

Und da ich leben will, bin ich ein Wesen:

Doch ewig nur, als wahrstes Sein und Streben!

Ich bin nur ich in meinem Micherlesen,

Und um zu werden, muß ich mir entschweben,

Denn nur aus mir beruht das Urgenesen.

Die Liebe

Ich weiß: ich habe mich entzweit, verloren!

Ich bin bereits der Schöpfung Leiden inne.

Und Ich, mein anderes Ich, verlangt die Minne:

Oh Gott, warum ward ich so fromm geboren?

Ihr Zweifel, naht mir nicht, dem starken Thoren!

Ich habe ja die Liebe nicht im Sinne!

Das Licht und sein Gefühl ist eine Spinne:

Doch bin ich noch, sobald ich mich erkoren?

Ich pilgere schon durch alle Möglichkeiten!

Ja, meine Liebe thaut in meinen Fernen

Und mag, das was ich war, dort vorbereiten.

Nun strahle ich, nicht ich, aus eigenen Sternen!

Ich trachte sie in mich zurückzuleiten,

Doch muß ich da stets Weiteres erlernen.

Die Leidenschaft

Oh Weiblichkeit in mir, ich liebe, liebe!

Ich halte Dich, sonst gingst Du ganz zu Grunde.

Noch lächelt meine Gottheit ja zum Bunde,

Drum liebe mich, damit ich nicht zerstiebe!

Ich weiß, wenn ich in meinem Reich verbliebe,

So triebe mich, zertheilt, die gleiche Runde,

Doch will ich Kunde von der Schöpfung Munde,

Drum Weib, erhebe Dich zum Liebesdiebe!

Wir sind die große Leidenschaft der Welten,

Denn unsere Seelen sän entstammte Sonnen,

Und unser Wollen kann schon leuchtend gelten.

Wir sind als Geist dem Eigenwunsch gesonnen.

Das Leben sinkt und steigt in Strahlenzelten

Der holden Sonnen, die sich selbst begonnen.

Der Untergang

Ich zweifle: soll ich Gott für mich verlassen?

Denn ich bin Er, und Er ist Ich zugleich!

Bestimmte sich ein urverfluchtes Reich?

Oh Gott in mir, wie könnte ich Dich hassen?

Und doch, ich muß das Weib mit Kraft erfassen.

Und wehe mir, denn schon gelingt der Streich!

Wir haben uns. Wir sind. Und Er wird bleich.

Wie konnte Ich so ganz in mir erblassen!

Die Flur, ein buntes Viereck, muß ich kennen.

Wir würfeln hin und her, und nichts gelingt.

Ich kann die Dinge kaum noch selbst benennen!

Wie feindlich alles meinen Geist umringt.

Ich mag von manchem das ich bin mich trennen

Und hasse was sich leicht vom Boden ringt.

Und doch! die Schöpfung dauert fort. Wir brennen!

Wir sind Zerstörer und wir müssen sein –

So gilt es, was verschwinden soll, zu kennen!

Die Scheidung lebt. Drum stich ins Land hinein!

Wirf Pyramiden auf. Versenke Keime.

Die Wiederholung wahrt Dick vor dem Schein.

Du bist ein Ackersmann im Daseinsschleime,

Und Sternenblüthen säumen Deinen Pfad,

Sie sind der ewigen Zeichen Erdenreime.

Nun sieh den Bienenschwarm, der ihnen naht.

Erblickst Du nicht den Tanz der Goldplaneten!

Die Thiere sind der Blume nächste That.

Ihr Honigkneten ist zugleich ihr Beten.

Sie bergen, wie die Erde, holdes Gold

Und müssen Gott durch stilles Thun vertreten.

Die Liebe weilt! drum sei auch ihr gezollt.

So geh aufs Meer und trachte zu entschweben

Und wanke nicht, wenn Dick der Zorn umgrollt.

Sogar im Sterben ist Dein eigenes Leben.

Was stirbt, das wirst Du, ja Du bist der Tod

Und kannst Dich blos vollkommen Dir ergeben.

Es ist der Tod die Ewigkeit, die loht,

Das Sterben Schmerz, das Nichtsein Wonne.

Wer tödtet ist. Und Sein ist das Gebot.

Ich bin der Glaube an die Macht der Sonne.

Der Lenz

Es wirft der Herr sich in das volle Leben,

Drum Gärtner in mir selber, stehe auf

Und steh der Dinge Seele sich erheben.

Der Bach beginnt den stillen Pilgerlauf

Und raunt von Riesen mit erhabenen Herzen,

Und Wolken ziehn um ihr Gebet zu Haus.

Verständniß tiefer Weihe meiner Schmerzen,

Oh, mache mich so schuldlos wie der Wind

Und laß das Unkraut mich am Feld entmerzen.

In vielen, vielen Dingen bin ich blind,

Drum streichelt mich die Lust, mit mir zu sprechen,

Noch bleibe ich ein unerfahrenes Kind.

Ich kämme wohl die Flur mit meinem Rechen.

Ich liebe alles, was der Schöpfer giebt

Und wundere mich ob unserer Gebrechen.

Oh Gott, der alle Erdendinge liebt,

Warum bist Du die That und nicht die Frage!

Ich fürchte mich, weil so viel Leid zerstiebt!

Der Sohn tritt überall voll Huld zu Tage:

Die Ölbäume bewegt ein leiser Hauch,

Und die Gestrüppe blühen schon im Haage.

Wie wundervoll ist doch ein Rosenstrauch!

Oh Herr, verkläre Dich in meiner Seele,

Oh Frühjahr in mir selber, knospe auch!

Doch blühe ich, so schmücken mich Juwele.

Die Seele ist am schönsten frischbethaut,

Und Jugend kommt auf Ewigkeitsbefehle.

Oh Heiland, Du erscheinst uns sanft und traut.

Die Eselin trägt Deine Last voll Freude,

Und alles Wartende ist Deine Braut.

Die Berge sind ein leuchtendes Gebäude,

Ein Tempel voll erstarrtem Schnee und Eis.

So ziehe hin, daß sich kein Korn vergeude.

Das Saumthier, mag Dich, über Gras und Gneis,

Empor zu jenen klaren Stirnen tragen,

Dort wartet Adam als ein bleicher Greis.

Du magst die Ansprache an Gletscher wagen,

Doch blos der Schnee, als weiblich, ist bereit,

Mit Dir vereint, sich selber zu entsagen.

Wie viel Du thust! und nichts thust Du zu leid!

Die Seele

Der Geist ist Freiheit, volles Daseinswollen.

Die Seele sein Bestand unter Gesetzen,

Die unerfaßt ihre Gewalt entrollen.

Es ist das Leid des Geistes Erdentsetzen:

Der Schmerz erblaut, wo sich die Freiheitskinder

An Schranken ihrer Lieblichkeit verletzen.

Der Mensch, der Freiheit herrlichster Entbinder,

Und seine Seele, selber eine Brücke,

Betritt den Weg zum Zweifelüberwinder.

Wer ist der Mensch? Hier zeigt sich eine Lücke.

Es giebt nur Wesen. Mehr und minder freie.

Was ist die Welt? Ein Raum verwandter Stücke?

Der Geist, der sie benennt, bekräftigt dreie.

Sich selbst und das, woran er zerrt und haftet:

Als Drittes Gott, der Wunsch, daß er gedeihe.

Ihr alle, die Ihr Euch als Wesen schafftet,

Um sterblich Euer Dasein zu umsäumen,

Vergeßt nicht, daß Ihr Euch, Euch selbst entrafftet.

Man lebt, um sich aus sich emporzubäumen

Und nichts Zertrümmerbares zu verschonen:

Die Wahrheit ist in Euern Wahrheitsträumen.

Wird einst ein Freierer auf Erden wohnen?

In Euch, nicht in der Zeit ist er enthalten!

Ihr selbst bergt Gottes Insichselberthronen.

Ihr fliegt durch Euer geistbeherrschtes Walten.

Der Erzengel zertritt die Fleischgesetze.

Ihr lebt in Schranken und müßt dennoch schalten!

Der Geist verheißt die Blutbeschwörungssätze:

Ihr sollt nicht an den Zwangsinstinkten hängen,

Denn seht, Gesetze selbst sind Sinnesnetze.

Drum seid! Ihr lebt allein in Euern Sangen!

Es ist die Gottheit blos das Selbstsichwollen,

Drum kommt zu Euch in Euern Lebensgängen!

Die Sonnen, die nach Normen abwärtsrollen,

Sind sterblich und somit des Himmels Lügen:

Das Licht ist Trug und blos der Schein des Vollen.

Es ist das Gegentheil vom Grundgenügen.

Es stürzt aus sich, um Scheinheit anzuzünden,

Denn nur der Tod wird stumme Wunder fügen.

Des Todes Majestät kann Werke gründen!

Er ist das Innenthum der holden Dinge,

In ihm erscheint der Trumpf von allen Bünden.

Oh Tod, wenn ich vor Deinen Quellen singe,

So ahne ich die weihereichen Lichter,

Durch deren Huld ich mich zum Grunde schwinge.

Die Sonne ist ja Schein! Und ich, der Dichter,

Bin aller Dinge Tod! mein Grunderbeden!

Herr Zebaoth, unendlicher Vernichter,

Zermalme mich! Es soll die Freiheit leben!

Der Pfad

Du sollst Dich unterwegs zur Duelle bücken,

Es wird Dich oft nach holder Labung dürsten,

Dann träume hingestreckt auf Deinen Rücken!

Die Olbäume sind gute Friedensfürsten!

In ihrem Schatten blicke auf Zypressen,

Die sind die strengsten Bäume und die dürrsten.

Willst Du wie sie für Dich die Welt vergessen!

So denke nach. Ein Baum ist ernst und heilig.

Er hat sein Wesen ewigtief ermessen.

Du glaubst an Bilder, denn Du sagst: Ach freilich!

Die Bäume, Bäche, ja Du selbst sind Zeichen,

Wer hat es nicht so wie die Wolken eilig?

Oh glaube nur: Du kannst Dich ganz erreichen!

Es ist die Welt das Wunder vieler Welten:

Nun wird sie just und hat nicht ihresgleichen!

Gewiß, die heitern Lehrer kennt man selten!

Wer weiß, wie oft zu Dir die Eichen rauschten,

Um plötzlich jetzt für Dich etwas zu gelten.

Wie viele Menschen, die den Pfad vertauschten,

Vermochten niemals Heimlichkeit zu finden!

Wer weiß, wohin sie ohne Glauben lauschten?

Ja freilich! Eben kennst Du Dein Empfinden!

Die Sonne hat mit Dir von Euch gesprochen,

Und Selbstentzücken spricht für Dich aus Linden.

Oh Herz der Sonne, alle Herzen pochen!

Wir wandern, Herz der Herzen, Dir entgegen!

Wir sind im Geist und seine Nacht ist angebrochen.

Ja freilich kommen wir, im Zukunftsregen!

Die Zeiten übergießen uns mit Pflichten:

Die Wissensspinne harrt auf allen Wegen.

Der Abend aber kann den Baum beschwichten.

Das Wunder spricht aus allen Eigendingen.

Und jedes Herz erzählt seine Geschichten.

Liegt doch die Sonne selbst in Herzensringen,

Und alle Lichter, alle Blätter beben.

Oh Nacht, Du magst die Angst zu Ruhe bringen!

Du Sonnenherz, läßt alle Pulse leben.

Dein Abendflackern zeugt in mir das Fieber.

Und auch die Kühle wird sich rasch erheben.

Schon blaut dort unten das Gefild am Tiber.

Der Abend singt, wahrscheinlich aus dem Walde.

Ich spüre sein Geschehn in jeder Fiber.

Es dampft und athmet jetzt die ganze Halde.

Die Sonne sank. Die Sterne möchten zittern,

Denn alle Seelen sagen einfach »balde!«

Oh Mensch, jetzt mußt Du Dein Ereigniß wittern:

Du hast so viel am Tagespfad erfahren!

Ob sich die Blätter Deinethalb zerknittern!

Ja freilich! Die Nacht will sich still offenbaren!

Was singt? Ein Wasserfall! Wie, eine Wespe!

Was sagt der Wald! Was huscht in meinen Haaren!

Mein panisches Geschick merkt eine Espe!

Die Heerstraße

Das ist ein Wunsch und doch ein Lied vom Wahren!

Die Freiheit ist Gebot, und wenn auch ferne

Muß einst der Mensch sie leidvoll offenbaren.

Erschaut vor Euch die Zuversicht der Sterne.

Denn Nacht ist es, wenn Völker weiterschreiten;

Wir alle sind ein Stern in unserm Kerne.

Nun seht, wie sich die Fluren stumm verbreiten,

Und jeder Windhauch bringt Euch seltene Stimmen:

Es ernten Wesen wohl auf allen Seiten.

Im eigenen Heime soll man heimwärts klimmen,

In seinem Garten sich nach Eden sehnen,

Und, einsam, über jede Flucht ergrimmen.

Doch die, vor denen sich die Wege dehnen,

Weil wir uns selbst zu Plötzlichem berufen,

Erspähen unaufhörlich ferne Lehnen.

Denn wir, die wir die Welt zum Wandern schufen,

Vermuthen einen Weg hinter den Sternen

Und sinnen furchtlos über Todesstufen.

Wie gut, daß wir uns nicht im Flug entfernen,

Wir träfen nichts als Luft und Todesfröste:

Die Pilger müssen aber segeln lernen.

Wie froh ich bin, daß ich mich frei beköste,

Daß ich mit Frömmigkeit im Meere fische

Und opferstumm im Wald die Speisen röste.

Ich lobe mich, bei jedem Mahl, zu Tische.

Der Erde bin ich nahe und dem Feuer,

Damit ich Freude ins Erfahren mische.

Wie wird der Lebenswunsch doch ungeheuer,

Bedenkst Du, daß wir schaffend uns erhalten,

Denn das Gewohnteste wird stündlich neuer.

Ein Volk, das glauben kann, wird nicht veralten!

Nach Jugend hat die Ewigkeit Verlangen.

Und heiter macht allein das freie Schalten.

Auch mag uns ob der Greise nimmer bangen,

Die sind die Warnenden in unserer Mitte,

Doch wird ein Kluger nie zu sich gelangen!

Ich mag das Volk. Es wittert seine Schritte!

Es ist ein Kind und lehrt das rasche Lernen

Und weil es liebt, verliebt es sich in Sitte.

Die Völker ernten unter stillen Sternen

Und lieben ihre Priester, die sie leise

Von ihrem Leib und Leibesspuk entfernen.

Das Weltgedicht gelingt auf diese Weise,

Denn unfrei ist es, weich sich gehen lasten,

Und tiefster Freiheit gilt die Leibesreise.

Ihr sollt in Euch den Freiheitsstaat erfassen,

Denn der seid Ihr, nicht Eure Sittlichkeiten,

Die sind der Sinne blasse Hintersassen.

Vermuthet nur die heitern, alten Seiten,

Doch gegen Kommendes bleibt unbefangen,

Es mag oft Frommes Euch entgegenschreiten.

Ein jeder wird zu etwas Sein gelangen,

Denn das Gewissen kann Vernunft erzwingen,

Und plötzlich wird ihr Aufglimmen empfangen.

Erst mögen Völker ihren Ernst ersingen!

Dann dürfen sie aus Stürmen sich entfernen:

Die Freiheit strahlt aus jäherkannten Dingen:

Es ist in uns der Stern, nicht in den Sternen.

Der Ausbruch

Seitdem der Reim in unser Lied geflogen,

Hat mein Gespenst den Daseinsflug erwogen.

Der Abend nahte mir, mit einem Weibe.

Ich weiß, wir haben uns nie angehört.

Es hat die Sinnlichkeit uns nicht bethört.

Wir fühlten nur den Sang der Sonnenscheibe.

Es sagte etwas über uns: verbleibe!

Die Klarheit athmete ganz ungestört,

Und jeder Wunsch hatte uns urempört,

So ferne waren wir vom eigenen Leibe.

Da rauschte unser Reimungslied gelinde.

Es lispelten zuerst die leichten Linden.

Und ein Geschehniß ward der Wind im Winde.

Es fingen Silben an, sich zu verbinden.

Wir sahn den Räthselblick von einem Kinde,

Und Rehe schienen heimlich zu verschwinden.

Die Silberpappeln sagten rasche Silben.

Ein Wunscherschauen rauschte durch die Au,

Und alles Helle mußte rings vergilben.

Der Wesensflug in uns verschwand im Blau,

In dem die Sterne ihr »Genug« erzittern,

Und Blüthen lüsterten mit Thau nach Thau.

Wer weiß nicht von verhaltenen Gewittern,

Von Liebesblitzen zwischen Leib und Leid,

Wer konnte nie sein Lied im Weibe wittern?

Ein Wachsein, waltender als alle Zeit,

Berührt mit seiner Ruhe unser Kreisen,

Und meine Sprache scheint ihm dienstbereit.

Es mag uns kaum nach Geistesreife weisen,

Es ist ja unsere holde Sonntagsrast,

Und weiß nichts mehr von Wald und Wüstenreisen.

Ja, wer am Tag sein Eigenstes erfaßt,

Der kann nicht tiefer schaun und weilen!

Der stiegt nicht. Denn das All ist ohne Last,

Und Ruhe wird ihn plötzlich übereilen.

Die Nacht eröffnet alle ihre Herzen,

Es fängt die Flur an mit dem Wind zu scherzen.

Die Heiterkeit ist ein beseeltes Wesen,

Sie reimt sich wunderbunt in uns zusammen.

Sie mag im innern Sonntage entstammen,

Und scheint uns angeboren, grunderlesen.

Sie ist in uns, schon vor uns selbst, gewesen.

Du glaubst ihr, wie Dir selber zu entstammen.

Doch braucht sie auch im Dasein ihre Ammen,

Denn stets muß sie an Erdbrüsten genesen.

Oh Jugend, Jubel holder Ewigkeiten,

Du kannst nichts jüngeres als uns erschaffen,

Wir werden ja den Leib zu Grab geleiten!

Im Menschen sollen Altersschlünde klaffen!

Die Jugend muß die Freiheit in uns weiten,

Um selbst mit uns, als Kind, sich zu erraffen.

Wie oft bin ich mein eigenes Kind gewesen!

Wie häufig ward in mir der Mensch bezwungen,

Und das verjüngt mein inneres Sonntagswesen.

Ich habe dort über dem Tod gesungen:

Denn bleiben wird von allen Rundgesängen

Was abermals zurück zum Grund gedrungen.

Es athmet ja über den Überschwängen

Der Wesensdinge, die wir stumm verstehen,

Ein furchtbar freies Übersichverhängen.

Um jene Säume graut das Grundbegehen.

Dort ist man Schöpfer und Geschöpf im Ganzen

Und nimmt seine Verbleiblichkeit zum Lehen.

Ich bin ja die Unsterblichkeit der Pflanzen.

Ich bin der Schreck vor mir, in mir und Thieren,

Und kann in Sachen mich, für uns, verschanzen.

Es wird sich nie das Ich im Thun verlieren,

Drum holen selber sich die holden Reime,

Um unvergleichlich sich, mit sich, zu zieren.

Man wird und wallt zugleich nach seinem Heime!

Das Unvergleichbare wird dort verweilen,

Und Sterblichallgemeines trächtigt Keime,

Sich andern Sonderkeiten zu ertheilen.

Der Mond, der Monde silberne Idee,

Versenkt sogar den großen Bär in Schnee.

Du weise Zuversicht in meinem Geiste,

Mit Sternenreinheit und Planetentreue,

Du Mitternacht, in der ich mich erneue,

Du weißt allein, wie weit ich für Dich reiste!

Wo immer ich um Dein Ereigniß kreiste,

Warst Du der Dinge traute Daseinsscheue,

Doch Du besorgst, daß ich der That mich freue,

Wenn eine Möglichkeit durch mich vereiste.

In Deinem Sterne werde ich nicht sterben!

Im Schimmer Deiner Fülle kann ich weilen,

Um stets um Weltverwunderung zu werben.

Ihr, meine Nachkommen, wir wollen theilen!

Ihr sollt von mir die Macht zu tagen erben,

Doch will ich selber mich in Euch ereilen.

Erblicke ich die eigenstillen Dinge,

So bin ich nimmer ein Gemüth aus Erden,

Sondern der Geist, als der ich uns durchdringe.

So bin ich alle, die noch kommen werden!

Die Dichter und Erdichteten der Tiefen:

So bin ich Pan, und auch der Schreck der Heerden.

Virgil und alle Wiesen, die ihn riefen.

Der alten Riesen Warteschlaf im Walde

Sind Silben, die den Traum zu mir umschliefen.

Nun wachen alle auf. Ich bin ihr Skalde.

Sie lauschen, lispeln kaum. Die Linden rauschen.

Man war ja langst die Langmuth aller Halde!

Ovid, Du lebst! Willst Du Dich selbst belauschen?

Ich bin es ja, und auch Dein Wiederkommen!

Du magst noch lange Räthsel flugs vertauschen.

Oh Waldesnacht, Du hältst mich arg beklommen.

Horaz ist da! Er wandelt auf den Farren.

Ich ward durch ihn den Erdfernen entnommen.

Da bin ich, Lüste, die als Wesen harren!

Ich bin es, den man zwischen Sterne bannte!

Doch welche Andacht fängt mich an zu narren!

Wahrhaftig, da am Waldesrand steht Dante.

Lieder im Seelenschein

Was?

Ist es wirklich wahr,

Ruft in jeder Stimme,

Wenn sie noch so leise klingt,

Ursprungslos und wunderbar

Gott in seinem Grimme:

Wenn Dir das zu Herzen dringt,

Menschenkind, so glimme!

Was, oh was? ich horche ja!

Horche manchem Leben,

Bin dem Winde immer nah,

Winde mich zum Nichts zurück,

Selbst mich zu erheben:

Trachte, als von Gott ein Stück,

Frei vor Gott zu beben!

Stürme umarmen mich,

Halsen uns alle und rufen:

»Als mir noch Niemand glich,

Blieb ich so still in Dir;

Als wir uns schufen,

Wurden wir Wind und Thier

Und mußten verstufen«.

Böen ereignet Euch!

Höhen vernehmt Eure Höhe!

Dann heule ich Euch nach. Ich der Geist.

Dann zerre ich an jedem Gesträuch

Und wehe: wehe wenn ich entflöhe,

Dann würdet Ihr, die Ihr vereist,

Nicht wissen, daß Ihr zerreißt.

Menschen, so fasset Euch:

Lauscht in die stürmenden Stimmen:

Helft mir, begreift einen Schrei!

Die Seelen durchfegt ein Gekeuch!

Ihr löscht nicht das Gottesergrimmen:

Ach, würde ein einziger frei,

So müßten wir klimmen, erglimmen!’

Der Wirrwarr verwirbelt nicht mehr.

Wir waren vielleicht nie beisammen.

Wie schwer wird der Geist jedem Meer,

Und dem Geiste die Schöpfung wie leer!

Wir müssen uns fliehend verdammen:

Jungfräulich doch immer entstammen:

Zusammen geht alles ursprünglich einher.

Vollmond

Es ist der Mond der Gott des Todes aller Wesen.

Es schleppt die Erde ihn als Leiche durch den Raum.

Wir gleichen seiner Bleichheit, wenn wir kaum verwesen,

Und großes Schweigen drängt sich um den Glaubenstraum.

Wer sah noch nie Verblichene, in Silbermilde,

Zum weißen Eiland, hoch und nordergriffen, ziehn?

Du hältst sie wohl für sichtbar eigene Schwangebilde,

Von seltenen Träumen unserer Träumlichkeit verliehn!

Doch glaubt es nur, es ist der Todten Glaubensglauben:

Der ist ihr tiefstes, eigenmenschlichstes Erschaun!

Es will ein dunkler Ruf sie ihrer selbst berauben,

Daß sie so panisch rasch im Morgengrau erthaun.

Von welcher Sehnsucht sind die Todten uns enthoben?

Im Leben, schon von aller Monde Mond bewohnt,

Beginnen wir das Ungewohnteste zu loben

Und werben überraschend klar um unsern Mond.

Es zeigt der Vollmond blos die weiße Scheidungsscheibe,

Die andere Seite hält er, als der Tod, versteckt:

Doch sichelt er dahin, erblaut auf seinem Leibe

Der Erde Lebensglanz, der sich hinüberstreckt.

Dem Monde folgen auch die großen Weltenwogen:

Mit geilem Weiberlachen stürzt die Fluth daher:

Die Wellen glucksen, hopsen kindisch ungezogen

Und sind der Tod vom Monde und die Brunst im Meer.

Ein Ölbaum steht allein im Mondenscheine.

Der frühe Thau umzittert alle Zweige.

Du glaubst, daß sich die Nacht herniederneige,

Und ihre Seele fürchtet, daß sie weine.

Die Ur und Sterbensschönheit heller Haine,

In deren Wesenswidmungen ich schweige,

Durchzittern mich, wo ich mich sinnig zeige,

Und wittern, daß ich tiefes Wünschen meine.

Ich greife in das schleiernde Geäste:

Die Tollheit ist der Baumwucht nun verbunden,

Der Schreck so herb, als ob er jetzt die Nacht durchnäßte.

Die Schönheit, die uns tödtet, herzt mich innig.

Ihr Mondlichtschleier hält mich bleich umwunden:

Du meine Braut um mich, wie bin ich minnig!

Der blaue Wahnwitz in den stillen Silberstunden

Entwägt sich unerbittlich aller Wesen Glaubenslauschen.

Wir seufzen aus: Der Glaube hat sich doch entwunden –

Und Du verträgst des Urvertrauens Unterrauschen.

Die Herzerlebnisse entsilbern rings den Auen.

Die Schleierbräute wundern sich in Nordlichthainen.

Um Dich ereignet sich ein ungeheueres Schauen,

Und alle Nordgeister versuchen zu erscheinen.

Der Takt der Herzen ist der Flügelschlag der Erde.

Es tragen sie die Leidenden durch reine Himmel:

Wie leicht die Heimath ist – das Sein ohne Geberde!

Das bloße Gute im verkindlichten Gewimmel!

Der Tod ist weiß! Er liebt die Braute und die Greise.

Der Mond ist rein! Und seine Weiße ist ein Engel.

Der Todte schweigt! Der Stumme aber kennt die Reise:

Wir horchen doch und immer sterben alle Mangel.

Verwurzle Dick, wo Du auch bist, in deinem Norden.

Der Vollmond kommt, mit Schönheit Dich zu schminken.

Er naht, er kommt zu Dir, das Sonnenbild zu morden:

Im Schlund der Wonnenwelt, in Dir, mußt Du versinken.

Neumond

Die Saat der Sterne überwältigt alle Geister.

Es wagt nicht ein Komet dem Schicksal zu entschleichen,

Und auch die Erde überläßt sich ihrem Meister.

Wer ahnte jetzt den Flug der fernen Sternenleichen?

Der Mensch, ein dauernder, dort mordideeumkreister

Gedanke seiner selbst, mag nur ein Maaß erreichen.

Der Geist wird stets in seiner Dinglichkeit vereister:

Statt aus der Unausschöpflichkeit hervorzuquellen,

Versetzt er sich in sich und um sich selber kreist er.

Die Seher können Schlangenschicksale erhellen.

Der strengen Einsicht mag die Seele sich versichern.

Was stirbt versucht das Sterbenswissen festzustellen.

Auf Erden sah die Nacht sich nie in schauerlichern

Eröffnungen über das innerste Erkalten,

Doch alle Kindlichkeiten fangen an zu kichern.

Das Wasser kann am allerselbstgläubigsten walten.

Der Ozean ist frei. Und freier noch sind Quellen.

Und Seele strömt aus allen starren Ausdrucksspalten.

Jetzt werden die Gesetze urdurchschaut zerschellen!

Die Erde nimmt das Schicksal aus dem eigenen Leibe

Und überfluthet ihren Zwang mit Willenswellen.

Die Wellen aber sind ein Wink vom Weltverbleibe:

Die Weiblichkeit wird rein, und frei die Erde.

Ein Weiheschein entwallt dem leidgeheilten Weibe.

Es wünscht der Schlaf, daß, was erwacht untödtbar werde.

Das Träumen trachtet die Unsterblichkeit zu ahnen.

In beiden kreist das Ende der Geburtsbeschwerde.

Das Feuer loht, die stille Gluthnacht anzubahnen:

Die Nacht, in der die Nachte aus sich selber tagen

Und kalte Wahrheitsflammen an die Allmacht mahnen.

Der Mond ist todt! Doch kann die Erde Monde tragen.

Es folgt dem Sohn, den ihre Mitte uns gespendet,

Das Kind der Höhe, das Gedanken überragen.

Die Nacht hat sich zum klaren Eigentag gewendet.

Das Fleisch ist frei und überstirbt das Sterbenssterben.

Vom Schlafe ward dem Tod der Traum emporgesendet.

Die Starre sieht sich selbst grotesk in Gletscherscherben.

Ekstatisch liegt die Erde da, in bleichem Eise,

Und kann die Wahrheit aller Weltungen erwerben.

Die Erde weiß! Sie bleibt aus Freiheit im Geleise.

Sibiriens Hirn gebiert das stille Lichterfrieren.

Gebirge glühn und wandern plötzlich eigenerweise:

Den Himmel, den sie schafft, wird keine Welt verlieren.

Die Erde liegt vereist und ohne Eisesleben:

Sie starrt mit ihren Gletschern in die Daseinsleere.

Sie fühlt den Glauben an die stillen Sternenheere

Und lockert ihren Wirkungswunsch in Glastgeweben.

Sie hat das Steingewand mit ihrem Kern umgeben.

Aus den erstarrten Meeren strahlen Flammenmeere.

Ihr Geist ergreift die reifen Ewigkeitsverkehre

Und sucht die Stille, nur um Stille zu durchschweben.

Die Erde hat sich selbst in jedem Hauch erfahren,

Und ihre Urerleuchtung starrt in kalten Flammen,

In denen andere Sterne ihren Schwesterstern gewahren.

Unsterblich sind die Garben, die sich selbst entstammen,

Die, ohne Gleichnisse, ihr Wesen offenbaren

Und die schon waren, als die Welten sie gebaren.

Ekstatisch stammt die Erde durch die kalten Sphären.

Ihr Blut und ihre Gluth sind ohne Wunsch erfroren,

Denn sie ist rein und nichts mehr mag sie umgebären.

Der Neumond ward zwei Riesenfeuerohren,

Mit denen fremde Welten unsere Welt belauschen.

Und nicht ein Wort, das hier erstand, geht mehr verloren.

Der Neumond kann die Erde als ihr Herz berauschen,

Das tief die Gletscher sprengt und flammend sich erweitert,

Und pocht, durch das Gehör die Einsicht einzutauschen.

Kein einziger Versuch, zu sein, ist da gescheitert.

Durch Junggeburten hat der Urmond sich vernommen

Und sein Erleuchten unsere Schicksale erheitert.

Der Erde Ewigkeit ist zu sich selbst gekommen!

Sie mag verglühen, denn ihr Werdewort wird bleiben:

Ihr Fels und ihre Fluth sind eisigdick erglommen.

Ekstatisch kann die Erde Monde urwärts treiben:

Des Wortes Unaussprechlichkeiten dauern weiter:

Das Weiblichste wird sich dem Geiste einverleiben!

Die Ewigkeit ereilt sich nicht auf eigener Leiter.

Was sie gebiert, kehrt in sich ein, und anderes scheidet:

Wir sind nur einmal tausendfache Weltbeschreiter.

Der Mond, der ungeschöpft die Nachtgewalten weidet,

Der ganz der Sohn der Erde ist und durch die Seelen flimmert,

Tritt aus sich selbst, sodaß die Mutter gar nicht leidet,

Und er gebiert den Himmel, der uns tief durchschimmert.

Der flammende Lavabach

Die rothe Taube

Der Geist erglüht in unwahrscheinlich ferner Röthe:

Er deutet ewig wachsam, traumbewußt und frei:

Ich bin! Weil ich das Sterbliche im All ertödte,

So steh ich Euch im heiligen Gottergründen bei.

Der Geist befreit die wahre Menschlichkeit in allen Rassen.

In seinem Feuer wird die Seele nackt und bleich.

Die Völker, die vor tiefem Graun erblassen,

Verleiblichen bereits sein inneres Flammenreich.

Erbleiche, Mensch, erschreckt durch Deine Lüge!

Verräth man Geist und Wahrheit, werde blaß:

Erröthe, Mensch, durch Deine jähe Rüge.

Die rothe Taube ist Dein Sklavenhaß!

Die rothe Taube ist Dein Gotterlangen:

Sie steigt als Urentschluß in Dir empor.

Sie schlagt die Flügel bang zu Deinen Wangen:

Sie wärmt und röthet Dich! Sie dämmert vor!

Hast Du noch nie, voll Scheu, den Menschensohn empfangen!

War Deine Seele, Deine Weiblichkeit nicht rein?

Oh Mensch, Du weißt es nicht, was Du schon angefangen:

In uns ging oft schon Geist, in weicher Stummheit, ein!

Du kennst das große, ewigwahre Grundverstehen,

Der Dinge Ich und aller Wesen Zukunftsernst!

Was eben vorgeht, magst Du selbst mit Hohn besehen,

Doch schweigt der Irrthum, wo Du Dich von ihm entfernst.

Oh Mensch, das Falsche schmiegt sich spät in Maaße.

Doch grundhaft schlecht ist nichts, es harrt wie Du!

Es dient, was sich nur kurz berührt, zum Spaße,

Doch alles wirbt um Pyramidenruh.

Ach Mensch, die rothe Taube laßt Dich lachen!

Sie gurrt und flattert krampfhaft auf.

Doch kann ihr Wesen ganz in Dir erwachen,

Gewahrst Du den vollstreckten Zukunftslauf.

Nordschein

Du Tag in mir selber, Du Thauen und Licht,

Du mildes Vertrauen im strengen Gewissen,

Du Einheit in mir und Du freies Gericht,

Du hast mich so tief aus mir selber gerissen!

Jetzt bin ich ja Dein, lodernforderndes Wort!

Du stummes Bedeuten und kindliches Staunen,

Du raunst nur: »Nicht dort!« Und bist immer dort.

Doch nein, Du bist wacher und stummer als Raunen!

Du furchtbare Größe und Einflucht im Zwist,

Ich kann Dich nicht fassen: ich muß Dir erliegen!

Du Ich in mir selber, das selbst sich vergißt,

Du bist der Zertretenen leuchtendes Siegen!

Du stürzt Dich ins Treffen, ins glaubhafte Nichts.

Du bist das Gotttrotzende Gottheitserringen.

Du bist das Erdämmern des Ursprungsgesichts:

Du warst ja noch nie, doch Du wirst uns gelingen.

Das Gleichniß

Wir sind den Ursprung zu erglühn verpflichtet,

Drum hat sich mancher Schöpfungstraum bewahrt.

Der Blick, den man erstaunt ins Innere richtet,

Erschafft Vergangenheiten, die er klärt.

Doch dämmert, dämmert es, nur um zu dämmern.

Was niemand sagen kann, das bannt uns fest.

Doch wo es dämmert, mußt Du hämmern, hämmern,

Denn wehe Gott: der Welt, die Gott verläßt!

Wir müssen uns zum Ursprung hin verjüngen.

Wo Du den Ursprung wähnst, bist Du ihm nah.

Wenn wir in uns den Ursprung ganz erschwüngen,

So wäre da, was, künftig, schon geschah.

Es gilt auf seinem Werden zu beruhen,

Die Welt in sich bewußt verknüpft zu sehn.

In Bildern sagend, kühn sich wahrzuthuen:

Das Unerfaßbarste muß auferstehn!

Der Entschluß

Nach meinem Anfang mag ich schaffend tasten.

Im Geist verankert kann die Welt bestehn.

In meine Seele wird sein Wesen wehn,

Gelingt es keinen Augenblick zu rasten.

Was wären Dinge, die sich nicht erfaßten,

Dort wo sie aus dem Eigenring geschehn?

Ein sterbliches, ja todtes Weiterdrehn,

Ein Schwang von Schwaden, die aus Nichts verpraßten!

Doch will das Chaos seinen Ursprung schöpfen.

Und heute stürzt bereits der Weltenguß.

Er war so falsch, daß er sich kennen muß.

Der Irrthum faßt sich schon in tausend Köpfen.

Es grinst der Trug aus lauter Urnentöpfen.

Doch Mensch zu sein, bleibt trotzdem ein Entschluß!

Die Verneinung

Zu weit ist die Idee, wer könnte sie ertragen?

Was sie erfaßte, stürzt bald unter ihr zusammen!

Doch etwas kann ich fest und über Träumen sagen,

Daß wir einer Idee, die uns durchglüht, entstammen.

Zuerst ist das Gebot, die Menschen kommen später.

Dann klärt sich die Natur, warum wir leben müssen,

Doch jäh aus der Idee entstehn ihre Verräther,

Und sie erschreckt uns, einfach, unter Überflüssen.

Und doch: ich darf, ich muß vom Urgeflüster sagen.

Mit scheuen Worten mag ich mich an Klares wagen.

Es ist so klar, so klar: ach, könnt ich etwas fragen,

So dürfte ich die Antwort in die Dinge tragen,

Und aus Versuchen würden Wunderblumen schlagen.

Ich lege mich vor einem Vogel einsam auf die Lauer.

Er singt in mir: Ist es Musik? Nein, starre Dauer!

Vielleicht die Ruhe, wenn ich selber tief erschauer?

Nein, denn er fliegt und stiegt und sucht uns mild aus Trauer.

Nun schweige ich, als Dein, mein, unser Grunderschauer.

Es klingt so unverständlich, wortlos und erhaben:

»So komme doch, in mich, in uns Dich zu vergraben!

Wir sind so reich an unvergebenen Seelengaben,

Der Strom, der aufwärts wallt, mit Jugend uns zu laben:

Wir sind der Anfang, da wir keinen Anfang haben.«

Das ist ein Zauber! Doch ich bin ein Kind der Erde!

Was ich erlausche, kann ich nicht vergessen.

Ich muß es stammeln, bis ich ganz ein Dichter werde,

Und Bilder zu erleuchten, will ich mich vermessen.

Ich bin ein Jäger. Nach Einsicht lieg ich auf der Lauer.

Das was mich einholt, halte ich an seinen Flammen.

Das was mir nachhallt, rufe ich in blasser Trauer:

Ich raube was ich kann und stürze laut zusammen!

»So wisse, Mensch, im Dortseits giebt es nicht Gesetze!

An Haftbefehlen halten wir die Welt zusammen.

Durch das Bewußtsein tauchst Du selbst in Schicksalsnetze:

Entstammt, kannst Du der Wahrheit frei entstammen!«

Ich spreche nun, ich spreche fort, muß sprechen,

Denn mein Gedächtniß hämmert selber sich die Sätze.

Wie kann ich das am eigenen Gesicht verbrechen!

Ich bin ein Sklave: ferne sind die Seelenschätze.

Der Wanderer

Auf, auf! Was Du erschaut, das laß mich eingestehen.

Ideen sind unendlich. Welten selbst Ideen.

Kann doch das Meer im Menschen schöpfend auferstehen,

Gelingt es seine Stille schaudernd einzusehen.

Ein Meer von Sternen, Leidenschaften und Gedanken

Vermag es Dir Bestand und Herkunft zu verdanken.

Nur beim Entschlusse still und stumm! Nur da nicht schwanken!

Dann magst Du Zielen nach, selbst ins Verderben, wanken.

Nun Erde, mußt Du selber auch zum Gleichniß dienen:

Was Deinem Kind in Leid und Finsterniß erschienen,

Das Licht, das Eigenlicht, die innern Schimmerbienen,

Die mich zerstechen, wirken auch in Deinen Mienen.

Auf! Wo der Ausbruch leicht ist, dort soll er geschehen,

Doch kann ein Dauersieg nur an dem Ort bestehen,

Wo er so schwer fallt, daß die Zweifel selbst vergehen,

Drum wird mein Traum vom Tropenmeer zum Pole wehen.

Du, Erde willst doch wieder jung und selber leuchten

Und glühst in Wäldern, die Heroen einst durchkeuchten.

In wilden Wolken magst Du Wüsten hold befeuchten

Und hoch am Pole sollst Du wie am Anfang leuchten.

Drum Wandrer, soll Dein Seelenschwarm nicht bald zerstieben,

So mußt Du einen Menschen, so wie Du bist, lieben.

Vermagst Du das und bist Du stark und treu geblieben,

Vermagst Du viel und wirst von selbst zu Gott getrieben.

Doch merke, Wandrer: aller Anfang ist die Liebe,

Drum finde und entstamme sie im Sterngetriebe!

Begeistre uns und wirb um Liebe, Liebe!

Erweckt das Licht, daß es aus allen Bergen stiebe!

Die Sinne mögen schweigen, und das Herz kann beben,

Doch der Verstand, der kalte, soll nach Liebe streben.

Ja, der Verstand, der kalte, soll jetzt Gott beleben,

Der Geist in die erkannte Welt sich frei erheben.

Auf, Wanderer! Hinweg von jedem Glück und Lohne!

Und trachte, daß die Seele tief in Schmerzen wohne!

Das Leid ist eines: groß und frei von jeder Frohne.

Dort wurde Gott, dort wird der Mensch, die Welt zum Sohne!

Verbeiße Dich in Dein Gebot, im Grau der Erde!

Verkrampfte sich Dein Schöpfer doch in Deinem Werde!

Es warf das Weib sich Dir in die Geburtsbeschwerde!

Wie, Wanderer, Du harrst! Verlangst Du Sattelpferde!

Zum Meer, zum Meer, vom Weib, von meinem Weib zu singen!

Es glaubt das Meer, des Mannes Sang wird es vollbringen.

So höre seinen Ruf in jeder Mondscheinbucht erklingen

Und aus dem Branden sich zum Blüthenschaum entschlingen.

Empor zu Schnee und Frost! unter die weißen Bienen,

Die Dein Gesicht zerstechen und dem Schöpfer dienen!

Hindurch durch Bienen, Bienen, eisige Gletschermienen:

In Dich, in Dich! Wenn Dir Dein kaltes Licht erschienen.

Sei heilig, Wanderer, ehrfurchtsvoll und unverdorben,

Wie an dem Tag, da Deine Mutter Dir gestorben.

Im Weib erhalte, was die Mutter ihm erworben,

Und durch die Unschuld schluchzen Orgeln und Thiorben.

Oh Wanderer, hör den Schwertertanz der Sphären!

Das Nordlicht ruft Dich auf. Du sollst Dich freigebaren!

Der Tag ist reif. Die Nacht durchdauern Flammenähren.

Der Schwertertanz erscheint. Der Krieg wird weiterwähren.

Ekstatische Erde, Dein flammendes Lacken,

Die Heiterkeit unserer allwissenden Greise,

Umarmt unsere Nacht, die wir furchtlos entfachen:

Erfrorenes Schwärmen nickt starr aus dem Eise.

Oh Nordlicht, die wandernden Gletscher sind Thiere,

Die Du fasziniert hast. Versuche zu Riesen

Durchblauen das Dunkel. Nun ist es, als stiere

Ein Geist durch die Stürme. Jetzt dröhnt es, als bliesen

Die Winde aus Schlünden gebändigter Bären.

Wann kann ich die Jungfrau im Eise gewahren:

Das Weib, das die Menschen voll Sehnsucht verehren?

Ich weiß, daß es stammende Gletscher gebaren!

Die Nacht wallt hinan. Es flackert ihr Lachen.

Wir wandeln im Wahne. Das Weib harrt im Sange.

Ihr Sagen, wann wird Euere Wahrheit erwachen?

Erhabenste Jungfrau, wir werben noch lange!

Das Sternenkind

Der Mensch muß fliegen! der Mensch muß stiegen! verbreitet den Sturm!

Vertilgt im Herzen, vertilgt im Leibe den furchtsamen Wurm!

Ersehnt im Winde, erhofft im Winde den wehenden Geist!

Beruft im Dunkel das Kind der Sterne, das Schweben verheißt!

Erträumt Gefahren, erfiebert Schrecken, entfesselt das Leid!

Kometen helfen. Gestirne drohen. Erfaßt Euch im Streit!

Den Wurm ertödtet, den Wurm verachtet, verwundet den Wurm.

Bewacht die Warten, sie harren und warten, entwuchtet dem Thurm.

Der Tod ist machtlos! Entfliegt ihm lachend! Verbreitet den Sturm!

Der Mensch muß fliegen, den Schwindel besiegen, die Erde bekriegen!

Die See hat Wolken, die Seele ihr Wollen, der Mensch muß stiegen!

Der Strand hat Bäume, der Geist seine Träume, der Mensch wird siegen.

Das Meer hat Wellen, der Mensch seine Hellen, sich lichtwärts zu wiegen.

Der Wind hat Spiele, das Kind seine Ziele, es wittert das Fliegen.

Den Zäumen entträumt: die Räume zu säumen, entbuchtet im Sturm!

Die See hat Stürme, die Seele hat Thürme, umwittert den Thurm!

Die See kann sehen, die Seele erwählen, verwundet den Wurm!

Ich wähle die Seele, erwäge die Geister und schwebe als Traum.

Ich schaue in Herzen, berausche mich schaudernd: Ihr traut einem Baum.

Ihr grünt und erblüht, Ihr durchsprüht, überflügelt den Raum.

Es glauben die Herzen, wie glühende Kerzen. Es leuchtet der Baum!

Es beugen die Fichten die Träume der Sterne zur Erde hernieder.

In Weiblein und Wichten erwachen so gerne unwichtige Lieder.

Euch alle belichten Geschichten der Ferne, die still sind und bieder.

Wie gerne erschimmern die Sterne, wie herrlich erglüht Euer Baum.

Erblühen schürt Glühen. Und Glühen Entsprühen. Der Baum wird ein Traum.

Der Traum ohne Baum ist ein Band ohne Saum. Entbrandet als Schaum!

Bewacht Eure Träume, berauscht Euch durch Träume. Es leuchtet der Thurm!

Die Lichtfichte flimmert. Die Goldwolken drohen. Es blutet der Sturm.

Es träumen die Kinder. Der Wind wird gelinder. Es zuckt schon der Wurm.

Wer Schneewehen wittert, bedenkt sich, erzittert. Es dunkelt der Thurm.

Die Jugend erstirbt nicht. Die Weite gebiert sich. Die Kindheit wird siegen!

Was naht ohne Alter? Was will, durch die Finsterniß schwirrend, sich wiegen?

Ein glastender, kalter wahrhaftiger Falter wird Fernen erstiegen.

Wer wirbelt? Was hascht sich! Wann wähnt sich ein Wagniß? Wir fliegen!

Wir fliegen? Es sterben die Sterne. Wie gerne, wie ferne! Wir fliegen.

Ein Wesen

Der Geist hat eine Eiche heute Nacht geknickt.

Ich sauste, lauschte auf. Der Riese war gefallt.

Der Hunger, samt der Brunst, hat durch den Sturm gebellt,

Und ein Gespenst urplötzlich unsichtbar genickt.

Von einer Eule ward ein Thier zu Tod gepickt,

Der Westwind wo an einer Waldeswand zerschellt,

Der Schreck befiedert übers Feld emporgeschnellt,

Das Wasser hat wie eine Schicksalsuhr getickt.

Es ist nun wo ein Ding beschlossen oder aus!

Ich starre ganz zugegen in den Geist der Welt.

Mein panisches Gehaben ist bei sich zu Haus.

Viel eher als ein Narr bin ich ein Held.

Ich brauche diesen rauschenttauchten Braus und Graus

Und bin der Saus, der kraus den Geist verzaubert hält.

Der Blinde

Wer sagt es mir, ob ich schon lange einsam harre:

Verwalte ich ein Geisterheer als blinder Greis!

Ich sehe nichts. Doch ahne ich des Daseins Starre.

Der Riesen Lockenhaar ist weiß. Ganz klares Eis.

Die Fluthen jauchzen nicht zu lauten Wunderdingen,

Denn stummgefroren wähnen sie ihr Grundgeheiß.

Die Gluthen prusten nicht aus tausend Wirtungsringen,

Die Nordlichtlandschaft überträumt den hehrsten Traum,

Und alle Dinge fangen an, ihr Lied zu singen.

Die Dinglichkeit ist todt. Das Wort erfüllt den Raum.

In meinem Wesen höre ich das Weltlicht tönen.

Es wiegt sich, stiegt und siegt des Sternes heller Schaum.

Das Wort kann aus der vollen Mutterwurzel dröhnen.

Es singt. Es klingt. Es singt sich selbst. Gebiert die Dichter.

Es wird der Geist sich wieder an das Wort gewöhnen.

Ich bin ein Mensch und fühle alle Glaubenslichter:

Wie gut sie meine helle Seele unterfluchen.

Erst fiebern sie. Dann leuchten wir und werden schlichter.

Sie können jetzt in mir das Weihesein vermuthen.

Die Sonne hat uns aufgerufen und geboren.

Doch heute sind wir frei. Die Willenslichter bluten.

Wie ist die Sonne hold! In uns hat Gold gegohren.

Sie ist die Herrin! Herren wurden ihre Kinder.

Es ist der Daseinszwang zum Geisterzweck erfroren.

Das Nordlicht ist der Dinge innerer Überwinder.

Die Welt besteht in ihrer tiefsten Majestät.

Ich höre mich und werde witternder und blinder.

Der Ursprung lebt. Hier giebt es nirgends ein »Zuspät.«

Die Gründlichkeit der Welt verschmäht die Maaße,

In denen sich der Hang zur Dinglichkeit verräth,

Der ganze Himmel glüht: die Welt ist seine Straße.

Der Schlafende

Ich harre: denn in mir wird heitere Freiheit tagen.

Es überwindet unser Schlaf den Todtentod:

Er soll den Tag durch alles Nachterwachen tragen.

Hinab in meinen Tod, Du holdes Wonnenroth.

Die volle Sonne ist die große That, zu leben:

So fühle doch, wie sorglos sie Dich noch durchloht:

Wie sich in Dir die Pulse freundlich ihr ergeben:

Der Schlummer ist die Sonne, die den Tag verheißt:

Sie weiß: nur wer sie kennt, wird sie erstreben.

Du glaubst, daß sie von Dir, dem Kind, geschieden kreist.

Du weißt von Fluthen unter goldenen Tropengluthen,

Doch fern ist bloß der Schein, und Du verwahrst den Geist:

Nicht ich, doch Du, auf dem die Wesen stets beruthen,

Bewachst das Sonnenwollen vor dem Nichts der Nacht:

Du Macht zu schlafen bist der Dauer Grundvermuthen.

Du weißt, daß ein erschauter Tag in Dir erwacht.

Die Sonne, die den Schlaf erschuf, erblickt sich wieder.

Denn Schlummerwurzeln tragen ihre Tagespracht.

Das Nordlicht bringt die Stille. Das Nordlicht senkt die Lider.

Das Nordlicht weht in Dich und überwellt Dich schon,

Denn herrlich senkt sich eine Welt in Dich hernieder.

Das Nordlicht, zweier sonngeborener Sonnen Sohn,

(Denn Schlummer und Bewußtsein haben es erschaffen,)

Setzt leuchtend Sonne, Mond und Sterne aus den Thron.

Es will in Dir, das Nordlicht Dich der Nackt entraffen.

Es sieht die Sonnen, zeigt die Sonnen, zeugt die Sonnen.

Das Nordlicht steigt, wo die Bewußtseinsschluchten klaffen.

Das Nordlicht blickt Dich an, es glimmt in Dich versponnen.

Du liebst es hold, es will in Dir beruhigt sein:

Du schläfst. Vergißt Du Dich, so hat die Gluth gewonnen:

Und bald erblaut der Tag, ganz unschuldsvoll und rein.

Der Träumende

Der Laut ergraut, und jedes Ding erhält sich wieder.

Die innere Freiheit, unsere Heiterkeit, wirkt alles.

Die Erde schenkt der Dauer Diamantenlieder.

Dem Land entragt die Gluth des unversuchten Falles.

Die Seele überglüht die eigene Einverleibung.

Die Erde hat den Anspruch eines Flammenballes.

Der höchste Wunsch erfahrt die höchste Übertreibung.

Die Wesenheit gelingt: verdingte Dinge sterben.

Das Nordlicht ist der Freiheit leuchtende Umschreibung.

Es kommt der Mensch ans Licht, um Weltwuthen zu werben.

Es träumt der Mensch, um andere Träume anzutreffen:

Er soll durch Plötzlichkeit das Reifste übererben.

Die Erde kann die goldenen Träumessegel reffen.

Wir tragen sie empor: hinan, hinein in Welten

Mit stillen GluthenRuhen und KometenTreffen.

Wir sind der Geist, aus dem die Sterne sich entschwellten.

Gebähren wir die Sonne! Es beginnt zu tagen.

Die Sonne wird, wenn Sehende die Welt erhellten,

Bewußte, horcht: Ihr müßt zwölf Stunden Sonne tragen!

Erwachen

Warum, oh holdes Morgengold, bist Du so blaß?

Es ist ja doch voll froher Ahnung schon der Wald.

Das Wasser, das sich nirgends wellt, erstrahlt wie starres Glas.

Doch gar nichts harrt, da alles sich zusammenballt.

Die Wiese ist voll Jubellust und Thaugeglitzer.

Aus allen Winkeln und auf allen Stengeln singt es.

Ja, selbst meine Geschwister schwätzen durchs Gezwitscher.

Und auch mein Rausch ist nur Verbrauch des Lautinstinktes.

Es schwirrt ein Lied um alle winzigen Zypressen.

Die Ölbaume stehn blaß wie schwache Kinder da.

Es hat auf jedem Blatt die Nacht ein Thauauge vergessen.

Und tief wühlt jetzt in mir der Wunsch: »Sag endlich: ja!«

Nun ja! Ich schüttle schon ein Bäumchen unter Bäumen.

Ich fühle feuchte Frische ins Geflimmer schäumen.

Der Frühe Froheit stammt und funkelt durch die Traufe.

Ich jauchze, glaube, daß ich mit den Lauten laufe.

Der Prophet

Die Sonne fühle ich mit ihrem großen Wollen:

Des Lichtes Schicksal wirkt in mir verschlossen:

Der Sonne Weltverheißung senke ich in Schollen!

Ich bin das Nordlicht, bin der Nacht entsprossen.

Ich bin der Sonne nah und kann ihr Schaffen wittern

Und bleibe stets zu Sonnenfolgschaften entschlossen.

Das Land befreit sich in Begeisterungsgewittern,

Denn jede Seele ist für sich ein Element:

Sie wälzt die Erde um und will als Stern erzittern.

Der Gluthenwunsch, der wuchtverschluchtet, hell entbrennt,

Gab uns im Kerne kühn die Schaalungsmacht zum Sterne:

Ich bin die Erde, die als Nordlicht sich erkennt!

Oh Sonne, strahle nun aus meiner Innenserne:

Empor, oh Sohn der holden Weiblichkeit der Wesen,

Entringe Dich, Du Sonnenhoheit aller Kerne!

Die Sonne wird der Gott, durch den wir bald genesen:

Ein Gott ist Wirken, Wärme, Wollen, Wonne, Sonne!

Der Sohn der Sonne hat uns zum Gefolg erlesen,

Es kennt der Norden schon die kommende Kolonne.

Der Nachdenkliche

Oh Sonne, Sonne, ich empfange rings Gedanken,

Der Sonnenwonne Jubelthat zu weihen,

In Fabeln Dir für meinen Farbentag zu danken.

Es wallt die Phantasie durch lange Raktusreihe,

Zu bleichen Weihern unter glühenden Gesträuchern,

Und drinnen schreien buntgeschäckte Papageien.

Ich wähne Menschen mit verwundernden Gebrauchen:

Die Gluthen ferner Tropen kann ich blos vermuthen.

Die Seelen kommen selbst. Nur still! Nur keine scheuchen!

Nach meinem Norden, wo einst Wesen schrecklos ruhten,

Ziehn viele wieder, wie zu fernen Nestern:

Denn alle schweben nun, die Furchtbaren, die Guten!

Die Neger, Tiger, Schlangen, die wir hart verlästern,

Beginnen tief in mir die Schöpfertraft zu wittern

Und sagen klar: die Zeit ist arg und elend schlecht das Gestern.

Die Seelen aber finden sich: sie beichten, zittern.

Die Hascher sind so unschuldsvoll wie jeden Morgen.

Die Morgen kommen! Die Sünde wird uns nicht verbittern.

Des Dichters Geist beginnt für Euch zu sorgen.

Ihr Leidenden, erscheint: Ich weiß vom Weltenwehen

Und kann den Trost den großen Norden schon erborgen.

Wir müssen morden! Dieses Muß wird Gott umflehen!

Der Opfer Blut, der Schlächter Blut darf kalt erstrahlen,

Fangt der Verstand doch an, die Dinge einzusehen.

Empfangen wir den Geist, verblassen alle Qualen.

Die armen Thiere können sich des Herrn erbarmen.

Sie nahen schon. Sie glasten unter Glanzportalen.

Der Schöpfer laßt, gerührt, sie abermals erwarmen.

Da ziehn sie fort: und unser Herrgott bleibt verlassen.

Zu einsam schaurig wäre es in seinen Armen!

Wir danken, Herr, daß wir Dein Leiden miterfassen:

Daß wir durch tausend Sonnen herzhaft an Dir hangen,

Vor Deinem Antlitz, durch das Mondlicht, kalt erblassen,

Bewußt, im Dunkel, Deinen Schlummer stumm erlangen.

Der Hellseher

Durch meinen Norden tosen goldene Gespenster.

Die offene Blüthe einer Welt empfangt den Pollen

Erlöster Sterne: und in Gluthkometen glänzt er.

Das Wesen aller Wildniß will der Welt enttollen:

Ein Flammenwald entwuchtet in Gewaltgewittern:

Und holde Sternenkinder nahen unsern Schollen.

Die Seele todter Wälder wird vor Gott erzittern:

Erbebst Du nicht? Belebst Du nicht durch sie die Liede?

Vermöge Du mit tausend Blüthen Geist zu wittern!

Er weht herbei, er windet sich ins Weltgetriebe

Und wirkt, damit der Wissenskreis der Wesen

Sich bis zur Witterungsellypse hinverschiebe.

Er hat die kleinsten Daseinsrausche aufgelesen

Und giebt ihnen in Hellsehern erhabene Starke.

Der Grundbeschluß der Urgeburt heißt Traumgenesen:

Und kalte Waldgespenster ragen in die Tagewerke.

Die Berauschenden

Wir fliegen und singen im Reigen um Sieger,

Wir krönen die Götter mit goldenen Haaren

Und lieben die Löwen und lauernden Tiger.

Wir führen im Süden die rüstigen Schaaren

Begeisterter, nordlichtdurchschauerter Seelen

Zu Thaten, die Ahnungen klar offenbaren.

Wir können die jüngsten Geschlechter erwählen,

Durchwallen die Wesen, durchgolden die Mähnen,

Entsteigen der Erde, uns Gott zu vermählen

Und unter uns dunklere Völker zu wähnen.

Der Schaudernde

Zwei dunkle Sonnen, das Bewußtsein und der Schlummer,

Sind nicht mein Eigenthum, doch Pfade oder Brücken.

Die Welten fluthen an und durch: und werden stummer!

Vernehmen will ich nicht. Kein Tag soll mich berücken!

Ich muß mit meinem Gotte leiden, furchtlos leiden.

Er liebt mich! Dunkle Liebe sprüht durch mein Entzücken.

Der Schlummer heilt. Und doch, den Schlummer muß ich meiden.

Für meinen Gott, der schlummert, will ich schaffen:

Er wisse nicht, wie oft wir leiden und verscheiden.

Ruft ihn nicht auf! dem SchlafIhn schmerzhaft zu entraffen!

Was in uns schlummert ist das Beste: wird uns heilen.

Es birgt Gebirge, wo Vergessensschachte klaffen.

Er schlaft; Ihr könnt ihn noch in Hold und Grausam theilen,

An gestern glauben, ewiger Grauen Euch berauben,

Und schon in holden Morgen, die erst kommen, weilen.

An einen Gott, der heilig schlummert, kann ich glauben.

Die Berauschten

Wir sind des Nachmittages warme Geisterschwärme.

Wir nisten in den Seelen, die verwundert tagen,

Und dringen ihnen Heimathlieder, Wesenswärme.

Im Leben darfst Du nicht nach Sonnenworten fragen:

Ihr sollt Euch an die Eingebung von Thaten halten,

Denn unser höchster Flügelschlag heißt Wagen, Wagen!

Die alten Wälder sangen an, in Euch zu walten:

Beim Einsturz haben sie geschluchzt und sind verschwunden.

Doch alte Majestät kann sich ins Dasein schalten.

Seid stummer als der Urwald! Laßt Euch stolz verwunden!

Die todte Wildniß birgt die hellen Elemente,

Durch die wir uns als Werthungswächter hehr bekunden:

Ein Element und kein Befehl schafft Rechtsmomente.

Abend

Am Himmel blauen weither Wind und Inseln.

Die Brandung schwillt in dumpfen Brustakkorden:

Dazwischen hörst Du wirklich Stimmchen winseln:

Entwallt der Sang von großen Daseinsmorden?

Dort, durch das Dunkel, huschen nun Delphine.

Und auch die Wellen balgen sich am Strande.

Wie eigen ist doch manche Dingesmiene:

Ich fühle ja genau verborgene Bande.

Gewiß, jetzt gilt es, sich der Nackt besinnen.

Vergessen wir die lichte Innenstille.

Wir sehen rings Geheimnisse zerrinnen:

Schweigt! Was beginnt ein solcher Wellenwille?

Durch uns, verdunkelte Vernunftgeberden,

Hascht abermals so mancher Heimwehschatten.

Ja, ja, es heißt blos Auferstehn und Werden!

Ach, Dasein, willst Du immer nicht ermatten?

Das Weib an der Wellenwiege

Das tragische Schwarz aller Nacht ist erhaben.

Die Arbeit rastet aus. Die Armen darfst Du laben.

Erwartet mich: Ich bin der Wahn der Sagen

Und kann die Wahrheit und den Schlaf der Nacht ertragen.

Vernehmt: die Erde hat den Sonnensohn geboren.

Es strebt der Geist zu Gott empor. Aus goldenen Thoren

Kommt das Geschöpf erhöht zu Gott, Der es verloren.

Der Wesen Leid wurde zum Freiheitskeim erkoren.

Der tiefste Sohn, der seinen GipfelGott verschmähte,

Weil Der das ErdenLeben, das Er täglich säte,

Nach leidvollbrachtem Arbeitstage wieder mähte,

Entwandt der Rast den Schlaf, das er den Tod verspäte.

Es wuchs der Geistes Wurzelsehnsucht nach dem Süden:

Es war ihr Wunsch, daß sie die Wesungswucht entlüden!

Verkrampft, bekannte sich die Daseinslust zum Rüden,

Das Weibliche sollte die VollSonne ermüden.

Da ward von Gott, aus Ihm, das holde Wort geboren.

Im Wort hat sich der Sonne frischer Hort verloren,

Zur Sünde dann der Geist den Süden sich erkoren,

Nun tritt die Freiheit aus des Nordens goldenen Thoren.

Das Nordlicht sprießt: Das Weib empfängt die Weltkometen.

Das Nordlicht wächst: Es werden Sonnen sich verkneten.

Das Nordlicht blüht: Ein Gott begreift sich in Propheten.

Das Nordlicht siegt: Du bist! Kein Wort soll Dich vertreten.

Zurück zum Sonnengold! Das Wort begehrt den Bronnen.

Der Mund empfängt die Fluth, der Glaube tausend Sonnen.

Des Wortes Tochter, unsere Freiheit, hat gewonnen,

Nun weicht das Wort vor einem Gott in heiligen Wonnen.

Ihr seht das Wort zum vollen Element erfroren.

Es schweigt der Ruf, der Durst hat unsern Born geboren.

Vor Gott, der seinen Sohn, als Welt und Wort, verloren,

Besteht und lebt der Geist, der Gott in sich erkoren.

Gestalten am Strande

Sterne tagen, um uns still vor Gott zu tragen.

Die Herzen schlagen, um den Flug von selbst zu wagen.

Die Felsen ragen und verheißen alte Sagen.

Die Wellen klagen und die raschen Böen fragen.

Was hascht der Wind! Was faßt das kalte Wasser?

Nun athme ich geschwind. Die Welt wird mir ein blasser

GedankenIneinanderklang. Der Wahn wird krasser.

Jetzt athme rasch, welturverwandter Daseinshasser!

Athem

Nur Sehnsucht sind die Augen, blos der Mund Besitz:

Nur Traumgewitter Blicke und der Tag ein Kuß:

Das Dasein ist Verwolkung, Gott allein der Blitz:

Ich selbst bin Feuer, da ich glaubhaft bleiben muß.

Begierig sind die Blicke: Mystik west im Hauch:

Und Wahrheit, Unerschautes wogt das Wort ins Lied.

Das Unerhörte scheuche fort, wie Gluth den Rauch:

Sich selber hört die Seele, die das Fremde sieht.

Hinweg vom Schaustück! Aussichtslos und ohne Gier,

Enthebe mich der Geist. Zurück zu Wind und Mund!

Mein Athem ist der Sang, der Klang der Tag in mir.

Mein Ruf ist Wucht und Sturm: ein Schlund mein dunkler Grund.

An meinem Lied, an meinem Leide will ich hangen.

Des Schmerzes Feuerlippen löschen mein Verlangen.

Ich bin so weit, ja viel zu weit, in mich gegangen.

Wind wehe mich ins Weh, wo andere Wesen bangen.

Ein lächelndes Wesen erscheint mir im Winde.

Ein Weib wird vom Sturme nach Westen getragen.

Gesicht, das ich leibhaft und wirklich empfinde,

Wie kann ich Dir nahen! Es bangt mich zu fragen!

So weht denn vorbei, holde Sehnsuchtsgebilde!

Ihr silbernen Träume entschwirrt wie Gewitter.

Ihr perlbleichen Geister verschwiegener Gefilde

Vermummt meinen Wunsch, durch ein Schneeflorgeflitter.

Ich sah ja das Lächeln. Die Nacht wurde heller.

Jetzt wandre ich heiter, noch tiefer und weiter.

Mein Sang sagt die Wahrheit, stets klarer entquell er!

Verheißenes Weib, es erschaut Dich ein Streiter!

Erleuchtete Nächte, ich liebe das Lachen,

Dem Geister und Seelen unendlich vertrauen.

Vergoldete Morgen, die Menschen entfachen,

In Euch will ich plötzlich vor Freude erthauen.

Einfall

Auf einmal ward die Nacht geknickt und trüber:

Der Mond verdunkelt und dann wieder frei.

Perlmutterwolken bauten sich herüber,

Und vor dem Licht stockt eine Schäfchenreih.

Die Wiesen übersprühen grüne Käfer,

So weit sie Wiesen oder Felder sind.

Im Haage dämmern Träume müder Schäfer,

Und alle Silberbäume schmückt der Wind.

Das Meer erhellt sich selbst durch Wirbelfluthen:

Von allen Klippen träufelt fahles Licht.

Was blaß enttaucht muß Seelenschimmer bluten,

Oh seht, wie geisterhaft die See sich bricht.

Der Mond beherrscht nun wiederum die Weite.

Er lächelt nur; wer weiß, ob Du mich kennst?

Sein Lächeln bleibt das Wind und Fluthgeleite:

Die Welt ist jetzt ein riesiges Gespenst.

Der Sänger

Mein Mutterland, mit allen Deinen Fluchen,

Verlangst Du, bangst Du ja zum Mond hinan:

Unheimlichkeiten, die wir nur vermuthen,

Ereignisse, die nie ein Wunsch ersann,

Entwallen Dir aus Gründen, die einst ruhten,

Zum Stern, der abermals das Nichts begann.

Wir träumen ja hinweg nach einem Reime,

In dem das Fühlen starr und frostig sei:

Und allen festen Schlafes Ebbungsschleime

Durchblinkt des Sterbens Silberstickerei:

Wirft doch der Mond die bleichen Todeskeime,

Voll Mitleid, schon in jedes SonderEi.

Oh Erde, hin zum freundlichen Genossen

Will unbewußt das froheste Sonnenkind.

Was überraschend rasch am Tag ersprossen,

Ist innerlich doch immer mild gesinnt.

Es will ein Wort, dem todten Mond entflossen,

Zum stummen Mund zurück, dem nichts entrinnt.

Euridike

Ich weiß nicht, weshalb dieser Sänger mich preist,

Warum er mich immer noch sehnsuchtsvoll ruft?

Ich bin es doch selbst, die ihr Wesen verheißt,

Die alles was auftaucht harmonisch verstuft!

Du Orpheus, sei ewig der Strahl der Idee,

Und ich die unendliche Urmelodie,

Dein wirkliches Lied, alle Sterne, der Schnee:

Dein Leid, unser Heil, mein Weltselbst, das Nie.

Dein Ich, holder Sänger, ist immer in mir.

Oh, blick Dich nicht um, was ich war, bleibe stumm!

Doch dort, dort vor Dir, jenes furchtsame Thier,

Erbangt ja für Dich: Doch ich bin es. Warum?

Du darfst mich nicht todten! Ich steh wo Du gehst.

Ich wittre und weile, wohin Du gelangst.

Ich wandle als Schmerz, den Du heilsam verstehst:

Ich bin die Panik, aber nie feige Angst.

Ich springe in allem Vergleichbaren auf.

Ich sinke als Hast stumpf vom herbstlichen Ast,

Doch lenke ich auch Deinen leidhaften Lauf,

Bewußt nur durch Dich, Geist und Spende der Rast!

Ich ward von Gedanken in Marmor gebannt

Und harre als Stein auf den Sang, der mir naht.

Ich rufe und winke, mir selbst unbekannt,

Der Stimme, die wo mein Erschauen erbat.

Nun sind wir beisammen! Du blickst ja in mich!

Als jonische Säule erschein ich mir hold.

Dein frommes Erstaunen und Jubeln bin Ich.

Mein weibliches Nacktsein hast keusch Du gewollt.

Wind zur Heimath

Die Dulderin am Brunnen:

In meinen Dulderbrunnen sinken viele Schmerzen:

Doch tief in meinem Leiden spiegeln sich die Sterne.

Die Seelen schwellen her, es ticken tausend Herzen:

Ich kenne ihre Angst und hab die Kleinen gerne.

Die Menschen sollen ihre Träume furchtbar bannen,

Die Hoffnungswolken mit Begeisterungen schwängern.

Gedankenwanderschaften ziehn im Sturm von bannen:

Ideen werden ihre Macht bei uns verlängern.

Der Regen, voll Rührseligkeiten, soll erfrieren,

Der milde Schnee dafür im Mondenschein erglänzen.

Statt Nebeln werden Eisberge herniederstieren,

Kein Blitz – das Nordlicht soll das Land bekränzen!

Polarschein tagt. Die Träume bändigt er wie Thiere.

Sakrales Dämmerlicht verwaltet unser Wollen.

Die Erde will nicht, daß sich je der Wunsch verliere:

Was sie geboren, das vergöttlichen die Schollen.

Schwärme ohne Wärme:

Hinab zum Brunnen, unsere Blauheit zu erschauen.

Statt Eisgebirgen, die vor Lichtgipfeln erschauern,

Erblicke Auen, die, uns spiegelnd, sich bethauen:

Belauern soll die Lust das Leid und nichts bedauern.

Ein Schwarm voller Harm:

Die Lauheiten des Meeres schweelen, grundverbittert,

Die Seelen, wie in Nebeln, durch das Traumgetümmel.

Ihr seht, wie an der Sonne alles furchtsam zittert,

Dort oben bannt ein kaltes Leuchten Wolkenlümmel.

Ein Mann auf dem Meere:

Es schimmern blos die hellsten Sterne auf dem Meere,

Als ob der Halbmond hoch am Himmel wäre:

Die dunkle Stille aber unterbricht der Wind,

Aus Jonien weht und überweht er uns gelind.

Es tragen eines Bootes nimmermüde Schwingen

Mich leicht und schaukelsanft zu unerschauten Dingen.

Des Kahnes Gang ist bang und schwank, ja schwanenschlank,

Doch kreuz ich froh die Briese, samt dem Wogendrang.

Die hohen Segel führ ich selbst dem Wind entgegen.

Er schwängert sie voll Kraft, daß sie die Wellen fegen.

Doch blicke ich zurück, ist niemand dort im Boot,

Da hold sich, zur Begleitung, kein Wesen mir erbot.

So blick ich denn voraus, dort in den Braus der Wogen:

Was sich ereignen soll, kommt meerher angezogen.

Die Träume aber, ach, die träumen mir ja nach,

Die sind es, was ich hab, seitdem das Herz mir brach.

Die Wellen steigen auf. Sie spreizen weiße Flügel.

Sie schwingen sich empor: jetzt stiegen ganze Hügel.

Mein armer Flügelkahn, um Dich ist es gethan!

Es fletscht der Ozean. Es dunkelt der Orkan.

Gemurmel um den Brunnen:

Nur Brunnen sind bewußt, denn Sprudel bleiben Jubel!

Aus Seeleneinflüssen bestehen freie Wesen.

Es wittert die Vernunft des Sturmes Wuchtgetrubel.

Ein Wunder taucht nur auf, wenn es schon urgewesen.

Der Sturm ist gut und mahnt zum Geist zurückzukehren!

Die Welt ist wild. Der Norden droht mit großen Morden.

Versenke Dich in die Ursprünglichkeit der Lehren.

Erfasse Dich: in Deinem Innern ist der Norden!

Ein Lauschender aus blauer Au:

Grauen, sammtig rauhes Grauen

Packt mich, wenn ich traurig bin.

Lauter graue Raupen stauen

Sich vom Hals bis übers Kinn.

Ach, wie schwer ich das ertrage,

Wie es mich erschaudern macht:

Raupen scheinen es am Tage,

Falter sind es bei der Nacht.

Dunkelbunter Schmetterlinge

Werde ich genau gewahr.

Ja, die innerlichsten Dinge

Schaut dann manches Augenpaar.

Tief im Flügelkreis der Falter

Blickt mich meine Trauer an,

Unserer Seele blaues Alter

Hält ein Zauber dort im Bann.

Fliegt doch fort, Ihr vielen Dinger!

Färbt Ihr Euch mit Räthseln bunt!

Meine werden schon geringer,

Abgesucht ist Euer Fund!

Flackert nicht, wie kranke Herzen,

Die der Tod nicht knicken kann,

Knüpft nicht alle meine Schmerzen

An den Samt der Flügel an.

Weggeträumt, hinweggesonnen,

Gebt mir doch am Morgen Ruh.

Ach, in Sorgen eingesponnen,

Deckt mich schon das Schaudern zu.

Doch warum die trübe Klage?

Stets bin ich mit Graun erwacht!

Raupen plagen mich am Tage,

Falter sind es bei der Nacht.

Der Schutzgeist am Brunnen:

Entführt mir nicht im Träume meine Schlummerschwärme!

Beruhigt und genügt Euch selbst, Ihr tausend Wesen!

Das Ineinanderschauern zeitigt Fieberwärme:

Die Welt wird kalt: Ihr müßt durch eigenes Licht genesen.

Die Glühwürmchen sind tief und freier als die Sterne.

Ihr Licht ist bleich. Vom Eigenschein sind sie umkleidet:

Verwandelt das Gehaben nach dem Feuerkerne:

Zieht leuchtend hin, wie Einer, der die Welt vermeidet.

Der Nachtwandler:

Naht mir gar nichts auf den Spitzen,

Leise wie ein Geisterhauch?

Licht fällt durch die Mauerritzen,

Was Du fühlst ist grauer Rauch:

Jedes Ding kriegt Silberschlitzen,

Und es klingt und knistert auch.

Ja, jetzt wirst Du fortgetragen!

Thür und Fenster gehen auf.

Bleiche Thiergespenster wagen

Gleich mit Dir den Traumeslauf:

Glaubst Du Dich in einem Wagen,

Bauscht sich unter Dir ein Knauf.

Auf der Kante des Verstandes,

Über, unter der Vernunft,

Fühlst Du jedes Todtenlandes

Wunderheilige Wiederkunft,

Deinen Gang am Daseinsrande

Schützen unerfaßte Bande.

Der Dreiviertelmond ging unter:

Oder spürst Du nur kein Licht?

Doch! Ein Geisterchor wird munter,

Und Du merkst ein Teichgesicht,

Das Dir blauer, tümpelbunter,

Grün gar, ins Bewußtsein sticht.

Silbersilbig wird jetzt alles.

Hände kriegt so mancher Baum.

Des geringsten Eichenfalles

Wirkung grinst im Weltenraum:

Alles klingt zu eines Balles

Urversuchtem Rundungstraum.

Leise, denn geträumre Träume

Halten Dich zu leicht im Raum.

Eben treten Schauersäume

Blau und panisch in den Traum:

Halte Dich an Deine Bäume:

Faß Dich, denn Du fühlst Dich kaum!

Ja Dein Spuk wird torkeltrunken

Und er splittert Dich nun ab.

Tief in Dich zurückgesunken

Wird Dein Fliegenwollen schlapp,

Und Du hältst Dich kurz an Strunken …

Ja, mein Lager ist gar knapp!

Seelen in wehender Wehmuth:

Die perlenden Seelen der sterblichen Thiere

Gefrieren wie Eisblumen still und in Frieden.

Du Leidenschaft wandelnder Wesen, erfriere!

Wir wehen ja wehmuthverwindend hienieden!

Du fieberndes Fordern und Träumen vom Norden,

Ihr Wallfahrten alle, verkrampft Euch zu Gletschern!

Es bannt Euch das Wort, das zum Weltlicht geworden!

Verkrümmt Euch zu Baren, zu Reißzähnefletschern.

Verkrustet, in uns Euern Durst zu verbergen:

Die Ruhe erklimmt ihr nur schreckhaft vereisend:

Dem Wechsel entreißt Euch in plötzlichen Bergen:

Vernebelt gespensterhaft, Welten entkreisend!

Die blinde Wehmutter:

Als Greisin führe ich noch grundbewußt zum Leben.

Ich bin verwittwet, aber unverwittert, sicher!

Ich hoffe ferne Geister bald ans Licht zu heben:

Es wird der Mensch einst freier, abenteuerlicher.

Ich wurde weiß, den Sternen mag ich wohl entstammen!

Blos alte Seelen können einverleibt ergreisen.

Das Nordlicht wird die Hehrsten unter uns entstammen:

Nur um die Reinsten kann die Weltwabe vereisen.

Es fühlt der Mensch noch nicht den Weg zu meinem Wissen.

Er schweift verirdischt fort durch wilde Schwermuthstürme.

Der Urverwurzelte wird witternd fortgerissen:

Der Albbefangene erklettert Narrenthürme.

Ich aber finde langst den Pfad zur NächstenNähe:

Den Blick in Menschen kann mir nur die Nacht gewahren:

Die Räthsel, die ich bei Geburten jäh erspähe,

Beginnen langsam auch den Tagesgang zu klähren.

Die Knaben scheinen mir von Sonnenlicht umfroren,

Da ist es mir, als ob ich Wolken weltwärts leite.

So glaubt es nur: Ihr werdet goldumflort geboren,

Drum hoffe ich und stehe Müttern hold zur Seite.

Die Mädchen sind von mildem Mondenschein umzittert.

Ich sehe sie in meiner Blindheit leicht umschleiert,

Ihr Silberlicht ist spröder, tödtlicher, und splittert.

Durch ihr Erscheinen wird die Leiblichkeit gefeiert.

Ich werde weilen, um Propheten zu erkennen!

Des Geistes Kinder kann auch meine Hand blos wähnen:

Es wird so schwer, vom Mutterschlunde sie zu trennen,

Doch fühle ich Bestimmungsrisse hülfreich gähnen.

Verblüffend einfach ist das Wesen der Propheten:

Auf einmal überstrahlen sie die halbe Erde.

Die alten Pfade kannst Du plötzlich nicht betreten,

Du selbst erfaßt Dich, wie Panik im Wald die Heerde.

Du wirst die Welt. Die Herzenssterne sind erglommen.

Der tiefste Wahn gewittert. Herrlich strahlt der Norden.

Die Wege wechseln selbst. Du bist zu Dir gekommen:

Aus großen Sorgen ist ein Morgengold geworden.

Polarlicht strahlt und wallt auf allen Daseinsschachten,

Die Welt ist voll in unserer Tagesmacht enthalten:

Die Sterne, die der Pfade Richtungen bewachten,

Verdunkeln der Ekstase plötzliche Gewalten.

Astraler Gesang

Der Zeichendeuter:

Ein neuer Mond ist in den Menschen aufgegangen!

Er blinkt in uns, vom Grunde nächtlicher Pupillen,

Und kühlt der Daseinsflammen nordisches Verlangen.

Der Mond der SeelenSee beschwichtigt jeden Willen!

Er ist ein Stern. In ihm bespiegeln sich die Sterne.

Und blos das Licht der Herzen kann den Schmerz der Welten stillen.

In seiner Ewigkeit versinkt der Sphären Ferne.

Der Sonnen Todessturz muß sein Bewußtsein schüren:

Denn Sterne streben sterbend zum Erkenntnißkerne.

Es scheint das All für unsern Mond den Tod zu kühren.

Er ist der Stern, um den sich alle Sonnen drehen:

Wir werden frei die Milchstraße zum Ursprung führen!

Sein Wesen ist ein helles DurchdieSeelenwehen.

Er ist! Die Sonnen, seiner Tiefe Wiederscheine,

Erhalten Macht und Größe blos von ihm zum Lehen.

Den Mond der Stille heben Seelen, im Vereine,

So heilig in die Nacht der unerkannten Sphären,

Daß Sonnen leuchten: Monde, wie bewußte Steine,

Die Welterkennmißsterne rings um sich verklären.

Chor der Gegenwartsgeister:

An unserer Gegenwart entzünden sich die Sonnen.

In ihnen dunkelt Nacht, doch wir sind ihr Ersunkeln.

Ihr Sonnen strahlt empor: die Mondsicht hat begonnen.

Lied der Sternenkinder:

Der Mond geht auf! Er blickt und schimmert aus Karfunkeln.

Wir tragen seine Sichel, die uns still beleuchtet,

Empor aus Seelen, die sich wieder stumm verdunkeln.

Eine dahinwehende Seele:

Oh, wie das junge Licht mir zart und friedlich deucht.

Ein plötzlich ausleuchtender Komet:

Der Mond, der meinen bleichen Schein so hold entsponnen,

Steigt hoch empor. Er klimmt zu seinem Wahngebilde.

Schon faßt er mich. Ich bin! Nun strahlen alle Sonnen.

Das Heer der Sterne:

Des ersten Meeres Ernst besteht: die Sterne sind blos Schemen!

Es giebt der neue Mond den WerdensWirbeln ihren Kern.

Die Silberwiege, der wir unsere Kindlichkeit entnehmen,

Gewahrt uns Seelenstille, Ernst und Schmerzensgluth zum Stern.

Die sinkende Sonne:

Es träumt und schaut ein Kind aus seiner stillen Silberwiege

In Schauermöglichkeiten, die mich feierlich betäuben.

Des Kindes Wesenshöhe sagt mir, daß ich bin und stiege,

Doch weiß ich, daß sich meine Strahlen vor mir selber sträuben.

Vision der Sonnen:

Die Erde strebt mit ihrer Sonne fort zum Sonnentode,

Doch schwingt sie ihren Leib um unsere Seele, die noch schläft.

Es scheint uns, daß sie alle Hoffnungen zusammenrode:

Wie herrlich wäre es, Ihr Sterne, wenn Ihr einst Euch träft!

Die Erde schweift, mit ihren beiden Monden, mit dem Todten,

Der ewig sich erfüllt und mit dem Lebenden, der glimmt,

Der durch die Sterbensschmerzen klimmt, die eben bleich verlohten,

In unsere Kernesferne, wo der Stern zum Sterben stimmt.

Die Sterne zur Linken:

Die Erde stirbt! Der Todesmond nimmt zu! Wir sind verloren!

Ein blasser Wanderkatarakt umwandet den Planeten.

Zehntausend Seelen sind erkoren. Sie schaun aus Silberthoren

Aus Gletscherriesen, die noch ungeboren sich verspäten.

Die Sterne zur Rechten:

Der Todesmond nimmt ab! Die Erde brennt! Wir sind gerettet!

Der Todesmond verschrumpft zu einem Boote für die Todten.

Die Wanderwabe wächst. Die Zacken werden überglättet.

Das Boot versinkt. Wo sind die Todten? Lauter Mondesboten!

Das Heer der Sterne:

Der junge Mond! Der junge Mond! Zur Wiege wird der Nachen.

Die Silberwiege schützen still die ewigen Nordlichtschleier.

Geschöpfe brachten ihn zur Welt. Nun werden sie erwachen.

Zur Wahrheit ward ein alter Wahn. Das Leid ist eine Feier.

Die versinkende Sonne:

Die Erde trägt mit ihren beiden Monden unser Sterben

Und auch die Hoffnung aller Sonnen durch die Dunkelheiten.

Ein Sonntag wird erscheinen: alle Sonnen hehr beerben

Und in dem Nichts, das uns begreift, die Seeligkeit erweiten.

Chor der Sonnen:

Das Nord und Südlicht unserer Erde sind der Seelen Schwingen,

Doch mehr als Feuerflügel, um sich selber zu entwehen,

Verhüllungen, die fordern, in Geschöpfen zu vollbringen,

Was keine Himmel hoffen, da auch sie zu Grunde gehen.

Das Heer der Sterne:

Das Wunder, das Wunder! Die Welt verwandelt sich in Wahrheit:

Verwunden sind die Dunkelheiten, die ein Wort gebunden.

Es tagt! Ein Herz bricht auf! Uns alle überwältigt Klarheit.

Das Wunder, das Wunder! Die Dunkelheit durchgluthen Wunden.

Seelen, die sich verkörpern:

Ein Mund, ein Mund! Die Stummheit kann sich selbst aus Schmerz verwunden.

Ein Mensch, ein Mensch! Die tiefste Dunkelheit wird sich verlieben.

Ein Mann, ein Mann! Ich glaube nicht: ich trage, spende Kunden!

Der Mond, der Mond! Wir sind in uns voll Ewigkeit verblieben.

Der jüngste Geist:

Die Seelen streben wie Gewitter nach dem festen Norden.

Der Streit ist schrecklich, daß wir fast die Athemtraft verlieren.

Es friert. Bejahe Dich: Du bist zur pursten Gluth geworden.

Nun sprich Dich aus: Das Wort! Es wird zur Ewigkeit erfrieren.

Mein stummgewordener Völkerstamm, geheiligt durch die Kalte,

Die gleich die Silben auf den Lippen abstarrte, jetzt schreie:

»Begeisterung!« Das ist der Blitz, der selbst für Sterne gelte!

Kristallklar wallt die Wahrheit in das Freie.

Der Chor der Sonnen:

Die Erde tragt mit ihren beiden Monden, mit dem stummen

Und mit dem mündigen, die Tragik in den Chor der Sonnen.

Du kennst sie nicht! Sie will sich ganz mit heiliger Gluth vermummen.

Denn sie vernahm in sich das Wort, das unsere Welt begonnen.

Die versinkende Sonne:

Vom Baume, wo die Sonnen blühen, ist die weiße Erde

Schon eine dunkle Frucht, aus der die Wunder wieder sprießen.

Ein Geisterstamm entragt ihr stolz, bis in sein eigenes: »Werde!«

Um sich, von uns getrennt, blos in das Wollen zu ergießen.

Der Prophet:

Vom holden Sonnenbaum, mit seinen lodernden Geboten,

Verlangt es den erblaßten Geist nach reifen Kreisgesetzen.

Die zeigt der Leib. Doch, überschaut, bekleidet er die Todten.

Und dieser Zwist gebiert im Geist geschlechtliches Entsetzen.

Drum Geist, entrößle das Geschick und unser Sterben!

Es müssen Wunder stumm um Deine kalte Flamme bluten.

Dein jüngster Glaube soll um aller Wesen Demuth werben.

Die Einsicht kann die Sonne mit Umarmungen umgluthen.

Die plötzlich stehenbleibende Sonne:

Des Geistes Hilfe dringt wie warmes Blut in alle Seelen.

Wie nahe mir die Menschen sind! Sie lieben mich in Pflanzen,

In stillen Thieren, denen sie den Weg zu mir befehlen.

Ich brauche kein Gebet! Die Wesen kennen mich im Ganzen.

Chor der Propheten:

Wir sollen zu dem Bäume mit den Sonnen wiederkehren!

Er wird im Frühjahr alle Seelen in die Heimath führen.

Es hat ein Kind nach allen Demuthsweisen Urbegehren,

Schon wirft der Geist sich durch des Fleisches finstere Schauderthüren!

Es überwältigt unser Herr die klügelnden Geschöpfe:

Es wirft sein Wort uns in den Flammenwahn der Leidenschaften!

Den, der da hört, durchdröhnt der Herr, beschwört die widerspenstigen Köpfe

Und bleibt am Marterpfahle, daß er Sonnen trage, haften.

Die plötzlich zurückkehrende Sonne:

Ihr Wälder, Felder, Wehmuthsweisen, Wanderer und Waisen,

Ihr heiligt und beruft mich, durch das Wunder Eures Wesens.

Der Sonntag meiner Auferstehung muß im Blute kreisen:

Ich bin der Segen des unendlich einfachen Genesens.

Ein Schwarm berauschender Gefühle:

Das Wunder! Das Wunder! Propheten wollen uns beleben.

Der Adel der Gedanken bannt den Schlaf der Patriarchen.

Durch unsern Traumestaumel können Todte sich erheben:

Der Geist entsteigt der Welt, wenn rings Kadaver schnarchen.

Der Hellseher:

Ihr freveltet gegen die Welt, jetzt schützt den Geist vor Sünde!

Die Sonne ist der hohe Schooß des goldenen Gotteskornes.

Bestimmt, daß Eure Seele in die See der Milde münde!

Der Baum ist todt! Doch lebt die Gluth der Wunde eines Dornes.

Die sinkende Sonne:

Entrage, Flammenstamm! Umarme alle Wandersonnen!

Vertilge allen Raum: bedinge uns in einem Funken!

Der Norden wahrt das Wort, denn dort hat unser Wort begonnen.

In meinem großen Wollen waltet Gott, in Sich versunken!

Erkeime, Geist. Erstrahle als das Flammenschwert der Erde!

Vernichte alle Finsternissen ihres Pilgerweges!

Ihr Freischeine, ich weiß, daß ich durch Euch vollendet werde!

Das Urlicht bannt uns fest: Der Raum umspannt es: ich zerleg es.

Der Hellseher:

Oh Seelen horcht, aus Sonnenschößen strömt das große Wollen.

Ihr sollt die stolze Adelsart in Lichtgefilde tragen.

Der hohe Norden muß vor sich das Mittagsland entrollen:

In aller Nacht wird ja der Thaten Wahrgewahrung tagen.

Doch Menschen hört, Ihr seid zu der Begeisterung geboren:

Zu Euch kann jeder Volkstrost, jedes Schicksal Euch geleiten.

Erkämpft den Tag! Führt sein Gespenst hervor aus Nordlichtthoren,

Ob elend, trank, wer sähe das: der Geist wird einwärtsschreiten!

Die sinkende Sonne:

Aus meiner Seele strahle, strahle ich, daß ich einst sterbe.

Aus meiner Erde steigen Geister auf, die mich umarmen.

Ich spende, sterbe, daß die Welt die Ewigkeit erwerbe,

Er wird das stille Wort sich seiner Wanderer erbarmen!

Der Magische Sang

Das ist der Sang der Nacht, in der die Sagen langsam tagen.

Der Strand, wo Traumgestalten unsere Urgewalt erleuchten,

Wo stille Lichtsicheln um zarte Tagesräthsel fragen,

Und Feuersterne ihre Irislider leicht befeuchten.

Das ist der Norden, unser heller unsichtbarer Norden,

Die Heimath, die uns unvermuthet auf den Fahrten lenkte:

Wir folgten ihm, von Meer zu Meer: beim Fordern und beim Morden.

Er hielt uns fest! So fest, daß er sich ganz in uns versenkte!

Ein Lied taucht auf! Es wird von einem Träumesmeer getragen.

Es naht uns sacht. Sein Flügelschlag vereinigt unsere Herzen.

Aus Schönheit fängt die See in meiner Seele an zu klagen.

Gefiedersegel heben sich ins Sternenheer der Schmerzen.

Das ist die Sage Hellas: ihrer Heimath urverbunden!

Sie ist ein Sang und doch nur marmorstumm geheiligt.

Sie weilt in uns, in mir vermuthet sie verschwundene Kunden:

Denn Dinge giebt es! Menschen! und Ihr seid daran betheiligt!

Es trägt das Lied den Werth der Himmelswahrzeichen im Wesen:

Der große Bär wird uns von Hellas Sagen eingehändigt:

Es blickt der Schiffer nach dem Norden, wo er einst gewesen:

Es wird der Westen blos vom Nordenkundigen gebändigt.

Der innere Norden ist die Heimath aller Wanderseelen,

Die Stille, wo sich unsere Unvergänglichteiten treffen,

Der Hort, wo, urbekannt, wir den Bewußtheiten befehlen:

Er ist in uns wenn unsere Möglichkeiten Segel reffen.

Oh Heimath, ich erfülle meine Grundzufriedenheiten.

Hieratisch bleibt mir meine Wesenshöhe zugemessen.

Ich kann, als Mensch, verstandesklar um Einzelheiten streiten,

In Gott versenkt, zu Gott erhoben, jeden Zwist vergessen.

Es spricht, wer irdisch stirbt: Ich bleibe und Ihr werdet reisen!

Den Schiffer, der nach Norden blickt, durchwittern seine Todten:

So fühle, Mensch, um Deinen Grund bewußte Seelen kreisen.

Die Andern ziehn um Dich, doch wirst Du selbst zu ihrem Booten.

Die Seele, die das Gleichniß ihres Nordens voll durchschauert,

Braucht nimmer, leiblich sterbend, ihre Heimath zu erreichen:

Sie weilt in Gott gekehrt, wo sie die Welten überdauert,

Steil über ihren Menschlichkeiten, die um uns verstreichen.

Oh Gott, ich bin in Gott! Schon kann ich Gottes Welt erfassen!

Was droht mir nun! Mir bangt. In meinen Glauben dringen Flammen:

Ein rothes Nachtgespenst erscheint und dringt in mich, zu hassen.

Im Norden geht es um und scheint den Gletschern zu entstammen!

Es ruft in mir das rothe, schreckliche Gespenst im Norden:

»Es trennte sich bereits Dein Geist, als Perseus, vom Gebirge!

Er war zum reinsten Ausdruck dieses Nachtsternes geworden

Und schien berufen, daß er unsern Flug zum Herrn verbürge.

Der Ararat versank, als ausgebrannter, schmerzumstarrter Krater:

Die Erde wollte Dich, oh Geist, zu sich herniederrufen:

Da brachte sie ein Kindlein Dir zur Welt. Oh Gott und Vater,

Als Deine Demuthstiefen Deinen Sohn im Weib erschufen,

Da faßte Dich für diese Welt unendliches Erdarmen:

Und auch der Erde Geist in Dir ist wieder Mensch geworden!

Er glühte im Verderben auf, begeisterte die Armen,

Der Reichen stummer Schutz zu sein und ließ sich schuldlos morden!«

»Du furchtbar großes Gluthgespenst,« erwidre ich im Geiste:

»Die Erde wurde mir im Traum zum Araratkrystalle.

Als Pyramide sah ich schon den Ball, den ich bereiste!

Zur Spitze ward der Pol! Zum Zweck, zu dem ich walle!«

»Wo bleibt« fragt mich das Glanzgespenst: »die südentführte Seele?

Die kalte Flamme haschtest Du! doch mußt Du niederwallen,

Bis Christus, als der gute Hirt, mit seiner treuen Heerde,

Zu Gottes Ruhe wiederkehrt, denn Gott erglüht in Allen!

Ich selber bannte Israel dereinst in warme Leiber.

Ich watete durch Meer und Sand und bin zum Kreuz gekommen,

Beim Grabe aber war ich schon elf Zeugen und drei Weiber

Als zwölfter sprang ich wieder ein und drang in alle Frommen.

Die Sonne ist in Nacht getaucht: ich bin der Mond, der blutet!

Der Sprachen Brandung lausche ich im Meer um meine Dauer!

Ich fühle unsere SeelenSee, die brausend zu mir fluthet.

Entstammend ist mein Ruf. Um Euch erglüht in mir die Trauer!«

»Du wunderbares Blutgespenst, mich lüstert nach Geschicken!

Geschicke giebt es, Seelen hört,« entfahrt es mir: »Geschicke!

Du Bettelvolk, Du hehrer Herr, Ihr sollt Euch hell erblicken,

Erstiegt Euch selbst! So tief, daß Euch der Lebensquell erquicke!

Geschicke fesseln an die Welt, drum muß man sie verwunden!

Geschicke habt Ihr und Ihr dürft Geschicke kühn vernichten.

Verwundet Euer Fluchgespinnst: Aus Wunden fluthen Kunden.

Verwundert Euch: Das Gluthgespenst! Es ruft, Ihr wollt Euch richten.

Mein großes Volk, mein hehrer Herr, entwindet Euch Geschicken!

Geschicke habt Ihr: dankt Euch selbst! Ihr seid zum Krieg berufen.

Geschicke weiten sich, vergehn! Ihr seht Gespenster nicken!

Noch ferner wehen tiefere, die einst das Schicksal schufen.

Verwundet Euer Weltgeflecht! Die Kunden werden munden!

Das Blutgespenst umdämmert Euch, Ihr könnt den Kampf verlängern.

Aus jedem Mund entträufeln jetzt dem jungen Monde Kunden.

Durch alle Wunden laßt Euch tief mit Göttlichkeiten schwängern.«

Der Norden fordert Opfer! Drohend scheuchen Sturmesrufe

Die Geister, die das Licht erringen wollen, in die Wirre:

Wir kommen doch! Vereinzelte! Ich klimme: eine Stufe!

Mein letzter Freund! Du gehst vorbei! Zurück zu Dir! Ich irre!

Die Wallfahrt wird des Abendlandes Adelung erlangen!

Solange wir im Kampfe fallen kann sich Macht gestalten.

Die Wanderer, die ihre Nacht im Wahrheitsbann durchdrangen,

Erwarben bald kristallklar des Erhabenen Walten.

Das Wort erstarrt! Der es empfing, ist einmal nur gekommen!

Wir ziehn ihm nach. Ich sinke hin. Wir sind im Sturm verloren.

Doch vor! Noch vor! Es ist der Norden schon dereinst erglommen:

Die Wallfahrt winkt! Der Adel bleibt. Ein Pilger wird erkoren.

Oh hoher Norden, oh gelobtes Land in Wind und Winter,

Vor Deinen Gletschern stehe ich, erwühle meine Wüstenstürme.

Darf ich zu Dir, in die Gespensterkalte! Starrgesinnter

Begeisterer der Welt, ich kam, daß mich Gewißheit schirme!

Das Wissen beißt sich ein in jede Seele, die sich weitet:

Das Wissen wähle ich, das die Gefriergipfel begeistert.

Des Lichtes Sinn umschlingt das Eis, zu dem mich Liebe leitet.

Wer weiß, ob die Idee die Welt der eigenen Wahl einst meistert!

Es steigen goldene Wolken auf. Die Nacht will Feuer spenden.

Du schwarzes Nichts, in Dich will meine Seele sich versenken:

Mein Missen schlingt sich ein, die Nacht wird es zu Wissen wenden!

Ich bringe Durst: was Du erfuhrst, wirst Du mir ruhmvoll schenken!

Das Ungeborene, das Rom der Sonne ausgebreitet,

Damit es Samen spendend seinen Ruhm vollende,

Beruft mich in das Nichts! Ist Nacht, die meinen Tag durchschreitet,

Und kennt nicht mehr die Welt, wenn ich mich zu mir selber wende.

Es fühlt die Liebe über allem Dunkeln tiefstes Dunkel.

Wo jeder Wunsch verweht, kann sich der Winter offenbaren.

Dann wird es dunkel, dunkel, nichts als Ruhe, kein Gefunkel.

Wer weiß, geliebtes Wesen, wann und wo wir einsam waren!

Oh Gott, vertiefe mich, wo ich in Dir noch ungeboren!

Ich leuchte ja und brauche Dunkel, mich bewußt zu fühlen.

Durch goldene Himmel sinke ich zu schwarzen Wolkenthoren.

Wo ist das Licht! Ich bin das Nichts, um Herrlichkeit zu kühlen!

Der Geist

Das leiderlöste, fieberfreie Weltenfeuer,

Die Ewigkeit, die wir durch Flammenkronen fassen,

Durchstrahlt die Nacht als nordeneigener Glanzverstreuer.

Ich wähne seine Sichtbarkeit in blonden Rassen:

Oh Feuer, das die Seele und den Leib erhellte,

Wo Du den Geist durchglühst, da muß der Tag erblassen!

Du goldenes Ruhebett im Raum der Todeskälte,

Schlag auf die Prachtgardine aus vereisten Gluthen

Und zeige uns den Wahrheitskranz am Jenseitszelte.

Du laßt uns eine Himmelshierarchie vermuthen.

Wir Menschen trachten sie auf Erden nachzuahmen,

Doch läßt die Eigenniedertracht uns dran verbluten.

Das Ordnungswollen schürt den Brand von Königsdramen:

Die Hoheit der Gedrückten fordert freie Staaten:

Durch Gottes Zucht und Liebe darf kein Haß erlahmen!

Doch reisen in der Seele hold des Sohnes Saaten:

Die kalte Gluth des Weines hat uns jung verbunden,

Zufriedene Ewigkeit entflammt die LammAgnaten.

Die Gluth in uns verführt, das Fremde zu erkunden:

Das Muttermeer will alle Geisterschaft entrollen,

Wir sollen fern der Sonnenwunden frei gesunden.

Das Meer empfängt und klärt die Gluth der Schollen:

Der Geist, der Weltideen durch uns selbst bethätigt,

Bewegt dabei der Wogen volles Wolkenwollen.

Du Glanzschrift, die um beide Pole Gott bestättigt,

Wann kommt der Tag, da Du die Innennacht erleuchtest!

Mein Lamm, wann sind die Sucht und Fluchwölfe gesättigt?

Doch Geist, da Du die Purpuradler nicht verscheuchtest,

Und weil die SeelenSee das Eroige uns blos spiegelt,

Bin ich ein Sklave, den Du, Gnadenhauch, befeuchtest!

Solang die Welle ihre Schwester aus dem Grunde wiegelt,

Und noch Geburt und Tod die Leiblichkeit begrenzen,

Hat unser Urgefühl kein Räthselbuch entsiegelt!

Ich sehne mich nach ewig jungen SeelenLenzen,

Und wo ich einem Sonnenwunsche frei entsage,

Fühl ich in mir die gute Muttergluth erglänzen.

Die Sonne ist die Antwort auf die Doppelfrage:

Was ist die Ewigkeit? Und was erhält die Maaße!

Die Waage aller Bildung tritt aus uns zu Tage.

Das Licht der Sonne schafft sich jede Lebensstraße:

Den Wechsel sollen wir mit heiliger Zucht ertragen,

Doch heitere Mittagsnachsicht treibt uns bald zum Spaße.

Und kann die Sonne fast die Dauer überragen,

Und so das Licht, das uns entschlummert, hier vertreten,

Glimmt hinter Arbeitstagen auch der Ernst der Sagen!

Die Sonne widerspricht dem Zwang sich zu verkneten.

Ihr Licht umarmt die Gluth, die sich durchs Dasein windet:

Die Ewigkeit erdämmert in den Polkometen.

Die Sonne schafft den Pfad, auf dem man Gnade findet.

Da man das Urlicht, nach erfüllten Sonnenpflichten,

Als die allgegenwärtige Liebesmacht empfindet.

Die Zeit ist Selbstverständlichkeit von Lichtgerichten,

Die, weiter sich vertiefend, sich auch selbst vernichten,

Und Schönheit ists, ein Ziel in Fliehendes zu dichten!

Du Gluth, die es vermag, den Urdurst zu beschwichten,

Du bist das Wort, aus dem der Schöpfungstag entstanden:

Und auch der Rechtspruch, um die Weltzwiste zu schlichten.

Du bist das Freiwort, nicht die That, in Kraftmaaßbanden!

Ihr Flammen beider Pole seid die Erdgeistschwingen,

Die Lebensfieber, die im Friedensjenseits branden.

Ihr Weltbrandadler, laßt uns Adel frei erringen:

Ihr sagt: es mag der Mensch die Folgenangst verachten,

Wodurch im Überschwang die Nothketten zerspringen.

Begrüßt die Glaubensgluthen, die in uns erwachten,

Denn unsere Reinheit kann der Zwang nicht mehr begreifen

Und auch die Dauer und den Ruhm nicht tief betrachten.

Drum macht Euch frei von allen Nutzsuchtunterschleifen:

Der Frohgang der Natur steht unter Gottes Würde,

Ihr habt im Herzen keine Weltbegrenzungsreifen.

Das Lamm gehört zu keiner Sonngefolgschaftshürde:

Die Gnade, die es ausstrahlt, kann uns stets erreichen:

Die Zukunftsfurcht an sich ist unseres Daseins Bürde!

Die Gluth in uns versucht es, Gluth Dir anzugleichen:

Um flüchtige Sonnenwünsche lege Urlichtzügel:

So wird im Geist das Reich des Scheines sacht verbleichen.

Dann spannt die Seele ihre bunten Nordlichtstügel

Schon jetzt leibhaftig auf und athmen kalte Flammen:

Bewerthe jede That durch Deines Wesens Siegel!

In Weichgefühlen darf das Wollen nicht verschlammen:

Was ewig aus Dir hallt, versuch es klar zu prägen,

Den Lauten horche, die dem Lautergeist entstammen.

In warmen Sonnenstrahlen glüht des Vaters Segen.

Im hohen Norden flackern seine Strafgewalten;

Aber der Sohn begrüßt uns schon auf trauten Erdenwegen.

Die Gluth jedoch, die wir in unserer Hut verwalten,

Der Geist, durch den die Wahrheit sich kann offenbaren,

Und Der nun herrscht, verneint der Götter Machtgestalten.

Er ist bereits ein Feind des Sichtbarwunderbaren.

Er ist ein Donnerwort: der Geist, doch nicht die Stimme!

Er zuckt als Lamm! Er kreist nicht in Prophetenaaren.

Wer fühlte nicht sein Himmelsleid im eigenen Grimme,

Den Schmerz des Weltheils, wenn wir es gefährden!

Es strahlt der Geist, daß Liebe rings erglimme!

Doch ist die Welterkenntniß Gottverflucht aus Erden.

Die Gnade aber kann selbst dem Verstand verzeihen.

Durch Urlichtmitleid wird der Stolz gerettet werden.

Die Innengluth mag unserm Leibe Huld verleihen.

Den Fruchtgenuß vergiebt die Liebe jedes Paares.

Die Pfingstflammen beginnen Fleischfreuden zu weihen.

In allen Tagesthaten stammt ein Ewigwahres.

Und wo es Gott ersehnt, dort kann es ihn erlangen:

Der Satan stahl es zwar, doch Gottes Wort gebar es!

Die Gnadenstammen seh ich allwärts prachtvoll prangen.

Der Geist hat den Naturzwist sieghaft überwunden,

In der Dreieinigkeit ruht alles Urverlangen.

Die Erde brennt aus tiefen Lebenswunden.

Polarlicht überstrahlt den Athem des Planeten.

Die Scholle kann des freien Geistes rein gesunden:

Der Mensch wird Gott und Gottessohn im Geist vertreten!

Unheimlichkeit durchschweift die Freiheitsphären,

Es naht den Erdenfackeln ein Komet:

Es glüht der Wein, das Gold schießt in die Ähren,

Der Himmel ist von Schnuppen übersät.

Die Seele will sich aller Angst erwehren,

Da sie der Geist in stillem Ernst umweht,

Und dennoch naht der Feind mit Geißelheeren:

Ach Mutterland, Dein Flammenkranz vergeht!

Im Herzen fühle ich das Goldgewitter.

Die eigene Schwüle macht mich blaß vor Scham.

Ein freier, doch ein fremder Sterngeistritter,

Macht meine Feuerfreude flügellahm.

Er sagt: »Die Gluth in Euch ist Tugendstitter!

Wer sich im Martertode stark benahm

Bleibt immerhin ein Thier und Urlichtzwitter,

Denn jedes Qualgelüste ist infam!«

Wahrhaftig, alle unsere Flagellanten,

Und die Asketen auch, nach Isis Brauch,

Sind gar verdächtige Heilstrabanten:

Um ihre Scheiterflammen wabbert Rauch.

Die Heiligen gar, die sich fürs Lamm entmannten,

Verschmähten ihren reinsten Leibgebrauch,

Origenes und andere Diamanten

Sind fahler als des Moses Zukunftsstrauch!

Die tiefste Wahrheit strahlt im Goldkometen,

In unserm Innern weckt er manches Wort!

Er spricht: »In allen Priestern und Propheten

Belebt sich Luzifer in einemfort.«

Die Menschen, die den Schöpfer hier vertreten,

Begehen stolz den ärgsten Seelenmord:

Allein in Hiobs Hymnen und Gebeten

Erkennt der Fromme sich als Satanshort.

Oh Herr, Dein Wesen will ich dreist durchdringen!

Oh Herr, die Arbeit habe ich verschmäht!

Ich will mit Engeln, Heiland, singen!

Wo bleibt die Demuth, die im Staub vergeht?

Dein Licht ist Liebe, wie es Menschen bringen!

Das ärgste wird von Christen ausgesät:

Blos Deiner Gnade kann das Heil gelingen,

Denn Selbstsucht schwillt in jedes Bußgebet.

Oh schlag uns, Herr, vor allen die Propheten!

Wir haben stolz das ewige Gut umfaßt.

Oh Herr, der Gotterkenntniß Prunkrateten,

Verschwende ich als bübischer Phantast!

Ich bin ein Dieb! Die Einsicht des Planeten,

Die Himmelswollust hasch ich ohne Rast:

Ich hab, vor der Geburt, den Raub vertreten:

Lichtspender, triff mich Nimmersatten Gast!

Der Feuerschweif erschüttert unsere Flamme.

Polarlichtwirbel glühn am Firmament.

Ich frage mich, sind wir vom Gnadenlamme,

In Ewigkeit, als Satansbrut getrennt!

Die Kirche, unsere milde Seelenamme,

Die seit Augustus Zweifelbeichten kennt,

Versengt der Sonnenglanz von einem Stamme,

Der ferne urlebendig heilwärts brennt.

Es sagt der Glast: »Die Wesen, die Gott schauen,

Verwirken durch ihr Wissen seine Gunst,

Doch jenen, die aus keine Hoffnung bauen,

Entschleiert erst der Tod den Daseinsdunst.

Es wandeln in den heiligen Friedensauen

Die fertigen Erschauer ihrer Kunst.

Dem Lamme muß vor allen Seelen grauen,

Die nichts bewegt als Himmelsliebesbrunst!«

Die Flamme sagt: »Der Herr ist von den Sternen

Und ihren Daseinsgütern abgekehrt:

Wer trachtet sich vom Schöpfer zu entfernen,

Hat meistens hier sein kurzes Glück vermehrt.

Wer ehrlich strebt, das Christrecht zu erlernen,

Hat oft der Erben Säckel noch entleert:

Wer praßt, fischt Geld selbst aus Zisternen,

Weil er im Gold den Sonnlichtfälscher ehrt!«

Es flammt der Erde Wundergluthenblume,

Am Pole jetzt, in holdem Stolz empor,

Sie ist das Blut von jeder Schmerzenskrume,

Sie ist der Auferstandenen Geisterchor,

Sie öffnet ihre Engelschwingenkrone,

Den Goldkelch selbst, aus Od und Sonnenflor!

Der Goldkomet, der Pollen einer Zone

Erlöster Männlichkeit, ergießt sich jetzt,

Voll Pracht, in unserer Schollen Anemone.

Doch ist die Reinheit ewig unverletzt:

Der Blüthe Weiblichkeit bleibt unbescholten,

Nur Edellichter haben sie benetzt!

Die Auferstehung hat dem Leib gegolten.

Ein schmiegsam Weib ist unser Nachtplanet,

Doch trug er Geister, die das Urlicht wollten!

Polarlicht ist der Erde Weltgebet.

Das Leben ihr Bestand und Halt im Himmel,

Wofür sie gluthbeflügelt kreist und weht.

Ich sehe jetzt ein Meteorgewimmel.

Der Blüthe Flammensamen sprüht empor.

Der Geist verlaßt den letzten Erdenschimmel.

Die Sterne sprechen: »Seht das Flammenohr!«

Die Gluthenmuschel Gottes ruht am Busen

Der Erde und behorcht, was Gott verlor!

Doch ist des Herren Ohr der Chor der Musen,

Das Gold der Harmonie, das Gott erstrebt:

Wir lösen hier aus unsern urkonfusen

Bemühungen die Gluth, die ewig lebt:

Der Geist entreißt sich uns in Schmerzgebeten

Und ist das Nordlichtgold, das Gott umweht!

Durchkreuzt ist unsere Blüthe vom Kometen.

Der Herzog spricht; »Die Einfachen sind mein!«

Darin sind beide Welten rein vertreten!

Verzeihung zieht in alle Herzen ein.

Jetzt spricht des Heiles mildes Wesen:

»Das Wort ist überall und ewig jung!

Kann der Verstand im eigenen Herzen lesen?

Hat einst das Fleisch die Liebe hold erfaßt,

So kann der Wurm der Zeitlichkeit genesen!«

Das Licht, das vor dem Kreuze sanft erblaßt,

Das um das Friedenseiland staubt und brandet,

War Gottes Trost in Aussatz und Morast.

Ihr Menschen, die ihr Christum schlugt und bandet,

Vollzogt was Gott für seinen Sohn bestimmt,

Als er im Erdverwesungsschlamm gelandet.

Des Herren Licht hat himmelwärts geglimmt,

Denn Jesus trug die keusche Gluth von Abel,

Der Kainkrieg hat die Häscherwuth durchglimmt.

In diesen drangt die Flamme stets zum Nabel,

Sie will statt Ewigkeit das Fortbestehn

Und ewig schafft die Sünde sich ihr Babel.

Die Orgie ist ein Feuerphänomen,

In dem wir muthwillig den Geist verprassen!

Verqualmen muß dabei das Himmelslehn!

Der Kainblitz zuckt durch schwüle Pöbelmassen.

Der Süden und das Südenübel hat gesiegt!

Der Geist soll einen Lasterbrand umfassen!

Und unser Abeladel unterliegt!

Gebären und zerschellt ins Jenseits tauchen,

Das ist die Orgie, die uns wild umweht:

Das Unheil mag uns rings umhauchen

Wenn nur der Leib lebendig aufersteht.

Der Tod kann seine Schrecken nicht gebrauchen,

Da selbst die Sünde stumm vergeht:

Wir lassen uns von Morddämpfen umpfauchen,

Denn Leben schürt der schreckliche Komet.

Die Kainsschlange, die wir als Sklavin halten,

Das kalte Feuer, das uns niederschlagt,

Vermögen wir, uns dienstbar, zu verwalten,

Da es gebändigt Meer und Land durchfegt:

Vom Geist bewältigt, dürfen Nachtgewalten

Den Leib befrein, der sie im Schooße tragt!

Die Kainsflamme wird ihre Macht entfalten,

Selbst wo sie blos die Daseinsfühler regt!

Das Feuer ist in jedes Ding gefahren.

Ein Sonnengott hat sich vom Tod befreit.

Wo Berge Urwaldtage aufbewahren,

Benagt die Schlummergluthen jetzt die Zeit.

Die Drachen athmen nach Saturnusjahren.

Ein Flammenrausch vertilgt ihr Kettenleid.

Titanenbacchanalien offenbaren

Sich toll und voll Sorglosigkeit.

An Schuld und Strafe kann jetzt niemand glauben.

Der Weise thut das Gute ohne Lohn.

Man laßt sich schwer die Gotteszweifel rauben;

Dem Geiste weichen Gottvater und Sohn.

Das Wort bethätigt sich im Thal der Tauben.

Man liebt und hilft sich ohne Religion.

Ein Unschuldstraum aus Edens Traubenlauben

Ward aller Adamskinder Tagvision.

Die Schlangen zischen sich ringsum entgegen,

Daß eine stets die andere verneint:

Ach, könnten wir dem Tagwerk Richtung geben,

So sähen wir wie Dädalus erscheint,

Der Einheitswille würde Flügel weben,

Hielt er die Erdenwünsche frei in sich vereint.

Die Schwingenschmiede dürften frei entschweben

Und hätten niemals einen Sturz beweint.

»Nach Norden!« Menschen, laßt den Ruf erschallen!

Vom Osten komme einzig Gottes Wort.

Der Westen soll kein todtes Echo lallen:

Für eine Nacht blos, drangt vom Süden fort:

So wird sich ein Komet zusammen ballen:

Ich weiß nicht wo, am Pol, am reinsten Ort.

Wir alle werden stolz sein Gold durchwallen:

Es trägt uns dann des Daseins Urakkord.

Die Erde brennt! Erloschen sind die Schlote

Der Feuerschächte. Todt ist der Vulkan,

Vertilgt das Unheil, das uns dumpf bedrohte!

Die Schlünde, die der Erdball aufgethan,

Sind bis zum Weltgerichtstage geschlossen,

Dann erst beklagt er uns im Fieberwahn.

Oh Muttererde, rings von Gluthgeschossen,

Von Meteoren seh ich Dich bedroht:

Du wehrst mit Milchwolken den Himmelschloßen.

Du kühlst ihr Feuer und zerbrockst das Schrot.

Den Ozean verschwendest Du zum Schutze,

Und Jesum rührt Dein Liebesaufgebot!

Du rollst und grollst mit Deiner Wuchtkapuze!

Da stürzt der Mond in Deinen Schooß zurück.

Nun droht das Ende auch dem Erdentrutze.

Dein letzter Schrei erringt ein ewig Glück

Für alle Deine armen Leidenskinder,

Doch Du verglimmst bis aus das letzte Stück!

Nun schweigt das Wort, und wir sind Lichterfinder,

Da man jetzt Dinge schafft und übersieht:

Die Einsicht aber ist gesetzt und linder.

Der Feuerschleier, der uns mild durchzieht,

Hat keine Donnerworte mehr im Schooße,

Aus ihm taucht jeder Laut als Ordnungsglied.

Die Erde brennt. Gefeit von jedem Stoße

Der Unterwelt, der Nordlichtgold entsiebt,

Erwirbt ihr Lieblingssohn das Ewiggroße!

Oh Flamme, die uns ewiges Leben giebt,

Die Seele kann ich fleischverneinend schlürfen,

Du bist der Funke, der die Sterne liebt.

Du stiebst am Pole noch, in Schleuderwürfen,

Vom Erdenherzen in das All empor,

Doch bleib in uns, die wir der Gluth bedürfen!

Dereinst entstammt in uns das Himmelsthor.

Das Nordlicht wird am Firmament verschwinden,

Denn jedes Wesen sei ein Feuermeteor.

Dann werden wir in uns das Jenseits finden,

Da niemand aus dem Geistermeere taucht,

Polarlicht wird uns mit dem Geist verbinden.

Das Dasein ist bereits von Gott durchlaucht.

Wir kennen zwar die müde Sinnesgrenzen,

Doch sind wir noch vom Scheine grau umraucht.

Die Sonne wollen wir mit Licht bekränzen.

Wir schwören auf den scheinbar scharfen Rand,

Wo die Planeten tief im Lichtleib glänzen!

Wir sind im Sonnenschoß und Gotteshand!

Die Dinge fügen liebreich eine Kette,

Das Leben brandet schon am Friedensstrand.

Der Mensch ist eine welke Klette:

Schmarotzerroth keucht der Kaukasier hin

Und baut sich emsig gelbviolette Städte.

Doch geht sein Wille über seinen Sinn!

Der Erdermüdung weiße Friedensschwingen

Sind schon im Leben unser Lichtgewinn.

Die Arbeit muß den warmen Leib bezwingen.

In der Erschlaffung Armen ruhn wir aus:

Im Träume kann der erste Flug gelingen!

Die Seele baut sich hier ein Glastwaldhaus,

Ihr blasses, unberührtes Sehnsuchtseden:

Wenn schrecklich auch, doch fern vom Erdgebraus!

Entleibt, bemerkt der Geist des Traumes Schäden

Und führt dann Kampf um Christi Licht,

Denn Erdgespenster muß er noch befehden!

Im Wollustwahnsinn suchst Du kein Gericht.

Gereinigt wirst Du selbst vor Christum treten,

Denn Gnade strahlt in jede Zuversicht.

Die Menschen, die am Werktag lichtwärts beten,

Sehn hoch im Sonnenroth ihr Weltsymbol,

Den Sieg über die Angst der Nachtplaneten.

Der Tod ist nur die Furcht vor unserm Wohl,

Das Fleisch hat Angst sich ewig wahrzunehmen,

Doch holde Hoffnung überstrahlt den Pol.

Das Urfeuer will sich des Endes schämen

Und wirkt als Ewigkeit, die sich erweist.

Tief überwunden sind des Zweifels Schemen:

Die Welt versöhnt und übertönt der Geist!

Ende des zweiten Theiles.

Kergeoës, Frühjahr 1906.

Dritter Theil

Pan / Orphisches Intermezzo

Pan

Die Erde braust dem Sonnenlicht entgegen,

Als flöge sie in des Geliebten Arm,

Sie will sich eng an seine Fülle legen,

Denn sie ergibt sich ihm bewußt und warm.

Die Schöpfergluth, die sich im All verschwendet,

Die lebenstrahlend durch das Dunkel schweift,

Wird so den Erdenkindern zugewendet,

Und unser Leben wogt dadurch und reift.

Nun beugt die Erde ihren Felsennacken

Vor Gottes Licht, zu seinem heißen Kuß,

Der Tag kann sie mit Strahlenarmen packen,

Und es durchschauert sie ein Feuerfluß.

Sie ist der Wonne inbrünstig ergeben,

Der Lebenshauch, der ihren Leib umschmiegt,

Scheint überall die Freude zu erstreben,

Denn was ans Licht kommt, wird von ihm gewiegt.

Sie kann, befruchtet durch den Sonnenwillen,

Der kühn und steil durchs ewige Dunkel drängt,

Den Durst der eigenen Sonnenkinder stillen,

Denn Lebensmilch ist Licht und Luft vermengt.

Der Sonnentag, der jede Wesensregung

Im reinen Erdenschooße zeugt und fäugt,

Entlost die Demuth aus der Urbewegung

Der treuen Erde, die vor ihm sich beugt.

Dann furcht er sie in alle Kinderseelen,

Die er aus dunklen Schlummerbanden engt,

Denn Werden heißt, den Wunsch der Form vermählen,

Und ist der Staub, der sich dem Geist verschenkt.

Der Tag, die Nacht sind beide lichtgeträchtigt,

Das junge Leben schwirrt aus jedem Schwung:

Ein Lichtgedanke, der im Schatten nächtigt,

Erkeimt bereits zum kühnen Lebenssprung.

Der Morgenkranz, den holde Jugendkraft gestaltet,

Der kindlichrein den Erdball voll umschlingt,

Der aus der Nacht sich immer neu entfaltet,

Ist ewig keusch, wenn er in Sonnenarme sinkt.

Zum Jubeln aufgelegt sind unsere Seelen

Und doch durch tiefen Friedensdrang gezäumt,

Denn aus der Nacht muß uns der Tag entschälen,

Und wir sind nichts als Traum, der leicht verschäumt.

Die Sonnenmacht, die uns emporgewunden,

Da uns der Wanderball knapp abgestreift,

Wird einzig selbstbewußt und frei empfunden:

Wir fühlen, wie sie tief ins Wesen greift!

Denn in Dich selber schlüpfst Du durch die Fügung,

Wie sich die Erde um die Sonne schwingt,

Und Sonnenwollen, ernste Selbstbegnügung,

Sind in der Weltbewegung urbedingt.

Die Erde labt uns mit dem Sonnentranke

Und schützt und bettet uns zugleich,

Sie ist der Ruhe guter Grundgedanke,

Sich selbst das Vorbild für das Sonnenreich.

Dir Pan, herrlichem Wesen,

Dir Pan, Gottheit der Wälder,

Bleiben die Lebenden ewige Vermelder

Raschelnden Ruhmes im raschen Verwesen,

Rastlosen Taumels, im Drang zu genesen.

Rauschender Ursprung Du, Urquell und Mündung,

Du, aller Blutnatur Säftegeleisung,

Anhalt und Lebenszweck rhythmischer Kreisung,

Überschwall, Todessturz, Wollustentzündung,

Grundzweck gesetzlicher Zustandsbegründung,

Zeig mir die Allnatur Deiner Vereisung!

Inhalt und Lebensgrund wird jede Wendung

Heller Gestirne in ernster Vollendung:

Hier auf der Erde die Seelenbesternung

Entflammt sich am Lebenskranz irdischer Kreisung,

Doch geben Gestirne die Richtung und Weisung,

Das Urmaß erschöpft sich in keiner Entfernung!

Am Erdball entstanden wir sterblich, eklyptisch,

Wir sinken und trachten nach Lebenserklimmung,

Hier wurzelt im Grunde der Wesen Bestimmung,

Das Räthsel ist einfach, ist eirund, elyptisch!

Das Leben entsteht wie die Kraft des Passates:

Im Süden erregt und in Schranken gehalten,

Erscheint es im Glanze des Tropenornates,

Ein Hauch des Erhebens durchrauscht alle Falten

Der bunten Gewandung erstarkender Seelen.

Was kaum sich, beim Kreisen der Erde, entwunden,

Will fast noch die Bahn des Planeten erwählen,

Doch wird es von Pan gleich in Halme gebunden

Und hurtig am Erdrücken weitergetragen.

Nur Weniges kann sich ins Weite verschlagen,

Um rasch dann ins Chaos hinunterzustürzen:

Von Pan läßt sich alles fast fassen und schürzen,

Und rhythmisch gesammelt, entschlüpft es sich später,

Die Träume jedoch schwirren gleich in den Äther.

Das Weltallverlangen ist, einst zu verzittern!

So greift denn die Ruhe als Urmacht ins Leben,

Denn alles will friedlicher, leiser erbeben.

Zuerst muß der Gürtel der Tropen verwittern,

Erst dann kann das Leben, in stummen Gewittern,

Hinan zu den trägeren Polen sich heben.

Es scheint unser Trachten nordwestlich zu klimmen,

Harmonisch zu allem, was auftritt, zu stimmen.

Wir halten die Dinge, aus einem entfaltet,

Doch wirst Du aus Allem entschält und gestaltet.

Es lassen vom Weltbau und heimlichen Bösen

Sich allerlei dichte Verhüllungen lösen,

Es muß da nicht eine die andere verneinen,

Sie können in Frieden zusammen erscheinen.

Der Mensch aber darf nur fünf Pfeiler betrachten,

Doch fühlt er, es wölbt sich, was aufkommt, zusammen,

Denn Dasein ist Ursein und nimmer Entstammen!

Nach Ruhe geht das Weltverlangen

Und alles strebt nach einem Kern,

Doch gar nichts kann ans Ziel gelangen,

Denn nirgends glänzt ein Ankunftsstern.

Der Himmelsbau ist ohne Ende,

Ganz schrankenlos und jenseitsfrei,

Wohin die Sehnsucht sich auch wende,

Umschließt sie eine Sternenreih.

Gestirne suchen ihre Mitte,

Den Todesstern im Weltenraum,

Sie ordnen danach ihre Schritte

Und sprühn dabei den Lebensschaum.

Ihr Starrsinn sucht sich zu erfüllen,

Drum wurden sie zum Schutze rund,

Sie konnten sich zusammenknüllen,

Doch bleibt noch Gluth in ihrem Schlund.

Und diese wird die Schranken brechen,

Sie reißt die Klammern jäh entzwei,

Wenn Flammen den Granit durchstechen,

Durchdonnert ihn ein Lebensschrei!

Ein Gluthstrom stürzt nach der Verwundung

Der Rippen aus dem finsteren Ball,

Denn unterwühlt ward seine Rundung

Durch seinen inneren Flammenschwall!

So wälzen ruhlos sich Gestirne

Durchs mittelose, freie All,

Und runzeln sie die Felsenstirne,

So ahnen sie den Weltverfall.

Doch weiter glaubensheiter schreiten

Die Sterne auf der Bahn des Seins,

Die Rundsucht und die Urflucht streiten

Sich ewig ums ElypsenEins!

Ein Anfang, der noch nie bestanden,

Wird immerwiederum versucht,

Nach ewigen ElypsenBanden

Strebt alles, was die Welt verbucht.

In sich verschlingt das Ei die Strahlen,

Die Ewigkeit, des Sturzes Wucht:

Es beugt sich rund zu Ursprungsqualen

Und seine Mutter ist die Flucht.

Erscheine, Pan, tritt auf im erdbewußten Kreis,

Kein Sieg gelingt, doch nichts verschrumpft, um zu verderben!

Im eigenen Kreis gefühlt zu sein, ist das ein Preis?

Was uns entschwand, weiß neuen Anklang zu erwerben,

Was eben wirkt, um unseren Sinnen sich zu zeigen,

Erfassen wir, um es in uns dann zu verschweigen.

Und doch, oh Pan, den kurzen Einblick in Momente,

Die unverstanden, doch harmonisch, um uns zaubern,

Den faß ich auf: des Daseins ewige Tangente,

Die rings das Wirbelsein berührt, ich halt sie fest!

Du bist ein anderer stets, verschieden vor den Klaubern

Der Sonnenfrüchte, die sie gierig ausgepreßt.

Und dennoch kannst nur Du mich etwas Einsicht lehren,

Denn Du allein zeigst mir den Geist in seinem Leibe,

Nur Du vermagst ein Rundbild knapp uns zu bescheeren,

Und Deine Ganzheit schützt davor, daß man beim Fordern übertreibe!

Was tritt zu Tage? Ich weiß von nichts, das mich umlauert,

Doch trachtet, was bereits erschien, noch aufzutreten,

Es wühlt schon, wirbt, scheint seinen Aufschwung zu verspäten,

Ich weiß, es schwirrt die Welt, in der mein Wesen dauert!

Mir gilt für todt, was Sinn und Wunsch in mir verschmähten,

Und was ich hasse hab ich sicherlich bereits bedauert.

Wenn ein Gedanke wo entsteht, geschieht es formlebendig,

Zum mindesten in sich begrenzt und selbstverständlich:

Verkettet sind wir mit dem All, nach Maaßen,

Die unser Grundempfinden mit der Welt verbinden.

Als jung erscheinen alle Dinge, die wir kaum vergaßen,

Bewußtsein aber heißt, für Fernes Formeln finden.

Und können wir Erscheinungen ganz knapp bemessen,

So wissen wir, wie uns in jede Gegenwart zu pressen!

Kein Mieder, keine Klammer kann als Bild genügen,

Um die verhängnißvolle Enge zu beschreiben,

In die sich stets, auf ihren vielen Wanderzügen,

Die Wesen immer wieder gegenseitig treiben.

Ja, alles was wir ahnen oder kaum erleben,

Muß scharf und straff in junge Fugen greifen,

Und alles was wir thun muß ringsum Hebel heben,

Selbst Träume thun es, die ins Garnichts schweifen.

Ach, alles, auch das Loseste, hat volle Geltung auf der Waage

Der Bilder, die vor unsern Sinnen jäh verschwinden,

Oder aufschnellend, den Weg zur Dingempfindung finden;

Ja, alles was da scheint, daß es die Nachbarschaft benage,

Die Wolken, selbst die Blitze, Nebel auf den Fluren,

Bestehn auch innerlich aus Klammern und Konturen.

Die Sonnentiefe, die wir in uns selbst empfinden,

Läßt jede Lichtfigur und manche That vergrauen,

Erlebte Dinge sehn wir blaß und bald verschwinden,

Die Zukunft aber kannst Du aus Dir selbst erbauen.

Der Stern in uns will übersinnlich Gott erreichen,

Und sein Bewußtsein läßt er durch den Äther schweifen,

Die Fernen sieht er plötzlich schroff und jäh erbleichen,

Weil ihre Nähen in den Menschen übergreifen.

Wir leben in der Sonne, unsere Seele selbst ist sonnig,

Doch sieht sie vom Gestirne nur die fremde Mitte,

Was uns dann gleicht, empfinden wir als warm und wonnig,

Und lichtgelenkt, beherrscht der Geist bald seine Schritte.

Die Welt erblicken wir, dank unserer Beschränktheit,

Es könnte sich kein lückenloses Sein erfassen!

Die Würde und die Güte fühlt erst die Gekränktheit,

Und in uns selber wühlen wir nach edlen Rassen!

Pan, Pan, so öffne Deines großen Reiches Pforten,

Und was ich fühlen muß, beschwere Du mit Worten.

In Deiner Welt wird sich der Geist in Formen kleiden,

Und wer Dich kennen will, muß wirklich innig leiden!

In Deine Lebenswellen, Jubelsprudel, fällt ein Loth,

Es ist der Ruhedrang, das Urbedürfniß der Natur.

Es singt und trifft und mißt bei Dir und ist der Tod,

Denn jedes Ichbewußtsein ist schon dessen Spur!

Mit Lichtgeschlechtern, die ihr Gleichgewicht erkämpfen,

Läßt das Lebendige auf Erden sich vergleichen,

Es muß die Ruhewucht den Sonnensturm der Wesen dämpfen,

Und nur im Traum kannst Du Dein Innerthum erreichen.

Die Welt muß vollerfüllt sein und mit scharfen Klammern,

Die wir nicht sehn, erreichen sich die Zackenmassen

Der Dinge, die da allseits wechselnd, sich erfassen;

Wir fühlen sie, wenn wir uns freuen oder jammern,

Doch meistens müssen sie ganz ungeahnt erbleichen,

Denn Pan kann sie für unsere Sinne nicht erreichen.

Wir dürfen den Verstand an Lichtvisionen hängen

Und trachten dann die Freiheit zu erobern,

Und wenn wir Selbstsucht mit dem Anstand schlau vermengen,

Beherrschen wir den Tag und zählen zu den Obern;

In Wirklichkeit jedoch sind wir dann Springinsfelder,

Ganz ohne edlen Ahnenernst verlorener Wälder.

Ein wahres Gleichgewicht in uns gebiert Gesittung,

Da können dem Verstande Ahnungen entwallen,

Und Pan erfaßt und bannt sie noch in Marmorhallen.

Doch bleibt der Tageshelden flüchtige Verkittung,

Ganz ohne Halt, mit unserer Allheit Daseinsketten;

Sie sind von keiner Dauerart; beinah wie Kletten

Umschlingen sie des Urgewissens Trutzbestände:

Sie trachten stets, voll Hast, ihr Einzelglück zu retten,

Denn sie sind schwach, des Lebensturmes flaches Ende.

Oh Pan,

Ich trachte allseits Deine Gegenwart zu finden,

Doch in der Stille nur hast Du Dich wahr gezeigt,

Ich wartete und fahndete nach Dir, und Linden

Im Walde haben sich dann still im Wind geneigt.

Oh Pan,

Du scheinst im Waldesathem langsam zu verschwinden

Und zeigst Dich auch in der Geradheit, die zum Äther steigt,

Um Deine Hauptgedanken legst Du sorgsam Rinden,

Und rings verblätterst Du die Sehnsucht, die sich leicht verzweigt.

Was ist ein Blatt? Ein Wunsch, sich lange grünend zu erhalten.

Die Frucht? Ein Trumpf gegen die Feinde, die rings lauern.

Die Blüthen? Lauter Wünsche Freude zu entfalten.

Der Same? Der Verzicht, unsterblich fortzudauern.

Oh Pan,

Ich weiß, die Kerne, die sich fest zusammenknollen,

Sind Weltgesetze, die in sich den Halt gefunden,

Aus ihnen wurden stets die ewigen Dinge jung entbunden,

Denn aus Ellipsen läßt sich alles neu entrollen.

Oh Pan,

Nun sage mir, was ist der Duft, das Gold im Pollen?

Die Gluth der Erde, die sich hold zum Licht gewunden,

Die allseits trachtet, Sonnenliebe zu bekunden,

Und der Triumph ist über Noth und Tod der Schollen!

Oh Pan, ich will durch Deine Wälder streifen

Und mein Erschauen soll den Forstgott loben,

Oh zeige mir, wie Sonngedanken reifen,

Wie Lebensbäche in den Bäumen toben.

Oh, lasse mich in Deinem Kreise lesen,

Denn Du erlebst Dich selbst in Deinen Sprossen,

In Pappeln ängstigt sich beinah Dein Wesen,

Weil Du darin zu rasch emporgeschossen!

Oh Pan, beharrlich ragst Du in die Tanne,

In diesem Baum willst Du Dein Alter adeln,

Ists doch, als ob er Waldlust von sich banne,

Vor allem Nahen wehrt er sich mit Nadeln!

Es scheinen Eichen, die den Fels zerspalten,

Die Schmerzen einer Gottheit zu verbeißen,

Ja Pan, es wurzeln Deine Kampfgewalten

In Stämmen, die den Boden wild aufreißen!

Gleich einem Kinde spielst Du mit dem Winde,

Denn herzlich freut Dich ringsum alles Leben,

Oh Pan, wie linde rauschst Du in der Linde!

Du läßt ihr Laub, fast singend, sacht erbeben!

Der Bäume Einfalt scheint zu Gott zu beten,

Er möge ihre stille Unschuld schützen,

Verhecktes Waldgerank und grelle Sumpfraketen

Jedoch betrachten sich kokett in Pfützen.

Oh Pan, Du sehnst, in grünen Epheuranken,

Dich nach der Urgesammtheit aller Wesen,

Es sollen an Dir selber Stämme kranken,

In denen Du Dich einzeln ausgelesen.

Du willst in Pilzen Dich ins Leben klemmen

Und trotzt darinnen jeglicher Vernichtung,

Du treibst, als Rest, zuletzt in Scharlachschwämmen

Und preßt Dein Blut dabei zur Giftverdichtung.

Oh Urwald, Du Sinnbild von Lebensgedanken,

Leibhaftiger Inbegriff tiefer Gefühle,

Die rings sich, vom Mutterland, himmelwärts ranken,

Du seeliger Ausdruck vom Waldesgewühle,

Entwurzelter Ursprung der Thiere der Wüste,

Oh Pan, den ich fahndend als Erdgott begrüßte,

Nun laß Dir für herrliche Einblicke danken!

Ich lobe die Bäume, als Gleichniß des Lebens,

Lichttrunkenen, stolzen Sichsonnwärtserhebens.

Ich ruhe auf schaukelndem Wildwaldgewinde.

Ich liebe die Wildniß, ihr Singen im Winde.

Ich hör ihre Lieder des Werdens erklingen,

Ihr Ahnungsgeflatter das Blattwerk durchdringen.

Ich lausche zuerst dem Gebraust der Blätter,

Dann scheint sich, was grünte, zu Flügeln zu paaren,

Und plötzlich gelingt schon das Freudengeschmetter,

Und überall jauchzen der Waldvögel Schaaren!

Im Urwalde regt sich bereits das Verlangen,

Das irdische Fordern, sich anzubequemen,

Durch innige Lichtrhythmen rings zu verfehmen:

Vom Erdfeuer Inhalt und Werth zu empfangen:

Um langsam den Drang, was sich bietet, zu nehmen,

Durch glimmende Seelenbeginne zu lähmen!

Im Waffer, wo Sumpfblumen wunderbar prangen,

Und Blattpflanzen, was sie verlangen, erlangen,

Wo Rohrgruppen Schlangen und Schlammmuscheln schützen

Und stumm sind, als ob sie Geburtsräthsel bergen,

Beginnen auch wirklich der Streitseele Keime.

Denn hier kann, was da ist, im Schöpfungssumpf bleiben

Und rastlos im fetten Morastschlamm und Schleime

Sich weiterverpflanzen und weiterbeleiben.

Das Schilf darf ganz schlaflos und traumlos beharren

Und braucht nicht mit Wurzeln nach Nahrung zu scharren,

Die Luft aber, die sich voll Hoffnung erweitert,

Und die sich durch Tummelwindwirbel erheitert,

Hat flatternde Blätter, auf Bäumen und Sträuchen,

Und seufzende Wesen, die Schreckbilder scheuchen,

Und schließlich den athmenden Pulsschlag erschaffen,

Denn Seelen entstehen, wo Blutpausen klaffen.

Die Sehnsucht zur Sonne, durch die wir ersprossen,

Die alles in Formen, voll Schlankheit, gegossen,

Hat weiter die Seele gestählt und erzogen,

Bis endlich der Geist ihr in Freiheit entflogen!

Es hat sich der Leib, übersättigt, den Frieden

Und eigenen Willen zu Streitern beschieden:

So mußte das erste Bewußtsein erwachen,

Und Pan diesen Einfall gar herzlich belachen!

Warum aber trag ich Verlangen zu rasten,

Und nimmer die Lust, stets nach Nahrung zu tasten?

Das ist, weil die Winde der Erde erkalten,

Und nimmer den Sommer und Urwald erhalten,

Das ist, weil wir weiter die Sonne ersehnen

Und ihr unsere Lebenserzwingung entlehnen.

So sind wir dem Urwald entwachsen und haben

Mit blaffen und zarten Erinnerungsbildern

Und anderen wachenden, wachsenden Gaben

Des Geistes, sich selber sein Sehen zu schildern,

Versucht, unsere Wüste in Eden zu wandeln,

Um drinnen, vor uns, nach Gesetzen zu handeln.

Das Heldengefühl ist ein Sprosse der Wildniß,

Das Raubthier bereits dessen Gleichniß und Bildniß,

Denn schleierhaft folgte es erst dem Geruche,

Und machte sich stumpf, durch den Staub, auf die Suche,

Da mußte, (ich spreche symbolisch), das Spüren

Durch Fernen doch schließlich zu Einsichten führen.

Durch Sonnengesetze versprengt und erhalten,

Hat einst die Natur, allseits, vielfach zerspalten,

Auf einmal Bewußtsein und Sehkraft errungen,

Ihr Werk ist ihr herrlich im Raubthier gelungen,

Denn das ist genau auf die Beute gesprungen!

Oh Natur, Du hast harmonisch,

Welt – und urarchitektonisch –

Vor Äonen schon beschlossen,

Daß vollendet und gegossen,

Deine Schöpferhand die Zwänge

Deines Wirkens, tief verschlänge,

Um nach ewigen Gesetzen

Das Bewußtsein festzusetzen!

Halleluja, ruf ich heute,

Denk ich an die ferne Stunde,

Da ein Raubthier seine Beute

Blutend noch, aus frischer Wunde,

Als sein Anrecht voll erkannte,

Und sich, merkend, wo sie hauste,

Wenn sein Blutdurst neu entbrannte

Und Begierde es durchbrauste,

Dann zurückkam zu der Stelle,

Um zu würgen, was es brauchte:

Denn das war die helle Quelle

Der des Menschen Geist enttauchte!

Wars ein Vogel, der aus hohen

Sonnenwarten niederschaute,

Der, um Schluchten zu bedrohen,

Freie Felsenhorste baute?

Der zuerst die Sonnentheile

Seiner klugen Seele spürte

Und den Lichtruf seiner Eile

Mit in Wolkenhöhen führte?

Oder war die Sonnenfreiheit,

(Schnelle, Höhe, Wesenstrennung,

Diese holde, goldene Dreiheit,

Urbedingung der Erkennung

Der Natur, ihrer Befehle,

Die nun klar zu uns gedrungen)

In der Wüstenräuberseele

Einer Katze so verschlungen,

Daß sie alles dies erhaltend,

Angeschmiegt ans Erdbedürfniß,

Und den Leib darnach gestaltend,

Das Bestehen im Zerwürfniß,

Wie die Sonne es geschaffen,

Doch am klarsten möglich machte?

Eingewurzelt und mit Waffen

Ausgestattet, hat die Spinne,

Der Verstand, der just erwachte,

Alle Netze seiner Sinne

Jedenfalls so zart versponnen,

Daß er seiner sich besonnen

Und im Sonnenkrieg gewonnen!

Einerlei, was angefangen!

Thatsache ist, daß wir gelangen

Hier, als Erdenüberseher,

Unserm Innerlichte näher.

Was sich keinen Wunsch gestattet

Und beharren will, ermattet,

Wälder, Fluren werden kleiner

Doch die Seele klarer, reiner.

Ja, es siegt das Allerfeinste,

Das das kosmische Verhältniß

Der Gestirne bis ins Kleinste

In sich birgt, wie ein Behältniß!

Es hebt die Sonne uns, in Ichbewußte Kreise

Des Weltendaseins, wo sie voll ergänzt,

Durch Erdensinnetäuschung wunderbarerweise,

Ein Sonnenwesen sich erschuf, das engbegrenzt

Und lustberauscht, auf seiner steilen Erdenreise,

In Form besteht und das sein Glaube überglänzt!

Doch sind die Sonne und die Erde nur die Eltern,

Die aus sich selber welterheischte Wesen schaffen;

Das Land empfängt die Lichtbefruchtung in Behältern

Und schöpft dabei dem Weltallgleichgewicht Agraffen.

Und läßt der Sonnenüberschwall sich nimmer keltern,

So füllt auch er nur, sprühend, Lücken, die da klaffen:

Die Weltellipse, die sich stets zu bilden trachtet,

Trägt in sich selbst Millionen Seelen eingeschaltet;

Ein Wesen ist Bewegung, die ein Leib befrachtet,

Ein Ruck ins All, zum Dasein umgestaltet.

Jedoch bevor man unsern Thierkreis voll betrachtet,

Erscheint die Art, die sich aus seiner Ganzheit spaltet.

Die Schlange kann die Rundung fast allein vollenden

Und aus dem Grunde jeden Wechsel überdauern,

Die Natternbrut wird auch wahrhaftig nie verenden,

Sie wird sich, ewigscheu, in gleicher Form zusammenkauern,

Die Abschäume, verdichtet noch, als Gift verwenden

Und was nur ihrem Kreis entragt damit belauern.

Die Echsenart ist von der Erde fast verschwunden,

Doch lebt sie noch, in Lauf und Kriechthiere gespaltet;

Der Schleicherleib hat Tagrager aus sich entbunden,

Und was dann blieb, verschlang sich oder ist veraltet;

Nur kleine Echsen sehn wir noch in warmen Sonnenstunden

Als Reste einer Tropenwelt, die still erkaltet.

Die Jäger unserer Wälder tragen schlanke Schnelle,

Und der Ellipse Stille mit sich fort im Wesen,

Denn die Natur hat sich zu neuer Lebenswelle,

Des Sprunges Höhenruck, als Anstoß, auserlesen;

Und Thiere bilden so beim Hüpfen Bogenfälle,

Aus denen andere Richtungsseelen stets genesen.

Was deshalb Hasen, dauernd, zu vollziehn beginnen,

Wird stets von Fuchs und Wolf, im Laufe, fortgetragen,

Und fängt der Aufwärtsschwung an, Geltung zu gewinnen,

So rückt im Maulwurf er in untere Lagen,

Im Bären drängt der Thierkreis wiederum nach innen

Und der kann schwer nur kriechen, klettern, aufwärtsragen!

Die Rundvernunft des nächsten Kreises ward im Wesen

Der Wüstenkatze, der ein Sonnensprung gelingt,

Voll Macht erfaßt, und schon im Lauern sind Synthesen

Der späteren Richtungen verknüpft, denn sie beschwingt

Den Satz des Thieres, das soeben still gewesen,

Und nun in halben Kurven knapp aufs Opfer springt.

In andern suchte Pan die Haltung zu erstreben.

Und diesem Trachten wurden Affen angepaßt,

Doch war noch keine Sonnenwürde zu vergeben,

Und dieser Drang erkletterte den letzten Ast;

Nun können die Makaken zwar ganz lustig leben,

Ihr Thiergedanke aber ist noch karg gefaßt:

Die Affen trägt ja nur der Anlauf zur Bewegung,

Die majestätisch, schlank, im Menschen weiterschreitet.

Ein Geher aber braucht fatal die Überlegung,

Die Ferne, die er fand, hat seinen Geist erweitet,

Und seht, das Faultier hängt nach unten, nach der Regung

Der Kreisnatur, die es vom Lichtweg abwärts leitet.

In solchem Stadium aber sind die Erdenleiden

Noch ungereimt und roh in ihrer Formzerhacktheit,

Die Wesen können, halbbewußt, sich nur beneiden.

Die Wüste herrscht in der groteskesten Verzacktheit:

Statt Seelen muß der Wald die Götter rings bekleiden

Und nur vom Gurt an trotzt noch ihre Wolkennacktheit!

Von Flimmerlüften war das Nebelmeer verschlungen,

Die Thäler dampften sonnvergoldet, frei,

Doch alles, was zum Sonnenglück emporgesprungen,

Trug in sich selbst ein Stück der Daseinswüstenei.

Auf hohen Gipfeln hafteten noch Wolkenmassen

Und ragten steil und schroff ins tiefe Blau empor.

Sie schienen alle Erdensehnsucht zu umfassen,

Bis ihre Hochgestalt sich schließlich auch verlor.

Der Sieg des Lichtes machte alles lebenstrunken,

Nur dort, wo noch ein Wolkensaum das Land umzog.

War manche Wildniß in ein Gletschergrab gesunken,

Das nun ein Geierschwarm, statt Wolkenflaum, umflog.

Was sonnwärts lebte, schloß, zur eigenen Bewahrung,

Die Thierkreise zu einem strengen Beutering,

Doch fehlte bald den Lichterlesensten die Nahrung,

Denn, was sich an sie schloß, blieb dürftig und gering.

Somit verreckten denn die allermeisten Wesen,

Und Licht und Erde trennte nun ein Wüstensaum,

Das Wachsthum mußte bald verschrumpfen und verwesen,

Fast astlos blieb der Mutterstamm vom Lebensbaum.

Die Sonnenrückkehrkröne aber mußte bleiben,

Denn Erdenmystik fand darinnen Unterkunft,

Es schien für seine Blüthen nur des Baumes Saft zu treiben,

Und bald entduftete die Tugend der Vernunft.

Vernunft ist ein erworbenes Erbstück unserer Erde,

Das Widersprüche, ja das Licht der Nacht verknüpft,

Sie giebt uns auch das Pathos freier Herzgeberde,

Da ihr Entschluß nun mit ins Schöpfungswalten schlüpft.

Sie muß in sich die eigene Sonnenhöhe messen,

Sie ist der Erde tieferstrebtes Meisterwerk,

Sie trachtet, wirkend ihren Ursprung zu vergessen,

Und aufs Abstrakte richtet sich ihr Augenmerk,

Sie sucht den Kreis, den sie erfaßt, streng abzuschließen,

Der Menschheit Lasternachschub wird von ihr verdammt,

Und wo sie stark ist, kann sie geistig tief genießen,

Da sie asketischer Nothwendigkeit entstammt.

So ward, fast eirund, auch des Menschen Hirnverschalung,

Durch dünne Wirbel dann das Haupt vom Rumpf getrennt,

Denn nur der Urellipse Theilung und Verstrahlung,

Ergeben Weltvernunft und Sonnentemperament.

Des Menschensamen ganz verschieden rasches Schwingen

Giebt künftigen Wesen ihre sonnenfreie Art,

Es muß der Urkeim schon den Sonnenrang bedingen,

Nach dem der Pulsschlag dann den Sonnenrhythmus wahrt.

Vernünftige Erkenntniß der geschlechtlichen Erzeugung

Der Nachwüchse ward bald zum letzten Ruck,

Zur Spaltuug in Geschlechter: klare Überzeugung

Befreite erst von allen Zwitterthumes Druck.

Denn dieses scheute die Vernunft als unnatürlich,

Zumal es immer jung, als Urinstinkt, ersproß;

So blieb auch seine Grunderstickung unausführlich,

Da es stets wieder in den Menschen überfloß.

Das Wechseln ward dann für die Menschen vorbehalten,

Und die Geschlechtstrennung der Wildniß größter Drang,

In Sonnenmännchen und in Erdweibchen gespalten

Erfüllt ja schon das Dasein seinen heiligen Zwang.

Nun schürt jedoch die Erde eine Einheitsflamme,

Die die Vernunft zurück in ihre Kreise weist,

Sie treibt und hält sich steil am Daseinsstamme,

Und heilt, was die Natur wild auseinanderreißt.

Im Menschengeiste lohen hehre Farrenwälder

Jetzt hoch empor, und was erstorben ist ersteht:

Das da sind Edens urversprochene Felder,

Ihr Himmel ist vom Meergewimmel übersät!

Dort oben schimmern Goldpolypen, Purpurschlangen,

Und Riesenperlen ruhn in einem Muschelhof,

Es können Dichter stets nach ihnen sicher langen

Und immer fühlt ihr Wesen, irgendwo, ein Philosoph.

Beinahe von der Eingeschlechtlichkeit gereinigt,

Da die Vernunft sie unerbittlich von sich stieß,

Bleibt doch der Mensch noch ernst mit der Natur vereinigt,

Wie sich die Schöpfung dies vom Vollgeschöpf verhieß.

Pan,

Was Du vom Weltall festgehalten,

Und dann in Daseinsformen zwangst,

Gabst Du, entwickelt und gespalten

In Wesen, die Du selbst durchdrangst,

Dem Licht zurück: doch die Gestalten

Der Wälder fühlen, wie Du bangst,

Ein Sonnenreich hier zu verwalten,

Und panisch heißt dann ihre Angst!

Drum hast ein Bündel Du geschaffen

Und jung vereint, was Du getheilt,

Und da gelang Dirs, zu erraffen,

Was Deinem Banne fast enteilt,

Du überwandest alles Klaffen,

Das rings sich in die Schöpfung keilt,

Du gabst dem Menschen tausend Waffen,

Und kurz, Du hast sein Leid geheilt!

Nun sieht der Mensch Dein ganzes Wesen

Und wird zum Spiegel Deiner Macht,

Du selbst, der nur bedingt gewesen,

Hast Dich, in ihm, zum Gott gemacht.

Das was der Mensch nicht aufgelesen,

Ist meistens um sein Recht gebracht,

Und was ihm schadet soll verwesen,

Da er das Werden mitbewacht!

Gottähnlich sind wir denn geworden,

Denn jeder züchtet und zerstört;

Und mag der Mensch auch plündern, morden,

Wird doch die Ordnung nicht gestört;

Es giebt im Weltall freie Orden,

In die schon die Vernunft gehört,

Und solche, wo die Wuth der Horden

Sich doch nicht gegen Gott empört!

Die Sinne, die uns in die Höhe führen,

Durch die das Licht in unser Inneres bricht,

Durch die wir selbst die Sternenwelt berühren,

Durch die das Weltgeräusch zur Seele spricht,

Hat sich der Menschengeist berauscht erweitert,

Das Lied ist seinen Lippen bleich entschäumt,

Ein Bildertraum hat seine Welt erheitert,

Er selbst sich gegen Dünkel aufgebäumt.

Es war die Seele so von Sonngewalten

In edlem Gleichgewichte aufgethürmt,

Dann konnte sie den Leib noch umgestalten,

Und Schönheitsfreude hat sie bald durchstürmt.

Nach ihren eigenen Daseinsproportionen,

Nach Maaßen, die dem Körper Stolz verleihn,

Erschuf sie Tempel, wo Gedanken wohnen,

Und lud sich Träume in ihr Inneres ein.

Es will die Seele lauter Fesseln sprengen,

Da sie ihr Dasein selber überdacht,

So mag der Geist sich aus den Massen engen,

Denn es gelüftet ihn nach Eigenmacht.

Es fühlt die Seele, tief in sich verschluchtet,

Die Jugendsprudel, die das Leben birgt,

Und liebt darum den Fluß, der stumm befruchtet,

Und so wie sie nur werthlos Gutes wirkt.

Das was die Daseinswildniß je belebte,

Kam stets als breiter Uferstrom heran,

Und war, als es ein stilles Sein erstrebte,

Was frei die liebe Welt begreifen kann!

Ist es Erinnerung, ist es ein Hoffen,

Wenn Du in Wolken Welttragödien liest?

Steht noch ein Sonnenreich dem Menschen offen,

Ein Tag, wo jeder Strom zum Lichte fließt?

Die Götter werden zwar in uns geboren,

Doch etwas giebt es, das durch sie geschieht,

Sie werden erst als Seelenhalt erkoren,

Wenn man sie hoch über sich selber sieht!

Als sich die Seele ihrem Körper angegossen,

Da trieb sie Wanderlust stets tiefer in den Wald,

Denn ihrer Tage Einsamkeit hat sie verdrossen,

Und Weiterschreiten ist des Menschen Grundgewalt!

Doch hat im Weibe sich die Freude ihm erschlossen,

In ihr fand jede Sehnsucht ihren Aufenthalt,

In ihren Armen hat der Mann die Welt genossen,

Und auch der Wald hat bald von Liedern widerhallt.

Doch bleibt das Vorwärtsgehn des Herrschens Urbedingung,

Was stiegt und klettert fällt zurück zum selben Fleck,

Den Wanderer jedoch verlangts nach Weltbezwingung,

Und kühn kürzt er den Weg durch Buschwerk und Geheck.

Beim Bergersteigen träumt sein Geist von Machterringung,

Und tausend Blöcke räumt sein Fuß behende weg,

Des Meeres Anblick bringt sein ganzes Sein in Schwingung,

Und selbst den Wogen trotzt sein Wollen froh und keck.

Im Wandrer ist ein anderer Welttag aufgegangen,

Es trug die Urvernunft ihn nun in ihren Kreis,

Es stoß seit langem schon ein irdisches Verlangen

Nach unserem Weltverstand in jedes Sonnenreis.

Was blüht, entblättert lieber, als am Baum zu hangen,

Denn seine Icherfüllung ist ein Lichtgeheiß,

Das ganze Leben webt und bebt aus Todesbangen

Und Sehnsucht nach dem Überwinterer im Eis.

Der Jünglingsmensch war überglücklich, als er fühlte:

Ich trage zartverknüpft das Weltall im Verstand,

Er wußte nur, wieviel sein Lichtgefühl bespülte,

Und daß er holden Sonnenstolz in sich empfand.

Und was aus seinem Innern sich zur Klarheit wühlte,

Fand stets in der Erinnerung ruhigen Bestand,

Und wenn er sich im Wald mit seinem Weibe kühlte,

Was er auch that, Erfahrung ging ihm stets zur Hand!

Am liebsten blickte seine Seele in die Ferne,

Und einer Tiefe Wiederspiel war ihm die Nacht,

Er wählte, zählte oben seine Lieblingssterne

Und hat die ruhigen zu Freunden sich gemacht.

Doch einen goldenen sah er ganz besonders gerne,

Denn stets hat der vom gleichen Fleck ihn angelacht,

Er wollte, daß sein Weib das gleiche Sehn erlerne,

Und da ist beider Treue hold und voll erwacht.

Er schwor, sein Leben wie die Sterne einzurichten:

Wie er sie wiederfand, nach langer trüber Zeit,

Wenn sich der Himmel langsam anfing aufzulichten,

So käm auch er zurück, ging er auch noch so weit.

Er wollte sich mit einem Eid dazu verpflichten,

Daß er für ewig einem Weibe sich geweiht,

Und mochte, Sternen gleich, die Menge sich verdichten,

Er wußte es, er hätte sie allein gefreit!

Dann sang er auch ein Lied, voll klarem Weltempfinden,

Und das sich dennoch nach dem Traum zurückgesehnt:

»Ich werde Dich durch Sternenhilfe wiederfinden,

Wann immer Ihr mich auch im Wald verschollen wähnt.

Du kannst aus meinem Banne nimmermehr entschwinden,

Denn sieh, der Himmel, der sich über alles dehnt,

Bestimmt, daß nur für sich Erschaffene sich verbinden,

Und sieh, mit uns wurden wir beide hold belehnt.

Oh horch, wie alles stolz auf dunklen Bahnen schreitet,

Und wie das strahlt und sich an seinem Glanz erfreut!

Hoch ist die Macht, die ganze Lichtfamilien leitet,

Denn dort gehört man sich, ist man auch weit zerstreut!

Durch jene Flammen wird die Liebe rings verbreitet,

Doch auch die Treue wird uns streng gebeut,

Und wer gehorcht, folgt einem Gott, der für ihn streitet,

Selbst die Vernunft ist Demuth, die uns nie gereut!

Der Sterne stillster soll die Wege uns erhellen,

Er scheint von allen der geliebteste zu sein,

Da sich des Nachts die andern stets um ihn gesellen,

Und zwischendurch auch mancher mit noch schönerem Schein.

Selbst jene, die sich Morgens in die Tiefe schnellen,

Umschwirren noch, in weitem Kreis, das Sternelein,

Drum führ es mich in Zukunft stets zu jenen Stellen,

Wo ich Dich finden werde, heiter und allein.«

Erfreut durch das Erfassen hoher Sternenwege,

Schritt nun der Mensch dem Nordstern zu in kühler Nacht:

Als ob ihm gar an unsern Sonnenräthseln läge,

Hat ihn ein Tagmarsch meistens westwärts fortgebracht.

Es war, als ob sich Neugier plötzlich in ihm rege,

Den Sonnentod zu sehn in hehrer Abendpracht:

So ging und zog er stets nordwestlich in die Schräge,

Denn das verlangte seiner Ahnung tiefste Macht.

Als sich im Menschen jener goldenen Zeiten

Der Wesen Fortpflanzung langsam geklärt,

Als er erkannt, wie Menschen sich verbreiten,

Daß die Natur uns Schöpferkraft gewährt,

Bekamen Männer Lust und Muth zum Streiten,

Denn jeder faßte, daß er Macht begehrte!

Er wollte Wald und Wild und Wetter trotzen,

Und hat sich mancher Waffe schlau bemächtigt,

Die Thiere schienen thatlos zu schmarotzen,

Und blos die Menschenseele lichtberechtigt:

Und sah sie irgendwo ein Schreckbild glotzen

So war das Pan, der in den Wäldern nächtigt!

Dann drang der Mensch, mit starken Achsenhieben,

Vom Orte fort, wo er sein Beil gezimmert,

Und wo er nachts mit seinem Weib geblieben,

Hat stets ein Feuer durch den Wald geschimmert,

Und dieses hat fast jedes Thier vertrieben,

Nur wenige haben um den Herd gewimmert.

Einst wollte er die Wildniß blind zerstören

Und alle Thiere, die er antraf, tödten,

Es schien ihn Zeugungs Feuer zu bethören,

Ja, Flammen sollten seine Pfade röthen,

Die Götter seinen Menschenwillen hören,

Er hoffte, daß ihm Gluthen Mittel böten!

Ganz plötzlich wollte er den Wald entzünden,

Der östlich sich, weit über Höhen, dehnte,

Da stieg jedoch die Furcht aus Seelenschlünden

So jäh empor, daß er sich doppelt wähnte,

Er bebte schrecklich vor den künftigen Sünden

Und fühlte doch, daß er sich darnach sehnte!

Da sang der Mann dem Weib von Sonnenplänen,

Es sollte nichts von seiner Ohnmacht ahnen,

Und in dem Lied erfüllte sich das Sehnen

Nach hohen, urempfundenen Sonnenbahnen:

Das Weib jedoch wollte an ihn sich lehnen,

Um ihn zurück zum Erdenglück zu mahnen!

Es war einmal. Der Wald war halb entblättert,

Und Gold hat sich in alles eingewoben,

Die Vögel aber haben noch geschmettert,

Sie konnten nie genug die Sonne loben!

Es klangen ringsum Herbsthymnen der Halden,

Der Jubel, der sich frei zum Lichte schnellte,

Entrang sich auch dem Herzen eines Skalden,

Zu dem sich liedberückt ein Weib gesellte.

Er sang, was er im Wald allein erfahren,

Als er nach Beute und nach Träumen schweifte:

»Ich war so überglücklich, zu gewahren,

Wie alles urverwundert sproß und reifte.

Ich sah, wie Thiere sich ihr Weibchen suchten,

Und Eltern an den Jungen sich erfreuten,

Die sie dann wechselweise stets besuchten,

Und etwas Großes muß das wohl bedeuten!

Mein ganzer Stolz war plötzlich überwunden,

Ein Glück jedoch erschloß sich meiner Seele,

Ich habe Anderer Freuden mitempfunden

Und sah, daß ich mein Herz der Welt vermähle.

Ich liebte Vögel, die in Rinden schabten

Und Würmlein einem harten Stamm entnahmen

Und dann mit ihnen stets die Jungen labten:

Und diese Liebe konnte nicht erlahmen!

Am Boden lag ein Wurzelstrunk mit Rinde,

Ich hob ihn auf, ihn meinem Weib zu bringen,

Er glich fast einem Thier mit Schwanzgewinde

Und Flügeln, um sich lustig aufzuschwingen.

Ich habe rasch den Knopf vom vordern Knoten

Zu einer Art von Thierkopf umgestaltet,

Dann machte ich wie Krallen zu den Pfoten,

Und kurz, ich habe lauter Kunst entfaltet.

Die Arbeit ward von Vogelsang begleitet,

Und auch der Wunsch half, sie dann wegzuschenken,

Die Sehnsucht hat zum Traume sich geweitet,

Und plötzlich fing ich an, gar viel zu denken!

Auf einmal ward ich wie von Angst beschlichen,

Es schien mein Werk die Vögel anzuziehen,

Sie kamen und sind nicht von mir gewichen:

Ward meinem Wirken Zauberkraft verliehen?

Hab ich vielleicht mein Lied in Holz gesungen?

Wer weiß, ob der Gesang mein Werk beseelte!

Was für ein Wunderding ist mir gelungen,

Als ich ein Thier aus einer Wurzel schälte?

Dann trieb mich plötzlich Sehnsucht heim zum Weibe,

Die Wehmuth war mir schwer, allein zu tragen,

Doch stand noch über mir die Sonnenscheibe,

Und Sterne können blos die Pfade sagen.

Ich hörte, wie im Fieber, ringsum Lieder:

Es war, als wogte Sehnsucht durchs Gefilde,

Die Luft durchschwirrten Blüthen und Gefieder,

Und nie noch war das Licht so hold und milde.

Wie sollte ich den Wunderwald verlassen,

Ich war so ganz im Banne seiner Geister!

Wie sollt ich mich in Form und Worte fassen,

Ich war ja nimmer meines Geistes Meister!

Es schien, daß Lichter sich zu schwirren mühten,

Und daß die Wildniß neue Sehnsucht hegte,

Es war, als ob ein Wirbelwind rings Blüthen

Und Federn lustig durcheinanderfegte.

Da dacht ich mir: Ihr fahlen Flackerscheine,

Was macht Ihr da? Ihr trachtet Euch zu fassen,

Ihr lacht und Ihr liebäugelt im Vereine

Und schließlich müßt Ihr bald des Nachts erblassen.

Doch bleibt, Ihr freut mich recht, Ihr flinken Lichter,

Ihr wollt und dürft nicht jäh wie ich entweichen,

Ihr macht mich auf die Heimkehr noch erpichter,

Auch ich mag, was ich liebe, bald erreichen.

Ach, wenn Ihr mir im Wald die Richtung zeigtet,

Aus der mir Sehnsucht bang entgegenzittert,

Wenn Ihr emporstiegt und Euch dorthin neigtet,

Wo Ihr mein Weib im stillen Walde wittert!

Wie seid Ihr Sonnenblättchen doch so lose,

Oft scheint Ihr, gar erwartungsvoll, zu gleißen,

Dann wieder glaube ich, Ihr ruht im Moose,

Doch nein, Ihr wollt zu stiegen Euch befleißen!

Ich griff nach einem Licht, das gleich erzuckte,

Es war bestimmt bereits ein Thier mit Flügeln,

Ich fühlte, daß ein anderes mich beguckte,

Und meine Neugier war nicht mehr zu zügeln.

Ich streichelte, was meine Hand umfaßte,

Und fühlte schon in ihr ein warmes Wogen,

Und wie ich auf ein Gurren ringsum paßte,

Ist plötzlich eine Taube mir entflogen.

Ich sah mich um und dunkel ward die Lichtung.

Die Lichter waren fort und schon verschwunden.

Ich aber wußte ihres Fluges Richtung

Und habe, ihnen nach, mein Weib gefunden!«

Wie oft mußte das erste Menschenpaar erstaunen!

Es widerlegte täglich eine jüngere Gewahrung

Was sich schon mächtig eingeprägt hat als Erfahrung:

Es hatten Waldgötter wahrhaftig eigene Launen!

Es kamen Thiere, die man sonst im Herbst gesehen,

Auf einmal, rudelweise, schon zu milden Zeiten,

Und scheinbar wollten sie das Wanderpaar begleiten,

Doch zögernd nur, ganz nahe, zu den Menschen gehen.

Es waren diese Thiere früher sehr gefährlich,

Man mußte sie durch Feuer und Geschrei verscheuchen

Und hörte sie das Sturmgeheul der Nacht durchkeuchen:

Und ihre Hungerblicke funkelten begehrlich.

Nun hatten sie die Angst vor Feuer überwunden,

Denn sie beschnupperten sogar des Menschen Heerde,

Sie legten sich daneben oftmals still zur Erde

Und wedelten, um ihre Freude zu bekunden.

Der Mensch gewöhnte sich gar rasch an die Begleitung,

Zumal das Weib wollte die Thiere nimmer missen,

Und keines fürchtete sich mehr vor Hundebissen,

Ja, oftmals folgten sie, beim Jagen, ihrer Leitung.

Es fand das Paar der Thiere Spiele recht ergötzlich,

Beim Laufen sah es sie, vor Hast, sich überstürzen,

Und kurz, sie halfen düstere Wegstunden verkürzen:

So zog man weiter, bis an einem Abend plötzlich – –

Die große Wüste sich vor Menschenaugen zeigte,

Es schien die Ode rings bedeckt mit rothen Rosen,

Ein Blüthenmeer war das, wo Pollenwirbel tosen,

Das Weltende, wo sich der Himmel wirklich neigte.

Es stand dort eine Goldwand, die das Land umsäumte.

Der Sonne aber griffen Landarme entgegen,

Und diese wehrte sich mit einem Strahlenregen:

Es war, als ob sich Licht gegen die Dämmerung bäumte!

Die Sonne warf noch vollen, goldenen Abendpollen,

So weit sie konnte, sterbend, in die Himmelsferne;

Und bald erkeimte der, denn schon erglimmten Sterne,

Um morgen wieder einen Sonntag aufzurollen.

Der Mensch mußte den Athem anhalten und glaubte.

Die Reise durfte er nicht einmal unterbrechen.

Das wußte er Wie gerne mochte er von Plänen sprechen!

Zumal des Weibes Angst kein Hinhalten erlaubte!

Es schmiegte sich an ihres Mannes starke Glieder,

Die Seele war geblendeter als seine Augen:

Es glaubten beide, kaum fürs neue Land zu taugen,

Und sanken müde, einen Gott im Innern, nieder!

Ein Wildbach kam von einem fernen Gletscher.

Laut jubelnd, sprang er über manche Wand.

Die Menschen lauschten auf sein Schaumgeplätscher

Und sahn, wie er im Wüstensand verschwand.

»Bevor die langen Schatten sich verbreiten,«

Begann der Mann zu seinem holden Weib:

»Ist es geboten, durch den Strom zu schreiten,

Da ich im Walde nimmer gern verbleib.«

Da warf die Frau sich selber in die Fluchen,

Wo sich ein Goldbad über sie ergoß,

Denn langsam starben schon die Abendgluthen

Und selbst ihr letztes Athemroth verstoß.

Die Braut jedoch erfreute sich am Bade,

Sie tauchte unter, schnellte rasch empor,

Wie Flechten reichte ihr das Naß zur Wade,

Um ihre Schenkel flimmerte eine Flor.

Bis ganz herab zum grünen Rande,

Wo sie in kühlen Schäumen lachend stand,

Verschwand sie halb in einem Schaumgewande,

Und jeden Reiz verwandte sie gewandt.

Der Schleier, der sie brausend hell umschmiegte,

War tief von Sprudelgluth durchbebt,

Und wie sie ihren Leib mit Anmuth wiegte,

Hat sie das Funkelspiel stets neu belebt.

Sie ließ das Gold nach ihrem Wunsche fallen,

Rubine träufelten auf ihre Hand,

Dem Manne aber hat das Bild gefallen,

Er trug den Eindruck fort ins andere Land!

Dann blieb er drüben oftmals stumm und traurig

Und sagte nie, warum er schweigsam war,

Doch innerlich ward ihm so kalt und schaurig,

Es träumte ihm von goldenem Frauenhaar.

Die Purpursonne war schon tief hinabgesunken,

Und dunkle Schatten schwankten nun den Fluß entlang,

Es glühten hoch die allerschönsten Himmelsfunken,

Und da begann das Weib: der Abend macht mir bang.

Mir ists, als ob ich aus dem Traumlande entflöhe,

Ich liebte es, mein trautes Glück ist dort erwacht.

Doch in der Wüste greifen Arme in die Höhe,

Als wäre noch ihr schwerstes Tagwerk nicht vollbracht!

Sie müssen wohl die holden Sterne noch entzünden,

Und ach, sie fallen übermüdet schon zurück,

Oh, würden Mond und Sterne jetzt die Nacht verkünden,

Wie freut ich mich an ihrem großen Kinderglück.

Dann nahm der Mann sein Weib am Arm und trugs hinüber,

Er watete mit festem Schritt, im raschen Fluß,

Die Schatten wurden ringsum immer trüber,

Und unwillkürlich gab sie ihm den ersten Kuß.

Es fielen nun des Weibes dunkelschwarze Haare

Dem Manne über seine Schultern weich herab,

Es wuchs der Muth, der Wanderwunsch im Paare,

Da eines stets dem Andern, was es fühlte, gab.

Als sie den Wüstenuferrand beinah erreichten,

Versank sein Fuß noch tief in Moos und Tang,

Und einige letzten Strahlen, die nun auch erbleichten,

Vergoldeten noch leicht die Spur von seinem Gang.

Am Ufer wuchsen schattenbleiche, blaue Blüthen,

Das Weib hätte sie gern, zum Schmücken, abgepflückt,

Doch wollte er, bei ihrer Ankunft, es verhüten,

Und fast behutsam hat er sich durchs Feld gedrückt.

Kaum hatten sie der Wüste Blüthensaum durchschritten,

Als jedes sich, erschlafft, im Sande niederwarf,

Dann sprach der Mann: »Das Pflücken hab ich nicht gelitten,

Da niemand seinen kleinen Wünschen folgen darf!

Die Welt birgt weniger Gefahr als unser Wesen,

Drum bleiben wir vor unsern Feinden auf der Hut,

Ich weiß nicht, hättest Du die Blüthen aufgelesen,

So glaub ich, hätten wir nicht friedlich ausgeruht!

Vielleicht umhüllen diese blauen Blumen Lichter,

Die Nachts, am Moorrande, zum Flammenreigen ziehn.

Du sahst sie doch im Wald, an manchem Wassertrichter?

Sie locken, haschen sich, um plötzlich zu entfliehn!

Ach, würden sie des Nachts in Deinem Haar erglänzen,

So trieben sie mich wohl von Deinem Herzen fort,

Denn huschten, schwirrten sie um Dich, in irren Tänzen,

So lockten sie mich noch, wer weiß, an welchen Ort.

Du würdest meinen Armen immer mehr entweichen,

Du wärest meinem stärksten Wollen bald entrückt,

Mein Weib, ich könnte Dich dann nirgends mehr erreichen,

Und Du verschwändest mit dem Lichte, das Dich schmückt.

So leg Dich nun zu mir, in trauter Seelenstille,

Und warte sanft auf Deinen ersten Wüstentraum,

So schlummre denn, nach innen schaue die Pupille:

Drum gute Nacht! Dein warmes Athmen fühl ich kaum –

Den WürmchenGlanz, der Deine Haare grün besternte,

Vermiß ich leicht,– denn Sterne sind in uns erwacht –

– Ja es erkeimt, ersprießt in uns bereits die größte Ernte –

Und wir lustwandeln nun in dunkler Traumesnacht!«

Als Morgens Mann und Weib im Wüstensand erwachten,

Betrachteten sie rings die Welt und blieben stumm,

Das war, weil sie ihr Träumen langsam überdachten,

Dann blickten sie sich an und wieder schüchtern um.

Doch endlich sprach der Mann zu seinem theuren Weibe:

»Wir sind in dieser Wüste völlig ungewandt,

Drum merke Dir, wie ich es mit den Thieren treibe,

Und lerne selbst ihr buntes Leben hier im Sand.

Sie herrschen da und würden sich am Menschen rächen,

Versuchte ers in ihrem angestammten Reich,

Was lange schon besteht, aus Übermuth zu brechen:

Und geht es an, behandle sie stets Freunden gleich!«

Sie brachen auf! Von voller Wanderlust getrieben,

Verfolgten sie den Fluß auf seinem WüstenLauf,

Der Urwald ist im Osten weit zurückgeblieben,

Und tauchte später, in den Träumen, wieder auf.

Ja, eine innere Wildniß bäumte sich und schäumte

Im Menschen dann empor, die niemals er gekannt,

Denn wenn die Seele voll von Urverlangen träumte,

Erwuchs ein Wald in ihr, den sie sonst kaum empfand.

Es mußte tausendfach im Menschen sich verbinden,

Was einst, in seinem Walde, einzeln, aufgeragt:

Es sollte alles sich in ihm bewußt empfinden,

Was schon auf Erden sich erfaßt hat und getagt.

Als Felsenfinger Wälder immermehr umkrallten,

Ist auch der Thiere Lenzlust langsam eingeschrumpft,

Im Menschen aber ward der Sonnenflug erhalten,

Und seine Fühlung mit der Erde abgestumpft.

Der Sonnenwechsel blieb ihm völlig vorbehalten,

Da ringsum die Natur erstarrte und erstarb,

Der Menschengeist sollte das Sonnenreich verwalten,

Da er die Macht dazu, von altersher, erwarb.

Denn wir sind hier das älteste Geschlecht auf Erden,

Vom Seelenurgefunkel wunderbar erhellt,

Wir änderten die Haltung, manche Trutzgeberde,

Doch hüten wir das tiefste Feuer dieser Welt.

Wir haben uns bereits der Umwelt fast entkleidet,

Und nehmen nur die Samenkräfte lichtwärts mit,

Der Urwald aber und was drinnen weiterleidet,

Macht, wenn es wechselt, höchstens einen Todesschritt.

Doch hat der Mensch die Liebeskette schroff durchbrochen?

Ist er in freie Kreise jählings aufgeschnellt?

Wird er von keinen Kletten seines Seins umkrochen?

Ob sich vom Menschen Überwundenes erhält?

Denn selbst die Sonneneigenheit der frühen Ahnen

Fiel sicherlich in einen engern Kreis zurück:

Gesittet werden, heißt sich Urwaldpfade bahnen,

Und dort empfinden wir von uns so manches Stück.

Gar traurig zog der frühe Mann mit seinem Weibe,

Durch Ginster und durch Sand, im wüsten Lande ein,

Es schien zuerst, daß er die Thiere rings vertreibe,

Und ach, da fühlten beide sich so sehr allein.

Sie dachten kaum ein Wanderjahr zu überleben.

Doch gab es weder ein Zurück noch eine Rast,

Die Seele will, was da auch kommt, zum Lichte streben,

Und das geschieht, wenn sie auch nichts davon erfaßt.

Als beide einst durch Sturm und Nacht dahin gezogen

Und ostwärts blickten, ob die Welt sich dort erhellt,

Ist unbemerkt ein Hund um einen Fels gebogen

Und hat sich wedelnd zu den Wanderern gesellt.

Da ist das Thier und auch der Mensch beglückt erzittert,

Ein Wesenstheil von ihm hat seine Spur erkannt,

Der Hund, sein Anhang an den Wald, hat ihn gewittert

Und ist ihm stracks durch Staub und Hitze nachgerannt.

Als bald darauf das Paar einmal im Staub geschlendert

Und stille in sich selbst und in das Licht geblickt,

Begann der Mann: »Wenn unsere Lage sich nicht ändert

Und keine WüstenGottheit Rettungsboten schickt,

So sind wir beiden Menschen sicherlich verloren,

Denn unsere Glieder sind schon schrecklich abgezehrt,

Vielleicht hat gegen uns ein Dämon sich verschworen

Der unsern Wüstenmarsch absichtlich noch erschwert!«

Drauf sprach das Weib zu ihm: »Zwar bin ich arg verdrossen,

Denn ich verdurste fast vor Hitze und vor Staub,

Auch meine Thränen habe ich umsonst vergossen,

Doch glaube ich, wir sind für Wüstenstimmen taub.

Vernahmst Du nicht das Wiehern urbekannter Thiere,

Sie hetzten öfters schon um unsern Lagerplatz:

Daß man sie nimmer aus dem Augenmerk verliere,

Und siehst Du eins, so schwing Dich drauf mit kühnem Satz!«

Des Weibes Rede hat den Mann zur That begeistert,

Denn einmal sprang er wirklich auf ein schlankes Roß,

Darauf hat er ein zweites für sein Weib gemeistert,

Und so ward auch das Pferd der Menschen Marschgenoß.

Von nun an spähten beide, auf der WüstenReise,

Nach Thieren, die vielleicht ein Gott für sie bestimmt,

Da sahn sie einige, die wurden seltener Weise

Durch ihre Nähe weder ängstlich noch ergrimmt.

Die Menschen und die Thiere blieben lang verwundert,

Dann kam ein Weibchen ohne Scheu ans Weib heran,

Als nichts geschah, erschienen langsam viele hundert,

Und schließlich nahten einige dem Mann.

Das Weib entdeckte bald die vollen Ziegeneuter

Und drauf entnahm es viele Thiere ihrer Schaar,

Der Mensch jedoch wurde dadurch zum Welterbeuter

Denn auch die Wüste barg ihm ferner kaum Gefahr!

So wurden Wesen fast zu wandelnden Oasen,

In Trifften, wo sich nie ein Mensch hineingewagt,

Vermochten sie das letzte Futter abzugrasen

Und haben nie dem Menschen ihre Milch versagt.

Die Wüste hat schließlich von Menschen gewimmelt,

Die Wildniß sich sämmtlicher Seelen bemächtigt,

Das Licht und die Geistigkeit wurden verhimmelt,

Das Leben jedoch mit Dämonen geträchtigt.

Es mußte der Urwald sich wiedergebären,

Um Blüthen der Erdgluth dem Lichte zu spenden,

Der Mensch aber sollte der Üppigkeit wehren,

Um edel sein irdisches Werk zu vollenden.

Er suchte den Zwist der Gefühle zu fassen,

Durch Hymnen den Schwung seiner Seele zu fordern,

Er trachtete Laster und Schwächen zu hassen,

Denn tief in sich selbst traf er Blicke von Mördern!

Es mußten die Sänger am Liede erkranken,

Denn stets liegt bei Dichtungen Gram auf der Lauer,

Die Wehmuth beginnt jeden Wunsch zu umranken,

Und Lieder des Glaubens sind Lieder der Trauer.

Oh Menschheit, wie bist Du mit Räthseln geschwängert,

Du steigst, denn Du bist ja zu klimmen gezwungen,

Doch da unsere Lichtbahn sich ewig verlängert,

So blieb deine Seele von Ruhe durchdrungen.

Man geht eine Strecke und sieht seine Ziele,

Dann stirbt man und läßt seine Pfade den andern,

Denn groß ist die Tragik im Wechsel der Spiele:

Was da ist vergeht, und was nicht ist wird wandern!

Wir ordnen das Dasein nach eigenen Rhythmen,

Die Zucht ist der Geisteskraft erste Bedingung.

Es soll sich die Seele dem Innerlicht widmen,

Denn Leben ist Dauer der Triebebezwingung.

Das Licht hat uns wirkliche Höhe beschieden,

Und wird unserm Wesen sein Reichthum entzogen,

So sichert es uns einen seligen Frieden,

Um den aber wird kein Gewissen betrogen.

Versucht der Gedanke dem Leib zu enteilen,

So schmiegt sich die Seele ans Lebensbedürfniß,

Auch hier giebt es Wälder, zu holdem Verweilen,

Doch wehe, erfaßt Du dabei Dein Zerwürfniß!

Der eifernde Geist braucht den Urwald der Seelen,

Denn da kann, was ist, sich vom Schein unterscheiden,

Der Schwächling mag stets seine Sterblichkeit wählen,

Wer Ewigkeit will, sich mit Flammen bekleiden!

Wir folgen der Sonne zu höchster Bestimmung,

Sie giebt die Gesetze und übt sie mit Strenge,

Sie schenkt uns die Gunst edler Rassenerklimmung

Und lichtet der Wildniß entsetzliche Enge!

Der Verstand ist Mann und Wüstenkönig

Und begreift das Leben fast im Sprung,

Irrte er beim kühnen Satz ein wenig,

Wagt er kaum noch einen andern Schwung.

Er verfolgt die tiefsten Räthsel lauernd,

Grübelt, müht und quält sich suchend ab,

Bückt sich, beugt sich nicht, und selbst erschauernd,

Bleibt, wer forschen kann, bedacht und knapp!

Des Verstandes Jagden sind verwegen

Und er sucht noch schärfer als der Aar,

Schöpfer werden oft durch ihn verlegen,

Denn sein Urtheil ist vernichtend klar.

Grausam spielt er gerne mit der Beute,

Neigt besonders stark zu Spott und List,

Und nur darum achten ihn die Leute,

Nicht, weil er den Weltenraum durchmißt!

Denkt und überlegt er lang und reiflich,

So zerstört er schließlich jeden Werth,

Mystik scheint ihm schaal und unbegreiflich,

Und der Zufall wird von ihm gelehrt.

Kunst und Glauben werden bald verschwinden,

Wo der Wüstenkönig herrscht und jagt,

Er verneint das stille Gottempfinden,

Das verklärend im Gemüthe tagt.

Oh Weib, was mußtest Du am Wüstenweg erdulden,

Du schmiegtest Dich ans eigene räthselhafte Sein,

Gleich dunklen Winterwolken in verschlossenen Mulden,

Sank schwerer Kummer leise in Dein Wesen ein.

Du Sonnentochter bliebst den Erdenwünschen günstig,

Dein Fühlen ist verzweigt und Freuden zugeneigt,

Der Lenz, der uns durchzieht, ist immer jung und brünstig,

Und glücklich, wenn im Weib ein Urwald frisch entsteigt.

In dieser Wildniß will, was sich besaß, umfassen,

Da wirft sich Längstverschwundenes Liebesblicke zu,

Da überspringt der Frühling Zucht und Rang der Rassen,

Und was sich rasch gefällt, umschlingt sich auch im Nu.

Das Weib hat uns die Seelenweichheit hold gerettet,

Und sich, aus Sanftheit, jedem Lichtgeheiß gefügt,

Es hat die Lust mit der Enthaltung zart verkettet,

Und diesem Widerspruch, durch seine Scham, genügt.

Es trägt das Weib in sich die Seelenmacht verschlossen,

Sein Unerklärbares bewältigt kein Verstand,

Es kann ihm eine Tagesschöpfung kaum entsprossen,

Denn alles sucht im Weib den inneren Bestand.

Ihr Seelen, haltet Euch in trauter Lust umfangen,

Was Ihr an Güte habt, das legt in Euren Kuß,

Entzündete die Keuschheit früher Eure Wangen,

So glüht auch Euer Glück nun einen Seelenguß.

Oh Weib, so nimm den Mann. Du darfst ihn ganz umschlingen,

Denn seine Wurzeln dringen schon in Deinen Schooß.

So lasse seinen Schmerz um Dich in Lust verklingen,

Und halte nur sein Glück, als Deines Kindes Loos!

Ihr Seelen schöpft nun Athem, da Ihr Leben wittert!

Oh Weib, die Fruchtbarkeit und Du, Ihr habt gesiegt:

Der Mann ist Dein, Du bist ja ganz von ihm durchzittert,

Da jeder Wunsch aus ihm in Dich hinüberfliegt.

Oh Seelen, haltet Euch in Seligkeit umfangen,

Es falle, müde, jedes Sein ins andere Sein,

Ihr müßt in Zukunft immer an einander hangen,

So schlummert nun, denn Eure Küsse schlafen ein.

Wie still es ist. Wo sind der Seele tiefe Stürme?

Sie gleicht dem Meere, das die Fluch zur Ruhe bringt,

Es ist, als ob sie Leben, wie die See beschirme,

Sie kühlt und schützt die Lenznatur, die sie umschlingt.

Dann scheint es auch, als sei die See die Erdenseele,

Die alles mildernd ihrer Friedlichkeit entflieht,

Sie wallt empor, damit sich Liebendes vermähle,

Und aller Schreck verweht, wo sie durchs Weltthal zieht.

Oh Meer, oh Meer, so habe doch mit uns Erbarmen!

Oh sieh den Wüstenabgrund, der im Menschen gähnt,

Oh Seelenmilde, nimm uns auf mit offenen Armen,

Bestürme uns, bis unsere Seele ihren Urgrund wähnt.

Wenn wir, verborgen, uns nach stillen Fluren sehnen,

Wo sich das SonnenIch in stummer Nacht vergißt,

So flüchten die Gefühle schon, als Licht der Thränen,

In jenes andere Land, wo jedes Leid erlischt.

Oh Meer, oh Meer, Du schenkst als Wolke Dich der Wüste

Und forderst Thränen aus des Mannes Felsenbrust,

Oh Meer, als Dich der Mensch zum erstenmal begrüßte,

War seine Seele ihrer Ewigkeit bewußt!

Des Weibes Seele ist ein tiefer Bronnen,

Der klar und rein dem Mann entgegenstrahlt,

Und wenn sich Glücksgefühle drinnen sonnen,

Erwacht des Wassers stille Schreckgewalt.

Du siehst die Freude, die das Weib uns spiegelt,

Doch nicht das eitle, lauernde Geschlecht:

Ein Wirbel wird vom Grunde aufgewiegelt,

Es schwindelt uns, wir sind zu Tod geschwächt.

Es rächen sich die weiten Urnichtstiefen,

Ihr Ekel gähnt uns aus dem Weib empor,

Die Thiergespenster, die verkettet schliefen,

Belecken sich und kriechen aus dem Venusthor.

Doch nein! Hinweg mit diesen Marterträumen,

Das ist ein Augenblick, – der Ehre Tod, –

Ein anderer genügt, um aufzuräumen,

Denn Schemen folgen jedem Kraftgebot.

Es steigt der Mann mit seinem Weib hernieder,

Sie tauchen schon ins große Seelenmeer,

Es senkt der Einzelne die keuschen Lider,

Und Urgefühle walten stumm und hehr.

Die Schöpfung zittert tief in sich zusammen,

Und Mann und Weib, ein junges Weltgewicht,

Versinken in der Nacht, der sie entstammen,

Und bringen dann für sich ein Kind ans Licht.

Oh Mann und Weib, die Schrecken könnt Ihr überwinden,

Die aus dem Urwald Ihr in Euch verpflanzt:

Ihr wißt es, Seelen tausendfältig zu verbinden,

Denn Ihr begeistert Euch, wenn Ihr im Reigen tanzt.

Ein Wollustwunsch scheint Eure Arme auszustrecken,

Und wo ein Finger einen anderen nur berührt,

Vermag der Tanz ein eigenes Lustgefühl zu wecken,

Das man im ganzen Leibe, wie ein Fiebern, spürt.

Gar schön habt Ihr erfaßt was Euch zum Tanz gezwungen,

Denn wenn Ihr Euch, beim Reigen, Lieblingsblumen reicht,

So ist ein wahres Lenzgefühl in Euch entsprungen:

Doch bleibt es blos ein Rausch und es entblättert leicht.

Oft will sich nur ein Übermuth aus Euch ergießen,

Doch wird ein Reigen auch zum ernsten Opfertanz,

Dann soll der Seelenrausch nur paarweis überstießen,

Denn gläubige Seelen schenken sich einander ganz.

Beim Reigen scheint die Wollust oftmals auszutoben,

Doch für das Leben trefft dann eine freie Wahl.

Ihr zeigt beim Tanz, wie Ihr Euch seelenschlank erhoben,

Und dann vergebt den eigenen Lenz mit einem Mal!

Oh Mann und Weib, habt Ihr Euch voll und ganz verstanden,

Und birgt die Seele nichts, was Ihr vor Euch versteckt,

Verknüpft sich schon das Sein dem Sein mit tausend Banden,

So falle das Gewand, das Euern Leib bedeckt.

Sind Eure Wesen voll von Sehnsucht und Verlangen,

So bleibt Ihr Euch ein ewig junges, anderes Paar,

Ein Weib kann alles, was im Gatten glüht, empfangen:

Gebt Eure Überfülle einer Kinderschaar.

Die innere Wildniß, die Euch oft als Traumbild peinigt,

Gehört Euch nicht, gebt sie der Sonnenwelt zurück:

Bemüht Euch um ein Feld und bleibt stets froh vereinigt,

So findet Ihr in Euch ein volles Erdenglück.

Beackert und bewaldet rastlos, schmückt die Wüste,

Versetzt den Urwald, aus Euch selbst, in blaue Luft,

Ihr tragt ein Schöpferhaupt auf steiler Felsenbüste:

Drum weckt die Schlummerwelt in dunkler Seelengruft.

Doch herrscht dann wirklich über Wälder, Felder, Gärten,

Es werde die Natur nunmehr durch Euch beschenkt,

Befördert blos die Dinge, die sich ganz bewahrten,

Und was den Sonnenaufschwung aufhält, sei verdrängt.

Es jubelt die Flur. Eine kühlende Briese

Durchflattert das flimmernde, flatternde Haar

Vergnügter Gespielen, auf blühender Wiese:

Und plötzlich erscheint eine tanzende Schaar.

Das sind lauter jauchzende, lustige Kinder,

Doch was sie da singen verliert sich im Wind.

Das hascht sich und ruft sich, das läuft noch geschwinder,

Das wettet und weiß nicht, ob jemand gewinnt.

Es laufen die Mädchen und rascher die Knaben,

Zum Spiel hat sich bald auch Gefallen gesellt,

Das würde sich herzen und möchte sich haben,

Ob eines der Mädchen aus Übermut fällt?

Es flimmern die Wiesen. Es balgen sich Kinder.

Es wiegen sich Birken. Es lispelt der Wind.

Die Lenzlüfte werden schon blauer und linder:

Da flüchten die Paare ins Waldlabyrinth.

Dort horchen sie still aus das Flöten der Hirten,

Und allerhand Glocken durchtönen den Wald,

Dann pflücken sich Mädchen die lieblichsten Myrthen

Und schmücken damit ihre hohe Gestalt.

Die Wiesen durchrieseln laut plaudernde Bäche,

Und rings zittern Birken, vom Winde gebeugt,

Man fürchtet von mancher, die aufschnellt, sie bräche,

Doch scheinen sie wirklich zum Wiegen gezeugt.

Sie sind nur zum Spiel mit dem Winde ersprossen

Und lieben sein Wesen und heiteres Geräusch,

Es hat sich ein Laubtraum in Birken ergossen,

Drum sind sie so leicht und doch standhaft und keusch.

Vom Walde her tönen nun lustige Lieder,

Und allerhand Bäume durchschüttelt der Wind,

Der Birkenhain schmiegt sich am tiefsten hernieder,

Doch alles bleibt heiter und jedes ein Kind!

Tief unten, im schattigen windstillen Thale,

Entstanden rings Hütten nach ländlichem Brauch,

Dort richten die Mütter soeben zum Mahle,

Denn über den Bäumen verästelt sich Rauch.

Allabendlich ruft er die Hirten hinunter,

Er giebt ja die Stunde der Ruhe bekannt!

Doch stimmt er das Bergvolk nicht immer nur munter,

Er wurde die Sorge des Dorfes benannt!

Sowie er erscheint, faßt die Hirten ein Bangen,

Zu dem sich allmählich erst Freude gesellt:

Sie denken, wie ist es zu Hause ergangen,

Wer weiß, ob sich alles wie Morgens verhält?

Oft scheint es, als balle sich Kummer zusammen,

Und später, als wäre der Dunst ein Dämon,

Bereit, unter sich, was da lebt, zu verdammen:

Und bald fürchtet mancher die eigene Vision.

Begeben sich Hirten, des Nachts erst, nach Hause,

So ängstigt sie oft schon ein rauschender Baum,

Besonders das wuchtende Buchengebrause

Vernestelt gar leicht einen schaurigen Traum.

Umstehn die Gelände phantastische Zeichen,

Wie Fragen in wechselnde Formen gebannt,

So sind das dann Ulmen, die Dunstbildern gleichen,

Sie werden stets wieder als solche erkannt!

Am liebsten erblickt man die friedliche Fichte,

Sie steht vor dem Dorfe, im einfachsten Kleid,

Dort sitzen die Obern zumeist zu Gerichte,

Drum hält sie die Arme zum Schützen bereit!

Lichter müssen rings zersplittern,

Gold erschimmert im Geäst,

Und die Lispelblätter zittern,

Weil die Sonne uns verläßt.

Lauter dunkle Seelenfunken

Schweifen Abends durch den Wald,

Der auf einmal, freudetrunken,

Von Gesängen wiederhallt.

Ja, er hat an Duft und Pollen

Sich und Luft und Fluch betäubt,

Winde wirbeln, Blätter tollen,

Aller Samen wird zerstreut.

Wo sich nur die Zweige regen,

Huscht das goldene Licht herein,

Wo die Winde heftig fegen,

Tanzen Schein und Wiederschein.

Wo die Sonne Abschiedsküsse

Auf die grünen Lauben drückt,

Fühlt die Seele wohl, es müsse

Huld erblühn, die alles schmückt.

Sonderbar, die muntern Lichter,

Die nur Abends bunt erstehn,

Flimmern ringsum immer dichter,

Wenn die Winde selbst verwehn!

Plötzlich flackern sie wie Flügel:

Wurden sie auf einmal schwer?

Schwirren sie um hohe Hügel

Schon als Falter jetzt umher?

Da bereits das Licht im Walde

Immer mehr und mehr vergraut,

Wird es ganz bestimmt und balde

Klar sein, ob man wahr geschaut.

Hört vor allem, tausend Quellen

Sprudeln lauter schon im Wald,

Lieder, Liebe, Lerchen schnellen

Sich ins Licht, das aufwärtswallt.

Wie das zwitschert, zaubert, feiert,

Welches Wunder ist erwacht,

Welche Macht hat sich entschleiert,

Was bedeutet diese Pracht?

Goldenes Abendrothgefieder

Zeigt den Gott, der Dich erschuf,

Und Ihr holden Sonnenlieder

Weckt ihn auf, durch Euern Ruf!

Oh, Ihr hohen Schwalbenschwärme,

Fliegt Ihr mit dem Sommer fort,

Oder sucht Ihr andere Wärme,

Horcht Ihr auf ein neues Wort?

Seht, nun laufen ganze Rudel

Stummer Thiere in den Wald,

Alles schweigt, und nur ein Sprudel

Plätschert, fast mit Stimmgewalt!

Geheimnisse in meiner Kinderseele,

Erklärt Euch, denn was habe ich erfahren?

Du Ruhe, während ich mich sinnend quäle,

Ich will ein räthselloses Ich gewahren!

Ich bin mit allen Wesen tief verkettet,

Oh, hätte ich für jedes eine Spende,

Doch hab ich Rehe oft im Traum gerettet,

Denn einige lecken meine bleichen Hände.

Ein Lied, das ich bestimmt allein empfunden,

Wird von den Vögeln mir nun weggesungen,

– Ich habe etwas Ernstes überwunden –

Was hat sich aus mir selber weggerungen?

– Ich lebe doch, – da ich mich selber frage! –

Auch trag ich wirklich eines Körpers Schwere –

Nun bett ich ihn auf einem Rosenhaage:

Doch sage, Seele, was ist diese Leere?

Oh Winde, seufzt nickt! schweigt, Ihr dunklen Bäume!

Oh gebt mir keine schreckliche Erklärung!

Rauscht auseinander, grausenwahre Träume!

Erlöscht, Ihr Blüthen, fort mit jeder Ehrung!

Wozu denn auch – sie ist doch nicht gestorben –

Sie schläft, ein Theil von mir in meinen Armen:

Wie, hätte ich für sie den Sang erworben?

Nun schweigt, Ihr Lieder, habt mit mir Erbarmen!

Doch nein, das Lied wird nimmermehr verstummen,

Denn Orpheus, Euridike, sind blos Namen:

Der Wald jedoch wird es den Bäumen summen,

Denn Leid zieht weiter, ohne zu erlahmen!

Die frischen Blüthen, die am Friedhof blühen,

Der weiße Stein, der eine Gruft verrammelt,

Die Purpurwolken, die den Schlaf umglühen,

Das Wort, das kaum von den Gefühlen stammelt,

Der Schmerzen nimmerstiller Seelenfriede,

Sein Sagenkreis und Preis für das Entsagen,

Umschlingen alle sich in einem Liede,

Und eine Seele wird es ewig tragen.

Es singt das Lied die weite Lichtentfaltung,

Es ist so wahr wie Vogelsang und Liebe,

Der Trauer giebt es trostlose Gestaltung,

Dock wehe uns, wenn es uns nicht verbliebe!

Ich höre schon den Sang der Daseinsklage,

Er naht mir rings, wie sollt ich ihm entrinnen:

Er ist beinahe eine stumme Frage,

Kein Liebeslied, sondern die Noth zu Minnen!

Die Vögel, die die Jungen nimmer finden,

Des Opfers Ohnmacht vor dem Blick der Schlange,

Die Thränen, die wir innerlich verwinden,

Beleben sich in diesem OpferPilgersange.

Es ist das Lied und nicht die vielen Leiden,

Der Thräne Wärme und ihr stilles Schweigen,

Die Nähe Gottes, die wir, heiter, meiden,

Zu der wir aber, schmerzentschieden, steigen!

Ich kann ihn schon genau im Wald vernehmen,

Selbst seine Worte werde ich verstehn,

Zurück! ich muß mich vor dem Sänger schämen,

Von weiterher soll mich sein Lied umwehn:

»Oh Orpheus, Trauer trägst Du im Gemüthe,«

Eröffnet sich die Seele selbst dem Walde,

Nun lispelt es die Lippe jeder Blüthe,

Dann schweigt das Lied, und wieder singt der Skalde:

»Dahin sind meine holden Sommertage,

Verloren hab ich meine traute Braut,

Die Leier, die ich noch um Trost befrage,

Hat keinen andern als den Trauerlaut.

Oft scheint ein Kranz sich um das Leid zu winden,

Es krönt den Schmerz und läßt mich hoffnungsleer,

Ist er vielleicht ein fernes Lenzempfinden?

Doch nein, er ist nur Schaum auf offenem Meer!

Mein eigenes Weib, ich kann Dich nie vergessen,

Und ich verzweifle, ach, an meinem Lied,

Ich trachte es in mich zurückzupressen,

Da es mein Schicksal ist, das Dich verrieth!

Wenn alle Stimmen um mich her verstummen,

Zieht mich des Waldes Mystik heimlich an,

Die Bienen hör ich Ordnungssorgen summen,

Mir ists, als ob ich sie verstehen kann.

In Ihrem unverständlichen Gewirre

Erkenn ich Zeichen einer anderen Welt:

Ob ich mich auch im Todtenreich entwirre,

Das hinter Leid mein Weib mir vorenthält?

Ihr Bienen seid ein Sterngedicht der Erde,

Das sein Geheimniß dumpf vor uns umrauscht,

So lehrt mich eine ferne Lichtgebärde,

Durch die man Tag und Innensicht vertauscht.

Doch nein! Wenn fremde Götter in Euch walten,

So lehren sie mich doch mein eigenes Maaß,

Die Welten, die sich von uns ferne halten,

Erzählen lächelnd fort was ich erlas!

Doch füg ich mich nicht mehr den Lichtgesetzen,

Ich weiß, daß in der Nacht mein Weib erscheint,

Das Chaos kann den Sänger nicht entsetzen,

Denn stets hat er aus einem Schlund geweint!

Es muß der Einblick in die Welten glücken,

Wo eine Freiheit unsern Zwang verspinnt,

Es zieht die Seele über Sternenbrücken,

Wie Heimweh, in das Todeslabyrinth.

Der Erde Sehnsucht nach dem eigenen Norden,

Die unsere Wanderfänger hold belebt,

Ist nun in mir ein Pilgerlied geworden,

Das Licht und Weh in mein Geheimniß webt.

Ihr Schwalben, die Ihr stets den Heimweg findet,

Verlaßt beruhigt Euer altes Nest,

Die Liebe, die uns überall verbindet,

Ist stark und hält Euch an der Scholle fest.«

»Ach, wenn doch meine bleiche Braut noch lebte,

So hätte keine Ferne uns getrennt,

Wenn mir das Schicksal auch entgegenwebte,

So schützte uns das gleiche Firmament.

Nun aber schweigt sie, jenseits aller Sterne,

Ihr Schlaf macht sie für meine Rufe taub,

Ich schreie, daß ich mich vom Leid entferne:

Ach, würde ich doch endlich auch zu Staub!

Ich zähle nicht die Lichter, die uns scheiden,

Denn so viel Leiden trennen mich von ihr,

Drum will ich auch die Schmerzen nimmer meiden,

Denn jeder bringt mich leise fort von hier.

Ich fühlte doch schon einmal ihre Nähe,

Es war des Nachts, ich griff nach der Gestalt,

Da that ich ihr durch meine Wildheit wehe,

Entsetzt ist sie vor mir zurückgeprallt.

Mir aber sagte eine eigene Stimme:

Ihr Weg zu Dir ist schmerzgeburtenweit,

Sei stark, daß Deine Liebe nicht verglimme,

Und wandere fort, durch Tod und Trennungsleid!

Euch Schwalben seh ich wieder heimwärts fliegen,

Ich ahne wie Ihr Euern Weg erwägt,

Da sich die Glieder an die Seele schmiegen,

Begreif ich was Ihr flatternd überlegt.

Doch hört mich, wenn ein Brand das Dorf zerstörte,

In das Euch einst ein Treugefühl berief,

Da Euer Schwarm zu seinem Lenz gehörte,

So weint mit mir, denn meine Braut entschlief!

Auch meine Sehnsucht flattert hin und wieder,

Doch schläft kein Flügel drüber müde ein,

Die Trauer legt sich Abends nirgends nieder,

Sie läßt mich selbst im Traume nicht allein.

Ihr Schwalben könnt Euch andere Nester bauen,

Da sich um Euch kein fernes Wesen quält,

Doch ihre Seele will in meine schauen,

Da ihr mein Wesen in Elysium fehlt!«

Zwischen lauter lauten Unken,

Boten naher Pein und Qual,

Zieht nun Orpheus urversunken,

Westwärts durch ein feuchtes Thal.

In der heitern Dämmerferne,

Wo die Waldeswehmuth schweigt,

Sieht er, wie der Kranz der Sterne

Langsam sich herniederneigt.

Ja, die Nacht wird immer dichter,

Alle Gluthen löschen aus,

Doch die holden Himmelslichter

Leuchten nun im Vaterhaus.

Orpheus ist die Nacht vertrauter

Und er deutet ihre Pracht,

Rauschen doch die Wälder lauter,

Wenn der Flüsterwind erwacht.

Sie erzählen und verschweigen,

Wenn der Zephyr sie durchweht,

Worte, die der Nacht entsteigen,

Und die Orpheus nur versteht.

Eben läßt er Blättersätze

Sackt an sich vorüberziehn,

Denn er weiß, geheime Schätze

Birgt der grüne Baldachin.

Orpheus kennt des Windes Wesen,

Wie des Waldes Lispellied,

Ist es doch am Meer gewesen,

Als er stumm die Menschen mied.

Seine Seele liebt die Stürme,

Denn auch sie will flügge sein:

Baut der Geist sich steile Thürme,

Setzt die Luft den Falk hinein.

Winde, Raubvögel ergänzen

So der Wünsche stolzes Werk,

Ja, sie finden und bekränzen

Es, wie Wolken einen Berg!

Nun wird von des Wildes Seelen

Orpheus allerhand gesagt,

Denn die künftigen Wesen quälen

Sich bereits auf einer Jagd.

Was mag plötzlich sich gestalten,

Da der Wind auf einmal sank:

Hat der Wald ihn angehalten?

Auch der Sänger athmet bang.

Doch er kann die Angst verstehen:

Jener Wind kam von der See,

Plötzlich hört er auf zu wehen,

Denn er birgt ein eigenes Weh!

Von den Wogen abgeschnitten,

Kehrte er auf einmal um!

Und jetzt knisterts unter Schritten:

Wohl ein Reh? – Nun alles stumm! –

Orpheus zieht es nun zum Meere,

Das ihm dumpf entgegengähnt,

Und nach dessen dunkler Leere

Sich des Sängers Seele sehnt.

Lustig flimmern, schon die Sterne,

Denn der Tag verglomm bereits,

Und der Dichter athmet gerne

Dieser Stunde düstern Reiz.

Plötzlich schäumt noch, wie verschlagen,

Eine Woge auf den Damm,

Und die hat noch einen Kragen,

Spitzensaum und Feuerkamm.

Nun ists finster. Linde Winde

Spielen auf dem bleichen Strand,

Und ganz ähnlich einem Kinde

Formen sie den feinen Sand.

Niedlich sind die kleinen Haufen

Die da jemand aufgebaut –

Kinder wohl, die scherzend laufen,

Oder lacht der Wind so laut?

Plötzlich giebt es kleinen Ärger

Denn das bläst sich Hügel um!

Oder wird der Lufthauch kärger?

Plötzlich wird es ringsum stumm!

Orpheus tönt nun aus dem Meere

Wohl ein Mutterruf hervor,

Und es scheint ihm, es begehre

Draußen wer, was er verlor.

Arme greifen aus dem Wasser

Wahrhaft jetzt nach ihrem Wind,

Und er sieht auch, wie ein blasser

Milchgischt wie aus Brüsten rinnt.

Lauter Mutterwogen wollen

Die Erfüllung einer Pflicht,

Und die See hört er ergrollen,

Wenn ein Wunsch zusammenbricht.

Viele, viele Arme sielen

Wildverzweifelt schon zurück,

Denn die winzigen Hauche spielen

Ruhig fort und voll von Glück.

Ach, das sind die Kinderseelen,

Die sich, wie ein sanfter Wind,

Abends sacht zum Spiele stehlen,

Wenn sie schon verschieden sind.

Überall am Meeresstrande,

Wird man ihrer oft gewahr:

Frei von jedem Gängelbande,

Tummelt sich die muntere Schaar.

Orpheus weiß, von vielen Kindern

Die sich stets hinweggesehnt –

Ach, ihr Weh war nie zu lindern

Und ihr Blick hat oft gethränt.

Sie gedachten der Gespielen,

Dort am stachen Daseinsrand,

Erst als sie dem Tod verfielen,

Waren sie im Heimathland.

Kinder, die nicht ganz erwachen,

Fallen bald zurück in Schlaf,

Selten nur siehst Du sie lachen,

Und sie sind stets gut und brav.

Orpheus weiß, es ist das Leben

Durch den Lenz vom Tod getrennt,

Durch sein Traumland muß man schweben,

Bis man sich als Kind erkennt.

Seine Jugend überwinden

Wird zur ersten Schmerzenspflicht,

Einige Seelen aber finden

Diesen Weg voll Wehmuth nicht!

Orpheus selbst ist sanft geblieben

Und sein Geist spielt überm Meer:

Schmerz hat mit ihm Scherz getrieben

Und sein Lied ist regenschwer.

Junger Mond Du gießt die Stille

Deines Wesens auf die See,

Denn ein letzter Wellenwille

Wiegt des Meeres weiches Weh.

Wo sich Nacht und Naß umfassen,

Träufeln Thränen auf den Kuß,

Und wo Winde Spuren lassen

Schwimmt ein Schwan im Silberfluß!

Eben taucht ein solcher blasser

Vogel aus den Wogen auf;

Doch verwirbelt gleich im Wasser

Jedes Schemen Wirkungslauf!

Ja sogar ein Schwan, der blendet,

Zeigt sich jetzt fast nirgends mehr,

Und wie Öl, das Frieden spendet,

Schwimmt nun Mondlicht auf dem Meer.

Stille, kurze Stunden senken

Schwer sich über Land und See,

Orpheus aber sucht zu denken,

Denn er scheut das Traumesweh.

Ja, das ist die Zeit der Ängste,

Wenn der Alb die Schläfer quält,

Oder das Gefühl die längste

Schlummerspanne gar nicht zählt.

Aber die Gedanken kreisen

Frei, wie das der Dichter mag,

Und er findet lauter Weisen

Zu des Herzens Rhythmenschlag.

Ach, in seine Trauernetze,

Die er über Wolken sticht,

Ists, als ob ein Weib sich setze,

Und es schimmert sein Gesicht.

Euridike ist erschienen.

Weiß erstrahlt ihr Sterbekleid.

Und mit dichten Mondlichtbienen

Ist die Liebliche beschneit.

Sieh mit bleicher Trauermiene

Blickt sie auf den Wandersmann,

Und um ihre Thaugardine

Drängen Englein sich heran.

Oh, wie bluten seine Wunden

Und wie pocht sein Puls so wild!

Wie? der Traum ist schon verschwunden?

Wolken wallten vor das Bild!

Nimmer wird er sie erblicken,

Da sie weit von dannen weilt,

Und er selbst glaubt zu ersticken,

Da ihn Nebel rings ereilt.

Selbst die höchste Sternenkrone

Hüllt sich tief in Dünste ein,

Und der Wind seufzt, wie zum Hohne:

Orpheus, oh, Du bist allein!

Streckt das Meer die Nebelarme

Nach des Mondes Sichelglanz,

Wallen Nymphen mit dem Schwarme

Flügger Elfen flugs zum Tanz.

Doch die Schemen, die da schwanken,

Sind ein finsteres Spukgemisch,

Etliche von ihnen zanken

Sich bereits um einen Wisch!

Wie sie auf und nieder fliegen,

Füllt sich rings ihr Tummelplatz.

Will ein Nix ein Kebsweib kriegen,

Hascht er sichs mit einem Satz!

Jetzt erwischt des Satans Base

Rasch den drallsten Wolkengnom,

Schwubbs, da reißt die ganze Blase

Einen Papst in ihren Strom.

Alle diese Zwitterbilder,

Klepper, Hektiker aus Schaum,

Sind des Meeres tückischwilder

Ungestümer Nebeltraum.

Alles was der Mond besessen,

Seelen, Stürme, Blitz und Meer,

Kann er nimmer ganz vergessen

Und er hat danach Begehr.

Um den Durst von ihm zu laben,

Wühlt die Erde Wolken auf,

Jeder Stern verschwendet Gaben,

Hülflos oft im Weltenlauf!

Auch die Träume schwerer Nächte

Sind der Mondsucht leicht verwandt,

Und die Weiber herzen ächte

Wichte oft als Albpassant.

Flegel, die sich Träume miethen,

Kobolde und anderes Pack,

Sind verirrte Seleniten,

Meistens voll von Schabernack.

Denn es fluthen auch die Seelen

Nachts dem Monde lüstern zu,

Und Lunatiker vermählen

Sich sogar mit Hund und Kuh.

Nebel, Schrullen, Träume gleichen

Sich im tiefen Wesenskern,

Und sie mimen, necken, schleichen

Mit einander riesig gern.

Ansichten, die längst veralten,

Finden noch den letzten Halt,

In den grausen Angstgestalten,

Die ein Traum zusammenballt.

Schlüpfen sie darauf in Hüllen,

Die der Nebel ihnen leiht,

So verdüstern und erfüllen

Sie die Nacht mit Neid und Streit.

Juden, die sich überlisten,

Lumpen, Lüstlinge aus Dunst,

Diebe zwischen Silberkisten,

Wucherer in hoher Gunst,

Huren, die aus Fenstern nicken,

Alle Laster einer Stadt,

Kann man über sich erblicken,

Wenn man Orpheus Augen hat.

Jedes kleine Menschenleben

Wird im Traum ganz allgemein,

Mädchen, die bei Muttern kleben,

Streben nun zum Stelldichein.

Racker, die ein Fräulein schreckten,

Sieht jetzt, wo, ein Philosoph,

Nonnen, die den Bischof neckten,

Macht bereits ein Geck den Hof.

Traum und Träumer wechseln solche

Albscherwänzer immerfort,

Denn so abgefeimte Strolche

Bleiben nie am selben Ort.

Keine Wesen, Menschen, Thiere,

Ohne Unterschied im Rang,

Sehn jedoch im Hirnspaliere

Diesen Traumzusammenhang.

Einzig Orpheus kann begreifen,

Was sich in sich selbst verkrallt,

Und die Einsicht in ihm reifen,

Daß ein Traum aus allen wallt.

Zwischen solche Fabelfalten

Schwebst Du selbst voll Zuversicht,

Oft kannst Du Dich oben halten,

Denn dann hast Du kein Gewicht:

Aufgeregte Seelen streben,

Hilflos auf ein Meer gebracht,

Jederzeit ans Land zu schweben,

Doch sie wechseln jede Nacht.

So ein Welttraum überwindet

Dann in sich den schroffsten Spalt,

Denn in der Vision empfindet

Sich der Spuk im Hinterhalt:

Wurzeln doch in unserm Wesen

Schlundgewalten aus der See.

Was aus Muscheln sich gelesen,

Zeigt sich heute als Idee.

Wolken, Wälder, was an Thieren

Je auf Erden aufgestampft,

Wird sich nimmer ganz verlieren,

Denn es bleibt in uns verkrampft.

Durch den Hang zum Flug erwachen

Wir oft schlafend in der Luft,

Trachten wir uns loszumachen,

Hangen wir in einer Schlucht.

Jagen uns auf einmal Drachen,

Die der Kummer aufgewühlt,

Trachten Mächte zu erwachen,

Die schon manchen Tod gefühlt.

Ja, beim Seelenrundgang finden

Alle Albe jedesmal

Schläfer, die sich angstvoll winden,

Und sie steigern dann die Qual.

Jener Schlund, der in den Heerden,

Hie und da auf einmal gähnt,

Daß sie plötzlich störrisch werden,

Und man sie besessen wähnt,

Öffnet sich bei uns im Schlummer,

Öfters grundlos, wie im Schaf,

Und dann folgt zumeist ein krummer

Sturz zurück in festen Schlaf.

Das was da ist, wird zur Beute!

War der erste Weltbeschluß,

Doch die Leute leben heute

Häufig bis zum Überdruß.

Auch die Hausthiere verrecken

Gar nicht selten im Verlauf,

Doch die tiefen Todesschrecken

Tauchen noch in ihnen auf.

Selbst den Menschen halten Ketten

Oft im Traum an einem Fleck,

Und er kann sich nirgends retten,

Panisch ist auch dieser Schreck!

»Was soll mir diese Schaukelpantomine,

Was dieser Spuk in feuchten, fetten Lüften,

Er trägt, verschiedentlich, die gleiche Miene

Und lüstern schwankt er rings auf fixen Hüften:

Ich aber will, daß er mir redend diene!«

Ruft Orpheus und schon rührt es sich in Grüften.

Ganz langsam vor und hin und her geschoben,

Begrinst ihn nun der freche Troß von Schemen,

Und alle scheinen sprachlos und verlottert,

Nur ein Gespenst hält seinen Arm erhoben

Und spräche wohl, doch etwas muß es lähmen.

Doch nein, Du hörst schon, wie es Worte stottert:

Aus den Geberden und verwirrten Sätzen,

Will Orpheus einen Sinn zusammensetzen.

Der Spuk sucht Laut und Zeichen zu verbinden,

Denn kärglich sind ihm beide nur verliehen,

Doch weiß der Wanderer sich zurechtzufinden

Und athmet stark, um mit gepreßten Lippen,

Beim Horchen, länger dann nicht einzuziehen.

Nun läßt er gar den Athem völlig stocken

Und sieht, wie Wichte immer näher wippen:

Fast scheinen sie ihm eigene Odemsflocken,

Doch schimmern unter ihrem Lichtkleid Rippen.

Ganz langsam regen sie die dürftigen Münder,

Und endlich sprechen sie gemeinverständlich:

»Oh müder Orpheus, krauser Lichtverkünder,

Wir suchen Dich und lieben Dich unendlich!

Oh hör uns an, wir sind der Traum der Sünder,

Und Sünde tragt Ihr tief in den Gebeinen,

Der Körper, alles Fleisch das Euch umwandet,

War Lust, bevor Ihr Menschen Lust empfandet.

Wo Licht und Erde sich zum Kuß vereinen

Muß Leben mit dem Schreck zugleich erscheinen.

Auch uns gab Sonnensehnsucht die Beseelung,

Doch grundverschieden wurden wir auf Erden:

Was ist ein Leib, wenn nicht Geschickserwählung?

Sieh, jedes wollte still und glücklich werden;

Wir tauchten auf und lebten eine Weile:

Verreckt, erlangten wir zum alten Glücke

Stets wiederum die gleichen Körpertheile;

Auf einmal aber schlugen Donnerkeile

Der Sonne unsere Erdformen in Stücke!

Da Euch allein ein Recht nunmehr beschieden,

So mußten wir uns in die Menschheit schlängeln

Und wurden dann in ihr zu deren Mangeln,

Worauf sie unsere Trümpfe gerne mieden;

Als Laster, und als feindlich ihrem Frieden,

Verstießen sie uns gar mit jenen Engeln,

Die ihren Seelen Daseinszangen schmieden:

Wir aber zollen ihrer Lichthoffnung Verachtung

Und wünschen uns zurück in Glücksumnachtung!

Verdammt die Liebeskette zu erhalten,

Die ringsum, über alle Lasterspalten,

Instinkte mit der Geistigkeit verbindet,

Sind wir der Schwindel, den der Mensch empfindet,

Die Viper, die er auf dem Lichtweg findet,

Und das Verderben seiner Erzgestalten,

Bis wir dereinst zu vollem Schlaf erkalten!«

Und Orpheus spricht: »Kann ich Euch recht verstehen,

So seid Ihr die verpönten Erdenfreuden

Und deshalb als verächtlich anzusehen,

Denn in der Lebenswüste Lust vergeuden,

Ist wahrhaft ein entsetzliches Vergehen!«

Doch da erwidern ihm die blassen Schatten:

»Es ist für Menschen fürchterlich gefährlich

Auf ihrem Wanderpfade zu ermatten,

Wir selber wünschen: seid im Leben ehrlich,

Denn so gebührt es Erdenüberwindern,

Doch im Geheimen bleibt etwas begehrlich,

Um Eure Pein, mit unserer, zu lindern;

Auch uns sind viele Dinge unerklärlich,

Zum Beispiel, was uns stets mit Hoffnung schwängert

Und unser Wachsein ungemein verlängert;

Es kann uns doch vielleicht einmal gelingen,

Ins Leben, gruppenweise, einzudringen,

Um oben heitere Tage zu verbringen.

Wir wußten eben nicht, wohin wir wallten,

Dein Wachsein hat uns lange festgehalten,

Nun laß uns fort, wir sind Dir nicht gefährlich,

Die Macht der Träume ist auf Erden spärlich,

Dort sieh auf jene nackte Kraftgestalten,

Obzwar sie lange für verschollen galten,

Kann manche Schein und Dasein kurz vertauschen,

Um sich und Euch noch einmal zu berauschen,

Ihr habt auf Erden abermals Mänaden,

Haha, blick auf, gar feist sind ihre Waden!«

Wahrhaftig, es wirbeln da blasse Figuren.

Sie schwingen den Tyrsusstab, grüßen mit Bändern,

Vielleicht ihren Farben aus allerhand Ländern.

Zuerst gab es rhythmisch bewegte Konturen,

Doch konnte sich plötzlich das Schauspiel verändern,

Nun sind es Mänaden auf glühenden Fluren!

Es trachtet der Wanderer den Spuk zu belauschen,

Bis jetzt kann ihm wenig den Vorgang erklären,

Und mitten im Tanz, unter pomphaften Bauschen,

Erscheinen auf einmal auch Nachtbajaderen.

Es winkt eine Mohrin. Es lächeln Hetären.

Und einige sieht er die Schleier vertauschen.

Es muß so ein Schauspiel die Sinne berauschen!

Die Blicke versprühen ein wildes Begehren

Und immer noch scheint sich der Spuk zu vermehren,

Ganz plötzlich beginnt jetzt die Keckste zu sprechen:

»Komm, Orpheus, wir wollen Dich lieben und ehren,

Du sollst Deine Wanderschaft nicht unterbrechen,

Doch laß, daß wir uns als Begleitung bewähren,

Wir kommen direkt aus dem Reiche der Todten

Und sind Euridikens empfohlene Boten!«

»Ich lasse mich gerne von jedem belehren,

Doch weit ist mein Weg und beschwerlich die Reise!«

Wirft Orpheus nun ein: »Sagt, habt Ihr Beweise?«

»Du siehst nur den Glanz, laß Dir Wahrheit bescheeren!«

Giebt wieder die gleiche zur Antwort; »Wir kehren,

Verwundert zurück, wenn uns Mütter gebären,

Wir lieben die Dichter, da sie uns erweckten,

Sie dachten zwar nur, daß sie Betbrüder neckten,

Und nicht, daß sie Kaiser und Kirche erschreckten;

Doch gleich sing es an in den Gräbern zu gähren,

Bald wußten wir, daß sich Skelette aufreckten,

Und, daß wir die Glieder ins Lichtdasein streckten.

Nun werden wir Frommen die Felder verheeren,

Der Bauer soll nimmer das Klostervolk nähren,

Und wer uns nicht dient, ist im Reiche verloren,

Wir nennen Asketen verschrobene Thoren,

Wir werden das Christenthum kurzweg verwehren

Und frei und vernünftig mit Männern verkehren!«

Nun haben die Weiber zu Ende gesprochen,

Ihr gleitender Tanz aber bleibt ununterbrochen,

Die Klugheit beginnt sie bereits zu beschweren,

Wie könnten sich auch Takt mit Staatsmacht vertragen?

Wer hüpft, will erst Ruhe und Reichthum erjagen,

Dock wer schon besitzt, kann den Luftsprung entbehren.

Doch eine Bacchantin geruht noch zu sagen:

»Sprich Orpheus, gewahrst Du mich nun zur Genüge,

Ich bin eine Fürstin mit gutem Betragen

Und könnte mit jeder Monarchin verkehren,

Denn hohe Geburt ist die lustigste Lüge,

So komme zu meinen Gelehrtengelagen,

Ich will, daß sich jeder auf Erden vergnüge,

Und Mancher verdankt mir Besitzthum und Ehren,

Erfreu uns, wir möchten Dich nimmer entbehren!«

Nun mustert der Dichter die nächtliche Sippe

Und hofft aus den endlichen Abzug der Schemen:

Die schweigen beinander und pressen die Lippe,

Wahrscheinlich aus Furcht sich verkehrt zu benehmen.

Doch merkt er es deutlich, sie sind auf der Lauer

Und heucheln nur ungeschickt Tugend und Trauer.

Nun trachten sie fremde Geberden zu machen:

Vielleicht um die männliche Gier anzufachen?

Doch Orpheus versteht ihre dummen Manieren,

Es will sich die Blase verstellen und zieren,

Sie giebt nur barock und in jeder verschieden

Ein Bild der Bewegungen, wie sie hinieden

Dereinst Euridiken vereinigt beschieden!

Da donnert der Dichter: »Ich werde Euch meiden,

Fürwahr Eure Knechte sind nicht zu beneiden,

Ihr lebt als Gespenster, Ihr seid keine Frauen,

Oh, faltet sie nur, Eure schattigen Brauen,

Ich seh Euch bloß an und schon müßt Ihr vergrauen!«

Wahrhaftig, die Weiber verschwimmen voll Trauer

Und selbst ihr Beschwörer empfindet nun Schauer,

Er sieht sie in Ärgernisfurchen verrunzeln,

Und dann einen Zwerg durch den Dunstschleier schmunzeln.

Das ist wohl der Stöpsel unendlicher Fugen,

Die irgendwo sonst in der Welteinheit klafften.

Es freut ihn, durch Gläser ins Leben zu lugen

Da diese ihm doch schon, von Haus aus, anhaften.

Der Dichter erkennt ihn, er ist ja der Schneider

Der eben verschwundenen Art von Mänaden,

Der fixe Verfertiger griechischer Kleider,

Und anderer exaktester Trachtmaskeraden.

Er ist zwar besonders verschrumpft und emphathisch,

Doch sind seine Augen beinahe sympatisch,

Man denke, er konnte sogar den Hellenen,

Nach kurzer Betrachtung, in Orpheus erkennen!

Nun trippelt er mit seinen winzigen Füßen

Zum Dichter heran, um ihn tief zu begrüßen,

Und spricht dann und läßt sich dabei nicht verdrießen.

Er liebt und er leckt fast den Honig der Worte,

Die jetzt seinen blutleeren Lippen entfließen;

Er bleibt aber niemals am selbigen Orte,

Er fuchtelt, als wollte er jemanden spießen.

Der Dichter, verblüfft durch das seltene Betragen,

Versucht es ein anderes Gespräch auzuschlagen,

Doch bleibt alle Güte und Mühe verloren,

Den Redner scheint nämlich trotz riesiger Ohren,

Auch Taubheit, zu anderen Gebrechen, zu plagen,

Drum kann ich nur kurz was er vorbrachte sagen.

Er schimpfte: »Ich liebe kein Kirchengebimmel,

Und hasse das stinkende Sonntagsgewimmel;

Doch forsche ich gerne; durch Moder und Schimmel,

Kann oft ein vollendeter griechischer Himmel

Dem ernsten Gelehrten ins Innere leuchten

Und selbst seine Augen mit Thränen befeuchten!«

Nun fängt er auf einmal an freundlich zu kichern

Und saust wieder weiter: »Das kann ich versichern,

Obwohl ich die Freuden der Gegenwart meide,

So bin ich doch vollständig Grieche und Heide,

Auch kann ein Johannistrieb später ersprießen,

Und jetzt bin ich froh, wenn die Andern genießen!«

Orpheus fühlt sich müde und entkräftigt

Und er läßt den Spuk vorüberhinken,

Da ihn eigener Sorgenkram beschäftigt:

Ja, er glaubt in Schwermuth zu versinken.

Jener Dunst, in dem der Wind erstickte,

Wird noch immer bleierner und dicker,

Und der Geister inneres Lichtgesicker,

Das vor kurzem noch durch Wolken blickte,

Hat die Finsterniß schon ganz verschleiert,

Und es wird jetzt nirgends mehr gefeiert.

Orpheus denkt, ob alle diese Vorweltschemen

Blos Gefühl sind oder Wahrerscheinung,

Und er schwankt noch immer in der Meinung,

Doch er muß sie wohl für Träume nehmen!

Plötzlich aber taucht ein Ungeheuer,

Riesig rasch und knapp, an seinen Lenden

Steil empor, und ohne sich drin umzuwenden

Merkt er innerlich beinah ein Ringgemäuer.

Was geschieht! Ist das ein Bauch mit Rippen?

Alles krümmt sich und ist wohlgegossen,

Plötzlich scheint das ganze umzukippen,

Orpheus ist im Unhold eingeschlossen.

Da die Luft sich immer noch vermindert,

Will er, angsterfaßt, um Hülfe schreien,

Doch er fühlt sich auch darin behindert,

Denn er kann die Stimme nicht befreien.

»Menschenskind, Du wirst Dich nimmer retten!«

Hört er es im Kupferkessel brummen:

»Denn ich halte Dich mit schweren Ketten!«

Fängt es wieder an herumzusummen.

Alles würgt ihn schon im Götzenbauche,

Und dazu das furchtbare Gepfauche!

Arge Athemnoth und andere Schrecken

Machen seine Lage immer trüber,

Angstgefühle gehn in Träume über,

Und im Halse bleibt die Stimme stecken.

Stirbt er endlich? denn der Spuk wird stummer!

Oder hört er Wesen, die ihn noch verhöhnen?

Nein, das alles ist sein eigenes Stöhnen.

– Und vielleicht der Klang vom Urweltkummer!

Etwas will sich ihm bestimmt berichten:

Der Koloß läßt seine Kupferschichten

Mächtig als die eigene Lunge schwingen.

Orpheus soll sein Räthsel voll durchdringen!

Ja es scheint sogar jetzt aufzudämmern,

Überall entwirbeln Schwefelflammen;

Und Zyklopen, die der Nacht entstammen,

Fangen an, im Rhythmus loszuhämmern.

Orpheus übersieht bereits die Falle:

Daß der Bauch beim Athmen nicht zerspringe,

Rollen innerhalb, auf scharfem Dralle,

Lauter dehnbarheiße Kupferringe.

Um verbrauchten Athem auszupfauchen,

Können Kiemen ihn nach außen stemmen;

Fängt darauf der Bauch an einzuhauchen,

Kann der Wind des Dichters Brust beklemmen.

Alles das begleitet lautes Poltern

Und gespensterhaftes Kettenrasseln,

Orpheus hört Gewimmer, wie beim Foltern,

Und der Flammen schrecklich starkes Prasseln.

Sicherlich ist das eine Maschine

Und zugleich ein fürchterlicher Götze,

Mumien heizen ihn, und goldene Klötze

Lodern rußend durch die Erzkamine.

Rings um Orpheus surren Firlefanzer,

Die sich brühend durch den Kessel drehen,

Und es dröhnt des Rauches Kupferpanzer,

Wenn ihn Winde auseinanderblähen.

Plötzlich hört er noch ein anderes Lärmen,

Denn es pumpert in den Blechgedärmen;

Afters scheint der Moloch aufzustöhnen,

Doch es darf kein Schmerz den Athem lähmen.

An die Leiden konnt er sich gewöhnen,

Doch den Arger mag er nicht bezähmen:

Endlich kann er Zorn in Worte fassen,

Sein Gebrüll läßt er in sich zerschellen

Und das Echo von den Kupfermassen

Nochmals einwärts durch Kanäle gellen.

So kann Ordnung ins Gepolter kommen,

Statt wie Donner sich zu überhetzen,

Theilt der Schwall sich zu konkreten Sätzen,

Die das Ohr des Dichters aufgenommen.

Der Koloß ertönt: »Oh Menschenkinder,

Jede Gottheit kriecht aus meinem Bauch,

Und die grausamste ward schließlich linder,

Denn es geht mein Angstschweiß auf in Rauch.«

Da die Sonne meinen Erzrumpf sprengte

Und der Mensch in meinen Halsring biß,

War es Zeit, daß ich mich selbst verschränkte,

Und nun heiß ich Macht der Finsterniß.

Orpheus, sieh, es sind noch meine Glieder

Im Gespenste, das ich ward, intakt,

Nur das fürchterliche Ballgefieder

Ward mir, selbst im Geiste, abgehackt!

Doch beim ersten Schritt, von mir zum Kulte

Eigener Ahnen, ging ich fast noch mit.

Wer den Geist in todten Zauber lullte,

War ein Mensch, der für das Chaos stritt.

Unsern Ursprung hab ich auch vergessen,

Selbst die Drachenbruth liegt mir zu fern,

Doch im Mammuth seine Macht ermessen,

Ist nicht schwer, und deshalb thu ichs gern.

Kriecht ein neuer Gott aus meinem Bauche,

Und es war der herrlichste darin,

Thut er es auch jetzt nach altem Brauche:

Wirklich zieht ihn eine Bäuerin.

Roth, wie jedes magere Kind, geboren,

Kriegt er eine Amme und wird fett,

Geht sein Purpur langsam dann verloren,

Drängen Könige sich ums Wochenbett.

Kommt es schließlich gar zum neuen Glauben,

So erkenn ich meiner Därme Frucht,

Der Gedanke muß im Fleisch verschnauben,

Denn es siegt auch da die Mammuthwucht.

Meine Übermacht im Sphärenstreite

Hat im ewigen Ursprung ihren Grund,

Was sich, ohne Anfang, selbst entzweite,

Hält mich offen, denn ich bin ihr Schlund.

Nacht und Ärger steigt aus meinem Trichter,

In den Dingen, die entstehen, auf:

Ich vernichte schließlich alle Lichter

Und beschränke schon den Sternenlauf.

Meine Macht kann sich geheim bekunden:

Was auf mir beruht, sucht einen Kern,

Tief in sich, zum Schutze zu umrunden:

Und dazu bin ich der Mittelstern.

Forscht nach ihm, Ihr könnt ihn nirgends finden!

Wäre er, so wäre gar nichts mehr:

Welten aber, die sich weiterwinden,

Ziehen Leidenskreise um ihn her.

Herrschte ich, so wär ich längst verschwunden,

Alles wäre eingestürzt,

Doch das Ewige hab ich nie empfunden

Und dadurch bleibt meine Macht verkürzt.

Bin ich doch die Gegenwart der Dinge,

Schlagbereit und riesenstark!

Wenn ich jetzt mich zur Erinnerung zwinge,

Bleibt mein Umblick dennoch dumpf und karg.

Nichts kann die Unendlichkeit umspannen:

Rein Gestirn, in dem mein Wesen glänzt,

Kann das AU in seine Kreise bannen:

Überall ist meine Macht begrenzt!

Was ich trachte, ist: mich selbst zu fassen,

Keinen Augenblick setze ich aus,

Auf die Kraft kann ich mich stets verlassen,

Mir gehört das ganze Weltgebraus!

Doch die Ewigkeit ist urvorhanden,

Da die Zahl der Sterne es beweist:

Könnt ich mich als Mittelstern umranden,

Hätte nichts sich zum System geschweißt.

Schwärme nie von irgend einer Größe!

Glaube dem, der alle Klumpen dreht!

Jeder Sterbensstern zerwühlt die Blöße

Seiner Nachbarwelt, die untergeht.

Haßerfüllt erweitert er die Wunde

Saugt sich Geister aus dem Schlund empor,

Neid und Schadenfreude stehn im Bunde,

Ursymbolisch, vor den Lebensthor.

Scheelsucht ist des Werdenden Erreger,

Was ersprießt, aus eigenem Grund, verrucht,

Und der ewige Ruhbedürfnißträger

Überdies zu Trächtigkeit verflucht.

Weißt Du es? Der Starrsinn ist mein Wesen,

Meine Gegenmacht die Ewigkeit,

Und durch diese Ursprungsantithesen

Wird der Raum, geschieht die Zeit!

Feuer freut und heuchelt Euch verteufelt:

Angeschmeichelt an den Geist,

Schmerzt es, wenn es einwärts träufelt,

Doch es streichelt noch, was es zerbeißt.

Ja es lodert, lacht in grellen Scheinen

Meine Höllenfreude froh hervor,

Funken gleichen hellen Edelsteinen,

Und ich stiege noch als Meteor!

Ja, ich hab das Licht erfunden,

Stürzt es doch dem Ewigen nach:

Hoffte das schon einmal zu erkunden:

Weiß noch nicht, woran es mir gebrach!

Stille Würde ist mir schon gelungen:

Wie ein Schwan durchschweif ich als Komet

Ruhemeere, die mich nie verschlungen,

Und als Wolke gleich ich dem Gebet.

Wie das Feuer hab ich Eure Freuden,

Seeligkeiten ähnlich, aufgewühlt:

Sollt sie mindestens zu Zweit vergeuden,

Da sich niemals Lust vereinzelt fühlt.

Höre noch – ich spreche gern –: durch Flammen

Schür ich zwar die ekle Lebenspest,

Doch da die Naturen mir entstammen,

Hab ich immer deren Qual entpreßt.

Ihre Martern können mich mit ihnen

Schließlich noch versöhnen und ihr Geist

Kann mir einst vielleicht noch dienen,

Da er schneller als ich selber reist.

Mensch, von Sonnengnaden ein Schmarotzer,

Der Dus grausam bis zu Dir gebracht,

Glaube mir, Du eitler Sonnenglotzer,

Du gehörst durch Deinen Darm der Nacht!

Wüstlinge, wollt Ihr Euch hier entwurzeln?

Alles überwindet einst der Tod,

Rüttelt nicht, um nicht ins Nichts zu stürzen,

Enten, Menschen, Schweine lieben Koth.

Bleibt Euch treu, es wird Euch manches schmecken!

Jagd und Hader schaffen Appetit:

Laßt Euch nicht durch Fabelstrafen schrecken,

Neid ersinnt sie, wenn er prassen sieht!

Euern Drang nach Gleichheit muß ich loben,

Wenn Ihr dies so tief wie ich versteht:

Euer Typus ist schon so verschoben,

Daß im Kind der Vater untergeht.

Ja, Ihr seid zu voll. Im Biedermanne

Wurzelt unversehens ein Genie.

Ob ich Ruthen lege, Netze spanne,

Diesen Zufall hasch ich dennoch nie!

Sich in eigenen Kindern nachbestellen,

Wär ein Dauern, wie es mir entspringt:

Nachkommen und Ahnenspuk gesellen

Sich jedoch dazu, wenn Ihr gelingt. –

Deshalb preist das Land der Pyramiden

Denn dort sah man wirklich ähnlich aus,

Die Familien waren kaum verschieden,

Gleich war alles, wie bei Maus und Laus.

Orpheus, zwecklos scheint mir Deine Reise,

Laß die Todte, die Du liebtest, ruhn:

Sag, wozu die neue Wehmuthsweise,

Und warum dem Tode Unrecht thun?

Sei beglückt, Dich einst ins Grab zu legen,

Diese Welt ist nichts als Niedertracht.

Menschen? Glieder die den Bauch verpflegen,

Mehr den Dünkel, den ich angefacht!

Habt Ihr doch die leckern Flammenwedel

Bald als Teufelsteufelei erkannt,

Angefeuert aber Eure Schädel

Dennoch immer wieder eingerannt.

Falsch sind auch die warmen Sonnenstrahlen,

Denn sie nagen Euch vom Boden los,

Arg sind ihre Lichtgefolgschaftsqualen,

Wonne birgt allein der Erdenschooß!

Laßt die Blumensflur die Sonnen loben,

Da sie ihr ein kurzes Glück verdankt,

Auch der Vogel solls, den sie erhoben,

Nimmer doch wer den Verstand erlangt!

Laßt die Sonne Euch im Schatten lungern?

Ideale, sagt ihr, giebt sie ein;

Doch es dreht sich nur um das Verhungern,

Eure Tugend heißt Genügsamsein!

Alle Spenderlohe ist verflogen;

Wenn der Mensch noch grausam weitersteigt,

Wird er doch nur unfrei aufgezogen,

Und sein Glück ist das, wozu er neigt!

Orpheus, kannst Du meine Macht verstehen?

Du, der Du mein Räthsel lang benagst,

Sage, muß ich alles eingestehen,

Weil Du es in mir zu athmen wagst?

– Wie, Du schweigst? – so muß ich weiterreden,

Wird mir doch in Dir so manches klar,

Rasch verknüpf ich die Gedankenfaden,

Reim und Rhythmus bieten sich mir dar.

Unsichtbare Daseinsketten schlingen,

Bis zur Sonne sich in Euch empor,

Denn das sind des Menschengeistes Schwingen;

Und bedingte Freiheit waltet vor.

Jene Macht, die diesseits alle Welten,

Rings am Himmel, von einander trennt,

Kann im Geisterhintergrund nicht gelten,

Wenn auch hier ihr Sieg als Licht entbrennt.

Ewig muß sie sich zur Herrschaft wühlen,

Und sie weilt, weil sie das Chaos theilt:

Doch die einverleibten Geister fühlen

Ihre Fesseln, bis der Tod sie heilt.

Mit der Sonne war dereinst die Erde

Engverbunden, bis aus einmal, jäh,

Unseres Planeten eigenes »Werde«

Sich zusammenschloß zu Lust und Weh.

Doch die Rückkehr zu der Sonne lohte

Gleich als Leben auf der Erde auf:

Und in uns verkörpert, als Gebote,

Wurde sie der Zweck und Daseinslauf!

Denke sinnlich Dich über die Zeiten,

Wenn die Erde in die Sonne fällt,

(Und Du kannst es, denn in Dir geleiten

Wünsche Dich in eine andere Welt!)

So verstehst Du auch, warum das Leben

Oft die Erde willentlich verschmäht,

Heute ist es ein geplagtes Streben,

Einstens war und wird es was besteht!

Dieses tiefe Erd und Sonnverhältniß

Wird von Mond und Sternen noch ergänzt,

Euer Wesen ist auch das Behältniß

Alles dessen, was sich mir entgrenzt.

Fängst Du an, die Geisterwelt zu wittern,

Glaubst Du gar, daß sie auf mir beruht?

Daß die Sterne nur für sie erzittern?

Gibt Dir meines Räthsels Lösung Muth?

Orpheus, wenig nur kann ich Dir sagen,

Selbst in Dir kommt mein Verstand zu kurz,

Gar nichts weiß ich von den ersten Tagen:

Glaubst du, gab es einen Ursprungssturz?

Schweigst Du, Orpheus? – Soll ich fort erwägen?

Etwas weiß ich: ich bin nicht allein!

In Gesetzen kann ich mich bewegen,

Das Gebot in Euch ist schon nicht mein!

Tausendfach kann mich der Mensch begreifen,

Doch benennt er nicht was ihm entschlüpft,

Kein Begriff besitzt genügend Schleifen,

Daß er das, was mich erfüllt, verknüpft.

Ich, das Ursprungslose, Unnennbare,

Das sich selbst in Ringgewinde warf,

Wirke ewig, bin und offenbare

Den und das, was man nicht nennen darf!

Oftmals aber glaub ich, jene Mächte

Sind blos Chaos, das mich stumpf bekämpft,

Denn es wechselt nur in sich das Schlechte,

Meine Strenge scheint durchs Nichts gedämpft!

Menschen, seid Ihr nur des Endes Boten?

Ob die Fülle meiner selbst verschäumt?

Löst der Geist die großen Ordnungsknoten,

Hat ihn Euch sich Chaos aufgebäumt?

Euer Schicksal kann nur ich errathen,

Aber was wir sind, bleibt mir versteckt,

Endlos fast vollbringt Ihr weiter Thaten,

Zwecklos auch, was Euch jedoch nicht schreckt!

Leiblich seid Ihr Menschen fast nur Schlangen,

Doch der Geist, der Euch nach oben reißt,

Möchte höher als die Nacht gelangen

Und er hat schon riesigweit gekreist!

Leben kann ich dieser Welt verheißen,

Bis die Sonnensehnsucht einst verfällt,

Und die Erde strahlend in die heißen

Mutterarme sich dann wieder schnellt.

Doch es happert schon mit Eurer Nahrung,

Immer spärlicher wird jeder Lenz,

Sittlichkeit ist drum die Grunderfahrung

Jeder späten Erdenexistenz.

Folgt der Sonne, denn Ihr werdet leben,

Wie Ihr es verlangt, weil Ihr es müßt:

Sonnenhoch wird Euch der Geist erheben,

In Euch selbst erglüht ein Lichtgerüst!

Orpheus sieht sich um. Der Unhold ist verschwunden.

Er bemerkt nun, daß er selber laut gesprochen,

Aller Lebensekel scheint ihm überwunden,

Freude ist sogar in ihm hervorgebrochen!

Doch umgeben ihn noch immer Nebelmauern

Und die sangen an, ihn stumm nun zu fixieren,

Allerhand Gestalten sieht er weithin kauern,

Und die meisten weinen, alle aber frieren!

Wie fängt da das Herz des Dichters an zu pochen!

Gleich beginnt er, großes Mitleid zu verspüren,

Und da kommen schon die Schemen angekrochen,

Um, ganz nahe, sein Gemüth noch mehr zu rühren!

Hurtig schließt der Spuk um Orpheus eine Rette,

Und das ist ein Zug von Greisen und von Vetteln,

Plötzlich grinsen zwischen ihnen auch Skelette,

Die mit ausgestreckten Armen jammernd betteln.

Die Gerippe klappern nun mit ihren Knochen,

Schmerzensschreie mischen sich ins Nachtgewimmer,

Denn es werden Beine irgendwo gebrochen,

Und noch immer wird der Stimmenwirbel schlimmer!

Gar entsetzlich ist zumal das Zähneklappern,

Auch der Dichter zittert jetzt vor Fiebergrauen

Und er stammelt: »Fangt doch endlich an zu plappern,

Da sich hinter Euren Kiefern Worte stauen!«

Da beginnt der Haufe sich erst freizulachen,

Und dann quiekt ein Stimmchen, gerade noch verständlicht

»Orpheus, endlich sollte doch Dein Geist erwachen,

Deine Eitelkeit und deine Brunst sind schändlich!

Ringe nicht nach Mitleid, spar es Dir zum Troste,

Denn wir stiegen aus den Gräbern, Dich zu warnen;

Die Mänaden, die Dein herber Trotz erboste,

Rüsten sich, um Dich bestimmt noch zu umgarnen!

Bleibe lieber gleich im bleichen Schattenreiche,

Menschen wirst Du nichts als Zank und Arger bringen,

Prügeln sie sich schließlich noch um Deine Leiche,

Heißt das wirklich nicht ihr wildes Herz bezwingen!

Weshalb sehnst Du Dich zurück zum Erdenjammer?

Furcht und Elend peinigen die falsche Menge,

Nur aus Hunger schwingt der Mensch den Eisenhammer,

Schmerzlich tönen aller Arbeit Sonnenklänge!

Dumm und nutzlos sind dort oben Eure Kämpfe,

Seid bedacht, daß das Erworbene nicht zerstiebe,

Trachtet, daß die Weisheit Eure Schmerzen dämpfe –

Doch das leisten schon, zum größten Theil, die Diebe.

Um ein Mittelmaaß von Menschen zu erhalten,

Muß ich sagen, daß ich Angst und Sorgen schätze,

Auch läßt sich der Bürger gern im Zügel halten,

Sind Verbrechen der Prätext für die Gesetze!

Um Euch vor Betrug und Spottlust zu beschützen,

Wollt Ihr Eure Seelen zäumen und verriegeln,

Doch begänne die Kultur sich abzunützen,

Würdet Ihr nicht stündlich sie dadurch besiegeln!

Wahrlich, für das Glück und etwas Zucht der Rotten

Sind die kleinlichen Alltäglichkeiten trefflich,

Doch ein guter Sonntag mit Gesang und Zoten

Bleibt für jeden Höllenspötter unnachäfflich.

Wisse, Elend und das Eigenfesselnschmieden

Sind für Euch das Einzige, nicht blos das Beste;

Denn durch Hunger und Robotten wird vermieden,

Daß der Feiertag die ganze Welt verpeste.

Orpheus, auch Du selber solltest nicht vergessen,

Daß Du nur ein Wüstenwandler bist und nimmer,

Sündhaft, nur dem Geist zu leben, Dich vermessen;

Höre unter Deinen Schritten das Gewimmer!

Das was Dein Verstand nicht wagt bei Tag zu denken,

Kannst Du wenigstens im Traume klar empfinden,

Darum lasse Dich durch unsere Einsicht lenken

Und versuche Dein Gewissen Nachts zu finden!

Weise ist, wer auf das Wünschen ganz verzichtet

Und Respekt vor allem hat, auch vor dem Bösen!

Glaub mir, was in Dir, verkindlicht und gedichtet,

Schmerzt und leidet, wird sich bald in Prosa lösen!

Orpheus, folg und hilf uns wiederzuerstehen,

Schaff in unserm Sinne oben eine Wendung;

Und wenn unsere Ersten zu Euch übergehen,

Glauben wir dann alle hier an Deine Sendung.

Bettler sind wir nicht, die auf die Kniee fallen,

Doch bevor wir ganz in Nacht und Nichts vergrauen,

Bitten wir, laß unsere Worte laut erschallen,

Daß wir, ihnen nach, uns noch am Licht erschauen.«

Geier der Verzweiflung krallen

Plötzlich sich in Orpheus Herz,

Rücklings wird er überfallen,

Nie empfand er solchen Schmerz.

Taumelnd schließt er seine Augen,

Eine Ohnmacht schleicht heran,

Alles mag als Stütze taugen,

Wenn er nur noch greifen kann!

Bittre, ekelhafte Galle

Fühlt er nun vom Mund zum Darm

Und er glaubt auch, es durchwalle

Ihn schon plötzlich fieberwarm.

Doch er will sich nicht ergeben:

Brächte jemand einen Trunk,

Könnte er sich selbst erheben,

Schwer ist nur der Aufsprungsschwung!

Doch allein sich zu bewegen.

Geht für dieses mal nicht mehr:

Schlummer wird sich auf ihn legen

Und der Traum spukt schon umher.

In zerschlissenen Gewändern,

Sieht er manche Nachtgestalt

Mühsam durch den Nebel schlendern:

Und das lacht da, schnalzt und lallt.

Bis zum Knie in Dunst versunken,

Gehn die Meisten schrecklich schwer,

Orpheus denkt, sie sind betrunken,

Und nun schwanken sie noch mehr!

»Räusche wird es immer geben

Tollheit bleibt uns eingefleischt,

Nur ein Wahn ist unser Leben!«

Wird der Dichter angekreischt.

Dann gehts weiter: »Freches Scherzen

Giebt dem Dasein erst Gehalt,

Falten glätten, Gram entmerzen,

Gilt für jung und taugt für alt.

Klugheit führt Euch leicht zum Geize,

Denn wer nachdenkt, ist besorgt,

Darum sinnt nicht, hascht die Reize,

Die das Leben gerne borgt.

Euch den Leichtsinn zu erklären,

Fällt mir selbst im Rausche leicht,

Und durch meine flotten Lehren

Hab ich oft den Zweck erreicht.

Des Geschickes kühne Sätze

Bringen plötzlich Glück herbei:

Laß dem Geize sein Geschwätze

Und sein bleiches Einerlei.

Mit den Winden munter segeln,

Schärft und wahrt den klaren Blick,

Traue nie vernünftigen Regeln

Und verlaß Dich aufs Geschick.

Weise, ebenso wie Thoren,

Stehen fest in dieser Welt,

Wer noch taugt, geht nicht verloren,

Wie er es auch denkt und hält!

Wenig wird ein Mensch erklügeln,

Der aus Früchten Kerne schält.

Den Verstand etwas zu zügeln,

Ist noch eher was Euch fehlt.

Nein, bedenkt nicht Eure Wege

Und folgt lieber dem Gefühl,

Bleibt trotz aller Schicksalsschläge,

Gegen Rath und Warnung kühl!«

Durch ein Schauspiel voll Entsetzen

Wird nun Orpheus abgelenkt,

Mit bacchantischwilden Sätzen

Kommt ein Haufen angesprengt.

Wie im ersten Morgengrauen,

Kann er etwas schwanken sehn:

Männer mit betrunkenen Frauen

Scheinen sich um ihn zu drehn.

Hebt der Wind dieses Gesindel?

Tanzt da Dunst im Morgenlicht?

Oder faßt ihn selber Schwindel?

Orpheus weiß und sieht es nicht.

»Graust Dir noch vor unsern Räuschen?«

Wettert nun ein Weib ergrimmt:

»Künftig soll Dich nimmer täuschen

Was Dich freut und ethisch stimmt.

Sinke, bis ins Mark getroffen,

Frei von Illusionen, hin.

Höre endlich auf zu hoffen,

Krieg für echtes Elend Sinn!

Sieh, was meine Säufer sehen,

Und es trinkt hier Jedermann:

Wo sie durch das Dunkel spähen

Schleichen Ratten dumpf heran.

Menschen, die in sich zerfallen,

Sehn sich selber rings versprengt,

Mäuse, die der Nacht entwallen,

Halten sie schon eingeengt.

Allen Menschen, so wie Thieren,

Geht zum Schluß der Athem aus,

Doch was wir am Weg verlieren,

Rettet sich noch schnell als Maus.

Ratten seid Ihr, feig und kleinlich:

Alles was Ihr so verliert,

Ist Euch ekelhaft und peinlich,

Da Ihr Euch versteckt und ziert.

Eure Spuren wegzuwischen,

Seid Ihr allerdings bestrebt,

Und wenn Laster Euch entzischen,

Wird ihr Ausfallsloch verklebt.

Doch die Ratten und die Kröten

Springen fort aus Euch heraus,

Und wie wolltet Ihr sie töten?

Einst beerbt Euch Wurm und Maus!

Sprecht mir noch von Eurer Güte,

Seht den Dingen auf den Grund!

Laßt das süßliche Getüte,

Eine Maus springt aus dem Mund!

Wie, Ihr wollt das Schönste, Beste?

Glaube, daß Euch nichts gelingt,

Denn Euch bilden Lebensreste,

Die die Sonne überschminkt!

Wollt Ihr Kenntnisse erbetteln,

Wissen was Euch hier erhält?

Könnt Euch rascher nur verzetteln,

Denn was sucht und hascht, zerfällt!

Doch versteht Ihr oft, wie Spinnen

Hinter einem Hirngespinnst

Eurer Einsicht zu entrinnen,

Und nur das bringt Euch Gewinnst!

Nein, Ihr scheint mir nicht erschaffen,

Euch als Wichte anzusehn,

Trachtet Nöthiges zu erraffen,

Um noch etwas zu bestehn!

Die Natur war nicht eklektisch

Als sie Euch aus Resten schuf,

Und jetzt werdet Ihr noch hektisch,

Es gebührt Euch kein Beruf!

Orpheus, Du willst Schatten haschen,

Bist Du brünstig aufgeregt?

Mußtest früher lüstern naschen,

Nun ist alles weggefegt!

Fängt Dich Liebe an zu plagen,

Wirst Du Nachts im Bett gejuckt?

Hilft nur das: den Floh erschlagen

Und den Ärger ausgespuckt!«

Orpheus ist vielleicht in tiefen Schlaf gesunken:

Oder haben die Gespenster sich versteckt?

Wie dem sei, betrunkene Huren und Hallunken

Haben ihn nicht mehr gepeinigt und geschreckt.

Doch die Ruhepause hat nur kurz gedauert.

Schon erwacht der Dichter, traurig und verträumt.

Er entsinnt sich nicht, was ihn zuletzt durchschauert.

Hat der Schlaf die Schemen endlich weggeräumt?

Um sich her gewahrt er noch verkappte Schatten,

Doch es theilt sie schon das erste Morgenlicht.

Will der Nebelzug ein Nachtgespenst bestatten,

Weint man oder schützt man blos sein Angesicht?

Alles ist in dieser Stunde gar so fraglich,

Nur des Wandrers Weh sieht tiefer als wie je,

Aller Geister Nähe ist ihm unbehaglich

Und im Innern peinigt ihn eine Idee!

Weshalb kann er Eurediken nimmer sehen?

Träumte ihm von ihr? Ach, wüßte er den Grund!

Mußte sie in seinen Armen sacht verwehen?

Gar nichts weiß er: doch er küßte ihren Mund!

Rings um sich erblickt er nichts als Leichenzüge,

Nebel schleppen todte Nebel durch das Thal.

Ob das Schaustück sich an seine Träume füge?

Nein, denn jetzt erfuhr er keine Abschiedsqual.

Oder doch? Er kann sich wirklich nicht entsinnen,

Hat er seine Braut nicht neben sich gefühlt?

Sah er sie in seinen Armen doch zerrinnen!

Hat des Lethe Fluth sie nicht hinweggespült?

Orpheus überwältigt nun die tiefste Trauer.

Klar ist es: er sah und herzte seine Braut.

Ja, er wollte für sein Glück Gestalt und Dauer,

Weshalb hat er sich nach Ewigem umgeschaut?

Orpheus fühlt sich ganz verlassen,

Aber nirgend mehr allein:

Denn jetzt werden Wolkenmassen

Mit den Winden handgemein.

Schrecklich rauscht es in den Pappeln.

Streiten Störche um ein Nest?

Oder wiegen sich und zappeln

Lauter Leichen im Geäst?

Ringsum rüttelt jetzt die Briese

Träge Nebel aus dem Schlaf,

Und es zeigt sich auf der Wiese

Schon so manches Lamm und Schaf.

Die gehetzten Wolken drängen

Immer mehr zum nahen Tann,

Viele bleiben drüben hängen

Und verflüchtigen sodann.

Orpheus weiß nun noch genauer,

Wie vor ihm die Braut zerging,

Als sie beide eine Trauer

Und der gleiche Traum umfing.

Mit den Seelen und den Fluren

Träumen auch die Todten mit,

Und da folgt auch Orpheus Spuren

Euredikens leiser Schritt.

Ja, der Sänger hat die Schrecken

Unserer Unterwelt gesehn.

Um die Todte zu erwecken

Mußte er zu Geistern gehn.

Was nicht möglich zu ergrübeln,

Gab ihm unbewußten Muth:

Hinter kundenvollen Übeln,

Fand er sie in holder Hut!

Nicht allein ist sie vergangen:

Sie verschwand mit ihrer Schaar.

Erst verblaßten viele Wangen

Dann ihr Bild, zuletzt das Haar.

Um sie wiederum zu finden,

Will der Dichter noch einmal

Die Natur als Traum empfinden

Und er wittert in das Thal.

Doch die graue Dämmerstunde

Hat die Nebel fast zerstreut,

Und es wird ihm wenig Kunde,

Was die Schläfer reut und freut.

Nur im Walde hört er Klagen,

Hei, das knistert im Geäst:

Träume, die nach Beute jagen,

Sind der Schreckniß letzter Rest.

Ähnlich einem Vogelzuge,

Flattern Nebel öfters auf,

Doch der Wind würgt sie im Fluge,

Und sie lösen sich zu Hauf!

Auch der Schläfer Jagdbegehren

Hat sich vielfach jetzt entzäumt,

Und, um noch den Schreck zu mehren,

Wird von Hunden mitgeträumt.

Orpheus will im Wald erschauern

Und noch einmal tief erbleichen,

Denn er weiß, des Morgens lauern

Fabelwesen unter Eichen.

Wenn die todten Helden wieder

In den alten Kronen rauschen,

Kann er in dem Braus der Lieder

Seine Braut vielleicht belauschen.

Denn es singen Frauenstimmen

Heldenhymnen doch am hehrsten,

Ihre Triller schwirren, klimmen

Siegreich wo der Braus am schwersten.

Sie beflügeln die Gefühle

Ihrer Recken, wenn sie streiten:

Hört man sich im Sturmgewühle,

Doch von Frauenlauten leiten!

Orpheus bleibt nun plötzlich stehen,

Und er läßt, beim Todesritte,

Nebel still vorüberwehen,

Achtet er doch jede Sitte!

Wehmuth kann ihn auch beschleichen,

Denn von todesmüden Gäulen

Stürzen schon die ersten Leichen,

Während Windgefährten heulen.

Doch im kalten Dunkel harren

Lauter Wirbelspukgestalten,

Die des grausen Amtes walten,

Reste unters Laub zu scharren.

Solche eingerollte Bäuche

Ruhen oft schon unter Blättern,

Andre huschen in Gesträuche

Und Vereinzelte entklettern!

Orpheus wandert ohne Ziel und Richtung,

Plötzlich aber sieht er eine Lichtung,

Wo im Morgenrothe Wolkenleiber

Sich, wie rasch erwachte junge Weiber,

In bethauten Blüthenpfühlen regen,

Und das macht ihn traurig und verlegen.

Ach, was soll ihm alles Gluthgeschmeide,

Was der Glanzbesatz auf grüner Seide:

Blumenkissen, warme Purpurdecken,

Morgenflechten, seltene Mondlichtschnecken,

Alles das kann er so leicht vermissen,

Ja, er sieht es mit Gewissensbissen!

Längstvergessene Träume kommen wieder:

Woran mahnen ihn die holden Glieder

Dieser schönen wollustheißen Frauen,

Und was muß er jetzt in sich erschauen?

Oh, er weiß genau, vor langen Zeiten,

Bei Geburt der innern Jugendweiten,

Als er Euridiken kaum noch kannte

Und zur Liebe plötzlich sich ermannte,

Fühlte er in Fiebertraumgewittern

Eine Hand auf seiner Stirn erzittern.

Ach, er griff danach. Schon war es Morgen.

Eine Stunde überschlafener Sorgen.

Und er träumte wohl, doch gar lebendig!

Seine Blicke glühten wildgeständig,

Seine Hände fühlten einen Schatten,

Der sich wehrte, immer mehr ermatten,

Schließlich sich voll Anmuth ihm ergeben

Und die Liebe mit der Lust verweben!

Euridiken hielt er da umschlungen,

Dann verschwanden die Erinnerungen

Ferner Stunden unter andern Träumen.

Doch auf einmal sieht er sich in Räumen

Oder unter Bäumen, die er kannte,

Als er Euridiken an sich bannte!

Wer hat Euridikens Glanz beleidigt,

Warum graut Geträumtes auf?

Orpheus grämt sich und verteidigt

Ihre Scham beim Traumverlauf.

»Euridike, theures Wesen,«

Denkt er laut: »Sei voller Huld

Und vergieb mir was gewesen,

Oh, verzeih mir diese Schuld!

Warum hab ich nicht verdunkelt,

Was die Brunst allein gezeugt,

Oh, wie hat Dein Blick gefunkelt,

Als Du Dich zu mir gebeugt!

Doch es war das kein Erstrahlen,

Wehmuth eher noch als Lust,

Oh, mit was für tiefen Qualen,

Ruhtest Du an meiner Brust.

Tückischgrause, frühe Stunde,

Warum hast Du mich verführt,

Ach, ich gab mich einem Munde,

Der mir nimmermehr gebührt.

Flammen meiner brünstigen Küsse,

Glüht Ihr noch auf meiner Braut?

Löscht sie aus, IhrJenseitsflüsse,

Oh, wie mir vor Sünden graut.

Euridike, holdes Wesen,

Arg ist was ich da verbrach,

Deine Schönheit ist verwesen,

Keine Wallfahrt tilgt die Schmach.

Erst als Du von hier geschieden,

Wußtest Du, was ich gethan;

Doch Du schlummertest zufrieden,

Sage, sprech ich blos im Wahn?«

Jedes lebt jetzt seiner Stille.

Tiefe Ferne mahnt zu spät.

Zirpt denn nirgends eine Grille?

Alles schweigt nun zum Gebet!

Sonne, mildes Herrscherauge,

Meine Inbrunst wogt Dir zu,

Wenn ich stumm Dein Loderwollen sauge,

Überkommt mich sichere Ruh.

Sonne, Du vergiebst die Sünden,

Die man Widerwillens träumt,

Was Du wünschst, läßt Du verkünden

Und Du züchtigst, wenn man säumt!

Blos durch kühne Sonnenthaten

Kann ich Todten nützlich sein,

Denn wenn sie uns Nachts berathen,

Kann das Tagwerk nicht gedeihn.

Das Geträumte überwinden,

Ist was Wanderern gebührt.

Menschen, die zu wild empfinden,

Werden leicht zum Rausch verführt.

Eure üppigen Visionen,

Streut, beim Schreiten, ringum aus,

Was Ihr sät, das wird sich lohnen,

Selbst der Wahn verliert an Graus.

Schaffend könnt Ihr alles sagen,

Selbst wenn Ihr ein Laster lobt,

Kann das plötzlich Gutes tragen,

Denn noch nichts ist ausgeprobt.

Nur der Sonne kanns gelingen

Daß ich einst noch glücklich sei,

Wunder kann der Mensch vollbringen

Macht er sich von Schemen frei!

Weiß nicht, kann ich je das Weib vergessen,

Das ich einstens hold umschlang,

Nun, ich wirke unterdessen,

Das ist Orpheus Morgensang!

Die Fluren singen ihre frischen Sonnenlieder.

Die letzten Nebel legen sich, wie müde Kinder,

In tiefen Schluchten, ihren kühlen Pfühlen, nieder,

Und die Briefe weht stets wonniger und linder!

Auch Orpheus schöpft nun Muth zu neuen Wanderleiden

Und er vernimmt in sich ein eigenes Flügelschlagen.

Er weiß, es muß sich etwas Schweres jetzt entscheiden,

Und er beschließt, sein Werdeweh ans Meer zu tragen.

Ist es ein Lied, so mag es dort erst frei ertönen,

Sich, ungesehn, von allem Zwang und Brauch entkleiden,

Die eigene Gestalt durch Uferhuld verschönen,

Und beim Entstehn sich schon an eigenen Reizen weiden.

Es soll sich, als ein schlankes Weib, im Schaume baden,

Im Morgengold, am heitern Wellenspiel erfreuen,

Und dessen Übermuth und seine Salzkaskaden

An allzu offenen Gestaden niemals scheuen.

Am Strande aber steht bereits ein anderer Sänger,

Der zusieht, wie sich rings die Wellen überhetzen.

Zuerst hält Orpheus ihn für seinen Doppelgänger,

Denn oft schon sah er sich zugleich an vielen Plätzen.

Doch kann er sich gar bald vom andern unterscheiden,

Denn während jener heiter und alleine schreitet,

Wird er, der Dichter tiefer, unverwundener Leiden,

Von Tauben und von Rehen, wo er geht, begleitet.

Doch sieht er jetzt, es kreist auch über jenem Seher,

Ein Adler hoch und herrlich, ohne jemals zu erlahmen.

Wie stolz er stiegt! Er kommt der Erde nimmer näher

Und scheint beinah Planetenbahnen nachzuahmen.

Von seiner Seelenhöhe selbst, beim Flug, getragen,

Läßt er uns fast sein tiefes Wesensräthsel deuten,

Doch niemand wird ihn wohl nach Sein und Herkunft fragen,

Denn es genügt, was selbstverständlich ist, den Leuten.

Das Ungefüge will, daß man es sich erkläre,

Und Du erkennst an stummer Ruhe leicht das Tiefe:

Zwar zischelt und verräth sich uns die Wuth der Meere,

Doch thuts der Sturm, und nicht die See, die lieber schliefe!

So wird auch Orpheus jetzt vom Andern angesprochen,

Wer weiß, ob seinem Wesen stark darnach verlangte,

Wahrscheinlich ist, daß ihm in langen Trauerwochen

Nach einem Wort aus fremdem Munde bangte.

Der Fremde spricht: »Allmächtig ist des Menschen Freude,

Und blos an ihr kannst Du die eigene Höhe messen,

Drum bleibe unbedacht, frohlocke und vergeude

Das innere Glück, das wir ureinzig nie vergessen.

Die Erde ist ein schönes Weib mit vollen Brüsten

Und unerschöpflich reich an Kraft und holden Reizen,

Und ihre Nacktheit kann nur Lüstlinge entrüsten,

Die ihr Vergnügen stets mit Sittsamkeiten beizen.

Das sind die Wächter alter Staaten, die zerfallen,

Die statt des Glückes nur ihr Greisenthum beschützen,

Und stets von Nächstenliebe und Gesellschaft lallen,

Als müßte jeder sich auf eine Krücke stützen.

Es zwingt Euch überhaupt ein häßliches Verhängniß!

So wie Ihr Euch über Gesetzlichkeit belehrtet,

Ward Euch die Welt zu einem gottlosen Gefängniß,

In dem Ihr Euch als Kerkermeister selbst verehrtet.

Ihr trachtet nun in kluggefügte Weltgebäude

Und Zahlenkreise, was sich widerspricht, zu pressen.

Doch sage ich: Gedanken habt ihr Euch zur Freude

Und nicht, um eitle Möglichkeiten zu ermessen.

Ich hasse Euch, als ein Geschlecht voll Weiberweichheit,

Und überdies zeugt Eure Lebensweisheit Schwächung,

Der Heldensinn versinkt allmählich in der Gleichheit,

Und Niemand mehr fühlt Lust an Wort und Werthzerbrechung.

Ich war von Anfang an der Menschen Kraftverkünder,

Und jetzt bin ich die stärkste Widerspruchssynthese,

Ich liebe Eure nordlichtüberstrahlten Länder

Und hoffe, daß der Mensch durch seine Lust genese!«

Es blickt nun der Fremdling empor zu den Bergen,

Die Wolken, wie Raubvögel, furchtbar umwittern,

Zu Schluchten, wo Dunsteulen scheu sich verbergen

Und schon vor Gewittern des Tages erzittern.

Dann sieht er zum Meere, das riesige Fäuste,

Die Blitze verkrallen, zum Himmel emporballt,

Dann schweigt er und sammelt die tiefste Gewalt

Als früge er sich, ob kein Zauber ihn täuschte.

Nun ruft er, was längst seine Seele vernommen:

»Höre denn Mensch, Pan ist erwacht!«

Dann sagt er, was nach und nach heimlich erglommen

Und was ihm unendliche Freude gemacht.

Er spricht zu den Felsen, er ruft es den Fluren,

Er sagt es der Sonne, die räthselhaft lacht,

Er meldet es Fluchen, die längst es erfuhren:

»Höre, oh Mensch, Pan ist erwacht

Die Erde verschlang zwar dereinst ihre Wildniß,

Doch steigt deren lebendes, herrliches Bildniß

Stets auf, aus den Tiefen der menschlichen Nacht.

Höre, oh Mensch, Pan ist erwacht!

Oh Dyonis, feurige, schäumende Seele,

Im Stein, unterm Wasser, auf Träumen der Flur,

Verkünde uns nun Deine Freiheitsbefehle,

Es jauchzt und es grünt Deine Frühlingsnatur!

Du herrliches Kind der gesetzlosen Weite,

Zersetze der Mächte gefügige Reih,

Durchschwärme der Welt urgeschlechtliches Ei,

Oh komme, Du Gott, der uns oft schon befreite!

Erscheine im glühenden Schweif der Kometen,

Doch tauch nicht empor als Zerbrecher der Form,

Entsteh unerklärlich, nach göttlicher Norm,

Und beuge den Starrsinn von Sonnenpropheten!

Entreiße den Menschen der Ursprungsbestimmung

Und setze das Glück für die Vorsehung ein:

Dich selbst schafft der Zufall stets wieder allein,

Drum freuen Dich Siege und trotzige Ergrimmung,

Durch Dich blos gelangt holder Leichtsinn zur Macht,

Oh höre drum Mensch, Pan ist erwacht!

Ich glaube an keine verderbliche Einheit,

Ich hasse die ewig sich gleichende Kraft,

Ich weiß, daß die Regel am Ende erschlafft,

Ich mag nicht des Wissens umzirkelte Kleinheit,

Ich setze mir Jupiter ganz auf den Thron

Und lebe sein Wesen, der Sitte zum Hohn,

Ich glaube an Rache, an Willkür und Macht,

Höre drum Mensch, Pan ist erwacht!

Voll Widerspruch herrschen jetzt Götter und Helden,

Da Leben allein durch die Zwietracht entsteht

Und nur durch die Stürme der Nebel verweht!

So komme denn, Hermes, Du sollst es uns melden,

Wenn Jupiter wieder von schneeigen Spitzen

Herabsteigt, wo Nymphen mit tollen Tritonen

In Grotten und heimlichen Schlupfwinkeln wohnen

Und neckisch die mahnende Gottheit bespritzen.

Schon hascht sich dort Jupiter eine der Nymphen!

Schon tragt er die Zappelnde rasch in den Wald,

Doch macht seine Allgewalt urplötzlich Halt,

Die Nymphe entwischt ihm, er sucht in den Sümpfen.

Er findet sie nickt, was wird sich erleben?

Er wüthet: oh hört, wie die Berge erbeben!

Es fühlen die Felsen des Jupiters Wuth,

Die Heerden, die lange in Schluchten geruht,

Die Hütten, die ringsum auf Abhängen kleben,

Verschüttet des Weltherrschers plötzliche Laune,

Denn niemand bemerkte die Rufe der Faune,

Die unheimlich tief in der Wildniß gelacht:

Höre drum Mensch, Pan ist erwacht!

Nun rühren sich manche verkrümmte Giganten,

Denn Jupiters Wuth hat sie plötzlich geweckt,

Sie rütteln dabei an den Andern mit Kanten,

Doch bleiben die Meisten auch weiter verreckt.

Schon hoffen die Wachen auf Sieg und auf Rache,

Sie recken sich auf und gewaltiges Gekrache

Verräth die Empörung der lauernden Riesen,

Die Zeus vom Olymp in die Tiefe gewiesen.

Es klimmen so manche aus Grimm und voll Eifer,

Die Höhen, wo Zeus sich verschanzte, hinan,

Sie schnauben beim Ansturme blutigen Geifer,

Und plötzlich verdunkelt sich Helios Gespann.

Die Erde kann allerhand Mächte entladen,

Im Meer, wo der Zug wilder Riesen verschnob,

Erwachen auf einmal die Kraterzykladen

Und mancher erblindeter Inselzyklop

Erschaut seiner Feinde zerbröckelnde Macht:

Höre drum Mensch, Pan ist erwacht!

Von Schäfchen, den winzigsten Wolken gezogen,

Kommt Juno, die eben ihr Gatte betrogen,

Von Weitem herbei, ihre Schande zu rächen:

Die Wolken, die sonst gutes Wetter versprechen,

Beginnen sich plötzlich zu Haufen zu sammeln,

Um Zeus den beschneiten Olymp zu verrammeln.

Erschreckt sieht die Göttin das Unheil, das eben

Ihr Gatte, im Zorne, dort unten bereitet,

Sie fühlt noch die Erde entsetzlich erbeben,

Und merkt, wie ein Riese die Thäler durchschreitet.

Sie ist schon mit schrecklichen Zweifeln genaht,

Nun sinnt sie auf Rache für Trug und Verrath,

Sie selber verhüllt sich aus Ärger und Scham,

Sie fühlt es, zu lange verhielt sie den Gram.

Die Dünste der sterbenden Riesen verpfauchen,

Und Juno beschließt sie, beim Bau einer Mauer

Zum Schutz ihrer Trauer, vor Zeus, zu gebrauchen.

Doch Jupiter hat diesen Anschlag gewittert:

Schon sprengt er mit Blitzen den wuchtigen Wall,

Und Wolken, wie Linnen, vom Sturme zerknittert,

Entwuchten dem Luftbau und donnern beim Fall.

Dabei aber werden die Riesen zertreten,

Die Nebel verschwinden, vom Winde zerstreut,

Die Wolken jedoch, die den Öta umwehten,

Umstarren die Urkraft, die Ruhe gebeut.

Nun haben die letzten Giganten verschnauft,

Die Stürme läßt Jupiter hurtig entwischen,

Sich selbst aber zeigt er als riesiges Haupt,

Das Blitze, wie Adern im Zorne, durchzischen.

Die Herrschaft der Stolzen ist wiedergekommen,

Die Macht der Olympier ist herrlich erglommen,

Sie zeigt ihre heitre und sonnige Pracht:

Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht!

Es hat unsere Seele die Freiheit errungen,

Sie lebt ohne Zweifel und sucht keinen Zweck,

Es hält uns kein Wahnwitz mehr grausam umschlungen,

Der Spuk hat für uns keinen weiteren Schreck.

Es sind unsere Götter vergnügt und zufrieden,

Sie spenden wie Sterne ihr blühendes Sein,

Wir alle entfalten uns frei und verschieden,

Und können uns allerhand Gottheiten weihn.

Die Eigenart schaffe allein die Belebung:

Die Sondergestalt, die sich selber bewacht,

Behauptet ihr Dasein in dumpfer Umgebung:

Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht.

Der Wahnwitz der Gleichheit, in der man verschwindet,

Ward einzig von Feinden des Lebens erdacht,

Das Ich ist die Kraft, die den Tod überwindet:

Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht!«

Nachdem jener Mann diese Worte gesprochen,

Erblickt erst der Dichter sein Marmorgesicht,

Sein Herz aber fängt dabei wild an zu pochen

Und mahnt ihn an Abschied und Freundschaftverzicht.

Doch findet jetzt Keiner die richtigen Worte,

Für das was sein eigenes Inneres beschleicht,

Es wünscht sich der Fremde weit fort von dem Orte,

Da denkt Orpheus: Sprich nicht und mach es Dir leicht!

Schon wandelt er einsam hinüber zur Küste,

Dann blickt er zum Manne, der Felsen erklimmt,

Und ruft noch: »Verweile beim Meer, seine Brüste

Versprühen die Lust, die das Land übernimmt!«

Es hat noch der Wandrer die Worte vernommen,

Dort steht er und blickt auf das Wunder der See,

Es hat ihn, wie Heimweh zum Meer, überkommen

Und nun überschaut er die eigene Idee.

Er rastet versunken, auf felsigem Hange,

Doch ruft er dann plötzlich zu Orpheus hinab:

»Die Weite, nach der ich voll Inbrunst verlange,

Beherrscht meine Seele von zeitlosem Kap.

Es schlummern in mir stille Mittagsgefilde,

Es hat sie die wirkliche Sonne betäubt,

Doch lauert in uns auch das Grausame, Wilde,

Das wortlos und weiblich urewig sich sträubt.

Poseidon entrunzelt die funkelnde Stirne,

Es scheinen die Meere zum Frieden gewillt,

In mir aber glühen die Schicksalgestirne

Und nimmermehr wird ihre Sturmlust gestillt!

Es sieht meine Seele beflügelte Schimmel –

Sonst wird ihrer niemand am Meere gewahr,

Doch ich merke ringsum ihr wildes Gewimmelt

Und immer noch wächst diese witternde Schaar.

Sie dursten und schlürfen die ruhenden Fluthen:

Neptun, welche Würde und Wuth Du vermengst,

Von überall drängen sich lechzende Stuten,

Und jäh überragt sie ein brünstiger Hengst.

Schon werden die glühenden Dünen erklommen,

Dabei wird den Rossen die Nahrung verkürzt,

Doch immer noch kommt wo ein Rudel geschwommen,

Der wild sich auf allerhand Strandtümpel stürzt.

Gar hurtig vertrocknen die salzigen Pfützen,

Und wiederum pfauchen die Pferde heran:

Wo soll sich das nächtliche Wolkenvolk schützen?

Es folgt ihm doch überall Helios Gespann!

Ach Orpheus, du siehst noch den Frieden sich weiten,

Du fühlst wohl des Tages gigantischen Bau,

Und ich weiß, wie Gluthen Gewitter bereiten,

Und Spuk überrascht mich, was immer ich schau!

Ich sehe jetzt Pferdgeister Schwimmhäute spreizen,

Es rüsten sich Stierschemen eben zum Flug,

Es will die Natur an Versuchen nicht geizen,

Denn ringsum entwickelt sich irgend ein Zug.

Es können sich allerhand Thiere entpuppen,

Es werden Begriffe in Fesseln geengt,

Die flüggen Gedanken umlauern die Kuppen

Und andre verstummen, in Mulden versenkt.

Es stiegen schon Katzen mit winzigen Köpfen,

Sie langen die eine der Pfoten voraus,

Ein anderer Schwarm von bizarren Geschöpfen

Bereitet im Katzenzug Schrecken und Graus.

Ich hasse die Fratzen und Nebelgesichter

Und liebe des Blitzes zermalmenden Schlag,

Wenn plötzlich das bleiche und feige Gelichter

Dort oben sich kaum mehr zu bergen vermag.

Ich warte darauf! Bald donnert es wuchtig.

Bald blitzt es und gießt es mit Schaudergewalt.

Die Berge dort oben sind kluftig und schluchtig,

Schon hör ich, wie drinnen das Echo erschallt!«

Der Mann hat noch gar nicht zu Ende gesprochen

Und folgt schon behende dem sehenden Geist

Und unter ihm schwinden die Blöcke wie Stufen,

Er weiß, daß ein Traum ihn ins Freiheitsland weist.

Schon ahnt er Geschlechter machtheischender Ringer:

Er haßt die Ergebung und jeden Verbleib,

Er sieht sieben kommende Menschenbezwinger,

Er steigt und er fühlt nicht den eigenen Leib!

Der Mittag strahlt in krystallener Klarheit,

Und Orpheus erbaut einen Sonnenaltar,

Dabei aber spricht er von Weisheit und Wahrheit,

Und aufmerksam lauscht eine friedliche Schaar.

Man wußte schon lange vom sanften Erzähler,

Vom Sänger der Milde und Huld in der Welt,

Und so hat das Volk vieler einsamer Thäler

Sich furchtlos zum freundlichen Richter gesellt.

Es bittet: »Oh gieb uns von Allerhand Kunde,

Oh sprich, sind uns Gottheiten huldvoll gesinnt,

Was ist die Geburt, was die Todeskampfstunde?

Oh sag, wer die Menschengeschicke verspinnt!«

Da lächelt der Dichter und fragt seine Hirten:

»Erzählt, warum ließt Ihr die Frauen zu Haus?

Oh, bringt sie herbei und bekränzt sie mit Myrthen

Und singt dann und windet dabei einen Strauß.

Ich bringe, um Götter mit uns zu versöhnen,

Am Sonnenaltare ein Brandopfer dar,

Doch Ihr trachtet alle das Fest zu verschönen

Und holt dann der Bräute vergnügliche Schaar.

Oh, seht dieses Gleichniß, und hört wie ichs deute,

Und habt Ihrs erfaßt, so empfangt meinen Dank:

So rein wie die Flamme ist, seien die Bräute,

Und Götter erfreue ihr aufrechter Gang.

Drum brauch ich, um Liebe und Licht zu verkünden,

Das Lächeln von Mädchen um meinen Altar,

Bevor sie die Heerdfeuer mündig entzünden,

Verneige sich hier jedes künftige Paar.

Oh bringt sie, in Farben des Lenzes gekleidet,

Aus Thälern, von Höhen, zum Lichtfeste mit!

Es hole sich jeder ein Weib, das noch weidet,

So weilt doch nicht länger, beflügelt den Schritt!

Es mögen bald allerhand Lieder erklingen,

Vereint Eure Bräute in buntem Gewand,

Und werdet Ihr dann einen Festreigen schlingen,

So jubelt, wie ringsum das blühende Land.

Erscheint, wenn Ihr heirathet, stets in Geschmeiden

Und tragt ein gefaltetes duftiges Kleid,

Doch sollen die Jungfrauen Schmuckstücke meiden,

Und einfach und weiß sei der Bräute Geleit.

Dann singt was Ihr heimlich im Walde gedichtet,

Es gleichen die Lieder, die Liebe gestehn,

Geschliffenen Steinen, die, wirksam geschichtet,

Den Gürtel der Frau, die Ihr heimführt, besän.

Doch werden die Todten zu Grabe getragen,

So singe ein dunkelgekleideter Schwarm,

Mit Harfenbegleitung, die schaurigen Sagen

Von Helden und Frauen in Trauer und Harm.

Man spiele und singe, solange man schreitet,

Und stehe dann stumm vor dem offenen Grab:

Und werden von Seufzern die Winde begleitet,

So sinke die Leiche dann langsam hinab.«

Der Dichter hat kaum diese Worte gesprochen

Und knickt schon zusammen; er weiß es bestimmt,

Er kann nicht mehr hoffen, er bleibt ganz gebrochen,

Er fühlt wie sein Leben schon langsam verglimmt.

Nun schleichen die Hirten hinweg vom Altare,

Es hat sie auf einmal ein Schaudern erfaßt,

Sie möchten, daß Orpheus sie nimmer gewahre,

Und lassen ihn einsam in seliger Rast!

Nun ziehen sie schon durch die heißen Gelände

Und reden von Opfern und häuslichem Glück,

Sie denken, sie kämen mit reichlicher Spende,

Zu Orpheus, von Bräuten begleitet, zurück.

Ein Jüngling jedoch ist von ihnen gewichen,

Er fühlt in sich selber ein eigenes Lied,

Er ist in die Nähe von Orpheus geschlichen

Und harrt dort geheim, was nun weiter geschieht.

Er fürchtet beinahe, es sei ungebührlich,

Dem seltsamen Wandrer mit Fragen zu nahn;

Den Anfang zu machen, sogar unausführlich,

Er grübelt und schweigt ohne Absicht und Plan.

So sieht er denn schweigsam ins knisternde Feuer

Und träumt mit dem Rauch, der sich ringsum verzweigt,

Er hält fein Beginnen für ganz ungeheuer,

Und ist fast zu plötzlichem Aufbruch geneigt.

Doch Orpheus empfindet dadurch seine Nähe

Und sieht ihm ins Auge und winkt ihn herbei,

Dann grüßt er ihn freundlich und sagt ihm: »Gestehe,

Mein Sohn, Deinen Schmerz und sei offen und frei!«

Da fängt denn der Jüngling an, langsam zu stammeln:

»Ich kenne kein eigenes, quälendes Leid,

Doch sag mir, wie kommts, daß sich Vögel versammeln,

Bevor es, dort oben, im Hochgebirg schneit?

Wer macht es, daß Hunde die Menschen bewachen?

Sie sehen doch fast wie die Raubthiere aus,

Die Augen allein können träumen und lachen,

Und stirbt uns ein Hund, trauert jedes zu Haus.

Oh sage, warum sich die Thiere so hassen,

Weshalb sie, im Frühling zu Paaren vereint,

Dann gleich ihre größeren Jungen verlassen,

Und weshalb kein Thier seine Eltern beweint!

Oft schein ich mir selber den Bestien zu gleichen,

Dann wiederum kann ich sie gar nicht verstehn,

Ich freue mich, wenn sie ihr Weibchen umschleichen,

Und ärgere mich, sie dann lieblos zu sehn.

Ich bin im Gebirge nicht gerne alleine,

Ich hab eine Braut unten ferne im Thal,

Bei ihr aber zieht michs zu anderm Vereine,

Und denk Dir, so ging mir es einige Mal!«

Es denkt nun Orpheus lange nach, ohne zu sprechen,

Doch endlich sagt er zu sich selbst und in den Wald,

Und auch der Jüngling hört es: »Ein Verbrechen

Am Schweigen der Natur hat einst die Welt durchgellt.

Das Blenden der Lichter, das Kreischen der Töne,

Wird jetzt wieder milder und naht seinem Tod,

Doch arg ist noch immer das Wesengestöhne,

Und Blut ist das Leben, wildstammendes Roth!«

»Die Sonne hat uns ans Licht gezogen,

– Der Geist ist längst dem Erdenbann entflogen, –

Doch wüthet in uns selbst die Sonn und Erdenfehde,

Der Friede aber bleibt nur eine leere Rede.

Es muß der Seelenabgrund immer größer klaffen

Und stete Brunnentiefen in den Menschen schaffen,

Wir sehn hinein, um wo auf einen Grund zu kommen,

Doch nichts als unser Spiegelbild kann uns erscheinen.

Weil niemand es versteht, bewirft man es mit Steinen,

Und was wir plötzlich drinnen sehn ist zwar verschwommen,

Doch können unsere eigenen Fratzen uns erfreuen,

Und Lacher brauchen sich nicht mehr vor sich zu scheuen!

Die Erde ist ein Grab, in dem wir einst versinken,

Doch die Vernichtung überlebt ein Sonnenkern,

Und wenn dereinst, (der Tag ist ungeahnt und fern)

Die Wesen in der Todeshochfluth auch ertrinken,

So wird das Tiefste seinen eigenen Fall verwinden,

Und wunderbar und unberührt,

Durch Sonnenfügung, durch den Tod geführt,

Die Erde dauernd mit dem Sonnenlicht verbinden.

Es gilt, im Sonnenflug, die Sonne zu erreichen,

Doch unsere Flügel dürfen sich nicht lange gleichen,

Denn immer höher müssen wir zum Lichte steigen

Und Schwingen sind die Tugenden, die uns zu eigen.

Wer weiß, welche Gedanken sich von uns erhalten?

Was dauert überhaupt? Die ichbewußten Seelen?

Gar plötzlich kann das Sonnenmündige erkalten,

Und was wir kaum beachten sich unendlich stählen.

Ich mag das Leben wohl als Sonnenfeld verheißen.

Doch fühle ich dabei verschiedene Feuer wüthen,

Die Erde trachtet, alles fest an sich zu reißen,

Die Sonne aber immer anderes auszubrüten!

So windet sich, was wird, gar wunderbar zum Lichte,

Stets neue Räthsel recken andere Schlangenköpfe

Bei diesem Schauspiel auf, und Graun packt da die Wichte.

Was groß ist, wird zum Teufel unserer dumpfen Tröpfe.

Verstand, Vernunft, die nur die Lebenslist bedienen

Und trachten, stets in andere Formen einzuschleichen,

Beginnen schon in uns, wie Schatten zu verbleichen,

Ja sie vergehen bald, sind sie doch spät erschienen. –

Die Kraft, zu hungern, will ich höher schätzen,

Denn nur, wenn wir die Lichtaskese nicht verletzen,

Vermag die Sonne unser Wesen zu erhalten,

Und deshalb siegen Völker, die sich streng verwalten!

Blos die Geschlechter, die sich ihrer Zucht besinnen,

Vermögen es, auch Lebensrechte zu gewinnen.

Die Priester, die in sich ein Lichtgesetz erwühlen

Und alle Sünden ihres eigenen Volkes fühlen,

Beschützen ihre Heimath besser als die Helden,

Von denen Schlachtgesang und Sage melden.

Bestimmt ist es, daß Einige sich am Glück berauschen,

Doch will die Sonne ihre Lieblinge vertauschen,

Sie mag begnadete Geschlechter oft zertreten

Und sich sogar ganz andere Daseinsformen kneten.

Ihr Antlitz wird das Kommende allein bestimmen,

Denn ihrem ewigen Wechsel muß sich alles fügen.

Was eben jubelt, das kann rasch, verdammt, ergrimmen;

Doch gilt auch dieses nur in großen, groben Zügen,

Denn die Beweglichkeit, die Menschen stets gestaltet,

Der Sonnenflug, der unserm Wesen eingewoben,

Erhalten uns noch dauernd, erdentrückt, erhoben:

Es schaltet eine Macht in uns, die nie sich spaltet!«

»Ach Orpheus, schrecklich dünkt mich, was Du da erschautest,

Das ist ein Dunkelschlund mit grellen Felsprofilen!

Wie kommt es, sprich, daß Du beim Schauen nicht ergrautest,

Da giftige Tropfen doch in Deine Seele fielen?!«

Beginnt der Jüngling, Orpheus in das Wort zu fallen,

Denn er begriff der Rede Sinn und muß erschaudern;

Er sah die Lebenstrauer aus den Thalern wallen

Und scheint auch jetzt mit seinen Fragen noch zu zaudern.

Doch endlich fahrt er fort: »Kaum hab ich Dich verstanden

Doch ist in mir ein bleiches Angstgefühl geblieben,

Was Du da sagtest, sprich, hast Du es je gestanden?

Ich glaube fast, Du hättest Jedermann vertrieben;

Du hast doch früher auch schon Wahrheiten gesprochen

Und täuschst mich jetzt, um meine Sehnsucht zu erproben.

Als ich heranschlich, fing mein Herz schon an zu pochen!

Doch halt ich aus, und schließlich wirst Du mich beloben;

Doch nein, erschließe alle Leiden Deiner Seele,

Es ruht ein Theil von Deinem Schmerz in Deinem Wesen,

Ja, schrei, was Dich zerfleischt, aus freier Kehle,

Und nenn uns unsere Sünde, laß daß wir genesen,

Die Welt, die Du vor meinem Sinnen furchtbar bautest,

Ist urgewaltig und mag schließlich wahr erscheinen.

Doch sprich von allem was Du unter Dir erschautest,

Denn etwas kann die Schrecklichkeit der Welt verneinen!

Ein Ding durchkreuzt vielleicht in unserer eigenen Seele

Des Sonnendaseins unerbittliche Befehle.

Ach Orpheus, merkst Du es, ich spreche in Ekstase,

Noch nie entschlüpfte mir ein Satz so glatt und eilig,

Gedanken überhetzen sich, – ich glaub, ich rase, –

Mein Wesen hascht etwas, das wirklich ist und heilig,

Ich seh es anders und vermesse mich, zu richten,

Es kann die Liebe unsern Haß und Neid bezwingen.

Der Hunger lehrt uns wahrlich nicht verzichten,

Und Überflüsse lassen uns den Reigen schwingen.

Das Thier bereits hat Sinn für seine Bruch und Gattung,

Und nirgends zeigt der Mensch darin eine Verarmung,

Ein Schwelgen ist der Glaube, nicht eine Ermattung,

Des Menschen Seele öffnet sich zur Weltumarmung!«

Nun schweigt der Jüngling und er zittert vor Bewegung,

Und schluchzt danach in Orpheus Armen voller Rührung,

Der Dichter doch, erfreut durch seine Überlegung,

Erzählt ihm nun von unserer Erde Freudenschürung:

»Eingeklemmt von dieser starren Erdenkruste,

Sträubt sich noch ein sonnengleicher Erdenkern,

Und vernehmt Ihr unter Euch sein Wuthgepuste,

Ahnt Ihr, daß ein Bergerbeben nimmer fern!

Doch das ist ein Trachten nur, sich anzupassen,

Denn das Flüßige schmiegt sich an die Felsenwand,

Um vergeistigt seine Freiheit zu verprassen,

Und das ist des Erdenlebens Unterpfand.

Ja, ein Feuer steigt durch alle Erdenkinder:

In uns selber klafft ein tiefer Gluthenschlund:

Unsere Flamme macht die Daseinsangst gelinder,

Schließt das All, in Seelen, doch den Liebesbund!

Hoch im Norden ist der Erdball stiller, flacher

Und sein Inneres näher seinem Sonnenziel,

Deshalb aber zeugt des Welttags Machtentfacher

Dort ein Dasein mit verändertem Profil.

Doch der Erdenpanzer ist am pole dicker

Und dadurch das allerfeinste Feuersieb.

Hoch im Norden sieht der Mensch als Gluthgesicker,

Was bei uns ein Ahnen ist, ein Sehnsuchtstrieb.

Ja, ein Feuerbund durchglüht die Sonnenwesen:

Denn der Erde Sehnsucht, die zum Lichte glimmt,

Hilft den Menschen, die der Tag sich auserlesen,

Da das Innenlicht zu Feuerkreisen stimmt.

Ja, ein Erdwunsch trachtet Freiheit zu erreichen

Und durchschlängelt urverschieden jedes Sein,

Ähnlich stets, doch nirgends gleich, kann er entweichen

Und so prägt er Jedem seinen Rhythmus ein.

Horcht, als Glück durchschauert uns ein inneres Feuer,

Das im Menschen ewige Sternenliebe ahnt,

Und das Thun von uns wird stets zum Lustverstreuer,

Wenn es Freiheitsflammen Sonnenwege bahnt.«

Nun ergreift der Sänger seine holde Leier

Und begleitet heiter seinen Sonnensang.

Wenig nur versteht der Jüngling, aber Schleier,

Bilderflore, weckt in ihm der goldene Klang.

Es tönt: »Das ist das Lied der großen Liebe,

Die in den Seelen ewig aufersteht:

Denn alle Wesen sind die Sehnsuchtssiebe

Des Feuerwunsches, der die Flur besät.

Aus allen Blüthen lachen Erdengluthen,

Die sich den Weg zum Sonnenlicht gebahnt,

Doch ihre Lust am Licht muß rasch verbluten,

Da bald die Frucht ans Erdensein gemahnt.

Es keimt die Scham beinah in unsern Thieren,

Wo sich das Männchen seine Brut bewacht,

Die Lust zeugt nur der Drang, sich zu verlieren,

Wenn er, am freien Licht, in uns erwacht.

Drum mögen Wesen sich auch treu bewachen,

In denen Liebe frei zum Lichte lacht,

Die Weltenliebe kann erst spät erwachen,

Hat sich in uns ein Wunder hold vollbracht.

Sie muß den Weg durch alle Wesen finden,

Auf großem Umweg einen, was sich gleicht,

Die Schroffheit der Gefühle überwinden,

Bis ein Karakter zum Gemüth erweicht.

Der Vogellieder helle Freudenkette

Erzittert noch als letzter Erdensaum,

Und durch gekreuzter Rhythmen Schlangenglätte

Entschwirren Menschensprachen in den Raum.

Hört, unsere Worte sind der Freiheitssamen,

Den sich der Wind in alle Welt verweht,

Die Lust am Mutterlaut kann nie erlahmen,

Denn der ist dauernd fruchtbar, wenn beredt.

Noch stärker greif ich in die straffen Saiten,

Noch höher klingt mein heiteres Sonnenlied,

Die Töne, die das Wort hinangeleiten,

Sind Sonnenlust, die sich im Schmerz errieth.

Wenn Feuerwogen aus dem Sänger steigen,

Wird nur sein tiefster Rhythmus angeregt,

Er selber wird betäubt durch innere Reigen,

Daß ihm der Rausch den Mutterlaut verschlägt.

Doch können sich dann Stimmen voll ergießen:

Er lauscht der ganzen Seele Tongewalt,

Es will kein Baum da kurz den Tag genießen,

Es donnert dann ein ganzer Samenwald.

Die Erde sprüht die Funken ihrer Liebe

Ganz frei und voll hinaus ins ewige All,

Und festigt sich ihr inneres Felsgeschiebe,

So kräftigt sich ihr goldener Flammenschwall.

Der Feuersamen aller Nachtplaneten

Durchschwängert den chaotischdunklen Raum,

Und wenn sich Flammen fern zu Schollen kneten,

Verträumt die Welt den gleichen Liebestraum.

In jedem Samen schöpft ein Gott sich Reiche,

Um seine Liebe heilig zu erschaun,

Und Grundverschiedenes scheint das Ewiggleiche

Zu stürzen, um sich wieder aufzubaun!«

Wie nun der Leier Saiten sanft verstummen,

Bedenkt der Sänger erst was er da sprach,

Sein Wunsch folgt noch den Tönen, die versummen,

Er träumt beinah dem holden Liede nach.

Kein Jüngling, Niemand wagt es, ihn zu stören.

Doch kommt nun mancher Hirt mit seiner Braut.

Sie konnten Orpheus weither singen hören

Und haben hinter Büschen zugeschaut.

Nach alter Sitte bringt man fette Stiere

Und bittet: »Opfre sie am Sonnaltar,

Denn das sind unsere allerschönsten Thiere,

Doch bringen wir sie Göttern gerne dar!«

Das Mißverständniß ärgert zwar den Dichter,

Doch ist er mild und sagt was er gemeint.

Dazu erblickt er feindliche Gesichter,

Da ferne ein Mänadentroß erscheint.

Fürwahr, noch nie war Orpheus so versöhnlich,

Es freut ihn fast die Absicht dieser Schaar,

Er tritt zu allen hin und dankt persönlich

Für das, was aller guter Wille war.

Dann schürt er rasch das Feuer am Altare

Und spricht: »Nun ist es bald mit mir vorbei,

Drum sucht, daß jeder, was er faßt, bewahre,

Vielleicht ist das mein letzter Seelenschrei!«

Orpheus Blicke schweifen in die Weite,

Feinde sieht er, doch er scheut sie nicht,

Hirten, weiß er, sind sein Schutzgeleite,

Und er singt, denn singen ist ihm Pflicht:

»Flammen fühl ich durch die Seele schlagen

Matte Schatten hascht des Grüblers Geist,

Tracht ich sie im Zwielicht fortzutragen,

Faß ich sie in Formeln eingeeist.

Ja, von jener Liebe will ich sprechen,

Die des Daseins Harten übertrumpft,

Aus den Felsen seh ich Leben brechen,

Alle Kanten werden abgestumpft.

Durch die Menschheit, die sich haßt und peinigt,

Glimme prustend Eure Erdengluth!

Schüret was die Seele heilt und reinigt,

Trefft die Lust, die sich im Tand verthut!

Purpurgluth, die unser Wesen schwängert,

Die vom Erdenkerne sonnwärts drängt,

Hilf am Lichtweg, der sich stets verlängert,

Freu uns, Macht, die alle Durstigen tränkt.

Milde glimmt die ewige Liebeskette

Aus der Erde in den Geist hinein,

Heiligt jeder Ehe Lagerstätte,

Segnet selbst ein Sündersein!

Ja, wir können wirklich furchtlos lieben,

Wenn wir Frieden in uns selber sehn,

Wo ein Funke scheu und treu geblieben,

Kann ein Lichtgeschlecht noch auferstehn.

Eine Macht, die will, daß man sich stähle,

Und die Gegensätze stets verschärft,

Wispelt leicht vernehmbar in der Seele:

Seht wie Ihr den Gegner niederwerft!

Doch der Geist, der weiß, daß er in Jedem

Aus der Heimath ewiger Liebe kam,

Mahnt uns sanft: Ihr sollt Euch nicht befehden,

Werdet reich an Taggewalt und Scham!

Willst den Menschen Du aus Sonnenkreisen,

Wo sein Wesensflug ihn hingesetzt,

Oder aus den reinen Taggeleisen

Niederziehn, so ist er tief entsetzt!

Hilfreich rollt ihm Feuer durch die Adern,

Und von Skrupeln rasch und fest gepackt,

Schwankt er und beginnt mit sich zu hadern,

Denn die Seele sucht den alten Takt.

Wirke, mystischgute Gluth der Erde,

Feuer, das die Seele mir erklärt,

Feige Dich in dieser holden Heerde

Als ein Friede, den sie nie versehrt.

Du entstiegst im Lande der Hebräer

Ganz allein vor Moses Angesicht,

Heute aber sehn Hyperboräer,

Jede Nacht, Dein blutigrothes Licht.

Gott verheißt Du mit Gerichtsposaunen,

Denn Du zeugst und Du bezeugst ihn stets:

Als der Zweifel Zweifelnder, die staunen,

Hast Du noch die Kraft eines Gebets!

Nordlicht, goldgewordene Glücksverheißung,

Feuerblume, Samenüberschwang,

Sichtbar tiefe Sonn und Erdverschweißung,

Wahre unsern heiligen Sonnendrang.

Warnend und verkündend sollst Du leuchten,

Heute sehn wir Dich als kaltes Licht,

Doch wo Völker je sich wild verscheuchten,

Warst Du schon der Rassen Zuversicht.

Ja, wir können Dich nun ganz erkennen,

Feuer, das sich um die Pole wellt,

Händen gleichst Du, die sich nimmer trennen,

Und auf Deinem Sieg beruht die Welt.

Lichtgewordene, freie Lebensthürme,

Fromme Sehnsucht, heiliger Eichentrotz,

Goldzelt über wimmerndem Gewürme,

Hoffnungsfieber im erstarrten Klotz,

Nord und Südlicht, großes Himmelswunder,

Gieb den Völkern, gieb den Menschen Muth,

Bleibt auf Erden nichts als Asche, Zunder,

Glühst noch Du, oh Du Erlösungsgluth.

Hramonie an sich ist schon der Same,

Der sich ewig in das Chaos schwingt,

Doch beständig ändert sich der Name

Jeder Gluth, die unsere Zucht bedingt.

Alle Völker, hier am Erdenrunde,

Stimmt bereits ein inneres Fühlen mild,

Und entflammt vom gleichen Feuersbunde,

Werden wir zum Selbstverzicht gewillt.

Unsere Erde schwängert rings den Äther

Mit dem Samen, den sie hold entschnellt:

Später, irgendwo und wann, ersteht er

Dann, als eine andere Mutterwelt.

Unsere starken Thaten übergeben

Erdenwünsche an den Raum,

Sternenstrahlen weben unser Leben,

Und wir danken ihnen durch den Traum.

Immer tiefere Gluth wird uns durchstießen,

Denn im Menschen wird die Liebe frei:

Doch wo Wesen kaum ihr Glück genießen,

Strömt die Liebe sichtbar schon herbei.

In der Höhe, wo die Menschensinne

Fassen können was sie einst umgraut,

Sehen wir den Ring der Weltenminne,

Wie er sich zur Krone überbaut.

Langsam kann sich diese Gluth verändern,

Alles wird ein flammendes Gedicht,

Denn es flackern selbst aus Tropenländern

Noch die Seelen in das Fabellicht.

Nordschein, Du lebendige Synthese

Aller Hoffnungen am Nachtplanet,

Du verheißt, daß man durch Dich genese,

Denn Du bist Erfüllung und Gebet.

Schnee und Eis wird einst das Land bedecken.

Übersprenkelt nur von blassem Glast

Werden Trümmer früher Felsenrecken

Ganz versinken unter ihrer Last.

Keine Steinlawinen werden rollen,

Nirgends Wünsche Wollenswolken blähn:

Eine Blüthe nur, doch ganz aus Pollen,

Wird dem Erdenrund entwehn!

Doppelkronen wandernder Planeten

Sagt, wann schachtelt Ihr die Erde ein?

Langsam könnt Ihr Euch schon nähertreten,

Um dereinst ein Gluthgewand zu sein.

Menschen, Euer endliches Verderben,

Gleist aus jenem Gluthenbaldachin,

Wißt, wenn jene Flammen sich verfärben,

Ist der Erde Schöpferkraft verspien.

Welches Antlitz wird sie Euch dann zeigen,

Wenn gedämpft von eigenem Wunsch nach Rast,

Ihr einst keine Wesen mehr entsteigen,

Und sogar der Gluthenglast verblaßt?

Ihrem eigenen Friedhof wird sie gleichen!

Spuk, der nackt sein kaltes Grab beschaut,

Muß sie dann als blauer Hauch umschleichen

Und erstaunen, wie er mitvergraut.

Zwischen Schnee und Eis und glatten Kieseln

Wird ein stilles, erdenblasses Licht

Auf und ab, wie ein Erinnern, rieseln:

Denn sich selbst erhält dann der Verzicht.

Doch in jenen fernen Sonnepochen

Hat ein flügges Lichtgeschlecht

Wohl des Todes Macht und Nacht gebrochen

Und empfindet dann auch folgerecht

Vor dem Sterben nimmer das Entsetzen,

Das uns heute schon beim Namen packt:

Fangt drum an, in Tafeln einzuätzen,

Wie vom Leibe sich der Geist entsackt.

Stärker muß ich in die Saiten greifen:

Lauscht dem Tönen, das Euch alles sagt,

Was Gedanken blos im Fluge streifen,

Was sich zagend nur zu Tage wagt.

Keinen Samen will ich rings verstreuen,

Was ich innerm Lächeln je entlieh,

Soll Euch alle, fragt Ihr es, erfreuen,

Glaubt: ich spende volle Harmonie!

Ja, mein Lächeln gleicht dem Glanz vom Meere,

Wenn er Wellen lustig überspringt,

Und sogar in schwüler Atmosphäre

Wild und blaßverächtlich um sich blinkt!

Einem Meere, das sich langsam kräuselt,

Wenn es Stürme tief im Busen trägt,

Und schon fiebertraumhaft bebt und säuselt,

Ähnelt auch ein Stamm, der Krieg erwägt.

Wellenschäumen mag ich Euch vergleichen:

Wißt Ihr, daß Ihr tobend mich umdrängt?

Unsere Seelensee verlangt nach Leichen,

Bald liegt Mancher schwer in ihr versenkt!

Vor dem Sturme reißen hohle Wellen

Ihre Silbermünder spöttisch auf,

Und ich hör jetzt Hohngelächter gellen,

Wogen, krümmt Euch zum Zerstörungslauf.

Laßt mein Wesen, hier in Eurer Mitte,

Nur noch einige rasche Schritte gehn,

Denn das ist noch meine letzte Bitte,

Dann will ich die Todte wiedersehn!

Meine Braut muß ich am Weg ereilen,

Denn wir sind ein unzertrennlich Paar,

Jenseits muß sie einsam weilen,

Doch ich werde sie schon blaß gewahr!

Alle Leiber werden auferstehen,

Unsere Lust sei keine Sünde mehr:

Weiber, die sich dort bacchantisch drehen,

Liebe ich bei meiner Wiederkehr.

Aus des Fleisches Sinnenlustbegehren

Hat sich Menschenliebe sanft entschält

Und den Weg zu heitern Sonnensphären

Hold, aus tiefer Innbrunst, sich gewählt.

Seht das Meer, mit seinen üppigen Brüsten,

Bald besiegt es unsere Geistesmacht:

Schiff und Schiffer wird kein Sturm entrüsten,

Furchtlos schauen wir durch Wind und Nacht.

Allen Daseins Liebeskette sprengte

Einst der Erd und Sonnengegensatz,

Und er schuf Geschlechter und versenkte

Dann in beide seinen Flammenschatz.

So entstand denn gleich zwischen dem Manne,

Der das Licht auf Erden stark vertritt,

Und dem Weibe, das noch mehr im Banne

Unserer Erde weiterzieht, ein Kitt!

Wird ein Weibchen hinterrücks genommen,

Wird die Liebe ihm noch oft zum Druck,

Doch das Weib, in dem die Brunst erglommen,

Folgt beim Herzen einem Sonnenruck.

Sinn an Sinn und Blick in Blick versunken,

Sehn sich Menschen, die sich lieben, an,

Und es jubeln, zucken Seelenfunken

Durch den Mann zum Weib, vom Weib zum Mann.

Liebe können beide sich verschenken,

Liebe ist der Flamme Daseinstausch,

Muth und Gluth, die sich verschränken,

Heiligen den Sinnenrausch.

Horcht, es steigt das Glück! Laßt es verkünden:

Fleisch und Seele sind von ihm durchdrängt,

Wo sich Gluth und Erdenmuth verbinden,

Hat der Geist sich jedem Zwist entengt.

Hört, wir Menschen sind des Glückes Träger,

Da sein Feuersieg in uns gelingt,

Ja, wir find der Freiheit beste Heger,

Da ein stiller Geist das All beschwingt.

Alle Seelen sollen lieben, lieben,

Überschwang wird sündenlos gedeihn,

Denn es steht mit Flammenschrift geschrieben:

Ewig wird allein die Liebe sein!«

Auf einmal wird Orpheus Gesang unterbrochen!

Im Walde entsteht eine eigene Bewegung,

Das Herz jedes Hirten fängt an wild zu pochen,

Was tanzt und was wogt da in wilder Erregung?

Es zucken die Pinien und schlanken Zypressen,

Es fallen rings Zapfen von Ästen herab.

Was sucht sich so wild durch die Menge zu pressen?

Was donnert? Vielleicht der Bacchantenzugtrab?

Ein Schauder umhüllt nun die ganze Umgebung,

Das Feuer am marmornen Sonnenaltare

Erstickt fast im eigenen Qualme und Rauche,

Und überall knistert jetzt morsches Geäst.

Ganz plötzlich entstand die Mänadenerhebung,

Mit wallenden Schleiern und fallendem Haare,

Erscheint diese Sippe, nach bacchischem Brauche,

Verwegen und wüthend, beim orphischen Fest.

Das eint sich im Walde zum baldigen Kampfe,

Und: »Evoë, Evoë!« schallt es im Kreise,

Es reißen sich listig die jungen Mänaden

Geschwind ihre Schleier vom üppigen Leib:

Sie trabten auf Rappen, und Rossegestampfe

Verrieth schon von weitem des Weibertrupps Reise.

Sie rasteten selten, zumeist blos zum Baden,

Für solches Geblüt giebt es keinen Verbleib,

Nun rufen sie: »Orpheus, wir schlingen die Kette

Der wirksamen Liebe, von der Du berichtet,

Vom singenden Dichter zurück bis zur Wildniß,

Die Dich, so wie uns, stumm und ewig umgiebt!«

Nun engen sie auch schon die liebliche Stätte,

Wo Orpheus den Griechen Altäre errichtet,

Von überall ein und erheben ein Bildniß

Des Gottes, der Räusche und Tanzopfer liebt.

Das tollt und das singt jetzt von Fleischauferstehung,

Das wirbt um die Hirten, verspricht ihnen Ehung,

Verheißt dabei Freuden und häusliches Glück,

Und zieht sich dann bald, ohne Nachtrab, zurück. –

Wie kommt das? Du siehst plötzlich nirgends Mänaden.

Verschlang denn die Erde die tückische Rotte?

Vorbei sind die wüthenden Waldgaloppaden

Und draußen am Meere erscheint eine Flotte.

Da singt wieder Orpheus: »Unendliche Stille,

Die Stille, die Stürme als Pause verbindet,

Umweht meine Seele, – es schweigt jeder Wille,

Ich weiß wohl, was jeder schon traurig empfindet!

Ihr Freunde dort unten auf ruhenden Booten,

Mein Schicksal verwehrt Euch, am Ufer zu landen,

Ihr seid meines Todes ganz machtlose Boten,

Ihr wogt in der Windstille flimmernden Banden.«

Jetzt greift der Sänger wieder sinnend in die Leier,

Es tönt: »Die kurzen Schritte, die mir noch gegeben,

Vollende ich, fast tastend schon, bei dieser Feier,

Ihr könnt sie dann nach jeder Richtung weiterleben.

Im Erdendasein giebt es nie ein ganzes Scheitern,

Ich werdet bald, was ich in Euch nur vorentwickelt,

Noch herrlicher, als ich es ahnen kann, erweitern,

Was thut es drum, wird auch mein Leib von Euch zerstückelt!

Ich danke Euch, Ihr blinden, rasenden Mänaden,

Ihr müßt ja doch in Euch von mir etwas begraben,

Ihr werdet allen wilden Haß gar bald entladen,

Und Eure Söhne werden holde Sonnenknaben!

Was Liebe und was Haß! Ich will der Flamme Wirkung!

Ich weiß, Ihr selber müßt mich wiederum erschaffen,

Bald dring ich abermals in menschliche Bezirkung:

Aus Eurem Wesen wird sich meines jung entraffen!

Im andern Leben fühlen wir die Ursachen der Dinge

Und sehnen dort uns, ihre Folgen zu erblicken,

Doch sind wir hier, so ziehn wir um uns selber Ringe,

Und Kleinlichkeiten können fast den Geist ersticken.

Es will sich die Natur mit mir nicht mehr gedulden,

Ich habe Euch, was meine Seele sah, gegeben,

Nun schein ich Euch dafür auch meinen Leib zu schulden,

Damit sich Tausende von meiner Art erheben.

Ja, wer da suchen wird, sein inneres Licht zu finden,

Der ist mein Sohn, den ich mit Euridiken zeugte:

In dem wird nie die heilige Kindlichkeit verschwinden,

Ob Kummer oder Alter ihn auch niederbeugte.

Was Ewigkeit in sich verschließt kann nie veralten,

Ein Sonnensohn im Grunde nicht zum Greise werden:

Verbrüderte Geschlechter schüren und verwalten

In sich die hehre Gluth von allen Sonnenheerden.

Der Mond war ein Versuch, die Sonne zu versöhnen,

Die Erde wollte ihn der fernen Mutter schenken,

Doch kann des Mondes Licht die Nachte wohl verschönen,

Doch nicht mit Milde Erdgeschicke lenken.

Nun will die Erde einen zweiten Mond gebären,

Doch zeugt ihr inneres Erschüttern nur Propheten,

Die ihren Völkern die Entstehungsliebe lehren

Und Urgebote menschlich unter Euch vertreten.

Im Tropenlande kommt der Erdensohn stets wieder,

Um durch den Geist die Bruchnatur zu überwinden,

Die Thiere selbst verstehen seine Freiheitslieder

Und alle Überhebungen in ihm verschwinden!

An unseren Gestaden kommt er urgespalten,

Den irdischweiblicheren Theil muß ich vertreten,

Der männliche wird sich viel später erst gestalten

Und durch den Geist die Thierheiten in Euch zertreten.

Da wir uns schon, durch das Geschlecht getrennt, erheben,

So müssen wir gemartert und zerfleischt verenden,

Im Land des Bären aber wird das ewige Leben

Die Flammen seiner Gnadenpracht aus Allen spenden!«

Nun hallt es und schallt es schon wieder im Walde,

Und wiehernde Pferde erscheinen am Feld.

Bacchantische Weiber durchtollen die Halde:

Das schwirrt und das zittert, das raschelt und gellt.

Das singt und das tummelt sich hurtig und munter.

Das fühlt sich tiefinnerlich sorglos und frei,

Und sprengt über Hänge, auf Hengsten, herunter,

Und plötzlich erschallt auch, gleich dreimal, der Schrei:

»Pan«! »Pan«! »Pan«!

Wie mag sich der Tag noch am Abend erheitern?

Er ist wie von innersten Gluthen berauscht,

Es werden die Wolken wie Schaaren von Reitern,

Die langsam verbluten, vom Winde zerzaust.

Das Meer ist jetzt milchig, doch Purpurgluthadern

Durchfurchen die tückische, steigende Fluch.

Die Wellen zerschellen schon rings an den Quadern,

Und Strandpfützen funkeln wie glühendes Blut.

Hört, überall donnern jetzt mächtige Wogen,

Doch willenlos wiegen sich Möwen darauf:

Jetzt naht auch die Flotte in riesigem Bogen,

Und muntere Dephinen umziehn sie zu Hauf.

Nun sind die Mänaden schon lange entkleidet,

Sie haben sich, wie sie die Fischer nur sahn,

Sogleich an dem Anblick der Knaben geweidet,,

Und allerlei Übermuthstreiche gethan.

»Pan!«

Das hatte sich längst mit den Blicken besessen,

Von ferne schon wählte sich jeder sein Weib;

Blos Orpheus steht still unter steilen Zypressen,

Doch manche Mänade begehrt seinen Leib.

Nun ruft wohl die Schönste der nackten Gestalten:

»Oh Träumer vom schäumenden, traurigen Meer,

Ergieb Dich den stürmischen Seelengewalten:

Versinkst Du bereits, denn es wird mir so schwer?

Wir spielen und wühlen in wallenden Flechten,

Oh komm und verberge darin das Gesicht,

Empfinde die Wollust von sterblichen Nächten,

Entzünde beim Buhlen des Urschauers Licht.

Wie Fluthen sich stumm zwischen Wäldern verschluchten,

So dringe Dein Wesen in unseres ein,

Wie Fluren durch Wolken der See sich befruchten,

So wird uns Dein Athemzug Hoffnung verleihn!

Ach Orpheus, Du bist eine einsame Klippe!

Ergieb Dich dem Leben, verlang nach Genuß!

Oh trinke den Jubel von fiebernder Lippe

Und freu Dich vor allem am Wollustenschluß!

Genieße das Wiegen der fleischlichen Liebe:

Es gleicht doch der Schwall einer pulsenden Brust,

Dem windeverwehenden Wellengetriebe:

Das Weib ist die See, voller Seele und Lust!

Doch Orpheus, es machen uns Klippen verlegen,

Wie Sphinxe umfragen wir stets Deinen Fels.

Doch merke Dir, stellt sich ein Ding uns entgegen,

So spricht unser Gott: Wills nicht fort, so zerschells!«

Doch antwortet Orpheus nun streng und prophetisch:

»Für Euch ist sogar unser Taglicht verhängt,

Ihr nährt ja im Geist einen giftigen Fetisch,

Der dann über Euch tausend Schicksale lenkt.

Was sprecht Ihr vom Leben, Entschleicher der Gräber?

Ihr seid nicht das Meer, Ihr Verbreiter von Gier,

Ihr Hüllen von Magen, Gedärmen und Leber,

Der Gott, den Ihr bergt, ist ein grausames Thier.

Ihr merkt wie Bestehendes langsam verschwindet

Und seht nur was fleischliche Dinge bezirkt,

Die Formen, aus denen der Geist sich entbindet,

Und nicht, was der Widerstand ewiglich wirkt!

Die Seele der Klippe, ihr stolzes Beharren,

Verdichtet sich wieder zum Keim einer Welt,

Ihr Wesen wird ferner ein Körper umstarren,

Denn nimmer vergeht, was das Urmaaß erhält.

Ihr wollt nicht die Liebe, wie ich sie verschenke,

So zieh ich denn fort aus der irdischen Brunst,

Doch wo ich Gedanken ins Dunkel versenke,

Erzittert ein bebender Funke im Dunst.«

Gebilde von Schleiern, Gestalten und Lichter,

Wie selten sie Dichter im Überschwang sahn,

Umwallen den Schmachter. Mänadengesichter!

Sie trachten ihm ringsum mit Vorsicht zu nahn.

»Pan!«

Der Dichter begreift nur die Reinheit des Tanzes

Und liebt seinen rhythmischentfesselten Takt,

Es freut ihn der Anblick des wallenden Glanzes,

Die tanzenden Weiber find brünstig und nackt.

Der Abendwind rauscht nun im Laub der Zypressen.

Die Sonne vollendet verzückt ihre Bahn.

Die Wesen beginnen die Pflicht zu vergessen

Und alles verstrahlt einen rosigen Wahn.

»Pan!«

Jetzt greift noch der Sänger mit Kraft in die Saiten,

Um stolz durch den Klang seinen Sang zu begleiten:

»Oh Freunde und Feinde!« ertönt es: »Ich bitte,

Vergebt mir die letzten entscheidenden Schritte,

Es hat sich die Gluth, die ich eben verschwendet,

Unfaßbar vom Lieben zum Streiten gewendet.

Schon hör ich den Kampfruf im Walde erschallen

Mänaden gewinnen und Jünglinge fallen.

Ich sehe die Leiber die Felsen erklettern

Und kühne Gestalten im Thale zerschmettern.

Verzeihung, Verzeihung, Ihr holden Genossen,

Ich habe das Blut Eurer Unschuld vergossen!

Doch seht auch die Flammen der Liebe aus allen,

Als feurigen Samen, der Erde entwallen!

Bestaunt Euren glühenden Gürtel der Zucht,

Erwühlt Eures Innenlichts ruhige Wucht!

Ich fühle die Kraft, mich in allen zu fühlen,

Es können sich Seelen voll Schauer bespülen,

Wir müssen uns freudig das Erdglück versagen,

Und Wahrheit durch muthige Thaten erwagen!

Es schwellen die Fluchen. Es strahlt unser Licht.

Es üben die Gluthen im Menschen Gericht!

Oh seht die Tragödie, nach der ich mich sehne.

Es bildet sich rings eine riesige Szene.

Die Berge, die starr in das Wolkenmeer wuchten,

Verhüllen nun langsam auch unsere Schluchten:

Das Schicksal beginnt sich bereits zu drapieren,

Es will nicht sein tiefes Geheimniß verlieren.

Die Tragik tragt nie ihre Nacktheit zur Schau,

Ihr Bildniß erscheint uns in marmornem Grau.

Die Berge beherrschen das Drama der Thaler.

Sie scheinen mir schreckliche Zukunftsverhehler,

Und hüllen sich nun in ein Dunstgewand ein,

Um wortlose Schicksalsbetrachter zu sein!«

Jetzt träumt und besinnt sich der sehende Dichter,

Dann sieht er im Dämmerschein innere Lichter:

Das Wesen der Berge, der Menschen und Dinge,

Erscheint ihm, als ob es sich innig verschlinge.

Es fühlt, seine Seele ums All sich erweitern,

Und Schreckliches kann ihn auf einmal erheitern,

Er greift jetzt noch tiefer ins Gold seiner Saiten

Und singt voller Milde: »Verschwindet, Ihr Zeiten

Entwickelter Wünsche und schneller Affekte,

Die einstens die Urgier des Chaos erweckte;

Ich furchte Euch nimmer, Ihr Dunstelephanten,

Ihr Rüsselbeschnüffler von Felsrückenkanten.

Ich trotze den Riesen und Nebelgischtbären,

Es wird sie das Licht meiner Leier verzehren.

Ihr Albatroßschaaren am blutigen Meere,

Ihr Thauwindflamingos und SchaumEiderheere,

So kommt mir doch näher! Ich will Euch belehren

Und allen die Gluth meiner Liebe gewähren!

Ihr Tigergespenster aus sumpfigen Auen,

Erscheint, denn ich will Euer Katzenfell krauen.

Delphine, durchschwimmt unsere geistigen Fluthen,

In denen Gesänge, wie Sonnen, verbluten!

Vernehmt es ihr Sperber und Schwäne, ich sterbe,

Ich sterbe, ich sterbe, ich weiß, ich verderbe!

Ihr Windwölfe heult nicht, ich athme ja schwer:

Es werfen sich Panther, zu paaren, ins Meer.

Oh Leier, mein Lied, oh beschwöre die Löwen.

Zerreißt mich nickt, weibliche Sammtleoparden:

Zurück vor dem flammenverheißenden Barden!

Mein Gott, ich vermag nun mein Lied zu gewahren,

Es glimmt und es strähnt sich zu goldenen Haaren,

Es steigt in die Mähnen von Nordlichtgeschlechtern,

Von geistigen Kempen und Wahrheitsverfechtern.

Es bleicht und es weicht schon die nächtliche Bräune,

Der Lenz meines Liedes erweckt alle Zäune.

Die grünenden Bäume beginnen zu blühen,

Und Kühnheit in Jünglingen hold zu erglühen.

Ich kann meine strahlenden Völker verkünden,

Ihr herrliches Werden im Weltschooß ergründen.

Es. steigt ja die Gluth, die das Weltall vereinigt

Und Seelen von thierischen Nachtlastern reinigt!

Ein nordlichtgestaltetes, sprühendes Leben,

Ein mündiges Volk mit beflügeltem Streben

Verleiblicht mein brünstig empfundenes Lied,

Und seht doch, schon seh ich wie alles geschieht!

Die Erde verbildlicht sich rings in Gestalten,

Die männlich ihr Wahrheitsgut sehn und verwalten.

Sie scheinen im Rahmen des Tages zu ruhn

Und schon durch ihr Dasein die Erbpflicht zu thun.

Ihr Wesen beflügelt unendliche Thaten.

Aus Allem erhebt sich ein klares Gerathen.

Die Umwelt empfängt ihre geistige Nacht:

Durch sie ist Vollendung und Dauer erwacht!«

Es sinkt nun der Dichter ekstatisch zur Erde

Und küßt sie und ruft: »Jede Wesensgebärde,

Der Weg jedes Thieres, das auflauernd geht,

Der Biß einer Schlange, wird hier zum Gebet!

Ich danke Euch Feinden des menschlichen Leibes

Und sorglosen, dämmerigen Urwaldverbleibes,

Ihr habt uns verdoppelt und höher gebracht,

An Euch aber haben wir gar nichts vollbracht!«

Nun sucht eine Geierschaar Orpheus die Leier,

Voll Gier, zu entreißen. Der Wesensbefreier

Jedoch hat sich wieder vom Boden erhoben,

Um Freunde und Feinde unsäglich zu loben:

Es schmeicheln sich Tiger nun allseits heran

Und Pfaue umschwärmen den sehenden Mann,

Nun singt er: »Es haben mich tausend Gewalten,

So Feinde, wie Freunde, im Dasein erhalten,

Und ging ich mit Euch durch den herrlichsten Wahn

So lenkten mich Böse auf fruchtbarer Bahn!«

Da tönt es im Umkreise: »Pan!«

Doch Orpheus singt weiter: »Ihr treuen Helennen,

Ihr sollt Euch das orphische Völkervolk nennen!

Doch ändert sich bald der Geschlechter Gehaben.

Mein Lied aber wird keine Zukunft begraben.

Ich sehe ihm allerhand Fremdlinge nahn.

Der orphische Sang ist ein weltweiser Schwan.«

Da tönt es im Abendwald: »Pan!«

Und Orpheus fährt fort: »Alle späteren Rassen

Beginnen von heute an Wurzel zu fassen,

Was kommen wird, stamme vom Orphischen Tage,

An dem ich zu sterben und Ich zu sein wage.

Drum müßt Ihr mich jetzt noch dem Martertod weihn,

Sonst wäret Ihr nimmer vom Vatermord rein.

Denn würde, schon morgen, von orphischen Sprossen

Das Blut meines Leibes, auf Erden, vergossen,

So wäre die Menschheit für immer verflucht,

Und ich habe Unschuld zu hegen versucht!«

Es ist nun die Sonne gesunken,

Das Licht in den Fluchen ertrunken.

Es rauschen der Wind und das Meer.

Das Brausen tönt doppelt und schwer.

Der Tag hat durch Übel verdrossen,

Ermüdet, sein Auge geschlossen;

Wie Wimpern zusammengepreßt,

Verschließen es Windwolken fest.

Der Abend ward gar nicht betrachtet.

Man hat nur nach Liebe geschmachtet,

Und blos durch Gefühle berauscht,

Kaum halb auf den Sänger gelauscht.

Doch geht jetzt ein mildes Verstehen,

Wie Ruhe vor großem Geschehen,

Voll Angst, durch den dunkelnden Wald:

Du lauschst, ob kein Urruf erschallt!

Der Wind springt nun lustig durch finstere Gefilde,

Und heitre Mänaden beginnen ihr Lied:

»Oh Sänger der himmlischen Liebe und Milde,

Verschenk Dich der Nacht, da die Helle verschied.

Erzähle, warum diese lustigen Winde,

Auf einmal ein panisches Klagen durchkreuzt.

Dein Lied, holder Sänger, ist sicher und linde,

Und doch hast Du oftmals aus Schwermuth geseufzt!

Es scheinen sich Winde und Lieder zu gleichen.

Sie suchen die Liebe, die allseits entrinnt.

Dein Schmachten und Singen wird gar nichts erreichen.

Oh, sei uns doch huldvoll und freundlich gesinnt.

Ach Orpheus, gedenke der einsamen Nächte!

Wie war Dir so oft vor dem Einschlafen bang!

Du hofftest, daß Schlummer Dir Glücksstunden brachte,

Bis plötzlich ein Seufzen Dein Athmen durchdrang.

Oft hatte ein Traum Deinen Odem durchdrungen,

Dann seufzte Dein Liebchen, als wär es erwacht,

Doch Du hast es hold, halb im Schlummer, umschlungen,

Und rasch Herz und Athem zu Ruhe gebracht.

Es sind unsere Lieder das Stöhnen im Walde.

Erhör uns, daß Sehnsucht uns nimmermehr täusch.

Wir schmachten, wir lieben, wir sterben so balde:

Es liebt und es leidet das ewige Geräusch!«

»– Orpheus! –«

Es wurde Nacht. Verdeckt sind Sterne und Mond.

Die Hirten liegen um Orpheus lauschend gelagert.

Es wird alle Schroffheit ringsum schwarz betont.

Es scheinen Cypressen beinah abgemagert.

Ein Jüngling spricht: »Ach Orpheus, milder Meister,

Oh sag, wozu entschließt sich die Natur,

Wo bleibt denn jetzt der Sang der milden Geister,

Der Liederhauch, der sanft vorüberfuhr?!«

Und Orpheus sagt: »Mein Herz ist arg beklommen,

Es harrt ein Sturm im dunklen Wolkenmeer,

Es hat mein Seelensehn sein Nahn vernommen

Und um Euch alle ist mir bang und schwer.

Sahst Du am Abend nicht die Sonnenspangen?

Sie hielten Wolken wirksam eingepreßt.

Da ist die Furcht vor Sturm in mir vergangen,

Doch wehe, wenn der Tag uns gar zu jäh verläßt!«

Was glitzert jetzt auf einmal durch den Wald?

Mänaden scheinen Feuer anzufachen.

So Manche hat die Rüstung umgeschnallt

Und denkt sich wohl zum Kampf zurecht zu machen!

Jetzt hört man gruppenweise Weiber lachen.

Nun aber plötzlich gar nichts mehr im Wald.

Doch was? Nun scheint man Fackeln zu erheben!

Wer hat sie, Fäusten gleich, emporgeballt?

Mänaden oder wer? Was fängt dort an zu beben?

Ach nein, das ist noch nicht der wilde Sturm!

Es wackelt wohl schon mancher Dunkelthurm,

Und es entkriecht ihm auch sein Wolkenwurm.

Doch meistens legt sich der um Felsenkuppen,

Als wäre so ein Gipfel sein Gehäuse.

Auch hängen dort verschiedene Wolkengruppen,

Wie schlafumfangene, dunkle Fledermäuse.

Da spricht der Dichter: »Stürme, fangt doch an zu heulen!

Die Wolken, die die Hügel überdachten,

In deren Schutze stumme Riesen übernachten,

Erzittern schon und ringsum stürzen Säulen:

Entsetzlich ist es, einen Einsturz zu betrachten!

Begänne doch das Sturmeswüthen und das Schlachten!«

Oh Nacht, oh unendliche, herrliche Nacht,

Bald wird Dir die Menschheit Genesung verdanken!

Du fügst ja, was stürmisch vom Lichte entfacht,

Ursprünglich, lebendig, auf Erden, erwacht,

Allmächtig, allmählich, in zwingenden Schranken!

Du willst alle Stürme des Tages entladen!

Du suchst Deine Ruhe in ewigen Kreisen!

Du singst Deiner Schönheit unendliche Weisen,

Um stumm Deine stille Vollendung zu preisen!

Es dichtet der Sänger: »Ihr mögt mich zerreißen,

Es siege die seelig erhabene Nacht,

Ich habe den Menschen ein Machtwort gebracht,

Nun sollen es Andere rauschend verheißen:

Schmerzstillende Mutter, am Ende der Schlacht,

Oh Nacht, wiederringsumgestirnte Nacht,

Ich kann Dir allein mein Geheimniß beklagen,

Wer Bacchus ist, Dir, die es ahnen muß, sagen,

Denn Er ist so alt, wie Du selber, oh Nacht:

Und wo Deine Jugend im Urwalde lacht,

Ist Bacchus in Sternen und Blumen erwacht.

Er ist ja die Schönheit und Reinheit der Dinge,

Der Schmelz alles Frischen, die Würde des Alten,

Der Ewigkeit alles durchdringendes Walten:

Oh laß, daß ich Bacchus, erbleichend, besinge!

Oh Dionys, Liebe des Mannes und Weibes,

Gynandrische Sehnsucht der beiden Geschlechter,

Enthüllung der Weiche des weiblichen Leibes,

Geschickeverflechter und Freund von Gelächter,

Erfüllung der Reize erblühter Epheben,

Asketenverächter und Traumpalastwächter,

Du Wiedergeburt und Du ewiges Leben,

Oh, lasse mich jetzt durch Dein Seelenreich schweben!

Oh goldener Gott, große Sonnenerscheinung,

Du endliche Streiter und Heldenverneinung,

Du männliche Wärme, Du Erdenentspriessen,

Ich konnte Dich lange als Wandrer gemessen.

Nun schicke den Thau, Deinen himmlischen Regen!

Eröffne die Erde. Ich forsche nach Wegen

Zum Reich des Empfangens und Wonneverlangens:

Es will sich der Wandrer zu Wartenden legen!«

Ende des Intermezzos.

Theodor Däubler – Attische Sonette

Theodor Däubler

Attische Sonette

An Timon von Athen

Ich suchte, Timon, nicht deiner Verbannung

Gefundnen Ort, am launenreichen Meer;

Um Einsamkeit blieb meine Seele leer,

Der Ägäis Sturm bewog mich zu Ermannung.

Des Geistes Flügeln gab ich Segelspannung

Beim Seelenschwung – den Leib für Aug – Begehr –

Doch wieder kam ich in die Buchten her:

Nun sei ein Sang der Kahn mit Machtbemannung.

Zu holden Inseln soll ich Segler senden:

Mein Hellas, fühl im Herz Geborgenheit!

Ich mag den Urvergrauten Leuchter spenden.

O Land geliebter Sprache mein, wie weit

Vermochte Schickung mich aus dir zu wenden;

Hat schon von Sehnsucht mich das Meer befreit?

Dem Sommernachtstraum

Verschwendete der Baum sein keusches Blühen,

So singt er sich: Zikaden sind bereit.

Verstummen sie, um ihre Schlummerzeit,

So möchten Himmelszweige Sterne sprühen.

Auch Menschen recken sich aus Knochenmühen:

Die Seele hüllt bei Wind ein leichtes Kleid,

Wie sind den Traumgespielen Wiesen weit,

Gebüsche heimlich für der Wünsche Glühen!

Silene horchen schon mit Silberohren,

Ob, Mond genannt, die Himmelsperle kommt;

Dann wispern Nymphen unter Felsentoren.

Verschleiert, wie es einer Jungfrau frommt,

Reut Arethusa ihr so zartes Flüstern;

Ein Satyr unter Feigen liebt sie lüstern.

An Keats

Geheimer Mondschein unter Mittagsstrahlen,

Mit sachter Muschel, fahl wie Dämmerung,

Erstaunt dich Aphrodites naher Schwung

Auf eigner Rhythmen Flügeltum bei Qualen.

Es dunkle nie ein Blut in Kupferschalen,

Das du, Verwundeten zur Linderung –

Als Güte Narben schloß – durch Hilfesprung

In Obhut nahmst, auf lichtblauen Sandalen!

Der Atem Hellas’ über Sonnenbuchten

Bewog deiner Gebietung klarem Strom,

Um Schönheit schluchzend, Berge zu durchschluchten.

Geklungne Wonne aus geliebtem Rom,

Das deine Hülle ewig schützend hülle,

Gabst du der Hügelburg mit Dankesfülle.

An Shelley

Für Erhard Buschbeck

Der Liebe tief verletzbarem Verkünder,

Dir Shelley, kett ich dankbar mein Sonett:

Ein Licht, dein zart entschleiertes Violett,

Ward großer Sonne feiernder Entzünder.

Nach solcher Freiheit purpurten die Münder

Zum Rufe Hingebluteter im Bett:

Geweihter Walstatt rächendes Skelett,

Stand Hellas’ Traum erblitzender Begründer.

Ein Mond in deinem Blick zerperlte Zähren.

Der Möwe Silberflug, auf schwerer Flut,

Schien bleich der Seele Staunen zu erklären.

Gestirntes Ahnentum empfand das Blut,

Da wollte dein Geheimsein Sturm gewähren,

Bis jung und gut du erst im Meer geruht.

An Byron

So großer Lord, der Sonne liebster Dichter,

Dich Byron, ehrten Menschen, liebten Feeen;

Gefeiter Jäger, Blicke auch von Rehen

Zerbrach dein Herz; du sterntest sie als Lichter.

Dein starkes Atmen trotzte warm dem Richter –

Im Heuchlerland – über entkrampften Ehen:

O glücklich warst du nie – bei Wonnewehen –

Entschminkte rasch dein Morgenstrahl Gesichter.

Dich feire ich, du bist ein Held geworden:

Mein Dichter, wo du bliebst, erfreut, verwöhnt,

Verläßt mich niemand, wird kein Freund mich morden.

Wer ehrte mein Gedicht, daß ers verhöhnt?

Doch weil’ ich froh – verwitternd unter Horden,

Die du befreit hättest – auch fast verpönt.

An Foscolo

Des Morgenlandes maibetaute Blume,

Das Eiland Zákynthos auf stolzem Meer,

Gebar den Leib für deinen Lichtbegehr:

Der Wunsch blieb still auf duftbewehter Krume.

Verliebter Lieder Lilie wuchs zum Ruhme

Der Griechen, sproß als ihrer Helden Wehr,

Denn Reinheit ist das Erz für hellen Speer

Und hilft dem Volk bei altem Eigentume.

Ersungne Bäume setztest du den Toten,

Zu Marmorurnen, wo ein Name glomm,

Gewitter keine Inschriften bedrohten.

Wie ging dein Schritt zu Gräbern schlicht und fromm,

Bis, dort zu knien, Verbote dir entlohten,

Denn bloß zum freien Menschen riefst du: Komm!

An Leopardi

Meiner Schwester Elena

Des Mittelmeeres Schwermut war dein Sagen,

Nach der Versunkenheit verlorner Ruf;

Was Hellas wagte und Italien schuf,

Verwunderte das Herz durch altes Fragen:

So dumpfe Schöpfung, sprich, warum wir zagen?

O wo erweckt uns Helios’ Rossehuf:

Erschütterte sind wir, ohne Beruf –

Vielleicht die Wachsamen durch hartes Jagen?

Vollbrachtheit blieb mir Süße unsrer Sprache,

Die attische Vollendung in Florenz:

Ilisos, durch des Dichters Mund, als Ache,

Voll Überschäumungsmut zu jüngstem Lenz;

Doch Blut, mein Blut, wie weit ist uns die Brache

– Ein Schweigen naht – gesungne Ahnung kennts.

An Hölderlin

Du warst in Hellas, ehrfürchtiger Dichter,

Nur zagte vor Athenas Land der Fuß;

Du flügeltest wie Hermes, sachten Schuhs,

Als heimlich hochgesichteter Beschwichter

Von Sonnumfangenheit durch Abendlichter:

Dein Atem fand sich Steile eines Nu’s –

Umzagtem Wunder nahtest du: ich tu’s –

Und urgebannt bestimmten uns Gesichter.

Wo staunten die erbittrungsfernen Helden,

Daß sie ein blutendes Geschlecht erblickt?

Gedichtete, ihr habt uns hergenickt!

Umwolkte Götter, deren Namen melden,

Sie weilten, nie erreicht, auf fahlem Firn,

Gewitterten um klärungssichre Stirn.

An Goethe

Auf Höhen Unerreichbarer, o Goethe,

Gewahrte einst dein Blick den Taurer-Strand,

Und Iphigenia im Trauerland

Verklärte sich der Heimat Abendröte.

Den Lorbeerhain entzückte Klang der Flöte;

Gegeistert von des Geigers ferner Hand,

Verrauchte Ilion, nach zerhauchtem Brand,

Als ob sein Fächeln Hellas Ruhe böte.

Auch Helena stand auf vor deiner Größe,

Du hast mit Würdigem das Weib betraut,

Doch schon Verleiblichung wird Göttern Blöße;

So ist zu Hades Helena entblaut;

Wer kennt der Minne-Dienenden Verstöße?

Der Bräute Scham hast, Goethe, du geschaut.

Der Hymettos

Im Winde Fichten sind Poseidons Gabe

An Zeus, der den Hymettos grau umdräut,

Weil er mit Wolkungen den Berg betreut,

Und um Gewitterkünfte kreist der Rabe.

Daß Regengegenwart den Bauern labe,

Ward Zeus ein Heiligtum, das ihn erfreut,

Als Gipfelhaupt, wo er dem Blitz gebeut,

Emporgereicht aus des Atheners Habe.

Bei seiner Ahnenkammer unterm Grabe,

Besummt von goldner Bienen Schwebekranz,

Stand, als ich ankam, ein gewogner Knabe.

Er wähnte wohl des eignen Blutes Glanz,

Bedachte uns mit Süße seiner Wabe –

Mein Attika – und du umfingst mich ganz.

Halimus

Die Heimat des Thukydides, im Grollen

Der See von Salamis, hat mich empfangen:

Ein kühnes Stürmen purpurt unsre Wangen,

Dem Augenblick entschleiern sich die Schollen:

Heroen modern in verborgnen Stollen;

Begnadete, die ihren Ruhm besangen,

Erscheinen noch im Mond, und zaudernd bangen

Kytharen dann nach Hellas’ andachtsvollen

Geschlechtern vor Poseidons Zornesworten:

Wer nie auf ausgestreckten Klippen kniete,

Blieb Fremdling dem Geschick, an Drohungsorten

Der Salzgewaltsamen bei Amphitrite;

Bedenkt ums Riff der Toten ferne Pforten,

Den Nahruck von plutonischem Gebiete!

Demeter

Verehrte Demeter, im Glück der Felder,

Beherzte Hirtin unter bangen Seelen,

Wer mag das Blut in deine Hut empfehlen?

Du thronst gewertig vor dem Alp der Wälder,

Vertraut sind dir der Bräutlichkeit Vermelder;

Bejubelt aus Millionen Lerchenkehlen,

Beschirmst du Pärchen, die aus Narrheit fehlen,

Besorgst, zu Vätern lächelnd, Hochzeitsgelder.

Um meine Mitgift werb ich durch Erfahrung:

Gelebte Sonnigkeit sei Angebinde

Von dir dereinst, Verwalterin der Nahrung,

Wenn ich den Pfad zu deiner Tochter finde;

Dem Bock verwandt, bleibt meinem Leib Behaarung,

Begreif, daß ich voll Leid von dannen – schwinde!

Kore

Frau Elsbeth Peterich zugeeignet

Die Tochter Demeters, in weichen Schleiern,

Erblickt ein Nymphenpaar zum Blumenspiel:

Ach, das entsternt den zarten Kranz vom Stiel,

Befragt sein Schicksal froh um Hochzeitsfeiern.

Oft spiegeln sich die Reizenden in Weihern,

Ein Gang durch Wald dahin wird heitres Ziel;

Man lacht zum Wasser, beugt sich im Profil

Und denkt, erglüht: bald herrsch ich über Freiern!

Ein Knabe hüpft verkleidet in den Reigen

Der schlanken Mädchen und vergnügt sich mit:

Er zeigt verjüngter Sitte Sich-Verneigen,

Der Jonierinnen leichten Spitzen-Schritt:

Der Tanz ist anders. Seine Anmut eigen.

Er singt dazu von Wein und Pantherritt.

Hades

Das Haupt im Hintergrund der heißen Hauche

Befällt Besinnung an der Hestia Herd:

– Wer bin ich? – Gott – den nie das Opfer ehrt?

Gefangener und Herr im Reich der Rauche!

O Mensch! Die gute Glut im Erdenbauche

Bleibt heilig offenbart, weil unversehrt –

Ich bin der Wachsame, der Ernten mehrt,

Sogar Geschmack aus Bacchos’ Funkel-Schlauche!

Mein Blut wird eine Sonnentochter ehen,

Mit euch, Wo-Wandelnden, sei ich verwandt:

Uns mag der Mensch einst unerschrocken sehen!

Ihr seid an mich, so nahen Gott, gebannt,

Nun fühlt es doch – ich kann euch nachts erwehen:

Im Hirne ist, nicht Erde schafft die Wand.

Das Drama

Verführerin, o Sonne, dein Gestrahle

Beblendet Kore, kühn im Feld;

An schwülem Tag, eine noch heißre Welt

Umfaßt das Kind vieltausendmale.

Ein Stern, der herzt: der Kuß durch Blitz zu Tale

Hat Kore übermannt – dem Gotte fällt

Die Jungfrau in den Arm; sein Lachen gellt

Wie Blut aufs Land, das rasch dem Blick zerfahle!

Wie ein Delphin am Strand, bleibt die Geraubte

Wach hingestreckt im Hadeswagen – ach!

Sie fühlt zu schwer die Glut im Gotteshaupte:

Noch ist für Liebeswucht das Mädchen schwach

Und schreit – blickt auf. Der Rappen Brand entschnaubte,

Nun hält sie Hades’ Brunst im Glastgemach.

Der Granatapfel

»Von diesem süßen Feuerkern genieße!«

Spricht Hades und gibt Kore sacht die Frucht:

»Sei furchtlos nun, tilg mir die Eifersucht,

Bis nie dein Wunsch zur Mutter mich verdrieße!

Bleib Kaiserin in unserm Reich: vergieße

Die Tränen in des Herzens Perlenschlucht,

Die ich im Busen auftue – mit Wucht,

Daß treuer Lenz bei Demeter ersprieße!«

Der Schale Bitterkeit ist tief vergangen,

Die Braut schenkt Hades reif den Kuß

Geplatzter Frucht nach keuschem Mädchenbangen.

Der Menschen wärmster Blutlichkeit Erguß

Durch eines Götterpaares Brunstverlangen

Erfunkt sich Frühlingstümer im Genuß.

Die Mutter

Für Frau Elsbeth Peterich

Vor Demeter, der besten, schwand die Tochter.

»Mein Kind!« war der Verletzten Scheidungs-Schrei.

Der Göttin Geist ergriff sich Raserei:

Sie strich von still – zu jäh – voll Leid, bepochter

Umgrottung Pans. Sie horchte; doch vermocht er

Nicht Wort, noch Ort zu finden, wo sie sei.

»So hilf mir Hékate! Mein Kind befrei

Vom Räuber! Wer entwand, wo unterjocht er

Das einzige, mir zarte Mägdelein?«

Rang Demeter. Das helle Weib am Weg

Belauschte seinen hohen Weihestein.

»O Mutter, hülle schwarz dich ein und leg

Vors Totentor das Ohr! Bei meinem Schein«,

So rief es: »findest du den letzten Steg!«

Die Sorge

Den Händen Demeters entgleiten Garben,

Der Finger krümmt sich, der die Sichel hält:

Besorgtheit wogt das Feld. Verzweiflung. Viel

Geknicktheit wettert hin, wo Schwache starben.

Im Land verschwanden nicht des Herbstes Farben;

Wie Hadespurpur naht als sanftes Ziel,

Zerbluten, doch entflammen auch – bei Spiel –

Daktylen oft, wenn Blutgeschöpfe darben.

Wo Demeter nun ruht, versinkt als Stufe

Zum Reich Erbleichender, beseelt der Stein.

Sie wandert oft. Troezen erschallt vom Rufe

In Pein. Hermione glüht im Scharlachschein

Vor der Weitwandernden, bis Styx erfährt,

Woher die Seelenflut sich schlammig nährt.

Eleusis

Mit deinen Fackeln, Demeter, entsteigen

Wir Sterblichen, dem Hades zu, der Erde.

In Fieberfinsterung beschnuppern Pferde

Der Heißverheimlichten, bei Heil und Schweigen,

Nun meine Schenkel wohl; die Schultern neigen

Den Kopf, voll Blutlast, zwischen die Beschwerde

Bemühter Mutiger um Plutos Herde:

Gespensterte umglasten uns im Reigen.

Wir werden stumm: uns Zukunft zu erfahren!

Hier wallt die Welt: ich warte bei Enthauchten,

Erkennbar noch am Urgeruch von Haaren;

Nun findet mich mein Hund: die mir enttauchten

Bekannten aber kann kein Sinn, in Scharen

Der schon Erlauchten suchend, wo gewahren.

Das Gebet

Gewogner Hades, Spender alter Gnade,

Der Mensch, durch Not, zum Opfer tief bereit,

Erfleht für eine Göttin, wirr im Leid,

Der Tochter Wiederkunft auf schwerem Pfade.

Gestatte Kore, von der Styx Gestade –

Erborgt aus feuriger Umwobenheit

In deinem Heim – auf fromme Frühlingszeit,

Erfreut zu sein durch Lerche und Zikade!

Gehärmtem Weib, der Mutter unsrer Fluren,

Begegne traut, bei Wärme kaum im Wind,

Des Kindes Knisterschritt um Krokus-Spuren:

Im Geiste doch erkenne dann geschwind

Die Froh-Erschrockne ihrer Tochter Kommen:

In guten Armen bleib sie aufgenommen!

Die Flöte

Geweihter Hades, deiner Urkraft Flamme

Umfächert uns mit Feuerfingern fürchterlich;

Doch bangt mir kaum vor Stachels nahem Stich:

Mein Blicken rings auf Düsterung zum Stamme,

Damit er sich mit Rinde klar beklammre,

Befahl dem Glast: Zerfahl’ geschwisterlich!

Im alten Walde sammelt sich das Ich,

Auch hilft mir Demeter, der Seele Amme.

So traut daheim, bei Tau und Morgenröte,

Verdankt das Auge Mandelzweigen Rast,

Denn himmlisch blühn sie auf ins Tal der Nöte.

Nun Amsel meines Liebens, frei vom Ast,

Beschwing dein Lied zum Lenz, mit Spiel der Flöte,

Wie du’s von Hirten sanft vernommen hast!

Die Au

Für Max Sidow

Die Apfelbäume blühen sanft wie Wangen:

Im Winde lachen Knaben vom Geäst;

Die kleinen Nackten suchen laut ein Nest

Und legen Eilein unters Blütenprangen.

Behutsam gleicht, ihr Zweige, dem Verlangen

Nach Blättersamt ums Blumen-Seidenfest;

Ihr winkt, an euch in zarter Pracht gepreßt,

Den Bäumchenherzlein in ergrüntem Bangen.

Bei schweigender Zypresse kennt das Kommen

Erhorchter Tochter Demeter und lauscht

Dem Pochen ihres Herzens froh-beklommen:

Oh, wenn sich Laub aus tausend Ästen bauscht!

Das goldne Knospenklimmen bleib verglommen,

Am Blau hat sich die laue Au berauscht!

Der Garten

Für Elena

Das Mittagsblau durchfrischt der Hauch von Firnen.

Ein Schwanenbild schwebt wolkenweich dahin.

Wem kämen Lichterherzen in den Sinn?

Auf See hält sie der Wind an Silberzwirnen.

Wohl blüht die Sehnsucht uns nach kühlen Birnen;

Der Zweige keuscher Schmuck zeigt Lenzbeginn:

Blauäugelnd merkt erfreute Bäuerin

Des Gartens Glanz aus winzigen Gestirnen.

Bemühtes Suchen summen uns die Bienen;

Ihr Birnenblütenberg bleibt duftbewebt,

Wie Baumgewölk verflockt ein Korbkomet!

Vielleicht ist Kore wunderhold erschienen?

Ob ihr – besorgt – die Tierlein goldig dienen?

Sie schwärmen kindhaft einer Königin Gebet.

Erfüllung

Der Schwester Else

Perséphone erscheint in Silberschleiern,

Um sanfte Mutter schlingt sie zart den Arm,

Entdüstert das geweihte Herz von Harm

Und sorgt sich, eigne Wiederkunft zu feiern.

Die Birnbäume beglücken uns mit Freiern,

Das Bauernhaus bejauchzt ein Schwalbenschwarm:

Das Frühjahr wurde wahr – sein Herhauch warm;

Geliebte Meisen picken sich aus Eiern.

Gemüt, bald laß bei Ölbäumen vom Bangen,

Zu ihren Silberzweigen blick um Rast!

Hier ist kein Weib verstört vorbeigegangen.

Wo, Mutter, du dein Feld gesegnet hast,

– Weil Kore wiederkam, mit heißen Wangen –

Sei, durch Zypressen, ich, zu Ruh erfaßt!

Spenden

Den holden Wohlstand gab, mit guten Händen

Die Mutter Demeter, wo sie geweilt;

Wer bei ihr blieb, wo sie vorbeigeeilt,

Erreichte Segnung zwischen kargen Wänden.

Ihr Spruch gebar das Korn auf Steingeländen,

Zypressen hat sie Blitzen zugesteilt,

Durch Kräuter das gekränkte Tier geheilt,

Uns stark gewünscht, daß Winters Sorgen schwänden!

Wo meine Schritte vor Eleusis stauben,

Weil laue Luft den Wandernden bemüht,

Erwarten Frohgesinnte uns in Lauben.

Von Demeters Verheißungen beglüht,

Stehn Männer fest gefaßt bei ihren Dauben,

Da bald im Faß die Sonne Wonne brüht.

Anbruch

Für Jopsa, Graf Matuschka

Zur Pflugschar tritt, von ferngebautem Wagen,

Triptólemos, ein nackter Knabe noch;

Sein Schlangenpaar entledigt er vom Joch,

Denn fröhlich mag es durch die Röte jagen.

Der Gott ist hoch, wie Ähren reifend ragen.

Ein Igel, der so frommes Kommen roch,

Entschlüpft, den Füchsen nach, aus wohlem Loch:

Der Maulwurf scheint das Wetter zu befragen.

Kristallnen Trank, dem Morgengold zum Gruße,

Reicht Kore ihm, mit schmaler Mädchenhand,

Denn Jungfrau ist sie wieder, fort vom Hades-Ruße.

Bewogt von großem Korn, gedeiht das Land:

Triptólemos, beglückt vom Überflusse,

Schwebt windleicht gaukelnd, lacht im Sonnenbrand.

Die Einladung

Die Wolken glitzern um die höchste Stunde,

Ein jüngster Wind versilbert sacht den Wald;

Die Ölbäume bekennen sich zur Gottgewalt

Und zittern von Athenas Nahen Kunde.

Ihr Silberwispern frommt aus hehrem Munde;

Doch – Demeter vernehmbar bloß – erschallt

Ein Ruf der Zeus-Entragten, als Gestalt:

Beglück Athen, Erkorene zum Bunde!

Da löst von Kore sich die große Mutter,

Gehorcht der Tochter des Kroniden schlicht;

In Fuhren folgt ihr hochgestuftes Futter.

Viel Korn kommt an, auch Überschwang an Butter:

Der Stadt enthüllt sich Demeters Gesicht,

Für Opfer nickt sie – tiefumfleht – Verzicht.

Aufschwung

Triptólemos hält Rast auf Kores Fluren.

Besinnt sich ihr Gemüt des Hades schon?

Erwacht, dem Schlafe zugedacht, der Mohn?

Bei Herbstzeitlosen mahnen Plutos Spuren.

Ob auch die Menschen seinen Ruf erfuhren?

Bald herrscht Perséphone vom untern Thron,

Hält die Hinabgespensterten in Fron:

Entflammte werden starr wie Erzfiguren.

Da weht sich Hermes auf die reichen Auen,

Trifft noch Triptólemos, zuletzt vergnügt,

Und winkt ihm, Schiff und Segelpracht zu bauen.

Bevor der Herold den Verzückten rügt,

Erwolkt der Götter Wünschen weich im Blauen,

Wofür ein Schiff flink Fertigkeit sich fügt.

Der Überfluss

Apollos Delphine umwogen im Bogen

Triptólemos’ Schiff mit ergoldetem Korn:

Poseidons Verwundrung zu plötzlichem Zorn

Besänftigt Athena, der Ausfahrt gewogen.

Ein Zauber, der nie, wo er blendet, getrogen:

– Von vorn, beim Sporn, obstspendender Born,

Mit Feigen durchsüßt, unsrer Demeter Horn –

Kommt Wellen beschwebend, nach Osten gezogen.

Der Gott ward von Hermes olymphoch enthoben;

Sein Schiff aber loht, ein ersternter Rubin,

Und scheitert, als Gabe zersamend, beim Toben

Poseidons, im schimmernden Gischthermelin:

Die Fülle ist heil über Inseln verstoben;

Apollozu schwingt sich ein liebster Delphin.

Wohlhabend

Für Max Sidow

Athenern brachte Demeter den Frieden:

Sie tritt zum Herde, wo die Ehe glückt,

Ihr Weiheheim bleibt gabenreich geschmückt,

Denn Wohlstand ward den Auen mitbeschieden.

Sie weilt auch gerne bei zufriednen Schmieden,

Hat ihren Hang zum Harnisch rasch entrückt,

Für jüngste Pflüge Hämmernde entzückt:

Bescheidne Geister kreisen nun hienieden.

Sie tritt bei Töpfern in die warmen Stuben.

– Verschleiert oft – am Ernste drum erkannt.

Sie bringt den Ton aus ungenannten Gruben,

Erfindet ein Gefäß mit leichter Hand.

Der frohe Mann blickt fromm, verstummt die Buben:

Die fremde Frau beschattet keine Wand!

Ergöttlichung

Athenerinnen sehn des Friedens Freude,

Als Göttin ihrer Stadt, nach altem Streit:

Sie bringen Opfer, kommen dienstbereit,

Daß lang der Krieg kein schweres Gut vergeude!

Die Herden bleiben fett, verschont von Räude:

Die Friedensfrau, mit freundlichem Geleit,

Umsorgt das Plutos-Kind, voll Zärtlichkeit,

Und strahlt am Markt vor marmornem Gebäude.

Das Weib zur Wohlheit kam aus Westen angezogen,

Eleusis’ Tor gibt Reichtümer der Welt:

Athen, dem kostbaren, ist Glück gewogen.

Ein Dreifuß ward vor die Gestalt gestellt,

Von Täubchen bleib der Weihaltar umflogen!

Mein Purpurteppich glüht dahingewellt.

Zur Feier

Ein Kytharöde singt zur Hochzeitsfeier:

So holder Hymenäos, Argos’ Sohn,

Wo Töchter Attikas, vor altem Thron

Der Demeter, sich wiegten nach der Leier,

Erschienen Jünglinge, als kecke Freier,

Poseidon lehrte sie des Schwachen Hohn:

Für Seegefahr, ergriffen sie, zum Lohn,

Die Mädchen und zerzausten ihre Schleier.

So stolzer Hymenäos, kühner Retter,

Du pfeiltest, ein Apollo, in den Troß:

Die Räuber schreckten weg, wie böses Wetter.

Wo goldenes Geschoß ihr Blut vergoß,

Verehrt dich Attika: der Braut als Better

Zu gutem Hochzeitsbund, bleib uns Genoß!

Ein Zug

Für meine Schwester Edith

Sehr fromme Frauen ziehen fort zum Meere

– Von Demeter ergriffen, weich gehüllt –.

Ein Wünschen, das Durchbangte lang erfüllt,

Beseligt sie, zu ihrer Göttin Ehre,

Geweihtes Sagen, aus des Herzens Schwere,

Das Kummer krümmt, sich im Gemüt verknüllt,

Emporzurufen, wo die Sturmsee brüllt:

Und alter Hang zum Hades birgt die Lehre.

Sehr fromme Frauen schauen ihre Tiefe;

Die Triebe welkten, flattern durch den Herbst,

Es wird, als ob uns Zukunftheil beriefe:

Ereigne dich, wo du dein Scheitern erbst,

Zur Gottheit sinnt man urverschwiegne Briefe,

Sie hält geheim, was du in Klippen kerbst!

Kap Kolias

Geweihtes Kap gewährt den Frauen Staunen.

Es staut vor hohen Wogen sich der Zug.

Ein Pilger ruht durch eigner Brust: Genug!

Gesang verklärt der Brandung schweres Raunen,

Des Meeres Ernst lebendigt tausend Launen;

Wer sich beherrscht, erkennt es: ohne Trug.

Besteht ein Mensch, der keinen Zwist vertrug?

Gib Stürmen Kriegers Antwort durch Posaunen!

Hier gilt es kaum, das Meer zu übertönen.

Wo überwand sich je Gewalt ein Herz?

Du sollst Bewegtheiten in dich erschönen!

Vollbring dein Schweigen: o es bleib aus Erz!

Nur nun. Du hörst der Hölle bloßes Stöhnen:

Sich draus gewöhnen, steigert geisterwärts.

Aphrodite

Aus tausend Brüsten aufgeschäumten Meeres

Erperlt der Aphrodite seltnes Licht:

Sie schwebt am Mittag schattenlos im Licht,

Du sahst noch nie – gegeistert – ein so hehres

Gebild, das dir vom Weibe spricht: begehr es!

O Liebe, für und gegen dich in Pflicht,

Erfahr ich Milde, find ich mein Gericht?

Ich weiß von Ewigkeit: uns nun ein schweres

Geheimbewalten altershoher Ehen.

Aus ihnen kommt der Himmel zu uns her:

Den Frommen bloß gebührt ein Leib als Lehen;

Nach Schicksalssternen funkle dein Begehr!

Von Scham des Blutes laßt euch keusch beweben,

Bleibt blaß! Das Auge blaut auf reinem Meer.

Die Erscheinung

Geliebtes Bild, du sollst bei mir erwarmen:

Du Weib und Wesen, weil in mich verliebt!

Ihr Wunder wäret nicht, wenn ihr verbliebt;

Und doch, mein Weib, noch halt ich dich in Armen.

Geheime Nacht bist herzlich: Stern-Erbarmen.

Auf einmal weinst du: wer uns Hilfe gibt?

Wie Freude durch der Triebe Schwermut siebt:

Ich kann nach deinem Kuß nicht mehr verarmen!

Mein Vater: Gott! Mir graut vor Deiner Güte.

Wo unverlangt, kam über uns das Glück.

Nun stütz mich Weib, daß ich dein Gut behüte!

Gewähr mir auch, daß Wonne dich berück!

Ersprühtes Wünschen wurde Glut zur Blüte:

An mich schenkst du, was Gott dir gab, zurück.

Geliebte

Geliebte, nimm uns hin mit schweren Schwächen!

Ich bin bloß Mensch aus eigner Leidenschaft:

Auf deinen Flechten goldet mir geborgne Kraft,

Als schlürft ich Glut aus hold besonnten Bächen.

Mit freien Augen glückt dir das Versprechen

Zu jüngster Wonne, die zu dir mich rafft;

Durch deine Sachtheit lieb ich mich in Haft

Und mag aus keinen Zartgewinden brechen.

Geliebte, laß mich knien zu deinen Füßen;

Vergrab so warm die Hand im spröden Haar:

Ein Blick empor mag unsern Himmel grüßen!

Wer weiß, ob einst die Seele ruhig war?

Wohl schwand sie sanft aus allzu trauten, süßen

Gefühltheiten in Fremde und Gefahr.

Beruf

Für Toni Sussmann

Geliebte Menschen, schwach durch alte Plagen,

Ihr seid von Gott enttäuscht und seiner Welt:

Wie brauch ich euch und unser Himmelszelt!

Ein Weib vernimmt nur des Entblößten Klagen!

Du mußt – gesamt – die Sternenherkunft tragen,

O Mensch, du bist vor Mühsal nie zerschellt:

Fürs Weib zu sorgen, bleibt dem Mann Entgelt,

Denn Frieden freut ihn nicht, er hofft aufs Wagen!

Ein Menschtum fordern heile Leidenschaften.

Was Hingesonnenheit im Nächsten liebt,

Verlangt nach Künstlertum, zu wunderhaften

Erbauungen der Seele, die zerstiebt,

Wenn Triebe nicht um edle Mahnung haften:

Verbleib der Hilflosen, die Pflichten gibt!

Hellas

Für Lukas Peterich

In Hellas ward die Gottheit hold gestaltet;

Auf Meer und Inseln sehne dich hinaus!

Nie faßt dich dort vor Menschen alter Graus:

Sie haben sich zur Sonne stolz entfaltet.

Gesang, der treu – durch die Besinnung – schaltet,

Geleite dich um dein vertrautes Haus!

Gemüt, bald wird dir wohl bei Windgebraus:

Du spürst, wie Herzensblut im Grauen waltet.

Der Krieger tritt gefaßt zum schönen Weibe:

Die Leidenschaften wägt ein großes Maß,

Daß Anmut ernstgeübten Leibern bleibe!

Bei Spielen, die kein kühnes Lied vergaß,

Erblickst du Jünglinge mit heller Scheibe:

Sie adeln Wettstreit, als geglückten Spaß.

An Pindar

Des Barden Ruhm vollendest du beim Ringen

Gebräunter Jünglinge um holden Preis,

Bescherst dem Herrlichsten gesungnes Reis,

Nach Wettkampf und des Läufers Sieg-Erspringen.

Wie lieblich deines Staunens Silben klingen,

Wenn ein Gedichteter erschaudernd weiß:

Zu blutendem Erinnern perlt mein Schweiß,

Von mir kann Kunde kühn zu Kriegern dringen!

Um Hellas funkeln, Pindar, deine Sorgen,

Apollo lodert dir als Gott und Held:

Im Jüngling strahlt uns dein gepriesner Morgen.

Des Edlen Leib verklärt dir frei die Welt:

In seltnen Menschen bleibt ihr Stolz geborgen,

Ein Herz Behältnis für das Himmelszelt.

Der Sieger

Für Lukas Peterich

Athen bejauchzt seinen berauschten Sieger,

Dem in Olympia Ruhmestat gelang;

Von Lauf und Ringen kündet leicht der Gang:

Er glich, beim Hinsprung, Ikaros dem Flieger.

Wohl wünschte kühn sein Volk: die Glieder schmieg er,

Gewandter als ein Dorer ihn beschlang,

Um Gegners Nackenpracht, durch Kampfesschwang,

Und überwältige ihn wie ein Tiger!

Erjubelnde, auf vollen Marmorstufen,

Umpreisen den Gekrönten mit Gesang:

Begrüßt doch Glückliche gewognes Rufen!

Auch für Athen verlangt ihn nach Empfang:

Ergreiste, die zu seiner Ehre schufen,

Umhalst ein Arm, der Lehrern Sieg errang.

An Anakreon

O Lober des Dionysos, Preiser des Weines,

Anákreon, Sänger so holder Gestalt,

Ich huldige auch des Bacchos’ naher Gewalt:

Ach, gliche dem Lied deiner Gottfeiern meines!

Entblitzte der Liebe ein hingefunkt-reines

– Urfrommend, doch eignes – Gedicht mir, so alt

Wie Weisen entzündender Weltengehalt:

Gelänge Erfülltsein Gehülltheit des Scheines!

Anákreon, Sehnsuchten singender Seher,

Dein Weh überwellt uns ein inselndes Meer:

Du pochst an die Pforten Verliebter; nicht eher

Entweiche vom Weltweg, als bis der Begehr

Nach flammenden Herzen veratmet! Beweher

Erglühender, wettre auf Wolken einher!

O Sonne

Alice Berend zugeeignet

O birg in kühnem Leben Sonnenstunden,

Dein Wesen bleib um Wonne hold in Sorgen;

Die Sonne schenkt sich fordernd: borg zu borgen,

Laß eignen Überschwang durch Gold umrunden!

Wie froh gekühlte Sommermonde munden!

In Weinesröte loht ein stolzer Morgen

Der ewigen Erwachtheit traut geborgen:

Sein Tag in uns singt alte Sonnenkunden.

O Sonne, meine Seele sei ein Garten,

Berühre sacht der Triebe zartes Sprühen:

Ein Mensch ist lenzgewohnt, weil voll Erwarten!

O Sonne, weil behutsam um mein Mühen:

Wir fühlen freudig ferne Feuerfahrten,

Die, fruchtbar durch den Geist, für dich erglühen!

Wesen

Alice Berend zugeeignet

Aus Sonne ist mein Wesen hergesponnen:

Empfohlen ward ein Leib in seine Hut,

Und er gedeiht, denn eifrig quillt das Blut,

Mein Auge nun hat fromm sein Glück begonnen.

Der Sonne zu, bin ich aus Haft entronnen,

In der umwurzelt Gott auf uns beruht;

Jetzt seh ich Ihn: sein Blick bewahrt mich gut,

Drum Welt, dir hab ich goldnen Preis gewonnen!

Dem Baum verwandt, mit seinen Frühjahrstrieben,

O Mensch, bin Sonne ich und dann ihr Regen;

Ein Heimatwind wird unsre Wipfel lieben.

Wie Schatten mag sich Demut um dich legen:

Doch Sonnenkünder, der so kühn geblieben,

Lebendiger, besorg der Söhne Segen!

Die Göttin im Garten

Begegne der Göttin der Liebe im Garten!

Sie sei dir das sonniglich sorgsame Weib!

Sie wolkte vom Meere – verhüllt war der Leib –

Und trat zu den Pflanzen, die bang ihrer harrten.

Nun hegt sie uns treu, nach fremdhaften Arten:

Seid freudig und fromm, daß lang sie verbleib,

Die Feinde der Leute beim Dorfe vertreib,

Wir sollten sie morgens, im Taublau, erwarten!

Verehrt sie und haltet im Hühnerhof Tauben;

Auch Schildkröten liebt ihre Sachtheit im Grün;

Genügsamkeit lobt, wenn sich Büsche belauben!

O wüßtet ihr, wie sie euch hilft beim Bemühn,

So würden wir fürstliche Obstopfer klauben!

Sie bleibt uns ja nah, bis die Trauben erglühn.

Die Göttin beim Volk

O bleib beim Volk, geliebte Aphrodite!

Zur Vorstadt und Gehöften schickst du Tauben:

Wenn stadtwärts Wagen mit Berauschten stauben,

Befügst du sie in freudvolle Gebiete.

Du bietest Mädchen an, auf schnelle Miete,

Besänftigst Stürmische in dichten Lauben,

Daß sich Verwegne keine Jungfrau rauben:

Erfreut sei, wer vor Schenkelsäulen kniete!

Du bist beim Volk: drum lebt es nun zufrieden.

Wer staunte nicht, wie du dein Reich erweiterst,

In allen Gauen ist dir Gunst beschieden!

Geliebte Göttin, da du uns erheiterst,

Entschweb mir nicht, verweile sanft hienieden:

Herbeigeschiffte, bleib, daß du nicht scheiterst!

An Sappho

Berühmte Sappho, Künderin des Feuers

Verzückter Liebe um ein schlankes Wesen,

Du hast so zarte Silben sacht erlesen,

Verklärter Sang zu sein des Abenteuers,

Das hin, vor des Umarmungsungeheuers

Gewalt, dich streckte: ich bin Weib gewesen!

Du mußtest aus dem Rausch zu Mut genesen:

Nun segle ewig, Brecherin des Steuers!

Des Weibes Leidenschaft durchschwärmt der Meere

Felshalsendes Bestürmen, dann Zerstäuben,

Und gischtet steil geschmettert in die Leere.

O, wie die Sehnsüchte sich brünstig sträuben,

Zermalmt zu sinken, durch der Mahnung Schwere:

Zu Herzens Ehre sollst du Lust betäuben!

Ums Mond-Meer

Vernarrter Alp – ob Mond? – in kühler Liebe,

Zerdrückst du das Gewölk und wühlst ums Meer.

Gewogne Unholde beträum ich schwer

Und reck mich schräg: wie ich in Schwebe bliebe?

Mein Schlaf, jetzt stiebt verwünschtes Schwirrgetriebe:

Uns rührt gegeilter Wünschlein Schlüpfbegehr,

Sie flimmern flink zum frischen Schwesternheer:

Nun schöpft im Schlamm, bald bleibt ein Aal im Siebe!

Du mußt die Haschsucht nach dem Lichtloch strecken!

Dort oben; doch es sinkt mir, wie gewohnt –

– Voll Wolken schon – wer wird es hold verstecken?

O Wonnewogen, wie sichs wohlig lohnt,

Euch – kraus in Krägen – bloß im Hemd, zu necken:

O Mond, von Menschlein werd ich toll umwohnt.

Die Göttin der Gestirne

Für Will Frieg

Wir müssen, als Mond, zu der Sternen-Vertrauten,

– Uns funkelnde Göttin – den Aufschwung beflügeln,

Gehimmelter Weltwunsch entwand sich aus Zügeln,

Die blitzlich in schlingernde Schiefen zerblauten.

Erblick du dich, Schmachter, bei Perlen und Rauten!

Wenn bändernde Bäche den Heimschlich erklügeln,

Entgeister, mit gleißendem Mondglanz, den Hügeln

– Wohl Mündungen zu – wo sich Sehnsuchten stauten!

Wir müssen, als Mond, zu der Sternengeliebten,

Die Urbrunst zur kommenden Sonne beschwichtigt:

So spür, wie ihr kränkelnde Möndchen entstiebten!

Wenn bloß uns ein Herz junge Weisung berichtigt,

So schweift mich Beruf durch die sternsteilen Bauten,

Wo ernst wir die Braut, vor den Müttern, erschauten!

An Homer

Gedichteter, noch mächtiger, weil freier

Als der Kronide, Herr im großen Meer,

Umplätschre uns, Besänftiger: Homer,

Dir sei, in Hellas, blauer Tag die Feier!

Drei Musen lobten, zu Apollos Leier,

Der Männer heldenhaften Kampfbegehr,

Athena bracht ihn dem Achajerheer

Und dachte, bei Atriden glüh, gedeih er!

Homer, du hast Achill zur Schlacht erkoren,

Warst seine Stimme durch der Zelte Flucht,

Ein Schrei der Seherin vor Ilions Toren;

Dein Rufen schürte der Verwegnen Wucht,

Die Ruhm, in heilem Sang zum Tod, erkoren:

Dann ruhtest du – wie Meer – in runder Bucht.

Mein Meer

Sapientum templa serena.

Lucretius

Mein Meer, Millionen holde Wesen pochen

Um stummes Eiland aus verloschnem Traum;

Wie wälzen sie sich schwer und wispern kaum:

Du hast den Seelen Stille doch versprochen!

Beschäumte Tiger kommen angekrochen,

Auch tolle Hunde, mit dem Maul voll Schaum,

Des Hades Brut entbäumt sich Plutos Zaum

Und wütet, Wüsten wild zu unterjochen!

Enttauche nun, erstauntes Wunderschauen:

Gekrümmte Rhythmen spannt das steile Zelt,

Die Sonne singe leicht und frei im Blauen!

Wie zart und durchsichtig wird meine Welt!

Gewelle ihrer Meere faßt Vertrauen,

Daß einst der letzte Möwenschrei zergellt.

An Plato

Florens Christian Rang zugeeignet

Es trafen sich die Sonnen auf der Stirne,

Die Plato schwer zur innern Hut geneigt;

Er wußte, durch des Leibes Blutbusch zweigt

Ursprünglichkeit des Herzens, bis zum Firne

Krystallhafter Gestalten überm Hirne,

Zu dem sich der Erbrachtheit Spiegel zeigt:

Dann, unter Kühle, wo die Preisung schweigt,

Erklingt der Gang ergöttlichter Gestirne.

Ihr Himmeln wandelte unter Platanen,

Da Plato, du, den alten Staat entwarfst!

Kein Mann erschritt Vollzug so klug den Ahnen,

Als er, der sich besonnen hat: du darfst,

Zu steigen, Liebendlebende ermahnen!

Ergreif uns Herr, der du Gesetze harfst!

Meine Erde

Der Freundin Toni Sussmann

Zu große Sonne fand ich auf den Wegen,

Uns holde Erde, hin zur offnen See;

In deinen Grotten schrie ich auf, vor Weh,

Doch bald betraf mich sachter Sternensegen.

Mir bleibt an später Wiederkunft gelegen:

Das Leben lieb ich, wo ich Kinder seh,

Auch Wald und Wesen – ach, zumal das Reh;

Wann dürft ich traumreich meinen Garten hegen?

Du sollst, bei Blumen, dich für Sterne sammeln,

Wir sind noch für die Erde fast zu jung,

Vermögen kaum, Versprechen wahr zu stammeln!

Warum die Furcht vor unserm Hadessprung?

Vor Sternendrachen mag ich mich verrammeln,

O Mutter, gib mir tief Beruhigung!

An Phaidros

Rudolf Pannwitz zugeeignet

Geliebtes Taumbild, über mir in Schwebe,

Vielleicht mein Zwilling, sternhin abgeneigt

Von diesem Wesenswuchs, der sich verzweigt,

Doch fromm macht, daß der Blick sich dirzu hebe,

Ich weiß wohl, wie ich flehend elend lebe!

Ein Bruderflug, der immer steiler steigt,

Mich bald als Ares, ein Gestirn, umreigt,

Entkreist, weil ich dem Schmachten mich ergebe.

Auf seinem Boden weilt der stolze Bauer,

Bringt bloß den Göttern hohe Opfer dar,

Durch ihn empfängt die Erde Halt zur Dauer.

Dein Phaidros flog davon und glaubt dem Aar.

Das Herz bestimmte dir Gesang der Trauer:

Doch blieb ich, wo ich seltsam selig war.

Pegasus

Für Carl Schmitt

Auf großen Wogen, Sohn der Gorgo, fliege,

Beschwingtes Roß, ins Tagesgold empor!

Ich blicke hin, aus buntem Bogentor

Der Sonne, nach bedrohtem Wolkensiege:

Die Nebel perlen ihr, als Himmelsstiege,

Erschreckt und rasch zu Tal: sie fruchtet vor.

Doch Pegasus, nun strahl als Meteor,

Entzück mein Blut zum Sang im Sonnenkriege!

Wir folgen dir durchs Flügeln unsrer Ruder:

Ein Glückender, Berufer, stürz dir nach!

Ich traue ihm durch Glauben an den Bruder.

Erlieblichung der Schwester aus der Schmach

Gelingt dem Irdischen: den Urfluch lud er

Auch seinem Herzen auf, das Mut versprach.

An die deutsche Sprache

Ein mächtiger Mond überwältigt Gestalten,

In Stummheit um schauderndes Spüren gebaut,

Gebeut ihnen: Sagt! Und da hör ich den Laut

Der Vorfahren freundlich im Wunderwald walten.

Ich seh Zugedichtete Ansprachen halten:

Woher an das Ich, daß ihm hingebannt graut?

Bald lispelts durch Finsternis lieblich und traut:

Was wolkt, als ob Sprachen ums Mondwort sich ballten?

Ich lächle bloß einer: da stürzt sich ihr Segen

Aufs Fühlen aus Glück, daß ich Mensch bin, herab.

Dann tret ich dem Monde bekennend entgegen:

Er schirrt ein Gespann mir, zu rhythmendem Trab!

Der Fron frei entdacht, übertrumpft mich Sich-Regen

Geschildeter jäh: ihre Reden sind knapp.

An die Heimat

Geliebte Heimat, bleiches Bild im Winde,

Olivenhain in der Zypressen Hut,

Beseeltes Meer, so voll Bestürmungsglut,

Betrau mit Wohllaut mich – zum Angebinde,

Dem eingehändigten dir, fremden Kinde!

Du sinnst wie eine Mutter, leuchtend, gut;

Italia, dirzu strahlt der Stern im Blut,

Sein Hoffen blickt dich an, so bleib gelinde!

Zu hoher Sonne sprossen meine Triebe.

Gesund im Süden, steh ich stark an Wuchs:

Blieb Süße auch Besinnung bloß an Liebe!

Gelänge mir, als Zier des Krönungsschmucks,

Der hell auf deinen schwarzen Flechten ruht,

Ein Lied, voll Funkelglut, durch dunklen Mut!

Aus Verlorenheit

Meinem Vater

Gelobtes Land der Eltern mir, des Sanges,

Einst wähnt ich mich verträumt an deinen Rhein,

Erzählte Nordgold, dort gehört zu sein:

Ein Horn so vollen Sonnenüberschwanges,

Daß altes Licht, aus Magierhand am Ganges,

– Auf Gletscher überstülpt – zu Urgedeihn

Aus Finsternis, euch fordern sollte und befrein,

Beschloß ich deutsch zu bringen: wohl gelang es!

Noch weil’ ich fort, im Morgenland, beim Wogen

Beseelter See um Hellas’ hohen Strand!

Verheißungen, ihr habt noch nie getrogen:

Ein Donnern holt uns bald! Dann schwankt die Wand.

Wer griff zum Blitz? Von Lichtschwertern beflogen,

Ersprüht das Reich. Umfaß uns Flammenband!

Den Griechen

Das Inselmeer zertrümmert eine Sonne,

In zärtlicher Umblauung, jeden Tag,

Beschenkt mit ihren Splittern Wald und Hag,

Beschert auch uns Verwundertheit und Wonne.

Der Mann durchgoldet froh die kühle Tonne

Mit Saft, der Plage mundendem Ertrag:

Er stärke ihn vom Palikaren-Schlag,

Die Söhne auch, als kommende Kolonne!

Reicht heitre Griechensonne mir im Becher!

Der Trank ist stark: ihr Gastlichen habt Dank!

Zu euch gehört der Fremdling bald als Zecher.

Des Weines Heimat feiern wir mit Sang.

Sein Gott war kühn und ein beherzter Sprecher:

Von Freiheit kündet uns der tolle Schwank.

Wunsch

Ich schlürfe Freude aus des Freundes Schale,

Dir, Sonne, bring ich kühnes Feuer dar;

Aus wo-gebundner, ungenannter Schar,

Verkünden wir dein Lob, in offnem Saale.

Du lädst uns sorglos ein zu freiem Mahle,

Wir nahen: Wachsame beim Lichtaltar.

Dir dankt, zur Hochzeit, das beglückte Paar,

Im Auge funkt Beschluß vom Herzensstrahle:

Wir schwanken nicht zurück vor deinem Fordern,

Erglühte Hüter deiner Huld zu sein!

Bewährt ich, dir zu taugen, mich bei Vordern!

Durch eigne Güte, Sonne, sind wir dein:

Du sollst mein Lied zum Morgengruß beordern,

Am Mittag mag des Mannes Mut gedeihn!

Halimus, im Frühjahr 1923

Dante Alighieri – Die Göttliche Komödie

Dante Alighieri

Die Göttliche Komödie

(La Divina Commedia)

Die Hölle

Erster Gesang

Es war in unseres Lebensweges Mitte,

Als ich mich fand in einem dunklen Walde;

Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.

Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald,

Der wildverwachsen war und voller Grauen

Und in Erinnrung schon die Furcht erneut:

So schwer, daß Tod zu leiden wenig schlimmer.

Doch um das Heil, das ich dort fand, zu künden,

Will, was ich sonst gesehen, ich berichten. –

Wie ich hineingelangt, kann ich nicht sagen,

So schlafbenommen war ich um die Zeit,

Als ich zuerst den wahren Weg verlassen.

Doch, als ich eines Hügels Fuß erreichte,

An welchem jenes Tal zu Ende ging,

Das mir das Herz mit solcher Furcht befangen,

Blickt’ ich empor, und sah des Hügels Schultern

Bekleidet schon mit des Planeten Strahlen,

Der uns den rechten Pfad zeigt allerwege.

Beruhigt wurde da die Furcht ein wenig,

Die in des Herzens See mir angedauert

Die Nacht durch, die so angstvoll ich verbrachte.

Wie einer, der mit ganz erschöpftem Atem,

Dem Meer entronnen, das Gestad’ erreicht,

Auf die verräterische Flut zurückblickt,

So wandte sich mein Geist, noch immer fliehend,

Zurück, um zu beschaun die dunkle Talschlucht,

Die keinen, der drin weilt, lebendig ließ. –

Als etwas ich den müden Leib gerastet,

Setzt’ ich den Weg am wüsten Abhang fort,

So daß der ruh’nde stets der untre Fuß war.

Doch, siehe, fast bei dem Beginn des Anstieg’s,

Ein Panthertier, leichtfüßig und behende,

Das überdeckt war mit gestecktem Haare.

Vor meinen Augen wich das Untier nimmer

Und störte mich so sehr in meinem Wege,

Daß mehrmals schon zur Umkehr ich mich wandte.

Es war die Zeit der ersten Morgenfrühe;

Die Sonne stieg empor mit jenen Sternen,

Die sie begleiteten, als Gottes Liebe

Zuerst bewegte diese schönen Dinge,

So daß kein Unheil mich befürchten ließ

Von jenem Tier mit buntgeflecktem Felle

Die Stunde, wie die schöne Jahreszeit.

Doch war darum der Schrecken nicht geringer,

Der mich ergriff beim Anblick eines Löwen,

(Erhabnen Hauptes und mit grimmem Hunger

Kam dieser dräuend auf mich zugeschritten,

So daß die Luft vor ihm zu fürchten schien)

Und einer Wölfin, die von jeder Gier

Besessen schien in ihrer Magerkeit,

Und über viele schon Verderben brachte.

Sie gab mir durch die Furcht, die von ihr ausging,

So großes Ungemach, daß ich die Höhe

Des Berges zu erreichen nicht mehr hoffte.

Und wie der Mann, der gern Reichtümer sammelt,

Wenn eine Zeit kommt, die Verlust ihm bringet,

In seinem Herzen sich betrübt und wehklagt,

So ward mir ob des friedelosen Tieres,

Das wie es auf mich zukam, ganz allmählich

Mich dahin drängte, wo die Sonne schweiget.

Und während ich zur Tiefe niederstürzte

Erschien mir plötzlich eines Mann’s Gestalt,

Der heiser mir, vor langem Schweigen, däuchte.

Als in der großen Wüst’ ich den erblickte,

Rief flehend ich ihn an: Erbarm dich meiner,

Sei’st du ein Lebender, sei’st du ein Schatten. –

Kein Lebender, wohl war ich einst ein solcher.

Lombarden waren meine Eltern beide

Und ihre Vaterstadt war Mantova.

Geboren unter Julius, wenn auch spät,

Lebt’ ich in Rom zur Zeit August’s des guten,

Als man die falschen Lügengötter ehrte.

Ein Dichter war ich, sang von des Anchises

Gerechtem Sohne, der von Troja kam,

Als Ilion war verbrannt, die stolze Veste.

Doch du, weshalb zu so viel Plage kehrst du?

Weshalb ersteigt du nicht den schönen Berg,

Der Anfang ist und Ursach aller Freude? –

So bist du der Virgil und jene Quelle,

Der so gewalt’ger Redestrom enfließet?

Entgegnet ich mit schamgefärbter Stirne.

O Licht und Ehre du der andren Dichter,

Mein Eifer, meine Liebe für dein Buch,

Die ich bewährt, sei’n mir bei dir Empfehlung.

Du bist mein Meister, du mein hohes Vorbild,

Und nur von dir hab’ ich die schöne Schreibart

Entnommen, die zur Ehre mir gereichte.

Sieh jenes Tier, das mich zur Umkehr trieb.

Errette mich vor ihm, gepriesner Weiser,

Denn Puls’ und Adern macht es mir erbeben. –

Willst du entgehen diesem argen Orte,

Erwidert’ er, als er mich weinen sah,

So mußt zu and’rer Reise du dich wenden,

Denn jenes Tier, das deiner Klagen Anlaß,

Gestattet niemand, diesen Weg zu ziehen.

Es hindert jeden, bis es ihn getötet.

So bös geartet ist es, so verworfen,

Daß seine schnöde Gier es nimmer sättigt

Und nach dem Fraß mehr Hunger als zuvor hat.

Viel Tiere sind, mit denen es sich gattet,

Und mehr noch werden sein, bis daß der Rüde

Erscheinen wird, der unter Qual es tötet.

Nicht Land, nicht Silberblech sind seine Speise,

Wohl aber Weisheit, Christenlieb’ und Tugend.

Daheim ist zwischen Feltro er und Feltro.

Italien wird er retten, das gebeugte,

Für das Camilla einst, die Jungfrau, starb,

Eurialus, Turnus, Nisus sich verblutet.

Von Stadt zu Stadt wird er die Wölfin jagen,

Bis er zurückgetrieben sie zur Hölle,

Von wo der erste Neid sie losgelassen.

Weshalb zu deinem Heil ich denk’ und ordne,

Daß du mir folgst; ich will dein Führer sein.

Geleiten werd’ ich dich durch ew’ge Räume,

Wo der Verzweiflung Schrei du wirst vernehmen

Von jenen alten schmerzgebrochnen Geistern,

Die alle nach dem zweiten Tod begehren.

Dann wirst du jene sehn, die in den Flammen

Zufrieden sind, weil sie, wie spät auch immer,

Zu den Erwählten zu gelangen hoffen.

Willst auch zu diesen du empor dann steigen,

Wird eine Seele, würdiger als ich bin,

Dahin dich führen, wenn ich von dir scheide.

Denn, der dort oben herrscht, des Weltall’s Kaiser,

Will, weil ich unbefolgt ließ sein Gesetz,

Nicht, daß durch mich in seine Stadt man komme.

Im Weltenall gebeut, doch dort regiert er,

Dort ist die Stadt und dort sein hoher Thron.

Gesegnet ist, wen dort er auserkoren. –

Und ich zu ihm: O Dichter, ich beschwöre

Bei jenem Gotte dich, den du nicht kanntest,

Damit ich dies und größ’res Unheil fliehe,

Daß du mich dorthin führest, wo du sagtest,

So daß des heil’gen Petrus Tür ich sehe,

Und jene, die du schilderst als so traurig. –

Dann ging er, und ich folgte seinen Schritten.

Zweiter Gesang

Der Tag entfloh, das abendliche Dunkel

Entnahm die Tiere, die auf Erden weilen,

Allseitig ihrer Müh; nur ich allein

Bereitete mich vor zum Doppelkampfe

Der Wanderschaft sowohl als auch des Mitleids,

Den die Erinn’rung, die nicht irrt, nun melde.

Jetzt, Musen, helft mir, hilf erhabner Geist,

Gedächtnis, das verzeichnet, was ich schaute,

Hier möge sich dein Adel offenbaren!

O Dichter, hub ich an, der du mich leitest,

Erwäge meine Kraft, ob sie auch hinreicht,

Eh du mich wagen läßt die kühne Wandrung.

Zwar sagst du, daß des Silvius frommer Vater,

Verweslich noch zur wandellosen Welt

Gepilgert sei mit seinem Erdenleibe;

Doch, wenn der Feind des Bösen, in Erwägung

Der Zukunft, die sich an Aeneas knüpfte,

Des wer und was, ihm solche Gunst gewährte,

Kann tiefer Denkende das nicht befremden,

Weil er erkoren war im Empyreum

Zum Vater Rom’s und seines hohen Weltreich’s.

Denn beides war, die Wahrheit zu bekennen,

Vorherbestimmt zum gottgeweihten Orte,

Wo der Nachfolger Petri seinen Sitz hat.

Auf jener Wanderung, die du ihm nachrühmst,

Vernahm er Dinge, die zu seinem Siege

Und zu der Päpste Mantel mitgewirket.

Auch das erwählte Rüstzeug ging hinüber,

Um für den Glauben Kräftigung zu bringen,

Der Anfang ist zum Wege der Erlösung.

Doch welchen Grund hab’ ich und wer gewährt mir’s

Aeneas bin ich nicht und bin nicht Paulus;

Für würdig hält mich niemand und ich selbst nicht.

Drum, wenn dem Wunsch des Gehn’s ich mich ergebe,

Befürcht’ ich Törichtes zu unternehmen.

Erwäg’ es selbst, der weiser du als ich bist. –

Und wie, wer nicht will, was zuvor er wollte,

Und, neues sinnend, seinen Vorsatz ändert,

So daß sein erstes Ziel er gänzlich aufgibt,

So widerfuhr mir an dem düstren Abhang.

Bedenkenvoll entsagt ich dem Beginnen,

Das, als ich es ergriff, bei mir so feststand. –

Wenn richtig deine Meinung ich verstanden,

Erwiderte der Schatten jenes Hohen,

Hat Kleinmut deiner Seele sich bemächtigt,

Der oft in solchem Maß den Mann betöret,

Daß er von ehrenvoller Bahn ihn abzieht,

Wie falsches Sehn die Tiere, wenn sie scheuen.

Damit von solcher Furcht du dich befreiest,

Vernimm, weshalb ich kam und was ich hörte,

Als deiner mich zum erstenmal erbarmte.

Ich weilte da, wo Freude nicht noch Pein ist.

Da rief ein Weib mich, die so schön als selig,

So daß, mir zu gebieten, ich sie ansprach.

Ihr Auge leuchtete so hell als Sterne,

Und leis’ und langsam hub sie zu mir an

Mit engelgleichem Laut in ihrer Rede:

Du wohlgesinnte Mantuanerseele,

Von deren Ruhm die Welt noch itzt erfüllt ist

Und bleiben wird so lang’ als die Bewegung,

Mein Freund, der aber nicht des Glückes Freund ist,

Wird an dem wüsten Berghang so behindert

In seinem Weg, daß er vor Furcht zurückweicht.

Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte,

Besorg’ ich fast, er sei schon so verirret,

Daß ich zu spät zur Hilfe mich erhoben.

So eile denn, mit kunstgeübter Rede

Und dem, was sonst zu seiner Rettung nottut,

Ihm so zu helfen, daß ich sei getröstet.

Ich bin Beatrix, die zu gehn dir aufträgt.

Dorthin zurück, woher ich kam, verlangt mich.

Die Liebe hieß mich gehn und heißt mich reden.

Bin ich demnächst aufs neu vor meinem Herren,

So werd’ ich oft, was du getan, ihm rühmen. –

Dann schwieg sie; aber ich begann zu reden:

O Frau, so hochbegnadigt, daß die Menschheit

Nur ihretwillen alles überraget,

Was sonst noch in sich schließt der engste Himmel,

So sehr ist mir, was du befiehlst, willkommen,

Daß, hätt’ ich’s schon getan, zu spät mir’s schiene;

Mir deinen Wunsch mehr zu enthüll’n bedarf’s nicht.

Doch, sage mir den Grund, daß du nicht Scheu trägst,

In diesen Mittelpunkt herabzusteigen

Vom weiten Raum, wohin du dich zurücksehnst. –

Verlangst du denn so tief eingehnde Auskunft

Sprach sie zu mir, will ich dir kurz berichten,

Warum, hierherzukommen ich nicht fürchte.

Furcht hegen soll man nur vor solchen Dingen,

Die Schaden uns zu tun, die Macht besitzen;

Vor andren nicht, weil nichts an ihnen furchtbar.

Durch seine Gnade schuf der Herr mich also,

Daß all’ eu’r Elend mich nicht kann berühren,

Und dieses Brandes Flamme mir nichts anhat.

Ein holdes Weib beklagt im Himmel droben,

Das Hindernis, zu dem ich dich entsende,

So daß sie harten Richterspruch dort umstößt.

Lucìen trat sie an mit ihrer Bitte,

Und ihre Worte waren: dein Getreuer

Bedarf itzt dein und dir sei er empfohlen. –

Lucìa, die jedweder Härte Feind ist,

Begab sich zu dem Ort, wo ich verweilte,

Wo ich mit Rahel saß, der Tochter Laban’s.

Beatrix, sprach sie, wahres Lob des Herr’n,

Was hilfst du dem nicht, der dich so geliebt hat,

Daß er um dich verließ den großen Haufen?

Vernimmst du nicht den Schmerzlaut seiner Klage,

Gewahrst du nicht den Tod, der mit ihm streitet

Am Flußgestade, schlimmer als der Meerstrand? –

Dort in der Welt war niemand je so eilig,

Ihm Dienliches zu tun, zu fliehn den Schaden,

Als ich, nachdem ich dieses Wort vernommen.

Zu dir kam ich von meinem sel’gen Sitze,

Auf deiner würd’gen Rede Macht vertrauend,

Die dich und alle, die sie hörten, ehret. –

Als diese Wort sie zu mir gesprochen,

Verwandt’ in Tränen sie den Glanz der Augen,

Wodurch sie zu noch größ’rer Eil mich antrieb.

Wie sie geboten, kam ich her zu dir,

Und führte dich hinweg von jenem Tiere,

Das dir zum Berg den graden Weg versperrte.

Was hast du nun, daß du noch länger zauderst,

Was nährest solchen Kleinmut du im Herzen?

Was hegst du Zuversicht und frischen Mut nicht,

Da drei so hoch gebenedei’te Frauen

Im Himmelshof fürsorgend dein gedenken

Und meine Rede solches Heil dir zusagt? –

Wie Blümlein, die der Nachthauch schloß und senkte,

Sobald die Morgensonne sie erleuchtet,

Sich auf dem Stiel aufrichten und erschließen,

So kräftigte sich mein gesunkner Mut,

Und so viel Sicherheit gewann mein Herz,

Daß ich begann, wie wer von Zweifeln frei ist:

Gesegnet sei, die mir zu helfen eilte.

Dir aber dank ich, daß du gern bereit warst,

Zu tun, wie wahrheitstreu sie dir gesagt hat.

Den Wunsch, mit dir zu gehn, hast du im Herzen

Mir also angefacht durch deine Worte,

Daß ich zurück zum ersten Vorsatz kehrte.

So geh’ denn; nur ein Will’ ist in uns beiden.

Sei du mir Herr, mir Meister, sei mir Führer. –

Da wandt’ er sich zum Gehn, und unsre Schritte

Betraten einen Pfad, der rauh hinabstieg.

Dritter Gesang

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,

Der Eingang bin ich zu den ew’gen Qualen,

Der Eingang bin ich zum verlor’nen Volke.

Gerechtigkeit bestimmte meinen Schöpfer,

Geschaffen ward ich durch die Allmacht Gottes,

Durch höchste Weisheit und durch erste Liebe.

Vor mir entstand nichts, als was ewig währet,

Und ew’ge Dauer ward auch mir beschieden;

Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.

In dunkler Farbe sah ich diese Zeilen

Als einer Pforte Inschrift. Drum begann ich:

O teurer Meister, düster ist ihr Sinn mir. –

Er aber sprach, das rechte wohl erfassend:

Absagen mußt du jeglichem Bedenken

Und jeden Kleinmut hier in dir ertöten.

Gelangt sind wir dahin, wo ich dir sagte,

Du würdest sehn die schmerzerfüllten Scharen,

Die der Erkenntnis hohes Gut verloren. –

Als seine Hand er dann gelegt in meine

Mit heit’rer Miene, die mir Mut gewährte,

Führt’ er mich ein in die geheimen Dinge.

Hier tönten Seufzer, Schluchzen, laute Klagen

Erschütternd durch die sternenlose Luft,

So daß zu Anfang ich mitweinen mußte.

Verschiedne Zungen, grauenvolle Sprachen,

Des Schmerzens Worte, zornentbrannte Töne,

Erstickt’ und laute Rufe, Schlag der Hände,

Sie bildeten ein wildverworrnes Tosen,

Das in der ewig düstren Luft sich umtreibt,

Wie bei des Wirbelwindes Wehn der Sand tut.

Ich aber, dem das Haupt Entsetzen einnahm,

Begann: Was ist das, Meister, was ich höre,

Und was für Volk, das übermannt vom Schmerz scheint?

Und er zu mir: Solch’ jammervolle Weise

Verführen die unwürd’gen Geister deren,

Die ohne Lob gelebt und ohne Schande.

Der Engel schlechter Schar sind sie verbunden,

Die, ohne gegen Gott sich zu empören,

Ihm treu nicht, sondern unparteiisch waren.

Der Himmel Schönheit hätten sie getrübt,

Auch nimmt die tiefre Hölle sie nicht auf,

Weil etwas Ruhm sie den Verdammten brächten. –

Da sprach ich: Meister, was ist denn so quälend

Für sie, daß solche Klagen es hervorruft? –

Und er: Das will ich kürzlich dir berichten:

Der Tod hat Hoffnung ihnen nicht zu bieten,

Und so verächtlich ist ihr blindes Leben,

Daß sie jedwedes andre Los beneiden.

Die Welt gestattet ihnen keinen Nachruhm;

Erbarmen und Gerechtigkeit verschmäht sie.

Kein Wort von ihnen; schau, und geh vorüber. –

Ich blickte hin: Da sah ich eine Fahne,

Die so geschwind umkreisend sich bewegte,

Daß zu verschmähn sie mir jedwede Rast schien.

Und hinterdrein lief solch endloser Haufen

Von Volke, daß ich nimmermehr vermutet,

So viele habe schon der Tod vernichtet.

Und als erkannt ich hatte den und jenen,

Erblickt’ und kannte ich den Schatten dessen,

Den Feigheit zum Verzicht, dem großen, antrieb.

Sofort ward ich bewußt mir und versichert,

Dies sei die Schar der schmachbeladenen Seelen,

Die Gott und seinen Feinden gleich mißliebig.

Die Elenden, die nimmer wahrhaft lebten,

Sie waren nackt und wurden schwer gepeinigt

Von Bremsen und von Wespen, die dort waren.

Bei deren Stichen troff von Blut ihr Antlitz,

Das tränenuntermischt zu ihren Füßen

Von ekelhaften Würmern ward verschlungen.

Und als ich weiter noch den Blick entsandte,

Sah Schatten ich am Ufer eines Stromes;

Weshalb ich sprach: Gewähre mir nun, Meister,

Daß, wer sie sind, ich hör’, und welcher Antrieb

Sie scheinbar so zur Überfahrt geneigt macht,

Wie in dem falben Licht ich unterscheide. –

Erfahren wirst du, sagt’ er, was du fragest

Sobald wir hemmen werden unsre Schritte

Am Uferrand des traur’gen Acheron. –

Da senkte schamerfüllt ich meine Blicke

Und, fürchtend, daß ihm lästig sei mein Reden,

Enthielt ich bis zum Flusse mich der Worte.

Und, sieh’, im Nachen kam herangefahren

Ein Greis, der ob des Haares Alter weiß war,

Und ausrief: Weh euch, ihr verruchten Seelen!

Den Himmel hoffet nimmermehr zu schauen.

An’s andre Ufer komm’ ich euch zu führen

In ew’ge Finsternis, in Frost und Hitze.

Und, die du dort verweilst, lebend’ge Seele

Entferne dich von diesen, die gestorben. –

Und als er sah, daß ich mich nicht entfernte,

Sprach er: Nicht hier, durch andre Weg’ und Häfen

Wirst du zum Strand der Überfahrt gelangen;

Das Schiff, das einst dich tragen soll, ist leichter. –

Mein Führer aber sprach: Sei ruhig Charon.

So will man’s droben, wo jedwedes Wollen

Zugleich ein Können ist; nicht frage weiter. –

Da glätteten sich die behaarten Wangen

Des Fährmann’s auf dem trübgefärbten Sumpfe,

Der um die Augen Flammenräder hatte.

Doch jene Seelen, nackend und ermattet,

Verfärbten sich und klappten mit den Zähnen,

Sobald die harten Worte sie vernahmen.

Sie fluchten Gott und fluchten ihren Eltern,

Der Menschenbrut, dem Ort, dem Tag, dem Samen,

Durch die gezeugt sie wurden und geboren.

Dann drängten sie sich unter lautem Weinen

In dichten Scharen an das schlimme Ufer,

Das jedes wartet, welcher Gott nicht fürchtet.

Mit feur’gen Augen sammelt Teufel Charon

Gebieterischen Wink’s die Seelen alle,

Schlägt mit dem Ruder jeden, der da zaudert.

Gleichwie zur Herbsteszeit die Blätter alle,

Eins nach dem andern abfall’n, bis der Zweig

Am Boden alles sieht, das ihn bekleidet,

So stürzt hier Adam’s schuldbeladener Samen

Sich Haupt für Haupt vom Ufer in den Nachen,

Wie Vögel tun, wenn sie den Lockruf hören.

Hinüber fahren sie auf dunkler Flut,

Und eh’ dem Kahne drüben sie entstiegen,

Hat diesseits schon sich neue Schar gesammelt.

Mein Sohn, begann zu mir der güt’ge Meister,

Die unter Gottes Zorne sterben, alle

Versammeln hier sich aus jedwedem Lande.

Auch ist zur Überfahrt bereit ein jeder;

Die göttliche Gerechtigkeit ist ihnen Sporn,

So daß die Furcht sich wandelt in Verlangen.

Nie fuhr noch fährt ein Guter hier hinüber!

Darum, wenn Charon scheltend dich zurückweist,

Verstehst du nun den Sinn von seinen Worten. –

Darauf erzitterte die düstre Fläche

So heftig, daß noch itzt in der Erinn’rung

Mich des Entsetzens Schweiß kalt überrieselt.

Ein Luftstoß drang aus dem betränten Boden,

Worin ein roter Lichtesglanz erblitzte.

Darob entschwand mir jegliches Bewußtsein,

Und nieder sank ich, wie wen Schlaf ergriffen.

Vierter Gesang

Es brach den tiefen Schlaf in meinem Haupte

Ein Donnerschlag, von dem ich jäh emporfuhr,

Gleich einem, den gewaltsam man erwecket.

Das ausgeruhte Auge ließ ich schweifen!

Grad’ aufgerichtet schaut’ ich in die Runde,

Den Ort, wo ich verweilte, zu erforschen.

In Wahrheit fand ich mich am jähen Absturz

Des tränenreichen Tal’s der Unterwelt,

Aus dem unnennbar’n Schmerzes Wehruf aufstieg.

So qualmerfüllt, so dunkel und so tief war’s,

Daß ich, wie sehr ich auch das Auge schärfte,

In seinem Grunde nichts erkennen konnte.

Laß denn zur blinden Welt uns niedersteigen!

Begann der Meister mit verstörtem Antlitz,

Voraufgehn will ich, und sei du der zweite –

Und weil ich seine Blässe wahrgenommen,

Sagt’ ich: Wie soll ich folgen, wenn Du zagest,

Der meinem Zweifel sonst Beruh’gung bringt? –

Er aber sprach: Die Seelenpein der Geister

In diesem Kerker malt auf meine Wangen

Des Mitleid’s Farbe, welche du für Furcht hältst.

Auf denn! Zur Eile treibt des Weges Länge –

So schritt er vor, so ließ er mich betreten

Der Kreise ersten, die du Abgrund gürten.

Hier war, so viel als meinem Ohr vernehmlich,

Kein Weheklagen, sondern nur ein Seufzen,

Das jene ew’ge Luft erbeben machte:

Gram ohne Qualen war des Seufzens Ursach,

Der auf den Scharen all, die viel und zahlreich,

Von Kindern, Frau’n und Männern, ewig lastet.

Mein Meister sprach: Du unterläßt zu fragen,

Was es für Geister sind, die du hier siehest;

Doch sollst Du, eh wir weiter gehn, vernehmen,

Daß sie nicht sündigten. Und wenn Verdienste

Sie hatten, g’nügt es nicht, weil ohne Taufe

Sie starben, welche deines Glaubens Teil ist.

Und lebten sie noch vor dem Christentume,

So beteten zu Gott sie falscher Weise;

Und diesen bin ich selber beizuzählen.

Ob solchen Mangels, nicht ob andren Fehles,

Sind wir verloren, und nur dadurch leidend,

Daß, ohne Hoffnung, wir in Sehnsucht leben. –

Als ich’s vernommen, faßte tiefer Schmerz mich

Denn ich begriff, wie Seelen höchsten Wertes

In dieses Vorhofs Mittelzustand schwebten.

Sag’ an, mein Meister, sage mein Gebieter,

Begann ich, um Bestätigung zu finden

Des Glaubens, welcher jeden Wahn vernichtet:

Ward einer je von hier befreit und selig

Durch fremdes, oder eigenes Verdienst? –

Und er, verstehend die verhüllte Rede,

Entgegnete: Noch neu in diesem Zustand

War ich, als ein Gewaltiger daher kam,

Um dessen Haupt sich Siegeszeichen wanden.

Er raubte uns des ersten Vaters Schatten

Und Abel seinen Sohn, Noah und Moses,

Der die Gesetze schrieb, und doch gehorchte,

Abra’m den Patriarchen, König David,

Israel mit dem Vater und den Kindern

Und Rahel auch, um die er lang geworben,

Viel andre noch, und alle macht’ er selig.

Doch wissen sollst du, daß niemals vor ihnen

Die Seele eines Menschen ward errettet. –

Nicht hemmten, weil er sprach, wir uns’re Schritte

Rastlos durchschritten wir vielmehr den Wald;

Ich sage, Wald, von ungezählten Schatten.

Und als wir lange Zeit noch nicht gegangen

Seit mich der Schlaf befiel, sah ich ein Feuer,

Das eine Finsternishalbkugel hellte.

Obwohl noch mäß’ge Fern’ uns von ihm trennte,

So glaubt’ ich dennoch sicher zu erkennen,

Daß auserles’ne Seelen dort verweilten.

O Meister, der du Wissenschaft und Kunst ehrst

Warum genießen diese solches Vorrecht,

Das von dem Los der übrigen sie sondert? –

Drauf er zu mir: Der ehrenvolle Namen,

Der ihnen nachklingt dort im Erdenleben,

Gewinnet solche Gunst im Himmel ihnen. –

Da hört’ ich einer Stimme Ruf erschallen:

Erweiset dem erhabnen Dichter Ehre!

Sein Schatten kehrt zurück, der uns verlassen. –

Als nun die Stimme schwieg und nicht mehr tönte,

Sah ich vier hohe Schatten sich uns nahn;

Ihr Antlitz zeigte Trauer nicht, noch Freude.

Mein Meister aber sagte rasch zu mir:

Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,

Der vor den andren hergeht als ihr Meister!

Das ist Homer, der königliche Dichter

Der zweit’ ist der Satiriker Horaz,

Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.

Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,

Den du die Einzelstimme nennen hörtest,

Tun sie mir Ehr’ an, und so ist’s geziemend. –

So sah versammelt ich die schöne Schule

Der Meister des erhabensten Gesanges,

Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.

Als miteinander etwas sie gesprochen,

Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;

Mein Meister aber lächelte darob.

Und mehr der Ehr’ erzeigten sie mir noch;

Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,

So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen.

Inzwischen näherten wir uns der Flamme,

Und sprachen, was sich zu verschweigen ziemet,

So wie sich’s ziemte, dort es zu besprechen.

Zum Fuße einer stolzen Burg gedieh’n wir,

Die siebenfache Mauern rings beschließen

Und die zur Wehr ein schöner Bach umgibt.

Den überschritten wir gleich festem Boden;

Durch sieben Tore traten dann wir ein

Und fanden uns auf frisch begrünter Matte.

Die Geister dort, sie blickten ernst und ruhig,

Es lag in ihrem Ausdruck hohe Würde,

Sie sprachen selten und mit sanfter Stimme.

Wir wählten einen Platz, der licht und offen

Zur Seite sich erhob, so daß von dort aus

Wir all die Scharen deutlich überschauten.

Uns gegenüber auf dem grünen Teppich

Wies mir mein Führer dann die großen Geister;

Weshalb ich noch mich rühm, und glücklich preise.

Elektra sah ich unter viel Gefährten,

Wovon Aeneas ich erkannt’ und Hektor,

Cäsar im Waffenschmuck mit Falkenaugen.

Ich sah Cammilla und Penthesilea,

Latinus auch den König, und die Tochter

Lavinia, welche fern den andren saßen.

Den Brutus sah ich, der Tarquin vertrieben,

Lucretia, Julia, Martia und Cornelia,

Und einsam und abseits den Saladin. –

Als etwas höher ich die Wimper hob,

Sah ich den Meister aller die da wissen,

Umgeben rings von Philosophen-Schülern;

Auf ihn nur schauen ehrerbietig alle.

Hier sah ich Sokrates sowohl als Plato,

Die vor den andren ihm am nächsten stehn.

Auch Demokrit, dem alles gilt für Zufall,

Und Thales, Anaxagoras, wie Zeno,

Empedokles und Heraklit, den dunklen,

Diogenes und Dioskorides,

Heilsamer Pflanzen Sammler, Orpheus, Linus,

Cicero, Seneca, den Sittenlehrer,

Euklid, den Geometer, Ptolemäus,

Hippokrates, Galen und Avicenna,

Averroës, den großen Kommentator.

Unmöglich kann ich einzeln alle nennen.

Zur Kürze treibt so sehr des Stoffes Länge,

Daß dem Geseh’nen oft mein Wort nicht nachkommt. –

Die Sechsgesellschaft mindert sich auf Zweie,

Und andre Pfade wählt der weise Führer.

Aus ruh’ger Luft komm’ ich in die bewegte,

In ein Gebiet, wo nichts mehr ist, das leuchtet.

Fünfter Gesang

So stieg ich nieder von dem ersten Kreise

Zum zweiten, der gering’ren Raum umfaßt,

Doch um so größ’re Qual, die Klagen auspreßt.

Graunvoll steht Minos hier und fletscht die Zähne,

Er prüft die Sünder einzeln, wie sie kommen,

Verurteilt sie, und bannt sie durch Umwinden.

Ich sage: wenn die schlimmgeborne Seele

Ihm gegenübersteht, bekennt sie alles;

Er aber, als ein Kenner jeder Sünde,

Erwäget, welcher Höllenplatz ihr zukommt:

Umwindet mit dem Schwanz so manches Mal sich,

Als Stufen sind, die sie soll niedersteigen.

Gar viele stehn vor ihm zu jeder Zeit,

Und nacheinander gehn sie in’s Gerichte,

Bekennen, hören, wenden sich zur Tiefe.

Du, der da kommt zum schmerzensvollen Hause,

Sprach Minos, als er mich erblickt, zu mir,

Des Richteramtes Übung unterbrechend,

Sieh, was du tust, und wem du dich vertrauest;

Laß dich nicht täuschen durch des Eintritt’s Weite. –

Mein Meister sagte drauf: Was soll dein Schelten?

Verhindre nicht die vorbestimmte Reise.

So will man’s droben, wo jedwedes Wollen

Zugleich ein Können ist; nicht frage weiter. –

Doch nun beginnen herben Schmerzes Laute

Vernehmlich mir zu werden; nun gelang ich

Dahin, wo vieles Wehgeschrei mein Ohr trifft.

Verstummt war alles Licht in diesem Raume,

Der gleich dem sturmbewegten Meere brüllet,

Wenn es die Wind’ im Widerstreit bekämpfen.

Der höllische Orkan, der nimmer nachläßt,

Erfaßt mit seiner Windsbraut diese Geister,

Wirft qualvoll sie umher, stößt sie zusammen.

Wenn sie alsdann zum Absturz hingelangt sind,

So schrei’n sie laut, wehklagend unter Tränen,

Und lästern Gott zugleich und seine Allmacht.

Und ich erfuhr, es sei’n zu solchen Qualen

Verurteilt, die in Fleischeslust gesündigt,

Weil die Vernunft dem Trieb sie unterworfen.

Und wie zur kalten Zeit ihr Flügelpaar

Die Stare hinführt in gedrängter Menge,

So führt der Windshauch hier die argen Geister.

Er jagt sie hin und her, hinauf, hinab,

Und keine Hoffnung bietet ihnen Trost

Geringrer Pein, geschweige denn der Ruhe.

Gleich wie die Kraniche wehklagend ziehn,

Und lange Streifen in der Luft beschreiben,

So sah, getragen von der Macht des Windes,

Ich eine Schar mir nahn mit lautem Weinen.

Zu meinem Meister sagt’ ich drum: Wer sind

Die Schatten, die die schwarze Luft so geißelt? –

Die vorderste der Schar, von welcher Kunde

Du wünsch’st, entgegnete darauf mir jener,

Beherrschte Völker von gar vielen Sprachen

Der Wollust Laster war sie so ergeben,

Daß durch Gesetz sie jede Lust erlaubte,

Die Schmach zu tilgen, welcher sie verfallen.

Sie ist Semiramis, von der wir lesen,

Daß sie, des Ninus Gattin, ihn beerbte.

Das Land beherrschte sie, das jetzt des Sultan’s.

Die nun folgt, ist’s die sich aus Lieb’ ermordet

Und Treu’ gebrochen des Sichäus Asche.

Dann kommt Cleopatra, die glutentbrannte. –

Helena sah ich, die so langes Unheil

Verursacht, und Achilles auch, den großen,

Der noch zuletzt mit Liebe kämpfen mußte.

Paris und Tristan und wohl tausend zeigte

Virgil, sie mir benennend, mit dem Finger,

Die uns’rer Welt die Lieb entrissen hat.

Als mir die Frau’n der Vorzeit und die Ritter

Namhaft gemacht von meinem Meister waren,

Ergriff mich Mitleid, daß ich kaum bewußt blieb.

Drauf sagt’ ich zu dem Führer: Gern spräch ich

Mit jenen Zwei’n, die sich zusammenhalten,

Und die so leicht bewegt vom Wind’ erscheinen. –

Und er darauf: Beschwörst du, wenn erst näher

Sie uns gekommen sind, sie bei der Liebe,

Die sie vereint, so zweifle nicht, sie kommen. –

Sobald der Wind sie zu uns hergewendet,

Erhob die Stimm’ ich: Schmerzbeladene Seelen,

Ist’s nicht verwehrt, so kommt, mit uns zu reden. –

Wie Tauben, die, gerufen vom Verlangen

Zum süßen Nest, mit ausgespannten Schwingen

Die Luft durchschneiden, so sah ich die beiden,

Kraft ihres Willens, durch die schlimme Luft

Sich aus der Schar, wo Dido weilt, uns nahen;

So wirksam war mein anteilvolles Rufen.

O wohlgesinntes, liebereiches Wesen,

Das du, die Nacht der Unterwelt durchwandelnd,

Uns heimsuchst, die mit Blut die Erde färbten,

Wär’ unser Freund des Weltgebäudes König,

So wollten wir ihn flehn um deinen Frieden,

Weil du mit uns’rem Elend Mitleid fühlest.

Anhören und euch sagen woll’n wir alles,

Was du zu reden und zu hören wünschest,

So lang der Wind noch, wie er itzt tut, schweiget.

Gelegen ist der Ort, wo ich geboren,

Am Meeresstrand, zu dem der Po hinabsteigt,

Um mit den Nebenflüssen Ruh’ zu finden.

Die Liebe, leicht entflammend edle Herzen,

Entflammte diesen für den schönen Körper,

Der mir geraubt ward, und das wie quält noch mich.

Die Liebe, die zur Gegenliebe nötigt,

Ließ mich an ihm solch Wohlgefallen finden,

Daß, wie du siehst, sie noch nicht von mir abläßt.

Die Liebe führt’ uns zu vereintem Tode;

Caïna wartet des, der uns gemordet. –

So lautete, was sie zu uns gesprochen.

Als die unsel’gen Geister ich vernommen,

Senkt’ ich das Haupt, und hielt es so geneiget

Bis mir der Meister sagte: Nun, was sinnst du? –

Darauf erwidernd, hub ich an: O Himmel,

Wie mancher stille Liebeswunsch, wie manches

Verlangen führte sie zum Schritt voll Schmerzes! –

Dann wendet’ ich mich ihnen zu und sagte:

Francesca, deiner Qualen Anblick macht

Vor Trauer mich und vor Mitleiden weinen.

Doch sage mir, zur Zeit der süßen Seufzer,

An was und wie gestattete dir Amor,

Das schüchterne Verlangen zu erkennen? –

Drauf sagte sie zu mir: Kein Schmerz ist größer,

Als sich der Zeit des Glückes zu erinnern,

Wenn man in Elend ist; das weiß dein Lehrer.

Heg’st du jedoch, die Wurzel uns’rer Liebe

Zu erkennen, solch entschiedenes Verlangen,

So werd’ ich tun, wie wer im Reden weinet:

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen

Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstrickte,

Allein und unbeargwohnt waren wir.

Oft hieß des Buches Inhalt uns einander

Scheu ansehn und verfärbte unsre Wangen;

Doch nur ein Punkt war’s, welcher uns bewältigt.

Denn als wir, wie das langersehnte Lächeln

Von solchem Liebenden geküßt ward, lasen,

Da küßte, dem vereint ich ewig bleibe,

Am ganzen Leibe zitternd, mir den Mund.

Zum Kuppler ward das Buch und der’s geschrieben.

An jenem Tage lasen wir nicht weiter. –

Und während so der eine Schatten sprach,

Vergoß der andre solchen Strom von Tränen,

Daß ich ohnmächtig ward, wie wen ich stürbe,

Und nieder fiel ich, wie ein toter Körper.

Sechster Gesang

Bei des Bewußtseins Rückkehr, welches Mitleid

Mit den zwei Schwägern mir genommen hatte

Und mir das Herz erfüllt mit Traurigkeit,

Seh’ ringsum neue Qualen ich und neue

Gequälte, wohin auch den Blick ich wende,

Wohin ich schaue und wohin mich kehre.

Ich bin im dritten Kreise, dem des ewgen,

Verwünschten, kalten, qualenvollen Regens,

Des Art und Weise nimmer sich verändert.

Grobkörn’ger Hagel, Schnee und trübes Wasser

Fällt rastlos durch die finstre Luft hernieder;

Der Boden stinkt, der solch Gemenge aufnimmt.

Und Cerberus, das Untier sondergleichen,

Bellt aus drei Rachen, so wie Hunde pflegen,

Die Schatten an, die dort am Boden liegen.

Rot ist sein Auge, schwarz der Bart und schmierig,

Der Bauch geschwollen, krallig sind die Hände;

Er kratzt die Geister, schindet und zerfleischt sie.

Der Regen macht sie heulen als wie Hunde;

Oft wenden sich die elenden Verfluchten,

Daß eine Seite Schutz der andern biete.

Als Cerberus uns sah, der große Wurm,

Riß er die Rachen auf, zeigt’ uns die Zähne,

Und seiner Glieder keines hielt er stille.

Mein Meister öffnete die beiden Hände,

Griff Erdreich auf, und mit gefüllten Fäusten

Warf er hinein es in die gier’gen Schlünde.

Dem Hunde gleich, der im Heißhunger belfernd,

Wenn er den Fraß gepackt hat, sich beruhigt,

Und ihn nur zu verschlingen strebt und trachtet,

So wandelten sich die unsaubern Schnauzen

Des Teufels Cerberus, der jene Seelen

So anbellt, daß sie wünschten taub zu sein.

Fort ging es durch die Schatten, die der Regen

Danieder hält; es traten uns’re Sohlen

Auf ihre Nichtigkeit, die Wesen scheinet.

Sie lagen hingestreckt am Boden alle;

Nur einer richtete sich eilend auf,

Als er uns sah, wie wir vorübergingen.

Der du geführet wirst durch diese Hölle,

Erkenne mich, sprach er, wenn du’s vermagst;

Begann dein Leben doch, eh mein’s geendet. –

Ich sagte drauf: Die Qual, die du erduldest,

Entfremdet dich vielleicht so der Erinnerung,

Daß es mich dünkt, ich sah zuvor dich nimmer.

Doch nenne dich, dem solch unsel’ge Stelle

Beschieden ist, und eine Strafe, welche,

Wenn größer nicht, doch ekler ist als alle. –

Drauf sagt’ er: Deine Stadt, die so von Neide,

Erfüllt ist, daß der Sack zu bersten droht,

Umfaßte mich dereinst im lichten Leben.

Ihr Stadtgenossen nanntet mich nur Ciacco,

Weil ich ergeben war der Schlemmerei,

Und wie du siehst, zernagt mich itzt der Regen.

Auch bin ich nicht allein hier, so zu trauern;

Nein, alle dulden wir die gleiche Strafe

Aus gleicher Ursach. – Und damit verstummt’ er.

Ich sagte drauf: O Ciacco, deine Qual

Rührt mich so sehr, daß ich dem Weinen nah bin;

Doch sage mir, wenn du es weißt, welch’ Ende

Der zwiegespalt’nen Bürger Streit nimmt, sage,

Ob einer dort gerecht ist, und warum

Die Stadt von solcher Zwietracht ist befallen. –

Darauf erwidert’ er: Nach langem Hader

Fließt endlich Blut, und die Partei der Fremden

Vertreibt die andre, vielfach sie beschäd’gend.

Dann, eh’ drei Jahre schwinden, fällt sie wieder,

Und jene andre trägt den Sieg davon

Durch dessen Hilfe, der jetzt noch laviert.

Hoch wird sie lange Zeit die Stirne tragen,

Und schwere Last auf die besiegte häufen,

Wie groß für diese Scham und Schmerz auch seien.

Gerecht sind zwei; doch unverstanden sind sie.

Die Funken, welche jedes Herz entzündet,

Sind Neid und Geiz mit Hochmut im Vereine. –

Hier endet’ er die schmerzensvolle Rede.

Ich aber sprach: Belehre mich noch weiter

Und schenke mir noch mehr von deiner Rede:

Tegghiaio und Farinata, jene Wack’ren

Jacopo Rusticucci, Arrigo, Mosca,

Die andren auch, die recht zu handeln strebten:

Sag’ an, wo sind sie? Laß mich sie erkennen;

Denn groß Verlangen heg’ ich, zu vernehmen,

Ob Höllengift, ob Himmelssüß’ ihr Los ist. –

Und er darauf: Verschiedenart’ge Schuld

Stieß tiefer sie hinab zu schwärz’ren Schatten;

Steigst du so weit hinab, kannst du sie sehen.

Doch, bist du heimgekehrt zur schönen Welt,

So rufe mich den Leuten ins Gedächtnis.

Mehr sag’ ich nicht, noch geb’ ich weiter Antwort. –

Den graden Blick verdreht’ er nun zum Schielen;

Sach mich ein Weilchen an, den Kopf dann senkt’ er

Und fiel zu Boden gleich den andren Blinden.

Der Meister sprach: Der steht nicht wieder auf

Bis die Posaun’ am letzten Tag’ ertönet,

Und die Gewalt erscheint, die ihnen feindlich.

Sein unheilvolles Grab sucht jeder dann,

Sein Fleisch und sein Gebein nimmt er zurück,

Was ewig wiederhallen wird, zu hören. –

Indes durchgingen wir langsamen Schrittes

Der Schatten und des Regens schmutz’ge Mischung,

Das künft’ge Leben im Gespräch berührend.

Den Meister fragt ich: Werden diese Qualen

Noch wachsen nach dem großen Richterspruch,

Wird Mind’rung folgen, oder gleich sie bleiben? –

Drauf er: Gedenke deiner Wissenschaft,

Die jedem Ding, im Maß als es vollkommner,

Mehr Sinn für Freuden, wie für Schmerzen beimißt.

Ob niemals gleich dies fluchbeladene Volk

Zu wirklicher Vollkommenheit gelangt,

Wird wesenhafter doch nach jenem Tag’ es. –

In weitem Bogen gingen wir die Straße,

Besprechend manches, das ich nicht berichte.

Und angelanget, wo der Weg hinabführt,

Erblickten Pluto wir, den großen Feind.

Siebenter Gesang

Pape, Satan, Pape Satan, Aleppe! –

So hub mit rauher Stimme Pluto an;

Doch, alles wohlerkennend, sprach der Weise

Mir gütig zu: Laß nimmer dich von Furcht

Beirren; denn, wie groß auch seine Macht sei,

Wird sie des Felsens Abstieg dir nicht rauben. –

Dann wandt’ er sich zu dem geduns’nen Antlitz

Und sagte: Schweig vermaledeiter Wolf!

Verzehre deine Wut im eignen Herzen.

Nicht Willkür heißt zur Nacht uns niedersteigen;

Dort oben will man es, wo Michael

Des Hochmuts Hurerei zu rächen wußte. –

Wie Segel, aufgebläht vom günstigen Winde,

Zusammenfallen, wenn der Mast zerbricht,

So fiel zu Boden dieses grimme Untier.

Wir aber gingen ein zur vierten Lache,

Das Ufer voller Schmerz noch mehr umkreisend,

Das alles Weh der Welt in sich begreift.

O göttliche Gerechtigkeit, wer häufte

Die Strafen all, die Qual auf, die ich sah?

Warum schafft unsre Schuld uns solche Leiden?

Wie dort an der Charybdis eine Welle

Sich an der andern bricht, auf die sie stößt,

So wirbelten die Schatten hier zusammen.

Des Volkes mehr als anderwärts noch sah ich,

Das, mit der Brust sich gegenstemmend, Lasten

Von beiden Seiten wälzte mit Geheule.

Sie stießen aufeinander, und dann wandte

Zur Stelle jeder sich und wälzte rückwärts

»Was hältst du fest?« »Was wirfst du von dir?« rufend.

So kehrten zum entgegenstehenden Punkte

Im dunklen Kreis’ allseitig sie zurück,

Das Lied des Hohns sich unablässig singend.

Und wer durchmessen seinen Halbkreis, drehte

Zu neuem Aufeinanderstoß sich um.

Ich, dessen Herz von Mitleid fast durchbohrt war,

Begann: O Meister jetzt verkünde mir,

Wer diese sind, und ob die Tonsurierten

Zu unsrer Linken alle geistlich waren? –

Drauf er: Im ersten Leben waren alle

So geistig blind, daß sie nichts ausgegeben,

Wobei das rechte Maß sie eingehalten.

Ihr eigner Ruf gibt dessen bellend Kunde,

Wenn, wo der Schuld Verschiedenheit sie trennt,

Sie an des Kreises Enden sich begegnen.

Die, deren Wirbel unbehaart ist, waren

Geistlichen Standes, Päbst’ und Kardinäle,

In denen Geiz sein höchstes Maß erreichet. –

Und ich: O Meister, unter diesen Schatten

Vermut ich mehrere, die mir bekannt sind,

Weil sie mit solcher Sünde sich beschmutzten. –

Der Meister aber sprach: Dein Wahn ist irrig.

Das einsichtslose Leben, das sie führten,

Verdunkelt sie für jegliches Erkennen.

Zum Doppelanprall kommen sie auf ewig.

Geschornen Haupts erstehn noch aus dem Grabe

Die einen, mit geschlossener Faust die andern.

Verkehrtes Geben oder Halten raubte

Den Himmel ihnen, treibt zu diesem Kampf sie,

Den dir zu schildern ich die Worte spare.

Erkennen kannst du nun den kurzen Wahn

Der Güter, die dem Glück sind übergeben

Und die zu so viel Streit die Welt entflammen.

Denn alles Gold, das jetzt sich unterm Monde

Befindet, oder je befand, vermöchte

Nicht eine dieser Seelen zu befried’gen –

Drauf sagt’ ich, Meister, offenbare mir

Was jenes Glück ist, dessen du gedachtest,

In dessen Klau’n die Erdengüter sind? –

Und er zu mir: O törichte Geschöpfe,

Wie schwer umnachtet euch Unwissenheit.

Nimm achtsam in dich auf nun meine Lehre!

Er, dessen Wissen alles übersteiget,

Erschuf die Himmel, gab jedwedem Lenker,

So daß in gleichbemess’ner Lichtverteilung

Ein jeder jeden andern Teil bestrahlet.

So auch zur allgemeinen Lenkerin

Der Erdengüter ordnet’ er Fortuna,

Die jenen eitlen Glanz zur rechten Stunde

Von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamm vertausche,

Entrückt der Gegenwehr von Menschenklugheit.

Nach ihrem Urteilsspruch, der sich verborgen,

So wie die Schlang’ im Grase hält, geschieht es,

Daß ein Geschlecht regiert, ein andres kranket.

Machtlos ist gegen sie eu’r ganzen Wissen;

Sie überlegt, beschließet und vollstreckt

In ihrem Reiche so wie andre Götter.

Nicht Rast, nicht Ruhe kennt ihr ewger Wandel;

Notwendigkeit beflügelt ihre Schritte,

So oft geschieht’s daß die Geschicke wechseln.

An’s Kreuz geschlagen wird sie von gar vielen

Auch unter denen, welche Preis ihr schulden

Und sie mit Unrecht tadeln und verläumden;

Doch unberührt bleibt sie von solcher Rede

Mit andern erstgeschaffnen Wesen lenket

Sie freudig ihre Sphär’ in Seligkeit.

Laß nun zu größrer Qual uns niedersteigen

Schon senkt sich jeder Stern, der als ich aufbrach

Emporstieg, längres Weilen ist nicht statthaft. –

Das Tal zum andern Ufer hin durchschneidend

Gelangten wir zu einem Quell, der siedet

Und niederwärts durch einen Graben abfließt.

Es war sein Wasser schwarz mehr als nur dunkel

Und im Geleite seiner finstren Wellen

Führt’ uns ein Pfad hinab, der rauh und seltsam.

Styx heißt der Sumpf, den dieser traur’ge Bach

Am Fuß der unheilvollen Felsen bildet,

Von deren grauer Wand er in das Tal fließt.

Und ich, der sorglich umzuschaun bemüht war,

Sah schlammbedeckte Leut’ in jenem Sumpfe

Ganz nackend und mit zornerregten Zügen.

Nicht nur mit Händen schlugen sie einander,

Sie stießen sich mit Kopf und Brust und Füßen,

Zerfleischten sich durch Bisse gegenseitig.

Mein Meister aber sagte: Sohn hier siehst du

Die Seelen derer, die der Zorn bezwungen.

Doch mögest du als gleich gewiß mir glauben,

Daß andres Volk noch unterm Wasser seufzet

Und diesen Sumpf die Blasen werfen läßt,

Die dir dein Auge zeigt wohin du’s wendest.

Im Schlamme steckend sagen sie: Wir waren

Unmutig in der süßen lichten Luft,

Weil unser Herz des Trübsinns Qualm benommen;

Jetzt trauern wir mit Recht im schwarzen Moore. –

Doch gurgeln sie dies Lied nur in der Kehle,

Weil sie’s voll auszusprechen nicht vermögen. –

Damit umkreisten wir im weiten Bogen

Die schmutz’ge Lache zwischen Mitt’ und Ufer,

Die Augen zugewandt den Schlammverschluckern;

Dann kamen wir zu eines Turmes Fuße.

Achter Gesang

Fortfahrend sag’ ich, daß schon eine Weile

Eh wir zum Fuß des hohen Turms gelangten,

Zu seiner Höh’ sich unser Auge wandte;

Denn aufgesteckt war dort ein Fackelpaar,

Und eine dritt’ erwiderte das Zeichen,

So fern, daß sie das Auge kaum gewahr ward.

Ich sprach, gewandt zum Meer jedweder Weisheit,

Was will dies Feuer sagen, was entgegnet

Das andre, und wer sind, die sie entzündet? –

Er sagte: Schon kann auf den schmutzgen Wellen,

Was zu erwarten steht, dein Blick gewahren,

Wenn dich der Nebel nicht am Sehn verhindert. –

Nie schnellte einen Pfeil des Bogens Sehne,

Der so geschwind die Luft durchschnitten hätte,

Als über’s Wasser her im Augenblick

Ein Schifflein ich auf uns zukommen sah,

Geleitet nur von einem einz’gen Fährmann.

Der schrie: Bist du nun da, verworfne Seelen? –

O Phlegyas, entgegnete mein Meister,

Vergeblich ist für diesmal dein Geschrei;

Zur Überfahrt nur sollst du uns besitzen. –

Wie wer vernimmt von schmählichem Betruge,

Der ihm gespielt ward und darob ergrimmet,

So ward, verbissnen Zornes, Phlegyas

Mein Führer stieg hernieder in den Nachen,

Und, da ich dann auf sein Geheiß ihm folgte,

Schien als ich eintrat, erst der Kahn beladen.

Als beide wir uns nun im Schiff befanden,

Durchschnitt auf seiner Fahrt der alte Kiel

Mehr Wasser, als er tut, trägt er nur Schatten.

Und während wir den toten Moor befuhren,

Taucht’ einer vor uns auf, den Schlamm bedeckte:

Wer bist du, rufend, der du vor der Zeit kommst? –

Ich sagte: Kam ich, ist’s nicht um zu bleiben,

Doch wer bist du, daß du so ganz besudelt? –

Drauf er: Das siehst du: einer der da weinet. –

Ich aber sprach: In Weinen und in Trauer

Verbleibe denn, du fluchbeladner Schatten!

Wohl kenn’ ich dich, wenn du auch ganz beschmutzt bist. –

Da griff er nach dem Kahn mit beiden Händen;

Doch eilig stieß der Meister ihn zurück

Und sagte: Pack’ dich mit den andern Hunden! –

Mir aber schlang er um den Hals die Arme.

Mein Antlitz küssend sprach er: Eiferseele,

Gesegnet sei der Schoß der dich getragen!

Ein Mensch voll Hochmut war im Leben jener;

Nicht eine Tugend schmückt sein Angedenken,

Drum ist sein Schatten hier von Wut entbrannt.

Wie viele dünken Könige sich jetzt,

Und werden Säuen gleich im Kot hier stecken,

Dort aber Schande nur und Schmach verlassen. –

Ich sagte: Meister wohl wär ich begierig

Zu seh’n, wie man ihn taucht in diese Brühe

Bevor wir hinter uns den See gelassen. –

Und er zu mir: Noch eh’ die andre Küste

Sich dir gezeigt, wirst du befriedigt werden.

Die Lust, die du begehrst, sollst du genießen. –

Nicht lange drauf ward von den Schlammbedeckten

Vor meinen Augen jener so geschüttelt,

Daß, dankend, Gott darum noch heut’ ich preise.

Sie alle schrie’n: Es gilt Philipp Argenti! –

Und der ergrimmte Florentiner Schatten

Zerfleischte sich mit seinen eigenen Zähnen.

Wir ließen ihn. Nicht mehr von ihm erzähl ich;

Denn meine Ohren traf ein Schmerzenslaut,

Weshalb ich angestrengt nach vorne blicke.

Der gute Führer sagte: Sohn, es nahet

Bereits die Stadt sich, welche Dis genannt wird,

Voll schwerer Bürger und voll großer Scharen. –

Ich sagte: Meister, ihre Minarette

Erblick’ ich wahrlich schon im Tale drunten,

Rotschimmernd als ob Feuer sie durchglühte. –

Darauf entgegnet er: Die ew’gen Flammen,

Darin sie brennen, färben sie so rot,

Wie du gewahrst in dieser niedern Hölle. –

Wir fuhren in die tiefen Gräben ein,

Die die verzweiflungsvolle Stadt umgeben;

Die Mauern schienen mir von festem Eisen.

Indes nach langem Umweg erst gelangten

An einen Ort wir, wo mit lauter Stimme

Der Fährmann rief: Steigt aus, hier ist der Eingang! –

Ich sah wohl tausend, welche einst vom Himmel

Geregnet, bei dem Tor, die zornig sagten:

Wer ist der eine denn, der ohne Tod

Das Reich des toten Volkes so durchwandert? –

Vorsorglich gab mein Führer zu erkennen,

Daß er geheim mit ihnen reden wollte.

Da dämpften sie den wilden Zorn ein wenig

Und sagten: Komm allein. Umkehre dann

Der so verwegen eindrang in dies Reich.

Allein geh’ er den tör’gen Weg zurücke,

Wenn er ihn finden kann. Du aber bleibe,

Der durch so dunkles Land ihn hergeleitet. –

Nun denk’ dir, Leser, ob ich ward entmutigt

Beim Tone der vermaledeiten Worte;

Gewiß, ich dachte nimmer heimzukehren.

O teurer Führer, der du siebenmal

Und öfter Sicherheit zurück mir gabest,

Und mich aus dringender Gefahr befreitest,

Verlaß mich nicht in solchen Nöten, sagt’ ich;

Ist uns das Weitergehn verwehrt, so laß uns

Gemeinsam rückwärts unsren Pfad durchmessen. –

Mein Meister, der bis dorthin mich geführt

Erwiderte: Sei furchtlos, unsre Reise

Kann niemand hemmen, solche Bürgschaft hat sie.

Nun aber bleibe hier, und speis’ und stärke

Den müden Geist mit Hoffnung und Vertrauen,

Daß in der untern Welt ich dich nicht lasse. –

Also verläßt mich, also geht von dannen

Der süße Vater, und zurück in Sorgen

Bleib’ ich, weil ja und nein im Haupt mir streiten.

Was er zu ihnen sprach kann ich nicht sagen;

Doch lange hatt’ er nicht geweilt mit ihnen,

Als um die Wett’ in’s Tor ein jeder eilte.

Die Pforte schlossen unsre Widersacher

Vor meinem Herrn, dem sie den Einlaß wehrten

Und der die Schritte zögernd zu mir wandte.

Die Augen senkt’ er nieder, von den Brauen

Schien jeder Mut geschwunden, und mit Seufzen

Sagt er: Wer wehrte mir des Schmerzes Wohnstatt? –

Drauf wandt’ er sich zu mir: Erzürn’ ich gleich,

So fürchte deshalb nicht, denn siegen werd’ ich,

Was man zur Abwehr drinnen auch versuche.

Nicht neu ist solche Frechheit mir an ihnen;

An weniger geheimem Tor, das seitdem

Verschlußlos blieb, bewährten sie sie schon.

Auf ihm gewahrtest du die tote Inschrift.

Diesseits von ihm steigt schon den Abhang nieder,

Durchschneidend ohne Führer all die Kreise,

Der, dessen Macht uns wird die Pforte öffnen. –

Neunter Gesang

Es trieb die Blässe, mit der Furcht mich malte,

Die neu entstanden, schleuniger zurück.

Als ich des Führers Umkehr sah, die seine,

Aufmerkend stand er gleich dem Mann der horchet;

Denn durch die düstre Luft, den dichten Nebel

Vermochte nicht das Aug’ ihn weit zu tragen.

Wohl müssen wir in diesem Kampfe siegen,

Sagt’ er. Wo nicht; – doch, der’s versprach, wird helfen!

Wie lange däucht es mir, bis Hilfe eintrifft. –

Ich merkte wohl, wie er der Rede Anfang

Durch das verdeckte, was noch hinterdrein kam;

Denn Worte waren’s jenen widersprechend.

Trotzdem erschreckte mich was er gesprochen;

Vielleicht weil ich die abgebroch’ne Rede

In schlimm’rem Sinn verstand als er sie meinte.

Stieg wohl zu diesem Grund der traur’gen Schale

Jemals ein Schatten von der ersten Stufe,

Die keine Strafe kennt als Hoffnungsmangel? –

So frug ich, und er sagte drauf: Nur selten

Geschieht es, daß aus unsrer Mitte einer

Den Weg zurücklegt, welchen ich jetzt wandle.

Doch ist es wahr, daß ich schon einmal hier war,

Beschworen von der grimmigen Erichtho,

Die zu den Leibern ihre Seelen heimrief,

Seit kurzem war mein Fleisch von mir entkleidet,

Als sie mich eingehn hieß in diese Mauer,

Um einen Geist aus Judas’ Kreis zu holen.

Der dunkelste, der tiefste Ort ist das,

Der fernste von dem äußersten der Himmel;

Der Weg ist mir bekannt, darum sei ruhig.

Der argen Stank ausatmende Morast

Umgürtet rings die Stadt der bittern Schmerzen,

In die wir friedlich Eingang nicht mehr finden. –

Noch andres sagt’ er, doch mir ist’s entfallen;

Denn schon war zu des Turmes glühndem Gipfel

Ich durch mein Auge mächtig hingerissen.

Drei Höllenfurien, ganz von Blut gerötet,

Sah ich mit einem Mal dort aufrecht stehn,

Die an Gebärd’ und Gliedern Weiber schienen.

Gegürtet waren sie mit grünen Schlangen,

Blindschleichen bildeten ihr Haar und Ottern,

Und wanden rings sich um die grausen Schläfe.

Er aber sagte, weil bekannt ihm waren

Der Königin der Tränen Dienerinnen:

Blick hin, das sind die gräßlichen Erynnen!

Die dort zur linken Seite ist Megaera,

Zur Rechten weint Alekto. In der Mitte

Siehst du Tisiphone – und damit schwieg er.

Die Brust zerriß sich mit den Nägeln jede,

Mit Fäusten sich einander schlagend, schrien

So laut sie, daß ich scheu zum Meister floh.

Medusen bringt herbei, ihn zu versteinen!

So sprachen alle, auf mich niederblickend,

Wir rächten zu gelind des Theseus Anfall. –

Schnell wende dich und schließe fest die Augen!

Denn, zeigen sie Gorgonen und du siehst sie,

So kehrst du nie zur Oberwelt zurücke. –

So sprach mein Meister, und er selber wandte

Mich rückwärts. Drauf, mißtrauend meinen Händen,

Schloß mit den seinen auch er mir die Augen.

Ihr die gesund euch das Verständnis wahrtet,

Erwägt die Lehre wohl, die mit dem Schleier

Der Verse sich verhüllt, die seltsam lauten!

Schon aber kam daher die schmutz’gen Wellen

Entsetzenvollen Tones fernes Dröhnen,

Davon die Ufer beiderseits erbebten.

Dem Winde glich es, welcher, ungestüm

Geworden durch den Kampf von Hitz’ und Kälte,

Sich auf den Wald mit schrankenloser Wut stürzt,

Die Zweige bricht, hinaus die Blüten schleudert.

Staubwirbelnd schreitet er, jagt übermütig

Die Herde wie die Hirten in die Flucht.

Die Augen löst’ er mir und sprach: Nun richte

Den Nerv des Sehens längs dem alten Schaume

Dorthin, wo dieses Sumpfes Qualm am dicksten. –

Wie vor der Wasserschlange, ihrer Feindin,

Die Frösche alle durch die Flut entschlüpfen,

Bis auf den Boden jeder sich geduckt hat,

So sah ich Tausende verlorener Seelen

Vor einem fliehen, der den Übergang

Des Styx bewirkte, nicht die Sohlen netzend.

Die dicke Luft von seinem Antlitz scheuchend,

Bewegt’ er vor sich her oftmals die Linke,

Und nur von dieser Pein schien er beklommen.

Ich spürte wohl, er sei des Himmels Bote;

Mein Meister aber winkte noch ausdrücklich,

Daß ich in Schweigen mich vor ihm verneige.

Wie schien er so erfüllt mir von Entrüstung!

Das Tor berührt er kaum mit seiner Gerte,

So sprang es auf trotz alles Widerstrebens.

Vom Himmel ausgestoßenes schnödes Volk,

Begann er auf der grauenvollen Schwelle,

Was unterfangt ihr euch so kecker Frechheit?

Wie wagt dem Willen ihr zu widerstreben,

Der niemals unerreicht sein Ziel gelassen,

Und öfters eure Qualen schon gemehrt hat?

Was hilft es dem Geschick zu widerstreben?

Eu’r Cerberus trägt, wenn Ihr Euch entsinnet,

Geschunden noch davon so Kinn als Kehle. –

Dann wandt’ er sich zurück die schmutz’ge Straße;

Zu uns sprach er kein Wort und tat wie einer,

Den andre Sorg’ in Anspruch nimmt und quälet,

Als die des Mannes, der ihm gegenwärtig.

Der Stadt zu wandten wir nunmehr die Füße

Voll Zuversicht auf Grund der heiligen Worte,

Und Eintritt ward uns ohne weitern Kampf.

Ich aber, der gespannt war zu erkunden

Die Eigenheit des Orts der so befestigt,

Entsandte, wie ich eintrat, rings die Blicke,

Und sah nach jeder Richtung weite Fläche

Von Schmerzen angefüllt und arger Qual.

Wie wo die Rhone sich bei Arles aufstaut,

Und wie bei Pola nahe dem Quarnaro,

Der Wälschland schließt und seine Grenzen netzet,

Der Grund uneben ist von lauter Gräbern,

So war er’s hier auch nach jedweder Seite!

Nur war der Gräber Art um vieles bittrer,

Denn Flammen brannten zwischen Grab und Grab,

Und hielten sie in so gewalt’ger Glut,

Daß größre keine Schmiedekunst erfordert.

Die Decke war von jedem aufgehoben

Und innenher erklang so bittre Klage,

Daß Zeugnis sie von schweren Martern gab.

Und ich: O Meister, wer sind diese Schatten,

Die in den Grüften hier begraben scheinen

Und sich in Seufzern so vernehmen lassen? –

Drauf Er: Hier sind der Ketzereien Stifter,

Mit seinem Anhang von Sektierern jeder;

Viel voller als du denkst sind all die Gräber.

Mit gleichem ist der gleiche hier begraben

Und mehr und minder glühend sind die Särge. –

Als er darauf zur Rechten sich gewendet

Führt unser Weg uns zwischen Qual und Zinnen.

Zehnter Gesang

So geht mein Meister auf geheimem Pfade,

Der zwischen Martern sich und Mauer hinzieht,

Und wandelnd folg’ ich hinter seinen Schultern.

Erhabne Kraft, die durch die sünd’gen Kreise

Wie dir’s beliebt mich wendet, so begann ich,

Steh Rede und gib Antwort meinen Fragen.

Könnt’ ich das Volk nicht sehn, das in den Gräbern

Hier liegt? Sind doch die Deckel all gehoben

Und niemand ist zu sehn, der Wache hielte? –

Geschlossen werden, sprach er, all die Gräber,

Wenn heimgekehrt sie sind von Josaphat

Mit ihren Leibern, die sie droben ließen.

Nach dieser Seite hin streckt sich der Kirchhof

Des Epikur und der ihm Gleichgesinnten,

Die mit dem Leib die Seele sterben lassen.

Drum soll Genüge dir alsbald hier werden,

Nicht auf die Frage nur, die du getan hast,

Nein auf die andere auch, die du verschwiegen. –

Da sprach ich: Guter Herr, sag’ ich nicht alles,

So tu’ ich’s nur, um nicht zu viel zu reden,

Und öfter schon hast du mir so geraten. –

Toscaner, der du durch die Stadt des Feuers

Lebendig wandelst, so verständig redend,

Gefalle dir’s, ein wenig hier zu weilen.

Mir offenbar macht deine Sprache dich

Als in dem edlen Vaterland geboren,

Dem ich vielleicht zu viel Beschwerde brachte. –

So tönte plötzlich aus der Gräber einem

Zu mir empor vernehmbar eine Stimme,

Weshalb ich furchtsam mich dem Führer nahte.

Er aber sagte: Wende dich, was tust du?

Sieh’ Farinata dort, der sich erhoben;

Vom Gürtel aufwärts wirst du ganz ihn sehn. –

Schon hatt’ ich meine Blick’ auf ihn gewendet,

Und er erhob mit Stirne sich und Brust,

Als achtet’ er gering die ganze Hölle.

Da drängten meines Führers kräftige Hände

Mich zwischen all den Grüften zu ihm hin,

Wobei er sprach: Gezählt sei’n deine Worte. –

Als ich gelangt zu seines Grabes Fuße,

Schaut er mich etwas an und fast verächtlich

Frug er mich drauf: Wer waren deine Ahnen? –

Ich aber, der bereit war zu gehorchen,

Verbarg ihm nichts und offenbart’ ihm alles,

Worauf die Wimper er ein wenig aufschlug.

Dann sagt’ er: Feindlich waren sie zuwider

So mir als meinen Stamm und der Partei,

So daß im Kampf ich zweimal sie zerstreute. –

Und wurden sie verjagt, so sind allseitig

Das ein’ und andre Mal sie heimgekehrt;

Schlecht lernten aber diese Kunst die euren. –

Da richtete längs jenem ersten Schatten

Ein zweiter, sichtbar bis zum Kinn, sich auf:

Ich glaub’ er hatte knieend sich erhoben.

Er blickte um mich, als ob er verlangte

Zu wissen, ob nicht sonst wer mich begleite.

Als aber sein Vermuten ganz erloschen,

Begann er weinend: Gibt des Geistes Hoheit

Dir Recht, durch diese Kerkernacht zu wandeln,

Wo ist mein Sohn dann, und warum nicht mit dir? –

Ich sagte drauf: Nicht von mir selber komm’ ich;

Mich leitet jener, der dort auf mich wartet,

Den zu gering vielleicht eu’r Guido hielt. –

Verkündet hatten schon die Art der Strafe

Und seine Worte mir des Schattens Namen,

Darum war meine Antwort so erschöpfend.

Da schnellt’ er plötzlich in die Höh’ und rief:

Du sagst, er hielt; so lebt er denn nicht mehr,

Verschloß sein Auge sich dem süßen Lichte? –

Und als er sah, daß ich ein wenig zaudre,

Eh’ ich ihm Antwort gab auf seine Frage,

Stürzt’ er zurück und ward nicht mehr gesehen.

Doch der hochherz’ge andr’, auf dessen Bitte

Ich stehn geblieben war, verzog die Miene

So wenig, wie er Hals und Hüfte wandte.

Und wenn, fuhr in der vor’gen Red’ er fort,

Wenn schlecht die meinen jene Kunst erlernten,

Ist größre Qual mir das als dieses Bette.

Doch fünfzig Male nicht wird neu entzündet

Der Herrin Antlitz, welche hier regieret,

So hast, wie schwer die Kunst sei, du erfahren.

Und, willst zur schönen Welt du jemals kehren,

So sprich, warum in jeglichem Gesetze

So grausam mit den Meinen jenes Volk ist? –

Die Niederlage, sagt’ ich und das Unheil,

Die rot von Blut der Arbia Wasser färbten,

Sind solcher Predigt Grund in unsrem Tempel. –

Als seufzend er darauf das Haupt geschüttelt,

Sagt’ er: Da war ich nicht allein und sicher

Hätt’ ich ohn Ursach nicht dabei geholfen.

Doch da war ich allein, als alle riefen,

Vertilgt vom Boden müsse Florenz werden,

Der es mit offenem Visier verteidigt. –

Soll jemals eu’r Geschlecht zur Ruhe kommen,

Beschwor ich ihn, so löset mir den Knoten,

In den sich mein Verständnis hier verwickelt.

Vernehm’ ich recht, so scheint es, ihr gewahret

Im voraus, was die Zeit erst mit sich bringet;

Doch für die Gegenwart verhält sich’s anders. –

Wir sehn gleich einem, dessen Auge schwach ist,

Erwidert’ er, die Dinge die uns fern sind;

So viel vergönnt uns noch der höchste Herrscher.

Doch nahn sie, oder sind sie schon, so können

Wir sie nicht sehn, und von dem Loos der Menschen

Erfahren wir nur, was uns andre melden.

Begreifen kannst du nun, daß alles Wissen

Für uns erlöschen muß mit jenem Tage,

An dem der Zukunft Tor sich ewig zuschließt. –

Da sprach ich, wie von meiner Schuld betroffen:

Nun saget jenem, der dort niederfiel,

Daß bei den Lebenden sein Sohn noch weilet.

Wenn statt der Antwort ich vorhin verstummte,

So sagt ihm, es geschah, weil ich dem Irrtum

Schon nachsann, welchen ihr vorhin mir lös’tet. –

Schon aber rief zurücke mich der Meister,

Weshalb den Schatten ich in Eile bat,

Mir noch zu sagen, wer mit ihm dort weile.

Ich liege hier mit mehr als tausend, sagt’ er;

Dort innen ist der zweite Friederich,

Sodann der Kardinal, von andern schweig’ ich. –

Drauf barg er in der Gruft sich und ich wandte

Zum alten Dichter meine Schritt’, erwägend

Was feindlich mir in jener Rede schien.

Mein Führer ging voran und, wie wir gingen,

Sagt’ er zu mir: Was bist du so betreten? –

Ich aber gab auf seine Frage Auskunft.

Es wahre dein Gedächtnis, was du hörtest

Daß dich bedrohe, – so gebot der Weise,

Und sprach, den Finger hebend: Nun merk’ auf:

Stehst du einst vor dem süßen Strahle jener,

Die alles sieht mit ihrem schönen Auge,

So hörst von ihr du deinen Lebensweg. –

Dann wandt’ er seinen Fuß zur linken Seite;

Fort von der Mauer gingen wir der Mitte

Auf einem Pfade zu, der nach dem Tale

Hinführet, dessen Stank die Luft schon einnimmt.

Elfter Gesang

An eines hohen Ufers letztem Rande,

Gelangten wir zu schlimmerem Gedränge.

Den Felsen, die im Kreis gebrochen, bilden,

Wir aber zogen vor dem Übermaße

Des schrecklichen Gestankes, der vom Abgrund

Emporqualmt, hinter eines hohen Grabes

Steindecke uns zurück, auf der ich las

Die Inschrift: Anastas, den Papst bewahr’ ich,

Den ab vom rechten Wege zog Photin. –

Nur zögernd wollen wir jetzt niedersteigen,

Daß etwas sich zuvor der Sinn gewöhne

An den Gestank und er nachher nicht hindre. –

So sprach der Meister, und ich sagt’: Ersinne

Was uns die Zeit, die wir hier weilen, ausfüllt. –

Er aber: Du wirst sehn, daß ich’s bedachte.

Mein Sohn, im Innern dieses Felsgeklüftes,

Begann er, sind drei Kreislein, die gleich denen,

Die du verläßt, sich stufenweise folgen.

Von fluchbeladenen Geistern sind sie alle

Erfüllt, und daß dir bloßes Sehn genüge,

Vernimm, wie und warum sie eingepfercht sind.

Jedweder Bosheit Ziel, die Haß im Himmel

Erwirbt, ist Unrecht, und zu diesem Ziele

Gelangt durch Trug sie oder durch Gewalt.

Doch weil Betrug dem Menschen eigne Sünd’ ist,

Mißfällt er Gott mehr, darum weilen tiefer

Und leiden größre Qualen die Betrüger.

Im ersten Kreis sind, die Gewalttat übten;

Doch weil Gewalt sich gegen drei läßt richten,

Ist weiter eingeteilt er in drei Ringe.

Man kann sich selbst, dem Nächsten, oder Gott

Gewalt antun, so ihnen als dem Ihren,

Wie du noch hören und begreifen wirst.

Durch Mord und arge Wunden tut dem Nächsten

Gewalt man an, und dem was ihm gehöret

Durch Raub und Brand und bösliche Zerstörung.

Drum quält der erste Ring, mehrfach gegliedert,

Totschläger und die freventlich mißhandeln,

Mordbrenner, Räuber und Landschädiger.

Gewalttat übt an sich und an dem Gute

Das er besitzt der Mensch. Im zweiten Ring

Ist denen drum fruchtlose Reu beschieden,

Die sich des Sein’s in eurer Welt berauben,

Die ihr Vermögen mutwillig vergeuden,

Und die, statt froh zu sein, trübsinnig weinen.

Es richtet gegen Gott, der die Gewalt,

Der ihn im Herzen leugnet oder lästert,

Und die Natur und was sie schenkt verachtet.

Darum beschließt der engste der drei Ringe

Mit seinem Siegel Sodom sowie Cahors

Und die böswillig Gott verachtend reden.

Trug, welchen jegliches Gewissen anklagt,

Kann gegen den man üben, der uns trauet,

Und gegen den, der kein Vertraun beherbergt.

Die letztgenannte Weise tötet nur

Das Liebesband, das die Natur geschaffen;

Drum nisten in dem zweiten dieser Kreise

Die Kuppler, Schmeichler und die Amtsverkäufer,

Die Fälscher, die Bestechlichen und Heuchler

Nebst Dieben und mehr ähnlichem Gezüchte.

Die andre Art verletzet mit der Liebe,

Die von Natur ist, die hinzugekommne,

Auf die sich das besondre Zutraun gründet.

Darum verzehrt im engsten Kreise, wo

Des Weltalls Punkt ist, auf dem Dis beruht,

Sich wer verraten hat in Ewigkeit. –

Drauf sprach ich, Meister, deine Rede schreitet

Zwar deutlich vor und unterscheidet gut

Den Schlund hier und das Volk, das ihn bewohnet.

Doch sage mir, die von dem fetten Sumpfe,

Die, die der Wind treibt, und der Regen geißelt,

Und die mit herbem Scheltwort sich begegnen,

Wenn unter Gottes Zorn sie stehn, warum

Sind in der roten Stadt sie nicht gestrafet?

Und tun sie’s nicht, warum sind sie gepeinigt? –

Und er entgegnete: Was irrt so ferne

Dein Geist von dem ab, was er sonst zu sein pflegt,

Falls dein Gedanke nicht wo anders hinschaut?

Gedenkst du nicht der Worte deiner Ethik,

Mit denen sie die dreierlei Gesinnung

Behandelt, die zuwider Gottes Willen:

Maßlosigkeit und Bosheit und die wilde

Vertiertheit, und wie von den drei’n die erste

Gott minder kränkt und weniger bestraft wird?

Betrachtest du gehörig diesen Grundsatz,

Erinnerst du dich auch, wer jene sind,

Die außerhalb der Stadt dort Strafe leiden,

So siehst du ein, warum von diesen Argen

Getrennt sie sind, warum mit mindrem Zorne

Die göttliche Gerechtigkeit sie geißelt. –

O Sonne, die umtrübten Blick du heilest,

So sehr erfreuet stets mich deine Lösung,

Daß Wissen mir nicht lieber ist als Zweifeln.

Ich bitte, sprach ich, wende die Gedanken

Zurück und lehre mich, warum der Wucher

Die Güte Gottes, wie du sagst, verletzet? –

Philosophie belehret den, der aufmerkt,

So sagt’ er drauf, an mehr als einer Stelle,

Daß die Natur die Bahnen, die sie einschlägt,

Aus Gottes Geist entnimmt und seiner Kunst.

Erwägst du dann das Buch von der Physik,

So findest du nach nicht gar vielen Blättern,

Daß eure Kunst, soweit sie kann, der letzten

So wie der Schüler seinem Meister, nachfolgt

Und sozusagen Gottes Enklin ist.

Aus diesen beiden, wie die Genesis

Dir bald im Anfang sagt, soll Unterhalt

Die Menschheit nehmen und sich vorwärts helfen.

Weil nun der Wuchrer andre Bahnen einschlägt,

Verachtet er in sich und ihrer Tochter

Natur; denn andershin zielt seine Hoffnung.

Nun aber komm, weil mir beliebt zu gehen.

Die Fische blinken schon am Horizonte

Und gen Nordwest senkt sich der ganze Wagen;

Der Absturz aber fällt dort jenseits ab. –

Zwölfter Gesang

Es war der Ort, wo zu des Ufers Abstieg

Wir kamen, felsig und was dort zu schaun war

Von solcher Art, daß jedem Blick drob grauste.

Wie jener Felssturz ist, der diesseits Trento

Durch Erderschütt’rung oder Stützungsmangel

Die Etsch in ihre linke Flanke traf,

So daß vom Gipfel her, von dem er ausging,

Hinab zur Ebne das Geklüft so wild ist,

Daß es ein Niederklettern kaum gestattet,

So war hier des Gesteines jäher Abfall,

Und auf der Fläche abgebrochener Kante

Lag ausgestreckt die ewge Schmach von Kreta,

Die in der falschen Kuh empfangen ward.

Als dieser uns gewahr ward, biß er sich

Gleich einem, der im Zorn entbrannt ist, selber.

Mein Meister aber rief ihn an: Vermeinst du

Vielleicht, der Herzog von Athen sei hier,

Der in der Welt dort oben dir den Tod gab?

Fort, Untier, packe dich, den ich begleite

Kommt nicht von deiner Schwester unterwiesen;

Er geht, um eure Strafen zu betrachten. –

Gleichwie der Stier, der sich im Augenblicke

Wo er den Todesstreich empfangen, losreißt,

Des Gehns unfähig hin und wieder taumelt,

So sah ich Minotaurus sich gebahren.

Da rief mein Führer: Eile schnell vorüber,

Ratsam ist, daß du absteigst, weil er wütet. –

Also begannen nieder wir zu steigen

Auf jenen Trümmersteinen, die sich häufig

Von meiner Füße neuer Last bewegten.

Nachdenkend ging ich; jener aber sagte:

Denkst du dem Absturz nach, der überwacht wird

Von jenem Untier, das ich jetzt gebändigt?

So wisse denn, daß, als zum ersten Male

Ich niederstieg in diese untre Hölle,

Die Felsenwand noch nicht herabgestürzt war.

Doch, irr ich nicht, so war es kurz vorher,

Eh’ jener eintraf, der die große Beute

Dem obersten der Höllenkreise raubte,

Als dieses Tal des Stank’s von allen Seiten

So sehr erbebte, daß das all auf’s neu’ ich

Entbrannt von Liebe wähnte, die zum Chaos,

Wie mancher glaubt, die Welt mehrmals gewandelt.

In dem Moment fiel dieser alte Felsen

So hier wie auch noch anderwärts zusammen.

Nun aber wende deinen Blick zu Tale;

Schon naht der Blutstrom sich, in welchem

Gesotten wird, wer durch Gewalttat schadet. –

O blinde Gier, o wahnbetörter Zorn,

Die uns zur Sünd’ im kurzen Leben treiben

Und ewiglich zu solcher Qual uns tauchen!

Ein breiter Graben bot sich meinen Blicken,

Der, wie der Meister mir zuvor verkündet,

Im Bogen jenen Talgrund ganz umwand.

Und zwischen Fluß und Felsenabsturz liefen

Zentauren, pfeilbewaffnet, hin und wieder,

Wie sie in unsrer Welt beim Jagen pflegten.

Doch alle hielten an, als sie uns sahen,

Und dreie sonderten sich von den andern,

Nachdem sie Bogen sich und Pfeil’ erkoren.

Der eine rief von fern: Die ihr den Felsen

Herniedersteigt, zu welcher Marter kommt ihr?

Sagt ihr’s nicht gleich, so drück’ ich los den Bogen. –

Mein Meister aber sprach: Die Antwort werden,

Sobald wir unten sind, wir Chiron geben;

Zu deinem Unheil warst du stets so hitzig. –

Dann sagt’ er, mich anrührend: Der ist Nessus,

Der für die schöne Dejanira starb

Und mit sich selber sich zu rächen wußte.

Der mittelste, der nieder auf die Brust blickt,

Ist, der Achill erzog, der große Chiron,

Der dritt’ ist Pholus, der so voller Zorn war.

Zu Tausenden umkreisen sie den Graben

Und wehren mit dem Pfeilgeschosse jedem,

Der mehr als seine Schuld gestattet auftaucht. –

Als wir genaht den schnellen Ungetieren,

Nahm Chiron einen Pfeil, und mit der Kerbe

Strich zu der Kinnlad’ er den Bart zurück.

Dann mit dem großen unverhüllten Munde

Sagt’ er zu den Gefährten: Saht ihr wohl,

Wie, was der zweite anrührt, sich beweget?

Der Toten Fuß hat solche Wirkung nimmer. –

Mein Führer, der ihm schon zur Seite stand

Da wo sich Mensch- und Tiergestalt berühren,

Erwidert’ ihm: Gewiß ist er lebendig

Ich muß dies dunkle Tal ihm einsam zeigen;

Notwendigkeit, nicht Lust ists, die ihn herbringt.

Sein Hallelujasingen unterbrach

Ein hehrer Geist, der solche Pflicht mir auftrug;

Kein Dieb ist er, ich keines Räubers Schatten.

Doch, bei der Kraft, die auf so wildem Pfade

Mich wandeln heißt, gib aus der Schar der deinen

Uns einen mit, der unsre Schritte leitend

Des Blutstroms Furt uns zeigt, und der hinüber

Auf seinem Rücken diesen, der kein Geist ist

Und durch die Luft nicht gehn kann, willig trage. –

Da wandte Chiron sich zur rechten Seite

Und sagte: Nessus, geh’ sie zu geleiten,

Und trefft ihr andre, heiße Platz sie machen. –

So gingen in verläßlicher Begleitung

Den Strand des roten Sudes wir entlang,

Aus dem der Wehruf der Gesottnen tönte.

Bis zu den Brau’n im Blut sah ich die einen:

Das sind Tyrannen, sagte der Zentaur.

Die reichlich Blut vergossen und geplündert,

Beweinen hier erbarmungslose Taten.

Sieh Alexander hier und Dionysen,

Durch den Sizilien arge Zeit erfuhr.

Und jene Stirn mit dunkelschwarzem Haare

Gehört dem Azzolin; der Blonde aber

Ist Obizzo von Este, den in Wahrheit

Der Stiefsohn droben in der Welt gemordet. –

Drauf wandt’ ich mich zum Meister; doch er sagte:

Jetzt sei dir Nessus erster, ich nur zweiter. –

Nicht weit davon hielt der Zentaur bei Schatten,

Die aus dem heißen Strom bis zu der Kehle

Auftauchen durften, seine Schritte an.

Auf einen, der allein stand, deutend, sprach er,

Das Herz durchbohrte der in Gottes Schoße,

Das an der Themse Strande noch geehrt wird. –

Und andre Geister sah ich weiterhin,

Die aus dem Fluß so Haupt als Brust erhoben;

Nicht wenige von dieser Zahl erkannt’ ich.

Und seichter ward das Blut und immer seichter,

Daß es zuletzt die Füße nur bedeckte;

Da war’s, wo wir den Graben überschritten.

Wie du gesehn hast, daß auf dieser Seite,

Sprach der Zentaur, der Strom des heißen Blutes

Sich mehr und mehr verflacht, so sollst du glauben,

Daß dort hinaus sein Boden immer tiefer

Sich senkt, bis er bei jener Stelle anlangt,

Wo Tyrannei in schwerer Marter seufzet:

Dort straft die göttliche Gerechtigkeit

Den Attila, der eine Geißel war,

Nebst Pyrrhus und nebst Sextus, und preßt ewig

Dem Rinier Pazzo und dem von Corneto,

Die raubend heimgesucht des Landes Straßen,

Die Tränen aus, die durch den Sud entquollen. –

Dann wandt er sich zur Rückkehr durch die Furt.

Dreizehnter Gesang

Noch war nicht jenseits Nessus angekommen,

Als wir in ein Gebüsche uns vertieften;

In dessen Dickicht sich kein Pfad uns zeigte.

Dort war kein grünes, sondern düstres Laub,

Nicht glatte, sondern knorrig krumme Zweige,

Nicht Früchte, sondern giftgefüllte Stacheln.

Nicht hausen in so dichtverwachs’nem Dorne

Die wilden Tiere, die dort von Corneto

Zur Cecina bewohntes Land vermeiden.

Hier baun ihr Nest die häßlichen Harpyen,

Die mit Verkündigung zukünft’gen Leides

Von den Strophaden die Trojaner trieben.

Groß sind die Flügel, Hals und Antlitz menschlich,

Der Bauch befiedert und bekrallt die Füße;

Ihr Wehruf tönt von den seltsamen Bäumen.

Der gute Meister sagte: Eh’ du weiter

Hineingehst, wisse, daß im zweiten Ringe

Du bist und bleiben wirst, bis du gelangest

Zur grauenvollen Fläche glühnden Sandes.

Drum merke wohl auf; Dinge wirst du sehen,

Die meinem Worte, sagt’ ich’s, Glauben nähmen. –

Wehklagen hört’ ich schon von jeder Seite;

Doch weil ich niemand wahrnahm, der sie ausstieß,

Hielt ich betreten an mit meinen Schritten.

Ich glaub’, er glaubte wohl, ich möchte glauben,

Die vielen Stimmen rührten her von Leuten,

Die in dem Dickicht sich vor uns verbergen.

Drum sprach zu mir der Meister: Wenn von einem

Der Bäume hier du eine Gerte abbrichst,

So wird der Wahn, den du jetzt hegst, erblassen. –

Ein wenig vorwärts reckt’ ich meine Hand

Und raubt’ ein Zweiglein einem großen Baume.

Da rief der Stamm: Wer heißt dir, mich verletzen? –

Und als der Bruch von Blut sich dunkel färbte,

Rief er aufs neu’: Warum zerpflückst du mich?

Ist deine Brust so völlig mitleidsleer?

Jetzt sind wir Stämme; doch wir waren Menschen

Und wären wir von Schlangen nur die Seelen,

So sollte deine Hand mitleid’ger sein. –

Wie, wenn ein grüner Klotz am einen Ende

Im Feuer liegt, er an dem andern zischt

Und von der Luft die sich herausdrängt stöhnet,

So drängten sich aus jenem Bruche Worte

Und Blut hervor, so daß ich gleich dem Manne,

Den Furcht ergreift, das Zweiglein fallen ließ.

Gekränkte Seele, sagte drauf mein Meister,

Hätt’ ohne eignes Anschaun er vermocht

Zu glauben, was mein Lied nur ihm berichtet,

So hätte nicht er sich an dir vergriffen.

Doch die Unglaublichkeit der Sache ließ

Mich ihn zu tun bewegen, was mich selbst schmerzt.

Nun sag’ ihm, wer du bist, und deinen Ruf

Wird er, zu ein’ger Buße, in der Welt

Zu der er wiederkehren darf, erfrischen. –

So sehr besticht mich, sagte drauf der Stamm,

Dein süßes Wort, daß ich nicht schweigen kann;

Gewährt mir drum ein williges Gehör.

Ich bin’s, der in der Hand die beiden Schlüssel

Zu Friedrichs Herzen hielt, und so gelinde,

Zum Öffnen wie zum Schließen, sie bewegte,

Daß sein Vertrauen fast niemand mit mir teilte.

Treu blieb ich meines hohen Amtes Pflichten,

So daß ich Puls’ und Adern drum verlor.

Doch jene Hure, die die frechen Blicke

Stets dahin wendet, wo der Kaiser herbergt,

Die allwärts Tod bringt, doch am Hof daheim ist,

Entflammte gegen mich all die Gemüter,

Daß die entflammten Friedrich selbst entflammten

Und Ehr und Freud’ in Jammer sich verkehrten.

Da machte gegen mich, den sonst gerechten,

Um sterbend der Verachtung zu entgehn,

Des Unmuts Bitterkeit mich ungerecht.

Doch, bei den neuen Wurzeln dieses Stammes

Beschwör ich’s, daß ich nimmer meinem Herrn

Der so der Ehre wert war, Treue brach.

Kehrt wer von euch zurück zur Oberwelt,

So richt’ er mein Gedächtnis wieder auf,

Das von des Neides Schlag daniederliegt. –

Ein wenig wartet’ er, dann sprach mein Meister

Zu mir: Da er nicht weiter redet, eile

Ihn noch zu fragen, was du wissen möchtest. –

Ich aber sagte: Frage du ihn lieber

Nach dem was wichtig du für mich erachtest;

Ich könnt’ es nicht, weil Mitleid mich bewältigt. –

Drauf sprach er wieder: Soll, was du gebeten,

Der Mann hier gern und reichlich dir gewähren,

So woll’ uns noch, gefangner Geist, berichten,

Wie sich an dies Geäst die Seele bindet.

Und sag’ uns auch, wenn du es kannst, ob jemals

Aus solchem Leib sich eine wieder losmacht. –

Da schnob der Stamm gar sehr, bis solches Schnauben

Zu diesen Worten endlich sich gestaltet:

In Kürze geb’ auf eure Frag’ ich Antwort.

Sobald geschieden ist vom Leib die Seele,

Von dem sie selber sich verzweifelnd losriß,

Schickt sie zum siebenten der Schlünde Minos.

Kein fester Punkt im Wald ist ihr beschieden;

Nein, wo das Ungefähr sie hingeschleudert

Da keimt und sproßt sie wie ein Samenkorn,

Sie wächst zum Schößling und zum Waldesbaume

Es schaffen die Harpy’n, von ihrem Laube

Sich nährend, Schmerz ihr und dem Schmerz ein Tor.

Auch wir erhalten einst die Erdenhülle

Zurück; doch nicht, sie wieder anzuziehn,

Denn niemandem gebührt was er sich selbst nahm.

Wir schleppen sie hierher, und allerwärts

Im dunklen Wald wird eines jeden Körper

An seines lästgen Schattens Baum gehenket. –

Noch waren wir dem Stamme zugewandt,

Im Glauben, daß er mehr uns sagen wollte,

Als uns ein seltsam Rauschen überraschte,

Wie der es wohl vernimmt, auf dessen Standort

Der Keiler mit der Jagd im Sturm herankommt

Und Wild und Hund’ und morsche Zweige toben.

Da stürzten nackend und zerkratzt zur Linken

Zwei Schatten in so wilder Flucht hervor,

Daß alles Waldgezweige sie durchbrachen.

Der vordre schrie: Komm Tod und mach’ ein Ende! –

Der andre, der zu folgen nicht vermochte,

Rief: Lano, wahrlich deine Füße waren

Nicht so behende beim Turnier von Toppo! –

Und, weil der Atem ihm vermutlich ausging,

Barg er sich kauernd in des Strauchs Gezweige.

Doch hinter ihnen wimmelte der Wald

Von Rüden schwarz und gierig, die dem Windhund,

Der von der Kette loskommt, zu vergleichen.

In den Geduckten schlugen sie die Zähne,

Zerfleischten stückweis ihn, und mit den Gliedern,

Die schmerzhaft zuckten, eilten sie von dannen.

Der treue Führer nahm mich bei der Hand

Und leitete zum Strauch mich, der vergebens

Aus seinen Wunden blutete und klagte.

O Jacob, rief er aus, von Sant’ Andrea,

Was half es dir, als Schild mich zu gebrauchen?

Nicht Schuld bin ich an deinem wüsten Leben. –

Als nun mein Meister bis zu ihm gelangt war,

Frug er: Wer bist du, dem aus so viel Brüchen

Die Schmerzensrede und das Blut hervorquillt? –

Er aber sprach: Ihr Seelen, die gekommen

Zu sehn, wie schmachvoll ich Mißhandlung litt,

So daß mein Laub fern um mich her verstreut ist,

So sammelt es am Fuß des traur’gen Busches

Der Stadt gehört’ ich an, die mit dem Täufer

Den ersten Schutzpatron vertauscht, weshalb er

Stets Unheil ihr durch seine Kunst bereitet.

Und wäre nicht am Übergang des Arno

Ein Bruchstück noch von seinem Bilde sichtbar,

So wär’ umsonst der Bürger Müh gewesen,

Die auf der Asche, welche Attila

Nur übrig ließ, die Stadt aufs neu gegründet.

Zum Galgen wählt ich mir die eignen Häuser. –

Vierzehnter Gesang

Weil mich das Mitgefühl der gleichen Heimat

Bewegte, sammelt’ ich die losen Blätter

Am Fuß des matt gewordenen Strauches auf.

Dann kamen dorthin wir, wo von dem zweiten

Der dritte Ring sich trennt und wir die grause

Kunst göttlicher Gerechtigkeit erblickten.

Was sich hier zeigte wohl zu schildern, sag’ ich

Daß wir zu einer weiten Fläche kamen,

Die keiner Pflanze Wuchs auf sich gestattet.

Der Wald des Weh’s umgibt gleich einem Kranz sie,

Wie diesen wiederum der heiße Blutstrom.

Dort gingen wir entlang am letzten Saume.

Die Tenne war von dichtem, trocknem Sande,

Beschaffen gleich dem Wüstensande, den

In Lybien Cato’s Füße einst betreten.

Wie sehr, o Rache Gottes, sollte jeder

Dich fürchten, der da liest, was meinem Auge

Auf diesem Sandgefild sich offenbarte:

Von nackten Seelen sah ich manche Schar

Und alle jammerten vor Schmerz, obwohl

Verschiedner Ordnung sie botmäßig schienen.

Die einen lagen rücklings ausgestreckt,

Am Boden sitzend kauerten die zweiten,

Noch andere rannten rastlos hin und wieder.

Die größte Zahl war deren, die da liefen

Die liegend Qual erlitten waren minder,

Doch lauter klagend regten sie die Zunge.

Und große Feuerflammen fielen leise

Auf jenes Sandes weite Fläche nieder,

Wie Schnee bei stiller Luft im Hochgebirge.

So wie die Flammen, die auf Alexander’s

Heerschar im heißen Indien niederfielen

Und ihre Glut am Boden noch bewahrten

(Weshalb der König seine Leute hieß,

Das Erdreich festzustampfen, weil die Dünste

Für sich allein sich besser löschen ließen),

So regnete die ew’ge Glut hernieder,

Wovon der Sand, zur Qualverdopplung, brannte,

Wie unterm Feuerstahl sich Schwamm entzündet.

Es war ohn’ Unterlaß der Tanz der Hände,

Womit bald hier bald dort sich die Gequälten

Des frischen Brandes zu erwehren suchten.

O, Meister, hub ich an, der alle Dinge

Bezwingt, die bösen Teufel ausgenommen,

Die uns am Eingangstor entgegentraten,

Wer ist der Große, welcher diese Flammen

Für nichts zu achten scheint und trotzig daliegt,

Als ob der Feuerregen ihn nicht kümmre? –

Doch jener, der vernahm, daß seinetwegen

Ich meinen Führer frug, schrie mir zur Antwort:

Der ich im Leben war, bleib’ ich im Tode!

Mag Jupiter nur seinen Schmied ermüden,

Von dem im Zorn den scharfen Blitz er nahm,

Zu Boden mich am letzten Tag zu schmettern,

Mag in des Mongibello schwarzer Esse

Im Wechseldienst die andren er ermatten

Und schrein: Zur Hilfe komm, Vulcan zur Hilfe,

So wie er schrie bei jenem Kampf von Phlegra,

Mag Blitz’ er nach mir schleudern wie er will;

Nie soll er Freud’ an seiner Rach erleben. –

Da sprach mein Führer mit gehobner Stimme,

Daß ich so laut ihn nimmer noch vernommen:

O Kapaneus, daß ungebeugt dein Stolz ist,

Darin erleidest du die schwerste Strafe;

Denn keine Qual vermöchte deinen Frevel

So zu vergelten, als wie deine Wut. –

Dann, freundlicheren Blicks zu mir gewendet:

Von jenen sieben Königen war er einer,

Die Theben einst belagert, und noch scheint er

So wie er damals tat, Gott zu verachten.

Doch ist sein Schmähen, wie ich eben sagte,

Für seine Brust die wohlverdiente Zierde.

Nun aber folge mir und habe acht,

Den Sand, der glimmend ist, nicht zu betreten;

Stets halte hart am Walde sich dein Fuß. –

Wir gingen schweigend, bis wir zu der Stelle

Gelangten, wo dem Wald’ ein kleines Flüßchen

Entquillt, ob dessen Röte noch mir schaudert.

Wie aus dem heißen Sprudel bei Viterbo

Der Bach rinnt, den die Sünderinnen teilen,

So rann dies Flüßchen durch den Sand dahin.

Sein Boden und die Ufer beiderseitig,

So wie die Ränder, waren fester Stein;

Daraus erriet ich, daß dort unser Weg sei.

Von allem was seither ich dir gewiesen,

Seitdem durch jene Pforte wir gekommen,

Durch welche einzutreten jedem freisteht,

Sah nichts dein Auge, das bemerkenswert

Gleich diesem Bach ist, welcher über sich

Jedwede Glut des Feuerregens auslöscht. –

So lauteten die Worte meines Meisters;

Drum bat ich, daß die Speis’ er mir gewähre,

Zu der die Lust in mir er wachgerufen.

Einsam im Meer liegt ein verwüstet Eiland,

Entgegnet’ er darauf, des Nam’ ist Kreta.

Keusch war die Welt, als einst sein Fürst regierte.

Dort ist ein Berg, der sonst durch Wald und Quellen

Das Aug’ erfreut, und den man Ida nannte;

Verwüstet ist er jetzt und ungeachtet.

Den wählte Rhea einst zur sichren Wiege

Für ihren Sohn, und ließ, sobald er weinte,

Ihn übertönendes Geschrei erheben.

Aufrecht in jenem Berge steht ein Greis!

Die Schultern wendet er nach Damiette,

Und Rom als seinen Spiegel schaut er an.

Es ist sein Haupt aus feinem Gold gebildet,

Von reinem Silber sind so Brust als Arme,

Das weitre bis zur Gabelung ist Kupfer.

Von da nach unten folgt erles’nes Eisen;

Doch ist der rechte Fuß gebrannter Ton,

Und mehr auf ihm, als auf dem andern ruht er.

Das Gold ist unversehrt; sonst zieht durch alle

Die Glieder sich ein Spalt, der Tränen träufelt,

Die dann vereinigt diesen Fels durchfressen.

Zu diesem Tal senkt sich ihr Lauf hernieder;

Sie bilden Acheron, Styx, Phlegethon,

Und fließen dann durch diese enge Rinne

Zu jenem Punkt, wo man nicht weiter absteigt.

Dort bilden sie Cocytus, welchen Teich

Du selber sehn wirst. Drum laß hier mich schweigen. –

Drauf sagt’ ich: Wenn nun also dieser Graben

Bis hier von unsrer Oberwelt herabfließt,

Warum begegneten wir ihm nicht früher? –

Und er zu mir: Du weißt, daß rund der Raum ist,

Und ob du wohl, fortwährend links gewendet,

Schon weit hinabgestiegen in die Tiefe,

Hast du den ganzen Kreis noch nicht vollbracht.

Wenn also neues unserm Blick sich zeiget,

Soll sich dein Auge darum nicht verwundern. –

Drauf sprach ich weiter: Sage mir wo sind denn

Lethe und Phlegethon? Du schweigst vom einen,

Den andern sagst du bilden jene Tränen. –

In allen deinen Fragen lob’ ich dich;

Allein des roten Wassers Sieden konnte

Dir eine, die du tatest, füglich lösen.

Lethe wirst du, doch nicht hier unten sehn.

Es waschen sich in ihm die reu’gen Seelen,

Wenn Buße ihnen jede Schuld getilgt hat. –

Dann sagt er: Uns vom Walde zu entfernen

Ist es nun Zeit, drum folge meinen Schritten,

Gehn wir den Damm entlang; die Glut verschont ihn

Und über ihm erlischt der Feuerregen. –

Fünfzehnter Gesang

So trägt uns nun der eine jener Dämme,

Und so erstickend wirkt des Wassers Broden,

Daß vor der Glut er Bach und Ränder schützet.

Sowie die Flämen zwischen Brügg’ und Kadsand,

Geängstet von der Flut, die auf sie anstürmt,

Schutzwehren baun, das Meer sich fernzuhalten,

Und wie die Padovaner längs der Brenta,

Eh’ Chiarentana Sommerglut empfindet,

Vor Schlössern und vor Gärten Deich’ errichten,

Also gebildet waren jene Dämme;

Nur daß ihr Meister, wer er immer sei,

In minderer Höh’ und Stärke sie geschaffen.

Schon waren wir so weit entfernt vom Walde,

Daß, hätt’ ich auch zurücke mich gewendet,

Ich nicht erspäht mehr seine Stelle hätte,

Als wir auf eine Schar von Seelen trafen,

Die längs des Dammes uns entgegen kamen,

Und deren jed’ uns ansah, wie beim Neumond

Sich abends zwei Begegnende beschaun.

So hefteten auf uns sie ihre Blicke,

Wie auf das Nadelöhr ein greiser Schneider.

Als mich in solcher Art die Schar betrachtet,

Erkannte mich der ein’, und an dem Saume

Des Kleid’s mich fassend, rief er: Welch ein Wunder! –

Und während nach mir hin den Arm er streckte,

Wandt’ ich mein Aug’ auf die verbrannten Züge,

So daß der Glut Entstellung meinen Sinn

Nicht mehr verhinderte, ihn zu erkennen.

Die Hand darauf zu seinem Antlitz neigend,

Sagt ich: O Herr Brunetto, seid ihr hier? –

Er aber sprach zu mir: Mein Sohn gestatte,

Daß während die Gefährten weiter eilen,

Bruno Latini etwas mit dir umkehrt. –

Ich sprach: So viel ich kann, bitt’ ich euch drum,

Und, wollt’ ihr’s, will ich auch mich zu euch setzen,

Wenn dieser mir’s erlaubt, denn mit ihm geh’ ich. –

Mein Sohn, sagt’ er, wer sich von dieser Herde

Nur irgendwie verweilt, bleibt unbewegt

Dann hundert Jahr, ob auch das Feu’r ihn peitsche.

Geh’ weiter denn; ich bleibe dir zur Seite

Und hole später die Gefährten ein,

Die um ihr Elend, das nie endet, weinen. –

Ich wagte nicht, den Damm hinabzusteigen

Um neben ihm zu gehn. Gesenkten Hauptes

Schritt ich darum, wie wer in Ehrfurcht wandelt.

Drauf hub er an: Ist’s Zufall oder Schickung,

Was vor dem letzten Tag dich hier herabführt?

Und wer ist jener, der den Weg dir weiset? –

Dort oben, sagt’ ich, in dem lichten Leben

Verirrt’ ich mich in einem wald’gen Tale,

Eh voll geworden meiner Jahre Zahl;

Erst gestern morgen kehrt’ ich ihm den Rücken

Als ich mich wieder wandte, traf ich diesen,

Der mich auf solchem Pfad heimführen will. –

Drauf sagt’ er mir: Folgst du nur deinem Sterne,

So kann des Ruhmes Port dir nicht entgehen,

Wenn recht ich wahrnahm dort im schönen Leben.

Und wär’ ich nicht so früh von dir geschieden,

So hätt ich dich in deinem Werk gefördert,

Da ich den Himmel dir so günstig wußte.

Doch jenes Volk voll Bosheit und voll Undank,

Das niederstieg von Fiesole vor Alters

Und nach dem Berg’ und dem Gestein noch schlachtet,

Wird feindlich dir ob deines Rechttums werden.

Wie sollt’ es anders sein? Die süße Feige

Kann unter herben Schlehen nie gedeihen.

Schon alte Rede nennt sie blind dort oben;

Hochmütig sind sie, geizig und voll Neides.

Hab’ acht, daß ihre Sitten du dir fernhältst!

Dein Schicksal hat zur Ehre dir beschieden,

Daß jede der Partei’n nach dir wird hungern;

Doch bleibe fern dem Schnabel solche Weide.

Das Fiesolaner Vieh zertret’ einander

So viel es will; jedoch an keiner Pflanze,

Wenn eine noch in solchem Unrat aufkommt,

Vergreif’ es sich, worin der heilge Samen

Von jenen Römern auflebt, die dort blieben,

Als einst so vieler Bosheit Nest gebaut ward. –

Wenn meinem Wunsche voll entsprochen wäre,

Erwidert’ ich ihm drauf, wär’t aus dem Leben

Der Menschen wahrlich ihr noch nicht verbannet.

Eur lieb’ und gutes väterliches Bild,

Das itzt mich weinen macht, trag’ ich im Herzen,

Wie ihr dort in der Welt von Tag zu Tage

Mich lehrtet nach Unsterblichkeit zu ringen.

Wie wert ich’s halte, soll, so lang’ ich lebe,

In meiner Rede noch sich offenbaren.

Was ihr von meines Lebens Fortgang sagtet,

Bewahr’ ich, daß es mir mit andrem Texte

Ein hohes Weib glossiert, die dessen kundig.

Doch so viel kann ich itzt schon euch versichern,

Daß, wenn mich mein Gewissen nur nicht schilt,

Bereit ich bin zu gut’ und bösem Glücke.

Nicht neu ist meinem Ohr solch übles Angeld;

Drum möge nur ihr Rad Fortuna rollen,

Mir gilt’s, als ob der Bauer seinen Karst schwingt. –

Da wendete sein Haupt zur rechten Seite

Mein Meister, blickte nach mir hin und sprach:

Wer sich es merkt, der ist der beste Hörer. –

Nicht hinderte das Reden unsre Schritte;

Doch bat ich Ser Brunetto, die Gefährten,

Die hochgestellt und namhaft, mir zu nennen.

Von einigen zu reden, ist geziemend;

Von andern ist es löblicher zu schweigen;

Es reicht die Zeit nicht hin zu so viel Namen:

Vernimm indes, daß sie teils geistlich waren

Teils grundgelehrte Leute hohen Ruhmes,

Von gleicher Schuld besudelt insgesamt.

Mit jener argen Schar geht Priscian

Und Franz, Accursens Sohn, auch konntest

Wenn anders du nach solcher Räude Lust trägst,

Du den erblicken, den der Knecht der Knechte

Vom Arnostrand verpflanzt zum Bacchiglione,

Wo er die sündentflammten Nerven ließ.

Gern spräch’ ich weiter; doch Geleit und Rede

Muß ich beenden, weil dort aus dem Sande

Ich vor uns neuen Rauch aufsteigen sehe.

Fernbleiben muß ich denen, die da kommen.

Laß den Tesoro dir empfohlen sein,

In dem ich leben blieb, nur das begehr’ ich. –

Dann wandt’ er sich zurück, gleich deren einem,

Die in Verona um den grünen Teppich

Den Plan durchlaufen; doch nicht dem Verlierer,

Nein, jenem glich er, der den Sieg davonträgt.

Sechzehnter Gesang

Schon waren wir am Ort, wo man das Tosen

Des Wasserfalls, der in dem nächsten Kreise

Hinabstürzt, hörte, wie Gesumm’ von Bienen.

Da trennten vollen Laufes miteinander

Drei Schatten sich von einer größern Schar,

Die bei des Feuerregens Qual dahinflog.

Sie kamen auf uns zu und jeder rief:

Halt an, der nach der Weise deiner Kleidung

Du einer scheinst aus unsrer argen Heimat! –

Ach was für Wunden, frisch’ und halbvernarbte,

Sah eingebrannt ich allen ihren Gliedern;

Noch schaudert mich’s wenn ich nur dran gedenke.

Aufmerksam ward durch ihren Ruf mein Meister;

Dann wandt’ er sich zu mir und sprach: Hab’ Achtung;

In Ehrfurcht ziemt sich’s diesen zu begegnen.

Und wäre nicht das Feuer, das des Ortes

Natur herniederregnen läßt, so sagt’ ich,

Daß, mehr als ihnen, Dir die Eil geziemte. –

Kaum standen wir, so sangen sie auf’s neue

Das alte Lied, und als sie uns erreichet,

Begannen sie selbdritt im Kreis zu laufen.

So wie die Kämpen, die gesalbt und nackend,

Eh’ sie zum Schlagen und zum Stoßen schreiten,

Vorteil und Angriff spähend sich erwägen,

So wandt’ im Kreislauf jeder das Gesicht

Fortwährend nach mir hin, weshalb den Füßen

Entgegen immer sich der Hals bewegte,

Entwertet uns vielleicht und unsre Bitten,

Begann der eine, dieses Ortes Elend

Und unser Aussehn, das voll Brand und Wunden,

So laß durch unsren Nachruhm dich bewegen

Zu sagen wer du bist, der du so sicher

Lebend’gen Fußes durch die Hölle schreitest.

Der, dessen Spuren meine Schritte folgen,

Wie nackt er und geschunden auch einhergeht,

War höher wohl gestellt, als du vermutest.

Gualdradens Enkel war er, jener guten:

Sein Nam’ ist Guido Guerra und im Leben

Hat er mit Schwert und Klugheit viel geleistet.

Der, welcher hinter mir den Sand zertritt

Ist Tegghiai’ Aldobrandi, dessen Wort

Dort in der Welt man gern vernehmen sollte.

Ich aber, der die gleiche Qual erdulde,

War Jacob Rusticucci, und wahrhaftig

Der Gattin Stolz war meines Unheils Hauptgrund. –

Wär’ ich gesichert vor der Glut gewesen,

So wär’ ich unter sie hinabgeeilt,

Und zugelassen hätt’ es wohl mein Lehrer.

Doch, weil des Feuers Glut verbrannt mich hätte,

Bewältigte die Furcht den guten Willen,

Der mich verlangen ließ, sie zu umarmen.

Drauf hub ich an: Sobald mein Herr und Meister

Mir Worte sagt’, aus denen ich entnahm,

Daß solche Schatten wie ihr seid, sich nahten,

Erweckte nicht Mißachtung, sondern Schmerz

Eur traurig Los mir in der tiefsten Brust,

Und nicht sobald wird er daraus verschwinden.

Aus eurer Heimat bin ich und von jeher

Hab’ eure Taten und gepriesne Namen

Ich liebevoll gehört und wiederholet.

Die Galle lassend, geh ich nach den Früchten,

Die süß der treue Führer mir verheißet,

Doch muß ich erst zum Zentrum niedersteigen. –

Soll deine Seel’, entgegnete nun jener,

Noch lange deines Leibes Glieder lenken

Und soll der Ruhm dein Leben überdauern,

So sag’ ob Tapferkeit und Rittersitte

In unsrer Stadt wie sonst noch weilen, oder

Ob sie aus deren Mauern sind gewichen.

Denn Wilhelm Borsier, welcher unsre Qualen

Seit kurzem teilt und dort mit den Gefährten

Dahin läuft, kränkt uns oft durch seine Reden. –

Das neue Volk, die plötzlichen Gewinnste,

Die haben Stolz und Übermaß, o Florenz,

In dir erzeugt, so daß du schon drum weinest! –

So rief ich mit erhobnem Angesichte;

Und jene drei, die mich vernommen, winkten

Einander, wie man wohl der Wahrheit beistimmt.

Macht es dir jederzeit so wenig Mühe,

Die andern zu befried’gen, sagten alle,

So bist du glücklich, so nach Wunsch zu sprechen.

Entrinnst du aber diesen dunklen Räumen

Und kehrst zurück, zu sehn die schönen Sterne,

Wo du dann gerne sagen wirst, ich war,

So säume nicht, der Welt von uns zu reden. –

Da brachen sie den Kreis ab und entflohen,

Daß die behenden Füße Flügel schienen.

Verschwunden waren sie in kürzrer Zeit

Als man bedarf ein Amen auszusprechen;

Drum schien zu gehn es an der Zeit dem Meister.

Ich folgt’ ihm, und bevor wir weit gegangen,

War uns so nah des Wasserfalles Brausen,

Daß übertönt selbst laute Red’ es hätte.

So wie der Fluß, der auf der linken Seite

Des Apennin gen Ost von Mont Viso

Zur Adria zuerst selbständigen Weg hat

Und oben Acquacheta heißt, bevor

Er talwärts fließt zu seinem niedren Bette,

Doch bei Forlì nicht mehr den Namen führet;

Wie dieser bei San Benedetto toset,

Weil er hinab zu einer Halde stürzet,

Wo Unterkunft für tausend sollte sein,

So hörten von des Ufers steilem Absturz

Die dunkelfarbne Flut wir niederbrausen;

In kurzem hätt’ es weh dem Ohr getan.

Mit einem Stricke war mein Leib gegürtet,

Durch den, den Pardel mit dem bunten Felle

Zu fangen, ich gehofft vorzeiten hatte.

Nachdem ich, so wie jener mir befohlen,

Den losgebunden hatte, reicht’ ich ihn

Verschlungen und verknotet meinem Meister.

Der aber wandte sich zur rechten Seite

Und warf, etwas entfernt noch von dem Ufer,

In jenen tiefen Abgrund ihn hinunter.

Ich sagte bei mir selbst: Was wird nur neues

Die Antwort sein auf dies besondre Zeichen,

Dem sorglich mit dem Aug’ der Meister nachfolgt? –

Ach, wie behutsam soll man sein bei denen,

Die, statt allein die äußre Tat zu sehn,

In die Gedanken mit dem Geiste dringen!

Er sprach zu mir: Auftauchen wird in Bälde

Was ich erwarte, und, was du jetzt träumend

Dir denkst; alsdann sich deinem Blick enthüllen. –

Der Wahrheit, die der Lüge Antlitz trägt

Soll, wenn es möglich, man die Lippen schließen,

Denn unverschuldet bringt sie uns Beschämung.

Hier aber kann ich’s nicht, und bei den Versen

Von diesem Liede schwör’ ich dir, o Leser,

Wenn lange Gunst sie nicht entbehren sollen,

Daß ich durch jene dicke finstre Luft

Empor ein Untier schwimmen sah, so seltsam,

Daß wohl der Mutigste sich drob entsetzte.

Dem Manne glich es, der, nachdem den Anker

Vom Fels er löste, oder sonst’gem Anhalt,

Um aus dem Meeresgrund emporzutauchen,

Die Füße anzieht und sich streckt nach oben.

Siebzehnter Gesang

Sieh’ da das Untier mit dem spitzen Schwanze,

Das Berge übersteigt und Waff’ und Wehr bricht,

Sieh’ jenen, dessen Stank die ganze Welt füllt! –

So hub der Führer an zu mir zu reden.

Dann winkt’ er jenem, daß er komm’ ans Ufer

Nah her zum Rande der betretnen Steine.

Mit Haupt und Brust kam jenes schmutzge Sinnbild

Des Truges an das Ufer nun heran;

Den Schwanz indessen zog er nicht auf’s Land.

Dem eines Biedermannes glich sein Antlitz,

So wohlgesinnt erschien er äußerlich;

Ein Schlangenleib indes war alles andre.

Zwei Tatzen hatt’ er, haarig bis zur Achsel;

Bemalt mit Ringen und mit Knoten waren

Die Brust, der Rücken und die Flanken beide.

Nie machten Türken noch Tartaren Tücher,

Drin Einschlag sich so bunt dem Aufzug mischte,

Und nie begann Arachne solch Gewebe.

Wie manchmal Kähne wohl am Ufer stehen,

Zum Teil im Wasser und zum Teil am Lande,

Und so wie dort bei den gefräß’gen Deutschen

Der Biber sich, um Jagd zu machen, aufstellt,

So weilte jenes schnöde Tier am Rande

Der Steine, die des Sandes Ring beschließen.

Frei in dem Raum bewegte sich der Schwanz

Und aufwärts kehrt’ er seine giftige Gabel,

Die nach Skorpionenart ein Stachel endet.

Mein Führer sagte: Wenden wir den Pfad

Ein wenig nun zur Seite bis zu jenem

Bösart’gen Tier, das dort am Ufer lagert. –

So stiegen wir hinab zur rechten Seite

Und taten auf dem Uferrand zehn Schritte,

Um Sand und Feuerregen wohl zu meiden.

Als wir gelangt bis zu dem Tiere waren,

Erblickt’ ich etwas jenseits auf dem Sande

Unfern dem Felsenabsturz Leute sitzen.

Der Meister sagte hier: Auf daß vollkommne

Erfahrung dieses Kreises du davonträgst,

So gehe hin und sieh auch ihr Verhalten;

Doch sorge, daß nur kurz dort dein Gespräch sei.

Bis du zurückkehrst werd’ ich diesem sagen,

Daß seine starke Schultern er uns biete. –

So ging ich denn entlang dem letzten Ende

Des siebenten der Kreise ganz allein

Dorthin, wo trauernd jene Schatten saßen.

Aus ihren Augen brach der Schmerz hervor,

Bald hier, bald dort erwehrten mit den Händen

Sie sich der Dünste Glut und der des Bodens.

Nicht anders tun zur Sommerszeit die Hunde

Mit Schnauz’ und Pfote, wenn gequält durch Bisse

Von Fliegen, Bremsen oder Flöh’n sie werden.

Zwar heftet’ ich auf einige den Blick,

Auf die das Feuer schmerzentzündend fiel,

Doch kannt’ ich keinen; nur ward ich gewahr,

Daß jeglichem am Hals’ ein Beutel hing

Besondrer Farbe und besondren Zeichens;

Ihr Auge aber schien sich dran zu weiden.

Und wie ich blickend ihnen näher trete,

Seh’ Blaues ich auf einem gelben Beutel,

Das Kopf und Haltung eines Löwen hatte.

Und als ich weiterhin das Auge wandte,

Sah einen Beutel ich so rot als Blut,

Der eine Gans aufwies, so weiß als Rahm.

Der aber eine blaue trächtge Sau

Auf seiner weißen Tasche zeigte, rief:

Was hast in dieser Grube du zu schaffen?

So geh denn, und weil du noch bist am Leben

Vernimm, daß bald mein Nachbar Vitaliano

Hier sitzen wird zu meiner linken Seite.

Die sind aus Florenz, ich aus Padova.

Oft tun sie meinen Ohren weh mit ihrem

Geschrei: Wo bleibt der oberste der Ritter,

Der bringen soll die Tasche mit drei Böcken? –

Das Maul verzog er drauf, und gleich dem Ochsen,

Der seine Nase leckt, wies er die Zunge.

Und weil ich glaubte, daß mein längres Säumen

Ihn, der zur Eile mich gemahnt, erzürne,

Kehrt’ ich zurück von den gequälten Seelen.

Ich fand den Führer, der schon auf den Rücken

Des grauenhaften Tiers war gestiegen.

Er sagte: Zeige dich nun stark und mutig!

Auf solcher Treppe gilts hinabzusteigen.

Doch setze du dich vorn; damit der Stachel

Dir nicht gefährlich sei, bleib’ ich inmitten. –

Gleich einem, den des Wechselfiebers Schauer

Befallen, dem schon blau die Nägel werden

Und der sich schüttelt, sieht er nur den Schatten,

So wurde mir zu Mut bei jenen Worten;

Doch weckt’ in mir sein Zuspruch jene Scham,

Die vor des Herrn Aug’ dem Knechte Mut gibt.

Ich setzte mich zurecht auf jenen Schultern,

Und: Halte mich umschlungen, wollt’ ich sagen,

Allein die Stimme drang nicht aus der Kehle.

Doch, der in andrer Not schon mir geholfen,

Umfaßte, als ich kaum erst aufgestiegen,

Und unterstützte mich mit seinen Armen.

Dann sprach er: Geryon, nun mach dich auf;

Doch steige langsam und in weiten Kreisen

Hinunter, denke an die neue Last. –

So wie das Schiff, verläßt es seinen Standort,

Erst rückwärts sich bewegt, so tat auch er;

Kaum aber fühlt er völlig sich im Freien,

So kehrt’ er dorthin wo die Brust gewesen

Den Schwanz und braucht’ ihn, gleich dem Aal, als Steuer,

Doch mit den Tatzen schlug die Luft er rudernd.

Nicht größer war die Furcht des Phaëton,

So glaub ich, als die Zügel ihm entfielen,

Und sich verbrannt, wie noch zu sehn, der Himmel,

Noch die des Ikarus, als von den Schultern

Das Wachs ihm schmolz und sich die Flügel lösten.

Und: falsch ist deine Richtung! – rief sein Vater,

Als nun die meine war, wie ich gewahr ward,

Daß rings um mich nur Luft sei, und nichts andres

Mir sichtbar blieb, als nur das Ungeheuer.

Das schwimmt dahin, bedächtig, sachte, sachte

Im Kreise senkt es sich, doch fühl ich’s nur

Weil mein Gesicht die Luft von unten anhaucht.

Schon hört’ ich rechts das grausenhafte Tosen,

Das unter uns der Sturz des Wassers machte,

Weshalb ich Haupt und Blick nach unten neigte.

Da mehrte noch die Furcht sich vor dem Anprall;

Denn Feuer sah ich und vernahm viel Klagen,

Weshalb ich zitternd mich zusammenduckte.

Nun sah ich auch an all den argen Qualen,

Die rechts und links sich nahten, was zuvor

Ich nicht gesehn, das Sinken und das Kreisen.

Dem Falken gleich, der lang’ in Lüften schwebte

Und, weil nicht Federspiel er sieht noch Vogel,

Den Falkner sagen macht: O weh du senkst dich! –

Der müde niedersteigt in hundert Kreisen,

Von wo er rasch sich aufschwang, und verdrießlich

Von seinem Herrn fern ab sich setzt und tückisch;

So setzte Geryon uns hart am Fuße

Der senkrecht steilen Felsenmauer ab,

Und als er sich entledigt seiner Last

Fuhr er dahin, wie von der Schnur die Kerbe.

Achtzehnter Gesang

Ein Ort der Hölle heißet Malebolge

Und, gleich der Felswand die ihn rings umschließet,

Ist er durchaus von Stein und eisenfarbig.

In dieses argen Feldes Mittelpunkte

Tut sich ein Brunnen auf, der weit und tief ist

Und dessen Weis’ ich seinerzeit berichte.

Rund ist sonach der Raum, der frei bleibt, zwischen

Dem Brunnen und dem Fuß des Felsenufers,

Und in zehn Täler ist geteilt sein Boden.

Wie die Gestalt ist, die, wo zur Verteid’gung

Rings um die Mauern einer Burg viel Gräben

Gezogen sind, die Bodenfläche bietet,

So war das Bild, das jene Gräben zeigten.

Und so wie von den Toren solcher Burgen

Zum äußren Ufer kleine Brücklein ausgehn,

So gingen von dem untren Teil der Wand

Felsstücke aus, die bis hinab zum Brunnen

Die Dämm’ und Gräben schnitten und verbanden.

Da war es, wo vom Rücken Geryon’s

Wir abgesetzt uns fanden, und es wandte

Der Dichter, dem ich folgte, sich zur Linken;

Zur Rechten aber sah ich neuen Jammer

Sah neue Qualen, neue Peiniger,

Die dieser ersten Bolgia Raum erfüllten.

Nackt waren in des Tales Grund die Sünder;

Diesseits der Mitte kamen sie auf uns zu,

Doch jenseits gingen sie mit uns, nur schneller:

So wie die Römer, ob der großen Menge,

Im Jubiläumsjahr der Übergang

Der Brücke für die Pilgerschar geregelt,

Daß sie zur einen Seite, nach der Burg

Die Stirne kehrend, gen Sankt Peter gehn,

Und auf der andren sich zum Berge wenden.

Diesseits und jenseits in der dunklen Felskluft

Sah’ ich gehörnte Teufel, die von hinten

Mit großen Geißeln jene Sünder schlugen.

Wie hoben die schon von den ersten Hieben

Die Hacken in die Höhe, und nicht einer

Erwartete die zweiten und die dritten!

Als ich so ging, da trafen meine Augen

Auf einen Schatten, und ich rief sofort:

Nicht fremd sind diese Züge meinen Blicken. –

Ihn zu erkennen, hemmt’ ich meine Schritte,

Der süße Führer aber tat das gleiche

Und ließ auch zu, daß ich zurück mich wandte.

Sich zu verbergen suchte der Gepeitschte

Und senkte drum das Haupt, indes vergebens;

Weshalb ich ausrief: Der du blickst zur Erde,

Sind täuschend nicht die Züge, die du trägst,

Bist du Venedico Caccianimico.

Was aber führt dich in so arge Schluchten? –

Drauf er zu mir: Ungerne nur bekenn’ ich’s;

Doch deine klare Rede nötigt mich,

Die mich erinnert an die alte Welt.

Ich war es, der die schöne Ghisola

Bewogen, sich dem Markgraf preiszugeben,

Wie anders auch die schnöde Mähr berichte.

Auch wein’ ich nicht als einz’ger Bolognese

An diesem Ort; nein, ihrer sind so viele,

Daß zwischen Sávena und Reno heute

Nicht so viel Zungen sind, die Sipa sagen.

Begehrst dafür du Zeugnis oder Bürgschaft,

So denke nur an unsre geiz’gen Herzen. –

Noch sprach er also, da versetzt’ ein Teufel

Ihm einen Geißelhieb und sagte: Pack dich,

Du Kuppler, feile Dirnen gibt’s hier nicht. –

Zu meinem Führer kehrt’ ich nun zurück,

Und dorthin kamen wir nach wenig Schritten,

Wo von dem Ufer sich ein Felsblock löste.

Mit kleiner Mühe stiegen wir hinauf,

Und rechts gewandt auf seinem rauhen Rücken

Verließen wir die ew’gen Mauerkreise.

Als wir gelangten, wo der Fels nach unten

Zum Durchgang der Gepeitschten offnen Raum läßt,

Begann mein Führer: Weil und laß dein Auge

Jetzt dieser andren Sünder Antlitz treffen;

Noch sahst du, weil bisher in gleicher Richtung

Mit uns sie gingen, nicht in ihr Gesicht. –

Und von der alten Brücke Rand beschauten

Die Schar wir, die uns dort entgegenkam

Und von der Geißel ebenfalls gejagt ward.

Und ungefragt begann der gute Meister:

Sieh’ jenen Großen, der uns zugewendet,

Was er auch leide, keine Träne weinet.

Wie ist so königlich noch seine Haltung!

Jason ist es, durch dessen Mut und Schlauheit

Das goldne Vließ den Kolchiern geraubt ward.

Es hatten, als auf Lemnos er ans Land stieg,

Die kühnen und erbarmungslosen Weiber

Was auf der Insel männlich war getötet.

Durch Schmeicheln wußt’ er und gewandte Rede

Hypsipyle, die junge, zu betrügen,

Die vorher all die andren Frau’n betrogen;

Dann ließ er schwanger einsam sie zurück.

Ob dieser Schuld erfährt er diese Strafe,

Doch wird zugleich Medea mitgerächt.

Wer so betrogen, geht in gleicher Richtung;

Und dies genüge dir vom ersten Tale

Zu wissen und von denen, die es einschließt. –

Schon waren dort wir wo der enge Pfad,

Den zweiten Damm erreichend, Widerlage

Für einen andren Brückenbogen bildet.

Von dort aus hörten in der zweiten Bolgia

Wir Leute ächzen, prustend mit der Schnauze,

Und mit der flachen Hand sich selber schlagen.

Ein Schimmel überkleidete die Ufer,

Der sich gebildet von dem Qualm des Grundes

Und widrig war dem Auge wie der Nase.

So dunkel war das Tal, daß auf den Boden

Zu sehn, nur dem gelang, der auf die Höhe

Des Bogens stieg, wo senkrecht man hinabblickt.

Dorthin gelangten wir, und in der Tiefe

Gewahrt’ ich Volk, ganz eingetaucht in Kot,

Der herzurühren schien aus Abtrittsgruben.

Und während noch mein Aug’ dort unten spähte,

Erblickt ich einen, so beschmutzten Hauptes,

Daß ich nicht sah’, ob Lai’ er oder geistlich.

Der schrie mich an: Was bist du so begierig,

Vor all den andern nur auf mich zu blicken? –

Und ich zu ihm: Weil, wenn ich mich nicht täusche,

Ich dich mit trocknem Haar schon sah, und du

Alessio bist Interminei aus Lucca;

Drum richtet sich mein Aug auf dich vor allen. –

Da schlug er auf den Schädel sich und sagte,

Die Schmeichelreden tauchten mich hier ein,

Von denen nimmer meine Zunge abließ. –

Mein Führer sagte drauf: Laß deine Blicke

Noch etwas weiter gehn, damit dein Auge

Das Angesicht der Dirne wohl erfasse,

Die dort voll Schmutzes und mit kahlem Kopfe

Sich eifrig kratzt mit ihren kotgen Nägeln,

Und bald sich niederduckt, bald aufrecht steht.

Das ist die Hure Thais, die dem Buhlen

Als er sie frug: Steh ich in großer Gunst

Bei dir? erwiderte: In wunderbarer.

Genügen möge dieses unsren Blicken. –

Neunzehnter Gesang

O Zaubrer Simon, o ihr schmachbeladnen

Nachfolger, die die heil’gen Dinge, welche

Der Tugend sich allein vermählen sollten,

Um Gold und Silber räub’risch ihr verkuppelt!

In die Posaune stoß’ ich jetzt um euch,

Weil euch die dritte Bolgia zugemessen.

Erstiegen hatten wir des Felsblocks Höhe,

Der überwölbt die nächste Gruft, und standen

Nun senkrecht über dieses Grabens Mitte.

Wie groß ist deine Kunst, o höchste Weisheit,

Die Himmel, Erd und Hölle offenbaren,

Und wie gerecht teilt deine Allmacht aus!

Ich sah des bräunlichen Gesteines Boden

Und beiderseit’gen Abhang voll von Löchern,

Die sämtlich rund und gleich an Weite waren.

Sie däuchten enger nicht mir und nicht weiter,

Als, die in meinem schönen San Giovanni

Zum Platz der Tausenden sind hergerichtet.

Solch ein Behältnis brach vor wenig Jahren

Entzwei ich, weil ein Mensch darin erstickte,

Und dies sei Zeugnis, jeden zu enttäuschen.

Aus jedes dieser Löcher Mündung ragten

Die Füße eines Sünders bis zur Wade

Hervor, doch alles andre steckte drinnen;

In Flammen loderten die Sohlen aller,

Weshalb die Knöchel so gewaltsam zuckten,

Daß Strick’ und Bande sie zerrissen hätten.

Und, wie beim Brennen fettbestrichner Dinge

Die Flammen an der Oberfläche spielen,

So taten hier sie von den Zeh’n zum Hacken.

Wer ist wohl jener, der durch ärgres Zucken

Sich mehr beklagt, als die Gefährten alle

Und dessen Sohlen rötre Flamme leckt? –

So frug ich; und der Meister: Soll ich dort

Den mindersteilen Hang dich niedertragen,

So wird er Schuld und Namen selbst dir künden. –

Genehm ist, sagt’ ich, mir was dir beliebt,

Du bist der Herr, von deinem Will’n entfern’ ich

Mich nimmer, auch was man nicht ausspricht weißt du. –

Also gelangten wir zum vierten Damme;

Dort wandten wir uns links und stiegen nieder

In die durchlöcherte und enge Tiefe.

Von seiner Hüfte setzte mich der Meister

Nicht ab, bis wir zur Felsenmündung kamen,

Aus welcher jener mit den Beinen klagte.

Der du das Obre so gekehrt nach unten

Im Boden wie ein Pfahl steckst, traur’ge Seele,

Wer du auch sei’st, vermagst du es, so rede. –

Ich stand gebückt, so wie der Mönch, der Beichte

Dem Meuchler hört, wenn der, schon in der Grube,

Den Tod noch zu verschieben, ihn zurückruft.

Er aber schrie: So bist du schon zur Stelle,

So bist du schon zur Stelle Bonifazio?

Um mehr als ein Jahr log die Prophezeiung.

Bist du so bald gesättigt von dem Gut,

Daß dich die schöne Braut durch Lügenkünste

Zu frei’n bewog und dann sie zu mißhandeln? –

Ich glich dem Manne, der, weil unverständlich

Ihm ist, was ihm gesagt wird, zweifelnd dasteht,

Verhöhnt sich glaubt und keine Antwort findet.

Drauf sagte mir Virgil: Erwid’r ihm schnell,

Der bin ich nicht, der nicht, den du erwartest, –

Und meine Antwort war, wie er befohlen.

Darob verdrehte schier der Geist die Beine

Und sagte seufzend mit bewegter Stimme:

Bist du der nicht, was willst du denn von mir?

Liegt dir so viel dran, wer ich sei, zu wissen,

Daß du deshalb das Ufer niederstiegest,

So wisse, daß ich trug den großen Mantel.

Doch war ich ein wahrhafter Sohn der Bärin,

Begierig, so die Bärenbrut zu fördern,

Daß droben Geld ich, und hier mich einsackte.

Mir unterm Haupte liegen all die andren,

Die mir voraus im Ämterschacher gingen,

Tief eingeklemmt in des Gesteines Spalten.

In jene Tiefe sink’ auch ich, wenn jener,

Für den ich dich gehalten, kommen wird,

Als ich die rasche Frag’ an dich gerichtet.

Doch längere Zeit schon brannten mir die Füße,

Seit ich den Kopf zu unterst hier verweile,

Als er hier sein wird mit entflammter Sohle.

Denn nach ihm kommt von Westen her ein Hirte,

Der ärger noch es treibt und kein Gesetz kennt,

So daß er mich bedecken wird und jenen.

Dem Jason wird, von dem die Makkabäer

Berichten, gleich er sein; wie dem sein König

Gefällig war, wird ihm es der von Frankreich. –

Ich weiß nicht, war ich hier allzu verwegen,

Daß ich ihm Antwort gab in diesem Tone:

So sage mir doch, was für Schätze heischte

Vom heil’gen Petrus unser Herr, bevor

Er die Gewalt der Schlüssel ihm vertraute?

Nur eins verlangt er: Komm und folge mir!

Auch Petrus und die andren heischten Silber

Und Gold nicht von Matthias, als das Los ihm

Den Platz gab, den verloren der Verräter.

So schweige; denn gerecht ist deine Strafe.

Bewahre nur das schlechterworb’ne Geld,

Das gegen Karl dich übermütig machte.

Und hielte nicht noch immer mich zurück

Die Ehrerbietung vor den hohen Schlüsseln,

Die du gehalten hast im heitren Leben,

So würd’ ich noch viel härtre Worte brauchen.

Verderblich ist eu’r Geiz der Welt; die Guten

Tritt er mit Füßen und erhebt die Schlechten.

Euch Hirten meinte der Evangelist,

Als er das Weib, das auf den Wassern sitzet,

Mit Königen auf Erden huren sah,

Die da geboren ward mit sieben Häuptern

Und ihre Stütze fand in den zehn Hörnern

So lange Tugend ihrem Mann gefiel.

Gemacht habt ihr aus Silber und aus Golde

Euch euren Gott; ihr gleicht dem Götzendiener,

Doch betet der nur einen an, ihr hundert.

O Constantin, wie großen Übels Mutter

War – deine Taufe nicht –, nein jene Mitgift,

Die du verliehn dem ersten reichen Vater! –

Schlug das Gewissen ihm, trieb ihn der Zorn,

Ich weiß nicht, doch bei meines Liedes Noten

Verdreht’ er heftig beide Sohlen.

Der Führer aber schien mir beizustimmen,

Mit so zufriednem Ausdruck folgt’ er stetig

Dem Klange meiner wahrheitstreuen Worte.

Dann faßt’ er mich mit seinen beiden Armen,

Und als er fest an seiner Brust mich hielt,

Stieg er zurück, wo er hinabgestiegen.

Nicht eher ließ er ab, mich so zu tragen

Bis er gebracht mich zu des Bogens Höhe,

Der sich vom vierten Damm zum fünften wölbet.

Hier setzte sanft er seine Bürde nieder:

Sanft auf dem Felsen, der so rauh und steil war,

Daß ihn selbst Ziegen schwer erklommen hätten.

Drauf ward ein neuer Talgrund mir enthüllet.

Zwanzigster Gesang

Von neuer Strafe soll mein Lied berichten,

Dem zwanzigsten Gesange Stoff zu geben

Im ersten Liede, dem von den Versenkten.

Schon war mit allem Eifer ich beflissen,

Hinabzuschaun in den nun offnen Grund,

Den Tränen der Verzweiflung benetzten.

Und in dem runden Tal sah ich Gestalten

Desselben Schrittes stumm und weinend kommen,

Der in der Welt bei Litanei’n gebräuchlich.

Als tiefer sich mein Blick zu ihnen senkte,

Sah ich, wie wunderbar vom Kinn ein jeder

Bis zu des Rumpfes Anfang war verrenket;

Denn zugewandt dem Rücken war ihr Antlitz

Und rückwärts schreitend mußten sie einhergehn,

Weil vorwärts sie zu blicken nicht vermochten.

Vielleicht, daß jemals schon Gewalt der Krämpfe

Die Glieder eines Menschen so verrenkte,

Doch sah’ ich’s weder, noch kann ich es glauben.

O Leser, willst du, daß aus deinem Lesen

Dir Segen Gott gewähre, so bedenke,

Ob trocken wohl mein Antlitz bleiben konnte,

Als ich mir gegenüber unser Bild

So sehr entstellt sah, daß der Augen Tränen

Den Hintern niedertroffen durch die Kerbe.

Gewiß, ich weinte, angelehnt an eine

Der Kanten jenes Felsens; doch es sprach

Der Meister: Bist auch du der Toren einer?

Fromm ist hier der, in dem das Mitleid tot ist;

Wer frevelt ärger wohl, als wer in Mitleid

Sich auflehnt gegen göttliches Gericht?

Erhebe denn das Haupt, gewahre jenen,

Für den im Angesichte der Thebaner

Sich auf der Boden tat, und alle riefen,

Amphiaraus, wie? verläßt das Heer du?

Er aber stürzte weiter, immer weiter,

Bis er zu Minos kam, der jeden anhält.

Sieh, wie die Schultern er zur Brust gewandelt.

Weil zu weit vorwärts er zu sehn sich traute,

Blickt er nun hinter sich und schreitet rückwärts.

Tiresias sieh, der die Gestalt verändert,

Als er vom Mann zum Weib gewandelt wurde

Und seiner Glieder jegliches vertauschte.

Doch mußte, eh das männliche Gefieder

Am Kinn ihm wieder wuchs, mit seinem Stabe

Auf’s neue die zwei Schlangen er berühren.

Der mit dem Rücken seinem Bauch sich anschließt

Ist Aruns der in Luna’s Bergen, wo

Der Carrarese, der im Tal wohnt, rodet,

Die Felsenhöhle zwischen weißem Marmor

Bewohnte, die zum Meer und zu den Sternen

Die Aussicht ihm nach jeder Seite freiließ.

Die aber mit den aufgelösten Flechten

Die Brüste sich bedeckt, die du nicht siehst,

Und dorthin wendet, was an ihr behaart ist,

War Manto, die so manches Land durchwandert,

Eh sie sich niederließ; wo ich zur Welt kam,

Und hiervon höre mich ein wenig an:

Nachdem ihr Vater aus der Welt geschieden

Und unfrei Bacchus’ Stadt geworden war,

Ging lange Zeit sie durch die Welt umher.

Im schönen Welschland liegt am Fuß der Alpen,

Die gen Tirol das deutsche Land verschließen,

Ein großer See, den man Benaco nennet.

Wohl netzt von tausend Quellen all des Wassers,

Das dann in jenen See fließt, Apennin

Sich zwischen Cal Camonica und Garda.

Ein Fleck ist dort inmitten, wo der Bischof

Von Trento, Brescia, wie der Veronese,

Wenn sie des Weges kämen, segnen könnte.

Peschiera jene feste, schöne Wehr,

Um Bergamo wie Brescia Trutz zu bieten,

Liegt wo sich rings zumeist das Ufer senkte.

Dorthin muß alles Wasser niederrinnen,

Das Raum nicht findet in Benaco’s Schoße,

Und durch der Weiden Grün rinnt es als Fluß.

Sobald dies Wasser nun zu fließen anfängt,

Heißt es Benaco nicht mehr, sondern Mincio,

Bis bei Governo in den Po es mündet.

Nach kurzem Laufe findet’s eine Mulde,

In der es sich verbreitend, sie versumpfet

Und oft zur Sommerszeit Verderben bringt.

Als dieses Weg’s die rauhe Jungfrau kam,

Gewahrte Land sie in des Sumpfes Mitte,

Noch unbebaut und der Bewohner mangelnd.

Hierher zog, Zauberkünste übend, Manto

Sich mit den ihren vor der Welt zurücke.

Hier lebte sie, ließ sterbend ihren Leib hier.

Dann sammelten die Leute, die umher

Gewohnt, an diesem Ort sich, weil er wegen

Des Sumpfes, der sich um ihn breitet, fest war.

Ob den Gebeinen bauten eine Stadt sie

Und nannten die, das Los nicht weiter fragend,

Der Uransiedlerin nach, Mantova.

Zahlreicher waren drin einst die Bewohner,

Bevor die Albernheit des Casalodi

Sich überlisten ließ durch Pinamonte.

Nun merke dir’s, daß, wenn in andrer Weise

Den Ursprung meiner Stadt dir wer berichtet

Die Wahrheit nimmer Lüge dir verdunkle. –

Und ich: O Meister, deine Reden bieten

Mir so gewissen Glauben, daß, was andre

Berichten, mir erloschnen Kohlen gleich gilt.

Doch sag’, ob unter denen die dort wandeln

Du welche siehst, die des Bemerkens wert sind,

Denn darauf nur ist jetzt mein Sinn gerichtet. –

Er aber sagte: Der, von dessen Wangen

Der Bart auf die gebräunten Schultern fällt,

War einst, als Griechenland so männerleer war,

Daß Knaben kaum sich in den Wiegen fanden,

Wahrsager, und in Aulis gab mit Kalchas

Das Zeichen er, das erste Tau zu kappen.

Er hieß Eurypylus und so berichtet

Mein hohes Trauerspiel an einer Stelle;

Du weißt es, denn ganz hast du’s im Gedächtnis.

Der andre, der so schmal ist in den Weichen

War Michel Scotto, der die Trügereien

Der Zauberkünste gründlich spielen ließ.

Sieh dort Guido Bonatti, sieh Asdente!

Jetzt hätte gern er Leder nur und Pechdraht

Gehandhabt; doch zu spät kommt diese Reue.

Sieh die Verkehrten, die, um wahrzusagen

Die Nadel ließen, wie die Spul’ und Spindel,

Und Zauberei mit Bild und Kräutern trieben.

Nun aber komm; bereits schwebt an der Gränze

Der zwei Halbkugeln und berührt die Welle

Jenseits Sevilla Cain mit dem Dornbusch.

Erst gestern Nacht war voll des Mondes Scheibe;

Du mußt es wissen, denn im tiefen Walde

War manches Mal ihr Leuchten dir von Nutzen. –

So sagt’ er und er sprach noch, als wir gingen.

Einundzwanzigster Gesang

Von Brücke so zu Brücke gehend sprachen

Wir manches, das mein Lied nicht erst berichtet.

Als wir erreicht des Bogens Höhe, standen

Wir still, ein neues Malebolgetal

Voll unfruchtbarer Tränen zu betrachten,

Und dunkler schien es mir noch als die andren.

So wie im Arsenal der Venezianer

Im Winter zähes Pech zu sieden pflegt,

Um schlecht gewordne Schiffe zu kalfatern

Die nicht mehr fahren können, und der eine

Ein neues Fahrzeug baut, indes der andre

Des vielgereisten lecke Flanken ausstopft,

(Der pocht am Schnabel, jener nächst dem Steuer,

Der schneidet Ruder, jener windet Taue,

Der flickt am Besam-, der am Hauptmastsegel)

So kochte dort, doch, statt durch Feuersgluten,

Durch Gottes Wunderkräfte, dickes Pech,

Das beide Ufer klebrig überzog.

Ich sah es wohl, doch drin erkannt’ ich nur

Die Blasen, die der Sud erhob, von dem

Das Pech bald anschwoll, bald sich niedersenkte.

Noch blickt’ ich aufmerksam in jene Tiefe,

Da riß der Führer mit dem Ruf: Sieh dorthin! –

Vom Ort mich, wo ich weilt’, an seine Seite.

Ich wandte mich gleich dem, der ungeduldig

Zu sehen ist, was ihn zum Fliehen nötigt,

Und, obwohl Furcht ihm plötzlich allen Mut nimmt,

Zu fliehn nicht abläßt, doch fortwährend hinstarrt.

Und hinter uns sah einen schwarzen Teufel

Den Fels heran im schnellen Lauf ich kommen.

Wie war sein Aussehn doch so wild und grimmig,

Wie schien so grausam mir sein Tun und Wesen,

Mit offnen Flügeln und mit leichten Sohlen!

Auf seiner Schulter, die sich spitz erhob,

Bracht’ einen Sünder rittlings er getragen

Und an den Knöcheln hielt er ihn gepackt.

O Malebranche, rief er, diese Brücke,

Da ist ein Aldermann der heil’gen Zita!

Taucht ihn ins Pech; ich gehe, mehr zu holen

In jene Stadt, die reichsten Vorrat bietet.

Bis auf Bonturo ist dort jeder käuflich;

Das Nein wird dort für Geld zum Ja gewandelt. –

Hinunter stürzt’ er ihn, und wandte dann

Den Fels zurück sich, eilender, als je

Ein losgelassner Hund den Dieb verfolgte.

Der ging zugrunde, und mit dem Kopf nach unten

Taucht’ er noch einmal auf; jedoch die Teufel

Der Brücke schrien: Hier gibt’s kein heilig Antlitz!

Hier gilt es anders schwimmen als im Serchio.

Drum, willst du nicht erfahren wie wir kratzen,

So hüte aus dem Pech dich aufzutauchen. –

Dann faßten sie ihn mit wohl hundert Haken:

Hier gilt es, riefen sie, verdeckt zu tanzen,

Im Trüben, wenn es dir gelingt, zu fischen. –

So läßt der Koch wohl von den Küchenjungen

Mit langen Gabeln in des Kessels Mitte

Das Fleisch, daß es nicht schwimme, untertauchen.

Der gute Meister sprach: Damit sie dich

Noch nicht gewahren, so verbirg dich kauernd,

Wo dir ein Felsblock ein’gen Schutz gewähret,

Und, was sie mir vielleicht auch antun möchten,

So fürchte nicht. Ich bin der Dinge kundig;

Bestand ich doch schon früher gleichen Handel. –

Dann stieg die Brücke jenseits er hinab,

Und als betreten er das sechste Ufer,

Bedurft’ er wahrlich Mut und Zuversicht.

Mit jener Wut, mit jenem Ungestüme,

Womit sich Hunde auf den Armen stürzen,

Der anhält und um eine Gabe bittet,

So brachen jene unterhalb der Brücke

Hervor und kehrten wider ihn die Spieße;

Er aber rief: Vergreif’ an mich sich keiner!

Bevor eu’r Haken mich zu packen wagt,

Tret’ einer vor und höre meine Rede;

Dann überlegt, ob ihr mich dennoch krallet. –

Da riefen alle: Geh’ du, Malacoda. –

Und einer kam, dieweil die andren blieben;

Der aber sagte: Nun, was soll’s ihm nutzen? –

Glaubst du wohl, Malacoda, sprach mein Meister,

Du würdest ohne Furcht vor euren Waffen

Hier angelangt mich sehn, wenn Gottes Wille

Und günstige Geschicke mich nicht führten?

Laß uns denn gehn; es ist des Himmels Wille,

Daß diesen rauhen Weg ich jemand weise. –

Da war der Übermut ihm so gesunken,

Daß niederfallen er den Haken ließ,

Und den Gefährten zurief: Tut ihm nichts! –

Dann rief der Führer: Der, vom Felsenvorsprung

Der Brücke du verdeckt, dort heimlich kauerst,

Komm jetzo unbesorgt zu mir zurücke. –

So brach ich auf, und eilte schnell zu ihm.

Die Teufel aber traten all’ hervor,

Weshalb ich des Vertrages Bruch besorgte.

So sah die Knappen, die auf Treu und Glauben

Abzogen von Caprona, einst ich zittern,

Als rings umher sie nichts als Feind’ erblickten.

Da drängte mit dem ganzen Leib’ ich mich

Eng an den Führer und kein Auge wandt’ ich

Von ihren Blicken, die nur Unheil drohten.

Die Haken senkten sie und: Soll im Kreuze

Ich einhaun? – sprach der eine zu dem andern.

Ja! war die Antwort, aber pack’ ihn tüchtig. –

Der Teufel aber, der mit meinem Führer

Geredet hatte, wandte sich in Eile

Und sagte: Ruhe, Ruhe Scarmiglione! –

Dann redet’ er zu uns: Auf diesen Felsen

Könnt ihr nicht weitergehn, weil ganz zertrümmert

Der sechste Bogen in der Tiefe liegt.

Wenn aber fürder euch beliebt zu gehen,

So wandert fort auf diesem Felsendamme;

Bald trefft ihr einen Block der gangbar ist.

Erst gestern waren’s doch fünf Stunden später

Als jetzt, zwölfhundertsechsundsechzig Jahre,

Seit unterbrochen hier die Straße ward.

Dorthinwärts schick’ ich ein’ge meiner Leute,

Um nachzusehn, ob aus dem Pech wer auftaucht;

Begleitet sie und nichts soll’n sie euch antun. –

So tretet vor, Cagnazzo, Alichino,

Hub er zu reden an, und Calcabrina,

Doch Führer von den Zehn sei Barbariccia.

Auch Libicocco komm’ und Draghignazzo,

Ciriatto mit den Hauern, Graffiacane

Nebst Farfarell und Rubicant, dem tollen.

So spähet denn entlang dem heißen Peche,

Doch diese rührt bis zu der nächsten Brücke

Nicht an, die feststeht über all den Schluchten. –

O weh mir, rief ich, Meister, was erblick ich!

Laß ohne dies Geleite, weißt den Weg du,

Uns weitergehn, denn nicht begehr’ ich seiner.

Merkst du so sorglich auf, als du gewohnt bist,

So schau nur hin, wie sie die Zähne fletschen

Und, sich einander winkend, uns bedräun. –

Und er zu mir: Du sollst dich drum nicht fürchten;

Laß nach Belieben sie die Zähne fletschen,

Sie tun das nur für die gesottnen Sünder. –

Nun wandten sie sich nach dem Damm zur Linken;

Doch gegen ihren Führer hatten alle

Zuvor die Zunge als Signal gebläkt,

Und als Trompete er den Steiß gebraucht.

Zweiundzwanzigster Gesang

Aufbrechen sah ich Ritter manches Mal

Zum Sturme, oder ihre Kunst zu proben,

Zu Zeiten auch, um sich durch Flucht zu retten.

Landsknechte sah ich eu’r Gebiet durchstreifen,

O Aretiner, und viel Reitertruppe,

Wettkämpfe sah ich auch und sah Turniere.

Drommeten gaben bald, bald gaben Glocken,

Bald Trommeln den Befehl, bald von den Burgen

Signale, heimischer und fremder Weise;

Doch Reiter sah ich nie, sah niemals Fußvolk,

Nicht Schiffe, welche Stern und Leuchtturm leitet,

Dem Ruf so seltsamer Schalmei gehorchen.

So zogen wir dahin mit den zehn Teufeln:

Ein gräuliches Geleit; doch in der Kirche

Mit Heiligen, mit Säufern in der Schenke!

Stets nach dem Peche war mein Blick gewandt,

Um die Beschaffenheit der fünften Bolgia

Und der darin Gesottenen zu gewahren.

Wie die Delphine mit des Rückens Bogen

Den Schiffern oft ein Warnungszeichen geben,

Daß vor des Sturms Beginn ihr Schiff sie bergen,

So zeigte, um die Qualen sich zu mindern,

Bald hier bald dort ein Sünder seinen Rücken

Und barg ihn schneller als ein Blitz vergeht.

Und wie am Rand von eines Grabens Wasser

Die Schnauze nur heraus die Frösche stecken

Und unsichtbar so Leib als Füße bleiben,

So saßen hier die Sünder allerwege.

Doch wenn sie Barbariccia kommen sahn,

Verschwanden schnell sie unterm schwarzen Sude.

Da sah ich, und noch bebt mein Herz davon,

Der Schatten einen seine Flucht verzögern,

Wie ein Frosch wohl verweilt, wenn andre tauchen.

Und Graffiacane, der zunächst ihm war,

Schlang um den Haken die durchpichten Haare

Und hob ihn hoch; da glich er der Fischotter.

Von allen Zehn kannt’ ich bereits die Namen,

Denn aufgemerkt hatt’ ich, als Malacoda

Sie wählt’ und dann wenn sie einander nannten.

Schnell, Rubicante, schlage deine Krallen

Ihm derb ins Fleisch, daß du das Fell ihm abziehst, –

So schrien einstimmig all die Maledeiten.

Ich sagte: Meister, wenn du kannst, so sorge,

Daß ich, wer der Unsel’ge ist, vernehme,

Der seinen Widersachern in die Hand fiel. –

Da trat mein Führer zu ihm hin und frug

Nach seiner Heimat ihn; der aber sagte:

Navarra’s Königreich war mein Geburtsland.

In Herrendienst verdrang mich meine Mutter,

Weil sie mit einem Schelmen mich erzeuget,

Der seiner Hab’ und sich ein Ende machte.

Dann ward mein Herr der gute König Thibault,

Und feil war ich in meines Dienstes Pflichten,

Wofür in dieser Glut ich Rechnung lege. –

Ciriatto, dessen Maul zu jeder Seite,

Gleich dem des Ebers, einen Hauzahn vorwies,

Ließ ihn nun fühlen, wie der eine aufschlitzt.

Gar schlimmen Katzen war die Maus verfallen;

Doch Barbariccia faßt’ ihn in die Arme

Und sagte: Fort! so lang’ als ich ihn halte. –

Dann wandt’ er das Gesicht zu meinem Meister

Und sagte: Willst du mehr noch von ihm wissen,

So frag ihn jetzt, bevor er abgetan wird. –

Bericht’ uns, sprach Virgil, von den Genossen.

Kennst unter denen, die im Pech sich bergen,

Du nicht Lateiner? – Jener drauf: Soeben

Verließ ich wen, der dort herum zu Hause

Wär’ unterm Peche ich, gleich ihm, verborgen,

So wollt’ ich Krallen nicht, noch Haken fürchten. –

Doch Libicocco: Allzulange hatten

Geduld wir – und mit seinem Haken packt’ er

Den Arm und riß ihm eine Muskel aus.

Auch Draghignazzo wollt’ ihn an den Beinen

Erfassen; doch ihr Hauptmann wandte drob

Sich rings umher mit zürnender Gebärde.

Als sie dann etwas sich beruhigt hatten,

Frug ohne Aufenthalt mein Führer jenen,

Der traurig noch auf seine Wunde blickte,

Wer war es denn, den, wie du sagst, zum Unheil

Du ließest, um ans Ufer hier zu kommen? –

Er sagte drauf: Das war Frate Gomita,

Der aus Gallura, Rüstzeug jeden Truges,

Der seines Herren Feind’ in Händen hatte,

Und ihnen tat, daß alle drum ihn loben.

Er nahm das Geld und ließ sie sich »verkrümeln«,

Wie er es nennt, und auch in andren Pflichten

War immer ohne Scheu er jedem käuflich.

Mit ihm verkehrt zumeist Don Michel Zanche

Aus Logodoro, und vom Land Sardinien

Ermüden ihre Zungen nie zu reden.

Doch seht nur, seht die Zähne den da fletschen!

Wohl sagt ich mehr, besorgt’ ich nicht, er habe

Im Sinne, übel mir den Grind zu kratzen. –

Da sagt’ ihr Führer rasch zu Farfarello,

Der schlagfertig schon den Blick verdrehte,

Halt ein und tritt zur Seite, schlimmer Vogel! –

Liegt euch daran, Toscaner und Lombarden,

Begann beruhigter darauf der Sünder,

Zu hören und zu sehn, kann ich sie schaffen;

Nur müssen dann die üblen Krall’n sich etwas

Entfernen, damit jene sich nicht fürchten.

Ich aber will, an dieser Stelle sitzend,

Indem ich pfeife, so wie unser Brauch ist,

Wenn wer von uns aus diesem Peche auftaucht,

Für einen der ich bin, euch sieben schaffen. –

Die Schnauz’ erhob bei solchem Wort Cagnazzo

Und schüttelte den Kopf: Seht nur die Bosheit,

Sagt’ er, die der entsann, uns zu entspringen! –

Doch jener, der der Listen Fülle hatte,

Erwiderte: Nur allzu boshaft bin ich,

Wenn größres Unheil ich den Meinen schaffe. –

Nicht länger hielt sich Alichino; trotz

Der andren rief er: Willst du uns entwischen,

So lauf ich im Galoppe dir nicht nach,

Nein, überm Pech hin, schlag’ ich meine Flügel.

Verlassen wir den Damm, das Ufer berg’ uns.

Ob mehr du kannst als wir wird dann sich zeigen. –

Ein neues Spiel wirst, Leser, du nun hören:

Nach jenseits wandten alle das Gesicht

Und der zuerst, der lautest widersprochen.

Der Navarrese paßte wohl die Zeit ab,

Schloß rasch die Beine, und mit einem Sprunge

Entging er allem, was im Sinn sie hatten.

Da warf sich jeder das Geschehene vor,

Und der am meisten, der den Fehl verschuldet.

Schnell flog er auf und schrie: Da halt’ ich dich! –

Doch wenig fruchtet’s ihm, denn nicht vermochten

Des andern Furcht die Flügel einzuholen;

Als jener tauchte flog er wieder aufwärts,

Nicht anders wie, wenn niederstößt der Falke,

Die Ente plötzlich untertaucht, er aber

Erboßt und müde wiederum emporfliegt.

Im Zorn, verhöhnt zu sein, flog Calcabrina

Ihm nach und war, um Grund zum Streit zu haben,

Daß jener sich gerettet, wohl zufrieden.

Sobald der Navarres’ im Pech verschwand,

Kehrt’ er die Krallen wider den Gefährten

Und faßte überm Graben sich mit ihm;

Der andre aber war ein guter Stößer

Und packt’ ihn mit den Krallen, so daß beide

Hinfielen in des heißen Pfuhles Mitte.

Wohl brachte schnell die Glut sie auseinander;

Doch mit dem Fliegen war es drum noch nichts,

So klebten ihnen von dem Pech die Flügel.

Gleich allen ärgerlich, ließ Barbariccia

Von seinen Leuten vier an’s andre Ufer

Mit ihren Haken fliegen, und behende

Stieg dies- und jenseits gleiche Zahl zum Strande.

Die Haken streckten sie nach den Verklebten,

Die sich verbrannt bis tief in’s Innre hatten;

So waren sie verstrickt, als wir sie ließen.

Dreiundzwanzigster Gesang

Schweigsam, allein und des Geleites ledig,

Der eine nach dem andren, gingen wir,

Wie Minoriten auf dem Wege gehn.

Es wandt’ ob dieses Streites mein Gedanke

Sich zu Aesopens Fabel, wo vom Frosche,

Vom Geier er und von der Maus berichtet.

Denn ähnlicher ist nicht ein Ei dem andern,

Als Streit und Fabel tun, verknüpft man richtig

Anfang und End’ in sorglicher Erwägung.

Und wie Gedanke aus Gedanken quillt,

Also gebar der ein’ in mir den andren,

Wodurch mir doppelt große Furcht erwuchs.

Ich dachte bei mir selbst: So überlistet

Sind jene unserthalb mit Hohn und Schaden,

Daß, wie ich glaub’ es sie nicht wenig ärgert.

Kommt nun zum bösen Willen Zorn hinzu,

So werden, ärger als der Hund den Hasen,

Den er schon fast erreicht, sie uns verfolgen.

Schon fühlt’ ich, wie sich mir die Haare sträubten

Vor lauter Furcht, und rückwärts horcht’ ich auf.

Da sagt ich: Meister, birgst du nicht in Eile

Uns beide, fürcht’ ich, daß die Malebranche

Uns fassen, denn sie sind auf unsren Fersen;

So malt sie mir die Angst, daß ich sie fühle. –

Er aber: Wär’ ich bleibelegtes Glas,

So böte schneller nicht dein Bild von außen

Sich mir, als jetzt ich’s innerlich empfange.

Erst eben mischten deine sich zu meinen

Gedanken, gleich an Inhalt und Gebärde,

So daß uns beiden ein Entschluß hervorging.

Ist solcher Art des rechten Ufers Abhang,

Daß wir hinab zur nächsten Bolgia können,

So woll’n wir der geahnten Jagd entrinnen. –

Kaum hatt’ er diesen Vorsatz ausgesprochen,

Als ich sie, nahe schon, um uns zu greifen,

Uns nach mit offnen Flügeln kommen sah.

Da faßt’ in großer Eile mich der Führer,

Wie wohl die Mutter, die vom Knistern aufwacht

Und neben sich die Flamme lodern sieht,

Ihr Kind, an dem ihr mehr als an ihr selbst liegt,

Ergreift und ohne Säumen schnell davoneilt,

So daß sie mehr nicht als ein Hemd nur anzieht.

Und rücklings an des rauhen Ufers Höhe

Ließ er den steilen Fels sich niedergleiten,

Durch den das nächste Tal diesseits begrenzt wird.

So eilig schoß durch ein Gerinne nimmer

Das Wasser, um ein Mühlrad umzutreiben,

Da wo den Schaufeln es am nächsten kam,

Als diesen Rand mein Meister niederglitt

Und mich dabei, als ob sein Sohn ich wäre,

Nicht der Gefährte, trug auf seiner Brust.

Erreicht war kaum der Grund von seinen Füßen,

Als über uns die Teufel auf dem Damme

Erschienen; doch war nun nichts mehr zu fürchten.

Denn, die zu Dienern sie des fünften Grabens

Bestellt, die hohe Vorsehung, beraubt sie

Der Fähigkeit, von dort sich zu entfernen.

Die dort wir fanden, trugen falsche Farben.

Langsamen Schrittes zogen sie daher,

Erschöpft und kraftlos schienen sie und weinten.

Sie trugen Kutten mit Kapuzen, welche

Die Augen überdeckten, denen ähnlich,

Die man in Clugny für die Mönche fertigt.

Vergoldet sind sie außen, daß es blendet;

Doch innen bleiern und so schwer, daß jene,

Die Friedrich umtat, Stroh dagegen schienen.

Und dieser Mantel lastet ewiglich!

Wir wandten, merkend auf ihr traurig Klagen,

Zur Linken uns, mit ihnen gleicher Richtung;

Doch gingen, ob der schweren Last, die Müden

So langsam, daß bei jedem neuen Schritte

Wir andre Seelen zu Gefährten hatten.

Zum Führer sagt’ ich drum: Indem wir gehen,

Bitt’ ich dich umzuschau’n, ob du nicht einen

Gewahrst, des Namen oder Tat bekannt ist. –

Und einer, der vernommen, was toskanisch

Ich sprach, rief hinter uns: Hemmt eure Schritte,

Die ihr so lauft in diesen dunklen Räumen;

Vielleicht kann, was du wünschest, ich gewähren. –

Mein Führer wandte sich und sagt’: Erwart’ ihn,

Und geh’ dann gleichen Schrittes mit ihm weiter. –

Ich stand, und Zweie sah ich, deren Eifer

Mich einzuholen ihre Züge malten;

Doch hemmten Last und enger Weg die Eile.

Herangekommen, schauten von der Seite

Sie eine Weile nach mir hin und schwiegen;

Dann blickten sie einander an und sagten:

Lebendig scheint der eine, denn er atmet;

Doch, sind sie tot, wie kommen sie zum Vorrecht,

Des schweren Mantels ledig hier zu wandeln? –

Toskaner, sprachen sie, der zu der Heuchler

Unwürd’ger Gilde du gekommen bist,

Verschmähe nicht, uns wer du bist zu künden. –

Geboren, sagt’ ich, und erwachsen bin ich

Am schönen Arno in der großen Stadt.

Den Leib, den ich gehabt, hab’ ich noch immer.

Doch wer seid ihr denn, über deren Wangen

So vielen Schmerz ich niederträufeln sehe,

Und was für Strafe tragt ihr, die so gleißet? –

Die gelben Kutten, sagte drauf der eine,

Sind von so dickem Blei, daß die Gewichte

Die Balken ihrer Wage stöhnen machen.

Gaudenten waren wir und Bologneser,

Ich Catalano, jener Loderingo

Genannt, und deine Vaterstadt berief uns,

So wie, zum Schutz des innern Friedens, einen

Man sonst zu rufen pflegt, und wir verfuhren

So, wie man beim Gardingo noch gewahr wird. –

O Brüder, so begann ich, Eure Qualen – –

Doch da verstummt’ ich, denn ich sah am Boden,

Gekreuzigt mit drei Pflöcken, einen liegen.

Als der mich sah, zuckt’ er am ganzen Leibe

Und stöhnte unter Seufzen in den Bart.

Fra Catalano sah’s und sprach zu mir:

Den du dort angenagelt siehst, der sagte

Einst zu den Pharisäern, es sei besser,

Daß ein Mensch sterbe für das ganze Volk.

Nun liegt er nackt querüber auf dem Wege,

Wie du ihn siehst, und was ein jeder wiege,

Der dieses Pfades geht, muß er empfinden.

Die gleiche Strafe trifft den Schwiegervater

Und die noch sonst zum hohen Rat gehörten,

Der für die Juden schlimme Saat geworden. –

Da nahm ich wahr, wie sehr Virgil erstaunte

Ob dessen, der so tief erniedrigt dort lag

In’s Kreuz gespannt in ewiger Verbannung.

Zu dem Gaudenten sprach er dann die Worte:

Ist’s euch erlaubt, so wollet uns berichten,

Ob in dem Damm hier, rechts ein Tal sich einsenkt,

Durch welches, ohne erst die schwarzen Engel

Zu unsrer Hilf zu entbieten, beide

Aus dieser Schlucht den Ausgang wir gewönnen? –

Der gab zur Antwort: Näher als du hoffest

Ist euch ein Fels, der von der großen Kreiswand

Ausgehend, all’ die Schluchten überbrückt,

Und eingestürzt nur über dieser ist.

Hinaufzusteigen hilft Euch das Getrümmer,

Das, unten aufgehäuft, die Steile mindert. –

Ein Weilchen stand gesenkten Haupts mein Führer,

Dann sagt’ er: Übel hat uns der berichtet,

Der drüben mit dem Haken Sünder krallt. –

Und jener sprach: Man hat mir in Bologna

Vom Teufel manche Sünd’ erzählt, darunter,

Daß er ein Lügner sei und Lügenvater. –

Mit großen Schritten ging der Führer weiter

Und Unmut färbt’ ein wenig seine Wangen.

So schied ich von den schwer beladnen Sündern

Und setzt’ in seine Spuren meine Füße.

Vierundzwanzigster Gesang

In jener Zeit des jungen Jahres, wo

Die Sonn’ ihr Haar im Wassermanne kräftigt

Und gegen Süden schon die Nächt’ entweichen,

Geschieht’s wohl, daß der Reif den Boden rings

Mit seiner weißen Schwester Bild malt;

Doch seiner Feder Schnitt hält wenig vor.

Dann steht der Landmann, dem das Futter mangelt,

Am Morgen auf, und, sieht er seine Felder

Weiß überdeckt, so schlägt er sich die Hüfte,

Kehrt wieder heim und klagt nach allen Seiten

Dem Armen gleich, der sich nicht weiß zu raten.

Noch einmal schaut er aus, und seine Hoffnung

Erstarkt auf’s neu; denn schon sieht er verwandelt

Das Ansehn der Natur, und schnell ergreift er

Den Stab um seine Schäflein auszutreiben.

Also erschrak ich, als des Meisters Stirne,

Mit Wolken, wie ich wahrnahm, sich umzog,

Also gab für die Wund’ er schnell das Pflaster.

Denn, als wir kamen zur zerstörten Brücke,

Wandt’ er zu mir sich mit dem güt’gen Ausdruck,

Den ich zuerst am Fuß des Berges sah:

Die Arme tat er auf und, als ein Weilchen

Er sich bedacht, indem das Felsgetrümmer

Er überschaute, hob er mich empor.

Wie wer zu gleicher Zeit erwägt und ausführt,

Und, handelnd, immer vorzusorgen scheint,

So tat auch er indem er mich hinauftrug.

Von einer Klipp’ erspäht’ er schon die zweite

Und sagt’: An jene halte dich nun an;

Doch prüfe erst, ob festen Fuß sie bietet. –

Das war kein Weg im Mantel ihn zu machen!

Ihm, der so leicht, und mir, von ihm gehoben,

Gelang es kaum, von Fels zu Fels zu klettern.

Und wäre nicht des Tales inn’re Böschung

Viel niedriger, so weiß ich nicht, ob er;

Ich aber wäre sicher unterlegen.

Weil aber Malebolge nach der Mündung

Des tiefsten Brunnens sich herniedersenkt,

So bringt des Orts Beschaffenheit es mit sich,

Das ein Rand aufsteigt und der andre abfällt.

Endlich gelangten wir zum obren Saume,

Von wo der letzte Stein diesseits geneigt ist.

So gänzlich war der Atem mir vergangen,

Als ich dort ankam, daß ich nicht mehr konnte

Und vor Erschöpfung gleich mich niedersetzte.

Der Lässigkeit mußt du dich nun erwehren,

Begann mein Meister, denn auf Lotterbetten

Gelangt zum Ruhm man nicht, noch unter Daunen.

Wer aber ohne den sein Leben hinbringt,

Läßt keine andre Spur zurück auf Erden,

Als in der Luft der Rauch, der Schaum im Wasser.

So steh’ denn auf, bezwinge die Erschöpfung

In jenem Willen, der den Kampf zum Sieg führt,

Beugt er sich nur nicht vor des Körpers Schwere.

Viel höh’re Stiege bleibt noch zu erklimmen.

Von diesen los zu sein, reicht noch nicht hin;

Verstehst du mich, so laß es sich bewähren. –

Sofort erhob ich mich und, mich bestrebend

An Atem reicher als ich war zu scheinen,

Sagt’ ich: Wohlan, mutvoll bin ich und kräftig. –

Den Brückenfels hinan führt’ unser Weg,

Der eng und rauh und schwierig war zu gehen

Und steiler noch um vieles als der früh’re;

Doch sprach im Geh’n ich, um nicht matt zu scheinen

Da tönte aus dem Graben eine Stimme,

Die ungeschickt schien, Worte zu gestalten.

Ich weiß nicht, was sie sagte, ob ich gleich

Schon angelangt war auf des Bogens Höhe;

Doch schien der Redende erregt von Zorne.

Ich sah hinab: doch des Lebend’gen Auge

Erreichte durch das Dunkel nicht den Boden.

Drum sagt’ ich: Meister laß uns jenes Ufer

Gewinnen und die Böschung niedersteigen

Wohl hören kann ich hier, doch nichts verstehen,

So seh’ ich auch, und kann doch nichts erkennen. –

Statt aller Antwort, sagt’ er, will ich tun

Was du begehrt; denn die verständ’ge Bitte

Soll durch die Tat man, ohne Wort’, erfüllen. –

So stiegen von der Brücke wir hernieder,

Dort wo das achte Ufer sie berühret,

Und nun ward mir die Bolgia offenbar.

Da drinnen kroch und wimmelt’ es von Schlangen,

So grauenvoll und so verschiedner Arten,

Daß mir das Blut gerinnt, denk ich daran.

So viel kann sich Lybiens Sand nicht rühmen;

Denn, zeugt er Vipern auch und Ringelnattern,

Gleich Ottern und viel ähnlichem Gezüchte,

Zeigt’ er doch nie so viel und argen Giftstoff,

Auch wenn man Äthiopien noch hinzunimmt

Und das am roten Meer belegne Land.

Und zwischen all’ dem gräulichen Getiere

Sah hin und her ich Nackte laufen, welche

Umsonst nach Heliotrop und Schlupfloch suchten.

Rücklings gebunden waren ihre Hände

Von Schlangen, die mit Kopf und Schwanz ihr Kreuz

Durchbohrt, um beide vorne zu verknoten.

Da schnellt’ auf einen, der uns nahe stand,

Sich eine Schlange los und sie durchstach ihn,

Wo mit dem Hals der Nacken sich verbindet.

Kein O ward je so schnell, kein I geschrieben,

Als er in Flammen aufging und verbrannte

Und dann zu Boden fiel, ein Häuflein Asche.

Kaum aber lag er so zerstört danieder,

Als sich der Staub auf’s neu’ zusammenfand

Und wieder ward, was er zuvor gewesen.

So melden uns die Weisen alter Zeit,

Daß, wenn er auf fünfhundert Jahr sein Alter

Gebracht, der Phönix stirbt und wieder auflebt.

Nicht Korn noch Kräuter frißt er all sein Leben;

Amomus nährt ihn nur und Weihrauchstränen,

Sein Leichentuch sind Nard’ und Myrrhenbalsam.

Und wie, wer niederfällt, weil ihn ein Dämon

Besessen, oder weil sein Blut in Stockung

Geriet, so daß ihm das Bewußtsein schwand,

Wenn er dann wieder aufsteht, rings umherschaut,

Und, ganz verstört von der erlitt’nen Angst,

Beklommen seufzt, wie er die Augen öffnet,

So tat der Sünder als er sich erhoben.

O Allmacht Gottes, wohl bemißt du richtig,

Wenn solche Schläge du zur Rache austeilst!

Dann frug der Führer ihn nach seinem Namen.

Und er darauf: Ich schneite aus Toskana

Unlängst in diesen grausen Schlund hernieder.

Ein Bastard war ich, und ich führt’ ein Leben

Mehr vieh- als menschengleich, hieß Vanni Fucci,

Das Vieh. Pistoja war mir würd’ges Lager. –

Zum Meister sagt ich: Heiß’ ihn, nicht entschlüpfen

Und frag’ ihn, welche Schuld hierher ihn brachte;

Einst kannt’ ich ihn als Mann des Blut’s und Zornes. –

Der Sünder wandte, als er dies vernommen,

Zu mir so Aug’ als Sinn, und ohne Hehl

Sprach traurig er und Scham färbt’ ihm die Wangen:

Mehr schmerzt es mich, daß ich in solchem Elend,

Wie du hier siehst, von dir ward angetroffen,

Als mich es schmerzte, aus der Welt zu scheiden.

Versagen mag ich nicht, was du begehrst:

Weil in der Sakristei der Prachtgeräte

Ich stahl, ward ich verdammt in solche Tiefe,

Und fälschlich ward’s wem andren beigemessen.

Doch, daß du solchen Anblicks dich nicht freuest,

Wenn je die finstren Räume du verlässest,

So hör’ auch das, was ich dir nun verkünde:

Pistoja wird zuerst an Schwarzen ärmer,

Dann wandlen sich in Florenz Leut’ und Sitten.

Dunst ruft aus Val di Magra Mars hervor,

Um den sich trübe Wetterwolken lagern;

Dann wird auf dem Picenischen Gefilde

Gekämpft mit mächtigem und wildem Sturme.

Der aber wird den Nebel schnell zerreißen,

So daß der Schlag jedweden Weißen trifft.

Dies sagt ich Dir, um dich damit zu kränken. –

Fünfundzwanzigster Gesang

Es reckte, als er schwieg, der Dieb die Hände

Mit durchgesteckten Daumen beid’ empor

Und schrie: Dir Gott gilt die Gebärde, nimm sie!

Lieb sind seitdem die Schlangen mir geworden;

Denn eine wand sich fest um seinen Hals,

Als sagte sie: Du sollst nicht weiter reden.

Dir Arme schnürt’ ihm eine andre fest

Und sie verknotete sich vorn so enge,

Daß keinen Ruck zu tun er mehr vermochte.

Pistoja, ach, warum beschließt du nicht,

Dich selbst durch Feuer von der Welt zu tilgen,

Weil du noch schlimmer bist als wie dein Samen!

In keinem all’ der dunklen Höllenkreise

Sah einen Geist ich, der so frech gelästert;

Auch der nicht, der von Thebens Mauern stürzte.

Fort eilte er und sprach nicht eine Silbe.

Und wild kam ein Zentaur daher gesprengt,

Der rief: Wo ist, wo ist er hin der Arge? –

Wohl hegt nicht so viel Schlangen die Maremma,

Als ihm vom Widerrist bis dahin lagen,

Wo die Gestalt den Menschen an ihm anfängt.

Doch über dem Genick’ und auf den Schultern

Hockt’ ihm ein Drache mit gespreizten Flügeln,

Der durch den Atem was er antrifft zündet.

Da sprach mein Meister: Siehe, das ist Cacus,

Der oft am Fuß des Aventiner Berges

Solch Blut vergoß, daß es in Lachen stau’te.

Weil er durch List und Trug die große Herde,

Als sie ihm nahe rastete, gestohlen,

Geht mit den Brüdern er nicht gleichen Weges.

Damals beendeten sein schnödes Treiben

Des Herkules gewalt’ge Keulenschläge.

Ihn trafen hundert, doch nicht zehne fühlt’ er. –

Drei Geister waren, als er sprach und jener

Vorüberfloh, bis unter uns gekommen;

Doch sah der Meister sie sowohl als ich

Erst als der eine rief: Sagt an, wer seid ihr? –

Da machten dem Gespräche wir ein Ende

Und merkten nun auch unsrerseits auf sie.

Ich kannte ihrer keinen; doch geschah es,

Wie wohl durch Zufall zu geschehen pflegt,

Daß einer im Gespräch den andern nannte.

Wo ist, so sagt’ er, Cianfa nur geblieben? –

Damit der Führer nun aufmerken möchte,

Streckt’ ich vom Kinn zur Nase meinen Finger.

Bist du, o Leser, was ich nun berichte

Zu glauben schwer geneigt, nimmt mich’s nicht Wunder;

Glaub ich’s doch kaum, der es mit angesehen.

Noch war mein Auge ihnen zugewendet,

Da sah ich eine Schlange mit sechs Füßen,

Die vorn auf einen lossprang und ihn packte.

Die mittler’n Bein’ umklammerten den Bauch ihm,

Die vordersten verstrickten sich den Armen.

Dann, mit den Zähnen, faßte sie die Backen,

Die Lenden nieder dehnte sie die hintren,

Es bog den Schwanz sie zwischen beiden durch,

Ihn dann das Kreuz entlang emporzustrecken.

Nie haftete an einem Baum der Efeu

So fest, als wie dies grause Ungeheuer

Die seinen um die fremden Glieder schlang.

Dann klebten aneinander sie, als wären

Sie heißes Wachs, und mengten ihre Farbe,

Und keiner schien mehr das, was er gewesen.

So geht am brennenden Papier der Flamme,

Die weiter greift, voraus die dunkle Färbung,

Die noch nicht schwarz und doch auch nicht mehr weiß ist.

Die andern beiden schauten zu, und jeder

Rief: Weh’ Agnello, wie du dich verwandelst!

Sieh doch, wie du nicht eins nun bist, nicht zweie. –

Schon waren die zwei Häupter eins geworden

Die Züge beider schienen uns verschmolzen

In ein Gesicht, aus dem die zwei geschwunden.

Es wurden aus vier Streifen die zwei Arme,

So Bein’ als Lenden, Rumpf sowohl wie Bauch

Umformten sich zu nie gesehnen Gliedern.

Verschwunden war jedwedes frühre Aussehn:

So beides, als von beiden keins, entfernte

Sich das entstellte Bild langsamen Schrittes.

Wie um die Zeit der ärgsten Hundstagsglut

Eidechsen, die von Zaun zu Zaune schlüpfen,

Den Weg durchkreuzen, gleich dem Blitz behende,

So anzuschaun war eine grimm’ge Schlange,

Die schwarz und bräunlich, so wie Pfefferkörner,

Sich auf den Bauch der beiden andren stürzte.

Den Teil, durch den zuerst uns Nahrung zugeht,

Durchbohrte sie dem einen und dann fiel

Zu seinen Füßen regungslos sie nieder.

Es schaute der Verwundete sie an,

Doch schwieg er; als ob Fieber oder Schlaf

Ihn packe, gähnt’ er unbewegten Fußes.

Die Schlange blickt’ auf ihn und er auf sie.

Qualm drang aus seiner Wund’ und ihrem Maule

Und mit dem einen mischte sich der andre.

Es schweige nun Lucan, wo von dem armen

Sabellius und Nasidius er berichtet,

Und höre wohl auf das, was nun gesagt wird.

Auch schweig’ Ovid von Arethus’ und Kadmus;

Nicht neid ich ihn, verwandelt sein Gedicht

Zur Schlange diesen und zur Quelle jene

Denn nie vertauscht’ einander gegenüber

Er zwei Naturen, so daß die Gestalten

Die Stoffe wechselsweis gewandelt hätten.

Also entsprachen sie sich nun einander

Daß ihren Schweif die Schlang’ in zweie teilte

Und jener seine Füß’ in eins verband.

So wuchsen aneinander Bein’ und Lenden,

Daß ihre Fuge wiederzuerkennen

In kurzer Zeit nicht mehr gelungen wäre.

Und die Gestalt, die dort verloren wurde,

Gewann der Schlange Schweif der sich gespalten.

Weich wurde ihre Haut und hart die seine,

Die Arme zog er in die Achselhöhlen;

Des Tieres kurze Bein’ hingegen dehnten

Sich ebenso, wie jene sich verkürzten.

Verschlungen bildeten die Hinterfüße

Der Schlange jenes Glied, das man verhüllet,

Und zweigeteilt ward jenem Ärmsten seines.

Mit neuer Farbe kleidete die beiden

Der Rauch noch und beraubte den der Haare,

Mit welchen jenen er dafür bedeckte,

Als einer aufstand und der andre hinfiel,

Doch ohne drum die Augen zu verwenden,

Wobei sie wechselsweis die Züge tauschten.

Es zog der Aufrechtsteh’nde zu den Schläfen

Das Fleisch, und aus dem so gehäuften wurde

Das Ohrenpaar, das aus dem Haupt hervortrat.

Aus dem was nicht nach rückwärts quoll und vorne

Sich häufte, ward dem Angesicht die Nase

Und was die Lippen anzuschwellen nötig.

Es streckt der Liegende die Schnauze vorwärts

Und in das Haupt zieht er die Ohren ein,

Wie Schnecken tun wenn sie die Hörner einziehn.

Es spaltet sich die bisher ungeteilte,

Zum Reden fert’ge, Zung’, und die gespaltne

Schließt sich zusammen, – und der Qualm vergeht.

Der Schatten, der zum Tiere nun geworden,

Enteilte zischend durch das dunkle Tal;

Der andre spuckte redend hinter ihm.

Dann wandt er ihm die neu erlangten Schultern

Und sprach zum andren: Mag auf seinem Bauche,

Wie ich bisher getan, nun Buoso laufen! –

Verwandeln sah ich so und sich vertauschen

Des siebten Grabens Schlamm, und es entschuldge

Den Kiel, ließ er sich etwas gehn, die Neuheit.

Wie meine Augen auch befangen waren

Und wie bestrickt mein Sinn, so konnten jene

Doch nicht so heimlich fliehn, daß ich nicht deutlich

Puccio Sciancato hätt’ erkennen mögen.

Und der von ihnen war’s, der unverwandelt

Allein noch übrig war von jenen drei’n;

Den du beweinst, Gaville, war der andre.

Sechsundzwanzigster Gesang

Erfreue dich o Florenz deiner Größe,

Denn über Land und Meer schlägst du die Flügel

Und in der ganzen Höll’ erklingt dein Name.

Fünf deiner Bürger fand ich bei den schlimmsten

Spitzbuben, dessen iceh mich höchlich schäme,

Und große Ehre drob dir nicht erwächst.

Wenn aber Wahrheit Morgenträume künden,

So wird in naher Zukunft dir begegnen,

Was Prato, andre zu geschweigen, wünschet.

Wär’s schon gescheh’n, so wär es nicht verfrühet.

Wär’s nur vorbei, ist’s einmal unvermeidlich;

Denn, wie ich älter werde, trag’ ich’s schwerer.

Wir gingen weiter, und hinauf die Stufen,

Als welche uns zuvor gedient die Höcker,

Stieg erst mein Meister und mich zog er nach sich.

Wie zwischen dem Geklüfte und den Zacken

Der Felswand wir den öden Weg verfolgten,

Kam, wenn die Hand nicht half, der Fuß nicht vorwärts

Da klagt’ ich laut und klage jetzo wieder,

Denk’ ich an das zurück, was ich gesehen

Und zügle meinen Geist mehr als ich pflege,

Daß, ungeführt von Tugend, er nicht laufe;

Damit, wenn die Gestirne, oder Bessres

Mir Heil beschieden, ich’s nicht selbst verscherze.

So viel Glühwürmer unten in dem Tale,

Wo Wein vielleicht er erntet oder ackert,

Der Landmann, der am Bergesabhang ruht,

Sobald die Fliege weichen muß der Mücke,

Erblickt, wenn der Planet, der Licht der Welt leiht,

Sein Antlitz uns am wenigsten verbirgt,

Von so viel Flammen sah die achte Bolgia

Ich rings erglänzen, als ich zu der Stelle

Gelangt war, wo ihr Boden sich mir zeigte.

Wie der Prophet, der sich durch Bären rächte,

Entschwinden sah den Wagen des Elias,

Als steil gen Himmel sich die Rosse hoben,

Und wie, als mit dem Aug’ er ihn verfolgte,

Er endlich nichts mehr sah, als nur die Flamme,

Die einem Wölkchen gleich nach oben schwebte,

So regte sich im Schlunde jenes Grabens

Jedwede Flamm’ ohn’ ihren Raub zu zeigen;

Denn einen Sünder raubt sich deren jede.

Zum Sehen vorgeneigt stand auf der Brück’ ich,

Und, hätt’ ich nicht ein Felsenstück ergriffen,

So wär ich nieder ohne Halt gefallen.

Mein Führer, der mich so gefesselt sah,

Begann: In jenen Feuern weilen Geister;

In das hüllt jeder sich, wovon er lodert. –

Mein Meister sagt’ ich drauf, durch deine Worte

Werd’ ich bestärkt; doch hatt’ ich schon erraten,

Daß also sich’s verhielt’, und wollte fragen,

Wer in der Flamme weilt, die so nach oben

Geteilt erscheint, wie die des Scheiterhaufens,

Der Eteokles mit dem Bruder trug? –

Ulyss’, erwidert’ er, und Diomedes

Erleiden Straf’ in ihr, die jetzt zur Rache,

Wie einst zum Zorne, miteinander gehn.

In jener Flamme büßen sie die Tücke

Des Pferdes, welches jenes Tor gebrochen,

Durch das der Römer edler Samen ausging.

Dort büßen sie die List, ob der im Tode

Noch Deidamia um Achilles trauert.

Auch dem Palladium gilt zugleich die Strafe. –

O Meister, sagt’ ich, wenn in jenen Flammen

Sie reden können, bitt’ ich dich inständig

Und bitte, daß die Bitt’ als tausend gelte,

Du mögest dich nicht weigern, zu verweilen

Bis hierher die gehörnte Flamme kommt.

Du siehst es wie der Wunsch mich zu ihr hinneigt. –

Und er zu mir: Weil allen Lobes wert ist

Was du begehrest, heiß’ ich es genehm;

Doch deine Zung’ enthalte sich der Rede,

Laß mich nur sprechen. Wohl hab’ ich verstanden,

Um was es dir zu tun; weil jene Griechen

Gewesen, möchten sie dein Wort nicht achten. –

Als nun so weit die Flamme war gekommen,

Daß Zeit und Ort dem Führer passend schienen,

Hört’ ich in solcher Weise ihn beginnen:

Ihr, die ihr zweie seid in einem Feuer,

Wenn ich um euch mir wenig oder viel

Verdienst’ erworben, während meines Lebens,

Als droben die erhab’nen Vers’ ich schrieb,

So haltet an, und einer von euch sage,

Wohin er ging, als er verscholl und starb. –

Da hub das größre Horn der alten Flamme

Zu flackern und dabei zu brausen an,

Der Flamme gleich, die mit dem Winde kämpfet.

Dann regte sie die Spitze hin und wieder,

Als ob zum Reden sie die Zunge wäre

Und ihre Stimm’ erscholl in diesen Worten:

Als Circe ich verlassen, welche länger

Mich als ein Jahr, dort bei Gacta festhielt

Eh’ noch Aeneas also es benannte,

Vermochten nicht die Zärtlichkeit zum Sohne

Und nicht die Ehrfurcht für den alten Vater,

Die Liebe nicht, durch die Penelope’n

Zu freun mir oblag, jenen Trieb zu dämpfen,

Der mich die Welt und Tugenden wie Laster

Der Menschen weiter noch erkunden hieß.

So fuhr ich mit der kleinen Zahl Gefährten,

Die mir verblieb, auf einem einz’gen Schiffe

Hinaus in’s weite schrankenlose Meer.

Ich sah die beiden Ufer bis nach Spanien

Und nach Marokko, sah die Sarderinsel,

Sowie die andren, die dies Meer bespület.

Schon alt und träge waren die Gefährten

Gleich mir geworden, als wir zu der Enge,

Wo Herkules die Zeichen setzte, kamen,

Daß weiter vorzudringen niemand wage.

Zur Rechten ließen wir Sevilla liegen,

Schon war zur andern Ceuta uns geblieben.

O Brüder, sagt’ ich, die durch hunderttausend

Gefahren ihr erreicht den fernen Westen,

Versagt dem kurzen Abend eurer Sinne,

Der euch noch übrig ist, nicht die Erfahrung,

Der Bahn der Sonne folgend, jenen Teil

Der Welt, der unbewohnt ist, zu erkunden!

Erwägt den Samen, welchem ihr entsprossen:

Ihr seid bestimmt, nicht Tieren gleich zu leben,

Nein, Tugend zu erringen und Erkenntnis. –

So eifrig machte diese kurze Rede,

Zur Weiterreise alle die Gefährten,

Daß sie zu halten kaum vermocht ich hätte.

Gen Morgen wandten wir das Steu’r und machten

Zu Flügeln unsres tör’gen Flugs die Ruder,

Indem wir stets zur linken Seite hielten.

Schon sah die Nacht vollzählig die Gestirne

Des andren Poles, und so tief den unsren,

Daß aus der Meeresfläch’ er nicht mehr aufstieg.

Das Licht der Mondesscheibe hatte fünfmal

Sich neu entzündet, war fünfmal erloschen,

Seit hinter uns den Engpaß wir gelassen,

Als sich ein Berg uns zeigte, welchen dämmrig

Die Ferne scheinen ließ, und solcher Höhe

Als keinen noch ich je zuvor gesehen.

Wir freuten uns, doch folgten bald die Tränen;

Denn von dem neuen Land’ erhob ein Sturm sich,

Der unsres Schiffes Vorderteil erfaßte.

Dreimal trieb er im Kreis’ es mit den Wellen;

Beim vierten hob das Steuer er empor

Und ließ auf höhren Willen in die Tiefe

Den Schnabel schießen, bis das Meer uns deckte. –

Siebenundzwanzigster Gesang

Schon wieder aufrecht stand die Flamm’ und, weil sie

Nicht weiter sprach, nun ruhig, und entlassen

Vom süßen Dichter, eilte sie von hinnen,

Als eine zweite, hinter jener folgend,

Durch einen wirren Ton, der von ihr ausging,

Auf ihren Gipfel unsre Blicke lenkte.

Sowie Siziliens Stier der, wohlverdient,

Zum erstenmal von dessen Wehruf brüllte,

Der ihn gestaltete durch seine Feile,

Wie dieser Stier in des Gequälten Stimme,

Obwohl von Kupfer, doch nicht anders brüllte,

Als ob von Schmerzen er gemartert würde,

So wandelten sich die betrübten Worte,

Die aus dem Ursprung tief im Feuer Ausgang

Und Weg nicht fanden, in des Schattens Sprache.

Doch, als sie oben, durch der Flamme Spitze

Den rechten Pfad gewählt und ihr die Regung

Erteilt, die von der Zunge sie erhalten,

Vernahmen wir: O du, an den die Rede

Ich richt’, und der vorhin Lombardisch sprach

Und sagte: Geh’, ich halte dich nicht länger,

Verschmähe nicht, weil später ich gekommen,

Hier mit mir redend etwas zu verweilen;

Verschmäh’, doch ich es nicht, obwohl ich brenne.

Bist du erst jüngst in diese blinde Welt

Gestürzt aus der Lateiner süßem Lande,

Aus dem was ich gesündigt alles kommt,

So sag’ ob Krieg, ob Fried’ ist in Romagna.

Denn dem Gebirg’ entstammt’ ich nächst Urbino

Und jenem Joch, von dem die Tiber ausgeht. –

Geneigt nach unten stand ich noch und horchte;

Da stieß die Seite leise mir der Meister

Und sagte: Rede du, der ist Lateiner. –

Ich aber, der bereit die Antwort hatte,

Begann nun ohne Säumen so zu reden:

O Seele, die verhüllt dort unten weilet,

In seiner Zwingherrn Brust war dein Romagna

Von Kriege nimmer frei und ist’s auch jetzt nicht,

Doch keinen offenbaren ließ ich dort.

Noch ist Ravenna, wie es war seit Jahren:

Es hauset dort der Aar der Polentaner,

So daß er Cervia deckt mit seinen Schwingen.

Der Ort, der einst so lange standgehalten

Und der Franzosen Leichen blutig türmte,

Ist noch den grünen Tatzen unterworfen.

Verrucchio’s alter Hund, sowie der neue,

Die übel mit Montagna umgesprungen,

Sie hau’n die Zähne ein wo sie gewohnt sind.

Der kleine Löwe in dem weißen Neste,

Der die Partei vom Sommer tauscht zum Winter,

Lenkt des Lamone Stadt und des Santerno.

Und jen’, an deren Flanke spült der Savio,

Weilt zwischen Tyrannei und freiem Wesen,

So wie sie zwischen Berg und Ebne liegt.

Nun aber bitt’ ich, wer du sei’st, bericht’ uns.

Sei härter nicht, als wie die andren waren,

Soll lange in der Welt dein Name dauern. –

Nachdem zuvor das Feuer eine Weile

Nach seiner Art gebrüllt, regt’ es die Spitze

Hierhin und dorthin, und dann haucht’ es also:

Glaubt’ ich, daß meine Antwort wer vernähme,

Der je zur Oberwelt zurückgelangte,

So bliebe unbeweglich diese Flamme.

Weil aber, ist, was man sagte, richtig,

Lebendig niemand diesem Schlund’ entstiegen,

Kann ohne Furcht der Schmach ich Antwort geben.

Ich war ein Kriegsmann, nahm dann Strick und Kutte

Und dachte Buß’ in diesem Kleid zu tun;

Und was ich glaubte, Wahrheit wär’s geworden,

War nicht der große Pfaff, den Unheil treffe,

Der mich zurückzog in die alten Sünden;

Wie und warum sollst du nun von mir hören.

Solang ich Form des Fleisch’s und der Gebeine

Noch war, die mir verlieh’n die Mutter, hatten

Nicht Löwen- sondern Fuchsart meine Taten.

Mit allen Listen und verdeckten Wegen

War ich bekannt und übte so geschickt sie,

Daß bis an’s End der Welt davon erzählt ward.

Als zu dem Lebensalter ich gediehn war,

Wo einzuziehn die Taue, und die Segel

Herabzulassen jeglichem geziemt,

Beklagt’ ich was zuvor erfreut mich hatte,

Und beichtete reumütig meine Sünden;

Und, wehe mir! es hätte mir gefruchtet!

Allein der Fürst der neuen Pharisäer,

Als Krieg er führte dort beim Lateran,

Und nicht mit Sarazenen oder Juden

(Denn Christen waren seine Feinde sämtlich,

Und keiner war bei Akkons Fall beteiligt,

Noch Kaufmann in des Sultans Land gewesen)

Mißachtet’ er in sich sein höchstes Amt

Und seine heil’gen Weih’n, an mir den Strick,

Der magrer sonst, die die ihn tragen, machte.

Wie Konstantin aus des Soracte’s Wildnis

Sylvester rief, den Aussatz ihm zu heilen,

So rief auch dieser mich, daß ich ein Arzt ihm

Zur Heilung seines Hochmutsfiebers würde

Er frug um meinen Rat; ich aber schwieg,

Denn seine Worte achtet’ ich für trunken.

Dann sagt’ er: Fürchte nicht in deinem Herzen,

Ich spreche dich im voraus los; doch lehre

Mich, wie ich Palästina niederwerfe.

Den Himmel kann so lösen ich als binden,

Wie du wohl weißt, darum sind zwei der Schlüssel,

Die mein Vorgänger nicht zu schätzen wußte. –

Bestimmt ward ich von den gewicht’gen Gründen,

Die mir als schlimmstes Teil das Schweigen wiesen,

Und sagte: Vater, da du von der Sünde,

In die ich fallen soll, mich also rein wäschst,

Wird viel versprechen und nur wenig halten

Im hohen Sitze dir Triumph verleihn. –

Als ich dann tot war, kam um meinetwillen

Der heil’ge Franz; jedoch ein schwarzer Cherub

Rief aus: Laß ab von ihm, tu mir kein Unrecht!

Herab zu meinen Knechten muß er kommen,

Weil den betrügerischen Rat er gab,

Seit welchem meine Hand am Schopf ihn festhielt.

Lossprechen kann man den nur, der bereut,

Und sünd’gen und bereu’n geht nicht zusammen

Des Widerspruches wegen, der’s nicht zuläßt. –

O weh mir Armen, wie entsetzt’ ich mich,

Als er mich packt’ und rief: Du dachtest

Wohl nicht, daß ich auf Logik mich verstünde? –

Zu Minos bracht’ er mich, und der umwandte

Den harten Rücken achtmal mit dem Schweife

Und biß vor großer Wut dann noch hinein.

Der, sagt’ er, kommt zum räuberischen Feuer! –

Drum bin ich da, wo du mich siehst verloren

Und wandle jammervoll in solchem Kleide.

Als seine Rede also er beendet,

Verließ die Flamm’ uns unter Schmerzenslauten,

Indem ihr spitzes Horn sie dreht’ und regte.

Dann gingen wir, ich und mein Führer, weiter

Den Felsen hin bis zu dem andren Bogen,

Der ob dem Tal sich wölbt, in dem die Buße

Die zahlen, die durch Spaltung sich belasten.

Achtundzwanzigster Gesang

Wer könnte, selbst in ungebundner Rede

Bei öfterem Erzählen, all’ das Blut

Und all’ die Wunden, die ich jetzt sah, schildern?

Jedwede Zunge würde daran scheitern,

Sowohl der Sprach, als der Erinnrung wegen,

Die, soviel zu umfassen, nicht genügen.

Und sähe man auch all’ das Volk beisammen,

Das einstmals auf dem schicksalsschwangren Boden

Apuliens sein vergoßnes Blut beklagte

In dem Trojanerkrieg’ und jenem langen,

Wo die Karthager soviel Ring’ erbeutet,

Als Livius, welcher nimmer irrt, berichtet,

Das Volk auch, das durch Wunden Schmerz erlitten,

Weil es dem Robert Guiscard widerstand,

Und das auch, dessen Knochen man noch aufliest

Bei Ceperano, wo zum Lügner jeder

Pugliese ward, und dort bei Tagliacozzo

Wo waffenlos Alard, der alte, siegte,

Und zeigte dieser dann zerfetzte Glieder,

Und der verstümmelte; nicht zu vergleichen

Wär’s doch der achten Bolgia grausem Inhalt.

Kein Faß, verliert es Dauben oder Boden,

Wird so zerfetzt, als wie ich einen sah,

Gespalten von dem Kinn bis zu dem After.

Es hingen ihm die Eingeweide zwischen

Den Beinen; Herz und Leber gleich dem Sacke

Der was man schlingt in Kot verwandelt sah man.

Noch heftete auf ihn ich meine Blicke,

Da riß, mich anschauend, er die Brust sich auf

Und sagte: Sieh hierher, wie ich zerberste;

Also verstümmelt siehst du Mahomet.

Alì geht vor mir her und weinet laut,

Gespalten im Gesicht vom Kinn zum Wirbel.

Und all’ die andren, die du hier gewahrest,

Sie sä’ten lebend Zwietracht aus und Spaltung,

Drum sind sie hier, so wie du siehst gespalten.

So richtet uns ein Teufel zu, dort hinten,

Der jeden, der vorbeikommt nach der Reihe

Die Schneide seines Schwertes fühlen läßt,

So oft den Weg der Schmerzen er beendet;

Denn zugeheilt sind jedesmal die Wunden,

Eh’ wir im Kreise wieder zu ihm kommen.

Doch du, wer bist du, der dort oben lungert,

Wohl um die Strafe später anzutreten,

Die dir auf dein Geständnis zuerkannt ward? –

Noch griff der Tod ihn nicht, auch treibt ihn Schuld nicht

Die Qual zu leiden, sagte drauf mein Meister.

Nur um wahrhafte Kunde ihm zu geben,

Muß ich, der tot ich bin, ihn durch die Hölle

Von einem Kreise zu dem andren führen.

Dies ist, so wahr ich mit dir rede, wahr. –

Wohl mehr als hundert hemmten, als sie’s hörten,

Im Graben ihren Schritt, mich zu betrachten,

So staunend, daß der Strafe sie vergaßen.

Der du vielleicht bald wiedersiehst die Sonne,

Ermahne Fra Dolcin, daß, will er anders

Nicht bald hierher mir folgen, er mit Vorrat

Sich wohl verseh’, damit der Schnee ihn nicht

Bedräng’ und Sieg dem Novaresen leihe.

Wie anders ihn zu zwingen möchte schwer sein. –

Als einen Fuß zum Geh’n er schon erhoben,

Sprach diese Worte Mahomet zu mir;

Dann setzt’ er, weitergehend, ihn zu Boden.

Ein andrer, dem durchbohrt die Kehle war

Und weggestutzt bis zu den Brau’n die Nase,

Der auch am Kopf ein einzig’ Ohr nur hatte,

War staunend mit den andren stehngeblieben;

Doch öffnet vor den andren er den Schlund,

Der außen blutig war nach jeder Seite.

Dann sagt’ er: Du den nicht die Schuld verdammt

Und den ich im Latinerland schon sah,

Täuscht anders große Ähnlichkeit mich nicht,

Erinn’re dich an Pier von Medicina,

Siehst du die schöne Fläche jemals wieder,

Die sich bis Marcabò senkt von Vercelli,

Und laß die besten zwei von Fano wissen

Den Messer Guido wie den Angiolello,

Daß wenn nicht, was man hier vorhersieht, täuschet,

Sie der Verrat des schnödesten Tyrannen

In’s Meer aus ihrem Schiffe werfen wird

Und säcken nächst Cattolica’s Gestade.

Es sah Neptun, von Cypern bis Majorca,

Seeräuber und argolisches Gesindel

So große Missetat niemals begehn.

Es wird sie der einäugige Verräter,

Der jenen Ort, den nie gesehn zu haben

Der eine meiner Nachbar’n wünscht, beherrschet,

Zu sich entbieten, um Gespräch zu halten;

Dann aber so tun, daß sie kein Gelübde

Zum Schutze vor Focara’s Wind mehr brauchen. –

Drauf ich zu ihm: Erläutre mir und sage,

Soll ich nach oben Botschaft von dir bringen,

Wem, wie du sagst, der Anblick bittre Frucht trug? –

Da legte er die Hand an des ihm Nächsten

Kinnlade, riß den Mund ihm auf und schrie:

Der ist es; doch verlernt hat er das Reden.

Verbannt, ertötet’ er in Cäsars Herzen

Den Zweifel, als er sagte, dem Bereiten

Gereichte Säumen immerdar zum Nachteil. –

Wie so verstört schien mir, mit bis zum Schlunde

Ihm ausgeschnittner Zunge, jener Curio,

Der einst zum Reden überkühn gewesen!

Und einer, welchem abgehackt, so diese

Als jene Hand war, hob empor die Stummeln,

So daß sein Angesicht das Blut beschmutzte:

Erinn’re dich, so rief er, auch des Mosca,

Der leider sagte: »nach der Tat kommt Rat«,

Was Unheilsamen ward dem Volk der Tusker. –

Und deines Hauses Tod! – also ergänzt’ ich;

Worauf, zum Schmerze neue Schmerzen häufend,

Gleich dem er hinging, den der Gram verwirrt.

Ich aber blieb, die Schar mir zu betrachten,

Und fürchten würd’ ich, was ich sah, zu sagen,

Hätt’ ich kein andres Zeugnis als mein Wort.

Doch Zuversicht verleiht mir mein Gewissen,

Der wackere Gesell, der unverzagt macht

Den, dessen Harnisch ist, sich rein zu wissen.

Gewiß, ich sah, und noch zu sehen dünkt mich’s,

Gleichwie die andren jener Herde gingen,

Des Haupt’s ermangelnd einen Rumpf einhergehn.

Den abgeschlagnen Kopf hielt an den Haaren

Er hängend in der Hand, gleich einer Lampe.

Der aber schaut’ uns an und sagte: Wehe! –

Sich selber braucht’ er, um sich zu beleuchten;

In einem waren’s zwei, in zweien einer.

Wie das geschah, weiß nur, wer’s so verordnet.

Als senkrecht er am Fuß der Brücke stand,

Hoch hob empor den Arm er mit dem Haupte,

Um seine Worte näher uns zu bringen.

Sie lauteten: Der atmend du die Toten

Im Gehn beschaust, sieh meine grause Strafe

Und sag’, ob eine wohl so groß als diese?

Damit der Welt du Kunde von mir bringest,

So wisse, daß ich Bertram bin von Bornio,

Der schlimmen Rat erteilt Johann dem König.

Den Sohn verfeindet’ ich mit seinem Vater;

Ahitophel tat Absalom nicht ärger,

Als wider David er ihn böslich hetzte.

Und weil zwei so Verbundne ich getrennet,

Trag’ ich zur Qual getrennet mein Gehirn

Von seinem Ursprung, der in diesem Rumpf ist.

Also wird mir, wie ich getan, vergolten. –

Neunundzwanzigster Gesang

So trunken waren von dem vielen Volke

Und den verschiednen Wunden meine Augen,

Daß sie sich sehnten, ruhend auszuweinen.

Mein Meister aber sprach: Was schaust du noch,

Was haftet unverwandt dein Blick dort unten

Bei den verstümmelten unsel’gen Schatten?

In andren Bolgien tatest du nicht also

Vernimm, willst du, die hier im Tal sind, zählen,

Daß zweiundzwanzig Miglien es umkreiset.

Schon steht der Mond grad’ unter unsren Füßen,

Nur wenig Zeit ist jetzt uns noch verstattet

Und manches bleibt zu sehn, das du noch nicht sahst. –

Wenn du den Grund beachtet hättest, sagt’ ich

Darauf, der mich bewog hinabzublicken,

Das Weilen hättest du vielleicht gestattet. –

Schon ging mein Führer und ich folgt’ ihm nach,

Als ich ihm diese Antwort gab, und weiter

Fügt’ ich hinzu: In jener dunklen Grube,

Wohin ich eben stier mein Auge wandte,

Glaub’ ich, beweint ein Geist von meinem Blute

Die Sünde, die so teuer hier bezahlt wird. –

Da sprach zu mir mein Meister: Es bekümmre

Nicht fürder seinethalb sich dein Gedanke:

Er bleibe wo er ist, merk du auf andres;

Denn an dem Fuß der Brücke sah ich ihn,

Dich, heftig drohend, mit dem Finger zeigen,

Und Geri hört’ ich ihn del Bello nennen.

Du warst von dem, der Hautefort besessen,

Damals so ganz gefesselt, daß nicht eher

Du ihn gewahrtest, als bis er davon ging. –

O Führer, der an ihm verübte Mord,

So rief ich aus, den bis zur Stunde keiner,

Auf den die Schande mitgefallen, rächte,

Erweckte seinen Zorn, und drum vermut’ ich,

Ging er vorüber, ohn’ ein Wort an mich;

Mich aber faßt darob erhöhtes Mitleid. –

So sprachen wir bis wo der Fels zuerst

Das nächste Tal, wär’s heller nur gewesen,

Uns bis zum Grunde hätte sehen lassen.

Wir standen oberhalb der letzten Klause

Der Malebolge, deren Laienbrüder

Sich unsrem Blick nun offenbaren konnten.

Da stürmten, Pfeilen ähnlich, deren Spitzen

Mitleid bewehrt, viel Klagen auf mich ein,

Weshalb die Ohren mit der Hand ich deckte.

So vieles Leiden als beisammen wäre,

Wenn man in eine Gruft mit der Spitäler

Des Chianatals vom Juli bis September

Maremma’s und Sardiniens Seuchen brächte,

So viel war hier, und solcher Stank erhob sich,

Als aus Gliedmaßen, welche eitern, aufsteigt.

Wir stiegen, immerdar nach links gewandt,

Zum letzten Strand des langen Felsens nieder,

Und klarer sah ich da in jene Tiefe,

In der die Dienerin des hohen Herrschers,

Die nie zu täuschende Gerechtigkeit,

Die Fälscher, die sie hier schon einschrieb, strafet.

Nicht trauriger, vermut’ ich, war der Anblick,

Das ganze Volk Aegina’s krank zu sehn,

Als so verpestet war der ganze Dunstkreis,

Daß, was da lebte, bis zum kleinsten Wurme

Tot niederfiel, und dann sich die Bewohner,

Wie uns als Wahrheit melden die Poeten,

Aus der Ameisen Samen neu ergänzten!

Nicht traur’ger, als in diesem Tal die Geister

Zu sehn, wie haufenweise sie verlechzten.

Auf seinem Bauch lag der, ein zweiter stützte

Sich auf des andren Schultern, jener schlich

Den traur’gen Pfad dahin auf allen Vieren.

Langsamen Schrittes gingen wir und schwiegen;

Doch sah’n und hörten wir auf jene Kranken,

Die nicht vermochten sich emporzurichten.

Und aneinander sah ich zwei sich stützen,

Wie Tiegel man an Tiegel stützt beim Wärmen,

Vom Haupt bis zu dem Fuß bedeckt mit Schörfen.

Nie sah ich einen Knecht, der ungern wach bleibt,

Nie einen, dessen Dienstherr auf ihn wartet,

Den Striegel in so großer Hast bewegen,

Als jeder dieser beiden, ob der Qual

Des Juckens, die er so nur weiß zu lindern,

Am Leibe mit den Nägeln hin- und herfuhr.

Und wie ein Messer Schuppen streift vom Karpfen

Und andren Fischen, die noch größre haben,

So rissen jene Nägel ab die Schörfe.

Der mit den Fingern du dich selbst zerfleischest,

Begann zu einem jener zwei mein Meister,

Und öfters auch als Zange sie gebrauchest,

Soll dir in Ewigkeit zu solcher Arbeit

Dein Nagel g’nügen, so erteil’ uns Auskunft,

Ob irgendein Lateiner ist hierinnen. –

Wir beid’, erwidert’ unter Tränen einer,

Die du so schwer entstellt siehst, sind Lateiner;

Doch du, der nach uns frugest, sprich, wer bist du? –

Von Stufe, sagte drauf Virgil, zu Stufe

Steig’ ich mit diesem, der noch lebt, hernieder,

Denn mir liegt ob, die Hölle ihm zu zeigen. –

Da brach die Wechselstützung auseinander;

Erzitternd blickten nur nach mir die beiden

Und alle die’s zur zweiten Hand vernommen.

Drauf wandte sich zu mir der gute Meister

Und sagte: Sprich zu ihnen was dir gut dünkt. –

Und ich begann, so wie er mir geheißen:

Soll eu’r Gedächtnis in der ersten Welt

Der menschlichen Erinn’rung nicht entschwinden

Und weiter leben unter vielen Sonnen,

So sagt mir, wer ihr seid und welchen Stammes;

Die ekle Strafe, die ihr duldet hindre

Euch nicht an eures Namens Offenbarung. –

Ich stamme von Arezzo, sprach der eine,

Verbrennen ließ mich Albero von Siena;

Doch starb ich nicht für das was mich hierher führt.

Wohl sagt’ ich, doch im Scherze, daß ich fliegend

Mich aufzuschwingen in die Luft vermöchte;

Einfältig und voll Neugier wollte jener,

Daß ich die Kunst ihm lehr’, und weil ich nicht

Zum Dädalus ihn machte, ließ zum Holzstoß

Er mich durch den, der ihn als Sohn hielt, schicken.

Weil aber droben Alchimie ich übte

Hat Minos, der sich nimmer täuscht, zur letzten

Von den zehn schlimmen Bolgien mich verurteilt. –

Zum Dichter sagt’ ich drauf: Sah man wohl jemals

Ein Volk leichtsinnig so wie die Sanesen?

Selbst die Franzosen sind’s um vieles minder. –

Der andre Sücht’ge, der mein Wort vernommen,

Erwiderte darauf: Doch nimm den Stricca,

Der so bescheidnen Aufwand machte, aus,

Auch Nicolò nimm aus, der in dem Garten,

Wo solche Saat gedeiht, der Nägelein

Kostspieliges Rezept erfunden hat.

Nimm die Gesellschaft aus, in welcher Caccia

D’Asciano mit dem großen Wald den Weinberg

Und Abbagliato seinen Ruf vergeudet.

Doch, daß du wissest, wer so mit dir einstimmt

Im Tadel der Sanesen, sieh mich scharf an,

So daß mein Angesicht dir Antwort gebe.

Erkennen wirst du dann Capocchio’s Schatten,

Der ich durch Alchimie Metalle fälschte,

Und, seh’ ich anders recht, muß dir bewußt sein,

Daß ich ein guter Affe der Natur war. –

Dreißigster Gesang

Zur Zeit, wo Juno wegen Semele’s

So sehr dem Blute der Thebaner zürnte,

Als sie zu manchen Malen es betätigt,

Ward Athamas von Wahnsinn so befallen,

Daß, als an jeder Hand mit einem Kinde

Beladen, er die Gattin sah, er rief:

Die Netze stellet auf, daß ich beim Wechsel

Die Löwin und die jungen Löwen fange.

Dann streckt er aus die unbarmherz’gen Krallen,

Ergriff den einen, der Learchus hieß,

Und sein Gehirn zerschmettert’ er am Felsen;

Sie aber mit dem andren sprang in’s Meer.

Und als das Schicksal der Trojaner Hoheit,

Die alles unternahm, zum Sinken brachte,

So daß zugrunde gingen Reich und König,

Stieß Hekuba, gefangen und im Elend,

Als tot Polyxena ihr lag zu Füßen,

Und auf dem Meeresstrande sie voll Schmerzen

Den Leichnam ihres Polydor gewahrte,

In ihrem Wahnsinn hündisches Gebell aus;

Also verkehrte ihren Geist der Schmerz.

Doch Troja’s oder Thebens Furien hetzten

Niemanden je, um Tiere so zu quälen,

Geschweige denn die Glieder eines Menschen,

Als ich zwei Schatten tun sah bleich und nackend,

Die andre beißend hin und wieder liefen,

Wie Schweine tun, entläßt man sie dem Koben.

Es stürzte sich der eine auf Capocchio;

Packt in’s Genicke ihn und schleift’ ihn also,

Daß ihm den Bauch der harte Boden kratzte.

Der Arctiner, der zurückblieb, bebte

Und sprach: Der Poltergeist ist Gianni Schicchi;

In seiner Wut zerfleischt er wen er antrifft. –

O, sagt’ ich, soll der andre seine Zähne

In dein Genick nicht schlagen, so gewähre,

Eh’ er enteilt, mir, wer er ist, zu künden. –

Und er zu mir: Das ist die Seele Myrrha’s,

Der alten Frevlerin, die ihren Vater

In andrer als der rechten Lieb’ umarmte.

Auf das mit ihm, zu sünd’gen ihr gelinge,

Verfälschte also sie in fremde Form sich,

Wie um »der Koppel Königin« zu haben,

Der andre, der dort hineilt, unternahm

Buoso Donati fälschend vorzustellen

Und so für ihn letztwillig zu verfügen. –

Als die zwei Rasenden vorüber waren,

Die bis dahin mein Auge festgehalten,

Wandt’ ich’s um andre Sünder zu betrachten.

Geformt gleich einer Laute war der eine,

Wenn nur, von da an wo der Mensch sich gabelt,

Des Körpers untrer Teil gemangelt hätte.

Die Wassersucht, die, weil die Säfte krankhaft

Sie wandelt, so das Ebenmaß der Glieder

Zerstört, daß Kopf und Leib sich nicht entsprechen,

Riß, wie dem Lungenkranken, ihm die Lippen

So voneinander, daß des Durstes wegen

Zum Kinn sich eine kehrt’, die andre aufwärts.

Die ihr, ich ahne nicht aus welchem Grunde,

Von Strafe frei seid in der Welt des Jammers,

Seht her und merket auf das bittre Elend

Des Meister Adam, – so sprach er zu uns.

Was ich begehrte hatt’ ich einst in Fülle;

Jetzt lechz’ ich Ärmster um ein Tröpflein Wassers.

Die Bächlein, welche von den grünen Hügeln

Des Casentino hin zum Arno rinnen

Und ihre Ufer kühlen und befeuchten,

Stehn zu vermehrter Qual mir stets vor Augen;

Denn ärger dörrt ihr Bild mich, als die Krankheit,

Die meinem Angesicht das Fleisch entzieht.

Die streng mich geißelnde Gerechtigkeit

Entnimmt dem Ort, wo ich gesündigt, Mittel,

Um meiner Seufzer Hast noch zu vermehren.

Dort ist Romena, wo ich die Legierung,

Die mit des Täufers Bild geprägt wird, fälschte,

Weshalb verbrannt ich meinen Leib zurückließ.

Doch, säh’ ich hier die schnöde Seele Guido’s,

Die Alessandro’s, oder die des Bruders,

Um Fontebranda gäb’ ich nicht den Anblick.

Schon ist die ein’ hier innen, wenn die Schatten,

Die wütend ringsum laufen, Wahrheit künden;

Doch nutzt mir’s nicht, denn lahm sind meine Glieder.

Wär’ ich nur noch so leicht, daß im Jahrhundert

Ich einen einz’gen Zoll breit vorwärts käme,

So hätt’ ich längst mich auf den Weg gemacht,

Ihn unter den Entstellten hier zu suchen,

Obwohl elf Miglien dieses Tales Umkreis

Und seine Breite reichlich eine halb’ ist.

In dieser Sippe bin ich ihretwegen;

Auf ihr Verlangen prägt’ ich jene Gulden,

Die drei Karat wohl an Legierung hatten. –

Drauf ich zu ihm: Wer sind die beiden Armen

Die hier zunächst an deiner Rechten liegen

Und dampfen wie benetzte Händ’ im Winter? –

Hier fand ich sie, als ich in diese Schlucht

Geregnet, und nicht rührten sie seitdem sich,

Auch glaub’ ich nicht, daß sie sich je mehr rühren.

Die ein’ ist, die den Joseph falsch beschuldigt,

Der falsche Grieche Sinon ist der andre;

Des hitz’gen Fiebers Glut macht sie so qualmen. –

Der eine, der es übel wohl vermerkte,

Nicht ehrender genannt zu werden, schlug

Mit seiner Faust den harten Bauch Adamo’s;

Der aber dröhnte drob gleich einer Trommel

Den Schlag erwidert’ er ihm in’s Gesicht

Mit seinem Arme, der nicht wen’ger hart schien,

Und sagte: Kann ich auch nicht von der Stelle,

Weil mir gelähmt die Glieder sind, so ist

Der Arm doch frei zu solcherlei Verrichtung. –

Die Antwort war: Als man zum Scheiterhaufen

Dich führte, war dein Arm nicht so behende;

Doch war er’s ebenso und mehr beim Prägstock. –

Du sagst die Wahrheit, sprach der Wassersücht’ge,

Doch so wahrhaftig war dein Zeugnis nicht;

Als um die Wahrheit man dich frug bei Troja. –

Ich redete, du aber münztest Lügen,

Sprach Sinon; ich bin wegen einer Sünde,

Du wegen mehr hier unten als kein Teufel. –

Meineidiger, gedenke doch des Pferdes,

Gab der mit dem geschwollenen Bauch zur Antwort;

Daß alle Welt es weiß, sei deine Strafe. –

Die deine sei der Durst, von dem die Zunge

Dir birst, sprach Sinon, und das faule Wasser,

Das dir den Bauch bis vor die Augen aufbläht. –

Dein Maul zerreißt sich, sagte drauf der Münzer,

Gewohnterweise nur zur eigenen Schande.

Quält mich der Durst und schwillt mein Leib vom Wasser,

So brennt dich Fieberglut und schmerzt dein Kopf dich,

Und, daß vom Spiegel des Narciß du lecktest,

Bedürft’ es auch bei dir nicht langes Bitten. –

Ich dacht’ an nichts, als nur auf sie zu hören,

Da sprach zu mir mein Meister: Sieh doch, siehe;

Es fehlt nicht viel daran, daß ich dich schelte. –

Als zürnend ich zu mir ihn reden hörte,

Blickt’ ich ihn an mit solchem Schamgefühle,

Daß noch es mich ergreift, wenn ich dran denke.

Dem Manne gleich, der träumt, es treff’ ihn Unheil

Und träumend wünschet, daß es nur ein Traum sei,

Und so, was ist, als wär’ es nicht, ersehnet,

War mir zu Mut; doch reden konnt’ ich nicht.

Entschuld’gen wollt’ ich mich, und wie ich glaubte,

Ich tät es nicht, hatt’ ich mich schon entschuldigt.

Es büßt geringre Scham wohl größren Fehler

Als deiner war, begann darauf mein Meister;

So wirf denn von dir jegliche Betrübnis,

Und führt der Zufall je dich wieder hin,

Wo Leute sich in solcher Weise zanken,

So denke stets, du habest mich zur Seite.

Denn niedren Sinn zeigt, wer auf solches aufmerkt. –

Einunddreißigster Gesang

Dieselbe Zunge, die mich erst verwundet,

So daß sie mir die beiden Wangen färbte,

Bot heilend mir sodann die Arzenei.

So pflegt’ Achills und seines Vaters Lanze,

Wie ich vernommen, dem, den sie getroffen

Erst Unheil und dann wieder Heil zu bringen.

Den Rücken kehrten wir dem Tal des Jammers

Und gingen, des Gesprächs uns enthaltend,

Am Ufer hin, das jenes rings umgürtet.

Da war nicht volle Nacht und voller Tag nicht,

So daß nur wenig vorwärts drang mein Auge;

Doch hört’ ich wie ein Horn so laut erklang,

Daß übertönt es jeden Donner hätte

Dem folgt’ in umgekehrtem Sinn mein Auge

So daß auf einen Punkt nur es sich wandte.

So schrecklich klang nicht nach der Niederlage

Von Roncisval, wo Karl die heil’ge Schar

Verlor, das Horn, in welches Roland stieß.

Nicht lang hatt’ ich das Haupt dorthin gewendet,

Als mir es schien, ich säh’ viel hohe Türme;

Weshalb ich frug: Wie heißt die Stadt, o Meister? –

Und er zu mir: Weil durch die Finsternisse

Zu weit dein Auge schweifen will, geschieht es,

Daß deine Phantasie erratend irr’ geht.

Kommst du dorthin, so wirst du selbst gewahren,

Wie sehr der Sinn sich täuscht aus solcher Ferne;

Drum sporne selber dich zu größrer Eile. –

Dann faßt’ er freundlich meine Hand und sagte:

Damit die Sache minder dich befremde,

Vernimm, noch eh’ wir weiter vorgedrungen,

Daß das nicht Türme, sondern Riesen sind,

Die von dem Nabel abwärts gleicherweise

Rings in dem Brunnen um das Ufer stehn. –

Wie, wenn die Nebel sachte sich zerstreuen,

Der Blick allmählich mehr und mehr erkennet

Was, luftverdichtend, ihm der Dunst verborgen,

So scheucht’ er jetzt, die dicke düstre Luft

Durchdringend, wie ich mich dem Ufer nahte,

Den Irrtum fort und mehrte das Entsetzen.

Denn, wie auf seinem runden Mauerkreise

Montereggione sich bekränzt mit Türmen

So ragten hier mit ihrem halben Leibe

Vom Rande, der den Brunnen rings umwindet,

Die schrecklichen Giganten, die, wenn’s donnert,

Noch jetzt vom Himmel Jupiter bedroht.

Von dem mir Nächsten sah ich schon das Antlitz,

Brust, Schultern und des Bauches größren Teil,

Auch an den Seiten nieder beide Arme.

Gar wohl tat die Natur, als sie die Kunst

Solch Ungetüm hinfort zu schaffen, aufgab,

Daß derlei Werkzeug Mars nicht ferner habe.

Enthält der Wallfisch’ und der Elephanten

Sie doch sich nicht, so nennt, wer feiner aufmerkt,

Um so verständ’ger sie, um so gerechter;

Denn, wo zum üblen Willen und zur Macht

Die Fähigkeit des Geistes noch hinzutritt,

Vermag den Angriff niemand abzuwehren.

So lang und breit schien mir sein Angesicht,

Als wie der Pinien-Apfel zu Sankt Peter;

Die andren Glieder waren nach Verhältnis,

So daß der Strand, der von der Mitte abwärts

Als Schurz ihm diente, so viel von ihm sehn ließ,

Daß, bis zu seinem Haupthaar zu gelangen,

Vergebens sich bemüht drei Friesen hätten.

Denn von da ab, wo man den Mantel heftet,

Sah ich ihn reichlich dreißig Spannen lang.

Rafel mai amech zabi almi, –

Also begann das große Maul zu schreien,

Das nicht geeignet war für sanftre Psalmen.

Mein Führer rief ihm zu: Einfältige Seele,

Wenn Zorn und andre Leidenschaft dich packen,

So halte dich an’s Horn, sie auszulassen.

Faß nur an deinen Hals, verwirrte Seele,

Da findest du die Schnur, an die’s gebunden;

Sieh, wie sich’s um die große Brust dir krümmt. –

Dann wandt’ er sich zu mir: Der klagt sich selbst an;

Der Nimrod ist’s, durch dessen Unterfangen

Nicht eine Sprache nur die Menschen reden.

So lassen wir ihn; sprechen wär’ umsonst,

Denn ihm ist jede Sprache, wie die seine

Den andren ist, da niemand sie verstehn kann. –

Nach links gewendet schritten wir nun weiter

Und fanden, einen Bogenschuß entfernet,

Den zweiten, der noch größer war und schlimmer.

Ich weiß nicht, welcher Meister es vollbrachte,

Ihn so zu fesseln; doch den einen Arm

Hielt vorwärts, und den rechten auf dem Rücken

Ihm eine Kette, die vom Halse nieder

Ihn dicht umschlang und bis zur fünften Windung

So weit zu sehn er war, sich um ihn legte.

Hochmütig wollte dieser seine Kräfte

Im Kampfe gegen Jupiter erproben;

Jetzt wird ihm so vergolten, sprach mein Meister.

Ephialtes ist sein Nam’, und als die Götter

Vor den Giganten bebten, tat er Großes;

Nun regt die Arm’ er nicht mehr, die das taten. –

Ich sagte drauf: Wenn es gestattet ist,

So wünscht’ ich des gewalt’gen Briareus

Erfahrung meinen Augen zu erwerben. –

Und er darauf: Hier nah’ wirst den Antäus

Du sehn, der spricht und dessen Arme frei sind;

Der soll auf aller Sünde Grund uns setzen.

Den du zu sehn begehrst, ist noch viel weiter;

Er gleichet diesem, ist wie er gefesselt,

Nur daß sein Angesicht noch wilder aussieht. –

Nie bebte wohl die Erde so gewaltsam,

Nie ward ein Turm dadurch so sehr geschüttelt,

Wie nun Ephialtes plötzlich sich bewegte.

Da fürchtet’ ich mehr als je sonst den Tod,

Ja, Furcht allein schon hätt’ ihn mir gebracht,

Wenn mich die Fesseln nicht beruhigt hätten.

Als wir dann weitergingen, trafen wir

Antäus, der bis an des Hauptes Anfang

Fünf gute Ellen aus dem Felsen ragte.

O du, der in dem schicksalsschwangern Tale,

Wo Scipio großen Ruhmes Erb’ erworben,

Als Hannibal und die Karthager flohn,

Wohl tausend Löwen einst als Beut’ erlegte,

Von dem man heute noch vermuten möchte,

Daß, hätt’ er seiner Brüder Kampf geteilt,

Der Erde Kindern Sieg geblieben wäre,

Verschmähe nicht uns dort hinabzusetzen,

Wo des Cocytus Flut im Eise starret.

Schick’ uns nicht zu Typhoeus oder Tityus;

So neige dich und wende dich nicht von uns,

Denn dieser kann, was hier begehrt wird, geben:

Noch kann er droben deinen Ruhm verkünden

Er lebt und langes Leben wartet seiner,

Wenn ihn nicht vor der Zeit die Gnade abruft. –

So sprach der Meister; jener aber faßte

Schnell meinen Führer mit denselben Händen,

Die einst den Herkules so schwer bedrängten.

Und als Virgil sich so ergreifen fühlte,

Sagt’ er zu mir: Tritt so, daß ich dich fasse. –

Er tat es und wir bildeten ein Bündel.

Wie Carisenda dem, der zu ihr aufblickt,

Da wo sie überhänget, dann erscheinet,

Wenn Wolken ziehn in umgekehrter Richtung,

So schien Antäus mir, der ich emporsah

Sich bücken ihn zu sehn, und lieber wär’ ich

Auf andrem Weg zu jener Zeit gegangen.

Leicht aber setzt’ er uns am Boden nieder,

Der Judas so wie Lucifer verschlingt;

Doch weilt’ er nicht in der gebückten Stellung

Und schnellte, wie ein Mast im Schiff, empor.

Zweiunddreißigster Gesang

Besäß ich Reime rauh und widerstrebend,

Wie sie dem grauenhaften Schlund’ entsprächen,

Auf dem die andren Felsen alle lasten,

So drückt’ ich meines Gegenstandes Saft

Wohl besser aus; doch weil ich sie nicht habe,

Schick’ ich nicht furchtlos mich zu reden an.

Denn ein Beginnen ist’s nicht leicht zu nehmen,

Des Weltalls Fundament zu schildern, noch auch

Dem Mund der »Papa« lallt und »Mama« paßlich.

Doch helfen mögen meinem Vers die Frauen,

Durch die Amphion Thebens Mauern baute,

Damit das Wort der Wirklichkeit entspreche.

O du, zum Unheil nur geschaffner, Pöbel,

Der an dem Ort weilt, den ich ungern schildre,

Euch wäre besser, wärt’ ihr Schaf’ und Ziegen!

Als unten wir im finstren Brunnen waren,

Viel tiefer noch als des Giganten Füße,

Und ich empor die hohe Mauer blickte,

Hört’ ich die Worte: Achte wo du hintrittst,

Daß du mit deinen Sohlen nicht die Häupter

Der armen unglücksel’gen Brüder stoßest. –

Da wandt’ ich mich, und einen See gewahrt’ ich

Zu meinen Füßen und weithin, dem Kälte

Des Glases, nicht des Wassers, Ansehn lieh.

Nie hüllt’ in Österreich in so dichte Schleier

Die Donau ihren Lauf zur Winterszeit,

Noch Tanais dort unterm kalten Himmel,

Als dieser war, und wäre Tambernic

Darauf gefallen, oder Pietrapana,

So hätt’ es selbst am Rande nicht geknickt.

Und wie zur Zeit, wenn oft vom Ährenlesen

Die Bäurin träumt, der Frosch bei seinem Quaken

Die Schnauze nur hervorstreckt aus dem Wasser,

So staken bis dahin, wo uns die Scham färbt,

Die Schatten blaugefroren fest im Eise,

Mit Zähnen klappernd nach dem Takt des Storches.

Hernieder senkten alle sie das Antlitz,

Vom Froste gab der Mund, vom schweren Herzen

Das Aug’ einander wechselweise Zeugnis.

Als ein’ge Zeit umhergeschaut ich hatte,

Blickt ich herab, und sah zwei so nah sich,

Daß ihrer Häupter Haare sich vermengten.

Die Brust an Brust so fest ihr dränget, frug ich,

Wer seid ihr, sprecht? – Da wandten sie die Hälse,

Und als empor zu mir sie blickten, troffen

Die bis dahin nur tränenschwangren Augen

Hervor nun aus den Lidern; doch vor Kälte

Ward jede Träne Eis und schloß die Wimpern

So fest, wie keine Klammer Holz mit Holze

Jemals verband, weshalb im grimmen Zorne

Sie Stirne gegen Stirn gleich Böcken stießen.

Und einer, dem der Frost schon beide Ohren

Genommen, sagte, ohne aufzublicken:

Wer heißt dich, so in uns dich zu bespiegeln?

Doch willst, wer jene zweie sein du wissen:

Das Tal, aus dem herabfließt der Bisenzio,

Alberto’s ihres Vaters war’s und ihres.

Ein Leib’ gebar sie, aber die Caïna,

Durchsuchst du ganz sie, zeigt dir keinen Schatten,

Der würd’ger wär’ als sie im Eis zu stecken.

Nicht jener, dem die Hand des Königs Artus

Mit einem Wurfe Brust durchstieß und Schatten,

Focaccia nicht, nicht der des Haupt die Aussicht

Mir so versperrt, daß ich nicht vorwärts sehn kann,

Und der genannt ward Sassol Mascheroni,

Nun weißt du wer er war, bist du Toskaner.

Und daß du mich nicht weiter fragest, höre,

Daß ich der Camicion de’ Pazzi war;

Carlin erwart’ ich, daß er mich entschuld’ge. –

Gesichter sah ich dann, wohl mehr als tausend,

Vor Kälte dunkelblau; drum graut mir jetzt noch

Und wird es ewig, vor gefrornen Wässern.

Wie wir uns so dem Mittelpunkte nahten,

Zu welchem alles hinstrebt was da schwer ist,

Und ich vor Frost im ew’gen Schatten bebte,

Da stieß ich, war es Vorsatz oder Zufall,

War es Geschick, durch all die Köpfe wandelnd,

Hart mit dem Fuße einem ins Gesicht.

Was trittst du mich, warf er mir vor und weinte,

Und, kommst du nicht die Rach’ um Mont’ Aperti

Noch zu vermehren, warum quälst du mich? –

O Meister, sagt’ ich, weile hier ein wenig,

Bis über diesen ich in’s Klare komme;

Dann heiße mich, soviel du Lust hast, eilen. –

Mein Führer stand, ich aber sprach zu jenem,

Der laut mit seinen Lästerreden fortfuhr:

Wer bist du, der du so die Leute ausschiltst? –

Drauf er: Wer bist denn du, der Antenora

Durchwandelnd, fremde Wangen so hart stößest,

Daß, wärst du lebend auch, zu hart es wäre? –

Lebendig bin ich, und das kann dir lieb sein,

War meine Antwort, wenn du Ruhm begehrest,

Daß deinen Namen ich zu andren schreibe. –

Doch er darauf: Das Gegenteil begehr’ ich.

Geh nun; laß ab, mich länger noch zu quälen,

Denn schlecht versteht hier unten du zu schmeicheln. –

Ich aber packt’ ihn fest beim hintern Haupthaar,

Und sprach: Den Namen sollst du doch mir sagen,

Sonst wird hier oben nicht ein Haar dir bleiben. –

Und er darauf: Wie sehr du mich auch raufest,

Nicht sag’ ich, wer ich sei, noch offenbar’ ich’s,

Wenn du auf’s Haupt auch tausendmal mir herfällst. –

Schon hielt die Haar’ ich in der Hand umschlungen

Und ausgerauft hatt’ ich ihm manchen Büschel,

Wozu er mit gesenkten Augen bellte;

Da rief ein andrer aus: Was hast du Bocca?

Genügt dir’s nicht zu klappen mit den Zähnen,

Daß du noch bellen mußt; was Teufel ist dir? –

Böswilliger Verräter, nun verlang’ ich

Nicht daß du redest, sagt’ ich, dir zur Schande

Werd’ ich schon wahre Kunde von dir geben. –

Drauf er: Geh’ hin und was du willst erzähle;

Entsteigst du aber diesem Schlund, so schweige

Von dem nicht, dessen Zunge jetzt so rasch war.

Das Geld beweint er, das ihm Frankreich gab.

Ich sah, so kannst du sagen, den von Duera

Da wo’s den Sündern nicht an Kühlung mangelt.

Und fragt man dich, wer sonst noch hier gewesen,

So hast den Beccheria du zur Seite,

Dem Florenz einst die Gurgel durchgeschnitten.

Gianni de’ Soldanier ist, denk ich, weiter

Dorthin mit Ganellon und Tribaldello,

Der als man schlief Faenza’s Tor geöffnet. –

Schon hatten wir ihn hinter uns gelassen,

Als zwei ich sah in ein Loch eingefroren,

So daß des einen Haupt des andren Hut war.

Und wie in’s Brot der Hungrige hineinbeißt,

So packt der obre jenen mit den Zähnen,

Wo das Gehirn dem Nacken sich verbindet.

Nicht anders nagte Menalippus’ Schläfe

Tydeus vor großem Zorn, als dieser Schatten

Des andren Schädel tat und was dem angrenzt.

Der durch dein viehisches Gebahren du

Dem Haß bezeig’st von dem du issest, sagt’ ich,

Erzähle mir den Grund, und ich verspreche,

Daß, wenn du recht hast über ihn zu klagen,

Und ich erst, wer ihr seid und seine Sünde

Vernahm, ich’s in der Oberwelt dir lohne,

Wenn die, mit der ich rede, nicht vertrocknet. –

Dreiunddreißigster Gesang

Vom grauenhaften Mahl erhob der Sünder

Den blut’gen Mund und wischt ihn an den Haaren

Des Schädels ab, den hinten er zerfleischt;

Dann sprach er: Du begehrst, daß ich erneue

Den wilden Schmerz, den mir schon in Gedanken

Das Herz abpreßt, noch eh’ ich von ihm rede;

Doch, soll mein Wort zum Samenkorne werden,

Aus welchem Schande keimt für den Verräter,

Den ich benagt, so will ich weinend sprechen.

Ich weiß nicht wer du bist, noch welchen Weges

Hierher du kamst, doch hör’ ich deine Rede,

So dünkst du wahrlich mir ein Florentiner.

So wisse denn, ich war Graf Ugolino

Und dieser ist der Erzbischof Ruggieri;

Warum ich solch ein Nachbar bin vernimm nun.

Daß ich infolge seiner schlauen Tücken

Gefangen ward, weil ich ihm Zutrau’n schenkte,

Und dann getötet, darf ich nicht erst sagen;

Allein was niemand dir berichten konnte,

Wie grausam meines Todes Art gewesen,

Das hör’, und sprich dann ob mein Haß gerecht ist.

Schon hatte manchen Mond das schmale Lichtloch

Des Kerkers, der nach mir der Hungerturm heißt,

Und andre künftig noch einschließen wird,

Durch seine Öffnung mich erblicken lassen,

Als mir der Schlaf das böse Traumbild brachte,

Das von der Zukunft mir den Schleier riß.

Als Herrn und Meister sah ich diesen hier

So Wolf als Wölflein jagen auf dem Berge,

Der die Pisaner nicht bis Lucca sehn läßt.

Es ritten vor ihm her mit einer Meute

Von magren Hündinnen, die gierig spürten,

Sismondi, nebst Gualandi und Lanfranchi.

Ermüden sah ich schon nach kurzem Laufe

Den Vater wie die Jungen; ihre Weichen

Sah ich der Rüden scharfen Zahn zerreißen.

Als ich erwacht war eh’ der Morgen graute,

Hört’ ich im Schlafe meine Kinder weinen,

Die mit mir waren, und nach Brot verlangen.

Hartherzig bist du, wenn du nicht schon mitfühlst,

Erwägst du was mein banges Herz nun ahnte;

Und, weinst du nicht, um was pflegst du zu weinen?

Auch sie erwachten, und die Stunde nahte,

Zu der man Nahrung uns zu reichen pflegte,

Und seines Traumes dachte jeder sorgend.

Vernageln hört’ ich da den untren Ausgang

Des grauenvollen Turmes, und ich schaute

Sprachlos darum in meiner Kinder Antlitz.

Ich weinte nicht, so sehr erstarrt’ ich innen;

Sie aber weinten und mein Anselmuccio

Rief aus: Du blickst so, Vater, sprich, was ist dir? –

Und dennoch weint ich nicht und gab nicht Antwort

Den ganzen Tag nicht und die Nacht die folgte,

Bis abermals der Welt die Sonne aufging.

Als etwas Licht bis in den Schmerzenskerker

Gedrungen war, und ich die eignen Züge

In vier Gesichtern abgespiegelt sah,

Biß ich vor Jammer mir die beiden Hände

Da richteten, im Wahne, daß, nach Speise

Verlangend, ich’s getan, sie schnell sich auf

Und sagten: Vater, glaub’, es schmerzt uns minder,

Wenn du von uns dich nährst; bekleidet hast du

Mit diesem armen Fleisch uns, nimm es wieder! –

Und ich bezwang mich, ihren Schmerz zu mildern;

Stumm blieben diesen Tag wir und den nächsten.

Was tat’st du dich nicht auf, grausame Erde?

Als wir gelangt zum vierten Tage waren

Warf Gaddo sich mir ausgestreckt zu Füßen.

Und rief: Mein Vater, warum hilfst du nicht? –

So redend starb er, und, wie du mich siehst,

Sah ich vom fünften bis zum sechsten Tage

Die drei hinsinken, einen nach dem andren.

Schon blind, tappt’ ich von Leiche dann zu Leiche

Und rief zwei Tage sie nach ihrem Tode,

Bis, was kein Schmerz vermocht, der Hunger tat. –

Als er geendet, faßt’ er stieren Blickes

Den armen Schädel mit den Zähnen wieder,

Die, Hundeszähnen gleich, sich hart bewährten.

O Pisa, Schande du des Menschenstammes

Im schönen Lande, wo das sì ertönet!

Wenn deine Nachbarn dich zu strafen säumen,

So soll Caprara und Gorgona kommen,

Den Arno an der Mündung aufzustauen.

Um zu ersäufen, was in dir nur atmet.

Verklagte das Gerücht Graf Ugolino,

Daß an den Feind die Burgen er verraten,

So durftest du die Knaben doch nicht martern.

Von Schuld entband die Jugend, neues Theben,

Brigata, Uguccione und die beiden,

Die oben schon von meinem Lied genannt sind.

Wir gingen weiter dorthin, wo die Decke

Des Eises andre Schatten grausam einschnürt,

Nicht vorgebeugt, nein auf dem Rücken liegend.

Das Weinen selbst verhindert dort am Weinen;

Die Träne, die im Aug’ ein Hemmnis findet,

Drängt sich zurück, die innre Angst zu mehren.

Zu einem Damm erstarr’n die ersten Tränen

Und füllen, gleich kristallenen Visieren,

Die ganze Höhlung unterhalb der Brauen. –

Obwohl auf meinem Angesicht die Kälte,

Als wäre schwielenhart die Haut geworden,

Fast ganz ertötet die Empfindung hatte,

So glaubt’ ich dennoch Windeswehn zu spüren,

Und sagte: Meister, was bewegt die Luft hier;

Ist nicht hier unten jeder Dunst erloschen? –

Drauf er zu mir: Bald wirst du dorthin kommen,

Wo hierauf Antwort dir dein Auge gibt,

Siehst es den Grund, von dem dies Wehen ausgeht. –

Ein Sünder aber aus der kalten Decke

Hub an: Ihr Seelen, die so schuldbeladen

Ihr seid, daß euch der letzte Platz zuteil wird,

Lös’t von den Augen mir die harten Schleier

Damit der Schmerz, der mir das Herz drückt, etwas

Ausström’, eh’ wieder mir die Tränen frieren. –

Drauf ich zu ihm: Begehrst du meine Hilfe,

So sage, wer du bist, und tu’ ich’s dann nicht,

Mög’ auf des Eises Grund ich steigen müssen. –

Da sagt’ er: Frate Alberigo bin ich,

Der Früchte bot, gereift in bösem Garten;

Doch hier bezahlt für Feigen man mir Datteln. –

Wie, sagt’ ich, bist du denn bereits gestorben? –

Und er zu mir: Wie’s meinem Körper gehe

Dort oben in der Welt, kann ich nicht sagen;

Das ist das Vorrecht dieser Ptolemäa,

Daß oft die Seele schon in sie herabfällt,

Eh’ Atropos zu scheiden ihr geheißen.

Und daß bereiter, die verglasten Tränen

Du sei’st vom Angesicht mir wegzunehmen,

So wisse, daß sobald, wie ich getan,

Verrat die Seele übt, von ihrem Leibe

Besitz ein Teufel nimmt, bis abgelaufen

Die ganze Zeit ist, die ihm zugemessen;

Sie aber stürzt hinab in diesen Brunnen.

Vielleicht erscheint dort oben noch der Körper

Des Schattens, der dort hinten eingewintert;

Du mußt es wissen, wenn du eben herkömmst.

Ser Branca d’Oria ist es, und schon Jahre

Verstrichen, seit ihn so das Eis umschließet. –

Ich glaube, sagt’ ich ihm, du willst mich täuschen;

Denn Branca d’Oria starb bisher mit nichten,

Der ißt und trinkt und schläft und geht in Kleidern. –

Dort oben in dem Tal der Malebranche,

Wo stets im Sieden bleibt das zähe Pech,

War Michel Zanche noch nicht eingetroffen,

Als dieser schon, statt seiner, einen Teufel

In seinem Leibe ließ und des Verwandten,

Der zum Verrate sich mit ihm verbunden.

Doch strecke zu mir nieder nun die Hand aus

Und öffne mir die Augen! – Doch ich tat’s nicht,

Und hart mit ihm zu sein, war Schuldigkeit.

O Genuesen, Volk das abgewendet

Von aller Sitte ist und voller Tücke,

Warum seid aus der Welt ihr nicht verstoßen!

Denn mit dem schlimmsten Schatten aus Romagna

Fand ich der euren einen, dessen Sünden

Die Seele dort schon im Cocytus büßet,

Obwohl der Leib hier oben scheint zu leben.

Vierunddreißigster Gesang

Des Höllenköniges Paniere wehen

Uns schon entgegen, sagte nun mein Meister,

Drum blicke vorwärts, ob du ihn erkennest. –

Wie eine Mühle die vom Wind bewegt wird

Erscheint, wenn dichte Nebel streichen, oder

Die Nacht beginnt auf unsrer Hemisphäre,

Solch’ ein Gebäude glaubt’ ich zu erblicken;

Dann zog ich hinter meinen Führer, wegen

Des Windes, mich zurück, da sonst nichts schützte.

Schon waren wir, und schaudernd schreib’ ich’s nieder,

Dort wo die Schatten ganz im Eise staken,

Und drin erschienen, wie der Halm im Glase;

Die einen ausgestrekt, die andren aufrecht,

Die oben mit dem Kopf, die mit den Sohlen,

Gekrümmt das Haupt bis zu den Füßen jene.

Als vorwärts wir so weit gekommen waren,

Daß mir die Kreatur, die einst so schön war,

Zu zeigen, meinem Führer an der Zeit schien,

Trat er zur Seit’ und hieß mich stille stehn.

Sieh’ sprach er, hier ist Dis, und hier die Stelle,

Wo dir, mit Stärke dich zu waffnen, not tut. –

Nicht frage Leser, wie ich da erstarrte,

Wie alle Kraft mir schwand; ich schreib es nimmer,

Weil ungenügend alles Reden wäre.

Ich starb nicht, und doch blieb ich nicht lebendig;

So denke denn, bist du des Denkens fähig,

Wie, Tod und Leben missend, mir zu Mut war!

Der Kaiser von dem Reich der Schmerzen ragte

Vor aus dem Eise mit der halben Brust,

Und, mehr entsprech’ ich der Giganten Größe,

Als die Giganten seinen Armen gleichen.

Erwäge nun, wie groß das Ganze sein muß,

Damit es solcher Glieder Maß entspreche!

Wenn er so schön war, als er häßlich jetzt ist,

Und gegen seinen Schöpfer dennoch aufstand,

Muß alles Leiden freilich von ihm ausgehn.

Welch staunenswertes Wunder schien es mir,

Als drei Gesichter ich an seinem Haupt sah:

Das eine vorn, und das war roter Farbe;

Die andren waren zwei, die sich an dieses

Anfügten, über jeder Schulter Mitte,

Und sich verbanden an des Wirbels Stelle.

Weißgelblich war das zu der rechten Seite,

Das linke glich an Farbe denen, welche

Von daher kamen, wo der Nil zu Tal fließt.

Zwei Flügel ragten unter jedem Antlitz

So groß, wie solchem Vogel sie geziemten;

Nie sah ein Seeschiff ich mit größren Segeln.

Sie waren federlos und ihre Weise

Glich der der Fledermaus; von ihrem Schlagen

Entstand dreifacher Wind nach den drei Seiten,

Von dessen Wehn erstarrte der Cocytus.

Er weinte aus sechs Augen, an drei Kinnen

Troff mit den Tränen blut’ger Geifer nieder.

In jedem Maul zerquetscht’ er einen Sünder

Mit seinen Zähnen, ähnlich wie man Flachs bricht,

So daß er drei in solcher Weise quälte.

Für den nach vorne war das Beißen wenig,

Verglichen mit dem Kratzen, so daß öfters

Der ganze Rücken aller Haut beraubt war.

Judas Ischarioth ist jene Seele,

Die schwerste Qual erfährt, das Haupt nach innen,

Die Beine außen zappelnd, sprach mein Meister.

Von den zwei andren, deren Kopf herabhängt,

Ist der dort links im schwarzen Rachen Brutus;

Sieh, wie er sich verdreht und dennoch stumm bleibt.

Der andre, der so kräftig scheint, ist Cassius.

Allein die Nacht kehrt wieder, und zu scheiden

Ist’s an der Zeit, da alles wir gesehen. –

Den Hals umschlang ich ihm, wie er geheißen;

Er aber nahm des Ortes und der Zeit wahr

Und, als genug die Flügel sich geöffnet,

Packt’ er sich fest an die behaarten Rippen.

Von Zotte stieg er dann zu Zotte zwischen

Dem dichten Haare und der Eiswand nieder.

Als wir zur Stelle kamen, wo der Schenkel

Sich wendet in der Hüfte größter Wölbung,

Da wandt’ er, angestrengt und unter Keuchen,

Wie wer emporsteigt tut, an’s Haar sich klammernd;

Dorthin das Haupt, wo erst die Füße waren;

So daß zur Hölle ich zu kehren glaubte.

Umhalse fest mich, denn auf solcher Leiter

(So sprach mein Meister wie ein Müder stöhnend)

Entklimmen wir allein so schwerem Übel. –

Aus einem Felsenloche stieg er endlich,

Und setzte mich auf dessen Rande nieder;

Dann folgt’ er mit vorsicht’gem Schritt mir nach.

Ich hob das Aug’ und glaubte Luzifer

Zu sehn, so wie ich ihn verlassen hatte,

Und sah die Bein’ ihn nun nach oben strecken.

Und wenn die Angst mich damals übermannte,

So denke nach, wem noch nicht klargeworden,

Was für ein Punkt von mir war überschritten.

Erhebe dich, begann nunmehr mein Meister,

Der Weg ist lang und schlimm zu gehn der Pfad,

Fast seit zwei Stunden steht die Sonn’ am Himmel –

Das war kein Weg gleich eines Schlosses Rampe

Den wir nun stiegen; eine Felsenklüftung

Mit rauhem Boden und des Lichts ermangelnd.

Als ich mich aufgerichtet, sprach ich: Meister,

Eh’ diesem Abgrund ganz ich mich entrissen,

Gib Auskunft mir und tilge meinen Irrtum.

Wo ist das Eisfeld, und weshalb steckt dieser

Den Kopf zu unterst, und wie ging die Sonne

So schnell vom Abend zu dem Morgen über? –

Drauf er zu mir: Du glaubst, noch immer sei’st du

Jenseits des Mittelpunktes, wo ich die Haare

Des Wurmes der die Welt durchnagt, ergriffen.

So lang’ ich niederstieg, warst du noch jenseits;

Als ich mich wandte warst du an dem Punkte,

Zu dem aus aller Welt die Schwere hinzieht.

Doch nun gelangtest du zur Hemisphäre

Der gegenüber, die das große Festland

Bedeckt, und unter deren Gipfel starb

Der sündenlos geboren ward und lebte

Du hast die Füß’ auf einem kleinen Kreise,

Der die Kehrseite der Judecca bildet.

Hier ist es Morgen, wenn es Abend dort ist,

Und noch steckt ebenso, wie er zuvor tat,

Der, dessen Haar als Leiter uns gedient.

Vom Himmel stürzt’ auf dieser Seit’ er nieder,

Und alles Land, das diesseits sich erhoben,

Verbarg aus Furcht sich in des Meeres Schleier

Und tauchte auf in eurer Hemisphäre;

Hier aber ließ vielleicht es diese Höhlung

Um ihn zu fliehn, und türmte sich zum Berge. –

Von Beelzebub erstreckt ein Raum dort unten

So weit sich als die Höllengrube diesseits;

Doch nicht das Auge, nur das Ohr erkennt ihn

Am Rauschen eines Bach’s, der das Geklüfte,

Durch das in Windungen mit wenig Falle

Er absteigt, in den Felsen selbst genagt hat.

Auf so verborgnem Pfad begann mein Führer

Mit mir zur lichten Welt zurückzukehren.

So stiegen, er zuerst und ich ihm folgend,

Wir ohn’ uns Ruh zu gönnen immer aufwärts,

Bis durch ein rundes Loch ich wieder etwas

Von dem gewahr ward, was den Himmel schmückt;

Dann traten wir hinaus und sahn die Sterne.

Fegefeuer

Erster Gesang

Zeuch auf die Segel, um nun bess’re Fluten,

O Schifflein meines Geistes, zu durchschneiden,

Das hinter sich so grimmes Meer zurückläßt.

Von jenem zweiten Reiche will ich singen,

Wo sich der Geist der Abgeschiednen läutert

Und würdig wird zum Himmel aufzusteigen.

Doch hier erhebe ich die tote Dichtkunst,

O heil’ge Musen, denn ich bin der eure,

Und höher schwinge sich Calliope,

Mein Lied mit jenem Klange zu begleiten,

Der so die armen Pieriden traf,

Daß des Verzeihens Hoffnung sie verloren.

Des indischen Sapphires schöne Farbe,

Die sich im Anblick dieser, bis zum ersten

Der Kreise lautren, Luft gesammelt bot,

Gewährte meinen Blicken neue Wonne,

Sobald ich aus der toten Luft hervortrat,

Die mir betrübt so Brust als Augen hatte.

Der ganze Morgenhimmel lacht’ im Glanze

Des schönen Wandelsterns, der Liebe fördert,

So daß die Fisch’ erblichen, die ihn hegten.

Als ich, nach rechts mich kehrend, jenem Pole

Mein Augenmerk zuwandte, sah’ vier Stern’ ich,

Die seit den ersten Menschen niemand sah.

Zu freun schien sich der Himmel ihrer Flämmlein.

Wie bist du, mitternächtig Land, verwaiset,

Weil dieser Sterne Anblick dir versagt ist!

Von ihrem Anschaun wandt’ ich meine Blicke

Ein wenig mehr dem andren Pole zu,

An dem der Wagen unsichthar geworden.

Da sah, mir nächst, ich einen Greis allein stehn;

Nach seinem Aussehn solcher Ehrfurcht würdig,

Wie größre nie ein Sohn dem Vater schuldet.

Lang trug den Bart er, der, dem Haupthaar ähnlich,

In reichlichem Gemisch von weißen Haaren

Zur Brust herab in Doppelstreifen wallte.

Sein Angesicht umleuchteten die Strahlen

Der heiligen vier Lichter so mit Klarheit,

Daß ich ihn sah, als wie im Licht der Sonne.

Wer seid ihr, die, dem dunklen Bach entgegen,

Entflohn ihr seid dem ewigen Gefängnis? –

So redend, regt’ er die ehrwürdigen Haare.

Wer war euch Führer, wer hat euch als Leuchte

Gedient, als ihr herausstiegt aus der Nacht,

Die stets das Höllental bedeckt mit Dunkel?

Ist das Gesetz des Abgrunds so gebrochen,

Hat neuer Ratschluß obgesiegt im Himmel,

Daß, als Verdammt’, ihr kommt zu meinem Felsen? –

Bei diesen Worten faßte mich mein Führer

Und hieß mit Worten, Hand und Winken mich,

Durch Aug’ und Kniee Ehrfurcht ihm beweisen.

Dann sagt’ er: Nicht von freien Stücken kam ich;

Vom Himmel stieg ein Weib, auf deren Bitte

Ich diesem Beistand lieh durch mein Geleite.

Doch weil dein Wunsch es ist, daß ich genauer,

Wie sich’s mit uns verhält, dir offenbare,

Kann nicht der meine sein, es zu verschweigen.

Noch nimmer sah den letzten Abend dieser;

Doch bracht’ ihn seine Torheit ihm so nahe,

Daß gar geringe Zeit noch daran fehlte.

Gesendet ward ich, wie du schon vernommen,

Um ihn zu retten, und zum Ziele führte

Von allen Wegen der nur, den ich einschlug.

Schon zeigt’ ich ihm die Sünder all’ und denke

Ihm nun die andren Seelen auch zu zeigen,

Die unter deiner Obhut hier sich läutern.

Viel Zeit bedürft’ es, wollt’ ich dir erzählen,

Wie ich ihn hergebracht; durch Kraft von oben

Führt’ ich ihn her, zu sehn dich und zu hören.

Geneige denn, sein Kommen gutzuheißen.

Nach Freiheit strebt er, deren Wert am besten

Versteht, wer ihrethalb das Leben aufgab.

Du weißt es, denn nicht scheutest du den Tod

In Utica für sie, wo das Gewand

Du ließest, das am großen Tag wird leuchten.

Wir brachen nicht die ewigen Gesetze,

Denn dieser lebt, und ich bin, frei von Minos,

In jenem Kreise, wo die schönen Augen

Von deiner Marcia sind, die noch den Wunsch hegt,

O heil’ges Herz, daß du für dein sie haltest. –

So sei uns, ihr zu Liebe, denn gewogen,

Laß deine sieben Reiche uns durchwandeln.

Erlaubst du, daß dort unten man dich nenne,

So werd’ ich unsren Dank ihr überbringen. –

So angenehm war Marcia meinen Augen,

So lang’ ich jenseits weilte, sagt’ er drauf,

Daß jeden ihrer Wünsch’ ich ihr gewährte.

Doch, seit sie jenseits weilt des argen Flusses,

Berührt sie mich nicht mehr nach dem Gesetze,

Das aufgerichtet ward, als ich dort ausging.

Doch wenn, wie du mir sagst, ein Weib vom Himmel

Dich gehn hieß und dich lenkt, bedarf’s kein Schmeicheln;

Daß ihrethalb du bittest, muß genügen.

So geh’ und sorge, daß mit schlichter Binse

Du diesen kränzest und vom Angesicht,

Ihn rein’gend, jede Schmutzesspur du tilgest;

Denn ungeziemend würd’ es sein, mit Augen

Die Nebel noch umfingen, vor den ersten

Der Paradieses-Diener hinzutreten.

Es trägt ringsum an ihrem untren Ende,

Wo Wellen sie bespülen, diese Insel

Der Binsen viel auf ihrem grünen Ufer.

Nicht würde ein Gewächs, das sich belaubte

Und Holz ansetzte, dort am Leben bleiben,

Weil es der Welle Schlägen sich nicht fügte.

Nicht hierher mögt ihr dann zurück euch wenden.

Die Sonne, die gleich aufsteigt, wird euch weisen

Wo ihr den Berg in mindrer Steile angreift. –

Damit verschwand er, aber ich erhob mich

Und schloß mich schweigend eng an meinen Führer,

Auf den ich aufmerksam die Augen wandte.

Darauf begann er: Folge meinen Schritten,

Und kehren wir zurück, denn diese Ebne

Neigt dorthin sich zu ihrem untren Ende.

Schon wich die Dämmerung der Morgenhelle

Und floh gen Westen, so daß aus der Ferne

Des Meeresspiegels Zittern ich erkannte.

Wie wer zum Weg, den er verfehlte, umkehrt

Und meint, bis zu ihm hin geh’ er vergebens,

So schritten wir auf jener öden Fläche.

Als wir dorthin gelangten, wo der Tau

Im Kampf ist mit der Sonne, doch an Stellen

Wo länger Schatten bleibt nur schwach verdunstet,

Da streifte mit den ausgespannten Händen

Gelinde das betaute Gras mein Meister.

Ich aber, der erriet, was er bezweckte,

Bot ihm die tränenreichen Wangen dar.

Da ließ die Farbe, die der Hölle Qualen

An mir verhüllt, er völlig wiederkehren.

Dann kamen wir zum öden Meeresstrande,

Der niemals seine Flut durchschiffen sah

Von einem, der dann heimgekehret wäre.

Dort kränzt er mir die Stirn nach jenes Willen,

Und, Wunder! jede unscheinbare Pflanze,

Die er erkor, wuchs an derselben Stelle,

Wo er sie ausriß, gleich in alter Weise.

Zweiter Gesang

Schon nahte jenem Horizont die Sonne,

Des Mittagskreis in seinem höchsten Punkte

Jerusalem bedeckt, die hochgebaute,

Und, die die Erd’ ihr gegenüber umkreist,

Die Nacht stieg aus dem Ganges mit der Wage,

Die ihrer Hand entfällt, wenn sie erstarket;

So daß die roten und die weißen Wangen

Der lieblichen Aurora, wo ich war,

Vor Alter sich allmählich gelber färbten.

Noch waren nahe wir dem Strand des Meeres,

Gleich Leuten, die den Weg sich überlegend,

Im Herzen gehn, doch mit dem Leib verweilen.

Da sieh’, wie überrascht vom Morgengrauen

Im fernen Westen, nah dem Meeresspiegel

Rotglühend Mars durch dichte Dünste schimmert,

So schien mir (möcht’ ich einst es wiedersehen!)

Ein Licht so eilig über’s Meer zu kommen,

Daß keines Vogels Flug an Schnell’ ihm gleich ist.

Als ich das Aug’ ein wenig abgewendet,

Nur um vom Führer Auskunft zu erbitten,

War größer es und leuchtender geworden.

Dann sah ich Weißes ihm zu beiden Seiten;

Nicht wußt’ ich, was es sei, jedoch allmählig

Ward unten andres Weiß noch offenbar.

Noch schwieg mein Meister; aber als das Weiße

Das wir zuerst sah’n, sich als Flügel zeigte,

Und er den Fährmann sicher nun erkannte,

Da rief er: Beuge, beuge schnell die Kniee

Und sieh, die Hände faltend, Gottes Engel!

Nur solche Diener wirst fortan du treffen.

Die Mittel, die der Mensch bedarf, verschmäht er;

Du siehst kein Ruder führt er und die Flügel

Sind über weites Meer sein einzig Segel.

Sieh, wie er aufrecht sie gen Himmel kehret,

Die Luft mit ewigem Gefieder schlagend,

Das sich nicht ändert, wie das Haar des Menschen. –

Je mehr der Gottesvogel nun herankam,

Um soviel leuchtender erschien sein Strahlen,

So daß von Nahem nicht das Aug’ ihm Stand hielt,

Und ich es senkte. Jener aber führte

Heran den schnellen Nachen, der so leicht war,

Daß nichts davon das Wasser in sich aufnahm.

Am Steuer stand der gottentsandte Schiffer,

So schön, daß seine Schildrung schon beseligt,

Und innen saßen mehr als hundert Geister.

Sie sangen insgesamt mit einer Stimme:

»Da Israel hinauszog aus Ägypten«

Und was in jenem Psalme mehr geschrieben.

Als dann er mit dem Kreuze sie gesegnet,

Warf sich ein jeglicher behend ans Ufer;

Er aber ging, so schnell als er gekommen.

Fremd schien der Menge, welche nun zurückblieb,

Der Ort: Denn zweifelnd blickten sie umher,

Gleich einem, der da probt, was ihm noch neu ist.

Nach jeder Seit’ entsendete die Sonne

Den Tag, und hatte mit den lichten Pfeilen

Den Steinbock von des Himmels Höh’ vertrieben.

Zu uns erhoben da die Neugekomm’nen

Ihr Angesicht und sagten: Wißt ihr ihn,

So zeigt den Weg uns zu des Berges Aufstieg. –

Virgil erwiderte: Vermutlich denkt ihr,

Wir sei’n des Ortes kundig; doch wir sind

Fremdlinge hier, nicht anders, als auch ihr seid.

Nur kurz vor euch sind wir auf andrem Wege

Als ihr gekommen, und so schwierig war er,

Daß uns des Berg’s Ersteigung nun ein Spiel dünkt. –

Die Seelen aber, die an meinem Atmen

Erraten hatten, daß ich lebend sei,

Verwunderten sich so, daß sie erblaßten.

Wie wohl, um neues zu vernehmen, Leute

Entgegenziehn dem Boten mit dem Ölzweig

Und sich vor dem Gedränge keiner fürchtet,

So hafteten an meinem Anblick diese

Beglückten Seelen alle und vergaßen,

Den Schmuck der Reinigkeit sich zu erringen.

Und aus der Seelenschar hervortrat eine,

Mich zu umarmen mit so großer Liebe,

Daß zur Erwiderung sie mich bewog.

O Schatten, wesenhaft nur für das Auge!

Dreimal umwand ich hinter ihm die Hände

Und dreimal führt’ ich sie zur Brust zurück.

Vor Staunen glaub’ ich, daß ich mich verfärbte,

Weshalb der Schatten lächelnd von mir wich,

Und als ich vorwärts schritt, um ihm zu folgen,

Mich sanft und freundlich abzustehn ermahnte.

Da ward ich, wer er sei, gewahr und bat ihn,

Daß er, mit mir zu reden etwas weile.

Wie ich im Leib, der sterblich war, dich liebte,

Erwidert’ er, lieb’ ich von ihm getrennt dich.

Darum verweil’ ich; aber warum gehst du? –

Hierher zurückzukehren, mein Casella,

Sagt’ ich darauf, schritt ich zu dieser Reise.

Doch was hat dir so viele Zeit genommen? –

Und er darauf: Wenn, der da abruft wen er

Und wann er will, mir diese Überfahrt

Mehrfach verwehrt, geschah mir drum kein Unrecht;

Denn aus gerechtem Willen fließt der seine.

Hat er doch seit drei Monden aufgenommen,

Wer einzugehn verlangt’ in rechtem Frieden.

So wurde denn, zum Meeresstrand gewendet,

Wo sich der Salzflut mischt das Tiberwasser,

Auch ich wohlwollend von ihm aufgenommen.

Zu jener Mündung spannt er jetzt die Flügel;

Denn eingesammelt wird zu allen Zeiten

Dort, wer nicht niedersteigt zum Acheron. –

Raubt dir kein neu Gesetz, sagt’ ich dagegen,

Des liebevollen Sanges Brauch und Kenntnis,

Der all mein Sehnen zu beruh’gen pflegte,

So wolle meiner Seele, die begleitet

Vom Leib hierherkam und sich schwer beklemmt fühlt,

Ein wenig Labsal durch dein Lied bereiten. –

»Die Liebe, die zu mir im Geiste redet«

Hub er darauf so süß zu singen an,

Daß noch die Süßigkeit mir innen nachtönt.

Mein Meister, sowie ich und jene Seelen,

Die mit ihm kamen, schienen so beseligt,

Als läge keinem sonst etwas im Sinne.

Wir gingen ganz vertieft in seine Töne;

Da stand der würd’ge Greis vor uns und schalt:

Was soll das heißen, ihr saumseligen Geister?

Welch Säumen ist das, welche Lässigkeit?

Zum Berge eilt, die Hülle abzustreifen,

Die offenbar euch Gott nicht werden läßt! –

Wie Tauben, die versammelt sind zum Futter,

Schweigsam und ohne den gewohnten Hochmut

Die Haferkörner picken, oder Trespen,

Sobald, was ihnen Frucht bringt, sie gewahren,

Weil sie nun Wichtig’res zu sorgen finden,

Ablassen alsobald von ihrer Atzung,

So sah ich jene neugekommene Schar

Sich vom Gesange ab, zum Berge wenden,

Wie wer nicht weiß, wohin sein Weg ihn führe.

Und unser Aufbruch war nicht minder eilig.

Dritter Gesang

Obwohl die schnelle Flucht die andren alle

Weithin verstreute über jene Fläche

Zum Berg hin, wo Gerechtigkeit uns züchtigt,

Schloß ich mich doch dem treuen Führer an;

Wie wär’ ich ohne ihn auch vorgegangen,

Wer hätte mich den Berg hinaufgeleitet?

Es schien mir, daß ihn sein Bewußtsein schelte.

O unbeflecktes, würdiges Gewissen,

Wie ist ein kleiner Fehl dir herber Vorwurf!

Als sich der Eile seine Füß’ entschlugen,

Die jeder Handlung raubt den rechten Anstand,

Erschloß mein Geist sich, der bisher gebannt war,

Begierig neue Dinge wahrzunehmen,

Und zu dem Berge wandt’ ich meine Blicke,

Der mehr als einer aus dem Meere auftaucht.

Und, was in meinem Rücken rötlich glühte,

Das Sonnenlicht, war vor mir unterbrochen

In der Gestalt, in der mein Leib es hemmte.

Als nur vor mir ich dunkel sah die Erde,

Da kehrt’ ich voller Schrecken mich zur Seite,

Weil ich verlassen mich vom Führer wähnte.

Doch, der mir Stütze war und Trost, begann,

Mir gänzlich zugekehrt: Warum mißtraust du,

Glaubst du mich fern und daß ich dich nicht führe?

Schon sinkt der Abend dort wo meinen Körper,

In dem ich Schatten warf, Neapel hegt,

Das ihn den Brundusinern hat entnommen.

Ist denn kein Schatten jetzt vor mir zu sehen,

So wundre dich’s nicht mehr, als daß ein Himmel

Dem andren keinen Strahl des Lichts verdecket.

Um Qualen zu erdulden, Frost und Gluten,

Gibt Leiber, jenen ähnlich die wir hatten,

Die Kraft uns, die geheimhält, wie sie schaffe.

Betört ist, wer mit menschlichem Verstande

Den Weg ohn’ End’ erspähn will, den ein Wesen

In drei Personen geht in seinem Wirken.

Begnügt, ihr Menschen, euch bei dem »So ist es!« –

Denn, wäret, alles zu verstehn, ihr fähig,

So brauchte nicht Maria zu gebären;

Wohl sah’t vergeblich solche ihr verlangen,

Die, wenn je einer, Frucht erwarten durften

Der Sehnsucht, die für sie nun ew’ge Qual ist.

Den Aristoteles und Plato mein’ ich

Und andre mehr. – Alsdann senkt er die Stirne

Und schwieg, nachhängend traurigen Gedanken.

Zum Fuß des Berges waren wir gelangt;

Doch war der Felsenhang von solcher Steile,

Daß fruchtlos blieb des Bein’s Behendigkeit.

Die wüstesten, die jähsten Felsensteige

Dort von Turbia bis gen Lerici

Sind im Vergleiche gar bequeme Treppen.

Wenn man nun wüßte, wo der Berg sich senket,

Begann mein Meister, seine Schritte hemmend,

So daß, wer keine Flügel hat, hinaufkann. –

Und während er, den Blick zur Erde senkend,

Des Weg’s Beschaffenheit noch untersuchte,

Und an der Felsenwand empor ich schaute,

Sah eine Schar von Geistern linkerhand

Ich ihre Füße auf uns zu bewegen;

Jedoch so langsam, daß man’s kaum gewahr ward.

Erhebe, sagt’ ich da, dein Auge, Meister,

Dort sind, wenn du nicht selber Auskunft findest,

Die ob des Weges uns belehren werden. –

Er blickte auf und mit entschlossnem Tone

Erwidert’ er: So komm; die gehn gar sachte,

Du aber hoffe sicher, lieber Sohn! –

Wir mochten Schritt gegangen sein,

Und jene Geisterschar war uns nur noch

Um eines guten Wurfes Weite fern,

Als an die harte Wand des hohen Ufers

Sich drängend alle unbeweglich standen,

Wie wer, des Weg’s unsicher, spähend stehn bleibt.

Ihr wohlgestorbnen, schon erkornen Seelen,

Also begann Virgil, bei jenem Frieden

Der eurer aller, wie ich glaube, wartet,

Sagt uns, wo sich des Berges Steile senket,

So daß hinaufzusteigen möglich werde.

Zeit zu verlieren scheut zumeist der Kluge. –

So wie die Schäflein aus der Hürde kommen

Zu zweien oder drei’n, indes die andren

Furchtsam so Aug’ als Schnauze niedersenken,

Und was das erste tut, das tun die andren;

Einfach und still und das warum nicht wissend,

Stehn sie, ihm angedrängt, sobald es stehn bleibt.

Also sah damals ich die Spitze jener

Beglückten Herde zögernd sich bewegen,

Im Antlitz schamhaft und im Gange ehrbar.

Als nun das Sonnenlicht zu meiner Rechten

Am Boden unterbrochen sah’n die vordern,

So daß der Schatten fiel von mir zum Fels hin,

Da standen sie und traten scheu zurücke;

Die andren aber hinter ihnen taten

Das gleiche, ob sie wohl den Grund nicht kannten.

Bevor ihr fraget, will ich euch bekennen,

Daß dieser hier ein Menschenkörper ist;

Drum ist das Sonnenlicht vor ihm gespalten.

Erstaunet nicht und seid vielmehr versichert,

Daß er nicht ohne Kraft, gewährt von oben,

Bestrebt ist, diese Felswand zu erklimmen. –

Also mein Meister, und die werten Seelen,

Mit umgekehrter Hand uns winkend riefen:

Kehrt um; dort vorwärts findet ihr den Eingang. –

Und einer aus der Schar begann: Wer immer

Du seiest, schaue her, indes du wandelst,

Ob jemals du dort jenseit mich gesehn hast. –

Ich wandte mich ihm zu mit scharfem Blicke;

Blond war und schön er und von edlem Ansehn,

Doch hatt’ ein Hieb gespalten eine Braue.

Als ehrerbietig ich darauf verneinet,

Ihn je gesehn zu haben, sprach er: Sieh’ dann! –

Und zeigt’ hoch auf der Brust mir eine Wunde.

Dann lächelt’ er und sagte: Ich bin Manfred,

Der Enkelsohn der Kaiserin Constanza.

Drum bitt’ ich dich, wenn zu der Welt du heimkehrst,

Zu meiner schönen Tochter, die die Mutter

Von Arragon’s und von Siziliens Ruhm ist,

Zu gehn, statt Lüge Wahrheit ihr zu künden.

Als mir durchbohrt von zweien Todeswunden

Der Körper war, da übergab ich weinend

Dem Herren mich, der willig zu verzeihn ist.

Entsetzlich waren meine Sünden; doch

So groß ist Gottes Gnadentum, daß jeden,

Der reuig sich ihm zukehrt, er ergreifet.

Wenn dieses Blatt im Worte Gottes besser

Der Hirte von Cosenza, welchen Clemens

Jagd auf mich machen hieß, gelesen hätte,

So ruhten die Gebeine meines Leibes

Noch jetzt bei Benevent am Fuß der Brücke,

Behütet von den aufgehäuften Steinen.

Jetzt schlägt der Regen und zerstreut der Wind sie

Jenseits der Grenze nah dem Verdestrande,

Wohin er bei verlöschtem Licht sie brachte.

Wem sie geflucht, ist drum nicht so verloren,

Daß nicht, so lang die Hoffnung nicht verdorrt ist,

Die ew’ge Lieb’ ihm wiederkehren könnte.

Wer ungehorsam stirbt der heil’gen Kirche,

Muß, endet er auch reuig, dreißigmal

Solang’ als er in seinem Trotz beharrte,

Von diesem Felsenufer ausgeschlossen

Verweilen, wenn die so bestimmte Frist

Durch wirksames Gebet ihm nicht gekürzt wird.

Erkenne nun, ob du mir wohltun kannst,

Enthüllst du meiner wackeren Constanza

Wie du mich fandest und was mich hier festhält.

Gar förderlich sind hier uns die dort drüben. –

Vierter Gesang

Wenn unsre Seel’ in Freuden oder Schmerzen,

Die eine unsrer Kräft’ in Anspruch nehmen,

Ausschließlich dieser einen Kraft sich zukehrt,

So scheint sie taub für jeden andren Eindruck.

Das widerlegt den Irrtum, welcher wähnet,

Daß Seel’ auf Seele sich in uns entzünde.

Deshalb vergeht, und man bemerkt es nicht,

Die Zeit, gewahrt man, oder hört man Dinge,

Die mächtig unsre Seele an sich ziehen;

Denn eine ist die Fähigkeit, die aufmerkt,

Und die der ganzen Seele ist die andre;

Die erste frei, gebunden aber diese.

Hiervon hatt’ ich lebendige Erfahrung,

Als voll Verwundrung jenem Geist ich lauschte;

Denn, ohne daß ich’s wahrgenommen, war

Die Sonne fünfzig Grad emporgestiegen.

Einstimmig riefen da die Seelen alle:

Hier ist der Ort; hier ist was ihr begehret. –

Oft ist die Öffnung größer, die der Landmann

Mit einer Gabel voller Dornen zuschließt,

Wenn seine Trauben sich im Herbste bräunen,

Als jener Kluft, durch welche meinem Führer

Nachfolgend, ich nun einsam aufstieg, Eingang,

Indes die Seelenschar sich von uns trennte.

Zum Kulm Bismantova’s steigt man hinauf

Geht nach San Leo, steigt nach Noli nieder

Auf eignen Füßen; doch hier gilt’s zu fliegen

Mit heißer Sehnsucht kräftigem Gefieder,

Dem sicheren Geleit des Führers folgend,

Der, Hoffnung reichend, mir den Pfad erhellte.

Wir kletterten in jenes Felsens Spalte,

Durch das Gestein gehemmt von jeder Seite,

Auch forderte der Boden Händ und Füße.

Als zu des hohen Ufers letztem Rande

Gelangt wir waren, zu der offnen Tenne,

Begann ich: Meister, welche Richtung wählst du? –

Bergab gewandt sei deiner Schritte keiner,

Sagt’ er darauf; mir folgend, strebe aufwärts

Bis ein des Weges Kund’ger uns begegnet. –

Der Berg stieg höher als das Auge reichte

Und steiler war sein Abhang, als die Linie,

Die von dem Zentrum führt zum Halbquadranten.

Ermattet war ich, als ich so begann:

Ach, süßer Vater, wende dich und siehe,

Wie ich zurück, wenn du nicht weilest, bleibe. –

Er sagte: Nur bis dorthin schleppe dich –

Und wies auf einen Vorsprung wenig höher,

Der rings den Berg an dieser Stell’ umgürtet.

Gespornt von seinem Wort, rafft’ ich mich auf,

Bis ich, ihm nach, auf allen Vieren kletternd,

Des Berges Ring mit meinem Fuß betreten.

Wir setzten, hingewandt woher wir kamen,

Uns beide, unser Aug’ gekehrt gen Morgen,

Wohin zu blicken, Heil zu bringen pflegt.

Erst schaut’ ich abwärts zu dem niedren Ufer,

Dann blickt’ ich auf zur Sonn’, und wie erstaunt ich,

Als ihre Strahlen uns von links her trafen.

Wohl ward gewahr der Dichter, wie ich ganz

Befremdet nach des Lichtes Wagen starrte,

Der zwischen uns und Norden sich bewegte.

Drum sagt’ er mir: Wenn Castor sowie Pollux

Jetzt im Geleite jenes Spiegels wären,

Der auf- und abwärts seine Strahlen spendet,

So sähst den Tierkreis, von der Sonn’ entflammet,

Noch näher an den Bärinnen du kreisen,

Falls den gewohnten Weg er nicht verließe.

Willst du imstande sein, dies zu erkennen,

So denk’, in dich gekehrt, dir auf der Erde

Sich gegenüber diesen Berg und Zion.

Drum haben sie verschiedne Hemisphären,

Doch einen Horizont, und du begreifst nun,

Wenn aufmerksam dein Geistesauge hinblickt,

Warum der Weg, den Phaëton verfehlte,

Liegt er dort drüben auf der einen Seite,

Hier auf der andren muß vorüberführen. –

Gewiß, mein Meister, sprach ich, nimmer sah ich

Mit solcher Klarheit, als ich nun erkenne,

Wo meine Faßkraft unzureichend schien.

Der Mittelkreis der himmlischen Bewegung,

Der zwischen Sonne stets und Winter weilt,

Und den in einer Kunst man nennt Äquator,

Muß, um wieviel gen Mittag die Hebräer

Ihn sahen, aus dem Grunde, den du nanntest,

Von hier gen Mitternacht gelegen sein.

Doch, wenn es dir beliebt, vernähm’ ich gerne,

Wie weit sich unser Weg erstreckt; die Höhe

Steigt weiter auf, als meine Blicke reichen. –

Drauf sagt’ er: Dieser Berg ist so beschaffen,

Daß schwierig er beim untren Anfang däucht,

Und leichter wird, je höher man emporsteigt.

Wird dir der Berg dann einst so eben scheinen,

Daß schwerer nicht dir aufzusteigen vorkommt,

Als günst’gen Windes mit dem Strom zu fahren,

So bist gelangt du zu des Pfades Ende

Und magst von allen Mühn der Ruhe pflegen.

Mehr sag’ ich nicht; doch dies weiß ich als Wahrheit. –

Und als sein Wort er kaum beendet hatte,

Erscholl uns nah’: Wer weiß, ob du zuvor,

Dich auszuruhen nicht Bedürfnis fühlest? –

Bei diesem Worte wandten wir uns beide

Und sahn ein Felsenstück zu unsrer Linken,

Das weder er noch ich zuvor gewahrte.

Dort wandten wir uns hin und fanden Leute,

Die in dem Schatten so bequem sich’s machten,

Wie wer vor Lässigkeit der Ruhe pfleget.

Und einer, welcher mir besonders müde

Erschien, umarmte sitzend seine Knie

In deren Mitt’ er hängen ließ sein Haupt.

Mein teurer Herr, begann ich, o betrachte

Doch diesen, der sich lässiger beweist,

Als wenn die Faulheit seine Schwester wäre. –

Da wandt’ er sich zu uns und uns bemerkend

Erhob die Augen er entlang dem Schenkel

Und sprach: Geh’ nur hinauf, wenn du so stark bist. –

Da sah ich, wer er sei, und die Beklemmung,

Die etwas mir den Atem noch beeilte,

Verhinderte mich nicht zu ihm zu gehen.

Nur wenig hob er, als ich ihn erreichet,

Das Haupt und sagte: Hast du wohl gesehn,

Daß hier die Sonne links den Wagen lenket? –

Die läss’ge Weise und die kurzen Worte

Bewegten etwas meinen Mund zum Lächeln:

Belacqua, sagt’ ich dann, so ist die Sorge

Um dich mir nun gehoben; aber sage,

Was du hier weilst? Erwartest du Gefährten?

Hat dich die alte Unart neu befallen? –

Ach Bruder, sagt’ er drauf, was hilft das Steigen?

Mich ließe ja zur Büßung doch nicht gehen

Der Gottesvogel, der dort an der Tür sitzt.

So lange muß zuvor mir außer ihr

Der Himmel kreisen, als er tat im Leben,

Weil gute Seufzer bis zum End’ ich aufhob,

Wenn früher Hilfe nicht Gebete bringen

Aus einem Herzen, das in Gnade steht;

Nutzlos sind andre, nicht erhört im Himmel. –

Schon aber stieg vor mir der Dichter weiter

Und sagte: Komme nun, denn schon berühret

Den Mittagskreis die Sonne und vom Strand’ aus

Bedeckt die Nacht mit ihrem Fuß Marokko.

Fünfter Gesang

Schon war von jenen Schatten ich geschieden

Und folgte weiter meines Führers Spuren,

Als einer hinter mir, gehobnen Fingers:

So seht doch, ausrief, wie der Strahl der Sonne

Nicht leuchtet zu des untren linker Seite

Und wie er sich gebart, als ob er lebe. –

Bei dieser Worte Laut wandt’ ich die Blicke

Und sah wie sie nach mir, nach mir nur starrten

Und nach dem Lichtstrahl, der durch mich gehemmt war.

Was läßt du dir den Geist so sehr befangen,

Begann mein Meister, daß im Gehn du nachläßt?

Was kümmert dich was dort geflüstert wird?

Komm, folge mir und laß die Leute reden.

Steh’ fest gleich einem Turme, dessen Spitze,

Wie auch die Winde toben, nicht erzittert;

Denn wer in sich Gedanken auf Gedanken

Aufschließen läßt, entfernt sich nur vom Ziele;

Des einen Ungestüm schwächt ja den andren. –

Was konnt’ ich wohl erwidern, als: Ich komme. –

Ich sagt’ es, angehaucht von jener Farbe,

Die oft dem Fehlenden Verzeihung einbringt.

Inzwischen kam den Abhang quer hernieder,

Nur wenig vor uns, eine Seelenschar

Die wechselweise sang: »Gott sei mir gnädig«.

Als sie bemerkten, daß den Sonnenstrahlen

Mein Körper durchzudringen nicht gestatte,

Ward ihr Gesang zum langen, heis’ren O!

Und zwei von ihnen liefen als Gesandte

Der andren uns entgegen mit der Frage:

Wollt über euren Zustand uns belehren. –

Mein Meister sagte drauf: Geht denn zurücke

Und saget denen, die euch hergesendet,

Der Körper dieses hier sei Fleisch und Bein.

Sind also, weil sie seinen Schatten sahn,

Sie stehn geblieben; so genügt die Antwort;

Sie haben ihn zu ehren allen Anlaß. –

Nie sah entflammte Dünst’ ich so geschwinde

Den Himmel beim Beginn der Nacht durchstreifen,

Noch, wenn die Sonn’ im Sinken, Sommerwolken,

Daß schneller rückgekehrt nicht diese wären.

Kaum waren sie dort angelangt, als alle

Vereint in jähem Lauf sich zu uns wandten.

Gar zahlreich sind die hier sich an uns drängen,

Sie kommen dich zu bitten, sprach der Meister,

Doch weile nicht und höre sie im Gehn. –

O Seele, die, um froh zu werden, aufsteigt

Mit den dir von Geburt verliehnen Gliedern,

Halt’ etwas an, so riefen sie, die Schritte.

Schau hin, ob je du wen von uns gesehn hast,

Daß Kunde du von ihm hinüberbringest.

Willst du schon gehn? Warum magst du nicht weilen?

Gewaltsam litten alle wir den Tod

Und waren Sünder bis zur letzten Stunde;

Da bracht’ ein Himmelslicht uns zur Besinnung,

So daß wir reuig und dem Feind vergebend

Das Leben endeten, versöhnt mit Gott,

Der, ihn zu schaun die Sehnsucht uns in’s Herz legt. –

Und ich: Wie eure Züg’ ich auch betrachte,

Zum Heil geborne Geister, kenn’ ich keinen;

Doch wünschet ihr, was ich vermag zu leisten,

So sprecht, und ich gelob’ es zu vollbringen

Bei jenem Frieden, den mit solchem Führer

Von Welt zu Welt ich zu erlangen strebe. –

Und einer sagte: Ohne daß du schwörest,

Vertraut ein jeder deiner guten Tat,

Wenn nicht Unmöglichkeit den Willen aufhebt.

Drum bitt’ ich, der ich vor den andren rede,

Daß, wenn das Land du siehst, daß von Romagna

Sich zu dem Königreiche Karls erstreckt,

Du so willfährig mir dein Fürwort spendest,

Daß man für mich in Fano bet’, und Zutritt

Ich zu der schweren Sünden Buße finde.

Dort stammt’ ich her; allein die tiefen Wunden

Woraus das Blut, in dem ich wohnte, floß,

Erhielt ich im Gebiet der Stadt Antenor’s,

Wo ich am sichersten zu sein vertraute.

Geheißen hatt’ es der von Este, welcher

Weit mehr, als zu entschuld’gen ist, mich haßte.

Doch wäre nur gen Mira ich geflohn’

Als eingeholt ich ward bei Oriago,

So weilt’ ich dort noch heute, wo man atmet.

Ich aber lief zum Sumpf, und Schmutz und Röhricht

Verstrickten mich; ich stürzte und nun sah ich

Mein Blut am Boden eine Lache bilden. –

Dann rief ein andrer: Ach, wenn das Verlangen

Gewährt dir werde, das dich zieht zum Berge,

So hilf dem meinen du durch gutes Mitleid.

Ich war aus Montefeltro, bin Buonconte;

Nicht denkt Johanna mein und nicht die andren,

Drum geh gesenktes Haupt’s ich unter diesen. –

Drauf sagt’ ich: Welcher Zufall, welche Macht

Entfernte dich so weit von Campaldino,

Daß nie bekannt ward deines Grabes Stelle? –

Und er: Noch über’m Eremo entspringt

Im Apennin ein Bach, genannt Archiano

Und fließt dann nieder zu dem Casentino.

Dorthin, wo dessen Name schwindet, kam ich

Auf flücht’gem Fuße mit durchbohrter Kehle;

Es färbte, wie ich floh, mein Blut den Boden.

Da ward mein Auge trübe und der Name

Maria’s war mein letztes Wort. Dann fiel ich

Zur Erde und mein Leib blieb nun allein.

Die Wahrheit red’ ich, und du sag’ es weiter:

Mich faßte Gottes Engel; doch der Bote

Der Hölle schrie: Raub ist das, du vom Himmel!

Ob eines Tränleins, das ihn mir entrissen,

Trägst du von hinnen sein unsterblich Teil;

So will ich mit dem andren anders schalten. –

Du weißt, wie in der Luft die feuchten Dünste

Sich sammeln, die als Wasser niederfallen,

Sobald zur kalten Schicht sie aufsteigen.

Durch die Gewalt, die ihm verliehn sein Wesen,

Erregte Dunst und Sturm der arge Wille,

Der mit des Geistes Kraft nur Arges sinnt.

Sobald es Nacht ward, überzog mit Nebel

Von Pratomagno bis zum Joch das Tal er

Und ließ darüber solche Kält’ entstehen,

Daß jene schwangere Luft zu Wasser wurde.

Der Regen fiel, und was das Land nicht aufsog,

Floß nieder in so manchem kleinen Rinnsal.

So angesammelt in den größten Bächen

Stürzt’ er zum Königsstrom hin so gewaltsam,

Daß seinen Lauf kein Hindernis mehr aufhielt.

Archiano, flutenreich, fand meinen Körper

Erstarrt an seiner Mündung; in den Arno

Riß er ihn fort, das Kreuz der Arme lösend,

Das ich gemacht, als mich der Schmerz bewältigt.

Er wälzte mich umher an Grund und Ufern

Und seine Beute ward mir Hüll und Decke. –

Ach, wenn du heimgekehrt bist zu der Welt,

Und ausgeruht von deiner langen Reise,

So schloß der dritte Geist sich an die Rede

Des zweiten, denke mein, ich bin die Pia;

Mich zeugte Siena, tötete Maremma.

Der weiß es, der zuvor auf meinen Finger

Den Trauring mit dem Edelstein mir steckte. –

Sechster Gesang

Wenn aufgehoben wird das Würfelspiel,

Bleibt, wer verloren, ärgerlich zurück,

Bedenkt die Würf’, und lernt was er versehn hat.

Dem andren aber folgt der ganze Haufen:

Der drängt sich vor, ein zweiter zupft ihn hinten,

Ein dritter macht sich seitwärts ihm bemerklich.

Er aber weilt nicht, hört auf den und jenen;

Wem er die Hand gereicht, ist nicht mehr lästig,

Und so erwehrt er klug sich des Gedränges.

So tat auch ich in jener dichten Schar;

Denn, mein Gesicht bald da, bald dorthin wendend,

Macht’ ich mich los von ihnen durch Versprechen.

Der Aretiner, den die grimmen Arme

Des Ghin di Tacco töteten, war da,

Und auch der andre, der gejagt ertrunken.

Da baten mich mit ausgestreckten Händen

Friedrich Novello so wie der Pisaner,

Durch den Marzucco Kraft bewies, der gute.

Graf Orso sah ich, und die, wie sie sagte,

Aus Neid und Mißgunst, nicht ob eigner Schuld,

Von ihrem Körper losgeriss’ne Seele

Des Peter de la Brosse, und dies bedenke

Die Dame von Brabant, weil sie noch hier ist,

Daß sie nicht ärger Herde drum verfalle.

Als ich mich losgemacht von all’ den Schatten,

Die nur, daß andre beten möchten, baten,

Damit ihr Heiligwerden sich erfrühe,

Begann ich: Du mein Licht, in einem Texte

Scheinst du mit klaren Worten zu verneinen,

Daß je Gebet des Himmels Ratschluß ändre;

Und dennoch bitten diese nur um solches.

Täuscht sie denn ihre Hoffnung, oder

Blieb unklar mir die Deutung deines Wortes? –

Nicht dunkel ist mein Wort, sagt’ er dagegen,

Noch trügerisch die Hoffnung dieser Seelen,

Wenn man nur aufmerkt mit gesundem Geiste.

Es beugt sich nicht des Richterspruches Höhe,

Erfüllt im Augenblick das Liebesfeuer

Was zu bezahlen hat, wer hier verweilet.

Dort aber, wo ich jenen Grundsatz aussprach,

Ward nicht der Mangel ausgefüllt durch Bitten;

Denn losgetrennt von Gott war das Gebet.

Damit begnüge dich, und bis dich jene

Belehrt, die zwischen Wahrheit und Verständnis

Dir Leuchte wird, laß ab von solchem Zweifel.

Verstehst du mich? Von Beatrice red’ ich,

Du wirst sie wiedersehn; doch weiter oben,

Auf dieses Berges Gipfel, selig lächelnd. –

O Herr, so sagt’ ich, gehn wir denn geschwinder,

Nicht so wie früher werd’ ich nun ermatten,

Und sieh, wie Schatten schon der Berg uns bietet. –

Wir wollen vorwärts gehn mit diesem Tage,

Erwidert’ er darauf, so weit wir können;

Doch anders steht, als wie du denkst, die Sache.

Denn, die sich hinterm Berge jetzt versteckt hat,

So daß du ihre Strahlen nicht mehr auffängst,

Siehst, eh’ wir oben sind, du wiederkehren.

Doch sieh’ den Schatten, der so ganz allein

Dort weilend nur nach uns das Auge wendet;

Er wird vom nächsten Weg’ uns Kunde geben. –

Wir kamen näher; o Lombardenseele,

Wie saßest stolz du da und unerschüttert,

In deines Aug’s Bewegung Ruh’ und Würde!

Sie redete mit keinem Wort uns an,

Nur, wie wir gingen, blickte sie nach uns,

Wie wohl ein Löwe tut, wenn er sich ausruht.

Da trat Virgil zu ihr mit dem Begehren,

Daß sie den besten Weg zur Höh’ uns zeige;

Sie aber, statt der Bitte zu entsprechen,

Frug uns nach Vaterland und Lebensweise.

Aus Mantova – begann mein süßer Meister;

Da stand, der nur in sich bisher gekehrt war,

Der Schatten auf, und sprach entgegeneilend:

O Mantovaner, sieh’ in mir Sordello,

Aus deiner Stadt! – worauf sich beid’ umarmten.

Geknechtetes Italien, Haus der Schmerzen,

Schiff ohne Steuermann in großem Sturme,

Nicht Länderkönigin, nein Hurenkammer!

Schon bei dem süßen Klange seiner Heimat

War dieser edle Schatten so beeifert

Den Landsgenossen freudig zu begrüßen;

Doch du! – auch heute sind die in dir leben

Nicht ohne Krieg, es hassen sich einander

Die eine Mauer und ein Graben einschließt.

Betrachte ringsum deine Meeresküsten,

Du Ärmste, blicke dann in deinen Schoß,

Ob Frieden irgendeinen Teil erfreue.

Was hilft es, daß Justinian den Zügel

Dir hergestellt, wenn ledig bleibt der Sattel,

Geringer wär’ die Schande ohne jenen.

Ihr, die verpflichtet wäret, fromm zu sein,

Im Sattel Cäsar unbeirrt zu lassen,

Verstündet recht ihr, was euch Gott gebietet,

Seht, wie so tückisch ist dies Tier geworden,

Weil nicht mehr in der Flank es fühlt die Sporen,

Seit an den Zügel ihr gelegt die Hand!

Der du dies Roß, das wild ward und unbändig,

Statt zügelnd in den Sattel dich zu schwingen,

Sich selber überlässest, deutscher Albrecht,

Gerecht Gericht, das offenbar und neu sei,

Mög’ auf dein Blut von den Gestirnen fallen,

So daß die Furcht, den der Dir nachfolgt, fasse.

Wie durftet ihr, du und dein Vater, dulden,

Nur weil die Habsucht euch dort jenseits festhielt,

Daß eures Reiches Garten gar verwildre?

Komm, sieh’ die Cappelletti und Montecchi,

Monald’ und Filippeschi, Pflichtvergeßner;

In Furcht die einen, schon betrübt die andern.

Fühlloser, komm und sieh’, wie schwer bedrückt

Dein Adel ist; komm, heile seine Schäden!

Sieh’ selber, tiefgesunken, Santa Fiore.

Sieh, deine Roma, die in heißen Tränen,

Verwittwet und allein, bei Nacht und Tage,

Mein Cäsar, ruft, warum bist du mir ferne? –

Komm sieh’, in welcher Art man hier sich lieb hat;

Und wenn du doch mit uns kein Mitleid fühlest,

So komm, ob deines Rufes dich zu schämen.

Ist wohl zu kühn die Frage, Herr des Himmels,

Der du für uns gekreuzigt bist auf Erden:

Ob anderwärts dein heil’ges Auge hinblickt?

Bereitest du vielleicht in deines Ratschluß’

Grundloser Tief’ ein Heil auf diesem Wege,

Das menschlichem Erkennen unerreichbar?

Sind doch Italiens Städte samt und sonders

Voll von Tyrannen; ein Marcellus dünkt sich

Jedweder Bauer, der Parteiung zettelt.

Mein Florenz, sei zufrieden, du hast Ursach,

Denn dich kann dieser Ausfall nimmer treffen,

Dank deinem Volke, das so klug sich vorsieht.

Gerechtigkeit im Herzen haben viele,

Doch scheun sie, unberaten loszudrücken;

Dein Volk indes hat stets sie auf den Lippen.

Wohl manche fliehn die Last für’s allgemeine;

Doch deine Bürger eilen ungefordert

Zu rufen: Gebt nur her, ich unternehm’ es.

So freue dich, denn Grund hast du die Fülle.

Du bist ja reich, friedfertig, voller Weisheit;

Ob ich die Wahrheit sage, zeigt die Wirkung.

Athen und Lacedämon, die vor Zeiten

Gesetze gebend edle Sitte übten,

Mit dir verglichen leisteten sie wenig;

Denn du erläßt so pfiffige Gebote,

Daß nicht zur Hälfte des Novembers vorhält,

Was während des Oktobers du gesponnen.

Wie oft schon, seit ich denke, hast Gesetze,

Hast Münzen, Ämter, Sitten du gewechselt

Und umgewandelt alle deine Glieder.

Erinnerst du dich recht und hast du Einsicht,

So wirst du sehn, daß du der Kranken gleichest,

Die auf dem Pfühl nicht Ruh zu finden weiß,

Und die sich wendet, um dem Schmerz zu wehren.

Siebenter Gesang

Als jene freudig ehrenhaften Grüße

Schon drei- und viermal sich erneuet, trat

Sordell zurück und sprach: Sagt an wer seid ihr? –

Eh’ sich zu diesem Berg die Seelen wandten,

Die würdig sind zu Gott emporzusteigen,

Ward mein Gebein von Octavian bestattet.

Ich bin Virgil, und nur die eine Schuld

Raubt mir den Himmel, daß mir Glauben fehlte. –

So lautete die Antwort meines Führers.

Wie einer, der vor seinen Augen plötzlich

Etwas erblickt, ob dessen er sich wundert,

Und glaubt und nicht glaubt, daß es sei und nicht sei,

So schien mir jener; doch die Wimpern senkt’ er

Und wandt’ in Demut sich zu ihm zurück,

Wo sich der niedre anhält, ihn umarmend.

O der Lateiner Ruhm, sagt’ er, durch welchen

Was sie vermag, gezeigt hat unsre Sprache,

Du ew’ger Preis des Ortes meiner Heimat,

Leiht mir Verdienst, leiht Gnade deinen Anblick?

Und bin ich dich zu hören wert, so sage,

Ob du der Höll’ entstieg’st und welchem Schlunde? –

Durch jeden Kreis des schmerzensvollen Reiches,

Sprach er, ging ich hindurch, hierher zu kommen;

Mich sandte Himmelskraft, die mich begleitet.

Nicht wegen Tuns, nur wegen Nichttuns werd’ ich

Die Sonne nimmer sehn, die du ersehnest,

Und die ich leider allzuspät erkannte.

Ein Ort ist drunten, unbetrübt von Qualen,

Den Finsternis nur drückt und wo die Klagen

Nicht Schmerzensrufe, sondern Seufzer sind.

Mit den unschuld’gen Kindern weil’ ich dort,

Die, unbefreit noch von der Menschheit Sünde,

Ergriffen wurden von dem Biß des Todes:

Genosse deren, die zwar mit den drei

Geweihten Tugenden sich nicht bekleidet,

Doch frei von Fehl, die andren sämtlich übten.

Du aber, weißt du anders und vermagst es,

Gib Kunde uns, wie wir am nächsten dahin

Gelangen, wo das Fegefeuer anfängt. –

Und er: Kein fester Ort ist uns beschieden;

Ich darf bergauf und hin und wieder wandeln,

So weit ich geh’n kann, werd’ ich dich geleiten.

Doch sieh’, wie schon der Tag zu Ende eilet,

Und ist es Nacht, kann man nicht weitersteigen;

Drum tun wir wohl auf gute Rast zu sinnen.

Hier rechts, nicht weit entfernt, verweilen Schatten;

Ist dir’s genehm, so führ ich dich zu ihnen,

Und sicher ist dir, sie zu sehn erfreulich. –

Wie ist das, war die Antwort, würde jemand

Den hindern, der des Nachts aufstiege, oder

Vermöcht’ er’s nicht, weil ihm die Kraft gebräche? –

Sordell, der gute, streifte mit dem Finger

Die Erd’ und sprach: Nicht diesen Strich vermagst du

Zu überschreiten, wenn die Sonn’ entschwunden,

Doch hindert weiter nichts emporzusteigen,

Als nur allein die nächt’ge Finsternis;

Sie hemmt die Kraft und mit ihr auch den Willen.

Wohl aber könnte man, auch wenn den Tag

Der Horizont verschließt, nach unten kehren

Und auch umirrend längs dem Strande schweifen. –

Verwundert schien mein Herr mir, als er sagte:

So führ’ uns dorthin, wo, wie du berichtest,

Uns Freude werden soll, indem wir weilen. –

Erst wenig weiter waren wir geschritten,

Als in dem Berg’ ich eine Senkung wahrnahm,

Wie diesseits Täler sich in Berge senken.

Dorthin, so sprach der Schatten, laß uns gehen,

Wo in dem Abhang sich ein Schoß gebildet;

Dort wollen wir den neuen Tag erwarten. –

Ein Fußweg bot sich zwischen Steil’ und Fläche,

Der uns zur Flanke jenes Tales führte,

Dort wo sein Rand mehr als zur Hälfte schwindet.

Gold, Silber und Karmin wie Elfenbein

Und Holz aus Indien, sowie glänzend lichtes,

Smaragd auch, der soeben erst gespalten,

Sie wären von den Gräsern und den Blumen

In diesem Tal an Farbenpracht besiegt,

Sowie der Schwächre unterliegt dem Starken.

Und nicht gemalt nur hatte dort Natur;

Die Würzigkeit von tausend Wohlgerüchen

Vermischte sich zu niegekannter Süße.

Und auf dem Rasen und den Blumen sah ich

Salve Regina singend, Seelen sitzen,

Die, ob des Tals, man außerhalb nicht wahrnahm.

Bevor die Sonne ganz zur Rüste gehe,

Begann der Mantovaner, der uns führte,

Verlangt nicht, daß zu jenen ich euch bringe.

Das Tun, sowie die Züge aller werdet

Von diesem Vorsprung besser ihr erkennen,

Als, seid ihr drunten erst, in ihrer Mitte.

Der dort am höchsten sitzt, doch dessen Ausdruck

Anzeigt, daß seine Pflicht er unterlassen,

Und der den Mund nicht regt beim Sang der andren,

War Kaiser Rudolph, der die Todeswunden

Italiens noch imstande war zu heilen,

Wo jetzt kein andrer mehr vermag zu helfen.

Der zweite, der dem Anschein nach ihn tröstet,

Befahl dem Lande, dessen Wässer alle

Moldau der Elb’ und die dem Meere zuführt.

Ottokar hieß er und schon in den Windeln

War er um vieles tüchtiger als Wenzel,

Sein Sohn, im Bart, den Wollust freut und Nichtstun.

Der stumpf Benas’te, der in engem Zwiesprach

Mit jenem scheinet, der so gütig aussieht,

Starb auf der Flucht die Lilien entblätternd.

Seht, wie in Reu’ er sich die Brust zerschlägt!

Und seht den andren, welcher unter Seufzern

Auf seine flache Hand das Haupt gebettet:

Der Vater sind sie und der Schwiegervater

Des Frankenunheils, und daß sie sein Leben

Voll Schand’ und Laster kennen, macht sie traurig.

Der Gliederkräftge dort, der im Gesange

Sich jenem anschließt mit der starken Nase,

Mit jeder Trefflichkeit war er gegürtet.

Und wäre nur die Krone jenem Jüngling,

Den hinter ihm ihr sitzen seht, geblieben,

So ging die Tüchtigkeit von Haupt zu Haupte.

Doch mit den andren Erben ist’s nicht also:

Jacob und Friedrich haben wohl die Reiche,

Doch nichts besitzen sie vom besseren Erbteil.

Nur selten wiederholt sich in den Zweigen

Der Menschen Würdigkeit, und also will es

Der sie verleiht, daß man von ihm sie heische.

Und meine Rede gilt, sowohl als Peter,

Dem Großbenas’ten auch, der mit ihm singt,

Weshalb Apulien und Provence wehklagt.

Der Sam’ ist so viel schlechter wie die Pflanze,

Als sich Constanze mehr wie Beatrice

Und Margarete ihres Gatten rühmet.

Sieh’ dort den König von einfältigem Wandel,

Heinrich von England, abgesondert sitzen;

Der hat in seinen Zweigen bessren Ausgang.

Der andre, welcher tiefer sich gelagert

Und aufwärts schauet, ist der Markgraf Wilhelm,

Ob dessen Monferrat und Canavese

Um Alessandria weint und dessen Krieg. –

Achter Gesang

Gekommen war die Stunde, die die Sehnsucht

Der Schiffer weckt, die weicher macht die Herzen

Am Tag, wo sie von lieben Freunden schieden,

Und Liebeswunden schlägt dem Pilgerneuling,

Hört er von Ferne Glockentöne hallen,

Die ob des Tages Tod zu klagen scheinen,

Als aufzuhorchen ich allmählich nachließ,

Auf einen Schatten blickend, welcher aufstand,

Und winkend mit der Hand, Gehör begehrte.

Er trat hervor und richtete die Augen

Mit aufgehobenen Händen gegen Morgen,

Als sagte er zu Gott: Dich nur begehr’ ich. –

Te lucis ante tönt aus seinem Munde

So fromm und innig, in so süßen Klängen,

Daß ich zuhörend selber mich verlor.

Die andren aber sangen, ihn begleitend,

Die Augen zugewandt den ew’gen Rädern,

Mit gleicher Innigkeit den ganzen Hymnus.

Nun suche, Leser, scharfen Blick’s die Wahrheit;

So locker ist der Schleier itzt gewoben,

Daß wenig Mühe macht, ihn zu durchdringen.

Ich sah wie jenes edle Heer von Schatten,

Schweigsam nach oben blickend und beklommen,

Gewärtig dessen war, das kommen würde.

Da sah zwei Engel ich mit feur’gen Schwertern,

Die abgestumpft und ohne Spitzen waren,

Von oben kommen und herniedersteigen.

Mit grünen Flügeln fächelten und schlugen

Sie das Gewand, das, grün gleich jungen Blättern,

Bewegt vom Winde hinter ihnen wallte.

Nah über uns ließ sich der eine nieder,

Der zweite senkte sich zum andren Ufer,

So daß sie zwischen sich die Seelen hatten.

Das blonde Haupt erkannt’ ich wohl an ihnen;

Ihr Antlitz aber blendete mein Auge,

Wie vor dem Übermaß die Kraft versagt.

Sie kommen beide von Maria’s Schoße

Zur Wache dieses Tales, sprach Sordello,

Der Schlange wegen, die in kurzem nahet. –

Ich aber, der nicht wußte, von woher,

Sah forschend ringsherum, und ganz erstarret

Drängt’ ich mich fest an die erprobten Schultern.

Sordell sprach weiter: Steigen wir nun nieder

Und reden wir mit jenen großen Schatten.

Gewiß ist ihnen, euch zu seh’n willkommen. –

Ich glaube, nur drei Schritte stieg ich abwärts,

Da war ich unten, und sah einen, welcher

Nach mir nur schaut, als wollt’ er mich erkennen.

Schon dunkelte die Luft; doch nicht im Maße,

Daß sie nicht zwischen meinem Aug’ und seinem

Erläutert hätte, was sie erst verborgen.

Entgegen trat er mir; ich ihm desgleichen:

Giudice Nino, wie zufrieden war ich,

Als ich erfuhr, du sei’st nicht bei den Sündern.

Der trauten Grüße tauschten wir die Fülle.

Dann frug er mich: Seit wann bist über’s Meer

Zum Fuße dieses Berges du gekommen? –

O, sagt’ ich, tief her aus den traur’gen Räumen

Kam ich heut früh und bin im ersten Leben;

Doch streb’ auf dieser Reis’ ich nach dem zweiten. –

Als diese meine Antwort sie vernommen,

Trat, gleich Sordell, die ganze Schar zurück,

Wie Leute, die vor Staunen sich nicht fassen.

Virgil sah einer an, der zweite wandte

Sich einem zu, der dort saß: Auf, Corrado!

Rief er, vernimm, was Gott aus Gnaden wollte. –

Und dann zu mir: Bei dem besondren Danke,

Den dem du schuldest, welcher seine Gründe

Also verbirgt, daß keine Furt zu finden,

Bist du erst jenseits von den breiten Wellen,

So bitte du Giovanna, meine liebe,

Zu bitten, wo die Unschuld man erhöret.

Nicht scheint’s, daß ihre Mutter mich noch liebe,

Seit abgelegt sie hat die weißen Binden,

Die noch zurückbegehren wird die Arme.

An ihrem Beispiel kann man leicht erkennen,

Wie schnell in Weiberherzen Lieb’ erlischt,

Entflammt sie nicht das Aug’ und die Berührung.

Die Schlange, welche Mailand’s Fahnen zeigen,

Wird ihrem Grabe mindre Zierde sein,

Als es Gallura’s Hahn gewesen wäre. –

So sprach er und in seinem Antlitz prägte

Der Stempel sich des rechten Eifers aus,

Der, glühend in der Brust, doch Maß behält.

Begierig haftete mein Blick am Himmel,

Dort wo am langsamsten die Sterne kreisen,

Dem Rade gleich zunächst an seiner Achse.

Mein Führer sprach: Was schaust du nach dort oben? –

Und ich darauf: Nach den drei Fackeln schau ich,

Von denen dieser Pol so ganz entbrannt ist. –

Und er zu mir: Die leuchtenden vier Sterne,

Die du heut morgen sahst, sind jetzt dort unten,

Und diese stiegen auf an jener Stelle. –

Ich sagte: – doch Sordello zog ihn an sich

Und sprach, die Richtung mit dem Finger weisend:

Sieh hin, dort kommt er, unser Widersacher. –

Dort, wo des Tales Eingang offen lag,

War eine Schlange, der wohl zu vergleichen,

Die Eva einst die bittre Speise bot.

Der böse Streifen, zwischen Gras und Blumen

Kam er und wandte leckend oft zum Rücken

Das Haupt, wie Tiere tun, wenn sie sich putzen.

Ich sah es nicht, drum kann ich’s nicht berichten,

Wie jene Himmelsfalken sich erhoben,

Doch sah ich beide während sie schon flogen.

Als sie den Schlag der grünen Flügel hörte,

Entfloh die Schlange, und die Engel kehrten

Zurück zu ihren Plätzen, gleichen Fluges.

Nicht hatte während dieses ganzen Angriffs

Der Schatten, der zu Nino war getreten,

Als dieser rief, den Blick von mir gewendet.

Soll jene Leuchte, die dich aufwärts führet,

So vieles Wachs in deinem Willen finden,

Als nötig ist bis zu der höchsten Bläue,

(Also begann er) wenn du wahre Kunde

Von Valdimacra hast und seiner Gegend,

So gib sie mir, denn einst war ich dort mächtig.

Mein Name war Corrado Malaspina;

Der alte bin ich nicht, doch von ihm stamm’ ich. –

Daß ich zu sehr die Meinen liebte, büß’ ich. –

Nie, sagt’ ich, war bisher in eurem Land’ ich;

Wo aber kann man in Europa weilen,

Daß man von denen Kunde nicht vernähme?

Es preist der Ruf, der eures Hauses Ehre

Verkündet, so die Herrn als wie die Landschaft,

So daß drum weiß, wer auch nicht dort gewesen.

So wahr hinaufzugehn ich hoffe, schwör’ ich,

Daß euer ehrenhaft Geschlecht den Ruhm

Des Reichtums wie des Schwertes sich bewahrte.

Durch Übung und Natur ist es bevorzugt,

Daß es allein, den Irrweg meidend, recht geht,

Ob auch die Welt ihr schnödes Haupt verkehre. –

Und er: So gehe; denn nicht sieben Male

Wird sich die Sonn’ im Bette, das der Widder

Umspannt mit seinen Füßen, niederlegen,

Daß diese günst’ge Meinung dir im Haupte

Verfestigt werden wird mit größren Nägeln

Als fremde Rede sie vermag zu bieten,

Bleibt ungehemmt im Lauf des Himmels Ratschluß. –

Neunter Gesang

Tithon’s, des alten, Bettgenossin blinkte

In weißem Schimmer von des Ostens Söller,

Entschlüpft den Armen ihres süßen Freundes.

Es leuchtet’ ihre Stirne von Juwelen,

Die angeordnet waren nach dem Bilde

Des kalten Tier’s, das mit dem Schwanz verwundet.

Der Schritte, welche sie emportut, hatte

Die Nacht, da wo wir waren, zwei getan,

Und seine Flügel senkte schon der dritte,

Als ich, der Adams Erbteil bei mir trug,

Vom Schlaf bewältigt, auf das Gras mich neigte,

Wo wir dann alle Fünfe niedersaßen.

Und um die Stunde, wo beim Nahn des Morgens

Die Klageruf’ ertönen läßt die Schwalbe,

Vielleicht gedenkend einst erfahrner Leiden,

Und wo die Seele, mehr als sonst dem Fleische

Entrückt, und von Gedanken nicht gefesselt,

Fast göttlich ist in ihren Traumgesichten,

Glaubt’ einen Adler, goldenen Gefieders,

Ich schwebend über mir mit offnen Flügeln

Zu sehn, als wollt’ er eben niederschießen.

Auch war mir’s als ob ich mich dort befände,

Wo Ganymed die Seinigen verließ,

Als er entrückt ward zu dem Rat der Götter.

Ich dachte bei mir selbst: des Adlers Weise

Ist wohl, nur hier zu stoßen; anderwärts

Verschmäht er, sich die Beute herzuholen.

Da schien es mir, als ob nach ein’gem Kreisen

Er niederführe, schrecklich wie der Blitz,

Und mich nach oben risse bis zum Feuer.

Dann kam mir’s vor, als ob wir beide brannten!

Und den geträumten Brand fühlt’ ich so schmerzhaft,

Daß plötzlich aus dem Schlaf er mich erweckte.

Nicht anders schreckte einst Achilles auf

Und wandte ringsum die erwachten Augen,

Weil er nicht wußte, wo er sich befinde,

Nachdem in ihrem Arm die Mutter schlafend

Aus Chiron’s Hut nach Skyros ihn geflüchtet,

Von wo die Griechen später ihn entführten,

Als ich emporfuhr, wie von meinem Antlitz

Der Schlaf entwich, und so betroffen war ich,

Wie wohl ein Mann ist, der vor Schreck erstarret.

Zur Seite mar nur der mir, der mein Trost war;

Mehr als zwei Stunden hoch stand schon die Sonne,

Und mein Gesicht war nach dem Meer gewendet.

Sei ohne Sorgen, sprach zu mir mein Meister,

Vertraue fest, wir sind auf gutem Wege.

Erweitre denn, vermindre nicht die Tatkraft.

Zum Ort der Läut’rung bist du nun gekommen;

Sieh’ dort die Felswand, die ihn rings umschließet,

Sieh’, wo die Wand durchbrochen ist, den Eingang.

Noch in der Dämm’rung, die dem Tag vorhergeht,

Als deine Seele schlief auf jenen Blumen,

Womit das Tal dort unten reich geschmückt ist,

Erschien ein Weib und sprach: Ich bin Lucia;

Gestattet, daß ich diesen Schläfer nehme,

So will ich ihn auf seinem Wege fördern. –

Sordell blieb mit den andren dort zurück;

Sie aber nahm dich und sobald es Tag war

Erhob sie sich, und ich folgt’ ihren Spuren.

Hier setzte sie dich nieder und es zeigte

Ihr schönes Auge mir den offnen Eingang;

Dann schwand dein Schlaf und sie zu gleicher Zeit. –

Gleich einem, der nach Zweifeln sicher wird

Und seine Furcht in Zuversicht verwandelt,

Nachdem die Wahrheit sich ihm offenbarte,

So wandelt’ ich mich, und als guten Mutes

Virgil mich sah, wandt’ er dem Bergesanstieg

Sich zu; ich aber folgte seinen Schritten.

Du siehst o Leser, wie zu größ’rem Stoffe

Ich mich erhebe; wundre dich denn nicht,

Wenn mit vermehrter Kunst ich ihn behandle.

Wir nahten uns, und kamen bald dahin,

Wo, was mir erst nur eine Spalte däuchte,

Wie die, von denen Mauern wohl geborsten,

Als Pforte sich ergab, zu der von unten

Drei Stufen von verschied’ner Farbe führten;

Dazu ein Pförtner, der für jetzt noch schwieg.

Wie ich bei weitrem Hinschaun wahrnahm, saß

Er auf der höchsten, und sein Antlitz strahlte

So, daß mein Aug’ es nicht ertragen konnte.

Und in der Hand trug er ein bloßes Schwert,

Das spiegelte auf uns die Sonnenstrahlen

So hell, daß oft umsonst ich nach ihm blickte.

Sagt an, von dort aus, was ist eu’r Begehren,

Begann er drauf: Wen habt ihr zum Geleite?

Habt acht, daß eu’r Aufsteigen euch nicht schade. –

Ein Weib vom Himmel, dieser Dinge kundig,

Erwidert’ ihm mein Meister, sprach erst eben

Zu uns: Geht dorthin, denn dort ist der Eingang. –

So möge sie denn eure Schritte fördern,

Begann mit güt’gem Blick auf’s Neu’ der Pförtner,

Wohlan, so tretet vor zu unsren Stufen. –

Die erste Stufe, welche wir erreichten,

War weißer Marmor, solcher Glätt’ und Reinheit,

Daß treu gespiegelt ich mich drin erblickte.

Die zweite, die noch dunkler war als Purpur,

Bestand aus rauhem schlackigen Gesteine

Und war geborsten nach der Läng’ und Quere.

Die dritte, die sich jenen beiden auflegt,

Schien Porphyr mir von solcher Glut der Farbe

Wie Blut, das eben aus der Ader rieselt.

Auf diese stützte seine beiden Füße

Der Engel Gottes, auf der Schwelle sitzend,

Die mir von lautrem Demantstein däuchte.

Indes ich auf das Wort des Führers willig

Hinaufstieg die drei Stufen, sagt’ er: Bitte

Demütig, daß der Pforte Schloß er öffne. –

Ehrfurchtsvoll warf ich mich zu seinen Füßen,

Schlug dreimal mir die Brust und bat ihn dann,

Daß er die Tür mitleidig mir erschließe.

Da schrieb er mit der Spitze seines Schwertes

Mir auf die Stirne sieben P und sagte:

Bist du dort innen, tilge diese Wunden. –

Gleichfarbig wären trockne Erd’ und Asche

Der Farbe seines Kleides, und zwei Schlüssel

Zog er aus dessen Falten nun hervor.

Der eine war von Gold, der andre silbern

Und mit dem weißen erst, dann mit dem gelben

Tat er der Pforte so wie ich es wünschte.

Versagt auch einer nur von diesen beiden,

Daß er im Schlüsselloch nicht recht sich wendet,

Sagt’ er zu uns, so bleibt dies Tor geschlossen.

Der ein’ ist werter; doch der andre fordert

Mehr Kunst und Einsicht, eh’ das Schloß er aufschließt,

Denn dieser ist es, der den Knoten löset.

Von Petrus hab’ ich sie; er hieß im Öffnen

Noch eher als im Weigern mich zu irren,

Wenn nur zu Füßen man sich vor mir werfe. –

Dann stieß der heil’gen Pforte Tür er auf

Und sagte: Tretet ein; jedoch bemerket,

Daß ausgewiesen wird, wer hier zurückschaut. –

Als nun in ihren Angeln sich die Zapfen

Des Tors der heil’gen Königsburg bewegten,

Die von Metalle stark und tönend waren,

Da rauschte nicht Tarpeja, als der gute

Metell geraubt ihr ward und sie geplündert,

So laut, und zeigte mindren Widerstand.

Aufmerksam wandt’ ich mich beim ersten Laute,

Und im Gesang, den süßer Ton begleitet,

Glaubt’ ich: Herr Gott dich loben wir, zu hören.

Genau den Eindruck bot mir, was ich hörte,

Als der ihn zu empfangen pflegt, der aufmerkt,

Wenn wo gesungen wird zum Orgelspiele,

Und er die Worte bald versteht, bald nicht.

Zehnter Gesang

Als innerhalb des Tors wir uns befanden,

Das selten nur gebraucht wird, weil den Irrweg

Die falsche Liebe recht erscheinen läßt,

Hört’ ich es tönend hinter mir verschließen;

Und, hätt’ ich jetzt nach ihm mich umgewendet,

Wie hätt’ Entschuldigung mein Fehl gefunden?

Wir stiegen auf in einer Felsenspalte,

Die sich bald rechts, bald wieder links bewegte,

Wie wohl die Welle wechselnd flieht und nahet.

Hier gilt es, einges Geschick zu zeigen,

Begann Virgil, um sich bald der, bald jener

Gebirgswand, die zurückweicht, anzuschließen. –

So taten unsre Schritte, und wir machten

So langsam sie, daß eh’r des Mondes Neige

Sein Bett’ erreichte, sich darein zu legen,

Als wir hervor aus jener Schlucht gelangten.

Doch, als wir oben waren, frei und offen

Dort, wo der Berg nach innen sich zurückzieht,

Ermüdet ich, und beide wir des Weges

Unkundig, setzten wir uns auf der Fläche,

Die öder schien, als Straßen durch die Wüste.

Drei Manneslängen mäße wohl die Breite

Von ihrem Anfang, wo sie an die Leere

Angrenzt, bis wo das Ufer weiter aufsteigt.

Und rechts und links, soweit als seine Schwingen

Mein Auge trugen, schien mir dies Gesimse

In gleicher Weise überall beschaffen.

Noch waren vorwärts wir dort nicht geschritten,

Als ich bemerkte, wie ringsum das Ufer,

Das aufzusteigen jedermann verwehret,

Von weißem Marmor war, und mit Gebilden

So ausgeschmückt, daß nicht nur Polyklet,

Nein die Natur, nichts Gleiches schaffen könnte.

Dort war der Engel, der mit dem Beschlusse

Des während vieler Jahr’ erweinten Friedens,

Der den so lang gesperrten Himmel auftat,

Zur Erde niederstieg, vor unsren Augen

So wahr gebildet, mit so holdem Ausdruck,

Daß er nicht einem Bildwerk glich, das schweiget.

Man schwüre, daß er spreche: Sei gegrüßet! –

Denn dargestellt war die auch, die den Schlüssel,

Die höchste Liebe zu eröffnen, drehte,

Und ausgedrückt las man in ihren Zügen

Die Rede: Sieh’, ich bin des Herren Magd, –

So wie in Wachse man ein Siegel abdrückt.

Nicht eine Stelle fass’ allein in’s Auge, –

Begann der Meister, der mich auf der Seite,

Auf der das Herz die Menschen haben, hatte.

Da wandt’ ich meinen Blick, und in der Richtung

Wo der mir war, der meine Schritte lenkte,

Sah jenseits von Marien ich am Felsen

Ein andres Bildwerk kunstvoll eingegraben

Drum trat, Virgil vorüber, ich ihm näher

Daß meinem Aug’ es offenbarer würde.

Und eingemeißelt war dem Stein der Wagen

Bespannt mit Stieren, drauf die heil’ge Lade,

Die Scheu erweckt vor unberufnem Dienste.

Voraus, geteilt in sieben Chöre, gingen

Viel Leute, und von meinem Sinnen sagte

Der eine, ja, sie singen, nein der andre.

In gleicher Weise stritten ob des Dampfes

Des Räucherwerks, der dort gebildet war,

Sich Aug’ und Nase über ja und nein.

Dem heiligen Gefäße ging in Demut

Voraus, geschürzt und tanzend, der Psalmist,

Der hierin mehr als König war und minder.

Und gegenüber sah man aus des großen

Palastes Fenster staunend Michal blicken,

Gleich einem Weib, das sich erboßt und zürnet.

Und weiter ging vom Ort ich, wo ich weilte,

Um nah zu seh’n das andere Gebilde,

Das hinter Michal schimmernd ich bemerkte.

Dort sah’ ich dargestellt den hohen Ruhm

Des röm’schen Kronenträgers, dessen Größe

Gregor zu seinem Siege Anlaß bot.

Trajan der Kaiser ist’s, von dem ich rede,

Und eine Witwe fiel ihm in den Zügel

Mit Tränen angetan und bittrem Schmerze.

Man sah, wie sich die Ritter um ihn drängten

Und glaubte, daß vom Winde über ihm

Auf goldnem Grund die Adler sich bewegten.

Es schien die Ärmste unter all’ den Leuten

Zu sagen: Herr, gewähre du mir Rache

Für meines Sohnes Mord, der mich betrübet. –

Und er erwidert’ ihr: So warte denn

Bis ich zurückekehre; – aber sie,

Gleich einem, den des Schmerzes Macht nicht ruhn läßt:

Doch, kehrst du nicht zurück? – und er: Wer nach mir

Regiert, wird dann dich rächen; – aber jene:

Und tät er’s auch; so hast du’s doch versäumet. –

Drauf er: So tröste dich; denn ich erkenne

Daß meine Pflicht ich tun muß, eh’ ich ziehe.

Gerechtigkeit erheischt’s und Mitleid hält mich. –

Der nie gesehn, was neu für ihn gewesen

Gab dieser Wechselrede Sichtbarkeit,

Und weil das hier nicht vorkommt, ist’s uns neu.

Und noch ergötzt’ ich mich, an diesen Bildern,

Die lieb dem Blick ob ihres Künstlers sind,

So vieler Demut Beispiel zu beschauen,

Da flüsterte der Meister: Sieh’ hier diesseits

Viel Leute kommen; doch sie schritten langsam.

Wohl weisen die uns zu den hohen Stufen. –

Es wandten die in Schaun versunknen Augen,

Um Neues zu erspähn, wie sie begehren,

Nicht zögernd sich auf’s Wort des guten Meisters.

Vernimmst du, Leser, nun, in welcher Weise

Gott will, daß man die Schuld an ihn bezahle,

So lasse drum nicht ab von gutem Vorsatz.

Nicht auf die Form der Martern sollst du merken;

Denk an die Folg’, und daß im schlimmsten Falle

Sie mit dem großen Richterspruche enden.

Nicht menschliche Gestalten, so begann ich,

O Meister, dünken die mich, die dort kommen;

Doch weiß ich, was sie sind nicht zu enträtseln. –

Und er zu mir: Die schwere Art der Buße,

Die ihnen auferlegt, drückt sie zu Boden,

So daß mein Aug’ anfänglich mit sich kämpfte.

Doch wenn du, fest hinblickend, mit den Augen

Was unter jenen Steinen kommt entzifferst,

So kannst du sehn, wie jeder seine Brust schlägt. –

O stolze, doch beklagenswerte Christen,

Die, krank am Blicke eures geist’gen Auges,

Vertraun ihr setzt in die verkehrten Schritte,

Erkennt ihr nicht, daß wir nichts sind als Würmer,

Bestimmt den Engelsschmetterling zu zeugen,

Der wehrlos dem Gericht entgegenfliegt?

Was überhebt sich so eu’r stolzer Mut,

Da ihr erst werdende Insekten seid,

Gleich Würmern, deren Bildung noch bevorsteht.

Wie wohl, um Söller oder Dach zu stützen,

Aus Stein gebildet wir Gestalten sehn,

Die mit den Knieen ihre Brust berühren,

So daß Unwahres wahre Qual hervorruft

In dem, der solches anschaut; – so beschaffen

Fand ich die Schatten, als ich sorglich hinsah.

Doch waren mehr und minder sie gekrümmt,

Nachdem mehr oder mindre Last sie drückte,

Und wer geduld’ger als die andren aussah,

Sprach weinend – wie es schien – ich kann nicht mehr.

Elfter Gesang

O Vater unser, der du bist im Himmel,

Nicht in Beschränkung, nein, weil größre Liebe

Du hegst zu jenen ersten Werken droben.

Von aller Kreatur gepriesen werde

Dein Nam’ und deine Macht, wie sich gebühret

Dank darzubringen deinem süßen Hauche.

Der Friede deines Reiches komme zu uns;

Denn nicht vermögen wir mit allem Streben,

Wenn er zu uns nicht kommt, ihn zu erreichen.

So wie die Engel, Hosianna singend,

Dir ihren Willen opfern, also mögen

Die Menschen auch mit ihrem Willen tun.

Gib unser täglich Manna, Herr, uns heute;

Denn ohne solches kommt in dieser Wüste

Zurück, wer noch so sehr mit Gehn sich abmüht.

Vergib uns unsre Schuld, so wie wir jedem

Das Übel das wir litten gern vergeben,

Und blicke nicht auf das, was wir verdienen.

Versuche unsre Kraft, die wenig standhält,

Nicht durch den alten Widersacher, sondern

Erlöse uns von ihm, der ihr so nachstellt.

Doch diese letzte Bitte, teurer Herr,

Tun wir für uns nicht, die wir’s nicht bedürfen;

Für die Zurückgebliebnen tun wir sie. –

So gingen jene Schatten, gute Wand’rung

Für sich und uns erbittend, von der Last,

Wie man sie manchmal träumt, verschiednermaßen

Geängstigt und erschöpft, den ersten Absatz

Des Berges rings entlang, um von dem Dunste

Des Erdenlebens büßend sich zu läutern.

Wird dorten allzeit so für uns geredet,

Was kann für jene diesseits tun und sagen

Der, dessen Willen hat die rechte Wurzel?

Die Makeln, die sie hier befleckt, zu tilgen

Behilflich soll man sein, daß leicht und lauter

Zu den gestirnten Rädern gehn sie können.

Ach, soll Erbarmen und Gerechtigkeit

Euch bald entlasten und die Flügel lösen,

Euch aufzuschwingen, so wie ihr ersehnet,

Zeigt uns auf welcher Seite man am nächsten

Zur Stiege geht, und sind mehr Weg’ als einer,

So zeigt uns den, der minder steil herabsteigt.

Denn, der hier mit mir kommt, ist ob der Schwere

Des Adamsfleisches, das ihn noch bekleidet,

Zum Steigen, wider seinen Willen, lässig. –

Von wem die Worte kamen, welche Antwort

Auf dessen Rede brachten, dem ich folgte,

Das wurde meinem Ohr nicht offenbar;

Doch wir vernahmen: Geht zur rechten Seite

Gleich uns am Ufer; einen Aufgang werdet,

Der Lebenden ersteigbar, ihr dort finden.

Und wär’ ich von dem Steine nicht behindert,

Der mein hochmütiges Genicke bändigt,

So daß den Blick ich senken muß nach unten,

So möcht’ ich den, der lebt und sich nicht nennet,

Wohl anschau’n, um zu sehn, ob ich ihn kenne,

Und dann ob dieser Last sein Mitleid wecken.

Lateiner war ich, edlen Tuskerstammes,

Wilhelm Aldobrandesco war mein Vater:

Ich weiß nicht, ob ihr je den Namen hörtet.

Mein edles Blut, die ritterlichen Taten

Der Ahnen brachten mich zu solchem Hochmut,

Daß ich, der Mutter aller nicht gedenkend,

Geringe jeden schätzte, und das Leben

Darob verlor, wie die Saneser wissen,

Und alle Kinder Campagnatico’s.

Ich bin Omberto und es bringt der Stolz

Nicht mir nur Schaden; alle meine Vettern

Hat in’s Verderben er gleich mir gezogen.

Und seinethalb muß, weil ich es im Leben

Versäumte, diese Last hier bei den Toten

So lang’ ich tragen, bis ich Gott genug tat. –

Aufhorchend ging ich mit geneigtem Antlitz;

Und ihrer einer, nicht der, welcher sprach,

Verwandte, trotz der Last sich, die ihn drückte.

Als er mich sah, erkannt’ er mich und rief mich,

Indem das Aug’ er mühsam nach mir wandte,

Der neben ihm ich ging gesenkten Hauptes.

Da sagt’ ich: Ach, bist du nicht Oderisi,

Agubbio’s Ehr’ und Ehre jener Kunst,

Die in Paris man nennt: Illuminieren? –

Die Blätter, die der Bologneser Franco

Gemalt, mein Bruder, sprach er, lächeln schöner;

Ihm bleibt die Ehre ganz, mir nur ein Teil.

So anerkennend hätt’ ich nicht geredet,

Weil ich noch lebte, wegen des Verlangens

Hervorzuragen, das mein Herz erfüllte.

Für solchen Hochmut zahl’ ich hier die Buße;

Und hätt’ ich nicht, als ich noch sünd’gen konnte,

Zu Gott mich hingewandt, wär’ ich nicht hier.

O eitler Ruhm der menschlichen Begabung;

Wie schnell vergeht das Grünen seines Gipfels,

Wenn hinter ihm nicht rohe Zeiten folgen!

Das Feld der Malerei zu halten dachte

Einst Cimabuë; jetzt rühmt man nur Giotto,

So daß verdunkelt wird der Ruf des ersten.

So nahm der Sprache Ruhm der eine Guido

Dem andern, und vielleicht ist schon geboren,

Der diesen aus dem Nest wie jenen treibt.

Der Preis der Welt ist nichts als nur ein Hauch

Der bald von hierher bläst und bald von dorther,

Und mit der Richtung seinen Namen ändert.

Nach tausend Jahren ist dein Ruhm nicht größer

Wenn du ergraut dein Fleisch ablegst, als starbst du

Zur Zeit, wo du von »Kikerling« und »Pappen«

Noch sprachest, und, der Ewigkeit verglichen,

Sind jene wen’ger, als ein Blick der Wimpern

Dem Himmelskreise, dessen Drehn das schwächste.

Der Name dessen, der so sachten Schrittes

Hier vor mir schleicht, erfüllt’ einst ganz Toscana;

Jetzt flüstert man ihn kaum noch in dem Siena,

Das sein war, als die Wut der Florentiner

Vernichtet ward, die, wie sie kleinlaut jetzt ist,

Hochfahrend damals war und übermütig.

Es ist eu’r Ruhm so wie des Grases Farbe,

Die kommt und geht, und der heißt sie erbleichen,

Der sie hervorrief aus der rauhen Erde. –

Drauf ich: Gerechte Demut pflanzt in’s Herz mir

Dein wahres Wort und dämpft sein stolzes Aufblähn;

Doch wer ist der, von dem du eben sprachest? –

Das ist, so sagt’ er, Provenzan Salvani,

Hier aber büßt er, daß er sich erkühnte,

Ganz Siena sich allein zu unterwerfen.

Seitdem er starb, geht er in solcher Weise,

Und rastlos geht er fort; mit solcher Münze

Bezahlen muß, wer nach zu Hohem strebte. –

Ich sagte drauf: Wenn, wer mit seiner Reue

Bis zu des Lebens letztem Rande zögert,

Falls wirksame Gebete ihn nicht fördern,

Dort unten wartet und hierher nicht aufsteigt,

Bis soviel Zeit verstrich, als er gelebt hat,

Wie wurde ihm zu kommen schon gestattet? –

Im höchsten Ruhmesglanze, sagte jener,

Lebt’ er, da ließ, bewältigend die Scham,

Er auf dem Marktplatz sich von Siena nieder

Und scheute, um des Freundes Not zu enden,

Die dieser litt von König Karl gefangen,

Sich nicht des Zitterns an jedweder Ader.

Mehr sag’ ich nicht, wenn dunkel auch die Red’ ist;

Doch werden die dir nah stehen so verfahren,

Daß bald du selbst vermagst, sie zu erklären.

Dies Werk befreite ihn von jenen Schranken. –

Zwölfter Gesang

In gleicher Haltung, wie im Joch die Stiere,

Ging ich mit der beladnen Seel’ einher

So lang genehm es war dem süßen Lehrer.

Doch als er sprach: Verlaß ihn und geh’ weiter;

Denn hier soll jeder, wie er’s nur vermag,

Mit Rudern seinen Kahn und Segeln treiben –,

Da richtet’ ich mich völlig wieder auf,

Wie sich’s zum Gehen schickt, ob die Gedanken

Auch noch gesenkt mir und befangen waren.

Schon ging ich wieder, meines Meisters Schritten

Mit Freuden folgend, und der ein’ und andre

Bewährte schon, wie wir so leicht uns fühlten,

Als er mir sagte: Wende deine Blicke

Nach unten; dir den Weg erleichtern wird es,

Betrachtest du das Bette deiner Füße. –

Sowie, um das Gedächtnis der Begrabnen

Zu wahren, über ihnen Leichensteine

Darstellen, wie im Leben sie gewesen

(Weshalb auf Erden manches Mal man weinet,

Ob der Erinn’rung Stachels, der nur denen

Die Sporen gibt, die an der Treue halten),

So sah ich dort, doch nach der Meisterschaft

Der Kunst viel schöner, überdeckt mit Bildern

Was vom Gestein des Berges dient zum Wege.

Vom Himmel niederfallen unter Blitzen

Sah ich zur einen Seite den, der edler

Geschaffen ward, als alle Kreaturen.

Zur andern sah, vom himmlischen Geschosse

Durchbohrt, Briareus ich am Boden liegen,

Vom Todesfroste kalt und unbeweglich.

In Waffen noch sah Mars, Apoll und Pallas

Um ihren Vater stehend, die zerstreuten

Gigantenglieder staunend ich betrachten.

Dann sah, am Fuße seines großen Werkes,

Ich Nimrod stehn und wirr die Völker anschaun,

Die stolz in Sinear mit ihm gewesen.

O Niobe, mit welchem Blick des Schmerzes

Sah, abgebildet auf des Bodens Fläche,

Ich zwischen sieben dich und sieben Kindern.

O Saul, wie todesstarr erschienst du dort,

Gestürzt in’s eigene Schwert, auf Gelboè,

Das seit der Zeit kein Tau mehr netzt und Regen.

Dich sah ich auch, o törichte Arachne,

Schon halb als Spinne, traurig auf den Fetzen

Des Werkes, das du machtest dir zum Unheil.

Rehabeam, wohl schien dein Abbild hier

Nicht mehr zu droh’n; es trug in wildem Schrecken

Ein Wagen ihn dahin, den Unverfolgten.

Der harte Felsgrund zeigte noch, wie teuer

Alkmäon einst den unheilvollen Schmuck

Der Mutter Eriphyle scheinen ließ.

Er zeigte, wie im Tempelheiligtume

Auf Sanherib sich warfen seine Söhne

Und wie sie den Getöteten dort ließen.

Das herbe Ende zeigt’ er und den Hohn,

Womit Tamyris Cyrus strafte, sprechend:

Blutdürstiger! mit Blut will ich dich füllen.

Er zeigte die Assyrer, überwunden

Nach Holofernes’ Tod’, in wilder Flucht,

Und auch der Marter Überreste zeigt’ er.

In Trümmern sah ich Troja und in Asche

O Ilion, wie tief gefallen zeigte

Dein Abbild dich, das dorten ich gewahrte! –

Wer führte so den Griffel oder Pinsel,

Daß auch der feinste Geist erstaunen müßte,

Wie Umriß dargestellt und Schatten waren?

Die Toten schienen tot, Lebend’ge lebend;

Es sah, wer selbst die Wahrheit sah, nicht besser

Als ich, geneigten Haupt’s zu Boden blickend. –

So überhebt euch denn, ihr Evakinder,

Tragt hoch den Kopf und senkt ihn nicht zur Erde,

Sonst würdet ihr gewahr, wie falsch eu’r Weg sey! –

Schon hatten mehr vom Berge wir umwandelt,

Und mehr vom Sonnenpfade war verbraucht,

Als meine Seele, die nicht frei war, wähnte;

Da hub, der stets im Geh’n nach vorwärts spähte,

Zu reden an: Erhebe nun dein Haupt;

So sinnend fortzugehn, ist nicht geziemend.

Sieh’ einen Engel dort, der uns entgegen

Zu kommen sich bereitet; sieh vom Dienste

Die sechste Tagesdienerin entlassen.

Mit Ehrfurcht schmücke Antlitz wie Gebärden,

Daß er hinaufzusenden uns geneige;

Bedenke, daß das Heut nie wieder taget. –

Gewöhnt war ich bereits an seine Mahnung

Die Zeit nicht zu verlieren; dunkel also

Konnt’ er in diesem Punkte mir nicht reden.

Es nah’te sich das liebliche Geschöpf

In Weiß gekleidet, und es schien sein Antlitz

Dem Morgensterne gleich, der strahlend zittert,

Die Arme öffnet’ er und dann die Flügel:

Kommt hierher, sprach er, denn hier sind die Stufen,

Geringe Mühe kostet jetzt das Steigen.

Nur wenige entsprechen solcher Ladung.

Ihr Menschen, die geboren, aufzufliegen,

Was laßt ihr euch von wenig Wind schon werfen? –

Er leitet’ uns zu jenes Felsens Einschnitt;

Da schlug er mit den Flügeln mir die Stirne,

Des Weges sichren Fortgang mir verheißend.

Wie um dort rechts den Berg emporzusteigen,

Auf dem die Kirche, die die Wohlregierte

Beherrscht, erbaut ist, über Rubaconte

Erleichtert wird des Anstiegs jähe Steile

Durch Treppen, angelegt vor alten Zeiten,

Als sicher Stadtbuch noch und Daube waren,

So wird das Ufer, das vom nächsten Kreise

Gar steil sich niedersenket, hier gemildert;

Doch hemmt der hohe Fels zu jeder Seite.

»Gesegnet sind die geistig Armen« sangen

Als in die Kluft wir eingetreten, Stimmen,

So schön, daß keine Red’ es schildern könnte.

Ach wie verschieden sind doch diese Tore

Von denen in der Hölle; mit Gesängen

Tritt hier man ein, und dort mit grimmen Klagen.

Schon stiegen wir empor die heil’gen Stufen

Und leichter, als zuvor ich in der Ebne

Mir vorkam, schien ich mir zu sein um vieles.

Drum sprach ich: Sage Meister, was ist Schweres

Von mir genommen, daß das Gehen jetzo

Anstrengung mich so gut als gar nicht kostet? –

Sind erst die P, die, jetzt schon fast verloschen,

Dir noch im Antlitz blieben, gleich dem einen,

Erwidert’ er, einst völlig ausgetilgt,

So wird der gute Wille deine Füße

So sehr beherrschen, daß emporzusteigen

Sie nicht nur nicht ermüden, sondern freu’n wird. –

Da tat ich denen gleich, die, was am Haupte

Sie tragen selbst nicht wissend, durch die Winke

Vorübergehender bedenklich werden,

Und dann die Hand, sich zu belehren, brauchen,

Die sucht und findet, und das Amt verrichtet,

Dem zu genügen nicht vermag das Auge;

Und mit der rechten Hand gespreizten Fingern

Fand ich der Zeichen, die mir ob den Schläfen

Der Schlüsselträger einschnitt, nur noch sechse.

Drob lächelte, als er es sah, mein Meister.

Dreizehnter Gesang

Zum höchsten Punkt der Treppe waren wir

Gelangt, wo in dem Berg, der die Ersteiger

Von Schuld befreit, ein zweiter Einschnitt ist.

Hier windet um den Hügel sich als Kranz

Ein breiter Weg, der ganz dem ersten ähnlich,

Nur daß sein Umkreis enger ist gebogen.

Nicht Bildwerk ist, nicht Zeichnung dort zu sehen;

Es zeigt das Ufer gleich dem schlichten Boden

Nichts andres, als des Steines düst’re Farbe.

Wenn um zu fragen, Leute wir erwarten,

Begann der Meister, fürchte ich, es möchte

Zu lange uns’re Wahl sich hier verzögern. –

Dann richtet’ er zur Sonne fest das Auge,

Und wandte seines Körpers linke Seite,

Indem als Zentrum ihm die rechte diente.

O süßes Licht, auf welches ich vertrauend

Den neuen Weg betrete, führe du uns,

So sprach er, wie zu geh’n sich hier gebühret.

Du bist es, das die Welt wärmt und erleuchtet;

Es soll dein Strahl, wo kein besondrer Grund

Das Gegenteil befiehlt, uns Führer sein. –

Gemacht schon hatten wir nach ird’scher Rechnung

Wohl eine Miglie Weg’s; doch bei dem Eifer

Der uns beseelte, in gar kurzer Frist.

Da hörten wir, doch ohne sie zu sehen,

Wie Geister uns im Flug’ entgegenschwebten,

Zum Liebesgastmahl süße Ladung rufend.

Sie haben keinen Wein, – so sagte laut

Die Stimme, die zuerst vorüberflog

Und wiederholt’ es hinter uns noch weiter.

Und noch bevor wir sie, ob der Entfernung,

Nicht mehr vernahmen, rief im raschen Fluge

Die zweit’: Ich bin Orest – und zog vorüber.

O Vater sagt ich, was für Stimmen sind das? –

Und während ich noch frug, erscholl die dritte,

Die sagte: Liebet, die euch übel taten. –

Der Meister sagte: Dieser Gürtel züchtigt

Die Schuld des Neides; darum ist die Geißel

Mit Strängen, die die Liebe beut, bewehrt.

In and’rem Sinne muß der Zügel lauten;

Vernehmen wirst du’s, wenn ich recht vermute,

Eh’ du zum Ausgang, der da sühnt, gelangest.

Doch richte vorwärts, aufmerksam die Augen

Und sitzen siehst du eine Reihe Schatten,

Von denen jeder an die Felswand lehnet. –

Da öffnet’ ich mehr als zuvor die Augen,

Und Leute sah ich angetan mit Mänteln,

Nicht unterschieden von des Steines Farbe.

Als etwas weiter wir gegangen waren,

Da hört ich rufen: Bitt’ für uns Maria,

Und Petrus, Michael und alle Heil’gen. –

Wohl glaub’ ich, daß auf Erden niemand wandelt

So harten Herzens, daß ihn nicht das Mitleid

Bei dem, was ich nun sah, ergriffen hätte;

Denn als so nah zu ihnen ich gelangt war,

Daß ihre Haltung sicher ich erkannte,

Brach bitt’rer Schmerz hervor aus meinen Augen.

Mit grobem Haartuch waren sie bekleidet

Und auf des Nächsten Schulter stützte jeder

Sich, wie das Felsenufer alle stützte.

So sieht die Blinden man, die Mangel leiden,

Wenn sie beim Ablaß Gaben sich erbitten,

Sein Haupt den einen auf den andren lehnen,

Damit noch neben ihrer Worte Inhalt

Der Anblick, der nicht minder dringend bittet,

In fremden Herzen rasch das Mitleid wecke.

Und wie den Blinden nichts die Sonne fruchtet,

So will das Himmelslicht an jenem Orte

Den Schatten nichts von seinem Glanz gewähren;

Denn aller Augenlid durchbort ein Draht

Und schließt es also wie dem wilden Sperber

Zu tun man pflegt, damit er ruhig bleibe.

Mir kam es vor, als ob ich Unrecht tue,

Wenn, ungesehn, die and’ren ich beschaute;

Drum wandt’ ich mich zu meinem weisen Rater.

Und da er den noch Stummen schon verstand,

Erwartet’ er nicht erst, daß ich ihn früge

Und sagte: Rede kurz denn und verständig. –

Virgil ging neben mir auf jener Seite,

Wo man gefährdet ist hinabzufallen,

Weil Raum für keinen Rand das Ufer läßt.

Zur and’ren Seite saßen still ergeben

Die Schatten, welche durch die grause Nat

So preßten, daß sich ihre Wangen netzten.

Ich wandte mich zu ihnen und begann:

O Seelen, sicher, einst das Licht zu schauen,

Nach dem allein sich eu’r Verlangen richtet,

Soll Gnade bald den letzten Schaum zerstreuen,

Der eu’r Gewissen trübet, so daß helle

Die Rückerinn’rung in ihm niederfließe,

So sagt mir, ob Lateinerin nicht eine

Hier unter euch ist; mir wär’ es willkommen,

Und fruchten könnt es ihr, wenn ich’s erfahre. –

O Bruder, Bürgerin ist hier jedwede

Der einen wahren Stadt; doch willst du sagen,

Ob ein’ als Pilgerin in Wälschland lebte. –

Die Worte glaubt’ ich etwas weiterhin,

Als wo ich stand, zur Antwort zu vernehmen,

Weshalb mein Vorgehn ich bemerklich machte.

Da sah ich einen Schatten, dem das Warten

Man ansah, und wenn jemand früg’: An was denn?

So sag’ ich, Blinden gleich, erhob das Kinn er.

Geist, der um aufzusteigen, Qualen duldet,

Bist du’s, begann ich, der mir Antwort gab,

So mach durch Namen oder Ort dich kenntlich. –

Ich war aus Siena, sprach er, und mit allen,

Die hier sind, läutr’ ich mich vom schuld’gen Leben,

Daß Gott sich uns gewähr’, in Tränen bittend.

Sapía ward ich zwar genannt; doch weise

War ich so wenig, daß der Schaden and’rer

Mehr als mein eigner Vorteil mich erfreute.

Damit du nicht, daß ich dich täusche glaubest,

So höre selbst, wie töricht ich gewesen:

Schon neigte abwärts sich mein Lebensbogen

Als meine Landsgenossen dort bei Colle

Mit ihrer Feinde Heer zusammenstießen.

Da bat ich Gott um das, was er beschlossen.

Geschlagen wurden sie und in die Schritte

Der bitt’ren Flucht gejagt, und meine Freude,

Als ich die Flücht’gen sah, war außer Maßen,

So daß empor die kecke Stirn ich wandte

Und rief: O Gott, nun fürcht’ ich dich nicht länger;

Wie wegen wenig Sonnenscheins die Amsel.

Am Ende meines Lebens sucht’ ich Frieden

Mit Gott; doch würde meine Schuld durch Buße

Noch sich zu mindern nicht begonnen haben,

Wenn nicht in seinen heiligen Gebeten

Sich aus Erbarmen Peter Pettinagno

Fürbittend meiner oft erinnert hätte.

Doch wer bist du, der du nach uns’rem Zustand

Mit ungebundnem Auge also fragest,

Und bei dem Sprechen, wie ich glaube, atmest? –

Das Auge wird auch mir geraubt hier werden;

Doch kurze Zeit nur, sagt’ ich, denn die Sünde,

Die neidisch blickend es verübt, ist klein nur.

Viel größre Furcht indes hält meine Seele

Befangen vor der Qual im vor’gen Kreise

Und drücken fühl’ ich schon die Last dort unten. –

Und sie zu mir: Wer führte hier herauf dich,

Wenn du nach unten denkst zurückzukehren? –

Und ich: der mir zur Seite geht und schweiget.

Lebendig bin ich; drum, erwählter Geist,

Verlange nur, wenn dir daran gelegen,

Daß jenseits ich für dich den Fuß noch rege. –

So neu ist was du sagst und unerhört,

Sprach sie, daß es bezeugt, Gott liebe dich;

Drum denke manchmal in Gebeten meiner.

Auch bitt’ ich dich bei dem, was du vor allem

Ersehnst, daß, kommst du jemals nach Toscana,

Du meinen Ruf dort herstellst bei den Meinen.

Du findest sie bei dem leichtsinn’gen Volke,

Das noch vergeblicher, wie bei dem Suchen

Der Diana, Hoffnung baut auf Talamone;

Doch schlimmer geht es noch den Admiralen. –

Vierzehnter Gesang

Wer ist es, der bevor der Tod ihm Flügel

Geliehen, also uns’ren Berg umkreiset

Und nach Gefall’n die Augen schließt und auftut? –

Ich weiß es nicht; doch ist er nicht allein.

Sprich du ihn an, denn du bist ihm der Näh’re;

Und rede so, daß gern er Antwort gebe. –

So sprachen über mich zu uns’rer Rechten

Zwei Geister, einer zugeneigt dem andren;

Dann hoben das Gesicht sie, um zu reden.

Und einer sagte: Seele, die im Körper

Noch weilend, du entgegengehst dem Himmel,

Gib uns’ren Bitten nach und laß uns hören

Woher und wer du seist; denn so verwundert

Die Gnad’ uns, die dir ward, wie einem Dinge,

Das nie zuvor gesehen ward, sich gebühret. –

Drauf sagt’ ich: Mitten durch Toscana wandert

Ein Flüßchen, das entspringt am Falterona

Und dem nicht hundert Miglien Laufs genügen;

Von seinem Ufer bring’ ich diesen Leib.

Vergeblich wär’, euch wer ich sei zu sagen,

Da noch mein Name nur geringen Klang hat. –

Verkörpert mein Verständnis richtig deinen

Gedanken, sagte, der zuvor gesprochen,

So meinst mit deiner Rede du den Arno. –

Der and’re aber sprach zu ihm: Weswegen

Verbarg er nur den Namen jenes Flusses,

Wie man mit grauenhaften Dingen tut? –

Darauf erwiderte der so Gefragte:

Ich weiß es nicht; doch weiß ich, wohl verdiente

Den Untergang der Name dieses Tales.

Wird doch von seinem Anfang, wo die Kette,

Von der Pelorum losgerissen wurde,

An Quellen reicher ist, als irgend sonst wo,

Bis dahin wo zu dem Ersatz des Nasses

Es beiträgt, das vom Meer der Himmel aufsaugt

Und dann den Flüssen ihren Inhalt spendet,

Von jedermann die Tugend so als Feindin

Verscheucht, wie gift’ge Schlangen; sei’s die Schuld

Des Bodens, sei es Unsitt’, ihnen eigen.

Gewandelt haben deshalb die Bewohner

Des argen Tals so gänzlich ihre Weise,

Als wären sie in Circe’s Kost gewesen.

Den armen Pfad lenkt zwischen wüsten Schweinen

Zuerst es, denen, mehr als Menschenspeise,

Zur Nahrung Eichelmast geziemen würde.

Dann findet es im Niedersteigen Kläffer,

Viel knurriger, als ihrer Macht gemäß ist;

Doch denen kehrt verächtlich es den Rücken.

Und weiter senkt der maledeite Graben,

Der unheilvolle, sich, und wie er anschwillt,

Sieht er die Hunde sich in Wölfe wandeln.

Zuletzt, durch düst’re Schlünd’ hinabgestiegen,

Trifft er auf Füchse, die so voller Trug sind,

Daß auch der Schlau’ste sie nicht überlistet.

Wer mich auch hört, ich rede drum nicht minder,

Und gut wird’s jenem sein, gedenkt dereinst er

An das, was ein wahrhafter Geist mir kundtut.

Ich sehe deinen Enkel an dem Ufer

Des argen Strom’s als Jäger jener Wölfe,

So daß sie alle sich darob entsetzen.

Ihr Fleisch verkauft er, während sie noch leben;

Dann, wie ein altes Raubtier, würgt er sie.

Das Leben raubt er vielen, sich die Ehre;

Den traur’gen Wald verläßt er blutbesudelt,

Verwüstet also ihn, daß ein Jahrtausend

Nicht hinreicht, wie zuvor ihn zu bestocken. –

Wie bei Verkündigung von Schmerz und Schaden

Das Angesicht des Hörers sich verfinstert,

Woher auch immer die Gefahr ihm drohe,

So sah die andre Seel’ ich, welche hörend

Aufmerkte, voller Trauer sich verfärben,

Als jenes Wort sie in sich aufgenommen.

Begierig machten mich nach ihren Namen

Der einen Rede und der andren Mienen;

Darum verband mit meiner Frag’ ich Bitten.

Der Geist, der allererst zu mir gesprochen,

Begann: Du willst, daß ich bereit mich finde,

Dir, was du selbst nicht tun willst, zu gewähren;

Doch, weil es Gott gefällt, daß seine Gnade

So aus dir leuchte, karg’ auch ich nicht, drum

Vernimm, daß Guido ich del Duca bin.

Es war mein Blut so sehr entbrannt von Neide,

Daß mich entstellt der Scheelsucht Farbe hätte,

Hätt’ ich in fremdem Auge Freud’ entdeckt.

Von meiner Aussaat ernt’ ich solches Stroh

Was wendet, Menschen, dorthin ihr das Herz,

Wo der Genossenschaft Verbot notwendig?

Der ist Rinieri, Ruhm und Preis des Hauses

Der Calboli, in dem, seit er gestorben,

Kein Erbe seiner Tüchtigkeit sich fand.

Und nicht nur seinem Blute kam abhanden

Vom Po zum Berge und vom Strand zum Reno

Was nötig ist zum Wahren wie zur Freude;

Das ganze Land ist zwischen diesen Grenzen

Von giftigem Gesträuch so dicht verwachsen,

Daß Axt und Pflugschar jetzt zu nichts mehr nützen.

Wo sind Pier Traversar, der gute Lizio

Heinrich Mainardi, Guido von Carpigna?

Wie seid, o Romagnolen, ihr entartet!

Wann keimt ein Fabbro in Bologna wieder.

Ein Bernardin di Fosco in Faenza,

Als edles Reis von unscheinbarem Grase?

Nicht wund’re dich, Toscaner, daß ich weine,

Denk’ ich mit Guido, dem von Prata, dessen

Der mit uns lebte, Ugolin’s von Azzo,

Friedrich Tignoso’s und des Freundekreises,

Der Häuser Traversar’ und Anastagi

(Das eine unbeerbt sowie das andre),

Der Ritter und der Frau’n, der Müh’n und Freuden,

Die uns zu Minn’ und edler Sitte führten,

Wo jetzt die Herzen so verderbt geworden.

O Brettinoro, was entfliehst du nicht,

Da sich dein Herrenhaus von dir gewendet,

Der Bosheit zu entgehn und mit ihm viele?

Wohl tut Bagnacaval, wenn sich’s nicht fortpflanzt,

Doch übel Castrocar’ und schlimmer Conio,

Daß sich’s auf solcher Grafen Zeugung einläßt.

Gut werden die Pagani tun, sobald erst

Ihr Teufel fort ist; doch nicht in dem Maße,

Daß je von ihnen rein das Zeugnis bliebe.

Dein Name, Ugolin de’ Fantolini,

Ist sicher, da kein Sproß mehr zu erwarten,

Der durch Entarten ihn verdunkeln könnte.

Nun aber geh, Toscaner, denn mich freut jetzt

Um vieles mehr, zu weinen, als zu reden,

So sehr hat dies Gespräch mein Herz befangen. –

Wir wußten wohl, daß diese teuren Seelen

Es hörten, wie wir gingen; darum hießen

Sie schweigend, unsrem Wege uns vertrauen.

Als vorwärts schreitend wir allein uns fanden,

Vernahmen einen Ruf wir uns entgegen,

Dem Blitze gleich, wenn er die Luft durchbricht:

Totschlagen wird mich jeder, der mich antrifft; –

Und er entschwand, verhallend wie der Donner,

Wenn ungestüm die Wolke er zerreißt.

Kaum hatte unser Ohr von diesem Ruhe,

Da kam ein zweiter mit so lautem Schalle,

Daß er dem Donner glich, der schleunig nachfolgt:

Aglauros bin ich, die zum Stein geworden. –

Da tat, um mich dem Dichter anzuschmiegen,

Statt vorzuschreiten, ich den Schritt zurücke.

Schon war die Luft nach jeder Seite ruhig

Und jener sprach: Das war der harte Zaum,

Der euch in euren Schranken sollte halten;

Doch ihr greift nach dem Köder, und die Angel

Des alten Widersachers zieht euch zu ihm,

So daß gar wenig Ruf und Zügel fruchten.

Es ruft der Himmel euch, der euch umkreisend,

Euch seine wandellose Schönheit zeiget,

Und dennoch blickt eu’r Auge nur zur Erde;

Drum züchtigt euch, der alles recht erkennt. –

Fünfzehnter Gesang

Soviel als bis zum Schluß der dritten Stunde

Seit dem Beginn des Tages von der Sphäre,

Die stets nach Kindesweise spielt, zu sehn ist,

So viel von ihrem Laufe schien der Sonne

Beim Nah’n des Abends übrig noch geblieben;

Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht.

Es traf ihr Strahl uns mitten auf die Stirne

Denn soweit war der Berg von uns umwandelt,

Daß wir genau nun gegen Abend gingen.

Da fühlt’ ich meine Augen von dem Glanze

Um vieles mehr noch als zuvor beschweret

Und staunen machte mich das Unbekannte.

Drum hob ich zu der Höhe meiner Brauen

Die beiden Hände, mir als Schirm zu dienen,

Der dem Gesichtskreis das Zuviel verschränke.

Wie, wenn vom Wasser, oder von dem Spiegel

Der Strahl zurückprallt auf die Gegenseite,

Er, wie Erfahrung lehrt und Wissenschaft,

So wie er einfiel, so auch wieder aufsteigt,

Und von dem Fall des Stein’s in gleicher Weise,

Wie kommend er getan, im Gehen abweicht,

So glaubt’ ich mich von einem Licht getroffen,

Das dort vor mir zurückgeworfen würde,

Weshalb zur Flucht sich schnell mein Auge wandte.

O süßer Vater, was ist das, wogegen

Ich mit Erfolg nicht schirmen kann das Auge,

Und das, so scheint es, auf uns zukommt? – sagt’ ich.

Erstaune nicht, wenn dich des Himmels Diener

Für jetzt noch blenden, gab er mir zur Antwort,

Ein Bot’ ist’s, der zum Höhersteigen ladet.

Bald wird das Anschau’n solcher Dinge dir

Nicht mehr Beschwer, nein, so viel Freude geben,

Als zu empfinden dir Natur gewährte. –

Wie wir zum benedeiten Engel kamen,

Sprach er mit froher Stimme: Tretet hier ein!

Bequemer als die and’ren ist die Treppe. –

Wir stiegen auf, und hörten hinter uns:

Gebenedeit sind die Barmherz’gen singen

Und ferner: Freue dich, du, der du siegest. –

So gingen wir allein, ich und mein Meister,

Nach oben, und ich dachte, daß im Gehen

Ich Vorteil könnte ziehn aus seinem Worte.

Drum wandt’ ich mich an ihn mit dieser Frage:

Was meinte wohl der Schatten aus Romogna,

Genossenschaft erwähnend und Verbot? –

Drauf er zu mir: Von seiner größten Sünde

Kennt er den Schaden; wenn er sie nun schilt,

Daß minder man drum weine, ist’s kein Wunder.

Weil eu’r Verlangen dahin sich gerichtet,

Wo durch Genossenschaft der Teil gekürzt wird,

Bewegt der Neid den Blasebalg der Seufzer.

Doch, wenn die Liebe zu dem höchsten Kreise

Gewandt nach oben eu’r Verlangen hätte,

So spüret in der Brust ihr jene Furcht nicht.

Je mehr es sind, die droben »unser« sagen,

Um so viel mehr an Gut besitzt ein jeder,

So reichere Liebe brennt in jenem Kloster. –

Entfernter bin ich der Befriedigung,

Sagt’ ich, als wenn ich ganz geschwiegen hätte,

Und größ’ren Zweifel berg’ ich in der Seele.

Wie kann es sein, daß ein verteiltes Gut

Den mehreren Besitzern mehr von sich

Gewähre, als wenn Wen’ge es besäßen? –

Und er zu mir: Indem du die Gedanken

Nur auf die ird’schen Dinge richtest, glaubst du,

In wahrem Licht nur Finsternis zu sehen.

Das Gut dort oben, welches unaussprechlich

Ist und unendlich, eilt der Lieb’ entgegen,

Wie sich der Strahl zum lichten Körper wendet.

Je nach dem Maß der Glut gewährt es sich,

So daß, wie sehr die Liebe sich erweitert,

So sehr die ew’ge Kraft darüber fortwächst.

Je mehr der Herzen droben sich begegnen,

Je mehr ist liebenswert und wird geliebet,

Und, Spiegeln gleich, teilt einer mit dem andern.

Doch tilgt dir meine Rede nicht den Hunger,

So harre Beatrice’s, die, wie jedes,

Auch dies Verlangen ganz dir stillen wird.

Bemüh’ dich nur, daß, so wie schon die beiden,

Auch die fünf andren Wunden bald getilgt sind,

Die, um je mehr sie schmerzen, schneller heilen. –

Nun hast du mich befriedigt –, wollt’ ich sagen,

Da sah ich mich gelangt zum andren Kreise,

Drum hieß in Schaulust mich das Auge schweigen.

Da war’s, als ob in plötzlicher Verzückung

Zu einem Bild’ ich hingerissen würde

Und viele Leute säh’ in einem Tempel.

Ein Weib trat eben ein, aus deren Zügen

Die Mutterliebe sprach, und diese sagte:

Warum, mein Sohn, hast du uns das getan?

Denn, sieh, ich und dein Vater haben beide

Mit Schmerzen dich gesucht. – Und wie sie schwieg,

Verschwand das Bild, das mir zuerst erschienen.

Dann sah ein andres Weib ich, deren Wangen

Das Wasser netzte, das der Schmerz hervorruft,

Den große Kränkung in der Brust entzündet.

Sie sprach: Bist wirklich du der Stadt Gebieter,

Um deren Namen sich die Götter stritten

Und die das Licht jedweden Wissens ausstrahlt,

So räche dich an den verweg’nen Armen,

Pisistratus, die unser Kind umfangen. –

Wohlwollend schien der Herr mir d’rauf und milde

Ihr zu entgegnen mit gelass’nen Zügen:

Verdammen den wir, der uns liebt, was sollen

Mit dem wir machen, der uns Unheil anwünscht? –

Dann sah, entflammt von Zornes Glut ich Männer,

Die laut einander zuschrien: Töte, töte!

Nach einem Jüngling Stein auf Steine werfen.

Ihn aber sah ich bei des Todes Nahen,

Der Kraft beraubt, sich still zur Erde neigen;

Doch seine Augen blieben Himmelspforten

Und mit dem Ausdruck, der Erbarmen aufschließt,

Bat er den Herrn im schweren Kampf, er möge

Die Sünde den Verfolgern nicht behalten.

Als mein verzückter Geist dann zu den Dingen,

Die äuß’re Wahrheit haben, wiederkehrte,

Erkannt’ ich mein, nicht trügerisches, Irren.

Mein Führer sah, wie ich mich gleich dem Manne

Gebahrte, der sich von dem Schlafe losmacht,

Und sprach: Unsicher ist dein Gang. Was ist dir?

Schon mehr als ein halbe Stunde gehst du

Geschloss’nen Auges und mit irrem Fuße

Gleich dem, den Wein bewältigt, oder Schlummer. –

O süßer Vater, wenn du mir Gehör gibst,

Sagt’ ich, bericht’ ich dir, was mir erschienen,

Als ich unmächtig meiner Füße war. –

Und er: Bedecktest du mit hundert Larven

Dein Angesicht, so wären mir die kleinsten

Gedanken, die du heg’st, doch nicht verborgen.

Was du gesehn, bereit sollt’ es dich machen,

Dein Herz den Friedenswässern aufzuschließen,

Die aus der ew’gen Quelle sich verbreiten.

»Was ist dir?« frug ich nicht aus gleicher Ursach,

Wie wer nur mit dem Auge sieht, das blind wird,

Sobald entseelt der Leib am Boden liegt;

Nur deinen Füßen Kraft zu geben, frug ich.

So stacheln soll die Faulen man, die träg sind

Die Wachezeit zu nutzen, wenn sie da ist. –

Den lichten, abendlichen Strahlen gingen

Entgegen wir, und unsre Augen strebten

Vorwärts zu schauen, soweit als sie vermochten.

Und sieh: ein Rauch kam näher uns und näher,

Der uns so dunkel schien als wie die Nacht.

Auch fehlt’ an Raum es, um ihm auszuweichen.

Der nahm die reine Luft uns und die Augen.

Sechzehnter Gesang

Der Hölle Dunkel, oder das der Nacht

Die kein Planet erhellt und deren Himmel

Von dichtestem Gewölke ganz verhüllt ist,

Sie webten meinem Auge dünn’re Schleier,

Als wie der Nebel, der uns dort bedeckte,

Und schienen dem Gefühle minder scharf;

Denn offen konnt’ ich nicht das Auge halten.

Weshalb mein treuer kundiger Begleiter

Mir nahetretend mir die Schulter darbot,

Und wie der Blinde seinem Führer nachgeht,

Daß er fehlgehend nicht auf Dinge stoße,

Die ihm beschwerlich sind, vielleicht gar tötlich,

So ging ich durch die herbe, schmutz’ge Luft,

Dem Führer lauschend, der beständig sagte:

Hab’ acht nur, daß du nicht von mir getrennt wirst. –

Ich hörte Stimmen, und mir schien, daß jede

Zum Lamme Gottes, das die Sünden trägt,

Um Frieden bete und Barmherzigkeit.

»O du Lamm Gottes!« So begann ein jeder.

Gleich war das Wort und gleich die Weise aller,

Vollkomm’ne Eintracht schien sie zu verbinden.

Sind Schatten, Meister, was ich höre? – frug ich.

Und er zu mir: Es ist, wie du vermutest;

Des Zornes Knoten streben sie zu lösen. –

Wer bist denn du, der unsren Rauch durchschneidet

Und von uns redend dich nicht anders ausdrückst,

Als teiltest du die Zeit noch nach Kalenden? –

Also ließ eine Stimme sich vernehmen,

Weshalb mein Meister sprach: Antworte du

Und frag’ auch, ob nach oben dies der Weg ist. –

Und ich: O Kreatur, die du dich reinigst,

Um schön zu deinem Schöpfer heimzukehren,

Gehst du mit mir, so wirst du Wunder hören. –

Begleiten will ich dich so weit ich darf,

Sprach er, und wenn der Rauch das Sehn nicht zuläßt,

So wird das Ohr uns doch beisammen halten. –

Drauf hub ich an: Mit eben dem Gewande,

Das durch den Tod zerstört wird, steig’ ich auf

Und hierher kam ich von der Hölle Qualen.

Hat mich denn Gott so sehr in seine Gnade

Geschlossen, daß er seinen Hof mich sehn läßt

Ganz gegen den Gebrauch der neuern Zeiten,

So birg mir nicht, wer lebend du gewesen

Und sag’ auch, ob ich recht zum Aufgang gehe;

Dann sollen deine Wort’ uns Führer werden. –

Lombarde war ich; Marco war mein Name,

Gekannt hab’ ich die Welt, geehrt die Tugend,

Nach der jetzt niemand mehr den Bogen spannt.

Du gehst den rechten Weg, um aufzusteigen. –

Nach dieser Antwort sagt’ er noch: Ich bitte,

Daß, wenn du oben bist, du für mich bittest. –

Und ich: Bei meinem Wort gelob’ ich dir,

Zu tun, was du begehrst; doch ich vergehe

Vor einem Zweifel, bis er mir gelöst wird.

Erst war einfach und nun ward er doppelt

Durch deine Rede, welche mir bestätigt

Das sonst Gehört’, an das ich jene knüpfe.

Wohl ist, so wie du sagst, von jeder Tugend

Die Welt verlassen, und von arger Bosheit

Ganz überdeckt und von noch weit’rer trächtig,

Doch bitt ich dich, die Ursach’ mir zu künden,

Daß ich sie sehn und and’ren weisen könne;

Im Himmel sucht sie der, hienieden jener. –

Erst seufzt’ er tief, und seinen Seufzer streckte

Der Schmerz zum »Wehe!« Dann begann er: Bruder,

Die Welt ist blind, und wohl kommst du von ihr.

Ihr Lebenden, ihr schiebt die Schuld von allen

Nur auf den Himmel droben, als ob seiner

Bewegung jegliches gehorchen müßte.

Vernichtet wäre, wenn sich’s so verhielte,

In euch die Willensfreiheit, und nicht Recht,

Daß Gutem Lohn und Bösem Strafe nachfolgt.

Der Regung Anbeginn kommt euch vom Himmel;

Nicht jeder Regung sag’ ich, sagt’ ich’s aber,

So ward euch Licht für Gutes und für Böses

Und freier Wille, der, wenn auch ihm Mühe

Die ersten Kämpfe mit dem Himmel kosten,

Wird er gekräftigt, alles überwindet.

Denn größ’re Kraft und bessere Natur

Regiert als Freie euch, von dieser habt ihr

Die Seele, der der Himmel nicht gebietet.

Drum, wenn die Welt vom rechten Weg itzt abirrt,

So liegt der Grund in euch, bei euch nur sucht ihn;

Davon will ich dir wahre Kundschaft geben.

Aus dessen Hand, der liebend sie betrachtet

Eh sie noch ist, geht, einem Kinde gleich,

Das mit dem Weinen spielt, wie mit dem Lachen,

Hervor die Seele, die in Einfalt nichts weiß,

Als daß, entsprossen einem frohen Schöpfer,

Sie gern zu dem was sie ergötzt sich wendet.

Erst findet sie Geschmack an kleinem Gute,

Das sie nur täuscht; doch eilt sie es zu haschen,

Wenn ihre Lust nicht Zaum noch Führer wenden.

Drum war der Zügel des Gesetzes nötig;

Drum mußt’ ein König sein, daß er den Turm

Der wahren Stadt doch mindestens erkenne.

Gesetze gibt’s, doch wer ist’s der sie handhabt?

Nicht einer; weil der Hirte, der vorangeht,

Wohl wiederkäut, doch nicht die Klauen spaltet.

Sieht nun das Volk den Führer nach dem Gute

Nur trachten, das es selber lüstern macht,

So nährt sich’s d’ran und sehnt sich nicht nach and’rem.

Erkennen kannst du, daß die schlechte Leitung

Die Ursach ist, warum die Welt so schlecht ward,

Und nicht in euch entartete Natur.

Das Rom, das einst die Welt zum Guten lenkte,

Zwei Sonnen hatte es, die beide Wege,

Den für die Welt und den zu Gott hin, zeigten.

Nun hat die eine ausgelöscht die andre,

Verbunden ist das Schwert dem Hirtenstabe;

Und weil, vereint, nicht eins das andre fürchtet,

Bringt ihr Zusammengehn notwendig Schaden.

Glaubst du mir nicht, so sieh’ nur auf die Ähren,

Denn jedes Kraut kennt man an seinem Samen.

Im Lande, welches Etsch und Po benetzen,

War Tapferkeit und Rittersinn zu Hause,

Eh Friedrich seinen Zwist dort ausgefochten.

Jetzt könnte unbesorgt das Land durchreisen,

Wen etwa Scham bewöge, die Begegnung

Und das Gespräch der Guten zu vermeiden.

Noch leben dort drei Greise, als ein Vorwurf

Der alten an die neue Zeit; sie hoffen,

Daß Gott sie bald zu bess’rem Leben rufe:

Der gute Gerhard, Conrad da Palazzo

Und Guido da Castel: ich nenn’ ihn lieber

Nach Frankenart, den einfachen Lombarden.

Nun magst du sagen, daß die Kirche Rom’s

In sich vereinend die zwei Regimente,

Zur Erde fällt, sich und die Last beschmutzend. –

Mein Marco, sagt’ ich drauf, du folgerst richtig,

Und nun erkenn’ ich, warum von dem Erbe

Die Kinder Levi ausgeschlossen wurden;

Doch welcher Gerhard ist’s, von dem du sagest,

Daß er, als Prob’ erloschener Geschlechter,

Ein Vorwurf unsrer Zeit blieb, die verwildert? –

Entweder täuschet, oder prüft dein Wort mich,

Antwortet’ er, wenn du, toskanisch redend,

Vom guten Gerhard nichts zu wissen scheinest.

Ich kenn’ ihn unter keinem andren Namen,

Nähm’ ich ihn nicht von seiner Tochter Gaja.

Gott sei mit euch; nun folg ich euch nicht weiter.

Sieh’ wie die Helle schimmernd durch den Rauch

Schon leuchtet; Zeit ist’s, daß ich euch verlasse,

Eh mich der Engel sieht, der dort verweilet. –

So kehrt’ er um und wollte nichts mehr hören.

Siebzehnter Gesang

Erinn’re Leser dich, wenn im Gebirge

Dich je ein Nebel überfiel, durch den du

Nicht anders sahst, als durch das Fell der Maulwurf,

Wie dann, wenn erst die dichten feuchten Dünste

Zu lockern sich beginnen, schwachen Scheines

Das Licht der Sonnenscheibe durch sie eindringt,

Dann wird es ohne Mühe dir gelingen,

Dir vorzustellen, wie zuerst die Sonne

Ich wiedersah, die eben unterging.

So trat ich, nach des Meisters sich’ren Schritten

Mich richtend, aus der Wolke in die Strahlen,

Die schon am nied’ren Uferrand erstarben.

Einbildungskraft, die du uns manches Mal

Uns selber so entrückst, daß wirs nicht hörten,

Ob um uns tausendfach Posaunen klängen,

Wer regt dich an, da dich der Sinn nicht wachruft? –

Ein Licht ist’s, das bald aus sich selbst der Himmel

Gebildet, bald ein höhrer Wille sendet.

In meiner Vorstellung erschien ein Abbild

Der Bosheit jener, die sich in den Vogel

Verwandelt, den zumeist erfreut das Singen.

Und so sehr war in sich zurückgezogen

Mein Geist, daß keine Art von äuß’rem Eindruck

Er damals in sich aufgenommen hätte.

Es stürzte in die hohe Phantasie

Dann ein Gekreuzigter, nach seinem Aussehn

Stolz und erzürnt, und ebenso verschied er.

Es standen um ihn Ahasver, der große,

Esther, die Königin, und Mardochai,

Der so gerecht im Handeln war und Reden.

Als dann dies Bild von selbst, wie es gekommen,

Verschwunden war, gleichwie, sobald das Wasser,

Das sie umhüllte, fehlt, zerspringt die Blase,

Erschien in meiner Vision ein Mädchen,

Das heftig weinend rief, o Königin,

Warum hast zürnend du dich selbst vernichtet?

Lavinien nicht zu lassen, tötetest

Du dich; jetzt hast du mich verlassen, Mutter,

Und deinen Sturz betraur’ ich vor dem fremden. –

So wie der Schlaf, wenn er vom neuen Lichte,

Das plötzlich die geschloss’nen Augen trifft,

Verscheucht wird, eh’ er ganz entschwindet, nachzuckt,

Also versanken diese inn’ren Bilder,

Sobald ein Lichtglanz mir das Antlitz traf,

Um vieles größer, als wir ihn gewohnt sind.

Ich wandte mich zu sehen, wo ich wäre;

Da hört’ ich sagen: Hier steigt man hinauf. –

Darob vergaß ich jedes andre Denken.

Und so begierig wurde mein Verlangen,

Mit Augen den zu sehn, der so gesprochen,

Daß nicht geruht es, ohn’ Erfüllung, hätte.

Doch wie die Sonne unsren Blick bewältigt

Und uns ihr Bild durch Übermaß verschleiert,

So reichte dort auch meine Kraft nicht hin.

Ein gottgesandter Geist, der ungebeten

Den Weg hinaufzugehn uns anweist, ist es

Und er verbirgt sich in dem eignen Lichte.

Er hilft uns so, wie jedermann sich selber;

Denn, wer die Not sieht, und auf Bitten wartet,

Der denkt böswillig schon an das Verweigern.

Laß solcher Ladung uns’ren Fuß denn folgen.

Beschleun’gen wir das Steigen, eh’ es Nacht wird;

Unmöglich wär’s nachher bis Tages Anbruch. –

So sprach mein Führer und die Schritte wandten

Wir beide, er und ich, der Treppe zu,

Und als ich kaum erreicht die erste Stufe,

Fühlt’ ich mir nahe wie ein Flügelschlagen,

Gleich Windshauch im Gesicht, und: selig sind,

Die ohne Zorn friedfertig sind –, so tönt’ es. –

Schon waren über uns die letzten Strahlen,

Auf welche dann die Nacht folgt, so erhaben,

Daß Sterne hin und wieder uns erschienen,

O meine Kraft, was schwindest du mir so? –

Sagt’ ich zu mir, als ich die Kraft der Füße

So unerwartet mir versagen fühlte.

Wir waren da, wo nicht weiter aufwärts

Die Treppe steigt, und fühlten uns gehalten

Dem Schiffe gleich, das auf den Strand gelaufen.

Erst horcht’ ich eine Weile, ob vielleicht

Im neuen Kreis’ ich etwas hören möchte.

Dann sagt’ ich, meinem Meister zugewendet:

O süßer Vater, welche Übertretung

Wird in dem Kreis gebüßt, in dem wir weilen?

Nicht ruhe, ruht der Fuß, auch deine Rede. –

Und er zu mir: Ergänzt wird hier die Liebe

Zum Guten, die an’s Maß der Pflicht nicht reichte;

Hier schlägt man neu das schlaff geführte Ruder.

Doch, daß noch völliger du mich verstehest,

So wende deinen Geist mir zu; ergiebig

An guter Frucht wird dann dir unser Weilen.

So wenig das Geschöpf, als wie der Schöpfer

War, wie du selber weißt, je ohne Liebe,

Die bald Natur und bald der Wille einflößt.

Die Liebe von Natur kann niemals irren;

Die andre kann es wegen schlechten Zieles

Und allzu schwacher und zu großer Kraft.

Ist auf die ersten Güter sie gerichtet,

Und hält sie in den niedren rechtes Maß,

So kann sie nimmer schlechte Lust erzeugen;

Doch, kehrt sie sich zum Bösen, oder strebt sie

Zum Guten übereifrig oder lässig,

So wirkt dem Schöpfer das Geschöpf entgegen.

Hieraus kannst du entnehmen, daß die Liebe

In euch der Samen ist jedweder Tugend

Und jeder Handlung, welche Strafe fordert.

Weil nun die Liebe nimmer von dem Heile

Der eignen Wesenheit sich wenden kann,

Sind vor dem Selbsthaß alle Dinge sicher.

Und weil kein Wesen sich getrennt vom höchsten

Und nur auf sich beruhend, denken läßt,

Kann sich der Haß nie gegen jenes kehren.

So bleibt denn, teil’ ich anders richtig ein,

Daß man des Nächsten Unheil liebt, und dreifach

Kann solche Lieb’ entstehn in eurem Staube.

Der eine hofft vom Niedergang des Nächsten

Die eigene Erhebung und wünscht deshalb

Herabgedrückt von seiner Höhe jenen.

Der andre fürchtet, Macht, Gunst, Ruhm und Ehre,

Sobald der Nächste aufsteigt, zu verlieren,

Und scheut dies so, daß er ihm Unheil anwünscht.

Der Dritte fühlt sich durch Beleidigung

So sehr beschämt, daß er nach Rache dürstet

Und deshalb auf des Nachbarn Übel sinnet.

Solch’ dreifach falsche Liebe wird hier unten

Beweint; doch sollst du nun von der vernehmen,

Die mit unricht’gem Maß zum Guten strebt.

Ein Gut nimmt jeder wahr, ob auch verworren,

In dem Befriedigung die Seele finde,

Weshalb jedweder strebt, dies zu erreichen.

Ist lässig eure Lieb’ es zu erkennen,

Ist sie es im Erwerben, so bestraft euch,

Nachdem ihr recht bereu’t habt, dieser Kreis.

Noch gibt es Güter, die nicht glücklich machen,

Die nicht das Heil sind, nicht der gute Keim,

In welchem alle guten Früchte wurzeln.

Geht solchem Gut zu sehr die Liebe nach,

Wird über uns beweint sie in drei Kreisen.

Warum indes die Büßung dreigeteilt ist,

Verschweig’ ich, daß du selber es erkundest. –

Achtzehnter Gesang

Es hatte seine Rede abgeschlossen

Der hohe Lehrer und nun blickt’ er forschend

In’s Auge mir, ob ich zufrieden scheine.

Doch ich, gestachelt noch von neuem Durste

Schwieg äußerlich und sagte bei mir selber:

Vielleicht beschwert ihn mein zu vieles Fragen. –

Doch der wahrhafte Vater, der erkannte,

Was zaghaft ich begehrte und nicht aussprach,

Gab Mut zum Reden mir durch seine Rede.

Drum sagt’ ich: Meister, so belebt mein Schauen

In deinem Licht sich, daß ich klar erkenne,

Was deine Rede schildert und entwickelt.

Drum bitt’ ich dich, geliebter, süßer Vater,

Daß du die Liebe mir erklärst, auf welche

Du gute, sowie schlechte Tat zurückführst. –

So richte denn des Geistes scharfes Auge

Auf mich, so sagt’ er, und dir offenbart sich

Der Blinden Irrtum, die sich Führer nennen.

Der Wille, von Natur geneigt zum Lieben,

Wird leicht bewegt von allem das gefällt,

Sobald zur Tat ihn das Gefallen weckte.

Von einem wahren Gegenstand entnimmt

Ein Abbild eure Auffassung, entwickelt

Es innerlich und zieht zu ihm den Willen.

Wenn der gezogne dann sich zu ihm hinneigt,

Heißt Liebe dieser Zug und ist Natur,

Die das Gefallen neu mit euch verbunden.

Dann, wie das Feuer sich zur Höhe wendet

Nach seinem Wesen, das dorthin zu steigen

Bestimmt ist, wo sein Stoff am längsten dauert,

Faßt den ergriff’nen Willen ein Verlangen,

Das geistige Bewegung ist, und diese

Ruht nicht, bis sich ihm, was er liebt, gewähret.

Einleuchten kann dir nun, wie tief verborgen

Die Wahrheit denen ist, die da behaupten,

Jedwede Liebe sei an sich schon löblich.

Denn, wenn auch immer gut der Stoff der Liebe

Erscheinen mag, ist doch nicht jedes Siegel

Schon gut, weil es in gutes Wachs gedrückt ward. –

Wohl hat dein Wort und mein folgsames Denken,

Antwortet’ ich, die Liebe mir enthüllet;

Doch ward ich drum noch schwangerer an Zweifeln.

Denn, wenn die Liebe uns von außen kommt

Und nur durch sie die Seele sich bewegt,

So ist des Weges Wahl nicht ihr Verdienst. –

Und er zu mir: Was die Vernunft ergründet,

Kann ich dir sagen; weiteres erwarte

Nur von Beatrix, das ist Glaubenssache.

Besondre, ihr nur eigne, Kraft hat jede

Substantielle Form an sich gebunden,

Die frei vom Stoff und doch mit ihm vereint ist.

Man nimmt sie wahr, erst wenn sie sich betätigt;

Ihr Dasein zeigt sie nur in ihrer Wirkung,

Wie grünes Laub des Baumes Leben zeigt.

Drum weiß kein Mensch, woher ihm die Erkenntnis

Der Urbegriffe kam, woher die Neigung

Zu des Verlangens ersten Gegenständen,

Die euch bestimmt, sowie der Trieb die Biene,

Daß Honig sie erzeugt. Solch’ erste Neigung

Verdient das Lob so wenig als den Tadel.

Damit nun ihr sich jede andre eine,

Ward angeboren euch des Rates Gabe,

Daß des Entschlusses Schwelle sie bewache.

Sie ist der Quell, und je nachdem die gute

Und schlechte Liebe sie ergreift und sichtet,

Ist sie in euch die Ursach des Verdienstes.

Die Denker, die am tiefsten eingedrungen,

Erkannten wohl die angeborne Freiheit;

Drum ließen sie der Welt die Sittenlehre.

Gesetzt nun auch, daß mit Notwendigkeit

Jedwede Liebe sich in euch entflamme,

So liegt in eurer Macht doch, sie zu halten.

Die Willensfreiheit ist es, die Beatrix

Als »edle Kraft« bezeichnet; denke dessen,

Wenn sie zu dir von diesen Fragen redet. –

Der Mond, der fast bis Mitternacht schon säumte,

Und einem Eimer glich, der ganz erglühet,

Ließ uns die Sterne seltener erscheinen.

Dem Himmelslauf entgegen zog die Bahn er,

Wo dann die Sonne flammet, wenn der Römer

Sie zwischen Korsen sinken sieht und Sardern.

Der holde Schatten aber, dessentwillen

Man Pietola mehr nennt als Mantova,

Entlastet hatt’ er sich von meiner Bürde.

Und ich, der ich bestimmt’ und klare Auskunft

Auf meine Fragen nun geerntet hatte,

Stand wie wer schlafbefangen Träumen nachhängt.

Doch wurd’ ich diesem Halbschlaf schnell entrissen

Durch Leute, welche hinter unsrem Rücken

Uns zugewandt mit raschen Schritten eilten.

Wie einst des Nachts Asopus und Ismenus

Gedräng’ an ihrem Ufer sahn und Auflauf,

Wenn Bacchus’ Hilfe die Thebaner brauchten,

So schleunigten in diesem Kreis die Schritte,

Wie ich an diesen wahrnahm, all’ die Seelen,

Die guter Will’ und rechte Liebe spornen.

Bald hatt’ uns eingeholt die ganze Schar,

Weil schnellen Lauf’s sie alle sich bewegten,

Und weinend riefen laut die beiden ersten:

Auf das Gebirge ging Maria eilig,

Und um Ilerda zu bezwingen, traf

Massilien Cäsar und flog dann nach Spanien. –

Nur rasch, nur rasch, um nicht aus Liebesmangel

Zeit zu verlieren, riefen all’ die andren;

Damit am Eifer neu die Gnad’ ergrüne. –

O Schatten, die ihr jetzt durch Glut des Eifers

Das Säumen und die Lässigkeit ergänzet,

Womit ihr lau im Gutestun gewesen!

Sobald die Sonne wieder scheint will dieser,

Der lebt (wahrhaftig ist mein Wort) hinaufgehn;

Drum weis’t uns, wo der Eingang ist hier nahe. –

Dies waren Worte, die mein Führer sagte,

Und einer jener Geister sprach: So folge

Uns nach, dann findest du die Felsenspalte.

Vom Trieb zur Eile sind wir so durchdrungen,

Daß wir nicht weilen können; drum verzeihe,

Wenn, wo wir recht tun, wir unhöflich scheinen.

Abt war ich von Sankt Zeno in Verona,

Als Kaiser war der gute Barbarossa,

Von welchem Mailand weinend noch berichtet.

Schon hat den einen Fuß im Grabe jemand,

Der wegen jenes Klosters baldigst weinen

Und trauern wird, daß er dort Macht besessen,

Weil seinen Sohn er, der am Leib und ärger

Am Geist verkrüppelt ist und schlecht zur Welt kam,

Einsetzte an den Platz des wahren Hirten. –

Ob er noch mehr sprach oder ob er schwieg,

Das weiß ich nicht, denn schon war er vorüber;

Dies aber hört’ ich und dies wollt’ ich merken.

Und der in jeder Not mir Hilfe war,

Rief aus: Sieh hierher; horch, wie jene Beiden

Die Lässigkeit mit herben Worten geißeln. –

Sie riefen allen nach: Aussterben mußte

Das ganze Volk, vor dem das Meer sich auftat,

Bevor der Jordan seine Erben sah.

Und die die Mühsal nicht bis an das Ende

Ertrugen mit dem Sohne des Anchises,

Bereiteten sich selbst ruhmlosen Tod. –

Als nun so fern uns jene Schatten waren,

Daß sie der Blick nicht mehr erreichte, stiegen

Gedanken neuen Inhalt’s in mir auf.

Draus keimten wieder andre mannigfaltig

Und von dem einen irrt’ ich so zum andren

Daß vor Behagen ich die Augen schloß

Und die Gedanken mir zu Träumen wurden.

Neunzehnter Gesang

Zur Stunde, wo des Tages Glut, bezwungen

Vom Frost der Erd’ und manchmal des Saturn,

Des Mondes Kälte nicht mehr mindern kann,

Und wo ihr »großes Glück« die Geomanten

Im Osten vor der Dämmerung auf Wegen

Aufsteigen sehn, wo bald das Dunkel schwindet,

Erschien im Traume mir ein stammelnd Weib

Mit schielem Blick und mißgestalten Beinen,

Von bleicher Farbe und gelähmten Händen.

Ich sah sie an, und wie die Sonne Glieder,

Die nächt’ger Frost erstarrt hat, wieder kräftigt,

So ward von meinen Blicken ihre Zunge

Gelöst; dann richtete in kurzer Weile

Sie sich empor, und wie’s die Liebe wünschet,

So färbten sie ihr das erbleichte Antlitz.

Als so die Redekraft sie neu gewonnen,

Begann mit solcher Süße sie zu singen,

Daß ungern abgewandt mein Ohr ich hätte.

Sie sang: Ich bin die liebliche Sirene,

Die Schiffer auf dem hohen Meer betöret,

So wonnig ist es, meinem Sang zu lauschen.

Von seiner Irrfahrt wandte den Ulysses

Mein Singen ab; wer sich mit mir befreundet

Verläßt mich kaum, weil ganz ich ihn beglücke. –

Geschlossen hatte sie noch nicht den Mund,

Als neben mir ein heil’ges Weib ich sah,

Die jene zu beschämen sich beeilte.

Virgil, so sprach sie zürnend, o Virgil,

Wer ist dies Weib? – Doch seine Augen ruhten

Im Gehen unverwandt auf jener Reinen.

Da griff sie nach der andren und zerriß ihr

Die Kleider vorn, den nackten Leib mir zeigend;

Dann weckte mich der Stank, der von ihm ausging.

Die Augen wandt’ ich und: Schon mehr als dreimal

Rief ich, steh auf und komm! (so sprach Virgil)

Erspähen wir den Spalt, durch den du eintrittst. –

Ich richtete mich auf; vom hohen Tage

Erfüllt war jeder Kreis des heil’gen Berges.

Dann gingen wir, die junge Sonn’ im Rücken.

Als ich ihm folgte, trug ich meine Stirne

Wie einer, dem sie schwer ist von Gedanken,

So daß er gleicht dem halben Brückenbogen.

Da hört’ ich sanft und mit so güt’gem Tone,

Als hier im Reich der Sterblichkeit man niemals

Vernimmt, uns rufen: Kommt, hier ist der Eingang. –

Es schlug, der so gesprochen, die zwei Flügel,

Gleich Schwanenflügeln auf, und wies uns zwischen

Den beiden Wänden des Gestein’s nach oben.

Dann regt’ er das Gefieder, uns zu fächeln,

Indem er selig, die da trauern, pries,

Weil ihre Seele reich an Troste sein wird.

Was ist dir, daß du nur zu Boden blickest? –

Begann mein Führer, als wir beide wenig

Vom Engel erst emporgestiegen waren.

Und ich: So fesselt mich ein neu Gesicht,

Daß sein zu denken ich nicht lassen kann;

Deswegen geh ich so in mich versunken. –

Du sahst, entgegnet’ er, die alte Zaub’rin,

Um die allein noch über uns man weinet.

Du sahst auch, wie der Mensch von ihr sich losmacht.

Genüg’ es dir, und tritt mit rüst’gem Fuß auf,

Blick’ auf die Lockung, die der ew’ge König

Dir, kreisend in den großen Rädern, zeigt. –

So wie der Falk, der auf die Füße schaute,

Sich auf den Ruf des Falkners streckt und wendet,

Weil dorthin die Begier nach Fraß ihn zieht,

Tat ich, und also ging, solang’ der Felsen

Zum Pfade sich für den, der aufsteigt, spaltet,

Bis wo der neue Ring ist, ich empor.

Als offenbar mir ward der fünfte Kreis

Sah Leute ich in ihm am Boden liegend,

Das Angesicht nach unten, welche weinten.

Es hat am Staub gehaftet meine Seele –

Hört’ ich sie sagen, mit so tiefen Seufzern,

Daß man die Worte kaum vernehmen konnte.

O ihr Erkornen Gottes, deren Leiden

Sowohl Gerechtigkeit als Hoffnung mildern,

Weis’t uns den Weg, den Berg emporzusteigen. –

Kommt von der Pflicht zu liegen frei ihr her

Und wollet ihr den Weg bildmöglichst finden,

So kehrt nach außen stets die rechte Seite. –

So frug Virgil und so ward wenig vor uns

Zur Antwort ihm erteilt und ich erriet

Was noch verhüllt mir war, an seiner Rede.

Die Augen wandt’ ich da zu meinem Herrn;

Er aber willigte mit heit’rem Winke

In das, was sichtbar mein Verlangen bat.

Als, was ich wollte, mir zu tun erlaubt war,

Stellt’ ich mich über jenem Schatten auf,

Den seine Worte kenntlich mir gemacht,

Und sagte: Geist, der weinend jene Buße

Beschleunigt, die allein zu Gott zurückführt,

Verschieb’ ein wenig deine höchste Sorge!

Sag’ an, wer warst du, und warum die Rücken

Emporgewandt ihr habt, soll etwas dort,

Woher ich lebend kam, ich dir erwirken. –

Und er: Weshalb der Himmel unsre Rücken

Sich zugekehrt, künd’ ich dir; jedoch zuvor

Vernimm, daß ich Nachfolger Petri war.

Ein schönes Flußtal senkt sich zwischen Sestri

Und Chiavari zum Meer, mit dessen Namen

Des Ranges Höhe mein Geschlecht bezeichnet.

Kaum mehr, als einen Monat lang erfuhr ich,

Dem, der ihn reinhält, sei der große Mantel

So schwer, daß leicht die andren Lasten scheinen.

Zu Gott bekehrt’ ich leider mich gar spät;

Doch als ich Hirte war von Rom geworden,

Erkannt’ ich, wie so lügenhaft das Leben.

Ich sah, wie dort das Herz nicht Ruhe finde;

Und als ich jenes Lebens höchste Stufe

Erreicht, entbrannt’ in Liebe ich für dieses.

Elend war meine Seele bis dahin,

Von Gott geschieden und dem Geiz verfallen;

Hier werd’ ich drum, so wie du siehst, gezüchtigt.

Des Geizes Wirkung wird hier an der Buße

Der Seelen offenbar, die sich bekehrten;

Und keine Straf’ auf diesem Berg’ ist bittrer.

Wie unser Auge von den ird’schen Dingen

Befangen, sich nicht himmelwärts erhoben,

So senkt Gerechtigkeit es hier zur Erde.

Und wie der Geiz die Liebe zu dem Bess’ren

In uns erstickt, am Gutestun uns hindernd,

So hält Gerechtigkeit uns hier gebunden,

An Händen und an Füßen eng gefesselt.

Wir bleiben regungslos hier ausgestreckt

So lang’ es dem gerechten Herrn gefällt. –

In’s Knie gesunken wollt’ ich eben reden;

Doch als ich anfing und er am Gehör nur

Die ehrerbietige Gebärde wahrnahm,

Frug er: Aus welchem Grunde neig’st du dich? –

Und ich zu ihm: Um eurer Würde willen

Hieß, so zu tun mich Stehnden mein Gewissen. –

Erhebe Bruder dich und stehe aufrecht;

Laß dich nicht irren, sagt’ er, nur ein Mitknecht

Desselben Herrn bin ich mit dir und allen.

Vernahmst du je das Wort des heil’gen Buches,

Daß nach dem Tode sie nicht freien werden,

So kannst du sehn, warum ich also rede.

Nun aber geh, nicht länger sollst du bleiben;

Denn dein Verweilen hindert meine Tränen,

Mit denen ich, was du gesagt, beschleun’ge.

Die Nichte, die ich dort verließ, Alagia,

Ist gut an sich, wenn durch sein schlimmes Beispiel

Nicht mein Geschlecht zum Bösen sie verleitet,

Und sie allein ist jenseits mir geblieben. –

Zwanzigster Gesang

Schwer kämpft der Wille wider bess’ren Willen;

Deshalb zog, ungern zwar, ihm zu Gefallen

Den Schwamm ich ungesättigt aus dem Wasser.

Ich ging, und auf dem freien Boden setzte

Die Füße längs der Felsenwand mein Führer,

Wie man auf Mauern nächst den Zinnen geht.

Denn jene Schar, aus deren Aug’ in Tropfen

Das Übel abfließt, das die Welt erfüllt,

Naht jenseits sich zu sehr dem äußern Rande.

Vermaledeiet sei’st du, alte Wölfin,

Die du mehr Beute hast als andre Tiere,

Weil ewig unersättlich ist dein Hunger!

O Himmel, dessen Kreisen man die Wandlung

Der irdischen Begebenheiten zuschreibt,

Wann wird der kommen, dem dies Tier muß weichen?

Nur klein und langsam waren unsre Schritte;

Ich aber ging und merkte auf die Schatten,

Die rührend klagen ich und weinen hörte.

Zufällig hört’ ich vor uns: O Maria,

Du süße! – unter Tränen also rufen,

Wie wohl ein Weib es tut in Kindesnöten.

Ich hörte weiter: Wie so arm du warest,

Das offenbart der Stall uns und die Krippe,

Worin du deine heil’ge Bürde legtest. –

Sodann vernahm ich: Wackerer Fabricius,

Du wolltest lieber mit der Armut Tugend,

Als mit der Sünde großen Reichtum haben. –

So hatten diese Worte mir gefallen,

Daß, um vom Geist, der scheinbar sie gesprochen,

Genau’res zu vernehmen, ich voranschritt.

Noch redete der Geist von den Geschenken,

Die den drei Jungfrau’n Nikolaus machte,

Zur Ehrbarkeit zu leiten ihre Jugend.

O Seele, die so löblich redet, sagt’ ich,

Sag’ an mir, wer du warst, sag’ an, warum

Nur du so wohl verdientes Lob erneuerst?

Nicht unbelohnt soll deine Antwort bleiben,

Denn um des Lebens, das zum Ziel dahinfliegt,

Weg zu vollenden, kehre ich zurück. –

Und er: Du sollst es hören; nicht der Hilfe,

Die ich von dort erwarte, halber, sondern

Weil eh’ du starbst, dir so viel Gnade leuchtet:

Ich war die Wurzel jenes argen Baumes,

Der alles Land der Christenheit verdumpfet,

So daß es selten gute Frucht gewährt.

Doch hätten Douay, Lille, Gent und Brügge

Nur Macht genug, so folgte bald die Rache,

Die ich von dem, der alles richtet, fordre.

Man nannte mich dort jenseits Hugo Capet,

Die Ludwig’s zeugt’ ich alle und die Philipp’s,

Von denen Frankreich neuerdings regiert ward;

Mein Vater war ein Schlächter in Paris.

Als, bis auf einen, der die Kutte trug,

Erloschen war das Haus der alten Fürsten,

Fand ich in meiner Hand der Herrschaft Zügel

So sicher ruh’n so große Kraft zu neuem

Erwerbe und an Freunden solche Fülle,

Daß meinem Sohn des Reichs verwaiste Krone

Auf’s Haupt gesetzt ward, und mit ihm begann

Die Reihe der gesalbten Schädel jener.

Solange meinem Blut die große Mitgift

Von ganz Provence nicht die Scham benommen,

Taugt’ es nicht viel, doch tat es keinen Schaden.

Erst da begann es mit Gewalt und Lüge

Den Länderraub, und nahm sich dann zur Buße

Ponthieu, Gascogne und die Normandie.

Karl zog nach Wälschland, und den Conradin

Ermordet’ er zur Buße und nicht minder

Schickt er zur Buße Thomas in den Himmel.

Nicht fern von heute seh’ ich eine Zeit,

Da zieht ein andrer Karl von Frankreich aus,

Sich und die Seinen besser noch zu zeichnen.

Er kommt allein und waffenlos; die Lanze,

Die Judas führte, legt er ein, und Florenz

Trifft er damit, daß dessen Wanst zerberstet.

Nicht Landbesitz, wohl aber Schuld und Schande

Wird er gewinnen, um so schwerer wiegend,

Je weniger er solchen Schaden achtet.

Verhandeln wird der Dritte, der schon auszog

Und dann zu Schiff gefangen ward, die Tochter,

Wie die Korsaren tun mit andren Mägden.

O Geiz, was kannst du Schlimm’res noch bewirken,

Da du so sehr gefesselt mein Geschlecht,

Daß es das eigne Fleisch und Blut nicht achtet?

Daß alte Schuld und künft’ge minder scheine,

Seh’ ich die Lilien in Anagni einziehn

Und im Statthalter Christum selber fangen.

Verspottet seh’ ich ihn zum zweitenmal,

Essig und Gall’ erneuern sich, und zwischen

Lebend’gen Schächern seh’ ich ihn getötet.

So wild seh’ ich den heutigen Pilatus,

Daß hiervon noch nicht satt, er unberufen

Mit gier’gem Segel in den Tempel eindringt.

O Herr des Himmels, wann werd’ ich erfreut sein,

Die Rache zu gewahren, die, in deinem

Geheimnis schlafend, deinen Zorn versüßt?

Was von der einz’gen Braut des heil’gen Geistes

Vorhin ich sagte, und was dich bewog,

Um weit’re Auskunft dich an mich zu wenden,

Das ist auf alle unsre Bitten Antwort

So lang’ es Tag ist; aber bricht die Nacht ein,

Bedienen wir uns umgekehrter Rede.

Pygmalion’s gedenken wir alsdann,

Der Dieb, Verräter und Verwandtenmörder

Durch seine Lüsternheit nach Golde wurde;

Des geiz’gen Midas auch und seines Elends,

Das ihm erwuchs aus seinem gier’gen Wunsche,

Der heute noch zum Lachen jeden reizt.

Des tör’gen Achan auch gedenkt ein jeder,

Der von der Beute stahl, weshalb es scheint,

Daß Josua’s Zorn selbst hier ihn noch erreiche.

Mit ihrem Mann verklagen wir Sapphira;

Die Tritte preisen wir, die Heliodor

Erlitt, und Polymnestor wird mit Schande

Ringsum genannt, der Polydor gemordet.

Zuletzt noch wird von uns gerufen: Crassus,

Sag’ an, wie schmeckt das Gold, du mußt es wissen.

So wie mit mehr und minder raschem Schritte

Zu gehn uns Inbrunst anspornt, also redet

Der eine lauter und der andre leiser.

Drum war zum Guten, das wir Tages reden,

Vorhin ich nicht allein; nur daß hier nahe

Kein andrer seine Stimme laut erhob. –

Schon hatten wir ihn hinter uns gelassen,

Bemüht, so viel als unsre Kraft erlaubte,

Von jenem engen Pfad zurückzulegen,

Als ich den Berg, wie wenn ein Sturz geschähe,

Erbeben fühlte; drob mich Frost befiel,

Wie den zu tun pflegt, der zum Tod geführt wird.

Gewiß, so sehr erzitterte nicht Delos,

Eh’ sich Latona dort ihr Nest bereitet,

Um beide Himmelsaugen zu gebären.

Darauf erhob sich rings ein Ruf, so mächtig,

Daß: Fürchte nicht, wenn ich dich führe, sagend, –

Der Meister zu mir trat, mich zu beruh’gen.

»Gott in der Höh sei Ehre« sagten alle,

Soviel von denen ich, die mir so nahe,

Daß ich den Ruf verstand, entnehmen konnte.

Wir standen regungslos und zweifelnd, gleich

Den Hirten, die zuerst dies Lied vernahmen,

Bis es verklang und bis das Beben nachließ.

Dann setzten wir die heil’ge Wandrung fort,

Die Schatten anschau’nd, die am Boden lagen

Und die gewohnten Klagen neu begannen.

Und wenn mich die Erinnerung nicht täuscht,

Bekämpfte nimmer mich Unwissenheit

Mit solchem Trieb, Belehrung zu erlangen,

Als damals ich in meinem Denken fühlte.

Und weder wagt’ ich, ob der Eil zu fragen,

Noch wußt’ ich Auskunft bei mir selbst zu finden;

Drum ging ich scheu und in Gedanken weiter.

Einundzwanzigster Gesang

Es quälte mich der angeborne Durst,

Der nie gesättigt wird, als durch das Wasser,

Das sich die Samariterin erbat;

Zugleich fühlt’ ich, ob der gerechten Rache

Mitleid empfindend, auf dem engen Pfade,

Dem Führer nach, zur Eile mich getrieben,

Da, siehe, so wie Lucas uns beschreibt,

Daß, schon erstanden aus der Grabeshöhle,

Christus den Zweien auf dem Weg’ erschien,

So wurde hinter uns ein Schatten sichtbar,

Der nieder auf die Schar, die da lag, blickte;

Doch eh’ er sprach, bemerkten wir ihn nicht.

Gott geb’ euch Frieden, sagt’ er, meine Brüder! –

Da wandten wir uns eilig und Virgil

Entgegnete mit grüßender Gebärde.

Darauf begann er: Möge dich in Frieden

Zur Schar der Seel’gen Gottes Wahrspruch führen,

Der mich verweist in ewige Verbannung. –

Wie, sagte jener, während scharf wir gingen,

Seid Schatten ihr, die droben Gott nicht zuläßt;

Wer führte bis hierher euch seine Treppe? –

Mein Lehrer drauf: Beachtest du die Male,

Die dieser trägt und die der Engel zeichnet,

So siehst du, mit den Guten soll er herrschen.

Weil aber, die da spinnt bei Nacht und Tage,

Ihm noch nicht leer gemacht den Wocken hatte,

Den Klotho jedem aufsteckt und zurechtmacht,

War seine Seele, dein’ und meine Schwester,

Den Berg herauf allein zu gehn nicht fähig;

Denn, so wie wir, vermag er nicht zu schauen.

Entnommen ward ich drum dem weiten Schlunde

Der Hölle, das, wofür mein Wissen ausreicht,

Ihm auszudeuten und so werd’ ich ferner.

Doch sag’ uns, weißt du es, warum vorhin

Der Berg so bebt’ und bis zu seinem Fuße,

Dem feuchten, überall ein Ruf ertönte. –

So traf in’s Nadelöhr er mein Verlangen

Durch seine Frage, daß schon durch die Hoffnung

Gemindert war das Brennen meines Durstes.

Und jener drauf: Des Berg’s geweihte Weise

Gestattet nichts, was außerhalb der Ordnung

Und außer dem Gebrauch des Ortes wäre;

Von jedem Wechsel frei sind diese Räume.

Nur was der Himmel aus sich selbst empfängt,

Kann hier noch Wirkung üben; andres nimmer.

Denn oberhalb der Treppe von drei Stufen

Fällt weder Regen je, noch Schnee und Hagel,

Auch tauet es so wenig, als es reift.

Nicht dichte Wolken gibt es hier, noch lockre;

Kein Wetterleuchten sehn wir, noch die Tochter

Des Thaumas, die bei euch den Stand oft wechselt.

Kein trockner Dunst steigt weiter als zur höchsten

Von jenen Stufen, die dem Stellvertreter

Sankt Petri dient als seiner Füße Schemel.

Dort unten bebt es wohl mehr oder minder;

Doch wegen Windes, der, ich weiß nicht wie,

Sich in der Erde birgt, bebt hier es nimmer.

Hier bebt der Berg, fühlt rein sich eine Seele

Sich zu erheben, oder aufzuschwingen,

Und dann gibt das Geleit ihr jener Ruf.

Der Reinheit Prüfstein ist allein der Wille,

Der, ist die Seel’ erst frei den Ort zu wechseln,

Sie plötzlich faßt und zum Entschluß ihr Kraft leiht.

Auch früher will sie wohl; doch nicht gestattet’s

Die Lust, die an der Qual (wie einst am Sündigen)

Die göttliche Gerechtigkeit ihr einflößt.

Und ich, der ich fünfhundert Jahr und länger

In diesen Schmerzen lag, empfand erst eben

Nach bess’rer Stuf’ in mir den freien Willen.

Drum fühltest du das Beben, und es priesen

Die frommen Seelen an des Berges Abhang

Den Herrn, der bald auch sie nach oben sende. –

So redet’ er zu uns, und weil, je größer

Der Durst ist, um so mehr das Trinken wohltut,

Kann ich nicht sagen, wie er mich erfreute.

Mein weiser Führer sprach: Das Netz erkenn’ ich

Das hier euch festhält, nun, und wie sich’s löset,

Warum es bebte und wie ihr euch mitfreu’t;

Doch wer du war’st, laß mich nunmehr erfahren,

Auch laß durch deine Antwort mich begreifen,

Warum du hier so manch’ Jahrhundert lagest. –

Zur Zeit, als durch des höchsten Königs Hilfe

Der gute Titus jene Wunden rächte,

Woraus das Blut, verkauft von Judas, floß,

War in dem Namen jenseits ich berühmt,

Der mehr als andre ehrt und dauert; aber

Noch fehlte Glauben mir, – so sprach der Schatten.

So lieblich tönte meine Dichterstimme,

Daß mich den Tolosaner Rom heranzog,

Wo ich der Myrte Stirnschmuck mir verdiente.

Noch nennt man jenseits meinen Namen, Statius;

Von Theben und Achill, dem großen, sang ich,

Doch mit der zweiten Last fiel ich zu Boden.

Der Same meiner Glut kam von den Funken

Der Götterflamme, welche mich erwärmet

Und die schon mehr als tausend hat entzündet:

Der Aeneide sag’ ich, die mir Mutter

Gewesen ist und Amm’ in meinem Dichten;

Auch nicht das Kleinste schrieb ich ohn’ ihr Vorbild.

Und, um gelebt zu haben, während drüben

Virgil noch lebte, wollte gern ein Jahr

Mehr als ich muß, Verbannung ich ertragen. –

Bei diesen Worten sah Virgil mich an,

Und schweigend sagten seine Züge: Schweige! –

Doch es vermag die Willenskraft nicht alles;

Denn Lachen folgt und Weinen aus der Regung,

Die sie hervorruft so naturnotwendig,

Daß sie der Wahrheitsfreund am schlechtesten zügelt.

Ich lächelte, wie wer dem andren zuwinkt,

Weshalb der Schatten schwieg und in die Augen

Mir sah, wo sich zumeist die Seele spiegelt.

Soll so viel Müh zum guten Ziel dich führen,

Sagt’ er, so sprich, warum dein Antlitz eben

Das Blitzen eines Lächelns mir gezeigt hat. –

Gefangen fühlt’ ich mich nach beiden Seiten;

Heißt die mich schweigen, so beschwört mich jene

Zu reden; darum seufzt’ ich, und mein Meister

Verstand mich und er sprach: So fürchte denn

Nicht mehr zu reden; sprich nur und bericht’ ihm

Wonach mit solchem Eifer er verlanget. –

Drauf ich: O alter Geist, vielleicht verwunderst,

Du ob des Lächelns dich, das mir entschlüpfte;

Doch größres Wunder soll dich noch ergreifen.

Mein Führer, der empor mein Auge leitet,

Ist der Virgil, von welchem Kraft du liehest,

Die Götter und die Menschen zu besingen.

Hast du geglaubt, ich lächl’ aus andrem Grunde,

So sieh als Wahn es an; jedoch die Worte,

Die du von ihm gesagt, nimm für den wahren. –

Schon beugt’ er sich, die Füße meines Lehrers

Wollt’ er umfassen; doch: Laß ab, mein Bruder,

Sprach dieser, Schatten bist und Schatten siehst du. –

Der Liebe Fülle, die zu dir ich hege,

Sprach Statius und erhob sich, kannst du messen,

Wenn unsre Nichtigkeit ich so vergesse,

Daß Schatten so wie Körper ich behandle. –

Zweiundzwanzigster Gesang

Schon war der Engel hinter uns geblieben,

Der Engel, der uns wies zum sechsten Kreise,

Und hatt’ ein Mal getilgt von meiner Stirne.

Die nach Gerechtigkeit verlangen, selig

Gepriesen hatte er und seine Stimme

Mit »dürstet« ohne weiteres geschwiegen.

Ich aber, leichter als bei andren Pässen,

Ging solchen Schrittes, daß ich ohne Mühe

Den Berg empor den raschen Geistern folgte.

Und es begann Virgil: Die Liebe, welche

Entflammt durch Tugend ward, entflammt die andre,

Sobald die Flamme offenbar geworden.

Drum seit dem Tag’ an welchem Juvenal

Zu uns herabstieg in der Hölle Vorhof

Und deine Neigung offenbar mir machte,

Fühlt’ ich für dich Wohlwollen, wie kein größres

Für jemand, den man nie gesehn, gefühlt ward.

Nun werden kurz mir diese Treppen scheinen.

Doch gib mir Auskunft und als Freund vergib mir,

Läßt zu viel Kühnheit mir den Zügel schießen,

So daß als Freund zum Freund du mit mir redest:

Wie konnte Geiz nur bei so vieler Einsicht,

Als du gewonnen hast durch deinen Eifer,

In deinem Herzen eine Stätte finden? –

Zuerst bewogen Statius diese Worte

Etwas zum Lächeln; dann gab er zur Antwort:

Von Liebe zeugt mir jedes deiner Worte.

In Wahrheit, oft erscheinen Dinge, welche

Zum Zweifel Anlaß bieten, der doch falsch ist,

Weil unerkannt die wahren Gründe blieben.

Mir zeigt die Frage, die du tust, du glaubest,

Vielleicht des Kreises wegen, wo ich weilte,

Daß ich im andren Leben geizig war.

So wisse denn, daß mir nur allzu kerne

Der Geiz gelegen, und dies Übermaß,

Es ward bestraft durch Tausende von Monden.

Und hätt’ ich mein Bestreben nicht gebessert,

Als ich die Stelle las, wo du der Menschen

Geschlechte, wie von Zorn ergriffen zurufst:

»Was zügelst du, geweihter Goldeshunger,

Die Leidenschaft der Menschen nicht?« so wälzt’ ich

Im argen Wettkampf wohl dort unten Felsen.

Da sah’ ich ein, daß auch zu weit die Flügel

Die Hände auftun können, wenn sie geben,

Und diese Schuld bereut’ ich gleich den andren.

Geschornen Hauptes auferstehn wird mancher,

Weil aus Unwissenheit er diese Sünde

So lebend wie im Tode nicht bereute.

Nun wisse, daß die Schuld, die einer Sünde

Im graden Gegensatze widerspricht,

Mit ihr zugleich ihr grünes Holz hier trocknet.

Drum, wenn zu meiner Läuterung bei denen

Geweilt ich habe, die den Geiz beweinen,

So ist’s geschehn des Gegensatzes wegen. –

Der Hirtenlieder Dichter sagte drauf:

Als du die grausenhaften Waffen sangest,

Die der Jocasta Doppeltrauer brachten,

Scheint es nach dem, wie Clio dort die Saiten

Mit dir berührt, daß dir der Glaube fremd war,

Bei dessen Mangel, recht zu tun nicht hinreicht.

Ist’s also, welche Sonne, welche Kerzen

Erleuchteten dich so, daß du die Segel,

Dem Fischer nachzufolgen hast gerichtet? –

Und er zu ihm: Du hast mich zum Parnasse

Zuerst gesandt, aus dessen Born zu trinken;

Du warst es auch, nächst Gott, der mich erleuchtet.

Du tatest, wie wer bei der Nacht die Leuchte

Nach rückwärts hält, so daß sie ihm nichts fruchtet,

Wohl aber die belehrt, die nach ihm kommen,

Indem du sagtest: »neu wird das Jahrhundert,

Gerechtigkeit und goldne Zeit kehrt wieder,

Herab vom Himmel steigt ein neuer Sprößling«.

Du machtest mich zum Dichter, du zum Christen;

Doch, daß du, was ich zeichne, besser sehest,

Reg’ ich die Hand, es weiter auszumalen.

Schon war die Welt nach allen Seiten schwanger

Vom wahren Glauben, welcher ausgelä’t war

Durch die Verkündiger des ew’gen Reiches.

Und weil dein Wort, das ich vorhin erwähnte,

So wohl entsprach der neuen Pred’ger Rede,

Gewöhnt’ ich mich, sie häufig heimzusuchen.

Und es erschien ihr Wandel mir so heilig,

Daß, während Domitian sie schwer verfolgte,

Mein Weinen ihren Tränen sich gesellte.

Ich unterstützte sie, solang’ ich jenseits

Verweilte, und die Reinheit ihrer Sitten

Hieß alle andren Sekten mich verachten.

Und eh’ ich dichtend zu den Flüssen Thebens

Die Griechen führte, ward ich schon getauft;

Doch hielt aus Furcht geheim ich meinen Glauben

Und stellte lange Zeit mich noch als Heiden.

Den vierten Kreis ließ diese Lauigkeit

Mehr als vierhundert Jahr lang mich umkreisen.

Du aber, der den Schleier mir gehoben,

Der jenes Gut mir barg, das ich bezeichnet,

Berichte, weißt du es, so lang zu steigen

Wir haben, wo Terenz verweilt, der alte,

Wo Varro, Plautus, wo Cäcilius, sag’ auch,

Ob sie verdammt sind und an welcher Stelle? –

Sie alle, Persius, ich und noch viel andre

Sind mit dem Griechen, den die Musen mehr,

Als jemals wen getränkt, im ersten Ringe

Des blinden Kerkers, sagte drauf mein Führer,

Und von dem Berg, den unsre Nährerinnen

Stets bei sich sieht, besprechen wir uns oftmals.

Euripides und Antiphon sind bei uns,

Auch Agathon, Simonides und andre

Hellenen, die die Stirn mit Lorbeer schmückten.

Von deinen Helden sieht man dort Argia,

Deiphile und mit Antigone

Ismene, traurig, wie sie sonst gewesen.

Man sieht die dem Adrast Langia zeigte,

Auch des Tiresias und der Thetis Tochter,

So wie Deidamia mit den Schwestern. –

Verstummt war schon der beiden Dichter Rede;

Vom Steigen frei und von den Felsenwänden,

Entsandten rings sie aufmerksame Blicke.

Es waren von des Tages Dienerinnen

Schon vier zurückgeblieben und noch lenkte

Der Deichsel glühndes Horn die fünfte aufwärts.

Da sprach mein Führer: Längs dem Felsenrande,

Vermut’ ich, soll’n wir rechts die Schultern wenden,

Den Berg umkreisend, so wie wir gewohnt sind. –

So ließen wir vom Brauch den Weg uns weisen

Und schritten vor mit größerem Vertrauen,

Bei jenes werten Schattens Einverständnis.

Sie wandelten voraus; nach ihnen folgte

Ich einsam und auf ihre Reden merkend,

Die Einsicht in die Dichtkunst mir erschlossen.

Da unterbrach die traulichen Gespräche

Ein Baum, den mitten wir im Wege trafen

Mit Früchten würzigen und süßen Duftes.

Und wie nach obenhin die Tanne abnimmt

Von Ast zu Ast, so tut der Baum nach unten:

Vielleicht damit ihn niemand mög’ ersteigen.

Zur Seite, wo den Weg die Bergwand abschloß,

Fiel von dem hohen Fels ein klares Naß

Und netzte niederträufelnd all die Blätter.

Dem Baume nahten sich die beiden Dichter,

Und aus dem Laub’ hervor rief eine Stimme:

Von dieser Speise sollt ihr euch enthalten. –

Dann sagte sie: Maria dachte mehr,

Daß ehrenhaft die Hochzeit sei und völlig,

Als an den eignen Mund, der jetzt für euch spricht.

Die Römerinnen alter Zeit begnügten

Mit Wasser sich zum Trank, und Daniel

Verschmähte Speisen und erwarb sich Weisheit.

Die erste Zeit, die schön war gleich dem Golde,

Gab Wohlgeschmack durch Hunger selbst den Eicheln

Und machte jeden Bach durch Durst zum Nektar.

Die Speisen, die den Täufer in der Wüste

Ernährten, waren Heuschrecken und Honig;

Drum ward er glorreich und so groß vor allen,

Als offenbart euch ist im Evangelium. –

Dreiundzwanzigster Gesang

Noch heftet’ unverwandt ich meine Augen

Auf jenes grüne Laub, wie der zu tun pflegt,

Der seine Zeit verliert mit Vogelstellen.

Der mehr mir war als Vater, sagte: Sohn

Nun komm; die Zeit, die uns noch zugemessen,

Sind nützlicher wir zu verwenden schuldig. –

Das Antlitz und nicht minder schnell die Schritte

Wandt’ ich den Weisen zu, und was sie sprachen

War so, daß ich des Weges Mühn nicht fühlte.

Da hörte ich: »tu’ auf, Herr, meine Lippen!«

So herzgewinnend unter Tränen singen,

Daß Freude es zugleich und Schmerz erweckte.

Was ist das, süßer Vater, das ich höre? –

So frug ich. Schatten sind es, die den Knoten

Der Pflicht vielleicht im Gehen lösen, – sagt’ er.

Wie Pilger wohl, versunken in Gedanken,

Wenn unterwegs sie Unbekannte treffen,

Nach ihnen umschaun, doch den Schritt nicht hemmen;

So blickte eine Schar uns staunend an,

Die andachtsvoll und schweigend hinter uns

Mit schnell’ren Schritten kam, als sie vorbeiging.

Tief in den dunklen Höhlen sag ihr Auge,

Bleich war ihr Antlitz und so abgezehrt,

Daß eng die Haut sich auf die Knochen legte.

Ich glaube nicht, daß also zum Gerippe

Vertrocknet Erysichthon war vom Fasten,

Als er den Hungertod am meisten scheute.

Ich sagte bei mir selber in Gedanken:

So waren die Jerusalem verloren,

Als in ihr eignes Kind Maria biß. –

Steinlosen Ringen glich die Augenhöhle,

Und wer im Menschenantlitz omo liest,

Der hätte hier das M gar leicht erkannt.

Wer glaubte wohl, daß eines Apfels Duft

Und eines Wassers, das Verlangen weckend,

Man weiß nicht wie, die Schatten so verwandle?

Ich staunte schon, von was so ausgehungert

Sie sei’n; denn unbekannt war mir die Ursach

Von ihrer Magerkeit und Schuppenhaut.

Da, siehe, wandte aus des Hauptes Tiefen

Ein Schatten starren Blick’s auf mich die Augen

Und rief dann: Welche Gnade widerfährt mir! –

Nie hätt’ ich an den Zügen ihn erkannt;

In seiner Stimme aber offenbarte

Sich was verwüstet schien in seinem Aussehn.

An diesem Funken fachte die Erinn’rung

Der so entstellten Züge neu sich an,

Daß ich Forese’s Antlitz drin ersah.

Er bat: Versage nicht dem dürren Aussatz,

Der mir die Haut entfärbt, und nicht dem Mangel

An Fleisch, woran ich leide, deine Antwort;

Nein, sage Wahrheit mir von dir, und wer

Die beiden Seelen sind, die dich begleiten.

Entziehe dich mir nicht und steh’ mir Rede. –

Dein Antlitz, das ich schon als tot beweinte,

Erwidert ich, gibt jetzt nicht mindren Grund mir

Zu Tränen, da ich so entstellt es sehe.

Drum sage schnell mir, was euch so entblättert.

Heiß mich nicht reden, während ich so staune;

Es spricht sich schlecht, wenn andres man im Sinn hat. –

Und er zu mir: Es legt der ew’ge Ratschluß

In Wasser und in Baum, dort hinter uns,

Die Kraft, von der ich also mich verzehre.

Die ganze Schar hier, welche weinend singt,

Erstrebt die Heiligung in Durst und Hunger,

Weil maßlos sie der Schlemmerei gefröhnt hat.

Ein Duft geht von dem Apfel und dem Wasser,

Das jenes grüne Laub besprühet, aus,

Der uns Verlangen weckt nach Trank und Speise,

Und nicht nur einmal, wenn wir diesen Ring

Im Kreis’ umgehn, erneuert sich die Strafe

(Ich sage Straf’ und sollte Freude sagen);

Denn zu dem Baum führt uns der gleiche Wille,

Durch welchen Christus freudig rief Eli,

Als er mit seinem Blute uns befreite. –

Und ich zu ihm: Forese, seit dem Tage,

Wo du die Welt vertauscht für bessres Leben,

Bis heute sind fünf Jahre nicht verstrichen.

War nun in dir die Fähigkeit zu sünd’gen

Erloschen, eh’ die Zeit des rechten Schmerzes,

Der wieder uns mit Gott vereint, gekommen,

Wie kamst du schon bis hier herauf? Ich glaubte,

Dort außerhalb des Tor’s dich anzutreffen,

Wo Zeit mit gleicher Zeit vergolten wird. –

Und er zu mir: Durch ihre heißen Tränen

Hat meine Nella mich so schnell gefördert,

Der Martern süßen Wermut zu genießen.

Ihr brünstiges Gebet und ihre Seufzer

Enthoben mich dem Abhang wo man wartet,

Und machten frei mich von den andren Kreisen.

Um so viel werter Gott, um so genehmer

Ist meine Witwe, die ich innig liebte,

Je mehr sie einsam ist im guten Wandel.

Selbst die Barbagia in Sardiniens Bergen

Hält mehr auf Scham bei Mädchen und bei Frauen,

Als die Barbagia, wo ich sie zurückließ!

Was soll, o süßer Bruder, ich dir sagen?

Schon seh’ ich eine künft’ge Zeit im Geiste,

Der nicht gar alt wird heißen diese Stunde,

Wo von der Kanzel man den Florentiner

Schamlosen Weibern untersagt, die Brüste

Bis zu den Warzen unverdeckt zu zeigen.

Bedurft’ es geistlicher und andrer Strafen

Bei Sarazenen- und Barbarenfrauen

Jemals, damit den Busen sie verhüllten?

Doch wären sich die Unverschämten klar,

Was ihrer in des Himmels Kreislauf wartet,

Sie öffneten schon jetzt den Mund zum Heulen.

Denn, täuscht mich nicht, was ich voraus hier sehe,

Beginnt ihr Trauern, eh’ die Wange dessen,

Der jetzt dem »Nanna« zuhört, Bart bekleidet.

Nun aber, Bruder, birg dich mir nicht länger;

Du siehst, daß, nicht nur ich, die Seelen alle

Dorthin schaun, wo die Sonne du verhüllest. –

Drauf ich zu ihm: Rufst du dir in’s Gedächtnis,

Wie du mit mir und wie mit dir ich lebte,

So wird dich die Erinn’rung noch beschweren.

Von solchem Leben wandte mich erst neulich

Der ab, der vor mir geht, als deren Bruder,

Die dort am Himmel steht (die Sonne wies ich),

Euch voll geleuchtet. Durch die tiefe Nacht

Der wahrhaft Toten hat er mich geleitet

Mit diesem wahren Fleische, das ihm nachfolgt.

Von dort stieg ich empor durch seinen Zuspruch,

Den Berg umkreisend, welcher, was die Welt

An euch verbogen, wieder grade richtet.

Er will so lange, sagt er, mich begleiten,

Bis ich, wo Beatrice sein wird, bin.

Von dort an soll ich sein Geleit entbehren.

Der solches mir verheißet, ist Virgil

(Und dabei zeigt’ ich ihn); der andre Schatten

Ist der, um den vorhin in jedem Kreise

Eu’r Reich, das ihn aus sich entläßt, erbebte. –

Vierundzwanzigster Gesang

Das Reden hemmte nicht das Gehn, noch hemmte

Das Gehen jenes, sprechend gingen wir

Schnell wir ein Schiff bewegt von günst’gem Winde.

Und die zum zweitenmal gestorben schienen,

Die Schatten, sogen durch die Augenhöhlen

Verwundrung ein, als sie erkannt, ich lebe.

Fortsetzend meine Rede, sagt’ ich drauf:

Vielleicht geht minder schnell, als sonst er täte,

Aus Rücksicht auf wen anders er empor.

Doch wenn du’s weißt, so sprich, wo ist Piccarda;

Und sage mir, ob wer bemerkenswert

In dieser Schar sei, die so starr mich anschaut. –

Schon freut sich triumphierend ihrer Krone

Dort droben im Olympe meine Schwester,

Die schön und gut, ich weiß nicht welches mehr, war.

So sprach er erst und dann: Hier ist jedweden

Zu nennen unverwehrt, da unser Fasten

Die Züge des Gesichts so völlig aufsog.

Der hier (und dabei wies er mit dem Finger)

Ist der Lucchese Bonagiunta; jenseits

Das Antlitz, abgezehrter als die andren,

Die heil’ge Kirche hielt’s in seinen Armen.

Es war von Tours und büßt hier durch Entbehren

Den edlen Wein und die Bolsener Aale.

Noch viele nannt’ er, einen nach dem andren

Und jedem schien genehm, genannt zu werden,

So daß ich finster dreinschaun keinen sah.

Vor Hunger sah umsonst die Zähn’ ich brauchen

Den Bonifaz, der mit dem Krummstab viele

Geweidet, so wie Ubaldin von Pila.

Den Herrn Marchese auch, der in Forli

Mit minder trockner Kehle trinken konnte

Und dennoch nimmer sich gesättigt fühlte.

Wie wer, nachdem er umgeschaut, mehr eines

Als andres schätzt, tat ich mit dem von Lucca;

Auch schien von mir am meisten er zu wissen.

Er sprach für sich und da, wo er die Wunde

Des göttlichen Gerichts, das sie verzehret,

Empfand, vernahm ich etwas wie »Gesindel«.

O Seele, sagt’ ich, die mit mir zu sprechen

So zu verlangen scheint, laß dich vernehmen,

Daß deine Rede dich und mich erfreue. –

Schon lebt ein Weib, doch trägt sie noch nicht Binden,

Begann er, welche lieh dir meine Stadt

Wird werden lassen, wie man sie auch tadle.

Begleiten wird dich diese Zukunftsahnung,

Und wenn vorhin dich mein Gemurmel täuschte,

So wird der Dinge Wahrheit es bericht’gen.

Doch sage mir, ob den ich vor mir sehe,

Der Lieder neuer Art ersann, beginnend:

»O Frau’n, die ihr Verständnis habt der Liebe«? –

Drauf gab ich ihm zur Antwort: Ich bin einer

Der aufmerkt, wenn mich Amor’s Hauch berühret,

Und was er innen vorsagt, schreib’ ich nieder. –

Drauf er: Den Knoten, Bruder, seh’ ich nun,

Der den Notar, Guittone und mich selber

Diesseits des schönen, neuen Stil’s zurückhielt.

Ich sehe wohl, wie eure Federn sorglich

Nur das, was Amor einflößt, wiedergeben;

Das war mit unsren sicher nicht der Fall.

Und wer sich anmaßt weiter noch zu blicken,

Sieht nicht die Kluft von einem Stil zum andren. –

Mit diesen Worten schwieg er wie befriedigt.

Gleichwie die Vögel, die am Nil durchwintern,

Erst in der Luft zu einer Schar sich sammeln,

Dann eiliger in einer Reihe fliegen,

Also beeilten alle, die dort waren,

Das Antlitz wendend, ihre Schritte nun,

Leicht, wie sie Magerkeit und Wille machten.

Und wie, wer müde ist des raschen Laufens,

Voraus läßt die Gefährten, langsam wandelnd

Bis seiner Brust beklommnes Keuchen nachläßt,

So ließ Forese jene heil’ge Herde

Vorüberziehn und langsam mit mir folgend,

Frug er: Wann werd’ ich wohl dich wiedersehen? –

Ich weiß nicht, sagt’ ich drauf, wie lang’ ich lebe;

Doch kehr’ ich sicher nicht so früh zurück,

Daß nicht vorausgeeilt mein Wille wäre.

Denn jener Ort, wo mir zu leben obliegt,

Entkleidet täglich mehr sich von der Tugend

Und scheint verfallen unheilvollem Umsturz. –

Er sagte: Geh’; denn der zumeist dran Schuld ist,

Den seh’ an eines Tieres Schweif ich schleppen

Hin zu dem Tal, wo nie die Schuld gesühnt wird.

Mit jedem Schritte rennt das Tier geschwinder,

Wird immer wilder, bis es ihn zerschmettert

Und grauenvoll entstellt den Körper läßt.

Nicht viel zu kreisen haben diese Räder

(Und auf zum Himmel richtet’ er die Augen),

Bis klar dir wird, was dunkel jetzt mein Wort läßt.

Doch bleibe nun zurück; die Zeit ist teuer

In diesem Reich. Zuviel müßt’ ich verlieren,

Ging’ fürder ich mit dir so gleichen Schrittes. –

Wie manchmal wohl ein Reiter im Galopp

Allein hervorsprengt aus der Schar, die anrückt,

Daß er des ersten Anprall’s Ruhm gewinne;

Also verließ er uns mit größ’ren Sätzen,

Und ich ging weiter fort mit jenen Beiden,

Die lebend so als Führer vorgeleuchtet.

Als jener dann so weit von uns entfernt war,

Daß meine Augen ihm nicht besser folgten,

Als seinem Wort zuvor mein Geist gefolgt war,

Erblickte fruchtbeladen ich und kräftig

Noch eines Baumes Zweig’ in kleiner Ferne,

Weil dorthin wir erst eben uns gewendet.

Und Schatten hoben unter ihm die Hände

Und riefen, was verstand ich nicht, zum Laube,

Wie Kindlein, die begehrlich sind und töricht,

Wenn auf ihr Bitten der Gebetne schweigt,

Und um noch zu verschärfen ihre Sehnsucht,

Nicht birgt, was sie begehren, sondern hochhält.

Dann gingen, wie enttäuscht, von ihm sie weiter;

Wir aber kamen zu dem großen Baume,

Der soviel Bitten, soviel Tränen abweist.

Geht, ohne euch zu nahen, rasch vorüber!

Entnommen ist dies Reis dem Baum, von welchem

Einst Eva aß, der weiter oben steht. –

So sprach, ich weiß nicht wer, aus dem Gezweige,

Weshalb ich, Statius und Virgil mich enge

Anschließend, auf der Seite ging, die aufsteigt.

Der Maledeiten denkt, die in der Wolke

Erzeugt (so sprach er), mit zwiefacher Brust,

Als sie des Weines voll, mit Theseus kämpften.

Der Juden auch, die, weil sie trinkend weichlich

Sich zeigten, Gideon nicht mit sich nahm,

Als er die Höh’n gen Midian hinabstieg. –

So hörten dicht am einen Rande gehend,

Die Schuld der Völlerei, sowie die schlimmen

Gewinnste, welche sie gewährt, wir geißeln.

Wohl hatten, breiter auf der öden Straße

Wir gehend, tausend Schritt’ und mehr durchmessen,

Und schweigend ging ein jeder in Gedanken.

Was geht ihr drei so sinnend? – hörten plötzlich

Wir eine Stimme sagen, und ich fuhr

Zusammen, wie ein Tier vor Schrecken scheu wird.

Den Redenden zu sehn, wandt’ ich das Haupt,

Und weder Glas sah noch Metall im Ofen

Ich je so glühend oder rot, als der war,

Den ich nun sah und der uns sagte: Wollt ihr

Noch höher gehn, so müßt ihr hier euch wenden;

Hier ist der Weg, wo man zum Frieden aufsteigt.

Die Sehkraft hatte mir geraubt sein Anblick,

Weshalb, wie wer vom Ohr sich leiten läßt,

Ich, meinen Lehrern folgend, mich bewegte.

Wie als Verkünderin der Morgenfrühe

Die Maienluft sich regt und Duft verbreitet,

Durchdrungen ganz von jungem Grün und Blüten,

So fühlt’ ich mitten auf der Stirn ein Lüftchen

Mich fächeln und empfand des Flügels Regung,

Von dem ein Duften wie Ambrosia ausging.

Dann hört ich sagen: Selig sind, die Gnade

So sehr erleuchtet, daß die Lust des Gaumens

Ihr Herz nicht mit dem Qualm der Gier erfüllt,

Weil nach Gerechtigkeit sie immer hungern. –

Fünfundzwanzigster Gesang

Kein Säumen mehr gestattete die Stunde

Da schon den Mittagskreis dem Stier die Sonne,

Die Nacht dem Skorpion gelassen hatte.

Drum, gleich dem Mann, der, was ihm auch begegne,

Nicht anhält, sondern seines Weges fortgeht,

Weil stachelnd die Notwendigkeit ihn antreibt,

So traten, einer auf den andern folgend,

Wir in die Schlucht, hinan die Treppe steigend,

Die, weil sie eng ist, die Ersteiger trennet.

Und wie der kleine Storch, der flugbegierig

Den Flügel hebt, doch, weil das Nest zu lassen

Er sich nicht traut, ihn wieder sinken läßt,

So war zugleich mein Wunsch zu reden brennend,

Und doch erloschen, so daß meine Lippen

Wie die des Redenwollenden sich regten.

Wie eilig wir auch gingen, doch bemerkt’ es

Mein süßer Vater, und: – Drück ab den Bogen

Des Wort’s, der bis zum Schloß gespannt ist, – sagt’ er.

Da öffnet’ ich vertrauensvoll den Mund

Und sagte: Wie ist Magerwerden möglich,

Wo kein Bedürfnis der Ernährung vorliegt? –

Gedächtest du des Meleager, sprach er,

Der vom Verbrennen eines Holzscheit’s sich

Verzehrt, so schiene dies dir minder schwierig.

Und dächtest du, wie, wenn ihr euch bewegt,

Eu’r Bild im Spiegel die Bewegung nachahmt,

So würdest, was dir hart scheint, weich du finden.

Doch, daß hierin nach Wunsch du heimisch werdest,

Ist Statius hier zur Hand; ihn ruf’ und bitt’ ich,

Daß diese Wunden dir er völlig heile. –

Entfessl’ ich ihm den Blick für ew’ge Dinge,

Wo du zugegen bist, war Statius’ Antwort,

So tu’ ich’s, weil ich nichts dir kann versagen. –

Dann hub er an: Mein Sohn, wenn meine Worte

Dein Geist recht in sich aufnimmt und bewahret,

So werden sie dir Licht für deine Frage.

Vollkommnes Blut, das von den durst’gen Adern

Niemals getrunken wird und übrig bleibt,

Wie Nahrungsmittel, die vom Tisch man abhebt,

Empfängt im Herzen Bildungskraft für alle

Gliedmaßen, gleich dem Blute, das die Adern

Durchströmt, um jene Glieder zu gestalten.

Nochmals gereinigt, steigt es dorthin nieder,

Wovon man besser schweigt als spricht, und träufelt

Auf fremdes Blut in passendem Gefäße.

Da eint mit diesem jenes sich; das eine

Geschickt zum Leiden, wie zum Tun das andre,

So edel ist der Ort, von dem es herstammt.

Also verbunden fängt es an zu wirken,

Macht erst gerinnen, und belebt alsdann

Was fest geworden war, durch seinen Einfluß.

Die tät’ge Kraft, die nun zur Seele wurde

Gleich der der Pflanze, mit dem Unterschiede,

Daß jene weitergeht und dies’ am Ziel ist,

Bewirkt Gefühl schon und soviel Bewegung

Als die des Meerschwamms; dann beginnt Organe

Den ihr entkeimten Kräften sie zu bilden.

Nun, Sohn, entfaltet sich, nun dehnt die Kraft

Sich aus, die des Erzeugers Herz entstammet,

Wo die Natur dem ganzen Gliedbau obliegt.

Doch wie zum Kinde wird solch tierisch Wesen

Siehst du noch nicht, und diese Schwierigkeit

Ließ einen Weiseren, als du bist, irren,

Weil er in seiner Lehr’, als von der Seele

Getrennt, den fähigen Verstand behandelt,

Für den kein eigenes Organ er vorfand.

Tu’ auf der Wahrheit, die dir naht, dein Herz

Und wisse, daß sobald dem Ungebornen

Die Glied’rung des Gehirns gebildet ist,

Sich freudig solchem Kunstwerk der Natur

Der Urbeweger zukehrt, neuen Geist ihm

Einhauchend, welcher mit der Kraft begabt ist,

Was er dort tätig findet, in sein Wesen

Hineinzuziehn, nur eine Seele bildend,

Die lebt und fühlt und in sich selbst zurückkehrt.

Damit du weniger dies Wort bewunderst,

So denke, wie, der Rebe Saft verbunden,

In Wein die Glut der Sonne sich verwandelt.

Hat Lachesis dann ihren Flachs geendet,

Löst sich der Geist vom Fleisch als Fähigkeit

Mitnehmend Göttliches wie Menschliches.

Und wenn die andren Kräfte all’ verstummen,

So bleibt Erkenntnis, Wille und Erinn’rung

In Tätigkeit, viel schärfer als zuvor.

Die Seele fällt von selber ohne Weilen

An eins der beiden Ufer wunderbar;

Den ihr beschiednen Ort erfährt sie dort erst.

Ist dann ein fester Raum ihr angewiesen,

So strahlt ringsum aus ihr die Bildungskraft,

Wie einst sie tat in den lebend’gen Gliedern.

Und wie die Luft, wenn sie des Regens voll ist,

Durch fremde Strahlen, welche sie zurückwirft,

Geschmückt wird mit gar mannigfachen Farben,

So bildet hier die nachbarliche Luft

Zu der Gestalt sich, die durch geist’ge Kraft

Die Seele, die dort weilet, in ihr ausprägt.

Und ähnlich, wie die Flamme stets dem Feuer,

Wie sehr dies auch den Ort vertausche, nachfolgt,

So folgt dem Geiste seine neue Form.

Und weil er nur durch sie Erscheinung hat,

Wird Schatten sie genannt, und jeden Sinn

Gewährt sie ihm, mit Inbegriff der Sehkraft.

Sie ist’s durch die wir reden, sowie lachen,

Durch die so Tränen wir als Seufzer bilden,

Gehört wirst du den Berg herauf sie haben.

Wie uns ein Wunsch und sonstige Erregung

Ergreift, das drückt sich aus in jenen Schatten;

Das ist der Grund von dem, was dich verwundert. –

Schon waren wir zur letzten Büßerqual

Gekommen, und nachdem zur rechten Seite

Wir uns gewandt, ergriff uns andre Sorge.

Hier nämlich wirft die Felswand Flammen aus;

Dagegen bläs’t ein Wind am Rand’ empor,

Der sie, zurückebiegend, von ihm abhält,

So mußten wir denn, einer nach dem andern

Am offnen Rande hingehn, und ich scheute

Das Feuer links und rechts hinabzufallen.

Mein Führer sprach: An diesem Orte muß man

Gar kurz im Zügel seine Augen halten;

Denn übel irren könnte man um wenig. –

Dann hörte mitten in der heißen Glut

»O Gott, an höchster Gnade reich« ich singen,

So daß ich doch dorthin mich wenden mußte.

Da sah ich Geister durch die Flammen wandeln,

So daß auf sie und meine Schritte schauend,

Von Zeit zu Zeit die Blicke ich verteilte.

Und als sie jenes Lied vollendet, riefen

Sie alle laut: »Ich weiß von keinem Manne«;

Dann wiederholten leise sie den Hymnus.

Nach dessen Schlusse riefen sie: Es blieb

Im Walde Diana, Helice daraus

Verjagend, die der Venus Gift gekostet. –

Dann kehrten zum Gesange sie, und nannten

So Frau’n als Gatten, welche keusch geblieben,

Wie Tugend es und Ehepflicht erfordert.

Ich glaub’ in diesem Wechsel fahren dauernd

Sie fort, solange sie dies Feuer brennet.

Mit solcher Arzenei, mit solcher Speise

Wird endlich zugeheilt die alte Wunde.

Sechsundzwanzigster Gesang

Als so am Rand’ hin, einer nach dem andern,

Wir gingen und der Meister öfters sagte:

Sei vorsichtig und folge meinen Tritten –

Traf auf die rechte Schulter mich die Sonne,

Die, strahlend, schon den ganzen Abendhimmel,

Statt blau, sowie zuvor, weiß scheinen ließ.

Und glühnder war der Flamme Farbe, wo

Mein Schatten hinfiel; manche Seele aber

Sah, gehend, ich auf dieses Zeichen merken.

Ob dieser Ursach fingen diese Geister

Von mir zu reden an, und einer sagte

Zum andern: Jener scheint kein Schattenkörper.

Dann traten einzelne, soviel sie konnten,

Zu mir heran, gewissenhaft vermeidend,

Den Raum der Flammenqual zu überschreiten.

Der du, wohl nicht weil säumiger du wärest,

Den andren nach, vielleicht aus Ehrfurcht, wandelst,

Gib Antwort mir, den Durst und Feuer brennen.

Bedürftig deiner Antwort bin nicht ich nur:

Wir alle dürsten mehr danach als Inder

Und Mohren sich nach kaltem Wasser sehnen.

Gieb Auskunft uns, weswegen du nicht anders

Als Wand der Sonne dienst, wie wenn du nimmer

Geraten wärest in das Netz des Todes. –

So sprach der ein’ aus jener Schar, und Auskunft

Hätt’ ich sogleich erteilt, wenn nicht in Anspruch

Ein neues Schauspiel mich genommen hätte.

In des entflammten Weges Mitte kamen,

Den vorigen entgegen, andre Schatten,

Auf die allein sich nun mein Auge wandte.

Da sah von beiden Seiten ich die Schatten

Sich im Vorübereilen paarweis küssen,

Mit kurzem Gruß sich ohne Rast begnügend.

So sieht in ihrer braunen Schar man eine

Ameise, Maul an Maul, die andre grüßen,

Wohl um, wohin es geht und wie zu hören.

Und eh’ sie nach der freundlichen Begegnung

Den ersten Schritt getan, bemüht sich, lauter

Noch als die andre, jede Schar zu rufen:

Die Neugekommnen: »Sodom und Gomorrha!«

»Pasiphaë steigt in die Kuh«, die andre,

»Damit der Stier sich ihrer Geilheit füge«.

Wie Kraniche, die teils zur Wüste, teils

Zu den Riphäer Bergen flögen, jene,

Weil Frost sie, diese, weil sie Sonne scheuten,

So ging dann eine Schar, die andre kam

Und fuhr im vorigen Gesange, weinend,

Und in dem Rufe fort, der ihr geziemte.

Und die vorher um Auskunft mich gebeten,

Sie traten, wie zuvor, an mich heran,

Sichtlich auf was ich reden würde merkend.

Ich aber, der schon zweimal ihr Begehren

Gesehn, begann: O Seelen, die ihr Frieden,

Wann es auch sei, gewiß seid zu erlangen,

Nicht unreif und nicht reif ließ meine Glieder

Ich dort zurück; nein sie begleiten hier

Mit ihrem Blute mich und ihren Muskeln.

Empor steig’ ich, um nicht mehr blind zu bleiben.

Ein Weib ist droben, das uns Gnad’ erwirbt;

Ihr dank’ ich’s, wenn im Leib’ ich zu euch komme.

Doch, soll eu’r höchster Wunsch sich bald erfüllen

Und Herberg’ euch der Himmel, der am weit’sten

Sich wölbt und ganz von Lieb’ erfüllt ist, werden,

So sagt mir, daß ich einst es niederschreibe,

Wer seid ihr, und wer ist die Schar, die dorten

Von hinnen eilet hinter eurem Rücken? –

Nicht anders steht, betroffen und verwirrt

Der Bergbewohner und verstummt im Schauen,

Betritt die Stadt er bäurisch, unerfahren,

Als in Gebärden jeder Schatten tat.

Doch als sie des Erstaunens sich entledigt,

Das in den edlen Herzen schneller nachläßt,

Begann derselbe, der zuerst mich fragte:

Heil dir, daß du, um seliger zu sterben,

Erfahrung sammeln darfst an unsren Küsten

Die Schatten, die nicht mit uns gehn, sie haben

Durch das gesündigt, weshalb beim Triumphe

Sich Cäsar »Königin!« zurufen hörte.

Darum entfernten sie sich »Sodom!« rufend,

Als Vorwurf für sie selbst, wie du vernahmest,

Und fördern durch die Scham der Flamme Wirkung.

Doch unsre Sünde war hermaphroditisch,

Und weil, statt menschliches Gesetz zu wahren,

Wir, Tieren gleich, der schnöden Lust gehorchten,

Wird, wenn wir scheiden, die zu unsrer Schande

Von uns genannt, die im vertierten Holze

Aus Wollust selber sich zum Tier erniedrigt.

Nun kennst du unsre Schuld und unsre Weise;

Doch, wolltest du noch, wer wir sind, vernehmen,

So langt die Zeit nicht und mir fehlt die Kunde.

Was mich betrifft, will ich dir gern genügen;

Mein Nam’ ist Guido Guinizelli. Läutern

Darf ich mich jetzt schon, denn in Reue starb ich. –

Wie nach Lykurgus’ Unglück die zwei Söhne

Beim Wiedersehn der Mutter sich gebahrten,

So tat ich, doch mit minderem Erkühnen,

Als ich vernahm, wie der sich selber nannte,

Der mir und all den Bess’ren Vater war,

Die süße Liebesreime je gedichtet.

Nicht redend und nicht hörend ging ich lange

Nachdenklich in sein Anschaun ganz versunken;

Doch näher trat ich nicht, des Feuers wegen.

Als ich geweidet mich zum Schauen hatte,

Erbot ich ihm zu jedem Dienst mich willig

Mit der Beteurung, welche Glauben findet.

Und er zu mir: So lichtes Angedenken

Läßt du in mir zurück durch deine Worte,

Daß Lethe mir’s nicht rauben kann noch schwächen;

Doch, soll, was du geschworen, sich bewähren,

So sage mir, warum du solche Liebe

In Worten mir bezeigest und in Blicken? –

Und ich: Der Grund sind eure süßen Lieder,

Die wert den Griffel machen, der sie schrieb,

So lang’ der neue Dichterbrauch bestehn wird. –

O Bruder, sagt’ er, den ich mit dem Finger

Dir weis’ (und einen Schatten vor mir zeigt’ er),

Der war ein bessrer Schmidt der Muttersprache.

In Liebesversen und Romanenprosa

Ziemt ihm der Preis, was auch die Toren sagen,

Die den aus Limousin für höher achten.

Mehr auf den Ruf, als auf die Wahrheit schaun sie,

Und stellen so ihr Urteil fest, bevor

Was Kunst und Einsicht sagen, sie vernommen.

So tat vor Zeiten oft man mit Guittone,

Den jeder pries, weil er ihn preisen hörte,

Bis jetzt die Wahrheit obgesiegt durch manche.

Ist dir solch hoher Vorzug nun geworden,

Daß in das Kloster dir zu gehn erlaubt ist,

In welchem Christus des Kapitels Abt ist,

So richt’ an ihn für mich ein Vaterunser,

So weit als wir’s in dieser Welt bedürfen,

Wo die Versuchung uns nicht länger anficht. –

Dann, wohl um einem andren Raum zu geben,

Der nächst ihm ging, verschwand er in dem Feuer,

Dem Fisch gleich, der im Wasser niederfährt.

Ich trat zu dem, der mir gezeigt war, vor

Und sagt’ ihm, welchen freudigen Empfang

Für seinen Namen mein Verlangen sichre.

Darauf begann er willig so zu reden:

Die Bitte, die ihr höflich tut, erfreut mich,

So daß ich mich nicht bergen kann noch will.

Ich bin Arnald und unter Tränen sing’ ich.

Wohl seh’ ich trauernd die vergangne Torheit;

Doch schon erquickt mich die gehoffte Freude.

Darum beschwör’ ich euch bei jener Kraft,

Die euch zum Gipfel führt von diesen Stufen,

Daß ihr bei Zeiten meines Leid’s gedenket! –

Drauf barg er sich im Feuer, das sie läutert.

Siebenundzwanzigster Gesang

Wie wenn sie ihre ersten Strahlen dorthin

Entsendet, wo sein Blut vergoß ihr Schöpfer,

Indem die Wage überm Ebro steht

Und Mittagsglut erhitzt des Ganges Welle,

So stand die Sonne und es ging zu Ende

Der Tag, als uns erschien der Engel Gottes.

Am Ufer stand er außerhalb der Flamme

Und: Selig sind, die reines Herzens – sang er

Viel hellren Tones, als der Menschen Stimme.

Dann, als wir näher ihm gekommen, sagt’ er:

Bis euch das Feuer brannt’, ihr heil’gen Seelen,

Dürft ihr nicht weiter; geht denn in die Flammen

Und schließt dort drüben dem Gesang’ eu’r Ohr nicht. –

Als ich dies Wort vernahm, ward ich an Blässe

Dem Manne gleich, der lebend ward begraben.

Und in die Flamme blickend, dacht’ ich lebhaft

Der Menschenleiber, die ich brennen sah,

Und bog mich vorwärts mit verschränkten Händen.

Die gütigen Gefährten wandten beide

Sich zu mir, und es sprach Virgil: Mein Sohn,

Hier kann es Qualen, aber Tod nicht gelten.

Gedenke, o gedenk’ … und wenn vor Schaden

Ich auf dem Rücken Geryon’s dich schützte,

Was werd’ ich tun, Gott um so vieles näher.

Vertraue mir, daß, wenn du auch im Schoße

Von dieser Flamme tausend Jahre weiltest,

Sie doch dir nicht ein Härlein rauben könnte.

Und glaubtest du vielleicht, daß ich dich täusche,

So tritt heran und deines Kleides Saum

Belehrt dich, hältst du ihn in dieses Feuer.

Laß fahren denn jedwede Furcht und wende

Dich hierher, schreite zuversichtlich vorwärts. –

Doch ich blieb stehn, unfolgsam dem Gewissen.

Als er mich also stehn sah unbeweglich,

Sprach er, etwas erzürnt: Nun denn, mein Sohn,

Von Beatrice trennt dich diese Mauer. –

Wie, sterbend, Pyramus bei Thisbe’s Namen

Die Augen aufschlug, um sie anzublicken,

Als rot des Maulbeerbaumes Frucht sich färbte,

So wandte ich, mit nun erweichtem Trotze,

Mich zu dem süßen Führer bei dem Namen,

Der unablässig sprießt in meiner Seele.

Dann schüttelt’ er die Stirn und sprach: Was meinst du

Ob wir nicht bleiben? – und dann lächelt’ er

Wie, wenn ein Kind der Apfel zwang, man tut.

Drauf trat er vor mir in die Feuersgluten

Und hinter mir zu gehen bat er Statius,

Der uns getrennt den langen Weg her hatte.

In siedend Glas hätt’ ich mich, als dort innen

Ich war geworfen um mich abzukühlen,

So über alles Maß war dort die Hitze.

Mein süßer Vater sprach zu mir im Gehen,

Mir Mut zu geben, nur von Beatrice

Und sagt’: Ihr Auge schon zu sehen däucht mir. –

Und ein Gesang, von jenseits zu uns tönend,

Geleitet’ uns, und auf ihn merkend traten

Wir aus den Flammen da, wo man emporsteigt.

»Kommt zu mir, die mein Vater hat gesegnet!«

Erscholl aus einem Licht von solchem Glanze,

Daß, überwältigt, ich’s nicht anschaun konnte.

Die Sonne sinkt, so sprach die Stimme weiter,

Der Abend kommt, beschleunigt drum die Schritte,

Bevor im Westen dunkel wird der Himmel. –

Grad’ aufwärts stieg der Weg durch das Gestein

In solcher Richtung, daß der Sonne Strahlen,

Die schon tief unten stand, ich vor mir deckte.

Erst wenig Stufen hatten wir erprobt,

Als ich und meine Weisen, weil mein Schatten

Verlosch, den Untergang der Sonne spürten.

Und ehe noch in all den weiten Räumen

Gleichfarbig war der Horizont geworden

Und eh die Nacht sich ganz verbreitet, hatte

Sich jeder eine Stuf’ als Bett erkoren;

Denn die Beschaffenheit des Berges raubte

Uns nicht die Lust, jedoch die Kraft zum Steigen.

Wie wenn zur Zeit der ärgsten Sonnengluten

Die Ziegen, die, bevor sie sich gesättigt,

Keck und behende um die Gipfel klimmten,

Schweigsam und zahm im Schatten wiederkäuen,

Indes der Hirt, auf seinen Stab gelehnt,

Sie hütet, ihnen Sicherheit verheißend,

Und wie der Schäfer, wenn er draußen herbergt,

Bei seiner Herde ruhig übernachtet,

Acht habend, daß kein Raubtier sie zerstreue:

So waren wir selbdritt zu jener Stunde,

Den Hirten sie, der Zieg’ ich zu vergleichen,

Vom Felsen eingeengt zu beiden Seiten.

Von dem was draußen war, sah dort man wenig;

Doch an dem Wenigen sah ich viel heller

Und größer als ich sonst gewöhnt die Sterne.

In solchem Sinnen und im Schaun auf jene

Befiel mich Schlaf, der Schlaf, der manchesmal

Von Dingen Kunde hat noch eh sie kamen.

Zur Stunde, dünkt mich, wo vom Morgenhimmel

Den Berg zuerst Cytherens Stern bestrahlte,

Der stets zu glühen scheint im Liebesfeuer,

Glaubt’ ich ein junges, schönes Weib im Traume

Zu sehen, die auf einer Aue wandelnd

Sich Blumen brach und singend also sagte:

Wer meinen Namen wissen will, vernehme,

Ich heiße Lea, meine schönen Hände

Beweg’ ich um mir einen Kranz zu winden.

Um mir im Spiegel zu gefallen, schmück’ ich

Mich hier; doch Schwester Rahel kehrt von ihrem,

Vor dem sie immer sitzt, die Blicke nie.

Sie sieht so gern in ihre schönen Augen,

Als ich mich gerne mit den Händen schmücke;

Sie freut am Schauen sich, wie ich am Wirken. –

Es floh schon vor dem Glanz der Morgenfrühe,

Den, wenn der Pilger heimkehrt, um so lieber

Er kommen sieht, je ferner er genächtigt,

Die Finsternis der Nacht in jeder Richtung.

Mit ihr entfloh mein Schlaf und ich erhob mich,

Da ich schon aufrecht sah die großen Meister.

Die süße Frucht, nach der auf so viel Zweigen

Der Menschen Sorge ausschaut, soll noch heute

Befriedigung all deinem Hunger geben. –

In diesen Worten sprach Virgil zu mir,

Und nimmer ward noch ein Geschenk gegeben,

Das Freude, diesem gleich verursacht hätte.

Und so verdoppelte sich mein Verlangen

Hinaufzukommen, daß bei jedem Schritte

Zum Flug’ ich mir die Schwingen wachsen fühlte.

Als wir durchmessen nun die ganze Treppe

Und auf der obersten der Stufen standen,

Da richtete Virgil auf mich die Blicke

Und sprach: Das ew’ge und das zeit’ge Feuer,

Mein Sohn, hast du gesehn, und bist nun dorthin

Gelangt, wo mein Blick nicht mehr weiter reicht.

Mit Kunst und Weisheit führt’ ich dich hierher;

Fortan nimm dein Gefallen nur zum Führer,

Nicht steile Pfade triffst du mehr noch enge.

Sieh dort die Sonne dir in’s Antlitz scheinen,

Die Kräuter sieh, die Blumen und die Sträucher,

Die hier der Boden aus sich selbst erzeuget.

Hier unter ihnen ausruhn, oder wandeln

Darfst du, bis freudig dir die schönen Augen

Erscheinen, die mich weinend zu dir sandten.

Nicht harre meines Wink’s noch meiner Rede,

Jetzt ist dein Wille frei, gesund und richtig;

Ihm nicht zu folgen wäre fehlerhaft,

Drum geb’ ich über dich dir Kron’ und Mitra.

Achtundzwanzigster Gesang

Den dichten Gotteswald, den lebensfrischen,

Der meinem Aug’ das Licht des Tages dämpfte,

Ringsum und innen zu durchspähn verlangend,

Verließ ich ohne Zaudern nun den Bergrand,

Und auf dem Plan, dem Duft ringsum entströmte,

Durchwandelt’ ich die Flur langsamen Schrittes.

Ein süßer Luftzug, frei von jedem Wechsel

In seinem Hauch, berührte mir die Stirne,

Nicht stärker als das Wehen leisen Windes.

Es neigten sich, davon gelind’ erzitternd,

Die Blätter allesamt nach jener Seite,

Nach der des Berges erster Schatten fällt;

Doch sie entfernten von der graden Richtung

Sich so nicht, daß in Übung ihrer Kunst

Gestört die Vöglein auf den Wipfeln wären.

Nein, freudig grüßten sie die Morgenstunde

Mit Lobgesang, verborgen in dem Laube,

Das summend ihrem Lied als Grundbaß diente,

So wie im Pinienwald von Zweig zu Zweige

Es rauschet dort am Meeresstrand von Chiassi

Wenn den Scirocco Aeolus entfesselt.

Schon hatten, die ich langsam tat, die Schritte

So weit mich in den alten Hain getragen,

Daß meines Eintritts Ort ich nicht mehr sah,

Als mir ein Bach das Weitergehn verwehrte,

Von dessen kleinen Wellen sich die Gräser,

Die ihm am Ufer sproßten, linkshin neigten.

Das lauterste der Wässer hier auf Erden

Getrübt erscheinen würd’ es gegen dieses,

Das nichts von dem verbirgt, das es bedecket,

Obwohl in tiefem Dunkel es dahinfließt

Des ew’gen Schattens, der dorthin zu strahlen

Der Sonne nie und nie dem Mond verstattet.

Wohl stand mein Fuß; jedoch es überschritten

Den Fluß die Augen um der frischen Maien

Zahllose Mannigfaltigkeit zu schauen.

Da sah ich, wie man plötzlich wohl gewahr wird

Was durch das Staunen, das es in uns wachruft,

Verscheucht jedweden anderen Gedanken,

Ein holdes Weib, die einsam vor sich hinging

Und singend unter all den Blüten wählte,

Die ihren Weg mit bunten Farben malten.

O schönes Weib, die an der Liebe Strahlen

Du dich entflammst, darf ich dem Aussehn glauben,

Das von dem Herzen Zeugnis pflegt zu geben,

Gefall’ es dir, zu diesem Bache näher

Heranzutreten – so sprach ich sie an –

Damit ich was du singst, vernehmen möge.

Du mahnst mich, wie und wo Proserpina

Zu jener Stunde war, als sie der Mutter

Verloren ging, und ihr der Blütenfrühling. –

So wie beim Tanze sich ein Mägdlein wendet,

Die Sohlen hart am Grund und aneinander,

Und einen Fuß kaum vor den andren setzet,

So wandte auf den rot und gelben Blumen

Sie sich zu mir, der Jungfrau, welche sittsam

Den Blick zu Boden schlägt, in allem gleichend.

Und also sich mir nähernd, daß des süßen

Gesanges Wortverständnis mich erreichte,

Gewährte meinen Bitten sie Erfüllung.

Als dorthin sie gelangt war, wo die Gräser

Schon von dem Naß des schönen Bach’s benetzt sind,

Schlug sie, mich zu erfreun, die Augen auf.

Ich glaube nicht, daß unter Venus’ Wimpern,

Als sie der Sohn, ganz wider seine Weise,

Verwundet hatte, solch ein Licht erglänzte.

Sie lächelte von jenem rechten Ufer,

Der Farben, welche samenlos dies Hochland

Hervorbringt, mehr noch mit den Händen sammelnd.

Nur um drei Schritte trennte uns das Flüßchen;

Doch von Leander ward der Hellespont

Nicht mehr gehaßt, weil da, wo Xerxes ihn

(Ein Zaum für Menschenstolz) einst überschritten,

Er zwischen Sestos und Abydos brandet,

Als dies von mir, weil sich’s nicht vor mir auftat.

Neulinge seid ihr hier – also begann sie –

Und weil an diesem Orte, der zum Neste

Der Menschheit auserkoren ward, ich lächle,

Verwundert ihr euch wohl und tragt Bedenken

Der Psalm: »Du lässest, Herr, mich fröhlich singen«

Gibt aber Licht und scheucht des Geistes Nebel.

Und du, der Vordre, der du mich gebeten,

Sag’ an, was du noch hören willst; bereit,

All deinen Fragen zu genügen, kam ich. –

Das Wasser, sprach ich, und des Waldes Rauschen

Bekämpfen in mir, was ich, dem zuwider,

Erst jüngst vernommen habe und geglaubt. –

Drauf sagte sie: Wie das, was dich verwundert,

Sich zuträgt, und warum will ich dir künden,

Und so den Nebel, der dich drückt, zerstreuen.

Das höchste Gut, das selbst nur sich genügt,

Schuf gut den Menschen und zum Heil, und schenkte

Ihm diesen Ort als Pfand des ew’gen Friedens.

Ob seines Fehltritts weilt’ er hier nur wenig,

Ob seines Fehltritts tauscht’ er Schmerz und Tränen

Für würd’ges Lächeln ein und süßes Spiel.

Damit die Störung, die nach unten hin

Des Wassers und der Erde Dünste, welche

Der Wärme soviel möglich nachgehn, wirken,

Den Menschen hier in keiner Art beläst’ge,

Erhebt der Berg, von dort ab wo man zuschließt

Von Dünsten frei, so weit sich himmelwärts.

Weil nun die ganze Luft, wenn der Bewegung

Kein Hindernis entgegentritt, im Kreise

Sich dreht, der ersten Himmelswölbung folgend,

So wird von der Bewegung dieser Gipfel,

Der frei hinausragt in die Luft, getroffen

Und Rauschen in dem dichten Hain geweckt.

Und die berührte Pflanz’ ist so beschaffen,

Daß sich mit ihrer Kraft die Luft erfüllt,

Die diese, ringsum kreisend, fallen läßt.

Der andre Boden, je nachdem er würdig

Durch sich und seinen Himmel ist, empfängt

Und zeuget Kräuter mannigfacher Art.

So wundr’ es euch, nachdem ihr dies vernommen,

Nicht mehr, wenn, ohne daß ihr Samen spürtet,

Zu Zeiten neue Pflanzen bei euch keimen.

Und wissen sollst du, daß von jedem Samen

Die heil’ge Fläche, wo du bist, erfüllt ist,

Und Früchte, die man dort nicht bricht, hervorbringt.

Das Wasser hier entspringt aus keiner Ader,

Die sich ergänzt durch abgekühlte Dünste,

Wie Flüsse tun, die mehr und minder schwillen;

Lebend’gem, wandellosem Quell entstammt es,

Der was er nach den beiden Seiten ausströmt,

So viel zurückempfängt durch Gottes Willen.

Er fließet diesseits mit der Kraft hernieder,

Zu tilgen die Erinnerung der Sünde;

Die guten Taten stellt er jenseits her.

Diesseitig Lethe, jenseits Eunoe

Wird er geheißen, und damit er wirke,

Muß er erst hier, dann dort gekostet werden.

Nichts andres kommt an Wohlgeschmack ihm gleich.

Und könnt’ auch, wenn ich dir nicht mehr entdeckte,

Dein Durst befriedigt sein in vollem Maße,

Will einen Zusatz ich aus Gunst dir schenken,

Und minderwert wird schwerlich meine Rede

Dir sein, geht weiter sie als ich verheißen:

Vielleicht, daß die vor Alters goldne Zeiten

Und deren Glück in ihrem Lied geschildert,

Von diesem Ort auf dem Parnasse träumten.

Hier war der Menschheit Wurzel ohne Schuld,

Hier reift jedwede Frucht bei stetem Frühling,

Der Quell hier ist der vielgenannte Nektar. –

Da wandt’ ich ganz zu meinen beiden Dichtern

Mich um und sah, wie sie nicht ohne Lächeln

Der Rede letzten Satz vernommen hatten.

Zum holden Weibe kehrt’ ich dann das Antlitz.

Neunundzwanzigster Gesang

Gleich einem liebentbrannten Mädchen singend

Fuhr sie nach ihren letzten Worten fort:

»Wohl denen, deren Sünden sind bedecket.«

Und wie von Nymphen, die im Waldesschatten

Lustwandelten, die eine wohl den Anblick

Der Sonne mied, indes die andr’ ihn suchte,

Ging dann dem Lauf des Baches sie entgegen

Am Ufer hin, ich aber tat das Gleiche,

Mit kleinem Schritt dem kleinen Schritte folgend.

Kaum hundert Schritte hatten wir zusammen

Getan, als sich die beiden Ufer wandten,

Weshalb ich wiederum dem Morgen zuging.

Nicht waren lange also wir gegangen,

Da sprach das holde Weib zu mir gewendet:

Nun, Bruder, merke auf mit Ohr und Auge. –

Und siehe, plötzlich strömt’ ein helles Leuchten

Von allen Seiten durch den weiten Wald,

So daß ich zweifelte, ob das ein Blitz sei.

Doch weil der Blitz, wie er gekommen, aufhört,

Dies Leuchten aber heller ward und heller,

So sagt’ ich in Gedanken: Was kann das sein? –

Und durch die lichterfüllte Luft hin strömte

Gar süße Melodie, so daß mein Eifer

Eva’s Vermessenheit mich schelten ließ,

Die, wo gehorsam waren Erd’ und Himmel,

Ein einzeln Weib und eben erst geschaffen,

Daß etwas ihr verhüllt sei, nicht ertrug;

Denn, hätte folgsam sie die Hüll’ ertragen,

So wären jene namenlosen Wonnen

Mir früher und auf läng’re Zeit geworden.

Und während, wie verzückt, ich unter allen

Den Erstlingsfrüchten ewgen Heils dahinging

Und immer neue Seligkeit verlangte,

Ward vor uns unter all den grünen Zweigen

Die Luft so licht wie helle Feuerflammen,

Und als Gesang der süße Ton vernehmbar.

O heil’ge Jungfrau’n, wenn ich jemals Hunger

Um euch ertrug, Nachtwachen oder Frost,

So hab’ ich Grund, den Lohn nun zu begehren.

Der Quelle Helikon’s bedarf ich jetzt

Und daß Urania und ihr Chor mir helfe,

In Versen schwer zu Denkendes zu sagen.

Nur wenig weiter fälschte mir die große

Entfernung, die noch zwischen uns und ihnen

Bestand, das Scheinbild sieben goldner Bäume;

Doch als so nah ich war herangekommen,

Daß trügerische Gleichheit der Gestalt

Nichts vom Besondren mehr entgehn mir ließ,

Erkannte jene Kraft, die Unterscheidung

Dem Geiste bietet, daß es Leuchter waren,

Und im Gesang der Stimmen »Hosianna!«

Viel heller flammt’ am ob’ren Teil das schöne

Gerät, als Mitternachts bei heitrem Himmel

Der Mond in seines Monats Mitte leuchtet.

Voll Staunen wandt’ ich mich zurück zum guten

Virgil, und Antwort gaben seine Züge,

Worin Verwundrung sich nicht minder aussprach;

Dann richtet’ ich auf jene hohen Dinge

Nochmals das Angesicht, die uns so langsam,

Daß schneller junge Bräute gehn, sich nahten.

Es schalt das holde Weib mich: Was entbrennst du

So in dem Anblick der lebend’gen Lichter,

Und achtest nicht auf das, was ihnen nachfolgt? –

Da sah den Lichtern ich, als ihren Führern,

Gestalten folgen, angetan in Weiß,

Wie es hienieden nie so rein gesehn ward.

Des Baches Wasser glänzte mir zur Linken

Und gab das Abbild meiner linken Seite,

Blickt’ ich hinein, zurück gleich einem Spiegel.

Als ich am Ufer soweit war gekommen,

Daß nur des Flüßchens Breite noch mich trennte,

Hemmt’ ich die Schritt’ um besser sehn zu können.

Es ließen, wie sie sich voran bewegten,

Die Flämmlein Streifen in der Luft zurück,

Die losgelöster Wimpel Aussehn hatten.

So war der Himmel dort von sieben Streifen

Durchzogen, in denselben Farben wie

Der Sonne Bogen und des Mondes Gürtel.

Nach rückwärts reichten weiter diese Banner,

Als meine Sehkraft, und den Zwischenraum

Der beiden äuß’ren schätzt’ ich auf zehn Schritte.

Von diesem schönen Himmel überwölbt,

Sah vierundzwanzig Älteste, zu Zweien

Und Zwei’n, bekränzt mit Lilien ich kommen.

Und alle sangen sie: Gebenedeiet

Sei’st unter Adams Töchtern du und ewig

Gebenedeiet werde deine Schönheit. –

Als wieder frei die Blumen und die Kräuter

Des Ufers, das mir gegenüberlag,

Von der erles’nen Schar geworden waren,

Da folgten, wie dem einen Licht am Himmel

Ein andres Licht zu folgen pflegt, vier Tiere,

Ein jegliches bekränzt mit grünem Laube.

Befiedert mit sechs Flügeln war ein jedes,

Die Federn zeigten Augen; also würden

Des Argus Augen sein, wär’ er lebendig.

Mehr Verse ihre Form zu schildern, spar’ ich;

So nötig brauch’ ich sie zu andrem Zwecke,

Daß hier sie zu verschwenden mir verwehrt ist.

Lies denn, o Leser, den Hesekiel,

Der sie von Mitternacht mit Wolk’ und Feuer

Im ungestümen Winde kommen sah.

Wie du sie finden wirst auf seinen Blättern,

So waren sie; nur daß Johannes anders

Als er die Flügel schildert und mir Recht gibt.

Es war im Raume zwischen diesen Vieren

Ein Siegeswagen, ruhend auf zwei Rädern,

Und diesen zog ein Greif an seinem Halse.

Er streckte zwischen jener Streifen mittler’n

Und drei und drei’n nach oben seine Flügel,

So daß verletzend keinen er berührte.

Sie ragten weiter auf als meine Blicke;

Die Glieder waren Gold, soweit des Vogels

Gestalt ging, aber rot und weiß die andren.

Nicht nur, daß Africanus und August

Ihr Rom mit schön’rem Wagen nie erfreuten,

Nein, gegen ihn wär’ arm auch der der Sonne,

Der Wagen, welcher auf der frommen Erde

Gebet, weil abgeirrt er war, verbrannt ward,

Als Jupiter geheimnisvoll gerecht war.

Es tanzten um das rechte Rad im Kreise

Drei Frau’n, und eine war so rot, daß kaum

Im Feuer man sie unterschieden hätte.

Die andre war nicht anders anzuschauen,

Als ob smaragden Fleisch und Bein lie hätte;

Es glich die Dritte frisch gefallnem Schnee.

Bald schienen von der Weißen sie geleitet,

Bald von der Roten, und nach deren Liede

Bemaßen sie des Tanzes Eil’ und Säumen.

Zur Linken tanzten vier den Festesreigen,

Und alle waren sie gehüllt in Purpur,

So wie die eine, die drei Augen hatte.

Und hinter alle dem was ich geschildert,

Sah ich zwei Greise von verschiedner Kleidung,

Im Ausdruck aber beide fest und ehrbar.

Der eine zeigte sich als ein Vertrauter

Hippokrates’ des großen, den Natur

Den Tieren schenkte, welche ihr die liebsten.

Es wies des andren Schwert, das blank und scharf war,

So daß von jenseits es mir Furcht erweckte,

Auf ein Bestreben umgekehrter Art.

Dann sah ich vier von gar bescheidnem Aussehn,

Und einzeln hinter allen kam ein Greis

Mit klugem Angesicht, in Schlaf versunken.

So wie die Vordren waren diese Sieben

Gekleidet; doch um ihre Häupter blühten

Nicht Lilien, wie sie es bei jenen taten,

Nein Rosen nur und andre rote Blumen,

So daß man, nahe selbst, geschworen hätte,

Sie stünden, oberhalb der Brau’n, in Flammen.

Als gegenüber mir der Wagen war,

Ertönt ein Donnerschlag, der jenen Würd’gen

Das Weitergehn zu untersagen schien,

Da still sie standen gleich den vordren Fahnen.

Dreißigster Gesang

Als so des ersten Himmels Nordgestirn,

Das Aufgang nie gekannt und Niedergang,

Noch anders als durch Sünde je umwölkt ward,

Und das, wie denen, die, den Hafen suchend

Das Steuer drehn, der niedre Nordstern tut,

So jedem dort verkündet was ihm obliegt,

Nun stillstand, wandte die wahrhafte Schar,

Die bis dahin vom Greifen es getrennt,

Dem Wagen sich als seinem Ziele zu.

Wie gottgeheißen, rief der eine singend

Dreimal: Komm meine Braut vom Libanon! –

Und alle andren folgten seinem Beispiel.

Beim jüngsten Aufruf werden so die Sel’gen,

Aus seiner Höhle jeder, schnell erstehen,

Mit neuer Stimme Halleluja singend,

Wie auf dem göttlichen Gefährte hundert,

Des ewgen Lebens Diener und Gesandte,

Auf solchen Greises Stimme sich erhoben.

»Gelobt sei der da kommt«, so sagten alle,

Und, Blumen werfend rings und drüberhin:

»O streuet Lilien aus mit vollen Händen!«

Wohl sah ich schon bei dem Beginn des Tages

Des Himmels Osten ganz wie Rosen glühn

Und anderweit in lichter Bläue glänzen,

Auch sah beim Aufgehn ich verhüllt die Sonne,

So daß das Auge durch der Dünste Mild’rung

Sie anzublicken läng’re Zeit vermochte;

So ward ich in der Wolke jener Blumen,

Die sich erhoben aus der Engel Händen

Und niederfielen innen so wie außen,

Ein Weib gewahr, die über weißem Schleier

Bekränzt mit Öllaub, unter grünem Mantel

Gekleidet war in heller Flamme Farben.

Und, der so lange schon durch ihre Nähe

Nicht mehr vor Staunen zitternd sich bewältigt

Gefühlt, mein Geist, empfand, obwohl die Augen

Ihm weitre Kunde noch nicht mitgeteilt,

Auf Grund geheimer Kraft, die von ihr ausging,

Der alten Liebe mächtige Gewalt.

Als nun von jener hohen Kraft mein Auge

Getroffen ward, die, eh’ das Knabenalter

Ich überschritten, todeswund mich machte,

Wandt’ ich zur Linken mich mit dem Vertrauen,

Mit dem das Kind zu seiner Mutter eilt,

Wenn es sich fürchtet, oder schon versehrt ist,

Um zu Virgil zu sagen: Nicht ein Quentchen

Von Blut ist mir geblieben, das nicht bebte;

Der alten Flamme Spuren kenn’ ich wieder. –

Allein entzogen hatte uns Virgil

Sein teures Selbst, Virgil, der süße Vater,

Virgil, dem ich zum Heile mich ergeben.

Und alles, was verwirkt die erste Mutter,

Nicht hindert es die taugeklärten Wangen,

Aufs neue sich durch Tränen zu verdüstern.

Dante, nicht weil Virgil von hinnen ging,

Sollst du schon weinen, darum noch nicht weinen;

Ein andres Schwert noch wird dich weinen machen. –

So wie vom Steuer bald und bald vom Schnabel

Ein Admiral erspäht, wie auf den Schiffen

Die Mannschaft tätig ist und sie ermuntert,

So sah ich, als beim Klange meines Namens,

Den ich genötigt bin hier einzutragen,

Ich mich gewandt, am linken Rand des Wagens

Das hohe Weib, die von den Blumenspenden

Der Engel mir verhüllt zuerst erschien,

Auf mich, der diesseit stand, die Augen richten,

Obwohl, umkränzet von Minervas Laube,

Der Schleier, der von ihrem Haupte wallte,

Sie unvollkommen nur erkennen ließ.

Und sie fuhr fort, mit königlichem Stolze

Im Ausdruck, dem vergleichbar, der beim Sprechen

Der Rede wärmsten Teil sich vorbehält:

Sieh uns nur an! Wohl bin ich’s, bin Beatrice.

Wie wagtest diesem Berge du zu nahen?

Weißt du nicht, daß der Mensch hier glücklich ist? –

Zum klaren Bach senkt’ ich das Auge nieder;

Doch als ich drin mein Bild sah, drückte Scham

Mir so die Stirn, daß ich’s zur Matte wandte.

So scheint die Mutter fremd und hart dem Kinde

Wie sie mir schien, und bitter war für mich

Des herben Mitleid’s brennender Geschmack.

Kaum schwieg sie, so begann der Engel Chor:

Den Psalm »Auf dich, Herr, traue ich« zu singen;

Doch weiter nicht, als »stellest meine Füße«.

Wie vom Nordost getrieben und verdichtet,

Und festgehalten von lebend’gen Balken,

Der Schnee zu Eis gefriert auf Wälschlands Rücken,

Und schmelzend dann in sich zusammensinkt,

Sobald es weht vom schattenlosen Lande,

Daß er sich auflöst, wie ein Licht am Feuer,

So konnt’ ich Tränen nicht, noch Seufzer finden

Bis zum Gesange jener, deren Töne

Stets die Musik der Sphären wiedertönen;

Doch als in ihren süßen Melodie’n sie

Mir Mitleid zeigten, mehr als ob: O Herrin,

Was tust du ihm so weh? – gesagt sie hätten,

Da ward der Frost, der mir das Herz erstarrte,

Zu Hauch und Wasser, so daß mit Beklemmung

Er aus der Brust mir drang durch Mund und Augen.

Sie aber, fest auf der gedachten Seite

Des Wagens stehend, richtet’ ihre Rede

An jene frommen Wesen solcherweise:

Ihr wacht ohn’ Unterlaß im ew’gen Tage,

So daß euch keinen Schritt, der auf den Wegen

Der Welt getan wird, Nacht und Schlaf entziehn.

Drum fass’ ich meine Antwort mehr zum Zwecke,

Daß der mich höre, der dort jenseits weinet,

Damit der Schuld das Maß des Schmerzes gleiche.

Nicht durch die Gunst allein der hohen Räder,

Die, je nachdem die Sterne günstig sind,

Jedweden zu bestimmtem Ziele leiten;

Auch aus der Fülle höchster Gnadenspende,

Die aus so hohem Dunstkreis Regen schöpft,

Daß nicht annähernd unser Aug’ hinanreicht,

War dieser so in seinem neuen Leben

Begabt, daß Übung rechter Art

Bewundernswürdigen Erfolg verhieß.

Doch um so wilder wird, um so verderbter,

Schlecht angebaut und schlecht besä’t, das Erdreich,

Je mehr von guter Bodenkraft ihm inwohnt.

Mit meinem Antlitz hielt ich eine Zeit ihn.

Indem die jungen Augen ich ihm zeigte,

Führt’ ich ihn mit mir in der rechten Richtung;

Doch, als die Art des Lebens ich vertauschte

An meines zweiten Lebensalters Schwelle,

Macht’ er sich los von mir und gab sich andren.

Als ich vom Fleisch erhoben war zum Geiste

Und Schönheit mir, wie Kraft gewachsen waren,

Ward minder lieb ich ihm und minder wert.

Zu falschen Wegen wandt’ er seine Schritte,

Den Bildern trügerischen Heiles folgend,

Die kein Versprechen halten, das sie gaben,

Auch half es nicht, daß Zeichen ich erwirkte,

Durch die in Träumen ich und andrer Weise

Zurück ihn rief; so war er mir entfremdet.

Er fiel so tief, daß nur das eine Mittel

Zu seinem Heile blieb, vor allen andren:

Die Scharen der Verdammten ihm zu zeigen.

Um seinethalb hab’ ich der Toten Pforte

Besucht, und meine Bitten unter Tränen

Dem dargebracht, der ihn hieher geleitet.

Ein hohes, göttliches Verhängnis würde

Gebrochen sein, wenn ohne ein’gen Zoll

Der Reu’, die Tränen auspreßt, solche Frucht

Gekostet würd’ und Lethe überschritten. –

Einunddreißigster Gesang

Der jenseit du des heil’gen Flusses weilest,

Begann fortfahrend sie ohn’ alles Säumen,

Indem der Rede Spitze, deren Schneide

Mir schon so weh tat, gegen mich sie kehrte,

Sag’ an, ob wahr ich sprach? denn zu so schwerer

Beschuldigung muß dein Geständnis treten. –

Es war so gänzlich meine Kraft gebrochen,

Daß sich die Stimme regte, aber tonlos

Erlosch, eh’ ihr Organ sie kundgegeben.

Nach kurzem Warten sagte sie: Was denkst du?

Antworte mir; das Wasser hat die trüben

Erinnerungen dir noch nicht genommen. –

Furcht und Beschämung preßten miteinander

Verbunden solch’ ein Ja! aus meinem Munde,

Daß durch das Aug’ es nur vernehmbar ward.

So wie die Armbrust, die zu straff gespannt ist,

Drückt man sie los, so Sehne bricht als Bogen,

Weshalb der Pfeil mit mindrer Kraft das Ziel trifft,

So brach ich ob der großen Last zusammen,

Und Tränen quollen vor und so viel Seufzer,

Daß an der Pforte sie die Stimme schwächten.

Und sie zu mir: Was fandest im Verlangen

Nach mir, das jenes Gut dich lieben lehrte,

Jenseits von dem kein Ziel die Sehnsucht findet,

Für Ketten du und welche Wäll’ und Gräben,

Die dir die Hoffnung, ihrer Herr zu werden

Und vorzuschreiten so benommen hätten?

Und welcher Vorteil, welch Entgegenkommen

Hat sich auf andrer Güter Stirn gezeigt,

Daß deine Schritte du zu ihnen kehrtest? –

Nachdem ich bitter aufgeseufzt und tief,

Gewann zur Antwort mühsam ich die Stimme

Und kaum gelang dem Mund der Worte Bildung:

Die gegenwärt’gen Dinge, sagt’ ich weinend,

Sie wandten mir durch falsche Lust die Schritte,

Sobald eu’r Angesicht sich mir verborgen. –

Und sie: Ob du verschwiegst, ob leugnetest

Was du gestanden, wäre deine Schuld

Nicht minder kundig, solch ein Richter kennt sie

Doch, klagt mit eignem Mund der Schuldige

Sich selber an, so kehrt an unsrem Hofe

Des Schleifsteins Rad der Schneide sich entgegen.

Allein, damit du jetzo deines Irrtums

Dich schämest, und wenn künftig die Sirenen

Du wieder hörst, du größre Kraft bewährest,

So hemme nun der Tränen Quell und höre

Wie dir ein Antrieb umgekehrten Sinnes

Mein eingesargtes Fleisch zu sein bestimmt war.

Nie wies Natur, nie Kunst, dir solche Wonne,

Als es die schönen Glieder taten, die mich

Umschlossen und auf Erden nun zerstreut sind.

Und schlug durch meinen Tod die höchste Wonne

Dir also fehl, wie konnte dann ein andres

Sterbliches Ding noch dein Verlangen wecken?

Wohl hätt’st du dich schon bei dem ersten Pfeile

Der trügerischen Dinge, mir zu folgen,

Die nicht mehr sterblich war, aufschwingen sollen.

Nicht durften Mädchen dir, noch Eitelkeiten,

Die nutzlos rasch vergehn, die Flügel hemmen,

Daß ausgesetzt du weitren Schlägen bliebest.

Ein junges Vöglein läßt sich mehrmals täuschen;

Doch vor der ausgewachs’nen Augen stellet

Umsonst man Netze aus und zielt mit Pfeilen. –

Wie Kinder die gefehlt, sich schämend, schweigen

Und niederblickend ihre Schelte hören,

Den Fehl erkennend und die Tat bereuend,

So stand ich, und sie sagte: Schmerzt dich schon

Was du gehört, so hebe nun den Bart auf,

Und größren Schmerz wird was du siehst dir bringen. –

Wohl mit geringrem Widerstande kämpft

Der Nordwind, oder der aus Jarba’s Lande,

Wenn einen kräft’gen Eichbaum er entwurzelt,

Als ihr Geheiß, daß ich das Kinn erhebe.

Und wie den Bart statt des Gesichts sie nannte,

Verstand ich wohl das Gift der Redeweise.

Als ich mein Angesicht nun aufgerichtet,

Ward ich gewahr, wie jene ersten Wesen

Mit ihrem Blumenstreuen innehielten.

Mein Aug’ indes sah, scheu noch und unsicher,

Beatrix zu dem Tiere, das nur eine

Person in zwei Naturen ist, gewendet.

Verhüllt vom Schleier und jenseit des Wassers

Schien so viel schöner sie, als sie gewesen,

Wie hier sie alle andren überragte.

Da brannte mich so sehr der Reue Nessel,

Daß mir, welch’ andres Ding zur Lieb’ am meisten

Mich je gelockt, das feindlichste nun wurde.

So brannt’ in meinem Herzen Schuldbewußtsein,

Daß ich bewältigt niedersank, – und sie,

Die das bewirkte, weiß in welchem Zustand.

Als dann das Herz den Sinnen wieder Kraft gab,

Sah ich das holde Weib, das ich allein fand,

Nun über mir, und: Fasse mich nur! – sprechend.

Sie zog mich, den sie in den Fluß getaucht

Bis an die Kehle, nach, und auf dem Wasser

Ging sie so leicht als wie ein Weberschiffchen.

Als ich dem seelgen Ufer nahe war,

Hört’ ich: »Entsünd’ge mich« so süßen Tones,

Daß ich’s nicht sagen, ja nicht denken kann.

Es öffnete das schöne Weib die Arme

Und tauchte mich, mein Haupt umfassend, unter,

Weshalb notwendig Wasser ich verschluckte.

Dann zog sie mich heraus, und den Benetzten

Bot sie dem Reigen der vier Schönen dar,

Und ihrer jed’ umfing mich mit den Armen.

Hier sind wir Nymphen, doch am Himmel Sterne;

Bestellt sind wir zu ihren Dienerinnen,

Noch eh Beatrix niederstieg zur Erde.

Vor ihre Augen woll’n wir dich geleiten;

Doch schärfen für das heitre Licht in ihnen

Die drei, die tiefer blicken, erst die deinen. –

Also begannen singend sie und führten

Mich dann der Brust des Greifen gegenüber,

Wo zu uns hergewandt Beatrix weilte.

Dann sagten sie: Nun spare nicht die Blicke!

Vor die Smaragden stellten wir dich hin,

Draus Amor einst dir seine Pfeile sandte. –

Es zog die meinen zu den Strahlenaugen

Verlangen tausendfach, wie Flammen glühend;

Sie aber hafteten am Greife nur

Nicht anders strahlte drin, als wie im Spiegel

Die Sonne strahlt, das zwiegestalt’ge Tier,

In dieser bald und bald in andrer Weise.

Erwäge, Leser, ob ich mich verwundert,

Als ich die Sache, ruhig in sich selber,

In ihrem Abbild so sich wandeln sah.

Noch nährte froh und staunend meine Seele

Sich von der Speise, die zwar mit sich sättigt,

Doch immer neuen Hunger nach sich wachruft.

Da traten, höhre Abkunft in der Haltung

Verratend, die drei andren Frau’n hervor

Und tanzten vor dem Engelswagen her.

Beatrix, wende deine heil’gen Augen

Nun deinem Treuen zu, so war ihr Lied,

Der, dich zu sehn, so manchen Schritt getan hat.

Tu’ uns die Gnad’, aus Gnade deinen Mund

Ihm also zu enthüllen, daß er auch

Die zweite Schönheit, die du birgst, erkenne. –

O Glanz des ewigen, lebend’gen Lichtes!

Wer bleichte so in des Parnasses Schatten

Die Wange, wer trank so aus seinem Brunnen,

Daß nicht umnebelt dann sein Geist erschiene,

Wenn er, zu schildern, wie du war’st versuchte,

Als du, von Himmelsharmonien umschattet,

Dein Angesicht der freien Luft enthülltest!

Zweiunddreißigster Gesang

So haftete mein Auge fest und eifrig,

Zehn Jahre langen heißen Durst zu stillen,

Daß tot die andren Sinne sämtliche schienen.

Mit einer Wand umgab sie rechts und links

Gleichgültigkeit; so zog das heil’ge Lächeln

Sie mit dem alten Netze zu sich hin.

Da ward gewaltsam nach der linken Seite

Von jenen Göttinnen mein Blick gewandt;

Denn ich vernahm: Nicht allzustier! – sie sagen.

Und jener Zustand, der die Augen blendet,

Wenn eben erst die Sonne sie getroffen,

Beraubte mich auf ein’ge Zeit der Sehkraft.

Als dann mein Aug’ allmählich für Gering’res

Empfänglich ward (Gering’res im Vergleiche

Des Zuviel, dem mein Aug’ entrissen war),

Gewahrt’ ich, wie zur rechten Seite hin

Die heil’ge Schar gekehrt war, und das Antlitz

Zur Sonne wandte und den sieben Flammen.

Wie eine Kriegsschar, die, beschützt von Schilden,

Um sich zu retten fliehn will, mit der Fahne

Voraus, sich wendet, ehe ganz sie umkehrt,

So ging der Teil von jenem Himmelsheere,

Der erst voranging, ganz an uns vorbei,

Eh noch sein vordres Holz den Wagen wandte.

Dann stellten zu den Rädern sich die Frauen,

Und ohne, daß sich eine Feder regte,

Bewegte die geweihte Last der Greif.

Von Statius und von mir begleitet, folgte

Das holde Weib, die durch die Furth mich zog,

Dem Rade, das die kleinste Wendung machte.

Es regelte, als durch den Wald (der leer steht

Durch deren Schuld, die einst der Schlange glaubte)

Wir gingen, unsren Schritt ein Engelslied.

Vielleicht, daß solchen Raum in dreien Flügen

Ein losgelass’ner Pfeil durchmißt, als wir

Zurückgelegt, da Beatrice abstieg.

Da hört’ ich murrend alle »Adam« sagen.

Drauf kreisten sie um einen Stamm, des Zweige

Beraubt der Blüten waren, wie der Blätter.

Sein Haar, das um so weiter sich verbreitet,

Je mehr es aufsteigt, würd’ ob seiner Höhe

Selbst in den Wäldern Indiens Staunen wecken.

Gesegnet sei’st du, Greif! daß dieses Holzes

Dein Schnabel sich enthält, obwohl es süß schmeckt;

Denn übel wurmt es hinterdrein im Bauche. –

So schrie’n, rings um den kräft’gen Baum, die andren;

Das zwiegestalt’ge Tier dagegen sagte:

Also bewahrt man alles Rechtes Samen! –

Und zugewandt der Deichsel, die er lenkte,

Zog er zum Fuß sie des verwaisten Baumes

Und ließ an ihn, was von ihm war, gebunden.

Wie unsre Pflanzen, wenn das große Licht

Vermischt mit dem zur Erde niederfällt,

Das, auf die Himmelsfische folgend strahlt,

In ihren Knospen schwellen, und dann jede

In eigner Farbe sprießt, noch eh die Sonne

In andrem Sternbild ihre Rosse anschirrt,

So ward der Baum, der so verwaiste Zweige

Zuvor gewiesen, neu belebt, mehr Farbe

Als Veilchen, weniger als Rosen zeigend.

Den Hymnus, welchen jene Schar dann sang,

Verstand ich nicht; hier wird er nicht gesungen,

Auch konnt’ ich bis zu Ende nicht ihn hören.

Wüßt’ ich zu schildern, wie die strengen Augen

In Schlaf, als sie von Syrinx hörten, sanken,

Und längres Wachen dann so teuer zahlten,

Dann würd’ ich, wie, wenn er ein Vorbild nachmalt,

Der Maler tut, wie ich in Schlaf fiel zeichnen;

Nun schildre, wie man einschläft, wer da Lust hat,

Drum übergeh’ ich bis wo ich erwachte,

Und sag’, ein Glanz zerriß des Schlafes Schleier

Mir mit dem Ruf vereint: Steh auf! was säumst du? –

So wie Johannes, Petrus und Jacobus,

Als sie (geführt, des Apfelbaumes Blüten,

Nach dessen Frucht die Engel selbst gelüstet

Und der im Himmel ew’ge Hochzeit feiert,

Zu sehn) entschlummert waren, bei dem Worte

Das tiefren Schlaf bezwungen hat, erwachten,

Und ihre Schule dann gemindert fanden

Sowohl um Moses als auch um Elias,

Und umgewandelt ihres Meisters Kleidung –

So sah, als mir Besinnung wiederkehrte,

Ich jene Fromme neben mir, die längs

Des Bachs geleitet hatte meine Schritte.

Wo ist Beatrix? – sagt’ ich voller Zweifel.

Drauf jene: Siehe dort sie auf der Wurzel

Des neubelaubten Baum’s im Schatten sitzen.

Sieh das Geleite, welches sie umgibt;

Die andren gehn dem Greife nach gen oben

Und singen süß’re Lieder noch und tiefre. –

Nicht weiß ich, ob sie weiter noch gesprochen:

Schon hatten meine Augen die erfaßt,

Die mich für andres unempfänglich machte.

Sie saß allein auf dem wahrhaften Boden,

Geblieben, um den Wagen zu bewachen,

Den ich vom Doppeltier befest’gen sah.

Im Kreis’ umschlossen sie die sieben Nymphen

Und trugen jene Lichter in den Händen,

Die sicher sind vor Nordwind oder Föhn:

Nur kurze Zeit noch wirst ein Gast du hier sein;

Dann bleibst du ewig Bürger jenes Rom’s,

Von welchem Christus selbst ein Römer ist;

Darum, der Welt zum Nutz, die übel wandelt,

Sollst auf den Wagen du die Augen richten,

Und heimgekehrt, was du gesehn hast, schreiben, –

So sprach Beatrix, und, der ich bereit

Zu ihres Willens Füßen saß, ich wandte

So Geist als Augen dorthin, wo sie wollte.

Aus dichter Wolke schoß mit solcher Schnelle

Niemals die Flamme nieder, wenn der Regen

Von unsres Dunstkreis’ fernster Grenze kommt,

Als durch den Baum den Vogel Jupiter’s

Ich niederschießen sah, die Rinde splitternd

So wie die Blumen und die neuen Blätter.

Mit aller seiner Kraft traf er den Wagen;

Der aber wankte, wie ein Schiff in Nöten,

Das Wellen hinten bald, bald vorn bedrängen.

Dann sah ich in des Siegeswagens Wiege

Sich einen Fuchs voll Freßbegierde stürzen,

Der alles guten Futters ledig schien.

Doch meine Herrin zieh ihn schnöder Sünden

Und jagte ihn in so behende Flucht,

Als die Gebeine ohne Fleisch ihn trugen.

Dann aber sah ich in des Wagens Arche

Vom vor’gen Ort den Adler wiederkehren

Und seiner Federn einen Teil ihr lassen.

Wie aus der Brust die bitter sich beklaget,

So kam vom Himmel eine Stimm’ und sagte:

Wie bist, mein Schifflein, übel du beladen! –

Dann war’s, als täte zwischen den zwei Rädern

Der Grund sich auf, ausspeiend einen Drachen,

Der mit dem Schwanze das Gefährt durchbohrte.

Und, wie zurück den Stachel zieht die Wespe,

So riß, den bösen Schweif er nach sich ziehend,

Ein Stück vom Boden aus und floh behende;

Was übrig blieb, bezog, wie fettes Erdreich

Mit Grase, mit den Federn sich, die wohl

Gespendet waren in der besten Absicht.

Das ein’ und andre Rad, die Deichsel auch

Bedeckten sich damit in solcher Schnelle,

Daß länger wohl den Mund ein Seufzer aufhält.

Also verwandelt, streckte dann das heil’ge

Gebäude Häupter vor aus seinen Teilen:

Drei aus der Deichsel, eins aus jeder Ecke.

Gehörnt wie die des Stieres, waren jene,

Nur ein Horn aber trugen die vier andren;

Ein ähnlich Ungetüm war nie zuvor.

Wie eine Burg auf hohem Felsen trotzig,

Sah auf dem Untier eine Hur’ ich sitzen,

Die rings umher die frechen Blicke wandte,

Und neben ihr, hoch aufrecht, auf der Wacht,

Daß man sie ihm nicht raube, stand ein Riese,

Der geiler Küsse manchen mit ihr tauschte.

Als rings umschweifend sie das gier’ge Auge

Auf mich gerichtet, schlug der wilde Buhle

Vom Haupt sie bis zur Sohle mit der Geißel;

Dann aber lös’t er voll Verdacht und zornig

Das Ungetüm und schleppt’ es in den Wald

So weit hinein, daß dieser mich vom Anblick

Der Hure und des neuen Tiers befreite.

Dreiunddreißigster Gesang

In süßer Psalmodie begannen weinend

Die Frau’n: »Herr in dein Erbe sind die Heiden

Gefallen«, wechselnd ihrer drei und vier.

Beatrix aber horchte dem Gesange

So schmerzlich seufzend, daß am Fuß des Kreuzes

Nur wenig mehr Maria sich verfärbte.

Als ihrer Rede dann die andren Jungfrauen,

Indem sie selber schwiegen, Raum gegeben,

Erhob sie sich zur Antwort, rot wie Feuer:

In kurzem werdet ihr mich nicht mehr sehen;

Dann aber auch, ihr meine lieben Schwestern,

In kurzem werdet ihr mich wiedersehen. –

Voranzugehn befahl sie dann den Sieben

Dem holden Weib, und mir durch Wink gebietend,

Gleich Statius, der noch weilte, ihr zu folgen.

So ging sie, und nicht ihrer Schritte zehnten,

Bedünkt mich, hatte nieder sie gesetzt,

Als ihre Augen auf die meinen trafen.

Mit ruh’gem Ausdruck sprach sie: Geh geschwinder,

Damit, wenn ich die Rede an dich richte,

Du wohl bereitet sei’st, auf mich zu hören. –

Als neben ihr ich war, so wie ich sollte,

Begann sie: Bruder, da du mit mir kommst,

Warum mich zu befragen wagst du nicht? –

Wie denen, die bei zu viel Ehrerbietung

Mit dem, der höher steht, zu reden haben,

Kaum hörbar an die Zähne dringt die Stimme,

Also geschah mir; denn nur halbvernehmlich

Begann ich: Herrin, alles was mir nottut

Kennt ihr und so auch, was dafür mir gut ist. –

Von aller Furcht und Scham, das ist mein Wille,

Sollst du dich nun befrein, so sagte sie,

Daß du nicht redest, wie ein Mann der träumet.

Vernimm, der Wagen, den der Wurm zerbrochen,

War, aber ist nicht. Wer dran Schuld hat, wisse,

Die Rache Gottes scheut nicht Eingebrocktes.

Nicht immerdar bleibt unbeerbt der Adler,

Von dem der Wagen das Gefieder hat,

Das erst zum Untier, dann zur Beut’ ihn machte.

Denn sicher seh’ ich, und darum bericht’ ich’s

Schon nahe Sterne, frei sowohl von Hind’rung

Als Widerstande eine Zeit uns bringen,

In der ein Gottgesendeter Fünfhundert

Und Zehn und Fünf die Räuberin wird töten

Sowie den Riesen, welcher mit ihr sündigt.

Vielleicht, daß, dunkel, so wie die der Themis

Und Sphinx, dich meine Rede zweifeln läßt,

Weil sie nach deren Art den Sinn verhüllt;

Doch werden die Geschicke bald Najaden

Dir werden und dies schwere Rätsel lösen,

Und unbeschädigt Vieh und Feldfrucht bleiben.

Du aber merk’ und melde diese Worte,

Wie ich sie sagte, denen, die des Lebens,

Das nur zum Tod’ ein Laufen ist, noch leben.

Auch sollst, wenn du sie schreibst, du nicht verschweigen,

In welchem Zustand du den Baum gesehn hast,

Der nun zum zweiten Male hier beraubt ward.

Wer immer ihn beraubt, wer ihn zersplittert,

Der kränkt durch tatgewordne Läst’rung Gott,

Der nur zu seinem Dienst ihn heilig schuf.

Fünftausend Jahr’ und mehr verlangt’ in Sehnsucht

Die erste Seele, weil von ihm sie aß,

Nach dem, der an sich selbst den Biß bestrafte.

Es schläft dein Geist, wenn er nicht wohl erkennt,

Daß aus besondrem Grund der Baum so hoch

Und fremdgestaltet ist in seinem Gipfel.

Und wären nicht die eitelen Gedanken

Für deinen Geist gleich Elsa’s Flut gewesen,

Und ihre Lust, wie Pyramus dem Maulbeer,

So würdest du schon aus so vielen Gründen

Sittlich die göttliche Gerechtigkeit

In dem Verbot des Baumes erwiesen finden.

Doch, weil in deinem Geiste ich versteinert,

Und in dem Steine noch verfärbt, dich finde,

So daß dich blendet meiner Rede Licht,

Sollst du, wenn auch als Schrift nicht, doch als Bild,

Sie innen mit dir nehmen, aus dem Grunde,

Warum den Stab mit Palmen Pilger schmücken. –

Und ich: So wie die eingegrabne Form

Des Siegels sich im Wachs entsprechend ausdrückt,

So trägt jetzt eure Prägung mein Gehirn.

Warum indes fliegt eu’r ersehntes Wort

So über meine Sehkraft weit hinaus,

Daß sie’s nur mehr verliert, je mehr sie nachstrebt? –

Damit du würd’gen lernst die Schule, welcher

Du anhingst, und wie wenig ihre Lehre

Imstand’ ist, meinem Wort zu folgen (sprach sie),

Und seh’st, wie Gottes Wege von den euren

So weit entfernt sind, als von eurer Erde

Der Himmel absteht, der am höchsten eilet. –

Und ich erwiderte: Ich wüßte nicht,

Daß ich mich je von euch entfremdet hätte,

Noch macht mir mein Gewissen solchen Vorwurf. –

Kannst du dich, so entgegnete sie lächelnd,

Nicht dran erinnern, so erwäge nur,

Daß du vom Lethe eben erst getrunken.

Und wie man aus dem Rauch auf’s Feuer schließet

So zeigt dies dein Vergessen, daß dein Wille,

Der andres Ziel verfolgte, schuldig war.

Jedoch von nun an sollen meine Worte

Insoweit nackt sein, als sie zu enthüllen

Notwendig ist für deine blöden Augen. –

Und flammender und mit langsamren Schritten

Verweilte schon die Sonn’ im Mittagskreise,

Der hin und her mit dem Beschauer wechselt,

Als an dem Ende des farblosen Schattens,

(Wie unter grünem Laub und schwarzen Ästen

Die Alpen ihn an kühlen Bächen tragen)

Die sieben Frau’n nicht anders stille standen,

Als der tut, der, geht er der Schar als Führer

Voraus, auf neues oder dessen Spur trifft.

Euphrat und Tigris schienen mir vor ihnen

Hervorzurinnen aus derselben Quelle,

Und dann, gleich Freunden zögernd, sich zu trennen.

O Licht, o Ruhm des menschlichen Geschlechtes,

Was für ein Wasser strömt von einem Ursprung

Hier aus, um dann sich von sich selbst zu scheiden? –

Auf solche Bitte wurde mir erwidert:

Matelda bitte, daß sie dir es sage. –

Da sprach das holde Weib, wie wer Verschuldung

Ablehnen will: So dies als andre Dinge

Vernahm er schon von mir, und Lethe’s Wasser

Hat sicher davon nichts vor ihm verborgen. –

Drauf Beatrice: Wohl mag größre Sorge,

Die oftmals das Gedächtnis raubt, verdunkelt

Das Auge der Erinnerung ihm haben

Sieh aber Eunoè, die dort entspringet;

Zu dieser führ’ ihn so wie du gewohnt bist,

Ihm die erlahmte Kraft neu zu beleben. –

So wie ein edles Herz nicht Ausflucht suchet;

Nein, zu dem seinen macht den fremden Willen,

Sobald ein Zeichen ihm ihn offenbaret,

Nicht anders schritt, nachdem sie mich erfasset,

Das holde Weib voran und sprach zu Statius

Im Ton der Herrin: Komm auch du mit ihm. –

Wär’ mir, o Leser, weitrer Raum zum Schreiben

Verstattet, sänge ich den süßen Trank

Wohl teilweis, der mich nie gesättigt hätte;

Weil aber voll schon sind die Blätter alle,

Die für dies zweite Lied ich angelegt,

So heißt der Zaum der Kunst, mich innehalten.

Erneuert kehrt’ ich von der heil’gen Quelle

In gleicher Art zurück, wie junge Pflanzen

Verjüngert sich durch junge Blätter fühlen,

Rein und bereit zum Aufschwung nach den Sternen.

Das Paradies

Erster Gesang

Des Allbewegers Herrlichkeit durchdringt

Das ganze Weltall, aber sie erglänzet

An einer Stelle mehr, als an der andren.

Im Himmel, dem von seinem Licht am meisten

Zuteil wird, war ich und ich schaute Dinge,

Die weder sagen kann, noch weiß, wer heimkehrt.

Denn, naht sich unser Geist dem letzten Ziele

Der Sehnsucht, so versinkt in solche Tief’ er,

Daß das Gedächtnis ihm nicht folgen kann.

Doch, was an Schätzen aus dem heil’gen Reiche

Aufspeichern ich in der Erinnrung konnte,

Sei nun der Gegenstand von meinem Liede.

O gütiger Apollo, mach du mich

So zum Geräte für die letzte Arbeit,

Wir du verlangst zur werten Lobeerspende.

Der eine von den Gipfeln des Parnasses

Genügte mir bisher; nun muß mit beiden

Ich auf den Plan, der noch zurück ist, treten.

So zeuch denn ein in meine Brust und hauche,

Sowie du tatest, als den Marsyas

Du aus der Scheide seiner Glieder zogest!

O Himmelskraft, gewährst du dich so weit mir,

Daß des gebenedeiten Reiches Schatten,

Wie ihn mein Haupt bewahrt, ich offenbare,

So siehst du zu dem Baume der dir lieb ist

Mich kommen, mit dem Laub mich zu bekränzen,

Des du mich wert machst und der Gegenstand.

So selten wird davon gepflückt, o Vater,

Damit zu krönen Feldherrn oder Dichter

(Zur Schuld und Schande menschlicher Begierden),

Daß des Penéus Laub dem frohen Gotte

Von Delphi, wenn in jemand es Verlangen

Nach sich hervorruft, Lust bereiten sollte

Aus kleinem Funken lodert große Flamme;

Vielleicht, daß einst mit mehr befugter Stimme

Gebeten wird um Cirrha’s günst’ge Antwort.

Aus manch verschiedner Mündung steigt die Leuchte

Der Welt den Sterblichen empor; jedoch

Aus keiner bess’ren Laufs und mit Gestirnen

Von höhrer Kraft verbunden, nie bereitet

Und siegelt sie so gut das Wachs der Welt,

Als wenn vier Kreisen sie drei Kreuze einet.

Fast hatte Morgen jene Mündung dort,

Und Abend hier gemacht; deshalb war jene

Halbkugel völlig hell, die unsre dunkel,

Als ich Beatrix nach der linken Seite

Gewendet sah und in die Sonne schauen;

Kein Adler schaute je so fest hinein.

Und wie ein zweiter aus dem ersten Strahle

Hervorzugehn und aufzusteigen pflegt,

Gleich wie ein Pilger, der sich wieder heimsehnt,

So folgte ihrem Tun, das durch die Augen

Sich mitgeteilt mir hatte, meines nach,

Und über Menschenbrauch blickt’ ich zur Sonne.

In Kraft des Ortes, der geschaffen ward

Zum Eigentum der Menschheit, können dort

Die Sinne manches, was sie hier nicht können.

Nicht lang’ ertrug ich’s, aber doch so lange,

Daß ich rings um sie funkeln sah, wie wenn

Das Eisen siedend aus dem Feuer rinnet.

Und plötzlich schien ein zweiter Tag dem Tage

Hinzugefügt, als hätte, der es kann,

Mit einer Sonne mehr geschmückt den Himmel.

Es haftete nur an den ew’gen Rädern

Beatrix’ Auge, und als ich die meinen,

Von oben abgekehrt, auf sie nur wandte,

Ward ich in ihren Anblick innerlich

Dem Glaukus ähnlich, der als er vom Kraute

Geprobt, Genosse ward der Meeresgötter.

»Die Menschheit überschreiten« ist durch Worte

Nicht auszudrücken, drum genüge jedem,

Dem Gnad’ Erfahrung vorbehält, das Beispiel.

Ob ich nur das war, was du neu geschaffen,

Weißt du, o Liebe, die den Himmel lenket,

Da du mit deinem Lichte mich emporhobst.

Als mich das Kreisen, welches du durch Sehnsucht

Verewigst, durch die Harmonie, die du

Bestimmst und einteilst, zu sich hingewendet,

Schien durch der Sonne Flamme mir vom Himmel

So viel entbrannt zu sein, daß Überschwemmung

Und Regen nie so großen See gebildet.

So machten mich nach ihrem Grund begierig

Des Tones Neuheit und das große Licht,

Daß gleiche Wißbegier ich nie gekannt.

Doch sie, die mich verstand, so wie ich selber

Tat eh’ zum Fragen ich den Mund geöffnet,

Den ihren, um mich zu befried’gen, auf,

Und sie begann: In deinem falschen Wahne

Betörst du selber dich: so daß du nicht siehst,

Was, würfest du ihn ab, du sehen würdest.

Nicht auf der Erde bist du wie du wähnest;

Nie fuhr ein Blitz, verlassend seine Stätte,

So schnell hinab, als du zu ihr hinauf eilst. –

Wenn mich die kurzen, unter süßem Lächeln

Gesprochnen, Worte von dem ersten Zweifel

Befreit, verstrickte nun ein zweiter mich.

Ich sagte: Schon werd’ ich von großem Staunen

Beruhigt; doch, wie diese leichten Körper

Mein Körper überfliegt, bestaun’ ich nun. –

Drauf richtet’ unter mitleidsvollem Seufzer

Auf mich den Blick sie mit der Mutter Ausdruck,

Die ihres Kindes Fieberwahne zuschaut.

Und sie begann: Geordnet zueinander

Sind alle Dinge; dies Gesetz allein

Macht, daß das All der Welt Gott ähnlich ist.

Es sehn in ihm die hohen Kreaturen

Die Spur der höchsten Kraft, in der das Ziel liegt,

Zu welchem die gedachte Ordnung hinweist.

Es fügen ihr sich alle Wesen ein,

Die ihrem Ursprung, je nach ihrem Lose,

Mehr oder minder fern und nahe sind.

Drum schiffen in des Daseins großem Meere

Sie nach verschied’nen Häfen, und Naturtrieb

Ward jedem zugeteilt, daß er es leite.

Er ist es, der das Feuer mondwärts treibt,

Des Menschenherzens Regung kommt von ihm,

Er ist es, der den Erdball eint und festigt.

Und dieses Bogens Pfeile treffen

Nicht nur erkenntnislose Wesen, nein,

Auch die begabt mit Einsicht sind und Liebe.

Es gibt die Vorsehung, die dies geordnet,

Mit ihrem Licht dem Himmel ew’ge Ruhe,

In welchem, der am schnellsten eilt, sich drehet.

Jetzt aber trägt, wie zu beschlossenem Ziele

Dorthin uns jener Bogensehne Kraft,

Die was sie losschnellt lenkt zu frohem Ende.

Wohl ist es wahr, daß, wie des Künstlers Absicht

Die Form oft nicht entsprechen will, indem

Der Stoff, als wär’ er taub, nicht Antwort gibt,

So das Geschöpf sich oft von dieser Bahn

Losmacht, da, trotz des Antriebs, es die Macht hat,

Sich auch nach andrer Seite hinzuwenden

(Wie ja zur Erde Feuer aus der Wolke

Man fallen sieht), sobald durch falsche Lüste

Zu Irdischem der erste Drang gelenkt wird.

Nun hast du, schließ’ ich recht, nicht größren Anlaß

Zum Staunen, als wenn du von hohem Berge

Zum Tal hernieder fließen siehst den Bach.

Wär’st, frei vom Hemmnis, unten du geblieben,

So wäre das nicht minder zu verwundern,

Als blieb’ am Boden haften frisches Feuer. –

Dann wandt’ ihr Aug’ aufs neue sie gen Himmel.

Zweiter Gesang

Die hörbegierig ihr in kleinem Nachen

Bis hieher nachgefolgt seid meinem Schiffe,

Das mit Gesange seine Bahn durchmißt,

Kehrt nun zurück zu eurem Heimatsstrande,

Wagt nicht ins hohe Meer euch; denn ihr wäret,

Verlört ihr meine Spur, gar leicht verloren.

Nie ward das Meer beschifft, das ich befahre,

Mich führt Apoll, Minerva schwellt die Segel

Und die neun Musen zeigen mir die Bären.

Ihr wenigen jedoch, die ihr bei Zeiten

Den Hals gestreckt nach jenem Engelsbrote,

Das Nahrung hier, nie Sättigung gewährt,

Wohl dürft eu’r Schifflein in die hohe Meerflut

Ihr lenken, haltet ihr nur meine Furche,

Eh sich das Wasser wieder glättet, ein.

Die Ruhmgekrönten, die nach Kolchis fuhren,

Erstaunten minder, wie zum Pflüger Jason

Geworden war, als ihr erstaunen werdet. –

Uns trug der anerschaff’ne ew’ge Durst

Nach jenem Reich, das Gottes Stempel trägt,

So schnell fast als der Fixsternhimmel kreis’t.

Beatrix sah nach oben, ich auf sie,

Und in der Zeit, in der ein Pfeil ans Ziel kommt

Und fliegt und von der Nuß sich losmacht,

Gelangt’ ich dorthin wo ein wunderbares

Gesicht mein Auge auf sich zog; Sie aber,

Der nichts verborgen blieb, was in mir vorging,

Sie wandte sich zu mir so schön als freudig

Und sagte: Richte dankbar nun den Geist

Zu Gott, der uns dem ersten Stern vereint hat. –

Mir war es, als bedeck’ uns eine Wolke,

Die licht und dicht war, fest und wie geglättet,

Daß Diamant im Sonnenstrahl sie schien.

Es nahm uns in sich selbst die ew’ge Perle

Nicht anders auf, als wie den Strahl des Lichtes

Das Wasser aufnimmt und in sich geeint bleibt.

War ich nun Körper, und ist’s unbegreiflich,

Daß eine Räumlichkeit die andre zuließ,

Wie wenn ein Körper in den andren schlüpfte,

So sollten drum nur heißer wir verlangen

Die Wesenheit zu schauen, welche zeigt,

Wie Gott sich menschlicher Natur geeinigt.

Was hier wir glauben, das wird dort man schauen,

Nicht als erwiesen, nein als selbstverständlich,

So wie die erste Wahrheit, die wir glauben.

Andächtig, wie ich irgend nur zu sein weiß

(Sagt’ ich darauf), o Herrin, dank’ ich dem,

Der mich der Welt der Sterblichkeit entrückt hat.

Doch saget mir, was sind die dunklen Zeichen

An diesem Körper, die zu Kainsfabeln

Dort unten auf der Erde Anlaß geben? –

Nach kurzem Lächeln sprach sie: Daß die Meinung

Der Menschen da auf falschen Wegen geht,

Wo nicht aufschließen kann der Sinne Schlüssel,

Darf mit des Staunens Pfeil dich nicht mehr treffen,

Siehst du zu kurz die Flügel der Vernunft

Selbst da, wo ihr den Weg die Sinne weisen.

Doch sage mir, was deine Ansicht ist? –

Und ich: Was uns verschieden scheint hier oben,

Bewirkt, so glaub’ ich, Lockerheit und Dichte. –

Und sie zu mir: Gewiß wirst du dein Wähnen

In Irrtum tief versunken sehn, vernimmst du,

Was ich dagegen dir entwickeln werde.

Es hat die achte Sphäre viele Lichter,

Die, als an Art verschieden wie an Größe

Erkennen muß, wer auf ihr Aussehn acht hat.

Wenn Lockerheit und Dichte das bewirkten,

So wäre eine Kraft in ihnen allen.

Verschieden nur verteilt nach mehr und minder.

Verschiedne Kräfte müssen unterschiedner

Urgründe Früchte sein; die aber wären

Nach deiner Meinung, bis auf einen, tot.

Und wäre Lockerheit der Grund des Dunkels,

Nach dem du fragst, so wäre ja entweder

Der Mond dort durch und durch so stofflos, oder

In seinem Umfang wechselten die Schichten

Von dicht und locker, so wie fett und mager

In eines Körpers Fleisch verteilt wir sehen.

Das erste würde, wär’ es wahr, sich zeigen,

So oft die Sonne sich verfinstert, da ihr Licht

Durchscheinen müßte, wie durch andres Lock’re.

Ist dem nun nicht, so ist nur noch das andre

Zu prüfen; wenn ich dann auch dies vernichte,

Wird deine Meinung sich als falsch ergeben.

Durchdringt das Lock’re denn den Mond nicht ganz,

So muß ein Endpunkt sein, an dem das Dichte

Das Licht verhindert, weiter vorzudringen.

Dort aber müßte so der fremde Strahl

Abprallen, wie ein farbig Bild vom Glase,

Das hinten überkleidet ist mit Blei.

Nun sagst du wohl, es zeige sich um deshalb

Der Strahl dort dunkler als an andren Stellen,

Weil weiter rückwärts er gespiegelt werde;

Von diesem Einwurf kann, willst du sie machen,

Erfahrung dich befreien, die die Quelle

Von allen Bächen eurer Kunst zu sein pflegt.

Drei Spiegel nimm, entferne deren zweie

Gleich weit von dir, und lasse zwischen beiden

Den dritten ferner ab dein Auge treffen.

Laß hinter deinem Rücken, bist den Spiegeln

Du zugewandt, ein Licht aufstell’n, das alle

Erhell’ und rückgestrahlt von allen werde.

Erreicht nun auch, des Bildes Größe nach,

Der fernre Spiegel nicht die beiden nähern,

So siehst du doch gleichmäßig alle glänzen.

Da, so wie von der Kraft der warmen Strahlen

Der Boden schneebefreit sich wieder bloßlegt,

Des Winters Farbe und den Frost verlierend,

Nunmehr dein Geist geworden ist, so will ich

Mit so lebend’gem Lichte dich erleuchten,

Daß du erbeben sollst bei dessen Anblick.

Im Himmel ew’gen Gottesfriedens dreht

Ein Körper sich, in dessen Kraft das Wesen

Vor allem dem beruht, was er enthält.

Der nächste Himmel mit den vielen Lichtern

Verteilt dies Wesen in verschiedne Gaben,

Von ihm verschieden und in ihm enthalten.

Die andren Kreis’, in gar verschiedner Weise,

Verteilen ihrer Kräfte Unterschied

Je nach dem Zwecke und je nach dem Samen.

So ist der Gang von diesen Weltorganen,

Von Stufe, wie du nun erkennst, zu Stufe;

Von oben nehmen sie und wirken abwärts.

Nun achte wohl auf mich, wie zu der Wahrheit,

Die du begehrst, ich diesen Punkt durchschreite,

Damit allein du einst die Fuhrt nicht fehlest:

Die Kraft der hei’gen Kreis’ und die Bewegung

Muß, wie die Kunst des Hammers von dem Schmiede,

Ausgehen von den seligen Bewegern.

Der Himmel, den so viele Lichter schmücken,

Nimmt von dem tiefen Geist, der ihn beweget,

Das Abbild in sich auf und wird sein Stempel.

Wie ihr die Seele sich in eurem Staube

In Gliedern mannigfacher Art und Zweckes

Auflösen sehet zu verschiednen Kräften,

So wird die Güte der Intelligenz,

Indem sie selbst um ihre Einheit kreiset,

Zur Vielfachheit in der Gestirne Wirkung.

Verschiedene Kraft tritt in verschiedner Mischung

Zum Himmelskörper, welchen sie belebt,

An ihn sich, wie an euch das Leben, bindend.

Aus der gemischten Kraft strahlt durch den Körper

Die freudige Natur, von der sie herstammt,

Wie aus lebend’gem Augenstern die Freude.

Das ist es, und nicht Lockerheit und Dichte,

Was einen Stern verschieden macht vom andren:

Ein wesentlich Prinzip, das Hell und Dunkel

Je nach dem Maße seiner Güt’ erzeuget. –

Dritter Gesang

Die Sonne, die mein Herz in Lieb’ entflammte,

Sie hatte mir das Antlitz schöner Wahrheit

Beweisend und verwerfend nun enthüllet.

Um zu bekennen, daß ich überzeugt

Und meines Irrtums mir bewußt sei, hob ich

So weit zum Reden nötig war mein Haupt;

Doch ein Gesicht erschien mir, das mein Auge

So ganz gefangen hielt, daß mein Geständnis

Vergessen wurde und nicht ausgesprochen.

Gleich wie aus glattem und durchsicht’gem Glase,

Und wie aus klarem wellenlosem Wasser,

Das, weil es flach, den Boden nicht verbirgt,

Die Linien unsrer Züge so verschwimmend,

Daß eine Perl’ auf weißer Stirne leichter

Das Auge unterscheidet, wiederkehren,

Sah ich Gesichter, die bereit zum Reden

Mir schienen, und ich irrte umgekehrt,

Als der in Liebe zu dem Quell entbrannte.

Denn kaum, daß wahrgenommen ich sie hatte,

Als ich, im Wahn, es seien Spiegelbilder,

Zu sehn von wem sie sei’n, das Auge wandte.

Als nichts ich sah, wandt’ ich sie wieder vorwärts

Grad’ in das Licht der süßen Führerin,

Die lächelnd in den heil’gen Augen glühte.

Sie sprach: Belächl’ ich deinen knabenhaften

Gedanken, so verwundre das dich nicht,

Da noch dein Fuß, nicht sicher in der Wahrheit

Sich gründend, wie er pflegt, Abwege wandelt.

Wahrhafte Wesen, die hierher gebannt sind

Weil ihr Gelübde sie gebrochen, siehst du.

Drum sprich sie an, und glaube was sie sagen,

Denn das wahrhafte Licht, das sie befriedigt,

Erlaubt nicht, daß von ihm den Fuß sie wenden. –

Den Schatten, der, so schien es, das Gespräch

Am meisten wünschte, sprach ich an und sagte

Gleich einem, den zu großer Wunsch bedränget:

Zum Heil geschaffner Geist, der bei den Strahlen

Des ew’gen Lebens du die Süße fühlest,

Die ungekostet nie verstanden wird,

Als Gunst nähm’ ich es auf, wenn euer Los

Und deinen Namen du mir künden wolltest. –

Bereit und frohen Blick’s sprach dann der Schatten:

Gerechtem Wunsche schließet unsre Liebe

Die Pforte nimmer; denn sie gleicht der höchsten,

Die ihren ganzen Hof sich ähnlich sehen will.

Auf Erden war ich gottverlobte Jungfrau,

Und wenn du dein Gedächtnis recht befragest,

Kann mich vermehrte Schönheit Dir nicht bergen,

Und als Piccarda wirst du mich erkennen,

Die mit den andren Seligen hier selig

Ich in der langsamsten der Sphären bin.

Es fügen unsre, nur im Wohlgefallen

Des heil’gen Geist’s entbrannte, Wünsche freudig

Der Ordnung sich, die er für sie verfügte.

Dies Los, das niedrig vor den andren scheint,

Ward uns, weil die Gelübde, die wir taten,

Versäumt wir und zum Teil gebrochen haben. –

Und ich: Es strahlt aus euren wunderbaren

Gesichtern solch besondrer Gottesglanz,

Daß er den alten Bildern euch entfremdet;

Darum war ich so säumig im Erinnern.

Nun aber, wo was du gesagt mir nachhilft,

Wird leichter mir, dich wieder zu erkennen.

Doch sage, die ihr selig hier euch fühlet,

Begehrt ihr nicht nach einer höhren Stelle,

Um mehr zu schauen und werter Gott zu werden? –

Als mit den andren etwas sie gelächelt,

Gab sie mir Antwort mit solch frohem Ausdruck,

Als glühte sie im ersten Liebesfeuer:

O Bruder, Ruhe spendet unsrem Willen

Der Liebe Kraft, die uns nur was wir haben

Begehren läßt und nach nichts andrem dürsten.

Wenn wir verlangten höher aufzusteigen,

Wär’ unser Wunsch nicht mit dem Willen dessen

In Einklang, welcher diesen Stern uns anwies;

Das aber kann nicht sein in diesen Kreisen.

Du siehst es ein, erwägst du, daß in Liebe

Hier alle sind, und die Natur der Liebe’

Denn wesentlich im Sein der Sel’gen ist es,

Daß in dem göttlichen ihr Wille bleibe:

Einträchtig ist drum unser aller Wille.

Wie wir verteilt in diesem Reich von Stufe

Zu Stufe sind, gefällt’s dem ganze Reiche;

Denn aller Willen lenkt des Königs Wille.

Sein Will’ ist unser Will’, er ist das Meer

Zu welchem alles hinfließt, was er selber

Geschaffen und was die Natur gebildet. –

Da ward mir klar, daß, wenn auch gleichermaßen

Nicht allen träuft des höchsten Gutes Gnade,

Doch überall im Himmel Paradies ist.

Doch, wie man von der einen Speise wohl

Genüge hat, und noch begehrt der andren,

Um die man bittet, wenn man dankt für jene,

So tat auch ich in Worten und Gebärden,

Um von ihr zu erfahren, welches Linnen

Ihr Weberschiffchen unvollendet ließ.

Verdienste seltner Art und Lebensreinheit

Erhöhn ein Weib zu schön’rem Himmel, sprach sie,

Nach deren Weise drunten Kleid und Schleier

Man trägt, um mit dem Bräut’gam bis zum Tode

Zu weilen Tag und Nacht, der, was aus Liebe

Zu ihm gelobt ward, immerdar genehm heißt.

Ihr nachzufolgen floh ich jung an Jahren

Die Welt und hüllte mich in ihr Gewand,

Gelobend, ihrer Regel nachzuleben.

Doch raubten Menschen mich dem süßen Kloster,

Die Böses mehr zu tun als Gutes pflegen,

Und wie seitdem mein Leben war, weiß Gott.

Was so von mir ich sage, will der Lichtglanz,

Den du zu meiner Rechten in der Fülle

Des Lichtes unsrer Sphär’ entbrennen siehst,

Gleichmäßig auch von sich verstanden wissen:

Auch sie war Schwester, und vom Haupte ward

Auch ihr geraubt der heil’gen Binde Schatten.

Doch, ward der Welt sie gegen ihren Willen

Und gute Sitte wieder zugewendet,

So legte nie sie ab des Herzens Schleier.

Constanza strahlt aus diesem Licht, die große,

Die mit dem zweiten Sturm aus Schwabenlande

Den dritten zeugte, ihrer Herrschaft letzten. –

So sprach sie; dann begann sie singend: »Ave

Maria«, und indem sie sang verschwand sie,

So wie der Stein, der sinkt in trübem Wasser.

So lang es möglich war, folgt’ ihr mein Auge;

Doch, als es sie verloren hatte, kehrt’ es

Zurück zum Ziel des größeren Verlangens

Und wandte ganz sich Beatrice zu.

Sie aber strahlte so mit Blitzeshelle,

Daß es mein Auge anfangs nicht ertrug;

Weshalb zu fragen ich ein wenig säumte.

Vierter Gesang

Bevor ein freier Mann von zweien Speisen,

Die ihm gleich nah sind und gleich sehr ihn reizen,

Zum Mund die eine führte, stürb’ er Hungers.

So stünd’ ein Lamm auch zwischen zweien Wölfen

Blutdürst’ger Gier, in gleicher Furcht vor beiden;

Also ein Hund inmitten zweier Hirsche.

Drum, wenn von meinen Zweifeln gleicherweise

Bedrängt, ich schwieg; will ich mich weder loben,

Noch tadeln; tat ich doch so, weil ich mußte.

Und wenn ich schwieg, so stand mir im Gesichte

Mein Wunsch geschrieben, und mit ihm die Bitte

Viel dringender als in gesprochnen Worten.

Wie Daniel Nebucad Nezar tat,

Den Zorn, der ungerechterweis’ ihn grausam

Gemacht, besänftigend, so tat Beatrix.

Sie sprach: Wohl seh’ ich, wie dich so der eine

Und andre Wunsch ergriff, daß dein Verlangen,

Sich selber fesselnd, nicht nach außen durchdringt.

Du folgerst also: Wenn der gute Wille

Nur bleibt, mit welchem Recht kann dann die fremde

Gewalttat des Verdienstes Maß mir mindern?

Und ferner bietet dir zum Zweifel Anlaß,

Daß, folgen Plato’s Meinung wir, die Seelen

Zurückzukehren zu den Sternen scheinen.

Das sind die Fragen, die auf deinem Willen

Gleichmäßig lasten, und zuerst will ich

Die lösen, die am meisten Galle birgt.

Der Seraph, der in Gott am tiefsten schaute,

Auch Moses, Samuel und wen von beiden

Johannes’ du auch wählst, ja selbst Maria,

Es sind in keinem andren Himmel ihnen

Die Sitze zugeteilt, als diesen Geistern,

Auch hat ihr Sein nicht mehr, noch minder Jahre;

Nein, alle schmücken sie den ersten Himmel.

An Seligkeit verschieden sind sie darin,

Daß Gottes Hauch sie mehr und minder spüren.

Hier zeigten sie sich, nicht weil diese Sphäre

Für sie bestimmt ist; als die niedrigste,

Ist Sinnbild sie für ihres Schauens Umfang.

Zu solchem Ausdruck nötigt eu’r Verständnis,

Das von den Sinnen erst empfangen muß,

Was sich das Denken dann zueignen soll.

Darum läßt sich zu eurer Fähigkeit

Die heil’ge Schrift herab, wenn Gott sie Füße

Und Hände beilegt, und es anders meinet.

So stellt euch Michael und Gabriel

Gleich dem, der Heilung dem Tobias brachte,

In menschlicher Gestalt die Kirche dar.

Doch, was Timaeus von den Seelen aussagt,

Ist dem nicht ähnlich, was du hier gesehn hast,

Wenn er es so meint, wie er scheint zu sagen.

Er sagt: zurück zu ihrem Sterne kehre

Die Seel’, als hätte sie Natur von dort

Entlehnt, als eines Leibes Form sie wurde.

Doch kann es sein, daß anders seine Meinung

Als wie die Worte lauten ist, so daß

Sie, recht verstanden, keinen Spott verdienet.

Meint er, der Ruhm für ihren Einfluß falle,

So wie der Tadel, heim an diese Räder,

So trifft vielleicht sein Bogen etwas Wahrheit.

Dies falsch verstandene Prinzip verführte

Beinah die ganze Welt einst; Jupiter,

Mars und Merkur als Götter anzurufen.

Der andre Zweifel, welcher dich bedränget,

Ist minder giftig; denn durch seine Bosheit

Kannst abgewandt von mir du nimmer werden.

Scheint ungerecht den Menschenaugen unsre

Gerechtigkeit, so liegt darin ein Zeichen

Des Glaubens und nicht ketzerischer Tücke.

Weil aber eure Fassungskraft gar wohl

Vermag, in diese Wahrheit einzudringen,

Will deinen Wünschen ich Genüge leisten:

Liegt dann nur Zwang vor, wenn, der ihn erduldet,

In nichts dem nachgibt, der Gewalt ihm antut,

So handelten nicht schuldlos diese Seelen.

Der Wille, der nicht will, ist unbezwingbar,

So wie naturgemäß das Feuer aufflammt,

Ob Zwang auch tausendmal es niederbeuge.

Doch, gibt er nach, sei’s minder oder mehr,

So leistet Folg’ er der Gewalt, wie diese

Als Wiederkehr zum Kloster ihnen freistand.

Wär’ ungebeugt ihr Wille fest geblieben,

Gleich dem, der auf dem Rost Laurentius festhielt,

Und Mucius gegen seine Hand verhärtet,

So hätten sie den Weg, den man sie schleppte,

Zurückgetan, sobald sie frei geworden;

Doch wunderselten ist so fester Wille.

Hast diese Worte, du, so wie du solltest

Dir angeeignet, so zerfällt der Einwand,

Der sonst noch öfter dich belästigt hätte.

Jetzt aber tut vor deinen Augen sich

Ein andres Hemmnis auf, und du erlahmtest,

Bevor aus eigner Kraft du dies bezwängest:

Als Wahrheit hab’ ich fest dir eingeprägt,

Daß nie ein sel’ger Geist vermag zu lügen,

Weil stets er bei der ersten Wahrheit ist.

Und doch vernahmst du von Piccarda, daß

Constanza’s Liebe stets dem Schleier blieb,

Weshalb es scheint, daß sie mir widerspreche.

O Bruder, um Gefahren zu entrinnen,

Tat wider seinen Willen schon so mancher,

Was er verpflichtet war zu unterlassen.

So tötete auf seines Vaters Bitte

Alkmäon seine Mutter, und verletzte

Die Kindespflicht der Kindespflicht zu Liebe.

Erkenne nun, daß sich in solchem Zustand

Gewalt und Wille mischen, und deshalb

Die Übeltaten nicht entschuldbar sind.

Nicht stimmt der Will’ an sich dem Unrecht bei,

Doch tut er es insofern, als er fürchtet

Noch größrem Leid durch Weigern zu verfallen.

Deshalb gilt, was Piccarda sagt, vom Willen

An sich, und meine Rede vom bedingten,

So daß wir bei der Wahrheit beide blieben.

So lautete des heil’gen Baches Wallen,

Der aus der Quelle jeder Wahrheit strömte,

Und also ward mein Doppelwunsch befriedigt.

Drauf ich: o Göttliche, der ersten Liebe

Geliebte, so erwärmt und überströmt mich

Eu’r Wort, daß es mich mehr und mehr belebet.

Nicht tief genug ist mein Gefühl, um würdig

Durch Danken eurer Gabe zu entsprechen;

Entspreche der denn, der da schaut und kann.

Wohl seh’ ich unser Geist wird nie gesättigt,

Solange nicht die Wahrheit, außer der

Sich keine Wahrheit findet, ihn erleuchtet.

Er ruht in ihr, so wie das Wild im Lager,

Sobald er sie erfaßt hat, und das kann er,

Sonst wär’ erfolglos jegliches Verlangen.

Am Fuß der Wahrheit keimet, wie ein Schößling

Der Zweifel, und so fördert die Natur

Von Hügel uns zu Hügel bis zum höchsten.

Das ist es, was mich antreibt, und mir Mut gibt,

Um eine andre, mir noch dunkle, Wahrheit,

O Herrin, ehrerbietig euch zu fragen:

Zu wissen wünsch’ ich, ob für unerfüllte

Gelübde so der Mensch durch andre Werke

Genügen kann, daß eurer Wag’ es ausreicht? –

Vom Liebesfeuer so vergöttlicht blickten

Mich da die Augen Beatrice’s an,

Daß meine Kraft, besiegt, zur Flucht sich wandte

Und fast bewußtlos ich die Blicke senkte.

Fünfter Gesang

Wenn heller ich, als man auf Erden sieht,

Dir flamme in der Gut der heil’gen Liebe,

So daß ich deiner Augen Kraft besiege,

So wundre dich nicht; nur dein tiefres Schauen

Ist dessen Grund, und, so wie es erfaßte,

So schreitet im erfaßten Gut es vorwärts.

Ich sehe wohl, wie schon in deinem Geiste

Der Strahl des ew’gen Lichts zu glänzen anfängt,

Das, nur gesehn, auf ewig Lieb’ entzündet.

Was immer eure Liebe sonst verführt,

Es lockt euch, weil auch darin eine Spur,

Obwohl verkannt, von jenem Lichte schimmert.

Du wünschst zu wissen, ob für unerfüllte

Gelübde man so viel durch andere Dienste

Erstatten kann, daß sicher sei die Seele. –

Dies war der Anfang, den Beatrix diesem

Gesange gab, und wie, wer seine Rede

Nicht trennt, gab sie ihm also heil’gen Fortgang:

Die größte Gabe, welche bei der Schöpfung

Aus Gnaden Gott verlieh, die seiner Güte

Zumeist entspricht, die er am höchsten hält,

Des Willens Freiheit war’s mit welcher alle

Vernunftbegabte Wesen, und nur sie,

So wohl begnadigt waren, als noch sind.

Erwägst du dies, so wirst du des Gelübdes

Erhabnen Wert erkennen, ist der Art es,

Daß, willigst du ein, Gott zugleich einwilligt.

Sobald als den Vertrag der Mensch mit Gott schließt,

So opfert er den Schatz solch hohen Wertes

Als ich gesagt, und zwar durch dessen Tat.

Was kann man also zum Ersatze bieten?

Willst du, was du geopfert, gut verwenden,

So willst du mit Geraubtem Gutes tun.

Klar ist dir nun der wichtigste der Punkte;

Doch weil Dispens erteilt die heil’ge Kirche

(Was dem zuwider scheint, was ich dir sagte),

Mußt du ein wenig noch bei Tische weilen;

Denn, weil die Speise, die du nahmst, so schwer ist,

Bedarfst der Hilfe du sie zu verdauen.

Eröffne denn den Geist dem was ich künde

Und halt’ es fest darin; denn wenig fruchtet,

Wenn man es nicht behält, gehört zu haben.

Zu dieses Opfers Wesen sind zwei Dinge

Gehörig: eines ist der Gegenstand,

Die Übereinkunft aber ist das andre.

Die letzte ist nicht anders zu beseit’gen

Als durch Erfüllung, und auf sie bezog sich

Was so entschieden oben ich dir sagte.

Drum war das Opfern nur die Pflicht der Juden,

Wenn auch im einzelnen die Opfergabe,

Wie dir bekannt ist, manchesmal vertauscht ward.

Das andre, was ich Gegenstand dir nannte,

Kann füglich so sein, daß mit etwas andrem

Vertauscht es ohne Fehltritt werden kann.

Doch soll die Bürde seiner Schultern niemand

Aus eigener Willkühr, wenn die beiden Schlüssel,

Der weiß’ und gelbe, sich nicht drehten, tauschen.

Und jeden Tausch soll er für Täuschung halten,

Wo das Erlass’ne nicht im Übernommnen

Enthalten ist, wie in der Sechs die Viere.

Drum, ist so schwer nach ihrem Wert die Sache,

Daß stets sie niederzieht der Wage Schale,

So kann durch andres nimmer man erstatten.

Nicht soll’n die Menschen mit Gelübden spielen.

Was ihr gelobt, das haltet; doch gelobt nicht

Blindhin, wie Jephta bei dem ersten Opfer.

Ihm ziemte mehr, zu sagen: übel tat ich,

Als durch Worthalten Schlimmeres zu tun.

Gleich töricht war der große Griechenführer,

Als Iphigenien er ihr schönes Antlitz

Beweinen ließ und mit ihr Weis’ und Toren,

Die je von solchem Götterdienst vernommen.

O Christen, was ihr tut, das tut besonnen!

Seid nicht der Feder gleich in jedem Winde,

Und wähnet nicht, Euch wasche jedes Wasser.

Ihr habt das alt’ und neue Testament,

Sowie den Kirchenhirten, der euch leitet;

Genügen kann euch das zu eurem Heile.

Wenn üble Leidenschaft euch andres zuruft,

So seiet Menschen, nicht sinnlose Tiere,

Daß euch der Jude unter euch nicht höhne.

Gleicht nicht dem Lamme, das die Milch der Mutter

Verläßt, und voller Einfalt übermütig

Nach eigner Lust mutwillig sich umhertreibt! –

So wie ich schreibe, sprach zu mir Beatrix;

Dann wandte sie sich voll Verlangen dorthin,

Wo Leben mehr als sonstwo hat die Welt.

Ihr Schweigen, wie der Wechsel ihres Ausdrucks

Gebot dem wißbegier’gen Geiste Schweigen,

Der neue Fragen schon in Vorrat hatte.

Und wie ein Pfeil, der in das Ziel hineinschnellt,

Bevor die Sehne ruhig noch geworden,

So flogen wir dem zweiten Reiche zu.

So freudestrahlend sah ich meine Herrin,

Als dieses Himmelslicht sie in sich aufnahm,

Daß heller der Planet darob erglänzte.

Und wandelte sich das Gestirn in Lächeln,

Wie mußte mir erst sein, der von Natur

So wandelbar ich bin nach jeder Richtung!

Wie man die Fische wohl im klaren Weiher

Zuschießen sieht auf was von außen kommt,

Wenn sie zum Futter es für tauglich halten,

So sah auf uns ich mehr als tausend Lichter

Zueilen, und es tönt’ aus einem jeden:

Dort kommt, der einst wird unser Lieben mehren. –

Und jede Seele, wie sie sich uns nahte,

Bekundete die Fülle ihrer Freude

Im hellen Lichtblitz, welcher von ihr ausging.

Denkst Leser du, welch peinliches Begehren

Mehr zu vernehmen du empfändest, bräch’ ich

Hier plötzlich ab was ich begonnen habe,

So wirst du selbst erkennen, welch Verlangen

Ich zu erfahren trug, wer diese seien,

Seit offenbar sie meinem Blick geworden.

O du zum Heil Geborner, welchem Gnade,

Zu schauen die Throne ewigen Triumphes

Verstattet, während du noch Streiter bist!

Vom Lichte, das den Himmel ganz durchdringt,

Sind wir entbrannt; drum, wünschst du über uns

Belehrung, so soll Sättigung dir werden. –

So sprach zu mir von jenen frommen Geistern

Der eine, und Beatrix sagte: Rede

Vertrauensvoll, und glaube so wie Göttern. –

Ich sehe wohl, wie in dem eignen Lichte

Du nistest, und es ausstrahlst aus den Augen,

So daß sie hell aufleuchten, wenn du lächelst;

Doch weiß ich, wer du sei’st nicht, und warum

Du, würdge Seele, des Planeten Stufe,

Den fremder Strahl für uns verschleiert, einnimmst. –

So sprach ich, zu dem Lichte hingewendet,

Das erst mich ansprach, und es ward darob

Noch leuchtender, als es bisher gewesen.

So wie die Sonne sich durch Übermaß

Des Lichtes selbst verbirgt, sobald die Wärme

Der dichten Dünste Mildrung aufgesogen,

So barg sich mir durch höhre Freudigkeit

Die heilige Gestalt in ihren Strahlen,

Und was sie, so verhüllet, mir erwidert,

Das wird der nächste der Gesänge singen.

Sechster Gesang

Seit Constantin des Adlers Flug, entgegen

Dem Himmelslauf, gewandt, dem mit dem Ahn er

Gefolgt war, der Lavinien freite, hatte

Der Vogel Gottes schon am fernen Ende

Europa’s nah dem Berg von dem er ausging,

Mehr als zweihundert Jahr geweilt, auch war

Im Schatten seines heiligen Gefieders

Das Regiment der Welt von Hand zu Hand

Gegangen, als es in die meine kam.

Ich bin Justinian und war ein Cäsar;

Der ersten Liebe, die ich fühle, folgend

Schied aus dem Recht’ ich was zuviel und nichtig.

Bevor ich mich zum großen Werk gewendet,

Vermeinte ich, in Christo sei nur eine

Natur, und mir genügte solcher Glaube.

Allein es führte mich durch seine Worte

Zum wahren Glauben Agapet zurück,

Der Oberhirte, den ich benedeie.

Ich glaubte ihm, und seines Glaubens Inhalt

Seh’ ich so klar nun, wie in Widersprüchen

Du siehst, daß eins wahr, das andre falsch sei.

Sobald mein Fuß den Weg der Kirche ging

Gefiel’s in Gnaden Gott, die hohe Arbeit

Mir einzugeben, der ich ganz mich weihte.

Die Waffen ließ ich meinem Belisar,

Und also war mit ihm des Himmels Rechte,

Daß mir’s ein Zeichen war, mich zu enthalten.

Empfangen hast auf deine erste Frage

Du nun die Antwort; doch ihr Gegenstand

Verlangt, daß einen Zusatz ich dir gebe.

Damit du könnest sehn, mit welchem Rechte

Entgegen streben dem hochheil’gen Zeichen

Die sich’s anmaßen und die es bekämpfen,

Sieh, welche Wunderkraft der Ehr’ es würdig

Gemacht von jener ersten Stunde an,

Wo Pallas starb, um ihm das Reich zu lassen.

Du weißt es, daß dreihundert Jahr und länger

Der Adler seinen Horst in Alba hatte,

Bis mit den Drei’n um ihn die Dreie kämpften;

Weißt, was vom Leide der Sabinerinnen

Er tat bis zu Lucretiens Schmerz, besiegend

Die Nachbarvölker unter sieben Kön’gen.

Du weißt, was, von den hochverdienten Römern

Getragen, gegen Brennus er und Pyrrhus

Geleistet und viel Fürsten noch und Städte.

Da ward der Ruhm, der mich erfreut, dem Quinctius

Den man vom ungepflegten Haar benennt,

Zuteil, den Deciern, Fabiern und Torquatus.

Er bändigte den Hochmut der Araber,

Die das Gebirg, von dem der Po herabströmt,

In Hannibals Gefolge überstiegen.

Pompejus triumphierte unter ihm

Noch jung, und Scipio, und verderblich ward er

Dem Berg’, an dessen Fuße du das Licht sahst.

Als nahe dann die Zeit war, wo der Himmel

Sein heitres Friedensbild der Welt gewährte,

Ergriff ihn Cäsar nach dem Willen Roma’s.

Was er getan vom Var bis hin zum Rheine,

Das sahn Isère, Aire sowie Seine

Und jedes Tal von dem der Rhodan anschwillt.

Was von Ravenna dann den Rubicon

Er überschreitend tat, ist solchen Fluges,

Daß Zung’ und Feder nimmer folgen kann.

Nach Spanien wandt’ er seine Kriegerschar,

Dann nach Durazzo, und Pharsalien traf er

So, daß den Schmerz am heißen Nil man fühlte,

Den Simois sah er, sah Antandros wieder,

Wo Hektor ruht, von wo er selber ausging,

Und flog zu Ptolemäus’ Unheil weiter.

Dann schloß er blitzesgleich herab auf Juba,

Und wandte sich demnächst nach eurem Westen,

Wo die Pompejische Drommete rief.

Was mit dem nächsten Bannerherrn er tat,

Bellt Brutus in der Hölle noch und Cassius,

Und Modena beweint es gleich Perugia.

Auch weint Kleopatra in herber Trauer,

Weil, vor ihm fliehend, sie den jähen Tod

Sich durch der Schlange gift’gen Biß bereitet.

Mit diesem eilt’ er bis zum Roten Meere,

Mit diesem gab der Welt er solchen Frieden,

Daß zugeschlossen ward des Janus Tempel.

Doch alles, was das Zeichen, das ich meine,

Im Reich der Sterblichkeit, das er regiert,

Getan, und was zu tun ihm ferner oblag,

Das muß, schaut in der Hand des dritten Cäsar

Man hellen Aug’s und reinen Sinn’s es an,

Gering und dunkel im Vergleich erscheinen;

Denn, die mir, was ich sage eingibt, Gottes

Gerechtigkeit, gewährt in dessen Händen

Den hohen Ruhm ihm, seinen Zorn zu rächen.

Nun staune, was ich daran weiter knüpfe:

Mit Titus eilte dann der Adler, Rache

Zu nehmen für der alten Sünden Rache.

Denn schützte siegend unter seinen Flügeln

Der große Karl die heil’ge Kirche, als

Der Zahn der Longobarden sie verletzte.

Urteilen kannst du über jene nun,

Die ich vorhin verklagt und ihre Sünden,

Die Ursach sind an allen euren Übeln.

Entgegen stellt dem allgemeinen Zeichen

Die gelben Lilien der, den andren ist es

Parteisymbol. Wer sagt, wer schlimmer fehle?

Wählt, Ghibellinen, euch für eure Künste

Ein ander Zeichen; nimmer ziemt sich dieses

Für den, der von Gerechtigkeit es scheidet.

Und dieser neue Karl mit seinen Guelfen,

Er soll’s nicht stürzen, nein, die Fänge fürchten,

Die höh’ren Löwen schon des Fell’s beraubten.

Es weinten um der Väter Schuld die Kinder

Schon manchmal, und man glaube nicht, daß Gott

Sein Wappenschild für diese Lilien tauschet.

Es sammeln sich auf diesem kleinen Sterne

Die guten Geister, welche tätig waren,

Um Ehre sich und Nachruhm zu erwerben.

Doch wenn abirrend dorthin sich die Wünsche

Begehrend richten, müssen wohl die Flammen

Der wahren Liebe matter aufwärts zielen.

Mit dem Verdienste unsren Lohn zu messen

Ist Teil von unsrer Freude, denn wir sehen,

Daß kleiner er so wenig ist, als größer.

Darum versüßet in uns die lebend’ge

Gerechtigkeit so das Verlangen, daß es

Zu keinem Argen je sich wenden kann.

Mehrstimmiger Gesang tönt drunten süßer;

So folgt der süße Wohlklang dieser Räder

Aus der Verschiedenheit von unsren Sitzen.

In dieser Perle strahlt das Licht Romeo’s,

Dem seine Tat, so groß sie war und schön,

Vergolten ward mit üblem Dankeslohne.

Allein die Provençalen, die so feindlich

Ihm waren, lachten nicht; denn übel wandelt

Wer fremde Guttat sich zum Schaden rechnet.

Vier Töchter hatte Raimund Berengar,

Und Königin ward jede; das verdankt’ er

Romeo, dem bescheidnen fremden Manne.

Und dann bewogen ihn scheelsücht’ge Worte,

Von jenem Wackren Rechenschaft zu fordern,

Der ihm statt Zehen, Fünf und Sieben aufwies.

Von hinnen ging er arm und alt an Jahren.

Wohl preist die Welt ihn; aber wenn sie wüßte,

Mit welchem Herzen stückweis er sein Brot sich

Erbettelt, würde sie noch mehr ihn preisen. –

Siebenter Gesang

Bewähre Heil, o du Herr Zebaoth,

Den sel’gen Flammen dieser Königreiche,

Indem du sie bestrahlst mit deiner Klarheit! –

So hört’ ich, sich bei seinem Liede wendend,

Den sel’gen Geist, in dem zwiefaches Licht

Entbrannt, das Aug’ auf mich gerichtet, singen.

Dann dreht ‘er mit den andren sich zum Tanze,

Und, überschnellen Funken gleich, verbargen

Sie sich vor mir durch plötzliche Entfernung.

Ich schwankte noch und: sage ihr’s, ja sag’ ihr’s,

Sagt’ ich bei mir, der teuren Herrin sag’ es,

Die deinen Durst dir löscht mit süßem Taue;

Doch jene Ehrfurcht, die mich ganz bemeistert,

Sobald ich B und ICE nur vernehme,

Ließ mich das Haupt, gleich dem, der einschläft, senken.

Nicht lange ließ sie mich in solchem Zustand,

Dann strahlte sie mich an mit einem Lächeln,

Das selig selbst im Feuer macht’ und sprach:

Nach meinem Dünken, das sich nimmer täuschet,

Macht dir Bedenken, wie gerechter Rache

Gerechte Rache folgen könn’ als Strafe.

Doch werd’ ich bald dir deine Zweifel lösen,

Und du merk’ auf, denn meine Worte werden

Dir großen Richterspruch vor Augen stellen.

Der niegeborne Mensch, weil seines Willens

Heilsamen Zügel er nicht tragen wollte,

Verdammte mit sich allen seinen Samen.

Drum lag das menschliche Geschlecht dort unten

Viel hundert Jahre krank in großem Irrtum,

Bis Gottes Wort zur Erde niederstieg,

Wo die Natur, die sich von ihrem Schöpfer

Entfremdet hatte, Er mit Sich persönlich

Durch seiner ew’gen Liebe Tat vereinte.

Nun richte deinen Blick auf meine Rede:

Es war, geeint mit ihrem Schöpfer, jene

Natur, wie sie geschaffen wurde, rein und gut.

Sie selber hat sich aus dem Paradiese

Vertrieben, weil sie sich vom Weg der Wahrheit

Und ihrem eignen Leben abgewendet.

Der angenommenen Natur nach wurde

Gerecht’re Strafe nimmer denn verhängt,

Als jene, die gebüßet ward am Kreuze.

Und doch war keine je so ungerecht,

Erwägt man die Person, die sie erduldet

Und sich mit menschlicher Natur bekleidet.

Aus einer Tat entsprang verschiedne Wirkung:

Gott und die Juden wollten einen Tod,

Den Himmel schloß er auf, die Erd’ erbebt’ ihm.

Nun kann dir nicht mehr unbegreiflich scheinen,

Wenn dir gesagt ward, daß gerechte Rache

Dann von gerechtem Richterhof gerächt ward.

Doch seh ich deinen Geist, von dem zu jenem

Gedanken, nun verstrickt in einen Knoten,

Den sehnlich er gelöst zu sehn erwartet.

Du sagest, wohl versteh’ ich, was ich höre;

Doch warum Gott nur diese Weise wählte

Uns zu erlösen, das bleibt mir verborgen.

Begraben bleibt, o Bruder, dieser Ratschluß

Für jeden, dessen Geist nicht in der Flamme

Der Lieb’ herangewachsen ist zur Reife;

Doch weil so viel nach diesem Ziel man ausschaut

Und wenig es erkennt, will ich dir sagen,

Warum das würdigste der Mittel dies war.

Die Güte Gottes, die jedwede Mißgunst

Von sich zurückweist, sprühet solche Funken,

Daß Sie die ew’ge Schönheit offenbar macht.

Was unvermittelt niederträuft von ihr,

Hat nie ein Ende, weil wenn sie gesiegelt,

Der Abdruck keinem Wandel unterliegt.

Was unvermittelt von ihr niederregnet,

Ist völlig frei, denn nimmer unterliegt es

Geschaffner Dinge wandelbarem Einfluß.

Was ihr am meisten gleicht, ist ihr das Liebste;

Denn die das All bestrahlt, die heil’ge Glut,

Ist in dem Ähnlichsten am meisten wirksam.

Geschmückt mit jedem Vorzug ward

Die menschliche Natur, und fehlt ihr einer,

So muß von ihrer Würde sie verlieren.

Die Sünde ist’s, die ihr die Freiheit raubt

Und sie unähnlich macht dem höchsten Gute,

Weshalb sein Licht nur wenig sie erleuchtet.

Und nie gewinnt sie wieder ihre Würde,

Fällt nicht die Lücke, die die Schuld geschlagen,

Trotz böser Lust, gerechte Strafe aus.

Von diesen Würden, wie vom Paradiese,

Ward ausgeschlossen, als sie sündigte,

Die menschliche Natur in ihrer Ganzheit.

Und einsehn mußt du, wenn du sorgsam spähest,

Daß sie sich wieder nicht erwerben ließen,

Ward eine dieser Furten nicht durchschritten:

Entweder mußte Gott aus seiner Gnade

Vergeben, oder aus sich selber mußte

Der Mensch Genüge tun für seine Torheit.

Nun hefte in den Abgrund ewigen

Beschlusses deinen Blick soviel dir möglich

Und folg’ in engem Anschluß meiner Rede!

Es konnte nie der Mensch in seinen Schranken

Genüge tun, weil nimmer er in Demut

Soweit gehorsam niedersteigen konnte,

Als er emporgestrebt in Ungehorsam.

Und darin liegt der Grund, warum der Mensch

Von sich aus zu genügen nicht vermochte.

So mußte Gott denn zum vollkommnen Leben

Zurück die Menschen seine Wege führen,

Der Wege einen sag’ ich, oder beide.

Doch weil das Werk um so viel werter ist,

Je reichlicher es von des Herzens Güte,

Aus welchem es hervorging, Zeugnis beut,

Gefiel’s der Güte Gottes, die im All

Sich ausprägt, um euch wieder zu erheben,

Auf allen ihren Wegen vorzuschreiten.

Vom ersten Morgen bis zum letzten Abend,

Sah man so großen und erhabnen Vorgang

Auf jener Wege keinem, sieht ihn nimmer.

Freigebiger, als hätt’ er nur verziehen,

War Gott, als er sich opferte, damit

Der Mensch sich zu erheben Kraft gewinne.

Und der Gerechtigkeit genügte keiner

Von allen Wegen, hätte Gottes Sohn

Sich nicht so weit erniedrigt, Fleisch zu werden.

Doch um dir jeden Wunsch nun zu erfüllen,

Kehr’ ich zurück, dir einzelnes zu deuten,

Damit so klar du schauest, wie ich schaue.

Du sagst, ich sehe Wasser, sehe Feuer

Und Luft und Erd’ und alle ihre Mischung

Zugrunde gehn und kurze Zeit nur dauern,

Und diese Dinge sind doch auch geschaffen;

Drum müßten sie, wenn wahr ist was ich sagte,

Gesichert alle vor Verderbnis sein.

Die Engel, Bruder, und das lautre Land

In dem du weilest sind, so wie sie noch sind,

In ihrer vollen Wesenheit geschaffen.

Die Elemente aber, die du nanntest

Und was daraus gebildet wird, Gestaltung

Erhält es durch geschaffne Kräfte nur.

Erschaffen ward der Stoff, den sie enthalten,

Erschaffen auch die Kraft in diesen Sternen,

Die Kreise um sie ziehn, sie zu gestalten.

Es ziehn aus Stoffen, die dazu sich schicken,

Der heil’gen Lichter Strahlen und Bewegung

Die Seele jedes Tieres und der Pflanzen.

Eu’r Leben aber strömet unvermittelt.

Die höchste Huld aus, und in solcher Liebe

Entflammt sie’s, daß es stets nach ihr begehrt.

Auch eure Auferstehung kannst hieraus du

Entnehmen, überlegst du nur gehörig,

In welcher Art der Menschen Fleisch geformt ward,

Als Gott die ersten Eltern beide schuf. –

Achter Gesang

Es pflegte wahnbetört die Welt zu glauben,

Daß, sich im dritten Epizykel drehend,

Die schöne Göttin Cypern’s Liebe strahle.

Drum taten ihr die alten Völker Ehre

Im alten Irrtum, nicht nur durch Gelübde

Und feierliche Opferdienste, an,

Nein, sie verehrten so Dionen, wie

Cupido: sie als Mutter, ihn als Sohn,

Der, sagten sie, geruht in Dido’s Schoße.

Und diesen Stern, der, bald der Sonne folgend,

Bald ihr voraus, ihr nah bleibt, nannten sie

Nach ihr, mit welcher oben ich begonnen.

Nicht ward gewahr ich, daß zu ihm ich aufstieg;

Doch die vermehrte Schönheit meiner Herrin

Gab mir Gewißheit, daß ich in ihm sei.

Und wie man Funken in der Flamme wahrnimmt,

Wie Stimme man von Stimme unterscheidet,

Wenn die den Ton hält, jene auf- und absteigt,

So sah in diesem Licht ich andre Leuchten

Sich drehn mit größerer und mindrer Schnelle,

Wohl nach dem Maße ihrer ew’gen Einsicht.

Ein Windstoß fuhr aus kalter Wolke nimmer,

Ob sichtbar oder nicht, so rasch hernieder,

Daß der nicht langsam ihn und säumig fände,

Der mitgesehn, wie schnell die heil’gen Lichter

Den Tanz, der mit den hohen Seraphinen

Begonnen war, abbrechend, zu uns eilten.

Und »Hosianna!« tönt’ aus deren Mitte,

Die wir zunächst sahn, uns so süß entgegen,

Daß stets seitdem ich’s neuzuhören wünschte.

Dann kam das ein’ uns näher und begann

Allein: Wir alle sind dir zu Gefallen

Bereit, damit du unsrer dich erfreuest.

Mit jenen Himmelsfürsten haben wir

Den Kreis, das Kreisen und den Durst gemeinsam,

Zu denen einst dort in der Welt du sagtest:

»Die ihr erkennend dreht den dritten Himmel.«

So lieberfüllt sind wir, daß dir zu Liebe

Nicht minder süß uns deucht, etwas zu ruhen. –

Nachdem mein Aug’ in Ehrfurcht meiner Herrin

Sich dargeboten, und Befriedigung

Wie Zuversicht von ihr erhalten hatte,

Kehrt’ ich zum Lichte, das so viel verheißen,

Mich um, und mit dem Ausdruck heißen Wunsches

In meiner Stimme sprach ich: Sag’, wer seid ihr? –

Wie sah ich da vor neuer Freudigkeit,

Die zur bisher’gen als ich sprach hinzutrat,

Vergrößern sich dies Licht und heller leuchten.

So glänzend sprach es: Kurze Zeit besaß mich

Die Welt dort unten, aber manches Übel,

Das sein wird, wäre nicht, blieb ich am Leben.

Eb macht die Freudigkeit, die mich umstrahlet,

Mich dir unkenntlich und verbirgt mich dir,

Wie sich der Wurm in seine Seide einhüllt.

Du hast mich sehr geliebt und hattest Ursach;

Denn, starb ich nicht so bald, so zeigt’ ich dir

Von meiner Liebe mehr als nur die Blätter.

Das linke Ufer, das der Rhodan netzt,

Nachdem er mit der Sorgue sich vermischt hat,

Erwartete als seinen Herrn mich künftig.

Italiens Horn auch, das von wo der Tronto

Und Verde sich in’s Meer ergießt, mit Bari

Gaeta und Catona sich bevölkert.

Schon leuchtete auf meiner Stirn die Krone

Des Landes, das der Donaustrom bewässert,

Nachdem die deutschen Ufer er verlassen.

Trinakrien auch, das schöne, das in Qualm

Sich einhüllt vom Pachynus zum Pelorus,

Am Busen, den der Ost am schlimmsten heimsucht,

Weil Schwefel dort entsteht, nicht durch Typhoeus,

Es würde die durch mich von Karl und Rudolph

Gezeugten Kön’ge noch erwartet haben,

Wenn nicht die schlechte Herrschaft, welche immer

Der Untertanen Groll erweckt, Palermo

Zum Todesrufe aufgestachelt hätte.

Erkennte dies mein Bruder, sicher mied’ er

Die geizige Ärmlichkeit der Catalonen

Schon jetzt, damit er sie nicht mehr erbittre.

Denn wahrlich Not tut’s, daß auf seinen Nachen

Er selber achte, oder jemand für ihn,

Daß die schon schwere Last sich nicht vermehre.

Sein Wesen, das sich von freigeb’gem Ursprung

Zum Geiz gewandt, bedürft’ ein Kriegsheer,

Das andres trachtete, als Geld zu sammeln. –

Indem ich glaube, daß die hohe Freude,

Dir mir dein Wort gewährt, o teurer Herr,

Du dort erblickst, wo alles Guten Anfang

Und Ende ist, wie ich sie selbst erblicke,

Ist sie mir wert, und dadurch um so werter,

Daß du sie siehst, indem in Gott du schauest.

Du gabst mir Freude, gib mir nun auch Klarheit,

Weil deine Rede Zweifel in mir weckte,

Wie süßer Same Bittres zeugen kann. –

So ich zu ihm, und er: Wenn ich die Wahrheit

Dir kund getan, so wird, wie jetzt dein Rücken,

Dein Antlitz zugewandt sein deiner Frage.

Das Heil, daß dieses Reich, in dem du aufsteigst,

Befriedigt und bewegt, läßt seine Fürsicht

Zur Kraft in diesen großen Körpern werden.

Und in dem Geiste, der in sich vollkommen,

Vorhergesehn sind, nicht nur die Naturen

An sich, mit ihnen ist es auch ihr Heil.

Darum, was immer dieser Bogen abschießt,

Das trifft, vorherbedacht, bereites Ziel,

Wie alles, was gelangt, wohin es sollte.

Wenn anders sich’s verhielte, so erzeugte,

Den du durcheilst, der Himmel, solche Früchte,

Daß sie nicht Kunstwerk, nein, Ruinen wären.

Das aber kann nicht sein, sind nicht die Geister,

Die diese Sterne lenken, mangelhaft

Und mangelhaft der mangelhaft sie schuf.

Willst du noch mehr erklärt sehn diese Wahrheit? –

Und ich: O, nein; wohl seh’ ich, daß unmöglich

Natur in dem ermüden kann, was not ist. –

Drauf er: Sag’ an, ob Schlimm’res für den Menschen

Auf Erden wär’, als Bürger nicht zu sein? –

Nein, sagt’ ich; keinen Grund dafür bedarf ich. –

Und kann er Bürger sein, lebt man dort unten

Verschieden in verschiednen Ämtern nicht?

Gewiß nicht, hat eu’r Meister recht geschrieben, –

So schritt schlußfolgernd er bis hierher fort;

Zum Schlusse kam er dann: Verschieden müssen

Die Wurzeln dessen, was ihr wirkt dann sein.

Der kommt zur Welt als Solon, der als Xerxes,

Der als Melchisedek, der als der Künstler,

Der fliegend durch die Luft den Sohn verlor.

Die kreisende Natur, die gleich dem Siegel,

Dem Wachs der Menschen ist, übt ihre Kunst,

Doch unterscheidet sie nicht Haus vom Hause.

Daher geschieht’s, daß schon im Mutterleibe

Sich Jacob trennt von Esau, und Quirin

So niedrig abstammt, daß man Mars’ ihn zuschreibt.

Mit den Erzeugern würde die erzeugte

Natur stets auf demselben Pfade wandeln,

Wenn Gottes Vorsicht hier nicht überwöge.

Was dir im Rücken war, siehst du nun vor dir.

Doch, daß du spürst, wie ich an dir mich freue,

Geb’ einen Zusatz ich dir zum Gewande.

So oft Natur ihr feindlichen Geschicken

Begegnet, bringt sie üble Frucht hervor,

So wie der Samen tut auf falschem Boden.

Wenn auf den Grund, den die Natur gelegt hat,

Acht haben wollte eure Welt, so könnte

Ein wohlgeartetes Geschlecht sie haben;

Ihr aber zwingt zum Ordenskleide manchen,

Den die Natur bestimmt, das Schwert zu tragen,

Und macht zum König, der zum Pfaffen taugt;

Drum muß eu’r Weg abirren von der Straße.

Neunter Gesang

Nachdem dein Karl, anmutige Clemenza,

Mich so belehrt, erzählt’ er mir den Trug,

Den künftig sein Geschlecht erfahren sollte;

Doch sagt’ er: Schweig, und laß die Jahre kreisen. –

Verkünden darf ich denn nur dies: Es werden

Gerechte Tränen eurem Schaden folgen.

Schon hatte sich des heil’gen Lichtes Leben

Der Sonne zugewandt, die als das Heil,

Das jedem Ding genüget, es erfüllet.

Betörte Seelen, arge Kreaturen,

Die ab von solchem Heil das Herz ihr wendet,

Der Eitelkeit zukehrend eure Schläfe!

Und sieh, da nahte mir sich eine andre

Von jenen Flammen, und daß sie bereit sey,

Gefällig mir zu sein, bewies ihr Leuchten.

Die Augen Beatrice’s, die wie vorher

Fest auf mir ruhten, gaben mir Gewißheit

Willkommener Bewill’gung meines Wunsches.

Laß bald Erfüllung mein Verlangen finden,

Sagt’ ich, o seel’ger Geist, und mich erproben,

Daß sich auf dich rückspiegelt was ich denke. –

Drauf fuhr das andre Licht, das mir noch neu war,

Als freute guter Tat sich’s, aus dem Inn’ren,

Von wo zuvor sein Lied gekommen, fort:

In jenem Teil des schnöden Land’s Italien,

Das zwischen dem Rialto und den Quellen

Der Brenta und der Piave sich erstreckt,

Erhebt ein Hügel sich zu mäß’ger Höhe,

Von welchem eine Fackel, die das Land

Mit Ungestüm verheerte, einst hervorging.

Mit ihr ensproß ich aus der gleichen Wurzel,

Cunizza war mein Name, und hier glänz’ ich

Weil mich bezwungen dieses Sternes Kraft.

Indes verzeih’ ich meines Loses Ursach

Mir selber gern und fühle kein Bedauern,

Mag’s auch befremdlich eurem Pöbel scheinen.

Von dieser teuren Flamme, mir zunächst,

Die unsres Himmels leuchtendes Juwel ist,

Blieb hoher Ruhm zurück, und eh’ er endet

Verfünffacht sich noch des Jahrhunderts Zahl

Drum suche sich hervorzutun der Mensch,

Daß ihm vom ersten Leben bleib’ ein zweites.

Des aber achtet das Gesindel nicht,

Das zwischen Etsch und Tagliamento hauset,

Und keine Reue fühlt, obwohl geschlagen.

Doch bald wird Padova bis hin zum Sumpfe

Das Wasser wandeln, das Vicenza netzet,

Weil störrisch gegen seine Pflicht das Volk ist.

Und wo den Sile der Cagnan begleitet

Herrscht einer jetzt mit hochgehobnem Haupte,

Den einzufangen schon das Netz gestrickt wird.

Wohl wird die Sünden seines schnöden Hirten

(Und Malta ward um größre nie beschritten)

Noch zu beweinen Feltro Ursach haben.

Der Bottich, der das Blut der Ferraresen

Aufnehmen sollte, müßte wahrlich groß sein,

Und müde würde, wer es lotweis wöge:

Das Blut, das so gefällig dieser Pfaffe

Verschenken wird, nur der Partei zu Liebe;

Doch solche Gaben sind dort landesüblich.

Dort oben weilen Spiegel, »Throne« sagt ihr,

Aus denen Gott, der Richtende, uns glänzet;

Drum heißen wir auch solche Rede gut. –

Hier schwieg sie, und indem sie in den Kreis,

Dem sie zuvor gehörte, wieder eintrat,

Bewies sie, daß sie nun an andres dachte.

Die andre Wonne, die, als hohen Wertes,

Mir schon bekannt war, glich zu mir gewendet

Dem edelsten Rubin im Sonnenstrahle.

So wie das Lächeln hier, so mehrt dort oben

Die Freudigkeit den Glanz, nur daß hienieden

Die Trauer auch der äußre Schatten zeigt.

O seel’ger Geist, so sagt’ ich, Gott sieht alles,

In ihn versenkt dein Schaun sich also, daß

Kein Wünschen sich vor dir verbergen kann.

Warum entspricht denn deine Stimme, welche,

Verbunden mit dem Lied der in sechs Flügel

Gehüllten heil’gen Flammen, stets den Himmel

Erfreuet, nicht von selber meinem Wunsche?

Erkennt’ ich dich, so wie du mich erkennest,

So würd ich nicht auf dein Begehren warten. –

Das größte Becken, drin sich Wasser sammelt,

Also begann nun seine Rede, wenn man

Vom Meere absieht, das die Welt umgürtet,

Erstreckt sich zwischen zwiegespaltnen Ufern

So weit, daß man am einen Ende Mittag

Da hat, wo für das andre Horizont ist.

An dieses Beckens Ufer, zwischen Ebro

Und Macra, die das Land der Genovesen

Abschneidet von Toscana, war ich heimisch.

Fast einen Untergang und Aufgang haben

Budscheia und die Stadt aus der ich stammte,

Die einst mit eignem Blut den Hafen wärmte.

Von denen die mich kannten ward ich Foulquet

Genannt, und also wie ich dieses Himmels

Gepräge trage, trägt er auch das meine.

Denn mehr entbrannte Belus Tochter nicht,

Als ihr Sichaeus und Creusa zürnten,

Denn ich, solang’ es meinem Alter ziemte.

Nicht mehr auch, von Demophoon betrogen,

Die Rhodopäerin, nicht mehr Alkides,

Als in sein Herz er Jole geschlossen.

Doch fühlt man hier nicht Reue, nein, man lächelt;

Nicht ob der Schuld, denn die hat man vergessen,

Nein, ob der Kraft, die ordnet und vorhersieht.

Die Kunst bestaunt man hier, die solche Wirkung

Hervorbringt, und man lernt das Heil begreifen,

Das nach der obern Welt die niedre wendet.

Doch damit jeden der in dieser Sphäre

Entstandnen Wünsche du erfüllt davon trägst,

Muß sich noch weiter meine Red’ erstrecken.

Zu wissen wünschest du, wer in dem Lichte

Hier neben mir, so wie der Sonnenstrahl

Im klaren Wasser, hell erglänzend weilet.

So wisse denn, in ihm fand Rahab Ruhe

Und dieser Kreis trägt, seit sie ihm gehört,

Voll ausgeprägt den Stempel ihres Siegels.

Sie war die erste Seele, die von Christi

Triumphe dieser Himmel (wo der Schatten

Sich zuspitzt, den die Erde wirft) empfangen.

Wohl ziemte sich’s, daß, als des Sieges Palme

Den eine und die andre Hand erkämpfte,

Aufnahme sie in einem Himmel fand;

Denn sie begünstigte den ersten Ruhm,

Den Josua sich erwarb im heil’gen Lande,

An das den Papst zu denken wenig kümmert.

Es prägt und es verbreitet deine Stadt

Die der gepflanzt hat, welcher seinem Schöpfer

Zuerst den Rücken wandt’, und dessen Neid

So viel beklagt wird, die verwünschte Blume,

Die ab vom Wege führt so Schaf als Lämmer,

Weil sie zum Wolf gewandelt hat den Hirten.

Die Evangelien und die Kirchenväter

Versäumt man ihrethalb; nur Dekretalen

Studiert man, daß die Ränder davon zeugen.

Nach ihr nur streben Papst und Kardinäle,

Nicht ist ihr Sinn nach Nazareth gewendet,

Dorthin, wo Gabriel die Flügel auftat.

Allein der Vatikan und all’ die andren

Erwählten Plätze Rom’s, die Kirchhof wurden

Für jene Kriegsschar, welche Petro folgte,

Bald werden frei sie sein von solchem Ehbruch.

Zehnter Gesang

Indem die unnennbare erste Kraft

Auf ihren Sohn mit jener Liebe blickte,

Die stets von einem und der andern ausgeht,

Schuf sie was sich in Geist und Raum bewegt

Mit solcher Ordnung, daß wer dies betrachtet,

Nicht ohne Vorschmack von ihr selber sein kann.

So hebe Leser zu den hohen Rädern

Mit mir den Blick denn auf jener Stelle,

Wo sich Bewegung und Bewegung treffen.

Und da beginne, jenes Meisters Kunst

Voll Staunens zu beschaun, der seine Schöpfung

So liebt, daß er das Aug’ nicht von ihr wendet.

Sieh, wie von dort der schräge Kreis sich abzweigt,

Der die Planeten trägt, damit Genüge

Der Welt geschehe, welche sie herbeiruft.

Und hätte ihre Bahn nicht schräge Richtung,

So blieb’ erfolglos manche Himmelskraft

Und tot die meiste Fähigkeit auf Erden.

Entfernte jene Bahn von grader Richtung

Sich mehr und minder, bliebe manches drunten

Und oben mangelhaft in eurer Schöpfung.

Nun bleib’ auf deiner Bank, o Leser, sitzen

Und denke dem was dir kredenzt ward nach,

Soll, eh du müde bist, dir Freude werden.

Ich trug dir auf; nun nimm dir selbst die Speise,

Weil jener Stoff, des Schreiber ich geworden,

Ausschließlich meine Sorg’ in Anspruch nimmt.

Der größte von den Dienern der Natur,

Durch den des Himmels Kraft im All sich ausprägt

Und der die Zeit mit seinem Licht uns abmißt,

Bewegte sich mit jenem Himmelsteile,

Den oben ich erwähnte, in der Spirale,

In der er täglich sich uns früher zeigt.

Schon war ich ihm verbunden; doch das Steigen

Ward ich nur so gewahr, wie man den ersten

Gedanken kommen sieht, bevor er da ist.

Beatrix ist es, die mich so vom Guten

Zum Besseren geleitet, und so plötzlich,

Daß ihr Vollbringen keine Zeit umfaßt.

Wie mußte selber reich an Lichte sein,

Was in der Sonne, die ich nun betreten,

Durch Licht mir, nicht durch Farbe, sichtbar ward!

Ob ich Talent anriefe, Kunst und Übung,

Nie sagt’ ich’s so, daß man sich’s denken könnte;

Doch kann man’s glauben und zu schaun verlangen.

Ist unsre Phantasie für solche Hoheit

Zu niedrig, soll uns das nicht Wunder nehmen;

Bewältigte die Sonne doch kein Auge.

So strahlte dort die vierte Schar der Kinder

Des hohen Vaters, der sie immer sättigt,

Beweisend wie er haucht und wie er zeuget.

Und es begann Beatrix: Danke, danke

Der Sonne aller Engel, daß aus Gnade

Zu dieser sichtbaren sie dich erhob! –

Nie war ein Menschenherz so ganz von Andacht

Durchdrungen und niemals so gern bereit,

Sich Gott mit jedem Wunsche zu ergeben,

Als ich bei jenen Worten, und so gänzlich

Versenkte sich in ihn nur meine Liebe,

Daß in Vergessen sie Beatrix hüllte.

Nicht zürnte drum sie; nein, sie lächelte,

So daß das Leuchten ihrer freud’gen Augen

Den ein’gen Sinn in zwei Gefühle teilte.

Viel Flammen, heller als die Sonne, sah ich

Nun uns, als ihren Mittelpunkt, umkränzen,

An Stimmen süßer noch, als licht dem Auge.

So sehn umgürtet wir Latona’s Tochter,

Wenn so die Luft gesättigt ist von Dünsten,

Daß sie die Fäden solchen Gürtels festhält.

Im Himmelshof, von dem ich wiederkehre,

Trifft man viel Edelsteine schön und wertvoll,

So daß unmöglich ist sie auszuführen,

Und dieser Lichter Lied war solcher Art.

Wer sich dorthin zu fliegen nicht befiedert,

Dem gebe von dorther der Stumme Kunde.

Nachdem so singend jene lichten Sonnen

Sich dreimal um uns her gedreht im Kreise,

Wie Sterne in des festen Poles Nähe,

Erschienen sie gleich Frau’n, die nicht im Tanze

Hineilen, sondern still aufhorchend weilen,

Bis sie die neue Weise aufgefaßt.

Und aus dem einen hört’ ich so beginnen:

Erglänzt in dir der Gnadenstrahl, an welchem

Wahrhafte Liebe sich entflammt, und liebend

Zu immer höhrem Liebesreichtum anwächst,

So daß sie diese Leiter dich hinanführt,

Die niemand, der nicht wiederkehrt, hinabsteigt,

So wäre, wer den Wein aus seiner Flasche

Nicht deinem Durst gewährte, gleich dem Wasser

Unfrei, das nicht hinab zum Meere fließet.

Die Blüten willst du kennen, draus der Kranz

Besteht, den deine Herrin liebend anblickt,

Der Herrin, die dich für den Himmel zeitigt.

Ich war ein Lamm von jener heil’gen Herde,

Die Sankt Dominicus auf Pfaden führt,

Wo man gedeiht, wenn man nicht Eitlem nachjagt.

Der mir der nächste ist zu meiner Rechten,

War Bruder mir und Meister, er ist Albrecht

Von Cöln und ich bin Thomas von Aquino.

Willst du der andern ebenso gewiß sein,

So laß, entlang dem sel’gen Blumenkranze,

Dein Auge meinem Wort im Kreise folgen.

Dies andre Flammen leuchtet aus dem Lächeln

Des Grazian, der beiderlei Gerichten

So half, daß man sich freut im Paradiese.

Der aber nach ihm unsres Chores Schmuck ist,

War jener Petrus, der der heil’gen Kirche,

Wie einst die Witwe, seinen Schatz geboten.

Das fünfte Licht, in unsrem Kreis das schönste,

Haucht solche Liebe aus, daß alle Welt

Dort unten Kunde von ihm haben möchte:

Der hohe Geist, in den so tiefes Wissen

Gelegt ward, daß, wenn Wahrheit wahr, kein Zweiter

Zu solchem Schaun sich aufschwang, weilt in ihm.

Das nächste Licht gehört der Kerze an,

Die dort im Fleische die Natur der Engel

Und ihren Dienst am richtigsten erschaute.

Aus jenem kleinen Licht daneben lächelt

Der Christenzeiten kräftiger Verteid’ger,

Auf dessen Wort sich Augustinus stützte.

Hat nun dein geistig Auge, meinem Lobe

Nachfolgend, sich gewandt von Licht zu Lichte,

So fühlt bereits den Durst es nach dem achten.

Im Anschau’n alles Heils freut sich in ihm

Die heil’ge Seele, die den Trug der Welt

Dem offenbart, der recht vernahm die Kunde.

Es ruht der Leib, aus welchem sie verjagt ward,

Dort in Cieldauro; aber sie erhob sich

Von Martern und Exil zu solchem Frieden.

Sieh’ weiterhin den brünst’gen Hauch des Beda,

Des Isidor und jenes Richard flammen,

Der an Gedankentiefe mehr als Mensch war.

Und der, von dem dein Blick zu mir zurückkehrt,

Ist eines Geistes Leuchte, dem in ernsten

Gedanken spät der Tod zu kommen schien.

Das ew’ge Licht von jenem Sigier ist es,

Der, als er las, wo Streu die Gasse deckt,

Schlußfolgernd neidenswerte Wahrheit nachwies. –

Dann sah ich, gleich dem Uhrwerk, das zur Stunde,

Wo, um die Gunst des Bräut’gams zu gewinnen,

Sich Gottes Braut erhebt zur frühen Mette,

Uns ruft, und, wie die Räder zieh’n und treiben,

Tin Tin erklingen läßt, so süßen Tones,

Daß liebend schwillt der gottbereite Geist,

Sich jenes ruhmesreiche Rad bewegen

Und Stimm’ und Stimme also sich in Wohlklang

Und Süß’ entsprechen, als man nur verstehn kann,

Wo solcher Wonne Ewigkeit gewährt ist.

Elfter Gesang

Sinnlose Sorge du der Sterblichen,

Wie sind so trügerisch all’ deine Schlüsse,

Ob deren abwärts du die Flügel schlägst;

Der ging dem Jus, der Aphorismen nach,

Dem Priestertum ein andrer, jener strebte

Durch Trug zu herrschen oder durch Gewalt,

Der raubte, der trieb bürgerlich Gewerbe,

Der mühte ruhlos sich, in Fleischeslüste

Verstrickt, der faulen Muße pflegt’ ein andrer,

Indessen, frei von all’ dem nied’ren Treiben,

Mit Beatrice droben ich im Himmel

Im Kranze solchen Ruhms empfangen ward.

Als jeder dann zu jenem Punkt des Kreises

Zurückgekehrt, an dem zuvor er weilte,

Stand fest er, wie ein Licht im Leuchter steht.

Ich aber hört’ im Innern jener Leuchte,

Die mir zuvor gesprochen und nun heller

Erglänzte, unter Lächeln so beginnen:

So wie von seinen Strahlen ich erglänze,

So seh’ ich die Gedanken, die du hegest,

Schau’ ich in’s ew’ge Licht, woher sie stammen.

Du zweifelst, und begehrst in klarer Rede

Und deutlich so, daß deine Fassungskraft

Nachfolgen könn’, Erläut’rung meiner Rede,

Als ich vorhin gesagt: »Wo man gedeiht«,

Und weiterhin: »Kein Zweiter schwang sich auf.«

Hier aber muß genau man unterscheiden:

Die Vorsehung, die mit so tiefer Weisheit

Die Welt regiert, daß kein geschaff’nes Auge

Unüberwältigt wagt, sie zu ergründen,

Verordnete, damit die Braut des Bräut’gams,

Der unter lautem Ruf mit heil’gem Blute

Sie sich verlobte, sich’rer in sich selbst,

Und treuer ihm, zu ihrem Trauten ginge,

Zu Schutz und Hilfe ihr zwei hohe Ritter,

Daß sie ihr Führer sei’n zu beiden Seiten.

War seraphgleich an Liebesglut der eine,

So schien der andr’ an Weisheit dort auf Erden

Ein Abglanz von dem Licht der Cherubim.

Vom einen will ich sagen: Wen zu preisen

Man wählen möge, gilt das Lob von beiden;

Denn beider Taten hatten nur ein Ziel.

Es senkt von hohem Berg’ ein Abhang fruchtbar

Sich zwischen dem vom seligen Ubaldo

Erkor’nen Hügel und Tupino nieder,

Von wo Perugia nächst dem Sonnentore

So Frost als Hitze fühlt, und jenseits Gualdo

Den rauhen Berg beklagt, sowie Nocera.

Von diesem Abhang, da wo seine Steile

Am schwächsten ist, stieg eine Sonne auf,

Wie diese manchmal aus dem Ganges aufsteigt.

Wer also reden will von diesem Orte,

Der sag Assisi nicht, das wäre dürftig:

Er sage Morgenland, will recht er reden.

Noch war nicht ferne sie von ihrem Aufgang,

Als einige Erquickung sie der Erde

Von ihrer großen Kraft zu kosten gab.

Noch jung entzweite sich mit seinem Vater

Der, den ich meine, um ein Weib, dem jeder

Das Tor der Lust, als wie dem Tode schließt.

Und vor dem Hofe geistlichen Gerichtes,

In Gegenwart des Vaters freit’ er sie

Und liebte mehr sie dann von Tag zu Tage.

Es hatte, seit sie ihres ersten Gatten

Beraubt war, bis auf ihn elfhundert Jahr

Um die Verachtete niemand geworben.

Nicht half es ihr, daß bei der Stimme dessen,

Vor dem die Welt erbebte, mit Amyklas,

Wie man vernahm, sie unerschüttert blieb.

Nicht half ihr Treue, noch so fester Sinn

Daß sie, wo selbst Maria drunten blieb,

Das Kreuz erstieg, mit Christo dort zu weinen.

Doch, daß ich dir nicht unverständlich bleibe,

So nimm für diese Liebenden Franciscus

In meiner langen Rede und die Armut.

Es riefen ihre Freudigkeit und Eintracht

In Lieb’, in süßem Blick und in Erstaunen

Bei manchem heilige Gedanken wach,

So daß Bernardus, der ehrwürd’ge, sich

Entschuhte, solchem Frieden nachzueilen,

Und eilend glaubt’ er noch zu sehr zu zögern.

O unbekannter Reichtum, fruchtbar Gut!

Der Braut zu Liebe folgen, sich entschuhend,

Dem Bräutigam Aegidius und Sylvester.

So geht mit seiner Braut und mit der Schar

Der seinen, welche der demüt’ge Strick

Schon gürtete, ihr Vater und ihr Meister.

Auch drückte Feigheit nicht die Stirn ihm deshalb,

Weil Peter Bernardone’s Sohn er war,

Noch weil gering geschätzt er allen schien.

Mit königlichem Mut tat Innocenzen

Er seinen harten Vorsatz kund, und dieser

Gab ihm das erste Siegel seines Ordens.

Und als, ihm folgend, dessen Wunderleben

Geeigneter dort in des Himmels Glorie

Man sänge, sich, das arme Volk vermehrte,

Ward dieses Oberhirten heil’ger Wille

Vom ew’gen Hauche durch Honorius Hand

Mit einer zweiten Krone noch umwunden.

Als dann im Durste nach dem Martertume

Er in des Sultans schnöder Gegenwart

Gepredigt Christum und die ihm gefolgt sind,

Und, da er jenes Volk für die Bekehrung

Nicht reif erfand, um nicht umsonst zu weilen,

Zur Frucht ital’scher Pflanzen heimgekehrt war,

Empfing auf rauhem Felsen zwischen Tiber

Und Arno er das letzte Siegel, welches

Sein Leib zwei Jahre lang noch trug von Christo.

Als dem, der ihn für solches Heil erkoren,

Demnächst gefiel, ihn zu dem Lohn zu rufen,

Den er durch Selbsterniedrigung verdienet,

Empfahl er seine Braut, die vielgeliebte,

Den Ordensbrüdern, seinen rechten Erben,

Mit dem Befehl, in Treue sie zu lieben;

Doch wollt’ aus ihrem Schoß sein lichter Geist

Zu seinem Reich heimkehrend sich erheben,

Und für den Leib wollt’ er nur diese Bahre.

Bedenke nun, wie der war, der mit diesem,

Als würdiger Genoß, das Schifflein Petri

Im hohen Meer erhielt auf rechten Wegen,

Und das ist unser Patriarch gewesen;

Drum kannst du sehn, daß wer, wie er geboten

Ihm nachfolgt, sicher gute Ladung führt.

Doch seine Herde ward nach neuer Nahrung

So lüstern, daß, wie könnt’ es anders sein,

Sie sich verstreut auf Weiden mancher Art.

Je mehr, abirrend, aber seine Schafe

Von ihm sich trennen, um so leerer kehren

An Milch sie wieder heim zu ihrem Stalle.

Wohl sind noch ein’ge, die den Schaden fürchten

Und sich zum Hirten halten, doch so wen’ge,

Daß ihre Kutten nicht viel Tuch erfordern.

Sind meine Worte klanglos nicht gewesen,

Hast aufmerksam du ihnen zugehört,

Und rufst du das Gesagte dir zurück,

So muß dein Wunsch zum Teil befriedigt sein;

Denn du erkennst den Baum, den man verstümmelt,

Und siehst weshalb der Riementräger sagte:

»Wo man gedeiht, wenn man nicht Eitlem nachjagt.«

Zwölfter Gesang

Kaum hatte die gebenedeite Flamme

Ihr letztes Wort gesprochen, als auf’s neue

Die heil’ge Mühle sich zu dreh’n begann.

Noch hatte sie die Runde nicht vollendet,

Da schloß sich rings um sie ein zweiter Kreis,

Einhaltend gleichen Takt im Tanz und Liede.

Und wie der erste Glanz den rückgestrahlten,

So übertrifft dies Lied in solchen Kehlen

Das unsrer Musen, unserer Sirenen.

So wie, wenn Juno ihre Botin sendet,

Zwei gleichgefärbte, parallele Bogen

Auf zartem Wolkengrunde sich bewegen,

Und so den inn’ren wiedergibt der äuß’re,

Wie jener Flücht’gen Wort tut, die von Liebe

Verzehrt ward, wie die Sonne Dunst verzehrt,

Uns aber, ob des Bundes, welchen Gott

Mit Noah schloß, die Zuversicht gewähren,

Daß niemals überschwemmt die Welt mehr wird,

So wanden sich um uns die beiden Kränze

Von jenen Rosen, welche nie verblühn,

Und so entsprach dem inneren der äuß’re.

Als nun der Tanz und all die Freudenzeichen,

Die, singend und von Licht zu Licht einander

Anstrahlend, sie in Lust und Liebe tauschten,

Gleichzeitig und in Willenseinheit ruhten,

Wie, dem Belieben das sie lenkt gehorchend,

Die Augen sich zusammen auf- und zutun,

Da tönte aus der neuen Lichter einem

Mir eine Stimme, die nach ihrem Ursprung

Mich zog, so wie der Nordstern zieht die Nadel:

Die Liebe, welche mich verschönt, begann sie,

Heißt von dem andren Herzog mich noch reden,

Um dessenthalb der meine so gerühmt ward.

Wo man vom einen spricht, soll man des andren

Gedenken; wie sie für das gleiche Ziel

Gekämpft, muß auch ihr Ruhm vereinigt leuchten.

Die Heerschar Christi, welche neu zu waffnen

Soviel gekostet, folgte ihrer Fahne

Unsich’ren Mutes und langsamen Schrittes,

Als unser Kaiser, der ohn’ Aufhör herrschet,

Für seine Streiter, die gefährdet waren,

Aus Gnaden sorgte, nicht weil sie’s verdienten,

Und, wie gesagt, zur Hilfe seiner Braut

Zwei Kämpfer sandte, deren Tun und Reden

Dem Volke seinen Irrweg offenbarte.

In jenem Land, von wo die jungen Knospen,

Mit denen dann Europa neu sich kleidet,

Der süße Zephyr aufzuschließen ausgeht,

Nicht weit vom Strand, an den die Wellen schlagen,

Wo jenseits, ob der großen Wasserwüste,

Zeitweis die Sonne keinem Menschen scheinet,

Dort liegt von Heil begnadigt Calaroga

Im Schutz des großen Schildes, das den Löwen

Hier unterliegend zeigt, dort unterjochend.

Zur Welt kam dort der liebentbrannte Buhle

Des Christenglaubens, jener heil’ge Kämpe,

Der, mild den Seinen, hart war mit den Feinden.

Und, kaum erschaffen, war schon seine Seele

So voll lebend’ger Kraft, daß zum Propheten

Sie ihn gemacht hat in der Mutter Schoße.

Als zwischen ihm das Bündnis und dem Glauben

Am heil’gen Born geschlossen war, wo beide

Mit Heil einander wechselsweis begabten,

Erblickte, die für ihn das Jawort gab,

Die Frau, im Traum die wunderbare Frucht,

Die bringen sollten er und seine Erben.

Und, daß er heiße wie er wirklich war,

Gebot ein Geist, ihn mit dem Eigenschaftswort

Von dem zu nennen, dem er ganz gehörte.

Dominicus ward er genannt, und von ihm red’ ich,

Als von dem Ackermanne Christi, welchen

Er sich zur Hilf’ erkor für seinen Garten.

Wohl schien er Christi Bote und Vertrauter,

Indem die erste Liebe, die er kund tat,

Den ersten Rat, den Christus gab, befolgte.

Gar manches Mal fand schweigend ihn und wach

Die Wärterin am Boden, daß es schien,

Als ob er sagen wollte: Dazu kam ich.

Wohl hieß mit vollem Recht sein Vater »Felix«,

Und ebenso »Johanna« seine Mutter,

Wenn dies den Sinn hat, welchen man ihm beimißt.

Nicht in dem Dienst der Welt, in dem, Thaddaeus

Und dem von Ostia folgend, man sich abmüht,

Nein, um des wahren Manna’s willen nur

Gewann in kurzem er so tiefes Wissen,

Daß er den Weinberg durchzuforschen anfing,

Der bald verrottet, wenn der Winzer schlecht ist.

Und von dem Stuhl, der den gerechten Armen

Einst wohler wollte, weil zwar nicht er selbst,

Wohl aber der ihn einnimmt, aus der Art schlug,

Begehrt’ er nicht das Recht, für zwei bis drei

Von sechs zu dispensieren, nicht den Nießbrauch

Vakanter Pfründen, nicht die, Gottes Armen

Gehör’gen Zehnten; nein, das Recht, den Irrtum

Der Welt für jenen Samen zu bekämpfen,

Aus dem zweimal zwölf Pflanzen dich umgeben.

Dann brach er, wie ein Strom aus reicher Quelle,

Gestützt auf apostolische Berufung,

Mit Wissens- und mit Willenskraft hervor,

Und stürzte auf die ketzerischen Knorren

Mit um so größrem Ungestüm, je zäher

Die Störrigkeit des Widerstandes war.

Viel Bäche sind von ihm dann ausgegangen,

Berieselnd des kathol’schen Glaubens Garten,

So daß nun frischer seine Sträucher grünen.

War so das eine Rad des Kriegeswagens,

In dem die heil’ge Kirche sich verteidigt,

In ihrem Bürgerkrieg das Feld behauptend,

So sollte die Vortrefflichkeit des andren,

Die Thomas eh’ ich kam so freundlich pries,

Nun zur Genüge dir erkennbar sein.

Allein, verlassen ist jetzt das Geleise,

Das es gemacht mit seinem obren Umkreis,

So daß nun Schimmel sich statt Weinsteins ansetzt.

Denn sein Gefolge, das die Füß’ einst grade

In seine Spur gesetzt, verwandte so sich,

Daß an der Zehen Platz der Hacken eintritt.

Doch bald wird an der Ernte man die schlechte

Bestellung sehn, wenn klagen wird der Lolch,

Daß in der Lade keinen Platz er findet.

Wer unsren Band von Blatt zu Blatt durchsuchte,

Der würd’, ich sag’ es selbst, auf Seiten treffen,

Auf denen stünd’: Ich bin was ich gewesen.

Doch wäre deren Heimat nicht Casale,

Noch Acquasparta, woher die gekommen,

Die bald die Schrift verengen, bald verleugnen.

Ich selber bin Bonaventura’s Leben

Von Bagnoregio. In den höchsten Ämtern

Stellt’ immer ich hintan die falsche Sorge.

Hier sind Illuminat und Augustin,

Die ersten fast der schuhelosen Armen,

Die strickumgürtet Gottes Freunde wurden.

Hier ist mit ihnen Hugo von Sankt Victor,

Petrus Comestor und Hispaniens Petrus,

Der heute noch in zwölf Traktaten leuchtet.

Auch Nathan, der Prophet, Chrysostomus

Metropolit, Anselm und der Donatus,

Der nicht verschmäht, die erste Kunst zu lehren.

Raban ist hier, und mir zur Seite endlich

Erglänzt Abt Joachim der Calabrese,

Der mit dem Geist der Prophetie begabt war.

Solch hohem Paladine nachzueifern

Bewog die liebentbrannte Freundlichkeit

Des Bruders Thomas und sein edles Wort

So mich, als diese, die mit mir vereint sind. –

Dreizehnter Gesang

Es denke sich, wer was ich nun gewahrte

Recht fassen will (und während ich dann rede,

Halt’ er das Bild gleich einem Felsen fest),

Die fünfzehn Sterne, die, ringsum verteilet,

Den Himmel so mit ihrem Glanz erhellen,

Daß sie selbst dickgewebte Luft durchdringen:

Den Wagen denk’ er sich, der Tag und Nacht

Genüge hat an unsres Himmels Schoße,

So daß ihn uns nicht birgt der Deichsel Wendung,

Er denke sich die Mündung jenes Hornes,

Das an der Spitze von der Achse anfängt,

Um welche sich das erste Rad bewegt;

Sie alle denk’ er zu zwei Himmelszeichen

Vereinigt, ähnlich dem, das Minos’ Tochter,

Als sie des Todes Frost empfand, gebildet,

Und so, daß eines in dem andren strahlte,

Und beide sich in solcher Weise drehten,

Daß eines vor, das andre rückwärts ginge.

Dies Bild kann ihm gleich einem Schatten dienen

Des Sterngebildes und des Doppeltanzes,

Der jenen Punkt umkreiste wo ich war.

Als Schatten nur; denn über unsren Brauch

Ist es so weit hinaus, als die Bewegung

Des schnellsten Himmels über die der Chiana.

Dort sang, statt Bacchus man und statt Päanen,

Die göttliche Natur in drei Personen

Und mit der menschlichen geeint zu einer.

Es wandten, als ihr Maß Gesang und Kreisen

Vollendet, sich zu uns die heil’gen Lichter,

Von einer Sorge froh zur andren greifend.

Dann brach das Schweigen der einmüt’gen Geister

Das Licht, aus dem das wunderbare Leben

Des Armen Gottes mir berichtet worden,

Und es begann: Da nun die ersten Garben

Gedroschen sind und eingeheimst die Körner,

Heißt süße Liebe mir den zweiten Ausdrusch.

Du glaubst, daß in die Brust, aus der die Rippe

Entlehnt ward, der entstammt die schöne Wange,

Für deren Gaum so schwer die ganze Welt zahlt,

Und in die andre; die, durchbohrt vom Speere,

So viel genug getan, zuvor wie nachher,

Daß drob die Schale jeder Schuld besiegt wird,

Was nur an Licht die menschliche Natur

Vermag, von jener Kraft die beide sie

Geschaffen, völlig eingegossen sei.

Darum verwundert dich mein früh’res Wort,

Als ich gesagt, es habe seines Gleichen

Das Heil im fünften Lichte nie gehabt.

Nun öffne meiner Antwort deine Augen,

Und sieh, dein Glaube und mein Wort verhalten

Wie Zentrum sich und Umkreis in der Wahrheit.

Unsterbliches und was da sterben kann,

Es ist ein Abglanz nur von der Idee,

Die unser Herr aus Liebesfülle zeugt.

Denn das lebend’ge Licht, das aus dem Lichtquell

Also hervorgeht, daß von ihm so wenig

Sich’s trennt, als von der Liebe, die die dritt’ ist,

Vereiniget aus Güte seine Strahlen

Gleich wie in Spiegeln, in neun Wesenheiten,

Obwohl es ewig in sich selber eins bleibt.

Abwärts von ihnen steigt von Kraft zu Kraft es

Hinab bis zu den letzten Fähigkeiten,

So daß es endlich nur Zufäll’ges bildet.

Als dies Zufällige bezeich’n ich alle

Erzeugten Dinge, die der Himmel kreisend

In’s Dasein ruft, mit oder ohne Samen.

Ihr Wachs und der es aufträgt, sind nicht immer

Gleich gut; drum prägt der ideale Stempel

Bald besser sich, bald wieder schlechter aus.

Daher geschieht es, daß der Art nach gleiche

Gewächse doch verschiedne Früchte tragen;

Drum kommt zur Welt ihr mit verschiednen Gaben.

Wenn makellos des Wachses Reinheit wäre,

Und auch der Himmel in der höchsten Kraft,

Dann sähe man des Siegels volle Schönheit;

Doch unvollkommen nur drückt’s die Natur aus,

Weil ihre Arbeit der des Künstlers gleich ist,

Der, kunstgeübt zwar, mit den Händen zittert.

Bereitet nun und prägt die heiße Liebe,

Der ersten Kraft lichtvolles Schauen aus,

So wird Vollkommenheit schlechthin erreicht.

So ward das Land geschaffen, das befähigt

Zu jeder tierischen Vollendung war,

In solcher Weise ward die Jungfrau schwanger.

Beistimmen muß ich also deiner Meinung,

Daß, was in jenen Zwei’n die menschliche

Natur gewesen, sie nie war noch sein wird.

Wohl würden deine Worte, wenn ich nun

Nicht weiter reden wollte, so beginnen:

Wie war denn also jener ohne Gleichen?

Doch damit klar, was jetzt dir unklar, werde,

So denke, was er war, und was ihn antrieb,

Zu fordern, als zu ihm gesagt ward: Bitte!

Ich sprach nicht also, daß du nicht vermöchtest

Zu sehn, wie er als König bat um Weisheit,

Damit ein König rechter Art er sei.

Nicht nach der Zahl der Himmelslenker frug er,

Noch ob Notwend’ges mit Zufälligem

Verknüpft Notwendiges ergeben könne.

Auch nicht, ob Urbewegung anzunehmen,

Noch ob ein Dreieck ohne rechten Winkel

Sich machen lasse aus dem halben Kreise.

Erwägst du dies und was ich oben sagte,

So sieh die Königsklugheit und das Schauen,

Auf das sich richtet meiner Absicht Pfeil.

Und fassest du das »schwang sich auf« in’s Auge,

So wirst du sehn, daß es nur Kön’gen gilt,

Die zahlreich sind, doch gute drunter wenig.

Nimm denn mein Wort mit dieser Unterscheidung;

So kann’s mit dem, was du vom ersten Vater

Und unsrer Wonne glaubest, wohl bestehn.

Das sei dir immer Blei an deinen Füßen,

Daß du zum Ja und Nein, das du nicht siehst,

Gleich einem Müden langsam dich bewegest;

Denn unter Toren selbst steht der gar niedrig,

Der ohne Unterschied bejaht und nein sagt,

Mag es um dies sich oder jenes handeln.

Gar oft geschieht’s, daß die gemeine Meinung

Zur falschen Seite hinneigt, aber dann

Die Leidenschaft die bessre Einsicht fesselt.

Noch schlimmer als vergeblich stößt vom Ufer,

Weil er nicht heimkehrt wie er ausfuhr, wer

Nach Wahrheit fischt, und nicht die Kunst versteht.

Des liefern deutlichen Beweis der Welt

Parmenides, Melissus, sowie Brissus

Und andre, die des Weges Ziel nicht wußten.

Sabellius auch, Arius und die Toren,

Die so wie Schwerter mit der Schrift verfuhren,

Ihr grades Antlitz frevelhaft entstellend.

Es sei’n die Leut im Urteil nicht so sicher!

Sie soll’n nicht tun wie einer, der die Ernte

Schon auf dem Felde schätzt, bevor sie reif ist.

Wohl sah den Winter über ich den Dorn

Voll Stacheln dastehn, starr und ungefüge,

Und dann auf seinem Zweig die Rose tragen.

Auch sah ein Schiff ich rasch und grader Richtung

Das Meer durchfliegen auf der ganzen Reise.

Dann aber scheitern an des Hafens Eingang.

Frau Bertha und Herr Martin soll’n nicht glauben,

Wenn den sie stehlen sehn und jenen opfern,

Sie säh’n drum, was sie sind in Gottes Ratschluß;

Denn der kann fallen, jener sich erheben.

Vierzehnter Gesang

Vom Mittelpunkt zum Kreis, von ihm zu jenem

Bewegt in runder Schale sich das Wasser,

Wird es berührt von außen oder innen.

In meinem Geist trat plötzlich was ich sage

Hervor, nachdem das ruhmgekrönte Leben

Des Thomas aufgehört zu reden hatte,

Weil ähnlich zu der Rede Beatrice’s

Die seine sich verhielt; doch ihr gefiel es

Als er geendet, also zu beginnen:

Not täte diesem, doch er spricht es nicht

In Worten aus, auch denkt er es bis jetzt nicht,

Noch einer Wahrheit Wurzel zu erkennen.

Sagt ihm denn, ob das Licht, von dem eu’r Wesen

Hier Blütenschmuck erhält, so wie es jetzt ist,

Euch bleiben wird in alle Ewigkeit.

Und wenn’s der Fall ist, so erklärt ihm weiter,

Wie, nachdem Sichtbarkeit euch wieder ward.

Dies Licht nicht eurer Sehkraft Schaden tut?

Wie manchmal, von erhöhter Lust getrieben,

Die sich im Ringeltanze drehn und singen

Die Stimm’ erhebend freud’ger sich gebärden,

So zeigten bei der frommbereiten Bitte

Die heil’gen Kreis’ in ihres Liedes Tone

Und in des Tanzes Schwingung neue Freude.

Wer sich beklagt, daß man hienieden sterbe,

Um droben fortzuleben, fühlte nimmer

Des Gnadenregens ewige Erquickung.

Der immer lebt und eins und zwei und drei ist

Und immer herrscht in dreien, zwei’n und einem,

Der, schrankenlos, das All der Welt umschränkt,

Er ward von jedem dieser sel’gen Geister

Dreimal in solcher Melodie gesungen,

Daß jeglichem Verdienst sie reichlich lohnte.

Dann hört ich wie im strahlendsten der Lichter

Des klein’ren Kreises eine sanfte Stimme,

Vielleicht wie die des Engels zu Marien,

Zur Antwort gab: Solang die Festesfeier

Des Paradieses währt, wird unsre Liebe

Aus sich hervor ein solches Lichtkleid strahlen.

Es wird der Glut ensprechen seine Helle,

Die Glut dem Schau’n; dies aber dringt so tief,

Als über eigne Kraft es Gnad’ empfängt.

Wenn mit dem heiligen verklärten Fleische

Wir angetan sind, dann wird unser Wesen,

Weil nun vollständig, wohlgefäll’ger sein.

Drum wird sich, was an unverdientem Lichte

Das höchste Gut uns schenkt, alsdann vermehren,

Dem Licht, das uns befähigt ihn zu schau’n,

So muß denn unsres Schauens Tiefe wachsen,

Die Glut auch wachsen, die sich dran entzündet,

Und so der Lichtglanz, der von dieser ausgeht.

Doch wie die Kohl’, aus welcher Flamme lodert,

Durch weißen Lichtglanz sie noch übertrifft,

So daß im Feuer sie erkennbar bleibt,

So wird der Glanz, der uns schon jetzt umhüllet,

Vom Fleische, das die Erde jetzt bedeckt,

An Helligkeit noch übertroffen werden.

Auch wird so großes Licht uns nicht beschweren;

Denn Kraft wird den Organen unsres Leibes

Für alles dann zuteil, was uns erfreuet. –

So rasch und eifrig sagten beide Chöre

Hierzu ihr »Amen«, daß man wohl die Sehnsucht

Nach ihren toten Leibern dran erkannte;

Vielleicht nicht nur den ihren, auch wohl denen

Der Väter, Mütter und der andren, die sie

Geliebt, bevor sie ew’ge Flammen waren.

Und, siehe, gleich an Helligkeit, erschien

Rings um die schon vorhandenen ein Glanz,

Dem Horizont, der sich erhellt, vergleichbar.

Und wie, wenn eben erst der Abend aufsteigt,

Sichtbar am Himmel neue Lichter werden.

Daß man sie bald zu seh’n, bald nicht zu seh’n glaubt,

So schien es mir, als fing’ ich neue Wesen

Dort zu erblicken an, die einen Kreis

Noch außerhalb der beiden andren schlössen.

O wahres Funkensprüh’n des heil’gen Geistes,

Wie zeigte sich’s so plötzlich mir und glühend,

Daß mein geblendet Aug’ es nicht ertrug!

Doch Beatrice sah so schön und lächelnd

Mich an, daß davon, wie von sonst Geseh’nem,

Das die Erinn’rung nicht bewahrt, ich schweige.

Als wieder Kraft gewonnen meine Augen

Emporzublicken, sah ich mich entrückt

Zu höh’rem Heil, allein mit meiner Herrin.

Daß ich emporgestiegen sei, bewies mir

Das feuerfarbne Lächeln des Planeten,

Der röter mir erschien, als ich gewohnt war.

Von ganzem Herzen bracht’ ich in der Sprache,

Die gleich für alle ist, solch Dankesopfer

Dem Herren dar, wie solche Gnad’ es heischte.

Es war des Opfers Glut in meinem Herzen

Noch nicht erloschen, als ich schon gewahr ward,

Daß günstig aufgenommen war mein Opfer;

Denn Lichter solchen Glanzes und so rot

Erschienen mir im Inn’ren zweier Strahlen,

Daß, Helios, wie schmückst du sie! ich ausrief.

Wie die Milchstraße, Weisen selbst ein Rätsel,

Weißschimmernd sich von Pol zu Pole zieht,

In Sterne, mehr und minder klein, zerfallend,

So konstellieret zeigten auf dem Grunde

Des Mars das heil’ge Zeichen diese Strahlen,

Das in dem Kreise die Quadranten bilden.

Es unterliegt der Geist hier dem Gedächtnis;

Denn Christus leuchtete von jenem Kreuze

So, daß kein würd’ges Bild ich finden kann.

Doch wer das Kreuz auf seine Schultern nimmt

Und Christo nachfolgt, der verzeiht mein Schweigen,

Sieht Christum er in jenem Schimmer leuchten.

Von Arm zu Arm, vom Wipfel zu dem Fuße

Bewegten Lichter sich, die hell aufflammten,

Wenn sie sich trafen und wenn sie sich trennten.

So sieht hienieden man die Sonnenstäubchen,

Bald schnell, bald langsam, krumm bald und bald grade,

Bald kurz, bald langgezogen, in dem Strahle,

Der manchmal durch den Schatten hinstreift, welchen

Zum Schutz vor Sonnenglut die Menschen, sinnreich

Vorkehrend, hergerichtet, sich bewegen.

Wie, wenn bei vieler Geigen oder Harfen

Zusammenklang, auch wer die Melodie

Nicht auffaßt, doch ein süßes Klingen hört,

So tönte mir vom Kreuz der Lichter, die mir

Dort sichtbar wurden, eine Weise, welche,

Verstand ich auch das Lied nicht, mich entzückte.

Ich fühlte wohl, es sei ein hohes Loblied;

Denn mich erreichte: »Du erstehst und siegest«,

Wie den, der reden hört und nicht verstehn kann.

Daran entbrannte ich in solcher Liebe,

Daß bis dahin kein Gegenstand mich jemals

Gefesselt hatte mit so süßen Banden.

Und wem mein Wort allzu verwegen schiene,

Weil ich hintan die schönen Augen setze,

In die zu schaun mir jede Sehnsucht stillt;

Erwägt der wohl, daß die lebend’gen Siegel

Der Schönheit mit dem Steigen Kraft gewinnen,

Und ich nach jenen dort noch nicht geblickt,

So kann ob dessen, des ich mich beschuld’ge,

Er mich entschuld’gend, sehn, daß wahr ich rede;

Schließ’ ich die heil’ge Freude doch nicht aus,

Die laut’rer wird mit jeder höh’ren Stufe.

Fünfzehnter Gesang

Geneigter Will’, in welchen sich die Liebe,

Die nach dem Rechten hinstrebt, immer auflöst,

Wie die verkehrte Liebe in Begierde,

Gebot der süßen Leier nun zu schweigen

Und hieß die heil’gen Saiten, die die Rechte

Des Himmels anzieht oder nachläßt, ruhn.

Wie sollten taub sein für gerechte Bitten

Die Wesen, welche um mir Mut zu machen,

Daß ich sie bitte, jetzt einmütig schwiegen?

Wohl ist es Recht, daß endlos sich beklage,

Wer Dingen, die vergänglich sind, zu Liebe

Auf ewig dieser Liebe sich beraubt!

Wie in der Stille einer klaren Nacht

Rasch durch den Himmel wohl ein Feuer eilt,

Auf sich die Blicke ziehend, die da ruhten,

Als wär’s ein Stern, der seinen Ort vertauschet,

Nur daß, von wo es ausging, keiner fehlet,

Und daß es selber kurze Zeit nur dauert,

So eilte von dem Arm des Sterngebildes

Das dort erglänzt, der sich nach rechtshin ausdehnt,

Ein Stern zum Fuße jenes Kreuzes nieder.

Auch schied nicht das Juwel von seinem Bande;

Nein, durch des Kreuzes Strahlen flog es hin,

Wie hinter Alabaster man ein Licht sieht.

So eilte liebevoll herbei Anchises,

Ist unsre größte Muse glaubenswert,

Als im Elysium er den Sohn erblickte.

O du mein Blut, o Gnade, die von Gott

Herniederströmt, Wem wurde je gleich dir

Des Himmels Pforte zweimal aufgeschlossen? –

So sprach dies Licht und fesselte mein Ohr;

Dann wandte ich den Blick zu Beatrice,

Und hier und da fand ich zum Staunen Anlaß.

Denn solch ein Lächeln brannt’ in ihren Augen,

Daß ich das höchste mir beschiedne Ziel

Von Gnad’ und Paradies erreicht nun glaubte.

Dann fügt’, erfreulich, wie dem Ohr, dem Auge,

Der Geist dem Anfang weiteres hinzu,

So tiefen Sinnes, daß ich’s nicht verstand.

Indes verbarg er sich mir nicht aus Willkür,

Nein, aus Notwendigkeit, weil sein Gedanke

Hinausflog über sterbliches Verständnis.

Und als der Bogen glühender Erregung

So weit ermäßigt war, daß nun die Rede

Hinabstieg in des Menschengeistes Schranken,

War: Sei gebenedeit du drei und einer,

Der du so gnädig bist in meinem Sohne –

Von dem was mir verständlich war das erste.

Dann fuhr er fort: Gestillt in diesem Lichte,

In dem ich zu dir rede, hast du Sohn,

Der sei’s gedankt, die dich zum Flug befiedert,

Den langgehegten und willkommnen Hunger,

Der mir erwuchs, seit ich im großen Buche,

In dem nie Schwarz und Weiß vertauscht wird, las.

Du meinst, zu mir gelange dein Gedanke

So aus dem ersten, wie das fünf und sechs

Hervorgeht aus dem eins, das man erkennt;

Drum fragst du, wer ich sei nicht, noch warum

Ich freudiger mich gegen dich bezeige,

Als irgendwer von dieser frohen Schar.

Wohl glaubst du wahr, denn kleine so wie große

Hier Lebende schauen alle in den Spiegel,

In dem, noch ungedacht, dein Denken kund wird.

Doch, daß der ew’gen Liebe mehr Genüge

Gescheh’, in der ich ewig schauend wache,

Und die mir süßer Sehnsucht Durst erweckt,

So künde deine Stimme freudig, sicher

Und kühn den Wunsch und Willen, die du hegst,

Auf welche meine Antwort schon bestimmt ist. –

Nach Beatrice blickt’ ich; doch sie hatte

Gehört noch eh’ ich sprach, und meinem Willen

Ließ Flügel ihr beifäll’ger Wink erwachsen.

Drauf hub ich an: Seit euch die erste Gleichheit

Erschienen, ward für jeden unter euch

Gleich an Gewichte Wunsch und Fähigkeit;

Denn, die mit Licht und Wärme euch erleuchtet

Und brennen macht, die Sonne ist so gleich,

Daß jedes Bild nur ungenügend wäre.

Doch, aus dem Grunde, der euch offenbar ist,

Sind Wunsch und Fähigkeit bei Sterblichen

Nicht in dem gleichen Maß zum Flug befiedert.

Weil ich, als Sterblicher, daß sie es nicht sind

Jetzt fühle, dank ich mit dem Herzen nur

Für diesen Audruck väterlicher Freude.

Doch bitt’ ich dich, lebendiger Topas,

Der du dies köstliche Geschmeide zierest,

Daß du den Durst mir stillst nach deinem Namen. –

O du mein Laub, an dem schon in Erwartung

Ich mich erfreute, ich war deine Wurzel. –

Also begann er, Antwort mir erteilend.

Dann sagt’ er weiter: Der, nach dem dein Stamm sich

Benennt, und der seit mehr als hundert Jahren

Den Berg umkreist auf seiner ersten Stufe,

Er war mein Sohn und war dein Ältervater.

Wohl sollst du dich bemühn, durch deine Werke

Der Buße lange Arbeit ihm zu kürzen.

Es war im alten Mauerkreis, von wo

Ihm None noch und Terz gezählt wird, Florenz

Friedfertig, voller Mäßigkeit und schamhaft.

Nicht kannt’ es gold’ne Ketten und nicht Kronen,

Nicht aufgeputzte Weiber und nicht Gürtel,

Die mehr als die sie trägt in’s Auge fielen.

Noch machte nicht bei der Geburt die Tochter

Dem Vater Sorge; denn noch überschritten

Mitgift und Zeit das Maß nicht beiderseitig.

Noch gab’s nicht Häuser von Bewohnern ledig,

Noch war Sardanapal nicht angelangt,

Was in Gemächern man vermag, zu zeigen.

Noch übertraf nicht eu’r Uccellatojo

Den Berg des Marius; aber, wie im Steigen,

Wird auch im Fallen er ihn übertreffen.

Gegürtet sah mit Leder ich und Knochen

Bellincion Berti, und sein Weib vom Spiegel

Mit unbemaltem Angesichte kommen.

Mit bloßem Lederwamms sah ich Del Vecchio

Und Nerli sich begnügen; beider Frauen

Sah bei der Spindel ich und bei der Kunkel.

Die Glücklichen! Der Grabesstätte sicher

War ihrer jede, und um Frankreichs willen

War keine noch in ihrem Bett verlassen.

Die eine wachte sorglich bei der Wiege

Und redete beschwichtigend die Sprache,

An der die Eltern sich zuerst ergötzen.

Es plauderte die zweite mit den Ihren,

Indes dem Wocken sie das Haar entzog,

Von den Trojanern, Fiesole und Rom.

Ein Wunder wär’ ein Weib wie die Cianghella,

Ein Lapo Salterello da gewesen,

Wie Cincinnat jetzt und Cornelia wären.

So ruhigem, so schönem Bürgerleben,

So zuverlässiger Genossenschaft,

So süßem Heimatsort hat mich Maria

Gewährt auf lautem Schmerzensschreies Flehen.

In eurem altehrwürd’gen Baptisterium

Ward ich ein Christ zugleich und Cacciaguida.

Moronto hatte ich und Eliseo

Zu Brüdern, aus dem Potal kam mein Weib,

Und da her stammt der Name den du führest.

Dann folgt’ ich Kaiser Conrad. Wackre Taten

Gewannen so mir seine Gunst, daß er

Den Gürtel seiner Ritterschaft mir schenkte.

Ich folgt’ ihm nach zum Kampf mit des Gesetzes

Verkehrtheit, dessen Volk, was euer Recht ist,

Allein durch eurer Hirten Schuld, sich anmaßt.

Entfesselt von der trügerischen Welt,

In deren Lust viel Seelen sich beflecken,

Ward ich im Kampf mit jenem schnöden Volke

Und kam vom Martertod zu diesem Frieden.

Sechzehnter Gesang

Wohl bist gering du, unsres Blutes Adel;

Doch wenn die Menschen hier sich deiner rühmen,

Wo Schwachheit unsre Neigungen bestimmt,

So soll’s in Zukunft nimmer mich verwundern,

Da dort, wo nichts den Wunsch vom Rechten ablenkt,

Im Himmel sag’ ich, deiner ich mich rühmte.

Du bist ein Mantel, der gar bald zu kurz wird;

Die Zeit bestutzt ihn rings mit ihrer Schere,

Tut man von Tag zu Tage nicht hinzu!

Dann fingen meine Worte mit dem »ihr«,

Das Rom einst zuließ, und in dem die Seinen

Am mindesten beharren, wieder an.

Da war in ihrem Lächeln Beatrice,

Die etwas ferner stand, der zu vergleichen,

Die bei Ginevra’s erstem Fehl gehustet.

Und also hub ich an: Ihr seid mein Vater;

Zum Reden gebt ihr mir den vollen Mut,

Mich so erhebend, daß ich mehr als ich bin.

Mit Freudigkeit erfüllt aus so viel Bächen

Mein Herz ihr, daß es in sich jauchzet, weil es

So viele Lust erträgt und doch nicht berstet.

So sagt mir denn, ihr mein geliebter Urahn,

Von wem ihr abgestammt und welche Zahlen

Der Jahre man in eurer Kindheit schrieb.

Sagt mir auch von dem Schafsstall Sankt Johannis,

Wie groß er war, und nennt mir die Geschlechter,

Die wert der höchsten Sitze damals schienen. –

Wie bei der Winde Hauch entbrannte Kohlen

Lebend’ger sich entzünden, so erglänzte

Dies Licht bei meinen Schmeichelworten heller.

Und wie es meinem Auge sich verschönte,

So sprach’s mit süßerer und sanftrer Stimme,

Doch nicht in dieser Sprache neurer Zeit,

Zu mir: Vom Tag’ an dem gesagt ward: Ave

Zu dem, wo meine Mutter, die jetzt heilig,

Von mir, der Frucht, befreit ward, die sie trug,

Kam dieser Stern fünfhundertachtzigmal

Zu seinem Löwen, unter dessen Sohlen

Neu anzufachen seine Glut, zurück.

Es wohnten meine Alten, und zur Welt

Kam ich, wo wer eu’r Jahresrennen läuft

Zuerst betritt den letzten Stadtbezirk.

Von meinen Vordern möge dies genügen;

Wer sie gewesen und woher gekommen,

Verschweig’ ich schicklicher als ich es sage.

Was zwischen Mars zu der Zeit und dem Täufer

Der Waffen fähig war, betrug ein Fünftel

Von denen, welche heutzutage dort leben.

Allein das Bürgerblut, das jetzt gemengt ist

Mit Campi, mit Fighine und Certaldo,

War damals rein im kleinsten Handwerksmann.

O wie viel besser wär’s, wenn ihr zu Nachbarn

Die hättet, die ich nannt’, und eure Grenze

Noch bei Trespiano wär’ und beim Galluzzo,

Als innen sie zu haben, und den Stank

Des Aguglion zu tragen und des Signa,

Der schon nach wem, der ihn besteche, ausschaut.

Und hätten die nicht, die am schlimmsten sünd’gen,

Stiefmütterlich gehandelt an dem Kaiser,

Statt, wie den Sohn die Mutter, ihn zu hegen,

So hätte mancher, der als Florentiner

Nun kauft und verkauft, sich nach Simifonte

Gewandt, wo betteln ging sein Ältervater.

Dann hätten Montemurlo noch die Grafen,

Pivier d’Acon bewohnten noch die Cerchi,

Das Grevetal vielleicht die Buondelmonti.

Vermengung der Personen war von jeher

Die Ursach des Verderbens für die Städte,

Wie für den Leib was man zur Speis’ ihm beut.

Es fällt geschwinder als ein blindes Lamm

Der blinde Stier, und mehr und besser schneidet

Ein Schwert gar manches Mal, als ihrer fünfe.

Beachtest Luni du und Urbisaglia,

Wie sie verkommen sind, und wie nach ihnen

Auch Sinigaglia schwindet so wie Chiusi,

So wird, wenn du vernimmst wie die Geschlechter

Vergehn, dich das nicht wundern, noch dir neu

Erscheinen, da auch Städt’ ein Ende nehmen.

Dem Tod’ ist all das eurige verfallen,

So wie ihr selbst; doch birgt sich das an Dingen

Die lange währen, ob des Lebens Kürze.

Und wie der Mondeshimmel durch sein Kreisen

Den Meeresstrand bald überschwemmt, bald aufdeckt,

So tut Fortuna mit dem Volk von Florenz.

Drum darf, was von den hohen Florentinern

Ich sagen werde, deren Ruf die Zeit

Verborgen hat, dir wunderbar nicht scheinen.

Schon sinkend, doch als hochgestellte Bürger,

Sah ich die Ughi, Greci, Catellini,

Filippi, Alberichi und Ormanni.

So alt als blühend sah ich, neben denen

Vom Haus della Sannella, die dell’ Arca,

Die Soldanier, Ardinghi und Bostichi.

Die Ravignani, deren Stamm Graf Guido

Entsprossen ist, und jeder der am Namen

Des hohen Bellincione Teil hat, wohnten

Am Tore, das von neuer Büberei

So überladen jetzt ist, daß in kurzem

Man über Bord solch schlimme Ladung wirft.

Der della Pressa kannte schon die Kunst

Des Regiments, schon führte Galigajo

Vergoldet Heft und Degenknopf im Hause.

Schon waren mächtig die gescheckte Säule,

Sacchetti, Giuochi, Fifanti, Barucci,

Galli, und die des Scheffels halb erröten.

Der Stamm, aus dem erwuchsen die Calfucci,

War groß bereits, und zu des Staates Ämtern

Berief man Arrigucci schon und Sizj.

Wie sah so groß ich jene, deren Stolz

Sie dann gestürzt! Die goldnen Kugeln blühten,

Wo immer Florenz Großes unternahm.

Nicht minder taten es die Väter derer,

Die, wenn erledigt ist eu’r Bischofstuhl,

Sich mästen, weis sie sitzen im Kapitel.

Die übermüt’ge Brut, die den der fliehet

Mit Drachenwut verfolgt, doch gegen den,

Der Zähne oder Geld ihr weist, zum Lamm wird,

Kam schon empor, doch von geringem Volke,

Weshalb es Ubertin Donato kränkte,

Daß sie zu Vettern ihm sein Schwieher machte.

Schon waren gute Bürger Infangato

Und Giuda; Caponsacco war schon nieder

Von Fiesole auf unsren Markt gestiegen.

Unglaublich scheint es wohl, doch ist es wahr:

Das Tor, durch das man in den kleinen Kreis

Eintrat, es hieß nach denen della Pera.

Wer immer an dem schönen Schild des großen

Barones teilnahm, dessen Ruhm und Namen

Das Fest des heil’gen Thomas jährlich auffrischt,

Entnahm von ihm den Adel wie die Rechte,

Obwohl sich jetzt dem niedern Volke anschließt,

Der es umwindet mit dem goldnen Streifen.

Mehr Friede wäre jetzt im Borgo, hätten

Die Gualterotti und die Importuni,

Die schon bestanden, Nachbarn nicht erhalten.

Schon war mit den Genossen hochgeachtet

Das Haus, von welchem durch gerechten Zorn,

Der euch getötet und das frohe Leben

Bei euch beendet hat, eu’r Weinen ausging.

Zu welchem Unheil horchtest, Buondelmonte,

Du schlechtem Rat und miedest jener Hochzeit!

Froh wären manche, die nun traurig sind,

Wenn, als das erstemal zur Stadt du kamest,

Dich Gott der Ema überlassen hätte.

Doch wohl geziemte sich’s daß solch ein Opfer

Dem Trümmerstein, der bei der Brücke wacht,

In seinem letzten Frieden Florenz brachte.

Mit diesen und mit anderen Geschlechtern

Sah Florenz ich in solcher Ruhe leben,

Daß ihm zum Klagen jeder Anlaß fehlte.

Mit solchen Bürgern sah so reich an Ruhme

Und so gerecht sein Volk ich, daß die Lilie

Niemals verkehrt gesteckt ward auf die Lanze

Und niemals rotgefärbt im Bürgerzwiste.

Siebzehnter Gesang

Wie Wahrheit über das, was gegen ihn

Gesagt war, der von Klymene verlangte,

Der noch die Väter karg den Söhnen macht,

So fühlt ich mich und so verstand mich auch

Sowohl Beatrix, als die heil’ge Lampe,

Die meinethalb zuvor den Platz gewechselt.

Drauf meine Herrin: Laß des Wunsches Flamme

Hervor nur brechen; aber sei bedacht,

Daß sie gezeichnet sei vom innren Stempel.

Nicht daß sich unsre Kunde durch dein Wort

Vermehre; nein, damit du so den Durst

Zu künden dich gewöhnst, daß man dir schenke. –

Mein teurer Stamm, der du so hoch erhöht bist,

Daß, so wie Menschengeister sehn, im Dreieck

Sei für zwei stumpfe Winkel nimmer Platz,

So du die Dinge, die der Zufall lenket,

Bevor sie sind, hinschauend auf den Punkt

Erkennst, dem gegenwärtig jede Zeit ist;

Als ich noch mit Virgil verbunden war,

Den Berg hinauf, der Heilung bringt den Seelen,

Und niedersteigend in die Welt der Toten,

Vernahm ich über mein zukünft’ges Leben

Viel schwere Worte, ob ich mich auch gegen

Des Schicksals Schläge wohlgekantet fühle.

Drum würde mir’s Befriedigung gewähren,

Zu hören, welches Schicksal mich erwartet;

Vorhergesehner Pfeil trifft minder heftig. –

So sprach ich zu dem Lichte, das zuvor

Mit mir geredet, und gestanden hatt’ ich

Nun meinen Wunsch, wie Beatrice wollte.

Und nicht mit Umschweif, wie die tör’gen Völker

Sich drin verstrickten, ehe das Lamm Gottes

Getötet war, das alle Sünde trägt;

Mit klarem Wort und in bestimmter Rede

Erteilte Antwort jene Vaterliebe,

In’s eigne Licht gehüllt und aus ihm leuchtend:

Des Zufalls Wechselspiel, das sich nicht weiter

Erstreckt als wie eu’r Stoff, vollständig liegt es

Vor Gottes Aug’ im voraus abgebildet;

Jedoch Notwendigkeit erhält es davon

So wenig, als vom Auge, drin sich’s spiegelt,

Ein Schiff das mit dem Strom zu Tale fährt.

Von dort empfang ich, sowie von der Orgel

Zum Ohre süße Harmonie gelangt,

In das den Einblick, was dir noch bevorsteht.

Wie wegen seiner argen, unbarmherz’gen

Stiefmutter Hippolyt Athen verließ,

Also wirst Florenz du verlassen müssen.

Das wünscht man dort, das will man dort erreichen

(Und bald wird was man dort bezweckt erfolgen),

Wo Christum man verkauft von Tag zu Tage.

Auf den Gekränkten wird im Mund der Leute

Das Unrecht fallen; doch es wird der Wahrheit

Der Zeugnis geben, der die Rache austeilt.

Was dir am liebsten ist, das wirst du alles

Verlassen, und das ist der erste Pfeil,

Den der Verbannung Bogen auf dich schleudert.

Dann wirst du fühlen, wie das fremde Brot

So salzig schmeckt, und welch ein harter Pfad ist

Die fremden Treppen auf- und abzusteigen.

Was dir die Schultern mehr noch wird beschweren,

Ist die nichtsnutz’ge schmähliche Gesellschaft,

Mit der du fallen wirst in diese Schlucht.

In allem töricht, undankbar und schlecht

Wird gegen dich sie sein; doch ihre Schläfe,

Nicht deine, werden bald darob sich röten.

Wie sehr sie Bestien gleicht, das wird ihr Fortgang

Beweisen, und zum Ruhm wird dir gereichen,

Daß du dir für dich selbst Partei gebildet.

Die erste Zuflucht und die erste Herberg’

Wird dir der mächtige Lombarde bieten,

Der auf der Leiter führt den heil’gen Vogel.

So gütig wird er gegen dich gesinnt sein,

Daß unter euch an Bitten und Gewähren,

Was sonst das spätre ist, das erste sein wird.

Mit ihm wirst den, der dieses starken Sternes

Eindruck bei der Geburt so sehr erfahren,

Daß was er tun wird Staunen weckt, du sehn.

Noch hat die Welt, ob seines zarten Alters

Ihn nicht bemerkt, denn diese Räder haben

Erst seit neun Jahren sich um ihn gedreht;

Doch eh’ den hohen Heinrich der Gascogner

Verrät, wird an des Geldes und der Mühen

Nichtachtung Funken seines Wert’s man sehen.

So wird von seiner Großmut sich die Kunde

Verbreiten, daß sogar der Feinde Zungen

Darüber stumm zu bleiben nicht vermögen.

Auf ihn vertrau’ und das was er dir tun wird;

Verwandelt wird durch ihn das Los von vielen,

Indem er Arme reich macht, arm die Reichen.

Was du von ihm vernahmst, das trag’ im Geiste

Mit fort; doch sage nichts. – Und Ding’ erzählt’ er,

Unglaublich denen selbst, die’s einst erleben.

Dann fuhr er fort: Mein Sohn, das sind die Glossen

Zu dem was dir gesagt ward, das die Schlingen,

Die wen’ger Jahre Kreislauf noch verbirgt.

Doch sollst du deine Nachbar’n nicht beneiden;

Denn länger währt die Zukunft deines Lebens,

Als ihrer Missetaten Strafe reicht. –

Als nun die heil’ge Flamme durch ihr Schweigen

Bezeigte, daß sie des Gewebes Einschlag

Vollendet, das gezettelt ich ihr darbot,

Begann ich, einem gleich, der, selber zweifelnd,

Von jemand Rat begehrt, der rechten Willen

Und Einsicht hat, und der zugleich ihm wohl will:

Ich sehe wohl, mein Vater, daß die Zeit

Auf mich heranstürmt, um mich so zu schlagen,

Wie der am schwersten fühlt, der sich ergibt.

Drum tu’ ich gut, mit Vorsicht mich zu waffnen,

Daß, wenn der Orte liebster mir geraubt wird,

Ich durch mein Lied die andren nicht verscherze.

Dort unten in der endlos bittren Welt

Und auf dem Berg’, von dessen schönem Gipfel

Die Augen meiner Herrin mich erhoben,

Und dann im Himmel hier von Licht zu Lichte

Vernahm ich, was, im Fall ich’s wiedersage,

Nach herber Säure schmecken wird für viele.

Und, bin ich furchtsam in der Wahrheit Freundschaft,

So fürcht’ ich, geht das Leben mir bei denen

Verloren, welchen alt heißt diese Zeit. –

Das Licht, in dem mein dort gefundnes Kleinod

Mir lächelte, erglänzte erst so hell

Wie in der Sonne Strahl ein goldner Spiegel;

Dann gab es mir zur Antwort: Ein Gewissen,

Das eigne oder fremde Schuld befleckt,

Wird deines Wortes Herbigkeit empfinden.

Doch soll dich das nicht hindern, ungeschminkt

Vollständig dein Gesicht zu offenbaren,

Und wer dann räudig ist, den laß sich kratzen.

Wird deines Wort’s anfänglicher Geschmack

Auch lästig sein, so wird es, wenn verdaut,

Dem Hörer Lebensnahrung hinterlassen.

Es wird dein Ruf dem Winde gleichen, welcher

Am heftigsten die höchsten Gipfel trifft,

Und zu nicht kleinem Ruhm wird das gereichen.

Gezeigt sind deshalb dir in diesen Rädern,

Den Berg herauf und in dem Tal der Schmerzen

Nur Seelen, welche durch den Ruf bekannt sind;

Denn nicht befriedigt, noch überzeugt

Des Hörers Geist ein Beispiel, dessen Wurzel

Ihm unbekannt ist und verborgen blieb,

Noch sonst ein Grund, der nicht in’s Auge fällt. –

Achtzehnter Gesang

Schon freute seines Wort’s der sel’ge Spiegel

Sich nun allein, und im Geschmack des meinen

Ermäßigt’ ich das Herbe mit dem Süßen.

Und jene Herrin, die zu Gott mich führte,

Sie sprach: Laß ab von Sorgen, und bedenke,

Daß dem, der jedes Unrecht sühnt, ich nah bin. –

Auf deren, die mein Trost ist, liebend Wort

Wandt’ ich den Blick; doch welche Lieb’ ich damals

In ihren heil’gen Augen sah, verschweig’ ich.

Nicht nur, daß meiner Rede ich mißtraue,

Nein, auch weil das Gedächtnis, ungeleitet,

Sich über sich so hoch nicht schwingen kann.

Berichten kann von diesem Augenblicke

Ich nur, daß, sie anschauend, mein Verlangen

So lange frei von jedem andren Wunsch war,

Als mich die ew’ge Wonne, die Beatrix

Unmittelbar bestrahlt’, im Wiederscheine

Aus ihrem schönen Angesicht beglückte.

Durch eines Lächelns Leuchten mich besiegend

Sprach sie zu mir: Nun wende dich und höre;

Nicht nur in meinem Aug’ ist Paradies. –

Und wie man hier, ist der Affekt so groß,

Daß er in Anspruch nimmt die ganze Seele,

Ihn manchmal ausgedrückt sieht in den Zügen,

So konnt’ ich in des heil’gen Glanzes Flammen,

Zu dem ich mich gewandt, den Wunsch erkennen,

Noch etwas weiteres mit mir zu reden.

Und er begann: Auf dieser fünften Stufe

Des Baums, der aus dem Gipfel Nahrung zieht,

Der immer Frucht bringt und das Laub nie abwirft,

Sind sel’ge Geister, die, bevor der Himmel

Sie aufnahm, drunten solchen Ruf genossen,

Daß jeder Muse reichen Stoff sie böten.

So schau’ nun auf die Arme dieses Kreuzes,

Und jeden, den ich nenne, wirst du tun sehn,

Wie in der Wolke tut ihr schnelles Feuer. –

Da sah ein Licht ich durch das Kreuz hin eilen,

Sobald der Name Josua’s genannt ward,

Und früher als mein Sehn war nicht das Hören.

Und bei des hohen Makkabäers Namen

Sah wirbelnd ich ein andres sich bewegen,

Und innre Freude war des Kreisels Peitsche.

Bei dem des großen Karl und Roland’s folgte

Mein aufmerksamer Blick zwei andren dann,

Wie seinem Falk’ im Fluge folgt das Auge.

Dann zogen Wilhelm und dann Rennewart

Und Herzog Gottfried, sowie Robert Guiscard

Mein Aug’ entlang den Armen jenes Kreuzes.

Drauf zeigte mir, vereint sich mit den andren

Bewegend, jenes Licht das zu mir sprach,

Wie es im Himmelschor ein Künstler sei.

Ich wandte mich zu meiner rechten Seite,

Um in Beatrix’ Reden oder Miene

Zu lesen, was mir nun zu tun gebühre.

Und solchen Glanzes sah ich, sah so freudig

Ihr Auge, daß die Schönheit ihres Aussehns

Die früh’ren übertraf und selbst die letzte.

Und wie der Mensch an größrer Freudigkeit

Im Gutestun von Tag zu Tag gewahr wird,

Daß für die Tugend ihm die Kräfte wachsen,

Also erkannt’ ich, größer sei der Bogen

Geworden, drin ich mit dem Himmel kreis’te,

Weil soviel schöner ich dies Wunder schaute.

Wie einer Jungfrau weißes Antlitz schnell

Die Farbe wechselt, wenn von ihren Wangen

Die Scham verschwindet, welche sie gerötet,

So war’s vor meinem Aug’, als ich mich wandte

Des weißen Lichts des sechsten Sternes wegen,

Der milder strahlend mich nun aufgenommen.

Ich sah in jener Fackel Jupiters

Das Funkensprühn der Liebe, die dort weilte,

Vor meinen Augen Menschenrede zeichnen.

Wie Vögel, die vom Ufer sich erheben,

Als freuten sie der Atzung sich gemeinsam,

In Linien bald und bald im Kreis sich scharen,

So sangen jene heiligen Geschöpfe,

In ihren Lichtern hin und wieder fliegend,

Ein D erst bildend, dann ein I und L.

Erst tanzten sie nach ihres Sanges Takte,

Dann wurden sie das eine jener Zeichen,

Dann hielten sie ein wenig ein und schwiegen.

O Pegasea, Göttin, die den Geistern

Du Ruhm verleihst und Leben langer Zeiten,

Wie sie durch dich den Städten und den Reichen,

Erhelle mich aus dir, daß ihre Bilder,

Wie ich sie aufgefaßt, ich wiedergebe;

Es leuchte deine Kraft aus meinen Versen.

In fünfmal sieben Konsonanten und

Vokalen zeigten sie sich, und ich merkte

Die Teile, wie sie mir zu lauten schienen.

Diligite justitiam, das waren

Der ganzen Rede erstes Zeit- und Hauptwort,

Die mit qui judicatis terram schloß.

Und zu dem M des fünften Wort’s geordnet,

Beharrten sie, so daß dort Jupiter

Mit Golde eingelegtes Silber schien.

Und andre Lichter sah ich auf der Höhe

Des M sich niederlassen, und, lobsingend

Dem Gut, das sie zu sich zieht, glaub’ ich, weilen.

Dann schienen mir, wie bei entbrannter Scheite

Zusammenstoß unzähl’ge Funken sprühn

(Woraus die Narr’n sich künft’ges Glück verkünden),

Von dort wohl tausend Lichter aufzusteigen,

Die einen niedriger, die andren höher,

Wie es die Sonn’, in der sie brennen, wollte.

Und als an seinem Ort nun jedes ruhte,

Sah eines Adlers Hals und Kopf dies Feuer

Ich auf dem weißren Hintergrunde bilden.

Der dorten malt, hat niemand der ihn leite;

Er aber leitet, und nur ihm entstammt

Die Kraft, die Formen bildet in den Nestern.

Die andre sel’ge Schar, die erst zufrieden

Schien, sich dem M zur Lilie anzufügen,

Schloß der Gestaltung, schwach bewegt, sich an.

Wieviel und was für edle Steine zeigten

Mir menschliche Gerechtigkeit als Wirkung

Des Himmels, den du schmückst, o schöner Stern!

So bitt’ ich denn den Geist, von dem dein Kreisen

Herstammt und deine Kraft, daß er den Ursprung

Des Rauch’s, der deine Strahlen trübt, erwäge,

So daß er ob des Kaufens und Verkaufens

Im Tempel, der durch Wunder und durch Martern

Gemauert ward, auf’s neu’ in Zorn entbrenne.

O bitte du, des Himmels Kriegerschar

Die ich betrachte, für die Erdbewohner,

Die in die Irre schlechtes Beispiel führte.

Einst pflegte mit dem Schwert man Krieg zu führen;

Jetzt tut man’s, da und dort das Brot entziehend,

Das keinem Kind versagt ein frommer Vater.

Du aber, der nur schreibt um auszustreichen,

Bedenk, daß Petrus noch und Paulus leben,

Die für den Weinberg, den du schädigst, starben.

Wohl kannst du sagen: So steht mein Verlangen

Nach dem nur, der die Einsamkeit erwählte,

Und dem den Martertod das Tanzen brachte,

Daß ich nicht Fischer und nicht Paulus kenne.

Neunzehnter Gesang

Das schöne Bild, das die vereinten Seelen

Im freudigen Genuß befriedigte,

Erschien vor mir mit ausgespannten Flügeln,

Und ein Rubin zu sein schien eine jede,

In welchem so das Licht der Sonne brannte,

Daß es zurückgestrahlt ward in mein Auge.

Das aber, was mir nun zu schildern obliegt,

Sprach keine Zunge je, schrieb keine Feder,

Und Phantasie hat nimmer es gestaltet.

Denn reden sah und hört’ ich jenen Schnabel

Und »ich« und »mein« in seiner Rede sagen,

Wo die Bedeutung »wir« und »unser« war.

Und er begann: Weil ich gerecht und fromm bin,

Ward ich hierher erhöht zu dieser Glorie,

Die mehr gewährt als je ein Wunsch erstrebte.

Zurück auf Erden ließ ich solch Gedächtnis,

Daß zwar die argen Völker es beloben,

Doch der Geschichte Beispiel schlecht befolgen. –

So wie nur eine Glut aus vielen Kohlen

Man brennen fühlt, so ging aus diesem Bilde

Von vielen Liebenden ein Ton nur aus.

Drauf sagt’ ich: O unwandelbare Blumen

Der ew’gen Freude, die all’ eure Düfte

Ihr mich empfinden laßt, als wär’ es einer,

O macht mit eurem Hauch dem großen Fasten

Ein Ende, das durch Hunger lang’ mich quälte,

Weil Speise dafür nicht die Erde bot.

Wohl weiß ich, ist der Himmelreiche eines

Ein Spiegel göttlicher Gerechtigkeit,

So sieht das eurige sie ohne Schleier.

Ihr wißt, wie aufmerksam ich mich bereite,

Euch zuzuhören, wißt auch, welcher Zweifel

Der Inhalt meines alten Hungers ist. –

So wie der Falke, nimmt man ihm die Kappe,

Den Kopf bewegt und mit den Flügeln schlägt,

Indem er Jagdlust zeigt und sich herausputzt,

So sah ich unter Liedern, die nur kennt

Wer dort beseligt ist, den Adler tun,

Der ganz aus Lob von Gottes Huld bestand.

Alsdann begann er: Der bis zu den Enden

Der Welt den Zirkel schlug, und der in ihr

So viel des Dunkeln schied vom Offenbaren,

Vermochte nicht, in das gesamte Weltall

So seine Kraft zu prägen, daß sein Wort

Es nicht unendlich weit noch überragte.

Beweis davon ist, daß der erste Stolze,

Der doch der Kreaturen höchste war,

Aus Ungeduld nach Licht so schmählich fiel.

Es folgt hieraus, daß jedes kleinre Wesen

Ein kärgliches Gefäß des Gutes ist,

Das, schrankenlos, sich selber nur zum Maß dient.

So kann denn unser Blick, der von den Strahlen

Des Geistes, dessen alle Dinge voll sind,

Ein einzelner nur sein kann, nie aus eigner

Natur vermögend sein, soviel zu schauen,

Daß nicht sein Urgrund noch viel tiefer dränge,

Als was in seiner Macht steht zu erkennen.

Drum in die ewige Gerechtigkeit

Dringt so der Blick ein, der der Welt gewährt ist,

Wie auf des Meeres Grund das Auge dringt.

Wohl sieht es nahe ihn dem Küstensaume,

Doch nicht im hohen Meer, und dennoch ist er

Vorhanden; nur daß seine Tief’ ihn birgt.

Was von dem Himmel, dessen Blau nie dunkelt,

Nicht herkommt, ist kein Licht, ist Finsternis,

Ist fleischgeborner Schatten oder Gift.

Nun ist die dunsle Schlucht dir aufgehellt,

Die die lebendige Gerechtigkeit

Dir barg und dich bewog zu soviel Fragen.

Du sagtest, an des Indus Ufer wird

Ein Mensch geboren; aber dort ist niemand

Der redet, oder liest und schreibt von Christo.

Doch ist in allem was er will und tut

Nach menschlichem Begriff er gut zu nennen,

Im Leben wie in Worten ohne Sünde;

So stirbt er ungetauft und ohne Glauben.

Ist’s nun Gerechtigkeit, ihn zu verdammen?

Wo ist denn seine Schuld, wenn er nicht glaubte?

Wer bist denn du, der auf den Richterstuhl

Dich setzen willst, um auf viel tausend Meilen

Zu richten, und dein Blick reicht keine Spanne?

Wohl hätte, wer mit mir so feine Fragen

Ergründen wollte, Grund zu schwerem Zweifel,

Wenn über euch die heil’ge Schrift nicht stünde.

Ihr Tiere ird’schen Stoff’s, ihr stumpfen Geister;

Der höchste Wille, welcher gut an sich ist,

Entfernt sich nie von sich, dem höchsten Gute.

Was ihm entsprechend ist, das ist gerecht.

Ihn an sich ziehn kann kein erschaffnes Gut,

Er aber ist, ausstrahlend, dessen Ursach. –

Sowie der Storch, nachdem er seine Jungen

Gefuttert, über seinem Neste kreist,

Und die Gesättigten zu ihm emporschaun,

So tat das benedeite Bild, die Flügel

Im Einklang vielfachen Entschlusses regend,

Und so schlug ich zu ihm die Wimpern auf.

Im Kreise schwang es singend sich und sprach:

Wie mein Gesang dir unverständlich bleibt,

So ist’s das ewige Gericht euch Menschen. –

Zur Ruhe kehrten dann die lichten Brände

Des heil’gen Geistes wieder in dem Zeichen,

Durch das die Welt den Römern Ehrfurcht zollte.

Dann fuhr es fort: Es stieg zu diesem Reiche

Nie jemand auf, der nicht an Christum glaubte,

Sei’s eh’ man ihn ans Holz schlug oder nachher.

Doch sieh, gar viele rufen: Christe, Christe!

Die im Gericht ihm werden minder nah sein,

Als mancher, der von Christo nichts vernommen.

Und manchen Christen wird der Mohr verdammen,

Wenn die zwei Scharen einst geschieden werden,

Die eine ewig reich, und arm die andre.

Was können nicht die Perser euren Kön’gen

Vorhalten, wenn das Buch sie offen sehn,

Drin deren Sünden alle sind geschrieben.

Drin wird man lesen unter Albrechts Taten

Die welche bald bewegen wird die Feder,

So daß verödet bleibt das Prager Reich.

Das Unheil wird man sehn, das an der Seine

Durch seine Münzverfälschung der herbeiführt,

Der sterben wird von eines Hauers Stoße.

Man wird den Stolz sehn der den Engelländer,

Den Toren, gleich dem Schotten so erfüllt,

Daß ihre Schranken sie nicht dulden wollen.

Man wird die Wollust und die Weichlichkeit

Des Spaniers sehen, sowie die des Böhmen,

Der Tüchtigkeit nie kannt’ und nie gewollt hat.

Dort wird dem Ciotto von Jerusalem

Mit I man seine Güte, doch mit M

Das Gegenteil ihm angezeichnet finden.

Man wird den Geiz, die niedrige Gesinnung

Des Hüters von der Feuerinsel sehn,

Auf der Anchises schloß sein langes Leben.

Und um zu zeigen, wie gering er ist,

Wird seine Schrift mit abgekürzten Lettern

Verfaßt, die viel in wenig Raume sagen.

Des Oheims und des Bruders schmutz’ge Taten

Wird jeder sehn, die solch ein edles Volk,

Sowie zwei Kronen, tief herabgewürdigt.

Den Portugiesen wird und den Norweger

Man dort erkennen, sowie den von Rascien,

Der, sich zum Unheil, sah Venedig’s Stempel.

Ein Glück für Ungarn, läßt es sich nicht länger

Mißhandeln; glücklich auch Navarra, braucht es

Als Waffe das Gebirg, das es umgürtet.

Erkenne jeder, daß zum Zeichen dessen

Schon Nicosia sowie Famagosta

Laut über ihre Bestie murr’n und klagen,

Die von der andren Flanke sich nicht losmacht. –

Zwanzigster Gesang

Wenn der Planet, der Licht dem Weltall spendet,

Von unsrer Hemisphäre niedersteigt,

So daß der Tag auf allen Seiten schwindet,

So schimmert bald der Himmel, der zuvor

Von ihm allein entbrannt war, in viel Lichtern,

In denen allen nur das eine glänzt.

An solche Himmelswandlung mußt’ ich denken,

Als das Panier der Welt und seiner Führer

Nun mit dem benedeiten Schnabel schwieg.

Denn alle die lebend’gen Lichter stimmten,

Nun heller als zuvor, Gesänge an,

Die mein Gedächtnis nicht bewahren konnte.

Die du dich hüllst in Lächeln, süße Liebe,

Wie glühend hört’ ich dich in jenen Flöten,

Die nichts als heilige Gedanken hauchten.

Nachdem die teuren leuchtenden Juwele,

Womit geschmückt das sechste Licht ich sah,

Die Engelglockentöne schweigen hießen,

Glaubt’ eines Flusses Murmeln ich zu hören,

Der klar herniederfällt von Fels zu Felsen,

Die Wasserfülle seines Quell’s bewährend.

Und, wie der Klang Gestalt am Hals der Zither

Gewinnt, und wie die Luft, die durch sie hinzieht,

Zum Ton wird an der Mündung der Schalmei,

So stieg, ein weitres Säumen nicht erwartend,

Des Adlers Murmeln in dem Hals’ empor,

Wie wenn er ausgehöhlt zur Gurgel wäre.

Zur Stimme wird es dort, und aus dem Schnabel

Trat es hervor in Form von Worten, wie

Das Herz, drin ich sie aufschrieb, es vermutet:

Aufmerksam sollst du nun, also begann er,

Den Teil von mir, der Sehkraft hat, beschauen,

Und der die Sonn’ erträgt an euren Adlern;

Denn von den Flammen all, die mich gestalten

In Stufen mannigfach, sind die die höchsten,

Von denen mir im Haupt das Auge funkelt.

Der mir inmitten als Pupille leuchtet,

Er war des heil’gen Geistes Sänger, der

Die Bundeslade trug von Ort zu Orte.

Nunmehr erkennt er seines Lied’s Verdienst,

Soweit aus seinem Ratschluß es hervorging,

Durch die Belohnung, welche gleiches Maß hält.

Von Fünfen, die sich mir zur Braue biegen,

Hat, der dem Schnabel mir der nächste ist,

Getröstet wegen ihres Sohn’s die Witwe.

Nun sieht er ein, wie, Christo nicht zu folgen

So teuer kostet, da dies süße Leben

Er, wie zuvor sein Gegenteil erfahren.

Und der nun in des Bogens höchster Wölbung,

Von dem ich rede, nachfolgt, hat den Tod

Hinausgeschoben durch wahrhafte Buße.

Nun sieht er ein, daß sich gerechter Ratschluß

Nicht ändert, möge auch gerechtes Bitten

Zu Morgigem dort unten Heut’ges machen.

Es machte, der nun folgt, mit den Gesetzen

Und mir, in guter, schlecht belohnter, Absicht

Dem Hirten Raum zu geben, sich zum Griechen.

Nunmehr erkennt er, wie das Unheil, welches

Aus seiner guten Tat floß, ihm nicht schadet,

Obwohl die Welt dadurch zugrunde ging.

Und den du in des Bogens Neigung siehst,

War jener Wilhelm, den das Land betrauert,

Das über Karl und Friedrich weint, die leben.

Nun sieht er ein, wie den gerechten König

Der Himmel liebt, und dessen gibt er Zeugnis

Durch seines Glanzes helleres Entflammen.

Wer glaubte wohl in eurer Welt voll Irrtum,

Daß von den heil’gen Lichtern dieser Rundung

Das fünfte Ripheus, der Trojaner, sei!

Gar viel erkennt er nun von Gottes Gnade,

Was unsichtbar dem Menschenauge bleibt,

Obwohl auch sein Blick nicht den Grund erreicht. –

Der Lerche gleich, die in die Luft sich schwingend

Erst singt, dann aber, von der letzten Wonne,

Die ihr Genüge tut, befriedigt, schweigt,

Also befriedigt däuchte mir dies Bild

Des Abdrucks ew’ger Wonne, durch das Sehnen

Nach welcher jedes Ding wird was es ist.

Und, war ich gleich für meinen Zweifel dort

Wie Glas der Farbe, die es überkleidet,

Ertrug er’s doch nicht, schweigend zu erwarten.

Und aus dem Munde trieb durch seine Schwere

Er: Was für Dinge sind das? – mir hervor,

Weshalb, auflodernd, Freude mir bezeigt ward.

Drauf gab zur Antwort, noch entflammt’ren Auges,

Das benedeite Sinnbild mir, um länger

Mich in des Staunens Schwebe nicht zu halten:

Ich sehe wohl, du glaubst was du vernommen,

Weil ich’s gesagt; doch du erkennst den Grund nicht,

So daß, obwohl geglaubt, dir’s dunkel bleibt.

Du gleichest einem, dem der Sache Namen

Bekannt ist; doch der ihre Wesenheit

Nicht sieht, bis sie ihm kund ein andrer tut.

Gewalt erleidet durch lebend’ge Hoffnung

Und heiße Liebesglut das Himmelreich;

Denn sie besiegen auch den Willen Gottes.

Nicht wie ein Mensch dem andern obsiegt; sondern

Weil er besiegt sein will wird er besiegt,

Und so besiegt, siegt er durch seine Gnade.

Der Braue erstes sowie fünftes Leben

Macht dich erstaunen, weil mit ihnen beiden

Du ausgestattet siehst das Reich der Engel.

Doch nicht als Heiden, wie du wähnst; sie ließen

Den Leib als Christen, an die Füße glaubend,

Die schon gelitten, oder leiden sollten.

Heim zum Gebeine kehrte aus der Hölle,

Wo niemand Gutes wollen kann, der eine,

Und das war Lohn für lebenskräft’ge Hoffnung:

Für jene Hoffnung, die auf die Gebete,

Daß Gott ihn auferweck’ und sich sein Wille

Zum Glauben wenden könne, fest vertraute.

So kehrt’ auf kurze Zeit in’s Fleisch zurück

Die ruhmgekrönte Seele, die ich meine,

Und glaubt’ an den, der Hilf’ ihr geben konnte.

Und glaubend brannte sie in solchem Feuer

Wahrhaft’ger Liebe, daß beim zweiten Tode

Sie zugelassen ward zu diesen Spielen.

Die andre richtete aus Gnadenwirkung

So tiefer Quelle, daß das Auge keines

Geschöpfes je zur ersten Welle drang,

All ihre Liebe auf Gerechtigkeit;

Weshalb den Blick von Gnade ihr zu Gnade

Der künftigen Erlösung Gott erschloß.

So glaubte sie an jene, und von da an

Trug sie nicht mehr den Stank des Heidentumes

Und schalt darob die irrenden Geschlechter.

Wohl tausend Jahr und länger vor dem Taufen

Vertraten die drei Frau’n des rechten Rades,

Die du gesehn hast, ihr der Taufe Stelle.

O Gnadenwahl, wie doch so weit entlegen

Ist deine Wurzel von den Blicken deren,

Die nicht die erste Ursach ganz erkennen!

Ihr Sterblichen indes, enthaltet euch

Zu richten, denn selbst wir, die Gott wir schauen,

Wir kennen doch nicht all’ die Auserwählten.

Und dies Nichtwissen süß bedünkt es uns;

In solchem Heil erhöht sich unser Heil noch,

Denn Gottes Willen ist auch unser Wollen. –

So ward von jenem göttlichen Gebilde

Mein Auge, das kurzsicht’ge, zu erleuchten,

Mir Arzenei voll Süßigkeit gereicht.

Und wie des Sängers Lied der Saitenspieler

Begleitet mit den Schwingungen der Saite,

Wodurch erhöht wird des Gesanges Wohlklang,

Sah während dieser Rede ich die beiden

Gebenedeiten Lichter, mit den Worten

Zusammenstimmend, wie der Augen Blinken

Zusammenstimmt, bewegen ihre Flämmlein.

Einundzwanzigster Gesang

Die Augen hatt’ ich und zugleich die Seele

Dem Antlitz meiner Herrin zugewendet

Und sie entzogen jedem andren Ziele.

Doch lächelte sie nicht: Denn, lächelt’ ich,

Also begann sie, würde dir geschehen,

Wie Semele, als sie zu Asche wurde.

Es leuchtet meine Schönheit, die, wie du

Gesehn, des ewigen Palastes Stufen

Hinan sich immer strahlender entzündet,

Jetzt so, daß wenn sie ungemildert bliebe,

Dem Laub dein sterbliches Vermögen gliche,

In das ein Wetterstrahl herniederfährt.

Entrückt sind wir zum siebenten Planeten,

Der unter des entflammten Löwen Brust,

Vermischt mit ihm, jetzt seine Kraft entsendet.

Nun folge sorglich mit dem Geist den Augen

Und mache sie zu Spiegeln von dem Bilde,

Das dir erscheinen wird in diesem Spiegel. –

Wer wüßte, welche Wonne meinen Blicken

Das Schau’n des sel’gen Angesichtes bot,

Als ich mich doch zu andrer Sorge wandte,

Der sähe draus, wie gern bereit ich war,

Der himmlischen Begleiterin zu folgen,

Wög’ er die ein’ und andre Seite ab.

In dem Kristalle, der die Welt umkreisend

Den Namen seines hohen Führers trägt,

Zu dessen Herrscherzeit die Bosheit tot war,

Sah in des Goldes Farbe, das ein Strahl

Bescheint, ich eine Leiter aufgerichtet,

So hoch, daß sie mein Auge nicht verfolgte.

Die Sprossen sah so mannigfachen Glanz

Ich niedersteigen, daß jedwedes Licht

Des Himmels dort ich ausgestreuet wähnte.

Und wie, natürlicher Gewohnheit folgend,

Die Kräh’n bei Tagesanbruch sich gemeinsam,

Die kalten Federn zu erwärmen, regen,

Dann diese gehn, nicht wieder umzukehren,

Zurück zum Ausgangspunkte andre fliegen,

Noch andre weilend sich im Kreise drehn,

Also zu tun schien jenes Lichtgefunkel,

Das auf und ab dort stieg, sobald zu einer

Bestimmen Sprosse sie gekommen waren.

Das Licht indes, das uns am nächsten weilte,

Erglühte so, daß bei mir selbst ich dachte:

Die Liebe seh’ ich wohl, die du mir kündest. –

Doch sie, von welcher ich das wie und wann

Des Schweigens und der Red’ erwart’, ist stumm,

Weshalb ich trotz des Wunsches besser schweige.

Sie aber, die mein Schweigen in dem Anschaun

Von dem gewahrte, welcher alles sieht,

Sie sagte: Löse nur dein heiß Verlangen. –

Und ich begann: Wohl macht mich mein Verdienst

Nicht deiner Antwort wert; doch ihretwillen,

Die mir vergönnt zu fragen, sel’ges Leben,

Das in den Glanz der eignen Freudigkeit

Du dich verbirgst, verkünde mir die Ursach,

Die dich so nahe zu mir hergeführt,

Und sage mir, warum in diesem Kreise

Die süße Symphonie des Himmels schweigt,

Die in den andren so andächtig tönte? –

So wie dein Aug’, ist sterblich dein Gehör,

Sagt’ er; derselbe Grund, der Beatrice

Nicht lächeln ließ, verhindert unser Singen.

Der heil’gen Leiter Stufen stieg so weit ich

Hinab, durch meine Rede und das Licht

Das mir als Mantel dient dich zu erfreuen.

Nicht größ’re Liebe machte mich bereiter,

Denn, wie der Glanz der Lichter zeigt, entflammt

Auch andre Seelen mehr und gleiche Liebe.

Doch, die uns zu bereiten Dienerinnen

Vom Ratschluß der die Welt regieret, macht,

Die hohe Liebe ist es, die hier auswählt. –

Ich sehe wohl, begann ich, heil’ge Leuchte,

Wie freie Lieb’ an diesem Hofe ausreicht,

Um was die Vorsehung bestimmt, zu wollen;

Was aber schwer mir zu begreifen dünkt,

Das ist, warum nur du vorherbestimmt wardst

Zu solchem Amte vor so viel Genossen. –

Es machte, eh’ ich noch zum letzten Worte

Gelangt, dies Licht zum Zentrum seine Mitte,

Um die sich’s drehte, gleich geschwinder Mühle.

Dann sprach die Liebe, die darinnen weilte:

Ein Strahl von Gottes Licht kehrt sich zu mir;

Das Licht durchdringend, welches mich umhüllt.

Indem mich seine Kraft mit meinem Schauen

Verbunden über mich erhebt, gewahr’ ich

Die höchste Wesenheit, aus der es stammt.

Da her die Freudigkeit in der ich leuchte;

Denn nach dem Maß der Klarheit meines Schauens

Bestimmt sich auch die Klarheit meiner Flamme.

Doch die verklärteste der Himmelsseelen,

Der Seraph, der sein Aug’ in Gott versenkt,

Genügen kann er deiner Frage nicht;

Denn in den Abgrund ewigen Beschlusses

Vertieft sich, was du wissen willst, so weit,

Daß kein erschaffner Blick bis dahin vordringt.

Berichte, wenn du heimkehrst, dies der Welt

Der Sterblichen, daß sie sich nicht erkühne,

Nach solchem Ziele hin den Fuß zu heben.

Auf Erden qualmt der Geist, wenn hier er leuchtet;

Erwäge denn, ob drunten er vermag,

Was ihm versagt bleibt auch als Himmelsbürger. –

So fühlt’ ich mich gehemmt durch seine Worte,

Daß ich die Frage aufgab und in Demut

Ihn, wer er sei zu fragen mich beschränkte:

Inmitten von Italiens beiden Ufern

Erheben, unfern deiner Heimat, Felsen

So hoch sich, daß die Donner tiefer rollen.

Den Höcker, den sie bilden, nennt man Catria;

Ein Eremitenkloster liegt darunter,

Bestimmt nur zu andächtiger Betrachtung. –

Also begann er seine dritte Rede;

Dann aber fuhr er fort und sprach: Im Dienste

Des Herrn befestigt’ ich mich dort so sehr,

Daß ich bei Speisen, nur mit Saft des Ölbaums

Bereitet, Frost und Hitze leicht ertrug,

Befriedigt von beschaulichen Gedanken.

Wohl lieferte dies Kloster unsren Himmeln

Sonst reiche Ernte; doch nun ist’s verweltlicht,

So sehr daß bald es allen offenbar wird.

Im Kloster hieß ich Petrus Damianus;

Petrus peccator aber in dem Hause

Von unsrer Frau am Strand der Adria.

Nur wenig Lebenszeit war mir geblieben,

Als zu dem Hute man mich lud und drängte,

Den nach dem Schlechten meist ein Schlecht’rer trägt.

Einst gingen Kephas und das große Rüstzeug

Des heil’gen Geistes mager her und schuhlos,

Die Speise nehmend aus jedweder Herberg’;

Die Hirten unsrer Zeit bedürfen rechts

Und links, wer sie geleit’ und unterstütze,

So schwer sind sie, und wer die Schleppe trage.

Den Zelter auch bedecken ihre Mäntel,

So daß in einem Fell zwei Bestien stecken.

O göttliche Geduld, wie lang’ erträgst du’s? –

Bei dieser Rede sah ich viele Flämmlein

Die Stufen niedersteigen und sich drehn,

Und schöner machte sie jedwede Drehung.

Um ihn gesammelt ruhten sie dann alle

Und taten einen Schrei so mächt’gen Tones,

Daß sich ein Gleichnis hier nicht finden läßt.

Verstehn konnt’ ich ihn nicht, vom Schall bewältigt.

Zweiundzwanzigster Gesang

Betäubt von Staunen wandt’ ich, gleich dem Kinde,

Das dort die Hilfe sucht, wo es am meisten

Vertrauen hegt, mich zu der Führerin.

Sie aber, gleich der Mutter, welche schleunig

Durch ihre Stimme, die ihm neuen Mut gibt,

Dem Kinde hilft, das atemlos und bleich ist,

Sie sprach zu mir: Vergißt du, daß im Himmel

Du bist, und daß in ihm nur Heil’ges sein kann?

Was hier geschieht, kommt nur von gutem Eifer.

Hat jener Schrei schon dich so sehr erschüttert,

So denke selber, wie dich der Gesang

Und wie mein Lächeln umgewandelt hätten.

Wenn du die Bitten, die in jenem lagen,

Verstanden hättest, kenntest du die Rache

Bereits, die noch bevor du stirbst, du sehn wirst.

Das Schwert des Himmels schneidet weder langsam,

Noch schneidet’s eilig; nur erscheinet’s dem so,

Der es erwartet, hoffend oder fürchtend.

Nun aber wende zu den andren dich;

Noch viel erlauchte Geister wirst du sehn,

Läßt meinen Worten du die Blicke folgen. –

Wie sie geboten, richtet’ ich die Augen

Und sah wohl hundert Sphären, die einander

Durch ihre Wechselstrahlen noch verschönten.

Ich war gleich einem, der des Wunsches Stachel

In sich zurückdrängt, und nicht wagt zu bitten,

Weil er besorgt, daß es zuviel erscheine.

Da trat die glänzendste und größte aller

Der Perlen aus den übrigen hervor,

Freiwillig meinem Wunsche zu genügen.

Aus ihrem Inn’ren hört ich: Sähest du

Gleich mir die Liebe, welche in uns glühet,

So gäb’st du Ausdruck dem, was dir im Sinn liegt.

Doch, damit wartend du dein hohes Ziel

Nicht aufschiebst, will ich dir auf den Gedanken,

Den du zu sagen scheust, die Antwort geben.

Der Berg, an dessen Hang Casino liegt,

War einst auf seinem Gipfel viel besucht

Von schlechtgesinnten und betörten Leuten.

Ich bin es, der zuerst auf jenen Berg

Den Namen dessen trug, der uns die Wahrheit

Zur Erde brachte, die uns nun so hoch hebt.

Und mich erleuchtete so reiche Gnade,

Daß ich vom schnöden Gottesdienst ringsum

Die Orte abzog, der die Welt verführte.

Beschaulich war das Leben all der Feuer

Die du hier siehst; sie brannten in der Liebe;

Die heil’ge Blüten wachsen macht und Früchte.

Hier sind Macarius und Romuald,

Hier meine Brüder, deren Füß’ im Kloster

Verweilten, während fest zugleich das Herz blieb. –

Und ich zu ihm: Die Neigung, welche redend

Du mir beweisest und der güt’ge Ausdruck,

Der sich mir zeigt in jeder eurer Flammen,

Hat, wie die Sonne mit der Rose tut,

Wenn dies’ in ihrem Strahl sich soweit auftut

Als sie vermag, erweitert mein Vertrauen.

Drum bitt’ ich dich, und, Vater, du belehre

Mich, ob ich soviel Gnade finden kann,

Daß ich dich seh’ im unverhüllten Bilde? –

Drauf er: Es wird dein hoher Wunsch, o Bruder,

Erfüllung finden in der letzten Sphäre,

Wo alle sich erfüllen und auch meiner.

Dort ist vollkommen, reif und schon gewährt

Ein jeder Wunsch; in ihr ist jeder Teil

Am selben Orte, wo er stets gewesen.

Dort ist kein Raum und dort sind keine Pole,

Und unsre Leiter steiget dort hinauf;

Deshalb entzieht sie so sich deinem Blicke.

Jacob der Patriarch sah sie bis dorthin

Hinauferstrecken ihren obren Teil,

Als ihm so voller Engel sie erschien.

Jetzt aber hebt, um sie hinanzuklimmen,

Niemand den Fuß vom Boden; meine Regel

Ist nur geblieben zur Papierverschwendung.

Es sind die Mauern, die einst Klöster waren,

Nun Räuberhöhlen, und der Mönche Kutten

Sind Säcke nun voll von verdorbnem Mehle.

Doch wucherliche Zinsen nimmt man nicht

So wider Gottes Willen, als die Frucht,

Durch die das Herz der Mönche so betört wird.

Denn denen, die um Gotteswillen bitten,

Gehört was nur die Kirche inne hat,

Nicht Vettern, oder schlimmerem Gezüchte.

Das Fleisch der Menschen ist so leicht verführbar,

Daß guter Anbeginn bei euch nicht ausreicht

Vom Keim der Eiche bis die Eichel reif wird.

Petrus begann mit Golde nicht und Silber,

Und ich mit Fasten nur und mit Gebeten,

In Demut gründete sein Kloster Franz.

Wenn eines jeden Ursprung du betrachtest

Und dann erwägst, wohin sie nun gelangt sind,

So siehst du wohl, daß dunkel ward, was weiß war.

Zurückgewandt hat wahrlich sich der Jordan;

Doch wunderbarer war, als Gott es wollte,

Des Meeres Fliehn, wie hier die Hilfe wäre. –

So sprach er, und dann wandt’ er sich zurücke

Zu seiner Schar; die aber schloß sich enger,

Und fuhr empor gleich einem Wirbelwinde.

Die süße Herrin trieb mit einem Winke

Mich leiteran und ihnen nach; so ward

Durch ihre Kraft besiegt mein eignes Wesen.

Nie war hinieden, wo man auf- und absteigt

Nach Ordnung der Natur, so schleunige

Bewegung, daß sie meinem Fluge gliche.

So wahr ich zum gesegneten Triumphe

Zu kehren hoffe, Leser, dessenthalb ich

Ob meiner Sünden oft die Brust mir schlage,

Du zögst nicht schneller aus dem Feu’r den Finger,

Den du hineingetan, zurück, als ich

Das Zeichen, das dem Stier folgt, sah und drin war.

Glorreiche Sterne, Licht an Kräften schwanger

Dem ich verdanke, was ich an Begabung

Empfangen, sei es wenig oder mehr,

Mit euch erhob sich, mit euch ging zur Rüste

Das Licht, das alles Erdenlebens Quell ist,

Als ich zuerst Toskanerluft geatmet;

Und als mir dann gespendet ward die Gnade,

In’s hohe Rad, das euch bewegt, zu treten,

Ward mir beschieden euer Himmelszeichen.

Zu euch seufzt eherbietig meine Seele,

Um Kraft zu finden für das hohe Wagnis,

Von dem in Anspruch sie genommen wird!

Du bist so nahe schon dem letzten Heile,

So hub Beatrix an, daß deine Augen

Der Klarheit nun bedürfen, wie der Schärfe.

Drum, eh’ du weiter dich darein vertiefest,

Schau niederwärts und sieh, welch ein Stück Welt

Bereits ich dir zu Füßen liegen machte,

Damit dein Herz so freudig als es kann

Der Schar der Triumphierenden sich zeige,

Die froh daherkommt durch das Ätherrund.

Zurück durch all die sieben Sphären kehrt’ ich

Mit meinem Blick, und diese Kugel sah ich

So klein, daß lächeln mich ihr Anblick machte.

Drum halt’ ich für den besten den Entschluß, der

Sie am geringsten achtet; wahrhaft redlich

Ist der zu nennen, der auf andres denkt.

Latona’s Tochter sah ich von dem Schatten

Befreit, der einstens Anlaß mir gegeben

An Lockeres und Dichteres zu denken.

Den Anblick, Hyperion, deines Sohnes

Ertrug ich hier, und wie um ihn und nah’ ihm

Sich Maja und Dione drehten, sah ich.

Alsdann erschien mir zwischen Sohn und Vater

Des Jupiter gemäßigt Licht, und klar

Ward mir der stete Wechsel ihrer Stellung.

Und alle sieben ließen mich erkennen,

Wie groß sie sind, wie schnell sie sich bewegen,

Und wie ihr Abstand wohl bemessen ist.

Und jenen Ball, den Schauplatz unsres Wütens,

Sah, während mit dem ew’gen Zwillingspaare

Ich kreiste, vom Gebirg’ ich bis zum Strande;

Dann wandt’ ich zu den schönen meine Augen.

Dreiundzwanzigster Gesang

So wie der Vogel, der im lieben Laube

Die Nacht hindurch, die uns verbirgt die Dinge,

Im Nest geruht hat bei den süßen Kleinen,

Daß er erkenne die ersehnten Häupter

Und Futter suche, sie damit zu nähren,

Wobei die schwerste Mühe ihm genehm ist,

Der Zeit voran auf freiem Aste eilt

Und heiß verlangend auf die Sonne wartet,

Aufmerksam schauend, ob es noch nicht dämmre,

So aufgerichtet und mit festem Auge

Der Seite zugewandt, wo minder eilig

Die Sonne sich bewegt, stand meine Herrin;

So daß, weil ich gespannt sie sah und sinnend,

Dem Manne glich, der ob wohl andres wünschend,

Inzwischen mit der Hoffnung sich begnügt.

Doch kurze Zeit verging nur von dem einen

Zum andren Augenblick, dem des Erwartens,

Und dem wo hell und heller ward der Himmel.

Und Beatrice sagte: Sieh die Scharen

Von dem Triumphe Christi, sieh die Frucht

Des Kreisens dieser Sphären eingesammelt! –

Ihr ganzes Angesicht schien mir zu glühen,

Und so voll Wonne waren ihre Augen,

Daß ohne Schild’rung ich es muß verschweigen.

Wie Trivia in den heit’ren Vollmondsnächten

Umgeben von den ew’gen Nymphen lächelt,

Die schimmernd jeden Himmelsraum bemalen,

So sah ich über tausendfachem Lichtglanz

Die eine Sonne, welche Licht den andren

So leiht, wie unsre tut den Himmelsaugen.

Es schien durch das lebend’ge Licht hindurch

So hell die strahlenreiche Wesenheit

In meine Augen, daß sie’s nicht ertrugen.

Beatrix, süße, teure Führerin …! –

Sie aber sagte: Das, was dich bewältigt,

Ist eine Kraft, der niemand widerstehn kann.

Die Weisheit und die Macht, die von der Erde

Den Weg zum Himmel aufgetan, wonach

So lang’ erfolglos man verlangt, sind hier. –

Wie Feuer sich von seiner Wolke losreißt,

Hat sich’s so ausgedehnt, daß ihm der Raum fehlt,

Und niederfährt, zuwider seinem Wesen,

So ging mein Geist, der unter solchem Festmahl

Gewachsen war, heraus aus seinem Selbst

Und was er tat, kann er sich nicht erinnern.

Tu’ auf die Augen nun und siehe mich

So wie ich bin; nach dem was du gesehn hast,

Vermagst du auch mein Lächeln zu ertragen. –

Wie wer an ein Gesicht, das er vergessen

Zurückedenkt, und sich umsonst bemüht,

Es der Erinn’rung wieder vorzuführen,

So war mir, als ich dies Erbieten hörte,

Das solchen Dankes wert war, wie er nimmer

Im Buch verlischt, das das Geschehne aufnimmt.

Ob alle Zungen nun ertönen möchten,

Die Polyhymnia mit ihren Schwestern

Durch ihre süße Milch zumeist gekräftigt,

Mir beizustehn; des heil’gen Lächelns Schild’rung,

Und wie das heil’ge Antlitz es verschönte,

Erreichte doch kein Tausendteil der Wahrheit.

So muß das gottgeweihte Lied, gleich einem,

Der plötzlich unterbrochen sieht den Pfad,

Es überspringen in des Himmels Schild’rung.

Doch wer des Gegenstand’s Gewicht erwägt

Und daß die Schulter, die sich’s auflud, sterblich,

Der wird’s nicht tadeln, wenn sie drunter zittert.

Das Wasser, welches kühn der Kiel durchschneidet,

Ist nicht geschaffen für geringe Nachen,

Noch für den Steuermann der Mühen scheut.

Was fesselt dich mein Antlitz so in Liebe,

Daß du dich nicht zum schönen Garten wendest,

Der unter Christi Strahl in Blüten prangt?

Hier ist die Ros’, in der das ew’ge Wort

Zum Fleische ward, hier sind die Lilien, deren

Geruch zum guten Wege hat geleitet. –

So sprach Beatrix, und bereit, wie immer,

Zu folgen ihrem Rate, unterwarf ich

Die schwachen Lider abermals dem Kampfe.

Wie einst mein Auge, selbst im Schatten weilend,

Beim Sonnenstrahl, der durch den Spalt der Wolke

Hindurchbrach, eine Blumenwiese sah,

So sah durch Lichtglanz der von oben kam

Hell angestrahlt ich Scharen lichter Geister,

Obwohl des Glanzes Ursprung ich nicht sah.

Huldreiche Kraft, die sich in ihnen ausprägt,

Du schwangest dich empor, um meinen Augen,

Die nicht mehr konnten, wieder Raum zu geben!

Der schönen Blume Namen, die ich stets

Anrufe, früh und spat, hieß meinen Geist

Sich einzig nach der größten Flamme wenden.

Als des lebend’gen Sternes Glanz und Größe,

Der dorten siegt, wie er hienieden siegte,

Sich mir gemalt in beide Augen hatte,

Stieg eine Fackel von dem Himmel nieder

In Kreisgestalt, vergleichbar einem Kranze,

Den Stern umwindend und um ihn sich drehend.

Der Melodien süßeste hienieden,

Die mehr als eine an sich zieht die Seele,

Sie klänge gleich zerrißner Wolke Donner

Verglichen mit der Leier süßem Klange,

Das jenen köstlichen Saphir umkränzte,

Von dem Saphiresglanz der Himmel lieh:

Als eines Engels Lieb’ umkreise ich

Die hohe Wonne, die dem Schoß entströmet,

In welchem Herberg’ unsre Sehnsucht nahm.

So lange werd’ ich’s tun, o Himmelsherrin,

Als du dem Sohne folgst, und als

Durch dich verherrlicht wird die höchste Sphäre. –

So siegelte, im Kreise sich bewegend,

Sich selber diese Melodie, und alle

Die andren Lichter riefen aus: »Maria!«

Der königliche Mantel aller Bände

Des Weltalls, der in Gottes Art und Odem

Am meisten brennt und sich daran belebet,

War über uns mit seinem inn’ren Ufer

Noch so entfernt, daß, wo ich mich befand,

Die Blicke nichts von ihm entdecken konnten.

Darum vermochten der gekrönten Flamme,

Die ihrem Sprosse nach gen oben schwebte,

Bis dorthin meine Augen nicht zu folgen.

Und wie das Kind, wenn es die Brust genommen,

Zur Mutter hin die kleinen Arme streckt,

Weil auch nach außen flammt wie es gesinnt ist,

So streckte jeder Lichtglanz seine Flamme

Hinauf gen oben, und gar wohl erkannt’ ich,

Mit welcher Inbrunst sie Maria liebten.

Dann blieben sie vor meinen Augen dort,

So süßen Ton’s: Regina Coeli singend,

Daß mich die Lust daran niemals verließ.

Wie ist so groß der Reichtum, der gesammelt

In jenen Truhen ist, die hier auf Erden

Zum Säen tücht’ge Ackerleute waren!

Man lebt hier von dem Schatz und freut sich seiner,

Den unter Tränen man in dem Exile

Von Babylon erwarb, wo man das Gold ließ.

Hier feiert unter Gottes und Mariä

Erhabnem Sohne den Triumph des Sieges

So mit dem neuen als dem alten Rate

Der, welcher dieser Glorie Schlüssel hält.

Vierundzwanzigster Gesang

Genossenschaft zum hohen Abendmahle

Des Lamm’s erkoren, welches so euch speist

Daß jeder eurer Wünsche stets erfüllt ist!

Gewährt, eh’ ihm der Tod die Zeit beendet,

Die Gnade Gottes diesem, vorzukosten

Von dem was niederfällt von eurem Tische,

So denket seiner schrankenlosen Liebe

Und netzt mit Tau ihn, da ihr aus der Quelle

Beständig trinkt, aus der sein Denken fließt. –

Beatrix sprach’s, und jene Seelen drehten

Als Sphären freudig sich um feste Pole,

Wobei sie Flammen sprühten gleich Kometen.

Und so wie Räder in der Uhr Gefüge

Sich so bewegen, daß wer aufmerkt, glaubt

Das erste stehe still, das letzte fliege,

So ließen jene Kreisenden, indem sie

Verschiedenartig tanzten, ihren Reichtum

An mehr und mindrer Schnelle mich bemessen.

Aus dem, der vor den andren schön mir dünkte

Sah ich ein Feuer solcher Freude strahlen,

Daß keiner ihn an Helle übertraf.

Alsdann umkreist’ er dreimal Beatrice,

Sich mit so göttlichem Gesang begleitend,

Daß mir’s die Phantasie nicht wiedersagt.

Drum sag’ ich’s nicht, die Feder überspringt es;

Denn unsre Einbildung, und gar die Sprache

Hat Farben nur, zu hell für solche Falten.

O meine heil’ge Schwester, die so innig

Uns bittest, durch dein glühendes Verlangen

Machst du mich los von jener schönen Sphäre. –

Als stillstand das gebenedeite Feuer,

Wandt’ es zu meiner Herrin seinen Hauch,

Der also redete, wie ich berichtet.

Und sie: O ew’ges Licht des hohen Mannes,

Dem unser Herr die Schlüssel dieser Freude

Die er zur Erde brachte, übertragen,

Erprob’ in schweren oder leicht’ren Fragen

Des Glaubens, der dich auf dem Meer ließ wandeln,

So wie es dir gefällig diesen hier.

Ob er recht liebt, recht hoffet und recht glaubet,

Weißt du; denn dahin ist dein Blick gewendet,

Wo abgebildet jedes Ding du siehst;

Weil aber unser Reich sich seine Bürger

Erwarb durch wahren Glauben, ziemt’s für diesen

Sich, daß er dessen Ruhm zu künden habe. –

So rüstet sich der Baccalaur’ und schweiget

Bis daß der Meister aufgestellt die Frage,

Um sie zu billigen, nicht zu beenden,

Wie ich mich rüstete mit allen Gründen,

Indes sie sprach, auf daß bereit ich sei

Für solchen Frager und für solch Bekenntnis.

Sag’ an denn guter Christ und gib dich kund:

Was ist der Glaube? – Drauf erhob die Stirn ich

Dem Geiste zu, aus welchem dieses hauchte.

Dann wandt’ ich zu Beatrix mich, und sie

Hieß durch Gebärden mich, der innren Quelle

Gewässer willig vor ihm auszugießen.

Die Gnade, welche vor dem hohen Herzog

Zu beichten mir gewährt, also begann ich,

Sie lasse, was ich denke, recht mich sagen.

Dann fuhr ich fort: So wie es deines Bruders,

Der mit dir Rom auf rechte Wege führte,

Wahrhafter Griffel niederschrieb, o Vater,

Ist Glaube die Substanz gehoffter Dinge

Und der Beweisgrund für die unsichtbaren;

Hierin scheint mir sein Wesen zu bestehn. –

Darauf vernahm ich: Recht ist deine Meinung,

Wenn du verstehst, weswegen er Substanz,

Weshalb Beweisgrund er zu nennen ist. –

Und ich entgegnete: Die tiefen Dinge,

Die meinen Blicken hier zu schaun vergönnt ist. –

Sie sind dem Aug’ auf Erden so verborgen,

Daß nur im Glauben dort ihr Wesen ist,

Auf welchen sich die hohe Hoffnung gründet;

Und drum ist als Substanz er zu bezeichnen.

Da uns nun, ohne weitres Anschaun Schlüsse

Aus diesem Glauben herzuleiten obliegt,

Ist er für uns zu gleicher Zeit Beweisgrund. –

Drauf hört’ ich: »Wenn, was immer man durch Lehren

Dort unten lernt, so gut verstanden würde,

So fehlte Raum für der Sophisten Scharfsinn. –

So hauchte es aus dieser glüh’nden Liebe;«

Dann sprach es weiter: Wohl erprobt ist schon

Das Korn sowie das Schrot von dieser Münze.

Nun aber sprich: Hast du sie auch im Beutel? –

Und ich: Wohl hab’ ich sie so blank und rund,

Daß ihr Gepräge keinem Zweifel Raum läßt. –

Darauf ertönte aus dem tiefen Lichte,

Das dort erglänzte: Jenes teure Kleinod,

Auf das gegründet ist jedwede Tugend,

Woher empfingst du es? – Und ich: Der Regen

Des heil’gen Geist’s, der reichlich auf die alten

Und neuen Pergamen’ ergossen ist,

Gewährt so bündige Schlußfolgrung mir,

Daß im Vergleich mit ihr mir jeder andre

Beweis nur lahm und unzutreffend scheint. –

Darauf vernahm ich: Warum aber hältst du

Den alten und den neuen Bund, aus denen

Du also folgerst, für die Rede Gottes? –

Und ich: Beweis, der mir die Wahrheit darlegt,

Sind all die Taten mir, wozu Natur

Nie Eisen glühte, nie den Ambos schlug. –

Wer aber bürgt dir, wurde mir zur Antwort,

Daß jene Taten wahr sind? Was beglaubigt

Erst werden soll, kein anderer, beschwört dir’s. –

Wenn ohne Wunder sich zum Christentume

Die Welt bekehrt hat, sagt’ ich, ist dies eine

So groß als hundertfach die andren alle.

Denn in den Kampfplatz trat’st du arm und fastend,

Die gute Pflanze auszusä’n, die Rebe

Einst war, und nun geworden ist zum Dorne. –

»Herr Gott dich loben wir«, klang aus den Sphären

Des heil’gen Hofs, sobald als ich geendet,

In einer Weise, die man dort nur singt.

Und jener Glaubensritter, der von Zweige

Zu Zweige also prüfend mich geleitet,

Daß nah wir schon den höchsten Blättern kamen,

Begann auf’s neu’: Die deinen Geist in Liebe

Umwirbt, die Gnad’, hat deinen Mund bis hierher

So aufgetan, wie du ihn öffnen solltest;

So heiß’ ich denn genehm, was ihm entströmte.

Nun aber sollst du sagen, was du glaubst,

Sowie woher dir solcher Glaube kam. –

O heil’ger Vater, Geist, der du jetzt schauest,

Was also du geglaubt hast, daß zum Grab’ hin

Du obgesiegt hast über jüngre Füße,

Du willst (also begann ich), daß ich meines

Bereiten Glaubens Form hier offenbare,

Auch willst du dessen Ursach von mir hören.

Ich glaube, sagt’ ich drauf, an einen Gott,

Einzig und ewig, der den ganzen Himmel,

Selbst unbewegt, bewegt durch Lieb’ und Sehnsucht.

Beweise liefern mir für diesen Glauben

Nicht die Physik nur und Metaphysik,

Die Wahrheit auch, die von hier niederregnet

In Moses, den Propheten, wie den Psalmen,

Dem Evangelium, und in euch, die als

Der heil’ge Geist beseelt euch hatte, schriebet.

Dann glaub’ ich an drei ewige Personen,

Die so in ihrem Wesen eins und drei sind,

Daß »sind« und »ist« zugleich von ihnen gilt.

Dies innre tief verborgne Wesen Gottes,

Von dem ich sprach, besiegelt meinem Geiste

Des Evangeliums Lehre mannigfach.

Dies ist der Anfang, dieses ist der Funke,

Der dann in mir lebend’ge Flamme anfacht,

So daß sie leuchtet gleich dem Stern am Himmel. –

Sowie, wenn er willkommne Botschaft hört,

Der Herr den Knecht, sobald er ausgesprochen,

Durch jene Nachricht hocherfreut, umarmt,

So kränzte dreimal mich, als ich geschwiegen,

Den Segen mit Gesange mir erteilend,

Das Apostol’sche Licht, das mir zu reden

Geheißen, so gefiel ihm meine Rede.

Fünfundzwanzigster Gesang

Geschäh’ es je, daß das geweihte Lied,

An welches Hand gelegt so Erd als Himmel,

Und welches jahrelang mich hager machte,

Die Grausamkeit bezwänge, die mich ausschließt

Von jener schönen Hürde, drin als Lamm

Ich schlief, den Wölfen feind, die sie befehden,

Mit andrer Stimme und mit andrem Vließe

Kehrt’ ich dann heim als Dichter, um die Krone

Zu nehmen an dem Born wo ich getauft ward.

Dort trat ich in den Glauben, der die Seelen

Gott kund macht, ein, und um des Glaubens willen

Umkreiste Petrus also mir die Stirne.

Dann naht’ ein Licht uns aus demselben Kreise,

Aus dem der Erstling von den Stellvertretern,

Die Christus hinterließ, gekommen war,

Und voller Freudigkeit sprach meine Herrin:

Sieh hin, sieh hin, das ist der hohe Ritter,

Deswegen drunten man Galizien heimsucht. –

Wie wenn die Taube neben die Gefährtin

Sich setzt, und eines dann dem andren kreisend

Und durch Gemurmel seine Neigung kund tut,

Also empfangen sah den einen jener

Glorreichen großen Fürsten ich den andren,

Die Speise feiernd, die man dort genießt.

Dann stellte jeder, als das freud’ge Grüßen

Beendigt war, sich schweigend vor mich hin,

So flammend, daß das Aug’ es nicht ertrug.

Drauf sagte unter Lächeln Beatrice:

Erlauchtes Leben, das die Freudigkeit

Geschildert, die in unsrer Kirche herrscht,

Ertönen laß die Hoffnung nun hier oben;

Du weißt ja, daß du sie so oft bedeutest,

Als Jesus sich den dreien mehr verklärte. –

Richt’ auf das Haupt und fasse Zuversicht;

Denn reif erst muß an unsren Strahlen werden

Was von der Welt der Sterblichkeit hierher kommt. –

Vom zweiten Feuer kam mir dieser Zuspruch,

Weshalb das Aug’ ich zu den Bergen hob,

Die durch zu große Last zuvor es beugten.

Weil denn aus Gnaden unser Kaiser will,

Daß vor dem Tod’ in dem geheimsten Rate

Du seinen Grafen gegenüberstehest,

Damit in dir und andren du die Hoffnung,

Die drunten rechte Liebe weckt, bestärkest,

Nachdem du unsres Hofes Wahrheit sahst,

Sprich was sie ist (so fuhr das zweite Licht

Noch weiter fort), wie deine Seele sie

Mit Blüten schmückt, und wie sie dir zuteil ward. –

Da kam die Fromme, welche mir die Flügel

Geleitet hatte zu so hohem Fluge,

Der Antwort, die mir oblag, so zuvor:

An Hoffnung reicher ist kein Sohn der Kirche

Die streitet, und so steht es in der Sonne

Die diese ganze Schar bestrahlt, geschrieben.

Drum ward vor seines Kriegesdienstes Ende

Ihm, von Ägypten nach Jerusalem

Gewährt zu kommen, daß er es beschaue.

Die beiden andren Punkte, die gefragt sind,

Nicht um zu wissen, nein, daß er berichte

In welchem Maß dir diese Tugend lieb ist,

Die lass’ ich ihm; nicht Schwierigkeit, noch Selbstlob

Enthalten sie für ihn. Antworte er denn,

Und dazu wolle Gott ihm Gnade geben. –

Sowie der Schüler, der bereit und willig

Dem Lehrer folgt in allem das ihm kund ist,

Um seine Tüchtigkeit zu zeigen, sagt’ ich:

Die Hoffnung ist ein sicheres Erwarten

Zukünft’ger Herrlichkeit, durch Gottes Gnade

Bewirkt und durch vorgängiges Verdienst.

Von vielen Sternen kommt mir dieses Licht;

Der aber träufelt’ es zuerst in’s Herz mir,

Der höchster Sänger war des höchsten Lenkers.

»Die deinen Namen kennen«, sagt er, »hoffen

Auf dich o Herr«, in seinem Gottgesange;

Kennt aber der ihn nicht, der glaubt wie ich?

Und dann betau’test du mit seinem Taue

Im Briefe mich, so daß ich dessen voll bin.

Und andren euren Regen weiter regne. –

Es zuckt’, indes ich sprach, in dieses Feuers

Lebend’gem Schoß’ ein häufiges und rasches

Aufflammen, dem des Blitzes zu vergleichen.

Dann sprach’s: Die Lieb’ in der ich noch entbrenne

Für jene Tugend, die mir bis zur Palme

Und bis zum Ausgang aus dem Kampfplatz folgte,

Heißt mich noch weiter zu dir reden, der

Du ihrer dich erfreust, und so verlang’ ich,

Daß, was die Hoffnung dir verheißt du sagest.

Und ich: Die alten und die neuen Schriften

Bezeichnen mir das Ziel. – Und er: So nenn’ es. –

Es sagt Jesaias von den Seelen, welche

Sich Gott befreundet, daß in ihrem Lande

Zwiefältige Kleider jede haben soll,

Und dieses süße Leben ist ihr Land.

Und viel gereifter noch enthüllt dein Bruder,

Da wo der weißen Kleider er gedenket,

Uns das Verständnis dieser Offenbarung. –

Zuerst vernahm nach dieser Worte Schlusse

Ich über uns: Es hoffen auf dich Herr! –

Worauf die Reigen alle Antwort gaben.

Dann wuchs zu solcher Helle eins der Lichter,

Daß wenn der Krebs solch ein Juwel besäße,

Ein Wintermonat einen Tag nur hätte.

Und sowie freudig eine Jungfrau aufsteht,

Vorschreitet und zum Tanze antritt, nur

Der Braut zu Ehren, nicht um eigne Lust,

So sah ich jenen neu erhellten Glanz

Zu den zwei andren kommen, die im Kreise

Nach ihrer heißen Liebe Maß sich drehten.

Wie in ihr Lied, trat er in ihren Tanz,

Und meiner Herrin Auge hing an ihnen

Gleich einer Braut bewegungslos und schweigend.

Der hat an unsres Pelikanes Brust

Gelegen, und der ward herab vom Kreuze

Zum großen Pflichtberufe auserlesen. –

So meine Herrin; doch ihr Auge hing

Nachher nicht minder als zuvor an ihm,

Indessen sie auf seine Worte lauschte.

Wie dem, der hinblickt und zu sehn erwartet

Wie sich die Sonne anfängt zu verfinstern,

Vor lauter Sehn die Kraft zu sehn erlischt,

So ging es mir bei dieser letzten Flamme.

Da ward gesagt: Was blendest du dein Auge,

Bemüht, was hier nicht Statt hat, zu gewahren?

Mein Leib ist Erd’ auf Erden; mit den andren

Bleibt er so lange dort, bis unsre Zahl

Dem ew’gen Ratschluß gleichgekommen ist.

Mit beiden Kleidern sind im sel’gen Kloster

Allein die beiden aufgefahrnen Lichter,

Und das sollst du berichten eurer Welt. –

Bei diesem Wort schloß das entflammte Kreisen

Und mit ihm auch das süße Tongemische,

Das durch dreifachen Hauch gebildet war;

So halten, um Gefahr zu meiden, oder

Anstrengung, Ruder, die das Wasser schlugen,

Auf einer Pfeife Tönen alle ein.

Ach aber wie entsetzt war meine Seele,

Als ich mich wandte, um nach Beatrice

Zu schaun, und, wenn auch in der Welt des Heiles

Und neben ihr, sie nicht zu sehn vermochte.

Sechsundzwanzigster Gesang

Noch zweifelt’ ich ob der erloschnen Sehkraft;

Da ging ein Hauch von jener lichten Flamme,

Die sie geblendet, aus und hieß mich lauschen.

Er sagte: Bis in dir der Sinn des Auges

Erwacht ist, welchen du an mir verzehrtest,

Ziemt es, durch Reden ihm Ersatz zu bieten.

Beginne denn, und wohin deine Seele

Sich kehre, sprich; doch halte dich versichert,

Daß deine Sehkraft schläft, nicht aber tot ist,

Indem die Herrin, die durch diesen hehren

Bezirk dich führt, in ihrem Blick die Kraft hat,

Die in der Hand des Ananias lag. –

Und ich: Früh oder spät genesen mögen,

Wie’s ihr gefällt, die Augen, welche Pforten

Der Glut gewesen, die mich stets entzündet.

Das Heil, das diesen Hof zufriedenstellt,

Ist jeder Schrift, die laut mir oder leise

Die Liebe zum Gesetz macht, A und O. –

Dieselbe Stimme, welche mir die Furcht

Der plötzlichen Erblindung abgenommen,

Belud mich mit der Sorge weitren Redens.

Sie sagte: Wahrlich, ein noch eng’res Sieb

Bedarf’s zu deiner Klärung; sagen sollst du,

Wer auf dies Ziel gerichtet deinen Bogen. –

Und ich: Durch Gründe der Philosophie

Und manches Zeugnis, das von hier herabstieg,

Hat solche Liebe sich mir eingeprägt.

Das Gut, sobald es nur als Gut erkannt wird,

Entzündet Liebe, und zwar um so größre,

Je mehr von Güte es in sich begreift.

Deshalb muß zu dem Wesen, das an Güte

So reich ist, daß von seinem Strahl ein Licht nur,

Was Gutes außer ihm sich findet, ist,

Die Seele jedes, der die Wahrheit einsieht

Auf der mein Schluß beruht, in größrer Liebe

Als zu jedwedem andren sich bewegen.

Und meinen Geist versichert dieser Wahrheit

Der mir die erste Liebe schildert, welche

Die ewig dauernden Substanzen fühlen.

Gleichfalls versichert mich der Mund der Wahrheit

Die, von sich selber redend, sagt zu Mose:

Ich will dir alle meine Güter zeigen.

Auch du versicherst mich’s in deiner hohen

Verkünd’gung Anfang, die vor allen andren,

Dort unten eu’r Geheimnis offenbart. –

Und ich vernahm: Nach menschlicher Erkenntnis

Und nach dem Wort der Schrift, das jener beistimmt,

Gehört die höchste deiner Lieben Gott;

Doch sage ferner, ob noch andre Fäden

Dich zu ihm ziehn, so daß, mit wie viel Zähnen

Dich diese Liebe beiße, du verkündest. –

Verborgen war mir nicht die heil’ge Absicht

Des Adlers Christi, und gar wohl erkannt’ ich,

Wohin er leiten wollte mein Bekenntnis.

Darum begann ich wieder: All’ die Bisse,

Durch die das Herz zu Gott gewendet wird,

Sie haben mitgewirkt zu meiner Liebe.

Das Sein der Welt, sowie mein eignes Dasein,

Der Tod, den er erlitt, damit ich lebe,

Und das, was jeder Gläub’ge mit mir hofft.

Sie haben mich, vereint mit jener sichren

Erkenntnis, aus dem Meere der verkehrten

Gerettet an der rechten Liebe Ufer.

Die Blätter, die des ew’gen Gärtners Garten

Belauben, lieb’ ich alle in dem Maße,

In dem sie Heil von ihm empfangen haben. –

Sobald ich schwieg, ertönte durch den Himmel

Ein wundersüßes Lied, und meine Herrin

Rief mit den andren: Heilig, heilig, heilig!

Und wie bei grellem Licht der Schlaf entweicht,

Weil, wie der Glanz in’s Auge tief und tiefer

Eindringt, zurück der Sehkraft Geister eilen

Und den Erwachten, dessen neues Wachsein

Bewußtlos ist, bis ihm die Urteilskraft

Zu Hilfe kommt, zurückschreckt was er sieht,

Also vertrieb Beatrix jede Trübung

Von meinen Augen durch den Strahl der ihren,

Die tausend Meilen weit und weiter glänzten.

Nun sah ich besser als zuvor ich sah,

Und schleunig frug nach einem vierten Licht ich,

Das ich bei uns gewahrte, voll Erstaunens.

In jenem Lichtglanz, sagte meine Herrin,

Beschaut die erste Seele, die die Urkraft

Jemals geschaffen, liebend ihren Schöpfer. –

Wie, wenn der Wind vorüberzieht, der Baum

Den Wipfel neigt, und dann durch eigne Spannkraft,

Die ihn nach oben treibt, empor sich richtet,

So tat ich staunend während ihrer Worte;

Dann aber gab mir neue Zuversicht

Der Wunsch zu reden, welcher mich entflammte,

Und ich begann: O Apfel, der allein du

Schon reif geschaffen bist, uralter Vater,

Dem jede Gattin Tochter ist und Schnur,

So ehrfurchtsvoll ich kann beschwör’ ich dich

Zu mir zu reden. Mein Verlangen siehst du,

Doch sag’ ich’s nicht, auf daß ich bald dich höre. –

Wenn sich ein Tier bewegt, das überdeckt ist,

Erkennt durch die entsprechende Bewegung

Der Hülle oft man was das Tier begehrt.

Nicht anders ließ der Erstling aller Seelen

Durch seine Flammenhüll’ hindurch mich sehn,

Wie gern bereit er sei, mir zu genügen.

Dann haucht’ er: Dante, ob mir gleich dein Wunsch

Nicht ausgesprochen ist, kenn’ ich ihn besser

Als du kennst was am besten dir bekannt ist;

Denn ich erblick’ ihn im wahrhaften Spiegel,

Der alle Dinge macht nach seinem Bilde,

Indes kein Ding zu seinem Bild ihn macht.

Vernehmen willst du, vor wie langer Zeit

Mich Gott gesetzt hat in den hohen Garten

Wo diese dich gereift zur hohen Stiege.

Sodann, wie lang’ er meinen Blick erfreute,

Was wahrer Grund des großen Zornes war,

Und welche Sprach’ ich bildete und brauchte.

Nun denn, mein Sohn, daß ich vom Baum gekostet,

War nicht an sich der Grund so schweren Bannes;

Allein der Schranke Überschreitung war es.

Viertausend und dreihundert zweimal kreiste

Die Sonne, während ich, wo deine Herrin

Virgil berief, nach diesem Chor mich sehnte.

Und während ich auf Erden weilte, sah ich

Zu allen Lichtern ihrer Bahn die Sonne

Neunhundertdreißig Male wiederkehren.

Die Sprache, die ich redete, war eh’ noch

Zum Werke, das sich nie vollenden ließ,

Sich Nimrod’s Völker wandten, ganz erloschen;

Denn kein vernünftiges Erzeugnis war

Von ew’ger Dauer je, weil das Gefallen

Der Menschen wechselt mit dem Drehn des Himmels.

Natur gebeut dem Menschen, daß er rede;

Ob aber diese oder jene Sprache,

Das überläßt sie euch und eurer Willkür.

Eh’ ich zur Angst der Hölle niederstieg,

Ward L das höchste Gut genannt auf Erden,

Von dem die Freude kommt, die mich umgürtet.

Dann heiß es El, und solcher Wechsel ziemt sich;

Denn gleich dem Laub’ am Zweige ist der Brauch

Der Menschen, dieser geht, ein andrer kommt.

Den Berg, der aus der Flut am höchsten ragt,

Bewohnt’ ich, reinen und gefallnen Lebens,

Vom Morgen bis zur Stunde, die der sechsten

Nach dem Quadrantentausch der Sonne folgt. –

Siebenundzwanzigster Gesang

Dem Vater, wie dem Sohn’ und heil’gen Geiste,

Begann das ganze Paradies, sei Ehre! –

So daß der heiße Sang mich gar berauschte,

Was ich gewahrte däuchte mir ein Lächeln

Des ganzen Weltalls, so daß das Entzücken

Zugleich durch Ohr und Augen in mich eindrang.

O Freud’, o Wonn’ in Worten nicht zu schildern,

Der Liebe und des Friedens lautres Leben,

O sichrer Reichtum, frei von weitrem Wunsche!

Vor meinen Augen standen die vier Fackeln

In lichtem Brand, und die zuerst gekommen

Begann noch heller als zuvor zu leuchten.

So war sie anzuschaun wie Jupiter,

Wenn Vögel wären er sowohl als Mars,

Und das Gefieder wechselweis sie tauschten.

Es hatte, die Beruf und Folge dort

Bestimmt, die Vorsehung, dem sel’gen Chore

Stillschweigen auferlegt nach jeder Seite,

Als ich vernahm: Wenn ich mich so verfärbe,

Soll dich’s nicht wundern; alle diese wirst du

Verfärben sich bei meiner Rede sehn.

Der auf der Erde meinen Stuhl sich anmaßt,

Den Stuhl, den Stuhl, der in dem Angesichte

Des Sohnes Gottes jetzt erledigt ist,

Verwandelt hat er zu des Blut’s und Stankes

Kloake meinen Kirchhof, drob der Arge

Der von hier niederstürzte, drunten froh ist. –

Da sah den ganzen Himmel in der Farb’ ich,

Mit der die Sonne, gegenüberstehend,

Die Wolken früh und Abends malt, erglühend.

Und wie ein sittig Mädchen, das auch ferner

Sich rein fühlt, dennoch ob des fremden Fehltritts

Betreten wird, wenn sie ihn nur mit anhört,

So wechselte das Aussehn Beatrice,

Und solche Finsternis ward wohl im Himmel

Als an dem Kreuz die höchste Macht gelitten.

Dann fuhr in seiner Red’ er weiter fort,

Doch so verändert klang dabei die Stimme,

Daß größer nicht des Aussehns Wandlung war:

Es ward mit meinem Blut und dem des Linus

Und Cletus Christi Braut nicht aufgezogen,

Daß sie gebraucht zum Gelderwerbe werde.

Nein, zum Erwerbe dieses sel’gen Lebens

Vergossen Sixtus, Pius und Calixt

Ihr Blut gleich Urban unter manchen Tränen.

Wir wollten nicht, daß von dem Christenvolke

Ein Teil zur Rechten und ein Teil zur Linken

Von denen säße, die im Amt uns folgten,

Und nicht, daß die mir anvertrauten Schlüssel

Zum Wappenschild für eine Fahne würden,

Die zu dem Kampfe mit Getauften führte.

Auch nicht, daß ich das Siegelbild erkaufter

Und lügenhafter Privilegien werde,

Darob ich oft erröt’ und Funken sprühe.

Im Kleid des Hirten sieht man von hier oben

Auf jeder Weide gier’ge Wölfe gehn;

O Schutz des Herrn, was zögerst du so lange!

Gascogner rüsten sich und Cahorsiner

Von unserem Blut zu trinken. Hoher Anfang,

Zu was für schnödem Ende mußt du sinken!

Doch die mit Scipio Rom den Ruhm der Welt

Erhielt, die hohe Vorsehung, zur Hilfe

Wird bald Sie, wie ich schon erkenne, eilen.

Und du, o Sohn, der ob der Erdenschwere

Noch dorthin wiederkehrst, tu’ auf den Mund

Und birg den andren nicht was ich nicht berge. – o

Wie von gefrornen Dünsten unsre Luft,

Wenn mit der Himmelsziege Horn die Sonne

Zusammenstößt, nach unten Flocken sendet,

So sah ich aufwärts sich den Äther schmücken

Und jene siegesfrohen Flammen schnein,

Die dort bisher mit uns geweilet hatten.

Es hing mein Aug’ an ihrer Lichterscheinung

Und folgte bis des Zwischenraumes Größe

Nicht mehr gestattete hindurchzudringen.

Worauf die Herrin, die vom Aufwärtsschauen

Befreit mich sah, mir sagte: Senke nun

Den Blick und sieh, wie weit du dich gewendet. –

Seit meinem ersten Niederblick durchmessen

Hatt’ ich den Bogen, den die erste Zone

Von ihrer Mitte macht bis an ihr Ende,

So daß ich Gades jenseits von Ulysses’

Tollkühnem Paß erblickte, diesseits aber

Den Strand, wo süße Last Europa ward.

Und weiter wäre dieses Balls Gestaltung

Mir noch entdeckt; indes, ein Zeichen vor mir

Und mehr, schritt unter mir die Sonne vorwärts.

Mein liebentbrannter Geist, der immerdar

Um meine Herrin wirbt, begehrte heißer

Als je, den Blick auf sie zurückzuwenden.

Bot Lockungen Natur, bot jemals Kunst sie

Im Fleisch des Menschen, oder dessen Bilde

Den Augen, um durch sie den Geist zu fangen,

Sie würden insgesamt gleich nichts erscheinen

Der Himmelslust verglichen, die mir strahlte,

Als in ihr lächelnd Angesicht ich schaute.

Die Kraft, die solcher Anblick mir gewährte,

Entriß dem schönen Neste Leda’s mich,

Und trieb hinan mich zu dem schnellsten Himmel.

So gleich in sich sind seine lebensvollen,

Erhabnen Teile, daß den von Beatrix

Erkornen Ort ich nicht bezeichnen kann.

Sie aber, die erkannte was ich wünschte,

Begann, und lächelte dabei so selig,

Daß Gottes Freud’ aus ihrem Antlitz strahlte:

Der Welt Beschaffenheit, die nur der Mitte

Zu ruhn, sonst allem sich zu drehn gebeut,

Beginnt von hier aus ihrem Ausgangspunkte.

Es gibt kein andres wo in diesem Himmel

Als Gottes Geist, an dem die Lieb’ entbrennt,

Die ihn bewegt, dem seine Kraft entstammt.

Wie alle andren er, also umgibt ihn

Ein Kreis von Licht und Lieb’, und diesen Kreis

Erkennet der allein der ihn gewölbt hat.

Nicht andres dient zum Maß für dieses Himmels

Bewegung, sondern sie mißt alle andren,

Wie Hälft’ und Fünftel Maß sind für die Zehn.

Nun kann dir offenbar geworden sein,

Daß dies der Boden ist, in dem die Zeit

Die Wurzeln hat, und anderwärts die Blätter.

O Habsucht, die du unter dich die Menschen

So tief hinabdrückst, daß aus deinen Fluten

Die Augen zu erheben keiner Kraft hat!

Es blüht der Wille wohl im Menschenherzen;

Jedoch der stete Regenguß verwandelt

Was edle Pflaume war in schlechte Huzel.

Unschuld und Treu und Glauben findet man

Nur noch bei Kindern; doch bevor die Wange

Behaart ist, flieht die eine wie die andre.

Gar mancher fastet noch solang’ er stammelt;

Doch mit gelöster Zunge schlingt in jedem

Kalendermonat jede Speis’ er nieder.

Auf seine Mutter hört in Liebe mancher

Solang’ er stammelt; doch ist seine Rede

Entwickelt, möcht’ er sie begraben sehn.

So schwärzt sich, die beim ersten Anblick weiß

Erschien, die Haut der schönen Tochter dessen,

Der, Morgen bringend, hinter sich die Nacht läßt.

Damit du aber dich nicht wunderst, denke,

Daß jetzt auf Erden keiner ist, der herrsche;

Drum irrt soweit ab das Geschlecht der Menschen.

Doch eh’ noch (weil das Hundertsteil ihr drunten

Nicht rechnet) Jänner aus dem Winter austritt,

Wird solch ein Tönen dieser Himmelskreise

Bewegung wecken, daß die allersehnte

Fortuna, wo das Steuer ist, den Schnabel

Hinwenden wird, so daß die Flotte recht läuft

Und nach der Blüte wahre Frucht man erntet. –

Achtundzwanzigster Gesang

Der jammervollen Menschheit jetz’ges Leben

So richtend, hatte, die zum Paradiese

Den Geist erhebt, mir Wahrheit offenbart.

Und wie, wer einer Fackel Licht, das ihm

Im Rücken strahlt, und das zuvor er weder

Gesehn, noch sich gedacht, im Spiegel wahrnimmt,

Sich umkehrt, zu erkennen ob das Glas

Die Wahrheit spricht, und dann es so entsprechend

Ihr findet, wie das Lied und seine Weise,

So sagt mir mein Gedächtnis, daß ich tat,

Als ich geblickt in jene schönen Augen,

In deren Schlinge Amor mich gefangen.

Als ich mich umgewandt, fühlt’ ich die meinen

Vom dem getroffen, was aus jener Wölbung

Stets leuchtet, sieht man recht in ihren Kreis.

Ein Pünktlein sah ich, das so helles Licht

Ausstrahlte, daß die Augen, die’s entflammet

Sich schließen müssen ob der großen Schärfe:

Mit ihm verglichen, wie man Stern bei Sterne

Am Himmel sieht, erschien’ in Mondesgröße

Sogar der Stern, der uns der kleinste dünket.

Vielleicht so nahe, als ein Hof das Licht

Das in die Luft ihn zeichnet, dann umgürtet,

Wenn dicht die Dünste, die ihn tragen, sind,

Bewegte sich um jenen lichten Punkt

Ein Feuerkreis so eilig, daß die Drehung

Des höchsten Himmels diese nicht erreichte.

Umgeben war er rings von einem andren,

Vom dritten der, vom vierten wieder dieser,

Der vierte dann vom fünften, der vom sechsten.

Dann folgt’ ein siebenter von solcher Weite,

Daß Juno’s Botin in der vollen Rundung

Nicht weit genug, ihn zu umspannen wäre.

So auch der acht’ und neunt, und es bewegte

Langsamer jeder sich, im Maße wie er,

Der Zahl nach sich, vom ersten mehr entfernte.

An Lauterkeit des Lichtes überwog

Der minder abstand von dem reinen Funken;

Wohl weil ihn dessen Wahrheit mehr durchdringt.

Und meine Herrin, die mich schwer befangen

In Zweifel sah, begann: Es hängt der Himmel

Sowie das Weltall ab von diesem Punkte.

Sieh auf den Kreis nun, welcher ihm am nächsten

Verbunden ist, und wisse, er bewegt sich

So schnell ob seiner heißen Liebe Glut. –

Und ich zu ihr: Wär’ in der gleichen Ordnung

Wie diese Räder sind die Welt gegliedert,

So würde was du sagest mich befried’gen.

Doch sieht man in der Welt, die unsre Sinne

Erkennen, um so göttlicher die Kreise,

Je weiter sie vom Mittelpunkte abstehn.

Drum, wenn mein Wunsch gelangen soll zum Ziele

In diesem wunderbaren Engelstempel,

Der Lieb’ und Licht allein zu Schranken hat,

So muß Belehrung mir, warum das Abbild

Vom Vorbild so verschieden ist, noch werden,

Da ich allein vergebens drüber sinne. –

Nicht zu verwundern ist’s, wenn deine Finger

Für diesen Knoten ungenügend sind;

Weil niemand sich dran wagte, ward er fest. –

So meine Herrin, und dann fuhr sie fort:

Willst du dich sättigen, so nimm zunächst

Was ich dir sagen werd’ und denk ihm nach.

Weit sind die körperlichen Kreis’ und enger

Je nach der größren oder mindren Kraft,

Die sich erstreckt durch alle ihre Teile.

Die größre Güte wirket größres Heil,

Und sind die Teile beider gleich vollkommen,

So fasset größres Heil der größre Körper;

Deshalb entspricht denn dieser Himmel, welcher

Das ganze Weltall mit sich reißt, dem Kreise

In dem am meisten Liebe ist und Wissen.

Legst also an die Kraft dein Maß du an,

Und nicht an die Erscheinung der Substanzen,

Die sich in sphärischer Gestalt dir zeigen,

So siehst in Himmeln und Intelligenzen

Das Mehr dem Größer, wie das Weniger

Dem Kleiner du gar wunderbar entsprechen. –

Sowie, wenn aus der Wange Boreas,

Auf der am sanftesten er atmet, bläst,

Der Dunstkreis glänzend wird und wolkenfrei,

Weil sich der Nebel, der zuvor ihn trübte,

Auflöst und reinigt, und deshalb der Himmel

Mit jeder Schönheit seiner Scharen lacht,

So tat auch ich, seit ihre klare Antwort

Die Herrin mir gewährte, und die Wahrheit

Ich leuchten sah, gleich einem Stern am Himmel.

Und als dann inne hielten ihre Worte,

Da glich das Funkensprühen jener Kreise

Geschmolznen Eisens blendendem Gefunkel.

Und wie der ganze Brand, tat jeder Funke,

Und deren Zahl vertausendfachte sich

Mehr als die Doppelung der Schachbrettfelder.

Lobsingen hört’ ich sie von Chor zu Chore

Dem festen Punkte, der an seinem Platze

Jedweden hält und hielt und halten wird.

Sie aber, die im Geist mir las den Zweifel,

Begann: Es haben dir die ersten Kreise

Die Seraphim und Cherubim gezeigt.

Den Liebesbanden folgen sie so willig

Um, soviel möglich, gleich dem Punkt zu werden;

Und möglich ist’s je nach des Schauens Maße.

Des Angesicht des Herren Throne nennt man

Die Liebesgluten die um diese kreisen,

Und sie beendigen die erste Dreizahl.

Und wisse, daß der Wonne sie soviel

Genießen, als ihr Blick sich in die Wahrheit

Vertieft, die jedem Geiste Ruhe bietet.

Drum kann man sehn, daß auf den Akt des Schauens

Die Seligkeit sich gründet, nicht auf den

Der Liebe, welche jenen nur begleitet.

Wie tief das Schauen sei, hängt vom Verdienst ab,

Und das beruht auf Gnad’ und gutem Willen,

Und so von einer Stufe fort zur andren.

Die andre Dreizahl, die hier also sprießt

Im ew’gen Lenze, den vom nächt’gen Himmel

Kein Widder seines Blätterschmucks beraubt,

Singt Hosianna stets als Frühlingslied,

Das aus drei Freudenchören, die sie bilden

In dreigestalter Melodie ertönt.

In dieser Hierarchie sind die drei Scharen,

Die weiblich man benennet: Herrschaften, Kräfte

Und, als die dritte Ordnung, die Gewalten.

Dann kreisen in den Reigen nächst dem letzten

Erst Fürstentümer und sodann Erzengel;

Dem Spiel der Engel nur gehört der letzte.

All diese Himmelschöre schau’n nach oben

Und wirken siegend niederwärts; zu Gott hin

Gezogen sind sie all’, und alle ziehn sie.

Mit solcher Sehnsucht wandte Dionys

Sich dieser Ordnungen Betrachtung zu,

Daß er, wie ich, sie unterschied und nannte.

Zwar ist Gregor dann von ihm abgewichen;

Doch hatt’ er kaum das Aug’ in diesem Himmel

Geöffnet, als er selber sich verlachte.

Erschloß ein Sterblicher solch ein Geheimnis

Der Erdenwelt, so soll dich das nicht wundern;

Denn dies und andre Wahrheit dieser Kreise

Entdeckte ihm wer sie gesehn hier oben. –

Neunundzwanzigster Gesang

Wie wenn sich beide Kinder der Latona,

Von Widder und von Wage überdeckt,

Zugleich umgürten mit dem Horizonte,

Wie lange dann, von wo im Gleichgewicht

Zenith sie hält, es währt, bis jenen Gürtel,

Die Hemisphäre wechselnd, beide lassen,

So lange schwieg, in ihrem Antlitz Lächeln,

Beatrix, nach dem Punkte unverwandt

Hinschauend, der mein Auge überwunden.

Dann hub sie an: Auch ohne dich zu fragen,

Was du begehrest, red’ ich; denn ich sah es

Dort, wo das Ziel von jedem wo und wann ist.

Nicht um vermehrtes Gut sich zu erwerben

(Das wär’ unmöglich), nur daß ausgestrahlt

Sein Glanz imstande sei, »ich bin« zu sagen,

Entfaltet’ er in seiner Ewigkeit

Nach eigner Wahl und außer Zeit und Schranken

In neuen Lieben seine ew’ge Liebe.

Auch ruhte bis dahin er nicht wie müßig;

Denn Gottes Geist ging, über den Gewässern

Zu schweben, weder vorher aus, noch nachher.

Rein und verbunden traten Form und Stoff

Ins makellose Dasein, wie drei Pfeile

Ein Bogen, der drei Sehnen hat, entsendet.

Und wie in Glas, in Bernstein und Kristalle

Also ein Strahl glänzt, daß von seinem Kommen

Bis zum Durchleuchten keine Zeit vergeht,

So strahlte jene dreigestalte Wirkung

Von ihrem Herrn ununterscheidbar aus,

So daß kein Anfang sich erkennen ließ.

Den Wesen eingeprägt bei der Erschaffung

Ward ihre Ordnung, und die erste Stelle

Erhielten die der reinen Tätigkeit.

Zu unterst kam der bloße Stoff zu stehn;

Inmitten einet Stoff und Tätigkeit

Ein solches Band, daß nie sich’s wieder löset.

Wohl schrieb Hieronymus euch von den Engeln,

Daß sie geschaffen sei’n so manch Jahrhundert

Eh’ noch die andre Welt in’s Dasein trat;

Allein die Wahrheit ward auf manchen Seiten

Geschrieben von des heil’gen Geistes Schreibern,

Und merkst du wohl auf, wirst du’s selbst erkennen.

Auch kann es die Vernunft zum Teil begreifen;

Denn, daß solang unwirksam die Beweger

Gewesen seien, kann sie nicht gestatten.

Wo diese Lieben, wann und wie erkoren

Sie wurden, weißt du nun, so daß drei Flammen

Von deinem Wunsche ihre Löschung fanden.

Nicht könnte zählend man so schnell bis zwanzig

Gelangen, als ein Teil von diesen Engeln

Aufwühlte eurer Elemente Grund.

Die andren blieben, und mit solcher Lust

Begannen sie die Kunst, die du hier wahrnimmst,

Daß nimmer sie von ihrem Kreisen lassen.

Es war die maledeite Hoffahrt dessen,

Den du bedrückt gesehn von allen Lasten

Der ganzen Welt, der Anfang dieses Falles.

Die hier du siehst beschieden sich in Demut,

Daß, was sie sei’n nur von der Güte stamme,

Die zum Erkennen also sie befähigt.

Drum wurde durch die Gnade, die erleuchtet,

Und ihr Verdienst gesteigert ihre Einsicht,

So daß ihr Wille völlig nun und fest ist.

Nicht zweifeln sollst du, sondern sicher glauben,

Daß, jenachdem der Wille sich ihr öffnet,

Verdienstlich ist, die Gnade anzunehmen.

Hast du nun meine Worte wohl erwogen,

So kannst du über diese Ratsgemeinde

Auch ohne Hilfe reichlich weiter denken.

Doch weil auf Erden man in euren Schulen

Von der Natur der Engel lehrt, sie eigne

Sich zum Verstehn, zum Wollen und Erinnern,

So will ich weiterreden, daß du rein

Die Wahrheit siehst, die man durch Mißverständnis

Dort unten arg verwirrt in dieser Lehre.

Es wandten diese Wesen, seit begnadigt

Sie durch das Antlitz Gottes wurden, nimmer

Von ihm, dem nichts verborgen bleibt, den Blick.

Drum wird ihr Sehn durch neue Gegenstände

Nie abgelenkt, und weil sie nichts zerstreuet,

Bedürfen sie auch nicht erst des Erinnerns.

Drum träumen drunten wachend, die für richtig

Die Lehre halten, und die sie bestreiten,

Doch liegt im letzten größre Schuld und Schande.

Ihr geht nicht eines Weg’s, wenn ihr auf Erden

Philosophiert, so sehr verlockt die Liebe

Zum Scheine, und der Wunsch zu scheinen euch.

Und dennoch wird das hier mit mindrem Zorne

Geduldet, als wenn ihr die Gottesschrift

Hintansetzt, oder ihren Sinn verdreht.

Man glaubt bei euch nicht, wie viel Blut es kostet

Sie zu verbreiten, und wie wohlgefällig

Ist, wer in Demut ihrem Wort sich fügt.

Hervortun will sich jeder, drum ersinnt er

Erfindungen, die dann er in der Predigt

Erörtert, doch vom Evangelium schweigt.

Der eine sagt, daß sich beim Leiden Christi

Der Mond zurückgewandt und vor die Sonne

Gestellt, so daß der Erd’ ihr Licht er barg.

Ein andrer, daß ihr Licht von selbst erlosch,

Weshalb die Finsternis, sowie den Juden,

Sich auch den Spaniern und den Indern zeigte.

Nicht soviel Lapi’s trifft man, soviel Bindi’s

In Florenz, als im Jahr dergleichen Fabeln

Von Kanzeln da und dort verkündet werden.

Die unerfahrnen Schäflein aber kehren

Mit Wind gefuttert von der Weid’, und wenig

Hilft ihnen, daß sie nicht gesehn den Schaden.

Nicht sagte Christus zu den ersten Jüngern:

Geht hin und predigt Narretei der Welt;

Den rechten Grundbau gab er ihrer Predigt.

Und diese tönte so aus ihren Wangen,

Daß in dem Kampf, den Glauben zu entzünden,

Ihr Schild und Speer das Evangelium war.

Jetzt predigt man mit Späßen und Geschichtchen,

Und, wird nur gut gelacht, schwillt die Kapuze

Dem Pfaffen, und nichts weiteres begehrt man.

Doch nistet in dem Kragen solch ein Vogel,

Daß, wenn’s die Leute sähen, so erkennten

Sie, was der Ablaß wert sei, dem sie trauen.

Es wuchs auf Erden also diese Torheit,

Daß, ohne eines Zeugnisses Beweis,

Das Volk zu jeglicher Verheißung liefe.

Mit derlei mästet Sankt Anton das Schwein

Und andre, die noch schlimmre Schweine sind,

Indem mit ungeprägtem Geld sie zahlen.

Doch weil wir um nicht wenig abgeschweift sind,

So richte auf den graden Weg die Augen,

Damit die Straße mit der Zeit sich kürze.

So hoch läuft in die Zahlen die Natur

Der Engel, daß kein sterblicher Gedanke,

Noch Menschensprache sich soweit verstiege.

Erwägst du recht was Daniel uns verkündet,

So siehst du wohl, daß die bestimmte Zahl

Sich hinter seinen Tausenden verbirgt.

Das erste Licht, das alle ausstrahlt, nehmen

Sie in so mannigfacher Weise auf,

Als Lichter sind, mit denen es sich einet.

Weil das Ergriffensein nun dem Erkennen

Entspricht, so fühlen sie der Liebe Süße

Verschiedenartig, heißer oder lauer.

Sieh denn die Höhe, die Freigebigkeit

Der ew’gen Kraft, die, ob so viele Spiegel

Sie sich erschuf, darin sie sich verteilet,

Doch in sich selber eins bleibt, wie zuvor. –

Dreißigster Gesang

Es glüht vielleicht Sechstausend Meilen weit

Von uns die Mittagsstund’, und diese Welt

Senkt ihren Schatten fast zum ebnen Bette,

Wenn von des Himmels Mitte, der für uns

Der tiefe ist, schon manches Sternes Schimmer

Nicht mehr herabreicht bis auf unsren Grund.

Und wenn der Sonne lichte Dienerin

Dann weiterschreitet, schließen sich die Augen

Des Himmels nacheinander bis zum hellsten.

In solcher Weis’ erlosch vor meinen Blicken

Allmählich der Triumph, der immerdar

Den Punkt umspielt, der mich bewältigte,

Scheinbar von dem umschlossen, was er einschließt;

Drum hießen Lieb’ und jenes Anblick’s Ende,

Den Blick auf’s neu, mich auf Beatrix richten.

Wenn alles was bisher von ihr gesagt ward

Zu einem einz’gen Lob verbunden wäre,

So wär’ es diesmal dennoch zu gering.

Es übersteigt die Schönheit, die ich sah,

Nicht unser Maß nur; nein, ich glaube sicher,

Daß nur ihr Schöpfer ganz sich ihrer freut.

Besiegt erkenn’ ich mich an dieser Stelle,

Wie so weit über ihre Kraft noch nimmer

Den Stoff Tragöd’ und Komiker gefunden.

Denn, wie dem schwächsten Aug’ im Strahl der Sonne,

So schwindet dem Gedächtnis seine Kraft,

Erinnert es sich an dies süße Lächeln.

Vom ersten Tag, wo ich im Erdenleben

Ihr Antlitz sah, bis hin zu diesem Anblick

War meinem Lied das Folgen nicht benommen;

Hier aber muß ich davon, ihrer Schönheit

Noch weiter dichtend nachzufolgen, abstehn,

Wie jeder Künstler von dem letzten Ziele.

Schön, wie zu schildern ich sie höhrer Stimme,

Als meiner Tuba zusteht, überlasse,

Indes ihr schweres Werk nun diese endet,

Begann mit eines sichren Führers Miene

Und Ton sie: Aus dem größten Körper sind wir

Zum Himmel nun gelangt, der reines Licht ist,

Licht der Erkenntnis, ganz erfüllt von Liebe,

Von Liebe wahren Heiles voller Wonne,

Der Wonne, welcher keine Süße gleichkommt.

Des Paradieses ein’ und andre Heerschar

Wirst du hier sehn: in der Gestalt die eine,

In der sie beim Gericht sich zeigen wird. –

Wie, unvorhergesehn, ein Blitz die Geister

Der Sehkraft so zerstreut, daß unempfänglich

Das Aug’ er macht, selbst für den stärksten Eindruck,

So glänzte um mich her lebend’ges Licht,

Mit einem Schleier solcher Helligkeit

Mich rings umgebend, daß ich sonst nichts sah:

Die Liebe, die dem Himmel Frieden gibt,

Nimmt immer in sich auf mit solchem Gruße,

Daß reif der Leuchter sei für seine Flamme. –

Als diese kurzen Worte kaum zu mir

Gelangt, ward ich gewahr, daß nun erhoben

Ich über meine eignen Kräfte sei.

Und so entbrannte ich in neuer Sehkraft,

Daß meine Augen standgehalten hätten

Jedwedem Lichte, auch dem allerhellsten.

Lichtfülle sah ich, glänzend wie von Blitzen,

Gestaltet wie ein Fluß, des beide Ufer

Die wunderbarste Pracht des Frühlings malte.

Es sprühten aus dem Fluß lebend’ge Funken,

Die in die Blumen rings sich niederließen,

Rubinen gleich, gefaßt in goldne Reifen.

Dann tauchten sie, wie von den Düften trunken

Sich wieder unter in den Wunderstrom,

Indessen andre sich aus ihm erhoben.

Der hohe Wunsch, der dich entflammt und dränget,

Kenntnis von dem, was du erblickst, zu haben,

Erfreut mich um so mehr, je mehr er anwächst.

Doch mußt du erst von diesem Wasser trinken,

Bevor so hoher Durst in dir gestillt wird. –

So sprach zu mir die Sonne meiner Augen.

Noch sagte sie: Der Fluß und die Topase,

Die aus- und eingehn, und der Blumen Lächeln

Sind ihrer Wahrheit schattengleiches Vorspiel.

Auch sind an sich nicht schwierig diese Dinge;

Der Mangel liegt allein auf deiner Seite,

Weil noch dein Auge nicht soweit hinaufreicht. –

So eilte nie ein Kind, der Muttermilch

Das Antlitz zugewandt, wenn es, verspätet

Weit über die gewohnte Zeit, erwachte,

Als ich, um meiner Augen Spiegelkraft

Noch zu vermehren, mich zur Welle neigte,

Die, um vollkommener zu machen, fließt.

Kaum, daß die Ränder meiner Augenlider

Davon getrunken, so erschien zur Rundung

Der Fluß, der lang sich streckte, mir gewandelt.

Und wie ein Mensch, der hinter einer Larve

Sich barg, ein anderer geworden scheint,

Wirft er das Scheinbild ab, das ihn verhüllte;

So wandelten die Blüten und die Funken

Sich mir zu höhrem Freudenfest, so daß ich

Die beiden Himmelshöfe nun gewahrte.

O Lichtglanz Gottes, der mir den erhabnen

Triumph des wahren Reichs zu sehn gewährt,

Gib du mir Kraft, wie ich ihn sah, zu schildern!

Licht ist dort oben, welches dem Geschöpfe

Gott sichtbar werden läßt, das seinen Frieden

Nur in dem Anschaun seines Schöpfers findet.

Und es erstreckt in Kreisesform so weit sich,

Daß seines Umfangs Maß, selbst für die Sonne

Ein Gürtel wäre von zu großer Weite.

Das Auge sieht von ihm nichts als nur Strahlen,

Die, auf des erstbewegten Himmels Umkreis

Zurückgestrahlt, ihm Kraft verleihn und Leben.

Und wie ein Hügel sich im Wasser spiegelt,

Als wollt’ er sehn, wie reich geschmückt an Kräutern

Und Blüten er vom Fuß zum Gipfel ist,

So sah ich was von uns zu jener Höhe

Heimkehrte, sich auf mehr als tausend Stufen

Im Lichte, das sie rings umragten, spiegeln.

Umfaßt die niedrigste von diesen Schwellen

So großes Licht, wie mächtig muß der Umfang

Der äußren Blätter dieser Rose sein!

Und doch verlor in solcher Weit’ und Höhe

Mein Blick sich nicht; nein er erfaßte völlig

Das Wie und das Wiegroß von dieser Wonne.

Dort gibt und raubt nicht Nähe und nicht Ferne;

Denn da wo unvermittelt Gott regiert,

Sind der Natur Gesetze unwirksam.

In’s gelbe Zentrum jener ew’gen Rose,

Die sich ausdehnt und abstuft und zur Sonne

Des steten Lenzes Lobesdüfte sendet,

Geleitete Beatrix mich, der schwieg

Und reden wollte; doch sie sagte: Schaue

Wie groß die Schar der weißen Kleider ist.

Sieh, wie so weit der Umfang unsrer Stadt ist,

Sieh, wie so voll schon unsre Sitze sind,

Daß, sie zu füllen, wen’ge nur noch fehlen.

In jenem großen Stuhl, zu dem die Krone,

Mit welcher er schon prangt, dein Auge lenkte,

Wird, eh’ an diesem Hochzeitsmahl du teilnimmst,

Des hohen Heinrichs Seele, der auf Erden

Den Purpur tragen wird, und der Italien

Zu heilen kommt, eh’ es bereit ist, thronen.

Es hat die blinde Gier, die euch verzaubert,

Euch so betört, daß ihr dem Kinde gleichet,

Das Hungers stirbt und doch die Amme fortjagt.

Und wer um jene Zeit dem geistlichen

Gerichtshof vorsitzt, wird geheim und offen

Nicht auf demselben Wege mit ihm gehn.

Doch wird ihn Gott in diesem heil’gen Amte

Nicht lange dulden, dann stürzt er hinab,

Wo Simon Magus büßt was er verdient hat,

Und tiefer drängt er noch den von Anagni.

Einunddreißigster Gesang

So zeigte denn in einer weißen Rose

Gestalt sich mir die heilige Streiterschar,

Die Christus durch sein Blut zur Braut sich machte.

Die andre Schar, die fliegend dessen Glorie

Der sie in Lieb’ entzündet, und die Güte,

Die sie so hoch erhöht hat, schaut und preiset,

War Bienen zu vergleichen, die sich bald

In Blumen tauchen, und bald dahin kehren,

Wo ihre Arbeit sich in Honig wandelt.

Sie stiegen nieder in die große Blume,

Die so viel Blätter schmücken; dann erhoben

Sie dorthin sich, wo ihre Liebe weilt.

Das Antlitz aller glich lebend’ger Flamme,

Die Flügel waren Gold, so weiß das andre,

Daß solche Weiße nimmer Schnee erreicht.

Wenn in die Blumen sie sich senkten, teilten

Von Sitz zu Sitz sie Frieden aus und Inbrunst

Die, ihre Flanken fächelnd, sie erworben.

Und ob auch fliegend noch so viele zwischen

Die Blum’ und das was drüber schwebte kamen,

So hemmten sie das Sehn nicht und den Glanz;

Denn es durchdringt das Gottentstammte Licht

Je nach der Würdigkeit das ganze Weltall,

So daß ihm nichts den Weg versperren kann.

Es richtete dies ganze freuderfüllte

Und sichre Reich, von Geistern alt und neu

Bevölkert, auf ein Ziel so Blick als Liebe

Dreifaches Licht, das du aus einem Sterne

Auf ihre Blicke strahlend sie beseligst,

Blick’ auf den Sturm, der uns bedroht, hernieder!

Wenn die Barbaren, aus dem Lande kommend

Das stets, mit ihrem Sohn, nach dem sie schmachtet,

Den Pol umkreisend Helice bedeckt,

Als Rom sie sahn und seine hohen Werke,

Erstaunten, um wie viel der Lateran

Was Menschen sonst geschaffen überragte,

Welch’ Staunen mußte da sich mein bemächt’gen,

Der ich zum Göttlichen vom Menschlichen,

Zum Ew’gen von der Zeit gekommen war,

Und zu gerechtem, lautrem Volk von Florenz

Erfüllt von Staunen und von Freude, war mir

Willkommen stumm zu sein und nicht zu hören.

Und wie der Pilger in dem Tempel seines

Gelübdes am Beschaun sich freut, und schon,

Wie er beschaffen, zu erzählen hofft,

So ließ in dem lebend’gen Licht die Blicke

Lustwandelnd ich von Sitz zu Sitze schweifen,

Bald aufwärts, bald hinab, und bald im Kreise.

Antlitze sah ich, die zur Liebe mahnten,

Verschönt durch fremdes Licht und eignes Lächeln,

Gebärden auch im Schmuck der Zucht und Sitte.

Die allgemeine Form des Paradieses

War deutlich meinem Auge schon geworden;

Doch hatte nirgends noch mein Blick verweilet.

Da wandt’ ich mich mit neuentflammtem Wunsche

Zu meiner Herrin, Dinge sie zu fragen,

Die mit Erstaunen meinen Geist befingen.

Sie meint ich; Antwort sollt’ ein andrer geben.

Beatrix galt mein Blick, und einen Greis,

Gekleidet gleich den sel’gen Scharen, sah ich.

Wohlwollen übergoß und Freudigkeit

So Aug’ als Wangen ihm, und die Gebärde

War teilnahmsvoll in väterlicher Liebe.

Und: Wo ist sie? – rief alsobald ich aus.

Er aber: Daß dein Wunsch sich ganz erfülle,

Entsandte mich von meinem Platz Beatrix.

Blickst du hinauf, so wirst im dritten Kreise

Vom obersten du auf dem Thron sie sehen,

Der ihr beschieden ward für ihr Verdienst. –

Nicht Antwort gab ich und erhob die Augen;

Da sah ich sie, und wie die ew’gen Strahlen

In ihr sich spiegelten und sie umkränzten.

Kein sterblich Auge, das in’s Meer am tiefsten

Sich tauchte, ist von jener Himmelsgegend,

Wo es am höchsten donnert, so entfernt,

Als Beatrice meinen Blicken dort war;

Doch hinderte mich’s nicht, denn unentstellt

Durch Zwischenliegendes sah ich ihr Bild.

O Herrin, du, in der mein Hoffen lebt,

Die deiner Füße Spuren in der Hölle

Zu lassen du nicht scheutest, mich zu retten,

Die Gnade und die Heilskraft all der Dinge,

Die mir zu sehn gewährt ward, danke ich

Nur deiner Güte, danke deiner Macht sie.

Du hast vom Knechte mich auf allen Wegen,

In allen Weisen, so wie dir die Macht

Darüber zustand, hingeführt zur Freiheit.

Erhalte deine Herrlichkeit in mir,

So daß die Seele, die durch dich gesund ward,

Dir wohlgefällig sich vom Körper löse. –

So bat ich, und wie fern sie mir auch schien,

So lächelte und blickte sie mich an;

Dann kehrte sie zurück zur ew’gen Quelle.

Der heil’ge Greis begann: Damit du völlig

Den Weg beendest, welcher dir bestimmt ist,

Wozu mich heil’ge Lieb’ und Bitte sandten,

So fliege mit dem Blick durch diesen Garten;

Sein Anschaun wird dein Auge mehr befäh’gen,

Empor dann durch den Gottesstrahl zu steigen.

Des Himmels Königin, für die in Liebe

Ich ganz entbrenne, wird uns Gnade spenden,

Dieweil ich Bernhard, ihr Getreuer, bin. –

Wie wer von fernher, etwa von Kroatien,

Gekommen die Veronica zu sehn,

Sich ob des alten Rufes nimmer satt sieht,

Und während sie gezeigt wird, bei sich sagt:

Mein Heiland, Jesus Christus, wahrer Gott,

So war dein Antlitz also denn gestaltet?

So war mir, als ich die lebend’ge Liebe

Des Mannes ansah, der in dieser Welt

In frommem Schau’n den Frieden jener schmeckte.

O Sohn der Gnade, dieses heitre Sein,

Also begann er, wirst du nicht erkennen,

Wenn nur an diesem Grund dein Auge haftet.

Blick auf denn zu den Kreisen bis zum fernsten,

So daß die Königin du sitzen siehst,

Der in Verehrung untertan dies Reich ist. –

Ich schlug die Augen auf, und wie am Morgen

Was von dem Horizont gen Aufgang liegt,

Des Niederganges Gegend überstrahlt,

So sah ich, wie vom Tal zu Berg die Augen

Erhebend, einen Teil des obren Randes

An Helligkeit des Kreises Rest besiegen.

Und wie’s am hellsten da ist, wo der Deichsel,

Die übel Phaëthon gelenkt, man wartet,

Indessen rechts und links das Licht sich mindert,

So sah ich jene Friedens-Oriflamme

Am hellsten mitten, und zu beiden Seiten

Die Flamme gleicher Weise sich vermindern.

Um jene Mitte sah ich tausend Engel

Und mehr mit ausgespanntem Fittig jubeln;

Verschieden war an Glanz und Weise jeder.

Zu ihren Spielen sah, zu ihren Liedern

Ich eine Schönheit lächeln, welche Wonne

Den Augen all der Heiligen gewährte.

Und gliche meiner Rede Reichtum dem

Der Phantasie, so wagt’ ich dennoch nimmer,

Von ihrem Reiz das Mindeste zu schildern.

Als Bernhard meine Augen auf die Glut

Der eignen Wärme fest gerichtet sah,

Wandt’ er die seinigen mit solcher Inbrunst

Zu ihr, daß ich im Schau’n noch mehr entbrannte.

Zweiunddreißigster Gesang

Das Lehramt übernahm freiwillig dieser

Beschauer, noch versenkt in seine Wonne,

Und er begann mit diesen heil’gen Worten:

Die Wunde, die Maria schloß und salbte,

Schlug und vergiftete die du an Schönheit

So reich zu ihren Füßen sitzen siehst.

Es folgt dann in der dritten Sitze Ordnung

Grad’ unter jener, und, wie du gewahr wirst,

Zu Beatrice’s Seite sitzend, Rahel.

Steigst du von Stufe dann zu Stufe nieder,

Wie ich von einem Rosenblatt zum andren

Die Namen nenne, kannst du Sarah, Judith,

Rebecca und des Sängers Ältermutter

Erkennen, der im Schmerz ob seiner Sünden,

O Herr, erbarme meiner dich! gesprochen.

Und von der siebenten der Stufen nieder,

Wie bis zu ihr, sind nur Hebräerinnen,

Die dieser Blume Lockenbau zerteilen,

Indem, je nach der Art, in der der Glaube

Auf Christum blickte, sie die Mauer bilden,

Die diese heil’gen Stufen unterscheidet.

Auf dieser Seite, wo in allen Blättern

Die Blume reif ist, fanden ihren Platz

Die an den Christus der Verheißung glaubten.

Zur andren, wo von Lücken unterbrochen

Die Plätze sind, verweilen, die die Blicke

Dem schon gekommnen Christus zugewendet.

Und so wie diesseits der erhabene Sitz

Der Himmelsherrin, und die andren Stühle

Grad’ unter ihrem, solche Scheidung bilden,

So tut es jenseits der des großen Täufers,

Der, immer heilig, Wüst und Martertod

Und dann zwei Jahre lang die Höll’ erduldet.

Und unter ihm bewirken diese Scheidung

Franciscus, Benedict und Augustinus

Und andre bis hierher von Kreis zu Kreise.

Sieh nun die Höhe göttlicher Voraussicht,

Da die und jene Art des gläub’gen Schauens

Gleichmäßig diesen Garten füllen wird.

Vernimm auch, daß von jener Stufe abwärts,

Die die zwei Scheidewänd’ inmitten schneidet,

Man nicht aus eignem, sondern nur aus fremdem

Verdienst bedingungsweise Platz gewinnt;

Denn frei vom Körper wurden all’ die Seelen,

Eh’ zwischen Bös’ und Gut sie wählen konnten.

Erkennen kannst du’s wohl an ihren Zügen

Und ebenso auch an den Kinderstimmen,

Betrachtest du sie recht und hörst auf sie.

Nun zweifelst du, und trotz des Zweifels schweigst du;

Doch will den festen Knoten ich dir lösen,

In den dein Denken grübelnd dich verstrickte.

In dieses Reiches schrankenloser Weite

Ist für Zufälliges kein Raum zu finden,

So wenig als für Trauer, Durst und Hunger.

Denn, was du siehst, durch ewiges Gesetz

Ward es vorherbestimmt, darum entspricht es

Genau einander, wie der Ring dem Finger.

So ist auch diese, zu dem wahren Leben

Früh abgerufne, Schar nicht ohne Ursach

Hier an Vollendung unter sich verschieden.

Der hohe König, der dies Reich befriedet

Mit solcher Liebesfüll’ und solcher Wonne,

Daß höher sich kein Wünschen je vermaß,

Begabt, indem vor seinem heitren Antlitz

Er sie erschafft, verschiedentlich die Seelen

Mit Gnaden; daß es also sei, genüge.

Ausdrücklich sagt euch dies mit klaren Worten

Die heil’ge Schrift, der Zwillinge gedenkend,

Die in der Mutter Schoß einander zürnten.

Darum bekränzen sich, je nach der Färbung

Der Haare solche Gnade, diese Seelen

Der Würdigkeit gemäß mit höchstem Lichte.

So sind denn ohne sittliches Verdienst

Verschiedne Plätze ihnen angewiesen;

Doch ungleich ist nur ihre erste Sehkraft.

In frühesten Jahrhunderten genügte,

Damit man Heil erlange, neben eigner

Unschuld, daß nur die Eltern gläubig waren.

Als abgelaufen war der erste Zeitraum,

Da mußte dem unschuldigen Gefieder

Beschneidung neue Kraft zum Fliegen leihn.

Doch als gekommen war die Zeit der Gnade,

Ward solche Unschuld, hatte Christi Taufe

Sie nicht empfangen, drunten festgehalten.

Nun schaue in das Antlitz, welches Christo

Am meisten gleich; denn seine Klarheit nur

Kann dich bereiten, Christum selbst zu schauen. –

Und regnen sah auf sie ich soviel Freude,

Gehegt in jenen heil’gen Geistern, welche

Geschaffen wurden zu so hohem Fluge,

Daß, was ich auch bis dahin wahrgenommen

Mit solchem Staunen nimmer mich befangen

Und mir solch Gottes Abbild nicht gezeigt.

Und es entfaltete vor ihr die Flügel

»Ave Maria, gnadenvolle«, singend

Die Liebe, die zuerst dorthin herabstieg.

Darauf erwiderte von allen Seiten

Den göttlichen Gesang der Hof der Sel’gen,

So daß sich jedes Antlitz drob verklärte.

O heil’ger Vater, der du meinetwillen

Hier unten weilst, den süßen Ort verlassend,

Den du nach ewiger Bestimmung einnimmst,

Wer ist der Engel, der mit solchem Spiele

Der Himmelskönigin in’s Auge schaut,

So liebeglühend, daß er Feuer scheint? –

Belehrung sucht’ ich so bei dessen Kunde,

Der sich verschönte an Maria’s Anblick,

Wie an der Sonne tut der Morgenstern.

Und er zu mir: In ihm ist soviel Kühnheit

Und Anmut, als in Engel oder Seele

Nur immer sein kann, und so wünschen wir’s.

Ist er es doch, der zu Marie’n hernieder

Die Palme brachte, als sich Gottes Sohn

Mit unsrer Sünden Last beladen wollte.

Nun aber folge, wie ich reden werde,

Mit deinem Blick, und merke die Patrizier

Von diesem frommen und gerechten Reiche.

Die Zwei dort oben, deren Glück das höchste,

Weil sie der Königin am nächsten sitzen,

Sind gleichsam die zwei Wurzeln dieser Rose.

Der dort zur linken Seite sich ihr anfügt

Ist jener Vater, deß verwegnes Schmecken

Das menschliche Geschlecht so bitter nachschmeckt.

Zur rechten Seite sieh den alten Vater

Der heil’gen Kirche, dem die Schlüssel Christus

Zu dieser schönen Blume anempfahl.

Und der, bevor er starb, die schweren Zeiten

Der schönen Braut, die mit den Nägeln und

Dem Speer erworben wurde, alle sah,

Sitzt neben ihm, wie neben jenem andren

Des Führers Sitz ist, unter dem von Manna

Das störrig undankbare Volk gelebt.

Sieh Petrus gegenüber Anna sitzen,

Die in der Tochter Anschaun so beglückt ist,

Daß auch beim Hosianna sie nicht wegsieht.

Der Stammeshäupter ält’stem gegenüber

Siehst du Lucìa, welche deine Herrin,

Als fliehend du die Wimpern senktest, sandte.

Weil aber deines Schlummers Zeit entflieht,

So halt ich ein, wie ein bedächt’ger Schneider,

Je nach dem Tuche, das er hat, den Rock macht.

So woll’n die Augen denn zur ersten Liebe

Wir richten, daß im Dorthinschauen du

In ihren Glanz soviel als möglich dringest.

Doch wahrlich, soll dein Flügelschlagen rückwärts,

Statt vorwärts, wie du wähntest, dich nicht bringen,

So muß Gebet erst Gnade dir erwirken:

Die Gnade deren, die zu helfen Kraft hat.

So folge mir denn mit der rechten Inbrunst,

Daß sich dein Herz von meinem Wort nicht trenne. –

Und dieses heilige Gebet begann er:

Dreiunddreißigster Gesang

O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes,

Demütigste und höchste der Erschaffnen,

Vorherbestimmtes Ziel vom ew’gen Ratschluß.

Du bist es, die die menschliche Natur

So hoch geadelt, daß ihr eigner Schöpfer

Es nicht verschmäht, in ihr Geschöpf zu werden.

In deinem Schoß entflammte neu die Liebe,

Durch deren Wärme hier im ew’gen Frieden

Sich diese Blume also hat entfaltet.

Der Liebe mittagshelle Fackel bist du

Hier oben uns; den Sterblichen dort unten

Bist du der Hoffnung lebensvolle Quelle.

Solch’ hohe Herrin bist, soviel vermagst du,

Daß wer nach Gnade sucht und dich nicht anruft,

Des Wünschen möchte fliegen ohne Flügel.

Doch Hilfe leistet deine Huld nicht nur

Dem, der dich bittet; oftmals eilt freiwillig

Der Bitte des Bedürft’gen sie voraus.

In dir ist Mitleid und in dir Erbarmen,

In dir ist Großmut, ja, in dir vereint sich

Was immer im Geschöpfe ist an Güte.

Nun bittet dieser, der der Geister Leben,

Beginnend von des Weltalls tiefster Lache,

Bis hierher, alle, eines nach dem andren,

Gesehn hat, daß aus Gnaden du die Kraft

Ihm spendest, höher noch mit seinen Augen,

Bis zu dem letzten Heil sich zu erheben.

Ich, der für eignes Schau’n nie mehr entbrannte,

Als jetzt für seines, bringe meine Bitten

Dir alle dar, und flehe, daß sie g’nügen,

Auf daß du ihn durch deine Bitten losmachst

Von jeder Wolke seiner Sterblichkeit,

Und sich die höchste Wonne ihm entfalte.

Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du alles

Vermagst was du nur willst, daß du gesund ihm

Nach solchem Schau’n die Neigungen bewahrest.

Menschliche Regung zügle deine Obhut,

Sieh’, wie Beatrix und die Sel’gen alle

Zu dem, was ich erbat, die Hände falten. –

Die Augen, welche teuer Gott und lieb sind,

Bewiesen uns, fest an dem Redner haftend,

Wie ihr willkommen sind andächt’ge Bitten.

Zum ew’gen Lichte wandten sie sich dann,

Zu dem den Blick, wie uns zu glauben obliegt,

Nie ein Geschöpf mit gleicher Klarheit wandte.

Ich aber, der dem Ende alles Sehnens

Mich nahte, fühlte des Verlangens Glut

Gebührend nun in mir zu Ende gehn.

Da winkte mir mit einem Lächeln Bernhard,

Daß ich nach oben blicke; doch schon hatt’ ich

Von selbst getan, was er von mir verlangte.

Denn meine Sehkraft, wie sie lautrer wurde,

Drang in den Strahl des hohen Lichtes tiefer

Und tiefer ein, das an sich selber wahr ist.

Und größer wurde, als die Rede kündet,

Die diesem Anblick weicht, nunmehr mein Schauen,

Und solchem Übermaß folgt kein Gedächtnis.

Wie einer, der im Traum Gesichte sieht,

Und nach dem Traum bleibt die dadurch geweckte

Erregung, doch des Traumes Bilder schwanden,

Also bin ich, da mein Gesicht fast ganz mir

Entschwunden ist, indes die Süße noch,

Die von ihm herstammt, mir im Herzen träufelt.

Also vergeht der Schnee am Strahl der Sonne,

Also verloren sich auf leichten Blättern

Beim Windeswehn die Sprüche der Sibylle.

O höchstes Licht, das über menschlichem

Verständnis du so hoch schwebst, leihe meinem

Gedächtnis dessen etwas, das du schienest.

Gewähre meiner Zunge solche Kraft,

Daß einen Funken sie von deinem Ruhme

Dem künftigen Geschlecht verlassen könne;

Denn mehr wird man von deinem Sieg begreifen,

Wenn etwas wiederkehrt in mein Gedächtnis

Und diese Vers’ ein wenig davon künden.

Die Schärfe des lebend’gen Strahles, den

Ich aushielt, hätte, glaub’ ich, mich geblendet,

Wenn abgewandt von ihm den Blick ich hätte.

Das aber weiß ich, daß infolgedessen

Ich kühner ward, so daß mit meinen Augen

Die Kraft ich, die unendlich ist, erreichte.

O Gnadenüberfluß, durch den ich’s wagte,

In’s ew’ge Licht mein Schauen zu versenken,

So daß ich meine Sehkraft drin erschöpfte!

In seiner Tiefe sah ich verdreieinigt

Und durch die Lieb’ in einen Band gefaßt,

Was sich im Weltall auseinanderblättert.

Zufall und Wesenheit und ihr Verhalten

Sah wie verschmolzen ich in solcher Weise,

Daß was ich sage nur ein Schimmer ist.

Ich glaub’, ich habe dieses Knotens Grundform

Geschaut, denn noch, indem ich davon rede,

Fühl’ ich in weitrem Maße meine Freude.

Doch ward ein Augenblick mir größrer Schlaftrunk.

Als drittehalb Jahrtausende dem Wagnis,

Bei dem Neptun ob Argo’s Schatten staunte.

Ganz hingerissen schaute so mein Geist

Aufmerksam, unbeweglich und gebunden,

Und immer mehr entbrannte er im Schauen.

Von solcher Art ist dieses Lichtes Wirkung,

Daß sich von ihm zu andrem Schau’n zu wenden

Aus freiem Willen nimmer möglich ist,

Indem das Heil, das jedes Willens Ziel ist,

In ihm sich einigt, und was außer ihm

Nur mangelhaft, in ihm vollkommen ist.

Hinfort wird auch für das, des mir gedenket,

Wortkarger meine Rede, als des Kindes,

Das an der Brust die Zunge netzet, sein.

Nicht als ob mehr denn nur ein einfach Bild

In dem lebend’gen Licht sei das ich schaute,

Nein, unverändert ist es, wie es war;

Doch weil im Schau’n mein Auge neue Kraft fand,

So schien die in sich einige Erscheinung

Wie ich mich wandelte, sich selbst zu wandeln.

Ich sah in dieses hohen Lichtes tiefer

Und heller Wesenheit drei Kreise schimmern,

An Farbe dreifach, doch nur eines Umfangs.

Der zweite schien ein Spiegelbild des ersten,

Wie eine Iris von der andren; Feuer,

Gleich ausgestrahlt von beiden, schien der dritte.

Wie dürftig ist die Sprache doch für meinen

Gedanken, und er selbst, mit dem verglichen,

Was ich geschau’t, wie ist er mehr als winzig.

O ew’ges Licht, das du in dir nur ruhest,

Allein dich selbst erkennst, und dich, erkannt

Sowie erkennend, liebest und dir lächelst!

Das Kreisen, das mir dreifach aufgefaßt

Erschienen war, es dünkte, wie ein Spiegel,

Als meine Augen länger es betrachtet,

In seinem Innern mit den eignen Farben

Mir unsres Angesichtes Bild zu zeigen,

Weshalb mein Schau’n ich völlig drin versenkte.

Dem Geometer, der sich ganz vertieft,

Den Kreis zu messen, und, wie sehr er sinne,

Den Grundsatz dessen er bedarf nicht findet,

War ich vergleichbar bei dem neuen Anblick.

Wie mit dem Kreise jenes Bild sich einigt,

Und wo sein Platz drin ist, wollt’ ich erkennen;

Doch nicht vermochten das die eignen Flügel.

Da wurde plötzlich, wie von einem Blitze,

Mein Geist durchzuckt und das Ersehnte kam.

Hier schwand die Kraft der hohen Phantasie;

Doch schon bewegte Willen und Verlangen

Mir, wie ein gleichbewegtes Rad, die Liebe,

Die kreisen macht die Sonne wie die Sterne.

Ende.

Samuel Taylor Coleridge – Der alte Matrose

Samuel Taylor Coleridge

Der alte Matrose

(The Rime of the Ancyent Marinere)

Einen alten Seemann gibt’s,1

der hält / Von Dreien einen an.

›Was will dein glühend Aug’

Von mir, / Graubärt’ger alter Mann?

Macht Hochzeit doch der Bräutigam;

Nah sind verwandt wir beide!

Das Fest beginnt: versammelt sind

Die Gäste; ringsum Freude!‹

Er hält ihn mit der dürren Hand:

»War stattlich einst und groß

Ein Schiff« – ›Laß los, du alter Narr!‹

Stracks ließ die Hand er los.

Er hält ihn mit dem glühen Blick;2

Der Hochzeitsgast steht stille

Und horcht ihm wie ein kleines Kind:

So war’s des Seemanns Wille.

Setzt sich auf einen Stein der Gast;

Er kann nicht von der Stelle.

Und so begann der alte Mann,

Der graue Schiffsgeselle:

»Die Anker hoch, die Barke flog,3

Frisch ging es durch die Bai,

Vorbei die Kirch’, vorbei den Berg,

Den Feuerturm vorbei.

Die Sonn’ erhob sich aus der See;

Zur Linken ging sie auf.

Und sie schien hell, senkt’ in die Well’

Zur Rechten dann den Lauf.

Und höher, höher jeden Tag,

Bis mittags überm Mast –«

Da tönt von ferne das Fagott:

Vom Sitz fährt auf der Gast.

Die Braut betritt den Hochzeitssaal!4

Rot wie ‘ne Ros’ ist sie;

Und vor ihr gehn mit nickendem Haupt

Die lustigen Musici.

Der Hochzeitsgast fährt auf in Hast,

Er kann nicht von der Stelle.

Und so sprach dann der alte Mann,

Der graue Schiffsgeselle:

»Da kam der Sturmwind; der war stark,5

Und groß war seine Wut,

Und seine Schwingen trieben uns

Fern nach des Südens Flut.

Das Bugspriet tief, die Masten schief,

Wie wer, verfolgt mit raschem Schritt,

Noch seines Feindes Schatten tritt,

Mit vorgebeugtem Haupt:

So auf gut Glück stürmte die Brigg

Südwärts, vom Nord umschnaubt.

Und Schnee und Nebel kamen jetzt,

Die haben’s kalt gemacht,

Und mastenhoch vorüberzog

Eis, grünlich wie Smaragd.

Und trüben Schein durchs Eis herein6

Warf eine schnee’ge Spalte:

Nichts sahen wir, nicht Mensch noch Tier –

Die Treibeismauer hallte.

Das Eis war hier, das Eis war dort,

Das Eis war überall;

Es türmte sich, und fürchterlich

Dröhnt’ übers Meer sein Schall.

Doch endlich schoß ein Albatros7

Durch Nebel und durch Regen;

Als wär’s ‘ne Christenseel’, so tönt

Ihm unser Gruß entgegen.

Der Vogel fraß aus unsrer Hand,

Flog auf dem Deck umher;

Das Eis zerbrach mit dumpfem Krach:

Wir sind auf offnem Meer!

Ein guter Südwind tut sich auf;8

Hoch folgt uns durch die Luft

Der Vogel treu und schwebt herbei,

Wenn der Matrose ruft.

Auf Tau und Mast, da hält er Rast

Der wolk’gen Nächte neun,

Und alle Nacht durch Nebel lacht

Des Mondes weißer Schein. –

Vor bösen Geistern schütz’ dich Gott,9

Du alter Schiffsgenoß!

Was stierst du? – mit der Armbrust mein

Schoß ich den Albatros!

Die Sonn’ erhob sich aus der See,

Ging nun zur Rechten auf;

Von Nebeln noch verschleiert, senkt’

Sie links ins Meer den Lauf.

Und der gute Südwind blieb am Wehn;

Doch nicht folgt durch die Luft

Der Vogel treu und schwebt herbei,

Wenn der Matrose ruft.

Ich hatt’ ein übel Ding getan;10

Das brachte nimmer Segen.

Sie sagten: Kühn erschlugst du ihn,

Der sich den Süd ließ regen!

Sie alle sprechen: Welch ein Verbrechen,

Der sich den Süd ließ regen!

Herrlich, wie Gottes eignes Haupt,11

Ging auf die Sonn’ und lachte!

Sie sagten: Kühn erschlugst du ihn,

Der uns den Nebel brachte!

Den Vogel traf gerechte Straf’,

Der uns den Nebel brachte!

Der Wind bläst gut, weiß schäumt die Flut;12

Wir furchen rasch die Wogen.

Wir waren sicher die ersten Schiffer,

Die diese See durchzogen.

Der Wind läßt nach! Rings hangen schlaff13

Die Segel an den Raa’n;

Nur sprechen alle, daß etwas schalle

Doch auf dem Ozean.

Am heißen Kupferfirmament,

Hoch überm Maste, thront

Die glut’ge Sonn’ zur Mittagszeit,

Nicht größer als der Mond.

Wir lagen Tage, Tage lang;

Kein Lüftchen rings umher!

Wie ein gemaltes Schiff, so träg,

Auf einem gemalten Meer.

Wasser, Wasser überall!14

Doch jede Fuge klafft;

Wasser, Wasser überall!

Nur was zu trinken schafft!

Die Tiefe selbst verfaulte, – Gott

Im Himmel, gib uns Mut!

Schlammtiere krabbeln zahllos rings

Auf schlamm’ger Moderflut.

Und jede Nacht sahn wirbelnd wir

Die Totenfeuer glühn;

Wie Hexenöl, so flackerte

Die Flut blau, weiß und grün.

Und manchem sagt’ im Traum der Geist,15

Der uns gesandt solch Weh:

Neun Faden tief verfolg’ er uns

Von jenes Landes Schnee.

Und jede Zunge war verdorrt,

War trocken bis zum Schlunde;

Wir konnten all’ nicht sprechen, grad

Als wär’ uns Ruß im Munde.

Und Alt und Jung mit finsterm Blick16

Kam auf mich zugegangen;

Den Albatros, den ich erschoß,

Hat man mir umgehangen.

Und lange Zeit verfloß. Verdorrt17

War jeder Gaum’. Wie Glas

Die Augen! Lange, lange Zeit!

Die Augen all’ wie Glas!

Da blickt’ ich westwärts – schau! da sah

Am Horizont ich was!

Zuerst war es ein kleiner Fleck!

Der ward zum Nebel bald

Und regte und bewegte sich

Und wurde zur Gestalt.

Ein Fleck, ein Nebel, dann Gestalt,

Und näher kommt es stets;

Als neckt’ es einen Wassergeist,

So schießt es und so dreht’s.

Mit trocknem Gaum’, die Lippen kaum18

Noch rot stehn wir; kein Laut

Erschallt – sind stumm; hin ist der Mut!

Da biß den Arm ich, saugte Blut

Und rief: Ein Segel! schaut!

Mit trocknem Gaum’, die Lippen kaum19

Noch rot, sehn sie mein Winken;

Vor Freude weinte Groß und Klein,

Und alles zog den Atem ein,

Als ob sie wollten trinken.

Seht! rief ich, seht! es dreht nicht mehr!20

Es naht uns, bringt uns Heil!

Und ohne Flut und ohne Wind

Schwimmt’s auf uns zu in Eil.

Des Westens Flut war eine Glut;

Der Tag war bald verronnen!

Und sinkend ruht auf Westens Flut

Das breite Rund der Sonnen!

Und die Gestalt stellt zwischen uns

Sich und das Rund der Sonnen.

Und schwarze Streifen treten stracks21

Vor des Ozeans goldne Braut;

Und glüh’nd, wie durch ein Kerkertor,

Ihr brennend Antlitz schaut.

Ach, dacht’ ich, und mein Herz schlug laut,

Denn näher kam es immer;

Das seine Segel, blitzend hell

Wie Mettenfädenschimmer?

Das seine Rippen, so die Sonn’22

Durchscheint so feuerrot?

Und ist nur jenes Weib an Bord?

Ist das ein Tod? sind zweie dort?

Ist ihr Gemahl der Tod?

Rot ist ihr Mund; frei her sie schaut;

Ihr Haupthaar golden wallt;

Weiß ist, wie Aussatz, ihre Haut!

Die Nachtmahr ist’s, die Totenbraut,

Macht Menschenblut so kalt!

Der Schiffsrumpf kommt, legt Bord an Bord;23

Da würfelten die Zwei.

Der Würfel fiel! Gewonnen Spiel!

Spricht sie und pfeift dabei.

Die Sonne sinkt, die Sterne glühn,24

Die Nacht kommt stracks heran;

Mit leisem Flüstern übers Meer

Schießt fort der Geisterkahn.

Wir horchen, sehn ihn seitwärts fliehn;

Die Furcht aus meinem Herren schien

Das Lebensblut zu trinken.

Die Nacht dick, trüb der Sterne Kreis;

Des Steurers Antlitz stier und weiß

Bei seiner Lamp’; – es sinken

Vom Segel Tropfen Taues; fern

Im Osten steht der Mond, ein Stern

Schimmernd zu seiner Linken.

Und alle, bei des Mondes Schein,25

Mit stierem, gräßlichem Blick

Sehn grinsend mich und klagend an:

Mir flucht ihr Schmerzensblick!

Viermal fünfzig Menschen wohl,

Sie sinken leblos nieder.

Sie stöhnen nicht, sie seufzen nicht.

Aufstehn sie nimmer wieder.

Die Seelen fliehn der Leiber Haft;26

Glück harrt auf sie und Grausen;

Und jede mir vorüberschwirrt,

Wie meiner Armbrust Sausen.«

›Ich fürcht’ dich, alter Schiffsgesell,27

Fürcht’ deine dürre Hand,

Und du bist lang und schlank und braun,

Wie des Meers gerippter Sand!

Ich fürcht’ dich und dein glühes Aug’!28

Ich fürchte dich so sehr! –‹

»Fürcht nicht, fürcht nicht, du Hochzeitsgast!

Ich starb nicht auf dem Meer!

Allein, allein und ganz allein

Auf weiter, weiter See!

Nicht lindert meine Todesangst

Ein Heil’ger in der Höh’!

So viele Menschen, schön und stark!29

Und keiner rührte sich!

Und tausend Tier’ im Moderschlamm,

Sie lebten; und auch ich!

Ich blickte auf die faule See30

Und wandte die Augen fort!

Ich blickte auf das faule Deck;

Die Toten lagen dort!

Ich blick’ empor; will beten dann;

Doch meiner Lipp’ mit Stocken

Entfließt nur gottlos Flüstern, macht

Mein Herz wie Staub so trocken.

Ich schließ’ das Aug’; gleich Pulsen pocht

Des Auges Stern beim Schließen;

Des Himmels Höh’, die blaue See

Tut lastend meinen Augen weh,

Und die Toten mir zu Füßen!

Auf ihren Gliedern kalter Schweiß;31

Nicht faul ward ihr Gebein.

Und immer sah ihr Aug’ mich an

Mit geisterhaftem Schein.

Zur Hölle schleppen kann der Fluch,

Den eine Waise spricht;

Doch schreckenvoller ist der Fluch

Auf Toter Angesicht;

Ich sah ihn sieben Tage lang,

Doch sterben konnt’ ich nicht.

Und wiederum ging auf der Mond,32

Zur Seit’ ihm wen’ge Sterne;

Er schwebte klar und mildiglich

Durch die blaue Himmelsferne.

Sein Strahl beschien die schwüle Flut,

Als ob sie Reif bedeckte;

Doch, wo des Schiffes Schatten lag,

Da, vor wie nach, so Nacht wie Tag,

Die rote Flamme leckte.

Und in des Schiffes Schatten sah33

Ich große Wasserschlangen;

Sie schlängeln sich in weißer Spur;

Wenn sie sich bäumen, sind sie nur

Mit flockigem Feu’r umhangen.

Und in des Schiffes Schatten gern

Sah ich ihr blitzend Fell,

Wie Sammet schwarz und blau und grün;

Sie schwimmen her, sie schwimmen hin,

Die Spur wie Gold so hell.

O, glücklich ihr; wie schön ihr seid,34

Sagt eine Zunge nie!

Und Liebe quoll im Busen mir,

Und glücklich pries ich sie;35

Mein Heiliger erbarmte sich,

Und glücklich pries ich sie.

Zur Stunde konnt’ ich beten dann!36

Von meinem Halse frei

Fiel da der Albatros und sank

Ins Meer, so schwer wie Blei.

O Schlaf, du bist so süß, so süß!

Geliebt von Pol zu Pol!

Maria! dir sei Preis und Dank,

Daß Schlaf auf meine Wimpern sank!

Du gabst ihn mir ja wohl!

Mir träumte: Alle Eimer rings37

Auf des Verdeckes Feld,

Sie wären kühlen Taues voll.

Wach werd’ ich – Regen fällt!

Die Lippen naß, der Gaumen naß,

Die Kleider – wahr ist’s doch!

Im Traume trank ich sicherlich,

Und trinke, trinke noch.

Ich geh’ und fühl’ die Glieder kaum!

Heb’ mich so leicht empor!

Bin ich im Schlaf gestorben denn

Und in der Sel’gen Chor?

Und einen Wind drauf hört’ ich wehn,38

Doch ferne blieb sein Brausen!

Die Raa’n und Taue regen sich,

Die dürren Segel sausen.

Lebendig wird die obre Luft,

Und Feuerflaggen zischen.

Sie zischen auf und ab, voll Graus,

Und aus und ein, und ein und aus;

Die Sterne glühn dazwischen.

Und näher drauf erbraust der Wind;

Wie Binsen seufzen welk

Die Segel; Regen strömt herab

Aus donnerndem Gewölk.

Geborsten klafft’s mit weitem Spalt,

Des Mondes finstrer Sitz;

Und wie ein Fluß in Tales Schoß

Vom Felsen stürzt, fällt zackenlos

Ein Glutstrom Blitz auf Blitz.

Nicht kommt der laute Wind ans Schiff!39

Doch vorwärts geht es immer;

Die toten Menschen stöhnen dumpf

Bei des Blitzes fahlem Schimmer.

Sie stöhnen, regen, heben sich,

Doch blicken, reden nicht!

Wie seltsam, Tote leben sehn,

Selbst wär’s ein Traumgesicht!

Und weiter zieht das Schiff, bewegt

Von keines Windes Kraft;

Die Mannschaft klimmt im Takelwerk,

Treibt, was sie sonst geschafft.

Sie regen gleich Maschinen sich;

O, schrecklich, schauderhaft!

Der Leib von meines Bruders Sohn,

Knie an Knie, stand neben mir dort;

Wir zogen beid’ an einem Seil,

Doch sagt’ er mir kein Wort. –«

›Ich fürcht’ dich, alter Schiffsgesell! –‹40

»Gast, ruhig immerdar! –

Denn nicht Verdammter Seele nahm

Den Körper wieder ein; nur kam

Beglückter Geister Schar!

Beim Morgengraun sinkt schlaff ihr Arm;

Den Mast umringen sie;

Und von der Toten Lippen süß

Tönt Himmelsmelodie.

Die Töne ziehn zur Sonn’ empor,

Die licht im Osten flammt;

Dann kehren langsam sie zurück

Bald einzeln, bald gesamt.

Bald war es mir, als zwitscherte

Die Lerche auf dem Meer;

Dann glaubt’ ich, alle Vögelein,

Die es nur gibt, so groß wie klein,

Sie sängen rings umher.

Jetzt klingt es süß wie Flötenlaut,

Jetzt wie Orchesterrauschen;

Jetzt ist es eines Engels Lied,

Dem selbst die Himmel lauschen.

Es schweigt; doch tönt das Segelwerk

Bis Mittag säuselnd nach,

Wie in dem laub’gen Junimond

Ein grasversteckter Bach,

Der die ganze Nacht dem schlafenden Wald

Ein Lied singt, selbst noch wach.

Und ruhig segelte das Schiff –

Kein Lüftchen trieb’s im Lauf –

Bis Mittag, denn getrieben ward’s,

Bewegt von unten auf.

Neun Faden tief wohl unterm Kiel41

Vom Schnee- und Nebelland

Folgt uns der Geist und treibt das Schiff

Mit unsichtbarer Hand;

Das Schiff steht still; bis Mittag nur

Säuselt die Leinewand!

Die Sonne, lotrecht überm Mast,

Schaut meerwärts ohne Regung;

Doch plötzlich rührt und regt sie sich

Mit zitternder Bewegung;

Schießt vorwärts, rückwärts unruhvoll

Mit zitternder Bewegung.

Dann plötzlich, wie ein scheuend Roß,

Prallt sie zur Seite wieder!

Das Blut schoß mir ins Angesicht:

In Ohnmacht sank ich nieder.

Ich weiß es nicht, wie lang ich dort

Gelegen ohne Leben;

Doch, als noch Dunkel mich umzog,

Da hört’ ich in den Lüften hoch

Zwei Stimmen sich erheben.

Sagt eine: Sprich, bei Christi Blut,42

Ist dies der Schiffsgenoß?

Harmlosen Vogels Herzblut trank

Sein grausam Pfeilgeschoß.

Der Geist im Schnee- und Nebelland

War hold dem Albatros,

Und auch der Vogel liebte den,

Der grausam ihn erschoß.

Die andre Stimm’ ist sanft und süß,

Wie Honigtau so süß;

Sie spricht: Der Mann tat Buße schon

Und büßt noch mehr gewiß!

Erste Stimme

Doch nun sprich weiter! rede fort,

Daß deine Stimm’ ich hör’!

Wer treibt gen Norden jenes Schiff?

Was macht das blaue Meer?

Zweite Stimme

Noch wie ein Sklav’ vor seinem Herrn

Liegt still der Ozean;

Mit seinem großen Auge sieht

Schweigend den Mond er an –

Ob er auch wisse, wohin er fließe;

Das Meer ja lenkt er immer!

Sieh, Bruder, sieh doch, wie das Meer

So milde grüßt sein Schimmer!

Erste Stimme

Doch wie eilt ohne Flut und Wind43

Das Schiff durchs blaue Meer?

Zweite Stimme

Die Lüfte schließen sich hinter ihm,

Sind vor ihm nimmermehr!

Fleuch, Bruder! kommen sonst zu spät!

Fleuch höher, höher, Lieber!

Nur träg zum Ziel schwimmt jener Kiel,

Wenn des Seemanns Traum vorüber.

Ich wurde wach; wir segelten,44

Nichts hemmte des Schiffes Lauf;

Die Nacht war still, der Mond stand hoch,

Die Toten standen zuhauf.

Die lägen besser auch im Sarg,

Umstehn mich allzumal

Und sehn mit glas’gem Aug’ mich an;

Drin blitzt des Mondes Strahl.

Der Fluch, mit dem sie starben, zuckt

Noch auf dem Angesicht;

Mein Auge sah das ihre an,

Doch beten konnt’ ich nicht.

Und wieder schaut’ ich hin aufs Meer,

Auf seine Flut, so grün;

Und spähete, doch sah ich nichts,

Als was ich sah vorhin.

Ich stand wie einer, dem im Wald

Auf dunklem Pfade graut;

Der immer, immer vorwärts eilt

Und nimmer rückwärts schaut;

Er weiß, ein Feind ist hinter ihm;

Sein Herz schlägt bang und laut.

Da rauschte Windeswehn mich an,45

Es wehte leise her;

Ich wußte nicht, woher es kam,

Nicht kräuselt’ es das Meer.

Es hob mein Haar; wie Lenzeshauch

Umspielt’ es meine Wangen.

Mir war so bang, doch kühlt’ es mich,

Als wollt’s mich froh empfangen.

Schnell wohl, schnell wohl flog das Schiff,

Und doch so sanft, so leicht!

Leise, leise blies der Wind –

Nur mich sein Wehn erreicht.

O Freudentraum! ist dies fürwahr46

Des Leuchtturms graue Wand?

Ist dies die Kirch’, ist dies der Berg?

Ist dies mein Heimatland?

Und schluchzend fleht’ ich, als wir nun

Durchsegelten den Hafen:

O, laß mich bald erwachen, Gott!

Sonst laß mich immer schlafen.

Hell war, wie Glas, des Hafens Bucht

Und klar die Flut des glatten;

Und auf der Bucht lag Mondenschein

Und auch des Mondes Schatten.

Der Fels schien hell, die Kirche hell,

Die sich auf ihm erhebt;

Der Mond beschien den Wetterhahn,

Der auf der Kirche schwebt.

Ein schweigend Licht umfloß die Bucht;47

Da hoben sich Gestalten!

Es waren Schatten allzumal;

Rot ihre Kleider wallten.

Nicht fern vom Gallione war’s,

Wo ich die Schatten sah;

Da schaut’ ich wieder aufs Verdeck –

O Gott, was sah ich da!

Am Boden flach lag jeder Leib,48

Und, bei des Kreuzes Zeichen!

Helleuchtend standen Seraphim

Rings auf den blassen Leichen.

Sie winken mir wohl für und für;

O himmlisches Gesicht!

Sie leuchten weit aufs Ufer hin,

Umstrahlt von süßem Licht.

Sie winken mir wohl für und für;

Sie sprechen nicht – o Lust!

Ihr Schweigen sinkt wie Melodie

Mir in die wunde Brust.

Und bald vernehm’ ich Ruderschlag;

Horch, des Piloten Gruß!

Von selber wendet sich mein Haupt –

Ein Boot an Schiffes Fuß!

Der Lotse und des Lotsen Sohn,

Die rühren sich im Boote;

Gott, welche Freude! großer Gott!

Die stören doch nicht Tote!

Ein dritter noch: der Siedler ist’s!

Horch, seine Stimme schallt!

Laut singt er seinen Lobgesang,

Den er gemacht im Wald.

Des Vogels rotes Blut wäscht er

Von meinen Händen bald.

Der Siedler lebt im grünen Wald,49

Im Walde dort am Meer.

Mit lauter Stimme lobt den Herrn

Sein Mund; mit Schiffern spricht er gern,

Die ferne kommen her.

Auf hartem Kissen kniet er nachts,

Am Mittag und am Morgen;

Das Kissen ist ein Eichenstumpf,

Der ganz in Moos verborgen.

Das Boot kommt nah, sie sprechen laut:

Beim Himmel, wunderbar!

Wo ist der Feuerzeichen Glut,

Die hell hier leuchtend war?

Der Siedler sagte: Seltsam, traun!50

Nicht tönt mit frohem Schall

Ihr Gruß zurück; die Planken dürr

Und dürr die Segel all;

Sie scheinen Laubgerippen gleich,

Die an des Bergstroms Fall

Runzlig um meine Klause wehn,

Wenn der Sturm am Brausen ist,

Wenn unterm Schnee die Waldung ächzt,

Wenn die Eul’ zu des Wolfes Heulen krächzt,

Der der Wölfin Junge frißt.

Der Lotse sagte: Wie das Schiff

So schrecklich uns ansieht!

Ich fürchte mich! – Frisch, rudre zu!

Sprach froh der Eremit.

Und näher, näher kam das Boot;

Still war ich, sprach kein Wort.

Das Boot kam dicht ans Schiff heran –

Da, welch ein Ton schallt dort!

Unter dem Wasser rollt es dumpf;51

Donnernd durchzieht’s die Bai;

Es kommt ans Schiff, es spaltet die Bucht;

Das Schiff geht unter wie Blei.

Vom fürchterlichen Schall betäubt,52

Dem Erd’ und Himmel krachen,

Trieb schwimmend auf den Wellen ich,

Starr, zwischen Schlaf und Wachen;

Drauf, wie im Traume, fand ich mich

In des Piloten Nachen.

Und auf dem Strudel, wo das Schiff

Versank, kreist ungestüm

Das Boot, verklungen ist der Ton;

Der Berg nur spricht von ihm.

Die Lippen rührt’ ich; der Pilot

Schrie auf und sank zurück;

Der fromme Siedler betete

Und hob empor den Blick.

Ich ruderte; des Lotsen Sohn –

Noch wandelt’ er im Wahn

Des Irrseins – lachte, sah mich stier

Mit wilden Augen an;

Ha, ha! sprach er, nun seh’ ich, wie

Der Teufel rudern kann!

Und jetzt in meinem Heimatland

Betret’ ich Strandes Höhn;

Der Siedler aus dem Nachen steigt,

Kann kaum noch aufrecht stehn.

Entsünd’ge mich! entsünd’ge mich!53

Trat ich den Siedler an.

Der schlug des Kreuzes Reichen erst:

Was bist du für ein Mann?

Da bebte Angst durch mein Gebein,

Angst, fürchterlich und groß;

Was mir begegnet, sagt’ ich ihm,

Da ließ die Angst mich los.

Und oft noch kehrt seit jener Zeit

Zurück die Angst, der Schmerz;

Eh’ ich das Gräßliche gesagt,

Brennt in mir dieses Herz.

Und wie die finstre schwarze Nacht54

Eil’ ich landaus, landein;

Und am Gesicht kenn’ ich den Mann,

Der meine Mär vernehmen kann;

Er muß mein Hörer sein.

Welch ein Tumult erhebt sich dort?

Die Gäste sind dort all’!

Und, horch! im Garten singt die Braut

Und ihre Mädchen all’!

Und, wieder horch! zum Beten ruft

Der Abendglocke Schall!

O Hochzeitsgast, ich war allein

Auf weiter, weiter See!

So einsam war’s, ich fühlte kaum

Des guten Gottes Näh’.

Und süßer, glaub, als Hochzeit ist’s,

Kann besser mir gefallen,

Kann ich an guter Leute Hand

Zu Gottes Kirche wallen!

Kann ich zu Gottes Kirche gehn

Zum brünstigen Gebet,

Wo alles, Kind und Mann und Greis,

Wo Jüngling, Mädchen, Ihm zum Preis,

Zu Ihm dem Vater fleht.

Leb wohl, leb wohl, du Hochzeitsgast!55

Doch dieses sag’ ich dir:

Der betet gut, wer Liebe hegt

Für Vogel, Mensch und Tier!

Der betet gut, wer Liebe hegt

Für alle, groß und klein!

Gott, der uns schuf, der liebt uns all’,

Will allen Vater sein.«

Der Seemann mit dem grauen Bart

Und mit dem hellen Blick,

Er geht; und auch der Hochzeitsgast

Kehrt ernst nach Haus zurück.

Er ging, wie ein Betäubter geht,

Als drückten schwer ihn Sorgen;

Ein ernst’rer Mann, ein weis’rer Mann

Erhob er sich am Morgen.

[Anmerkungen]

1 Ein alter Seemann begegnet dreien zu einer Hochzeit geladenen Gästen und hält deren einen an.

2 Der Hochzeitsgast wird durch das Auge des alten seefahrenden Mannes wie durch einen Zauber gefesselt und gezwungen, seine Geschichte zu vernehmen.

3 Der Seemann erzählt, wie das Schiff mit gutem Winde und schönem Wetter südwärts segelte, bis es die Linie erreichte.

4 Der Hochzeitsgast vernimmt die Festmusik; aber der Seemann fährt in seiner Geschichte fort.

5 Das Schiff durch einen Sturm gegen den Südpol getrieben.

6 Das Land des Eises und der schreckhaften Töne, wo kein lebendig Wesen zu schauen war.

7 Bis ein großer Seevogel, Albatros geheißen, durch den Schneesturm kam und mit großer Freude und Gastlichkeit empfangen ward.

8 Und siehe! der Albatros erweist sich als einen Vogel von guter Vorbedeutung und folgt dem Schiffe, da es durch Nebel und Treibeis nordwärts kehrt.

9 Der alte Seemann tötet ungastlich den frommen Vogel von guter Vorbedeutung.

10 Seine Genossen erheben sich gegen den alten Seemann, darum daß er den heilbringenden Vogel getötet hat.

11 Aber da der Nebel sich verzieht, rechtfertigen sie denselben, also seines Verbrechens sich teilhaftig machend.

12 Der Wind aber bleibt günstig; das Schiff tritt in den Stillen Ozean und segelt nordwärts, allzeit bis es die Linie erreicht.

13 Das Schiff wird plötzlich von einer Windstille befallen.

14 Und der Albatros fängt an gerächt zu werden.

15 Ein Geist war ihnen gefolgt, einer von den unsichtbaren Bewohnern dieses Planeten, so weder abgeschiedene Seelen noch Engel sind.

16 Die Genossen in ihrer schweren Trübsal möchten gerne die ganze Schuld auf den alten Matrosen werfen: zum Zeichen dessen hängen sie den toten Seevogel um seinen Hals.

17 Der alte Matrose sieht in weiter Entfernung ein Zeichen auf dem Wasser.

18 Und als es näher und näher kommt, scheint es ein Schiff zu sein; und um eine teure Lösung befreit er seine Sprache aus den Banden des Durstes.

19 Eine Freudenblitz

20 Aber Grausen folgt: denn kann das ein Schiff sein, was ohne Wind oder Flut herankommt?

21 Es scheint ihm nur das Gerippe eines Schiffes.

22 Und seine Rippen gleichen Gitterstäben vor dem Antlitz der untergehenden Sonne. Das Gespensterweib und ihr Totengenoss und niemand sonst an Bord des Skelettschiffes. Wie das Schiff, so die Mannschaft!

23 Tod und Nachtmahr würfeln um die Mannschaft des Schiffes, und sie (die letzte) gewinnt den alten Matrosen.

24 Kein Zwielicht in den Höfen der Sonne.

25 Beim Aufgehen des Mondes, einer nach dem anderen fallen seine Genossen tot nieder.

26 Aber Totenbraut beginnt ihr Werk an dem alten Matrosen.

27 Der Hochzeitsgast fürchtet, daß ein Geist zu ihm redet.

28 Aber der alte Matrose versichert ihn seines Leibeslebens und fährt fort, seine schreckliche Buße zu erzählen.

29 Er verachtet die Kreaturen der Windstille.

30 Und ist neidisch, daß sie leben, und so viele liegen tot.

31 Aber der Flucht lebt für ihn in den Augen der toten Männer.

32 In seiner Einsamkeit und seinem Starren sehnt er sich nach dem wandernden Monde und den Sternen, die da weilen und dennoch sich bewegen; allerwegen ist der Himmel ihr Eigentum und ihre bestimmte Ruhestatt, ihr Vaterland und ihre eigene natürliche Heimat, die sie ohne Meldung beziehen, gleich wie Herren, die man sicher erwartete, und ist doch eine geheime Freude bei ihrer Ankunft.

33 Beim Lichte des Mondes steht er Gottes Kreaturen der großen Windstille.

34 Ihre Schönheit und ihr Glück.

35 Er preist sie glücklich in seinem Herren.

36 Der Zauber fängt an, gebrochen zu werden.

37 Durch die Gnade der seligsten Jungfrau wird der alte Matrose mit Regen erfrischt.

38 Er hört Töne und sieht seltsame Geschichte und Bewegungen am Himmel und auf dem Wasser.

39 Die Leiber der Schiffsmannschaft werden beseelt, und das Schiff bewegt sich fort,

40 aber nicht durch die Seelen der Menschen, noch durch Dämonen der Erde oder mittleren Luft, sondern durch eine selige Schar englischer Geister, herabgesandt durch die Anrufung des Schutzheiligen.

41 Gehorsam der Engelschar, treibt der einsame Geist vom Südpol das Schiff bis an die Linie, fordert aber doch noch Rache.

42 Die Mitdämonen des Geistes vom Südpol, die unsichtbaren Bewohner des Elementes, nehmen teil an seiner Kränkung; und zwei von ihnen erzählen sich, der eine dem anderen, daß eine lange und schwere Buße für den alten Matrosen dem Geiste vom Pol bewilligt ist, welcher südwärts heimkehrt.

43 Der Matrose ist eine Verzückung entrückt gewesen; denn die englische Macht läßt das Schiff schneller nordwärts treiben, als Menschenleben ertragen könnte.

44 Der übernatürlichen Bewegung geschieht Einhalt; der Matrose erwacht und seine Buße beginnt von neuem.

45 Der Fluch ist endlich gesühnt.

46 Und der alte Matrose sieht sein Heimatland.

47 Die englischen Geister verlassen die toten Leichname.

48 Und erscheinen in ihren eigenen Lichtgestalten.

49 Der Siedler des Waldes.

50 Nähert sich dem Schiffe mit Verwunderung.

51 Das Schiff geht plötzlich unter.

52 Der alte Matrose wird in des Piloten Nachen gerettet.

53 Der alte Matrose bittet den Siedler ernstlich, ihn zu entsündigen, und es trifft ihn die Buße fürs Leben.

54 Denn immer und immer, durch sein ganzes künftiges Leben zwingt ihn eine innere Angst, von Land zu Land zu reisen.

55 Und, durch sein eigen Beispiel, Liebe und Ehrfurcht gegen alte Dinge zu lehren, die Gott gemacht hat und liebt.

Geoffrey Chaucer – Canterbury Tales

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Geoffrey Chaucer

Canterbury-Erzählungen

(Canterbury Tales)

Erster Theil

Der Prolog.

Vers 1–860.

Wenn milder Regen, den April uns schenkt,

Des Märzes Dürre bis zur Wurzel tränkt,

In alle Poren süßen Saft ergießt,

Durch dessen Wunderkraft die Blume sprießt;

Wenn, durch des Zephyrs süßen Hauch geweckt,

Sich Wald und Feld mit zartem Grün bedeckt;

Wenn in dem Widder halb den Lauf vollzogen,

Die junge Sonne hat am Himmelsbogen;

Wenn Melodieen kleine Vögel singen,

Die offnen Augs die ganze Nacht verbringen,

Weil sie Natur so übermüthig macht: –

Dann ist auf Wallfahrt Jedermann bedacht,

Und Pilger ziehn nach manchem fremden Strande

Zu fernen Heil’gen, die berühmt im Lande;

In England aber scheint von allen Enden

Nach Canterbury sich ihr Zug zu wenden,

Dem heil’gen Hülfespender aller Kranken,

Dem segensvollen Märtyrer zu danken.

Zu dieser Zeit geschah’s, als einen Tag

Zu Southwark ich im Tabard rastend lag

– Bereit mit andachtsvollem, frommem Sinn

Zur Pilgerfahrt nach Canterbury hin –

Daß Abends langte dort im Gasthof an

Wohl eine Schaar von neunundzwanzig Mann

Verschiednen Volkes, das durch Zufalls Spiel

Zusammenwarf das gleiche Wallfahrtsziel;

Nach Canterbury reiten wollten Alle.

Raum gab’s genug im Hause wie im Stalle

Und Jeder fand sein gutes Unterkommen.

Und kurz, als kaum die Sonne war verglommen,

Hatt’ ich gesprochen schon mit Jedermann

Und zur Genossenschaft zählt’ ich fortan.

Früh galt es aufzustehn, um mit den Andern

Des Weges zum besagten Ziel zu wandern.

Indessen, da mir Zeit und Raum nicht fehlt,

Und eh’ der weitere Verlauf erzählt,

So denk’ ich, daß es der Vernunft entspricht,

Wenn ich zunächst beginne den Bericht,

Wer sie und was sie waren und, soweit

Ich solches sehen konnte, wie das Kleid

Und was der Rang und Stand war eines Jeden.

Und drum vom Ritter will zuerst ich reden.

Es war ein Ritter da, ein würd’ger Mann,

Der, seit den ersten Kriegsritt er begann,

Von Herzen liebte Ritterthum und Streit

Und Freimuth, Ehre, Wahrheit, Höflichkeit,

Und tapfer focht im Dienste seines Herrn.

Geritten war wohl Keiner je so fern

Wie er in Christenland und Heidenthum,

Und überall gewann er Preis und Ruhm.

Bei der Erobrung Alexandrias

War er zugegen. Oft bei Tafel saß

Vor allem Volk er obenan in Preußen;

Gereist, wie er, bei Letten und bei Reussen

War kaum ein Christenmensch von seinem Stand.

Er war in Granada, als man berannt

Dort Algesir. Er ritt nach Belmarie

Und focht vor Layas und vor Satalie,

Als man sie einnahm; und im großen Meere

Bestand er manche Waffenthat mit Ehre.

In funfzehn blut’gen Schlachten focht der Ritter,

Bei Tramissene für den Glauben stritt er

In drei Turnieren und erschlug den Feind;

Wie mit Palathias Herrscher auch vereint

Der tapfre Ritter manchen Kampf bestand

Mit andern Heiden aus dem Türkenland.

Den höchsten Preis gewann er immerdar;

Und ob so würdig er, wie weise, war,

Betrug er sich doch sanft wie eine Maid.

Er sagte nimmer eine Schlechtigkeit

Zu irgend wem in seinem ganzen Leben.

Er war ein durchaus edler Ritter eben.

Um auch von seinem Anzug zu berichten:

Gut sah sein Pferd aus, doch er selbst mit Nichten.

Sein Wappenrock war nur von Barchenttuch

Und durch den Harnisch schmutzbedeckt genug;

Denn eben von der Reise heimgekommen

Hatt’ er sofort die Wallfahrt unternommen.

Sein Junker Sohn zog mit ihm als Begleiter,

Ein lust’ger Bursche, so verliebt, wie heiter.

Von krausen Locken war sein Haupt umwallt,

Und zwanzig Jahre war er – denk’ ich – alt.

Sein Körper war vom reinsten Ebenmaß.

Viel Stärke, viel Gewandtheit er besaß.

Auf Ritterfahrt zog mehrfach er schon früh

Nach Artois, Flandern und der Picardie,

Und hielt sich brav im kurzen Kampf. Sein Sinnen

War seiner Dame Gunst sich zu gewinnen.

Wie eine Wiese, wo zur Frühlingszeit

Sich roth und weiß an Blume Blume reiht,

War er geschmückt, und, heiter wie der Mai,

Sang er und pfiff den ganzen Tag dabei.

Sein Rock war kurz, die Aermel weit und lang,

Kein bessrer Reiter auf ein Roß sich schwang;

Gewandt war er in schriftlichen Berichten,

Im Zielen, Zeichnen, Tanzen, Liederdichten;

Und liebesbrünstig hatte manche Nacht

Er schlaflos wie die Nachtigall durchwacht.

Dienstwillig war er, höflich und bescheiden;

Am Herrentisch durft’ er den Braten schneiden.

Nur einen Knappen nahm auf seinen Ritt

Zur Zeit nach Neigung er an Dienern mit.

Sein Rock und Hut bestand aus grünem Tuch,

Und in dem Gurt er einen Köcher trug

Voll Pfauenfeder-Pfeilen. Sicher nahm

Er stets sein Ziel, so daß kein Bolzen kam

Mit seinem Federend’ voran geflogen.

In Händen hielt er einen mächt’gen Bogen;

Nußköpfig war er und sehr braun gebrannt,

Und Eisenschienen schützten Arm und Hand.

In jeder Jagdkunst war er wohl bewährt;

Auf einer Seite trug er Schild und Schwert,

Und auf der andern einen Dolch von Schliff

Scharf wie ein Speer und wohlverziert am Griff.

Ein Silber-Christoph schmückt’ die Brust ihm vorn,

An grüner Banderolle hing sein Horn.

Ein Förster war er – trügt mich nicht mein Sinn.

Da war auch eine Nonnen-Priorin,

Scheu lächelnd und von schüchterner Natur.

»Bei St. Eligius!« war ihr stärkster Schwur,

Und Madam Eglantine war ihr Name.

Gar lieblich durch die Nase sang die Dame

Beim Gottesdienst. Französisch sprach sie so

Gewandt, wie immer Stratfort-atte-Bow

Es lehren kann; jedoch sie wußte nicht,

Wie in Paris man das Französisch spricht.

Beim Essen war besonders sie beflissen

Der größten Sauberkeit, und jeden Bissen

Führte sie so zu Mund, daß ihren Lippen

Kein Stück entfiel. Die Finger einzustippen

In ihre Brühe, fiel ihr niemals ein.

Die Oberlippe wischte sie so rein,

Daß in dem Becher nie von Fett die Spur,

Und zu verschütten einen Tropfen nur

Von ihrem Trunke war sie zu manierlich;

Und nach der Mahlzeit rülpste sie höchst zierlich;

Gewiß, sie war von liebenswürd’ger Güte,

Gefäll’gem Sinn und heiterem Gemüthe.

Viel Mühe gab sie sich, zu imitiren

Den Hofton, und durch stattliche Manieren

Als würdevoll zu gelten und geachtet.

Doch ihre Seele sei nunmehr betrachtet:

Mitleid und Güte sie so sehr vereinte,

Daß sie beim Anblick eines Mäuschens weinte,

Lag’s in der Falle blutend oder todt.

Wenn von den Hündchen, die mit Semmelbrod

Und Bratenfleisch und süßer Milch sie nährte,

Eines verreckt war, oder mit der Gerte

Geschlagen wurde, weinte sie vor Schmerz.

So voller Zartgefühl war sie und Herz.

Stets steckte sie ihr Busentuch genau;

Lang war die Nase; ihre Augen grau.

Ihr Mund war schmal mit einem Lippenpaar

Von sanftem Roth. Die schöne Stirne war

Der Breite nach wohl eine Spanne lang,

Und sicher, stattlich war ihr Wuchs und schlank.

Ihr Mantel – sah ich – stand ihr schmuck genug;

Zwei Schnüre von Korallenperlen trug

Sie an den Armen, grün mit Schmelz verziert

Und goldnem Medaillon, auf dem gravirt

Zu lesen stand: erst ein gekröntes A

Und drunter: »Amor vincit omnia!«

Mit ihrem Priester reiste sie und mit

Ihrer Caplanin-Nonne zu selbstdritt.

Ein Mönch war da, ein würdiger Kumpan,

Ein großer Jäger und ein Reitersmann,

Ein ganzer Kerl, gemacht, um Abt zu werden.

Gar wohl versehen war sein Stall mit Pferden;

Saß er zu Rosse, wenn es windig war,

So klirrten seine Zügel hell und klar,

Als läutete die Glocke zur Kapelle,

Woselbst der Herr Bewohner einer Zelle.

Die Regeln von St. Maur und Benedict

Hielt dieser Mönch für reichlich all und strict;

Weßhalb er sich mit ihnen nicht befaßte,

Und seinen Schritt der neuen Welt anpaßte.

Kein Hühnerbein gab er für die Maxime,

Daß Jägerei der Geistlichkeit nicht zieme,

Und was dem Fisch das nasse Element,

Sei für den Mönch die Regel im Convent,

Das heißt: in seinem Kloster sei sein Platz.

Doch keine Auster gab er für den Satz.

Und ich kann ihm die Ansicht nicht verübeln.

Was? sollt’ er etwa denn verrückt sich grübeln,

In seinem Kloster über Büchern sitzen,

Gar bei der Arbeit seiner Hände schwitzen,

Wie Augustin befiehlt? – Die Welt muß treiben

Und Augustin mag bei der Arbeit bleiben!

Darum gebraucht’ er seine Sporen tüchtig;

Windhunde hielt er, wie die Vögel flüchtig;

Das Reiten war ihm und das Hasenhetzen

Das nie zu theure, liebste Hochergötzen.

Die Aermel – sah ich – hatt’ er an der Hand

Verbrämt mit feinstem Pelzwerk aus dem Land,

Seine Kapuze schloß er unterm Kinne

Mit einer wunderlichen, goldnen Pinne,

An der als Knopf ein Liebesknoten saß.

Rund war sein Schädel und so blank wie Glas,

Und fettig glänzten seine Wangen auch;

Ein feister Herr war er und stark von Bauch.

Sein rollend Augenpaar lag tief im Hirne,

Und wie ein Kessel dampfte sein Stirne.

Die Stiefel waren weich, und herrlich glänzte

Sein Roß. Kein angstgequältes, bleich Gespenste

Konnt nennen man den trefflichen Prälaten;

Ein fetter Schwan war ihm der liebste Braten,

Und brombeerfarben sah sein Leibroß aus.

Ein Bettelmönch, ein liederliches Haus,

War gleichfalls da. Es stand der würd’ge Mann

In den vier Orden Jedem weit voran,

Was Scherz betraf und schöne Redensart.

Auf eigne Kosten war von ihm gepaart

Wohl manches junge Weibsbild schon geworden,

Und eine Zierde war er für den Orden.

Gar wohl beliebt und sehr genau bekannt

War bei den Gutsbesitzern auf dem Land

Und würd’gen Frauenzimmern in der Stadt er;

Denn mehr Gewalt in seiner Beichte hatt’ er

– So sprach er selbst – als ein Vicarius hat.

Von seinem Orden war er Licentiat.

Gemüthlich war bei ihm die Confession,

Und angenehm gab er Absolution.

Leicht war die Buße, die er zudictirte,

Vorausgesetzt, daß man ihn reichlich schmierte.

Denn Geld zu geben einem armen Orden,

Beweist, daß gründlich abgebeichtet worden.

Drum, gab man ihm, so durft’ er auch verkünden,

Er wisse, man bereue seine Sünden.

Denn mancher Mann ist also hart von Herzen,

Daß er nicht weinen kann bei seinen Schmerzen.

Drum laßt das Beten und die Heulerei,

Und Silber gebt der armen Klerisei!

Messer und Nadeln trug er stets zum Putze

Für schöne Frau’n im Zipfel der Kapuze;

Und, wahrlich, lustig seine Stimme klang;

Auch spielte schön die Leier er und sang;

Im Liebeslied gewann er stets den Preis.

Sein Hals war wie die fleur de lis so weiß.

Dazu war er ein starker Pokulante,

Der in den Städten jedes Wirthshaus kannte;

Mehr lag der Zapfer und die Kellnerin

Als Kranke oder Bettler ihm im Sinn.

Für solchen würd’gen Mann schien’s zu gemein

Und gänzlich unter seinem Stand zu sein,

Mit so aussätz’gem Volk sich zu beschmutzen;

Denn das bringt wenig Ehre, wenig Nutzen.

Statt mit Gesindel pflegt man angenehmern

Verkehr mit reichen Leuten und mit Krämern.

Doch wenn es Vortheil brachte, so war keiner

Je dienstbefliss’ner oder tugendreiner

Und höflicher als er. In dem Convente

War er der beste Bettler. Eine Rente

Zahlt er dem Kloster für das Privileg,

Daß ihm kein Bruder käm’ in sein Geheg’;

Und hörte seinem »In principio« zu

Die ärmste Wittwe mit nur einem Schuh,

So war gewiß ihr letzter Heller sein;

Und mehr als seinen Pachtzins heimst’ er ein.

Oft war er wie ein wildes Raubthier wüthig,

Oftmals an Friedenstagen half er gütig;

Nicht, wie beim Klausner und Scholasten, schäbig

War seine Kleidung; ebenso behäbig

Im Anzug war er, wie ein Papst und Meister;

In doppelt-wollener Kapuze reist’ er,

Die wie die neugegossne Glocke rund;

Und liebeslüstern lispelte sein Mund,

Damit sein Englisch süß und zierlich klänge.

Beim Harfenspiel am Schlusse der Gesänge

Pflegten im Kopf die Augen ihm zu funkeln,

Wie Sterne bei der Winterszeit im Dunkeln.

Des Bettelmönches Name war Hubert. –

Ein gabelbärt’ger Kaufmann, hoch zu Pferd,

War gleichfalls da. Er trug sich buntgescheckt,

Den Kopf mit einem Biberhut bedeckt

Aus Flandern; seine Stiefel paßten prächtig;

Und, was er sprach, klang ernsthaft und bedächtig.

Auf Geldverdienst war immerdar bedacht er

Und wünschte nur, daß etwas unbewachter

Die See von Middelburg bis Orewell sei.

Mit wälschen Thalern trieb er Wechselei.

Der würd’ge Mann war klug und voll Verstand,

Und Niemand wußte, wie sein Schuldbuch stand.

Er paßte scharf in seinem Handel auf,

Beim Abschluß von Verträgen, wie beim Kauf.

Für einen Ehrenmann galt er bei Allen,

Doch leider ist sein Name mir entfallen.

Es war noch ferner ein Gelehrter dort,

Der Logik lang’ studirt in Oxenford.

Er ritt auf einer klapperdürren Mähre,

Und auch er selbst war nicht sehr fett – auf Ehre! –

Hohläugig war er, doch voll Nüchternheit,

Und fadenscheinig war sein Oberkleid.

Nicht weltlich von Gesinnung, hatt’ er drum

Auch weder Amt noch Beneficium.

Mehr liebt er zwanzig Bücher überm Bette,

In schönem Einband auf dem Bücherbrette,

Von Aristoteles Philosophei,

Als Kleiderpracht, Musik und Fidelei.

Jedoch ein so gelehrter Philosoph er,

Hatt’ er nur wenig Gold in seinem Koffer,

Da Alles, was von Freunden ihm gespendet,

Zum Studium er und Bücherkauf verwendet.

Doch unermüdlich pflegt’ er Gott zu bitten

Für die, so sein Scholastenthum bestritten.

In seinen Studien sorgsam und verständig,

Sprach er kein Wort mehr, als durchaus nothwendig.

Kurz und bestimmt, jedoch gewählt zugleich

War seine Rede und gedankenreich,

Und stets kam die Moral dabei zu Ehren.

Er lernte gern, und gerne mocht’ er lehren,

Ein weiser und gelehrter Justitiar,

Der schon auf manchem Rechtsparkette war,

Ritt gleichfalls mit. Bei aller Trefflichkeit

War er voll Rücksicht und Bescheidenheit,

Wie seine weisen Worte dies bewiesen.

Oft war er schon zum Richter der Assisen

Durch Vollmacht oder Commission ernannt.

Bei seinem Wissen, seinem Ruf verstand

Er auf den Gelderwerb sich unvergleichlich,

Und Kleider, wie Gebühren hatt’ er reichlich.

Als simple Spesen strich er Alles ein,

Von dem Verdacht der Käuflichkeit ganz rein.

Er hatte viel zu thun, und schien sogar

Geschäftiger, als er beschäftigt war;

Und alle Rechtsentscheidungen und Fälle

Seit König Will citirt’ er auf der Stelle.

Im Actenschreiben war er so präcis,

Daß sich nicht drehn daran noch deuteln ließ.

Ein jegliches Statut war ihm bekannt.

Ein schmalgestreifter Seidengurt umwand

Sein Kleid, das bunt gescheckt war, doch höchst schlicht,

Und mehr erzähl’ ich von dem Anzug nicht.

Ein Gutsherr zählte ferner zu dem Kreis.

Sein Bart war wie die Gänseblumen weiß,

Von Ansehn war sanguinisch er und roth;

Gern trank er Wein zu seinem Morgenbrod.

Sein Leben zu genießen, dacht’ er nur,

Ganz wie ein ächter Sohn vom Epikur,

Nach dessen Meinung eben im Vergnügen

Des Lebens höchste Seligkeiten liegen.

Groß war sein Haushalt, und an Gastlichkeit

Galt als ein St. Julian er weit und breit.

Nach ein Uhr nahm er Brod und Bier erst ein,

Und Niemand war so wohlversehn mit Wein.

Es ging an Fisch und Fleisch in seinem Haus

Wie an Gebäck der Vorrath niemals aus.

An Speise, Trank und allen Leckereien,

Die zu erdenken, schien es nur zu schneien.

Verschieden und der Jahrszeit angemessen

War stets sein Braten und sein Abendessen.

Manch fettes Rebhuhn hielt im Bauer er,

An Hecht und Bars war nie sein Kasten leer,

Weh’ seinem Koche! wenn die Brühe nicht

Scharf und pikant und schmackhaft das Gericht.

Gedeckt vom Morgen bis zum Abend stand

Stets sein Credenztisch an der Hallenwand.

In den Sessionen war er Präsident,

Grafschafts-Vertreter oft im Parlament.

An seinem Gürtel, weiß wie Milch am Morgen,

Hing Dolch und Seidenbörse wohl geborgen;

Auch war, als würd’ger Freisaß rings bekannt,

Zum Obmann er und Scherif oft ernannt.

Ein Weber, Tapezirer, Zimmermann,

Ein Färber und ein Krämer kamen dann.

Bei ihnen, wies die Gildetracht es klar,

Daß hochansehnlich Aller Innung war.

Der Spieße Spitzen waren blank polirt;

Mit reinstem Silber waren rings verziert

Die Gürtel sammt den Taschen, die dran hingen,

Und auch von Blech nicht ihre Messerklingen.

Behäb’ge Bürger schienen sie, und Alle

Des Thrones werth in ihrer Gildehalle;

Und dem Verstande nach war Jedermann

Befähigt sicherlich zum Aldermann;

Und ihre Weiber liebten es zu zeigen,

Daß reichlich Gut und Renten Jedem eigen;

Sonst müßte man sie ernstlich darob schelten;

So schön es sein mag, als »Madam« zu gelten,

Und wenn zu den Vigilien man voran

Im reichen Mantel fürstlich gehen kann.

Sie ließen sich von einem Koch begleiten,

Die Mark- und Hühnersuppen zu bereiten

Nebst Poudremarchant, Galingale und Torten.

Vom Bier in London kannt’ er alle Sorten.

Er schmorte, briet, sott, röstete höchst lecker,

Er war Mortreusen- und Pastetenbäcker.

Indeß entstellte – denk’ ich – ihn fatal

An seinem Kinn ein großes Muttermal.

Auf Blancmanger verstand er sich am besten.

Auch war ein Schiffer da, ganz aus dem Westen;

Soviel ich weiß, war er von Dertmouth her.

Auf einem magern Klepper ritt er sehr

Beschwerlich nur. Bis an die Kniee ging

Sein Faltenrock, und unterm Arme hing

Sein Dolch, gehalten durch ein Schulterband,

Und von der Sonne war er braun gebrannt.

Er war gewiß ein wackerer Kumpan,

Der von Bordeaux-wärts manchen Schluck gethan,

Sobald der Supercargo lag im Schlummer;

Und sein Gewissen schuf ihm wenig Kummer.

Wenn er im Streit den Gegner überwand,

So sandt’ er ihn durchs Wasser an das Land;

Doch wußte zu berechnen er die Fluthen

Und Mond- und Sonnenhöhe. Solchen guten

Lotsen, wie ihn, bei Strömung und am Strand

Man von Karthago bis nach Hull nicht fand.

Er war – auf Ehre! – so beherzt, wie klug

Und seinen Bart durchzauste Sturm genug.

Von Gothland bis zum Finisterra Cap

War ihm jedwede Bucht, die es nur gab,

Im Spanier- und Bretagnerland bekannt,

Und »Magdalene« ward sein Schiff genannt.

Ein Arzt war da, Doctor der Medicin;

In aller Welt gab’s Keinen je, wie ihn,

Was die Arznei betrifft und Chirurgie.

Er kannte gründlich die Astronomie,

Und manche Lebensstunden konnten danken

Seiner natürlichen Magie die Kranken.

Auch konnte durch Constellation von Sternen

Er der Patienten Ascendenten lernen.

Er wußte, wo der Grund der Krankheit sitze,

Ob sie durch Dürre, Nässe, Kälte, Hitze

Entstanden sei und in das Blut gekommen;

Als Praktiker war er durchaus vollkommen.

Sobald der Krankheit Wurzel er erkannt,

War er sofort mit Mitteln bei der Hand.

Die Apotheker sandten für die Curen

Ihm willig die Latwergen und Mixturen;

Denn neu war nicht die Freundschaft zwischen ihnen;

Der eine gab dem andern zu verdienen.

Er kannte gründlich Dioscorides,

Den alten Aesculap, Hippokrates,

Und Rufus, Hali, Rasis, Avicen,

Galen, Serapion und Damascen,

Den Averhoës und den Konstantin

Nebst Bernhard, Gatisden und Gilbertin.

In der Diät hielt er aufs rechte Maß,

Den Ueberfluß vermied er, doch besaß

Stets seine Nahrung Kraft und war verdaulich.

Das Bibelstudium schien ihm nicht erbaulich.

Er ritt in einem roth und blauen Kleide,

Mit Taffetas gefüttert und mit Seide.

Doch war er kein Verschwender, und hielt fest,

Was er gewonnen hatte bei der Pest.

Herzstärkende Arznei ist Gold, und drum

Liebte das Gold er als Specificum.

Ein gutes Weib aus Bath zog ferner mit;

Doch schade war, daß am Gehör sie litt.

Im Tücherweben man wohl keine Hand

In Gent und Ypern je geschickter fand.

Kein Weib im ganzen Kirchspiel durfte wagen

Den Vortritt ihr beim Opfern zu versagen,

Denn ihre Liebe war in diesem Falle

Sofort dahin vor lauter Gift und Galle.

Vom feinsten Stoff trug einen Schleierbund

Sie Sonntags auf dem Kopfe, der ein Pfund

Und selbst darüber wog, bei meiner Treu!

Die scharlachrothen Strümpfe waren neu,

Und glänzten frisch und saßen eng und gut.

Kühn von Gesicht und schön wie Milch und Blut,

War sie ein wackres Weib, das ihrer Zeit

Fünf Männer an der Kirchenthür gefreit,

– Die Jugendfreunde dabei ungezählt,

Die zu erwähnen der Beruf mir fehlt. –

Hin nach Jerusalem zum heil’gen Land

War dreimal sie gepilgert. Auch bekannt

War ihr Santiago in Galizia, Rom,

Boulogne, Köln und mancher fremde Strom;

Und auf der Wandrung lernte sie nicht wenig.

Doch, leider Gottes, war sie ziegenzähnig.

Auf ihrem reichgeschirrten Zelter ruhte

Sie höchst bequem, bedeckt mit einem Hute

Wie eine Tartsche, wie ein Schild so groß,

Und ihre weiten Hüften rings umschloß

Ein Ueberwurf. Die Sporen waren spitzig,

Und in Gesellschaft war sie scharf und witzig.

Viel Liebesmittel waren ihr bekannt,

Den alten Tanz sie kunstgerecht verstand.

Es kam ein Pfarrer aus der Stadt sodann,

Ein gottesfürcht’ger und gelehrter Mann,

Zwar arm nur, doch an heiligen Gedanken

Und guten Werken reich; und ohne Wanken

Hielt er an Christi Wort und bracht’s zu Ehren

In der Gemeinde durch sein treues Lehren.

Die Güte selbst war er und hülfsbereit

Und voll Geduld in Widerwärtigkeit,

Wie er gezeigt in manchen schweren Proben.

Beim Zehntensammeln pflegt’ er nicht zu toben.

Er hätte lieber – ohne alle Frage –

Vom Opfergeld und Naturalertrage

Den Armen seines Kirchspiels abgegeben;

Denn er bedurfte wenig nur zum Leben.

Groß war sein Sprengel und weit abgelegen

Die Häuser! aber Donner nicht noch Regen

Hielt ihn zurück. Rief Krankheit oder Leid,

So waren Haus und Hütte nie zu weit

Für seine Füße und für seinen Stab.

Das beste Beispiel er den Schafen gab,

Da er sein Wort stets durch die That bewährte,

Wie ihn sein heilig Evangelium lehrte.

Er führte häufig auch das Gleichniß an:

Will Gold schon rosten, was thut Eisen dann?

Denn ist ein Priester, dem wir traun, nicht rein

So ist’s kein Wunder, daß voll Rost die Lai’n;

Und Schmach den Priestern, die sich sagen müssen:

Rein sind die Schafe, doch ihr Hirt beschissen!

Ein Priester sollte für der Heerde Leben

Durch eigne Reinheit stets das Beispiel geben.

Daß er die Pfarre Miethern überwies,

Im Sumpfe seine Schafe stecken ließ,

Damit in London etwa als ein fauler

Chorherr im Dome lebe von St. Paul er,

Und Mitglied einer Brüderschaft gar werde,

Fiel ihm nicht ein. Er weidete die Heerde

Mit eigner Hand, daß sie kein Wolf beirrte;

Er war kein Miethling – nein, ein guter Hirte.

Obschon ein tugendhaft’ger, heil’ger Mann,

Nahm er sich freundlich doch der Sünder an,

Er predigte nicht pomphaft, noch vulgär,

Nein, liebereich und anstandsvoll vielmehr.

Das Volk durch Güte himmelwärts zu ziehn

Und eignes Beispiel war sein stetes Müh’n.

Doch wenn sich Jemand sündlich widersetzte

– War er im Rang der erste oder letzte –

So kanzelt’ er ihn ganz gehörig ab.

Der beste Priester war er, den es gab,

Der nicht nach Pomp und äußer’n Ehren geizte,

Sich nie in süßem Selbstbewußtsein spreizte,

Doch Christi und der Jünger Wort so ehrte,

Daß er es erst befolgte und dann lehrte.

Ein Ackersmann war da, des Pfarrers Bruder,

Von Dünger lud er manches liebe Fuder,

Ein treuer Quäler, voller Herzensgüte,

Mildthätigkeit und friedlichem Gemüthe.

Er liebte Gott von seinem ganzen Herzen

Und alle Zeit, in Freuden wie in Schmerzen,

Und seinen Nächsten wie sich selbst. Bereit,

Zu graben, pflügen, dreschen jeder Zeit,

War er für jeden Armen, alle Schwache

Ganz unentgeltlich, nur für Christi Sache.

Er zahlte stets zur rechten Zeit die Heuer

An Vieh und Korn und Früchten in der Scheuer.

Auf einer Stute ritt er und im Kittel.

Ein Ablaßkrämer, Tafelmeister, Büttel,

Ein Müller, ein Verwalter kamen dann;

Zum Schluß ich selber, als der letzte Mann.

Der Müller war ein derber Kerl und stark

An Muskeln und an Knochen voller Mark.

Davon gab jeder Ringkampf den Beweis,

Denn stets gewann den Hammel er als Preis.

Mit seinem Kopf durchstieß er jedes Thor

Und hob es aus den Angeln rasch empor.

Stark in den Schultern war er, knorrig, knuppig;

Breit wie ein Grabscheit, schweinemäßig struppig

Und fuchsroth war sein Bart; und im Besitze

Von einer Warze war die Nasenspitze;

Ein Büschel Haare wuchs daraus empor,

Wie gelbe Borsten aus dem Schweineohr.

Groß war der schwarzen Nasenlöcher Weite;

Ein Schwert nebst Schild trug er an seiner Seite;

Von Umfang wie ein Ofen war sein Mund.

Ein Goliarde war er, Prahlhans und

Ein Zotenreißer, stahl vom Korn und maß

Den Mahlsatz dreifach; aber er besaß

Dabei – Pardi! – den goldnen Müllerfinger.

In weißem Rock und blauer Mütze ging er.

Schön pfiff er Dudelsack und blies darauf

Uns aus der Stadt auf unsrer Reise Lauf.

Der Tafelmeister, der in einem Tempel

Den Tisch versah, war Käufern ein Exempel,

Wie beim Verproviantiren zu verfahren.

Ob stückweis, ob im Ramsch er seine Waaren

Erstehen mochte, er verstand die Sachen

So einzurichten, rasch sein Glück zu machen.

Nun, ist das nicht die schönste Gottesgabe,

Daß solch’ geringer Mann mehr Weisheit habe,

Als wie ein Haufen hochgelehrter Geister?

Wohl mehr als dreißig Herr’n am Tische speist er,

Und im Gesetz erfahren waren alle.

Ein Dutzend gab es sicher in der Halle,

Die wohl befähigt waren, Gut und Land

Von jedem Lord im ganzen Engeland

Genau und ohne Schulden zu verwalten

– Indessen selbstverständlich vorbehalten,

Wenn er ein Filz war oder geistesschwach. –

Woran es in der Grafschaft auch gebrach,

An ihrem Rath gebrach’s in keinem Falle;

– Doch hielt zu Narr’n der Tafelmeister Alle.

Der glatt rasirte Landverwalter war

Sehr mager und cholerisch, und sein Haar

Trug wie ein Priester er ganz kurz geschoren

Vorn an der Stirn und hinter beiden Ohren.

Sehr lang und mager waren seine Beine,

Gleich einem Stock, und Waden hatt’ er keine.

Ordnung hielt er in Scheunen und in Ställen;

Au seiner Rechnung etwas auszustellen

Fand kein Revisor; und er schätzte leicht

Den Saatertrag, ob’s trocken oder feucht.

Von Milchhaus, Fischteich und des Herren Heerden,

Vorräthen, Schweinen, Federvieh und Pferden

War dieser Mann ganz unumschränkt Verwalter,

Seit sein Gebieter zwanzig Jahr an Alter.

Er legte Rechnung an bestimmten Tagen,

Und über Rückstand konnte Niemand klagen.

Kein Vogt, kein Knecht, kein Hirt war ihm zu schlau;

Denn ihre Schliche kannt’ er so genau,

Daß sie vor ihm mehr Furcht und Bangen hatten

Als vor dem Tod. – In grüner Bäume Schatten

Stand seine schöne Wohnung auf dem Felde.

Er speculirte besser mit dem Gelde,

Als sein Gebieter; denn in Heimlichkeit

Gewann er viel. Doch war er schlau bereit,

Davon auf Borg an seinen Herrn zu geben,

Und hatte Dank und Rock und Hut daneben.

Er fing als Jüngling mit dem Handwerk an,

Und galt als guter, tücht’ger Zimmermann.

Der Hengst, auf dem er saß, war schön von Bau,

Sein Name Scott, die Farbe apfelgrau.

Sein blauer Rock weit über’s Knie ihm ging,

Ein rostig Schwert an seiner Seite hing.

Er war aus Norfolk her und zwar vom Land

Nah’ einer Stadt, die Baldeswell genannt,

Und aufgeschürzt ganz wie ein Klostermann,

Ritt er stets auf der Reise hintenan.

Mit feuerrothem Cherubim-Gesicht,

Schmaläugig, finnig und mit Pusteln dicht

Besä’t, war noch ein Büttel mit am Platz,

Und geil und lüstern war er, wie ein Spatz.

Mit grind’gem Bart und räud’gen Augenbrauen,

War sein Gesicht der Kinder Furcht und Grauen.

Quecksilber, Schwefel, Borax schlugen fehl,

Ihm half nicht Bleiweiß, Glätte, Weinsteinöl,

Und mochten Salben noch so beißend sein,

Ihn konnte von dem Grinde nichts befrein

Und von den Knubben, die er im Gesicht.

Knoblauch und Zwiebeln war sein Leibgericht,

Sein Lieblingstrank blutrother, starker Wein;

Und wie verrückt, zu schwätzen und zu schrein

Begann er dann, und wollte, wenn beim Zechen

Er sich betrunken, nur Lateinisch sprechen.

Er lernte – und kein Wunder war’s – auswendig

Zwei bis drei Redensarten, die beständig

Er in Decreten angewendet fand.

– Denn schwatzen kann, wie männiglich bekannt,

Die Elster wie der Papst. – Doch unterfing

Sich Jemand, tiefer ihn zu prüfen, ging

So rasch zu Ende die Philosophie,

Daß er nur: »Questio quid juris?« schrie.

Wohl selten fand man auf der Erde Rund

Solch güt’gen Kerl und lieben Lumpenhund;

Den guten Burschen wollt’ bei wilden Ehen

Ein ganzes Jahr er durch die Finger sehen,

Gab man ihm nur ein Viertel Wein zu trinken.

In aller Stille pflückt’ er seine Finken.

Er lehrte Leuten, die in solchen Lagen,

Nicht ängstlich vor dem Erzdekan zu zagen,

Und seiner Androhung des Kirchenbannes.

Doch wenn am Beutel hing das Herz des Mannes,

Büßte der Beutel, was der Mann gethan.

»Denn unter Hölle meint der Erzdekan

Den Beutel nur,« sprach – oder log vielmehr – er.

In Schrecken vor ihm standen alle Schwörer.

– Die Beichte rettet, doch der Fluch bringt Tod!

Wohl dem, dem kein »Significavit« droht! –

Die Dirnen in der Diöcese standen

Kraft seines Amts in seiner Hut, und fanden

Bei ihm stets Rath für ihres Herzens Sehnen.

Es war mit einem Kranz, an Größe denen

Auf Bierhausstangen gleich, sein Haupt umhüllt,

Und ein gewalt’ger Kuchen war sein Schild.

Als Freund und als Gevatter von ihm ritt

Aus Ronceval ein Ablaßkrämer mit,

Der gradeswegs vom Hofe kam aus Rom.

Laut sang er: »Komm, mein Herzensliebchen, komm!«

Wozu der Büttel, wie Posaunenklang

Gewaltig dröhnend, seinen Rundreim sang.

Des Ablaßkrämers Haar war gelb wie Wachs,

Und hing so glatt wie eine Docke Flachs

Auf seine Schultern, die es rings umgab,

In dünnen Locken ihm vom Kopf herab.

In kecker Laune trug er’s unbedeckt;

Denn die Kapuze hatt’ er eingesteckt

In seinem Mantelsack, der vor ihm hing.

Daß er mit Flatterhaar und baarhaupt ging,

War nach der neu’sten Mode, wie er glaubte;

Drum trug er nur ein Käppchen auf dem Haupte.

Glotzaugen hatt’ er ganz wie ein Karnickel,

Und angenäht am Käppchen ein Vernickel.

Mit Ablaßfracht kam er soeben heiß

Aus Rom zurück. Wie’s Meckern einer Gais

Klang seine Stimme. Im Gesichte war,

Ob unrasirt, doch keine Spur von Haar,

Er mußte – dünkt mich – wohl ein Wallach sein.

Von Ware bis Berwick war gewißlich kein

Ablaßverkäufer, der ihm’s Wasser reichte.

Als »Unsrer lieben Frauen Schleier« zeigte

Er einen Kissenüberzug. Im Koffer

Verwahrte von dem Segel etwas Stoff er,

Das Petri Fahrzeug – wie er sagte – führte,

Als mit dem Herrn er auf dem See spazierte;

Ein steinbesetztes Kreuz hatt’ er von Zinn

Sowie ein Glas mit Schweineknochen drin.

Und traf er einen armen Bauersmann,

So schwatzt’ er ihm von den Reliquien an,

Und erntete an einem einz’gen Tage

Die Früchte seiner wochenlangen Plage.

So hielt mit Possen und mit Schmeichelworten

Das Volk zu Narren er an allen Orten.

Doch, um nicht von der Wahrheit abzuweichen,

Als Kirchenredner war er ohnegleichen.

Schön las den Bibeltext er und Historien;

Jedoch am besten sang er Offertorien,

Da hinterdrein er gleich den Anfang machte

Mit seiner Predigt, die ihm Geld einbrachte.

Zu diesem Zwecke spitzt’ er seine Zunge

Und sang vergnügt und laut aus voller Lunge.

So macht’ ich kurz und nach der Reihe kund

Rang, Anzug, Zahl und minder nicht den Grund,

Weßhalb in Southwerk Jeder angekommen

Und in dem Gasthof sein Quartier genommen,

Der »Tabard bei der Glocke« ward genannt;

Und an der Zeit ist’s, daß ich Euch bekannt

Auch weiter mache, wie wir unsre Nacht

In dem besagten Wirthshaus zugebracht;

Und hinterdrein gedenk’ ich Euch zu sagen,

Was auf der Reise sonst sich zugetragen.

Doch bitt’ ich Euch zunächst aus Höflichkeit

Legt es nicht aus als Herzensschlechtigkeit,

Wenn ich getreu im Laufe der Geschichte

Auch jedes Wort von Jedermann berichte;

Sonst ziehe man mit Recht der Lüge mich.

Denn das wißt sicher Ihr so gut wie ich:

Wer melden will, was ihm gesagt ein Mann,

Der wiederhole, so genau er kann,

Ein jedes Wort, sei’s noch so schlecht gewählt

Und noch so gröblich, was ihm vorerzählt.

Sonst müßt’ er ja die Unwahrheit berichten,

Den Sinn verfälschend, neue Worte dichten;

Den eignen Bruder darf er schonen nicht,

Ein jedes Wort zu sagen, ist ihm Pflicht.

Sehr kräftig sprach selbst Christus in der Bibel,

Und doch kein Wort – das wißt Ihr – ist von Uebel.

Wer Plato las, dem ist der Spruch bekannt:

Es sei das Wort der Sache nah’ verwandt.

Und gleichfalls bitt’ ich, daß Ihr mir verzeiht,

Wenn ich Euch nicht nach Rang und Würdigkeit

Die Leute vorgeführt, wie angemessen.

Mein Witz ist kurz, das dürft ihr nicht vergessen.

Für Jeden freundlich, ließ der Wirth vom Haus

Uns niedersitzen rasch zum Abendschmaus.

Die Tafel er mit bester Speise deckte.

Stark war der Wein, der uns vorzüglich schmeckte.

So wohlanständig war des Wirthes Wesen,

Als sei er zum Hofmarschall auserlesen.

Sein Wuchs war stark, tief lag sein Augenpaar;

In Chepe selbst kein bessrer Bürger war.

Gewandt und klug und grad’ heraus er sprach,

In Nichts es ihm an Männlichkeit gebrach;

Dazu war er ein aufgeweckter Mann.

Gleich nach dem Abendessen hub er an

In heitrer Laune dies und das zu sprechen;

Und als berichtigt waren unsre Zechen,

Begann er also: »Wahrlich, meine Herr’n,

Willkommen heiß’ ich Euch hier herzlich gern.

Denn, meiner Treu, wenn ich nicht lügen soll,

Sah meinen Gasthof ich noch nie so voll

In diesem Jahr, wie heut’ am Tag’ er ist.

Gern möcht’ ich Euch erheitern. Darum wißt,

Daß ich mir eben einen Scherz erdacht,

Der vielen Spaß und keine Kosten macht.

Ihr geht nach Canterbury. – Eure Pfade

Beschirme Gott und seines Märtyr’rs Gnade! –

Und sicher weiß ich, daß Ihr Euren Weg

Zu kürzen denkt durch heiteres Gespräch.

Denn unbehaglich wahrlich ist’s und dumm,

Einherzureiten, wie der Stein so stumm.

Drum würd’ es mich, wie ich schon sagte, freun,

Euch angenehm und lustig zu zerstreun;

Und wenn Ihr insgesammt des Willens seid,

Mir zu gehorchen und mit Folgsamkeit

Dasjenige zu thun, was ich Euch weise,

– Bei meines Vaters Seel’! – seid auf der Reise

Ihr morgen dann nicht hochvergnügt und munter,

Schlagt mir den Kopf von meinem Rumpf herunter!

Macht keine Worte; hebt empor die Hände!«

Wir kamen rasch mit dem Entschluß zu Ende;

Uns schien nicht werth, es lange zu berathen.

Wir gingen schlichthin darauf ein, und baten

Ihn, kund zu machen, was im Sinn er trage.

»Nun, Herren!« – sprach er – »hört, was ich Euch sage.

Doch bitt’ ich dringend, nehmt es mir nicht krumm!

Denn, kurz und gut, es handelt sich darum,

Es solle Jeder von Euch vier Geschichten,

Den Weg zu kürzen, auf der Fahrt berichten.

– Zwei, während wir nach Canterbury wandern,

Und auf dem Heimweg dann die beiden andern. –

Der aber, welcher schließlich unter Allen

Von Abenteuern, die einst vorgefallen,

Das beste vorgetragen hat – das heißt:

Was Euch erbaut sowie ergötzt zumeist –

Erhält zum Lohn dafür in diesem Haus

Auf Kosten Aller einen Abendschmaus,

Wenn wir von Canterbury heimwärts kehren.

Und gerne will ich, Eure Lust zu mehren,

Auf eigne Kosten selber mit Euch reiten,

Und Euch als Führer auf der Fahrt begleiten.

Wer meinem Urtheil wagt zu widersprechen,

Zahlt auf der Tagesfahrt dafür die Zechen.

Wenn Ihr gewillt seid, daß dem also sei,

So stimmt mir ohne viele Worte bei,

Damit ich mich bei Zeiten rüsten kann.«

Dies ward bewilligt und wir schwuren dann

Froh unsern Eid und baten ihn daneben,

Das auszuführen, was er angegeben.

Er möge sich als Leiter uns verpflichten,

Sowie als Richter über die Geschichten,

Den Preis des Abendessens nur fixiren,

Und nach Gefallen über uns regieren

Im Kleinen wie im Großen. – Jedermann

Nahm gern und willig seinen Vorschlag an.

Und hinterher bestellten wir uns Wein

Und tranken ihn, und dann ward allgemein

Und ohne Zögern gleich zur Ruh gegangen.

Sobald der Tag zu grauen angefangen,

Erhob sich unser guter Wirth und war

Der Hahn für Alle. – Bald war seine Schaar

Beisammen und dann ging, halb Trab, halb Schritt,

Zur Schwemme von Sanct Thomas unser Ritt.

Dort gab der Wirth den Pferden etwas Ruh’

Und sprach: »Ihr Herrn, hört mir gefälligst zu!

Ihr wißt, was Ihr verspracht und ich bedang.

Ist Euer Abendlied noch Morgensang,

So laßt uns sehn, wer soll der Erste sein,

Der jetzt erzählt? Ich schwör’s bei Bier und Wein!

Für Alle zahlt die Zeche, wer sich jetzt

Rebellisch meinem Urtheil widersetzt!

Nun frisch geloost! Dann reiten wir von hinnen,

Und wer das kürz’ste Loos zieht, muß beginnen.

Herr Ritter,« – sprach er – »Oberherr und Lord!

Zieht Euer Hälmchen! – so ist der Accord. –

Kommt näher« – sprach er – »Lady Priorin!

Ihr, Herr Scholar, ermuntert Euren Sinn;

Laßt das Studiren! – Fasse Jeder an.«

Und folgsam zog sein Loos auch Jedermann.

Ganz in der Kürze sei es nun berichtet:

– Ob es Geschick, ob Zufall angerichtet,

Die bei der Ziehung ihre Fäden schürzten –

Die Wahrheit ist: der Ritter zog den Kürz’sten.

Nun war bei Allen Lust und Freude groß.

Er hatte zu beginnen; denn sein Loos

Verfügte so. – Was braucht’s der Worte mehr?

Was abgemacht, wißt Ihr und wußt’ auch er.

Und da er klug, gehorsam war und willig,

So hielt er sein Versprechen auch, wie billig.

»In Gottes Namen! wie das Hälmchen fiel,

Will ich beginnen« – sprach er – »unser Spiel!

Nun reitet weiter und lauscht meinem Wort.«

So zogen wir des Weges weiter fort,

Und dann begann mit freundlichem Gesichte

Er die Erzählung, die ich jetzt berichte.

Die Erzählung des Ritters.

Vers 861–3110.

Wie aus Historienbüchern zu ersehn,

War einst ein Herr und Herzog in Athen,

Der Theseus hieß. Ihm glich zu seiner Zeit

Kein Sieger und Eroberer, so weit

Die Sonne scheint, an Größe und an Ruhm.

Er unterwarf manch reiches Fürstenthum.

Durch Tapferkeit und Klugheit überwand

Er Scythia, das Amazonenland

Und er erkor zur Gattin sich zugleich

Hippolyta, die Königin vom Reich

Und zog mit ihr und ihrem Schwesterlein

Emilia in seine Heimath ein.

In feierlichem Zug voll Glanz und Pracht,

Umgeben von der ganzen Heeresmacht,

Mit Siegesliedern, Jubelmelodien

Mag nach Athen der würd’ge Herzog ziehn.

Doch, wahrlich, wär’ es kürzer einzurichten,

Möcht’ ich den ganzen Hergang Euch berichten,

Wie Herzog Theseus’ ritterliche Hand

Das Reich der Weiber siegreich überwand,

Wie die Athener in den Kämpfen siegten,

Als sie die Amazonenschaar bekriegten,

Und wie die Königin von Scythia,

Die schöne, kräftige Hippolyta

Belagert ward, wie ihrer Hochzeit Weise,

Ihr Tempelgang und ihre Heimwärtsreise.

Doch muß ich leider wohl darauf verzichten.

Groß ist – weiß Gott – mein Feld, doch stark mit Nichten

Sind meine Stiere, die ich vor dem Pflug;

Und der Geschichte Rest ist lang genug.

Ich möchte Keinem gern im Wege stehn;

Laßt Jedermann erzählen und uns sehn,

Wer sich den Abendschmaus gewinnen kann?

Drum, wo ich abbrach, heb’ ich wieder an.

Als der erwähnte Herzog nun nicht weit

Mehr von der Stadt, zu der in Herrlichkeit

Und großer Pracht er auf der Reise rückte,

Sah er die Straße, als er um sich blickte,

Mit einer Schaar von Weibern angefüllt,

Die niederknieten, ganz in Schwarz gehüllt,

In einer langen Reihe, zwei bei zwei;

Und so erbärmlich klang ihr Wehgeschrei,

Daß wohl im Leben auf der Erde Flur

Solch Jammern hörte keine Creatur;

Nicht früher ließen sie ihr Schreien enden,

Bis seines Rosses Zügel sie in Händen.

»Was Volk seid Ihr, hier vor mir zu erscheinen,

Daß meiner Heimkehr Fest mit Eurem Weinen

Ihr stört?« – sprach Theseus – »seid Ihr so voll Neid

Ob meiner Ehre, daß ihr klagt und schreit?

Doch seid gekränkt Ihr, hat man Euch mißhandelt,

Daß Ihr in schwarzer Trauerkleidung wandelt,

So sagt mir an, wie ich Euch helfen kann?«

Die älteste der Frauen sprach sodann,

Der Ohnmacht nah’, mit blassem Angesicht

– Ein trüber Schauspiel gab es wahrlich nicht –

Und sagte: »Herr! begünstigt durch das Glück,

Kehrt siegreich als Erobrer Ihr zurück!

Statt Eures Ruhmes Glorie zu beneiden,

Flehn hülfesuchend wir in unsern Leiden.

Laßt gnadenvoll aus Eurem edlen Herzen

Nur einen Tropfen Mitleid auf die Schmerzen

Der jammervollen Weiber niederfallen;

Denn sicher, Herr, ist keine von uns allen,

Die nicht von Königen und Fürsten stammt,

Doch, wie Ihr seht, sind elend allesammt.

Denn hoher Stand oft kurze Dauer hat,

So lenkt’s Fortuna und ihr falsches Rad!

Wir haben, Herr, auf Eure Gegenwart

In der Clementia Tempel schon geharrt

Seit vierzehn Tagen, unser Flehn zu senden

Empor zu Euch. – Ihr habt die Macht in Händen!

Ich selbst, ein elend, klagend Weib, war sonst

Des Kapaneus, des Königs, Eh’gesponst,

Der seinen Tod vor Theben fand. – Dem Tage

Sei ewig Fluch! – Und alle, deren Klage

Aus Trauerhüllen dringt zu Euren Ohren,

Haben die Gatten vor der Stadt verloren,

Als unser Heer vor ihren Wällen lag.

Der alte Kreon aber – Weh’ und Ach! –

Der dort regiert, beschloß aus Haß und Wuth

Den schändlichen Tyrannenübermuth

An den entseelten Körpern selbst zu kühlen

Von unsern Männern, die im Kampfe fielen.

Auf einen Haufen schleppt’ er ihre Leichen

Und ist auf keine Weise zu erweichen,

Sie zu verbrennen oder zu bestatten,

Und die Gebeine der erschlag’nen Gatten

Dienen zum Futter jetzt für seine Hunde!«

Bei diesem Worte scholl aus Aller Munde

Ein kläglich Schrei’n: »O, öffnet in Erbarmen

Das Herz der Noth und Sorge von uns Armen!«

So schrieen sie und warfen sich zur Erde.

Der edle Herzog sprang sogleich vom Pferde,

Denn durch die Worte, die zu ihm gesprochen,

War schier sein mitleidsvolles Herz gebrochen.

Im Innersten bewegt durch die Beschwerden

Von denen, die einst hochgestellt auf Erden,

Hob er mit eigner Hand sie auf sofort,

Und freundlich sprach er manches Trosteswort.

Als treuer Ritter band durch einen Schwur

Er sich, zu thun, was irgend möglich nur,

Um des Tyrannen Kreons Macht zu brechen.

Das ganze Volk der Griechen solle sprechen

Davon noch lange, wie durch Theseus Hand

Kreon den Tod, den er verdiente, fand.

Und ohne länger sich dann aufzuhalten,

Ließ fördersamst die Banner er entfalten

Zum Vorwärtsmarsche für das ganze Heer.

– Nicht nach Athen zog es ihn länger mehr. –

Kaum einen halben Tag genoß er Ruh’,

Dann ritt zur Nachtzeit er auf Theben zu.

Sein Weib, die Königin der Amazonen,

Hippolyta ließ er inzwischen wohnen

Mit ihrer jungen Schwester in Athen,

Um – wie gesagt – gleich in den Kampf zu gehn.

Im weißen Banner schien mit Speer und Schild

Vom Kriegsgott Mars das blutigrothe Bild

Und leuchtete mit hellem Glanz ins Weite.

Aus reinem Gold gefertigt, ihm zur Seite

Ragte die Fahne, die das Bildniß trug,

Wie Theseus Kretas Minotaur erschlug.

So ritt der Herzog, so der kühne Sieger,

Umgeben von der Blüthe seiner Krieger,

Auf Theben zu, bis endlich Halt er machte

Auf einem Feld, wo er zu kämpfen dachte.

Um nun ganz kurz den Thatbericht zu geben:

Mit Kreon, welcher König war in Theben,

Focht er, und ritterlich in offner Schlacht

Erschlug er ihn und trieb die Heeresmacht

Zu Paaren, nahm die Stadt darauf mit Sturm,

Und gleich der Erde macht’ er Wall und Thurm,

Und an die Frau’n ließ er zurückerstatten

Die todten Körper der erschlagnen Gatten,

Sie beizusetzen nach des Landes Brauch.

Doch allzulange währt’ es, spräch’ ich auch

Von allem Jammer und von allem Flennen

Der armen Weiber während dem Verbrennen,

Und wie, mit Ehren und mit vielen Gnaden

Vom edlen Herzog Theseus überladen,

Sie endlich schieden und von dannen gingen;

– Denn kurz zu sein, ziemt mir vor allen Dingen. –

Der edle Herzog, der mit starker Hand

Kreon erschlug und Theben überwand

Und alles Land zu eigen sich gemacht,

Nahm auf dem Schlachtfeld Ruhe für die Nacht.

Nun machten sich die Plündrer viel zu schaffen,

Um reiche Beute, Rüstungen und Waffen

Erschlagner Feindesleichen heimzutragen

Vom Kampfplatz, wo sie haufenweise lagen.

Und so geschah’s, daß hierbei aufgefunden

Zwei junge Ritter wurden, die, durch Wunden

Arg zugerichtet, scheinbar als erschlagen,

Im reichen Waffenschmuck beisammen lagen,

Von denen Palamon der eine hieß,

Arcit der andre; wie sich bald erwies,

Obwohl sie todt mehr als lebendig schienen,

Aus ihren Rüstungen; sowie von ihnen

Und ihrer Herkunft Herolden nicht minder

Bekannt war, daß sie als Geschwisterkinder

Entsprungen Thebens königlichem Haus.

Als aus dem Leichenhaufen sie heraus

Die Plünderer gezogen, brachte man

Sie in das Zelt des Theseus, der sodann

Sie nach Athen zu ew’ger Haft verwies

Und für kein Lösegeld daraus entließ.

Und heimwärts zog, nachdem er dies vollbracht,

Der würd’ge Herzog mit der Heeresmacht,

Bekränzt als Sieger mit dem Lorbeerzweige.

Geehrt und fröhlich bis zur Lebensneige

Verblieb er dort. – Was braucht’s der Worte mehr?

In einem Thurme lagen sorgenschwer

Stets noch Arcit und Palamon gefangen,

Da für kein Gold die Freiheit zu erlangen.

Tag rollt auf Tag und Jahr auf Jahr vorbei,

Bis es geschah, daß einst im Monat Mai

In früher Morgenstunde schon Emilie,

Weit schöner als am grünen Schaft die Lilie

Und frischer als des Maies Blüthenprangen

– Denn ob die Rose oder ihre Wangen

Von zarterm Roth, war schwerlich zu entscheiden –

Vom Lager aufstand, um sich anzukleiden,

Wie früh am Morgen sie gewohnt zu thun.

Die Schläfer läßt der Mai nicht lange ruhn,

Der so die Herzen prickelt und belebt,

Daß rasch vom Lager jeder sich erhebt.

»Steh’ auf« – ruft Mai – »und huld’ge meiner Macht!«

Drum war Emilie zeitig aufgewacht,

Damit auch sie den Mai in Ehren halte.

Frisch war ihr Kleid; in reichen Flechten wallte

Ihr um die Schultern das goldgelbe Haar,

Das ellenlang – nach meiner Schätzung – war.

Als ihren Lauf die Sonne dann begann,

Trat sie im Garten ihre Wandrung an,

Wo sie sich weiß’ und bunte Blumen pflückte,

Zum Kranz sie wand, mit ihm die Stirne schmückte,

Und dabei himmlisch wie ein Engel sang.

Der dicke, große Thurm, in dem schon lang

Gefangen die besagten Ritter lagen

– Von denen auch noch ferner viel zu sagen –

Die stärkste von des Schlosses Kerkerwarten,

Lag an dem Wall von eben jenem Garten,

In dem ihr Spiel Emilie fröhlich trieb.

Bei Sonnenschein und Morgenfrische blieb

Auch der gefangne Palamon nicht lang

Im Bett, und den gewohnten Morgengang,

Zu dem sein Wärter ihm Erlaubniß gab,

Nahm er im höchsten Stock, von dem herab

Zur Stadt er und zum Grün des Gartens sah,

In dem das schöne Kind Emilia,

Lustwandeln ging, sich tummelnd hin und her.

Und Palamon, gefangen, sorgenschwer,

Ging seufzend auf und ab in seiner Kammer,

Sich oft beklagend, daß zu solchem Jammer

Geboren ihn das neidische Geschick.

Und so geschah’s – sei’s Zufall oder Glück –

Daß seine Augen durch die dicken Sparren

Von seines Fensters mächt’gen Eisenbarren

Grad’ auf Emilie fielen. – Zitternd, bleich,

Zusammenzuckend, schreit empor er gleich,

Als ob er durch das Herz gestochen sei. –

Auf sprang Arcit sofort bei diesem Schrei

Und sprach: »Was, theurer Vetter, ist geschehn,

Daß todtenblaß Du plötzlich anzusehn,

Was hat man Dir gethan, was soll die Klage?

Um Gottes Willen mit Geduld ertrage,

Was abzuändern unsrer Macht entgeht.

Fortuna hat den Rücken uns gedreht!

Wenn unheilvoll durch die Constellation

Saturns uns die Aspecten einmal drohn,

So bleibt vergebens das Geschick beschworen;

Denn, wie der Himmel stand, als wir geboren,

So müssen wir’s ertragen – das ist klar!«

Des Palamons Erwiedrung aber war:

»Bei Deiner Ansicht, die Du mitgetheilt,

Hat Deine Phantasie sich übereilt.

Nicht schrie ich, Vetter, weil wir hier gefangen;

Ich ward verwundet, und die Schmerzen drangen

Durchs Auge mir ins Herz. Auf immerfort

Bannt mich die Schönheit einer Frau, die dort

Lustwandelnd sich ergeht im Gartengrün.

Das war der Grund, weßhalb ich aufgeschrien.

War Weib sie, war vom Himmel sie geschickt?

Mich dünkt, die Venus selbst hab’ ich erblickt!«

Und dabei sank er auf die Kniee hin

Und sprach: »Venus, wenn ich gewürdigt bin,

Daß Du mir Armen, welchen Kummer beugt,

Dich hier in irdischer Gestalt gezeigt,

So hilf uns zu entrinnen unsrer Haft!

Doch ist’s bestimmt, daß in Gefangenschaft

Wir durchaus sterben sollen, dann gewähre

Dein Mitleid unserm Stamme, dessen Ehre

Durch Tyrannei zu tiefem Fall gebracht!«

Nach dieser Rede war Arcit bedacht,

Auch seinerseits die Dame zu erspähen;

Doch augenblicklich, als er sie gesehen,

War – wenn schon Palamon verwundet schwer –

Arcit es ebenmäßig oder mehr.

Und jämmerlich fing er zu seufzen an:

»Die holde Schönheit hat mir’s angethan,

Die ich erblickt auf jenem Gartenpfade.

Erring’ ich mir nicht ihre Gunst und Gnade

Bleibt mir versagt, sie mindestens zu sehn,

Ist es um mich – das fühl’ ich – auch geschehn.«

Als kaum die Worte Palamon gehört,

Frug er verächtlich blickend und verstört:

Ob’s Ernst, ob’s Scherz ihm mit der Rede wäre?

»Nein« – sprach Arcit – »vollkommen Ernst – auf Ehre!

Zu Scherzen bin – weiß Gott – ich nicht gestimmt.«

Und Palamon versetzte drauf, ergrimmt

Die Brauen faltend: »Nicht von Ehre sprich,

Wenn falsch Du und Verräther gegen mich,

Den Vetter und den Bruder Deiner Wahl!

Wir schwuren uns bei der Verdammung Qual,

Es solle gegenseitig von uns beiden

Einer dem andern bis zum Todesscheiden

In keiner Art und – lieber Bruder mein –

Auch in der Liebe nicht im Wege sein.

Daß Du zu meiner Hülfe stets bereit,

Wie ich zu Deiner – dieses war Dein Eid,

So sicherlich wie es der meine war.

Du kannst nicht widersprechen. Offenbar

Mußt Du, wie ich, in dieser Sache denken;

Drum Falschheit ist’s, Dein Lieben hinzulenken

Zur Dame, die ich liebe, die ich auch

Stets lieben werde bis zum letzten Hauch!

Doch nie, Arcit, soll es Dein falsches Herz!

Ich liebte sie zuerst, und meinen Schmerz

Hab’ ich als Bruder Dir und Freund geklagt,

Mir hülfreich beizustehn; denn – wie gesagt –

Dich bindet Eid, Dich bindet Ritterpflicht,

Daß Du mir Hülfe leihst; und thust Du’s nicht,

Bist Du – frei sag’ ich’s – deines Eids vergessen.«

Ihm stolz erwiedernd, sprach Arcit indessen:

»Wenn Du mich falsch nennst, ist es leider schade,

Daß falsch Du selbst bist in weit höherm Grade,

Denn – par amour! – wer liebte sie zuerst,

Ich oder Du, daß Du Dich so beschwerst?

Du wußtest nicht, ob Weib, ob Göttin sie;

Dein Herz bewegte heil’ge Sympathie,

Doch irdischer ist meiner Liebe Feuer;

Und so geschah’s, daß ich mein Abenteuer

Als Vetter und als Bruder Dir enthüllte.

Gesetzt, daß Liebe Dich zuerst erfüllte,

So weißt Du’s doch, daß Weise längst verkündet,

Daß in der Liebe kein Gebot uns bindet;

Und ob der klügste Mann Gesetze schriebe,

Bei meinem Kopf! das höchste bleibt die Liebe,

Und giebt uns positives Recht, Versprechen

Um ihretwillen jederzeit zu brechen!

Verstand verstummt, sobald die Liebe spricht!

Ob uns der Tod droht, wir entfliehn ihr nicht

– Mag sie nun Weib sein, Wittwe oder Maid. –

Für mich wie Dich gibt’s keine Möglichkeit,

Uns ihre Gunst im Leben zu erringen,

Denn unsres – weißt Du – müssen wir verbringen

In Kerkerhaft, aus der in Ewigkeit

Nicht mich noch Dich ein Lösegeld befreit.

Wir streiten, gleich zwei Hunden, um das Bein.

Sie fochten, jeder wollte Sieger sein;

Da kam ein Habicht, der sie ausgewittert,

Und stahl den Knochen, der sie so erbittert.

Und, Bruder, sieh’ den Hof des Königs an!

Da steht auch Jeder seinen eignen Mann.

Lieb’, wen Du willst; ich will das Gleiche thun,

Und damit, Bruder, laß die Sache ruhn.

So lang in Kerkermauern wir begraben,

Mag jeder auch sein Abenteuer haben.«

Wie lang und scharf gewährt der Beiden Streit,

Würd’ ich berichten, hätt’ ich nur die Zeit.

Jedoch zur Sache! – Kurz, wie ich’s vermag,

Sei es erzählt. Es kam an einem Tag

Ein würd’ger Fürst, Pirithous genannt,

Zu Theseus nach Athen, wo er das Band

Der alten Freundschaft mit dem Spielgenossen,

Das sie in frühster Kinderzeit geschlossen,

Erneuerte, und froh mit ihm verkehrte,

Den auf der Welt er über Alles ehrte,

Von dem geehrt er über Alles war.

Der Beiden Liebe macht die Sage klar,

Daß nach dem Tod des Einen in der Hölle

Den Freund besucht der lebende Geselle.

– Was ich Euch hier nicht lang berichten mag. –

Pirithous, der schon seit Jahr und Tag

In Theben Neigung für Arcit empfand,

Hatte bei Theseus sich für ihn verwandt

Und durch sein Bitten ihm Pardon verschafft,

Daß ohne Lösegeld aus seiner Haft

Er unbeschränkt, wohin er wolle, ginge,

Jedoch nur unter folgendem Bedinge:

Mit dem Arcit kam Theseus überein,

Es solle künftig so gehalten sein,

Daß, wenn in seinem Leben je Arcit

Betroffen würde wieder im Gebiet

Des Herzog Theseus und zur Haft gebracht,

Sei es am Tage, sei es in der Nacht,

Sein Kopf sofort verfallen sei dem Schwerte.

Dagegen half kein Rath. – Entlassen, kehrte

Darum Arcit zurück zum Heimathlande.

– Er wahre sich! es steht sein Kopf zum Pfande! –

Wie wird Arcit nunmehr gequält von Schmerzen

Und welche Todesqual trägt er im Herzen?!

Er weint und klagt und sinnt, mit eignen Händen

Die Leiden seines Lebens zu beenden.

»Unsel’ger Tag« – sprach er – »der mich gebar!

Wenn Fegefeuer schon mein Kerker war,

Ist gegenwärtig mein Geschick noch schlimmer,

Denn in die Hölle bannt es mich für immer!

Hätt’ ich Pirithous doch nie gekannt;

Dann hielte mich noch Herzog Theseus’ Hand

In ewiger Gefangenschaft zurück!

Hier bin ich elend, dort war ich im Glück!

Wenn ich nur sie, die hoch mein Herz verehrt

– Wird ihre Gunst auch niemals mir bescheert –

Erblicken könnte, wär’ ich hoch zufrieden!

Ach!« – rief er aus – »Dir ist der Sieg beschieden,

Mein Vetter Palamon, in diesem Streit!

Du bliebst im Kerker voller Seligkeit;

Im Kerker? Nein! Fürwahr, ein Paradies

Fortunas Würfel Dich gewinnen ließ!

Du bist ihr nah’, ich bin auf ewig weit,

Dir bleibt ihr Anblick und die Möglichkeit,

Daß – weil Du so gewandt wie tapfer bist,

Und wandelbar Fortunas Wesen ist –

Du mit der Zeit noch deinen Wunsch erlangst.

Ich bin verbannt! In hoffnungsloser Angst

Bleibt mir beständige Verzweiflung nur.

Hienieden gibt es keine Creatur

Im Feuer, Wasser, in der Luft, auf Erden,

Ein Tröster und ein Helfer mir zu werden!

O, wär’ ich todt! Mir bleibt kein Hoffnungsschimmer,

Lust, Leben, Freude lebet wohl für immer!

Warum beklagt der Mensch sich des Geschicks,

Das Gottes Allmacht, oder Spiel des Glücks

In weiserm Walten über ihn verhängte,

Als wenn er selbst des Lebens Steuer lenkte?

Der Eine strebt nach Reichthum, und verdorrt

In langem Siechthum, oder stirbt durch Mord;

Ein Anderer durchbricht des Kerkers Wände,

Den Tod zu finden durch der Seinen Hände.

Wir wissen nicht, wie oft in diesen Dingen

Endlosen Harm die eignen Wünsche bringen.

Wir taumeln, wie ein schwer betrunkner Mann,

Der zwar sein Haus kennt, doch nicht finden kann

Den Weg, der ihn zu seiner Wohnung leitet,

Und auf dem Pfade sinnlos schwankt und gleitet.

So fahren wir umher in unserm Leben!

Die Seligkeit, nach der wir eifrig streben,

Sich oftmals als das Gegentheil erweist;

Das wissen Alle – und ich selbst zumeist,

Der ich in hoffnungsvollem Wahn gestanden,

Es werde, frei von meinen Kerkerbanden,

Nur Lust und Wohlsein fürder mir zu Theil.

Und jetzt bin ich verbannt von meinem Heil,

Da, wenn ich Dich, Emilie, nicht mehr sehe,

Allein der Tod nur enden kann mein Wehe!«

Ganz anders war des Palamons Gebahren,

Als des Arcit Befreiung er erfahren.

Sein Wehgeschrei und seine Klagen schallten,

Daß laut des Thurmes Mauern widerhallten;

Und auf die Fesseln, welche seine Glieder

Umschlossen, fielen bittre Thränen nieder.

»Arcit, mein Vetter!« – hub er an zu sprechen –

»Nun kannst – weiß Gott – des Kampfes Frucht Du brechen!

Du wanderst jetzt in Theben frei umher,

Und kaum gedenkst Du meiner Leiden mehr;

Du bist voll Weisheit und voll Männlichkeit,

Und kannst des Hauses Mannen leicht zum Streit

Jetzt um Dich schaaren, in dies Land zu dringen;

Es kann durch Glück Dir, durch Vertrag gelingen,

Zum Weibe die Geliebte zu erwerben;

Ich aber muß vor Jammer um sie sterben.

Da Du aus der Gefangenschaft entlassen,

Vermagst Du jeden Vortheil zu erfassen.

Du bist Dein eigner Herr und darum stärker

Als ich, der hier verschmachten muß im Kerker,

Um lebenslänglich unter Jammerklagen

Die Leiden der Gefangenschaft zu tragen;

Und doppelt macht die Liebespein mein Herz

Empfinden alle Qualen, jeden Schmerz.«

Empor flammt Eifersucht, wie Feuersgluth,

In seiner Brust. Wie rasend schoß das Blut

Ihm nach dem Herzen und ließ die Gestalt

Wie Buchsbaum blaß, wie Asche todt und kalt.

»Grausame Göttin, deren Wort die Welt«

– So rief er aus – »in ew’gen Banden hält,

Die Du auf Demanttafeln Dein Belieben

Als ew’ge Richtschnur für die Welt geschrieben,

In Deinen Augen gelten Menschen kaum

Soviel wie Schafe in der Hürde Raum;

Und wie ein Vieh auch wird der Mensch erschlagen,

Muß Kerkerhaft und Sclavenfesseln tragen,

Krankheit und Wiederwärtigkeit erdulden,

Und oft – bei Gott! – ganz ohne sein Verschulden!

Heißt das Regierung, wenn, vorauserwählt,

Die fleckenlose Unschuld wird gequält?!

Und nicht genug damit! zu größrer Qual

Sind wir verpflichtet gar aus freier Wahl

Den Sinn zu beugen unter Gottes Willen,

Wenn frei die Lust ein jedes Thier mag stillen.

Ein Vieh, das stirbt, ist ledig seiner Plagen,

Ein todter Mensch muß heulen noch und klagen,

Als ob nicht jammervoll genug die Welt!

Doch ohne Zweifel, so ist es bestellt!

Wer kann uns Antwort auf die Frage geben?

Eins ist gewiß: das größte Leid ist Leben!

Ach! Räuber und Reptile sehen wir,

Die guten Menschen stets geschadet, hier

Ganz frei und ungestört ihr Wesen treiben;

Mich aber ließ in Kerkerbanden bleiben

Saturnus, und mit eifersücht’ger Wuth

Zerstörte Juno Thebens bestes Blut

Und stürzte seine weiten Wälle nieder,

Indeß mich Venus vor Arcit hinwieder

Mit eifersüchtiger Befürchtung schlug!«

Nun sprachen wir von Palamon genug,

Und wollen ihn in seinem Kerker lassen,

Um mit Arcit uns wieder zu befassen.

Der Sommer floh. – In langer Winternacht

Ward doppelmächtig beider Schmerz entfacht.

Ich weiß es nicht, wer litt vom Unglück stärker,

Der Mann der Liebe oder der im Kerker?

Denn – kurz – war’s ewig Palamons Verhängniß,

Daß, festgekettet, er in dem Gefängniß

Verbleiben müßte bis zum Lebensziel,

So war Arcit für immer im Exil,

Beraubt, da Tod ihm jede Rückkehr war,

Auch ihres Anblicks nun und immerdar.

Ihr Liebenden, Euch stell’ ich nun die Frage,

Ob Palamon das schlimmere Loos ertrage,

Der, zwar gefangen, dennoch Tag für Tag

Die Dame seines Herzens sehen mag,

Ob es Arcit, der, zwar ein freier Mann,

Doch die Geliebte nie erblicken kann.

Wie’s Euch am besten zusagt, mögt Ihr wählen,

Mich aber drängt es, weiter zu erzählen.

In Theben angelangt, wird krank und schwach

Arcit und klagt tagtäglich Weh’ und Ach!

An der Geliebten sollte sich sein Blick

Nie mehr erfreun. Zu solchem Mißgeschick

War – um es kurz zu enden – nie ein Wesen

Und wird auf Weltendauer nie erlesen.

Es war ihm Hunger, Durst und Schlaf vergangen;

Mit hohlen Augen und mit fahlen Wangen,

Dürr wie ein Stock, von Ansehn aschenbleich,

Erregte Schreck und Mitleid er zugleich.

Und einsam war er, immerfort allein;

Und nächtelang schrie er in seiner Pein,

Aus seinen Augen Thränenströme drangen

Wenn Lieder tönten, Instrumente klangen.

Aus seiner Brust war aller Muth entflohn,

Und so verändert klang der Stimme Ton,

Daß sie kaum wieder zu erkennen war.

Sein ganzes Wesen wies es offenbar,

Daß er den Zustand nicht allein verdanke

Den Pfeilen Eros’ – nein – an Wahnsinn kranke,

Und daß die Säfte der Melancholie

Im Hirn getrübt den Sitz der Phantasie.

Kurz – ganz verdreht war er durch Liebesleid

An Wesen und Gemüthsbeschaffenheit.

Doch soll ich von den Schmerzen, die ihn quälen,

Den lieben, langen Tag hindurch erzählen?

Als er ein bis zwei Jahre so geplagt

Von Leid und Kummer – wie ich schon gesagt –

In seiner Heimath Theben zugebracht,

Sah vor sich stehn im Schlaf er in der Nacht

– Wie es ihm schien – den Flügelgott Merkur,

Der ihm Geheiß gab, Muth zu fassen nur!

In seiner Hand die goldne Schlummerruthe,

Sein strahlend Haar bedeckt mit einem Hute,

Erschien in selber Bildung er und Tracht,

Als er dem Argus Schlaf und Tod gebracht;

Und sprach zu ihm: »Hin nach Athen Dich wende,

Dort geht für Dich Dein Liebesschmerz zu Ende!«

Bei diesen Worten fuhr Arcit empor.

»Fürwahr, steht auch das Schlimmste mir bevor,

So geh’ ich« – rief er – »dennoch nach Athen,

Dem Tode trotz’ ich, gilt es die zu sehn,

Der ich in treuem Liebesdienst ergeben.

Bin ich ihr nah’, was gilt mir dann mein Leben!«

Zum großen Spiegel griff er bei dem Wort,

Und da die Blüthe seiner Wangen fort

Und er sein Antlitz ganz verändert sah,

Lag auch sofort ihm der Gedanke nah’,

Daß, da entstellt bis zur Unkenntlichkeit

Ihn seine Krankheit und sein Herzeleid,

Er in Athen in unscheinbarem Stand,

Für immer könne wohnen unerkannt

Und die Geliebte sehn zu jeder Zeit.

Und so vertauscht’ er ungesäumt sein Kleid

Und ging vermummt als armer Bauersmann

Auch graden Weges nach Athen sodann.

Ein einz’ger Junker nur war sein Begleiter,

Den als Vertrauten seiner Heimlichkeit er

In ärmlicher Verkleidung mit sich nahm.

Als er zur Hofburg eines Tages kam,

Bot er am Thorweg als ein Arbeitsmann

Zu jedem Dienst, den man verlangt, sich an.

Und – kurz zu melden Euch den Sachverlauf –

Es nahm in Dienst ein Kammerherr ihn auf,

Der an dem Hof Emiliens sich befand:

Ein kluger Mann, der es gar wohl verstand,

Die Dienerschaft in guter Zucht zu halten.

Zum Wassertragen und das Holz zu spalten,

Schien ihm Arcit geschickt, denn jung und stark,

Von kräft’gem Bau und gutem Knochenmark,

War er geeignet, jeden Dienst zu thun.

Ein bis zwei Jahre blieb als Page nun

Er in dem Dienste dieser schönen Dame,

Und Philostrat sei – gab er an – sein Name.

Doch Keiner seines Rangs ward halb so sehr

Vom ganzen Hofe rings geliebt, wie er.

Von seinem vornehm-adeligen Wesen

War vieles Rühmen stets am Hof gewesen,

Und Jeder wünschte, daß ihn Theseus’ Gnade

Baldigst zu einem angemessnen Grade

Und einem ehrenvollern Dienst erhebe,

Der seiner Tugend weitern Spielraum gäbe.

So war durch sein Betragen und sein Reden

Sein Name bald im Mund von einem Jeden,

Bis ihn zum Junker Theseus dann ernannte

Und ihn bei sich als Kämmerling verwandte.

Auch gab er ihm, um ranggemäß zu leben,

Das nöth’ge Gold. Doch heimlich ward daneben

Ihm seine Rente jedes Jahr gesandt,

Indeß von ihm mit Maß und mit Verstand

Verthan, daß er kein Aufsehn dadurch machte.

Und in drei Jahren, die er so verbrachte,

Gewann er sich im Frieden wie im Streit

Des Theseus innigste Gewogenheit.

Und so verlassen wir Arcit im Glück,

Und wenden uns zu Palamon zurück.

In seines festen Kerkers Schreckensnacht

Hat sieben Jahre Palamon verbracht,

Von Lieb’ und von Verzweiflung fast zerrissen.

Wer hat je sorgenvoller dulden müssen

Als Palamon? Ihn hatte Leid und Lieben

Zur Schwermuth, ja, zum Wahnsinn fast getrieben,

Und dazu sitzt er nicht auf Jahr und Zeit

In dem Gefängniß, nein, auf Ewigkeit!

Wer könnte reimen nach Gebühr und Pflicht

Sein Marterleiden? Ich vermag es nicht!

– Rasch übergangen drum die Sache sei. –

Im siebten Jahr, zur dritten Nacht im Mai,

Geschah es, wie uns Bücher und Geschichten

Aus alten Zeiten umständlich berichten

– Sei es nun Zufall oder Schicksalsschluß,

Durch den ein Ding, das sein soll, kommen muß –

Daß Palamon zu mitternächt’ger Zeit

Durch Freundes Hülfe, die ihm dienstbereit

Zu Theil geworden, seiner Haft entkam

Und aus der Stadt die Flucht in Eile nahm.

– Ein Schlaftrunk aus Narkotikum von Theben

Und Opium, die in süßem Wein gegeben,

Betäubte so den Wärter, daß kein Schütteln

Im Stande war, ihn aus dem Schlaf zu rütteln;

Und so entkam er und entrann er schnell. –

Die Nacht war kurz. Bald schien der Tag schon hell.

Sich zu verbergen, war es hohe Zeit;

Weßhalb zu einem Haine sich abseit

Auch Palamon mit bangen Schritten schlug.

Denn es war seine Absicht, daß er klug

Den Tag hindurch, im Busch versteckt, verbringe

Und erst zur Nachtzeit wieder weiter ginge

Auf Theben zu, um dort zum Kriege gegen

Den Theseus seine Freunde zu bewegen.

Denn – kurz gesagt – es galt entweder Sterben

Oder zum Weib Emilie zu erwerben.

Das war sein Zweck, nur das lag ihm im Sinn!

Wir wenden zu Arcit uns wieder hin,

Der wenig ahnte, welche Sorgen nahten,

Bis in Fortunas Fallstrick er gerathen.

Die fleiß’ge Lerche, Tages Botenfrau,

Begrüßt mit ihrem Sang das Morgengrau,

Und Phöbus naht mit Feuerflammenpracht,

Bei dessen Blick der ganze Osten lacht,

Und trocknet rasch durch seiner Strahlen Schein

Der Blätter Silbertropfen in dem Hain.

Arcit, zum ersten Junker jetzt gemacht,

Am Hof des Theseus, war schon früh erwacht,

Und da der Tag so heiter schien und klar,

Beschloß er, wie schon längst sein Vorsatz war,

Dem Mai sein Opfer heute darzubringen.

Bald trug sein Renner ihn auf Feuerschwingen,

Damit im Freien fröhlich er verweile,

Vom Hof aufs Feld bis über eine Meile

Zum Haine hin, von welchem ich erzählte,

Und den durch Zufall er zum Ziel erwählte,

Um sich aus Weißdornblüthen, Geißblattwinden

Und grünen Blättern einen Kranz zu binden;

Und laut sang er dem Sonnenschein entgegen:

»O grüner Mai, so reich an Blüthensegen,

Du frischer, schöner Mai willkommen mir!

Zu finden hoff’ ich etwas Grünes hier!«

Und hoch vergnügt er rasch vom Pferde sprang

Und lenkte zu dem Haine seinen Gang

Und wandelt’ dort umher auf einem Pfade,

Wo hinter einem Busch durch Zufall grade

Sich Palamon, den stete Todessorgen

In Angst versetzten, ungesehn verborgen;

Indessen – Gott mag’s wissen – daß Arcit

Zugegen sei, er nimmermehr errieth.

Der alte Spruch sein stetes Recht behält:

Der Wald hat Ohren, Augen hat das Feld;

Woran der Mensch sich wohl erinnern mag,

Denn widerfahren kann’s ihm jeden Tag.

Es wußte drum, im Selbstgespräch verloren,

Arcit auch nicht, wie nah’ des Lauschers Ohren,

Der still und lautlos saß im Busch versteckt.

Nachdem Arcit, vergnügt und aufgeweckt,

Manch lustig Lied gesungen, gab sein Sinn

Sich plötzlich grillenhaften Träumen hin,

Wie solche bei verliebten Leuten eben

Gleich Brunneneimern auf und nieder schweben,

Und bald im Grün, bald unter Dornen sind.

Recht wie ein Freitagswetter, das geschwind

Verkehrt den hellen Sonnenschein in Regen,

Weiß launenhaft auch Venus zu bewegen

Des Volkes Herzen, die wie ihren Tag,

Sie gern verändern und verkehren mag.

– Selten gleicht Freitag andern Wochentagen. –

Sein Lied war aus, Arcit begann zu klagen,

Und seufzend warf er rasch zu Boden sich,

»Weh!« – sprach er – »sei dem Tage, welcher mich

Gebar! Wie lange, Juno, soll mit Streit

Theben verfolgen Deine Grausamkeit?

Ach wie erniedrigt ist durch Deine Wuth

Des Kadmus und Amphion Königsblut!

Des Kadmus, welcher als der erste Mann

Von Thebens Stadt den stolzen Bau begann

Und dessen Königskrone sich errang.

Aus seinem fürstlichen Geblüt entsprang

Auch ich in grader Linie, ob geächtet

Ich leider jetzt, im Elend und geknechtet

Muß in dem Dienste meines Todfeinds leben,

Dem ich als armer Junker untergeben.

Noch größre Schande that mir Juno an,

Daß ich Arcit mich nicht mehr nennen kann

Und, statt den wahren Namen zu entdecken,

Mich elend muß als Philostrat verstecken.

Ach, grimmer Mars! ach, Juno! Eure Wuth

Hat bis auf mich des ganzen Stammes Blut

Und bis auf Palamon dahin gerafft,

Den Theseus quält in ew’ger Kerkerhaft!

Und überdies zu mehren meinen Schmerz,

Hat Liebe durch dies treuergebne Herz

So brennend ihren Feuerpfeil getrieben,

Als sei mein Todesurtheil schon geschrieben,

Bevor man noch an meinen Windeln spann.

Emilie! Deine Augen sind daran

Allein nur schuld; denn was mich sonst beschwert,

Acht’ ich, fürwahr, nicht einen Strohhalm werth,

Wenn Dir zu dienen ich im Stande bin!«

Nach diesen Worten lag er ohne Sinn

Für lange Zeit, – und später regte sich

Auch Palamon, den ein Gefühl beschlich,

Als ob ein kaltes Schwert sein Herz durchdrungen.

Dem Dickicht war er wuthentbrannt entsprungen

Mit stierem, todtenbleichem Angesichte,

Als er vernommen des Arcit Geschichte.

In dem Verstecke ließ es ihm nicht Ruh.

»Falscher Arcit!« – rief er – »Verräther, Du!

Jetzt hab’ ich Dich! – Du hast Dir ausgewählt

Dasselbe Weib, um das mein Herz sich quält!

Du bist mein Blut! Du bist verpflichtet mir

Durch Deinen Schwur! wie oft schon sagt’ ich’s Dir?!

Und nun hast Herzog Theseus Du betrogen,

Ihm einen falschen Namen vorgelogen!

So darf’s nicht sein! Ich oder Du mußt sterben!

Du sollst nicht um Emiliens Liebe werben,

Nur mir und keinem Andern steht das zu,

Denn ich bin Palamon – mein Todfeind Du!

Und fehlen mir auch Waffen hier zum Streit,

Da ich mich eben aus der Haft befreit,

Ich fürchte Nichts. Ich werde Dich erschlagen,

Willst Du fortan Emilien nicht entsagen.

Du kommst nicht fort! – Was Dir gefällt, erwähle!«

Jedoch Arcit mit haßerfüllter Seele

Zog, als er ihn erkannt und angehört,

So wüthend wie ein Löwe gleich sein Schwert

Und sprach: »Beim hohen Gott im Himmel droben,

Machte der Liebe Wahnsinn Dich nicht toben,

Und wär’ nur irgend eine Waffe Dein,

Du kämest nicht lebendig aus dem Hain,

Und fändest Deinen Tod durch meine Hand;

Denn ich zerreiße hiermit Bund und Band,

Wodurch ich – sagst Du – Dir verpflichtet sei.

Was, Narre! – ist die Liebe denn nicht frei?

Trotz aller Deiner Macht will ich sie lieben!

Bist Du der Ritter, der Du warst, geblieben,

Wirst Du mit mir den Kampf um sie bestehn,

Und, auf mein Wort! Du sollst mich morgen sehn

Ganz ohne Zeugen auf demselben Flecke,

Und wissen, daß ein Ritter in mir stecke.

Genug an Wehr und Waffen bring ich Dir,

Die besten wähle, laß die schlechtsten mir!

Mit Speis’ und Trank will ich zur Nacht Dich laben

Und Decken sollst Du für Dein Lager haben;

Und wenn Du die Geliebte Dir erringst,

Und hier im Wald mich um das Leben bringst,

So bleibe Deine Dame Dir als Preis!«

Und Palamon erwiderte: »So sei’s!«

Dann schieden sie. Verpfändet war ihr Wort

Zum Kampf für morgen an demselben Ort.

Ach, umbarmherz’ger Amor, ausgeschlossen

Hast Du als Herrscher jeden Mitgenossen.

Der Spruch bleibt wahr: daß Herrschaft, wie die Liebe

Am besten ohne Mitregenten bliebe.

Das finden auch Arcit und Palamon.

Rasch ritt Arcit dann nach der Stadt davon

Und schafft, sobald der Tag zu graun begann,

Zwei Rüstungen sich ganz im Stillen an,

Die wohl geeignet waren, um die Beiden

In ihrem Zweikampf passend zu bekleiden.

Dann stieg zu Roß er ganz allein und trug

Die Rüstungen auf seinem Sattelbug,

Und hin zu Palamon ritt nach dem Hain

Zur rechten Zeit er zu dem Stelldichein.

Wohl färbten sich der Beiden Wangen bleich.

– Dem Jägersmann auf Thraciens Gauen gleich,

Der, auf der Lauer steh’nd mit seinem Speer,

Wenn ein gehetzter Löwe oder Bär,

So Busch wie Blätter knickend, mit Gewalt

Raschelnd hervorbricht aus dem Unterwald,

Beständig denkt: »Da nah’t mein Todfeind sich!

Entweder er muß fallen oder ich;

Entweder ihm geb’ ich den Todesfang,

Sonst muß ich sterben, falls der Stoß mißlang;«

Erging es ihnen. – Ihre Farbe schwand,

Weil beiderseits sie sich zu wohl bekannt.

Nicht »Guten Tag« und nicht ein Grußeswort

Ward ausgetauscht. Doch halfen sie sofort

Einander, sich die Rüstung anzulegen,

So freundlich, wie es eigne Brüder pflegen.

Dann fuhren sie mit manchem Speeresstoß

Gar wunderlang scharf aufeinander los;

Man dächte wohl von Palamon mit Recht,

Ein wüth’ger Löwe führe das Gefecht,

Indeß ein grimmer Tiger sei Arcit.

Ganz wie zwei Eber man sich zausen sieht,

Mit weißem Schaum bedeckt und toll vor Wuth,

So fochten sie bis enkeltief im Blut.

Doch in dem Kampf will ich jetzt Beide lassen,

Um mich nunmehr mit Theseus zu befassen.

Das Schicksal, dieser Oberfeldmarschall,

Deß starke Hand das ganze Weltenall

Nach Gottes Vorbeschluß in Ordnung hält,

Ist übermächtig. Und, wenn alle Welt

Das Gegentheil beschwört bei Ja und Nein,

Ein Ding, das kommen soll, trifft dennoch ein,

Und käm’ es selbst nur alle tausend Jahr’!

Denn alles Menschenwollen wird fürwahr

– Sei’s Haß, sei’s Liebe, sei es Krieg, sei’s Frieden –

Nur durch den Lenker in der Höh’ entschieden.

Dies darf ich in Bezug auf Theseus sagen. –

Nach einem großen Maienhirsch zu jagen

War stets vor Allem seine Lust und Wonne;

Und jeden Tag war, früher als die Sonne,

Er schon gekleidet und zur Jagd bereit

Mit Hund und Horn und Jägern im Geleit.

Als Zeitvertreib und lustiges Ergötzen

Galt es ihm stets, den starken Hirsch zu hetzen.

Und seine größte Lust und Freude war’s

Dianen jetzt zu dienen, anstatt Mars.

Klar war der Tag, wie ich erwähnt vorhin,

Und Theseus mit der schönen Königin

Und mit Emilia, die sich Grün erwählt

Für ihren Anzug, eilte froh beseelt

Zur Jagd hinaus in königlichem Staat,

Und als er jenem Haine sich genaht,

In dem ein Hirsch – wie man ihm sagte – stand,

Ritt Theseus spornstreichs über Bach und Land,

Bis graden Wegs er zu der Stelle kam,

Wo jener Hirsch stets seinen Wechsel nahm.

Mit allen Hunden hinterdrein zu setzen,

Um ein- bis zweimal nach dem Hirsch zu hetzen,

Wie’s ihm gefiele, Theseus nun befahl.

Im freien Felde sah er durch den Strahl

Der hellen Sonne und nahm plötzlich wahr

Arcit und Palamon, die wie ein Paar

Erboßte Bullen miteinander rangen,

Und deren helle Schwerter gräßlich klangen,

Als wollten sie mit dem geringsten Streiche

Zu Boden fällen eine mächt’ge Eiche.

Der Herzog, der die Beiden nicht erkannte,

Fest in sein Roß die scharfen Sporen rannte

Und sprengte schleunigst zwischen sie hinein

Und zog sein Schwert und rief: »Gleich haltet ein!

Nicht weiter treibt’s, ist Euer Kopf Euch werth!

Beim mächt’gen Mars, wer noch einmal sein Schwert

Zum Streich erhebt, der ist dem Tod geweiht!

Doch nun erzählt mir, wer Ihr beide seid,

Daß ohne Zeugen, so geheimnißvoll

Ihr Euch bekämpft mit so gewalt’gem Groll,

Als ob Ihr wirklich in den Schranken ständet?«

Und Palamon, zu Theseus hingewendet,

Antwortete: »Was braucht’s der Worte viel?

Um unser beider Leben gilt das Spiel!

Verbrecher sind wir, jammervolle Wichte,

Des Lebens überdrüssig; darum richte

Als ein gerechter Herrscher unsre Schuld,

Und schenk’ uns keine Gnade, keine Huld!

Gieb aus Erbarmen mir den Todesstreich,

Doch meinem Kameraden auch zugleich,

Wenn nicht zuvor. Denn unerkannt steht hier

Arcit, Dein größter Todfeind jetzt vor Dir;

Er, den Du einst bei Kopfverlust verbannt,

Empfängt mit Recht den Tod aus Deiner Hand!

Er ist es, der sich Deinem Thor genaht

Mit falschem Namen, der als Philostrat

Dich liebe, lange Jahre schon betrogen,

Und den als Junker Du emporgezogen,

Und er auch ist es, der Emilia liebt!

Es nah’t der Tag, der meinen Tod mir giebt.

Und beichten will ich Alles schlicht und klar:

Ich bin der arme Palamon, fürwahr,

Der jüngst entsprang aus seiner Kerkerhaft,

Ich bin Dein Todfeind, welchen Leidenschaft

Zur herrlichen Emilie so durchdringt,

Daß er sein Leben gern zum Opfer bringt!

Dein Urtheil sprich! Gieb mir den Todesstreich,

Doch tödte den Genossen auch zugleich,

Da alle Beide wir den Tod verdienen.«

Der edle Herzog gab zur Antwort ihnen:

»Kurz ist mein Urtheil. – Euer eigner Mund

Hat Euch verdammt! Ihr machtet selber kund

Mir Eure Schuld durch Euer Eingeständniß.

Die Folter spart Ihr Euch durch dies Bekenntniß,

Doch sühnt nur Tod – beim mächt’gen Mars! – die Schuld!«

Die Königin, voll frauenhafter Huld,

Fing mit Emilie bitter an zu weinen,

Und allen Ehrendamen wollte scheinen,

Es sei zu jammervoll und mitleidslos,

Daß ihrer harren solle solches Loos.

Sie seien Herr’n von adeligem Stand,

Und nur aus Liebe sei ihr Streit entbrannt.

Und als die blut’gen Wunden sie gesehn,

So weit und tief, begannen sie zu flehn:

»Herr! mit uns Weibern allen habt Erbarmen!«

Und niederknieend, suchten zu umarmen

Sie seine Füße, bis zu guterletzt

In mildre Stimmung Theseus sie versetzt.

– Das Mitleid rasch ein edles Herz bewegt! –

Zuvor durch Zorn noch äußerst aufgeregt,

War seine Fassung bald zurückgewonnen,

Als er der Schuld von Beiden nachgesonnen,

Und ihrem Grunde. Denn, ob grimmentbrannt,

Entschuldigte sie dennoch sein Verstand.

Er dachte so: Wohl mag ein jeder Mann

Sich in der Liebe helfen, wie er kann.

Und Jeder mag sich auch der Haft entziehn.

Und da die Weiber immerwährend schrien,

Begann im Busen Mitleid sich zu regen

Und zu sich selbst nach stillem Ueberlegen

Sprach bald sein Herz: Pfui! wahrlich, wär’ es schade,

Wenn sich ein Herr, verschlossen jeder Gnade,

In Wort und That stets wie ein grimmer Leu

Dem Manne zeigt, der voller Furcht und Reu’,

Wie dem, der in verachtungsvollem Wahn

Stets aufrecht hält, was er zuerst gethan.

Von wenig Urtheilskraft giebt den Beweis

Ein Herr, der nicht zu unterscheiden weiß,

Demuth und Stolz auf gleicher Wage messend.

Und als er, seines Zornes rasch vergessend,

Mit klaren Blicken rings umher geschaut,

Sprach er das still Gedachte darauf laut:

»Du Liebesgott! Ei, benedicite!

Du großer, mächt’ger Herr, wo leistet je

Das größte Hinderniß Dir Widerstand?

Mit vollem Rechte wirst Du Gott genannt

Ob Deiner Wunder; denn in unsrer Brust

Lenkst Du das Herz nach Willkür und nach Lust!

Das sieht man an Arcit und Palamon,

Die jetzt in Theben, ihrer Haft entflohn,

Ein ehrenvolles, sichres Dasein fänden;

Und beide wissen, daß in meinen Händen

Sie in der Macht von ihrem Todfeind sind;

Und dennoch macht die Liebe sie so blind,

Daß offnen Auges in den Tod sie rennen!

Ist das, führwahr, nicht Wahnsinn zu benennen?

Was kommt an Thorheit je der Liebe gleich?

Nun, seht sie an! – Beim Gott im Himmelreich!

Wie sind sie zugerichtet, wie voll Wunden!

Das ist der Lohn, mit dem sie abgefunden

Für ihren Dienst Ihr Herr, der Gott der Liebe!

– Indeß, was ihnen vorbehalten bliebe,

Stets dünken sich der Liebe Diener klug. –

Doch spaßhaft ist’s in diesem Fall genug,

Daß sie, um deren Liebe sie gezankt,

Wie ich, gar wenig für die Mühe dankt.

Bei Gott! ein Kuckuk oder Hase weiß

Wohl mehr als sie, warum ihr Kampf so heiß?

Der Liebe Wechselfieber, warm und kalt,

Macht stets zu Thoren, sowohl jung, als alt.

Das hab’ ich an mir selbst in jungen Jahren,

Als ich in ihrem Dienst noch stand, erfahren;

Und, da der Liebe Leid ich selbst gefühlt,

Und weiß, wie sie in Männerherzen wühlt,

Und selbst in ihren Netzen oft gefangen,

So sei auch Euch die That, die Ihr begangen,

Da meine Königin mich auf den Knie’n,

Sowie Emilie darum bat, verziehn.

Gebt Ihr sofort mir Euren Schwur zum Pfande,

Daß Ihr dem Aufenthalt in meinem Lande

Und jedem Kriege wider mich entsagt,

Und Euch als meine Freunde stets betragt,

So sprech’ ich von der Schuld Euch los und ledig!«

Nun priesen sie den Herrn als gut und gnädig,

Und schwuren, zu gehorchen seinem Wort;

Und als er sie begnadigt, fuhr er fort:

»Was Reichthum anbelangt und Fürstenblut,

So seid Ihr beide zweifelsohne gut

Und werth genug, zu lenken Euren Sinn

Auf eine Fürstin, eine Königin.

Doch was Emilie hierbei anbelangt,

Um die im Kampf Ihr eifersüchtig rangt,

So kann sie zwei nicht nehmen, – das ist klar!

Ja, wolltet streiten Ihr auf immerdar,

So muß doch einer – das ist zu begreifen –

Gern oder ungern auf dem Grashalm pfeifen!

Mit einem Wort, sie kann nicht Beide frein,

Mögt Ihr auch noch so eifersüchtig sein.

Und aus dem Grunde setzt’ ich Euch in Stand,

Daß Euer Loos Ihr aus des Schicksals Hand

Empfangen könnt. – Nun horcht, damit Ihr wißt,

Was über Euch bei mir beschlossen ist!

Dies ist mein Wille, der, bestimmt und fest,

Durch keinen Einwand sich mehr ändern läßt.

Nehmt ihn zum Besten auf, wenn’s Euch gefällt:

Wohin Ihr wollt, geht ohne Lösegeld

Und frei von Furcht vor jeglicher Gefahr

Mit dem Beding, daß heut’ in einem Jahr

Ein jeder heim mit hundert Rittern kehrt,

Nach allen Regeln des Turniers bewehrt,

Und frei gewillt, für sie den Speer zu brechen;

Und ohne Rückhalt will ich Euch versprechen,

So wahr ich ehrlich und ein Ritter bin,

Wem von Euch beiden zufällt der Gewinn

– Und das will sagen, wer von Euch, vereint

Mit jenen hundert Rittern, seinen Feind

Erschlagen kann und treiben aus den Schranken –

Der mag dem Glück die holde Gabe danken,

Dem sei als Weib Emilia verliehn.

Auf diesem Platz will ich die Schranken ziehn.

Und wie mir Gott die Sünden mag verzeihn,

So will ich Euch ein treuer Richter sein.

Kein andrer Weg bleibt für Euch einzuschlagen;

Einer muß sterben, oder muß entsagen.

Hab’ ich hierin mit Billigkeit entschieden,

So stimmt mir bei und gebet Euch zufrieden.

Was Euch bestimmt, bleibt unabänderlich!«

Wer freute mehr als Palamon nun sich,

Wer blickte nun vergnügter als Arcit?

Wie kann erzählen, wie besingt mein Lied,

Den freud’gen Beifall, der im Kreis erscholl,

Als Theseus schloß so schön und gnadenvoll?

Hin auf die Knie’ sank Jeder in der Runde

Und gab ihm Dank aus tiefstem Herzensgrunde,

Und die Thebaner dankten ihm zumeist.

Mit hoffnungsvollem Herzen, frischem Geist

Dann Abschied nehmend, sah man ohne Weilen

Zu Thebens alten Wällen Beide eilen.

Man möchte leicht auf mich als lässig schmälen,

Wollt’ ich vom Bau der Schranken Nichts erzählen,

Den Theseus mit Geschäftigkeit vollbracht.

Nie ward mit solcher königlichen Pracht

Auf dieser Welt – das darf mit Recht ich sagen –

Ein zweiter Schauplatz jemals aufgeschlagen.

Auf eine Meile rings umher umgaben

Den Platz ein Steinwall und ein breiter Graben.

Bis sechzig Fuß hoch stiegen rings im Kreise

Sitzreihen auf, gebaut in solcher Weise,

Daß unbehindert durch den Vordermann

Von jedem Platz ein Jeder sehen kann.

Aus weißem Marmor ragte je ein Thor

Nach Osten und nach Westen hin empor.

Um kurz zu schließen, rascher hergestellt

Ward solch ein Bau nicht in der ganzen Welt,

Es war kein Handwerksmann im ganzen Land,

Der etwas Meß- und Rechenkunst verstand,

Kein Mann, der Bilder schnitzte, oder malte,

Den Theseus nicht verpflegte, nicht bezahlte,

Den Schauplatz zu entwerfen und gestalten.

Um um den heil’gen Opferdienst zu halten,

Ward auf dem Thor, das gegen Morgen war,

Der Liebesgöttin Venus ein Altar

Nebst einem Tempelschrein erbaut; wogegen

Ein gleicher Schrein, jedoch nach West gelegen,

Dem Kriegsgott zum Gedächtniß ward verehrt,

Der wohl an Gold ein volles Fuder werth.

Und nordwärts stand in einem Thurm am Walle

Ein Altar, reich vom Schmuckwerk der Coralle

Auf weißem Alabastergrund umsäumt,

Von Theseus für Diana eingeräumt,

Und ihrer Keuschheit würdig angemessen.

Doch aufzuzählen darf ich nicht vergessen

Die edlen Bilderwerke, die Sculpturen,

Form, Haltung und Gestalt von den Figuren,

Mit denen ausgeschmückt war jede Halle.

Zuvörderst sah man dargestellt am Walle

Des Venustempels, schrecklich anzuschauen,

Wehklagen, bittre Seufzer und das Grauen

Schlafloser Nächte, heil’ge Jammerthränen;

Die Feuersgluth der Brunstbegier von denen,

Die in der Liebe Diensten einst gestanden,

Die Schwüre und Versprechen, die sie banden;

Hoffnung und Lust, Vernarrtheit und Begier,

Ausschweifung, Reichthum, Schönheit, Jugendzier,

Gewalt und List, Verführung, Zaubertränke,

Gold, Schmeichelei und lügenvolle Ränke,

Und Eifersucht, geschmückt mit gelbem Band,

Und einen Kuckuk haltend in der Hand;

Musik und Tänze, Feste, wie Gesänge

Mit aller Art von Lust und von Gepränge.

Was nur als Zubehör der Liebe gilt,

Fand, wie befohlen, an der Wand sein Bild,

Und Manches mehr, als ich erzählen kann.

Geschildert an der Tempelwand sah man

Sogar den ganzen Berg Cythäron ragen

Mit allen Gärten, allen Lustanlagen,

Den Venus sich zum Lieblingssitz erkor.

Als Pförtner saß der Müßiggang am Thor.

Man sah Narciß, den Geck der alten Zeit,

Und Salamonis Gottvergessenheit.

Nicht fehlte dort vom Herkules die Stärke,

Noch Circes und Medeas Zauberwerke;

Der Feuermuth, der Turnus einst beseelte,

Die Knechtschaft nicht des reichen Krösus fehlte.

So könnt ihr sehen: Muth noch Reichthum ist,

Noch Stärke, Schönheit, Weisheit oder List

Vermögend vor der Venus zu bestehn.

Wie ihr’s gefällt, so muß die Welt sich drehn!

Die Leute, seht! lockt sie ins Netz hinein,

Und hinterher kommt Seufzen, Noth und Pein.

Ein Beispiel, mag Euch, oder zwei, genügen,

Doch tausende wüßt’ ich hinzuzufügen.

Das Marmorbild der göttlichen Cythere

Erhob sich nackend aus dem weiten Meere;

Krystallenhell sah man die grünen Wellen

Vom Nabel abwärts ihren Leib umschwellen,

Und ihre Leyer hielt sie in der Hand;

Ein frischer, duft’ger Rosenkranz umwand

Ihr Haupt, um welches ihre Tauben flogen,

Die, in den Lüften flatternd, sie umzogen.

Ihr Sohn, Cupido, mit dem Flügelpaar

An seinen Schultern vor ihr stand, und war

Auch hier, wie sonst, als Blinder dargestellt,

Der Pfeil und Bogen in den Händen hält.

Warum soll ich nicht ebenmäßig schildern,

Wie ausgeschmückt war mit verschiednen Bildern

Der Länge und der Breite nach die Wand,

Wo der Altar des blut’gen Kriegsgotts stand.

Gleich grauenvoll wie die Estraden war’s

In Thraciens großem Tempelhaus des Mars,

In jener kalten, frostigen Region,

Wo Mars errichtet seinen Götterthron.

Gemalt am Walle stand zunächst ein Wald

Mit dürren Bäumen, knotig, knorrig, alt,

Und morschen Stümpfen, gräulich anzusehen.

Nicht Mensch noch Thier war ringsum zu erspähen;

Ein Rascheln und ein Rauschen nur war rege,

Als ob ein Sturm die Aeste niederfege.

Und unter einem Hügel stand im Thal,

Durchaus erbaut aus hartgebranntem Stahl,

Vom allgewalt’gen Mars das Tempelhaus;

Eng war der Eingang und sah grausig aus.

Ein heft’ger Zugwind drang daraus hervor

Und öffnete gewaltsam jedes Thor.

Es fiel das Nordlicht durch die Thür allein,

Sonst schien kein Tag in diesen Raum hinein,

Denn ohne Fenster war ringsum die Wand.

Aus ewig dauerbarem Adamant

Bestand die starke Thüre, welche schwer

Beschlagen war mit Eisen kreuz und quer;

Und tonnengroße Stahlpilaster stützten

Den Tempelbau und schimmerten und blitzten.

Dort sah zunächst ich düstre Schauerbilder

Von todeswürdigen Verbrechen wilder

Gewalt, des Zornes glüh’nde Feueresse,

Den Beutelschneider, des Entsetzens Blässe,

Den Lächler mit dem Messer im Gewand,

Und Stall und Scheuer, rauchgeschwärzt durch Brand;

Den Meuchelmord am Schläfer in der Nacht,

Blutrünst’ge Wunden offner Kriegesschlacht,

Und scharfes Drohen, blut’gen Messerstreit.

Ein schaurig Knarren tönte weit und breit;

Selbstmörder sah ich, deren Haar am Kopf

Ihr Herzblut färbte, während in den Schopf

Die Hand sich krampfhaft mit den Nägeln krallte;

Kalt grinste Tod mit offner Mundesspalte;

Das Unglück in des Tempels Mitte stand,

Betrübniß und Verzweiflung ihm zur Hand.

Ich sah das Lachen wilder Raserei

Geläster, Lärm von Waffen und Geschrei,

Im Busche Leichen, deren Hals durchschnitten,

Und tausende, die jähen Tod erlitten,

Zerstörte Städte, die verkehrt zu Staub;

Sah den Tyrannen mit der Beute Raub,

Sah Schiffe flammend auf dem Meere schwanken,

Erwürgt den Jäger durch des Bären Pranken,

Das Wiegenkind von Säuen aufgefressen,

Den Koch verbrüht im selbstgekochten Essen;

Und zu des Gottes Opfern zählte ferner

Der von dem Karren überfahrne Kärrner,

Der unterm Rade sich am Boden wand.

Es zählten gleichfalls zu dem Heerverband

Des grimmen Mars auch noch die Bogenschnitzer,

Die Panzerschmiede, Schwert- und Degenspitzer.

Hoch über Allen thronte voller Prunk

Auf Thurmeszinnen die Eroberung;

Ein scharfes Schwert ob ihrem Haupte schwebte

Am dünnsten Faden, den die Spinne webte.

Geschildert war der Mord des Julius,

Des großen Nero, des Antonius.

– Obwohl zu dieser Zeit noch ungeboren,

War schon der Tod, zu dem sie auserkoren,

Auf Mars’ Geheiß im Bilde dargestellt;

Wie aufgezeichnet auch am Himmelszelt

Bereits das Schicksal jedes Menschen steht,

Der einst zu Grund’ durch Mord und Liebe geht. –

Genügend sei’s ein Beispiel auszuwählen;

So viele gab’s, ich konnte sie nicht zählen.

Vom wilden Mars sah man auf einem Wagen

Im Waffenschmuck das grimme Standbild ragen,

Und über seinem Haupte nahm man wahr

Zwei Sterngebilde, glänzend, hell und klar,

Rubeus und Puella – oft genannt

In alten Schriften. – Ihm zu Füßen stand

Ein rothgeäugter Wolf; in Stücke riß

Den Leichnam eines Menschen sein Gebiß.

In solcher Weise schmückten Meisterhände,

Dem Mars zu Ehren, seines Tempels Wände.

Laßt von der züchtigen Diana jetzt

Den Tempel mich betreten, um zuletzt

Die Bilder Euch beschreibend darzustellen,

In denen abgeschildert an den Wällen

Die Jagdlust war, sowie der Keuschheit Scham.

Hier sah Kallisto ich in ihrem Gram,

Und wie sodann in einer Bärin Leib

Dianas Zorn verwandelt dieses Weib,

Das jetzt als Leitstern hoch am Himmel strahlt.

Mehr sag’ ich nicht; denn so war es gemalt.

– Ihr Sohn glänzt auch als Stern im Himmelsraum. –

Die Dane sah verwandelt ich zum Baum.

– Ich meine nicht die züchtige Diane,

Vielmehr des Peneus Tochter, Namens Dane. –

Zum Hirsche sah Aktäon ich gemacht,

Weil er des Leibes unverhüllte Pracht

Dianas sah, und welcher von den Bissen

Der eignen Hunde, unerkannt, zerrissen.

Und weiterhin ich noch im Bild erkannte,

Den wilden Eber jagend, Atalante,

Den Meleager und, wer sonst empfand

Qualvolle Leiden durch Dianas Hand.

Was es dort sonst noch gab an Wunderdingen

Will ich nicht weiter in Erinnrung bringen.

Auf einem Hirsch sah ich die Göttin schweben,

Von ihren Hunden ringsumher umgeben.

Zu ihren Füßen sich ein Mond befand,

Der wachsend zunahm und abnehmend schwand.

Ein grünliches Gewand den Leib umschloß,

Sie führte Bogen, Köcher und Geschoß;

Ihr keuscher Blick fiel nieder zur Region,

Wo aufgerichtet Plutos düstrer Thron;

Und vor ihr lag in Mutterweh’n ein Weib,

Das zur Lucina flehte, ihren Leib

Von seiner schweren Bürde zu befrein.

»O, hilf mir!« – schrie sie – »Du vermagst’s allein!«

Treu wie das Leben dies der Künstler malte,

Der manchen Gulden für die Farben zahlte.

Die Schranken stehn. – Es ist der Bau vollendet,

Auf welchen Theseus so viel angewendet;

Und hocherfreut, sah er die Tempelhallen

Sowie den Schauplatz herrlich ausgefallen.

Doch nun verlass’ ich Theseus eine Weile,

Daß zu Arcit und Palamon ich eile.

Sehr nah’ gerückt war nunmehr schon die Zeit,

Zu der ein jeder – wie gesagt – zum Streit

Mit hundert Rittern wiederkehren sollte.

Und nach Athen – wie der Vertrag es wollte –

Ein jeder auch mit hundert Rittern kehrt,

Ganz regelrecht bewaffnet und bewehrt.

Es dachte Mancher sicherlich im Sinn,

Daß es wohl nie seit dieser Welt Beginn,

So weit von Gott das Land und Meer erschaffen,

Was Ritterthum betrifft und Glanz der Waffen,

Solch ausgesuchte Compagnie gegeben.

Denn jeder Ritter, dessen kühnes Streben

Dem Ruhme galt, verfolgte nur das Ziel,

Antheil zu nehmen an dem Waffenspiel,

Und glücklich pries sich jeder Kampfgefährte.

Wenn solch ein Anlaß morgen wiederkehrte,

Man fände, traun, noch manches Ritterherz

In England sicherlich, wie anderwärts,

Wohl kühn genug und par amour gewillt,

Wenn es den Kampf um eine Dame gilt,

Sich einzustellen. – Benedicite

Solch lust’ges Schauspiel ich gern selber säh’!

So war es auch mit Palamon bestellt,

Dem sich manch tapfrer Ritter zugesellt.

In einem Harnisch sah man diesen reiten,

Im Bruststück und im Waffenrock den zweiten;

Der hat sich in ein Panzerhemd gehüllt,

Der führt die Tartsche, der ein preußisch Schild;

Beinschienen hat sich jener angelegt,

Die Keule dieser, der die Streitaxt trägt,

Bewaffnet, wie es grade ihm beliebt

Und ich erzählt, da es nichts Neues giebt,

Was nicht bekannt im Alterthume schon.

Zuvörderst könnt Ihr neben Palamon

Lykurgus, Thraciens König, dort gewahren

Mit kühnem Antlitz, schwarz von Bart und Haaren.

Aus seinem großen, runden Augenpaar,

Das glühend gelb und roth von Farbe war,

Schien unter langbehaarten Augenbrauen

Gleich einem Greifen er hervorzuschauen.

Die Knochen hart, die Glieder reckenhaft,

Die Schultern breit, die Arme voller Kraft,

Stand er, wie es Gebrauch in seinem Land,

Auf einem goldnen Wagen, der bespannt

Am Zugseil mit vier weißen Stieren war.

Ein Bärenfell mit kohlenschwarzem Haar

Auf dem, wie Gold, Metallbeschlag erblitzte,

Den Harnisch statt des Wappenrockes schützte.

So glänzend schwarz, wie dunkle Rabenschwingen,

Tief in den Nacken ihm die Haare hingen.

Ein schwerer, goldner Kranz, in dem Rubinen

Und Diamanten funkelten und schienen,

War armesdick ihm um das Haupt gewunden,

Und eine Schaar von zwanzig weißen Hunden,

Bestimmt den Löwen und den Hirsch zu jagen,

Und groß wie Stiere, folgten seinem Wagen.

Maulkörbe, sowie Ringe für die Leite,

Verziert mit reinem Golde, trug die Meute.

Einhundert Ritter folgten als Begleiter,

Kühnherz’ge, starke wohlbewährte Streiter.

Und mit Arcit kam, wie Berichte künd’gen

Emetrius, der König von ganz Indien,

Stolz wie der Kriegsgott Mars auf braunem Roß,

Um welches sich ein Eisenpanzer schloß,

Von goldgeblümten Decken rings umgeben.

Den Wappenrock aus tharsischen Geweben

Umgab ein dicker, weißer Perlensaum,

Und golden war der Sattel und der Zaum.

Den Mantel, der von seinen Schultern wehte,

Rubinenglanz mit Feuer übersä’te.

Der gelben Haare krauser Lockenkranz

Erschimmerte wie goldner Sonnenglanz.

Rund war sein Lippenpaar, die Nase kühn,

Wie Goldcitronen seiner Augen Glüh’n,

Mit Purpur war sein Antlitz übergossen

Und leicht betupft mit braunen Sommersprossen.

An Alter fünfundzwanzig Jahre kaum,

Ersproßte mächtig schon des Bartes Flaum.

Dem wilden Löwen glich sein Blick an Grimme,

Und wie der Donner schallte seine Stimme.

Ein grüner Lorbeerkranz sein Haupt umwand,

Gefällig anzuschaun. Auf seiner Hand

Saß ein gezähmter, lilienweißer Aar,

Der seine Lust, sowie sein Liebling war.

Einhundert Ritter führt’ er im Geleite,

Von Kopf zu Fuß geharnischt, und zum Streite

Versehn mit Wehr und Waffen jeder Art.

Im Kreise, den hier Rittersinn geschaart

Und Kampfeslust, fand man, fürwahr, nicht wen’ge,

Die Grafen waren, Fürsten oder Kön’ge;

Und um den Herrscher sah auf allen Seiten

Man zahme Leu’n und Leoparden schreiten.

Hin nach Athen lenkten in solcher Weise

Die edlen Herren sämmtlich ihre Reise

Und langten früh an einem Sonntag an.

Als sie der edle Herzog Theseus dann

Empfangen und zur Stadt hineingeführt

Und nach dem Range Jeden einquartirt,

Gab er sich alle Mühe, um durch Feste

Zu ehren und erheitern seine Gäste.

Und keines Mannes Witz – was auch sein Stand –

Daran – so denk’ ich – zu verbessern fand.

Von Minnesängern, Pagen, Edelknaben,

Den Allen zugetheilten Ehrengaben,

Mit welcher Pracht man Theseus’ Palast schmückte,

Wen erst’, wen letzt’ der Ehrensitz beglückte,

Wer von den Damen dort am besten tanzte,

Wer im Gesang und Spiele die gewandt’ste,

Wer am beredt’sten in der Liebessprache,

Wie groß der Schwarm der Falken unterm Dache,

Wie zahlreich auf der Flur die Schaar der Hunde,

Davon geb’ ich Euch weiter keine Kunde;

Am besten bleib’ ich bei dem Sachverlauf.

Jetzt kommt der Punkt! Wenn’s euch gefällt, paßt auf!

Sonntags zur Nacht, eh’ noch der neue Tag

Hereingebrochen, weckte Lerchenschlag

Den Palamon; denn, ob zwei Stunden lang

Die Nacht noch währte, schon die Lerche sang.

Und Palamon stand auf, mit heil’gen Sinnen

Und frischem Muth, die Wallfahrt zu beginnen,

Daß er die segenspendende Cythere

– Die würd’ge Venus mein’ ich – fromm verehre,

Und lenkte zu der Göttin heil’ger Stunde

Den Schritt zum Tempel in der Schranken Runde.

Dort niederknie’nd in Demuth zum Gebete,

Er wunden Herzens mit den Worten flehte:

»Der Schönen Schönste, Venus, hör’ mich an!

Du Tochter Jovis, Gattin des Vulkan,

Cythärons Lilie, Du, die liebentbrannt

Einst Deine Huld Adonis zugewandt,

Erbarme Dich auch meiner bittern Schmerzen,

Und nimm mein demuthsvolles Fleh’n zu Herzen!

Ach! keine Sprache find’ ich, auszumalen

Den Umfang und die Hölle meiner Qualen!

Mein armes Hirn kann nicht in Worte kleiden

Des Herzens Harm, der Seele stummes Leiden.

Erbarmen, hohe Frau! denn unverborgen

Ist Dir mein Denken, mein geheimstes Sorgen.

Betrachte dies, und mildere mein Leid!

Und ich verspreche, mich zu jeder Zeit

Als Dein getreuer Diener zu bewähren

Und ew’gen Krieg der Keuschheit zu erklären.

Das ist mein heil’ger Schwur. Nun helfe mir!

Ich fordre Waffenhülfe nicht von Dir,

Nicht eitlem Ruhm gilt meines Herzens Sorgen,

Nicht um den Sieg fleh’ ich im Kampf für morgen,

Um Schutz, um Glück nicht in des Streites Hitze;

Nein, daß Emilia völlig ich besitze,

Um ihrem Dienst mich bis zum Tod zu weihn,

Ersinne Wege, dieses zu verleihn!

Ich sorge nicht, mir gilt es einerlei,

Ob ich der Sieger, der Besiegte sei,

Wenn ich ans Herz nur die Geliebte drücke.

Denn lenkt auch Mars im Kampfe die Geschicke,

Kannst Du mir doch, da Deine Macht so groß

Im Himmel ist, verleihn der Liebe Loos.

Wo ich auch geh’ und stehe, immerdar

Will ich in Deinem Tempel am Altar

Die Flammen schüren und Dir Opfer weihn.

Doch soll dem also, theure Frau, nicht sein,

So laß Arcit mir morgen mit dem Speere

Das Herz durchstechen! Diese Gunst gewähre!

Dann mag sie – mir kann’s gleich sein – durch mein Sterben

Arcit gewinnen und zum Weib erwerben.

Doch immerhin bleibt mein Gebet zu Dir:

Du Segensreiche, gieb die Theure mir!«

Nachdem des Palamon Gebet zu Ende,

Vollzog er demuthsvoll die Opferspende.

Doch nicht erzählen kann ich Euch vom ganzen

Ceremoniel und allen Observanzen.

Zuletzt bewegte sich der Venus Bild,

Ein Zeichen gebend; und ihm war enthüllt,

Daß seine Bitte von ihr angenommen.

War auch das Zeichen zögernd nur gekommen,

Daß sie sein Fleh’n erhört, war ihm bewußt,

Drum ging er heim mit froh bewegter Brust.

Als drei Planetenstunden dann entflohn,

Seitdem zur Venus wallte Palamon,

Erhob die Sonne sich. Bei ihrem Schein

Erhob sich auch Emilia, um zum Schrein

Dianas sich zu wenden, in Begleitung

Der Mägde, die, was nur zur Vorbereitung

Des Gottesdiensts gehörte, mit sich brachten,

Wie Feuer, Weihrauch und wie Opfertrachten.

Und Hörner, nach Gebrauch gefüllt mit Meth.

Vergessen war kein einziges Geräth.

Im reichbehangnen Tempelhaus begann

Sie muthbeseelt die Räucherung sodann,

Und wusch im Quell des Brunnens ihre Glieder.

Doch, wie sie’s that, bericht’ ich hier nicht wieder;

Ganz allgemein nur kann ich es berühren,

So reizend wäre, Alles anzuführen.

– Dem Reinen, freilich, bleibt ja alles rein;

Doch hört ein Mann nie auf ein Mann zu sein. –

Des wohlgekämmten Haares reicher Glanz

Von ihrem Haupte wallte, das ein Kranz

Von immergrünem Eichenlaub umwand.

Zwei Feuer häufend für den Altarbrand,

Schritt sie ans Werk, wie uns Bericht gegeben

In alten Büchern Statius von Theben.

Und zur Diana sprach sie dann verschämt,

Das Feuer schürend, was Ihr jetzt vernehmt:

»O, keusche Göttin in dem grünen Hain!

Erd’, Meer und Himmel sieht das Auge Dein,

Beherrscherin von Plutos düstrem Land,

Der Mädchen Göttin, die mein Herz erkannt

Und all sein Wünschen schon seit langen Jahren,

Nicht Deiner Rache Zorn laß mich erfahren,

Wie schmerzensvoll Aktäon ihn erfuhr!

Du keusche Göttin, all mein Sehnen nur

War, wie Du weist, daß ich stets Jungfrau bliebe,

Verschont von jeder Ehe, jeder Liebe;

Da ich als Mädchen und als Jägerin

Von Deinem Kreise die Gefährtin bin.

Der Wald, die Jagd ist einzig mein Begehren,

Nicht Weib zu sein und Kinder zu gebären,

Nicht einem Mann Genossenschaft zu halten!

Du, die mir beistehn kann in drei Gestalten,

Sei auch zur Hülfe gnädig mir gewillt.

Erhöre Du mein Flehen, denn es gilt

Sowohl für Palamon, der mich verehrt,

Als für Arcit, der gleiche Liebe schwört;

Gieb Beiden Frieden, Beiden Eintracht sende,

Und von mir ab der Beiden Herzen wende,

Daß ihre Qual und heiße Liebesbrunst

Erlöschen möge, oder ihre Gunst

Und ihr Verlangen sie auf Andre lenken.

Doch willst Gehör Du meinem Fleh’n nicht schenken,

Soll unabänderlich mein Schicksal sein,

Vermählt zu werden einem von den Zwei’n,

So gieb mir den, der mich am meisten liebt!

Sieh, reine, keusche Göttin, wie betrübt

Auf meine Wangen bittre Zähren fallen!

Jungfräuliche Regentin von uns Allen,

Mein Mädchenthum erhalte! dann ergeben

Bleib’ Deinem Dienst ich für mein ganzes Leben!«

Auf dem Altar das Doppelfeuer brannte,

Als ihr Gebet Emilia aufwärts sandte.

Doch seltsam war, was plötzlich sie erblickte.

Das eine von den Feuern rasch erstickte,

Doch gleich darauf von Neuem roth und hell

Flammt’s wieder auf, indem das andre, schnell

Erlöschend, starb mit wundersamem Zischen,

Wie ein Stück Holz, geschnitten aus zu frischen

Und grünen Aesten, solches oftmals thut;

Und aus den Enden quoll statt Wasser Blut.

Emilia sah’s, und so entsetzt war sie,

Daß sie vor Schrecken, wie im Wahnsinn, schrie.

Sie wußte nicht, was die Erscheinung meinte,

Es war aus Furcht allein, daß sie so weinte

Und jammernd schrie, wie nie ein Ohr vernahm.

Und währenddem Diana selber kam,

Als Jägerin, den Bogen in den Händen,

Und sprach: »O, Tochter, laß Dein Trauern enden!

Mit ew’gen Worten steht längst aufgeschrieben

Der hohen Götter Rathschluß, die belieben,

Dich einem von den Beiden zu vermählen,

Die sich in Leid und Sorgen um Dich quälen.

Doch wem? ist mir verboten, mitzutheilen.

Nun, lebe wohl! Nicht länger darf ich weilen;

Wie auf dem Altar loderten die Feuer,

So werden sich vom Liebesabenteuer

Dir die Geschicke dermaleinst entwirren!«

Die Göttin sprach’s, und unter hellem Klirren

Der Pfeile, die sie in dem Köcher trug,

Ging und entschwand sie. – Doch, erstaunt genug,

Verblieb Emilia, welche klagend sprach:

»Was hat dies Alles zu bedeuten? Ach!

Ich hatte Deinem Schutze mich vertraut,

Auf Deine Güte, Göttin, fest gebaut!«

Dann brach sie gradeswegs zur Heimkehr auf.

Mehr sag’ ich nicht – doch so war der Verlauf.

Zur Stunde, die zunächst dem Mars geweiht,

Stand auch Arcit im Tempel schon bereit,

Dem grimmen Gott sein Opfer darzubringen,

Wie heidnische Gebräuche dies bedingen.

Mit andachtsvollem, frommem Herzen flehte

Er zu dem Mars in folgendem Gebete:

»O, starker Gott, den Thraciens kaltes Reich

Als Herrscher fürchtet und verehrt zugleich,

Der Du in jeder Gegend, jedem Land

Der Waffen Zügel hältst in Deiner Hand,

Der Du nach Willkür austheilst Gunst und Glück,

Lenk’ auf mein Opfer gnädig Deinen Blick,

Wenn Du vermeinst, daß mir trotz meiner Jugend

Zu Deinem Dienst die Kraft nicht fehlt und Tugend!

Willst Du mich rechnen zu der Deinen Zahl,

So bitt’ ich Dich, erbarm’ Dich meiner Qual

Bei jenen Schmerzen, jenem Gluthverlangen,

Bei den Begierden, die Dein Herz durchdrangen,

Als Du den frischen, weißen Leib genossen

Der schönen, jungen Venus, die umschlossen

Dein Arm in glühender Umfangung hielt!

– Wenn Dir auch einmal übel mitgespielt,

Als Dich die Schlinge des Vulkans umwand,

Und er – o weh! – Dich bei der Gattin fand.–

Gedenke drum, da Du im eignen Herzen

Die Qual gefühlt, mitleidig meiner Schmerzen!

Jung bin ich, unerfahren, wie Du weißt.

Von allen Erdenwesen wohl zumeist

Hab’ ich der Liebe Kränkungen erduldet;

Und ihr, die alle meine Qual verschuldet,

Gilt es dasselbe, ob ich untergehe,

Ob oben schwimme; und wenn ich bestehe

Im Kampfe nicht, ist meine Hoffnung hin!

Ich weiß, wie ohne jede Kraft ich bin,

Stehst Du mir morgen gnädig nicht zur Seite.

Sei darum Helfer mir, o Herr, im Streite!

Bei Deiner Liebe, die Dein Herz gefühlt,

Bei meiner Liebe, die mein Herz durchwühlt,

Bitt’ ich, mir Sieg im Kampfe zu verleihn;

Mein sei die Arbeit und der Ruhm sei Dein!

Von allen Göttertempeln hier auf Erden

Soll höchst verehrt von mir der Deine werden,

Dich zu erfreuen, will ich Alles thun!

In Deinem Tempel soll mein Banner ruhn

Und alle Waffen meiner Kampfgenossen.

Ich will, bis daß mein Lebenslauf geschlossen,

Ein ew’ges Altarfeuer Dir errichten,

Und mich dabei durch einen Schwur verpflichten,

Des Hauptes langes Haar und meinen Bart

Dir hinzugeben, ob bislang bewahrt

Vor Messer und vor Scheere sie geblieben.

Ich will Dich stets als treuer Diener lieben!

Nun, Herr, erbarm’ Dich meiner Sorgen Schwere,

Gieb mir den Sieg! Nichts andres ich begehre!«

So endend hatte sein Gebet gesprochen

Der männliche Arcit, als lautes Pochen

Am Thor ihn schreckte, sowie helles Klingen

Und mächt’ges Klirr’n von seinen Eisenringen;

Und hell beleuchteten die Flammenbrände

Auf dem Altare rings die Tempelwände,

Und Wohlgeruch dem Boden sich entwand.

Als frischen Weihrauch dann mit voller Hand

Arcit dem Altarfeuer zugesetzt

Und jeden Brauch vollführt, vernahm entsetzt

Er laut am Bild des Mars den Panzer klirren,

Und, wie ein dumpfes Murmeln, leises Schwirren,

Drang in sein Ohr das Wort: »Victoria!«

Wohl sang dem Mars nun Ehr’ und Gloria

Arcit, der freudevoll und herzensfroh

Nach Hause kehrte, hoffnungsreich und so

Vergnügt, wie Vögel in dem Sonnenschein.

Doch um die Gunst, die jedem von den Zwei’n

Verheißen war, im Himmel sich entzweite

Die Venus mit dem Mars, und in dem Streite

Der Liebesgöttin und des Gott’s der Waffen

Versuchte Frieden Jupiter zu schaffen.

Jedoch nur dem Saturn, dem kalten, bleichen,

Geschichtenkund’gen und erfahrungsreichen,

Und schlau gewandten fiel das Mittel ein,

Den Streit zu schlichten zwischen den Partei’n.

– An Weisheit, wie an Rath steht oben an

Das Alter, und der Spruch hat Recht: man kann

Es überthaten, doch nicht überrathen. –

Und um den Zank und Streit, in den gerathen

Die eignen Kinder, wieder beizulegen,

War auch Saturn nicht um den Weg verlegen.

»Venus, mein Kind!« – so sprach Saturn zu ihr –

»Mein langer, weiter Weltenlauf giebt mir

Weit größre Macht, als viele Menschen denken.

Mir steht es zu, im Meer sie zu ertränken,

Mir steht es zu, in Kerker sie zu zwängen,

Sie zu erdrosseln und sie aufzuhängen.

Mein ist des Pöbels Murren, die Verschwörung,

Geheimes Gift und offne Volksempörung;

Und strafende Vergeltung ich ertheile,

Wenn in des Löwen Zeichen ich verweile.

Auf meinen Wink geschieht’s, daß stolze Hallen

Und Thürme stürzen, Mauern niederfallen,

Des Zimmermanns und Gräbers Tod vermittelnd.

Ich schlug den Simson, an dem Pfeiler rüttelnd.

Als Frucht der Kälte ist die Krankheit mein.

Mein sind Complotte, mein Verrätherei’n!

Der Pestilenz Erzeuger ist mein Blick!

Doch weine nicht! Es fällt durch mein Geschick,

Wie Du versprochen, sicherlich zum Lohn

Der Dame Liebe Deinem Palamon,

Und seinem Ritter stehe Mars zur Seite!

Nun macht für jetzt ein Ende mit dem Streite,

Ihr, die an Wesen und Natur verschieden,

Fast jeden Tag im Himmel stört den Frieden.

Ich bin Dein Ahn, und Dir zu helfen willig;

Drum laß das Weinen; Deinen Wunsch erfüll’ ich!«

Und hiermit schließ’ ich jetzt den Götterstreit

Durch den sich Venus mit dem Mars entzweit,

Und melde nun, so einfach wie ich kann,

Den Haupteffect; denn darauf kommt es an.

Ein großes Fest gab in Athen es heute;

Und auch die lust’ge Maienzeit erfreute

Die Herzen Aller so, daß sie den ganzen

Montag verbrachten unter Spiel und Tanzen,

Und sich dem Dienst der holden Venus weihten.

Doch, da es galt, sich morgen schon bei Zeiten

Vom Lager zu erheben für die Schlacht,

Ging früh zur Ruhe Jeder in der Nacht.

Am andern Tag, als kaum der Morgen graute,

Erscholl aus den Quartieren schon das laute

Geklirr der Panzer und Gestampf der Rosse.

Auf Hengsten und auf Zeltern zog zum Schlosse

Die edle Ritterschaft in großer Zahl.

Da könnt ihr sehen, wie von Gold und Stahl

Die Rüstungen erglänzen, wie geschickt

Sie Kunst geformt, verziert hat und bestickt!

Den Schimmer seht von Schilden, Satteln, Decken,

Von goldnen Helmen, Panzern, Wappenröcken,

Die Kleiderpracht der Fürsten auf den Rossen,

Die Junker und die Ritterschaftsgenossen,

Die ihre Helme schnallen, Gurte schnüren,

Die Speere nageln und das Schild poliren,

Und emsig sich mit ihrem Werk beeilen!

Seht, Waffenschmiede bohren, hämmern, feilen,

Seht, wie die Hengste unter goldnen Zäumen

Vor Ungeduld in die Gebisse schäumen!

Bürger und Bauern, seht, in hellen Haufen

Mit ihren Stöcken durcheinander laufen.

Seht, Pauken, Trommeln, Bügelhörner, Flöten,

Der grausen Schlachten Blutsignaltrompeten!

Das Volksgedränge, den Palast umschwellend,

– Hier drei – dort zehn – begierig Fragen stellend:

Wie wohl der Ausgang zwischen jenen Zwei’n?

Ob dies, ob das, ob jenes würde sein?

Hier soll der Schwarzbart sich den Sieg erkaufen,

Dort Ohnebart, und dort der größte Haufen,

Dann wieder der mit grimmigem Gesicht;

Sein Speer – sagt man – hat zwanzig Pfund Gewicht. –

So in der Halle wurde Rath gepflogen,

Bis hoch die Sonne stand am Himmelsbogen,

Und dieser Lärm nebst seinem Sängerchor

Rief Herzog Theseus aus dem Schlaf empor;

Und im Palaste blieb er dann so lange,

Bis daß man ihm zu ehrendem Empfange

Die beiden Ritter vorgeführt aus Theben;

Und, wie ein Gott, von Glanz und Pracht umgeben,

Bestieg den Thron am Fenster er sodann.

Nun drängte sich das Volk an ihn heran,

Um ihn zu sehen und ihn zu verehren

Und seinen Willen und Befehl zu hören.

Ein Herold die Tribüne dann bestieg

Und rief sein »Ho!«, bis daß die Menge schwieg,

Und gab, als ringsum Alles ruhig war,

Des Herzogs Botschaft kund und offenbar:

»Des Herren hoher Wille wie Entschließung,

– In Anbetracht, daß nutzlose Vergießung

Von edlem Blut es wäre, wenn zur Schlacht

Auf Leib und Leben dies Turnier gemacht –

Bestimmt, Gefahr des Todes abzulenken,

Was einst beschlossen, derart zu beschränken:

Bei Todesstrafe bleiben ausgeschlossen

Vom Kampfplatz alle Arten von Geschossen;

Verboten ist, Streitäxte, Dolche, Klingen,

Die nur zum Stechen dienen, mitzubringen,

Bei sich zu führen und damit zu streiten.

Erlaubt ist, auf den Gegner einzureiten,

Wie auch im Fußkampf sich damit zu wehren,

– Versteht sich – der Gebrauch von scharfen Speeren.

Dem, der zuwider handelt dem Gebot,

Zwar nicht der Tod, jedoch der Pranger droht,

Und mit Gewalt wird daran ausgestellt,

Wer diesen Pact von den Partei’n nicht hält.

Geschieht es, daß der Führer einer Seite

Gefangen wird, ober besiegt im Streite,

Geht auf der Stelle das Turnier zu Ende!

Nun helf euch Gott! und frisch ans Werk die Hände!

Langschwert und Keule braucht nach Herzensfülle!

Und nun zieht ab! Dies ist des Herren Wille!«

Des Volkes Beifall bis zum Himmel scholl,

Mit lauter Stimme rief es freudevoll:

»Heil unserm Herrscher, der so mild und gut

Verboten hat Gemetzel bis aufs Blut!«

Als bei den Schmetterklängen der Fanfaren

In wohlgereihtem Festzug dann die Schaaren

Den Schranken zu durch alle Straßen rückten,

Die – Sarsche nicht, nein – Goldgewebe schmückten,

Sah man voran den edlen Herzog reiten,

Den die Thebaner rechts und links begleiten,

Die Königin kam mit Emilia dann,

Und ihnen schlossen in dem Zug sich an

Die Uebrigen, gereiht nach Stand und Rang.

So zogen sie die ganze Stadt entlang

Und kamen, als des Tages Prime kaum

Begonnen hatte, zu der Schranken Raum.

Und als man Theseus auf dem Throne sah

Mit seiner Königin Hippolyta

Und mit Emilia nebst den Ehrendamen,

Auch ihre Plätze rasch die Andern nahmen.

Von Westen sprengte durch des Ares Thor

Mit rothem Banner jetzt Arcit hervor

Und führte seine Hunderte zum Streite.

Durchs Thor der Venus auf der Morgenseite

Sah Palamon zu gleicher Zeit man kühn

Mit weißem Banner in die Schranken ziehn.

– Wenn man die Welt von Anfang bis zu Ende

Rastlos durchstreifen wollte, schwerlich fände

Man solche Schaar zum zweitenmal gesellt.

Es könnte selbst der klügste Mann der Welt

Nicht sagen, wer die Ueberlegenheit

Besaß an Alter, Stand und Würdigkeit!

So ebenbürtig konnten Alle gelten. –

Dann in zwei Gliedern zum Appelle stellten

Die Schaaren sich. Man rief die Kampfgenossen

Bei Namen auf, und von den Thoren schlossen

Sich unter lautem Zuruf dann die Gitter:

»Thut Eure Pflicht, Ihr jungen, stolzen Ritter!«

Nun sah die Herolde man seitwärts treten,

Es klangen Hörner, schmetterten Trompeten;

Was sag’ ich mehr? Im Osten wie im West

Legt schon den Speer zum Anlauf Jeder fest

Und drückt dem Hengst die Sporen in die Seiten.

Da sieht man, wer turnieren kann und reiten!

Hier an den Schilden Speere splitternd brechen,

Dort einer Rüstung Bruststück sie durchstechen,

Der Speere Trümmer zwanzig Fuß hoch springen,

Man zieht die Schwerter, deren Silberklingen

Zermalmend auf die Helme niederblitzen,

Das Blut beginnt zu strömen und zu spritzen,

Und unter Keulenschlägen splittern Knochen.

Hier hat die Reihen einer schon durchbrochen,

Dort stürzen starke Pferde, und im Fall

Rollt sich im Staub der Reiter wie ein Ball.

Ein Andrer will im Kampf das Messer ziehn,

Doch aus dem Sattel hebt der Gegner ihn,

Am Pranger büßt verletzt er und gefangen,

Was dem Gebot zuwider er begangen.

Auch einer von der andern Seite duldet

Das gleiche Loos, weil Gleiches er verschuldet.

Und Theseus hieß im Kampfgewühl inzwischen

Bald diesen ruhn, bald jenen sich erfrischen.

Auch die Thebaner fochten oft und lang

Und hatten schon im blut’gen Waffengang

Vom Sattel gegenseitig sich gestreift.

Kein Tiger, der Galaphas Thal durchstreift,

So wüthend das geraubte Junge sucht,

Als wie Arcit in seiner Eifersucht

Nach Palamon. – Es war in Belmarie

So grimmig ein gehetzter Löwe nie,

Noch sprang mit hungertollerer Begier

Er jemals nach der Beute, als wie hier

Jetzt Palamon auf den Arcit eindrang.

Die Helme dröhnen bei der Streiche Klang,

Und Ströme Bluts aus ihren Schläfen dringen.

Doch da’s ein Ende giebt bei allen Dingen,

Geschah es, daß im Kampfe mit Arcit

Dem Palamon, bevor die Sonne schied,

König Emetrius mit mächt’gem Hieb

Tief in das Fleisch des Schwertes Schneide trieb.

Umringt von zwanzigfacher Ueberzahl,

Ward er gefangen hingeschleppt zum Pfahl.

Lykurg, der Köng, der ihm helfen wollte,

Trotz seiner Stärke sich am Boden rollte.

War aus dem Sattel auch der starke Held

Emetrius von Palamon geschnellt,

Auf Schwertes Länge mit gewalt’gem Stoß,

Was half es ihm? Entschieden war sein Loos!

Gefangen schleifte man zum Pfahl ihn hin,

Und, überwunden, muß sein stolzer Sinn,

Was verbedungen, mit Geduld ertragen.

Wohl mochte Palamon nun jammernd klagen,

Er darf zurück ins Kampfgewühl nicht gehn!

Doch Theseus, der den Ausgang angesehn

Von dem Turniere, rief den Kämpfern zu:

»Ho! Ho! nicht mehr! Jetzt haltet Waffenruh’!

Den Schiedsspruch kann ich unparteiisch geben:

Emilia gehört Arcit von Theben,

Der durch sein Glück der Schönheit Preis gewann!«

Nun hob im Volk ein buntes Lärmen an.

Man hörte laute Jubelrufe schallen,

Als ob die Schranken sollten niederfallen.

Doch, was soll jetzt die holde Venus thun,

Der Liebe Königin, was sagt sie nun?

Sie weint, daß Alles ihrem Wunsch entgegen

Und näßt die Schranken mit der Thränen Regen.

»Ach! welche Schmach« – sprach sie – »ist mir beschieden?«

Saturnus sagte: »Tochter, halte Frieden!

Was Mars gewollt, fiel seinem Ritter zu;

Doch schwör’ ich Dir, befriedigt wirst auch Du!«

Trompeten blasen, Minnesänger singen,

Von Herolden die lauten Stimmen klingen,

Um ihren Beifall dem Arcit zu spenden.

Doch hört auf mich, und laßt das Lärmen enden,

Und horcht und lauscht, welch Wunder jetzt geschieht!

Von seinem Haupte nahm den Helm Arcit,

Schwang sich mit offnem Antlitz auf sein Roß,

Auf dem er eilends durch die Schranken schoß

Zum Platze, wo Emilia er erblickte,

Die freundlich grüßend ihm entgegen nickte.

– So geht es mit den Weibern allerwärts,

Wo der Erfolg ist, da ist auch ihr Herz. –

Und als er freudestrahlend vor ihr stand,

Zerbarst die Erde, und empor sich wand,

Von Pluto auf Geheiß Saturns geschickt,

Ein höllisch Ungeheuer. – Es erschrickt

Das Pferd, springt plötzlich seitwärts, strauchelt, fällt,

Und aus dem Sattel wird Arcit geschnellt

Und stürzt vom Pferde nieder auf den Kopf.

Die Brust zerbrochen durch den Sattelknopf,

Streckt er wie todt am Boden seine Glieder.

Schwarz wie die Kohle, wie der Kräh’n Gefieder

Das dunkle Blut sein Antlitz überfloß.

Betrübt trug man vom Platz ihn in das Schloß

Des Theseus hin, und dort ward er in Hast

Befreit von seiner Rüstung schwerer Last

Und auf ein weiches Ruhebett gelegt.

Noch bei Verstand, von Leben noch bewegt,

Rief unaufhörlich er Emiliens Namen.

Und nach Athen zurückgeritten kamen

Der Herzog Theseus und der Ritter Menge

In großem Pomp und reichen Festgepränge.

Obschon dies Abenteuer vorgefallen,

Gewährte Trost er und Zerstreuung Allen.

Nicht sei Arcit – so sprach man – in Gefahr,

Noch böte Hoffnung sich auf Rettung dar;

Und freudig ward die Nachricht aufgenommen,

Daß sonst im Kampfe Niemand umgekommen.

Denn schwer verletzt war einer nur, nicht mehr,

Dem seine Brust durchbrochen war vom Speer.

Für andre Wunden, Arm- und Knochenbrüche,

Dem Salben dienten, jenem Zaubersprüche

Und diesem Kräutertränke, dem Salbei,

Damit erhalten Leib und Leben sei.

Der edle Herzog sucht, soviel er kann,

Zu trösten und erheitern Jedermann,

Und nach Gebühr die edlen Herr’n zu ehren

Mit Gasterei’n, die bis zum Morgen währen.

Kein Uebelwollen ihr Vergnügen störte,

Allein vom Kampf und vom Turniere hörte

Man reden, und der Meinung Aller nach

War es ein Zufall, aber keine Schmach,

Daß er von zwanzigfacher Ueberzahl

Gefangen ward und fortgeschleppt zum Pfahl.

– Stand er allein und ohne Hülfe dort,

Und zerrten ihn an Arm und Füßen fort,

Und prügelten mit Stöcken seinen Rappen

Die Reisigen, die Knechte sammt den Knappen,

So konnte keine Schande dieses sein,

Man durfte nimmer ihn der Feigheit zeihn. –

Jedoch, um zu vermeiden Streit und Zank,

Ließ Herzog Theseus seinen Preis und Dank

Der einen wie der andern Seite sagen,

Die sich gleich brav, gleich brüderlich betragen,

Und theilte reiche Ehrengaben aus.

Drei Tage schwanden unter Fest und Schmaus,

Dann gab zur Stadt hinaus auf Tagesweite

Er allen edlen Fürsten das Geleite.

»Leb’ wohl« und »Guten Tag« hieß es sodann

Und graden Wegs zog heimwärts Jedermann.

Doch von dem Kampfe wendet sich mein Lied

Zu Palamon zurück und zu Arcit.

Es schwoll die Brust, und weiter stets und weiter

Umfraß das Herz Arcits der Wunde Eiter.

Das Blut gerann. Die Heilkunst war vergebens,

Vergiftet war und blieb der Saft des Lebens.

Ihm half kein Aderlaß, kein Blutentzieh’n,

Nicht Kräutertränke, keine Medicin.

Nicht mehr natürlich wurde fortgeschafft

Von animalischer Entleerungskraft

Die Giftsubstanz der faulen Eiterungen.

Geschwollen sind die Röhren seiner Lungen;

Die Muskelfasern in der Brust, im Bauche

Sind schon zerfressen von der gift’gen Jauche,

Und ohne jede Wirkung sich erproben

Laxiren unten und Erbrechen oben.

Sein ganzer Leib ist eine Wunde nur.

Zu Ende geht die Herrschaft der Natur.

– Und wo Natur nicht länger helfen kann,

Leb’ wohl Arznei! Zur Kirche tragt den Mann! –

Die Wahrheit ist, er lag im Sterben schon.

Und zu Emilia und zu Palamon

Entsandte Botschaft er, um von den Beiden,

Wie Ihr von mir jetzt hören sollt, zu scheiden:

»Nicht fassen kann mein schwermuthsvolles Herz

In klare Worte meiner Sorgen Schmerz,

Und kurze Frist bleibt mir zu leben nur.

O, Theure, die von jeder Creatur

Auf dieser Welt ich stets geliebt zumeist,

Deinem Gebet empfehl’ ich meinen Geist!

Emilia! – ach, o weh mir! – welche Plagen

Hab’ ich um Dich so lange schon ertragen!

Weh mir! ich sterbe! ach, Emilia mein!

Muß ich von Dir so bald geschieden sein?

Ach, theures Weib, ach, Herzenskönigin,

Mein Schatz und meines Lebens Enderin!

Was ist die Welt? Was ist des Menschen Loos?

Vom Schoß der Liebe sinkt er in den Schoß

Des kalten Grabes einsam und allein.

Leb’ wohl, mein Lieb! leb’ wohl, Emilia mein!

Mit Deinen weichen Armen mich umwinde,

Und liebst Du Gott, so hör’, was ich verkünde:

Mit meinem theuren Vetter Palamon

Lag ich in Zank und Streit seit lange schon

Aus Liebe, wie aus Eifersucht um Dich,

Doch stehe Jupiter mir bei, daß ich

Dir eines Dieners Werth in voller Klarheit

Jetzt schildern möge nach Verdienst und Wahrheit.

Denn Ehre, Klugheit, Treue, Rittermuth,

Demuth und Freisinn, Rang und edles Blut,

Jedwede Tugend ist an ihm zu preisen;

Nie möge Jupiter mir Heil erweisen,

Wenn einen Mann ich weiß, der hier auf Erden

Verdiente mehr, von Dir geliebt zu werden,

Als Palamon, der Dir geweiht sein Leben;

Und willst Du je Dich einem Mann ergeben,

Erinnre Dich des edlen Palamon!«

Bei diesen Worten brach der Stimme Ton,

Und von den Füßen nach der Brust entlang

Des Todes Kälte durch die Glieder drang.

Die Lebenskraft entwich. Ihm wurden Hände

Und Arme steif. Das Leben ging zu Ende.

Es schlummerte Bewußtsein und Verstand

Allmählich ein und aus dem Herzen schwand

Ihm die Empfindung bei des Todes Nah’n;

Sein Athem stockte! doch zur Theuren sahn,

Im Brechen noch die Augen fort und fort,

Und »Dank Emilia!« war sein letztes Wort.

So seine Wohnung wechselnd floh der Geist

Und ging, wohin noch niemals ich gereist;

Drum nicht errathen kann ich’s noch erzählen;

Ich führe kein Register über Seelen,

Noch mitzutheilen fühl’ ich mich getrieben

Die Meinung derer, die den Ort beschrieben.

Arcit ist kalt; sei Mars der Seele gnädig!

Und fernerhin nun von Emilia red’ ich.

Es heulte Palamon, Emilia schrie,

Und Theseus trug auf seinen Armen die

Besinnungslose aus der Leichenkammer.

Was hilft es mir vom tagelangen Jammer

Der Beiden gleichfalls tagelang zu klagen?

– Schwer hat ein Weib in solchem Fall zu tragen;

Wird ihr der Gatte durch den Tod genommen,

So fühlt ihr Herz sich sorgenvoll beklommen

Und Krankheit folgt nicht selten auf das Leid,

Von dem zuletzt sie nur der Tod befreit. –

Endlos die Schmerzen und die Thränen waren

Von altem Volk und Volk in jungen Jahren

Um des Thebaners Tod im weiten Kreise

Der ganzen Stadt. – Die Kinder wie die Greise

Beweinten ihn. Gewiß, seit man erschlagen

Vor Troja Hektor, wurden solche Klagen

Nicht mehr gehört. – Die Wangen sich zerfleischend,

Das Haar zerraufend, schrieen Weiber kreischend:

»Warum traf Dich der Tod? Du hattest Gold

Im Ueberfluß; Dir war Emilia hold!«

Theseus zu trösten war allein im Stand

Sein alter Vater Aegeus. Er verstand,

Daß in des Lebens buntem Wechselspiel

Noch immerdar die Wage stieg und fiel.

Daß Lust dem Leid und Leid der Freude weiche,

Bewies er durch Belege, durch Vergleiche.

»Wie Niemand« – sprach er – »je gestorben ist,

Der nicht zuvor gelebt hat eine Frist,

So lebt auch« – sprach er – »Niemand hier auf Erden,

Der nicht dem Tode muß zur Beute werden.

Die Welt ist eine Wallfahrt voller Leiden!

Wir sind die Pilger, kommen, wandern, scheiden;

Die Sorgen endet nur der Tod allein.«

Er schärfte dies dem Volk verständig ein

Nebst manchem Andern, um es zu belehren,

Im Unglück Trost dem Herrscher zu gewähren.

Aufs Eifrigste war Theseus nun bemüht,

Den Platz zu wählen, welcher für Arcit

Zur Ruhestatt von seinen Erdenresten

Dem Range des Verstorbnen nach am besten

Und passendsten und würdigsten erscheine.

Und er beschloß, in jenem grünen Haine,

Wo einst Arcit und Palamon entzweit

Gerungen hatten in der Liebe Streit,

Zu dem Arcit in Liebesgluth oft wallte,

Wo seines Herzens Klage widerhallte,

Den Scheiterhaufen für Arcit zu schichten,

Und dort die Leichenfeier zu verrichten.

Die alten Eichen ließ er niederhauen

Und niederhacken und befahl zu bauen

Aus ihren Stämmen einen Flammenstoß.

Nun war die Eile seiner Diener groß,

Um Alles herzurichten, wie befohlen.

Dann ließ die Leichenbahre Theseus holen

Und mit den reichsten, schwersten Goldgeweben,

So herrlich er sie nur besaß, umgeben.

Es lag in Gold gekleidet auf das Gleiche,

Mit weißen Handschuh’n angethan, die Leiche,

Um deren Haupt ein Lorbeerkranz sich wand,

Mit blankem, scharfem Schwerte in der Hand.

Ihr Angesicht enthüllte Theseus dann

Und fing vor Rührung laut zu weinen an.

Und als der Morgen anbrach, ward für Alle

Zur Schau gestellt sein Leichnam in der Halle,

Und rings ertönte Jammer und Geschrei.

Und schmerzbewegt kam Palamon herbei,

Im schwarzen Kleid, von Thränen ganz benetzt,

Das Haar voll Asche, seinen Bart zerfetzt,

Denn nach der weinenden Emilia war

Kein Jammervoll’rer in der ganzen Schaar.

Damit der Trauerzug dem Rang der Leiche

An Pomp und Pracht zur höchsten Ehr’ gereiche,

Ließ Theseus auf drei großen, weißen Rossen,

Von blanken Eisenpanzern rings umschlossen

Und mit dem Wappen von Arcit geziert,

Die Waffen, die im Leben er geführt,

Von Reitern tragen; und der erste Reiter

Hielt seinen Speer und seinen Schild ein zweiter;

Ein dritter führte seinen türk’schen Bogen

Und seinen Köcher, reich mit Gold bezogen.

So ritten still mit trübem Angesichte

Sie zu dem Haine, wie ich nun berichte:

Getragen ward die Bahre mit der Leiche

Vom höchsten Adel aus dem Griechenreiche;

Dem Hauptweg folgend, lenkten sie mit nassen,

Verweinten Augen langsam durch die Gassen

Der gänzlich schwarz behängten Stadt entlang,

Die überall zu trauern schien, den Gang.

Aegeus, der alte, ging zur rechten Hand,

Zu seiner linken Theseus sich befand,

Und Goldgefäße hielten sie in Händen,

Um Honig, Wein und Milch und Blut zu spenden.

Dann folgte Palamon im Freundeskreise;

Und in den Händen, wie es Brauch und Weise,

Zum Leichendienst die Feuerbrände tragend,

Zuletzt Emilia, schmerzerfüllt und klagend.

Lang war die Arbeit und die Mühe groß,

Bis aufgerichtet war der Flammenstoß,

Der grüne Wipfel bis zum Himmel reckte

Und zwanzig Faden breit die Arme streckte,

Das heißt: die Aeste hatten solche Länge.

Den Grund zu legen, wurde Stroh in Menge

Herbeigeschafft. Doch, wie die Gluth geschürt

Und welchen Namen jeder Baum geführt,

Den man gefällt, wie Fichte, Rüster, Eiche,

Platane, Linde, Dorn- und Haselsträuche,

Kastanie, Pappel, Esche, Lorbeer, Eibe,

Euch näher zu erzählen, unterbleibe.

Auch wo, von ihren Wohnungen vertrieben,

Die obdachlosen Waldesgötter blieben,

Und wie am Ort, wo sie gelebt in Frieden,

Hamadryaden, Faune, Nymphen schieden;

Wie Vögel und Gethier, von Furcht gepackt,

Geflohen, als die Bäume man gehackt;

Wie Waldesgrund, einst dicht belaubt, jetzt kahl,

Mit Schrecken sah den ersten Sonnenstrahl;

Wie Unterlagen man von Stroh errichtet,

Und trockne Reiser dreifach aufgeschichtet

Und grünes Holz, und wie von Specerei’n

Und goldnen Tüchern, kostbarem Gestein

Und blumenreichen Kränzen Alles voll;

Wie Duft aus Weihrauch und aus Myrrhen quoll,

Wie von Arcit darin die Erdenhülle

Gelegt in ihres Schmuckes reicher Fülle,

Wie nach dem Brauch der Zeit Emiliens Hand

Zuerst entzündete des Feuers Brand,

Wie sie in Ohnmacht fiel, als dies gethan,

Was sie gesprochen und geschrien im Wahn;

Wie sich die Flammen rasend rasch vermehrt,

Und was an Edelsteinen und an Werth,

Was sie an Kleidern, Schilden und an scharfen

Und langen Speeren in das Feuer warfen,

Wie becherweise Wein und Milch und Blut

Gegossen in des Feuers wilde Gluth;

Wie dreimal dann in weitgedehntem Bogen

Die Griechen reitend um das Feuer zogen,

Es links umkreisend, und wie dreimal tönte

Ihr Wehgeschrei, ihr Speergerassel dröhnte;

Wie dreimal scholl der Weiber Jammerklagen;

Wie heimwärts man Emilia getragen,

Und wie Arcit zu Aschenstaub zerfiel;

Wie in der Nacht darauf mit manchem Spiel

Die Griechen kürzten ihre Leichenwache –

Das zu erzählen, ist nicht meine Sache;

Noch wer von ihnen in des Ringkampfs Gang

Sich, nackt und ölgetränkt, den Preis errang;

Auch meld’ ich nicht, wie nach Athen zu Haus

Ein Jeder zog, sobald die Feier aus;

Denn rasch zum Schlusse denk’ ich hinzuwenden,

Das lang Erzählte nunmehr kurz zu enden.

Im Lauf der Jahre trocknete die Zeit

Der Griechen Thränen, und der Trauer Kleid

Beschloß man männiglich nicht mehr zu tragen;

Und in Athen – scheint mir – begann zu tagen

Ein Parlament, das mancherlei erwog

Und auch ein Bündniß in Betrachtung zog

Mit andern Staaten, falls dem anzuschließen

Sich die Thebaner willig finden ließen.

Vor Theseus zu erscheinen unverweilt,

Ward daher Palamon Befehl ertheilt,

Der, ahnungslos, weßhalb nach ihm gesandt,

Mit trauervollem Herzen und Gewand

Sich nach Athen begab, wie ihm befohlen.

– Doch für Emilia ließ ihn Theseus holen. –

Als Alle Platz genommen, Jeder stumm,

Und Herzog Theseus seinen Blick ringsum

Zunächst geworfen eine Weile lang,

Eh’ sich ein Laut der weisen Brust entrang,

Begann betrübt zu seufzen er im Stillen,

Und kündete dann also seinen Willen:

»Als einst der allerhöchste Lenker droben

Der Liebe schöne Kette hat gewoben,

War groß sein Ziel und seine Absicht klug;

Er wußte wohl, was er im Sinne trug.

Denn mit der schönen Liebeskette band

Er dauernd Feuer, Wasser, Luft und Land

In fester Gränzen wandellosem Ort.

Derselbe Fürst und Lenker« – fuhr er fort –

»Hat zugetheilt in dieser Welt voll Trauer

Besondern Tagen auch bestimmte Dauer

Für alle, die geboren sind auf Erden;

Und diese können nicht verlängert werden,

Wenn ihre Frist man auch beschränken kann.

Ich führe nicht Autoritäten an;

Denn längst hat die Erfahrung es gelehrt;

Indeß auch meine Meinung sei erklärt.

Wie man aus dieser Ordnung leicht erkennt,

Steht fest und ewig Gottes Regiment,

Und Jeder weiß, sofern er nicht ein Thor,

Daß aus dem Ganzen geht der Theil hervor.

Denn nicht ein Theil, ein Bruchstück ist’s gewesen,

Woraus Natur entstand, vielmehr ein Wesen

Von steter Dauer und Vollkommenheit;

Nur nach und nach sank sie zur Endlichkeit.

Mit weiser Vorsicht hat der Herr der Welt

So gut durch seine Satzung festgestellt,

Daß jedes Ding nach Classe wie nach Art

Durch Folge nur die Dauer sich bewahrt,

Und nicht auf ewig in sich fortbesteht,

Wie Ihr mit eignen Augen es erseht.

Zur Eiche blickt: wie war ihr Wachsthum lang

Seit aus dem Keime sie zuerst entsprang.

Lang ist ihr Leben, wie wir alle sehn,

Und doch – zuletzt muß dieser Baum vergehn!

Denkt: auch der harte Stein, den Tag für Tag

Der Fuß betritt, verschwindet nach und nach

Und liegt zuletzt uns nicht im Wege mehr.

Der breite Strom wird oftmals wasserleer,

Die großen Städte fallen und verschwinden;

Ihr seht es – Alles muß ein Ende finden.

Kein Mann, kein Weib kann diesem Loos entfliehn

Es kennt der Tod nicht zweierlei Termin;

Das heißt: ob alt ob jung, bedeutet wenig,

Denn sterben muß der Page wie der König!

Der stirbt im Bett, der wird des Meeres Beute,

Der bleibt im Feld – das wissen alle Leute.

Den gleichen Weg geht Alles in der Welt;

Wohl mag ich sagen, jedes Ding zerfällt.

Ist es nicht so von Jupiter beschlossen?

Er ist der Herr, dem jedes Ding entsprossen,

Der über Alles, was durch ihn gestaltet,

Bekanntlich auch nach eignem Willen schaltet.

Und kein Geschöpf kann diesem widerstreben,

Was auch sein Rang auf Erden und im Leben.

Mir scheint, es ist so weise, wie gescheidt,

Macht man zur Tugend die Nothwendigkeit.

Fügt Euch darin, daß noch kein Mensch hienieden

Dem Loos entrann, das ihm vorher beschieden.

Wer dies bemurrt, der lehnt sich als ein Thor

Und ein Rebelle gegen Gott empor.

Die größte Ehre sich ein Mann erwirbt,

Der in der Blüthe seiner Würde stirbt.

Dann bleibt sein guter Ruf ihm stets gewahrt,

Und Schmach den Freunden und ihm selbst erspart.

Weit freudiger sei dessen Tod begrüßt,

Der ehrenvoll ein junges Dasein schließt,

Als der des Greises, wenn erblaßt sein Ruhm

Und längst vergessen ist sein Ritterthum.

Den rühmlichsten und besten Tod erleidet,

Wer in dem Vollglanz seines Ruhmes scheidet.

Nur Eigensinn kann diesem widerstreben!

Was murren wir, anstatt uns zu ergeben,

Daß uns Arcit, des Ritterthumes Blume,

Entrissen ward in seinen höchsten Ruhme,

Als er des Leibes fauler Haft entflohn?

Weßwegen will sein Vetter Palamon,

Sein liebend Weib ihm dieses Glück nicht gönnen?

Weiß Gott, wie soll er ihnen danken können,

Daß sie sich selbst und seinen Geist so kränken?

– Doch kaum vermögen Andres sie zu denken! –

Was ist der langen Rede letzter Schluß?

Ich denke: Freude folge dem Verdruß!

Dankbar empor laßt uns die Hände heben

Zu Jupiter, eh’ wir uns fortbegeben.

Wir machen – rath’ ich – aus zwei dunklen Sorgen

Für immerdar den hellsten Freudenmorgen!

Und seht, wo diese Sorge ist am größten,

Da will zuerst auch helfen ich und trösten!

Schwester!« – so sprach er – »es ist fest beschlossen

Durch Beistimmung der Parlaments-Genossen,

Daß Deinem edlen Ritter Palamon,

Der Dir gedient so lange Jahre schon,

Seit Du ihn kennst, mit Willen, Herz und Hand,

Nun Deine Gnade werde zugewandt,

Um ihn als Gatten und als Herrn zu ehren!

Reich’ mir die Hand, denn so ist mein Begehren!

Zeig’ weiblich Mitleid! Als der Bruderssohn

Von einem Könige verdient er’s schon.

Wenn er ein armer Junggesell einst schien,

Und widerwärtig das Geschick für ihn,

So dient’ er Dir doch manches liebe Jahr,

Das mußt Du in Erwägung ziehn, fürwahr!

Drum sei auch Gnade jetzt für Recht erkannt!«

Zum edlen Ritter Palamon gewandt,

Sprach er: »Mich dünkt’s, nicht lange muß ich pred’gen,

Um zwischen uns die Sache zu erled’gen!

Komm her, und nimm die Dame bei der Hand!«

Und somit ward geschlossen jenes Band,

Das manchmal Ehe heißt und manchmal Heirath!

Und die Barone gaben ihren Beirath.

So mit Musik und aller Seligkeit

Hat Palamon Emilia gefreit.

Und Gott, der alle Welt gemacht und lenkt,

Hat nach Verdienst mit Segen sie beschenkt;

Denn Palamon auf immerdar zu Theil

Ward Freude, Reichthum und jedwedes Heil;

Stets zärtlich blieb Emilia ihm ergeben,

Und ihrem Dienste war geweiht sein Leben.

Nie Eifersucht und nie ein böses Wort,

Nie trübte Leid ihr Lebensglück hinfort.

So sei von Beiden mein Bericht geschlossen.

Behüt’ Euch Gott, Ihr Pilgerfahrtsgenossen!

Der Prolog des Müllers.

Vers 3111–3186.

Als so der Ritter den Bericht geendet,

Ward der Erzählung Beifall rings gespendet.

Schön sei und werth der Rückerinnerung,

Was vorgetragen – sprachen Alt und Jung,

Besonders aber alle feinern Herr’n;

Und lachend schwur der Wirth: »So hab’ ich’s gern!«

Das lob’ ich mir; der Sack ist aufgethan!

Laßt sehn, wer kommt als Folgender daran?

Das Spiel ist gut begonnen, das gesteh’ ich!

Kommt her, Herr Mönch, und seid Ihr dazu fähig,

Macht’s der Erzählung unsres Ritters gleich.

Der Müller, der, vor Trunkenheit ganz bleich,

Auf seinem Gaule turkelnd hing im Sitze,

Zog nicht den Hut und rückte nicht die Mütze,

Denn höflich gegen irgend wen war nie er.

Mit einer Stimme, wie Pilatus, schrie er

Und schwur bei Armen und bei Blut und Bein:

»Die herrlichste Geschichte fällt mir ein,

Durch welche die des Ritters übertroffen!«

Der Gastwirth sah, daß er in Bier besoffen

Und sprach: »Mein lieber Robert, laß es sein!

Räum’ einem Besseren den Vorrang ein,

Hör’ auf, und halte Frieden jetzt und Ruh’!«

Er aber sprach: »Gott straf’ mich, wenn ich’s thu’!

Laß mich erzählen, oder ich geh’ fort!«

»Zum Teufel,« – sprach der Wirth – »behalt’ das Wort!

Du bist ein Narr und hirnverwirrt im Rausche!«

»Nun« – sprach der Müller – »All’ und Jeder lausche!

Jedoch zunächst erklär’ ich Euch ganz offen,

– Die Stimme sagt es mir – ich bin besoffen,

Und sollt’ ich mich versprechen und mißsagen,

Das Bier von Southwark bitt’ ich anzuklagen.

Zum Besten laßt Legende mich und Leben

Vom Zimmermann und seinem Weibe geben,

Dem ein Scholar zurecht gerückt die Kappe.«

Der Landverwalter rief: »Schließ’ Deine Klappe!

Laß die besoff’ne, garst’ge Zoterei!

Denn sündhaft ist’s und große Narrenthei,

Jemanden zu beschimpfen und zu kränken

Und üblen Nachruf auf die Frau’n zu lenken.

Dir bleibt genug von Anderm zu erzählen!«

An Antwort ließ der Müller es nicht fehlen

Und sprach: »Nun, Oswald, lieber Bruder mein!

Wer keine Frau hat, kann kein Hahnrei sein!

Doch sag’ ich nicht, so sei’s mit Dir bestellt!

Viel gute Weiber leben auf der Welt.

Was nimmst an meinem Wort Du Aergerniß?

Ich hab’ ein Weib, so gut wie Du, gewiß;

Jedoch für meine Stiere vor dem Pflug

Nähm’ ich auf mich nicht mehr, als was genug,

Und denke von mir selbst nicht, ich sei einer,

Viel lieber will ich glauben, ich sei keiner.

Denn spürt ein Ehemann nicht zu genau

In Gottes Heimlichkeit und die der Frau,

Wird ihm auch Gottes Ueberfluß nie fehlen,

Und um den Rest braucht er sich nicht zu quälen.«

Der Müller wollte – um mich kurz zu fassen –

In seinen Worten sich nicht meistern lassen,

Und er erzählte seine Schandgeschichte,

Die ich Euch nunmehr wortgetreu berichte.

Indessen bitt’ ich, nehm’ kein Ehrenmann

– Um Gotteswillen – Aergerniß daran.

Was Jeder vorgetragen, muß ich eben,

Ob’s gut, ob’s schlecht, getreulich wiedergeben,

Will ich den Inhalt nicht zu sehr verkehren.

Drum, wer nicht Lust hat, weiter zuzuhören,

Schlag’ um das Blatt und treffe seine Wahl;

Denn kurz und lang sind hier in großer Zahl

Auch ehrbare Geschichten vorerzählt,

Worin Moral und Heiligkeit nicht fehlt.

Und greift Ihr fehl, legt es nicht mir zur Last!

Ihr wißt, der Müller war ein schlimmer Gast

Wie der Verwalter und manch’ Andre leider,

Und zotenhaft sind die Geschichten Beider.

Ihr seid gewarnt, daher müßt Ihr nicht schelten;

Was nur ein Spaß ist, darf als Ernst nicht gelten.

Die Erzählung des Müllers.

Vers 3187–3852.

In frühern Zeiten war in Oxenford

Ein reicher Filz und Zimmermann, der dort

Ein Kosthaus hielt, in welches ein Scholar

Von wenig Mitteln eingezogen war.

Er war der Kunst beflissen, doch daneben

Höchst eifrig der Astrologie ergeben,

Und gab, befragt darum zur rechten Stunde,

Auch durch gewisse Schlüsse sichre Kunde,

Ob Regen käme, oder Sonnenschein;

Und er verstand genau zu prophezei’n

Das künftige Geschick von Jedermann,

Ja, vieles mehr, als ich erwähnen kann.

Den flinken Niklaus hieß man den Scholaren;

In Liebeshändeln war er wohlerfahren

Und ein höchst schlauer und verschwiegner Gast,

Doch mädchenhaft in seinem Aeußern fast;

Und ohne Mitbewohner, ganz allein

Nahm er ein Zimmer in dem Kosthaus ein.

Mit süßen Kräutern war bedeckt die Flur;

Er selbst war süßer, als das Süßholz nur

Und Baldrian es irgend sind. – Man fand

Den Almagest und manchen Bücherband,

Ein Astrolabium, seiner Kunst geweiht,

Nebst Algorithmensteinen, wohl gereiht,

Im Sims zu Kopf des Bettes an der Wand;

Und roth behangen war sein Kleiderstand.

Und oben drüber hing die lust’ge Laute,

An deren Spiel er Abends sich erbaute.

Gar lieblich durch das ganze Zimmer klang,

Wenn Angelus ad virginem er sang

Und hinterdrein das Königslied begann;

Und Jeder pries sein lust’ges Stimmorgan;

Und so verging die Zeit für den Studenten

Nach Maße der Stipendien und Renten.

Der Zimmermann, seit kurzem erst vermählt,

War toll verliebt ins Weib, das er erwählt,

Und da sie – glaub’ ich – achtzehn Jahre kaum,

Hielt er aus Eifersucht sie scharf im Zaum.

Denn sie war wild und jung und er war alt,

Und Hörner wüchsen – dacht’ er – allzubald.

Roh an Verstand, war fremd ihm Catos Lehre,

Daß sich am besten Gleich und Gleich bewähre;

Man müsse sich stets angemessen paaren,

Oft läge Jung und Alt sich in den Haaren.

Doch in die Falle war der Mann gerathen

Und trug die Last, wie’s vor ihm Andre thaten.

Schön von Gesicht war seine junge Frau

Und, wie ein Wiesel, zart und schlank von Bau.

Von Seide war der Gürtel, den sie trug.

Und weiß, wie Morgenmilch, ihr Schürzentuch,

Das um die Lenden faltenreich geschlagen.

Bestickt, so vorn wie hinten, war am Kragen

Ihr weißes Hemd mit kohlenschwarzer Seide,

Und passend zu der Farbe von dem Kleide

War ausgesucht nicht minder auch das Band,

Das ihre weiße Haube rings umwand,

Die breite Seidenschleifen oben kränzten.

Doch wahrlich! lüstern ihre Augen glänzten.

Die beiden Brauen waren scharf gezogen,

Schwarz wie die Schlehen, lang und leicht gebogen,

Und schöner als ein junger Birnenbaum

Und zarter als des Widders Wollenflaum,

War sie für Jeden eine Augenweide.

Bestickt mit Messingperlen und mit Seide

Hing von dem Gurt die Lederbörse nieder;

Und Niemand sah, wenn er auch hin und wieder

Die ganze Welt entlang zu suchen ging’,

Solch lust’ges Weibsbild, solchen Schmetterling.

Und ihrer Wangen Farbe glänzte mehr

Als Rosenobel, frisch vom Tower her,

Und ihr Gesang scholl lustiger und freier,

Als selbst das Lied der Schwalben in der Scheuer.

Gern spielte sie und hüpfte höher selber

Als um die Mütter Zicklein oder Kälber;

Ihr Mund war süß, wie Meth und Honigbräu

Und Lageräpfel unter Stroh und Heu.

Vor Wohligkeit sie, wie ein Füllen, sprang,

Kein Pfeil war grader und kein Mast so schlank.

Ein Busenschloß, das wie ein Schildknopf breit,

Befestigte den Kragen an das Kleid,

Und hohe Schnürschuh’ trug sie an den Beinchen.

Sie war ein Primelchen, ein Herzensschweinchen

Für große Herr’n, im Bett mit ihr zu spaßen,

Und gut als Weib für jeden Hintersassen.

Nun, Herr, und nochmals, Herr, so fiel es aus,

Daß eine Tags der flinke Nikolaus

Mit dieser Frau verliebten Scherz begann,

Derweil in Osney war ihr Ehemann;

Und da die Schreiber voller Kniff’ und Pfiffe,

So macht’ er heimlich bei ihr Untergriffe

Und sagte: »Sei, Süßliebchen, mir zu Willen,

Ich muß vergehn, kann ich die Brunst nicht stillen!«

Um ihre Hüften seinen Arm er schlang,

Und sprach: »Herzliebste, sperre Dich nicht lang’,

Sonst geh’, bei meiner Seligkeit, ich drauf!«

Doch, wie ein wildes Füllen sprang sie auf,

Und rasch versteckte sie ihr Angesicht,

Und sprach: »Auf Ehre, küssen will ich nicht!

Laß sein, o Niklaus!« – rief sie – »laß es sein,

Soll ich nicht Holla! und zu Hülfe schrein!

Weg mit den Händen; guter Sitte wegen!«

Nun mußte Niklaus sich aufs Bitten legen

Und sprach mit solcher Ueberredungskunst,

Daß sie zuletzt ihm zugestand die Gunst.

Beim heil’gen Tom von Kent schwur sie den Eid,

Bei nächster, passender Gelegenheit,

Die sie erspähe, sei sie ihm zu Willen.

»Mein Mann« – sprach sie – »hat eifersücht’ge Grillen;

Drum sei verschwiegen und gedulde Dich,

Sonst fürcht’ ich sicher noch zu Tode mich!

Treib’ hierbei Alles heimlich und verborgen!«

»Nein,« – sagte Niklaus – »sei ganz ohne Sorgen;

Wer einem Zimmermann nicht Nasen dreht,

Der ging umsonst zur Universität!«

Darauf versprachen nochmals sie und schwörten,

Der Zeit zu warten, wie bereits wir hörten.

Als Nikolaus es so geführt zu Ende,

Schlang er den Arm ihr zärtlich um die Lende,

Ergriff die Laute, küßte herzlich sie

Und spielte dann die schönste Melodie.

Mit dieser guten Frau begab’s sich nun,

Daß sie, um Christi eignes Werk zu thun,

Zur Kirche ging an einem Feiertage.

Ganz frisch gewaschen nach der Arbeit Plage,

Schien neben ihr der helle Tag selbst düster.

Nun war in jener Kirche auch ein Küster,

Mit Namen Absalon. – Sein krauses Haar

Schien hell, wie Gold, und wie ein Fächer war

Es ausgespreizt in weitem, hohem Bogen,

Und zierlich war ein Scheitel durchgezogen.

Die Haut war roth, die Augen gänsegrau;

Paulsfenster trugen seine Schuh’ zur Schau,

In rothen Strümpfen er einherstolzirte.

Und das mit Spitzen reich und dick verzierte

Lichtblaue Wamms, das er am Leibe trug,

War voller Schick und saß ihm eng genug.

Darüber trug ein Chorhemd er, so weiß

Und glänzend, wie der Blüthenschnee am Reis.

Bei meiner Seel’! er war ein lust’ger Racker,

Schnitt Haar, rasirte, ließ zur Ader wacker,

War Quittungssteller und Verträgemacher,

Und tanzen konnt’ er in wohl zwanzigfacher

Manier – nach Oxfords Schule will das heißen –

Und auf und nieder seine Beine schmeißen.

Er spielte die Ribebe, die Ginterne

Und dazu sang so häufig er, wie gerne,

Mit lauter Stimme seine lust’gen Schwänke;

Und in der Stadt gab’s Wirthshaus nicht noch Schenke,

Wo er nicht seinen Schabernack vollführte,

Wenn eine schmucke Biermagd er dort spürte.

Doch leider ist zu sagen mir geboten,

Er f…te häßlich und riß schlimme Zoten.

Doch, trieb auch Absalon oft Scherz und Spaß,

Am Sonntag schwang er fromm das Räucherfaß,

Vor allen Kirchspiels-Frau’n, indem er scharf

Verliebte Blicke hin zu jeder warf,

Und auf das Weib vom Zimmermann vor Allen.

Sie anzusehen, war sein Wohlgefallen;

Sie sah so sauber, süß und lecker aus,

Ich wette, wie ein Kater auf die Maus,

Wär’ er auf sie gern schnurstracks zugesprungen.

Von liebendem Verlangen ganz durchdrungen,

Schien Absalon, der Küster, sich zu schämen,

Der Weiber Opfergaben anzunehmen;

Aus Höflichkeit – so sagt’ er – woll’ er keine.

Es kam die Nacht. – Beim hellen Mondenscheine

Nahm die Ginterne Absalon zur Hand.

Und, seinen Sinn auf Liebeslust gewandt,

Zog er höchst lüstern und begehrlich aus

Und schlich sich vor des Zimmermeisters Haus.

Und bald darauf, bevor gekräht der Hahn,

Schlich er zur Fensterlade sich heran,

Die in der Wand des Hauses angebracht,

Und sang mit zarter Stimme sanft und sacht:

»Herzliebchen mein – ist es der Wille Dein,

Gedenke mein – in Huld und sag’ nicht nein!«

Und dazu ließ er die Ginterne klingen.

Auf wacht der Zimmermann und hört ihn singen

Und ruft sein Weib und spricht: »Was, Alison,

Ist das da draußen nicht der Absalon,

Der an der Mauer singt von unserm Bau?«

Und ihrem Mann erwiderte die Frau:

»Weiß Gott, Johann! ich hör’ ihn Wort für Wort.« –

Wie Ihr es denken könnt, so ging es fort.

Von Tag zu Tage ward in sie verliebter

Der lust’ge Absalon, so daß betrübt er

Die ganze Nacht mitsammt dem Tag durchwachte,

Die Locken kämmt’ und sich fein sauber machte.

Er warb um sie durch Kuppler und durch Mägde,

Er schwur, ihr eigner Knecht zu sein, und pflegte

So trillerud wie die Nachtigall zu singen,

Ließ Nadeln, Meth und würzig Bier ihr bringen

Und heiße Waffeln; ja, er bot sogar

Selbst Gold ihr an, da sie ein Stadtkind war.

– Denn manches Weib gewinnt man nur durch Gaben,

Und dies will Küsse, jenes Prügel haben. –

Daß er vor ihr mit seiner Kunst sich brüste,

Spielt’ er Herodes auf dem Schaugerüste.

Vergeblich blieb’s in diesem Fall indessen,

Sie war in ihren Niklaus zu versessen;

Und Absalon konnt’ in das Bockshorn blasen;

Für alle Mühe drehte sie ihm Nasen,

All seinen Ernst verkehrte sie in Hohn

Und narrt’ und äffte stets nur Absalon.

Das Sprüchwort lügt nicht, es bleibt wahr genug,

Wenn es besagt: Wer nah’ ist, der ist klug

Und kann dem Fernen oft gefährlich werden.

Wohl mochte toll sich Absalon geberden,

Denn, da er fern von ihrem Angesicht,

Stand ihm der nahe Niklaus stets im Licht.

– Nun, zarter Niklaus, möge Dir’s gelingen,

Und Absalon laß Klagelieder singen! –

Und es geschah an einem Samstag nun,

Derweil ihr Mann in Osenay zu thun,

Daß Alison mit ihrem Nikolaus

Beisammen saß; und Beide machten aus,

Es solle Niklaus eine List erspähn,

Den eifersücht’gen Mann zu hintergehn,

Um, wenn das Spiel in guten Gang gebracht,

Bei ihr zu ruhn die liebe, lange Nacht.

– Darin glich sein Verlangen ganz dem ihren. –

Und ohne viele Worte zu verlieren,

Trug Nikolaus, der nicht zu zögern dachte,

In seine Kammer vorsorglich und sachte

Für einen Tag bis zweie Trank und Speisung.

Und sollte – so gab er ihr Unterweisung –

Nach Nikolaus der Eheherr sie fragen,

So müsse sie ihm unbefangen sagen:

Sie wisse Nichts. – Sie hätte tageslang

Ihn nicht gesehen; sicher sei er krank,

Da selbst der Dienstmagd Rufen und Geschrei

Noch sonder Antwort stets geblieben sei.

Und still verhielt vom Samstag an im Zimmer

Sich Nikolaus und that und trieb, was immer

Ihm wohlgefiel; er aß und schlief und trank

Den Sonntag durch bis Sonnenuntergang.

Schier Wunder nahm’s den dummen Zimmermann,

Was Niklaus fehle; und er sprach sodann:

»Beim heil’gen Thomas! ich befürchte sehr,

Mit unserm Niklaus geht es schief und quer!

Verhüt’ es Gott, daß er nicht plötzlich end’ge!

Fürwahr, die Welt ist jetzt solch unbeständ’ge;

Als Leiche stand heut’ in der Kirche da

Ein Mann, den Montags noch beim Werk ich sah!

Steh’ auf,« – sprach er zum Knecht – »nimm einen Stein,

Klopf’ an die Thür, beginne laut zu schrein!

Sieh’, wie es steht, und bringe kühn Bescheid!«

Empor sofort in aller Schnelligkeit

Der Knecht vor seine Kammerthüre lief

Und klopfte dann wie toll und schrie und rief:

»Was thut Ihr, Meister Niklaus? Werdet wach!

Wie könnt Ihr schlafen nur den ganzen Tag?«

Es war umsonst. Nichts regte sich. Jedoch

Er sah ganz unten an der Thür ein Loch,

Durch das die Katze hin und wieder lief;

In dieses steckte seinen Kopf er tief,

Bis er zuletzt ihn wirklich sah und fand.

Zum Himmel starrte Niklaus unverwandt,

Als ob er sich den neuen Mond betrachte.

Hinunter stieg der Knecht und hinterbrachte

Sofort dem Herrn, wie er gesehn den Mann.

Der Zimmermeister schlug sein Kreuz sodann

Und sprach: »Nun hilf uns, heil’ge Friedewid’!

Der Mensch weiß wenig, was mit ihm geschieht!

Der Mann fiel sicher durch Astronomie

In Tollheit oder sonst in Agonie!

Ich dachte lange schon, so würd’ es gehn.

In Gottes Heimlichkeit soll Niemand spähn;

Und stets gesegnet sei der schlichte Mann,

Der gar nichts Andres als sein Credo kann.

Man mag’s an jenem Astronomen lernen,

Der auf das Feld einst ging, um nach den Sternen

Zu gucken, um daraus zu prophezein,

Und in die Mergelgrube fiel hinein.

Die sah er nicht. – Doch leid thut mir, fürwahr!

Beim heil’gen Thomas! unser Herr Scholar;

Bald soll vergehn ihm die Studirerei,

Steht mir der Himmelskönig Jesus bei!

Gieb einen Stock zum Unterstemmen mir,

Du aber, Robert, hebst zugleich die Thür;

Aus seinen Studien will ich ihn schon bringen!«

Und zu der Kammerthüre Beide gingen.

Es war der Knecht ein kräftiger Gesell,

Aus ihren Angeln hob die Thür er schnell,

Und in das Zimmer fiel sie stracks hinein.

Doch still und stumm saß Niklaus, wie ein Stein,

Und auf gen Himmel starrt’ er unverrückt.

Der Zimmermeister hielt ihn für verzückt,

Erfaßte bei den Schultern ihn mit Macht

Und schrie, ihn heftig schüttelnd, aufgebracht:

»Was Nikolaus?! Was Mann?! Schau’ doch zur Erde!

Wach’ auf! an Christi Noth denk’ und Beschwerde!

Vor Elf und Hex’ bekreuz’ ich Dich!« – Und dann

Begann sofort er diesen Zauberbann,

Zuerst nach jeder Seite der vier Wälle

Und dann noch schließlich draußen vor der Schwelle:

»St. Benedict und Christus, Herr und Meister!

Beschützt dies Haus vor Nachtspuk und vor Geister!

Vorm weißen Gottseibeiuns schenket Ruh!

St. Peters Schwester, sprich, wo wohnest Du?«

Zuletzt begann der flinke Nikolaus

Zu seufzen, und er sagte: »Welch ein Graus!

Ist denn das Ende dieser Welt so nah’?«

Der Zimmermeister schrie: »Was sagst Du da?

Denk’, wie wir Handwerksleute, doch an Gott!«

»Hol’ einen Trunk mir!« – Nikolaus gebot –

»Dann sollst Du Dinge hören, die für Dich

So wichtig sind, gewißlich, wie für mich,

Und die bestimmt sind für kein andres Ohr!«

Der Zimmermeister ging, und kam empor

Mit starkem Bier in einem großen Krug;

Und als genommen Jeder seinen Zug,

Schloß Nikolaus die Kammerthüre wieder

Und setzte mit dem Zimmermann sich nieder

Und sagte: »Lieber, bester Wirth, Johann,

Bei Deinem Glauben schwöre mir, fortan

Streng mein Geheimniß bei Dir zu bewahren,

Denn Christi Rathschluß will ich offenbaren.

Und plauderst Du, soll es Dir schlimm bekommen!

Zur Strafe wird Dir der Verstand genommen,

Verräthst Du mich. – Drum sei auf Deiner Hut!«

»Verhüt’ es Christ, bei seinem heil’gen Blut!«

– So sprach der dumme Mann – »Ich bin kein Wäscher

Und – sag’ ich’s selbst gleich – auch kein Zungendrescher.

Sprich, was Du willst, bei mir ist’s gut verwahrt

Vor Weib und Kind, bei Christi Höllenfahrt!«

»Johann!« – sprach Niklaus – »Wahrheit liebt mein Mund!

Es wurde durch Astrologie mir kund,

Als ich den hellen Mond mir angeschaut,

Daß nächsten Montag, eh’ der Morgen graut,

Ein Regen fällt von solcher Macht und Wuth,

Nicht halb so schlimm ging’s her bei Noas Fluth.

In Zeit von einer Stunde wird die Welt

Ertränkt, sobald der grause Schauer fällt.

Der ganzen Menschheit geht es an den Leib!«

Der Zimmermeister schrie: »O, weh! mein Weib!

Weh, meine Alison! Soll sie ertrinken?!«

– Zu Boden wollt’ er schier vor Sorge sinken –

»Ist nichts zu thun dagegen?« – rief er aus.

»O, ja, weiß Gott!« – besagte Nikolaus –

»Wenn Du nach meinem Rath zu Werke gehst,

Und nicht auf Deinem eignen Kopf bestehst.

Was Salamo gesprochen hat, bleibt wahr:

Wer Rath annimmt, den reut es nimmerdar.

Willst Du Dich meiner Weisung anbequemen,

So will ich Euch zu retten unternehmen,

Sie, Dich und mich. Nicht Segel braucht’s, noch Mast.

Von Noas Rettung Du gehört wohl hast?

Ward er nicht von dem Herrn gewarnt, es werde

Durch Wasser ausgetilgt die ganze Erde?«

»Ja,« – sprach der Zimmermann – »das weiß ich lange.«

»Und hörtest Du« – frug Nikolaus – »wie bange

Und angst ihn damals seine Frau gemacht,

Bevor er glücklich sie ins Schiff gebracht?

Er hätte dazumal, bei meinem Leben!

All’ seine schwarzen Widder drum gegeben,

Wenn sie besessen ihren eignen Kahn.

Und weißt Du, was daher der beste Plan?

Das Ding geht hastig, und wir müssen eilen.

Ich kann nicht länger predigen und weilen,

Drum schaffe gleich – und richt’ es eilig aus –

Backtröge Du und Bütten in das Haus,

Für jeden eine, aber groß und gut,

Daß, wie im Schiff, wir schwimmen durch die Fluth!

Pack’ Nahrung bei, doch nur genügend eben

Für einen Tag. Das Weitre wird sich geben.

Sobald hereinbricht erst die Tageshelle,

Verlaufen auch die Wasser in der Schnelle.

Doch schwatze nicht zu Robert aus der Schule!

Denn Deinen Knecht und Deine Magd, die Jule,

Kann ich nicht retten. – Frage nicht, warum?

Gott ist geheimnißvoll, und ich – bin stumm.

Sei nicht verrückt und gebe Dich zufrieden,

Daß Dir, wie Noa, solche Huld beschieden.

Dein Weib errett’ ich, Du kannst ruhig sein!

Nun trolle Dich, und richt’ es schicklich ein!

Und wenn für sie und Dich und mich herbei

Geschleppt Du hast die Kübel, alle drei,

Dann hängst Du untern Dachstuhl unsre Tröge,

Damit, was vorgeht, Niemand sehen möge!

Und hast Du Alles, was ich sprach, bedacht

Und Lebensmittel auch herbei gebracht

Sowie ein Beil, die Stricke zu durchtrennen,

Damit, wenn’s Wasser kommt, wir schwimmen können,

Dann brich ein Loch hoch in den Giebelwall

Dicht bei dem Zaun vom Garten überm Stall,

Damit wir wissen, unsern Weg zu finden,

Sobald das Wasser anfängt zu verschwinden.

Flott schwimmst Du dann im nassen Elemente

So wie ein Entrich hinter seiner Ente.«

Dann ruf’ ich: »He, Johann! He, Alison!

Seid guten Muth’s! die Fluth verläuft sich schon!«

Und »Heil Dir, Meister Niklaus!« wirst Du sagen,

»Schön, guten Morgen! es beginnt zu tagen!«

»Und wie einst Noa und sein Weib, so werden

Wir Herren sein vom ganzen Land auf Erden.

Jedoch ein einz’ges Ding hab’ wohl in Acht,

Sei ernst gewarnt, daß in der ganzen Nacht,

Sobald gegangen wir selbdrei an Bord,

Keiner von uns verlauten läßt ein Wort,

Noch schrei und rufe, sondern bete stille;

Zu unserm Besten ist das Gottes Wille.

Du mußt von Deiner Frau gesondert hängen,

Denn Sünde darf sich zwischen Euch nicht drängen,

In Worten nicht, und auch nicht in der That.

Laß Dir’s gesagt sein. – Halte Dich parat!

Und morgen steigen wir, sobald es Nacht

Und alles schläft, in unsere Bütten sacht

Und bau’n auf Gottes Grundbarmherzigkeit. –

Doch nun geh’ fort. Ich habe nicht mehr Zeit

Hierüber lang und breit zu radebrechen.

Man sagt: den Weisen sende, statt zu sprechen.

Du bist so weise, Du brauchst keine Lehren;

Daß Du uns rettest, ist mein Hauptbegehren.«

Mit Ach und Weh zu seufzen nun begann

In seiner Noth der dumme Zimmermann,

Und im Vertrau’n erzählt’ er’s seiner Frau.

Doch sie verstand weit mehr als er genau,

Wohin die wunderliche Sache zielte.

Die bis zum Tod Erschrockene sie spielte

Und schrie: »O, Wehe! mach’ Dich schnell von hinnen,

Wir sind des Todes, wenn wir nicht entrinnen.

Ich bin Dein Weib und Dir getreu ergeben,

Geh’, lieber Mann, und rette unser Leben!«

Was hat die Liebe für gewalt’ge Macht!

Wie Einbildung schon Manchen umgebracht

Mit ihrem tiefen Eindruck auf die Geister,

So jammerte der dumme Zimmermeister.

Es dünkte wirklich ihm, daß wogen er

Schon Noas Sintfluth sähe, wie das Meer,

Und sein Süßliebchen, Alison, ertrunken.

Er jammerte, in Traurigkeit versunken,

Und ächzte, weinte, seufzte, stöhnte, fluchte;

Er machte sich rasch auf den Weg und suchte

Sich Bottich, Kübel dann und Backtrog aus

Und schaffte sie verstohlen in sein Haus,

Wo er am Dachstuhl heimlich fest sie band.

Drei Leitern fertigt er mit eigner Hand

Um auf den Sprossen zwischen beiden Stangen

Zum Balken in die Tröge zu gelangen,

Und füllte darauf jede der drei Wannen

Mit Käse, Brod und gutem Bier in Kannen;

Genug, um einen Tag davon zu leben.

Jedoch, bevor er sich ans Werk begeben,

Entsandt’ er seine Magd und den Gesellen

Nach London, eine Botschaft zu bestellen.

Und als der Montag endlich ging zur Ruh’,

Schloß ohne Licht er seine Hausthür zu

Und sah aufs Beste jede Sache vor.

Bald stiegen dann sie alle Drei empor

Und saßen stille für geraume Frist.

»Nun, Paternoster!« – sagte Niklaus – »Pst!«

Und »Pst!« sprach Jan, und »Pst!« sprach Alison.

Es murmelte Gebet und Devotion

Der Zimmermeister leise dann und lauschte

Und horchte, ob der Regen draußen rauschte?

Doch wie ein Bär schlief nach des Tages Müh’

Der Zimmermeister fest und tief schon früh,

Als – denk’ ich – kaum die Abendglocke tönte.

Im Herzen war er schwer bedrückt und stöhnte,

Und schnarchte häufig, denn sein Kopf lag schief.

Hinab die Leiter Niklaus schleunig lief,

Zog Alison ganz leise mit sich fort

Zu sich ins Bett und redete kein Wort.

Und, wo der Zimmermann gewohnt zu liegen,

Da trieben ihren Scherz und ihr Vergnügen

Jetzt fröhlich Alison und Nikolaus,

Und hielten wacker bei der Arbeit aus,

Bis daß die Glocken morgens »Laudes« rangen

Und Klosterbrüder vor dem Altar sangen.

Doch Absalon, dem Küster, der zur Zeit

Noch voller Liebe war und Liebesleid,

Gefiel es, diesen Montag mit viel Andern

Zum Zeitvertreib nach Osenay zu wandern.

Dort traf er einen Klosterbruder an

Und frug ihn heimlich nach dem Zimmermann.

Ihm aus der Kirche folgte rasch abseits

Der Mönch und sprach: »Seit Samstag sah bereits

Ich ihn beim Werk nicht. Möglich, daß befohlen

Ihm unser Abt hat, Zimmerholz zu holen.

Er ist gewohnt, nach Bauholz auszugehn

Und in der Scheuer über Nacht zu stehn.

Doch mag er auch in seinem Hause weilen;

Denn sichre Auskunft kann ich nicht ertheilen.«

Wohl war nun Absalon voll Fröhlichkeit.

»Die Nacht« – sprach er – »durchwach’ ich! Jetzt ist’s Zeit!

Denn das ist sicher, schon seit Tageslicht

Sah ich den Mann vor seiner Hausthür nicht.

Es muß gelingen! Nach dem ersten Krähen

Des Hahns will leise vor ihr Haus ich gehen;

Dort klopf’ ich heimlich an ihr Fenster an,

Und meiner Alison erzähl’ ich dann

All meine Liebesnoth, und – wie ich denke –

Wird mindestens ein Kuß mir zum Geschenke;

Denn eine Gunst mich sicherlich beglückt,

Mir hat der Mund den ganzen Tag gejückt;

Und einen Kuß will dies gewiß besagen.

Auch träumt’ ich in der Nacht von Festgelagen;

Drum schlaf’ ich jetzt ein Stündchen oder mehr,

Und heute Nacht geht’s wach und lustig her!«

Als kaum der erste Hahn gekräht, stieg schon

Aus seinem Bett der lust’ge Absalon

Und zog sich an, um prächtig auszuschauen;

Süßholz und Körner fing er an zu kauen,

Um schön zu riechen, wenn er bei ihr wäre,

Nahm in den Mund noch eine Liebesbeere,

Das sähe – dacht’ er – gar so zierlich aus,

Und schlich sich vor des Zimmermeisters Haus,

Vorm Fenster wartend, welches in der Wand

Nur etwa brusthoch überm Boden stand.

Er hustete und sprach im Flüsterton:

»Wie steht’s, mein Honigscheibchen, Alison?

Mein Vögelchen, mein süßer Zimmetstengel,

Wach’ auf mein Schatz, und sprich mit mir, mein Engel!

Du denkst wohl kaum an all mein Leid und Wehe,

Indeß vor Lieb’ ich schwitze, wo ich gehe;

Und wahrlich, Wunder ist’s nicht, daß ich schwitze.

Ich trau’re, wie ein Lämmlein nach der Zitze!

An Treu’ und Sehnsucht bin ich, Liebchen glaube,

Und an Verlangen wie die Turteltaube,

Und appetitlos wie ein Mädchen werd’ ich!«

»Hansnarre!« – sprach sie – »Gleich vom Fenster scheer’ Dich!

Hilf Gott, Gevatter, steh’ doch ab davon;

Bei Christ, zu tadeln wär’ ich, Absalon!

Du weißt, daß einem andern ich gewogen;

Drum trolle Dich; sonst kommt ein Stein geflogen!

Zum Teufel auch! laß schlafen mich und geh’!«

»Ach, ach!« – sprach Absalon – »und alle Weh’!

Daß solchen Lohn die Treue finden muß!

Gieb mir zum mindesten doch einen Kuß,

Zu Liebe mir und bei der Liebe Christi!«

»Und willst Du dann Dich packen?« – frug mit List sie.

»Ja, sicherlich, mein Schatz!« – sprach Absalon.

»Dann mach’ Dich fertig, denn ich komme schon.«

Auf seine Knie’ warf Absalon sich hin

Und sprach: »Welch Glückskind ich doch immer bin!

Denn hinterdrein giebt’s sicherlich noch mehr! –

Komm’ lieber Schatz, mein Vögelchen, komm’ her!«

Sie aber warf das Fenster auf im Nu,

»Nun rasch und eilig!« – rief sie »mache zu!

Sonst kommen noch die Nachbarn uns dazwischen.«

Den Mund begann sich Absalon zu wischen

– Pechkohlenschwarze, dunkle Nacht war’s noch –

Und aus dem Fenster steckte sie ihr L…

Wie’s gehen mußte, ging es auch. – Wahrhaftig,

Er küßte sie vorm bloßen H…… saftig,

Bevor er seines Irrthums noch gewiß. –

Zurück sprang er und frug sich: »Ging ich miß?«

Er wußte ja, daß Frauen ohne Bart,

Und dennoch war das Ding ganz rauh behaart.

»Pfui!« schrie er auf. – »Was that ich nur? O, weh!«

Rasch schloß das Fenster sie und rief: »Ade!«

Und Absalon zog trüb’ des Weges weiter –

»Ein Bart, ein Bart!« – schrie Nikolaus nun heiter –

»Pottsknochen! besser konnt’ es gar nicht gehn!«

Doch jedes Wort konnt’ Absalon verstehn

Und sprach, indem er sich die Lippen biß

Vor Wuth und Scham: »Dir zahl’ ich’s heim, gewiß!«

Wer rieb, wer scheuerte den Mund je so

Mit Sand und Staub, mit Lappen, Tuch und Stroh,

Wie Absalon jetzt sonder Unterlaß?

»Mich hole« – sprach er – »gleich der Satanas!

Weit lieber als die ganze Stadt – so dächt’ ich –

Wär’s mir, wenn meinen Schimpf nur erst gerächt ich!

O, weh! o, weh! wie war ich so verblendet!«

Die Liebe war erloschen und verendet

Seit jener Zeit, wo ihren A…. geküßt er,

Und keinen Deut gab für sie mehr der Küster.

Es war die Liebesabenteuersucht vorüber,

So gründlich war geheilt er von dem Fieber;

Er heulte nur wie ein geschlagnes Kind.

Hin durch die Straßen lief er dann geschwind

Zu einem Schmied, Gervasius geheißen,

Der in der Schmiede stets mit Pflügeschweißen

Und Messerschärfen mancherlei zu thun.

Und Absalon pocht an die Thüre nun

Und spricht: »Gervasius, öffne mir das Thor!«

»Wer bist denn Du?« – »Absalon steht davor!«

»Was, Absalon? Bei Christi Kreuzbeschwer!

Ei, benedicite, wo kommst Du her?

Was fehlt Dir nur? Gott weiß es, sicherlich

Hast Du ein schönes Mädchen auf dem Strich;

Bei St. Neot! Du weißt schon, was ich meine.«

Doch Absalon bewegte keine Steine

Von seinem Spiel und stand ihm keine Rede.

An seinem Rocken hatt’ er weit mehr Heede,

Als jener dachte. – »Lieber Freund, erweisen

Kannst Du mir eine Gunst. Das heiße Eisen

In Deiner Esse« – sprach er – »leih’ mir schnell,

Ich brauch’s und bring’ es wieder auf der Stell’.«

»Und wär’ es Gold« – so sprach Gervasius rasch –

»Und ungezählte Nobel in der Tasch’,

Dein soll es sein, so wahr wie ich ein Schmied!

Ei, Christi Fuß; was willst Du nur damit?«

»Das laß« – sprach Absalon – »Dich jetzt nicht quälen.

Ich werd’ es eines Tages Dir erzählen.«

Am kalten Ende faßte mit der Hand er

Das Eisen an, und aus der Thür verschwand er

Und ging zurück zum Haus vom Zimmermann,

Und an die Fensterlade pocht’ er an

Und hustete, wie er gethan zuvor.

Und Alison rief aus: »Wer steht davor?

Wer klopft hier an? – Ich glaub’, es ist ein Dieb!«

»Nein, Nein« – sprach er – »weiß Gott, mein süßes Lieb,

Es ist Dein Absalon, Dein Schmetterling!

Von Golde« – sprach er – »bring’ ich einen Ring.

Die Mutter gab ihn mir. Bei meinem Leben!

Hochfein ist er und schön gravirt daneben.

Ich schenk’ ihn Dir, willst Du mich nochmals küssen!«

Niklaus, der eben aufstand, um zu p…..,

Beschloß ihn rasch, bevor er ging, zu necken

Und seinen A…. zum Kuß hinauszustecken.

Er hatte rasch das Fenster aufgestoßen,

Und aus demselben hielt er seinen bloßen

Und dicken St…. bis an die Schenkelknochen.

Und gleich darauf, als Absalon gesprochen:

»Wo bist Du Vöglein? – Ich kann Dich nicht sehn!«

Ließ einen F… der flinke Niklaus gehn,

Als wär’ ein Donnerbolzen abgesendet.

War Absalon auch schier vom Streich geblendet,

Hielt er das Eisen dennoch fest, und heiß

Stieß er dasselbe Niklaus in den St….

Rings um die Kerbe, breit wie eine Hand

War ihm die Haut vom heißen Stahl verbrannt.

In Todesängsten schrie er jammervoll

Und zeterte vor Schmerz und Qual wie toll:

»Hilf! Wasser! Wasser! – Gott und alle Geister!«

Aus seinem Schlummer fuhr der Zimmermeister

Und hörte »Wasser!« schrein. Und kurz und gut,

Er dachte: »Weh’ mir! jetzt kommt Noas Fluth!«

Er sprang empor und hieb im Augenblicke

Mit seinem Beile mitten durch die Stricke.

Pardautz! Mit Brod und Bier und Allem fuhr

Der Zimmermann hernieder auf die Flur

Und lag besinnungslos dort auf der Schwelle.

Holla! Heraus! Herbei! schrie’n, auf der Stelle

Aufspringend, Alison und Nikolaus;

Schnell lief die ganze Nachbarschaft ins Haus,

So groß, wie klein, und gaffte staunend an

Den bleichen und besinnungslosen Mann,

Der durch den Fall gebrochen seinen Arm.

Doch mußte tragen er allein den Harm.

Denn, wenn er sprach, so widersprachen schon

Sofort ihm Nikolaus und Alison,

Und sagten jedem, er sei gänzlich toll.

Vor Noas Fluth sei er besorgnißvoll

Seit langer Zeit gewesen und im Wahn

Hätt’ er geschafft drei große Fässer an

Und oben in dem Dachstuhl aufgehängt,

Und sie um Gotteswillen arg bedrängt,

Mit ihm zu sitzen drin in Compagnie.

Und Alle lachten ob der Phantasie,

Und guckten dann und gafften hin zum Dach

Und trieben Scherz mit seinem Ungemach.

Was auch der Zimmermeister sprach und sagte,

Kein einz’ger war, der nach den Gründen fragte.

Durch Fluchen, Schwören, gänzlich unterdrückt,

Galt in der ganzen Stadt er für verrückt.

Sah ein Student den andern auf dem Wege,

Hieß es: »Der Mann ist toll, mein Herr College!«

Und Alle lachten über diese Possen.

So war des Weibes süßer Leib genossen,

Dem eifersücht’gen Zimmermann zum Torte,

Geküßt hat Abs’lon ihre Hinterpforte

Und a.. verbrannt ist Meister Nikolaus!

Glück auf die Reise! – mein Bericht ist aus.

Der Prolog des Landverwalters.

Vers 3853–3918.

Nachdem das Volk belacht den lust’gen Spaß

Vom Absalon und flinken Nikolas,

Gab’s zwar verschiedne Meinung bei den Leuten,

Obschon die Meisten lachten und sich freuten;

Und wohl gefiel im Ganzen der Bericht;

Nur einzig Oswald, dem Verwalter, nicht,

Dem etwas Groll im Herzen sitzen blieb,

Dieweil er selbst das Zimmerhandwerk trieb.

Und er begann zu tadeln und zu schelten:

»Mit einem Müller könnt’ ich Dir’s vergelten,

Den man trotz seines Hochmuths hintergangen,

Trüg’ ich nach liederlichem Zeug Verlangen.

Zu alt bin ich, um mitzuthun, indessen,

Graszeit ist hin, und Heu ist jetzt mein Fressen.

Dies weiße Haupt spricht laut von meinen Jahren,

Und mit dem Herzen steht’s wie mit den Haaren.

Doch, wie die Mispel hat die Eigenart,

Daß sie erst schmeckt, wenn man sie aufbewahrt

Und faulen läßt in Dünger oder Stroh,

Geht es uns Alten, fürcht’ ich, ebenso.

Bevor wir faul sind, sind wir nicht gereift,

Wir tanzen stets, so lang’ die Welt uns pfeift.

Der Lust ist nie der Prickel auszuziehn;

Der Kopf wird weiß, doch bleibt der Stengel grün

Wie bei dem Lauch. – Ist uns die Kraft vergangen,

Vergeht doch nicht das Wollen und Verlangen.

Fehlt uns das Können, greifen wir zum Wort,

Denn in der Asche glüht das Feuer fort;

Es glimmen nämlich von den Funken vier,

Prahlsucht und Zorn und Lügen und Begier,

Bis in das Greisenalter noch beständig,

Und machen unsre Glieder gar unbändig,

Und werden, meiner Treu, auch nicht erkalten.

So hab’ auch ich den Füllenzahn behalten.

Seit langen Jahren ist mein Lebensfaß

Schon angezapft und abwärts fließt das Naß.

Als ich geboren, schlug bereits Freund Hein

Das Spundloch auf und stieß den Zapfen ein.

Rasch rann der Strom des Lebens stets seither,

Daß nahezu mein ganzes Faß schon leer,

Es tropft und sickert nur mehr von den Dauben.

Die dumme Zunge nur kann sich erlauben,

Von Jugendsünden, die uns einst erfreuten,

Kindisch zu schwätzen, bei uns alten Leuten.«

Als unser Wirth ersah, daß der Sermon

Zu Ende war, sprach er im Herrscherton:

»Was ist der langen Rede Zweck gewesen?

Willst Du den ganzen Tag die Bibel lesen?

Der Teufel macht Verwalter zu Pastoren

Und Schuhflicker zu Schiffern und Doctoren!

Erzähle frisch und zögre nicht und stocke!

Dort ist schon Deptford und halb acht die Glocke!

Dort Greewich, wo manch böses Volk zu Haus!

Daß Du beginnst, erheischt die Zeit durchaus.«

»Nun, Herren!« – der Verwalter Oswald sprach –

»Ich bitt’ Euch alle, tragt es mir nicht nach,

Wenn ich den Hut zurecht ihm etwas setze.

Für Hiebe, Hiebe – so steht’s im Gesetze!«

Vom trunknen Müller uns gemeldet ward,

Wie einen Zimmermeister man genarrt;

Aus Spott wohl, denn ein solcher bin ich eben.

Doch, mit Verlaub, ich will’s ihm wiedergeben

Und grade wie der Flegel will ich sprechen!

Mög’ er – Gott geb’ es! – seinen Nacken brechen!

Nach Splittern will in meinem Aug’ er spähn,

Und kann den Balken nicht im eignen sehn!

Die Erzählung des Landverwalters.

Vers 3919–4322.

Bei Trumpington nicht fern von Cambridge fließt

Ein Bach; und unweit einer Brücke siehst

Du eine Mühle liegen an dem Bache.

Dort war – ich melde eine wahre Sache –

Seit langer Zeit ein Müller schon zu Haus.

Er spreizte stolz sich wie ein Pfauhahn aus;

Er konnte pfeifen, fischen, schießen, ringen,

Die Netze flicken und den Becher schwingen.

Eine Pavade von gewalt’ger Länge

Trug, scharfgeschliffen, er am Wehrgehänge.

Im Hosensack er einen Puffer führte,

Und in Gefahr kam, wer ihn nur berührte.

Ein Sheffield-Messer trug er in dem Strumpf.

Sein Kopf war rund und seine Nase stumpf.

Kahl war sein Schädel wie ein Affensteiß.

Auf jedem Markt schrob er empor den Preis.

Wenn man ihn nur berührte mit der Hand,

Schwur er gleich Rache, die man bald empfand.

Selbstredend war ein Dieb von Korn und Mehl er,

Doch ein geriebner und durchtriebner Stehler.

Den stolzen Simkins hieß man ihn mit Namen.

Ein Weib besaß er aus höchst edlem Samen;

Ihr Vater war der Pfaffe von dem Städtchen,

Erziehen ließ im Kloster er das Mädchen

Und gab ihr mit viel kupferne Geschirre,

Damit er Simkins, sie zu freien, kirre;

Denn, da er Freisaß, sei ihm Standes wegen

– Sprach Simkins – sehr an Jungfernschaft gelegen,

Und ohne Mitgift wollt’ er keine frein.

Stolz war sein Weib und wie ein Elsterlein

So schwatzhaft. – Aber herrlich war die Schau,

Wenn – er voran und hinterdrein die Frau –

An Fest- und Feiertagen alle beide

Zur Kirche gingen, sie im rothen Kleide

Und hochbemützt in rothen Strümpfen er.

Wenn je ein Bursch so frech gewesen wär’,

Sie anders wie »Madam« zu tituliren,

Mit ihr zu scherzen oder zu charmiren,

Erschlagen hätte Simkins solchen Strolch

Mit seinem Degen, Messer oder Dolch.

– Gefährlich ist der Eifersücht’gen Grimm,

Und ihre Weiber haben’s immer schlimm. –

Zwar etwas schmierig, doch voll Dignität

War sie wie Wasser, das im Graben steht.

Geneigt war sie zum Aerger und zum Schelten,

Und dachte jeder Dame gleich zu gelten

An Herkunft, und weil Bildung sie empfing

Im Nonnenstift, wo sie zur Schule ging.

Ein Töchterchen von zwanzig Jahren hatten

In ihrer Ehe nur erzeugt die Gatten,

Den Buben in der Wiege ausgenommen,

Der vor sechs Monden hinterdrein gekommen.

Dick war das Mädchen und von gutem Bau,

Die Nase stumpf, die Augen klar und grau,

Die Hüften breit, die Brüste rund und voll,

Und schön ihr Haar, wenn ich nicht lügen soll.

Zur Erbin hatte, da das Kind so schön,

Der Pfaffe sein Großtöchterchen ersehn,

Auch ihr an Vieh und Gütern jeder Art

Im Heirathsfall das Eigenrecht gewahrt.

Er wünschte für sie einen Eh’genossen,

Aus altem Blut und gutem Haus entsprossen.

Antheil gebührt vom heil’gen Kirchengut

Der Descendenz vom heil’gen Kirchenblut.

Ihm schien’s, sein heilig Kirchenblut zu ehren,

Erlaubt, vom heil’gen Kirchengut zu zehren.

Des Müllers Mahlverdienst war zweifellos

An Malz und Weizen rings im Lande groß.

Besonders war in Cambridge dies der Fall,

Wo ein Colleg, genannt die Söller Hall’,

Zur Mühle sämmtliches Getreide sandte.

Indessen eine schwere Krankheit bannte

Den Schaffner an sein Bett, und Jedermann

Sah seinen Tod als unvermeidlich an.

War nun der Müller schon vorher ein Stehler,

So stahl jetzt hundertfach an Korn und Mehl er,

Und wenn er’s früher noch mit Maß betrieb,

So war er jetzt der unverschämt’ste Dieb.

Doch ob der Rector schalt und schrie Hallo!

Das kümmerte den Müller nicht ein Stroh;

Er schwur und tobte, Lügner seien Alle!

Nun wohnten damals in der Söller Halle,

Von der ich schon gesprochen, zwei Scholaren,

Die arm, doch jung und übermüthig waren,

Und die, stets aufgelegt zu Scherz und Spaß,

Den Rector quälten sonder Unterlaß,

Mit ihrem Korn zur Mühle hin zu gehn,

Um sich das Mahlen selber anzusehn.

Sie beide wollten ihren Hals dran setzen,

Im Falle durch Gewalt und List beim Metzen

Der Müller sie nur um ein Maß beraubte.

So kam es, daß der Rector es erlaubte.

Johann und Alein hießen die Scholaren,

Aus Strother, hoch vom Norden her, sie waren,

Doch, wo die Stadt liegt, ist mir unbekannt.

Als Alein darauf Alles nun in Stand

Gerichtet, lud er seinen Sack aufs Pferd,

Und Hans und er ergriffen Schild und Schwert,

Und, da der Wege kundig war Johannes,

Ging ohne Führer eilig fort sodann es,

Bis an die Mühle sie den Sack gebracht.

Und Alein sprach: »Heil, Simon! Ei, was macht

Dein schmuckes Weib und Töchterlein? Sag’ an!«

»Willkommen mir, Herr Alein und Johann!

Nun, meiner Treu,« – sprach Simkins – »was soll’s geben?«

»Simon,« – sprach Hans – »die Noth lehrt beten eben;

Sich selbst bedient, wer eines Knechts entbehrt,

Sonst ist ein Narr er, wie der Weise lehrt.

Der Küchenmeister stirbt bald, wie ich wähne,

Ihm wackeln schon im Kopf die Backenzähne,

Weßhalb statt seiner ich und Alein gingen,

Das Korn gemahlen wieder heim zu bringen.

Wir bitten, eile! denn es drängt uns fort.«

»Das wird besorgt« – sprach Simkins – »auf mein Wort!

Doch wie wollt Ihr Euch nur die Zeit vertreiben?«

»Bei Gott!« – sprach Hans – »ich will am Trichter bleiben;

Ich sah noch nie, bei meines Vaters Blut!

Wie man das Korn hinunterschütten thut,

Und wie’s im Trichter schüttelt hin und her!«

»Nun, Hans!« – sprach Alein – »ist das Dein Begehr,

Mach’ ich’s wie Du und stell’, bei meiner Seel’!

Mich unten auf, zu sehen, wie das Mehl

Zum Loch hinaus und in den Kasten fällt;

Denn, wie mit Dir, ist es mit mir bestellt:

Ich bin als Müller fast so dumm wie Du!«

Der Müller aber hörte lachend zu

Und dachte: »Das sind alles nichts als Lügen,

Sie denken, Niemand könne sie betrügen;

Doch, meiner Treu’! ich übertölp’le sie

Trotz aller Schlauheit und Philosophie!

Je mehr sie kommen mit solch krummen Schlichen,

Je mehr und mehr wird von mir eingestrichen,

Und statt des Mehls bekommen sie die Klei’!

Daß ein Gelehrter nicht der Schlau’ste sei,

Ward schon dem Wolf bewiesen durch das Pferd.

All’ ihre Kunst ist keinen Strohhalm werth.«

Und aus der Thüre schlich der Müller sachte,

Sobald er sah, daß es kein Aufsehn machte,

Und spähte hin und her, bis er gefunden,

Wo der Scholar das Rößlein angebunden,

Das hinten unter einer Laube stand.

Rasch schlich er sich heran und strich gewandt

Dem Gaule dann rasch übern Kopf den Zaum.

Der Hengst begann durch dick und dünn, als kaum

Er frei sich spürte, wiehernd fort zu springen

Dem Moore zu, wo wilde Mähren gingen.

Der Müller kehrte heim und sprach kein Wort,

In seiner Arbeit fuhr er munter fort

Und trieb mit den Studenten Schabernack.

Kaum war das Mehl gemahlen und im Sack,

Ging Hans hinaus, daß nach dem Gaul er sähe;

Doch der war fort, und Hans schrie: »Alle Wehe!

Ach, Alein, eile, komm’ in aller Schnelle!

Um Gottes Willen, hilf mir auf der Stelle!

Ach! unser Rector hat sein Pferd verlor’n!«

Im Augenblicke gingen Mehl und Korn

Und jede Vorsicht Alein aus dem Sinn;

»Wo ist der Gaul?« – schrie er – »wo lief er hin?«

Gleichzeitig rann die Müllerin hervor:

»Da läuft, so rasch es laufen kann, im Moor«

– Rief sie – »mit wilden Mähren Euer Pferd!

Und andern Lohn ist auch die Hand nicht werth,

Die es so liederlich hier angebunden!«

»Alein,« – rief Hans – »wirf doch, bei Christi Wunden!

Dein Schwert von Dir; es wiegt, Gott mag es wissen,

Schwer wie ein Reh! Ich hab’ es weggeschmissen!

Es darf, bei Gott, das Pferd uns nicht entkommen!

Warum hast Du’s nicht in den Stall genommen?

Verdammter Alein! ach, Du bist ein Thor!«

In Hast und Eile rannten hin zum Moor

Die zwei Scholaren, Alein und Johann.

Der Müller sah’s, und ging sogleich daran,

Ein halbes Scheffel Mehl sich auszusacken

Und hieß der Frau draus einen Kuchen backen.

Er sprach: »Wie schlau auch der Studenten Art,

Ein Müller putzt selbst ihnen noch den Bart

Trotz ihrer Weisheit! – Kinder, viel Vergnügen!

Da gehn sie hin! Nur immerzu! – Sie kriegen,

Bei meiner Treu’, so leicht den Gaul nicht wieder!«

Die dummen Schüler liefen auf und nieder

Mit »Halt! – Steh’ still! – Komm, komm! – Hussa, mein Thier!

Geh’, pfeife Du, ich steh’ und fass’ ihn hier!«

Doch, kurz und gut, es war schon finstre Nacht,

Bevor sie noch trotz aller Müh’ und Macht

In einen Graben ihren Gaul gehetzt

Und eingefangen ihn zuguterletzt.

So matt und naß wie Thiere nach dem Regen,

Kroch Hans hervor mit Alein, dem Collegen.

»Weh’ sei dem Tag,« – sprach Hans – »der mich geboren!

Zu Schimpf und Schande sind wir auserkoren!

Gestohlen ist das Korn! Mit Spott beladen

Wird uns der Rector und die Kameraden,

Und ach! der Müller wohl vor allen Dingen!« –

So klagte Hans, als Beide fürbaß gingen

Der Mühle zu, den Braunen an der Hand,

Derweil der Müller vor dem Feuer stand.

Im Dunkeln konnten sie nicht weiter ziehn,

Drum baten sie um Gotteswillen ihn

Um Essen und um Herberg für ihr Geld.

Der Müller sagte: »Nun, wie’s steht und fällt,

Und wie es ist, sei es Euch gern gewährt.

Mein Haus ist eng, doch Ihr seid hochgelehrt;

Durch Argumente dehnt Ihr einen Raum

Zur Meile aus, der zwanzig Fuß breit kaum.

Wir wollen sehn, ob Euch der Platz gereicht?

Sonst sprecht ihn größer, Eurer Kunst ist’s leicht!«

Hans sagte: »Simon, bei St. Cuthberts Blut!

Dein Witz ist trefflich und die Antwort gut;

Ich hörte sagen: ist die Wahl bedingt,

Nimm, was Du findest oder man Dir bringt;

Doch, lieber Wirth, ich bitte Dich, jetzt denke

Vor allem an die Speisen und Getränke.

Sieh’, hier ist Geld, das willig wir verspenden,

– Man lockt die Falken nicht mit leeren Händen –

Und unsern vollen Preis bezahlen wir.«

Der Müller schickte gleich nach Brod und Bier

Zur Stadt die Tochter und hing an den Heerd

Die fette Gans und band dann fest ihr Pferd.

Mit Tüchern von Chalons und feinem Leinen

Bedeckt’ er drauf ihr Bett, das von dem seinen

Zehn bis zwölf Fuß etwa entfernt nur war. –

Nun schlief – in ihrem eignen Bette zwar –

Doch dicht dabei im selben Kämmerlein

Die Tochter, und nicht anders konnt’ es sein,

Denn Herbergszimmer waren nicht im Hause.

Vergnüglich saßen sie beim Abendschmause

Und tranken weidlich starkes Bier dazu,

Und gingen gegen Mitternacht zur Ruh’.

Der Müller hatte mächtig pokulirt,

Nicht roth, nein weiß war sein Gesicht lackirt;

Mit Schlucken sprach er und mit Nasenzwang,

Als sei an Schnupfen er und Leibweh krank,

Und ganz betrunken sich zu Bette wälzt’ er.

Auch seine Frau stieg, plappernd wie die Elster,

Vergnügt und lustig in das Bett geschwind.

Zu Füßen stand die Wiege mit dem Kind,

Um es zu tränken und in Schlaf zu wiegen;

Und, da kein Tropfen Bier mehr in den Krügen,

Ging auch zu Bett die Tochter, und alsdann

Zu Bette gingen Alein und Johann.

Auf keinen Schlaftrunk konnten sie mehr hoffen;

Rein war das Bier vom Müller ausgesoffen,

So daß er schnarchte wie ein Gaul im Traum;

Und auch sein Schwanzend hielt er nicht im Zaum.

Sein Weib sang kräftig ihren Rundreim mit,

Man hörte schnarchen sie auf tausend Schritt’,

Und auch die Dirne schnarcht par compagnie.

Ins Ohr drang Alein diese Melodie,

Er weckte Hans und sprach: »Wie? schläfst denn Du?

Horchtest Du je solch einem Singsang zu?

Welch ein Concert wird aufgeführt von Allen!

Auf ihre Leiber möge Feuer fallen!

So Gräuliches hab’ ich noch nie vernommen,

Doch soll es ihnen schließlich schlimm bekommen!

Für diese Nacht ist nicht an Schlaf zu denken;

Jedoch, was thut’s? Mich soll es wenig kränken;

Denn, Hans,« – sprach er – »der Kuckuk soll mich holen!

Gelingt’s mir nicht, die Dirne zu versohlen.

Wir dürfen uns entschädigen, Johann,

Denn ein Gesetz besagt: ein Jeder kann,

Sofern ein Unrecht man an ihm begangen,

Mit Fug und Recht dafür Ersatz verlangen.

Der Müller stahl das Korn uns, das ist klar,

Und da ein Unrecht zugefügt mir war,

Gebührt mir ein Ersatz auch, unbestritten,

Für meinen Schaden, welchen ich erlitten;

Bei Gottes Seele, das ist ausgemacht!«

»Nun, Alein,« – sagte Hans – »nimm Dich in Acht,

Der Müller kommt mir höchst gefährlich vor,

Störst Du ihn plötzlich aus dem Schlaf empor,

Spielt er uns beiden sicher eine Tücke!«

»Das kümmert mich« – sprach Alein – »keine Mücke!«

Stand auf und kroch zur Dirne in das Nest.

Auf ihrem Rücken schlief sie tief und fest,

Und bei ihr war er, ehe sie’s erspäht,

Und, um zu schreien, war es schon zu spät,

Denn – kurz und gut – sie gingen gleich daran.

Vergnügtes Spiel! – Jetzt sprech’ ich von Johann.

Ganz still lag Hans für eine kurze Zeit

Und machte sich viel Weh’ und Herzeleid.

»Ach!« – sprach er – »dieses ist ein Schelmenstreich!

Ich selber – dünkt mich – bin dem Affen gleich.

Mein Freund entschädigt sich für seinen Harm,

Des Müllers Tochter hält er in dem Arm,

Und für sein Wagestück hat er Vergnügen,

Doch wie ein Strohsack muß im Bett ich liegen,

Wird eines Tags erzählt der lust’ge Scherz,

Gelt’ ich als Narr und Dummbart allerwärts.

Bei meiner Treu’! auch ich will etwas wagen;

Denn wer nicht wagt, gewinnt nicht, hört’ ich sagen.«

So stand er auf und schlich zur Wiege sachte,

Hob sie empor mit leiser Hand und brachte

Sie zu den Füßen seines Betts behende.

Bald machte mit dem Schnarchen auch ein Ende

Die Müllerin, verließ das Bett und p…..

Und tappte sich zurück, jedoch vermißte

Die Wiege, denn die stand nicht länger da.

»O, weh!« – sprach sie – »ich irrte mich beinah’,

Ums Haar stieg ich ins Bett zu den Scholaren!

Grundgüt’ger Gott! da wär’ ich faul gefahren!«

So ging sie fort, bis sie die Wiege fand

Und tappte dann sich weiter mit der Hand

Zum Bette hin, der Wiege nebenbei;

Und dachte nun, daß sie ganz richtig sei;

Denn, da es dunkel, war sie nicht im Klaren,

Doch – kurz und gut – sie kroch zu dem Scholaren

Und lag ganz still und fing zu schlafen an.

Nach kurzer Zeit erhob sich dann Johann

Und kniete sich mit Macht aufs gute Weib.

Nicht oft genoß sie solchen Zeitvertreib,

Denn hart und tief stieß er hinein wie toll.

So lebten die Scholaren freudenvoll,

Bis daß der Hahn zum dritten Mal gekräht.

Und Alein, der die ganze Nacht genäht,

War matt geworden um die Morgenzeit,

Und sprach: »Mein Miekchen, meine süße Maid!

Leb’ wohl! ich muß von hinnen; es wird Tag.

Doch, wo ich reiten oder gehen mag,

Der Deine bleib, bei meiner Seligkeit, ich!«

»Nun, mein Herzliebster,« – sprach sie – »Gott geleit’ Dich!

Doch, eh’ Du gehst, sag’ ich Dir noch ein Wort.

Eilst heimwärts Du aus unsrer Mühle fort,

Vergiß nicht, bei der Thür umher zu suchen.

Du findest hinter dieser einen Kuchen,

Halbscheffelgroß aus Deinem Mehl gebacken.

Ich selbst half Vater es bei Seite packen.

Gott schütze Dich, Du herzgeliebter Mann!«

Und mit dem Wort fing sie zu weinen an.

Und Alein geht und denkt, bevor es helle,

Kriech’ ich zu Hans in meine Lagerstelle.

Doch, da er dort die Wiege stehen fand,

Sprach er: »Gott weiß! ich habe mich verrannt!

Mein Kopf ist wüst; ich trieb es gar zu fleißig

Die Nacht hindurch; drum ging ich fehl, das weiß ich,

Denn an der Wiege merk’ ich ganz genau:

Hier schläft der Müller und die Müllersfrau.«

Er tastete dann teufelmäßig schief

Sich hin zum Lager, wo der Müller schlief;

Und in dem Glauben, bei Johann zu sein,

Stieg zu dem Müller er ins Bett hinein,

Und schüttelt’ ihn und faßt’ ihn bei dem Schopf

Und sprach: »Johann, wach’ auf, Du Schweinekopf!

Bei Christi Seel’! das war ein Hauptvergnügen!

Beim heiligen Jakobus! ohne Lügen

Hab’ dreimal ich in dieser kurzen Nacht

Des Müllers Tochter kerzengrad bedacht,

Indessen feige Deine Zeit verpaßt Du!«

»Ha! falscher Buhler!« – schrie der Müller – »hast Du?!

O, falscher Erzverräther von Student!

Ich bring’ Dich um, bei Gottes Sakrament!

Wie? zu entehren hast Du Dich erfrecht

Mein Kind aus solchem nobelen Geschlecht?!«

Und damit griff er Alein an den Hals,

Doch grimmig faßte der ihn ebenfalls,

Schlug mit der Faust ihm auf die Nase, daß

Sofort von Blut die ganze Brust ihm naß;

Und mit zerbrochnem Mund und Nasenbeine

Wälzten sich Beide wie im Dreck die Schweine.

Herüber und hinüber ging das Spiel,

Bis über einen Stein der Müller fiel,

Und rücklings auf das eigne Weib hinsank.

Die wußte Nichts von diesem dummen Zank,

Denn eben eingeschlafen war sie tief

Bei Hans, der selbst die ganze Nacht nicht schlief.

Doch plötzlich wurde durch den Fall sie wach.

»Beim heil’gen Kreuz von Bromeholm!« – sie sprach –

»In manus tuas, Herr! – Ich bitte Dich,

Simon! wach’ auf! der Böse reitet mich!

Ich bin halb todt; mir ist das Herz gebrochen!

Es liegt mir schwer auf Leib und Kopf und Knochen!

Hilf Simon! die Studenten sind in Streit!«

Zum Bett hinaus sprang Hans mit Schnelligkeit,

Und hin und her begriff er alle Wände,

Zu fühlen, ob er einen Stock nicht fände.

Auch sie sprang auf und, besser mit dem Ort

Als Hans bekannt, fand sie den Stock sofort.

Und sie erspähte – denn ein Schimmerschein

Fiel von dem Monde durch ein Loch hinein –

Am Boden zwei Gestalten bei dem Licht,

Doch sie erkannte, wer sie waren, nicht.

Ein weißes Ding nur sah ihr Auge funkeln,

Und da nun dieses weiße Ding im Dunkeln

Einer Scholarenzipfelnachtmütz’ glich,

Sie mit dem Stocke nah’ und näher schlich;

Doch statt auf Alein, dem es zugedacht,

Schlug auf des Müllers Kahlkopf sie mit Macht.

Zu Boden fallend, rief er: »Ach, ich sterbe!«

Doch die Scholaren prügelten ihn derbe

Und gingen fort, um Pferd und Mehl zu suchen,

Und holten bei der Thüre sich den Kuchen,

Halbscheffelgroß aus ihrem Mehl gebacken,

Und kehrten flugs der Mühle ihre Nacken.

So ward’s dem stolzen Müller heimgezahlt.

Es war das Korn von ihm umsonst gemahlt,

Den Abendschmaus bestritt er ganz allein

Und Beider Prügel hatt’ er obendrein,

Und Weib und Tochter waren ihm geschändet.

Seht! wie die Falschheit eines Müllers endet!

Und daher ist das Sprüchwort keine Lüge:

Daß ein Betrüger sich stets selbst betrüge,

Sowie: daß unrecht Gut nicht gut gedeihe!

Nun, Gott in seiner Majestät verleihe

Euch seinen Segen. – Rückgezahlt hiemit

Hab’ ich’s dem Müller – und jetzt sind wir quitt!

Der Prolog des Kochs.

Vers 4323–4362.

Der Koch aus London lauschte voll Entzücken,

Als kratzte der Verwalter ihm den Rücken.

»Aha!« – rief er – »bei Christi Kreuz und Wunden!

Der Müller hat es scharf herausgefunden,

Was schließlich werth ist alle Gastfreiheit.

Wohl sprach schon Salamo vor langer Zeit:

Jedwedem Herberg geben in der Nacht,

Hat Manchen manchmal in Gefahr gebracht;

Und wohl ist es der Ueberlegung werth,

Wem man den Zutritt in sein Haus gewährt.

Doch schlage mich mit Sorgen Gottes Hand!

Hört’ ich, seitdem ich Hodge von Ware genannt,

Von einem Müller, den man mehr geneckt,

Und der im Dunkeln besser zugedeckt!

Doch Gott verhüte, daß wir hiemit enden!

Seid Ihr geneigt, auch mir Gehör zu spenden,

Erzähl’ ich Euch, obschon ein armer Mann,

Jetzt einen Schwank, so gut ich weiß und kann,

Der einst in unsrer Stadt sich zugetragen.«

»Das sei gewährt!« – begann der Wirth zu sagen –

»Erzähle, Roger! aber mach’ es gut!

Bei Dir floß für Pasteten manches Blut,

Bei Dir stand zweimal kalt und zweimal heiß

Schon mancher Jack von Dover zum Verschleiß!

Ob Deiner Petersilie Dich verfluchte

Schon mancher Pilger; und, wer je versuchte

Von Deiner Stoppelgans, der fluchte schlimmer,

Denn voller Fliegen war Dein Laden immer.

Ich bitte, edler Roger, komm’ zur Sache,

Und sei nicht böse, wenn ich Späße mache;

Die Wahrheit ist in Scherz und Spiel erlaubt!«

»Ganz wahr!« – sprach Roger – »doch bei meinem Haupt!

Auf vlämisch sagt man: Wahr Spiel, quade spel!

Drum, Harry Bailly, hoff’ ich, meiner Seel’!

Daß von Dir selbst nicht übel aufgefaßt wird,

Sprech’, eh’ wir scheiden, ich von einem Gastwirth.

Ich zahl’ es Dir, wenn nicht im Augenblick,

Vor unsrer Trennung sicherlich zurück.«

Und dabei lustig lachend, hob er dann,

Wie nunmehr folgt, mit der Erzählung an.

Die Erzählung des Kochs.

Vers 4363–4420.

In einem Laden und Proviantverkauf

In unsrer Stadt hielt sich ein Lehrling auf;

Ein kleiner, strammer Bursch voll loser Streiche

Und lustig wie ein Goldfisch in dem Teiche,

Braun wie die Beere, schwarzgelockt von Haaren;

Und da er in der Tanzkunst wohl erfahren,

So wurde Schwärmer Perkin er genannt.

Dabei saß er so voller Liebestand,

Wie je voll Honig eine Wabe saß,

Und gerne trieben Dirnen mit ihm Spaß.

Er sang und sprang auf allen Hochzeitsfesten.

Das Wirthshaus liebt’ er; aber nicht zum besten

Den Laden. Gab’s in Chepe was zu sehn,

So lief er fort und ließ den Laden stehn,

Und sah’ sich’s an, und drehte sich im Tanz;

Doch heimzukehren, das vergaß er ganz.

Er sammelte dann seine Schwefelbande

Und tanzte, sang und trieb viel Affenschande

Und kam auch häufig für ein Stelldichein

Zum Würfelspiel mit ihnen überein.

Denn keinen Lehrling in der Stadt man fand,

Der je so gut das Würfelspiel verstand,

Wie Perkin that; auch war er nebenbei

Mit dem gemausten Gelde äußerst frei;

Denn in dem Laden fand zu seinem Schrecken

Sein Meister oftmals gänzlich leer die Trecken.

Denn, sicher, wenn ein Lehrling gerne schwärmt,

Die Würfel und die Dirnen liebt und lärmt,

Das wird im Laden bald bemerkt vom Herrn,

Hält er auch selbst sich von dem Treiben fern.

Zu Diebereien führen Saufgelage,

Ob man Ginterne, ob Ribebe schlage;

Und Schwärmerei und Ehrlichkeit bestehn

Nicht lang zusammen, das kann Jeder sehn.

Vom lust’gen Lehrling war jedoch im Haus

Des Meisters nahezu die Lehrzeit aus,

In der gescholten er bei Tag und Nacht

Und oft nach Newgate wegen Lärms gebracht.

Doch ward von seinem Herrn zuguterletzt

Ihm eines Tags der Laufpaß aufgesetzt;

Denn der besann sich auf das alte Wort:

Den faulen Apfel wirf vom Lager fort,

Wenn Du den Rest vor Fäulniß willst bewahren.

Auch beim Gesinde kann man dies erfahren;

Besser entläßt man einen bösen Knecht,

Eh’ alle andern ebenmäßig schlecht.

Weßhalb den Lehrling auch sein Herr entließ

Und ihn mit Schimpf aus seinem Hause stieß.

So ward der lust’ge Lehrling fortgejagt,

Und mag nun lärmen, wie es ihm behagt.

Doch, wie dem Stehler nie der Hehler fehlt,

Der ihm, wo was zu mausen ist, erzählt

Und der ihm borgt und der mit ihm verschwendet,

So wurden schleunigst Zeug und Bett verpfändet

An einen solchen Gauner und Cumpan,

Der stets bei allem Unfug oben an,

Und dessen Frau, trieb sie auch scheinbar Handel,

Ihr Brod gewann durch schlechten Lebenswandel.

* * * * * *

(Unvollendet geblieben.)

Der Prolog des Gechtsgelehrten.

Vers 4421–4518.

Der Wirth ersah, daß ihren Tagesbogen

Die Sonne schon zum vierten Theil durchzogen,

Seit etwas mehr, als einer halben Stunde.

Nicht hochgelehrt, besaß er dennoch Kunde,

Daß es der achtundzwanzigste heut’ sei,

Vom Mond April, dem Herolde vom Mai;

Und da er sah, daß aller Bäume Schatten

Dasselbe Maß in ihrer Länge hatten

Wie ihre Körper, die der Schatten Grund,

So ward durch diesen Umstand es ihm kund,

Daß Phöbus, leuchtend an dem Himmelspfade,

Erklommen hatte fünfundvierzig Grade;

Und daher, in Betracht von Zeit und Ort,

Sei es zehn Uhr, so schloß er weiter fort.

Den Gaul umwendend, hielt er plötzlich an

Und sprach: »Ihr Herr’n, ich warn’ Euch, Mann für Mann,

Vergangen ist des Tages vierter Theil!

Bei Sanct Johann und Gottes Gnadenheil,

So viel Ihr könnt, nehmt wohl der Zeit in acht!

Sie wird, Ihr Herr’n, verschwendet Tag und Nacht;

Wir lassen sie, ob wir im Schlafe liegen,

Ob sorglos wachen, ungenützt verfliegen,

Und, wie der Strom, der von den Bergen nieder

Zur Ebne läuft, so kehrt sie niemals wieder.

Denn Seneca und andre Weisen sagen,

Daß schwerer Zeit- als Geldverlust zu tragen;

Verloren Gut sei wieder zu erringen,

Die Zeit verlieren, müsse Schande bringen.

So spricht er. Nun, fürwahr, zurückgeschafft

Wird Zeit so wenig wie die Jungfernschaft,

War Lisbeth lüstern ihrer überdrüssig;

Und darum laßt uns faul nicht sein und müßig!

Herr Rechtsgelehrter, bei dem Heil der Seelen!

Ihr müßt,« – sprach er – »wie ausgemacht, erzählen.

Aus freien Stücken habt Ihr beigepflichtet,

Und so bin ich’s, der in der Sache richtet.

Das Wort, das Ihr verpfändet, löset ein,

Wollt pflichtgetreu Ihr bis ans Ende sein!«

»De par dieu! jeo assente! mein Versprechen,

Herr Wirth,« – sprach er – »pfleg’ ich nicht leicht zu brechen.

Versprechen gleichen Schulden, und bezahlen

Will ich die meinen, ohne viel zu prahlen.

Denn, wer den Andern will Gesetze geben,

Der muß zunächst auch selber danach leben.«

So steht’s im Text. – Indessen sag’ ich frei,

Im Augenblick fällt mir nichts Gutes bei.

Denn Chaucer hat – obwohl im Versebau

Und Reim oft liederlich und ungenau –

In solchem Englisch, wie er eben kann,

Erzählt schon Alles. Das weiß Jedermann.

Und, lieber Freund, steht’s nicht in einer Schrift,

In einer andern man es sicher trifft.

Denn über Liebe hat er mehr gedichtet,

Als selbst Ovid vor langer Zeit berichtet

In den Epistolis. – Soll ich mich quälen,

Was schon erzählt ist, nochmals zu erzählen?

»Halcyone und Ceix« schrieb zur Zeit

Der Jugend er, und später weit und breit

Von Liebe vieler edler Herr’n und Damen.

Schaut in sein dickes Buch hinein, mit Namen

»Die Heiligen-Legende von Cupido«.

»Thisbe von Babylon, das Schwert der Dido,

Die um Aeneas starb, Lucretias Wunden,

Der Baum der Phyllis, die den Tod gefunden,

Durch Dich, Demophoon, sind vorgetragen

Der Dejanira, der Hermione Klagen,

Der Ariadne, der Hypsipyle –

Das wüste Eiland mitten in der See;

Leander, der für Hero starb im Meer;

Schön’ Helena, betrübt und thränenschwer;

Der Briseis, der Laodomia Leid,

Der Königin Medea Grausamkeit

An ihren Kindern, welche sie erhenkt,

Weil, falscher Jason, Du sie schwer gekränkt;

Die Tugend der Penelope, Alceste

Und Hypermnestra preist er dort aufs beste.

Doch, sicherlich, mit keinem Wort beschrieben

Seht Ihr von ihm, was Canace getrieben,

Und wie gesündigt mit dem Bruder sie.

– Zu solchen Schandgeschichten sag’ ich: Pfui! –

Auch nicht von Tyrius Appolonius,

Noch wie das Scheusal, Fürst Antiochus,

Der eignen Tochter Schänder ist gewesen;

Denn nur mit Schaudern kann man davon lesen,

Wie er sie hingeschmissen auf das Pflaster.

Weßhalb mit Absicht den Entschluß gefaßt er,

Nie wolle von so gräulichen Geschichten

In seinen Schriften er ein Wort berichten.

Drum wiederholen möcht’ ich solche nicht.

Jedoch, was trag’ ich heute vor? – Verglicht

Ihr mich den Musen, die man Pieriden

Genannt hat, wär’ ich kaum damit zufrieden.

– Metamorphoseos wissen, wie’s gemeint. –

Doch keinen Knochen scheert’s mich, wenn es scheint,

Als trät’ ich in die Spur von Chaucers Ferse.

Ich spreche Prosa, ihm laß ich die Verse.«

Und ernst begann mit freundlichem Gesichte

Er, wie Ihr hören werdet, die Geschichte.

Die Erzählung des Gechtsgelehrten.

Vers 4519–5582.

O herbes Leid der Armuth! mit den Schmerzen

Von Hunger, Durst und Kälte stets verbunden

Betteln zu gehn, beschämt Dich tief im Herzen,

Und thust Du’s nicht, wird die verhüllten Wunden

Die Noth entblößen und der Welt bekunden.

Trotz allem Stolz mußt Du Dein Brod mit Sorgen

Erbetteln, stehlen oder Dir erborgen.

Du tadelst Christum und erbittert klagst Du,

Unrecht vertheilt sei alles Gut im Leben.

Sündhaft beneidend Deinen Nachbar, sagst Du:

Ihm sei so viel und Dir sei nichts gegeben.

Noch oft – sprichst Du – wird er mit Zähnebeben

Bereuen, wenn ihn Höllenflammen fassen,

Daß er den Dürft’gen in der Noth gelassen.

Von einem Weisen höre die Betrachtung:

Wohl, der zum Tod, Weh’, der zur Noth erkoren,

Dein eigner Nachbar straft Dich mit Verachtung,

Dein Ansehn ist, sobald Du arm, verloren!

Dem Spruch des Weisen öffne Deine Ohren:

Betrübt und elend sind der Armuth Tage,

Drum hüte Dich vor solcher scharfen Plage!

Den Armen alle seine Brüder hassen,

Und seine Freunde halten sich ihm fern!

O, reiche Kaufherr’n! fröhlich könnt Ihr prassen,

O, kluges Volk! o, hochgelehrte Herr’n!

In Eurem Becher fehlt die Eins; doch gern

Werft Ihr die Sechse, und gewinnt das Ganze,

Und geht an Weihnachtstagen froh zu Tanze.

Nach Land nur sucht und stets strebt nach Gewinn Ihr,

Ihr seid die Väter jeder Neuigkeit,

Regierungen und Fürsten habt im Sinn Ihr,

Und sprecht von Frieden und erzählt von Streit.

Ich käme wahrlich in Verlegenheit,

Hätt’ ich von einem Kaufmann nicht vor Jahren,

Was ich Euch jetzt erzählen will, erfahren.

In Syrien wohnten einstmals Trafikanten,

Die reich, doch treu und ehrlich auch dabei,

Weit in das Ausland bunte Seide sandten

Nebst Goldbrokat und feiner Spezerei;

Und da die Waare trefflich war und neu,

Trieb auch mit ihnen aus der Näh’ und Ferne

So Kauf wie Verkauf Jedermann stets gerne.

Und es geschah, daß einst auf ihren Zügen

Die Handelsleute sich nach Rom gewandt,

Bedacht auf Kundschaft, sowie zum Vergnügen.

Sie hatten keine Botschaft hingesandt,

Nein, nahmen selber das Geschäft in Hand,

Und hatten, als in Rom sie angekommen,

Dort nach Gefallen ihr Quartier genommen.

So lebten diese Kaufherr’n eine Zeit

In jener Stadt nach Neigung und Gefallen,

Und hörten von Constantias Herrlichkeit,

Der Kaiserstochter, aus dem Mund von Allen

Fast Tag für Tag das höchste Lob erschallen;

Denn Jedermann war voll von ihrem Preise,

Und alle sprachen in derselben Weise.

Denn rings im Volke pflegte man zu sagen:

Es hat der Kaiser, welchen Gott behüte,

Ein Töchterlein, wie seit den Schöpfungstagen

Gewiß nicht eine zweite jemals blühte

An Leibesschönheit und an Herzensgüte.

Ich wollte, Gott blieb’ Schirmer ihrer Ehre,

Und daß Europas Königin sie wäre.

In ihr ist Schönheit ohne Stolz; und Jugend

Ganz ohne Uebermuth und Ziererei,

Denn ihres Wandels Führerin ist Tugend

Und Demuth Zähmerin der Tyrannei.

Von Höflichkeit ist sie das Konterfei,

Ihr edles Herz ist eine heil’ge Kammer

Und ihre Hand die Trösterin im Jammer.

Getreu wie Gott war, was sie hinterbrachten.

– Doch laßt zur Sache mich zurück jetzt gehn! –

Die Kaufherr’n ließen rasch ihr Schiff befrachten,

Nachdem dies edle Wesen sie gesehn,

Und heim nach Syrien ihre Segel wehn;

Und trieben ihr Geschäft dort wie vorher

Und lebten froh – was braucht’s der Worte mehr?

Nun standen aber diese Handelsherr’n

Bei Syriens Sultan hoch in Gunst und Gnaden.

Zu Lust und Kurzweil hatt’ er oft und gern

Sie, wenn sie heimgekehrt von ihren Pfaden,

Freundlich und höflich zu sich eingeladen,

Um zu erzählen, was in fremden Landen

Sie Wunderbares und Besondres fanden.

So sprachen unter manchen andern Dingen

Auch von Constantia diese Kaufherr’n dort,

In deren Lob sie rühmend sich ergingen.

Der Sultan, eifrig lauschend ihrem Wort,

Gewann sie lieb und lieber immerfort,

Ihr Bild beständig ihm vor Augen schwebte,

An sie nur dacht’ er, nur für sie er lebte.

Vielleicht war es im großen Buch geschrieben,

Das man den Himmel nennt, bevor zur Welt

Er selbst gekommen, daß durch treues Lieben

Des Todes Loos ihm in der Zukunft fällt.

Denn spiegelklar ist an dem Sternenzelt

Vorausgesagt für den, der lesen kann es,

– Bei Gott! – das Schicksal eines jeden Mannes.

In Sternenschrift war, ehe sie gewesen,

Von Julius und Pompejus demgemäß,

Von Hector und Achill der Tod zu lesen,

Von Simson, Turnus und von Sokrates,

Von Thebens Helden und von Herkules.

Doch Menschenwitz entbehrt zu sehr der Schlauheit,

Und Niemand liest sein Schicksal mit Genauheit.

Der Sultan seinen Rath zusammenrief

Und – daß ich’s Euch mit kurzen Worten sage –

Er machte kund, daß so unendlich tief

Er Lustverlangen nach Constantia trage,

Daß ihr Besitz nur, oder Tod die Frage;

Gemessene Befehle gab er Allen,

Rasch auf ein Rettungsmittel zu verfallen.

Verschiedne riethen zu verschiednen Dingen,

Die Argumente flogen hin und her;

Man wußte scharfe Gründe vorzubringen,

Der rieth zur List, und zur Magie rieth der.

Doch kam man schließlich überein, daß er,

Dieweil ein jedes andre Mittel fehle,

Am besten thäte, wenn er sich vermähle.

Doch sahen sie auch hierin Schwierigkeiten,

Und aus verschiednen Rechtsbedenken zwar;

Denn zwischen beiden gäb’s Verschiedenheiten

In ihrem Glauben, machten sie ihm klar.

Ein Christenfürst gestatte nicht, fürwahr,

Es seinem Kinde, im Gesetz zu leben,

Das Mohamed, unser Prophet, gegeben.

Er sprach: »Eh’ ich Constantia verliere,

So tret’ ich selber in der Christen Bund.

Ich traf die Wahl; ich bin und bleib’ der Ihre,

Mit Gegengründen haltet Euren Mund!

Mein Leben rettet, und macht mich gesund!

Besitz’ ich sie, so find’ ich auch Genesung,

Sonst bringt mein Leid mir Tod noch und Verwesung.«

Was braucht es hier noch langer Redewendung?

Durch Botschaft und Verhandlung ward gemacht,

Daß durch des Papstes eigene Verwendung

Und durch der Kirche und der Ritter Macht

– Die stets um Christi willen sind bedacht,

Den Mohamedanismus zu zerstören –

Man den Vertrag schloß, der sogleich zu hören

Der Sultan, die Barone und wer zähle

Zu den Vasallen müßten Christen sein,

Bevor er mit Constantia sich vermähle;

Gewisses Gold – wie viel, fällt mir nicht ein –

Sei ihm gewährt durch wohlverbürgten Schein.

Das sei Vertrag, so schwur man beiderseitig.

– Leb’ wohl Constantia! Gottes Hand geleit’ Dich!

Schon Mancher – glaub’ ich – sich im Voraus freute,

Zu hören von der Pracht und von dem Glanze,

Welche der Kaiser und die Edelleute

Ersonnen für sein Töchterlein Constanze.

Doch unausführbar ist, daß ich das ganze

Hierbei ins Werk gesetzte Festgepränge

In kurze Worte hier zusammendränge.

Bischöfe, Ritter und aus höchsten Ständen

Viel Herr’n und Damen ihr zu Seite gehn

Nebst anderm Volk – und damit laßt mich enden. –

Der Stadt gab man zu wissen und verstehn,

In größter Andacht solle jeder flehn

Zu Christ, damit er gnädig sich beweise

Dem Ehebund, und segne ihre Reise.

Es kam für sie der Trennungstag heran.

Der Tag des Unheils – sag’ ich – war gekommen,

Und ohne Zögern hatte Jedermann

Die Rüstung für die Reise vorgenommen.

Constantia, bleich und sorgenvoll beklommen,

Stand auf vom Lager, um sich anzukleiden,

In das ergeben, was nicht zu vermeiden.

Ach! kann es Wunder nehmen, daß sie weinte?

Zu fremdem Volk ward sie hinausgesandt,

Fern von der Freundschaft, die es zärtlich meinte,

Und hingegeben in Gewalt und Hand

Von einem Manne, den sie nie gekannt.

– Gut sind und waren Gatten von jeher,

Das wissen Frau’n. – Was braucht’s der Worte mehr? –

»Vater,« – sprach sie – »Dein armes Kind Constanze,

Dein Töchterlein, das Dir so lieb und werth;

Und Mutter, die nach Christ mehr als die ganze

Und weite Welt ich folgsam stets verehrt,

Constantia bittet, Eure Huld gewährt

Ihr fernerhin! – Nach Syrien muß ich gehen!

Und nimmer, ach, werd’ ich Euch wiedersehen!«

»Ach! unter den Barbaren soll ich leben!

Und ich muß thun, was Euer Wille ist.

Wie uns Dein Tod Erlösung hat gegeben,

So gieb mir Stärke zur Erfüllung, Christ!

Elend bin ich für meines Lebens Frist,

Zu Leid und Knechtschaft ist das Weib geboren,

Und einem Mann zur Sclavin auserkoren.«

Gewiß, als Pyrrhus brach durch Trojas Wall,

Als Ilion brannte, Theben man bezwungen,

Als Rom erzitterte vor Hannibal,

Der dreimal Sieg im Römerkampf errungen,

Ward nicht soviel und nicht so schmerzdurchdrungen

Geweint, als bei dem Abschied in der Kammer;

Doch Scheiden galt’s. Was half da aller Jammer?

O, grause Macht, Bewegerin der Sphären,

Die täglich Alles wirbelnd mit sich reißt,

Und strebt, von Ost nach Westen zu verkehren,

Was die Natur auf andre Wege weist.

Im wilden Aufruhr, der am Himmel kreist,

Verkündete im Voraus schon beim Scheiden

Der grimme Mars der Ehe künft’ge Leiden.

O, unheilvollste Ascedenz von allen,

Wo der Regent, ach, hülflos und entthront,

Vom Winkel in das dunkle Haus gefallen!

O, Mars! o, Atazir! – Du, bleicher Mond,

Von Unglück bleibt nicht Deine Bahn verschont!

Wo Du Dich zudrängst, ist für Dich kein Bleiben,

Wo Du gern bliebest, mußt Du weiter treiben!

Kaiser von Rom! Du handeltest nicht weise.

War denn kein Philosoph in Deinem Land?

Ist jeder Tag denn gleich? Wählt man zur Reise

Für Leute von so hohem Rang und Stand

Die Zeit nicht aus? War gänzlich unbekannt

Die Wurzel der Geburt in diesem Falle?

– Ach, dumm und träge sind wir leider Alle! –

Zu Schiffe war man feierlich gezogen

Mit der betrübten, schwermuthsvollen Maid.

»Nun bleibe Jesus Christus Euch gewogen!«

Sprach sie und zwang sich zur Gelassenheit.

»Leb’ wohl Constantia!« – scholl es weit und breit.

Und so verlass’ ich sie auf Meerespfaden

Und spinne weiter der Geschichte Faden.

Längst hatte schon des Sultans lastervolle

Und böse Mutter ausgespäht, daß er

Den alten Opferbrauch verlassen wolle,

Und ihre Räthe rief sie zu sich her.

Ein jeder kam und frug, was ihr Begehr.

Und als mit Ehrfurcht Alles stand im Kreise,

Ließ sie sich nieder und sprach solcher Weise:

»Ihr wißt es, Herr’n! mein Sohn« – so hub sie an –

»Steht auf dem Punkte, in den Staub zu treten

Die heil’gen Satzungen des Alkoran

Von Mohamed, dem göttlichen Propheten.

Bei Gott beschwör’ ich’s! Wahrlich, besser thäten

Sie, aus dem Leibe mir das Herz zu reißen,

Als aus der Brust, was Mohamed geheißen!«

»Für Körperknechtschaft sollten wir und Pein

Nach diesen neuen christlichen Gesetzen

Und für der Hölle Qualen hinterdrein

Den alten Glauben Mohameds verletzen?!

Nein! wollt Ihr, Herr’n, Vertrauen in mich setzen,

Und willig sein, zu thun, was ich Euch sage,

Befrei’ ich Euch für immer aus der Lage!«

Und Jeder stimmte bei im ganzen Kreise.

Auf Tod und Leben stets ihr beizustehn,

Beschworen sie, und in der besten Weise

Mit Rath und That ihr an die Hand zu gehn,

Um auszuführen, was sie vorgesehn,

Und ihren Plan enthüll’ ich einem Jeden,

Denn solcher Weise fuhr sie fort zu reden:

»Laßt scheinbar uns zum Christenthum bekehren!

– Kalt Wasser wird uns wenig drückend sein –

Durch Schmauserei’n will ich den Sultan ehren;

Doch tränk’ ich es ihm hoffentlich noch ein.

Denn, mag sein Weib getauft sein noch so rein,

Nicht leicht soll sie des Blutes Roth verwaschen,

Und hätte sie voll Quellen ihre Taschen!«

O, Sultanin! boshaftes Ungeheuer,

Semiramis die Zweite! – Mannweib! – gleich

Der Schlange, die gebannt ins Höllenfeuer,

Bist eine Schlange Du im Weiberreich!

Heimtückisch Weib! Was immer unschuldsreich

Und tugendhaft nur ist, verfolgst Du wüthend,

Stets Bosheit in dem Lasterneste brütend!

O, Satan! seit der Zeit, da Du vertrieben

Aus unserm Erbtheil, ist Dein Neid stets wach;

Du lenkst noch stets die Weiber nach Belieben,

Du triebst durch Eva uns in Tod und Schmach!

Jetzt stellst Du dieser Christenehe nach!

Wenn Du betrügen willst – beklagt’s und merkt’s Euch! –

Gebrauchst die Weiber immer Du als Werkzeug!

Die Sultanin, auf die ich also schmäle,

Ließ seines Weges weiterziehn den Rath,

Und hatte – daß ich’s kurz und gut erzähle –

Dem Sultan eines Tages sich genaht,

Und sagte: sie bereue in der That

Ihr langes Heidenthum und trüg’ Verlangen,

Aus Priesters Hand die Taufe zu empfangen.

Und bat ihn, daß er ihr die Ehre gönne,

Für alle Christen eine Festlichkeit

Ins Werk zu setzen, wie sie bestens könne.

– Der Sultan war zu kommen gern bereit,

Und, niederknieend voller Dankbarkeit,

Konnt’ er vor Freude kaum auf Worte sinnen.

Sie küßte ihn und ging alsdann von hinnen.

In Syrien stieg indeß im Feierzuge

Die Christenschaar vom Schiff hinab zum Strand.

Zu seiner Mutter ward im raschen Fluge

Und rings durchs Reich des Sultans Wort gesandt:

Es zöge zweifellos sein Weib ins Land,

Und zu des Reiches Ehre ließ er bitten,

Daß ihrer Herrin sie entgegenritten.

Welch ein Gedränge! welche Augenweide!

Als Syrer nun vereint mit Römern sind.

Des Sultans Mutter, strahlend von Geschmeide,

Erwies sich ihr so liebevoll gesinnt,

Wie eine Mutter ihrem liebsten Kind;

Und hin zur Stadt, die nahebei gelegen,

Sah man den Zug sich feierlich bewegen.

Selbst der Triumph des Julius, – so dächt’ ich –

Obschon Lucan viel Lärmens macht davon,

War nicht so sehenswerth und nicht so prächtig,

Wie die Versammlung dieser Procession.

Die Sultanin, die Hexe, der Scorpion,

Indessen wetzte, Schmeichelei’n im Munde,

Bereits den Stachel für die Todeswunde.

Der Sultan selber kam nach kurzer Zeit

In einer Pracht, die schwerlich zu beschreiben,

Er grüßte sie mit Lust und Seligkeit;

Und Beide mögen sich die Zeit vertreiben;

Mich aber laßt beim Kern der Sache bleiben.

Am Ende meinte Jedermann, er hätte

Genug geschwärmt, und Alles ging zu Bette.

Bald war die Zeit zu dem erwähnten Feste

Der alten Sultanin herangerückt;

Und alle Christen hatten sich aufs Beste,

So alt wie jung, für dieses Fest geschmückt.

Doch nicht den Prunk, der jedes Aug’ entzückt,

Noch alle Leckerbissen kann ich malen.

– Nur allzutheuer mußten sie’s bezahlen. –

O, unverhofftes Leid! vom Glück des Lebens

Die stete Folgerin, mit Bitterkeit

Vermischst du alle Freudigkeit des Strebens,

Als Enderin von unsrer Fröhlichkeit!

Hört meinen Rath! – zu eigner Sicherheit

Tragt es im Sinn: – es folgt auf frohe Tage

Stets Leid und Weh und unverhoffte Plage!

Mit einem Worte sei es ausgesprochen:

Der Sultan und die Christen, Mann für Mann,

Wurden beim Fest erschlagen und erstochen,

Obschon dem Tod Constantia entrann.

Die Sultanin, das böse Weib ersann

Mit ihrer Freunde Hülfe diese Schandthat,

Durch die sie jetzt das Reich in ihrer Hand hat.

Die Syrer, welche an dem Sultan hingen

Und seinen Glaubenswechsel mitgemacht,

Erschlug man gleichfalls. Da galt kein Entspringen!

Constantia aber – Gott! wer hätt’s gedacht? –

Ward in ein steuerloses Schiff gebracht,

Und man befrug sie: ob den Weg sie wüßte

Von Syrien heimwärts nach Italiens Küste?

Mit ihren Schätzen, die sie mit sich brachte

Und ihren Kleidern – wie ich zugesteh’ –

Und Nahrungsmitteln man sie reich bedachte,

Und dann ging’s in die salz’ge Fluth der See.

Constantia, holde, gütereiche Fee,

O, Kaiserstochter, mir so lieb und theuer,

Es sei der Herr, der Alles lenkt, Dein Steuer!

Sich segnend, weinte jammernd sie und schrie:

Empor zu Christi heil’gem Kreuzesstamme:

»O heilig Holz! Du Gnadenquelle! wie

Erbarmungsvoll mit rothem Blut vom Lamme

Die Welt gereinigt ward vom Sündenschlamme,

So aus des Bösen Klauen mich errette,

Wird Meerestiefe mir zum Todtenbette!«

»Siegreicher Baum, der Treue Schutz und Hort!

Der Du allein, zu tragen, werth befunden,

Das weiße Lamm, vom Speeresstich durchbohrt,

Den Himmelskönig mit den frischen Wunden;

Der Du die Höllenfeinde überwunden,

Du Gliederträger ew’ger Lieb’ und Treue,

Errette mich und gieb mir Zeit zur Reue!«

Vom griech’schen Meer bis zu Marokkos Thor

Schwamm Jahr und Tag die Creatur indessen,

Wie sie das Schicksal dazu auserkor.

Mit mancher Thräne netzte sie ihr Essen,

Bald todesbang, von Hoffnung bald besessen,

Sie triebe durch der Wogen wilde Brandung

Dem Ufer zu, das ihr bestimmt zur Landung.

Wie kam’s, daß sie entrann? wird Mancher sagen;

Wie kam’s, daß sie nicht gleichfalls umgebracht?

Doch laßt zur Antwort mich dagegen fragen:

Wer hat denn Daniel aus der Grube Nacht

Errettet? Wer den Löwen zahm gemacht,

Der außer ihm nicht Herrn noch Knecht verschonte?

Niemand als Gott, der ihm im Herzen wohnte!

Damit wir sähen seine mächt’gen Werke,

Hat Gott an ihr in Wundern sich bewährt.

O, Jesus Christus! Theriakstrank voll Stärke!

Du kennst – das weiß, wer in der Schrift gelehrt –

Die Mittel, daß zum guten Ende kehrt

Ein jedes Ding, ob’s noch so dunkel läge.

Doch Menschenwitz begreift nicht Deine Wege.

Nun, da sie auf dem Feste nicht erschlagen,

Wer schützte vorm Ertrinken sie zur See?

Wer schützte Jonas in des Fisches Magen,

Bis daß er ausgespie’n bei Niniveh?

Niemand als Gott! – das wisse, das versteh’! –

Er schützte die Hebräer vor den Wogen,

Als trocknen Fußes sie durchs Meer gezogen!

Wer lenkt die Sturmesgeister durch sein Wort,

Wenn ihre Macht durch Land und Meere wüthet,

Aus Ost und West, aus Süden und aus Nord?

Wer hat die See, das Land, den Baum behütet?

Gewiß nur Er! denn Er allein gebietet.

Und so war Er auch dieses Weibes Retter

Bei Tag und Nacht in jedem Sturm und Wetter.

Ging Trank und Speise denn zu Ende nie,

Daß länger als drei Jahr’ ihr Vorrath währte?

Wer speiste die ägyptische Marie

In Wüstenklüften? – Jesus Christ! – Er nährte

Fünftausend Mann, als wunderbar er mehrte

Die beiden Fische und fünf Laibe Brod.

Gott gab dem Weibe Füll’ in ihrer Noth!

So trieb hinein in unsern Ocean,

Durch unser weites Meer sie bis zum Strande

Von einem Ort, den ich nicht nennen kann;

Doch war es oben im Northumberlande,

Wo sich ihr Schiff so festgerannt im Sande,

Daß es durch keine Fluth mehr loszutreiben.

Gott war gewillt, dort sollte sie verbleiben.

Der Commandant des nahen Schlosses kam

Das Wrack zu untersuchen, zu besehen;

Und vor sich fand dies Weibsbild voller Gram

Er dort inmitten ihrer Schätze stehen.

In ihrer Sprache bat sie unter Flehen,

Ihn um die Gnade, sie sofort zu tödten

Und zu befrein aus allen ihren Nöthen.

Ein mangelhaft Latein nur sprach sie freilich;

Jedennoch sie der Commandant verstand.

Rasch sein Geschäft beschließend, nahm er eilig

Das arme Weibsbild mit sich an das Land.

Dem Gottessohne dankte sie am Strand

Auf ihren Knie’n. Doch Güte nicht, noch Schrecken

Bewog sie, ihre Herkunft zu entdecken.

Sie sprach: ihr Sinn sei so verwirrt im Meer,

Und dunkel sei ihr Alles, was verflossen.

Der Commandant war so gerührt, daß er,

Sowie sein Weib, in Thränen sich ergossen.

Stets fleißig, suchte sie, ganz unverdrossen,

Jedem zu dienen, Jedem zu gefallen,

Und, kaum gesehn, war sie beliebt bei Allen.

Der Mann, sein Weib Hermgilde, wie das ganze

Gebiet lag noch in Heidenthum und Nacht.

Doch zärtlich liebte Hermegild’ Constanze,

Die in Gebeten ihre Zeit verbracht,

Und unter bittren Thränen oft gewacht,

Bis Jesus Christ in Gnaden ihr gewährte,

Daß sich die Dame Hermegild’ bekehrte.

Doch Christen wurden nicht im Land gelitten.

Längst trieben sie aus dieser Gegend fort

Die Heiden, als die Herrschaft sie erstritten

Zu Land und Meer vom ganzen flachen Nord.

Und Wallis wählte sich zum Zufluchtsort,

Um mittlerweile dort im Land zu wohnen,

Das Volk der alten, christlichen Bretonen.

Doch waren sie nicht Mann für Mann vertrieben.

Es gab noch einige, die Gott dem Herrn

Im Heidenlande heimlich treu geblieben,

Und dreie wohnten von dem Schloß nicht fern.

Blind war der eine. Doch der Augenstern,

Der in der Blindheit Nacht noch leuchtend funkelt,

Das Licht der Seele war ihm nicht verdunkelt.

An einem Sommertag, als hell im Glanze

Die Sonne schien, ergingen sich am Meer

Der Commandant, sein Weib, sowie Constanze;

Und es begab sich, als sie froh umher

Dort wanderten, daß sie von ungefähr

Den armen und vor Alter tief gebückten,

Stockblinden Mann auf ihrem Weg erblickten.

»Gieb, Hermegilde!« – sprach der blinde Britte –

»In Christi Namen, meinen Augen Licht!«

Die Dame fuhr zusammen bei der Bitte;

Ihr Gatte wußte, daß sie Christin, nicht;

Und sie zu tödten, war vielleicht ihm Pflicht.

Doch kühn hieß sie Constanze, Christi Willen

Als Tochter seiner Kirche zu erfüllen.

Erschrocken sah ihr Werk der Commandant

Und frug: »Was hat dies Alles zu bedeuten?«

Constanze sprach: »Herr! das ist Christi Hand!

Er kommt als Retter zu Euch Heidenleuten!«

Und sie begann, den Glauben ihm zu deuten,

Und, eh’ die Sonne niedersank, bekehrte

Sie diesen Mann, daß Christus er verehrte.

Der Commandant, zwar Herr nicht und Gebieter

Von jenem Platz, wo er Constantia fand,

War lange Winter schon der Veste Hüter

Für König Alla von Northumberland,

Den klugen Herrscher, dessen mächt’ge Hand

Schottland bezwang, wie Mancher wohl vernommen;

Doch auf die Sache laßt zurück mich kommen.

Satan, stets auf der Lauer zu betrügen,

Sah von Constantia die Vortrefflichkeit,

Und hatte, um ihr Unheil zuzufügen,

In jener Stadt die Saat der Lüsternheit

In eines jungen Ritters Herz gestreut,

So daß es ihm unmöglich schien, er lebe,

Wenn sie ihm nicht zu Willen sich ergäbe.

Er warb um sie; doch da er nichts gewann,

Und sie zu keiner Sünde zu verleiten,

Beschloß er sich zu rächen und ersann

Den Plan, ihr Tod und Schande zu bereiten.

Heimlich bei Nacht wußt’ er ins Haus zu gleiten

– Der Commandant war fort, erfuhr er sicher –

Und in die Kammer Hermegildens schlich er.

Ermüdet von Gebeten, schlief indessen

Constantia; auch Hermegilde schlief.

Der Ritter, der vom Satanas besessen,

Schlich an ihr Bett, und dann durchschnitt er tief

Die Gurgel Hermegildens, und entlief,

Das Messer lassend an Constantias Seite,

– Ihn möge Gott verdammen! – in das Weite.

Es kam, als sich dies eben zugetragen,

Mit König Alla heim der Commandant,

Und sah sein Weib erbarmungslos erschlagen;

Und weinend und die Hände ringend stand

Er vor dem Bett, als er das Messer fand,

Mit Blut besudelt, in Constantias Nähe,

Die sprachlos lag und sinnverwirrt vor Wehe.

Dem König Alla ward darauf der ganze

Umstand erzählt, nebst wo und wie und wann

Im Schiff er aufgefunden einst Constanze,

Wie ich dies alles Euch schon kund gethan.

Der König hörte mitleidsvoll es an,

Und war betrübt, daß dieses holde Wesen,

Zu solchem herben Mißgeschick erlesen.

So wie ein Lamm zur Schlachtbank trat geduldig

Die Unschuldsvolle vor den König hin.

Der falsche Ritter, selbst der Mordthat schuldig,

Verklagte sie als Missethäterin.

Die Leute murrten; denn nach ihrem Sinn

War es unmöglich, daß die Allbeliebte

– So sprachen sie – solch schnöde That verübte.

Man wußte, sie war immer tugendhaft,

Und Niemand liebte Hermegilde besser.

Das ganze Haus trug davon Zeugenschaft,

Nur der nicht, dessen Hand geführt das Messer.

Verdächtig schien dem König dies. Indeß er

Beschloß, der Sache auf den Grund zu dringen

Und so die Wahrheit an das Licht zu bringen.

Nicht kämpfen kannst Du, und, o weh’, kein Ritter,

Arme Constantia, sich für Dich erbot!

Nur einer bleibt Dir. – Für die Menschheit litt er,

Satanas bindend, den Erlösungstod.

Er sei Dein starker Ritter in der Noth!

Denn, Unschuldsvolle, hilft Dir Christ nicht heute

Mit Wunderhand, bist Du des Todes Beute!

Und betend, kniet zu Boden sie und klagt:

»O, ew’ger Gott! Erretter der Susanna

Vor falschem Leumund! Gnadenreiche Magd!

– Maria, mein’ ich, – Tochter von St. Anna,

Vor deren Kind die Engel ihr Hosiannah

Gesungen, lasse schuldlos mich nicht sterben!

Sei Du mein Schutz; denn sonst muß ich verderben!«

Sah’t Ihr bisweilen nicht im Volksgewühl

Ein Angesicht, erblaßt und fahl und bange?

Der muß es sein! – Für Jedermanns Gefühl

Verkündet es die Farbe seiner Wange –

Der Hoffnungslose auf dem letzten Gange!

Und unter den Gesichtern rings im Kreise

Blickte Constantia in derselben Weise.

O, Königinnen, die Ihr lebt im Glücke,

O, Fürstinnen und Damen insgemein,

Zeigt etwas Mitleid ihrem Mißgeschicke!

Seht! eines Kaisers Tochter steht allein,

Und Niemand mag ihr Rath und Hülfe leihn!

Ein Königsblut, von Land und Freund geschieden,

Bleibt in der Noth verlassen und gemieden!

Der König Alla, edel stets und bieder,

Das tiefste Mitleid in dem Herzen trug;

Das Wasser rann ihm aus den Augen nieder.

Rasch brachte man auf sein Geheiß ein Buch.

»Beschwört der Ritter,« – sprach er – »daß erschlug

Constantia dieses arme Weib, so will ich

Mein Urtheil fällen, wie es recht und billig!«

Und auf das Buch, gefüllt mit heil’gen Zeichen,

Das man gebracht, beschwor der Ritter dann

Constantias Schuld. – Doch, Wunder sonder Gleichen!

Seht! – eine Hand packt ihn beim Nacken an,

Und wie ein Stein zu Boden fällt der Mann!

Die Augen, berstend, sich im Kopf verdrehen

Im Beisein Aller, die im Kreise stehen!

Und eine Stimme hört man nah’ und fern,

Die spricht: »Du hast verläumdet durch Dein Lügen

Der Kirche heil’ge Tochter vor dem Herrn;

Das thatest Du! und dies mag Dir genügen!«

Rings malt Entsetzen sich in allen Zügen,

Vor Furcht und Schrecken weiß sich kaum zu fassen

Das Volk, und nur Constantia bleibt gelassen.

Groß war die Furcht und groß war auch die Reue

Von denen, die bereits sie schuldig hießen

Und angezweifelt hatten ihre Treue.

Und durch dies Wunder – um es kurz zu schließen –

Und durch Vermittlung von Constanze ließen

Der König und viel Andre sich bekehren;

Wofür wir Christum dankerfüllt verehren.

Dann ward, wie König Alla dies geboten,

Der falsche Ritter rasch dem Tod geweiht.

– Und doch – Constantia weinte um den Todten! –

Von Alla aber wurde mit der Zeit

Durch Christi Gnade feierlich gefreit

Dies fromme Weib im reinsten Schönheitsglanze.

– So machte Christ zur Königin Constanze.

Wer war von Zorn und Haß wohl je so wild,

Wie – daß ich strenge bei der Wahrheit bleibe –

Des Königs böse Mutter Donegild!

Ihr brach schier das verruchte Herz im Leibe,

Als sie erfuhr, daß sich ihr Sohn zum Weibe

Ein unbekanntes und wildfremdes Wesen

Ihr zum Verdruß und Aerger auserlesen.

Mich drängt es nicht, von Spreu und Stroh so langen

Bericht zu machen wie von Kern und Korn.

Soll ich erzählen von dem Prunk und Prangen

Der Hochzeit? und wer hinten ging, wer vorn?

Wer die Trompete blies und wer das Horn?

Bleibt der Beschreibung Frucht nicht stets im Ganzen

Nur: Essen, Trinken, Singen, Spielen, Tanzen?

Zu Bett sie gingen, wie der Pflicht sie’s schuldig.

– Wenn’s sein muß, fügt trotz aller Heiligkeit

Ein jedes Weib sich in der Nacht geduldig,

Wird das Vergnügen zur Nothwendigkeit. –

Für Leute, die mit Ringen sich gefreit,

Ist es erlaubt, daß sie der Sache wegen

Die Heiligkeit etwas bei Seite legen.

Ein männlich Kind empfing sofort ihr Leib.

Doch, da in Schottland Krieg und Streit entglommen,

Zog Alla vor den Feind, indeß sein Weib,

Vom Commandanten in das Haus genommen,

In eines Bischofs Schutze, angstbeklommen,

Doch fromm und gottergeben, so wie immer,

Des Kindsbetts harrte still in ihrem Zimmer.

Die Zeit war da. – Ein Knabe kam zur Welt,

Den in der Taufe sie Mauritius nannte.

Die Freudenbotschaft schrieb sogleich ins Feld

Dem Könige der treue Commandante.

Indem er nebenbei ihm Meldung sandte,

Wie Alles ginge und wie Alles stände;

Und gab den Brief in eines Boten Hände.

Der Bote, der auf seinen Vortheil sann,

Ritt zu des Königs Mutter mit der Kunde.

»Madam!« – hub er mit Schmeichelgrüßen an –

»Gewiß, Ihr segnet tausendmal die Stunde,

Und danket Gott mit Herzen und mit Munde!

Ein Knäblein wiegt die Königin im Schoß,

Und Glück und Jubel sind im Lande groß.«

»Seht, diesen Brief, in dem von allen Dingen

Die Meldung wohlversiegelt ist gemacht,

Soll ich dem König schleunigst überbringen:

Euch treu ergeben bleib’ ich Tag und Nacht!«

Donilde sprach: »So ist’s nicht abgemacht!

Bis morgen sollst Du hier der Ruhe pflegen,

Und mir das Weitre will ich überlegen.«

Der Bote trank sich steif in Bier und Wein,

Und heimlich ward aus seinem Sack gehoben

Ihm dieser Brief. – So feste schlief das Schwein! –

Ein Konterfei, von Lügen ganz durchwoben,

Ward schlau gemacht und schleunigst unterschoben,

Und an den König Alla abgesandt;

Und hören sollt ihr, was im Briefe stand.

Es sei – so schrieb man ihm – sein Weib entbunden

Von einer solchen Teufelscreatur:

Bei ihr zu bleiben, sei im Schloß befunden

Nicht Einer von so muthiger Natur.

Durch Hexerei und Zauberkünste nur

Sei’s möglich, daß ihr dieser Balg beschieden.

Sie sei verhaßt und ringsumher gemieden.

Der König las den Brief. Jedoch kein Wort

Verrieth den Kummer, der sein Herz bedrängte,

Und eigenhändig schrieb er heim sofort:

»Willkommen sei, was immer Christ mir schenkte!

Recht ist gelenkt, was Gottes Hand je lenkte,

Für den, der glaubt; denn unser Wunsch und Neigen

Muß, Herr und Gott, vor Deinem Willen schweigen!«

»Sorgt für mein Kind, ob’s schön, ob’s garstig ist!

Sorgt für mein Weib, bis wir nach Hause kehren!

Den Erben, der mir mehr gefällt, kann Christ

Durch seine Gnade immer noch bescheeren!«

Er siegelte dann unter stillen Zähren

Den Brief und gab ihn in des Boten Hände.

– Der Bote ging, und damit war’s zu Ende.

O, Bote, Jammerbild der Trunkenheit!

Dick ist Dein Hauch, es zittern Deine Glieder!

Du bist Verräther jeder Heimlichkeit

Und plapperst Alles wie die Elster wieder!

Dein Angesicht wird blässer stets und müder,

Dein Sinn ist fort und bei Dir, zweifelsohne,

Sitzt Trunkenheit als Herrscherin im Throne.

O, Donegilde! nicht in Worte fass’ ich

All Deine Bosheit, Deine Tyrannei!

Dem Bösen in der Hölle überlass’ ich

Dich und die Schildrung der Verrätherei!

Pfui! Unmensch! Pfui! – bei Gott, ich sag’ es frei –

Du wallst auf Erden, aber, pfui! Du Hexe,

Dein böser Geist ist höllisches Gewächse!

Der Bote lenkte wieder auf der Reise

Zum Hof der Königsmutter seinen Gang.

Und froh gewährte sie in jeder Weise

Ihm wiederum den ehrendsten Empfang.

Er füllte sich den Bauch mit Speis’ und Trank.

Und schnob und schnarchte, und im Schlaf verbrachte

Die ganze Nacht er, bis der Morgen lachte.

Und wiederum ward ihm der Brief gestohlen,

Und wiederum schrieb man ein Konterfei:

Daß es dem Commandanten anbefohlen

Vom Könige bei Galgenstrafe sei,

Es hätte, wenn dahin der Tage drei

Und noch drei Stunden ohne weit’res Säumen

Constantia des Königs Land zu räumen.

An Bord des Schiffs, das sie gebracht ans Land,

Sei sie, ihr Sohn, und was ihr eigen wäre,

Ins Meer hinauszustoßen von dem Strand,

Und zu bedrohn, daß sie nie wiederkehre. –

Constantia, ach! Dich haben sicher schwere

Und trübe Träume jene Nacht umsponnen,

Als Donegilde dieses ausgesonnen!

Der Bote ging, sobald er Morgens wachte,

Zum Commandanten nächsten Wegs aufs Schloß,

Dem er den Brief des Königs überbrachte.

Er las das Schreiben, und sein Schmerz war groß.

»O, weh’ mir!« – rief er – »welches herbe Loos!

Wie kann die Welt nur, Herr und Christ, bestehen,

Wenn, ach! so Viele sündhaft sich vergehen?«

»Allmächt’ger Gott! wie kann’s Dein Wille sein,

Der Du doch Allen ein gerechter Richter,

Daß Unschuld leide solche Noth und Pein,

Und stets im Glücke sitzen Bösewichter!

Gute Constantia! Weh’ ist mir!« – so spricht er –

»Schmachvoll zu sterben, oder Dich zu quälen,

Kein andrer Weg bleibt übrig mir zu wählen!«

Im Schlosse weinten Alt und Jung vor Sorgen,

Als man des Herrn verfluchten Brief empfing,

Zum Schiff indessen an dem dritten Morgen

Constantia bleich, doch gottergeben, ging;

Und trug, was Christus über sie verhing.

Am Strande knie’nd, sprach sie zu Gott gewendet:

»Willkommen sei, was mir der Herr gesendet!«

»Als unter Euch ich hier gelebt im Lande

War vor Verläumdung schon mein Retter Er!

Er kann mein Retter sein aus Noth und Schande,

Ist mir das Wie auch unklar, auf dem Meer;

Er ist so stark noch heute wie seither!

O, Gott und Mutter, Beide mir so theuer,

Seid Ihr mein Segel und seid Ihr mein Steuer!«

Der kleine Sohn lag weinend ihr im Arm,

Und, knieend, sprach sie mitleidsvoll zum Kinde:

»Still! Söhnchen, stille! – Dir geschieht kein Harm!«

Vom Kopf zog sie den Schleier, daß als Binde

Sie schützend ihn um seine Aeuglein winde,

Und lullte wiegend in den Schlaf ihn dann,

Und warf die Blicke flehend himmelan.

»Mutter!« – sprach sie – »Maria, keusche Magd!

Weil eines Weibes Sünde das Verderben

So wie den Tod in diese Welt gebracht,

Sahst Du am Kreuze Deinen Sohn und Erben

Mit eignen Augen hängen, leiden, sterben!

Kann alles Weh und alles Leid auf Erden

Mit Deinem Schmerze je verglichen werden?«

»Vor Deinen Augen ward Dein Kind erschlagen!

Und meines lebt noch! – Jungfrau, hehr und mild,

Zu der Betrübte ihren Jammer klagen,

Du heller Tagesstern, Du Zufluchtsschild,

Du schöner Mai, Du reinster Keuschheit Bild!

Beschütz’ mein Kind! Du schützest mit Erbarmen

Die Schutzbedürft’gen, Leidenden und Armen.«

»Mein lieber, kleiner Sohn! – O, weh’! was that er,

Auf dem doch wahrlich keine Sünde ruht,

Daß ihn ins Elend stieß sein harter Vater?

Ach, Commandant!« – sprach sie – »sei lieb und gut,

Mein Söhnchen nimm zu Dir in Haus und Hut!

Und darfst Du’s nicht, und mußt Du mir’s verneinen,

Küss’ in des Vaters Namen meinen Kleinen!«

»Leb’ wohl, erbarmungsloser Mann!« – so sagend,

Warf sie die Blicke rückwärts in das Land,

Sprang auf, und, kosend in den Armen tragend

Ihr kleines Kind, ging sie zum Schiff am Strand,

Wo alles Volk, nachdrängend, sie umstand.

Sich fromm bekreuzend, rief ein Abschiedswort

Sie Allen zu, und stieg sodann an Bord.

Nicht an Proviant gebrach es für die Zeit

Der langen Reise durch die Meerespfade,

Und was auch sonst noch von Nothwendigkeit

Enthielt das Schiff – gedankt sei Gottes Gnade! –

Nun, führ’ sie heim, allmächt’ger Gott! – Nicht schade

Ihr Wind und Wetter! – Diesen Wunsch gewähre,

Treibt ihres Wegs sie weiter durch die Meere!

Es kam, nachdem sich dieses zugetragen,

Zu dem besagten Schloß der König bald.

Nach Weib und Kind begann er gleich zu fragen.

Den Kommandanten überlief es kalt;

Er meldete den ganzen Sachverhalt,

Mit welchem ich bereits bekannt Euch machte,

Und Brief und Siegel er dem König brachte.

Und sprach: »Mein Herr, wie Ihr es anbefohlen

Bei Todesstrafe, so hab’ ich’s gemacht!«

Die Folter ließ man für den Boten holen,

Und zum Geständniß ward er rasch gebracht,

Wo er sich aufgehalten Nacht für Nacht;

Und aus der Untersuchung bald erhellte,

Wo dieser Born des Mißgeschickes quellte.

Man wußte, welche Hand den Brief geschrieben,

Und wer die giftig böse That ersann

Zwar ist das Wie mir unbekannt geblieben,

Doch lesen kann die Folgen Jedermann:

Als Hochverräth’rin ward der Mutter dann

Vom Könige der Todesstreich gegeben.

– So elend schloß Frau Donegildes Leben! –

Die Sorge, welche König Alla quälte

Bei Tag und Nacht um Gattin und um Kind,

Wohl keine Zunge je getreu erzählte.

Drum zu Constanze wend’ ich mich geschwind.

Die Leidensvolle trieb durchs Meer der Wind

Fünf Jahr’ und länger, eh’ durch Christi Gnade

Ihr Nachen sich genähert dem Gestade.

Es trieb zu einem heidnischen Kastelle

– Von dem mein Text den Namen nicht enthält –

Constantia und ihr Kind zuletzt die Welle.

Allmächt’ger Gott! Erretter aller Welt!

Beschütze sie mit ihrem Kind! sonst fällt

Sie in der Heiden Hand und büßt ihr Leben

Vielleicht dort ein. – Doch hört, was sich begeben.

Vom Schloß herab stieg Mancher und beschaute

Das Schiff, in dem Constantia sich genaht;

Und eines Tages, als der Abend graute,

Bestieg – Gott strafe seine Missethat! –

Des Fürsten Vogt, ein Dieb und Renegat,

Das Schiff, damit zu schnöder Lust und Minne

Er durch Gewalt und Drohung sie gewinne.

Wohl schrie mit ihrem Kind das wehbedrängte

Und arme Weib. Jedoch nicht hülflos blieb

Sie in der Noth. – Die heil’ge Jungfrau schenkte

Ihr Kraft und Muth, und, mächtig ringend, trieb

Sie bis zum Rand des Schiffes jenen Dieb,

Der über Bord fiel und ertrank im Meere;

Und unbefleckt erhielt ihr Christ die Ehre.

O, faule Lust der Ueppigkeit, hier endest

Du nach Verdienst! Du bringest Schmach und Tod

Dem Leib sowohl, wie Du den Sinn verblendest;

Auf blinde Lüste folgen Pein und Noth!

Wohl mag der Mensch bedenken, was ihm droht.

Nicht nur die That, nein, schon die That zu denken,

Kann Tod und Elend auf den Schuld’gen lenken!

Wer stählte für den Kampf des Weibes Nerven,

Als mit ihr rang der falsche Renegat?

Wie konnte David je zu Boden werfen

Den unermeßlich langen Goliath,

Wie er es jung und ungerüstet that?

Wie blickte furchtlos er empor zum Riesen?

Nun – durch die Gnade, die ihm Gott bewiesen.

Wer flößte Judith Muth und Kühnheit ein,

Als Holofernes sie erschlug im Zelte,

Um Gottes Volk vom Elend zu befrein?

Die Antwort auf die Fragen, die ich stellte,

Bleibt immer die: den Geist der Kraft gesellte

Zu ihnen Gott, und, wie zu ihrem Werke,

Gab auch Constantia Er die Kraft und Stärke!

Es trieb ihr Schiff dann durch die Meeresenge

Von Jubaltar und Septa weiter fort,

Und schwamm umher der Breite nach und Länge

Manch lieben Tag gen Ost, West, Süd und Nord;

Bis Christi Mutter, der Bedrängten Hort,

Endloser Güte voll, es so gewendet,

Daß sich die Zeit naht, wann ihr Leiden endet.

Auf kurze Frist sei nunmehr von Constanze

Nach Rom um Kaiser unser Blick gewandt,

Dem längst der Christen Mord, sowie das ganze

Geschick der Seinen brieflich schon bekannt;

Und was sein Kind durch die Verrätherhand

Der alten Mutter Sultanin ertragen,

Als auf dem Fest sie allesammt erschlagen.

Der Kaiser gab dann Vollmacht und befahl

Einem der Senatoren, daß als Führer

Mit manchen Herr’n – Gott weiß, wie groß die Zahl? –

Zu Feld’ er zög’ zur Züchtigung der Syrer.

Worauf mit Mord und Brand auch nach Gebühr er

Das Land manch lieben langen Tag verheerte,

Bis er dann schließlich wieder heimwärts kehrte.

So segelte nach Rom in voller Glorie

Als Sieger der Senator mit dem Heer,

Und traf das Schiff – so meldet die Historie –,

Worin Constanze, treibend auf dem Meer.

Indessen, wer sie sei und wo sie her,

Erfuhr er nicht; denn nicht verrathen wollte

Sie ihren Stand, und wenn sie sterben sollte.

Es brachte sie nach Rom zu seinem Weibe

Mit ihrem Kinde der Senator hin,

Daß sie bei ihnen wohne und verbleibe.

So zog aus Leid die Himmelskönigin,

Wie manche vor ihr, diese Dulderin,

Die, heil’gen Werken immer hingegeben,

Noch lange führte dort ein frommes Leben.

Daß des Senators Weib verwandt ihr sei

Und ihre Muhme, konnte sie nicht wähnen;

Und ich erzähl’ es hier nur nebenbei.

Zu König Alla muß ich, der mit Thränen

Sein Weib bejammert unter stetem Sehnen,

Indem Constantia ich in Schutz und Händen

Von dem Senator lasse, nun mich wenden.

Es fühlte sein Gewissen eines Tages

Der König durch den Muttermord bedrängt,

Und hatte – daß ich kurz und schlicht Euch sag’ es –

Nach Rom zur Sühne seinen Schritt gelenkt,

Um dort zu büßen, was der Papst verhängt,

Und um von Christ für das, was er begangen,

Durch sein Gebet Verzeihung zu erlangen.

Durch Höflinge, die ihm Quartier bereitet,

War das Gerücht von Allas Pilgerfahrt

Rasch durch die ganze Stadt hindurch verbreitet;

Und der Senator, dem sich beigeschaart

Viel Edelleute, ritt nach Brauch und Art

Dem Könige der Ehr’ und Ehrfurcht wegen

Und Pompes halber aus der Stadt entgegen.

Geehrt ward König Alla auf das Beste

Von dem Senator, ob der König schon

Darin nicht nachstand; denn zu einem Feste

Lud er ihn ein, bevor zwei Tage flohn;

Und in Begleitung von Constantias Sohn

– Daß ich es kurz Euch nach der Wahrheit sage –

Ging der Senator zu dem Festgelage.

Zwar ist behauptet worden, daß Constanze

Sich vom Senator diese Gunst erbat.

Nun, das mag sein, mag nicht sein; denn das Ganze

Kommt drauf hinaus: zum Fest ging in der That

Constantias Sohn, und nach der Mutter Rath

Hielt er beim Mahle, wenn ein Gang geendet,

Stets auf den König seinen Blick gewendet.

Der König sah verwundert auf den Knaben,

Und den Senator sprach er also an:

»Wen mag dies schöne Kind zum Vater haben?«

Und jener sprach: »Bei Gott und St. Johann!

Die Mutter kenn’ ich, aber nicht den Mann.«

Und dann gab er dem König Alla Kunde

Von diesem Knaben und von seinem Funde.

»Bezeug’ es Gott!« – sprach der Senator – »nie

Sah oder fand ich noch in meinem Leben

Weib, Wittwe, Mädchen oder Frau, wie sie

So tugendhaft und also Gott ergeben.

Weit lieber würde sonder Furcht und Beben

Sie sich den Dolch in ihren Busen senken,

Als einem Manne ihre Gunst je schenken!«

Wohl kaum ein Wesen auf dem Erdenrunde

So seiner Mutter, wie der Knabe, glich.

Und Alla, welcher tief im Herzensgrunde

Constantias Bild bewahrte, dachte sich,

Daß sie des Kindes Mutter; und er schlich

Von dem Bankette seufzend dann von hinnen,

Um in der Stille weiter nachzusinnen.

»Fürwahr, Phantome des erhitzten Blutes

Verwirren mir« – so sprach er – »den Verstand!

Mein Weib ist todt, und in der Salzfluth ruht es.«

Doch Gegengründe lagen auch zur Hand.

»Wer weiß,« – sprach er – »ob Christus, der gesandt

Mein Weib mir einst zur See, aus meinem Lande

Sie nicht geführt hat abermals zu Strande?«

Und der Senator ging mit Alla dann

Des Abends heim, dies Wunder aufzuklären;

Und eilig schickte zu Constantia man,

Den König zu empfangen und zu ehren.

– Zu tanzen – glaubt mir – trug sie kein Begehren,

Die Füße wollten ihr den Dienst versagen,

Als diese Botschaft man ihr zugetragen. –

Als weinend sich vor diesem Weib verbeugte

Der König, blieb kein Auge thränenleer,

Der erste Blick auf sie ihn überzeugte,

Sie war sein Weib, da galt kein Zweifel mehr.

Doch stumm verblieb sie wie ein Baum; denn schwer

Und trüb das Herz ihr die Erinnrung machte,

Als sie des unbarmherz’gen Manns gedachte.

Bewußtlos sank sie zweimal hin zur Erde;

Und, sich entschuld’gend, schrie er jämmerlich:

»Von Gott und allen seinen Heil’gen werde

Nie meiner Seele Gnade, fühle mich

An Deinem Harm nicht ganz so schuldlos ich,

Wie unser Sohn, das Abbild Deiner Züge!

Und hole mich der Böse, wenn ich lüge!«

Lang’ schluchzten sie, eh’ Ruh’ in ihre Herzen

Nach so viel Gram und Leid zurückgekehrt.

Groß war das Mitleid; aber ihre Schmerzen

Das Klagen und das Jammern nur vermehrt.

Mir sei, davon zu schweigen, drum gewährt;

Denn überdrüssig bin ich, von den Sorgen

Euch zu erzählen bis zum nächsten Morgen.

Doch als die Wahrheit endlich ihr bewußt,

Daß Alla schuldlos war an ihren Leiden,

Drückt’ sie ihn hundertmal an ihre Brust,

Und, abgesehn von ew’gen Himmelsfreuden,

Genoß je solche Wonne wie die Beiden

Gewiß kein Mensch, noch sah, noch wird er sehen

Ein gleiches Glück, so lang’ die Welten stehen.

Die Pein zu enden, welche sie erlitten,

Ersuchte sie in Demuth den Gemahl,

Er möge dringend ihren Vater bitten,

Es wolle nächsten Tages, je nach Wahl,

In Gnaden ihm zu einem Mittagsmahl

Die Ehre Seine Majestät erzeigen,

Jedoch von ihr, bat sie ihn, streng zu schweigen.

Man sagt zwar, daß Mauritius mit der Bitte

Zum Kaiser ging. – Mir aber scheint es klar,

Der König Alla wußte wohl, was Sitte.

Für solchen hohen Souverain, fürwahr,

Die Blüthe der gesammten Christenschaar,

Wird doch kein Kind zum Boten auserlesen!

Er selbst ging hin. – So, denk’ ich, ist’s gewesen.

Der Kaiser, diese Bitte gern gewährend,

Versprach, zum Mahl zu kommen. Doch sein Blick

Fiel – wie ich las – auf jenes Kind fortwährend,

Und an die Tochter dacht’ er oft zurück.

Und Alla kehrte heim, daß mit Geschick,

So weit es möglich, Alles auf das Beste

Er ordnend vorbereite zu dem Feste.

Der Tag ist da. – Im Festschmuck hoch zu Rosse

Dem Kaiser frohen Sinns entgegenziehn

Sowohl Constantia wie ihr Eh’genosse.

Doch kaum erspäht sie auf der Gasse ihn,

Springt sie vom Pferd und ruft auf ihren Knie’n:

»Ging, Vater, die Erinnrung ganz verloren

Dir an die Tochter, die Dein Weib geboren?«

»Ich bin die Tochter!« – spricht sie – »bin Constanze,

Die in das Land der Syrer Du gesandt.

Ich bin es, Vater, die im Wellentanze

Den Tod, den man mir zugedacht, nicht fand!

Reich mir in Gnaden Deine Vaterhand!

Du wirst mich nicht zu Heiden wieder senden;

Nein! Alla Dank für seine Güte spenden!«

Vom Wiedersehn der Drei vermag ich nicht

Die Rührung und die Freude mitzutheilen.

Zu Ende bringen muß ich den Bericht;

Der Tag rückt vor, zum Schlusse will ich eilen!

Beim Mittagsmahle lass’ ich sie verweilen

In tausendfachem, größerem Entzücken,

Als ich vermag in Worten auszudrücken.

Doch wie zum Kaiser späterhin im Leben

Vom Papst das Kind Mauritius gemacht,

Wie, Christi Kirche ehrend, fromm ergeben

Gelebt er hat, das laß ich außer Acht;

Allein Constantia kommt hier in Betracht.

In alten Römergesten steht indessen

Mauritius’ Leben; doch ich hab’s vergessen.

Und mittlerweile war der Tag gekommen,

An welchem Alla sich zurückgewandt

Nach Engeland, wo er mit seinem frommen,

Geliebten Weibe Glück und Ruhe fand.

Doch, glaubt mir, nur von flüchtigem Bestand

Ist Erdenglück. Es kommt und ist geschwunden

Wie Meeresfluth im Wechselspiel der Stunden.

Wer freut sich dauernd ungetrübter Tage,

An denen sein Gewissen ruhig schlägt,

Von Zorn und Drang und anverwandter Plage,

Von Neid und Stolz und Hitze nicht bewegt?

Ich habe die Betrachtung eingelegt,

Weil auch für Alla und Constanze Frieden

Und Seligkeit nur kurze Zeit beschieden.

Tribut dem Tod muß Hoch und Niedrig geben!

Und so schied etwa auch nach Jahresfrist

Der König Alla aus dem Erdenleben,

Von seinem Weib betrauert und vermißt.

Sei seiner Seele gnädig, Gott und Christ!

Von ihr bleibt mir nur schließlich mitzutheilen,

Daß sie beschloß, nach Rom zurückzueilen.

Hier fand das fromme Wesen alle theuern

Und lieben Freunde lebend und gesund.

Hier fand sie Ruhe nach den Abenteuern,

Sah ihren lieben Vater wieder, und

Sank in die Kniee nieder auf den Grund,

Und dankte hunderttausendmal mit Rührung

Und unter Thränen Gott für seine Führung.

Es lebten Alle fromm und tugendsam,

Beständig heil’gen Werken zugewendet,

Bis schließlich sie der Tod von hinnen nahm.

Und so lebt wohl! – Denn die Erzählung endet.

Nun, Jesus Christus, dessen Hand uns sendet

Nach Leiden Freuden, schenke Huld und Gnade

Auch uns Gefährten auf dem Pilgerpfade!

Der Prolog des Schiffers.

Vers 5583–5610.

Hoch in den Bügeln stand der Wirth und sprach:

»Hört, guten Leute, meiner Meinung nach

War die Erzählung überaus gelungen.

Herr Pfarrer!« – rief er – »tragt, wie ausbedungen,

Uns etwas vor! Denn – bei des Herrn Gebein! –

Manch guter Schwank fällt Euch Gelehrten ein

– Bei Gottes Würde! – wie ich wohl erseh’!«

Der Pfarrer sprach: »Ei, benedicite!

Was fehlt dem Mann, so lästerlich zu schwören?«

»O!« – schrie der Wirth – »Mein Hans! läßt Du Dich hören?

Ich witt’re, gute Herren, in der Luft

Von einem Lollhard, scheint es mir, den Duft.

Bei Christi Seelenleiden! gebet Acht,

Mit einer Predigt werden wir bedacht

Noch allesammt von diesem Lollhard hier!«

»Nein,« – rief der Schiffer – »das verbitt’ ich mir!

Bei meines Vaters Seele! mit Sermonen

Und Bibelglossen soll er uns verschonen.

Wir glauben Alle hier an Gott, den Herrn.

Er aber möchte Streit und Hader gern

Und Unkraut säen in die reine Saat.

Fürwahr, mein Wirth, mir scheint’s der beste Rath:

Ich, lust’ger Kerl, erzähle nunmehr weiter

Und rasseln mit der Schelle will ich heiter,

Daß munter bleibt die ganze Compagnie.

Ich werde sicher von Philosophie,

Juristerei und Medicin Nichts sagen,

Denn viel Latein beschwert nicht meinen Magen!«

Die Erzählung des Schiffers.

Vers 5611–6044.

Einst war ein Handelsherr in St. Denis,

Dem vieles Geld den Ruf der Weisheit lieh.

Von wunderbarer Schönheit war sein Weib

Und höchst erpicht auf Lust und Zeitvertreib;

Was weit mehr kostet, als die Reverenzen

Und Artigkeiten junger Herrn bei Tänzen

Und Festen werth sind. Denn von Unbestand

Und flücht’ger, als der Schatten an der Wand,

Ist solches Mienenspiel und solcher Gruß.

Doch wehe dem, der dafür zahlen muß!

Ein dummer Ehemann muß dennoch zahlen!

Er muß uns kleiden, daß im Schmuck wir strahlen,

Und schön geputzt uns seiner Ehre wegen

In solchem Staat beim lust’gen Tanz bewegen.

Sollt’ er die Mittel uns dazu versagen,

Und über Kosten und Verluste klagen,

Vielleicht sogar uns der Verschwendung zeihn,

So muß ein Anderer schenken oder leihn

Uns Gold dazu – und das bringt oft Gefahr.

Es ging beim edlen Kaufmann eine Schaar

Verschiedner Gäste täglich ein und aus.

Kein Wunder war es. Stattlich war sein Haus

Und schön sein Weib. – Doch lauschet meinem Wort!

Man konnte neben andern Gästen dort

Auch einen schönen, kecken Mönch gewahren,

Dem Alter nach von etwa dreißig Jahren,

Der dieses Haus stets zu besuchen pflegte.

Zu diesem jungen, schönen Mönche hegte

So große Neigung jener gute Mann,

Seit die Bekanntschaft beiderseits begann,

Daß dieser Mann dort so vertraut verkehrte,

Wie man es je dem besten Freund gewährte.

Und da noch fernerweitig dieses Paar

In einem Dorf zur Welt gekommen war,

So redete der Mönch den guten Mann

Beständig nur als seinen Vetter an,

Und dieser widersprach ihm darin nicht.

Nein, wie der Vogel, wenn der Tag anbricht,

War er vergnügt und froh von Herzensgrund.

So hatten miteinander sie den Bund

Geschlossen und ihr Wort darauf gegeben,

In Brüderschaft für immerdar zu leben.

Höchst generös war immer Dan Johann,

Zumal in jenem Hause, und er sann

Auf das, was Kosten und Vergnügen machte.

Bis auf den letzten Pagen hin bedachte

Er nach dem Rang das ganze Hausgesinde

Mitsammt dem Herrn und gab als Angebinde,

Was passend war, betrat er nur die Schwelle;

Und wie ein Vogel bei der Morgenhelle

War Jedermann, sobald er kam, vergnügt.

Nichts mehr davon! – was ich gesagt, genügt.

Einst schickte nun sich dieser Handelsmann

Geschäfte halber zu verreisen an;

Nach Brügge dachte nämlich er zu gehn,

Um dort verschiedne Waaren zu erstehn.

Doch vorher sandt’ er Botschaft nach Paris

An Dan Johann, den er ersuchen ließ,

Mit ihm und seiner Frau auf alle Weise

Noch ein paar Tage vor der Brügger Reise

In St. Denis vergnüglich hinzubringen.

Der Abt des Klosters ließ in solchen Dingen

Stets dem besagten Mönche freie Hand.

Ihm war, als einem Manne von Verstand,

Das Amt verliehen, zu verschiednen Zeiten

Die Scheunen und Gehöfte zu bereiten;

Und somit kam nach St. Denis er schnell.

Wie sehr war der galante Junggesell,

Der theure Vetter Hans, daselbst willkommen!

Geflügel hatt’ er für sie mitgenommen,

Ein Krüglein Malvasier, ein Fläschchen auch

Voll Toskerwein. – Ei, ja! das war sein Brauch. –

Und damit überlaß ich auf zwei Tage

Den Mönch und Kaufmann ihrem Zechgelage.

Es überschlug sodann am dritten Morgen

Der Kaufmann seinen Geldbedarf mit Sorgen.

Drum ging er eilig in sein Lagerhaus

Und rechnete dort wohlbedächtig aus,

Wie es in diesem Jahre mit ihm stand,

Und wie sein Geld verthan und angewandt,

Und ob er »Gut« behalten oder »Schuld«.

Er legte nieder auf sein Rechenpult

Viel Bücher und viel Beutel voller Geld.

Doch Schatz und Kasse fand er reich bestellt.

Drum schloß er eiligst seine Thüre zu,

Damit er ohne Störung, ganz in Ruh,

Vollenden könne seine Rechnerei;

Und saß daran bis Primezeit vorbei.

Auch Dan Johann war früh am Morgen wach

Und ging im Garten auf und ab und sprach

Sein Frühgebet in salbungsvoller Weise.

Zum Garten aber, wo er ging, schlich leise

Das gute Weibchen etwas später auch

Und grüßte dort ihn nach gewohntem Brauch.

Ein kleines Mädchen hatte zur Begleitung

Sie an der Hand, das sie in Zucht und Leitung

Noch leicht zu halten wußte mit der Ruthe.

»Ach, Dan Johann, ist Euch nicht wohl zu Muthe,

Daß Ihr so zeitig« – frug sie – »aufgewacht«?

»Fünf Stunden Schlaf genügen in der Nacht,

Geliebte Nichte,« – sprach er – »ganz vollkommen,

Die bleichen Ehekrüppel ausgenommen;

Solch’ alte Kerle liegen freilich fest

Wie abgehetzte Hasen in dem Nest,

Wenn sie von Hunden rings umgeben sind.

Doch sprich, warum so blaß, mein liebes Kind?

Du bist gewiß von unserm guten Mann

So strapazirt, seitdem die Nacht begann,

Daß Du nunmehr der Ruhe pflegen mußt.«

Und bei dem Scherze lacht er voller Lust

Und ward ganz roth vom Einfall, den er hegte.

Die Schöne schüttelnd ihren Kopf bewegte

Und sprach: »Weiß Gott, mein theurer Vetter, Ihr

Habt Euch geirrt. So steht es nicht mit mir.

Bei Gott, der mir gegeben Seel’ und Leib,

Im ganzen, weiten Frankreich hat kein Weib

Geringre Lust zu solchen bösen Dingen.

Ich aber habe Weh und Ach zu singen,

Daß ich zur Welt kam. Doch ich darf nicht wagen,

Was mich bedrückt, je einem Mann zu klagen.

Entfliehen möcht’ ich wahrlich aus dem Land,

Ja, mich entleiben mit der eignen Hand,

So quält und ängstigt mich mein Mißgeschick!«

Starr richtete der Mönch auf sie den Blick

Und sprach: »Ach, Nichte, wollte Gott verwehren,

Daß Du, weil Furcht und Sorgen Dich beschweren,

Dich selbst entleibtest! Nein, Du mußt erzählen,

Was Dich bedrängt. Dir soll mein Rath nicht fehlen.

Ich helfe Dir, vertraust Du mir die Sorgen.

Bei mir ist Dein Geheimniß gut geborgen.

Ich schwöre Dir auf mein Brevier den Eid

Der unverbrüchlichsten Verschwiegenheit,

So lang ich lebe; mag, was will, geschehn!«

»Dazu« – sprach sie – »will ich mich auch verstehn!

Bei Gott beschwör’ ich und auf Dein Brevier

Ich werde nie, was mir vertraut von Dir,

Verrathen, ob man mich in Stücke risse,

Ja, führ’ ich selbst zur Hölle. – Dennoch wisse

Daß Vetterschaft und bloße Freundschaft nicht,

Nein Liebe nur und Neigung aus mir spricht.«

So schwuren und so küßten sich die zwei

Und dann begann sofort die Plauderei.

»Mein Vetter« – sprach sie – »wäre hier der Ort

Und hätt’ ich Zeit, so theilt’ ich Dir sofort

Jetzt die Legende meines Lebens mit,

Und Alles, was im Ehestand ich litt,

Wenngleich mein Mann Dein eigner Vetter ist.«

»Beim Heiligen Martinus und bei Christ!«

– Entgegnete der Mönch – »er ist mein Vetter

Nicht mehr, als an den Bäumen hier die Blätter!

Bei St. Denis von Frankreich! so genannt

Hab’ ich ihn nur, weil ich mit Dir bekannt

Zu werden wünschte. Denn auf Erden giebt

Es keine Frau, die ich wie Dich geliebt.«

Bei meiner Profession will ich’s beschwören!

Doch eh’ Dein Mann herunter kommt, laß hören,

Was Dich bedrängt? Komm, spute Dich! Erzähle!

»O Hans!« – sprach sie – »Geliebter meiner Seele,

Weit lieber schwieg’ ich, als mein Leid zu klagen,

Doch muß heraus, was länger nicht zu tragen.«

Mein Gatte, dünkt mich, ist der schlimmste Mann,

Den’s je gegeben, seit die Welt begann.

Doch schickt sich’s nicht, daß ich als Ehefrau

Dir unsre Heimlichkeiten anvertrau.

Gott schütze mich, es jemals zu verrathen,

Was wir im Bett und sonst mitsammen thaten;

Da eine Frau nur das, was ehrenvoll,

Von ihrem Ehemann erzählen soll.

Nur Dir allein, so wahr mich Gott beschütze.

Will ich vertraun: er ist zu gar nichts nütze

Und überhaupt nicht eine Fliege werth.

Der größte Geizhals ist er, und gewährt

Mir keinen Wunsch in Hinsicht der sechs Sachen,

Die mich so froh, wie alle Weiber, machen.

Wir wünschen nämlich, unser Gatte sei

Reich, weise, keck und mit dem Gelde frei,

Treu seinem Weibchen und im Bette munter.

Doch bei dem Herrn, der für uns litt, mitunter

Muß ich mich putzen seiner Ehre wegen,

Und bin um hundert Franken jetzt verlegen,

Die nächsten Sonntag ich bezahlen muß.

Ach, wär’ ich nie geboren! Der Verdruß

Bringt mich noch um. Denn, wenn’s mein Mann vernimmt

– Und Schwätzereien giebt es ganz bestimmt –

Bin ich verloren. Lasse Dich erflehn!

Leih’ mir das Geld, sonst ist’s um mich geschehn!

Ich sage, Herr, leih mir die hundert Franken!

Pardi! ich will Dir redlich dafür danken,

Nur mußt Du mir die Bitte nicht versagen.

Auf Tag und Stunde wird es abgetragen.

Ich stehe Dir zu Diensten jeder Zeit

Und bin zu Allem, was Du willst, bereit.

Und Gott bestrafe, brech’ ich Dir mein Wort,

Wie Ganelon von Frankreich mich sofort.

Der edle Mönch gab Antwort ihr und rief:

»Geliebte, theure Frau, ich trage tief

In meinem Herzen um Dich Schmerz und Leid,

Und ich verspreche Dir auf Wort und Eid,

Sobald Dein Mann nach Flandern geht von dannen,

Will ich sofort all’ Deine Sorgen bannen,

Und hundert Franken hast Du in den Händen.«

Und damit griff er sie an beide Lenden

Und herzte sie und küßte sie und sprach:

»Geh’ fort in aller Stille, und hernach

Mach’ unser Essen möglichst rasch bereit,

Denn mein Cylinder zeigt schon Primezeit;

Und traue mir, wie ich auf Dich vertrau’!«

»Das walte Gott!« – erwiderte die Frau,

Und so vergnügt wie eine Elster lief

Sie schnell zu ihren Köchen hin und rief,

Sich zu beeilen mit dem Mittagsschmaus.

Dann rannte schleunigst sie zum Lagerhaus,

Zu ihrem Mann und klopfte kräftig an.

Und »Qui est là?« erwiderte der Mann.

»Ich bin es, Peter!« – sprach sie – »Ei, wie lange

Willst Du noch fasten? Bist Du stets im Gange

Mit Deinen Büchern, Zahlen und Papieren?

Der Teufel möge rechnen und addiren!

Zufrieden sei mit dem, was Gott Dir gab;

Laß Deine Beutel stehn und komm’ herab.

Schämst Du Dich nicht, daß Dan Johann so spät

Am hellen Tage stets noch nüchtern geht?

Komm! hör’ die Messe, und zu Tische dann.«

»Weib, Du kannst nicht begreifen« – sprach ihr Mann –

»Wie wunderlich oft die Geschäfte gehn.

Sieh’, von uns Handelsleuten finden zehn

– Gott und St. Ivo können Zeugen sein –

Von zwanzigen nur höchstens ihr Gedeihn,

Selbst wenn wir uns bis an das Alter plagen.

Doch scheinbar fröhlich müssen wir uns schlagen,

So gut es eben gehn will, durch die Welt,

Und Niemand weiß, wie es um uns bestellt,

Bis daß wir sterben, oder uns ganz leise

Unter dem Vorwand einer Pilgerreise

Von dannen drücken. Drum, scharf aufzupassen

In dieser Welt, darf ich nicht unterlassen,

Denn Glück und Unglück gehn im Handelsstand

Zu unserm Schrecken immer Hand in Hand.

Ich reise morgen in der Früh’ nach Flandern

Und werde heim, sobald als möglich, wandern.

Drum, liebes Weibchen, nimm mein Hab und Gut,

Ich bitte Dich, in Obacht und in Hut.

Sei frei und freundlich gegen Deine Gäste

Und lenk’ und leite Du das Haus aufs Beste.

Dein Vorrath reicht in jeder Hinsicht aus,

Um sparsam zu verwalten uns das Haus –

Es fehlt Dir nicht an Kleidern und Proviant,

Und Silbergeld bekommst Du in die Hand.«

Und mit den Worten schloß er seine Thür,

Stieg rasch hinab und hörte nach Gebühr

In aller Eile dann die Messe sagen.

Nun wurden flink die Speisen aufgetragen;

Man setzte sich, und reichlich ward sein Essen

Dem würd’gen Mönch vom Kaufmann zugemessen.

Nach Tisch nahm Dan Johann den Handelsmann

Ganz insgeheim bei Seite und begann:

»Mein lieber Vetter, wie die Sachen stehn,

Hast Du im Sinn nach Brügge fortzugehn.

Mag Dich St. Augustin und Gott geleiten!

Mit Vorsicht, Vetter, bitt’ ich Dich zu reiten,

Und halte bei der heißen Jahreszeit

Stets auf Diät und große Mäßigkeit.

Doch wozu sollen viele Worte nützen?

Leb’ wohl, mein Vetter, mag Dich Gott beschützen!

Fällt etwas vor, darfst Du bei Tag und Nacht,

Vorausgesehen, daß in meiner Macht

Die Sache liegt, frei über mich befehlen.

Du kannst in jeder Hinsicht auf mich zählen.

Doch eines noch! Sollt’ es Dir möglich sein,

Mir hundert Franken, eh’ Du gehst, zu leihn,

So möcht’ ich auf zwei Wochen sie erborgen.

Ich habe einen Viehkauf zu besorgen

Für eine unsrer Klostermeierei’n

– Ach gäbe Gott, es könnte Deine sein. –

Für tausend Franken ließ ich nicht verstreichen

Nur einen Tag, die Schulden zu begleichen.

Doch bitte, schweige von der Sache still,

Da ich das Vieh noch heute kaufen will.

Und damit, lieber Vetter, gute Reise!

Grand mercy für Bewirthung und für Speise!«

»O, lieber, bester Vetter Hans!« – begann

Mit Freundlichkeit der edle Handelsmann –

»Die Bitte scheint mir in der That sehr klein.

So viel an Gold Du immer willst, ist Dein.

Gold oder Waaren, Alles steht Dir frei,

Und – schütz’ Dich Gott! – nicht gar zu blöde sei!

Indessen eins ist Dir bekannt genug:

Für einen Kaufmann ist das Geld sein Pflug.

Soliden Namen wird gern creditirt,

Doch ist’s kein Spaß, wenn man sein Geld verliert.

Erstatte mir’s zur bestgelegnen Zeit,

Soweit ich kann, bin ich gern dienstbereit.«

Die hundert Franken ging er dann zu holen

Und gab das Geld an Dan Johann verstohlen,

So daß vom Darlehn nie ein Mensch erfuhr,

Wie Dan Johann und unser Kaufmann nur.

Es tranken, schwatzten, scherzten dann die Zwei,

Bis Dan Johann zurückritt zur Abtei.

Der Morgen kam, und hin nach Flandern ritt

Der Handelsmann und nahm den Lehrling mit.

Vergnügten Sinns kam er in Brügge an,

Wo unverzüglich sein Geschäft begann;

Er zahlte bar, nahm Waaren auf Credit,

Wogegen Tanz und Würfel er vermied,

Denn, kurz gesagt, kaufmännisch war sein Wandel;

Und weiter nachgehn mög’ er seinem Handel!

Sobald der Kaufmann länger nicht am Platze,

Kam, blank rasirt mit wohlgeschorner Glatze,

Am nächsten Sonntag Dan Johann sofort

Nach St. Denis; und froh war Jeder dort

– Der kleinste Page selbst nicht ausgenommen –,

Daß Dan Johann sobald zurückgekommen.

Und kurz und gut, bald war es ausgemacht,

Für hundert Franken solle diese Nacht

Das schöne Weib er in die Arme schließen

Und sein Vergnügen frei mit ihr genießen.

Und rasch war ausgeführt, was sie beschlossen.

Sie trieben lustig ihre Liebespossen

Die ganze Nacht; und als der Morgen tagte,

Ging Dan Johann, und dem Gesinde sagte

Er Lebewohl; doch machte sich im Haus,

Noch in der Stadt kein Mensch ein Arg daraus.

– Zum Kloster reiten, und wohin er will,

Mag Dan Johann. Ich schweige von ihm still. –

Der Kaufmann kehrte, als die Messe aus,

Nach St. Denis zurück und ließ im Haus

Es sich bei seinem Weibe wohl behagen,

Erzählte, wie den Preis man aufgeschlagen,

Und daß für zwanzigtausend Thaler Geld

Er einen Wechsel auf sich ausgestellt,

Für dessen Zahlung er nunmehr zu sorgen.

Das Geld von seinen Freunden zu erborgen,

Hin nach Paris der Kaufmann daher ritt

Und nahm die Barschaft, die er hatte, mit.

Jedoch, da Freundschaft ihm nicht Ruhe ließ,

Beschloß er, angekommen in Paris,

Zu allernächst zum Vetter Hans zu gehn,

Nicht um auf seine Fordrung zu bestehn,

Nein, um zu wissen, wie er sich befände,

Und ihm zu sagen, wie sein Handel stände,

Wie Freunde thun, wenn sie zusammen kommen.

Von Dan Johann höchst gastfrei aufgenommen,

Begann er zu erzählen breit und lang:

Er habe seine Waaren – Gott sei Dank! –

Zu mäß’gem Preis erkauft und auch geborgen;

Doch müsse Wechsel er sich noch besorgen,

Wie’s bestens ginge. Wenn ihm das geglückt,

Sei er vergnügt und länger nicht gedrückt.

Und Dan Johann sprach: »Nun, erfreulich ist,

Daß Du gesund zurückgekommen bist.

Auf Seligkeit! Ich gäbe Dir sogleich

Gern zwanzigtausend Thaler, wär’ ich reich!

Du liehst Dein Gold so freundlich mir und gern

Noch kurz zuvor. Ich sage bei dem Herrn

Und bei St. Jakob Dir den besten Dank!

Doch heimgezahlt hab’ ich in Deine Bank

Dasselbe Gold an unsre gnäd’ge Frau;

Dein Weib wird sich der Sache noch genau

Durch Zeichen, die ich nennen kann, entsinnen.

Doch, mit Erlaubniß, jetzt muß ich von hinnen.

Mein Abt hat vor, gleich in die Stadt zu gehn,

Und ich muß mit. Leb’ wohl, auf Wiedersehn!

Mein lieber Vetter; meinen Gruß entrichte

An Deine Gattin, meine süße Nichte!«

Der kluge, höchst geriebne Handelsmann

Erborgte Geld sich in Paris sodann,

Und kaufte dafür Wechsel oder Schein

Sich gegen bar von Lombardhändlern ein.

Und wie ein Specht so froh und wohlgemuth

Zog er nach Haus. – Die Sachen standen gut;

Denn durch die Reise macht’ er immerhin

Wohl netto tausend Franken an Gewinn.

Sein Weib lief ihm entgegen bis zum Thor,

Wie es ihr Brauch gewesen stets zuvor,

Und fröhlich waren in der Nacht die zwei;

Denn er war reich und gänzlich schuldenfrei.

Und noch einmal umschlang beim Tageslicht

Der Kaufmann sie und küßt’ ihr Angesicht,

Und trieb von Neuem hart mit ihr sein Spiel.

»Nicht mehr!« – rief sie – »Bei Gott, es wird zu viel!«

Und regte doch ihn stets von Frischem an.

Zuletzt jedoch ergriff das Wort ihr Mann

Und sprach: »Bei Gott! ich bin auf Dich nicht gut

Zu sprechen, Frau, wie leid es mir auch thut.

Weißt Du warum? Mir scheint, bei Gott, Du bist

Allein die Schuld, daß beinah’ einen Zwist

Ich heute mit dem Vetter angefangen.

Warum verschwiegst Du, eh’ ich fortgegangen,

Daß er mit seinem Zeichen hundert Franken

Dir heimgezahlt? Er schien mir’s schlecht zu danken,

Daß ich zu ihm von meinen Wechseln sprach

– So mußt’ ich glauben seiner Miene nach. –

Denn ihn daran zu mahnen, lag, beim Herrn

Und Himmelskönig, mir die Absicht fern.

Ich bitte, Frau, dergleichen thu’ nicht mehr!

Erzähle mir bei jeder Wiederkehr,

Ob Dir ein Schuldner etwa unterdessen

Sein Geld bezahlt hat. – Solltest Du’s vergessen,

Könnt’ ich es leicht zum zweitenmal verlangen.«

Sein Weib jedoch blieb ohne Furcht und Bangen.

»Mein Zeugniß stell’ ich« – sagte sie verwegen –

»Dem falschen Mönche, Dan Johann, entgegen.

Von seinem Zeichen hab’ ich nichts gesehn.

Er gab mir Geld, das muß ich zugestehn.

– Daß ihm ins Maul das Donnerwetter schlage! –

Denn, weiß es Gott, ich dachte sonder Frage,

Er gäbe, seiner Freundschaft eingedenk,

Das Geld mir ehrenhalber zum Geschenk

Aus Vetterschaft, sowie für belle chère,

Die er bei uns genossen hat zeither.

Jetzt seh’ ich, daß auf Irrthum es beruht;

Von mir die Antwort ist drum kurz und gut:

Saumsel’ge Schuldner hast Du mehr, als mich,

Doch abgetragen wird es sicherlich

Von Tag zu Tag, und sollt’ es unterbleiben,

Kannst Deiner Frau Du es aufs Kerbholz schreiben.

Ich zahl’ es Dir, sobald ich irgend kann;

Denn Alles wandt’ ich, meiner Treu’, schon an

Zu Schmuck und Putz. – Ich habe Nichts verschwendet,

Nein, Alles Dir zu Ehren nur verwendet.

Um Gottes willen, sei nicht böse weiter,

Nein, küsse mich und sei vergnügt und heiter,

Laß meinen frischen Leib Dir wohlbehagen,

Denn nur im Bette denk’ ich’s abzutragen.

Mein lieber, theurer Gatte, ach, vergieb,

Komm’ dreh’ Dich um und hab’ mich wieder lieb!«

Der Kaufmann sah, ihm hülfe hier kein Schelten,

Und ließ als Thorheit eine Sache gelten,

Die für ihn unabänderlich erschien.

»Nun, liebe Frau,« – sprach er – »Dir sei verziehn!

Doch hüte Dich, willst Du nicht kläglich enden,

Mein Hab und Gut in Zukunft zu verschwenden.«

Und damit schließ’ ich. – Aber Gott erfreue

Uns mit Geschichten lebenslang aufs Neue.

Der Prolog der Priorin.

Vers 6045–6062.

»Sehr gut erzählt, beim Corpus Domini!

Mein edler Schiffer!« – unser Gastwirth schrie. –

»Lang’ lasse Gott die Küsten Dich befahren,

Doch eine Last von tausend schlimmen Jahren

Geb’ er dem Mönch! – Aha, Gefährten, seht,

Welch eine Nase diesem Mann gedreht

Und seiner Frau. Beim heil’gen Augustin!

In Euer Haus sucht keinen Mönch zu ziehn!

Genug davon! Jetzt gilt es, auszuwählen,

Wen trifft zunächst die Reihe zum Erzählen

Aus unserm Kreise.« Und mit diesem Wort

Fuhr er so höflich wie ein Fräulein fort:

»Frau Priorin, wollt Ihr die Gunst uns schenken;

Und sollte mein Ersuchen Euch nicht kränken,

So möcht’ ich wähnen, es sei angezeigt,

Daß Ihr erzählt, falls Ihr dazu geneigt.

Wollt Ihr Euch, edle Frau, dazu bequemen?«

»Recht gern!« – sprach sie und ließ sich so vernehmen.

Die Erzählung der Priorin.

Vers 6063–6300.

Herr, unser Herr! wie weithin ist gedrungen

Durch alle Lande auf dem Erdenrund

Dein heil’ger Name. Dir wird Lob gesungen

Von würd’gen Männern, und es macht der Mund

Der jungen Kinder Deine Güte kund.

Zu Deinem Preise lallt oft unbewußt

Bereits der Säugling an der Mutter Brust.

Drum sei, soweit mir Kraft dazu gegeben,

Erzählt die folgende Begebenheit,

Dich und die weiße Lilie zu erheben,

Die Dich gebar als unbefleckte Maid;

Mehrt auch mein Lob nicht ihre Herrlichkeit;

Denn sie ist nach dem Heiland, ihrem Sohne,

Der Güte Wurzel und der Ehre Krone.

O, Maid und Mutter! Flammenbusch des Moses,

Im Feuer lodernd, und doch unversehrt!

Du, der die Gottheit durch ein makelloses

Empfängniß ihren heil’gen Geist gewährt,

Wodurch des Vaters Weisheit Dir bescheert,

Als er erleuchtet Deine reine Seele;

O, helfe mir, daß ich Dein Lob erzähle!

O, Jungfrau, keiner Zunge kann gelingen,

Je Deine Demuth, Tugend und Geduld

Und Herrlichkeit und Güte zu besingen.

Oft kommst Du uns zuvor in Deiner Huld,

Noch eh’ wir bitten, und Du führst aus Schuld

Durch Dein Gebet mit gütereichem Sinn

Zu Deinem lieben, theuren Sohn uns hin.

O, Segensherrin, wie soll mir es glücken,

Zu preisen Deine Würde, wie Gewalt?

Ich bin zu schwach. Mich wird die Last erdrücken,

Denn wie ein Kind, das kaum zwölf Monat’ alt,

Anstatt zu sprechen, unverständlich lallt,

So geht es mir. Drum, bitt’ ich Dich, gewähre

Mir Deinen Beistand, daß mein Lied Dich ehre!

In einer Stadt von christlichen Asiaten

Lag einst ein Judenviertel, welches zwar

Geduldet ward vom Landespotentaten

Aus Wucherei und Goldgier; doch es war

Verhaßt bei Gott und seiner Christen Schaar.

Man konnte durch die Gasse gehn und reiten,

Die offen war und frei nach beiden Seiten.

Zu einer kleinen Schule, die dort in der

Erwähnten Gasse ganz am Ende stand,

Ward Jahr für Jahr ein Haufen junger Kinder

Aus christlichem Geblüte hingesandt,

Und lernte dort, was Sitte war im Land,

Und das besagt: zu singen und zu lesen,

Wie stets bei Kindern dieses Brauch gewesen.

Zu dieser Schule pflegte, unter andern,

Auch einer Wittwe siebenjähr’ger Sohn

Als kleiner Zögling Tag für Tag zu wandern;

Und vor dem Bild der Jungfrau beugte schon,

Wenn er vorüber ging, mit Devotion

Der Knabe, wie man ihm gelehrt, das Knie,

Und betete: Gegrüßt sei’st Du, Marie.

Die theure Mutter Christi zu verehren,

War von der Wittwe schon ihm eingeprägt;

Und er vergaß es nicht, da frühe Lehren

Ein schlichtes Kind leicht zu behalten pflegt.

Jedoch in mir erwacht hierbei und regt

Sich an St. Niklaus die Erinnerung,

Der unsern Herrn gepriesen schon so jung.

Mit seinem ABCbuch saß fortwährend

Der Knabe in der Schule auf der Bank,

Wenn man, den Kindern die Response lehrend,

Daselbst das »Alma redemptoris« sang.

Er lauschte, näher rückend, oft und lang

Auf Worte, wie auf Noten eifrig hin,

Und rasch blieb ihm der erste Vers im Sinn.

Doch die Bedeutung war ihm noch verschlossen.

Er war zu jung, Lateinisch zu verstehn.

Drum bat er einstmals einen Schulgenossen

Auf seinen Knieen unter heißem Flehn,

Als Uebersetzer ihm zur Hand zu gehn,

Das Lied in seiner Mundart ihm zu lehren,

Und den Gebrauch desselben zu erklären.

Der Bursche, welcher älter war an Jahren

Als jener, sprach: »Die heil’ge Jungfrau preist

Man durch dies Lied, soweit ich es erfahren.

Es ist ein Gruß, doch ein Gebet zumeist,

Das hülfreich sich in Todesnoth erweist,

Doch viel versteh’ ich nicht von diesen Dingen.

Ich lerne nicht Grammatik, sondern Singen.«

»Wie?« – frug die kleine Unschuld – »ist zum Preise

Der Mutter Christi dieses Lied gemacht?

Dann will ich Alles thun, mir Wort und Weise

Noch einzuprägen vor der heil’gen Nacht.

Ja, würde täglich dreimal eine Tracht

Von Prügeln mir beim ABC gegeben,

Ich lern’ es doch, die Jungfrau zu erheben.«

Nun lehrte auf dem Schulweg alle Tage

Ihm sein Gefährte heimlich den Gesang,

Bis er die Worte nebst der Töne Lage

Wohl aufgefaßt, und es mit reinem Klang

Aus voller Kehle täglich zweimal sang,

Heim von der Schule und zur Schule hin;

Denn Christi Mutter lag ihm stets im Sinn.

Wie schon erwähnt ist, mußte nothgedrungen

Zur Schule durch das jüdische Quartier

Der Kleine gehn, und heiter ward gesungen

Von ihm auch »Alma redemptoris« hier.

Sein ganzes Herz war so erfüllt von ihr,

Daß unwillkürlich er den Weg entlang

Zur Mutter Christi betete und sang.

Der Urfeind, Satan, aber, diese Schlange,

Die sich zum Wespennest der Juden Herz

Erkoren hat, schwoll auf und sprach: »Wie lange,

Ebräer, duldet ihr den frechen Scherz,

Daß durch die Gassen auf- und niederwärts

Zu Eurem Hohn ein Bube solche Lieder

Zu singen wagt, die dem Gesetz zuwider?«

Den unschuldsvollen Knaben zu ermorden,

Verschwor die Judenschaft sich alsobald.

Es lag ein Mörder, der gedungen worden,

In einer Gasse schon im Hinterhalt.

Der Knabe kam. – Ihn packte mit Gewalt

Und schnitt ihm seine Gurgel ab der Bube

Und warf den Leichnam in die nächste Grube.

Ja, in ein Senkloch, wo des Koths entluden

Sich die Ebräer, warf er ihn hinein.

O, Ihr Herodesse! Verfluchte Juden!

Was wird die Strafe solches Frevels sein?

Mord will heraus – und hier zumal wird schrein

Das Blut zum Himmel, damit Gottes Ehre

Sich auf der Welt verbreite und vermehre.

O, Märtyrer, der unbefleckt geblieben,

Du gehst nunmehr dem weißen Lamm voran,

Und stimmst – wie dies in Patmos aufgeschrieben

Vom großen Evangelisten St. Johann –

Ein neues Lied im Himmel vor ihm an

Mit jenen Auserwählten im Verband,

Die nimmerdar ein fleischlich Weib erkannt.

Die ganze Nacht durchwachte, harrend immer,

Die arme Wittwe. – Doch ihr Kind blieb fort.

Und bleich vor Furcht ging sie beim Tagesschimmer

Zur Schule hin und suchte rings im Ort

Nach ihrem Kleinen emsig hier und dort.

Und so erfuhr sie schließlich durch ihr Spähen,

Daß man im Ghetto ihn zuletzt gesehen.

Im Mutterbusen Leid und Jammer hegend,

Und halb von Sinnen, ging die Wittwe dann

Auf Suche aus, jedweden Ort erwägend,

Wo sie den Kleinen etwa finden kann,

Und rief die güt’ge Mutter Christi an;

Bis sie, entschlossen, nach ihm das verfluchte

Quartier der Juden noch zuletzt durchsuchte.

Dort hub sie an, zu fragen und zu flehen,

Und ging in jedes Judenhaus hinein

Und bat zu sagen, ob sie nicht gesehen

Ihr kleines Kind? Und Alle sprachen: Nein!

Doch gab ihr Jesus den Gedanken ein,

Nach ihm zu rufen nahe bei der Stelle,

Wohin geschleppt ihn jener Mordgeselle.

O, großer Gott! zum Herold Deines Ruhmes

Machst Du der Unschuld Mund. Sieh’! Deine Macht

Wird von dem Glanzrubin des Märtyrthumes,

Der Keuschheit reinstem Demant und Smaragd,

Selbst mit zerschnittner Kehle kund gemacht!

Denn laut und deutlich durch den Platz erklingt,

Wie er sein »Alma redemptoris« singt.

Da dieses alle christlichen Genossen,

Die durch die Straßen gingen, Wunder nahm,

So sandten sie sofort zu dem Profoßen

Der augenblicklich auch zur Stelle kam,

Und Christ, den Himmelskönig lobesam,

Mit seiner allverehrten Mutter pries,

Und dann die Juden schleunigst binden ließ.

Emporgehoben unter Jammerklagen

Ward dann das Kind, das stets mit lautem Ton

Sein Lied noch sang, und zur Abtei getragen

In großer, feierlicher Procession.

Ohnmächtig lag die Mutter bei dem Sohn,

Und schwer nur schien den Leuten zu gelingen,

Die neue Rahel von ihm fortzubringen.

Durch einen Tod, der voller Schimpf und Qualen,

Ließ der Profoß sofort die Judenbrut,

Die darum wußte, für den Mord bezahlen.

Zu dulden war nicht solcher Frevelmuth;

Und den trifft Uebel, welcher Uebel thut.

Nach dem Gesetze ward von wilden Pferden

Das Pack geschleift, um dann gehängt zu werden.

Die kleine Unschuld lag auf seiner Bahre,

Und, ehe man die Leiche beigesetzt,

Sang mit den Klosterbrüdern vorm Altare

Der Abt die Messe; und dann ward zuletzt

Das Kind mit heil’gem Wasser noch benetzt.

Doch kaum fiel der geweihte Tropfen nieder,

Sang es: »O, Alma redemptoris« wieder.

Der Abt, ein Mönch von heilig frommen Sitten,

Wie Mönche oft – wenn auch nicht immer – sind,

Beschwor den Kleinen und hub an zu bitten:

»Bei dem dreiein’gen Gotte, sag’ geschwind,

Was ist Dir widerfahren, liebes Kind?

Durchschnitten ist Dir – seh’ ich – Deine Kehle.

Was ist der Grund, daß Du noch singst? Erzähle!«

»Bis auf den Wirbel ist mein Hals durchschnitten!«

– Sprach dieses Kind – »Längst hätt’ ich nach der Art

Der Menschenkinder schon den Tod erlitten,

Doch Christus – wie die Schrift Euch offenbart –

Will, daß sein Ruhm für ew’ge Zeit gewahrt,

Und läßt mich, mein Gebet ihr darzubringen,

Der theuren Mutter, noch: ›O, Alma‹ singen.«

»Die Mutter Gottes, diese Gnadenquelle,

Hab’ ich verehrt aufs Höchste lebenslang.

Sie war bei meiner Todesnoth zur Stelle,

Und hieß mich singen ihren Lobgesang.

Doch schien es mir, als ich im Tode rang,

Und ich das Lied sang, wie ich immer pflegte,

Daß sie ein Korn mir auf die Zunge legte.«

»Und deßhalb muß ich singen, immer singen

Zur Ehre dieser segensreichen Magd,

Bis von der Zunge dieses Korn zu bringen

Gelungen ist.« »Ich will« – hat sie gesagt –

»Dich nicht verlassen, sei nur unverzagt,

Mein lieber Sohn. Ich hole Dich bestimmt,

Wenn man das Korn von Deiner Zunge nimmt.«

Gleich nahm der heil’ge Mönch, der Abt vom Kloster,

Das Korn von seiner Zunge, und sodann

Schied von der Erde friedlich und getrost er.

Starr sah’, indem wie Regen niederrann

Sein Thränenstrom, der Abt dies Wunder an,

Und fiel in Ohnmacht, und wie angekettet

Lag er bewußtlos auf der Flur gebettet.

Und weinend sanken alle Mönche nieder

Und priesen Christi Mutter im Verein.

Und hinterher erhoben sie sich wieder,

Und in ein Grab von weißem Marmelstein

Versenkten sie des Märtyrers Gebein.

Dort ruht er sanft. Und möge Gott uns segnen,

Daß ihm im Himmel einst auch wir begegnen!

O, junger Hugh von Lincoln, uns entrissen

Nicht minder durch verfluchter Juden Hand

In jüngstvergangnen Zeiten, wie wir wissen,

Sei für uns Sünder voller Unbestand

Dein Fürgebet zum gnäd’gen Gott gesandt,

In uns die Gnadengabe zu vermehren,

Maria, seine Mutter, zu verehren!

Prolog zu Sire Thopas.

Vers 6301–6321.

Ernst zum Verwundern blickte vor sich nieder

Beim Schlusse des Mirakels Jedermann.

Zuerst gewann der Wirth die Fassung wieder,

Sah mich zunächst mit seinen Blicken an

Und frug darauf: »Was bist Du für ein Mann?

Du scheinst mir einem Hasen auf der Spur,

Denn auf die Erde starrst Du immer nur.

Komm’, rücke näher und erheitre Dich!

Ich bitte, Herr’n, räumt ihm ein Plätzchen ein:

Von Leibesumfang ist er ganz wie ich.

Dies muß für jedes Weibsbild, schmuck und fein,

Die wahre Puppe zum Umarmen sein!

Doch Koboldhaftes liegt in seinen Zügen,

Mit keinem Scherze macht er uns Vergnügen.

Gieb uns sofort, wie es die Andern thaten,

Zum besten einen lustigen Bericht!«

»Mein Wirth!« – sprach ich – »da bist Du schlecht berathen,

Denn andere Geschichten weiß ich nicht,

Wie höchstens nur ein altes Reimgedicht.«

»Schon gut!« – sprach er – »ich seh’ an Deinen Mienen,

Du wirst uns schon mit guter Kost bedienen.«

Der Keim von Sire Thopas.

Vers 6322–6526.

Ihr Herren, hört mich gütigst an,

Denn melden will ich verament,

Euch einen lust’gen Spaß.

Von einem braven Rittersmann,

Der manchen Streit und Strauß gewann,

Mit Namen Sire Thopas.

Zur Welt kam er am fernen Strand

Jenseits des Meers im Flanderland,

Die Stadt hieß Popering.

Es war ein Mann von freiem Stand

Sein Vater, der aus Gottes Hand

Die Herrschaft dort empfing.

Sire Thopas war ein tapfrer Wicht,

Wie Franzbrod weiß war sein Gesicht,

Und scharlachroth sein Blut;

Und rosig war – ich lüge nicht –

Sein Mund, und war die Nase schlicht,

So stand sie ihm doch gut.

Von Corduan sein Schuhwerk war

Und saffrangelb hing Bart und Haar

Bis auf den Gurt ihm kraus.

Aus Brügge kam sein Hosenpaar,

Für seinen Goldrock gab er baar

Viel Genueser aus.

Das wilde Reh zu jagen, strich

Und auf der Falkenbeize schlich

Er überall umher.

Als Bogenschütz ihm keiner glich,

Bei jedem Ringkampf, sicherlich,

Gewann den Hammel er.

Nach ihm hat manche schöne Maid,

Anstatt zu schlafen, voller Leid

Aus par amour gegirrt.

Doch glich an süßer Züchtigkeit

Dem Blümchen er, das mit der Zeit

Zur Hagebutte wird.

Erzählen will ich Euch nunmehr,

Wie eines Tags von ungefähr

Sire Thopas stieg zu Pferd.

Auf seinem grauen Hengst ritt er,

Und trug in seiner Hand den Speer

Und in dem Gurt das Schwert.

So ritt durch einen Wald er fort

– Viel wilde Thiere gab es dort,

Ja, Hasen gab’s und Reh’ –.

Er ritt nach Ost, er ritt nach Nord

Und ihm passirte – auf mein Wort! –

Beinah’ ein großes Weh.

Dort wuchsen Kräuter groß und klein

Bei Baldrian und Nägelein

Und Süßholz und Muskat,

Von dem die Nuß ins Bier hinein

– Mag’s frisch, mag’s abgestanden sein –

Ich Euch zu werfen rath’.

Dort tönte lust’ger Vögel Sang;

Es pfiff den ganzen Tag entlang

Der Specht, sowie der Fink,

Die Melodie der Drossel klang,

Von Ast zu Ast sich gurrend schwang

Die Turteltaube flink.

Und als der Drossel Lied erscholl

Ward windelweich und liebevoll

Es Sire Thopas zu Muth.

Er stachelte sein Roß wie toll,

Und von den Flanken rieselnd quoll

Dem Gaule Schweiß und Blut.

Doch müde ward Sire Thopas bald,

Zu reiten durch den grünen Wald

Mit solchem Ungestüm.

An einem Platze macht’ er Halt,

Und als sein Roß er angeschnallt,

Gab er auch Futter ihm.

»Heil’ge Maria, ach, erbarm’

Dich meiner in dem Liebesharm,

Der mich bedrängt so schwer.

Ich träumte Nachts, ich hielte warm

Die Elfenkönigin im Arm,

Und daß mein Schatz sie wär’.«

»Es ist die Elfenkönigin,

Der ich in Lieb’ ergeben bin.

Auf keine andre lenk’ ich hin – die Wahl,

Kein Weib im Land begehrt mein Sinn,

Nur nach der Elfenkönigin

Durchreit’ ich Berg und Thal.«

Dann stieg zu Roß und jagte keck

Er wieder durch Morast und Dreck,

Und suchte zu erspähn

Der Elfenkönigin Versteck,

Und kam nach langem Ritt zum Zweck

Und fand das Land der Fee’n.

Dort war er nun nach Nord und Süd

Mit seinem Mund zu spähn bemüht

In manchen wilden Wald.

Doch Keinen fand er; denn es mied

So Weib wie Kind in dem Gebiet

Aus Furcht den Aufenthalt.

Bis er vor einem Riesen stand;

Es nannte sich Sire Olephant,

Der Wütherich und sprach:

»Räumst Du mein Reich nicht, junger Fant,

Ist’s um Dein Roß – bei Termagant! –

Durch einen Keulenschlag – geschehn;

Bei Harfenspiel und Symphonie

Und Pfeifenklängen wohnt allhie

Die Königin der Feen.«

Sire Thopas sprach: »Mit Schild und Wehr

Komm’ morgen früh ich wieder her

Zum Kampfe, meiner Treu’!

Und, par ma foi, ich hoffe sehr

Du fühlst durch meinen lust’gen Speer

Noch bitterliche Reu. – Den Bauch

Durchstech’ ich Dir, wenn mir’s gelingt,

Und mache Dich, eh’ Abend sinkt,

Zu meinem Sclaven auch.«

Sire Thopas eilte rasch zurück.

Ihm schleuderte manch Felsenstück

Der Riese hinterdrein.

Sire Thopas aber mied mit Glück,

Durch Gottes Huld und sein Geschick,

Vorsichtig jeden Stein.

Doch hört, Ihr Herr’n, denn mehr ergötzt

Als Nachtigallensang Euch jetzt

Ganz sicherlich mein Reim.

Sire Thopas spornt den Gaul und hetzt

Durch Berg und Thal, bis er zuletzt

Gelangte wieder heim.

Die Sänger rief er dann herbei,

Damit er aufgeheitert sei,

Bekämpf’ er im Turnier

Den Riesen mit den Köpfen drei

Aus par amour und nebenbei

Der Dame zum Pläsir.

»Ihr Sänger,« – sprach er – »seid bereit

Und singt, zu kürzen mir die Zeit,

Umgürt’ ich mich mit Stahl,

Romanzen voller Liebesleid

Und Lieder voller Herrlichkeit

Von Papst und Cardinal.«

Die Becher trugen sie hinein,

Sie holten Meth, sie brachten Wein

Und Backwerk allerhand,

Wie Honigbrod voll Spezerei’n,

Süßholz und Kümmel und sehr fein

Gestoßnen Zuckerkand.

Er kleidete mit eigner Hand

Den Leib in feinste Leinewand,

Und Arm und Beine steckt’

In Wamms und Hosen er und band

Den Harnisch über sein Gewand,

Damit die Brust gedeckt.

Ein Panzerhemd er drüber that,

Das aus dem stärksten Eisendraht

Von Judenhand gemacht.

Zum Schmucke zog er fernerweit

Ein lilienweißes Wappenkleid

Darüber für die Schlacht.

Im Schilde, das wie Gold so roth,

Mit Augen von Karfunkeln droht

Ein Eberkopf voll Groll.

Er schwur bei Bier, er schwur bei Brod,

Den Riesen schlüg’ er sicher todt,

Es komme, was da woll’!

Es war gemacht sein Stiefelpaar

Aus cuirbouly, aus Messing war

Sein Helm; aus Elfenbein

Des Schwertes Scheide, und fürwahr

Sein Fischbein-Sattel glänzte klar,

Wie Mond und Sonnenschein.

Sein Speer, ganz haarscharf zugespitzt

Und aus Cypressenholz geschnitzt,

Statt Frieden Krieg versprach.

Sein Roß war apfelgrau und ging

Auf seinem Wege sanft und flink

Im Trabe wohlgemach – einher.

Und hiermit schließt mein erster Sang,

Doch dünkt’s Euch Herren nicht zu lang,

Erzähl’ ich Euch noch mehr.

Par charité! nicht länger plauscht,

Ihr Herr’n und Damen, hört und lauscht

Jetzt sämmtlich auf mein Wort.

Von Schlachten und von Rittersinn,

Von Galant’rie und Weiberminn’

Bericht’ ich Euch sofort.

Sprecht von Romanzen Ihr, gewiß

Erwähnt Ihr Hornchild, Ipotis,

Sire Libeux, Pleindamour,

Sire Guy, Sire Bevis; doch die Blum’,

Der Stolz, die Zier vom Ritterthum,

Das ist Sire Thopas nur.

Er schwang sich auf sein gutes Roß

Und eilends er von hinnen schoß

Wie Funken aus dem Schlot.

Sein Helmschmuck war und Wappenknauf

Ein Thurm mit einer Lilie drauf.

– Beschütz’ ihn Gott in Noth! –

Da er auf Abenteuer aus

Gezogen war, schlief statt im Haus

Er stets im Mantel nur.

Sein Kopfpfühl war sein Helm. Sein Roß

Stand ihm zur Seite und genoß

Die Kräuter auf der Flur.

Er selbst trank Wasser aus dem Quell,

Wie einst der Ritter Percivell,

Der Ehrenmann, gethan;

Bis eines Tags – – –

Der Prolog zu Melibeus.

Vers 6527–6574.

»Bei Gottes Würdigkeit, nichts mehr davon!«

– Rief unser Wirth – »Ich bin so müde schon

Von Deiner dummen, faden Leierei,

Daß meine Ohren – stehe Gott mir bei! –

Mir schmerzen von den abgeschmackten Sachen.

Der Teufel möge solche Reime machen!

Das nenn’ ich Knüppelreime!« – sprach der Wirth.

»Wie so?« – frug ich – »Soll ich denn unbeirrt

Nicht forterzählen, wie ein andrer Mann,

Da dies der beste Reim ist, den ich kann?«

»Bei Gott!« – rief er – »ganz grad’ heraus erklärt,

Nicht einen Deut ist Dein Gereime werth,

Nur Zeitverschwendung ist’s! Mit einem Wort,

Mein lieber Herr, Du reimst nicht weiter fort.

Laß sehen, weißt Du keine Thatgeschichten,

Und sei es auch in Prosa, zu berichten,

Die lehrhaft sind und lustig obendrein?«

»Recht gern,« – sprach ich – »bei Christi süßer Pein!

In Prosa weiß ich etwas vorzutragen,

Und, wie ich denke, soll es Euch behagen,

Sitzt Ihr nicht allzustrenge zu Gerichte.

Es ist die sittsamste Moralgeschichte;

Doch daß sie auch von Andern wird erzählt

In andrer Weise, sei Euch nicht verhehlt.

Ihr wißt gar wohl, daß jeder Evang’list

Vom Leiden unsres Herren, Jesu Christ,

Nicht immer grade wie der andre schreibt,

Wenn ihre Meinung auch dieselbe bleibt.

Sie stimmen in den Sachen überein,

Mag auch ihr Ausdruck oft verschieden sein.

Der schildert kurz, und jener schildert lang

Uns Christi jammervollen Kreuzesgang,

Doch gleichen Sinns, wie man nicht zweifeln kann,

Sind Mark, Matthäus, Lukas und Johann.

Und daher bitt’ ich insgesammt Euch, Herr’n,

Zeih’t mich nicht gleich der Willkür, insofern

Mehr Sprüche, als Ihr früherhin vernommen,

In der Erzählung Euch zu Ohren kommen.

Dem kleinen Schriftstück dadurch mehr Effect

Zu geben, hab’ ich einzig nur bezweckt.

Hört Ihr mich drum mit andern Worten reden

Wie Ihr gewohnt seid, bitt’ ich dennoch Jeden

Mich darum nicht zu tadeln; denn ich weiche

Vom Sinn nicht ab. Die Meinung ist die gleiche

Mit jener kleinen Abhandlung geblieben,

Nach welcher ich dies lust’ge Stück geschrieben.

Drum, darf ich bitten, was ich sage, hört,

Und auserzählen laßt mich ungestört!«

Die Erzählung von Melibeus.

Ein junger Mann, mit Namen Melibeus, reich und mächtig, zeugte mit seinem Weibe, Prudentia mit Namen, eine Tochter, die man Sophia hieß. Und eines Tages geschah, daß er zum Zeitvertreib aufs Feld hinaus, sich zu ergötzen, ging. Er ließ sein Weib und Töchterlein im Hause, von dem die Thüren fest verschlossen waren. Vier seiner alten Feinde hatten es erspäht und setzten Leitern an des Hauses Wände und durch die Fenster stiegen sie hinein; und dann verwundeten sie seine Tochter an fünf verschiedenen Stellen tödtlich mit fünf Wunden, das heißt an ihren Füßen, ihren Händen, an ihren Ohren und an Mund und Nase, und ließen sie für todt und gingen fort. Als Melibeus, wieder heimgekehrt, das Unglück sah, zerriß er wie ein Toller seine Kleider und hub zu weinen und zu schreien an.

Prudentia, sein Weib, so weit sie’s wagen durfte, ersuchte ihn mit Weinen aufzuhören; indeß er schrie und weinte immer mehr.

Dies edle Weib, Prudentia, besann sich auf eine Stelle im Ovid, aus jenem Buche, genannt der Liebe Heilung, worin er sagt: der ist ein Narr, der eine Mutter stört, wenn sie des Kindes Tod beweint, eh’ sie sich eine Zeit lang satt geweint; und dann soll sich der Mann befleißen, sie zu trösten mit Liebesworten, und er soll sie bitten, mit Weinen aufzuhören.

Aus welchem Grunde dieses edle Weib, Prudentia, geduldig es ertrug, daß eine Weile lang ihr Gatte schrie und weinte. Und als sie ihre Zeit gekommen sah, sprach sie zu ihm in dieser Art:

»Ach, Herr! Du machst Dich selber einem Narren gleich! Gewiß es ziemt nicht einem weisen Manne, daß er sich solche große Sorgen mache.« Denn deine Tochter wird durch Gottes Gnade genesen und es überstehn. Und ständ’ es so, daß sie gestorben wäre, darfst Du Dich doch nicht selbst um ihren Tod zerstören. Denn so spricht Seneka: »Ein weiser Mann soll nicht zu sehr den Tod von seinen Kindern bejammern, sondern mit Geduld ihn tragen, so gut wie er den eigenen Tod erwarten muß.«

Doch Melibeus Antwort gab und sprach: »Wer könnte wohl das Weinen unterlassen, wenn also groß der Grund zum Weinen ist. Selbst Jesus Christus, unser Herr, beweinte den Tod von seinem Freunde Lazarus.«

Prudentia entgegnete: »Fürwahr, ich weiß, gemäßigt Weinen ist uns nicht verboten. Darf man betrübt mit den Betrübten sein, so ist gewiß zu weinen auch erlaubt. Apostel Paulus an die Römer schreibt: Der Mensch soll sich erfreuen mit den Frohen und weinen mit dem Volke, welches weint. Doch wenn gemäßigt Weinen auch erlaubt ist, ist ungemäßigt Weinen doch verboten. Im Weinen ist das rechte Maß zu halten, gemäß dem Spruch, den Seneka uns lehrt. Ist todt Dein Freund – so spricht er – so laß Dein Auge nicht zu feucht von Thränen, noch zu trocken sein; und wenn die Thränen Dir ins Auge kommen, so lasse sie nicht fallen. Und wenn ein Freund von Dir geschieden ist, so suche einen andern Freund zu finden. Denn das ist größre Weisheit, als zu weinen um Deinen Freund, den Du verloren hast. Was kann Dir dieses nützen? Und deßhalb – läßt Du Dich durch Weisheit leiten – treib Deine Sorgen aus dem Herzen fort! Erinnere Dich, was Jesus Sirach sagt: Ein fröhlich Herze macht das Alter lustig, doch ein betrübter Muth vertrocknet das Gebein. Auch sagt er: Sorgen in dem Herzen haben schon um sein Leben manchen Mann gebracht. Salamo sagt: Wie Motten in der Schafe Pelz die Kleider schädigen und der kleine Wurm den Baum, so schädigt Sorge auch das Herz des Menschen. Deswegen sollen wir den Tod von unsern Kindern so wie von unserm zeitlichen Besitz mit Langmuth tragen. Erinnere des geduldigen Hiob Dich. Als seine Kinder er verloren hatte und sein irdisch Gut, sprach dennoch er: Von meinem Herren ward es mir gegeben, von meinem Herren ward es mir genommen; wie es mein Herr gewollt hat, so ist’s recht; gesegnet sei der Name meines Herrn!«

Auf alle diese Sachen seinem Weibe, Prudentia, Antwort gebend, Melibeus sprach: »All’ Deine Worte sind so wahr wie nützlich.« Doch ist mein Herz also von Sorgen schwer, daß ich nicht weiß, was ich beginnen soll.

»Laß rufen« – sprach Prudentia – »alle treuen Freunde und wer von der Verwandtschaft weise ist. Erzähle ihnen Deinen Fall und horche, was sie im Rathe Dir zu sagen haben, und richte Dich nach ihrem Urtheilsspruch. Salamo sagt: Befolgst Du weisen Rath in allen Dingen, wirst Du es niemals zu bereuen haben.«

Auf diesen Rathschlag seines Weibes, Prudentia, ließ Melibeus eine Versammlung dann zusammenrufen von unterschiedenen Leuten, wie Doktoren und Aerzten, alt und jungem Volke und einigen von seinen alten Feinden, die – ausgesöhnt mit ihm, so wie es schien – in seiner Gunst und Gnade wieder standen. Und gleicher Weise kamen auch zu ihm etwelche seiner Nachbaren, die ihn aus Furcht mehr als aus Liebe ehrten, wie solches oft geschieht. Auch manche zungenfert’ge Schmeichler kamen und im Gesetz gelehrte, kluge Advokaten.

Und als dies ganze Volk vorsammelt war, erklärte Melibeus ihm in sorgenvoller Weise seinen Fall. Und nach der Art von seinem Vortrag schien es, als ob er grimmen Zorn im Herzen trage, bereit an seinen Feinden sich zu rächen, und wünsche, daß sofort der Krieg beginne.

Nichtsdestoweniger erbat er sich doch ihren Rathschlag in Betreff der Sache.

Ein Wundarzt trat hervor und mit Erlaubniß und Genehmigung von denen, welche weise waren, sprach er zu Melibeus, was Ihr hören sollt: »Herr! –« sagte er – »uns Aerzten steht es an, daß wir an Jedermann das Beste thun, was wir vermögen, wenn herbeigerufen, und daß wir den Patienten keinen Schaden thun. Daher geschieht es manches Mal, daß, wenn zwei Leute gegenseitig sich verwundet haben, derselbe Wundarzt beide heilt; und so ist’s nicht mit unsrer Kunst verträglich, Partei zu nehmen und den Streit zu nähren. Doch sicherlich, was Eurer Tochter Heilung anbetrifft, so werden wir bei Tage wie bei Nacht stets unsere Pflicht so aufmerksam erfüllen, daß sie mit Gottes Hilfe bald gesund und heil soll werden, wenn es möglich ist.«

Ganz in derselben Weise sprachen die Doktoren, indeß gebrauchten sie der Worte mehr und sagten: wie durch Gegensätze man die Krankheit banne, so sei auch Streit in gleicher Art zu heilen.

Die Neider unter seinen Nachbarsleuten und seine heuchlerischen Freunde, die sich zum Scheine mit ihm ausgesöhnt und seine Schmeichler heuchelten zu weinen und übertrieben und vergrößerten in reichem Maße seine Sache, indem sie Melibeus höchlichst priesen ob seiner Kraft und seiner Mächtigkeit, ob seiner Freunde und ob seiner Güter, und seiner Gegner Macht verachteten; und ohne Rückhalt riethen sie ihm an, er müsse sich an seinen Feinden rächen und gegen sie sofort den Krieg beginnen.

Ein weiser Advokat erhob sich dann und mit Erlaubniß und Genehmigung von denen, so weise waren, sprach er: »Die Angelegenheit, die uns an diesem Ort vereint, ist ein gar schwer gewichtig Ding und sehr bedeutungsvoll, sowohl der Schlechtigkeit und Bosheit wegen, so ausgeübt, als auch nicht minder aus dem Grunde, daß großer Nachtheil noch aus dieser Sache in spätrer Zeit vielleicht entstehen kann, sowie auch ferner in Betracht des Reichthums und der Macht der gegenseitigen Parteien. Aus welchem Grund es höchst gefährlich wäre, in dieser Sache sich zu irren. Daher ist dieses unsre Meinung, Melibeus: Wir rathen Dir vor allen Dingen, daß Du gleich Dein Bestes thust, um Deine eigene Person zu sichern in solcher Weise, daß es an Kundschaft nicht noch Wache Dir ermangle, um Deinen Leib zu schützen. Und darnach rathen wir Dir an, Dein Haus hinreichend mit Besatzung zu versehen, die wohl im Stande ist, nicht minder Deinen Leib als Deine Wohnung zu vertheidigen. Indessen, ob es nützlich, Krieg zu führen und unverzüglich Rache auszuüben, darüber können in so kurzer Zeit wir nicht entscheiden. Deßwegen bitten wir um Frist und Muße zur Ueberlegung, ehe wir entscheiden. Denn sagt nicht das gemeine Sprüchwort schon: Wer rasch entscheidet, wird es rasch bereuen. Auch spricht das Volk: Der ist ein weiser Richter, der rasch die Sache aufzufassen weiß, indessen Zeit sich zur Entscheidung gönnt. Zwar geb’ ich zu, daß alles Zögern höchst verdrießlich ist, jedoch wenn man sein Urtheil geben soll, so ist es nicht zu tadeln; dann ist es angemessen und durchaus vernünftig. Das zeigte Jesus Christus, unser Herr, durch eignes Beispiel. Denn als man das auf Ehebruch ertappte Weib ihm gegenüber stellte, war er sich zweifelsohne wohl bewußt, was er als Antwort ihnen sagen wollte; jedoch nicht plötzlich wollte er sie geben und darum schrieb er, Untersuchung pflegend, zuvor erst zweimal in den Sand. Aus diesen Gründen bitten wir um Ueberlegung und darauf werden wir mit Gottes Gnade Dir etwas rathen, was Dir nützen soll.«

Das junge Volk erhob sich wie ein Mann, und der Versammlung Mehrzahl spottete des alten weisen Mannes und fing zu lärmen an und sagte: »Recht so, wie man das Eisen schmieden muß, so lang es warm, recht so soll auch ein Mann die Unbill rächen, so lang’ dieselbe frisch und neu noch ist«; und dann mit lauter Stimme schrieen sie: »Krieg, Krieg!« Auf sprang indessen einer jener alten Weisen, und gab mit seiner Hand ein Zeichen, daß alles schweige und Gehör ihm schenke. »Ihr Herren!« – sprach er – »es giebt manchen Mann, der schreit: Krieg! Krieg! und weiß dabei nur wenig, was Krieg besagen will. Anfangs hat Krieg so großen, weiten Eingang, daß Jeder, dem gelüstet Krieg zu führen, ein solches leicht vermag: indessen wie das Ende sich gestalten werde, ist sicherlich so leicht zu wissen nicht: Fürwahr, wenn erst ein Krieg begonnen hat, so findet manches ungeborne Kind der Mutter durch eben diesen Krieg den Tod schon früh, oder lebt sorgenvoll und stirbt im Elend; und darum sollte, eh’ ein Krieg begonnen wird, man große Ueberlegung pflegen und großen Rath zuvor darüber halten.« Und als der alte Mann dann seine Rede durch weitre Gründe zu verstärken dachte, begann mit einemmal beinah’ das ganze Volk sich zu erheben, und, seine Rede unterbrechend, hießen sie ihm oftmals seine Worte abzukürzen. Wer zu dem Volk von einer Sache spricht, die es nicht hören mag, deß Predigt wird dem Volke stets mißfallen. Denn Jesus Sirach sagt: Musik im Trauerhause sei ein lustig Ding. Das heißt: Man redet vor dem Volk vergeblich, wenn ihm die Rede nicht gefällt, wie man vergeblich singt, vor dem, der weint.

Und als daher der alte Mann ersah, daß ihm die Hörer fehlen würden, so setzte er sich schamvoll nieder. Denn es sagt Salamo: Wenn man Dir nicht Gehör schenkt, spare Deine Worte. »Ich sehe wohl,« – sprach dieser weise Mann – »daß das gemeine Sprüchwort Recht behält: es fehlt an gutem Rathe, wenn man ihn bedarf.«

Doch waren in des Melibeus Rath auch manche Leute, die ihm heimlich in das Ohr zu dieser oder jener Sache riethen, dagegen öffentlich ihm grade widerriethen. Als Melibeus nun gehört, daß sich der größte Theil von seiner Rathsversammlung in Uebereinstimmung befand, daß er den Krieg beginnen solle, trat er sofort auch ihrer Meinung bei und billigte den Urtheilsspruch vollkommen.

Als aber Frau Prudentia ersah, daß ihres Mannes Absicht dahin ziele, an seinen Feinden sich zu rächen und Krieg mit ihnen anzufangen, sprach diese Worte sie zu ihm: »Mein Herr!« – so sagte sie – »ich bitte Dich, so herzlich als ich kann und darf, verfahre nicht mit übergroßer Hast und gieb um jeden Preis auch mir Gehör. Petrus Alphonsus sagt: Wenn man Dir Gutes oder Uebles thut, so eile nicht, es wieder zu vergelten, denn Du wirst Deine Freunde dann behalten und Deine Feinde haben länger Furcht. Das Sprüchwort sagt: Am besten eilt, wer klug zu warten weiß, und Böses erntet, wer das Böse sä’t.«

Worauf indessen Melibeus seinem Weibe Prudentia zur Antwort gab: »Ich denke nicht, nach Deinem Rathe mich zu richten aus mancher Ursache und manchen Gründen. Denn Jeder würde sicher von mir denken, ich sei ein Thor, wenn ich um Deines Rathes willen an Sachen ändern wollte, die von so vielen weisen Leuten beschlossen sind und ausgemacht. Zum zweiten aber sage ich, ein jedes Weib ist böse und nicht ein einziges gutes unter allen. Denn unter tausend Männern – so sagt Salamo – hab’ ich wohl einen guten Mann gefunden; doch unter allen Weibern fand ich nie ein gutes. – Wenn ich von Deinem Rath mich leiten ließe, so würd’ es sicher außerdem noch scheinen, als ob ich Dir die Herrschaft über mir gegeben, und Gott verhüte, daß dem also sei. Denn Jesus Sirach sagt: Sobald ein Weib die Oberherrschaft hat, so handelt ihrem Manne sie zuwider; und Salamo sagt: Gieb nie in Deinem Leben Deinem Weibe, noch Deinen Kindern oder Freunden Macht über Dich, denn besser ist es, daß Deine Kinder Dich um ihre Nothdurft bitten, als daß Du selbst in Deiner Kinder Hand Dich giebst.

Und wollte ich in dieser Sache jetzt nach Deinem Rathe auch zu Werke gehn, so müßte es so lang’ verschwiegen bleiben, bis daß die Zeit kommt, wo man’s wissen darf. Und dieses dürfte kaum geschehen können, wenn ich von Dir berathen worden bin. [Geschrieben steht: Geschwätzigkeit der Weiber verbirgt nur das, was ihnen unbekannt ist. Auch sagt der Philosoph noch fernerweit: In bösem Rath sind alle Weiber den Männern weit voraus; und das sind meine Gründe, weßhalb ich Deinen Rathschlag nicht begehre.«]

Als Frau Prudentia voller Freundlichkeit mit großer Sanftmuth alles angehört, was ihr zu sagen ihrem Mann beliebte, erbat sie sich von ihm Erlaubniß, auch ihrerseits zu reden und sprach in dieser Art: »Mein Herr, – begann sie – was den ersten Eurer Gründe anbelangt, so ist darauf die Antwort leicht gegeben. Denn ich behaupte, es sei keine Thorheit, Entschlüsse dann zu ändern, wenn sich die Sache selbst geändert hat, oder in einem andern Lichte uns erscheinet, denn zuvor. Und ich behaupte ferner noch, daß, hättet Ihr gelobt selbst und geschworen, ein Unternehmen auszuführen, jedoch gerechter Ursach’ willen solches unterlaßt, aus diesem Grunde dennoch Niemand sagen soll, daß Ihr eidbrüchig und ein Lügner seid. Das Buch besagt: Ein weiser Mann verliere nichts dabei, wenn er den Sinn zu etwas Besserm kehre. Auch in dem Fall, daß Euer Unternehmen von einer großen Menge Volks berathen und beschlossen worden ist, befolgt ihr dennoch, was Euch vorgeschlagen, nur insofern Euch solches selbst behagt; denn jeder Sache Nützlichkeit und Wahrheit wird besser von den Wenigen erkannt, die weise und vernünftig sind, als von der Menge, in der Jeder schreit und Beifall dem klascht, welches ihm gefällt. Fürwahr, solch große Menge ist nicht ehrlich. Und nun zu Eurem zweiten Grunde: Wenn Ihr besagt, daß alle Weiber böse seien, dann – mit Verlaub – müßt Ihr auch folgerichtig sie allesammt verachten; dagegen sagt das Buch: Wer Jedermann verachtet, der mißfällt auch Jedem. Und Seneka besagt: Wer nach der Weisheit streben will, muß Niemanden mißachten, dagegen frohen Sinns und ohne Stolz und Anmaßung die Kenntniß lehren, die ihm eigen ist, und sich nicht schämen, Dinge, die er nicht versteht, von Leuten zu erfahren und zu lernen, welche geringer als er selber sind. Und, Herr, daß manches gute Weib gelebt hat, ist leichtlich zu erweisen. Denn, Herr, gewißlich, der Herr Jesus Christ würde sich nimmermehr erniedrigt haben, daß durch ein Weibsbild er geboren würde, wenn alle Weiber schlecht gewesen wären. Und hinterher, der großen Güte wegen, die in Weibern ist, erschien auch der Herr Jesus Christ, als er vom Tod zum Leben auferstanden war, noch einem Weibe lieber als den Jüngern. Und wenn auch Salamo besagt, er hätte nie ein gutes Weib gefunden, so folgt daraus noch keineswegs, daß alle Weiber böse sind. Denn ob er nie ein gutes Weib gefunden, so fand, gewißlich, mancher andre Mann doch manches Weib voll Güte und voll Treue. Wahrscheinlich aber war die Meinung Salamos, daß er kein Weib von ganz vollkommner Güte gefunden habe; das heißt: kein Wesen ist vollkommen gut, als Gott allein, wie er es selbst im Evangelium lehrt. Denn da ist keine Creatur so gut, daß ihr an der Vollkommenheit von ihrem Gott und Schöpfer nicht etwas mangele. – Der dritte Eurer Gründe ist dann dieser: Ihr sagt, wenn Ihr durch meinen Rath Euch leiten ließet, so würde es erscheinen, als ob Ihr mir die Herrschaft und Regierung gegeben hättet über Euere Person. Herr! mit Verlaub, dem ist nicht so. Denn dürfte man sich nur von solchen rathen lassen, die über unsere Person die Herrschaft und Regierung haben, so würde man nicht oft berathen sein. Denn wer sich Rath zu einem Zweck erbittet, der hat noch stets die freie Wahl, ob er dem Rathe folgen will, ob nicht. Und nun zum vierten Grunde, wo Ihr sagt, daß die Geschwätzigkeit der Weiber nur das, was ihnen unbekannt, verberge. Herr! Diese Worte gelten nur für Weiber, die Schwätzerinnen und verdorben sind, von denen man gesagt hat, daß drei Dinge den Mann aus seinem eigenen Hause jagen, nämlich: Rauch, Regen und die bösen Weiber. Von solchen Weibern sagt auch Salamo: es sei weit besser, daß man in der Wüste, als mit der Zänkerin beisammen wohne. Und mit Erlaubniß, Herr! das bin ich nicht. Denn oft genug habt Ihr erprobt, wie viel Geduld und Schweigsamkeit ich habe und wie ich solche Sachen hüten kann und wahren, die man geheimnißvoll verbergen soll. Und nunmehr, was den fünften Grund betrifft. Obschon Ihr sagt, daß in bösem Rathe die Weiber überlegen sind den Männern, so hält – weiß Gott! – hier dieser Grund nicht Stich. Denn so müßt Ihr’s verstehen. Ihr fragt um Rath, was Böses zu begehen, und wenn Ihr Böses unternehmen wollt, und Euer Weib hält Euch von dieser bösen Absicht dann zurück, so ist, gewißlich, Euer Weib dafür weit mehr zu loben als zu tadeln. So müßt den Philosophen ihr verstehn, wenn er besagt, daß bei bösem Rathe das Weib dem Manne überlegen sei. Wenn Ihr ein jedes Weib und ihre Gründe tadelt, so kann ich Euch durch manches Beispiel zeigen, daß viele gute Weiber lebten und noch leben, und daß ihr Rath heilsam und nützlich ist. Seht Jakob an, der durch Rebekkas, seiner Mutter, Rath den Segen seines Vaters sich gewann, sowie die Herrschaft über seine Brüder. Durch ihren guten Rath befreite Judith die Stadt Bethulia, in der sie wohnte, aus Holofernes’ Hand, der sie belagerte und ganz zerstören wollte. Abigail befreite Nabal, ihren Mann, vom König David, der ihn tödten wollte, und sie beruhigte den Zorn des Königs durch ihren Witz und ihren guten Rath. Esther hob Gottes Volk durch guten Rathschlag hoch empor unter der Herrschaft Königs Ahasverus. Auch noch von manchen andern guten Weibern, die gleichfalls reich an gutem Rath gewesen, vermöchte man zu lesen und zu sprechen. Und fernerweit: als unser Herr den Adam, den Vater unsres Stamms erschaffen hatte, sprach er in dieser Weise: Es ist nicht gut, ein Mann allein zu sein; laßt uns darum ihm eine Hülfe machen, welche ihm selber gleich ist. Hieraus könnt Ihr ersehen, wären Weiber nicht gut und nicht ihr Rathschlag werth und nützlich, so würde Gott sie nicht erschaffen haben und hätte sie anstatt Gehülfinnen des Mannes vielmehr Verderberinnen des Manns genannt. Und einst sprach in zwei Versen ein Gelehrter: Was ist besser als Gold? – Jasper! – Was ist besser als Jasper? – Weisheit! Was ist besser als Weisheit? – Das Weib! – Und was ist besser als ein gutes Weib? – Nichts!! – Und Herr! aus manchen andern Gründen könnt Ihr sehn, daß viele Weiber gut sind und daß ihr Rath heilsam und nützlich ist. Und deßhalb, Herr! wollt meinem Rath Ihr traun, so will ich Eure Tochter heil und gesund zurück Euch geben, und werde manches andre für Euch thun, von dem Ihr große Ehre haben sollt.«

Als Melibeus diese Worte seines Weibes Prudentia vernommen hatte, sprach er: »Ich sehe wohl, das Wort von Salamo hat Recht: Ein freundlich Wort zu guter Zeit ist Honigseim; denn es ist für die Seele Süßigkeit und giebt Gesundheit unserm Leibe. Und, Weib! um Deiner süßen Worte willen und weil ich Deine große Weisheit und Deine große Treue erprobt und wohl bewährt gefunden habe, will ich in allen Dingen mich nach Deinem Rathe richten.«

»Nein, Herr!« – sprach Frau Prudentia – »da Ihr mir versprecht, daß Ihr durch meinen Rath Euch leiten lassen wollt, will ich Euch lehren, wie bei der Wahl von Räthen zu verfahren sei. Zunächst erfleht vom lieben Gott, in Demuth bei allen Werken Euer Rath zu sein; und daß er seinen Rath und Trost Euch gebe, betragt Euch so, wie es Tobias seinem Sohne lehrte: Gott, Deinen Herren, segne jeder Zeit und bitte ihn, Dich auf dem graden Wege zu erhalten, und all Dein Denken sei in ihm auf immerdar. Auch St. Jakobus sagt: Ermangelt Jemand unter Euch der Weisheit, so bittet Gott darum.

Und hinterher müßt Rath Ihr bei Euch selber pflegen und die eigenen Gedanken wohl erwägen in solchen Dingen, die Euch nützlich scheinen. Das aber müßt Ihr aus dem Herzen bannen, was gutem Rath zuwider ist, und das heißt: Zorn und Neid und Uebereilung. Zum ersten: wer bei sich selbst zu Rathe gehen will, muß ohne Zorn sein; das ist sicherlich aus manchen Gründen nöthig. Der erste ist: daß, wer von Zorn erfüllt und rachbegierig ist, der glaubt, er könne thun, was unthunlich ist. Und zweitens: wenn man zornig ist und böse, kann man nicht überlegen, und wo die Ueberlegung fehlt, fehlt Rath. Zum dritten aber sagt uns Seneka, daß der, so zornig ist und wuthentbrannt, nur tadelnswerthe Dinge spricht und Andere durch schlimme Worte zu Zorn und Aerger reizt. Und Herr! Begehrlichkeit treibt gleichfalls aus dem Herzen fort. Denn der Apostel spricht, daß die Begehrlichkeit die Wurzel alles Uebels sei. Und glaubt mir wohl: ein habsücht’ger Mann denkt an nichts weiter, als an das Ziel von seiner Habsucht zu gelangen, und sicher wird er nie befriedigt sein; denn mit dem Ueberfluß an Reichthum wächst auch die Begehrlichkeit noch mehr. Und Herr! auch Uebereilung müßt Ihr aus dem Herzen bannen, denn für das Beste könnt Ihr sicherlich nicht den Gedanken halten, der plötzlich sich in Eurem Herzen regt; vielmehr müßt Ihr ihn oftmals überlegen, denn, wie ich vorhin schon gesagt, das Sprüchwort heißt: Wer rasch entscheidet, der wird rasch bereun. Herr! Ihr seid nicht immer in der gleichen Stimmung, denn, sicherlich, Ihr haltet eine Sache oft für gut, die später Euch als Gegentheil erscheint. Und habt Ihr bei Euch selber Rath gepflogen und dann durch weise Ueberlegung ausgefunden, was Euch das Beste scheint, dann rath’ ich Euch, es ganz geheim zu halten. Vertrauet Keinem Eure Absicht an, wenn Ihr nicht sicher glaubt, daß Ihr durch Mittheilung die eigne Lage sehr verbessern könnt. Denn Jesus Sirach sagt: Nicht Deinem Freunde noch Deinem Feinde offenbare Dein Geheimniß je und Deine Thorheit; denn man hört Dir wohl zu und merket drauf und stimmt Dir bei in Deiner Gegenwart, doch spottet Deiner, wenn Du nicht zugegen. Ein anderer Gelehrter sagt: daß Du nur selten Jemand finden wirst, der Dein Geheimniß zu bewahren weiß. Das Buch besagt: Hältst Du in Deinem Herzen den Entschluß, bewahrst Du ihn in einem sichern Kerker; doch theilst Du ihn an Jemand anders mit, so wird er Dich in seiner Schlinge haben. Und deßhalb thut Ihr besser, Euren Rath im Herzen zu verbergen, als Jemanden zu bitten, was Ihr ihm vertraut, geheim zu halten und davon zu schweigen. Denn so sagt Seneka: Kannst Du nicht Deinen eignen Rath bei Dir behalten, wie wagst Du, einen Andern dann zu bitten, daß Dein Geheimniß er bei sich bewahre? Indessen, wenn Du wirklich glaubst, daß Deine Lage durch die Mittheilung an Andere sich günstiger gestalten kann, so solltest Du in dieser Weise reden: Zunächst darfst Du Dir nicht den Anschein geben, ob Krieg, ob Frieden, oder dies und das Dir lieber sei; nein, Deine Absicht darfst Du ihm nicht zeigen. Vertraue darauf, daß im Allgemeinen die Rathgeber auch Schmeichler sind und namentlich die Räthe großer Herren; denn sie sind stets weit mehr bemüht, in wohlgefäll’gen Worten das zu sagen, was ihrer Herren Neigung meist entspricht, als Worte, welche treu und nützlich sind, und daher sagt man, daß der reiche Mann, der sich nicht selbst zu rathen weiß, nur selten einen guten Rathschlag höre. Sodann zieh’ in Betracht, wer Deine Freunde, Deine Feinde sind. Und was die Freunde anbetrifft, bedenke, wer wohl der treuste und klügste sei, der älteste und best’ im Rath erprobte. Bei ihnen suche Rath, wie es der Fall erheischt. Ich sage: Zu den treuen Freunden geht zunächst, Euch Rath zu holen. Denn so spricht Salamo: Wie sich das Herz des Wohlgeruches freut, so lieblich ist des treuen Freundes Rath der Seele. Und gleichfalls sagt er: Nichts ist dem treuen Freunde zu vergleichen; denn sicher Gold und Silber haben nicht den Werth, wie eines treuen Freundes guter Wille. Und ferner sagt er: Ein treuer Freund ist eine feste Burg, und wer ihn findet, findet einen Schatz. Dann müßt Ihr darauf sehen, daß Eure treuen Freunde klug und schweigsam sind; denn – sagt das Buch – frag’ immer die um Rath, so weise sind. Und aus demselben Grunde sollt Ihr zu Eurem Rathe Freunde rufen, die alt genug und viel erfahren sind und wohl erprobt, um guten Rath zu geben. Denn – wie das Buch sagt – ist alle Weisheit bei den alten Leuten und alle Klugheit in der langen Zeit. Und Tullius sagt: daß große Dinge nicht durch Kraft verrichtet werden, noch durch Geschicklichkeit des Leibes, sondern durch guten Rath, durch Ansehn der Personen und durch Wissen, drei Dinge, welche nicht das Alter schwächt, die sich vielmehr von Tag zu Tag vermehren und verstärken. Dann soll Euch dies zur allgemeinen Richtschnur dienen: Zuerst müßt Ihr in Euren Rath nur wenige vertraute Freunde rufen. Denn Salamo sagt: Viele Freunde nenne Dein; doch unter tausenden erwähle einen zum Berather. Denn wenn Du anfangs Deine Absicht auch nur wenigen vertraust, kannst Du doch später, wenn es nöthig ist, sie manchen andern Leuten noch erzählen. Doch siehe stets darauf, daß Deine Rathgeber die drei Bedingungen erfüllen, welche ich erwähnt, das heißt, daß weise sie und treu und voll Erfahrung sind. Und handle nicht in jeder Noth nach einem Rath allein; denn oftmals ist es nützlich, daß Viele Dich berathen. Denn Salamo besagt: Wo viele Rathgeber sind, da ist das Heil. Nun, da ich Euch gesagt, bei welchen Leuten Ihr Euch Rath erholen sollt, will ich Euch lehren, welcher Rath zu meiden ist. Zunächst müßt Ihr den Rath der Thoren fliehn. Denn Salamo sagt: Nimm keinen Rath von einem Thoren an; denn er räth Dir nach eigener Lust und Neigung. Das Buch besagt: des Thoren Eigenschaft ist diese: Er denkt von einem Jeden alles Schlimme und alles Gute denkt er von sich selbst. So sollst Du auch den Rath von Schmeichlern fliehen, die sich mehr Mühe nehmen, Dein eignes Ich zu preisen, als Dir der Dinge Wahrheit kund zu thun. Deßhalb sagt Tullius: die größte Pest der Freundschaft ist die Schmeichelei. Und daher thut es Noth, daß mehr als irgend wen Du Schmeichler meidest. Das Buch sagt: flüchte und fliehe eher vor süßen Worten schmeichlerischer Preiser, als vor den bittern Worten Deines Freundes, der Dir die Wahrheit sagt. Salamo spricht: Des Schmeichlers Worte sind der Unschuld Schlinge; und ferner noch: Wer seinem Freunde süße Schmeichelworte giebt, der legt ein Fangnetz ihm vor seine Füße. Und daher sagt auch Tullius: Leih’ nicht Dein Ohr den Leuten, die Dir schmeicheln und laß durch ihre Worte Dich nicht leiten. Und Cato sagt: Sieh Dich wohl vor und fliehe süße und gefäll’ge Redensarten und meide Deiner alten Feinde Rath, selbst wenn Du Dich mit ihnen ausgesöhnt hast. Das Buch sagt: Niemand kehrt mit Sicherheit in seines alten Feindes Gunst zurück. Und Aesop spricht: Vertraue nicht dem Manne, mit welchem Du in Krieg und Feindschaft lebtest, und sage ihm von Deiner Absicht nichts. Und Seneka sagt uns den Grund, warum: Dort, wo ein großes Feuer lang gewährt – so spricht er – bleibt etwas Dunst und Hitze stets zurück. Und deßhalb räth uns Salamo: Auf Deinen alten Feind vertraue nimmermehr. Denn sicherlich, selbst dann, wenn sich Dein alter Feind mit Dir versöhnt hat und Dir die demuthsvollste Miene zeigt und selbst vor Dir sein Haupt beugt, trau’ ihm nimmer.

Denn solchen Schein der Demuth nimmt er zu seinem eignen Nutzen an, nicht weil er Liebe für Dich hegt; nur weil er glaubt durch solchen Schein der Haltung den Sieg davon zu tragen, welchen über Dich in Kampf und Streit er nicht gewinnen konnte. Petrus Alphonsus sagt: Schließ keinen Bund mit Deinen alten Feinden, denn Freundlichkeit, die ihnen Du erweist, verkehren sie in Bosheit. Und ebenso mußt Du den Rath von Denen meiden, die Deine Diener sind und große Ehrerbietung Dir erzeigen, die sie vielleicht aus Furcht nur heucheln, nicht aus Liebe hegen. Und daher spricht ein Philosoph: Niemand ist dem vollkommen treu ergeben, vor dem er sich in hohem Maße fürchtet. Und Tullius sagt: Kein Kaiser hat so große Macht, daß er bestehen kann, wenn nicht sein Volk mehr Liebe zu ihm hat, als Furcht. Den Rath Betrunkener mußt Du gleichfalls meiden, denn kein Geheimniß können sie verbergen. Salamo sagt: Kein Schweigen ist, wo Trunkenheit regiert. Auch hege stets Verdacht bei Rathschlägen von solchen Leuten, die im Geheimen Dir zu einer Sache und öffentlich zum Gegentheile rathen. Denn Cassiodorus sagt: Die Art, den Feind zu hindern, sei höchst schlau, wenn heimlich man das Gegentheil bezwecke von dem, was öffentlich zu thun man scheine. Du sollst ingleichen Argwohn hegen bei den Rathschlägen der Bösen, denn ihr Rath ist immer voll Betrug. Und David sagt: Gesegnet ist der Mann, der nicht dem Rathe böser Leute folgt. Auch sollst den Rath von jungem Volk Du meiden, dieweil – wie Salamo uns sagt – ihr Rath nicht reif ist. Nun Herr! da ich gezeigt Euch habe, von welchen Leuten Ihr nicht Rath sollt holen und welcher Leute Rath Ihr fliehen sollt, will ich Euch weisen, wie Ihr nach der Lehre des Tullius Euren Rath prüfen sollt. Was Eure Rathgeber betrifft, so müßt Ihr manche Dinge in Erwägung ziehn. Zu allererst mußt Du erwägen, daß in der Sache, so Du vorhast und für welche Du Rath Dir holen willst, Du nur die reine Wahrheit sprichst und aufrechthältst. Das heißt: erzähle treulich Deine Angelegenheit, denn, wer falsch redet, kann in einer Sache, in der er lügt, nicht wohl berathen werden.

Und darnach mußt die Dinge Du bedenken, die Deinem Zweck entsprechen; wie weit Du handeln willst nach Deiner Freunde Rath und inwiefern es der Vernunft gemäß und Deine Macht dazu genügend ist und ob der größte und der bess’re Theil von Deinen Räthen Dir in der Sache beistimmt oder nicht? Und dann bedenke, was dem Rathe folgt, ob etwa Friede, Krieg, Haß, Gnade, Nutzen oder Schaden und was noch sonst, und unter allen wähle Dir das Beste und laß das Andere ruhn. Sodann bedenke, worin der Grund der Sache liegt, die Du berathen hast, und welche Frucht daraus entspringen mag und reifen? Und auch den Grund der Sache mußt Du untersuchen. Und hast Du den Beschluß geprüft, wie ich gesagt, und welche Seite besser und mehr nützlich sei, und hast durch kluge, alte Leute es erprobt, dann bedenke, ob Du es auch vollführen und zum guten Ende bringen kannst? Denn gute Gründe giebt es, daß man nichts unternehmen soll, was man nicht auch vollbringen kann, wie sich’s gebührt; nein, keine Last darf Jemand auf sich nehmen, die er zu tragen nicht im Stande ist. Denn – wie das Sprüchwort sagt: Wer allzuviel umfaßt, bringt wenig heim. Und Cato sagt: Versuche nur zu thun, wozu die Kraft Du hast, damit die Last nicht allsosehr Dich drücke, daß Du die Sache liegen lassen mußt, die Du begonnen. Und bist Du zweifelhaft, ob Du ein Ding vollführen kannst, ob nicht, dann laß es lieber, als es anzufangen. Und Petrus Alfonso sagt: Hast Du die Macht, ein Ding zu thun, das Dich gereuen kann, so ist es besser: nein als ja. Das heißt: weit besser ist, die Zunge still zu halten, als zu sprechen. Denn, wenn Dich bess’re Gründe überzeugen, daß ein Werk, das Du die Macht zu thun hast, Dich späterhin gereuen werde, so laß es liegen und beginn’ es nicht. Recht haben die, so Jedermann verbieten, eine Sache zu unternehmen, wenn es in Zweifel steht, ob ausführbar dieselbe ist, ob nicht. Und wenn Ihr Euren Rath alsdann geprüft habt, wie ich vorhin gezeigt, und wohl wißt, daß Ihr im Stande seid, das Unternehmen durchzuführen, dann nehmt es ernstlich, bis das Ziel erreicht ist.

Nun ist es Grund und Zeit, daß ich Euch zeige, wann und weßwegen Ihr ohne Tadel Euern Entschluß verändern könnt. Gewiß, man darf die Absicht und den Rath dann ändern, sobald der Grund dazu hinwegfällt und sobald ein neuer Grund dafür sich weist. Denn das Gesetz besagt: Für Sachen, welche neu entstanden sind, geziemt sich neuer Rath. Es sagt auch Seneka: Wenn Dein Entschluß zu Deiner Feinde Ohren kommt, so ändre Deinen Rath. Und Deine Ansicht magst Du dann auch wechseln, wenn Du gefunden hast, daß – sei’s durch Irrthum oder andre Gründe – Schaden und Harm Dir daraus kommen kann. Auch in dem Falle, daß Dein Beschluß und seine Gründe nicht ehrenwerther Art sind, ändre Deinen Rath; denn die Gesetze sagen: Im Fall ein Vorhaben ehrlos, desgleichen unausführbar sei, daß es gehalten und vollbracht nicht könne werden, so habe es auch keinen Werth. Und dies nimm für die allgemeine Regel: Jeder Beschluß, der also stark befestigt worden ist, daß er aus keinem Grund – was auch geschehen möge; – sich wieder ändern läßt, solch ein Beschluß – ich sage es – ist schlecht.«

Als dieser Melibeus nun die Lehren von seiner Frau Prudentia vernommen hatte, gab er in dieser Weise Antwort: »Frau!« – hub er an – »Ihr habt mich bis zu dieser Zeit im Allgemeinen wohl und passend unterrichtet, wie bei der Wahl und bei dem Ausschluß meiner Räthe ich handeln soll; nun aber möcht’ ich gern, daß Ihr geneigtet, mir insbesondre noch zu sagen, was Euch bedünkt und was Ihr von den Räthen haltet, die wir in unsrer gegenwärt’gen Lage wählten«. »Mein Herr!« – sprach sie – »ich bitte Euch in aller Demuth, daß Ihr nicht hartnäckig Euch gegen meine Gründe auflehnt und Euch nicht mißvergnügt im Herzen macht, selbst wenn ich sagte, was Euch nicht gefiele. Gott weiß, nach meiner Absicht sprech’ ich nur zu Eurem Besten, zu Eurer Ehre, Eurem Nutzen und daher hoffe ich auch fest, daß Eure Güte in Geduld es aufzunehmen wissen werde. Und darin traut mir« – sprach sie – »daß in diesem Falle Ihr den gepflognen Rath nicht eigentlich Berathung nennen könnt, vielmehr nur einen Vorschlag und Beschluß der Thorheit, wobei in mancher Weise Ihr geirrt habt. Zunächst und fernerhin habt Ihr geirrt in der Berufung Eurer Rathgeber, da Ihr zuerst nur wenig Leute zu Euerer Berathung hättet wählen sollen, um späterhin, im Fall es nöthig war, an mehrere die Sache kund zu thun. Doch sicher ist, Ihr rieft in Euren Rath urplötzlich eine Menge Volks, sehr lästig und verdrießlich anzuhören. Daher habt Ihr geirrt; denn da, wo Ihr zu Eurem Rath nur Eure treuen, alten, weisen Freunde laden solltet, habt Ihr fremdes, junges Volk herbeigerufen, nebst falschen Schmeichlern, ausgesöhnten Feinden und Leuten, die Euch Ehrfurcht zollen, doch nicht lieben. Und auch darin habt Ihr geirrt, daß Ihr zu der Berathung Zorn, Neid und Uebereilung mitgebracht habt, die alle dreie einem nützlichen und ehrenhaften Rath zuwiderlaufen, und weder Ihr noch Eure Räthe habt, wie Ihr solltet, diese dreie ausgerottet und zerstört. Und dann habt Ihr geirrt, daß Euren Räthen Ihr Eure Lust und Neigung offenbart habt, gleich Krieg zu führen und Euch gleich zu rächen; und da aus Euren Worten sie erspäht, auf welche Seite ihr Euch neigtet, so riethen sie Euch mehr nach Eurer Neigung und weniger zu Eurem Nutzen. Ihr irrtet auch, dieweil es scheint, daß Euch genügend war, Euch nur von diesen Räthen Rath zu holen und das mit wenig Vorsicht; wogegen in so ernster, schwerer Frage wohl mehre Rathgeber und weitre Ueberlegung nöthig waren, um Euer Unternehmen auszuführen.

Ihr irrtet auch, denn Ihr habt Euren Rath nicht in der Art und in der vorbesagten Weise geprüft, wie es für diese Sache sich gebührt. Ihr irrtet auch, dieweil Ihr zwischen Euren Räthen nicht einen Unterschied gemacht habt; das heißt: nicht zwischen treuen Freunden und Euren Räthen voll Verstellungskunst. Ihr kanntet nicht die Meinung Eurer treuen Freunde, welche alt und weise sind; in einen Mischmasch warft Ihr alle Worte und schenktet Euer Herz der Mehrzahl und der stärkeren Partei, und stimmtet dieser zu. Und sintemal Ihr wißt, daß man beständig eine größre Zahl von Thoren als von Weisen findet und daß man bei Berathungen mit Schaaren und mit Massen Volks weit eher auf die Zahl als auf die Weisheit der Personen achtet, so seht Ihr wohl, daß stets die Thoren in solchen Rathsversammlungen die Oberhand behalten.«

Und Melibeus antwortete und sprach: »Wohl will ich eingestehn, daß ich geirrt. Doch da Du vorhin mir erzählt hast, daß der nicht tadelnswerth ist, welcher den Entschluß aus guten Gründen in gewissen Fällen wechselt, bin ich bereit, nach Deinem Rathe auch meinen abzuändern. Das Sprüchwort sagt: zu sündigen ist menschlich; doch lange in der Sünde zu beharren, ist wohl ein Werk des Teufels sicherlich.«

Auf dieses Wort entgegnete die Frau Prudentia und sprach: »Nun untersuchet Euren Rath genau, und laßt uns sehn, wer am vernünftigsten gesprochen hat und wer die beste Lehre uns gegeben? Und insoweit die Prüfung nöthig ist, laßt mit den Aerzten und Doctoren uns beginnen, die in der Angelegenheit zuerst gesprochen haben. Ich sage, daß die Aerzte und Doctoren Euch so verständig Rath ertheilten, wie sie sollten; auch haben sie in ihrer Rede weislich gesagt, daß es zu ihrem Berufe gehöre, Jedem Ehre und Nutzen zu schaffen, Niemanden zu kränken und nach ihrer Kunst sich zu befleißen, diejenigen zu heilen, so in ihrer Obhut stehn. Und, Herr, wie sie Dir weislich und verständig Antwort gaben, so sage ich nicht minder, daß sie auch hoch und königlich für ihre edle Rede belohnt werden sollten, auch aus dem Grunde, daß sie um so mehr Aufmerksamkeit und Thätigkeit zur Heilung Eurer lieben Tochter aufwenden mögen. Denn obschon sie Eure Freunde sind, solltet Ihr es nicht leiden, daß sie Euch umsonst dienen, sondern Ihr solltet sie um so mehr belohnen und ihnen Eure Großmuth zeigen. Und was die Meinung anbelangt, die von den Aerzten in diesem Fall geäußert wurde; nämlich, daß man in Krankheitsfällen den Gegensatz durch Gegensatz verbannt, so möchte ich gern wissen, wie Ihr den Text versteht und was Ihr von ihm denkt.«

»Nun,« – sagte Melibeus – »ich habe es in dieser Art verstanden, daß grade wie sie mir ein Leides zugefügt, ich sie mit einem andern treffen sollte, und wie sie sich an mir gerächt und mich beleidigt haben, so soll auch ich mich rächen und ihnen Schaden thun; dann heile ich ein Leiden durch das andre.«

»Schau! schau!« – rief Frau Prudentia – »wie leicht ist Jedermann bereit, nach eigner Lust und Neigung zu verfahren.

Gewiß in dieser Art darf nicht der Aerzte Wort verstanden werden. Denn Schlechtigkeit ist nicht der Gegensatz von Schlechtigkeit, Gewalt nicht von Gewalt und Unrecht nicht von Unrecht; sie sind vielmehr nur Aehnlichkeiten; deßhalb wird eine Gewaltthat nicht durch eine andere verbannt, ein Unrecht durch ein zweites Unrecht nicht, denn jedes dieses verschlimmert und vermehrt das andere nur. Nein, sicherlich, der Aerzte Wort muß dieser Art verstanden werden: das Gute und das Ueble sind zwei Gegensätze, der Krieg und Frieden sind es, Rache ist’s und Dulden, Eintracht und Zwietracht, sowie vieles Andre. Und diesen stimmt St. Paulus, der Apostel, an manchen Stellen bei. Er sagt: Vergeltet Böses nicht mit Bösem und Fluch mit Fluch; sondern überwindet das Böse durch das Gute und segnet die, so Euch verfolgen. Und an vielen andern Stellen räth er zum Frieden und zur Eintracht. Doch nun will ich zu Euch vom Rathschlag sprechen, der durch den Advokaten Euch gegeben ward und von den weisen und den alten Leuten, die alle übereingestimmt in dem, was Ihr zuvor gehört, daß nämlich Ihr vor allen Dingen Euch befleiß’gen solltet, Euch selbst zu schützen und Euer Haus in guten Stand zu setzen, und welche sagten, daß Ihr in diesem Falle mit Vorbedacht und reifer Ueberlegung zu Werke gehen müßtet. Und Herr, was nun den ersten Punkt betrifft, auf welche Art Ihr Euere Person zu schützen habt, so müßt Ihr klar begreifen, daß, wer Krieg führt, auch desto mehr vor allen Dingen andächtig und in Demuth beten sollte, daß Jesus Christ in seiner Gnade ihm solchen Schutz verleihe, und ihm der höchste Helfer sei in seiner Noth. Denn, sicherlich, in dieser Welt ist Niemand, der wohlberathen wäre ohne den Beistand unseres Herren, Jesu Christ. Mit dieser Meinung stimmt David, der Prophet, auch überein, indem er sagt: wenn Gott die Stadt nicht schützet, so wachet der Wächter umsonst. Nun, Herr, darauf sollt ihr den Schutz Euerer Person, Eueren treuen Freunden anvertrauen, die als erprobt erkannt sind, und von ihnen sollt Ihr Beistand begehren, um Euere Person zu schützen. Denn Cato sagt: Bedarfst Du Hülfe in der Noth, frag’ Deinen Freund, denn es giebt keinen bessren Arzt, als einen treuen Freund. Und dann müßt Ihr Euch fern von fremden Leuten und von Lügnern halten, deren Gemeinschaft Euch verdächtig scheinen sollte. Denn Petrus Alphonsus sagt: Geh’ niemals eines Weges mit dem fremden Mann, wenn Du ihn nicht geraume Zeit gekannt hast; und fällst durch Zufall ohne Deinen Willen Du mit ihm in Gesellschaft, so forsche schlau, wie Du vermagst, durch Unterhaltung sein früheres Leben aus und halte Deinen Weg vor ihm geheim, indem Du sprichst: Du wollest dahin gehen, wohin Du nicht willst; und hält er einen Speer, so gehe ihm zur Rechten, und führet er ein Schwert, so geh’ zur linken Seite.

Und fernerhin müßt Ihr Euch vorsorglich vor allem solchen Volke hüten, von dem ich vorhin sprach, und sie und ihren Rathschlag meiden. Und außerdem betragt Euch in der Art, daß Ihr aus Ueberschätzung Eurer eignen Kraft die Gegner nicht verachtet und ihre Macht nicht zu gering veranschlagt und nicht den Schutz der eigenen Person aus Uebermuth versäumt; denn jeder Weise fürchtet seinen Feind. Salamo sagt: Wohl dem, der sich vor allem fürchtet; denn wahrlich, wer durch seines Herzens Hartnäckigkeit und seinen Steifsinn zu große Anmaßung besitzt, dem wird es übel gehen. Dann müßt Ihr ferner allen Hinterhalten und aller Auskundschafterei zuvorzukommen suchen. Denn Seneka sagt: daß der weise Mann, welcher Unheil kommen sieht, das Unheil vermeide, und in Gefahr komme nicht der, so die Gefahr zu fliehen wisse. Und ob es Dir gleich scheint, daß Du an einem sichern Platze seist, so sollst Du dennoch stets Dein Bestes thun, Dich selbst zu schützen, das heißt: versäume nicht, für Deine Sicherheit zu sorgen, nicht nur bei Deinem größten Feinde, nein, bei dem kleinsten auch. Ovid besagt: Das kleine Wiesel tödtet den großen Bullen und den wilden Hirsch. Und das Buch sagt: Ein kleiner Dorn sticht selbst den König und selbst ein Hündchen packt das wilde Schwein. Indessen sag’ ich nicht, Du sollst so feige sein, und ungegründete Besorgniß hegen. Das Buch sagt: daß Manche die Betrüger selbst belehren aus übergroßer Angst, daß sie betrogen werden könnten. Doch sieh’ Dich vor, nicht vergiftet zu werden, und meide deßhalb die Gemeinschaft der Spötter, denn – sagt das Buch – zieh’ mit den Spöttern nicht desselben Weges und meide ihre Worte wie das Gift.

Was nun den zweiten Punkt betrifft, daß Eure weisen Räthe Euch ermahnten, das Haus mit ganzem Fleiße auszurüsten, so möchte ich gern wissen, wie diese Worte Ihr verstanden habt und was Euch von denselben dünkt?«

Melibeus sprach und gab zur Antwort: »Gewiß, in dieser Art verstand ich es, daß ich mein Haus mit Thürmen versehen sollte, wie sie Schlösser und derartige Gebäude haben, und auch mit Waffen und Geschütz, durch welche ich mich selber und mein Haus so schützen und vertheid’gen kann, daß sich die Feinde fürchten sollten ihm zu nahn.«

Hierauf entgegnete sogleich Prudentia: »Die Ausrüstung von hohen Thürmen und von hohen Bauten erfordert große Kosten und viel Arbeit; und wenn Ihr sie vollendet habt, so sind sie keinen Strohhalm werth, falls sie nicht auch von treuen, alten, weisen Freunden vertheidigt werden. Und lerne zu verstehen, daß die größte und stärkste Besatzung, die ein weiser Mann sich halten kann, um sich und seine Habe zu beschützen, darin besteht, daß er beliebt bei seinen Unterthanen und seinen Nachbarn ist. Denn Tullius sagt: es gäbe keine Garnison, welche man nicht besiegen und vernichten könne, und Herr sei, wer der Bürger und des Volkes Liebe habe.

Nun, Herr, zum dritten Punkt! Als Eure alten, weisen Räthe sagten, daß Ihr nicht rasch und übereilt in dieser Sache verfahren solltet, dagegen Euch mit großem Fleiß und großer Ueberlegung wohl rüsten und versorgen, da sprachen sie – so dünkt mich – durchaus wahr und äußerst weise. Denn Tullius sagt: Zu jeder Sache, eh’ Du sie beginnst, bereite Dich mit großem Fleiße vor.

Drum rathe ich und sage Dir: im Rache nehmen, wie in Krieg und Schlacht und in der Zurüstung bereite Dich wohl vor, eh’ Du beginnst, und thue es mit großer Ueberlegung. Denn Tullius sagt: Bei langer Vorbereitung auf die Schlacht erfolgt der Sieg in Kürze. Und Cassiodorus sagt: Je länger die Besatzung in Bereitschaft steht, je stärker ist sie.

Nun laßt uns von dem Rathschlage sprechen, den Eure Nachbarn gaben, die Euch zwar Ehrfurcht zollen, doch nicht lieben, und Eure alten Feinde, die sich ausgesöhnt, die Schmeichler, die Euch öffentlich zu diesem und insgeheim zum Gegentheile rathen, und auch das junge Volk, das Euch anrieth, Euch zu rächen und Krieg im Augenblicke zu beginnen. Gewiß, mein Herr, wie ich zuvor gesagt, Ihr habt Euch sehr geirrt, in solcher Weise derartig Volk in Euren Rath zu rufen, da diese Rathgeber durch die zuvor erwähnten Gründe genügsam schon getadelt sind. Doch nunmehr laßt uns darauf näher eingehn.

Zunächst müßt Ihr der Lehre des Tullius folgen. Es thut gewiß nicht Noth, der Wahrheit dieser Sache oder dem Grunde der Berathung näher nachzuforschen, denn wohl bekannt ist, wer sie waren, so Euch die Unbill und die Bosheit zugefügt, wie hoch die Zahl der Uebelthäter war, und wie sie alles Unrecht und alle Schlechtigkeit vollbracht. Ihr müßt nunmehr die andere Bewandtniß prüfen, von welcher eben dieser Tullius das folgende hinzufügt. Denn Tullius macht es klar, was unter ›Consentaneum‹ zu verstehen sei; das heißt: wer sie und was sie und wieviel sie waren, die Deinem Rath in Deinem Eigensinn, Dich ungesäumt zu rächen, beigestimmt. Und laßt uns auch betrachten, wer sie und was sie und wieviel sie waren, die Euren Widersachern zugestimmt. Was nun den ersten Punkt betrifft, so ist es wohl bekannt, welch eine Sorte Volk es war, die Deinem Eigensinne beigestimmt. Denn, wahrlich, alle, die zu raschem Krieg Euch riethen, sind nicht Eure Freunde. Laßt uns nun erwägen, wer sie sind, die Ihr als Freunde Euerer Person so hoch geschätzt habt. Denn mögt Ihr noch so mächtig und so reich sein, so steht Ihr doch allein. Gewiß, Ihr habt kein andres Kind als Eure Tochter, Ihr habt nicht Brüder, Vettern, andre nahe Anverwandte, um derenwillen Eure Feinde aus Furcht es unterlassen sollten, mit Euch zu streiten und Euch zu vernichten. Auch wißt Ihr, das Ihr Euren Reichthum unter manche Genossen zu vertheilen habt und daß, wenn Jeder erst sein Theil erhalten hat, sie sich nur wenig darum kümmern werden, Euren Tod zu rächen. Doch Deiner Feinde Zahl ist drei, und sie besitzen viele Brüder, Kinder, Vettern und andre nahe Sippe; und hättest Du von ihnen selbst auch zwei bis drei erschlagen, so bleiben doch genug, um ihren Tod zu rächen und Dich zu tödten. Und sollte Euere Verwandtschaft auch weit zuverlässiger und sicherer sein, als die von Euren Gegnern, so ist sie doch nur weitläufig mit Dir verwandt; sie ist entfernte Sippe, während die Angehörigen von Deinen Feinden zu ihrer nahen Sippe zählen. Und wahrlich in der Beziehung ist ihre Lage besser als die Eure. Dann laßt uns auch betrachten, ob der Rath von denen, so Euch zu rascher Rache riethen, wohl der Vernunft entspricht? Nun, wie Ihr wüßt, das thut er sicher nicht; denn nach Vernunft und Recht darf Keiner selbst an Jemand Rache nehmen, sondern nur der Richter, unter dessen Gerichtsherrschaft es steht, und der ermächtigt ist, Vergeltung bald schnell, bald langsam auszuüben, je wie es das Gesetz verlangt. Und überher mußt Du bei diesem Worte, das Tullius ›Consentaneum‹ nennt, noch erwägen, ob Deine Kraft und Macht ausreichend und genügend seien zu Deinem Eigensinn und dem von Deinen Räthen. Und hier, wahrhaftig, kannst Du wieder sagen: Nein! Denn es gebührt sich wohl mit Recht zu sagen, daß wir nur das vollführen sollten, was uns mit Recht zu thun erlaubt ist; und daher dürfen wir aus eigner Machtvollkommenheit auch rechtlich niemals Rache nehmen. Drum müßt Ihr einsehn, daß Eure Macht für Euren Eigensinn nicht hinreicht, noch sich mit ihm verträgt.

Nun lasset uns den dritten Punkt noch prüfen, den Tullius ›Consequens‹ benennt. Du mußt verstehen, daß die Rache, welche Du zu nehmen beabsichtigst, die Consequenz hat, daß weitre Rache daraus folgt, sowie Gefahr und Streit und mancherlei von Schäden sonder Zahl, die wir für jetzt nicht übersehen können.

Und was den vierten Punkt betrifft, den Tullius ›quid gignatur‹ nennt, mußt Du betrachten, daß dieses Unrecht, welches man Dir zugefügt, durch den Haß Deiner Feinde erzeugt worden ist, und daß die Rache dafür wiederum andere Rache erzeugt und viele Sorgen und Verschwendung reichen Gutes, wie ich zuvor gesagt. Nun, Herr, in Anbetracht des Punktes, den Tullius ›causa‹ nennt und der der letzte Punkt ist, mußt Du verstehen, daß dieses Unrecht, welches Du empfingst, verschiedene Gründe hat, welche die Gelehrten oriens und efficiens nennen und causa longinqua und causa propinqua; das heißt: der ferne und der nahe Grund. Der ferne Grund ist der allmächt’ge Gott, da Er der Grund von allen Dingen ist. Der nahe Grund sind Deine drei Feinde. Der zufällige Grund war Haß, der wesentliche Grund sind die fünf Wunden Deiner Tochter, und der formale Grund die Weise ihres Handelns, sofern sie Leitern nahmen und in Deine Fenster stiegen. Und der finale Grund war die Ermordung Deiner Tochter, obschon nicht alles ausgeführt ward, was in der Absicht lag. Indeß vom fernen Grund zu sagen, zu welchem Ende sie dies führen wird und was aus ihnen in diesem Falle schließlich werden mag, das bin ich nur zu rathen und vorauszusetzen fähig. Doch wohl darf ich vermuthen, daß sie zu einem schlimmen Ende kommen werden, denn das Buch der Verordnungen sagt: Selten und mit großer Mühe werden Sachen zu einem guten Ende gebracht, welche schlecht begonnen wurden. Nun, Herr, wenn man mich fragen wollte, warum Gott es zugelassen hat, daß Euch Menschen solche Schlechtigkeit zugefügt haben, so kann ich keine Antwort darauf geben, weil mir die Wahrheit darüber unbekannt ist. Denn der Apostel sagt: Von großer Tiefe ist die Weisheit und Erkenntniß unseres Herrn, des allmächtigen Gottes; unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege. Indessen durch verschiedene Erwägungen und Schlüsse halte ich daran fest und glaube, daß Gott, der voller Gerechtigkeit und Weisheit ist, dieses Ereigniß aus gerechten und vernünftigen Gründen zugelassen habe.

Deine Name ist Melibeus; das heißt: ein Mann, der Honig trinkt. Du hast so vielen Honig der süßen, zeitlichen Reichthümer und der Freuden und Ehren dieser Welt getrunken, daß Du berauscht bist, und Jesus Christ, Deinen Schöpfer, vergessen hast. Du hast ihm nicht die Achtung und Ehrerbietung erwiesen, die Du ihm schuldest; noch hast Du das Wort Ovids beachtet, welcher sagt: Unter dem Honig Deiner leiblichen Güter ist das Gift verborgen, welches die Seele tödtet. Und Salamo sagt: Findest Du Honig, so iß sein genug; denn issest Du im Uebermaß, so wirst Du ihn ausspeien und dürftig und arm sein. Und vielleicht verachtet Dich Christ und hat sein Antlitz und seine Ohren der Barmherzigkeit von Dir abgewendet und hat zugegeben, daß Du in dieser Weise für dasjenige gestraft werdest, worin Du gesündigt hast. Du hast gesündigt gegen unsern Herrn, Jesus Christus; denn sicherlich hast Du erlaubt den drei Feinden der Menschheit, das heißt: dem Fleische der Welt und dem Teufel in Dein Herz einzusteigen durch die Fenster Deines Körpers und hast Dich nicht hinreichend vertheidigt gegen ihre Angriffe und Versuchungen, so daß sie Deine Seele an fünf Stellen verwundet haben; das heißt: die Todsünden sind durch die fünf Sinne in Dein Herz eingestiegen; und in gleicher Weise hat unser Herr, Jesus Christus, es gewollt und zugegeben, daß Deine drei Feinde durch die Fenster Deines Hauses eingestiegen sind und Deine Tochter in der bereits erwähnten Art verwundet haben.«

»Gewiß,« – sprach Melibeus – »ich sehe wohl, daß Ihr Euch große Mühe gebt, in dieser Art mich zu bereden, daß ich mich nicht an meinen Feinden rächen soll, indem Ihr hin auf die Gefahren und die Uebel weist, die aus der Rache kommen können. Doch wer bei jeder Rache alle Uebel und Gefahren bedenken will, so aus dem Rachenehmen kommen können, der würde niemals Rache nehmen, und dieses wäre schlimm. Denn durch Vergeltung werden die bösen Menschen von den guten abgesondert; und die, so bösen Willen hegen, bezähmen ihre böse Absicht, wenn sie die Strafe und die Züchtigung von Uebelthätern sehen.«

Hierauf erwiderte Prudentia: »Ich stimme Euch gewißlich bei, daß durch Vergeltung viel Uebel und viel Gutes kommen mag. Jedoch Vergeltung steht nicht Jedem zu, vielmehr allein den Richtern, sowie denen, an die Gewalt verliehen gegen Missethäter ist; und überdies behaupte ich, daß gradeso wie einer sich versündigt, der Rache gegen einen Andern nimmt, nicht minder auch der Richter sündigt, wenn er nicht die straft, welche es verdienen. Denn dies sagt Seneka: Das ist ein guter Meister, der die Widerspenst’gen straft! Und Cassiodorus sagt: Ein Mensch hütet sich vor Ausschreitungen, wenn er weiß, daß solche den Richtern mißfallen und den Fürsten. Ein Andrer sagt: Der Richter, welcher Furcht hegt Recht zu sprechen, macht die Leute widerspenstig. Und der Apostel Paulus sagt in seinem Briefe, den er an die Römer schrieb: Die Obrigkeit trägt nicht den Speer umsonst, sondern um die zu strafen, welche Böses thun, und um die guten Menschen zu beschützen. Wenn Ihr an Euren Feinden Rache nehmen wollt, müßt Ihr Euch an den Richter wenden der über sie Gewalt besitzt, und er wird sie bestrafen, so wie es das Gesetz verlangt und fordert.«

»Ach!« – sagte Melibeus – »solche Rache gefällt mir nicht, Da ich mich jetzt entsinne und bedenke, wie mich das Glück von Kindheit an gehegt und mir in mancher Fährlichkeit geholfen hat, so will ich es erproben und, wie ich denke, wird es mit Gottes Hülfe mir zur Seite stehn, um meine Schmach zu rächen.« Prudentia sprach: »Fürwahr, wollt Ihr nach meinem Rath zu Werke gehn, so sollt Ihr keineswegs das Glück versuchen, nein, Ihr dürft nicht dem Glücke trauen, noch vor ihm Euch beugen, denn nach den Worten Senekas gelangen Dinge, die thöricht und in Hoffnung auf das Glück begonnen sind, zu keinem guten Ende. Und eben dieser Seneka besagt: Je heller und je glänzender das Glück ist, um desto eher und desto rascher bricht es. Vertrauet nicht darauf; es ist nicht treu noch standfest; denn meinst Du seiner Hülfe sicher und gewiß zu sein, so wird es Dich verlassen und betrügen. Und wenn Ihr sagt, daß Euch das Glück von Kindheit an gehegt hat, so sage ich, daß dieserhalb Ihr umsomehr ihm sowie seinem Witz nicht trauen solltet. Denn es sagt Seneka: Der Mann, der durch das Glück verhätschelt ist, macht sich zu einem großen Thoren. Nun, da Ihr Euch zu rächen wünschet und verlangt, und Rache, welche durch den Richter ausgeübt wird, Euch mißfällt, und solche Rache, die in der Hoffnung auf das Glück genommen wird, gefährlich ist und ungewiß, so bleibet Euch kein andres Mittel, als Eure Zuflucht bei dem höchsten Richter zu nehmen, der alle Schlechtigkeit und Bosheit rächt. Er wird Euch rächen, wie er selbst bezeugt, indem er spricht: Mir laßt die Rache, ich will sie vollziehen!«

Zur Antwort gab ihr Melibeus: »Wenn ich die Schlechtigkeit nicht räche, die mir von Menschen angethan ist, so lade ich dadurch die Leute ein, die Unrecht mir gethan, und fordre dadurch auch die andern auf, mir wieder etwas Böses zuzufügen. Denn geschrieben steht: Wenn Du für alles Unrecht keine Rache nimmst, so ladest Du die Gegner ein, Dir eine neue Bosheit zuzufügen; und wenn ich ruhig es ertrüge, so würde man mir soviel Böses thun, daß ich es weder tragen noch ertragen könnte, und würde tief erniedrigt sein und so gehalten werden. Denn Manche sagen: Wer viel erträgt, dem wird so Manches überkommen, daß er es schließlich nicht mehr tragen kann.«

Prudentia sprach: »Fürwahr, ich räume ein, daß übermäß’ge Duldung zwar nicht gut ist, indessen daraus folget nicht, daß Jedermann, dem Böses zugefügt ist, die Rache auf sich selber nehmen sollte, denn sie gehört und sie gebührt allein den Richtern, die Ungerechtigkeit und Kränkung strafen sollen, und daher sind die beiden Schriftbelege, die Ihr zuvor erwähnt habt, in Hinsicht auf die Richter nur verstanden; denn wenn sie gegen Schlechtigkeit und Unrecht sich übermäßig duldsam zeigen, so fordern sie nicht nur die Leute auf, ein neues Unrecht zu begehen, nein, sie befehlen ihnen solches an; wie auch ein weiser Mann sagt, daß der Richter, wenn er die Sünder nicht bestraft, den Leuten anbefiehlt und heißt, zu sündigen. Und die Richter und die Obrigkeiten könnten in ihrem Lande soviel von den Widerspenstigen und Uebelthätern zu leiden haben, daß diese durch solche Duldung im Laufe der Zeit an Stärke und Macht so wachsen würden, daß sie im Stande wären, die Richter und die Obrigkeit von ihren Stellen zu verdrängen und sich zuletzt von ihrer Oberherrschaft loszusagen. Doch setzen wir den Fall, daß es Euch freigestellt sei, Euch zu rächen, so sage ich, daß Ihr nicht Kraft und Macht genug besitzt, es jetzt zu thun. Denn zieht Ihr in Vergleichung Eurer Gegner Macht, so werdet Ihr in mancher Hinsicht finden, daß ihre Lage, wie ich Euch zuvor gezeigt, weit besser als die Eure ist; und daher sage ich, daß es für Euch jetzt gut sei, zu ertragen und in Geduld zu warten. Ihr wißt auch ferner, daß ein allgemeiner Spruch besagt: daß es Tollkühnheit sei für einen Mann, mit Mächtigern und Stärkeren zu kämpfen, und gegen einen Mann von gleicher Macht zu streiten, und das will sagen, der an Stärke gleich ist, sei gefährlich; und mit dem Schwächeren zu streiten, das sei Thorheit; weßhalb ein Mann den Streit vermeiden soll, soviel er kann. Denn Salamo sagt: Dem Mann gereicht zur großen Ehre, wenn er von Lärm und Streit sich freihält. Und kommt es vor, daß Dich ein Mann beleidigt hat, der mächt’ger ist, als Du bist, so bemühe und befleißige Dich lieber, das Uebel zu heilen als Dich dafür zu rächen. Denn Seneka sagt, daß derjenige sich einer großen Gefahr aussetze, welcher mit einem größeren Mann, als er selber, streite. Und Cato sagt: Wenn ein Mann von höherem Rang und Stande oder von größrer Macht, als Du, Dich kränkt und Dich beleidigt, dulde es; denn der Dich einst gekränkt hat, mag in spätrer Zeit Dir helfen und Dich unterstützen. Indeß gesetzt, Ihr hättet Macht und Freiheit Euch zu rächen, so sag’ ich doch, es giebt gar manche Gründe, um Euch zurückzuhalten, Rache auszuüben und Euch geneigt zu machen, das Unrecht, welches man Euch angethan hat, in Geduld zu tragen. Zuerst und fernerhin betrachtet wohl die Fehler Eurer eigenen Person, für welche Gott, wie ich zuvor gesagt, Euch diese Trübsal dulden läßt. Es sagt der Dichter, daß wir in Geduld die Widerwärtigkeiten, so uns überkommen, tragen sollen und wohl bedenken und erwägen, daß wir es wohl verdient, wenn sie uns treffen. Und St. Gregorius sagt, daß einem Manne, welcher die Anzahl seiner Sünden und seiner Fehler wohl erwägt, die Trübsal, die er leidet, weit geringer scheine. Und je mehr er seine Sünde für schwer und drückend hält, je leichter und je sanfter wird die Strafe ihm erscheinen. Daher mußt Du Dein Herz bezwingen und es beugen, das Joch von unserm Herren, Jesus Christ, zu tragen, wie es St. Peter sagt in seinen Briefen. Jesus Christ hat für uns gelitten – sagt er – und uns ein Vorbild gelassen, daß ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen, welcher keine Sünde gethan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden. Welcher nicht wieder schalt, da er gescholten wurde, nicht dräuete, da er litt. Auch die Ergebung, welche die Heiligen im Paradiese in Trübsal zeigten, so ohne Schuld und ohne Fehler sie traf, sollte in Euch Geduld erwecken. Und ferner sollt Ihr Euch befleißen, Geduld zu lernen, weil die Trübsal dieser Welt nur eine kurze Weile währt und bald vorbei ist, die Freude aber, die der Mensch durch Geduld im Leiden erlangt, von langer Dauer ist. Darum spricht in seinem Briefe der Apostel: Die Freude Gottes ist von langer Dauer, und das will sagen, sie ist immerwährend. Deßwegen glaubt und haltet fest: der ist nicht gut gepflegt, noch gut erzogen, der nicht Geduld besitzt, noch lernen will. Denn Salamo sagt, daß Weisheit und Verstand des Mannes erkannt nur werde durch Geduld. Und andern Ortes sagt er, daß wer geduldig sei, mit großer Klugheit auch sich selbst regiere. Und eben dieser selbe Salamo sagt auch: Der zornige und grimmige Mann macht Lärm, doch der geduld’ge stillet und beschwichtigt ihn. Auch sagt er: Es ist werthvoller, Geduld zu haben, als sehr stark zu sein. Und der sein eignes Herz in Herrschaft hält, ist mehr zu preisen, als der durch Kraft und Stärke große Städte nimmt. Und daher sagt in seinem Briefe der heilige Jakobus, daß die Geduld das große Mittel sei, vollkommen uns zu machen.«

»Gewiß,« – sprach Melibeus – »ich gestehe zu, Prudentia, daß die Geduld Vollkommenheit bewirkt; indessen kann nicht Jeder sein, wie Ihr es wünscht. Nein, ich gehöre nicht zur Zahl der ganz vollkommnen Menschen, dieweil mein Herz nicht eher Frieden hat, bis daß die Zeit für meine Rache da ist. Und wenn für meine Feinde höchst gefährlich war, mir Uebles anzuthun, so achteten sie der Gefahr doch nicht und führten muthig ihre Absicht aus; und deßhalb, dünkt mich, sollte man auch mich nicht tadeln, wenn ich mich um meiner Rache willen in unbedeutende Gefahr begebe, obschon ich eine große Ausschreitung begehe, indem ich nämlich einen Schimpf durch einen andern räche.«

»Ach!« – sagte Frau Prudentia – »Ihr sprecht, was Euch gefällt. Jedoch in keinem Fall der Welt soll je ein Mann Gewalt und Ausschreitung begehn, um sich zu rächen. Denn Cassiodorus sagt: Wer durch Gewalt sich rächt, der thut nicht minder übel, als jener, der Gewalt zuerst verübt. Darum sollt Ihr Euch nach des Rechtes Ordnung rächen, das heißt durch das Gesetz und nicht durch Ausschreitung und durch Gewalt. Und wollt Ihr die Gewaltthat Eurer Gegner auf andre Weise rächen, als das Recht befiehlt, so sündigt Ihr. Daher sagt Seneka, daß Bosheit nie ein Mann durch Bosheit rächen solle. Und wenn Ihr sagt, das Recht erlaube einem Mann, sich vor Gewaltthat durch Gewalt zu schützen, und gegen Kampf durch Kampf, so habt Ihr dann gewißlich Recht, wenn die Vertheidigung sofort geschehen ist und ohne Aufschub odes langes Zögern, und nur um sich zu schützen, nicht zu rächen. Und es gebührt sich, daß ein Mann in seiner Selbstvertheidigung so mäßig sich beweise, daß Niemand Grund hat, ihn zu tadeln wegen Unfug und Gewalt, wenn er sich selbst beschützt hat; denn solches wäre wider die Vernunft. Pardi! Ihr wißt sehr wohl, daß Ihr Euch jetzt nicht zu vertheidigen denkt zu Eurem Schutz, vielmehr Euch rächen wollt. Und Ihr beweist, daß Ihr nicht Willens seid, in Eurem Thun gemäßigt zu verfahren; und dafür ist Geduld – so denk’ ich – gut. Denn Salamo besagt: Wer nicht geduldig ist, hat großen Harm zu tragen.«

»Gewiß,« – sprach Melibeus – »ich gebe zu, wenn man ungeduldig und böse über Sachen wird, die uns nichts angehn, so ist’s kein Wunder, wenn uns Harm geschieht. Denn das Gesetz besagt, daß Jener schuldig sei, der unberufen sich in etwas menge; und es sagt Salamo: Der Mann, der sich in Zank und Streit von Andern mischt, gleicht Jemandem, der einen fremden Hund beim Ohre faßt. Denn, wie der Mann, der einen fremden Hund beim Ohre faßt, von ihm gebissen wird, ganz in derselben Weise ist es auch natürlich, daß den Schaden trägt, wer sich aus Ungeduld in andrer Leute Zank hineinmengt, der ihn nichts angeht. Doch Ihr wißt wohl, daß mir diese That, mein Kummer und mein Leiden will das sagen, sehr nahe geht; und deßhalb ist es nicht verwunderlich, wenn ich ungeduldig und böse bin; und – mit Verlaub – ich kann nicht sehn, wie es mir schaden könnte, wenn ich Rache nehme, denn ich bin reicher, sowie mächtiger, als meine Feinde sind. Auch ist es Euch bekannt, daß Alles auf der Welt durch Geld und den Besitz von vieler Habe regiert wird; und Salamo sagt: Jedes Ding gehorcht dem Gelde.«

Doch als Prudentia hörte, wie ihr Gatte sich seines Reichthums und seines Geldes, der Gegner Macht verkleinernd, selber rühmte, nahm sie das Wort und sprach in dieser Weise: »Gewißlich, lieber Herr, ich gebe zu, daß Ihr so reich wie mächtig seid, und auch daß Reichthum gut ist, sofern auf rechte Weise er erlangt ward und gut verwendet wird. Denn wie der Körper des Menschen nicht ohne Seele leben kann, so kann man ohne zeitlichen Besitz nicht leben, und Reichthum kann uns große Freunde schaffen. Und daher sagt Pamphilus: Ist eines Rinderhirten Tochter reich, so kann sie unter tausend Männern wählen, wen sie zu ihrem Gatten haben will; sie wird von Tausenden dann nicht verschmäht und abgewiesen werden. Und dieser Pamphilus sagt auch: Wenn Du recht glücklich bist, das heißt, sehr reich, so wirst Du viele Freunde und Genossen finden; doch wechselt einst das Glück und wirst Du arm, dann Freundschaft und Genossenschaft lebt wohl! Du wirst allein stehn oder zur Gesellschaft nur die Armen haben. Und außerdem sagt Pamphilus, daß man die Leute, die durch Familienbande mit uns verknüpft sind, durch Reichthum adeln und erheben könne. Und wie durch Reichthum vieles Gute kommt, so kommt durch Armuth manches Leid und Uebel; denn große Armuth zwingt den Menschen oft das Uebele zu thun. Und Cassiodorus nennt daher die Armuth eine Mutter des Verderbens, das heißt: die Mutter von unsrer Schande und von unserm Untergange. Petrus Alphonsus sagt daher: Wohl ist die größte Widerwärtigkeit der Welt, wenn ein durch Stamm und Abkunft freier Mann, gezwungen durch die Armuth, die Gaben seiner Feinde essen muß. Und gleicher Weise sagt auch Innocenz in einem seiner Bücher, indem er spricht: Die Lage eines armen Bettlers ist kummervoll und unglücklich; denn bettelt er nicht um sein Brod, so muß er Hungers sterben, und bettelt er, stirbt er vor Scham, und doch die Noth wird ihn, zu betteln, zwingen. Und darum sagt auch Salamo, daß Sterben besser sei, als solche Armuth. Und dieser selbe Salamo sagt ferner: Weit besser ist’s, den bittern Tod zu sterben, als solcher Art zu leben. Durch diese Gründe, die ich Euch genannt und noch durch viele andre, die ich nennen könnte, gesteh’ ich zu, daß Reichthum gut für jene sei, die solchen wohl erworben haben und ihn in rechter Art zu brauchen wissen; und ich will Euch deßwegen zeigen, wie Ihr verfahren müßt, um Reichthum anzusammeln und welcher Art Ihr ihn gebrauchen sollt. Zuerst sollt Ihr ihn ohne große Gier erlangen mit guter Weile, nach und nach, nicht aber überhastig; denn ein Mann, den es nach Reichthum allzusehr verlangt, ergiebt sich leicht dem Diebstahl oder andern Uebelthaten. Und darum sagt uns Salamo: Wer zu sehr eilt, um schleunig reich zu werden, kann seine Unschuld nicht bewahren. Auch sagt er: Reichthum, welcher eilig kommt, vergeht auch schnell; indessen Reichthum, welcher nach und nach gesammelt ist, stets wachsen und sich mehren wird. Und Reichthum, Herr, sollt Ihr erwerben durch Eueren Verstand und Eure Arbeit zu Eurem Nutzen und ohne irgend einem andern Menschen deßwegen Unrecht oder Harm zu thun. Denn das Gesetz spricht: Es macht sich Niemand selber reich, wenn er einem Andern Schaden thut, das heißt, daß es Natur mit Recht verbiete und verwehre, durch Schaden Anderer sich reich zu machen. Und Tullius sagt, daß Sorge nicht, noch Todesfurcht, noch was dem Menschen sonst begegnen kann, so gegen die Natur geht, als wenn ein Mensch durch Schaden Andrer den eignen Nutzen zu vermehren suche. Und wenn auch zwar die Mächtigen und Großen leichter als Du zu Reichthum kommen, so sollst Du doch nicht faul und langsam sein, Dir Vortheil zu erschaffen, denn dieser Art wirst Du dem Müßiggang entfliehn. Denn Salamo sagt, daß Müßiggang viel Böses lehre. Derselbe Salamo besagt: Wer arbeitet und seinen Acker baut, wird Brod essen, doch wer träge ist und sich zu keinem Handel und Geschäfte hält, der wird in Armuth sinken und vor Hunger sterben. Und der, so faul und lässig ist, kann nie die rechte Zeit für seinen Vortheil finden. Ein Versemacher sagt, daß sich der Faule im Winter entschuldige, dieweil es kalt sei, und im Sommer der starken Hitze wegen. Aus diesem Grunde redet Cato: Wachet und gebt Euch nicht zu vielem Schlafe hin, denn Uebermaß an Ruhe nährt und brütet manches Laster. Und deßhalb sagt der heilige Hieronymus: Thut etwas Gutes, damit Euch nicht der Teufel, unser Feind, im Müßiggange finde, denn nicht zu seinen Werken nimmt der Teufel leicht, wen er in guten Werken thätig findet. Daher müßt Ihr, um Reichthümer zu erlangen, die Trägheit fliehen. Und hinterher sollt Ihr den Reichthum, den Ihr durch Arbeit und Verstand gewonnen habt, in solcher Weise brauchen, daß Euch die Menschen nicht für karg und allzu sparsam halten, und nicht für thöricht großartig, das heißt, verschwenderisch; denn wie man einen geiz’gen Menschen ob seiner Filzigkeit und Kargheit tadelt, so ist auch der zu tadeln, der verschwendet. Und drum sagt Cato: Gebrauche Deinen Reichthum, den Du gewonnen hast, in solcher Art, daß Niemand Grund hat, Dich einen Geizhals oder Filz zu nennen, denn eine große Schande ist für Jeden: ein leeres Herz bei einer vollen Börse. Auch sagt er noch: Die Güter, welche Du erworben hast, gebrauch’ mit Maß, und das will heißen: gieb sie mäßig aus; denn die, so ihre Habe thöricht verthuen und verschwenden, werden, wenn gar nichts mehr ihr eigen ist, die Güter andrer Leute wegzunehmen suchen. Ich sage nun, daß Ihr den Geiz vermeiden sollt, indem Ihr solcher Art den Reichthum braucht, daß man nicht sagen kann, es läge Euer Schatz begraben, nein daß Ihr ihn in Eurer Macht und Euren Händen habt. Denn ein weiser Mann tadelte den Geizigen durch diese beiden Verse: Weßwegen und wozu begräbt ein Mann sein Gut aus großem Geiz, wenn ihm bewußt ist, daß er sterben muß? denn in dem gegenwärt’gen Leben ist das Ende eines jeden Manns der Tod. Und warum und zu welchem Zwecke verbindet und verknüpft er sich so fest mit seinem Gut, daß, ihn davon zu trennen und zu scheiden, sein sämmtlicher Verstand nicht fähig ist, obwohl er weiß, daß er bei seinem Tode aus dieser Welt gar nichts von hinnen trägt? Und daher sagt St. Augustin, daß ein Geiziger der Hölle gleiche, die auch, je mehr sie schluckt, je mehr Begierde hat, zu schlucken und zu schlingen. Und so wie Ihr zu meiden sucht, ein Geizhals oder Filz genannt zu werden, so sollt Ihr Euch auch derart halten und betragen, daß man Euch nicht ›Herr Hans Verschwender‹ heißt. Daher sagt Tullius: Die Güter Deines Hauses sollten niemals so fest und so geheim gehalten werden, daß sie die Güte und das Mitleid nicht zu öffnen wüßten, das heißt: sie unter die Bedürftigen zu theilen; noch sollte Deine Habe je so offen sein, daß sie zum Gut der Allgemeinheit werde. Auch müßt Ihr ferner beim Erlangen und beim Gebrauche Eures Reichthums drei Dinge stets in Eurem Herzen haben, und diese sind: Gott, unser Herr, Gewissen und ein guter Ruf. Erst sollt Ihr Gott in Eurem Herzen tragen, und nicht für Schätze dürft Ihr etwas thun, das Gott, unserm Schöpfer, irgend wie mißfallen könnte. Denn nach dem Worte Salamos ist es weit besser, bei Gottes Liebe wenig Gut zu haben, als durch das viele Gut die Liebe unsres Herrn und Gottes zu verlieren. Und der Prophet sagt, daß es besser sei, ein guter Mann zu sein und wenig Gut und Geld zu haben, als ein Bösewicht bei großem Reichthum. Doch sag’ ich ferner, daß Ihr Euch stets bestreben solltet, reich zu werden, sofern Ihr dabei Euch ein gutes Gewissen bewahrt. Und der Apostel sagt, daß in der Welt uns Nichts so große Freude machen sollte, als wenn uns das Gewissen ein gutes Zeugniß giebt. Auch sagt der Weise: Das Innere des Menschen ist sehr gut, wenn im Gewissen keine Sünde steckt. Sodann müßt Ihr bei dem Erwerb und dem Gebrauch von Reichthum sehr große Sorge tragen und Euch streng bemühn, daß Ihr den guten Namen Euch erhaltet und bewahrt. Denn Salamo sagt: Ein gut Gerücht ist köstlicher, denn großer Reichthum; und so sagt er an einer andern Stelle: Bestrebe Dich mit großem Fleiß, Dir Deinen guten Namen und Deine Freunde zu erhalten, denn diese halten länger bei Dir aus als Schätze und ob sie noch so kostbar sind. Und sicherlich, ein Edelmann kann der nicht heißen, der unterläßt, nächst Gott und ruhigem Gewissen auch seinen guten Namen zu bewahren. Und Cassiodorus sagt, daß es ein Merkmal eines edlen Herzens sei, wenn Jemand liebe und den Wunsch besäße, sich einen guten Namen zu erhalten. Und deßhalb sagt St. Augustin: zwei Dinge seien nöthig und erforderlich: ein gut Gewissen und ein guter Ruf; das heißt: ein gut Gewissen für Dich selber und guter Ruf für Deine Nachbarn draußen. Und wer dem eignen ruhigen Gewissen so sehr vertraut, daß er darüber seinen guten Namen oder Ruf geringschätzt und nicht achtet und unbesorgt ist, diesen zu bewahren, ist nur ein roher Kerl. Nun, Herr, ist Euch von mir gezeigt, wie Ihr verfahren sollt, um Reichthum zu erwerben und wie Ihr ihn gebrauchen sollt; und wohl ersehe ich, daß bei dem Vertrau’n, das Ihr auf Euren Reichthum habt, Ihr Willens seid, zu kriegen und zu kämpfen. Ich rathe Euch, daß Ihr nicht Krieg und Schlacht beginnt in dem Vertrau’n auf Euren Reichthum, denn er genügt nicht, um den Krieg zu unterhalten. Und deßhalb sagt ein Philosoph: Wer Krieg wünscht und ihn führen will, kann nie genug besitzen, dieweil, je mehr er hat, je mehr er zahlen muß, um Sieg und Ehre zu erkaufen. Und es sagt Salamo: Je größern Reichthum Jemand hat, jemehr Verzehrer hat er. Und, theurer Herr, wenn es auch sein mag, daß Ihr durch Euren Reichthum über vieles Volk gebietet, so ist es weder gut noch ziemlich, Krieg zu machen, wenn Ihr mit Nutzen und mit Ehre in andrer Weise Frieden halten könnt, denn der Sieg der Schlachten, so in dieser Welt geschlagen werden, liegt weder in der Ueberzahl noch Masse an Kriegsvolk, noch in der Tapferkeit der Mannen, dagegen in der Hand von Gott, dem allgewalt’gen Herrn. Weßhalb auch Judas Makkabäus, der ein Gottesritter war, als er mit einem Gegner kämpfen sollte, der mehr an Zahl und größre Massen Volks besaß und stärker war als dieses Makkabäus Heer, sein kleines Häuflein also tröstete und sprach: Ebenso leicht kann Gott, unser allmächtiger Herr, der kleinen Schaar den Sieg verleihen, wie der großen Menge, denn Schlachtensieg hängt nicht von starken Heeren ab, er kommt allein durch Gott, den Herrn im Himmel. Und, theurer Herr, dieweil kein Mensch Gewißheit hat, ob Gott ihm Sieg verleihen werde oder nicht – wie Salamo gesagt hat – so sollte Jedermann sich höchlichst scheuen, Krieg zu beginnen. Und da in Schlachten viel Gefahren sind, und es sich manchmal wohl ereignen kann, daß auch der Große wie der Kleine darin getödtet wird, und da geschrieben steht im zweiten Buch der Könige: Der Schlachten Führung ist ein Wagestück und ungewiß; und da im Kriege die Gefahren groß sind, so sollte Jeder auch den Krieg vermeiden und ihn fliehn, soviel er irgend nur vermag. Denn wer sich in Gefahr begiebt – sagt Salamo – kommt darin um.«

Nachdem in dieser Art die Frau Prudentia geredet hatte, entgegnete ihr Melibeus und sprach: »Ich sehe, Frau Prudentia, durch Eure schönen Worte und durch Eure Gründe, die Ihr mir gezeigt habt, daß Ihr den Krieg nicht liebt; doch habe ich bislang nicht Euren Rath gehört, wie ich in dieser Sache handeln soll.«

»Gewiß,« – sprach sie – »ich rathe Euch, daß Ihr mit Euren Gegnern Euch verständigt und Frieden haltet. Denn St. Jakobus sagt in seinem Briefe, daß durch Eintracht und Frieden Reichthum gewonnen wird, durch Hader und Streit aber zu Grunde gehe. Und deßhalb spricht auch unser Herr, Jesus Christ, zu seinen Aposteln in dieser Weise: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.«

»Ah!« – sagte Melibeus – »nun sehe ich klar, daß Ihr nicht meine Ehre und meine Würde schützt. Ihr wißt sehr wohl, daß meine Gegner den Streit und Kampf durch ihre Uebelthat begonnen haben; auch seht Ihr klar, daß sie mich nicht um Frieden bitten und ersuchen, und nicht verlangen, mit mir versöhnt zu sein. Wollt Ihr denn, daß ich mich so erniedrige, daß ich mich ihnen unterwerfe und sie um Gnade bitte? Fürwahr, das wäre nicht nach meinem Sinn. Denn wie man sagt, daß allzugroße Einfalt Verachtung zeuge, so geht es auch zu großer Demuth und Sanftmüthigkeit.«

Nunmehr fing Frau Prudentia an, sich ärgerlich zu stellen, und sagte: »Gewiß, Herr, mit Verlaub! ich liebe Euren Ruhm und Euren Nutzen wie meinen eigenen, und habe dieses stets gethan, und keiner sagte je das Gegentheil. Doch hätte ich gesagt, Ihr solltet Friede und Versöhnung Euch erkaufen, so hätte ich mich wenig nur vergriffen und versprochen. Denn der Weise sagt, Uneinigkeit beginnt durch Andere, doch die Versöhnung durch Dich selbst. Und der Prophet sagt: Das Böse fliehe und das Gute thue! Den Frieden suche und erhalte, so viel an Dir liegt. Doch sag’ ich nicht, daß Ihr bei Euren Gegnern eher um Frieden bitten solltet, als sie bei Euch; denn ich weiß wohl, Ihr seid so eigensinnig, daß Ihr um meinetwillen niemals etwas thut; und es sagt Salamo: Den, welcher ein zu hartes Herz besitzt, trifft schließlich Unglück und Verderben.«

Als Melibeus seine Frau Prudentia anscheinend böse sah, sprach er in dieser Weise: »Frau, ich bitte Euch, laßt Euch nicht kränken, was ich sage; denn ich weiß gar wohl, daß ich in Zorn und Aerger bin, und dieses ist kein Wunder; und wenn man zornig ist, vergißt man, was man thut und spricht. Daher sagt der Prophet, daß trübe Augen nicht klar sehen. Doch sag’ und rathe mir, was Dir gefällt; ich bin bereit, zu thuen, was Du wünschest. Und wenn Ihr mich ob meiner Thorheit scheltet, so kann ich Euch dafür nur loben und verehren. Denn Salamo sagt, daß, wer den Thoren tadelt, größre Gnade finden soll, als der durch süße Worte ihn betrügt.«

Dann sagte Frau Prudentia: »Wenn ich dem Anschein nach mich böse zeige, geschieht es nur zu Eurem großen Nutzen. Denn Salamo sagt: Es ist besser einen Thoren für seine Unvernunft zu schelten und zu tadeln, als ihn in seiner Thorheit zu bestärken und zu loben und über seinen Unverstand zu lachen. Und ebenso sagt dieser Salamo, daß durch das strenge Antlitz eines Mannes, das heißt, durch seine ernste Haltung und Geberde, der Thor gezüchtigt und verbessert werde.«

Dann sagte Melibeus: »Ich werde keine Antwort geben können auf soviel schöne Gründe, wie Ihr sie mir gezeigt und vorgeführt habt. Sagt Euren Willen und Eure Meinung mir in aller Kürze, und ich bin ganz bereit, ihn zu vollziehn und zu erfüllen.«

Darauf enthüllte Frau Prudentia ihm ihren ganzen Willen und begann: »Ich rathe Euch vor allen Dingen, machet Frieden zwischen Gott und Euch, und seid versöhnt mit ihm und seiner Gnade; denn – wie ich Euch zuvor gesagt – Gott hat Euch dieses Ungemach und diese Trübsal um Eurer Sünden willen auferlegt. Und wenn Ihr thut, was ich Euch sage, so wird Gott die Widersacher zu Euch senden und vor Eure Füße niederfallen lassen, bereit, nach Eurem Willen und Befehl zu thun. Denn Salamo sagt: Wenn dem Herren des Menschen Wege wohlgefallen, so wandelt er die Herzen seiner Feinde und zwingt sie, ihn um Frieden und um Gnade anzuflehn. Und darum bitt’ ich Dich, laß mich mit Deinen Feinden heimlich sprechen, denn sie sollen es nicht wissen, daß es mit Eurem Willen und Eurer Zustimmung geschieht; und wenn ich ihren Willen und ihre Absicht kenne, vermag ich dann Dir zuverlässiger zu rathen.«

»Frau!« – sagte Melibeus – »thut, was Ihr wollt und wie es Euch beliebt. Ich stelle mich gänzlich unter Eure Leitung und unter Eueren Befehl.«

Als Frau Prudentia den guten Willen ihres Gatten sah, ging sie in sich zu Rathe und dachte nach, wie diese Sache sie zu einem guten Ausgang bringen könne. Und als sie ihre Zeit gekommen sah, entsandte sie zu seinen Gegnern Botschaft, in Heimlichkeit zu ihr zu kommen, und zeigte ihnen in verständ’ger Weise den großen Vortheil, welcher durch den Frieden kommt, und die Gefahren und die großen Leiden, welche durch Krieg entstehen; und sagte ihnen in vernünft’ger Art, wie tiefe Reue sie empfinden müßten wegen des Unrechts und der Kränkungen, so sie dem Melibeus, ihrem Herrn, und ihr und ihrer Tochter zugefügt. Und als sie diese wohlgemeinten Worte der Frau Prudentia hörten, waren sie hocherstaunt und so entzückt, und hatten über sie so große Freude, daß es ein Wunder, zu erzählen, ist. »O, Dame!« – sprachen sie – »Ihr habet uns gezeigt der Sanftmuth Segen nach den Worten des Propheten David; denn die Versöhnung, der wir in keiner Weise würdig sind und die in großer Demuth und Zerknirschung wir erbitten sollten, Ihr bietet sie aus großer Güte selbst uns an. Nun sehen wir es klar, wie ächt und groß die Weisheit Salamonis ist, wenn er besagt, daß man durch liebe Worte seine Freunde mehre und Widerspänst’ge sanft und folgsam mache. Gewißlich,« – sprachen sie – »wir stellen unsre That und unsre ganze Sache durchaus in Euren guten Willen, und sind bereit, dem Worte und Befehl von Melibeus, unserm Herrn, zu folgen. Und deßhalb bitten und ersuchen wir Euch, theure, güt’ge Dame, so demüthig wir können und vermögen, daß Eurer großen Güte es gefallen möge, nun durch die That auch Eure guten Worte zu erfüllen. Wir sehen und gestehen ein, wir haben weit über alles Maß hinaus den Melibeus, unsern Herrn, beleidigt und gekränkt, und zwar so sehr, daß wir nicht Macht besitzen, ihn dafür zu entschädigen; und deßhalb binden und verpflichten wir uns mit allen unsern Freunden, all seinen Willen und Befehl zu thun. Vielleicht jedoch hat er so schweren Aerger und solchen Zorn ob unserer Beleidigung noch gegen uns, daß er uns solche Strafe aufzulegen denkt, die zu ertragen wir nicht fähig sind; und deßhalb, edle Dame, flehen wir zu Eurem weiblichen Erbarmen, in dieser Noth es derart einzurichten, daß wir und unsre Freunde nicht enterbt und nicht zerstört durch unsre Thorheit werden.«

»Gewiß,« – sprach Frau Prudentia – »es ist ein hartes, höchst gefährlich Ding, wenn sich ein Mann dem Urtheil und der willkürlichen Entscheidung seines Feindes so gänzlich unterwirft und in Gewalt und Macht desselben sich begiebt; denn es sagt Salamo: Gehorchet mir und nehmt es Euch zu Herzen! Laß den Sohn, die Frau, den Bruder und den Freund nicht Gewalt über Dich haben, solang’ Du lebst. Nun da er es verbietet, selbst dem Bruder und dem Freunde über unsern Leib Gewalt zu geben, so untersagt er aus noch stärkern Gründen, sich seinen Feinden zu ergeben. Nichtsdestoweniger rath’ ich Euch an, nicht meinem Herren zu mißtrauen, denn ich weiß sicher und bestimmt, er ist gutmüthig, sanft, großherzig, höflich und nicht begierig noch erpicht auf Gut und Reichthum; denn er wünscht nichts auf dieser Welt als Ehre nur und Ehrerbietung. Auch weiß ich fernerhin und bin gewiß, daß er nichts ohne meinen Rath in diesem Falle thun wird; ich aber will es so zu machen wissen, daß durch die Gnade Gottes, unsres Herrn, Ihr miteinander Euch versöhnen sollt.«

Dann sagten sie mit einer Stimme: »Verehrte Dame! wir stellen uns und unsre Güter völlig in Eure Neigung und in Euren Willen, und sind bereit, an jedem Tag zu kommen, den Eure Hoheit liebt, uns zu bestimmen oder festzusetzen, um durch Verpflichtung und Verschreibung uns zu binden, so stark, wie’s Eurer Gütigkeit gefällt, den Willen zu vollziehn von Euch und unserm Herren Melibeus.«

Als Frau Prudentia die Worte dieser Leute vernommen hatte, befahl sie ihnen, heimlich fortzugehn, und kehrte dann zurück zu ihrem Hausherrn Melibeus und sagte ihm, wie reuig sie seine Gegner gefunden hätte, welche ihre Sünde und ihr Vergehen demüthig bekannt, und wie bereit sie wären, alle Strafe zu erdulden, indem sie nur um Gnade ihn ersuchten und um Erbarmen flehten.

Dann sagte Melibeus: »Derjenige ist wahrlich werth, Vergebung und Verzeihung für seine Sünde zu empfangen, der sie nicht entschuldigt, vielmehr, um Nachsicht bittend, sie eingesteht und bereut. Denn Seneka sagt: Wo Bekenntniß ist, da giebt es auch Vergebung und Verzeihung; denn das Bekenntniß ist der Unschuld Nachbar. Und so verspreche und versichre ich, den Frieden zu erhalten. Doch ist es gut, daß wir nichts ohne Beistimmung und ohne Willen unsrer Freunde thun.«

Nun war Prudentia höchst freudevoll und froh und sprach: »Gewiß, mein Herr, Ihr gabt mir eine liebe, rechte Antwort! Denn wie durch Rath und Beistimmung und Hülfe Eurer Freunde zur Rache und zum Krieg Ihr angestachelt seid, so sollt Ihr gleicher Weise nicht ohne ihren Rathschlag Euch verständigen und Frieden mit den Widersachern schließen. Denn das Gesetz besagt: Nichts ist so gut in seiner Art, als daß auch der den Knoten wieder löst, der ihn geschürzt hat.«

Dann sandte Frau Prudentia ohne Zögern und Verweilen ihre Botschaft zu der Verwandtschaft und den alten Freunden, so treu und weise waren, und sagte ihnen auf Geheiß in Gegenwart von Melibeus alle Sachen, die schon zuvor erzählt sind und erklärt, und bat sie, Rath und Meinung abzugeben, was in dem Fall am füglichsten zu thun sei. Und als des Melibeus Freunde den besagten Gegenstand in Ueberlegung und in Rath gezogen hatten und ihn mit Emsigkeit und großem Fleiß geprüft, gaben sie ihre volle Zustimmung, den Frieden und die Ruhe zu erhalten, und Melibeus solle seine Feinde mit gutem Herzen bei ihm zur Gnade und Vergebung kommen lassen.

Und als dann Frau Prudentia ersah, daß ihres Herren Melibeus Meinung und seiner Freunde Rath mit ihrer Absicht und mit ihrem Willen in Einklang stände, ward sie in ihrem Herzen wunderfroh und sprach: »Es giebt ein altes Sprüchwort, welches sagt: Das Gute, was Du heute thuen kannst, vollbringe, und laß es und verschieb’ es nicht auf morgen! Und deßhalb sag’ ich, sendet Boten, die klug sind und verschwiegen, an Eure Gegner und lasset ihnen sagen, daß, wenn sie über Frieden und Verständigung mit Euch verhandeln wollten, so möchten ohne Zögern und Verzug sie zu uns kommen.«

Dieses wurde in der That so ausgeführt. Und als die Sünder, welche ihre Thorheit reute, das heißt, die Gegner von Melibeus, vernommen hatten, was diese Boten ihnen sagten, waren sie höchst erfreut und froh, und antworteten voll Sanftmuth und voll Güte, ihrem Herren Melibeus und seinem ganzen Kreise erkenntlich dankend, und schickten sich gleich ohne Zögern an, mit diesen Boten fortzugehn und dem Befehl von ihrem Herren Melibeus zu gehorchen. Sie zogen graden Wegs zum Hof des Melibeus und nahmen einige treue Freunde mit, sie zu beglaubigen und für sie zu bürgen. Und als sie in die Gegenwart des Melibeus gekommen waren, sprach er zu ihnen diese Worte: »Es stehet so und ist erwiesen, daß Ihr ohne Grund und ungeschickter, unvernünft’ger Weise mir großes Leid und Unrecht zugefügt habt, sowie auch meiner Frau Prudentia und meiner Tochter gleichfalls; denn Ihr seid mit Gewalt mir in das Haus gedrungen, und solchen Schimpf habt Ihr mir angethan, daß Jedermann wohl einsieht, daß Ihr den Tod verdient habt; und deßhalb will ich von Euch hören und wissen, ob Ihr die Züchtigung, die Strafe und die Rache für diese Uebelthat in meinen und in den Willen meines Weibes stellen wollt, ob nicht?«

Dann antwortete der Klügste von den Dreien für Alle und sprach: »Herr! wir wissen wohl, daß wir unwürdig sind, zum Hofe eines so großen und so edlen Herrn, als Ihr seid, hinzukommen; denn wir haben so gröblich uns vergangen und sind so sündenvoll und schuldbeladen vor Eurer Hoheit, daß wir, fürwahr, den Tod verdienet haben; jedoch, da Eure große Güte und Barmherzigkeit die ganze Welt von Euch bezeugt, so unterwerfen wir uns der Vortrefflichkeit und Milde Eurer gnäd’gen Hoheit und sind bereit, in Allem Euren Befehlen zu gehorchen, indem wir Euch ersuchen, daß Ihr aus mitleidsvoller Gnade unsre große Reue und tiefe Unterthänigkeit betrachten und uns Vergebung für unser schmähliches Vergehen und unsre Uebelthat gewähren wollt. Denn wir wissen wohl, daß Euere edle Huld und Gnade im Guten größer ist, als unsre Schuld und Uebelthat im Bösen, obschon wir uns verfluchter und verdammter Weise höchst schuldig gegen Eure Hoheit machten.«

Höchst gütig hob sie Melibeus dann vom Boden auf, empfing von ihnen ihr Versprechen und Gelübde durch Eid und Pfand und Bürgen und bestimmte ihnen einen Tag, an seinen Hof zurückzukehren und Spruch und Urtheil zu gewärtigen und anzunehmen, das Melibeus aus den vorbesagten Gründen, an ihnen zu vollstrecken denke. Dies abgemacht, ging Jedermann nach Haus.

Und als dann Frau Prudentia ihre Zeit gekommen sah, befrug sie ihren Herren Melibeus, welche Rache er an seinen Gegnern auszuüben denke?

Worauf ihr Melibeus Antwort gab und sprach: »Gewiß, ich hege den Gedanken und die Absicht, ihnen zu nehmen, was sie je besaßen und in Verbannung sie auf ewig dann zu schicken.«

»Nun, sicherlich,« – sprach Frau Prudentia – »der Urtheilsspruch wäre grausam und höchlichst wider die Vernunft. Denn Ihr seid reich genug, und Ihr bedürft der Habe andrer Leute nicht. Und Ihr könnt Euch auf diese Weise leicht den Namen eines neid’gen Manns erwerben, was eine lästerliche Sache ist, die jeder gute Mensch stets meiden sollte; denn nach dem Spruche des Apostels ist Begehrlichkeit die Wurzel alles Uebels. Und besser wäre es für Euch daher, von Eurem Gute Vieles zu verlieren, als wie die Habe Andrer in solcher Art zu nehmen. Denn besser ist’s, mit Würde zu verlieren, als wie durch Schlechtigkeit und Schande zu gewinnen. Und Jeder sollte mit Fleiß und Emsigkeit erstreben, sich einen guten Namen zu verschaffen. Und nicht allein soll er stets thätig sein, den guten Namen zu bewahren, nein, immer sich bestreben, das zu thun, wodurch den guten Namen er erneuern kann; denn aufgeschrieben steht, daß jeder gute Ruf und Name bald schwindet und vergeht, wenn er nicht stets von Neuem aufgefrischt wird. Und wenn Ihr sagtet, daß Ihr Eure Gegner verbannen wollt, so scheint mir das ganz wider die Vernunft und alles Maß in Anbetracht der Macht, die sie Euch selbst gegeben haben. Geschrieben steht, daß der verdiene, sein Vorrecht zu verlieren, der die Gewalt und Macht mißbraucht, so ihm verliehen ist. Und setzte ich den Fall, Ihr könntet diese Strafe ihnen durch das Recht und die Gesetze auferlegen, was ich bezweifle, so sag’ ich dennoch, Ihr dürft es nicht zur Ausführung gelangen lassen, weil dies zum Krieg zurückzukehren hieße, wie zuvor. Und wenn Ihr daher wollt, daß diese Leute Euch gehorchen sollen, so müßt Ihr höflicher entscheiden, das heißt, Ihr müßt ein leichtres Urtheil ihnen geben. Geschrieben steht: Dem, der am freundlichsten befehlen kann, wird man am Besten auch gehorchen. Und deßhalb bitt’ ich Euch, in diesem Fall der Noth und der Nothwendigkeit das eigne Herz zu überkommen. Denn Seneka sagt: Der, so sein Herz besiegt, ist zweimal Sieger. Und Tullius sagt: Nichts ist empfehlenswerther für den großen Herrn, als daß er sanft und güt’gen Herzens ist und sich mit Leichtigkeit beruhigen läßt. Und daher bitt’ ich, unterlaßt es jetzt, in dieser Weise Euch zu rächen, damit der gute Name Euch gewahrt und Euch erhalten bleibe und damit man Grund und Ursache habe, ob Eurer Güte und ob Eures Mitleids Euch zu preisen, und auch damit Ihr selber keinen Grund habt, das zu bereuen, was Ihr thut. Denn Seneka sagt: Es siegt in übler Art, wer nach dem Siege seinen Sieg bereut. Deßwegen bitt’ ich Euch, hegt in dem Herzen Mitleid zu diesem Zweck und Ende, damit Gott, der Allmächtige, mit Euch in seinem Schlußgerichte Mitleid habe. Denn St. Jakobus sagt in seinem Briefe: Es wird aber ein unbarmherzig Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.«

Als Melibeus diese trift’gen Gründe der Frau Prudentia hörte und ihre weisen Lehren und Ermahnungen, begann sein Herz dem Willen seines Weibes sich zu fügen, und in Betracht von ihrer treuen Absicht, bezwang er sich und stimmte willig ein, nach ihrem Rath zu handeln, und dankte Gott, von welchem alle Güte und alle Tugend kommt, daß er ihm ein so klug, verständig Weib gesandt. Und als der Tag kam, an welchem seine Gegner in seiner Gegenwart erscheinen sollten, sprach er zu ihnen freundlichst dieser Art: »Mag es auch sein, daß Ihr durch Euren Stolz und Eure Anmaßung und Thorheit und Unbedacht und Lässigkeit Euch übel aufgeführt und gegen mich Euch sehr vergangen habt, so macht mich Eure Demuth, die ich sehe, sowie die reuevolle Sorge über Eure Schuld dennoch geneigt zu Gnade und Erbarmen. Drum nehm’ ich Euch in meine Huld zurück, und ich verzeihe Euch die Kränkung und Schmähung und das Unrecht völlig, das Ihr den Meinen sowie mir gethan, zu diesem Zweck und Ende, damit uns Gott in seinem endlosen Erbarmen zur Zeit des Todes unsre Schuld vergebe, die wider ihn in dieser Welt voll Elend wir verübt. Denn, zweifelsohne, sind betrübt und reuevoll wir über unsre Schuld und unsre Sünden, die wir gethan vorm Angesicht des Herrn; ist er so edel und so gnadenvoll, daß er uns unsre Schuld vergiebt und uns zum Heile führt, das nimmer endet. Amen!«

Der Prolog des Mönches.

Vers 6575–6676.

Als ich mit Melibeus und der frommen

Prudentia nunmehr zum Schluß gekommen,

Sprach unser Wirth: »Mein Wort darauf, als Mann,

Und bei dem theuren corpus Madrian!

Mir wäre lieber, als ein Faß voll Bier,

Mein Weibchen hätte zugehört mit mir

Dem, was von Frau Prudentia Ihr erzählt,

Da ihr Geduld in jeder Hinsicht fehlt.«

Gott’s Knochen! wenn ich meine Knechte hau’,

Bringt mir die dicksten Knüttel meine Frau

Und schreit: »Gieb jedem Hunde seinen Theil,

Brich ihm den Hals, laß keinen Knochen heil!«

Und sollte von den Nachbarn Jemand wagen,

Ihr rücksichtslos den Vortritt zu versagen,

Und grüßt’ er sie gar in der Kirche nicht,

So springt zu Hause sie mir ins Gesicht

Und ruft: »Du feige Memme! räch’ Dein Weib!

Gieb mir Dein Messer! Bei des Herren Leib!

Nimm meine Kunkel hin und spinne Du!«

So setzt sie mir bis spät am Abend zu.

»Ach!« – ruft sie aus – »warum ward ich erschaffen

Für eine Memme, einen feigen Affen,

Der sich beschimpfen läßt von jedem Knecht,

Statt zu vertheid’gen seines Weibes Recht?«

Das ist mein Leben, das ich mit ihr führe.

Will ich nicht fechten, muß ich aus der Thüre

Mich drücken, sonst hab’ ich verspielt; es sei

Dann, ich wär’ tollkühn, wie ein wilder Leu.

Sie reizt mich, weiß ich sicher, noch zum Mord

Und eines Tages muß ich von hier fort.

Ein böses Messer führ’ ich in der Hand,

Obgleich ich ihr noch niemals widerstand.

Stark ist ihr Arm, und das wird Jeder finden,

Der wagen wollte, mit ihr anzubinden.

Doch sprechen wir nicht von der Sache weiter.

»Herr Mönch,« – sprach er – »seid aufgeräumt und heiter

Denn zu erzählen – auf mein Wort – habt Ihr!

Seht, Rochester ist nicht mehr weit von hier.

Vorwärts, mein Herr! verderbt uns nicht das Spiel!

Indeß, bei meiner Treue! mir entfiel

Ganz Euer Name. Heißt Ihr Dan Johann,

Heißt Ihr Dan Thomas oder Dan Alban?

Von welcher Art seid Ihr, aus welchem Haus?

Ihr seht, bei Gott, höchst frisch und blühend aus;

Auf einer noblen Weide müßt Ihr gehn,

Kein Geist und Büßer kann hier vor mir stehn!

Bei meiner Treu’! Ihr seid ein Officiant,

Ein Meßner oder Meister vom Proviant.

Bei meines Vaters Seele! grad heraus,

Ihr seid ein Meister und ein Herr zu Haus;

Nicht ein Novize, nicht ein Klosterbruder,

Nein, klug und weise führt Ihr selbst das Ruder.

Den Muskeln und den Knochen sieht man’s an,

Ihr seid ein wohl- und hochgestellter Mann,

Und in der Hölle schenke Gott ihm Lohn,

Der Euch zuerst beschwatzt zur Religion.

Zum Tretehahn scheint Ihr wie ausgewählt,

Wenn’s bei der Kraft an Angebot nicht fehlt.

Wär’t Ihr mit Lust dem Zeugungswerk ergeben,

Euch dankten viel Geschöpfe wohl das Leben.

Wie geht Ihr in der Kutte nur einher?

Ach, lieber Gott! wenn ich der Papst nur wär’,

So solltest Du, wie jeder Mann von Mark,

Sei ihm das Haupt beschoren noch so stark,

Ein Weibsbild freien. Denn wo bleibt die Welt,

Wenn alles Korn nur die Rel’gion erhält?

Wir armen Laien müssen Krüppel bleiben,

Da schwache Bäume schlechte Sprossen treiben.

Und daher kommt’s, daß unsre Kinder schwach

Und ohne Kraft sind für das Zeugungsfach.

Und deßhalb sind die Weiber immer hold

Der Geistlichkeit, die stets mit Venusgold

Zu zahlen pflegt, indeß wir Laien eben,

Gott weiß es, nichts als Luxenburger geben.

Doch hoff’ ich nicht, daß Euch mein Scherz mißfiel.

Es heißt ja: oft steckt Wahrheit in dem Spiel.«

Der würd’ge Mönch nahm Alles ruhig hin

Und sprach: »Soweit ich dazu fähig bin,

Will ich sehr gern an ehrbaren Geschichten

Euch eine, ja selbst zwei bis drei, berichten.

Und leiht Ihr mir ein aufmerksames Ohr,

Trag’ ich das Leben von St. Eduard vor;

Sonst mach’ ich mit Tragödien den Beginn,

Denn wohl ein hundert stecken mir im Sinn.«

Wie uns die alten Bücher unterrichten,

Bezeichnet als Tragödien man Geschichten

Von solchen Leuten, die vom höchsten Glück

Gefallen sind ins tiefste Mißgeschick,

Und in das Elend und den Tod getrieben.

Meist sind sie in Hexametern geschrieben,

Das heißt in Versen, die sechs Füße zählen;

Doch kann man auch ein andres Versmaß wählen

Und häufig wird auch Prosa angewandt.

Dies lasset Euch genügen vor der Hand;

Nun hört mir zu, sofern es Euch gefällt.

Doch eine Bitte sei zuvor gestellt:

Zähl’ ich nicht immer nach dem Zeitverlauf

Die Päpste, Kaiser oder Kön’ge auf,

Und sollte diesen ich zu früh, und jenen

Zu spät vielleicht dem Alter nach erwähnen,

Wie es mir eben einfällt, so verzeiht

Mir gütigst meine Ungelehrsamkett.

Die Erzählung des Mönches.

Vers 6677–7452.

Ich werde nach Tragödienart beklagen

Die Leiden derer, die aus hohem Stand

In Elend fielen, und der Last erlagen,

Nachdem auf Rettung jede Hoffnung schwand.

Hat sich Fortuna erst zur Flucht gewandt,

Kann ihrem Rad kein Mensch den Lauf verwehren.

Drum laßt von mir des Glückes Unbestand

Euch durch manch altes, treues Beispiel lehren.

Lucifer.

Von Lucifer sollt Ihr zunächst erfahren,

Obschon er Engel und kein Mensch gewesen.

Zwar lenkt Fortuna nicht die Himmelsschaaren,

Doch in die Hölle stürzte Lust zum Bösen

Für ew’ge Zeiten dies erhab’ne Wesen.

O, Lucifer, Du glänzendster von Allen,

Nun bist Du Satan. Nichts kann Dich erlösen

Vom Elend, welchem Du anheimgefallen.

Adam.

Seht Adam, der von Gott mit eignen Händen

Erschaffen ward einst auf Damaskus’ Flur

Und nicht erzeugt aus schmutz’gen Menschenlenden.

Der, abgesehn von einem Baume nur,

In Eden herrschte. Keine Creatur

Stand höher, bis ihn eigenes Verschulden

Vertrieb vom Gottesgarten der Natur,

Sich abzumühn und Höllenqual zu dulden.

Simson.

Betrachtet Simson, welcher ungeboren

Vom Engel schon der Welt verkündigt war,

Den Gott in seiner Allmacht auserkoren

Zu hohem Ruhm, so lang’ sein Augenpaar

Noch Licht besaß. Denn aus der Männer Schaar

Glich keiner ihm an Kraft und kühnem Wagen,

Bis daß er sein Geheimniß offenbar

Dem Weib gemacht, und dann sich selbst erschlagen.

Der edle Simson war’s, der starke Held,

Der einen Löwen mit der Hand bezwang

Und würgte, als er wehrlos übers Feld

Des Weges schritt auf seinem Hochzeitsgang.

Doch seines Räthsels Lösung ihm entrang

Durch Schmeichelei’n sein Weib, das ungetreue,

Verrieth ihn seinen Feinden, und zum Dank

Verließ sie ihn und freite dann aufs Neue.

Dreihundert Füchse hatt’ er eingefangen,

Die mit den Schwänzen er zusammenband,

Nachdem an jeden Fuchsschweif er gehangen

In seinem Jähzorn einen Feuerbrand.

Verheert ward jedes Kornfeld rings im Land

Und jeder Wein- und Oelberg durch die Meute,

Und mit dem Eselskinnbein in der Hand,

Als einz’ger Waffe, schlug er tausend Leute.

Von Durst gequält, als sie erschlagen waren,

Bat er zu Gott, erschöpft und todesbang,

Er möge ihn erretten und bewahren

Durch einen Trunk vor sicherm Untergang.

Und aus dem todten Eselskinnbein sprang

Sofort aus einem Backenzahn die Quelle.

So sandte Gott ihm den Erquickungstrank.

– Im Buch der Richter findet Ihr die Stelle.

Von Gazas Thoren riß er Nachts die Flügel,

Trotz aller Stadtphilister Widerstand,

Gewaltsam aus, und trug auf einen Hügel

Sie bis zur Spitze mit gewalt’ger Hand,

Damit sie Jeder sähe rings im Land.

O edler Simson, hätte, tapfrer Streiter,

Dir Dein Geheimniß nicht ein Weib entwandt,

So gliche Keiner Dir auf Erden weiter.

Die Vorschrift eines Engels hieß ihn meiden

Den Wein und Cider, und sich nimmerdar

Sein Haupt zu scheeren oder zu beschneiden.

Denn seine Stärke lag in seinem Haar.

In Israel regierte Jahr für Jahr

Er über zwanzig Winter Land und Leute.

Doch brachten ihn die Weiber in Gefahr,

Was unter manchen Thränen er bereute.

Denn als sein Kebsweib Delila kaum hörte,

Daß alle Kraft ihm durch sein Haar verliehn,

Verrieth ihn die durch Feindesgold Bethörte,

Und als er schlummernd lag auf ihren Knie’n,

Schnitt sie, um seine Kraft ihm zu entziehn,

Das Haar ihm ab, und übergab den Händen

Des Feindes den Geschwächten, welcher ihn

Mit Stricken band, um ihn sodann zu blenden.

So lang’ sein Haar er trug, war Keiner stärker.

Ihm konnten keine Banden widerstehn.

Nun aber sitzt gefangen er im Kerker,

Und muß gezwungen dort die Mühle drehn.

O, Richter, einst so hoch und angesehn,

O, edler Simson, stärkster Mann von Allen,

Wohl mögen in den blinden Augen stehn

Die Thränen Dir, denn tief bist Du gefallen!

Hört, wie sein Dasein elend er beschlossen!

Ein Fest ward von dem Feinde angestellt

Im reichgeschmückten Tempel, wo mit Possen

Der Aermste sie gezwungen unterhält.

Doch wurde bitter ihre Lust vergällt.

Denn um zwei Pfeiler schlingt er seine Hände.

– Sie stürzen, und der ganze Tempel fällt,

Und mit den Feinden fand auch er sein Ende.

Die Fürsten alle, will ich damit sagen,

Und noch Dreitausend wurden überher,

Beim Sturz des Tempels vom Gestein erschlagen.

Von Simson aber red’ ich nun nicht mehr.

Doch zeigt dies alte Beispiel Euch, wie sehr

Es Noth thut, nicht vor Weibern auszuprahlen,

Was man geheim zu halten wünscht; denn schwer

Muß man es sonst mit Leib und Leben zahlen.

Herkules.

Von Herkules’, des Weltbezwingers, Ruhme

Zeugt manches Werk, das seiner Hand geglückt.

An Manneskraft war er der Vorzeit Blume.

Er schlug den Löwen, dessen Haut ihn schmückt,

Hat der Centauren Uebermuth erdrückt,

Die grausigen Harpyen überwunden,

Des Drachen goldne Aepfel abgepflückt,

Und Cerberus den Höllenhund gebunden.

Busiris, den Tyrannen, schlug er nieder,

Und gab den Rossen sein Gebein zum Schmaus.

Er schlug die gift’ge, feuerspei’nde Hyder,

Und brach ein Horn dem Acheloos aus,

Den Cacus hat in seinem Felsenhaus,

Antäus hat, den Riesen, er erschlagen,

Dem grimmen Eber gab er den Garaus,

Und hat des Himmels schwere Last getragen.

Es lebte Keiner seit der Welt Beginne,

Der so viel Ungeheuer überwand.

Es war der Ruf von seinem Biedersinne

Und seiner Stärke weit und breit bekannt.

Von ihm durchzogen wurde jedes Land.

Es war an Kraft ihm Niemand zu vergleichen.

Je einen Pfeiler pflanzt’ er an dem Rand

Der Erde auf als Grenz- und Ruhmeszeichen.

Als Kebsweib lebte mit dem edlen Helden

Die Dejanira, eine junge Maid,

Frisch wie der Mai, und gab, wie Schreiber melden,

Ihm einst ein neues, buntgeschecktes Kleid.

Doch war in Gift von solcher Wirksamkeit

Das Hemd getränkt – o Jammer und Entsetzen! –

Daß ihm schon nach zwölf Stunden Tragezeit

Das Fleisch von seinen Knochen fiel in Fetzen.

Zwar manche Schreiber auch der Ansicht huld’gen,

Daß Nessus ihm das gift’ge Hemd gesandt,

Nun, das mag sein. – Ich will sie nicht beschuld’gen.

Er trug auf nacktem Leibe das Gewand,

Bis schwarz vom Gift ihm alles Fleisch gebrannt;

Und hoffnungslos, das Uebel abzuwenden,

Begrub er sich in glüh’nder Kohlen Brand,

Um nicht durch Gift unehrenvoll zu enden.

So ist der edle Herkules gestorben.

Sieh’, wer vertraut dem Glück noch fernerweit?

Wie oft fällt der, den alle Welt umworben,

Bevor er’s denkt, in tiefste Niedrigkeit.

In Selbsterkenntniß liegt die Männlichkeit!

Laßt vor dem schmeichlerischen Glück Euch warnen;

Es wartet nur auf die Gelegenheit,

Die Menschen unvermuthet zu umgarnen.

Nebukadnezar.

Des Königes Nebukadnezars Macht,

Der Schätze unermeßlichen Bestand,

Des Scepters Ruhm, des Thrones Glanz und Pracht,

Macht keine Zunge je getreu bekannt.

Zweimal hat er Jerusalem berannt,

Und das Geräth des Tempelheiligthumes

Geplündert und nach Babylon gesandt,

Der auserwählten Hauptstadt seines Ruhmes.

Die schönsten Fürstenkinder Israels wählte

Zu Sclaven er, nachdem beschnitten war

Zuvor ein jeder Knabe; und es zählte

Auch unter Andern Daniel zu der Schaar,

Der Weiseste von Allen, welcher klar

Auslegen konnte, wie geschickt erläutern

Den Traum des Königs, was mißlungen war

Bislang Chaldäas ersten Zeichendeutern.

Ein Standbild ließ der stolze König gießen

Aus reinem Golde, sechzig Ellen lang

Und sieben breit, das ehrfurchtsvoll zu grüßen

Er Alt und Jung im ganzen Lande zwang.

Wer nicht gehorchte, fand den Untergang

In einem Flammenofen. Doch entschlossen,

Sich nimmerdar zu beugen solchem Zwang,

Blieb Daniel mit seinen zwei Genossen.

Der stolze Fürstenkönig schien zu glauben,

Es könne Gottes Allmacht nimmermehr

Ihn seiner Würde und Gewalt berauben.

Doch plötzlich traf des Himmels Hand ihn schwer.

Ihm schien, daß er zum Thier geworden wär’;

Und lange Zeit von diesem Wahn besessen,

Lief mit dem Vieh im Regen er umher,

Um wie ein Ochse Gras und Heu zu fressen.

Zu Adlersfedern wuchsen seine Haare,

Zu Vögelklau’n die Nägel seiner Hand.

Doch ward ihm gnädig im Verlauf der Jahre

Zurückgeschenkt vom Himmel der Verstand.

Er dankte Gott, von Thränen übermannt;

Und mied fortan des Lasters Sündenpfade.

Und noch bevor er Ruh’ im Grabe fand,

Erkannt’ er, Gott sei voller Macht und Gnade.

Belsazar.

Sein Erbe Belsazar bestieg den Thron,

Nachdem des Vaters Lebenstag geendet.

Jedoch sein Schicksal warnte nicht den Sohn.

Er war durch Stolz und Uebermuth verblendet,

Ja, Götzen selbst hat Opfer er gespendet;

Es wuchs sein Hochmuth stets mit seinem Glücke.

Doch als sich dieses von ihm abgewendet,

Fiel plötzlich auch sein ganzes Reich in Stücke.

Zu einem Feste lud er aus dem ganzen

Gebiet des Reiches einst den Adel ein;

Und ihn zu ehren, rief er seine Schranzen

Und sprach: »Sogleich bringt das Gefäß herein,

Das mein erhabner Vater aus dem Schrein

Des Tempels in Jerusalem genommen,

Den hohen Göttern unsern Dank zu weihn,

Daß uns der Ahnen Ehren überkommen!«

Begierig tranken aus den edlen Krügen

Sein Weib, die Concubinen und die Schaar

Der Edelleute Wein in vollen Zügen;

Doch auf zur Mauer starrte Belsazar,

Und vor Entsetzen sträubte sich sein Haar;

Denn eine Hand fuhr eilig hin und wieder

Und schrieb, obwohl kein Arm zu sehen war,

Die Worte: »Mene tekel phares« nieder.

Von keinem Magier ward im ganzen Lande

Der Sinn von diesen Worten klar gemacht.

Allein nur Daniel war dazu im Stande,

Und sprach: »O, Fürst! Dein Vater war mit Macht,

Mit Ehre, Ruhm und Schätzen reich bedacht;

Doch als er Gott in seinem Stolz vergessen,

Hat ihn der Herr in schweres Leid gebracht,

Und seines Reichs beraubt, das er besessen.«

»Von menschlicher Gesellschaft ausgeschlossen,

Durchlief in Wind und Wetter er die Flur,

Fraß Heu, und Esel hatt’ er zu Genossen,

Bis er durch Gnade, durch Vernunft erfuhr,

Daß Gott im Himmel jede Creatur

Und jedes Reich nach seinem Willen lenkt.

Worauf ihm Macht und menschliche Natur

In seinem Mitleid Gott zurückgeschenkt.«

»Auch Du, sein Sohn, hast Dich, durch Stolz verblendet,

Obschon Dir alle diese Dinge klar,

Von Deinem Gott als ein Rebell gewendet.

Du wagtest frech und jeder Sitte bar,

Mit Deinen Weibern, Deiner Dirnen Schaar

Aus diesen heil’gen Bechern Wein zu trinken,

Du brachtest Götzen Frevelopfer dar,

Und wirst dafür ins tiefste Elend sinken.«

»O, glaube mir, die Hand, die aufgeschrieben

Ihr ›Mene tekel phares‹ an die Wand,

Hat Gott geschickt. Es wird Dein Reich zerstieben.

Dein Thron ist hin. Du bist zu leicht erkannt.

An Meder und an Perser fällt Dein Land!«

Er sprach’s. – Der König aber ward erschlagen

In selber Nacht. Worauf Darius’ Hand

Dann seinen Scepter wider Recht getragen.

Seht, edle Herren, dieses Beispiel lehret,

Es biete Herrschaft keine Sicherheit.

Wenn Euch Fortuna ihren Rücken kehret,

Verschwinden Reichthum, Macht und Herrlichkeit,

Ja, Freunde macht zu Feinden selbst das Leid.

Rasch weiß das Unglück – scheint mir – zu vertreiben

So Groß wie Klein; und wahr wird alle Zeit

Dies alte weitbekannte Sprüchwort bleiben.

Zenobia.

Zenobia, Palmyras Königin,

Ward von den Persern rühmend stets besungen.

In Hinsicht auf Geburt und Edelsinn

Hat ihr die Palme nie ein Mensch entrungen.

Sie war aus Persiens Königsblut entsprungen.

Kaum schön zu nennen war sie, doch voll Kraft

Hat sie die Waffen mit Geschick geschwungen,

Und von Gestalt war sie untadelhaft.

Ihr galt – erzählt man – seit der Kindheit Tagen

Der Weiber Thun und Schaffen für gering.

Den Wald durchzog sie, um den Hirsch zu jagen,

Und wenn das Wild dem scharfen Pfeil entging,

Erhaschte sie’s im raschen Laufe flink.

Herangewachsen, bändigte sie Tiger

Und Bären, ja selbst Löwen, die sie fing,

Und blieb in jedem Kampf mit ihnen Sieger.

Sie pflegte Nachts die Berge zu durchstreifen,

Im Busch zu schlafen und mit kühner Hand

Das Raubthier in der Höhle zu ergreifen.

Von ihr ward jeder Jüngling übermannt,

Der ihr im Kampfe gegenüber stand.

Ihr Arm warf selbst die stärksten Männer nieder;

Das Mädchenthum hat Keiner ihr entwandt,

Denn sich zu binden, war ihr stets zuwider.

Doch wählte schließlich auf der Freunde Rath

Sie zum Gemahl nach langem Widerstreben

Den edlen Landesfürsten Odenat.

Und Ihr müßt wissen, ganz wie sie war eben

Auch er dem Kampfe und der Jagd ergeben.

Indessen war, wenn auch in Furcht und Scheu

Sie sich verbanden, reich beglückt ihr Leben

Und beiderseitig voller Lieb’ und Treu.

Nur eine Sache macht’ ihn sehr verdrossen,

Daß sie ihm nur, damit die Welt vermehrt

Durch die Geburt von einem Leibessprossen,

Mit ihr den Beischlaf zu vollziehn, gewährt.

Ward ihr indessen keine Frucht bescheert

Durch diesen Act, so ließ sie ihn vollbringen

Zum zweiten Male, was sein Herz begehrt;

Doch nie dazu aus Furcht vor ihm sich zwingen.

Sobald ein Kind hingegen sie empfangen,

War auch vorbei das Liebesspiel für ihn,

Und erst, wenn vierzig Tage hingegangen,

Ließ sie noch einmal ihn den Act vollziehn.

Wie sehr er bat, wie aufgebracht er schien,

Es half ihm nichts. Sie pflegte nur zu sagen,

Daß es ein Schimpf sei, sich zu unterziehn

Dem Zeugungswerk aus Lust und Wohlbehagen.

Zwei Söhne waren Früchte der Vermählung,

Die sie erzog zu Tugend und Verstand.

Doch um zurückzukehren zur Erzählung,

Muß ich Euch sagen, daß in keinem Land

Der Erde man ein Wesen jemals fand,

So würdig, weise, maßvoll von Betragen,

Die Muth mit feiner Sitte so verband,

Und die so tapfer sich im Kampf geschlagen.

Ich könnte nie genügend Euch erzählen

Von aller Kleider und Geräthe Pracht.

Sie schmückte sich mit Gold und mit Juwelen,

Und hatte trotz der Leidenschaft zur Jagd

Zu eigen manche Sprache sich gemacht,

Und mit dem Lesen guter Bücher gerne

Die Stunden ihrer Muße hingebracht,

Damit sie, tugendhaft zu leben, lerne.

Doch um die Sache nicht zu breit zu treten:

Erobert hatte dieses tapfre Paar

Manch großes Reich mit manchen schönen Städten

Im Orient, wo Romas stolzem Aar

Die ganze Gegend unterthänig war;

Und hielten fest mit starker Hand die Beute,

Und nie verjagte sie der Feinde Schaar,

So lang’ des Lebens Odenat sich freute.

Wer lesen will, wie König Sapors Macht

Und andrer Fürsten Heere sie geschlagen,

Aus welchen Gründen sie den Krieg gemacht,

Und was sich Alles darin zugetragen,

Wie sie, besiegt, in spätern Lebenstagen

Gefangenschaft und Ungemach ertrug,

Dem rath’ ich an, Petrarka zu befragen,

Denn, auf mein Wort! er schreibt davon genug.

Selbst nach dem Tod von Odenat hielt kräftig

Sie der Regierung Zügel in der Hand.

Mit ihren Feinden kämpfte sie so heftig,

Daß jeder Fürst und König rings im Land

Sich freute, wenn er Gnade vor ihr fand,

Ja, lieber, als den Krieg mit ihr zu wagen,

Des Friedens halber sich mit ihr verband,

Und ungestört sie reiten ließ und jagen.

Galien sogar, und später Claudius,

Die nacheinander Romas Kaiser waren,

Besaßen nicht den Muth und den Entschluß,

Sich auszusetzen solchen Kriegsgefahren.

Es mieden Syriens und Aegyptens Schaaren,

Armenier und Araber jede Schlacht

Aus Furcht, daß sie von ihrem Heer zu Paaren

Getrieben würden oder umgebracht.

Die Söhne prangten stolz im Königskleide

Als Erben von des Vaters weitem Land.

Als Heremann und Timolos sind beide

Dem ganzen Volk der Perser wohl bekannt.

Doch Galle mischt dem Honig stets die Hand

Fortunas bei, und wie das Glück sich wendet,

Erfuhr die mächt’ge Fürstin, die – verbannt

Aus ihrem Reich – in Noth und Schmach geendet.

Denn als des Aurelianus starke Hand

Die Kaiserkrone Roms davon getragen,

Beschloß er gleich, von Rachedurst entbrannt,

Mit den Legionen einen Krieg zu wagen.

Und hat Zenobia – um es kurz zu sagen –

Besiegt, gefangen, und ihr Reich verheert;

Ließ mit den Söhnen sie in Fesseln schlagen,

Worauf nach Rom er dann zurückgekehrt.

Ihr goldner mit Gestein verzierter Wagen

Ward von dem großen Römer Aurelian

Mit andrer Beute, die davon getragen,

Zur Schau gestellt in Rom für Jedermann.

Sie aber schritt, als der Triumph begann,

Im Kronenschmuck von ihrer Königswürde

Und steinbesetztem Prachtgewand voran,

Den Hals beschwert durch goldner Ketten Bürde.

Fortuna, ach! – Sie, die in ihrer Kraft

So Könige wie Kaiser einst bezwungen,

Wird jetzt – o, Schmach! von allem Volk begafft.

Sie, die behelmt im Schlachtenbraus gerungen,

Der mancher Sturm auf Thurm und Stadt gelungen,

Trägt jetzt der Knechtschaft grobes Kopfgewand;

Sie, die den blüh’nden Scepter einst geschwungen,

Spinnt jetzt ums Brod, die Kunkel in der Hand.

Peter von Spanien.

Mit Recht beklagt man Deinen Jammertod

Hispaniens Stolz, o, edler, würd’ger Peter,

Dem Ehren einst Fortuna reichlich bot.

Dein Bruder trieb Dich aus dem Land, und später

Verlockte hinterlistig durch Verräther

Er Dich aus Deiner Festung in sein Zelt,

Wo Dir mit eigner Hand der Missethäter

Das Leben nahm, die Herrschaft und das Geld.

Im weißen Felde klebt ein schwarzer Aar

An einem feuerrothen Leimstock feste,

Von dem die schnöde That ersonnen war;

Und ausgebrütet ward’s im schlimmen Neste.

Nicht Karls Ol’vier thats, der ehrenfeste,

Nein, Olivier aus dem Bretagnerland;

Ein Ganelon, den man durch Geld erpreßte,

Bot zum Ruin des Königs seine Hand.

Pedro, König von Cypern.

O edler Pedro, Cyperns Königsheld,

Der tapfer Alexandrien bezwungen,

Du Züchtiger der ganzen Heidenwelt,

Vasallen haben Dich, von Neid durchdrungen,

Weil Du Dir hohen Ritterruhm errungen,

In Deinem Bette Morgens umgebracht.

So wird Fortunas Rad herumgeschwungen;

Und heute weint, wer gestern noch gelacht.

Barnabo Visconti.

Vom großen Barnabo Visconti sei,

Dem Herrscher Mailands, Euch Bericht gegeben.

Du Gott der Lust, Du Fluch der Lombardei!

Wer wagte je, so hoch empor zu streben?

Der Sohn des eignen Bruders, der daneben

Als Schwiegersohn Dir doppelt anverwandt,

Nahm Dir in Deiner Kerkerhaft das Leben;

Wie und weßwegen blieb mir unbekannt.

Hugolin von Pisa.

Kaum melden kann mein Mund vor Leid und Wehe

Graf Hugolin von Pisas Höllenpein.

Es steht ein Thurm in Pisas nächster Nähe;

Dort sperrte man ihn als Gefangnen ein,

Mitsammt drei Kindern, noch so zart und klein,

Daß kaum das älteste fünf Jahre zählte.

Ach, Schicksal, das für solche Vögelein

Solch einen Ort zum Käfig auserwählte.

Er war verdammt, in seiner Haft zu sterben,

Denn Roger, Pisas Bischof, war bedacht,

Ihn unter falschem Vorwand zu verderben;

Weßhalb das Volk zum Aufstand er entfacht.

So ward er zum Gefangenen gemacht,

Wie ich bereits Euch vorhin kund gegeben;

Zwar wurde Trank und Nahrung ihm gebracht,

Doch arm und schlecht und kaum genug zum Leben.

Als einst die Stunde kam, in der zuvor

Ihm stets sein Mahl der Wärter zugetragen

Vernahm er, daß verschlossen ward das Thor.

Er schwieg – indeß sein Herz begann zu zagen,

Und konnte sich der Ahnung nicht entschlagen,

Daß er bestimmt zum Hungertode sei.

»Weh’! daß mich meiner Mutter Schoß getragen!«

– Rief er, und weinte bitterlich dabei.

Sein jüngster Knabe von drei Jahren sprach:

»Sag’ Vater, warum Deine Thränen fließen?

Bringt nicht der Wärter uns die Suppe? Ach!

Soll ich kein einzig Stückchen Brod genießen?

Ich kann vor Hunger nicht die Augen schließen.

Gern schlief’ auf ewig, lieber Gott, ich ein,

Damit die Schmerzen mich in Ruhe ließen;

Jedoch das Liebste würde Brod mir sein.«

So klagte Tag für Tag das Kind sein Leiden,

Bis es im Schoß des Vaters niedersank.

»Leb’ wohl, mein Vater!« – rief es – »ich muß scheiden!«

Und starb, indem es küssend ihn umschlang.

Der Vater sah’s, und biß im Schmerzensdrang

Sich vor Verzweiflung in die beiden Arme.

»O, weh’ mir!« – rief er – »Deines Rades Gang,

O, falsches Glück, ist Schuld an meinem Harme!«

Die Kinder wähnten, daß er Hunger leide,

Als er vor Jammer in den Arm sich biß.

»Ach, Vater, unterlass’ es!« – riefen beide –

»Nimm von uns Zweien doch das Fleisch und iß

Dich satt daran; denn Dir gehört’s gewiß;

Du gabst es uns!« – so baten sie und riefen,

Bis nach zwei Tagen sie der Tod entriß

Vom Schoß des Vaters, wo sie sanft entschliefen.

Und in Verzweiflung mußte Hungers sterben

Auch Pisas mächt’ger Graf nach kurzer Zeit.

Fortuna riß vom Glanz ihn ins Verderben.

Hier endet die Tragödie. Aber seid

Ihr, mehr zu hören, willig und bereit,

Mögt Ihr Italiens großen Dichter fragen,

Der Dante heißt. – Er kann Euch weit und breit

Von Punkt zu Punkt darüber Alles sagen.

Nero.

Ist Nero auch so lasterhaft gewesen

Wie je ein Teufel in der Hölle Schlund,

War dennoch – wie im Sueton wir lesen –

Ihm unterthan in Osten, Westen und

In Nord und Süd das weite Weltenrund.

Er liebte sehr, mit Schmuckwerk sich zu zieren,

Und seine Kleider glänzten reich und bunt

Von Perlen und Rubinen und Saphiren.

An Stolz und Pracht und üppigem Behagen

Glich ihm kein Kaiser je zuvor im Land.

Wenn er sein Kleid nur einen Tag getragen,

Ward abgethan für immer das Gewand.

Er fischte, wenn er Lust dazu empfand,

Im Tiberstrom mit vielen goldnen Netzen;

Ihm war Fortuna freundlich zugewandt,

Und seine Launen macht’ er zu Gesetzen.

Einst hieb die Senatoren er zusammen,

Sich zu belust’gen an dem Wehgeschrei;

Er setzte Rom aus Uebermuth in Flammen,

Erschlug den Bruder, lag der Schwester bei.

Von jedem Band der Kindesehrfurcht frei,

Schnitt dieses Scheusal – Wehe über Wehe! –

Sogar der eignen Mutter Leib entzwei,

Daß er den Ort, der ihn empfangen, sähe.

Er weinte bei dem Anblick keine Zähren.

»Sie war ein schönes Weib!« – sprach er allein

Wie konnte – läßt dies Räthsel sich erklären? –

Er Richter ihrer todten Reize sein?

Und als er dies vollbracht, verlangt’ er Wein

Und trank ihn aus mit ruhigem Gebahren.

Ach! tief frißt sich das Gift des Lasters ein,

Wenn Herrschermacht und Grausamkeit sich paaren.

Des Kaisers Lehrer, der ihn in der Jugend

Zur Wissenschaft und Höflichkeit erzog,

Galt als die Blume der Moral und Tugend

In jener Zeit – sofern mein Buch nicht log. –

So lang’ des Lehrers Einfluß überwog,

Schien er verständnißvoll und wohlgerathen,

Doch wuchs in ihm, je mehr die Zeit verflog,

Der Hang zur Herrschsucht und zu Missethaten.

Vor diesem Seneka, von dem wir sprechen,

In steter Furcht der Kaiser Nero stand,

Verständig strafte Laster er und Schwächen

Durch ernste Worte statt mit grober Hand.

»Ein Kaiser« – sprach er – »soll stets unverwandt

Nach Tugend streben und Gewalt vermeiden.«

Doch für dies Wort ließ Nero wuthentbrannt,

In einem Bad die Adern ihm durchschneiden.

Daß er vor seinem Meister mit Verehrung

In seiner Jugendzeit das Haupt gesenkt,

Erschien ihm späterhin als Selbstentehrung,

Weßhalb den Tod er über ihn verhängt.

Doch Seneka, dem freie Wahl geschenkt,

Zog vor, das Bad mit seinem Blut zu röthen,

Daß andre Qualen von ihm abgelenkt.

Seht, so ließ Nero seinen Lehrer tödten!

Indeß, Fortuna selber ward verdrießlich,

Als Neros Hochmuth immer wuchs und schwoll.

Zwar war er stark, doch sie blieb stärker schließlich,

Und dachte so: Bei Gott! nicht länger soll

Ein solcher Mann, der aller Laster voll,

Die Krone tragen, oder Kaiser heißen.

Bei Gott! ganz unerwartet soll mein Groll

Ihn treffen und von seinem Throne reißen.

Zur Nacht empörte wider seine Laster

Sich einst das Volk. Jedoch zu rechter Zeit

Schlich aus der Thüre heimlich sich in Hast er

Und suchte bei Bekannten Sicherheit,

Doch wo er immer klopft und fleht und schreit,

Man riegelte die Thüre fest von innen;

Ihn aufzunehmen war kein Mensch bereit;

Das sah er ein, und zog enttäuscht von hinnen.

Und lärmend zog des Pöbels Schaar heran;

Und ihm zu Ohren diese Worte drangen:

»Wo ist der falsche Nero, der Tyrann!?«

Vor Furcht war die Besinnung ihm vergangen

Und zu den Göttern fleht er voller Bangen

Um Hülfe – aber keine Rettung kam;

So daß zuletzt, von Todesfurcht umfangen,

Er ein Versteck im nächsten Garten nahm.

Er fand, sobald den Garten er betrat,

Zwei Männer, die dort um ein Feuer lagen,

Das lodernd flammte, und die beiden bat

Er flehentlich, sein Haupt ihm abzuschlagen

Und zu verbergen, um nicht zu ertragen,

Daß seine Leiche zum Gespött gemacht,

Doch mußte schließlich er sich selbst erschlagen;

Wozu Fortuna schadenfroh gelacht.

Holofernes.

Nie hat ein Feldherr königlicher Heere

So viele große Länder unterjocht;

Nie war ein Mann, der auf dem Feld der Ehre

Mit solcher Kraft in jenen Zeiten focht,

Der prahlerischer je auf Ruhm gepocht,

Als Holofernes, den mit Wollustschlingen

Fortuna anfangs schmeichlerisch umflocht,

Um ihn dann plötzlich um den Hals zu bringen.

Gefürchtet war er rings in allen Ländern;

Die Völker büßten Gut und Freiheit ein.

Er zwang sie, ihren Glauben abzuändern,

Ihr Gott – befahl er – solle nur allein

Für alle Zeit Nebukadnezar sein.

Es konnte seinem Willen widerstehen

Bethuliens starke Veste nur allein,

Wo Eliachim das Priesteramt versehen.

Dies aber war des Holofernes Ende:

Im Lager schlief er, weinberauscht zur Nacht

In seinem großen Zelte, als behende

Sich Judith einschlich, die trotz seiner Macht

Und seines Pomps im Schlaf ihn umgebracht

Und dann, nachdem sein Haupt sie abgeschlagen,

Sich ungesehen aus dem Staub gemacht,

Um seinen Kopf in ihre Stadt zu tragen.

Antiochus.

Was soll ich von der Pracht und Majestät

Des Königes Antiochus Euch sagen?

Wie er, hat Niemand sich vor Stolz gebläht,

Noch jemals sich so lasterhaft betragen.

Ihr mögt das Makkabäerbuch befragen.

Dort stehn die stolzen Worte, die er sprach.

Dort seht Ihr, wie er vom Geschick geschlagen

Auf einem Hügel starb in Noth und Schmach.

Er pflegte stolz sich auf sein Glück zu steifen,

Und glaubte schier in seinem Uebermuth,

Er könne mit der Hand die Sterne greifen,

Die Berge wiegen, und des Meeres Fluth

Beherrschen – und beschloß aus Haß und Wuth

Das Volk Jehovas gänzlich zu vernichten.

Er ließ es grausam martern bis aufs Blut,

Und wähnte stolz, ihn könne Gott nicht richten.

Doch als Timotheus und Nikanor

Der Macht des Judenvolkes unterlagen,

Erschwoll sein Haß gewalt’ger, denn zuvor.

Und eiligst ließ er schmieren seinen Wagen,

Um spornstreichs nach Jerusalem zu jagen;

Und fluchte höchst verächtlich und er schalt,

Sie sollten schwer an seinem Zorne tragen.

Indeß zu Schanden ward sein Vorsatz bald.

Zur Strafe für sein Drohen schlug ihn kläglich

Mit unheilvollen Wunden Gottes Hand.

In seinem Innern ward ganz unerträglich

Ihm das Gedärm zerrissen und verbrannt,

So daß er die gerechte Strafe fand

Für Qualen, die er Andern auferlegte.

Doch trotz der Schmerzen blieb er unverwandt

Bei dem verruchten Vorsatz, den er hegte.

Auf sein Geheiß stand bald sein Heer gerüstet;

Doch unerwartet ward ein Ziel gesetzt

All seinem Stolz, mit dem er sich gebrüstet.

Vom Wagen stürzend, ward er schwer verletzt,

Sein Leib zerschmettert, seine Haut zerfetzt.

Zum Gehen weder fähig noch zum Reiten,

Trug ihn in einer Sänfte man zuletzt

Mit wundem Rücken und gebrochnen Seiten.

Denn Gottes Zorn schlug ihn mit schwerer Plage.

Von eklen Würmern ward sein Leib verzehrt,

In Folge dessen er bei Nacht und Tage

So gräßlich stank, daß vom Geruch beschwert,

Die Dienerschaft den Rücken ihm gekehrt,

Die voller Abscheu dem Gestank entrannte,

So daß er endlich, durch sein Leid belehrt,

Die Allmacht Gottes weinend anerkannte.

Dem ganzen Heer und auch ihm selbst zumal

Ward unerträglich der Gestank der Wunden;

Unmöglich war’s, trotz seiner Höllenqual,

Noch einen Träger für ihn auszukunden.

Auf einem Berge hat den Tod gefunden

Der Räuber und der Mörder, dessen Hand

Die Menschheit so gemartert und geschunden.

Das war die Strafe, die sein Hochmuth fand.

Alexander.

Schon oft erzählt ist Alexanders Leben.

Bald mehr, bald weniger davon bekannt

Ist jedem Manne, dem Verstand gegeben.

Das Facit bleibt, daß er mit starker Hand

Den ganzen Weltkreis rühmlich überwand,

Daß er der Menschheit Stolz zu Boden drückte,

Wohin er kam, bis zu der Erde Rand,

Und Friedensboten jedes Volk ihm schickte.

Mit ihm verglichen werden kann kein Held

Und kein Erobrer, den es je gegeben.

Aus Furcht vor ihm erbebte rings die Welt.

Frei war sein Sinn und ritterlich sein Leben.

Und Ehre gab als Erbtheil ihm daneben

Fortunas Gunst. Nichts hemmte, als die Lust

Zu Wein und Weibern, je sein kühnes Streben,

Und Löwenmuth beseelte seine Brust.

Was nützt es seinem Ruhme, Euch zu melden,

Wie er Darius überwand und schlug,

Wie Kön’ge, Fürsten, Herzoge und Helden

Zu Hunderttausend er ins Elend jug.

So weit ein Roß je einen Reiter trug,

War sein die Welt. Was bleibt hinzuzufügen?

Nie schrieb’ ich und erzählte nie genug

Von seinen Thaten, seinen Ritterzügen.

Zwölf Jahre lang saß er auf seinem Thron,

Und war – wie uns schon Makkabäus lehrte –

Des ersten Griechenkönigs Philipp Sohn.

O, edler Alexander, Dir bescheerte

Ein schlimmes Loos Fortuna; denn sie kehrte

Zur Eins des Würfels Sechs, und ihr entfloß

Nicht eine Thräne, als Dich Gift verzehrte,

Das Freundeshand in Deinen Becher goß.

Wer aber leiht mir Thränen, diesen Fall

Von Edelmuth und Freisinn zu beklagen?

Ihm unterthänig war das Weltenall;

Doch schien, beseelt von Muth und kühnem Wagen,

Er mit noch höhern Plänen sich zu tragen.

Indeß, was soll ich von dem Unbestand

Des Glückes und vom Gifte weiter sagen,

Als daß den Tod durch Beider Schuld er fand.

Julius Cäsar.

Durch Klugheit, Muth und unverdross’nes Streben

Verstand zur Majestät aus niederm Stand

Sich Julius, der Erobrer, zu erheben,

Der durch Verträge, wie mit starker Hand

Den ganzen Occident zu Meer und Land

Gezwungen hat, Tribut an Rom zu zollen,

Und welchen Rom als Herrscher anerkannt,

Bis daß Fortuna anfing ihm zu grollen.

Pompejus, Deinem Schwiegervater, standest

Du gegenüber in Thessaliens Feld,

O, mächt’ger Cäsar, und Du überwandest

Die Ritter, welche jeder Gau gestellt,

Soweit der Tag den fernsten Ost erhellt.

Mit einem Häuflein Krieger war entronnen

Pompejus zwar, doch war des Orients Welt,

Dank Deinem Glück, durch diese Schlacht gewonnen.

Pompejus, Roms Beherrscher, zu beweinen,

Sei eine kleine Weile mir erlaubt.

Verrätherisch hat einer von den Seinen

Ihn seines Lebens auf der Flucht beraubt.

Wodurch er Julius zu erfreu’n geglaubt,

Dem er das Haupt des Feindes eingehändigt.

Pompejus, Du des Orients Oberhaupt,

Hast schmählich, ach! in dieser Art geendigt.

Als triumphirend darauf Julius

In Rom, bekrönt mit Lorbeern eingezogen,

Geschah’s nach ein’ger Zeit, daß Cassius

Und Brutus, die, durch Neid dazu bewogen,

Längst im Geheimen Rachepläne pflogen,

Sich wider ihn verschworen, und den Ort,

Wo sie die Dolche wider ihn gezogen

Zum Todesstreiche, nenn’ ich Euch sofort.

Als nämlich Julius, wie sein Brauch es war,

Zum Capitolium eines Tags gegangen,

Ward er vom falschen Brutus und der Schaar

Von seinen andern Feinden dort empfangen,

Die alsobald die Dolche auf ihn schwangen.

Er fiel, durch manche Wunde bald entseelt.

Doch nur ein Dolchstich oder zwei entrangen

Ihm einen Seufzer – wie mein Buch erzählt.

So voller Mannesmuth und so beherzt

War Julius und so sittlich von Betragen,

Daß er, wie auch die Todeswunde schmerzt,

Den Mantel um die Hüften noch geschlagen,

Um nicht zur Schau die Heimlichkeit zu tragen.

In Ohnmacht liegend, rang er mit dem Tod;

Doch selbst im Sterben wollt’ er nicht entsagen

Der kleinsten Pflicht, die Sittsamkeit gebot.

Zur weitern Einsicht kann ich Euch empfehlen:

Lucanus, Valerian und Sueton,

Die Wort für Wort Euch klar genug erzählen,

Wie diese zwei Bewerber um den Thron

Das Glück verzog und dann verließ mit Hohn.

Wie kurze Zeit Fortunas Launen währen,

Wie wenig ihr zu trauen ist, kann schon

Euch das Geschick der Welterobrer lehren.

Krösus.

Des weisen Lyderkönigs Krösus Macht

Erfüllte Cyrus selbst mit Furcht und Zagen;

Doch wurde bald sein Stolz zu Fall gebracht:

Gefangen, ward zum Holzstoß er getragen.

Doch sieh, das Feuer ward rasch ausgeschlagen

Durch Regenströme, so daß er entkam.

Fortuna aber sann auf neue Plagen,

Bis daß am Galgen er sein Ende nahm.

Denn kaum entronnen, war sein ganzes Sinnen

Dem Kriege gleich aufs Neue zugewandt.

Er dachte: ließ Fortuna ihn entrinnen,

Als ihre Gunst den Regen ihm gesandt,

Sei, ihn zu tödten, auch kein Feind im Stand.

Und durch ein Traumbild, das ihn Nachts umschwebte,

Gewann sein Stolz so sehr die Oberhand,

Daß er fortan stets Rachepläne webte.

Auf einem Baume saß er, wie ihm deuchte,

Wo Jupiter ihm Rücken wusch und Schoß,

Und Phöbus ihm ein schönes Handtuch reichte,

Sich abzutrocknen – und sein Stolz war groß.

Und über das ihm zugedachte Loos

Ließ er von seiner Tochter sich belehren,

Und da ihr offen lag der Zukunft Schoß,

Begann den Traum sie also zu erklären:

»Der Baum« – so sprach sie – »stellt den Galgen dar,

Und Jupiter bedeutet Schnee und Regen,

Und Phöbus’ weißes Handtuch ist ganz klar

Als Strahlenschein der Sonne auszulegen:

Dem Galgen gehst, mein Vater, Du entgegen;

Dich wäscht der Regen, trocknet Sonnenbrand.«

So wußte klar sein Schicksal zu erwägen

Die Tochter, welche Phania genannt.

Der stolze König Krösus ward gehangen.

Ihm half zu Nichts des Thrones Herrlichkeit.

Der Stoff zu Klagen wär’ schon ausgegangen

Längst der Tragödie, wenn mit Plötzlichkeit

Die stolzen Reiche nicht zu jeder Zeit

Fortuna wüßte in den Staub zu strecken.

Sie flieht, sobald man ihr Vertrauen leiht,

Um ihr Gesicht in Wolken zu verstecken.

Der Prolog des Nonnenpriesters.

Vers 7453–7506.

»Ha!« – rief der Ritter – »Herr, Nichts mehr davon!

Was Ihr gesagt habt, ist genügend schon,

Und mehr als das! – Mich dünkt, an eignen Plagen,

So klein sie sind, hat man genug zu tragen.

Mir wenigstens erscheint höchst unergötzlich,

Wenn Menschen aus dem Wohlstand, ach! so plötzlich

Zu Grunde gehn. Im Gegentheile kann

Uns trösten und erbauen, wenn ein Mann

Sich aus der Armuth in die Höhe schwingt,

Stets weiter strebt und es zu etwas bringt,

Und sich erhält in stetem Wohlgedeih’n.

Das scheint mir ein erbaulich Ding zu sein,

Von dem zu hören, Jedermann erfreut!«

»Ja!« – rief der Gastwirth – »bei St. Pauls Geläut’!

Ihr sprecht ganz wahr! Der Mönch hat laut geblasen.

In Wolken hüllte sich nach seinen Phrasen

Fortuna ein; ich weiß nicht recht mehr, wie?

Ihr hörtet die Tragödie. – Doch, Pardi!

Was hilft, daß man bejammert und beklagt,

Was abgethan ist? Denn, wie Ihr gesagt,

Von Leiden hören, macht das Herz uns schwer.

Bei Gottes Huld! – Herr Mönch, davon nichts mehr!

Der ganze Kreis fühlt sich dadurch verletzt;

Nicht eine Fliege werth ist, was Ihr schwätzt!

Darin ist Nichts von Späßen oder Scherzen!

Herr Mönch – Dan Peter – laßt von ganzem Herzen

Euch bitten, tragt uns etwas Andres vor.

Denn wahrlich, rasselten mir nicht im Ohr

Die Schellen stets von Eurem Zaumbehange,

Wär’ ich – beim Herrn, der für uns starb! – schon lange

Vor Schlaf vom Roß gesunken, und ich läge

Wohl in der tiefsten Pfütze hier am Wege,

Und ganz umsonst wär’, was Ihr vorgetragen.

Denn sicherlich, wie die Gelehrten sagen:

Wenn es an Hörern einem Mann gebricht,

So nützt Nichts alle Weisheit, die er spricht.

Ich weiß zu wohl, uns muß der Stoff beseelen,

Um eine Sache würdig zu erzählen.

Drum tragt uns Jagdgeschichten vor, ich bitte.«

»Nein,« – sprach der Mönch – »Scherz ist bei mir nicht Sitte.

Ich bin zu Ende. Mögen Andre sprechen.«

Zum Nonnenpriester wandte sich mit frechen

Und rohen Worten unser Wirth sodann:

»Komm’ näher, Priester! Komm’, mein Herr Johann!

Laß einen heitern Schwank uns jetzt vernehmen!

Du brauchst Dich Deines Kleppers nicht zu schämen.

So dünn er ist, thut er für Dich, als Reiter,

Doch seinen Dienst. Drum gräme Dich nicht weiter,

Sei nur von Herzen fröhlich immerdar!«

»Ja, Wirth,« – sprach er – »vergnügt bin ich fürwahr,

Ob ich zu Fuß, ob ich zu Pferde reise,

Denn sonst wär’ ich zu tadeln;« und zum Kreise

Gewandt, hub gleich mit der Erzählung an

Der herzensgute Priester, Herr Johann.

Die Erzählung des Nonnenpriesters.

Vers 7507–8132.

In enger Hütte nah’ bei einem Wald

In einem Thale lebte, arm und alt,

Vor Zeiten eine Wittwe. Und dort hatte,

Seitdem gestorben war ihr Ehegatte,

Die Frau, von der ich Euch erzählen will,

Geführt ihr Leben in Geduld und still.

Klein war die Pacht und ihr Bestand an Vieh;

Durch Sparsinn aber, den ihr Gott verlieh,

Ernährte sie zwei Töchter und sich selber.

Sie hatte nur drei Schweine und drei Kälber

Und außerdem ein Schaf, mit Namen Malle.

Von Rauch geschwärzt war Wohngemach und Halle,

Wo täglich sie die karge Malzeit nahm.

In ihren Mund kein Leckerbissen kam,

Pikante Brühen blieben ihr stets fremd,

Denn schlicht war ihre Nahrung, wie ihr Hemd.

Durch Ueberladung wurde sie nie krank,

Die Mäßigkeit war ihr Verdauungstrank

Und Arbeit und zufriedner Sinn. Die Gicht

War hinderlich am Tanz der Wittwe nicht,

Noch litt ihr Kopf je durch Apoplexie,

Denn Rothwein oder Weißwein trank sie nie.

Aus Weiß und Schwarz bestand ihr Mittagsschmaus,

Denn Milch und Grobbrod waren meist im Haus,

Bisweilen Speck, ein Ei, kam’s hoch, ein Paar,

Da sie nur eine Tagelöhn’rin war.

Auch einen Hof besaß sie, rings umgeben

Von hohen Hecken und von trocknen Gräben,

Für ihren Hahn, der Chanteklär genannt.

Kein bess’rer Kräher war im ganzen Land;

Weit lustiger als Kirchenorgelklang

An Messetagen tönte sein Gesang,

Vom Balken scholl weit sicherer sein Schrei,

Als Uhr und Glocke jeglicher Abtei,

Und er erkannte durch Instinkt sofort

Die Nacht- und Tageslänge für den Ort.

Er krähte, wenn die Sonne funfzehn Grad’

Erklommen hatte, laut und accurat.

Sein Kamm war röther, als die Blutkoralle,

Und krenelirt, gleich einem Festungswalle;

Schwarz war sein Schnabel wie der Kohle Schein,

Und himmelblau erglänzten Fuß und Bein;

Die Krallen waren weißen Lilien gleich,

Und sein Gefieder schien wie Gold so reich.

Der edle Hahn war Oberherr von sieben

Stets dienstbefliss’nen Hennen, die zu lieben

Von ihm als Schwestern waren, wie als Frau’n,

Und die ihm wunderähnlich anzuschaun.

Jedoch das schönste Farbenspiel am Hals

Trug Fräulein Pertelote jedenfalls.

Sie war so höflich, so discret und zierlich,

Von so gefäll’gem Wesen und manierlich

Bereits zur Zeit, als sie nur wochenalt,

Daß sie das Herz von Chanteklär alsbald

Gefesselt hielt und ganz und gar gewann.

Er liebte sie – und fand Gefallen dran.

Ihn anzuhören, war die höchste Wonne,

Wenn er beim Schein der frühen Morgensonne

So lieblich sang: »Mein Lieb ist fern von hier!«

– Denn damals hatten Vögel und Gethier

Gesang und Sprache noch, wie ich vernahm. –

Als eines Tags die Morgendämmrung kam,

Saß Chanteklär mit seiner Weiberschaar

Auf seinem Balken, der im Vorhaus war,

Und zwar ganz nah’ zur Seite seiner schönen

Frau Pertelote und begann zu stöhnen,

Gleich einem Mann, den schwere Träume plagen.

Und Pertelote hörte seine Klagen,

Ward bleich und sprach: »Was fehlt Dir, liebes Herz,

Daß Du so ächzest? sag’, was macht Dir Schmerz?

Pfui! alter Schläfer, hast Du keine Scham?«

Ihr Antwort gebend, sprach er drauf: »Madam,

Ich bitte Dich, sei nur nicht gleich verletzt.

Bei Gott, mir träumte Schlimmes eben jetzt.

Von Angst und Schreck ist noch mein Herz beklommen,

Nun, gebe Gott, es möge besser kommen,

Und wahre mir die Freiheit meiner Glieder!

Mir träumte nämlich, daß ich auf und nieder

Im Hofe ging, wo ich ein Thier erblickte,

Gleich einem Hund, das sich zum Sprung anschickte

Auf meinen Leib, und würgte mich zu Tod.

Der Farbe nach war’s zwischen gelb und roth.

Und schwarze Flecken, ungleich seinen Haaren,

An seinem Schwanz und seinen Ohren waren.

Schmal war die Schnauze; seine Augen sahn

Mich glühend an. – Mein Ende fühlt’ ich nahn.

Und darum mußt’ ich seufzen, zweifellos.«

»Pfui! feige Memme!« – fuhr sie auf ihn los –

»Beim hohen Gott im Himmel sei’s geschworen,

Du hast mein Herz und mein Vertrau’n verloren,

Denn einen Feigling lieb’ ich nun und nimmer!

Zum Ehegatten wünschen wir uns immer

Nur einen Mann – was auch die Weiber sagen –

Der kühn und klug und frei ist von Betragen,

Kein Geizhalz und kein Thor ist, welcher schwätzt

Und sich vor jedem dummen Spuk entsetzt,

Und der kein Prahlhans ist. – Beim Herrn der Seelen!

Wie wagst Du, Deinem Liebchen zu erzählen,

Daß irgend etwas Dich erschrecken kann?

Wie, hast Du nicht das Herz von einem Mann

Und einen Bart, und weißt Du nicht, daß Träume,

Bei Gott, nur eitel sind und leere Schäume?

Die Träume kommen durch Naturanlagen

Und oftmals auch aus überfülltem Magen,

Und wenn uns Ueberfluß an Säften plagt.

Daß Nachts ein Traum in Schrecken Dich gejagt,

Hat seinen Grund ganz sicher im Geblüt,

Denn Du bist hochcholerisch von Gemüth.

Und darin hat es eben sein Bewenden,

Daß wir von Pfeilen träumen und von Bränden,

Von Kampf und Streit; daß uns Insekten beißen

Und rothe Thiere unsern Leib zerreißen,

So fährt aus melancholischem Humor

Man oftmals schreiend aus dem Schlaf empor

Aus Furcht vor schwarzen Bären oder Stieren

Und bald, weil schwarze Teufel uns entführen.

Noch andre Säfte wüßt’ ich aufzuzählen,

Die manchen Mann in seinem Schlafe quälen,

Doch ich berühre diesen Punkt nur leise.

Sieh’ Cato an! Was sagte dieser Weise?

›Der Träume wegen mach’ Dir keine Grillen!‹

Drum, lieber Herr, nimm gleich um Gottes Willen,

Fliegst Du mit mir vom Balken, zu laxiren;

Und Leib und Seele will ich gern verlieren,

Wenn dieser Rath nicht gut ist. Auf mein Wort,

Den Zorn sowie die Schwermuth fegt er fort.

Doch säume nicht; und da in dieser Stadt

Man leider keinen Apotheker hat,

So will ich selbst zwei Kräuter für Dich lesen,

Und Du wirst Dich erholen und genesen.

In unserm Hof kann ich die Kräuter finden,

Die von Natur die Eigenschaft verbinden,

Von unten und von oben Dich zu rein’gen.

Indeß, bei Gott im Himmel, dem Dreiein’gen!

Bedenke, daß cholerisch ist Dein Blut.

Sei vor der Mittagssonne auf der Hut,

Besonders wenn Dich heiße Säfte plagen;

Denn einen Groschen möcht’ ich daran wagen,

Dem kalten Fieber kannst Du nicht entgehn,

Und packt Dich dieses, ist’s um Dich geschehn.

Ein bis zwei Tage mußt Du Dich ernähren

Von nichts als Würmern und Dich dann entleeren

Durch Tausendgüldenkraut und Heckenrauch

Und Hundebeeren, Kresse, oder Lauch,

Und was man sonst im Hofe finden kann

An Nieswurz oder lust’gem Gundermann.

Pick’ alles auf und schluck’ es frisch hinunter.

Bei Deinen Ahnen! lieber Mann, sei munter!

Und, kurz und gut, scheuch’ Traum und Sorgen fort.«

»Madame,« – sprach er – »Grand mercy für dein Wort.

Indeß wenn Cato sagte, den die Welt

Ob seiner Weisheit so in Ehren hält,

Daß wir um Träume uns nicht kümmern sollten,

So schreibt doch Mancher, welcher mehr gegolten,

Als Cato jemals galt, bei meinem Heil!

In alten Büchern ganz das Gegentheil

Und hat, bei Gott! die Meinung, die er hegt,

Mit Gründen der Erfahrung wohl belegt

Und hält die Träume von Bedeutsamkeit,

Weil dadurch Leid und Freude prophezeit,

Die uns im Lauf des Lebens widerfahren.

Ich kann die Argumente mir ersparen,

Da es thatsächlich zu begründen ist.

Der größte Autor, der zu finden ist,

Erzählt, daß einstmals, freundschaftlich gesellt,

Zwei Männer eine Wallfahrt angestellt.

Und es geschah, als einst ihr Tagesziel

Erreicht war, daß im Dorfe sie so viel

Verschiednes Volk in jedem Wirthshaus trafen,

Daß sie in keiner Hütte Raum zum Schlafen

Mitsammen finden konnten für die Nacht.

So war es zur Nothwendigkeit gemacht,

Daß sie sich trennten, und der Eine hier,

Der Andre dort im Gasthaus sein Quartier

Sich suchen mußte, wie er’s eben fand.

In einem Stall, der fern im Hofe stand,

Fand Einer bei den Ochsen Unterkommen,

Der Andre wurde besser aufgenommen,

Wie es ihm Zufall oder Glück beschieden,

Die Alles lenken auf der Welt hinieden.

Und als er in dem Bette lag, geschah,

Daß ihm im Traume, eh’ der Morgen da,

Sein Kamerad erschien und zu ihm sprach:

›In einem Ochsenstalle werde, ach!

Ich diese Nacht ermordet. Auf der Stelle

Such’ mich zu retten, lieber Mitgeselle.

Hier lieg’ ich, und der Tod steht mir bevor!‹

Erschreckt fuhr jener aus dem Schlaf’ empor,

Doch als aus seinem Schlummer er erwachte,

Dreht’ er sich schleunig wieder um, und dachte:

Es war ein Traum. Bekümm’re dich nicht weiter.

Doch nach dem ersten Traume kam ein zweiter

Und dann ein dritter – und er hörte sagen,

So schien es ihm: ›Jetzt bin ich schon erschlagen!

Sieh’ meine tiefe, weite, blut’ge Wunde!

Steh’ zeitig auf in früher Morgenstunde,

Um nach dem Westthor dieser Stadt zu gehn.

Dort wirst Du einen Düngerkarren sehn,

In dem verborgen meine Leiche ruht.

Drum halt’ ihn an mit unerschrocknem Muth!

Mein Gold war leider meines Todes Grund.‹

So machte, bleich und jammernd, er ihm kund

Den ganzen Hergang, wie er umgekommen.

Und glaubt es mir, was er im Traum vernommen,

Traf wirklich ein. – Beim Tagesanbeginn

Ging er zum Gasthof des Gefährten hin,

Wo er sofort zum Ochsenstalle lief,

Und wiederholt nach seinem Freunde rief.

Der Gastwirth gab zur Antwort auf der Stelle:

›Herr, abgereist ist Euer Mitgeselle;

Früh Morgens schon hat er die Stadt verlassen.‹

Doch dieser Mann begann Verdacht zu fassen,

Als er bedachte, was ihm Nachts geträumt;

Drum ging er fort, und lief dann ungesäumt

Zum Westthor von der Stadt. Und, sieh’, er fand

Dort einen Karr’n, der Dünger auf das Land

Zu bringen schien, ganz in derselben Art,

Wie ihm im Traum vom Todten offenbart.

Und unerschrocken hub er an zu sprechen:

›Recht und Vergeltung fordert dies Verbrechen!

Mein Freund, der diese Nacht erschlagen ist,

Liegt hier im Karren leblos unterm Mist,

Beklagen will ich mich beim Magistrat,

Der in der Stadt die Oberleitung hat.

Helft, helft! o weh! hier liegt mein Freund erschlagen!‹

Was soll ich mehr von der Geschichte sagen?

Das Volk kam angestürzt, und warf sodann

Den Karren um und fand den todten Mann,

Ganz frisch ermordet, liegen unterm Dünger.

O, guter Gott, getreuer Segenbringer!

An jedem Tage sehen wir es klar,

Mord will heraus! Du machst ihn offenbar.

Gott hasset und verabscheut allen Mord,

Denn Er ist billig und des Rechtes Hort.

Ein bis zwei Jahre bleibt er wohl verborgen

Doch wird dereinst Gott für Entdeckung sorgen.

Mord will heraus! – Das ist mein letztes Wort!

Die Stadtbehörde ließ jedoch sofort

Den Karrentreiber und den Gastwirth greifen,

Und auf der Folter so erbärmlich kneifen,

Daß sie alsbald die Missethat gestanden,

Und an dem Galgen dann ihr Ende fanden:

Drum Träume sind zu fürchten, wie Du siehst.

Gewiß, im folgenden Capitel liest

Man in demselben Buche fernerweit

– Ich lüge nicht, bei meiner Seligkeit! –

Daß einst zwei Männer im Begriffe standen

Aus guten Gründen nach entlegnen Landen

In einem Schiff zu reisen über Meer.

Doch blieben sie, dieweil der Wind conträr,

In einer Stadt, die an dem Hafen lag.

Doch mit der Fluth trat an dem nächsten Tag

Ein Wechsel ein – und günstig blies der Wind

Froh legten beide sich zu Bett geschwind,

Um zeitig aufzustehen für die Reise.

Doch einer hatte wunderbarer Weise,

Als er im festen Morgenschlafe war,

Ein seltsam Traumbild; denn er sah ganz klar,

Vor seinem Lager einen Menschen stehn,

Der ihm Befehl gab, nicht zu Schiff zu gehn,

Und zu ihm sprach: ›Willst Du es morgen wagen,

Mußt Du ertrinken. Mehr bleibt nicht zu sagen.‹

Vom Schlaf erwacht, bat er den Mitgesellen,

Nach diesem Traum die Seefahrt einzustellen

Und zu verweilen bis zum nächsten Tag.

Der Mann, der neben ihm im Bette lag,

Begann verächtlich über ihn zu lachen

Und sprach: ›Kein Traumbild kann mich bange machen.

Mich scheeren Träume, hab’ ich mir ein Ding

Fest vorgenommen, keinen Pfifferling.

Denn Träume sind nur eitle Gaukelspiele.

Von Eulen und von Affen träumen Viele

Und andern Spukgeschichten, wenn sie schlafen,

Die nie die Wahrheit treffen oder trafen.

Wenn Du die Fluth indeß aus Eigensinn

Verpassen willst, so bleib’ Du immerhin.

Du thust mir leid. Leb’ wohl! Ich gehe fort.‹

So sprach er grüßend, und verließ den Ort.

Doch kaum auf halbem Wege seiner Reise

Ward dieses Schiff auf irgend eine Weise

– Ich weiß nicht wie – durch einen Zufall leck,

Und Schiff und Mannschaft sanken auf dem Fleck,

Wie andre Schiffe, die auf gleicher Bahn

Gesegelt waren, in der Nähe sahn.

Nun, theure, schöne Pertelote mein,

Dies Beispiel mag Dir eine Lehre sein,

Daß man die Träume mit zu leichter Wage

Nicht messen soll. Denn ohne jede Frage

Ist mancher Traum zu fürchten, sag’ ich Dir.

Im Leben von St. Kenhelm lesen wir:

Des Königes von Mercia, Kenulphs Sohn,

Der vorerwähnte Kenhelm, habe schon

Von seinem Mord geträumt, kurz vor dem Tag,

An welchem er der Mörderhand erlag,

Und ihm erklärt von seiner Amme sei,

Daß er sich hüte vor Verrätherei,

Der ganze Traum; doch sieben Jahr’ nur zählte

Das Kind, und seinem heil’gen Herzen fehlte

Es noch an Einsicht in der Träume Wesen.

Bei Gott! wenn die Legende Du gelesen,

Wie ich es that, ich gäbe drum mein Hemd!

Frau Pertelote – Lügen sind mir fremd –

Makrobius sagt, wenn er vom Traumgesicht

Des edlen Scipio Afrikanus spricht,

Daß Träume Wahrheit reden, uns zu warnen

Vor Dingen, welche später uns umgarnen.

Und ferner bitt’ ich, lies die heil’ge Schrift

Und sieh’ darin, was Daniel betrifft,

Ob Träume Gaukeleien sind zu nennen,

Lies Joseph ferner, und Du wirst erkennen,

Daß oft ein Traum – wenn auch nicht unbedingt –

Uns warnend kund macht, was die Zukunft bringt.

An Pharao, Aegyptens König, denke!

Empfanden er, sein Bäcker und sein Schenke

Nicht bald die Wirkung ihrer Traumgesichte?

Wenn man durchforscht die Acten der Geschichte,

So stößt auf wunderbare Träume man.

Sieh’ Krösus nur, den König Lydiens, an!

Er saß, so schien es ihm, auf einem Baume,

Und sah den eignen Galgen nur im Traume.

Andromache, des Hectors Weib, betrachte,

Die, als den Gatten man ums Leben brachte,

Des Nachts zuvor in einem Traum gesehn,

Wenn Hector wage hin zur Schlacht zu gehn,

So sei sein Leben selben Tags verloren!

Indessen predigte sie tauben Ohren.

Nichts hielt ihn ab. Er ging, den Kampf zu wagen,

Und wurde von Achilles drin erschlagen.

Indeß zu lang ist, dieses mitzutheilen.

Der Tag ist nah’; ich mag nicht länger weilen,

Und kurz und gut, ich sage Dir zum Schluß,

Mir bringt mein Traumbild sicher noch Verdruß.

Jedoch was die Laxanzen anbetrifft,

So weiß ich sicher, sie sind Nichts, wie Gift,

Und ich bediene mich derselben nie,

Ich mag sie nicht, ja, ich verachte sie.

Genug davon! – Jetzt laß uns fröhlich sein!

Frau Pertelote, bei der Seele mein!

Mir schenkte Gott ein herrliches Geschick.

Fällt auf Dein schönes Angesicht mein Blick,

Und Deine scharlachrothen Augenlider

So schwinden Furcht und Sorgen in mir wieder;

Denn sicherlich, wie in principio

Mulier est hominis confusio

– Und übersetzt heißt dies Latein genau:

Des Mannes Lust und Segen ist die Frau –

Sitz’ ich des Nachts an Deiner weichen Seite

– Obschon es sein mag, daß ich Dich nicht reite,

Weil mir’s an Raum auf diesem Balken fehlt –

So bin ich immer freudevoll beseelt

Und scheuche Träume und Visionen fort.«

Mit allen Hennen flog bei diesem Wort

Der Hahn vom Balken, da es Morgen war,

Und rief mit lautem Klucken seine Schaar

Höchst königlich, da jede Furcht geschwunden,

Sobald im Hof er nur ein Korn gefunden,

Und Pertelote federt’ er und trat

Wohl zwanzigmal, eh’ Primezeit genaht.

Wild, wie ein Löwe, war er anzusehen

Und auf und nieder schritt er auf den Zehen,

Als hab’ er Scheu, den Boden zu berühren.

Gelang es ihm, ein Körnchen aufzuspüren,

So kluckt’ er gleich, und zu ihm liefen Alle.

So fürstlich wie ein Prinz in seiner Halle

Mag Chanteklär auf Nahrungssuche gehn,

Und dann erzähl’ ich, was hernach geschehn.

Der Monat März, in welchem Gott den Mann

Erschaffen hatte, als die Welt begann,

War längst verstrichen und noch überher

Ein voller Monat und zwei Tage mehr,

Als Chanteklär, der äußerst stolz inmitten

Von seinen Frau’n im Hof umhergeschritten,

Zur Sonne schaute, die am Himmelspfade

Im Stiere stand und mehr als zwanzig Grade

Durchlaufen hatte; und ihm sagte drum

Naturinstinkt und nicht sein Studium,

Daß Prime sei. Und krähend laut vor Wonne,

Rief er: »Schon zwanzig Grade hat die Sonne

Und mehr durchzogen an dem Himmelszelt!

Frau Pertelot’, mein Alles in der Welt!

O, höre, wie die Vögel jubelnd singen,

Sieh’, wie empor die frischen Blumen springen!

Vor Wonne schwillt das Herz mir in der Brust!«

Doch arges Unheil folgte rasch der Lust.

Denn allzuoft wird Freud’ in Leid verkehrt,

Da Erdenglück, Gott weiß, nicht lange währt.

In eine Chronik buchte diesen Satz

Mit Fug und Recht als hohen Weisheitsschatz

Ein Autor, welcher Redeschwung besitzt.

Nun, kluge Herren, jetzt das Ohr gespitzt!

Denn die Erzählung ist so wahr, wie je

Die Chronik war von Lancelot vom See,

Die alle Weiber überhoch verehren.

Jedoch zur Sache will zurück ich kehren.

Ein falscher Fuchs, in jeder List erfahren,

Der schon im Walde hauste seit drei Jahren,

Durchbrach bei Nacht die Hecke, wie der Traum

Es prophezeit, und schlich sich in den Raum,

Wo Chanteklär nach altgewohntem Brauch

Spazieren ging und seine Weiber auch,

Und hielt im Krautbett sich an jenem Morgen

Bis nach der neunten Stunde still verborgen,

Bereit zum Sprung auf unsern Chanteklär,

Wie sich in Hinterhalte von jeher

Die Schurken legten, war der Mord ihr Zweck.

O, falscher Mörder, lauernd im Versteck,

O, neuer Judas, neuer Ganelon!

Dem Griechen Sinon, welcher Ilion

Zu Falle brachte, gleich an Heuchelei!

O, Chanteklär, verflucht der Morgen sei,

An dem vom Balken in den Hof Du flogst!

Wenn Du Dein Traumbild in Erwägung zogst,

So mußtest die Gefahren Du ersehen!

Indeß was Gott bestimmt hat, muß geschehen,

Wie dies von vielen Weisen uns erklärt ist.

Doch weiß ein Jeder, welcher selbst gelehrt ist,

Daß in der Schule stets Verschiedenheit

Der Ansicht war, und kann von Zank und Streit

Euch zwischen Hunderttausenden berichten.

Ich kann das Mehl nicht von der Kleie sichten,

So wie der heil’ge Doctor Augustin,

Boetius und Bischof Bradwardin,

Ob ich durch Gottes heil’gen Vorbeschluß

Ganz schlechterdings Jedwedes thuen muß,

Das heißt, Nothwendigkeit mich dazu treibt,

Oder zur That die freie Wahl mir bleibt,

Und Thun und Lassen steht in meiner Hand,

Obschon mein Handeln Gott vorher bekannt;

Und ob vielleicht sein Wissen nur bedingt,

Doch nicht nothwendig, mich zur Sache zwingt.

Doch die Materie sei hier abgethan,

Denn die Geschichte spielt von einem Hahn,

Der auf den Rath von seiner Frau mit Sorgen

Im Hühnerhof spazieren ging am Morgen,

Obschon ein Traum ihn warnte, wie ihr wißt.

Doch allzu kühl oft Weiberrathschlag ist.

Durch Weiberrath kam unser erstes Leid,

Denn er trieb Adam aus der Seligkeit

Des Paradieses, wo es ihm behagte.

Doch kränken mag, was ich hier tadelnd sagte

Vom Rath der Weiber füglich manches Herz.

Darum genug! Ich sprach es nur im Scherz.

Lest die Autoren, die im Fach beschlagen,

So höret Ihr, was sie von Weibern sagen.

Dies sind vom Hahn die Worte, nicht die meinen,

Da mir die Frauen äußerst harmlos scheinen.

Im Sande badend, lag im Sonnenschein

Mit ihren Schwesterhennen im Verein

Frau Pertelote, während Chanteklär

So fröhlich sang, wie jemals nur im Meer

Sirenen sangen, und daß deren Ton

Gar herrlich sei, sagt Physiologus schon.

Und es geschah, als seinen Blick er scharf

Auf einen Schmetterling im Grase warf,

Daß er den Fuchs dort auf der Lauer fand.

Worauf zum Kräh’n ihm alle Lust verschwand,

Und er als banger, angsterfüllter Mann,

Nur »Kluckkluck« schreiend rasch von dannen rann.

Denn, wenn ein Thier den Erzfeind plötzlich sieht,

So ist es ganz natürlich, daß es flieht,

Selbst wenn es ihn zum ersten Mal erblickte;

Weßhalb sich Chanteklär zur Flucht anschickte,

Als er den Fuchs gesehn. Doch dieser sprach:

»Was wollt Ihr thun, mein lieber Herr? – Gemach!

Jagt Angst und Furcht der beste Freund Euch ein?

Weit schlimmer als ein Teufel müßt’ ich sein,

Käm’ ich hierher, Euch Böses zuzufügen.

Das Spioniren ist nicht mein Vergnügen.

Nein, der Beweggrund, der mich zu Euch bringt,

Ist nur allein, zu hören, wie Ihr singt.

Denn wahrlich Eure Stimme schallt so schön,

Wie Engelssang in hehren Himmelshöh’n.

Ihr übertrefft selbst des Boetius Kenntniß

Und manches Andern an Musikverständniß.

Seht, Euern Vater – ruh’ er sanft im Grabe –

Und Eure reizend güt’ge Mutter habe

Ich oft vergnügt bei mir im Haus gesehn.

Herr, was ich für Euch thun kann, soll geschehn!

Doch glaubet mir, wenn man von Singen spricht,

Selbst mit den schärfsten Augen hab’ ich nicht,

Euch ausgenommen, einen Mann erspäht,

Der früh am Morgen je so schön gekräht,

Wie Euer Vater. – Das kam aus der Seele!

Und zu verstärken seinen Klang der Kehle,

Ließ er sich selbst die Mühe nicht verdrießen,

Um laut zu schrein, die Augen zu verschließen,

Sich auf den Zehen hoch empor zu recken

Und seinen langen, schmalen Hals zu strecken.

Und dabei übertraf im ganzen Land

Kein einz’ger Mensch ihn sicher an Verstand

Noch an Gesang und an bescheidnem Wesen.

Im ›Esel Burnell‹ hab’ ich einst gelesen

Nebst andern Versen, daß einmal ein Hahn

Den Sohn des Priesters, der ihm weh gethan

Als Hähnchen hatte und ans Bein ihn stieß,

Die Pfründe späterhin verlieren ließ.

Doch kein Vergleich wird angestellt von mir.

Besonnenheit und Weisheit war die Zier

Von Eurem Vater, nicht Verschlagenheit.

Nun singt, mein Herr! Thut’s aus Barmherzigkeit!

Laßt sehn, könnt Ihr den Vater überflügeln?«

Sofort schlug Chanteklär mit beiden Flügeln,

Denn hoch entzückt durch diese Schmeichelei,

War vor Verrath jedwede Furcht vorbei.

Ach, große Herr’n! an Eurem Hof gefällt

Manch falscher Schmeichler, mancher Zungenheld

Euch besser, als ein Mann, der unverzagt

– Glaubt meinen Worten – Euch die Wahrheit sagt.

Den Ecclesiasten lest und laßt Euch warnen,

Daß Euch nicht Schmeichler mit Verrath umgarnen.

Auf seinen Zehen hoch emporgereckt,

Geschlossnen Auges und den Hals gestreckt,

Stand Chanteklär und krähte laut und hell.

Aufspringend, packte bei der Kehle schnell

Ihn Schlaufuchs Rössel und entschwand alsbald,

Ihn auf dem Rücken tragend, in den Wald,

Und lief, von Niemandem verfolgt, von hinnen.

O, Schicksal, welchem Keiner kann entrinnen!

Ach! daß es Dich vom Balken fliegen machte!

Daß Traumvisionen, ach, Dein Weib verlachte!

Und Dir ein Freitag ward verhängnißvoll!

O, Freudengöttin Venus, warum soll

Jetzt Chanteklär, der als Dein treuer Knecht,

Aus Lust, nicht bloß zu mehren sein Geschlecht,

Nach bester Kraft stets Deinen Dienst versehn,

An Deinem Tage so zu Grunde gehn?

O, Galfried, theurer Meister von uns Allen,

Der Du so jammernd klagtest, als gefallen

Dein würd’ger König Richard durch den Pfeil,

Warum ward mir nicht Deine Kunst zu Theil,

Den Freitag, der ihn dieser Welt entrückte,

So auszuschelten, wie es Dir einst glückte?

Dann würd’ ich Euch die Angst und alle Qualen

Von Chanteklär aufs Jammervollste malen.

Kein lauteres Geschrei ward je gehört

Aus Damenmund, seit Ilion zerstört,

Und Pyrrhus König Priam mit der Hand

Am Bart erfaßt und mit dem Schwert durchrannt

– Wie in der Aeneide dies beschrieben –

Als in dem Hofraum alle Hennen trieben,

Sobald sie sahn von Chanteklär die Noth.

Vor Allen aber schrie Frau Pertelot’,

Ja, lauter als die Gattin Hasdrubals,

Nachdem ihr Mann verloren seinen Hals,

Als Römerhand Karthago einst verbrannte.

Zur Wuth entfacht, von Schmerz gepeinigt, rannte

Sie in das Feuer mit beherztem Muth

Und starb aus freien Stücken in der Gluth.

Ach, arme Hennen, Ihr schriet vor Entsetzen

So schlimm, wie einst – als Rom in Brand zu setzen,

Nero befahl – die Frau’n der Senatoren,

Weil ihre Gatten sämmtlich sie verloren,

Die schuldlos hingemordet der Tyrann!

Jetzt heb’ ich die Erzählung wieder an.

Als sie gehört das Angstgeschrei der Hennen,

Begann die Wittwe aus der Thür zu rennen,

Gefolgt von beiden Töchtern, und sie sahn

Den Fuchs zum Walde rennen, mit dem Hahn

Auf seinem Rücken. Und sie schrien und riefen:

»Aha, der Fuchs! Halloh, Herbei!« und liefen

Rasch hinterdrein mit Angst- und Wehgeschrei.

Mit Stöcken kamen Schaaren Volks herbei,

Hund Kolle kam und Talbot und Gerland

Und Malchen mit der Kunkel in der Hand.

Und Kuh und Kalb, ja selbst die Schweine kamen,

Als das Gebell der Hunde sie vernahmen,

Und liefen beim Geschrei von Mann und Weib

Sich schier aus Furcht die Lungen aus dem Leib.

Sie schrien, wie Teufel in dem Höllenschlunde,

Und, wie gekniffen, heulten alle Hunde,

Die Gänse flogen ängstlich über Hecken,

Die Bienen zogen schwärmend aus den Stöcken,

Ein Heidenlärm war’s, daß sich Gott erbarm!

Gewiß Jack Straw hat nie mit seinem Schwarm,

Als er die vläm’schen Händler umgebracht,

Solch ein entsetzliches Gebrüll gemacht,

Wie solches angestellt ward um den Fuchs.

Sie brachten Hörner mit von Blech und Buchs,

Von Horn und Blei und tuteten auf diesen

Und dabei heulten, schrieen sie und bliesen;

Es schien, als stürzten sie den Himmel ein.

Jetzt bitt’ ich, freundlichst mir Gehör zu leihn!

Seht, gutes Volk, zum Gegentheil kehrt oft

Und schnell das Glück, was stolz ein Feind erhofft.

Der Hahn, der von dem Fuchs davongetragen,

Begann in seiner Herzensangst zu sagen:

»Auf daß mir Gott das ew’ge Heil gewähre,

Mein Herr, wenn ich an Eurer Stelle wäre,

So spräch’ ich: ›Scheert Euch gleich nach Haus, ihr Tröpfe!

Die Pestilenz komm’ über Eure Köpfe!‹

Bin ich doch längst, trotz Eurem Thun und Treiben,

Dem Walde nah’! Mir soll der Hahn verbleiben,

Und aufgefressen wird er, auf mein Wort!«

»Das soll geschehen!« – rief der Fuchs sofort.

Indessen während er noch sprach, war schon

Der kluge Hahn aus seinem Maul entflohn

Und hatte Zuflucht hoch im Baum genommen.

Sobald der Fuchs sah, daß der Hahn entkommen,

Sprach er: »Ach, bester Chanteklär, o Weh!

Ich that Dir Unrecht, wie ich zugesteh’,

Indem ich Dir so großen Schrecken machte,

Als ich Dich fing und aus dem Hofe brachte.

Flieg’ nieder, Herr! dann will ich Dir erklären

Der Wahrheit nach – soll Gott mir Heil gewähren –

Ich hab’s in böser Absicht nicht gethan.«

»Nein, treffe Fluch uns Beide!« – rief der Hahn

»Und zwar mich selbst zunächst mit Blut und Bein,

Wenn mehr als einmal Du durch Schmeichelei’n

Mich fangen kannst und wieder dazu bringen,

Geschlossnen Aug’s Dir etwas vorzusingen.

Denn wer aus freiem Antrieb, statt zu sehn,

Die Augen schließt, verdient zu Grund zu gehn.«

»Nein!« – rief der Fuchs – »Gott richte den zu Grund,

Der nicht im Zaum zu halten weiß den Mund

Und schwatzen will zur ungelegnen Zeit!«

Seht, so ergeht’s der Unbesonnenheit,

Dem Leichtsinn und der Lust an Schmeichelei’n!

Dies ist kein thöricht Märchen, das allein

Um Hahn und Fuchs und Hennen sich nur dreht,

Nein, gute Herren, die Moral versteht!

St. Paulus sagt, was aufgeschrieben wäre,

Sei Alles nur geschrieben uns zur Lehre.

Drum nehmt die Frucht und laßt die Spreu allein!

Nun, lieber Gott, sollt’ es Dein Wille sein,

So bessre Du und führ’ in Christi Namen

Zur Seligkeit in Ewigkeit uns. – Amen!

Verbindungs-Prolog.

(Bruchstück.)

Vers 8133–8148.

»Herr Nonnenpriester!« – hub der Gastwirth an –

»Heil Deinem Sitzfleisch sammt den Steinen dran!

Das war ein lust’ger Schwank von Chanteklär!

Bei meiner Treue! – wärst Du sekulär,

So paßtest Du zum Tretehahn Dich gut,

Entspräche Deinem Können auch Dein Muth.

Mehr Hennen brauchtest Du bei Deinen Trieben

– Wie mich bedünkt – als siebenzehnmal sieben.

Wie sind die Schenkel dieses Priesters dick,

Wie breit die Brust, wie kräftig sein Genick!

Wie schaut er aus den Sperberaugen stolz!

Der braucht nicht Krapp und nicht Brasilienholz,

Die Farbe seiner Wangen zu erhöhn!

Nun, Herr, für die Erzählung dank’ ich schön.«

Und darauf sprach er, sich in heitrer Art

Zum Nächsten wendend, was Ihr jetzt erfahrt.

Der Prolog des Weibes von Bath.

Vers 8149–9004.

Erfahrung ist’s, obschon Autorität

Der Welt nicht fehlt, die mir zur Seite steht,

Wenn ich des Eh’stands Leiden offenbare.

Denn, wahrlich, Herr’n! seit meinem zwölften Jahre

– Gedankt sei Gott in Ewigkeit dafür –

Hatt’ ich fünf Männer an der Kirchenthür

– Ist es erlaubt, daß man so oft sich paart –

Und alle würd’ge Männer ihrer Art.

Jedoch, man sagte mir vor kurzer Frist,

Zu Kana sei in Galiläa Christ

Auf einer Hochzeit und nicht mehr gewesen;

Und aus dem Beispiel sei klar zu erlesen:

Ich dürfe mich auch einmal nur vermählen.

Dagegen hört das scharfe Wort erzählen,

Mit dem am Brunnen Jesus, Gott und Mann,

Fuhr in Samaria einst ein Weibsbild an:

»Fünf Männer« – sprach er – »hattest Du gefreit;

Jedoch der Mann, mit dem Du lebst zur Zeit,

Ist nicht Dein Gatte« – sprach der Herr, fürwahr.

Doch, was er meinte, scheint mir nicht ganz klar.

Warum – so frag’ ich – war denn nicht ihr Gatte

Der fünfte, den die Samarit’rin hatte;

Und wieviel mal war ihr erlaubt die Ehe?

So alt ich bin, ist doch – soviel ich sehe –

Die Anzahl nie bestimmt und festgestellt,

Mag grübeln auch und deuteln alle Welt.

Ich weiß jedoch – die Wahrheit bleib’ in Ehren! –

Gott hieß uns fruchtbar sein und uns zu mehren.

Den schönen Text vermag ich wohl zu fassen.

Um meinetwillen – weiß ich – soll verlassen

Den Vater und die Mutter mein Gemahl,

Doch niemals hört’ ich je von einer Zahl,

Von Bigamie, Octogamie ihn sprechen.

Wie macht der Mensch denn dieses zum Verbrechen?

Seht nur den weisen König Salamo!

Wohl ward er mehr als eines Weibes froh;

Daß ich nur halb so oft, wie er, mich letze,

Gewähre Gott und ändre die Gesetze!

Doch solche Gotteskraft hat Keiner mehr,

Die Weiber zu bedienen, so wie er,

Gott weiß, der edle König trieb – ich denke –

In seiner ersten Nacht manch lust’ge Schwänke

Mit einer Jeden! – Herrlich war sein Leben!

Gedankt sei Gott, mir hat er fünf gegeben;

Willkommen ist der sechste; sei’s, wann’s sei!

Denn geht’s mit meinem jetzigen vorbei,

Ist mir ein andrer Christenmensch genehm,

Denn mir scheint Keuschheit äußerst unbequem!

Frei darf ich wählen – der Apostel sagt –

Die Gotteshälfte, wenn es mir behagt;

Denn Ehestand sei Sünde nicht zu nennen,

Und besser sei, zu freien, als zu brennen.

Was scheert es mich? das Volk mag sprechen, wie

Es immer will von Lamechs Bigamie.

Gewiß war Abraham ein heil’ger Mann

Und Jakob auch, soviel ich sehen kann;

Doch sie und alle Heil’gen nach der Reihe

Hatten der Weiber sicher mehr als zweie;

Und wie und wann hat jemals vorgeschrieben

Gott in der Höhe, daß wir ledig blieben?

Ausdrücklich nicht! – Sagt mir es unverhohlen,

Wo hat er jemals Jungfernschaft befohlen?

Sagt der Apostel nicht vielmehr am Orte,

Wo er von Jungfern spricht, bestimmt die Worte:

Er habe nichts darüber vorzuschreiben?

Man mag uns rathen, jungfräulich zu bleiben;

Doch Rathen ist noch immer kein Befehlen,

Und nach dem eignen Urtheil darf man wählen.

Denn, wäre Jungfernschaft uns insgesammt

Von Gott befohlen, so wär’ auch verdammt

Der Ehestand, und ohne Saat könnt’s eben

Auf dieser Welt auch keine Jungfern geben.

Paul durfte kaum gebieten solches Ding,

Zu dem vom Herrn ihm kein Befehl erging.

In Schranken renne nach der Jungfernschaft,

Wer immer will! – Doch, wer den Preis errafft,

Das laßt uns sehn! denn nicht für alle Welt

Ist dies gesagt. Gott wählt, wer ihm gefällt.

Zwar der Apostel jungfräulich verblieb,

Und doch bei Allem, was er sprach und schrieb,

Verlangt er nicht, daß Jeder es so mache;

Nur einen Rathschlag giebt er in der Sache,

Und aus Vergunst erlaubt er uns zu frein.

Drum, stirbt mein Mann, kann es kein Vorwurf sein,

Mich wiederum von Neuem zu begatten,

Die Bigamie darf man sich dreist gestatten.

Gut für den Mann sei’s, er berühr’ kein Weib,

– Er meint: im Stroh und Bette mit ihr bleib’ –

Denn Flachs zu nah’ dem Feuer ist gefährlich;

Dies Gleichniß ist – so denk’ ich – Euch erklärlich.

Alles in Allem, meint er, daß in Keuschheit

Ihr besser fahrt, als wenn ihr schwach im Fleisch seid.

Doch mich dünkt schwach im Fleische Mann und Weib,

Die keusch bewahren lebenslang den Leib;

Und ich gestehe, nicht beneid’ ich sie,

Geht ihnen Keuschheit über Bigamie.

Daß rein der Leib sei und die Seele reiner,

Ist zwar ein schöner Standpunkt, doch nicht meiner.

In einem Haushalt, wie Ihr Herren seht,

Ist nicht von Golde jegliches Geräth;

Auch die von Holz sind nützlich; denn Gott schuf

Die Menschen zu verschiedenem Beruf;

Weßhalb die Leute sehr verschiedne Gaben,

Der dies, der das, nach seinem Willen haben.

Nichts ist vollkommner als Jungfräulichkeit,

Enthaltsamkeit und Gottergebenheit.

Doch Christus, der Vollkommenheiten Quelle,

Sagt nicht: es solle jeglicher Geselle

Sein Land verkaufen und den Armen geben,

Ihm folgen und nach seiner Lehre leben.

Er sprach zu denen, die gern heilig wären;

Jedoch, Ihr Herr’n, das ist nicht mein Begehren!

Mein ganzes Dasein ist auf Lebenszeit

Dem Ehestand in Act und Frucht geweiht.

Aus welchem Grunde – frag’ ich immer wieder –

Sind denn erschaffen unsre Zeugungsglieder?

Warum in jeder Weise so vollkommen?

Für Nichts ist doch die Mühe nicht genommen!

Und grübeltet ihr immer aus, sie wären

Gemacht, um vom U… uns zu entleeren

Und andern Sachen, sowie ferner dann

Zum Unterschiede zwischen Weib und Mann

Und keinen andren Zweck – die Offenbarung

Laßt nur zu Haus; denn anders lehrt Erfahrung!

Doch, daß ich mit Gelehrten Zank vermeide,

So sag’ ich dies: sie sind gemacht für beide;

Das heißt: Zur Nothdurft wie zur Zeugung auch

Macht man davon, wenn’s Gott gefällt, Gebrauch.

Wie könnte man zu schreiben sich erdreisten,

Was seinem Weib er schulde, solle leisten

Der Mann, wenn ihm zu zahlen nicht vergönnt

Ist der Gebrauch von seinem Instrument?

Zum Zeugen hat sie jede Creatur,

Das ist gewiß, und nicht zum P….. nur.

Doch sag’ ich darum nicht: die Pflicht erheisch’ es,

Daß dies erwähnte Rüstzeug seines Fleisches

Zu Zeugungszwecken brauche Jedermann,

Und setze jede Keuschheit hinten an.

Christ war ein Mann, doch eine Maid an Sinn,

Und manche Heil’ge lebten seit Beginn

Der Welt in gänzlicher Enthaltsamkeit.

Doch läßt mich ihre Keuschheit ohne Neid,

Laßt sie sich nähren stets mit Weizenbrod,

Und gebt uns Weibern das von Gerstenschrot.

Und doch mit Gerstenbrot, wie Mark uns weißt,

Hat unser Herr einst Massen Volks gespeist.

Wie mir durch Gott gefallen ist mein Loos,

So will ich bleiben. Ich bin anspruchslos;

Und frei will ich als Weib mein Instrument

Gebrauchen, wie mein Schöpfer es mir gönnt.

– Sprech’ ich zu kühn, mag Gott für Reue sorgen –

»Mein Mann soll’s haben Abends und am Morgen,

Gefällt es ihm, zu leisten, was er schuldig.

Doch eines Manns bedarf ich, der geduldig

Als Schuldner und als Sclave mir gehorcht;

Und für den Dorn im Fleische wird gesorgt

Von mir gewiß, solang’ ich bin sein Weib!

Denn lebenslänglich hab’ ich seinen Leib

In meiner Macht, doch er nicht umgekehrt;

Denn so hat der Apostel es gelehrt.

Er hieß den Mann uns schuld’ge Freundschaft leisten,

Und die Sentenz gefiel mir stets am meisten!«

Auf fuhr der Ablaßkrämer und hub an:

»Nun, liebe Frau, bei Gott und St. Johann!

Ihr predigt wacker über diese Sachen.

Auch ich gedachte Hochzeit bald zu machen.

Doch soll im Fleisch ich’s büßen also theuer,

Lass’ ich indeß das Freien lieber heuer!«

»Sei still!« – sprach sie – »ich habe kaum begonnen.

Ei! Du sollst trinken aus ganz andern Tonnen,

Eh’ ich zu Ende! – Schlechter wird als Bier

Dir’s sicher munden, wird erzählt von mir

Erst von des Ehestandes Noth und Leid,

Worin erfahren ich seit langer Zeit.

– Das heißt: ich selbst war’s, die die Peitsche schwang. –

Nun? hast Du Lust noch oder nicht, den Trank

Vom Faß zu schlürfen, das ich angespundet?

Doch, eh’ Du nahst, bedenke, wie es mundet!

Ich führe mehr als ein Exempel an,

Daß Andern oft zur Warnung dient der Mann,

Der sich von Andern selbst nicht warnen läßt.

Die Worte findest Du im Almagest

Von Ptolemäus; lies es selber nach!«

»Verehrte Frau!« – der Ablaßkrämer sprach –

»Gefall’ es Euch, nur weiter fortzufahren

In dem Bericht und Niemanden zu sparen,

Und lehrt uns junge Männer Eure Ränke!«

»Recht gern!« – sprach sie – »wenn’s Euch gefällt? – Doch schenke

Mir Nachsicht die verehrte Compagnie,

Und red’ ich hier nach meiner Phantasie,

Nehmt, was ich sage – bitte – nicht zu Herzen!

Mein Zweck ist nur, zu spaßen und zu scherzen.

Nun, Herr’n, jetzt geht es weiter! Sollten mir

Auch niemals munden fürder Wein und Bier,

Von meinen Männern sprech’ ich, wie es recht.

Drei waren gut und zweie waren schlecht;

Und reich und alt die dreie, welche gut.

Doch sie erfüllten schlecht nur das Statut

In Hinsicht dessen, was sie mir zu leisten.

– Nun, was ich meine, rathen wohl die meisten. –

Gott steh’ mir bei! noch lach’ ich, denk’ ich jetzt,

Wie ich sie Nachts zur Arbeit angehetzt!

Doch, meiner Treu’! viel wurde nicht prästirt.

Sie hatten mir ihr Gut und Land cedirt,

Drum, daß um ihre Liebe diensterbötig

Ich länger würbe, war für mich nicht nöthig.

Bei Gott! sie liebten treulich mich! Indessen

Viel Leckereien gab es nicht zu essen.

Ein kluges Weib muß ihr Geschäft verstehn,

Und Liebe wecken, will’s nicht anders gehn.

Doch, da ich schon vollständig in der Hand

Sie selber hatte und ihr Gut und Land,

Was lag mir da an ihrer Gunst noch viel,

Wenn mir’s Profit nicht brachte, nicht gefiel?

Doch schwitzen ließ ich sie in mancher langen

Und lieben Nacht, bis alle Weh’ sie sangen,

Und für sie fett gemacht ward nicht der Schinken

Wie zu Dunmow in Essex, will mich dünken!

Ich wußte sie nach meinem Sinn zu lenken,

Von jeder Kirmeß kehrten mit Geschenken

Sie fröhlich heim und brachten sie mir dar,

Und waren selig, wenn ich freundlich war,

Denn das weiß Gott, ich schimpfte sie genug.

Doch, nun erzähl’ ich, wie ich mich betrug.

Ihr Weiber, die Ihr klug seid und verständig,

Schwatzt in das Unrecht Euren Mann beständig!

Denn lügen kann und schwören nie ein Mann

So unverschämt, wie eine Frau es kann.

– Die klugen Weiber brauchen keinen Rath,

Er gilt für die, so man mißleitet hat. –

Ein Weib, das schlau ist und verständnißvoll,

Beweist wohl ohnehin, die Kuh sei toll,

Dem Ehemann und läßt die Magd drauf schwören.«

Doch, wie ich sprach, sollt Ihr von mir jetzt hören:

»Du alter Hundsfott! ist das Deine That,

Daß unsres Nachbars Weib in solchem Staat

Einherstolzirt für Jedermann zum Wunder,

Und ich kaum ausgehn kann in meinem Plunder?

Was hast Du nur im Nachbarhaus zu schaffen?

Ist sie so schön? Mußt Du Dich gleich vergaffen?

Was hast Du stets mit meiner Magd zu flüstern?

Ei, alter Lecker! immer bist Du lüstern!

Doch wenn ich einen Freund mir zugeselle,

Betret’ ich arglos eines Nachbars Schwelle,

So schiltst Du mich gleich wie ein Teufel aus.

Und Du kommst heim besoffen wie die Maus

Und predigst – schlimm ergeh’ Dir’s – auf den Bänken

Und sprichst: Es müsse an die Kosten denken

Ein Mann beständig, der sich arm gepaart.

Und eine Reiche, adeliger Art,

Die – sagst Du – sei ganz sicher voller Grillen

Und unerträglich ihres Stolzes willen.

Bei einer Schönen – sagst Du – sei’s erklärlich,

Daß jeder Wüstling gleich nach ihr begehrlich,

Und mit der Keuschheit, die bestürmt stets sei

Von allen Seiten, sei es bald vorbei.

Man nimmt uns – sagst Du – bald weil unser Geld,

Bald Wuchs, bald Schönheit einem Mann gefällt,

Bald des Gesanges, bald des Tanzens wegen,

Bald weil dem Mann an Reiz und Spaß gelegen,

Bald weil so zierlich Arme sind und Hände,

Und so zum Teufel geht es bis ans Ende!

Es widerstände – sagst Du – keine Mauer,

Die rings belagert sei, auf lange Dauer.

Von einer Häßlichen sagst Du, sie hänge

Sich gleich an jedes Mannsbild an und spränge

Um Jeden, wie ein Wachtelhund, umher,

Bis schließlich einer ausgefunden wär’;

Denn sei auch noch so grau die Gans im Graben,

Sie wolle – sagst Du – ihren Gänsrich haben;

Und da nur Undank – sagst Du – man empfinge,

So sei ein Weib das schlimmste aller Dinge!

So sprichst Du Flegel, gehst Du Nachts zu Bette!

Und daß kein kluger Mann es nöthig hätte,

Sei er auf Seligkeit bedacht, zu frein.

Ich wollt’, ein Blitz vom Himmel schlüge drein,

Und Deinen alten, welken Nacken bräch’ er!

Der Rauch – sagst Du – und löcherige Dächer

Und zänk’sche Weiber trieben aus dem Haus

Die Männer fort. – Doch sag’ mir, ei der Daus!

Was treibt Dich, so zu schimpfen, alter Gecke?

Im Anfang – sagst Du – zwar das Weib verstecke,

Doch nach der Hochzeit zeige sie die Klau’n.

– Das ist ein Sprüchwort wohl von bösen Frau’n? –

Du sagst: die Ochsen, Esel, Pferde, Hunde

Würden geprüft erst, daß je nach Befunde,

Wie Löffel, Fässer, Stühle, Bänke, Tröge

Und Hausgeräth, man sie erstehen möge.

So prüfe man auch Töpfe oder Kleider,

Doch blieben ungeprüft die Frauen leider;

– So sagst Du, Schwätzer! – bis man nach der Ehe

Dann alle Laster, die sie hätten, sähe!

Und ferner sagst Du: ich sei stets verdrießlich,

Lobtest Du meine Schönheit nicht ausschließlich,

Und priesest Du nicht immer mein Gesicht,

Und nenntest überall mich Dame nicht;

Wär’ mein Geburtstag festlich nicht begangen,

Könnt’ ich nicht stets in frischen Kleidern prangen,

Sprächst Du mit meiner Zofe, meiner Amme

Und der Verwandtschaft vom Familienstamme

Nicht ehererbietig sonder Unterlaß.

– So sagst und klagst Du, altes Lügenfaß!

Und auch mit unserm Schreiber, dem Johann,

Dem krausbehaarten, goldgelockten Mann,

Der mir so fleißig seinen Hof stets macht,

Hast Du mich ganz mit Unrecht im Verdacht.

Ich will ihn nicht und stürbest Du auch morgen!

Doch sage mir, warum hälst Du verborgen

Den Kassenschlüssel so besorgt vor mir?

Gehört das Geld, Pardi! nicht mir wie Dir?

Glaubst Du, es sei Madam nicht bei Verstand?

Beim Heil’gen, der St. Jakob ist genannt,

Nicht länger sollst von meinem Leib und Gut

Du Meister sein, und tobtest Du vor Wuth

Und schnittest mir das grimmigste Gesicht!

Auch alles Spioniren hilft Dir nicht!

Ich glaube wohl, weit lieber schlössest Du

Mich in den Schrank, anstatt zu sprechen: ›Thu’,

Was Dir gefällt, mein Weibchen, ohne Scheu;

Mehr als Gerüchten trau’ ich Deiner Treu’!‹

Der Mann mißfällt uns, der stets sorgt und denkt,

Wohin wir gehn. Wir sind gern unbeschränkt.

Genug zu preisen ist von Menschen nie

Der größte Meister der Astrologie,

Dan Ptolemäus, der im Almageste

Geschrieben hat, es sei der Weisheit beste,

Sich nicht zu kümmern, wer regiert die Welt.

Aus diesem Sprüchwort klar für Dich erhellt:

Laß Dir an dem, was Du besitz’st, genügen,

Und gönne Du den Leuten ihr Vergnügen.

Du alter Schwätzer! mach’ doch alle Nächte

Nur frisch Gebrauch von Deinem Eherechte!

Der wär’ ein äußerst arger Filz zu nennen,

Der uns versagen wollte, anzubrennen

An der Laterne, die er trägt, ein Licht.

Laß Dir genügen, und beklag’ Dich nicht!

Du sagst auch ferner, wenn wir mit Geschmeiden

Uns schmücken oder stattlich uns bekleiden:

Es sei von uns die Keuschheit in Gefahr.

Durch des Apostels Worte sei ganz klar

In dieser Sache der Beweis zu führen,

Dieweil er spräche: Weiber sollten zieren

In ihrer Kleidung sich mit Zucht und Scham

Und nicht mit Zöpfen, oder üpp’gem Kram,

Mit Perlen, Gold und köstlichem Gewand.

– Nicht mehr als eine Fliege an der Wand

Halt’ ich vom Text und von dem ganzen Satze. –

Du sagst auch ferner: ich sei gleich der Katze;

Die bleibe, wenn man ihr versengt das Fell,

Ruhig zu Haus, indessen laufe schnell,

Wenn’s wieder schön und glänzend sei, hinaus

Und bleibe keinen halben Tag zu Haus,

Sie wolle fort, sobald der Morgen graue,

Damit ihr Fell sie zeige – und miaue;

Das heißt, Du Schelm: ich liebte, auf den Gassen

In neuem Kleiderstaat mich sehn zu lassen!

Du alter Narr! Dein Schnüffeln hilft Dir nicht!

Und bätest Argus Du, der im Gesicht

Einhundert Augen hat, Schildwach zu stehn,

So würd’ ich doch ihm eine Nase drehn;

Mir sollt’ es schon, bei meiner Treu’! gelingen.

Du sagst auch: immer rühre von drei Dingen

Auf dieser Erde jedes Unheil her,

Und daß ein viertes nicht zu tragen wär’.

Herr Widerbeller! kürze Christ Dein Leben!

Ei! predigst Du, ein böses Weib sei eben

Die eine von den widerwärt’gen Sachen?

Kannst Du nicht andere Vergleiche machen?

Mußt Du zum Gegenstande der Parabeln

Dir stets ein armes, dummes Weib ergabeln?

Du sagst: des Weibes Liebe glich’ der Hölle,

Dem wüsten Lande, drin kein Wasser quelle.

Sie gliche – sagst Du – einer Feuersgluth,

Die, einmal brennend, stets mit größrer Wuth

Alles, was brennen wolle, rings verzehre:

Und wie ein Wurm – sagst Du – den Baum zerstöre,

Zerstör’ auch ihren Ehemann die Frau;

Das wisse, wer nicht ledig sei, genau.« –

Daß grade so, wie ich’s, ihr Herr’n, erzählt,

Sie in der Trunkenheit mit mir geschmält,

Hielt steif und fest ich meinen Männern vor.

Zwar war es falsch. – Doch, da es Hans beschwor

Und meine Nichte sich mit mir vereinigt,

Du lieber Gott! so wurden sie gepeinigt,

Bei Christi Kreuz! ganz schuldlos obendrein.

Denn wie ein Gaul konnt’ beißen ich und schrein.

Doch, hätt’ ich nicht zu klagen angefangen,

So wär’ es manchmal mir wohl schlimm ergangen.

Wer zuerst kommt, zuerst gemahlt erhält;

Wer zuerst klagt, behauptet auch das Feld.

So kam’s, daß sie mich um Entschuld’gung baten,

Selbst über Dinge, die sie niemals thaten.

Ich schwur, mit Dirnen hätt’ ich sie gesehn,

Und konnten sie vor Schwachheit auch kaum gehn.

Doch kitzelt’ es ihr Herz; und jeder dachte,

Daß mich besorgt für ihn nur Liebe machte.

Ich schwur, war ich zur Nachtzeit ausspaziert,

Nach ihren Dirnen hätt’ ich spionirt.

Durch diesen Vorwand fand ich viel Vergnügen.

Denn nicht umsonst ist Spinnen, Weinen, Lügen,

Schon seit dem Tage der Geburt fürs Leben

Von Gott uns Weibern gütigst mitgegeben.

In einer Sache muß ich selbst mich loben,

Ich blieb in jeder Hinsicht schließlich oben,

Ich griff zur List, Gewalt und andern Mitteln,

Wie stetem Murr’n und ewigem Bekritteln.

Im Bett besonders wußt’ ich sie zu plagen.

Da konnt’ ich schelten und den Dienst versagen.

Ja, aus dem Bette droht’ ich oft zu springen,

Wenn sie mit ihren Armen mich umfingen.

Erst wenn sie Lösegeld bezahlt mir hatten,

Wollt’ ihre Niedlichkeiten ich gestatten.

Ein jeder Mann gedenke meines Raths,

Käuflich ist Alles, und wer zahlt, der hat’s;

Mit leeren Händen ist schlecht Falken fangen;

Doch für Gewinn erheuchelt’ ich Verlangen

Und that, als gäb’ ich voller Lust mich hin,

Obschon von Schinken sonst kein Freund ich bin;

Das heißt: ich lag mit ihnen stets im Streite,

Und hätte selbst der Papst auf ihrer Seite

Gestanden, wäre ihnen nichts erspart,

Da Wort um Wort von mir quittirt stets ward.

Ja, beim allmächt’gen Gott! sollt’ ich sofort

Mein Testament jetzt machen, nicht ein Wort

Bin ich mehr schuldig, das ich wett nicht machte.

Durch meinen Witz ich’s schließlich dahin brachte,

Daß sie für besser fanden, nachzugeben;

Sonst hatten sie nie Rast und Ruh’ im Leben;

Und schauten wie die Löwen sie verdrießlich,

So krochen dennoch sie zu Kreuze schließlich.

Dann wollt’ ich sagen: »So ist’s recht und brav!

Wie fromm und sanft ist Wilkin, unser Schaf!

Komm, Männchen! laß mich Deine Wange küssen!

Geduld und Sanftmuth wirst Du lernen müssen!

Spricht Dein Gewissen Dich denn niemals schuldig,

Wenn Du erzählst, wie Hiob war geduldig?

Nun, was Du predigst, halte drum in Ehren!

Und thust Du’s nicht, so will ich Dich belehren:

Soll in der Ehe Frieden uns beglücken,

So muß sich einer von uns Beiden bücken,

Und, da als Mann weit mehr vernünftig Du

Als Deine Frau bist, so kommt Dir es zu.

Jedoch, was quält Dich, daß Du stöhnst und ächzest?

Ist’s meine Heimlichkeit, nach der Du lechzest?

Hier, Peter, ist sie! nimm Dir Alles hin!

Ich schelte zwar, doch zärtlich ist mein Sinn!

Wollt’ ich verhandeln meine belle chose

Ging ich einher wohl schöner als die Rose!

Jedoch, bei Gott! wie übel Du gethan,

Bewahr’ ich sie für Deinen Leckerzahn!«

Manch solches Wort wir miteinander hatten;

Doch sprech’ ich jetzt von meinem vierten Gatten.

Ein schlimmer Schwärmer aber war der vierte,

Der sich mit einem Kebsweib verlustirte.

Und dennoch jung, stark, geil und widerhaarig

Und so vergnügt, wie eine Elster, war ich.

Zur Harfe konnt’ ich mich im Tanze schwingen,

Und wußte wie die Nachtigall zu singen,

Hatt’ ich getrunken etwas süßen Wein.

Ja, selbst der Schuft, Metellius, dieses Schwein,

Der mit dem Stocke seine Frau erschlug,

Nur, weil sie Wein trank, sollte mir genug

Zu trinken geben, hätt’ er mich genommen!

Doch von dem Wein muß ich auf Venus kommen.

So wie die Kälte Hagel zeugt und Reif,

Hat leckres Maul auch einen leckren Schweif.

Nicht widersteht die weinberauschte Frau,

Das wissen alle Wüstlinge genau.

Ach, Herr und Christ! gedenk’ ich an die Zeit

Der Jugendfrische und der Lustigkeit,

So juckt es mich im tiefsten Herzensgrunde

Noch vor Vergnügen bis auf diese Stunde,

Daß ich die Welt genoß in jenen Tagen!

Das Alter, ach! bringt manche bittre Plagen!

Ich fühle Kraft und Schönheit mir entfliehn;

Fahrt hin! lebt wohl! zum Teufel mögt ihr ziehn!

Das Mehl ist alle! da hilft kein Geschrei!

So gut es geht, verkauf’ ich jetzt die Klei’!

Doch an Vergnügen soll es mir nicht fehlen!

Von meinem vierten Mann laßt mich erzählen!

Wie schon gesagt, mein Haß war nicht gering,

Daß er auf fremder Fährte manchmal ging;

Bei St. Jodocus! – wir sind Beide quitt,

Da ich sein Kreuz aus gleichem Holz ihm schnitt.

Zwar nicht zur Unzucht braucht’ ich meinen Leib,

Doch gönnt’ ich Manchem solchen Zeitvertreib,

Daß ich in seinem eignen Fett ihn briet,

Und er in Eifersucht und Wuth gerieth.

Sein Fegefeuer war ich hier hienieden;

Drum hoff’ ich, jetzt hat seine Seele Frieden,

Denn, weiß es Gott! – er sang und schrie vor Wehe,

Drückte sein Schuh ihm allzusehr die Zehe,

Und Gott und ihm ist es allein bekannt,

Was, ihn zu pein’gen, Alles ich erfand.

Er starb, als von Jerusalem zu Haus

Ich kehrte, und ruht unterm Kreuze aus,

Jedoch sein Grabmal war mit mindrer Pracht

Als des Darius Ruhestatt gemacht,

Die einst Apelles schuf mit Kunstvollendung;

Denn ich begrub mit weniger Verschwendung!

Er lebe wohl! Mög’ Gott ihm gnädig sein!

Im Grabe ruht er und er liegt im Schrein!

Von meinem fünften Mann ich jetzt erzähle!

Gott sende nicht zur Hölle seine Seele!

Doch hat er mir am schlimmsten zugesetzt;

Das fühl’ an meinen Rippen ich noch jetzt,

Und werd’ es fühlen bis ans Lebensziel!

Doch frisch und froh trieb er im Bett sein Spiel,

Und das Gekirr verstand er und Gekose,

Gelüstet’ ihm nach meiner belle chose;

Gewinnen konnt’ er, wenn er alle Glieder

Mir auch zerschlug, stets meine Liebe wieder.

Ich liebt’ ihn besser, denk’ ich, weil so rar

Und so gefährlich seine Liebe war.

Wir Weiber sind – denn nimmer lügen will ich –

In diesem Punkt oft wunderlich und grillig;

Wir schrei’n und gieren tagelang nach Dingen

Allein, weil sie nur schwierig wir erringen;

Was man verbietet, wird von uns begehrt,

Jedoch wir fliehen, was man uns gewährt;

Verkauft wird unser Krimskram mit Gefahren;

Bei vollem Markte steigt der Preis der Waaren,

Und was zu billig ist, bedünkt uns schlecht;

Darin giebt jedes kluge Weib mir Recht.

Den fünften Mann – es gebe Gott ihm Segen! –

Nahm ich aus Liebe, nicht des Reichthums wegen.

Von Oxford, wo er als Scholar studirte,

Kam er in unsre Stadt, und dort quartierte,

Er sich bei meiner Frau Gevatt’rin ein,

Frau Alison – Gott mög’ ihr gnädig sein! –

Sie kannte meines Herzens Heimlichkeit

Mehr, als der Pfaffe that – auf Seligkeit!

Denn ihr vertraut ich All und Jedes an;

Und mochte Leib und Leben gar mein Mann

Verwirken oder an die Wand nur p……,

Sie und ein andres Weibsbild mußten’s wissen,

Und ebenmäßig ward ein jeder Plan

Auch meiner lieben Nichte kundgethan.

Und dieses that ich häufig, denn – Gott weiß es! –

Wohl überlief ihn manchmal roth und heiß es

Bei seiner Schande, und er schalt sich laut,

Daß er mir seine Heimlichkeit vertraut!

Nun traf es sich zur Fastnacht oft genug,

War ich bei der Gevatt’rin zum Besuch

– Denn immer noch saß ich voll Schelmerei,

Und lief noch gern im März, April und Mai,

Was Neues zu erfahren, Haus von Haus –

Daß ich und Alison aufs Feld hinaus

Spazierten mit dem Schreiber, dem Johann.

Denn, da in London war mein Ehemann,

Wollt’ ich nicht die Gelegenheit verpassen,

Mich auch vor lust’gem Volke sehn zu lassen,

Und selbst zu sehn. Was weiß ich noch, wohin

Ich damals ging in meinem Flattersinn?

Ich war dabei, wenn es Visitationen,

Wenn es Vigilien gab und Processionen;

Auf Pilgerfahrt und zum Mirakelspiel,

Zur Hochzeit und zur Predigt ging ich viel.

Vom schönsten Scharlach trug ich Prachtgewänder;

An meinem Staat gab’s für die Kleiderschänder,

Die Würmer, Motten, Milben nichts zu nagen.

Weißt Du warum? – Weil ich ihn stets getragen!

Doch nun erzähl’ ich Euch, was mir passirte.

Ich sagte, daß ich auf das Feld spazierte,

Wo ich, fürwahr, manch’ lust’ge Schäkerei

Mit unserm Schreiber trieb und ihm dabei

Der Zukunft wegen auch versprach, daß er

Mich freien solle, wenn ich Wittwe wär’.

Gewiß kein Rühmens will ich davon machen;

Doch in der Ehe, wie in andern Sachen,

Sah ich mit Umsicht immer im Voraus.

Ein Lauch nicht werth, dünkt mich, der Witz der Maus,

Die auf ein Loch nur zum Entschlüpfen zählt

Und die dann hin ist, wenn ihr dieses fehlt.

Ich log ihm vor, ich sei behext durch ihn

– Da Alison mir diesen Rath verliehn –

Und redete, mir hätte in der Nacht

Geträumt, ich wäre von ihm umgebracht,

Und daß mein ganzes Bette sei voll Blut;

Jedoch er thäte, hofft’ ich, dennoch gut,

Denn Blut bedeute Gold, sei mir gesagt.

Doch falsch war Alles. Ich war nie geplagt

Von solchen Träumen. Meiner Dame Rath

Befolgt ich nur, wie ich es meistens that.

Doch nun, Ihr Herr’n! – Laßt sehn, wo blieb ich nur!

Aha! bei Gott! ich bin schon auf der Spur!

Als auf der Bahre lag mein vierter Gatte,

Ich in den Augen immer Thränen hatte,

Wie es Gebrauch ist und des Weibes Pflicht,

Und in den Schleier hüllt’ ich mein Gesicht.

Doch hatt’ ich den Ersatzmann schon ersehn;

Drum weint’ ich mäßig – das muß ich gestehn!

Als meinen Mann die Nachbarn unter Klagen

Zur Kirche früh am Morgen fortgetragen,

War auch mein Schreiber, der Johannes, da.

Und – hilf mir Gott! – als ich ihn gehen sah

Mit einem solchen schönen, netten Paare

Von Beinen hinter meines Mannes Bahre,

Gab ich mein ganzes Herz ihm alsobald.

Er war – ich glaube – zwanzig Winter alt

Und – ungelogen – vierzig ich! – Jedoch

Den Füllenzahn bewahrt’ ich immer noch.

Langzähnig war ich, was nicht schlecht mir stand.

Der Venusstempel war mir eingebrannt;

Und hilf mir Gott! ich war ein lustig Weib,

Jung, reich und schön und wohlgeformt an Leib,

Und jeder meiner Gatten schwur – auf Ehre! –

Daß meine S…… rings die beste wäre.

Den Sinnen nach bin ich ganz venerianisch,

Mein Herz indessen ist durchaus martianisch;

Venus gab mir die Lüsternheit und Gluth,

Und Mars gab mir den unverzagten Muth.

Der Stier mit Mars drin, war mein Ascendente.

O, weh’, daß Liebe sündlich ist! – Wie könnte

Ich widerstehen der Inclination

Bei solcher Wirkung der Constellation?

Und daher blieb für lustige Genossen

Auch meine Venuskammer nicht verschlossen.

Von Mars indessen trug ich das Gepräge

Im Angesicht und heimlichen Gehege.

Gott gehe mit mir gnädig zu Gericht!

Sehr heikel war ich in der Liebe nicht.

Ich folgte meinem Appetit und Drang;

Ob schwarz, ob weiß er war, ob kurz, ob lang,

Sobald ich nur Gefallen an ihm fand,

Frug ich nicht viel nach Reichthum oder Stand.

Was wollt’ ich sagen? – Schon nach Monatszeit

Nahm mich zur Frau mit großer Festlichkeit

Der lustige, der art’ge Schreiber Hans.

Mein Land, sowie mein Gut gab ich ihm ganz

Und gar zu eigen, wie es mir gegeben;

Doch oft bereut’ ich’s hinterher im Leben.

Von meinen Schlichen wollt’ er gar nichts wissen!

Weil ich ein Blatt aus seinem Buch gerissen,

Schlug er – bei Gott! – mich einstmals mit der Faust,

Daß heute mir’s noch in den Ohren saust!

Wie eine Löwin steif und widerhaarig

Und eine schlimme Lästerzunge war ich.

Noch immer wandern wollt’ ich, wie zuvor,

Von Haus zu Haus, obschon’s mein Mann verschwor;

Und deßhalb las er predigend und lehrend,

Aus alten Römer-Gesten mir fortwährend:

Wie einst sein Weib auf Lebenszeit verließ

Sulpitius Gallus und sie von sich stieß,

Nur aus dem Grunde, weil er sie gesehn

Aus seiner Hausthür unverschleiert gehn.

Auch einen andern Römer er mir nannte,

Der ebenfalls sein Weib von sich verbannte,

Die unerlaubt auf einem Fest gewesen.

Auch aus der Bibel pflegt’ er oft zu lesen

Mir jenes Sprüchwort aus dem Ecclesiasten,

Welches den Männern anräth, daß sie paßten

Auf ihrer Weiber Wandel und Betragen;

Und, ohne Zweifel, pflegt’ er dann zu sagen:

Wer sich aus Weiden baut des Hauses Wände,

Auf blindem Gaul jagt durch gepflügt Gelände,

Und seinem Weibe läßt zu freie Hände,

Der Mann hängt an dem Galgen noch am Ende!

Doch werthlos schienen mir wie Mellerbeeren,

Die weisen Sprüche, wie die alten Lehren.

Ich liebte nicht, daß er mir stets erzählte,

Um mich zu bessern, wo und wie ich fehlte;

Und Viele denken – weiß es Gott! – wie ich!

Doch wurd’ er noch so wüthend gegen mich,

In keinem Fall gedacht’ ich’s zu ertragen!

Beim heil’gen Thomas! jetzt will ich Euch sagen,

Wie einst, weil seinem Buch ich jenes Blatt

Entriß, mein Mann mich taub geprügelt hat.

In einem Buche, welches er besaß,

Er Tag und Nacht stets mit Entzücken las,

Das Valerie und Theophrast er nannte

Und das ihn stets mit Lachen übermannte.

Auch war ein Schreiber noch darin aus Rom,

Ein Cardinal, mit Namen St. Jerome,

Der einst ein Buch schrieb gegen Jovinian.

Dies Buch war da, sowie auch Tertullian,

Crisippus, Trotula und Heloïs,

Die einst Aebtissin war nah’ bei Paris;

Und auch des Königs Salamo Parabeln,

Die Kunst Ovids und manche sonst’ge Fabeln.

Sie waren all’ in einen Band gebunden,

Und immer hielt in seinen freien Stunden,

Lag hinter ihm des Werkeltages Plage,

Er jeder Zeit, bei Nacht sowie bei Tage,

Gewohnheitsmäßig dieses Buch in Händen.

Von bösen Weibern kannt’ er mehr Legenden,

Als in der Bibel sind von guten Frauen.

Unmöglich ist’s – darin mögt Ihr mir trauen –

Daß von den Damen Gutes spricht ein Schreiber.

Zwar lobt er stets das Leben heil’ger Weiber,

Doch andre Frauen preist er nimmermehr!

Doch, wer malt uns den Löwen? – Sagt mir, wer?

Bei Gott! wenn Weiber schrieben die Historien,

Wie Schreiber thun in ihren Oratorien,

So wären Schlechtigkeiten auszukramen

Von Männern, die der ganze Adamssamen

Nie büßen kann! – Die Kinder von Merkur

Und Venus sind verschiedener Natur.

Weisheit und Wissen der Merkur uns giebt

Und Saus und Braus ist’s, was die Venus liebt;

Und weil sie so verschieden disponirt,

Fällt einer, wenn der andre exaltirt.

So ist – Gott weiß! – Merkur stets desolat,

Ist in den Fischen Venus exaltat,

Und Venus fällt, sobald Merkur ist oben;

Drum kann ein Schreiber nie ein Weibsbild loben!

Und wird er altersschwach und werthlos zu

Dem Dienst der Venus, wie ein alter Schuh,

Setzt er sich nieder und schreibt Faseleien,

Daß niemals treu die Ehefrauen seien.

Doch nun zum Zweck! – Pardi! ich wollte sagen,

Weßhalb ich wegen jenes Buchs geschlagen.

Aus diesem Buch zur Abendzeit einst las

Mein Gatte Hans, als er am Feuer saß:

Zuerst von Eva, deren Schlechtigkeit

Das Menschenvolk in Elend stieß und Leid,

Bis Gottes Gnade wieder uns erschloß

Das Herzblut, welches Jesus Christ vergoß.

– Seht! hier wird von dem Weibe man gewahr,

Daß sie Verderberin der Menschheit war! –

Er las, wie Simson erst sein Haar verlor,

Und dann die Augen, weil ihn kahl einst schor

Im Schlaf sein Kebsweib, die Verrätherin,

Und, ungelogen, las er späterhin

Wie Herkules den Tod durch das Gewand

Der Dejanira durch Verbrennen fand.

Auch nichts vergaß er von dem Leid und Wehe

Des Sokrates in seiner Doppelehe:

Wie ihm Xantippe ausleert übern Kopf

Das Nachtgeschirr und mausestill der Tropf,

Den Kopf sich wischend, nichts aus Angst entgegnet,

Als: »Schweigt der Donner, weiß man, daß es regnet!«

Auch von Pasiphae aus Kreta las er.

– An der Geschichte fand gar vielen Spaß er –

Doch, pfui! – Nichts mehr davon! Es ist zu gräulich;

Denn ihre Lust und Neigung war abscheulich!

Wie Klytemnestras liederliches Leben

Zum Tod des Gatten Anlaß hat gegeben,

Las er mir auch mit großer Salbung vor;

Und er erzählte, wie vor Thebens Thor

Amphioraus jäh sein Ende fand;

Und eine Sage war ihm auch bekannt,

Die eigne Gattin, Eriphyle, hätte

Den Griechen ihres Mannes Zufluchtsstätte

Für eine Unze Goldes offenbart;

Wodurch vor Theben böser Dank ihm ward.

Von Luna und Lucilia führt’ er an,

Getödtet hätte jede ihren Mann;

Wobei dort Haß, hier Liebe war im Spiel.

Denn, während Luna, der ihr Mann mißfiel,

Ihn eines Abends spät vergiftet hatte,

Gefiel Lucilien allzusehr ihr Gatte,

Und lüstern, daß er immer an sie denke,

Gab sie ihm solche starke Liebestränke,

Daß er verschieden war am frühen Morgen.

– So hatten Männer immer ihre Sorgen! –

Auch von Latumeus hat er mir gesagt,

Er hätte Arius, seinem Freund, geklagt,

In seinem Garten sei ein Baum zu schauen,

An welchem sich schon drei von seinen Frauen

Erhängt aus lauter Aerger und Verdruß.

»Ach, lieber Bruder!« – sprach drauf Arius –

»Erlaube mir, ein Propfreis abzulegen,

Denn solchen Baum möcht’ ich gern selber pflegen!«

Er las, es hätten auch in spätern Tagen

Im Bette Weiber ihre Herr’n erschlagen,

Die blut’gen Leichen auf die Flur gestreckt

Und mit den Buhlen in der Nacht g…….

Auch Nägel hätten ins Gehirn gehauen

Im Schlaf den Männern manchmal ihre Frauen,

Auch manchmal sie vergiftet mit Getränken.

Er sprach mehr Harm, als sich das Herz kann denken!

Und dabei wußt’ er viel mehr weise Sprüche,

Als jemals Kräuter wuchsen für die Küche.

»Du hältst weit besser« – sprach er – »es im Haus

Mit einem Löwen oder Drachen aus,

Als einem zänkischen und bösen Weibe!«

»Im Winkel lieber unterm Dache bleibe,

Als mit der Zänkerin« – sprach er – »im Zimmer;

Denn widerspenstig ist ein Weibsbild immer,

Und dem, was ihrem Mann gefällt, stets gram!«

»Von sich« – so sprach er – »wirft ein Weib die Scham

Mit ihrem Unterrock.« – »Und eine Frau,

Die schön und zuchtlos ist, gleicht einer Sau,

Die einen Goldreif in der Nase trägt.«

Wer faßt den Ingrimm, welchen ich gehegt?

Wer faßt die Wuth, die ich im Herzen trug?!

Als eines Nachts in dem verfluchten Buch

Sein Lesen wiederum kein Ende fand,

Riß ich ihm rasch drei Blätter aus dem Band,

Worin er las, und mit der Faust zugleich

Gab ich ihm solchen derben Backenstreich,

Daß überwärts er hinschlug in das Feuer.

Empor voll Wuth sprang wie ein wilder Leu er,

Und mit der Faust gab er mir einen Schlag,

Daß ich, wie leblos, gleich am Boden lag.

Und als er sah, wie still und steif ich schien,

Da ward er blaß und dachte zu entfliehn.

Doch aus der Ohnmacht wieder wach geworden,

Fuhr ich ihn an: »O, Dieb! willst Du mich morden?

Willst Du mich tödten, um mein Gut zu erben?

Komm’ küsse mich und lasse dann mich sterben!«

Und näher kam er und sank auf die Knie’

Und sprach: »O, bestes Alisönchen, nie

Schlag’ ich Dich wieder! Schenke Gott mir Huld!

Und that ich’s jetzt, so war es Deine Schuld!

Ich bitte Dich, vergiß es und vergieb!«

Doch ich gab ihm noch manchen Backenhieb

Und sagte: »Dieb! ich will es an Dir rächen!

Jetzt will ich sterben und kein Wort mehr sprechen!«

Jedoch zuletzt nach manchem Weh und Leide

Versöhnten und vertrugen wir uns Beide.

Er gab die Zügel mir in meine Hand

Und die Regierung über Haus und Land,

Und Hand und Zunge hielt ich ihm in Steuer,

Und auch sein Buch schmiß er für mich ins Feuer.

Nachdem die Leitung und die Meisterschaft

In dieser Art ich mir zurückgeschafft

Und: »Liebes Weibchen!« – er zu mir gesagt –

»Thu’ lebenslang allein, was dir behagt,

Bewahr’ Du Ehre mir und Gut und Haus!«

Seit jenem Tag war alles Zanken aus.

So gut und treu war, wie auf Gott ich bau’!

Von Dänemark bis Indien keine Frau,

Wie ich für ihn, und er that es mir gleich.

Und daher bitt’ ich Gott im Himmelreich,

Er gehe gnädig mit ihm zu Gerichte! –

»Nun hört mir zu! – Jetzt komm’ ich zur Geschichte!«

Der Bettelmönch bei diesen Worten lachte

Und sprach: »Madam, nach langem Paßgang brachte

Uns der Prolog jetzt ganz zu paß ans Ziel!«

Der Büttel, dem des Bruders Spaß mißfiel,

Rief aus: »Seht an! bei Gott und seinen Engeln!

Ein Bettelmönch muß Alles doch bemängeln!

Ja, wie die Fliegen fällt ein Bettelbruder

Auch allsofort auf jedes Fleisch und Luder!

Was hat mit Paßgang alles Dies zu thun?

Ob Paß, ob Trab, laß es in Frieden ruhn

Und gönn’ uns an der Sache das Vergnügen!«

»Herr Büttel!« – sprach der Bruder – »ohne Lügen!

Gefällt es Euch, so will ich gern berichten

Von einem Büttel zwei bis drei Geschichten,

Bevor ich geh’, und sicher lacht man tüchtig!«

»Verwünschen möchte, Bruder, Dein Gesicht ich!«

– So sprach der Büttel – »und mich selbst daneben,

Wüßt’ ich nicht auch zwei bis drei Schnurren eben

Von Bettelmönchen! Jammern sollst Du, ehe

Nach Sidenborn wir kommen, denn ich sehe,

Daß alle Fassung Du verloren hast!«

»Das Streiten« – rief der Gastwirth – »unterlaßt!

Die Frau erzählt, und ihren Worten lauscht Ihr!

Betragt Euch nicht, als wär’t in Bier berauscht Ihr!

Erzählt, Madam! – So ist’s am Besten, glaubt!«

»Recht gern, mein Herr,« – sprach sie – »sofern erlaubt

Mir dieser würd’ge Bruder nur das Wort.«

»Madam,« – sprach er – »ich höre! Fahret fort!«

Die Erzählung des Weibes von Bath.

Vers 9005–9412.

In Königs Artus längstvergangner Zeit,

Die jeder Britte rühmt und preist, war weit

Und breit das ganze Land gefüllt mit Fee’n.

Man sah im Tanz sich mit Gespielen drehn

Die Elfenkönigin auf grünem Gras.

– So war die alte Meinung, wie ich las. –

Schon viele hundert Jahre sind es her,

Und Elfen giebt es heut’ zu Tag nicht mehr.

Das macht das Beten und die Frömmigkeit

Der vielen Bettelmönche, die zur Zeit

Durchstreifen jedes Flußgebiet und Thal,

So dick wie Mücken in dem Sonnenstrahl,

Einsegnend Hallen, Kammern, Küchen, Ställe

Und Städte, Burgen, Schlösser und Kastelle,

Milchstuben, Häuser, Dörfer, Scheunen, Zimmer;

Das scheuchte fort von uns die Fee’n auf immer.

Wo früher einen Kobold man gesehn,

Da pflegt anjetzt ein Bettelmönch zu gehn,

Und streift durch die Limitation vom Kloster,

Sein Ave betend und sein Paternoster,

Am späten Abend und am frühen Morgen.

Die Weiber gehen ohne Furcht und Sorgen

Bei jedem Busch und Baume jetzt einher.

Da ist kein andrer Incubus wie er,

Und der wird ihnen keinen Schimpf anthun.

An König Arthurs Hofe lebte nun

Ein lust’ger Junggesell; und es geschah,

Daß er ein Mädchen einsam wandeln sah,

Die, als er von der Reiherbeize ritt,

Desselben Weges grade vor ihm schritt;

Und er beraubte durch Gewalt und Kraft

Sie wieder Willen ihrer Jungfernschaft.

Vor König Artus viel Geschrei entstand,

Ob der Gewaltthat, und zu Recht erkannt

Ward gegen diesen Rittersmann auf Tod

Durch Kopfverlust, wie das Gesetz gebot,

Und es enthalten war in den Statuten.

Die Königin und andre Damen ruhten

Indessen nicht, den König anzuflehn,

Bis dieser Gnade ließ für Recht ergehn,

Um die Entscheidung über Tod und Leben

Der Königin auf Wunsch anheim zu geben.

Es dankte herzlich ihm die Königin.

Zum Ritter aber sagte späterhin

Sie bei Gelegenheit an einem Tage:

»Es schwebt« – sprach sie – »in ungewisser Lage

Noch stets Dein Leben. – Doch ich schenk’ es Dir,

Giebst Antwort Du auf meine Frage mir:

Was ist es, das zumeist ein Weib begehrt?

Bewahre Deinen Nacken vor dem Schwert!

Und kannst Du mir sofort nicht Rede stehn,

Magst auf ein Jahr und einen Tag Du gehn

Und suchen, bis Du aufgefunden hast,

Was sich als Antwort auf die Frage paßt.

Doch, eh’ Du fortziehst, stelle Bürgschaft mir,

Daß Du erscheinst persönlich wieder hier.«

Weh war dem Ritter, und er seufzte schwer.

Was half’s? – Für ihn gab’s freie Wahl nicht mehr,

Und endlich war er zu der Fahrt entschlossen,

Um heimzukehren, wenn ein Jahr verflossen,

Mit solcher Antwort, wie ihm Gott verliehn;

Drum nahm er Abschied, um dann fortzuziehn.

Und jedes Haus durchsucht er, jeden Ort,

Auf Lösung hoffend für das Fragewort:

Was ist es, das zumeist ein Weib begehrt?

Indeß umsonst! Er wurde nicht belehrt:

In dieser Sache stimmten insgemein

Zwei Creaturen niemals überein.

Die sagten: Reichthum liebt zumeist das Weib;

Die sagten: Ehre; jene: Zeitvertreib;

Die sagten: Putz; die: Liebesleckerei’n,

Und Wittwe werden und von Neuem frein.

Am meisten uns gefiele – sprachen diese –

Wenn man uns weidlich schmeichelte und priese.

– Sie sind der Wahrheit nah’; nicht sag’ ich nein;

Zumeist gewinnt man uns durch Schmeichelei’n;

Durch Artigkeit und Höflichkeit lockt Alle

Mehr oder weniger man in die Falle. –

Und jene sagten: unser Hauptbegehren

Sei, daß wir frei im Thun und Handeln wären,

Daß man nicht über unsre Laster tobe

Und uns als weise stets und treu belobe.

Denn keine von uns Allen bleibt gelassen,

Will ihr ein Mann den wunden Fleck befassen;

Sie schlägt und stößt, spricht er sie nicht zu gut.

– Versucht es selbst, dann wißt Ihr, wie es thut! –

Denn mögen noch so lasterhaft wir sein,

Gern gelten wir für klug und sündenrein.

Und Andre sagten: uns zumeist erfreute,

Hielten für fest und standhaft uns die Leute,

Und für verschwiegen und für zuverlässig,

In dem, was mitgetheilt uns sei. – Indeß ich

Erachte keinen Besenstiel das werth.

Pardi: kein Weib kann schweigen! – Dieses lehrt

Uns Midas schon. – Soll ich von ihm berichten?

Wohlan! – In seinen kleineren Geschichten

Erzählt Ovid: daß unter langen Haaren

An Midas Kopf zwei Eselsohren waren,

Die er, so gut es eben ging, versteckte,

So daß man sein Gebrechen nie entdeckte.

Nur seiner Frau war es allein bekannt,

Weil er’s aus Liebe dieser eingestand.

Indeß er bat sie, Keinem auf der Welt

Je zu verrathen, er sei so entstellt.

Und sie beschwor, daß für kein Gut der Erde

Die böse Sünde sie begehen werde,

So schlechten Namen ihrem Mann zu machen.

Die eigne Scham gebiete von den Sachen

Zu schweigen schon. – Doch quälte sie es arg

Bis auf den Tod, was heimlich sie verbarg;

Und schwer lag’s auf dem Herzen ihr beständig,

Und davon sprechen mußte sie nothwendig.

Vertrauen durfte sie es keinem Andern,

Drum dachte sie zum nahen Sumpf zu wandern.

Sie läuft, kommt an; es pocht ihr Herz und trommelt;

Und wie die Dommel, die im Rohre dommelt,

Legt an das Wasser sie den Mund und spricht:

»Nun hör’ mich Wasser, doch verrath’ es nicht,

Denn zur Vertrauten hab’ ich Dich erkoren:

Es hat mein Mann – zwei lange Eselsohren!

Nun ist’s heraus! – Jetzt ist mein Herz gesund!

Nicht länger halten konnt’ ich meinen Mund!«

Hier könnt Ihr sehn, wir schweigen eine Zeit,

Doch dann heraus muß unsre Heimlichkeit.

Wer wissen will, wie es zu Ende geht,

Der les’ Ovid, wo es geschrieben steht.

Als nun der Ritter, von dem mein Bericht

Besonders handelt, sah, er könne nicht

Ergründen, was ein Weib zumeist begehr’,

Trat er, im Kopf und Herzen sorgenschwer,

Den Rückweg an. Nicht länger durft’ er weilen,

Der Tag war da, und heimwärts mußt’ er eilen.

Und es geschah, als er auf seinem Wege

Bekümmert hinritt durch ein Waldgehege,

Daß er an Frauen mehr als vierundzwanzig

Dort miteinander schlingen sah im Tanz sich.

Rasch sprengt’ er zu dem Platze, wo sie waren,

In Hoffnung etwas Weises zu erfahren;

Doch sicher ist, kaum war er völlig da,

War schon der Tanz verschwunden – und er sah

Kein lebend Wesen, keine Creatur.

Ein altes Weib saß auf dem Rasen nur,

Solch’ faul Geschöpf, wie Niemand denken kann.

Das Weib erhob sich und zum Rittersmann

Sprach sie: »Hier ist kein Weg! – Doch saget mir

Auf Treu’ und Glauben, wonach suchet Ihr?

Wer weiß? Gebrauch noch könnt Ihr davon machen,

Wir alten Leute wissen manche Sachen!«

»Lieb Mütterchen,« – der Ritter sprach – »mein Leben

Hab’ ich verwirkt, weiß ich nicht anzugeben,

Nach welchem Ding zumeist ein Weib begehrt?

Wenn Du mir’s sagst, belohn’ ich Dich nach Werth!«

»Versprecht Ihr mir auf Handschlag und auf Ehre«

– Sprach sie – »das erste Ding, das ich begehre,

Sofort zu thun, steht es in Eurer Macht,

So sollt Ihr’s wissen, noch bevor es Nacht!«

»Hier!« – schrie der Ritter – »hast Du Pfand und Eid!«

»Dann« – sprach das Weib – »bist Du in Sicherheit

Für Deinen Kopf. – Nicht rühmen will ich mich,

Doch sicher spricht die Königin wie ich.

Wer von den Stolzen, die den Schleier tragen,

Die in der Haube gehn, wagt nein zu sagen

Zu dem, was ich Dich lehre? Laßt mich sehn!

Doch nun genug – und fürbaß laßt uns gehn!«

Dann raunte sie ihm etwas in die Ohren;

»Frisch auf!« – sprach sie – »und nicht den Muth verloren!«

Und angelangt bei Hof der Ritter sprach:

Er käme pünktlich der Verpflichtung nach,

Und auf die Antwort sei er vorbereitet.

Von edlen Frau’n und Fräulein rings begleitet

Und klugen Wittwen, stieg die Königin

Auf ihren Thron, damit als Richterin

Sie höre, was der Frage Antwort sei.

Und dann rief man den Rittersmann herbei.

Das tiefste Schweigen ließ sie rings befehlen

Und hieß sodann den Ritter, zu erzählen,

Wonach zumeist ein weltlich Weib begehr’?

Nicht wie ein Rindvieh stumm und dumm stand er,

Nein! sprach mit männlich lauter Stimme klar,

Daß es dem ganzen Hof vernehmlich war:

»Erhabne Dame! Königin voll Ehren!

Zu herrschen ist des Weibes Hauptbegehren!

Die Gatten und Geliebten zu regieren

Und über sie das Regiment zu führen,

Ist Euer höchster Wunsch! – Hier ist mein Haupt!

Schlagt mir’s vom Rumpfe, wenn Ihr mir nicht glaubt!«

Am ganzen Hofe keine Dame wagte

Das zu bestreiten, was der Ritter sagte,

Und werth des Lebens er jedweder galt.

Rasch sprang das alte Weib, das er im Wald

Im Rasen sitzen sah, empor und schrie:

»Ach, Gnade, hohe Königin! Verzieh’

Mit Deinem Hof; auch mir sei Recht gewährt!

Die Antwort hab’ dem Ritter ich gelehrt!

Und er versprach auf Handschlag mir und Ehre,

Das erste Ding, was ich von ihm begehre,

Sofort zu thun, ständ’ es in seiner Macht,

Und mein Gesuch sei hiermit vorgebracht:

Mein Wunsch, Herr Ritter ist, daß Du mich frei’st!

Ich rettete Dein Leben, wie Du weißt,

Und sprech’ ich falsch, so sag’ auf Ehre: Nein!«

»O weh!« – begann der Rittersmann zu schrein –

»Zu wohl bekannt ist mir mein Wort und Eid!

Doch Andres fordre aus Barmherzigkeit!

Nimm all mein Gut, den Körper laß in Nuh’!«

»Nein!« – sprach das Weib – »verwünscht sei ich und Du!

Ob alt, ob faul, ob arm, verschmäh’ ich alle

Schätze der Welt und edele Metalle,

Die auf der Erde sind und in der Erde,

Wenn nicht Dein Weib ich und Dein Schatz ich werde!«

»Mein Schatz!?« – rief er – »Mein Untergang vielmehr!

Ward unter allen Leuten irgend wer

Je in so fauler Art wie ich geschändet!?«

Es half ihm nichts. Die Sache war beendet.

Man zwang ihn, dieses alte Weib zu frein,

Und in das Bett stieg er zu ihr hinein.

Vielleicht giebt’s Manchen, der sich arg beschwert

Und spricht: ich halt’ es nicht der Mühe werth,

Daß ich vom Jubel und der Pracht am Tage

Der Hochzeit etwas Näheres besage.

Doch mit der Antwort bin zur Hand ich gleich.

Gewiß an Jubel war das Fest nicht reich.

Nichts gab es als Bekümmerniß und Sorgen.

Still hielt er seine Hochzeit früh am Morgen,

Und blieb, von ihrer Häßlichkeit erschreckt,

Tagsüber wie die Eule stets versteckt;

Und großes Weh in seiner Brust sich regte,

Als man ins Bett zu seiner Frau ihn legte.

Er wandte, wälzte sich vor Ungemach.

Das alte Weib sah lächelnd zu und sprach:

»Mein lieber Gatte, benedicite!

Nimmt so sein Weib ein Rittersmann zur Eh’?

Sind das des Königs Artus Hausgesetze,

Daß jeder Ritter so sein Weib ergötze?

Ich bin Dein Liebchen, bin Dein eigen Weib!

Ich bin’s, der Leben Du verdankst und Leib.

Nie hab’ an Dir ein Unrecht ich vollbracht.

Warum beträgst Du in der ersten Nacht

Dich nur, als ob Verstand und Sinn Dir fehle?

Du lieber Gott! was that ich Dir? – Erzähle!

Wenn ich’s vermag, soll’s bald geändert sein!«

»Geändert?« – rief der Ritter – »Ach! nein, nein!

Das ändert sich wahrhaftig nicht so bald!

Du bist so häßlich und Du bist so alt,

Du bist von Stamm und Abkunft so gemein!

Daß ich mich wälze, kann kein Wunder sein.

Ach! gäbe Gott, es bräche mir das Herz!«

»Ist das« – frug sie – »der Grund von Deinem Schmerz?«

»Gewiß!« – sprach er – »scheint Dir das wunderbar?«

»Nun, Herr!« – sprach sie – »das ändert sich fürwahr,

Wenn mir’s gefällt in wen’ger als drei Tagen;

Und mehr geziemlich magst Du Dich betragen!

Denn meinst Du, daß der Adel nur beruht

Auf altem Reichthum und ererbtem Gut,

Und man Euch deßhalb Edelleute nenne?

Die Arroganz ist werth nicht eine Henne!

Siehst Du den Mann, der, immer tugendhaft,

Gesehn und ungesehn mit aller Kraft

Das Edle sucht und thut, soviel er kann,

Dann siehst Du auch den größten Edelmann!

Den ächten Adel kann nur Christ allein,

Nicht Reichthum und nicht Ahnenzahl verleihn.

Erwerben wir ihr Gut auch insgesammt

Und rühmen uns, daß wir so hoch entstammt,

So können sie mit allen ihren Sachen

Uns ihre Tugend dennoch nicht vermachen.

Sie hießen uns befolgen ihr Exempel,

Und nur, wer das thut, trägt des Adels Stempel.«

Es spricht der weise Dichter von Florenz,

Der Dante hieß, gar schön von der Sentenz,

Wie diese Reime, die er schrieb, Euch zeigen:

»Gar selten nur verjüngt sich in den Zweigen

Des Mannes Biederkeit. – Sie wird verliehn

Nach Gottes Willen und allein durch Ihn!«

Von unsern Vätern läßt sich nichts erwerben

Als Erdengüter, welche bald verderben.

Wie ich, weiß Jeder, pflanzte Adel nur

In einzelnen Familien von Natur

Sich von Geschlechtern zu Geschlechtern fort,

So thäten auch die Enkel, auf mein Wort!

Gesehn und ungesehn, des Adels Pflicht,

Indessen Schlechtigkeit und Böses nicht.

Wenn in das dunkelste der Häuser ihr

Zwischen dem Berge Kaukasus und hier

Ein Feuer tragt, die Thür schließt und geht fort,

So brennt das Feuer ebenmäßig dort,

Wie es vor zwanzigtausend Menschen brennt,

Nach innerster Natur vom Element,

Bei meinem Leib und Leben, bis es stirbt!

Hieraus erhellt, daß nicht Besitz erwirbt

Den Adel uns, denn, wie man leicht gewahrt,

Thut ihre Schuldigkeit die Menschenart

Nicht immer, wie das Feuer von Natur.

Man sieht, Gott weiß es, allzuhäufig nur,

Daß Herrensöhne Lastern sich ergeben.

Drum, wer auf Adel Anspruch will erheben,

Weil er aus einem edlen Hause kam,

Und tugendhaft sich jeder Ahn’ benahm,

Jedennoch denen, die im Grabe ruhn,

Nicht folgt und, statt, was edel ist, zu thun,

In Lastern lebt, der ist bei allem Prunke,

Ob Fürst, ob Graf, statt Edelmann – Hallunke!

Den Adelstitel, der darauf beruht,

Daß unsre Ahnen tugendhaft und gut

Gewesen sind, giebt blindes Ungefähr;

Indeß von Gott stammt alles Edle her,

Und wahrer Adel kommt aus seiner Hand

Ganz unabhängig von Geburt und Stand.

»Erinnert Euch! Es sagt Valerius:

Aus Armuth stieg Tullus Hostilius

Durch edles Thun empor zu höchsten Ehren!

Boetius kann und Seneka Euch lehren,

So klar, daß jeder Zweifel drüber ruht:

Nur der ist edel, welcher Edles thut.

Und deßhalb, lieber Gatte, schließ’ ich so:

Bin ich von Abkunft noch so rauh und roh,

Erlaubt mir dennoch, hoff’ ich, Gottes Gnade,

Mich zu erhalten auf dem Tugendpfade;

Und wenn stets fleckenrein und ohne Tadel

Mein Leben ist, so bin ich auch von Adel.

Was treibst Du über meine Armuth Spott?

Nahm nicht freiwillig unser Herr und Gott,

An den wir glauben, Armuth über sich?

Und daß kein schandbar Leben, sicherlich,

Der Himmelskönig Jesus sich ersehn,

Kann Mann und Weib und Jungfrau klar verstehn.

Wer froh die Armuth trägt, trägt sie mit Ehren,

Wie Seneka und andre Weise lehren.

Schilt man den Armen für geplagt, gequält,

Mir gilt er reich, wenn auch das Hemd ihm fehlt.

Ein armer Wicht ist, wer, von Neid geplagt,

Nach dem gelüstet, was ihm Gott versagt.

Doch, wer nichts hat und nichts begehrt – obgleich

Man ihn den ärmsten Schlucker nennt – ist reich!

Denn wahrhaft arm macht nur der Sünde Qual!

Gar lustig schreibt von Armuth Juvenal:

Es singt ein Armer sorgenlos sein Lied,

Wenn unter Dieben seines Wegs er zieht.

Die Armuth ist ein hassenswerthes Gut,

Jedoch für den, der mit Geduld und Muth

Sie zu ertragen weiß, ein Gramentleerer,

Ein Sorgenbrecher und ein Weisheitsmehrer.

Die Armuth ist – so wunderlich es klingt –

Das einz’ge Gut, um das uns Niemand bringt.

Es macht den Menschen oft der Armuth Stand

Erst mit sich selbst und seinem Gott bekannt.

Die Armuth kann man eine Brille nennen,

Durch welche wir den wahren Freund erkennen.

Nun, Herr! hab’ ich nicht gegen Dich gefehlt,

So laß auch meine Armuth ungeschmält!

Und schimpfst Du alt mich, lieber Herr, so steht

– Ermangelt mir auch Buchautorität –

Es außer Zweifel, edle Herr’n begehren,

Von uns gar oft, daß einen Greis wir ehren,

Und Vater nennen nach des Adels Brauch.

Und Schriftbelege, denk’ ich, fänd’ ich auch.

Bin alt und faul ich, kann Dich nimmer drücken

Die Furcht, daß Hörner Deine Stirne schmücken.

Denn Schmutz und Alter sind – auf Seligkeit!

Die besten Hüter unsrer Züchtigkeit.

Indessen, da mir Dein Geschmack bewußt,

Will ich befried’gen Deine Sinnenlust.«

»Nun wähle« – sprach sie – »zwischen diesen Zwei’n:

Soll faul und alt ich bis zum Tode sein,

Jedoch als Weib Dir so getreu ergeben,

Daß Du mit mir nie mißvergnügt im Leben;

Oder willst Du mich lieber schön und jung,

Auf die Gefahr hin, daß Bewunderung

Für mich im Hause oder anderswo

Mit Zulauf und Umlagrung Dich bedroh’?

Nun wähle selbst nach eignem Wunsch und Willen!«

Der Ritter überlegte sich’s im Stillen

Mit manchem Seufzer, und dann sprach er laut:

»Verehrte Dame, vielgeliebte Braut!

Ich will mich Deiner weisen Leitung fügen!

Entscheide selber, was zumeist Vergnügen

Und was am ehrenvollsten für uns sei?

Dies oder das, mir gilt es einerlei,

Was Dir gefällt, ist auch nach meinem Sinn!«

»Nun, Herr!« – sprach sie – »dann bin ich Meisterin,

Wenn nach Gefallen Dich regier’ und lenk’ ich!«

»Fürwahr« – sprach er – »so ist’s am besten, denk’ ich.«

»Dann küsse mich« – rief sie – »wir sind vereint!

Ich will Dir Beides sein! und das bemeint:

Sowohl ein schönes, wie ein gutes Weib!

Und strafe Gott an Seele mich und Leib,

Wenn ich nicht so getreu und gut Dir bin,

Wie je ein Weib war seit der Welt Beginn;

Und schöner wirst Du mich am Morgen schauen,

Als Kaiserinnen, Königinnen, Frauen

Es je von Osten bis zum West gegeben!

Dir unterthan bin ich auf Tod und Leben!

Den Vorhang lüfte und dann – sieh’ mich an!«

Und als in Wahrheit drauf der Rittersmann

Sie also schön und also jung erblickte,

Er freudig mit den Armen sie umstrickte;

Es schwamm sein Herz in seligen Genüssen,

Und tausendmal bedeckt’ er sie mit Küssen.

Sie war gehorsam und that jedes Ding,

Was er begehrte, stets auf Wort und Wink.

So lebten Beide fröhlich bis ans Ende.

Solch junge, sanfte, frische Männer sende

Uns Allen, Jesus Christus! und daneben

Gewähre gnädig, sie zu überleben!

Indeß das Leben kürze, Jesus Christ!

Dem Manne, der uns nicht gehorsam ist!

Und wenn er zornig, geizig ist und alt,

So schicke Gott die Pestilenz ihm bald!

Der Prolog des Bettelmönches.

Vers 9413–9449.

Der würd’ge Bettelmönch und Klostermann

Sah stets verbissen noch den Büttel an,

Obschon so vielen Anstand er bewies,

Daß er bislang zu schimpfen unterließ;

Jedoch zu guterletzt das Wort er nahm

Und sprach zum Weibe: »Schütz’ Euch Gott! Madam!

Ihr rührtet hier – auf Ehr’ und Seligkeit! –

An Schulmaterien voller Schwierigkeit!

Zwar spracht Ihr schön – das will ich nicht bestreiten –

Indeß, Madam, um Scherz zu treiben, reiten

Wir miteinander hier auf unserm Wege;

In Gottes Namen! laßt die Schriftbelege

Den Priesterschulen und dem Predigtamt.

Doch seid Ihr einverstanden allesammt,

Erzähl’ ich einen Schwank von einem Büttel!

Pardi! ersehen könnt Ihr aus dem Titel,

Daß es gewiß nichts Gutes ist, und drum

Nehm’ es mir keiner von Euch – bitt’ ich – krumm.

Ein Büttel nämlich trägt von Haus zu Haus

Die Strafmandate an die Hurer aus

Und kriegt an jeder Straßenecke Prügel!«

»Ei!« – rief der Wirth – »halt doch in Zaum und Zügel

Dein Maulwerk und bedenke, wer Du bist!

Wir wollen in Gesellschaft keinen Zwist!

Fahr’ fort! jedoch vom Büttel schweige still!«

»Nein!« – sprach der Büttel – »laßt ihn, was er will,

Von mir erzählen! Jeden Deut – das glaubt! –

Zahl’ ich ihm heim, wird mir das Wort erlaubt.

Dann sprech’ ich von dem ehrenwerthen Stande

Der schmeichlerischen Bettelbrüderbande

Und ihrem lasterhaften Thun und Treiben,

Was vor der Hand noch unerwähnt mag bleiben;

Denn sein Geschäft kommt später noch zur Sprache.«

»Still!« – rief der Wirth – »Nichts mehr von dieser Sache!«

Und wandte sich zum Bruder mit dem Wort:

»Mein lieber Meister, fahrt im Texte fort.«

Die Erzählung des Bettelmönches.

Vers 9449–9812.

Es lebte früherhin bei mir zu Land

Ein Erzdekan, ein Mann von hohem Stand

Und größter Strenge gegen Hurerei

Und Zauberkünste, sowie Kuppelei;

Auch unterstanden seinem Urtheilsspruch

Die Schändungsfälle, wie der Ehebruch;

Die Kirchenräthe, wie die Testamente

Und die Versäumniß heil’ger Sacramente

Und Wucher, Simonie und Eh’contracte.

Doch Hurenjäger er am schlimmsten zwackte;

Die mußten brennen; und es büßte theuer,

Wer geizen wollte mit der Kirchensteuer;

Da, wenn der Pfarrer sich darob beschwerte,

Das Strafgeld ohne Gnade sich vermehrte;

Und, war der Zehnte und das Opfer klein,

Schrob er den Sünder dafür ungemein;

Denn, eh’ der Bischof seinen Krummstab schwang,

Stand er im Buch des Erzdekans schon lang;

Als der Vollstrecker der Gerichtsbarkeit

Hatt’ er zu strafen Machtvollkommenheit.

Es ging ein Büttel ihm dabei zu Hand,

Der größte Schlaukopf in ganz Engeland,

Der durch Geschick und List im Spioniren

Alles erfuhr, wobei zu profitiren.

Durch Schonung eines oder zweier Hurer

Kam oftmals zwanzig andern auf die Spur er.

– Mag sich auch drüber faseltoll gebärden

Der Büttel hier; nichts soll geschenkt ihm werden! –

Von ihrer Correction sind wir befreit;

Wir unterstehen der Gerichtsbarkeit

Von ihnen nicht, und werden es auch nimmer!

»Ja, Peter! grade wie die Frauenzimmer

In den Bordellen!« – fiel der Büttel ein.

»Still! mit den widerwärt’gen Stänkerei’n!«

– Rief unser Wirth – »Erzähle, was geschehn;

Mag auch der Büttel Dir dazwischen krähn,

Mein liebster Meister, spare drum kein Wort!«

Der Dieb und Büttel – fuhr der Bruder fort –

Hielt alle Kuppler so in seiner Hand,

Wie man Lockfalken hält in Engeland.

Sie machten jede Heimlichkeit ihm kund,

Denn nicht von gestern war ihr Freundschaftsbund.

Sie waren die vertrauten Hinterbringer,

Und sein Profit war darum kein geringer.

Sein Meister wußte nicht, was er gewann.

Bei Christi Fluch lud den gemeinen Mann

Vor das Gericht er ohne Citation,

Und der war froh, kam er mit Geld davon,

Und gab im Bierhaus dafür ihm zu saufen.

Recht wie ein Judas ließ er sich erkaufen,

Und war ein Dieb, ein rechter Dieb wie er!

Von den Gebühren sah sein Herr nicht mehr

Als kaum die Hälfte; denn er war und blieb

– Soll ich ihn loben – Büttel, Kuppler, Dieb!

Er forschte von den Gassendirnen aus,

Ob Peter, Konrad, Robert oder Klaus

– Wer’s immer war – bei ihnen schlief die Nacht;

Ihm ward stets Alles heimlich hinterbracht.

Sie spielten mit ihm unter einer Decke.

Durch ein Mandat, von ihm zu diesem Zwecke

Gefälscht, lud vors Capitel er die Zwei,

Pflückte den Mann und lies die Dirne frei;

Und sprach: »Mein Freund! wir wollen uns vergleichen,

Ich will Dich aus dem schwarzen Buche streichen;

Für diesesmal magst Du noch ruhig sein.

Ich bin Dein Freund und will Dir Beistand leihn!«

So ließ er sich in jeder Art bestechen;

Man könnte jahrelang darüber sprechen.

Es spürte besser in der Welt kein Hund,

Ob unverletzt das Wild sei oder wund,

Als dieser Büttel jeden Wollüstling

Und Ehebrecher witterte und fing.

Denn da er hierdurch sich sein Brod gewann,

So ging er auch mit allem Eifer dran.

Als eines Tages dieser Büttel ritt,

Nach Beute spähend, über Land, damit

Von einer Wittib, einer alten Trätsche,

Durch falsche Drohung etwas er erquetsche,

Geschah es, daß am grünen Waldesrand

Er einen schmucken Reiter vor sich fand,

Im grünen Wams mit Pfeilen dicht besteckt

Für seinen Bogen, und den Kopf bedeckt

Mit einem schwarzbesetzten Tressenhut.

»Heil!« – rief der Büttel – »Herr! das trifft sich gut!«

»Willkommen mir, wie alle braven Leute!«

– Der Reiter sprach – »Geht Deine Reise heute

Noch weit in diesen grünen Wald hinein?«

Und ihm erwidernd, sprach der Büttel: »Nein!

Nicht gar so weit. Ich bin dem Ziel nicht fern.

Ich habe nahebei für meinen Herrn

Nur eine fäll’ge Rente zu erheben.«

»So bist ein Vogt Du?« – »Ja, das bin ich eben«

– Sprach jener; denn er schämte sich zu sehr

Einzugestehn, daß er ein Büttel wär’. –

»Pardieu! mein lieber Bruder,« – sprach der Reiter –

»Du bist ein Vogt, und, sieh’, ich bin ein zweiter;

Ich bin in diesem Lande nicht zu Haus,

Und drum bitt’ ich mir Deine Freundschaft aus

Und Deine Bruderschaft, wenn’s Dir gefällt.

Mein Kasten steckt voll Gold und Silbergeld;

Und führt zu meinem Lande Dich Dein Loos,

Ist Alles Dein! – Du hast zu wünschen bloß!«

»Grand merci!« – sprach der Büttel – »auf mein Wort!«

Und Hand in Hand beschworen sie sofort,

Sich bis zum Tod als Brüder zu betrachten,

Und ritten weiter, trieben Scherz und lachten.

Der Büttel stak so voller Schwätzerei,

Wie jene gift’gen Würger voll Geschrei,

Und Alles, was er konnte, forscht’ er aus.

»Mein Bruder!« – sprach er – »sag’, wo liegt Dein Haus,

Damit ich weiß, wo ich Dich suchen kann?«

Und sanft erwiderte der Reitersmann:

»Mein Bruder! weit nach Norden mußt Du gehn;

Doch hoff’ ich eines Tages Dich zu sehn;

Denn, eh’ wir scheiden, wirst genug Du wissen,

Um meine Wohnung nimmer zu vermissen.«

»Nun, Bruder!« – sprach der Büttel – »dann gewähre

Mir diese Bitte: auf dem Wege lehre

– Da, wie ich selber, ja ein Vogt Du bist –

Für den Beruf mir ehrlich eine List,

Durch die am meisten ich verdienen kann.

Auf Sünde noch Gewissen kommt es an.

Wie Du es treibst, vertrau’ mir ohne Scheu!«

»Nun, lieber Bruder!« – sprach er – »meiner Treu’!

Die Wahrheit sag’ ich ohne Vorbehalt!

Nur sehr gering und klein ist mein Gehalt,

Mein Herr ist hart und hält mich knapp und spärlich,

Und mein Geschäft ist mühsam und beschwerlich.

Und deßhalb muß ich von Erpressung leben;

Ich nehme Alles, was mir Leute geben,

Und durch Gewalt und schlaues Ueberlisten

Muß ich von Jahr zu Jahr mein Leben fristen!

Nichts andres weiß ich zu erzählen schier!«

»Nun« – sprach der Büttel – »grade so geht’s mir!

Ich nehme gleichfalls Alles mit – Gott weiß! –

Wenn es nicht allzuschwer ist und zu heiß.

Durch Schlauheit such’ ich Alles zu bekommen,

Und mein Gewissen bleibt ganz unbeklommen,

Ich muß erpressen, will ich nicht verrecken!

Durch Kindermärchen lass’ ich mich nicht schrecken!

Nichts weiß von Magen- und Gewissensdruck ich,

Und auf die alten Beichtstuhlpfaffen spuck’ ich!

Doch bei St. Jakob und dem heil’gen Geist!

Mein lieber Bruder! sag’ mir, wie Du heißt?«

So sprach der Büttel. – Und der Reitersmann

Fing bei der Frage still zu lächeln an.

»Soll ich Dir’s sagen, lieber Mitgeselle?

Ich bin« – sprach er – »der Böse aus der Hölle!

Ich reite hier, um etwas zu erbeuten,

Was man mir giebt, das nehm’ ich von den Leuten,

Damit ich meine Rente mir gewinne.

Sieh’! ganz dasselbe hast auch Du im Sinne:

Gewinnen willst auch Du auf jede Weise,

Und so thu’ ich. – Und einer Beute reise

Ich bis zum Ende dieser Welt jetzt nach!«

»Ei, benedicite!« – der Büttel sprach –

»Ich sah für einen Vogt bislang Dich an.

Dem Ansehn nach bist Du, wie ich, ein Mann.

Habt Ihr in Eurem Höllenaufenthalt

Denn ganz bestimmte Bildung und Gestalt?«

»Nein« – sprach der Böse – »in der Hölle nicht.

Doch können wir Figur uns und Gesicht,

Euch zu berücken, nach Belieben schaffen.

Bald gehen wir als Menschen, bald als Affen,

Und oftmals reit’ ich selbst umher als Engel.

Das ist kein Wunder. – Jeder Lausebengel

Von Taschenspieler weiß zu täuschen Dich;

Und doch – Pardi! – was ist er gegen mich?«

»Weßwegen« – rief der Büttel – »geht in mehr

Als einer Form Ihr aber dann umher?«

»Weil wir« – sprach er – »uns stets zu unsern Zwecken

Unter der passendsten Gestalt verstecken.«

»Jedoch, warum habt Ihr Euch so zu schinden?«

»Mein lieber Büttel! aus verschiednen Gründen!«

– Der Böse sprach. – »Doch jedes Ding zur Zeit!

Der Tag ist kurz und vorgerückt schon weit,

Und doch hab’ ich bislang noch nichts gewonnen.

Und das zu thuen, bin ich mehr gesonnen,

Als breiter oder tiefer einzugehn

Auf unsre Sachen. – Diese zu verstehn,

Mein lieber Bruder, bist Du viel zu grün.

Du fragst, weßhalb wir uns so abzumühn?

Je nun! wir sind zum Werkzeug auserlesen,

Von Gott, damit auf Erden wir die Wesen,

Wie uns Befehl gegeben ist von oben,

In dieser oder jener Art erproben.

Doch macht- und kraftlos sind wir ohne Ihn,

Nur Seinen Willen dürfen wir vollziehn.

Manchmal erlaubt er uns den Leib zu fassen,

Und heißt, die Seele ungestört zu lassen,

Wie zu ersehen ist aus Hiobs Leiden;

Auch überläßt er manchmal uns die beiden,

Das heißt: die Seele und den Leib dazu.

Und manchmal lassen wir den Leib in Ruh’

Und suchen nur der Seele beizukommen,

Wie Gott befiehlt; denn zu des Menschen Frommen

Dient die Versuchung, daß er sie bezwinge

Und sich das ew’ge Seelenheil erringe.

Uns, freilich, kann es weniger erbauen,

Entkommt er unbeschädigt unsern Klauen! –

Ja, selbst den Menschen müssen wir auf Erden,

Wie bei St. Dunstan, manchmal dienstbar werden;

Und des Apostels Diener war auch ich!«

Der Büttel sagte: »Nun, auf Glauben, sprich!

Entnehmt dem Stoff stets neue Leiber Ihr?«

»Nein,« – sprach der Böse – »manchmal nehmen wir

Gestalt von Todten an. – Indessen Schein

Kann Alles auch, je nach dem Umstand, sein;

Und dabei reden wir so schlau und klug

Wie Samuel, den das Zauberweib befrug.

– Doch wer bestreitet, daß er selbst erschien,

Dem will ich seinen Glauben nicht entziehn. –

Doch ohne Scherz, mein Bruder, Dir wird bald

– Ich warne Dich zum Voraus! – die Gestalt

Und Form von uns an einem andern Orte

Weit klarer werden als durch meine Worte.

Darüber sprichst Du aus Erfahrung später

So gut, wie ein Professor vom Katheder,

Und besser, als zu ihren Lebenszeiten

Virgil und Dante. – Laß uns weiter reiten!

Ist Dir vor meinem Umgang nicht zu bang’,

So leist’ ich Dir Gesellschaft wie bislang.«

»Nein!« – sprach der Büttel – »das befürchte nimmer!

Ich bin ein Ehrenmann und hielt noch immer,

Was ich versprach; und Alle wissen das.

Und wärst Du selbst der Teufel Satanas,

So hielte dennoch, Bruder, meinen Eid ich.

Wir schwuren es uns Beide gegenseitig,

Getreue Brüder immerdar zu bleiben.

Laß uns in Frieden das Geschäft betreiben!

Du nimmst, was Dir, ich das, was mir gegeben,

So können Beide wir mitsammen leben;

Und macht der eine größeren Gewinn,

So theilen wir’s in brüderlichem Sinn.«

»Bewilligt!« – sprach der Böse – »auf mein Wort!«

Und damit ritten ihres Wegs sie fort.

Kaum hatten einer Stadt sie auf den Rath

Des Büttels darauf Beide sich genaht,

Sah’n einen Karren sie mit Heu im Drecke

Vorm Thore stehen, welchen nicht vom Flecke

Der Fuhrmann brachte, ob er toll genug,

Tobend und fluchend, mit der Peitsche schlug:

»Hü! Fuchs! Hü! Dachs! – wollt Ihr die Steine sparen?

Hol’ Euch der Teufel gleich mit Haut und Haaren!

Verflucht! mehr als Ihr Fohlen je getragen,

Hat man mit Euch zu schinden sich, zu plagen!

Der Teufel hole Wagen, Heu und Pferd!«

»Das ist der Beute« – rief der Büttel – »werth!«

Und an den Bösen drängt er sich ganz dicht,

Ins Ohr ihm raunend: »Bruder! hörst Du nicht?

Horch auf! bei meiner Treu’, horch auf! was eben

Der Fuhrmann Dir versprochen hat zu geben!

Rasch zugegriffen! Dir gehören, Bruder,

Jetzt die drei Pferde sammt dem ganzen Fuder!«

»Nein! weiß es Gott!« – erwiderte der Feind. –

»Du kannst mir trau’n: so war es nicht gemeint,

Glaubst Du mir nicht, so gehe hin, frag’ zu!

Sonst warte nur, dann siehst es selber Du.«

Und auf der Gäule Kruppen peitschte dann

Der Fuhrmann und sie zogen kräftig an.

»Hü!« – rief er – »Hott! – Jetzt sind wir los! – Jetzt geht’s!

Dafür belohne Jesus Christ Euch stets!

Jetzt sind wir aus dem Dreck! – Mein lieber Schimmel!

Das heiß’ ich brav gezogen! – Gott im Himmel

Und St. Eligius segne Dich dafür!«

»Mein lieber Bruder! nun, was sagt’ ich Dir?

Hier kannst Du sehen, Bruder,« – sprach der Feind –

»Der Kerl versprach, was niemals er gemeint.

Wir ziehen besser unsers Wegs von hinnen,

Bei diesem Karren ist nichts zu gewinnen!«

Doch als die Stadt kaum hinter ihnen lag,

Begann der Büttel wiederum und sprach:

»Hier, Bruder, wohnt ein altes, geiz’ges Weib,

Der ist ein Groschen lieber als ihr Leib;

Die mir indessen – tobte sie wie toll –

Zum mindesten zwölf Groschen geben soll;

Sonst lad’ ich sie starks vor den Erzdekan,

Obschon – weiß Gott! – nichts Böses sie gethan.

Doch hier zu Lande kommt nicht anders man

Auf seinen Preis. – Nimm Dir ein Beispiel dran!«

Der Büttel klopfte vor der Wittwe Haus.

»Du, alte Troddel!« – rief er – »komm’ heraus!

Ich glaube gar, ein Pfaffe steckt bei Dir!«

»Wer klopft hier?« – frug das Weib – »was wünschet Ihr?

Ach! lieber Herr! Euch segne Gott in Gnaden!«

»Ich komme,« – sprach er – »um Dich vorzuladen

Bei Strafe der Verfluchung! – Morgen früh

Beugst vor dem Erzdekan Du Deine Knie’,

Und Du bekennst, was Dein Verbrechen ist!«

»Ach, lieber Himmelskönig, Jesus Christ!

Erbarm’ Dich meiner!« – schrie das alte Weib.

»Seit langer Zeit schon bin ich krank im Leib

Und böse Stiche hab’ ich in den Seiten.

So weit kann weder gehen ich noch reiten.

Mein lieber Büttel! gebt mir Permission

Bei dem Gerichte durch Procuration

Zu widerlegen, was mir schuld gegeben!«

»Nun« – sprach der Büttel – »dann bezahl’ mir eben

Zwölf Groschen nur, und damit bist Du frei.

Wahrhaftig, ich verdiene kaum dabei,

Mein Meister ist es, der allein gewinnt.

Heraus mit den zwölf Groschen! Mach’ geschwind!

Damit ich schleunigst meiner Wege zieh’.«

»Zwölf Groschen?!« – rief sie – »Heilige Marie!

Schütz’ mich so treu vor Sünden und in Noth,

Wie ein Zwölfgroschenstück nie zu Gebot

Auf dieser ganzen, weiten Welt mir stand!

Als alt und dürftig bin ich Euch bekannt. –

Ach! gebt mir Armen eine kleine Gabe!«

»Hol’ mich der Teufel! wenn ich Nachsicht habe,

Verrecke, wenn Du willst!« – der Büttel schrie.

»Weiß Gott!« – sprach sie – »was Böses that ich nie!«

»Bezahle!« – sprach er – »oder – bei St. Anne! –

Zum Pfande nehm’ ich Deine neue Pfanne

Für eine Schuld, die ich für Dich berichtigt

Vor Zeiten habe, als man Dich bezüchtigt,

Du hättest Deinen Ehemann betrogen!«

»Bei meiner Seligkeit! das ist erlogen!«

– Rief sie – »Zeit meines Lebens stand ich nicht

Als Weib und Wittwe jemals vor Gericht!

Ich war beständig ein getreues Weib!

Der schwarze Teufel möge Deinen Leib

Und meine Pfanne nebendrein bekommen!«

So schwur sie auf den Knie’n. – Und als vernommen

Dies Wort der Teufel hatte, frug er sie:

»Nun, meine liebe Mutter Mabily,

Hast Du in vollem Ernste dies gesprochen?«

»Hol’ ihn der Feind« – schrie sie – »mit Haut und Knochen!

Und Pfann’ und Alles, wenn er nicht bereut!«

»Wie, alte Hexe, bist Du nicht gescheidt?

Ich soll bereu’n?« – fuhr sie der Büttel an. –

»Kein Ding gereut mich, was ich kriegen kann,

Und Rock und Unterrock will ich Dir nehmen!«

Der Teufel sprach: »Laß, Bruder, Dich’s nicht grämen:

Dein Leib und diese Pfanne sind jetzt mein;

Mit mir mußt in die Hölle Du hinein!

Dort lernst Du mehr von unsern Sachen, wie

Je ein Magister der Theologie!«

Und Leib und Seele packte mit dem Worte

Der Teufel und entführte sie zum Orte,

Der Bütteln ist als Erbtheil zugedacht.

Gott, der nach seinem Bilde uns gemacht,

Mög’ Allen gnädig seine Huld bescheeren,

Und unsern Freund – den Büttel hier – bekehren!

»Nun, Herren!« – sprach der Bruder – »insofern

Der Büttel es erlaubte, hätt’ ich gern

Euch nach dem Text von Christ und St. Johannes,

St. Pauls und manchen schriftgelehrten Mannes

Erzählt vom Haus der Hölle. – Doch das Leid

Ist herzzerreißend. – Und die Wirklichkeit

Vermöcht’ ich nicht, mit allen ihren Qualen

In tausend Jahren selbst Euch auszumalen.

Drum wacht und betet, damit Christi Güte

Vor dem verfluchten Ort Euch stets behüte,

Sowie vor dem Versucher Satanas.

Hört auf mein Wort! und tragt im Sinne, daß

Auf Lauer immerdar der Löwe liegt

Und, wo er kann, die Unschuld stets bekriegt,

Stärkt Eure Herzen, daß Ihr widersteht

Dem bösen Feind und seinem Joch entgeht!

Die Tücke des Versuchers reicht nicht weiter

Als Eure Kraft; denn Christ ist Euer Streiter!

Und ihm sei dieser Büttel auch empfohlen;

Bereut er nicht – mag ihn der Teufel holen!«

Der Prolog des Büttels.

Vers 9813–9856.

Der Büttel hoch in seinen Bügeln stand

Und zitterte und bebte, wuthentbrannt,

Bei diesen Worten wie ein Espenlaub.

»Ihr werthen Herren!« – sprach er – »mit Verlaub!

Nun laßt auch mich zu Worte gütigst kommen!

Denn lauter Lügen, wie Ihr selbst vernommen,

Führt dieser falsche Bettelmönch im Munde.«

Daß er sich spreizt mit seiner Höllenkunde,

Nimmt mich kein Wunder. – Bettelmönch und Teufel

Sind nahverwandte Seelen sonder Zweifel.

Pardi! Ihr hörtet sicher schon davon,

Wie in die Hölle einst durch Traumvision

Im Geist entrückt ward einer dieser Brüder?

Ihn führte dort ein Engel auf und nieder

Und wies ihm alle Leiden, die dort waren.

Doch keinen Bruder sah er in den Schaaren

Des Volkes, welches Qualen dort ertrug.

Worauf der Bettelmönch den Engel frug:

»Wie? ist uns Brüdern solches Heil bescheert,

Daß keiner von uns in die Hölle fährt?«

»Ja!« – sprach der Engel – »manche Million!«

Und führte darauf ihn zum Höllenthron,

Wo Satan saß mit einem Schweifbehang,

Gleich einem Vollschiffssegel breit und lang.

»Du, Satanas! den Schwanz heb’ in die Höh’!

Zeig’ Deinen A…., damit der Bruder seh’,

Wo hier das Nest der Bettelbrüder ist!«

So sprach der Engel. – Und nach kurzer Frist

Begann’s zu summen wie ein Bienenschwarm,

Und es entflogen aus des Teufels Darm

An zwanzigtausend Brüder und noch mehr

Und schwärmten in der Hölle rings umher,

Und schnell, wie sie entflogen waren, kroch

Ein jeder wieder in des Teufels Loch.

Der klappte seinen Schwanz zu und lag stille.

Als nun der Bruder sich in Hüll’ und Fülle

Der Hölle Qualen angeschaut, gewährte

Ihm Gott in Gnaden, daß zum Körper kehrte

Sein Geist zurück und er vom Traum erwachte.

Indeß mit Zittern und mit Zagen dachte

Er noch beständig an des Teufels Kerbe;

Denn dort war das ihm zugedachte Erbe!

Gott schütz Euch Alle – nur den Bruder nicht!

Mit diesen Worten schließt mein Vorbericht.

Die Erzählung des Büttels.

Vers 9857–10442.

Es liegt – ihr Herr’n! – ein marschenreiches Land

In Yorkshire – denk’ ich – Holderneß genannt.

In diesem trieb ein Bruder kreuz und quer

Stets predigend und schnurrend sich umher.

Und es geschah, daß er auf seiner Fahrt

In einer Kirche nach gewohnter Art

Dem Volke predigte: nicht zu vergessen,

Für ihre Todten dreißig Seelenmessen

Singen zu lassen und vor allen Dingen

Für heil’ge Bauten Gaben darzubringen,

In denen Gott man diene, man verehre,

Nicht wo man nur verschwende, nur verzehre

Und wo nicht Noth vorhanden, was zu geben,

Wie reichdotirten Mönchen, die zu leben

– Gedankt sei Gott! – mehr als genug schon hätten.

»Seht! dreißig Seelenmessen« – sprach er – »retten

Aus aller Pein die alten wie die jungen

Von Euren Freunden, sind sie rasch gesungen;

Für leicht und lustig haltet keinen Priester,

Falls täglich mehr als eine Messe liest er.

Um Christi Willen! eilt Euch zu befrei’n

Die Seelen« – rief er – »aus der Höllenpein!

Es ist zu hart, auf Gabeln und auf Zacken

Dort aufgespießt zu brennen und zu backen!«

Und hatte dieser Bruder nach der Predigt

Die Kirchengänger ihres Gelds entledigt,

So blieb er auch nicht länger an dem Ort;

Sprach: »qui cum patre« und zog weiter fort,

Hochaufgeschürzt, mit Stab und Bettelsack. –

In jedes Haus er seine Nase stak

Und bat um etwas Käse, Mehl und Korn.

An einem Stab mit einem Griff von Horn,

Zog sein Kumpan mit, der von Elfenbein

Schreibtafeln trug, in die er nur zum Schein

Mit blankem Stift der Geber Namen schrieb,

Als ob er sagen wollte: Euch zu Lieb’

Will ich gewiß nicht mit Gebeten geizen.

»Gebt etwas Gerste, Korn uns oder Weizen!

Ein Gottesprezlein, einen Käseschnitt!

Gebt, was Ihr wollt! Wir nehmen Alles mit,

Den Gottesheller und den Messepfennig!

Ein Stückchen Leinen, etwas Schinken – wenn ich

Darum ersuchen dürfte – liebe Dame

Und theure Schwester! – Hier steht Euer Name!

Speck oder Rindfleisch, jedes Ding ist recht!«

Ein dicker, rüpelhafter Herbergsknecht

Ging hinterdrein, den Schnappsack auf dem Nacken,

Um alle Gaben darin einzupacken.

Doch kaum war er zum Thore noch hinaus,

So wischt’ er schon die Namen wieder aus,

Die er soeben in die Tafeln schrieb;

Denn Trug und Lug war Alles, was er trieb.

»Das lügst Du, Büttel!« – fiel der Bruder ein.

»Um Christi Willen! wollt Ihr ruhig sein!«

– Rief unser Wirth – »Verschweige nichts, erzähle!«

Der Büttel rief: »Das will ich, meiner Seele!«

Lang’ zog er so von Haus zu Haus, bis er

An eine Wohnung kam, wo man zeither

Ihn stets willkommen hieß und gern erfrischte,

Wenn er den Mund bei hundert Andern wischte.

Doch krank darnieder lag der Herr vom Haus.

»O, Deus hic! Freund Thomas! wie sieht’s aus?«

So sprach mit Höflichkeit in sanftem Tone

Der Bettelmönch. – »Thomas! daß Gott Euch’s lohne;

Oft hab’ ich hier auf dieser Bank gesessen

Und manchesmal vergnügten Sinns gegessen.«

Und damit trieb er von der Bank die Katze,

Stock, Hut und Ranzen gleich an ihrem Platze

Dort niederlegend, setzt’ er dann sich hin.

– Sein Mitgeselle war vom Hausknecht in

Die Stadt zu einer Herberge gebracht,

Wo er zu bleiben dachte für die Nacht. –

»O, theurer Meister!« – sprach der kranke Mann –

»Wie ging es Euch, seitdem der März begann?

Ich sah Euch nicht zwei Wochen lang und mehr!«

»Gott weiß!« – sprach er – »mich drückte Arbeit schwer!

Besonders aber sagte für Dein Heil

Ich manches köstliche Gebet derweil

Und für die Freunde – schütz’ sie Gott! – daneben.

In Eurer Kirche las ich Messen eben

Und predigte dort einfältig und schlicht.

Ganz nach dem Text der heil’gen Schrift war’s nicht;

Denn die versteht Ihr – wie ich denke – schwerlich,

Und drum mach’ ich durch Glossen Euch’s erklärlich.

Glossiren ist von unschätzbarem Werthe;

Der Buchstab’ tödtet! sagen wir Gelehrte;

Und darauf hab’ ich Unterricht gegeben

Im Wohlthun und vernunftgemäßen Geben,

Und sah auch unsre Frau. – Wo steckt sie nur?«

»Im Hofe draußen – denk’ ich – vor der Flur.

Sie kommt sofort« – erwiderte der Mann.

»Willkommen, Meister! Nun, bei St. Johann!«

– Sprach dieses Weib – »wie ging es Euch bislang?«

Und höflich sprang der Bruder von der Bank,

Um, zwitschernd, wie ein Sperling vor Entzücken

Sie abzuküssen und ans Herz zu drücken,

Und sprach: »Madam! es geht nicht allzu schlecht

Mit Eurem Diener und ergebnen Knecht.

Dank sei dem Herrn! der Seele, sowie Leib

Geschenkt Euch hat. – Bei Gott! solch schönes Weib

Sah ich heut’ in der ganzen Kirche nicht.«

»Ja,« – sprach sie – »bess’re Gott, was mir gebricht!

Doch, meiner Treue! mir willkommen seid Ihr!«

»Grand mercy, Frau! so fand ich’s jeder Zeit hier!

Doch bitt’ ich Euch, erlaubt aus Gütigkeit,

Daß ich mit Thomas eine kurze Zeit

Mich unterrede; nehmt es mir nicht krumm.

Die Pfarrer sind so nachlässig und dumm,

Mit Zartheit die Gewissen zu traktiren.

Mein Müh’n ist Beichte, Predigt und Studiren,

Was Petrus und was Paulus uns erzählen.

Ich geh’ und fische stets nach Christenseelen,

Um Jesus Christus seinen Zoll zu geben;

Sein Wort zu lehren, ist mein ganzes Streben!«

»Bei Eurem Glauben« – sprach sie – »führt aus Güte

Ihm, lieber Herr, es tüchtig zu Gemüthe!

Er ist so wüthig, wie die Seichameise,

Geht es nach Wunsch ihm auch in jeder Weise.

Ich decke Nachts ihn zu und halt’ ihn warm

Und über ihn leg’ ich selbst Bein und Arm,

Und dennoch grunzt er, wie ein Schwein im Stalle,

Denn ihm zu Dank mach’ ich’s in keinem Falle,

Und andre Kurzweil find’ ich bei ihm nie!«

»O, Thomas! – Thomas! – Thomas! je vous dis,

Das schafft der Böse! Dir thut Bessrung Noth!

Wer zornig ist, verletzt des Herrn Gebot!

Wir reden später noch ein Wort darüber.«

»Nun, eh’ ich gehe,« – sprach das Weib – »mein Lieber,

Was wollt Ihr essen? daß ich’s kochen kann.«

»Frau, je vous dis sans doute« – fing er an –

»Hab’ ich von Eurem Weißbrod eine Schnitte

Und vom Capaun die Leber, so erbitte

Ich hinterher nur einen Schweinskopf mir.

– Um meinetwillen schlachte man kein Thier. –

Ich bin mit Euch bei Hausmannskost vergnügt,

Ich bin ein Mann, dem Weniges genügt,

Die Bibel giebt mir Nahrung fürs Gemüth,

Mein Körper aber ist stets so bemüht,

Zu wachen, und das macht den Magen schwach.

Madam, ich bitte, tragt es mir nicht nach,

Daß ich Euch meinen Rathschlag nicht verhehle!

Da ich’s, bei Gott! nur Wenigen erzähle!«

»Nun,« – sprach sie – »eh’ ich gehe, laßt Euch sagen,

Mir starb mein Kind in diesen vierzehn Tagen,

Ganz kurz nachdem Ihr aus der Stadt gereist.«

»Des Kindes Tod« – sprach er – »sah ich im Geist

Zu Haus im Dormitorium, und darf sagen,

Es nach dem Tode himmelwärts getragen,

Eh’ eine halbe Stunde war entflohn.

Gott ist mein Zeuge! so war die Vision!

Auch unser Krankenwärter nahm es wahr

Und unser Glöckner, die schon funfzig Jahr’

Jetzt Brüder sind und die durch Gottes Walten

In Rüstigkeit bald Jubiläum halten.

Gleich stand ich auf mit allen Klosterleuten,

Und ohne Lärm und ohne Glockenläuten,

Mit vielen Thränen netzend unsre Wangen,

Wir ein Tedeum und nichts weiter sangen.

Nur daß zu Christo ein Gebet ich schickte

Zum Dank für das, was ich im Traum erblickte.

Ja, Herr und Frau! Ihr mögt mir beide traun:

Unser Gebet ist kräft’ger und wir schaun

Von den Mysterien Jesu Christi mehr

Als jeder Lai’, und ob er König wär’.

In Mäßigkeit und Armuth leben wir;

Im Ueberfluß die Laien, die mit Gier

Nach Speis’ und Trank und nach Vergnügen trachten,

Indessen wir die Lust der Welt verachten.

Wie Lazarus und Dives einst hienieden

Verschieden lebten, war ihr Lohn verschieden.

Wer beten will, der faste, der sei keusch,

Mäste den Geist und halte knapp sein Fleisch.

Wir fahren – sagt die Schrift – und grobes Tuch

Und karge Kost sind für uns gut genug.

Wir Brüder fasten und sind rein; deßwegen

Nimmt Christus gnädig unser Fleh’n entgegen.

Ja, vierzig Tage lang und Nächte, sieh’!

Hielt Moses Fasten, eh’ auf Sinai

Zu ihm der Herr in seiner Allmacht sprach;

Durch langes Hungern leer im Leib und schwach,

Empfing er das Gesetz, das Gottes Hand

Geschrieben hatte. Eli – wie bekannt –

Fastete lange und hielt mit sich Rath’

Eh’ sich auf Horebs Höhen ihm genaht

Gott, unser Arzt für alle Noth im Leben.

Und Aron, dem der Tempel untergeben,

Und alle andern Priester, Mann für Mann,

Sie durften, wenn der Gottesdienst begann

Und sie zu beten und zu opfern hatten,

Aus keinem Grunde sich Getränk verstatten

Von solcher Art, um trunken sie zu machen;

Sie mußten beten, fasten dort und wachen

Bei Todesstrafe. – Lern’ es wohl verstehn!

Sie hatten nüchtern für das Volk zu flehn.

Das halte fest! – und nun genug davon!

Im Fasten und im Beten gab uns schon

Der Herr ein Beispiel, wie die Schrift erzählt;

Weßhalb wir Bettelbrüder auch vermählt

Der Armuth sind und der Enthaltsamkeit,

Der Liebe, Demuth und der Mäßigkeit.

Wir müssen jede Fleischeslust vermeiden,

Verfolgung um der Wahrheit willen leiden

Und flehn und weinen. Darum – wie Ihr seht –

Hört von uns Bettelbrüdern das Gebet

Auch Jesus Christ mit größerem Behagen

Als Euer Fleh’n bei Tisch- und Festgelagen.

Nicht lügen will ich! Aus dem Paradies

Des Fressens wegen Gott den Menschen stieß,

Denn zweifellos war keusch noch sein Betragen.

Nun, Thomas, horche, was ich Dir will sagen!

Ich habe keinen Text – soviel ich weiß –,

Doch mittelst Glossen führ’ ich den Beweis,

Daß ohne Zweifel Christ, der Seligmacher,

Uns Brüder meinte, als die Worte sprach er:

Wer arm an Geist ist, der wird selig sein!

Die heil’ge Schrift zeigt Dir ganz allgemein,

Daß unser Stand bei weitem vorzuziehn

Jedwedem ist, dem Erdengut verliehn.

Pfui ihrem Pompe! ihrem Fressen, pfui!

Pfui ihrem Stumpfsinn! ich verachte sie!

Sie gleichen – wie mich dünket – Jovinian,

Fett wie ein Wallfisch, taumelnd wie ein Schwan,

Voll Wein, wie Flaschen in den Vorrathskammern!«

Wie gottgefällig muß ihr Fleh’n und Jammern

Zum Himmel dringen, heißt der Psalm von David

Bei ihnen: »Buff! – Cor meum eructavit!«

»Wer folgt dem Wort und Beispiel Christi hier

In Demuth, Keuschheit, Armuth, mehr, als wir,

Die Gottes Worte thun und darnach leben,

Nicht hören bloß? – Wie sich die Falken heben

Hoch in die Luft auf mächtigen Gefiedern,

Nimmt von uns keuschen, liebethät’gen Brüdern

Zu Gottes Ohren das Gebet den Flug!

Beim heil’gen Ivo! wahrlich schlimm genug,

O, Thomas! Thomas! würd’ es um Dich stehn,

Wenn wir als Bruder Dich nicht angesehn.

Wir beteten im Kloster Tag und Nacht:

Es möge Christus Deines Leibes Macht

Dir wiedergeben und die Glieder stärken.«

»Bei Gott!« – rief er – »davon ist nichts zu merken!

Bei Christi Heil! an alle Bettelorden

Ist manches Pfund von mir verschwendet worden

In kurzer Zeit, und Alles schlägt nicht an!

Was ich besaß, hab’ ich beinah’ verthan;

Fahr’ hin mein Gut; Nichts ist mehr mein geblieben!«

»O, Thomas!« – rief er – »hast Du’s so getrieben?

Was läufst Du hinter andern Brüdern her?

Wer einen guten Arzt besitzt, braucht der

Sich in der Stadt nach andern umzusehn?

Dein Unbestand kommt Dir noch schlimm zu stehn!

Wie? das Gebet von mir und dem Kapitel

Hältst Du für ein so unwirksames Mittel?

Bleib’, Thomas, mir mit solchen Flausen fern!

Du kargst mit uns – da sitzt der Krankheit Kern.

Doch, diesem Kloster etwas Korn zu schenken,

Mit zwanzig Groschen jenes zu bedenken,

Und jeden Bettelmönch zu unterstützen,

Nein, Thomas, nein! das kann zu nichts Dir nützen!

Wenn erst ein Heller in zwölf Theile geht,

Wo bleibt sein Werth? – Ein Ding, das ganz besteht,

Ist stärker, als was man in Stücke bricht.

Nein, Thomas! schmeicheln kann und will ich nicht:

Du möchtest unsre Arbeit ohne Geld! –

Jedoch sagt Gott, der Schöpfer aller Welt:

Der Arbeitsmann sei seines Lohnes werth!

Thomas! ich habe Nichts für mich begehrt.

Nein! Alles kommt dem Kloster nur zu gut,

Das im Gebete für Dich nimmer ruht,

Sowie dem Kirchenbau zu Gottes Ehren;

Und über diesen kannst Du Dich belehren

Aus einem Werke, wo vom heil’gen Leben

Thomas von Indiens ist Bericht gegeben.

Sieh’! Du liegst hier voll Aerger und voll Wuth,

Durch die der Teufel setzt Dein Herz in Gluth,

Und schiltst Dein Weib, die ohne jede Schuld,

Voll Güte ist und heiliger Geduld.

Drum, Thomas! schenke treulich mir Gehör:

Das Beste ist, du zankst mit ihr nicht mehr.«

Und im Gedächtniß trag’ Du immerfort

In dieser Hinsicht eines Weisen Wort:

»Kein Löwe sei in Deinem eignen Haus,

Jag’ Deine Freunde nicht zur Thür hinaus,

Und unterlaß, Dein Hausgesind’ zu drücken!«

Thomas! wie oft hatt’ ich Dir’s vorzurücken:

Sei vor dem Zorn, der Dir im Busen ruht,

Sei vor der Schlange stets auf Deiner Hut,

Die schlau im Grase kriecht und plötzlich sticht!

Mein Sohn, beherzige, vergiß es nicht,

Daß Zwanzigtausend schon den Tod erlitten,

Weil sie mit Kebsen und mit Weibern stritten!

Du hast ein sanftes frommes Weib gefreit;

Weßwegen suchst Du, Thomas, mit ihr Streit?

Denn sicherlich so falsch ist keine Schlange,

Die auf den Schwanz getreten wird, und lange

So grausam nicht, als wie ein Frauenzimmer

In ihrem Zorn; auf Rache sinnt es immer!

Der Zorn ist eine von den sieben Sünden,

Die Gnade nie vor Gott im Himmel finden,

Und ins Verderben reißt er Dich fürwahr!

Ein jeder schlichte Pfarrer und Vikar

Sagt Dir, daß Zorn, als Sohn vom Uebermuth,

Der Vater wird von viel vergoss’nem Blut.

Wollt’ ich erzählen von den manchen Sorgen,

Die Zorn uns bringt, so währt’ es wohl bis morgen.

Und deßhalb bitt’ ich Gott bei Tag und Nacht:

Dem zorn’gen Manne geb’ er wenig Macht.

Es ist ein Jammer und ein großes Leiden,

Wenn zorn’ge Männer hohen Rang bekleiden.

Ein Richter lebte – sagt uns Seneka –

Der zornig war. Und eines Tags geschah,

Daß von zwei Rittern, die durch Zufall grade

Zusammen zogen auf demselben Pfade,

Der eine heimkam und der andre nicht.

Gleich schleppte man den Ritter vor Gericht,

Und der erwähnte Richter sprach sodann:

»Du tödtetest den andern Rittersmann!

Drum mußt Du sterben!« – Und darauf gebot

Er einem andern Ritter, ihn zum Tod

Zu führen. – Doch, vom Richtplatz nicht mehr fern,

Sah auf dem Wege man denselben Herrn,

Den man für todt gehalten, noch lebendig.

Und mithin dachten sie, es sei verständig,

Sie abermals dem Richter vorzustellen,

Und sprachen: »Herr! er hat den Mitgesellen

Nicht umgebracht. Hier steht er lebend noch!«

»Bei Gott!« – rief er – »des Todes seid ihr doch!

Eins, zwei und drei, ihr alle, Mann für Mann!

Du bist« – fuhr er den ersten Ritter an –

»Des Todes, weil Dein Urtheil schon gefällt!

Du aber wirst ihm gleichfalls beigesellt,

Denn jenes Ersten Tod liegt Dir zur Last.«

Und zu dem Dritten sprach er: »Und Du hast

Nicht ausgeführt, wozu Befehl gegeben!«

Und so verloren alle drei ihr Leben.

Der zornige Cambyses zechte gern

Und hielt sich selber für den klügsten Herrn.

Und im Vertrauen sprach zu ihm einmal

Ein Kammerjunker, welcher die Moral,

Sowie die Tugend immerdar geliebt:

»Weh’! einem Herrn, der Lastern sich ergiebt!

Die Trunkenheit, die keinen Menschen ziert,

Verunziert den besonders, der regiert.

Es blickt manch Auge, und es lauscht manch Ohr

Ganz im Geheimen zu dem Herrn empor.

Ach, Gott zu Liebe, halt’ mit Trinken ein!

Nur gar zu elend kann Genuß von Wein

Die Kraft des Geistes und der Glieder lähmen.«

»Im Gegentheil!« – ließ jener sich vernehmen –

»Ich werde Dir beweisen durch die That,

Daß Wein nicht immer diese Wirkung hat.

Es ist auf dieser Welt kein Rebensaft

So stark, mich zu berauben meiner Kraft!

Mir lähmt er weder Auge, Hand, noch Fuß!«

Und immer toller soff er aus Verdruß,

Wohl hundertfach, was er zuvor genossen.

Und darauf ließ des Ritters Sohn und Sprossen

Der Wüthrich holen, der kaum vor ihm stand,

Als er zum Bogen griff und mit der Hand

Straff bis ans Ohr hinan die Sehne spannte

Und auf den Knaben seinen Pfeil entsandte.

»Nun« – sprach er – »sieh’! ob ich noch sicher bin

Mit meiner Hand? Ist mein Verstand dahin?

Hat mir der Wein benommen das Gesicht?«

Des Ritters Antwort meld’ ich weiter nicht.

Sein Sohn war todt – Was braucht’s der Worte viel?

Mit großen Herr’n treibt man gefährlich Spiel!

Da singt: Placebo; und die Wahrheit sprecht

Bei Armen nur. Denn es ist gut und recht,

Der Armuth Laster frei zu offenbaren,

Doch große Herr’n – die laßt zur Hölle fahren!

»Hast Du vom Zorn des Cyrus schon gehört,

Des Persers, der den Gyndes hat zerstört,

Weil ihm sein Pferd in diesem Strom ertrank,

Als er im Kriege Babylon bezwang?

So klein und winzig macht er diesen Fluß,

Daß Weiber ihn durchwateten zu Fuß.

Horch! was sagt Er, der so viel lehren kann?

Schließ’ keine Freundschaft mit dem zorn’gen Mann

Und zieh’ nicht eines Weges mit dem Tollen!

Sonst wird Dich’s reun. – Und damit, Thomas, wollen

Wir schließen. – Bruder, thu’ den Zorn von Dir!

Du findest stets Gerechtigkeit bei mir.

Setz’ auf die Brust Dir nicht des Teufels Messer!

Der Aerger macht die Schmerzen Dir nicht besser.

Komm’, beichte! – Doch aufrichtig mußt Du sein!«

»Beim heil’gen Simon!« – rief der Kranke – »nein!

Gebeichtet hab’ ich heute beim Vikar,

Ihm machte meinen Zustand ich ganz klar,

Und mehr zu sprechen – sagt’ er – sei nicht nöthig,

Wär’ ich dazu aus Demuth nicht erbötig.«

»Dann mußt Du Geld für unser Kloster geben!«

– Rief jener – »Um es auszubauen, leben

Wir nur von Muscheln und von Austern jetzt,

Während die Welt am Ueberfluß sich letzt.

Weiß Gott! vollendet ist noch kaum der Grund,

Wir schulden noch für Steine vierzig Pfund,

Es fehlen Ziegel, noch steht keine Wand!

Beim Heiland, der die Hölle überwand!

Willst Du uns, Thomas, keine Hülfe spenden,

So müssen unsre Bücher wir verpfänden;

Und fehlt Euch unsre Predigt, so verfällt

Dem Untergange schließlich alle Welt.

Und wer uns kann der ganzen Welt berauben,

Kann, Thomas, auch – auf Ehre und auf Glauben –

Das Sonnenlicht in finstre Nacht verkehren.

Wer war wohl je im Schaffen und im Lehren

So treu wie wir und seit so langer Frist?

Denn Brüder gab es – wie berichtet ist –

Zur Zeit Elias und Elisas schon.

– Gedankt in Demuth sei der Gottessohn! –

Ach, Thomas, denke liebend an uns Brüder!«

Und damit sank er auf die Kniee nieder,

Indeß der Kranke, beinah’ toll vor Wuth,

Sich wünschte, daß die rothe Feuersgluth

Den heuchlerischen Bettelmönch verzehre.

»Ja! was ich habe,« – sprach er – »das verehre

Ich keinem Andern sicherlich wie Dir;

Denn – wie Du sagtest – sind ja Brüder wir.«

»So ist es, meiner Treu’!« – der Bruder rief –

»Ich zeigte Siegel Deiner Frau und Brief!«

»Nun gut,« – sprach er – »dieweil ich noch am Leben,

Will Eurem heil’gen Kloster ich was geben

Und in die Hand bekommst Du’s unverweilt;

Doch vorbehalten, daß es so vertheilt

Unter Euch Brüdern wird, daß von der Gabe

Gleich viel der eine wie der andere habe.

Das schwör’ mir auf Dein heiliges Bekenntniß

Ganz ohne Rückhalt oder Mißverständniß!«

»Das schwör’ ich!« – rief der Bruder – »meiner Treue!

An mir fehlt’s nicht! das schwör’ ich Dir aufs Neue!«

Und Wort und Handschlag gab er ihm zum Pfand.

»Nun,« – sprach der Kranke – »wenn Du Deine Hand

In meinen Rücken bis zum H……. steckst

Und bei der Kerbe zufühlst, so entdeckst

Du eine Kleinigkeit daselbst verborgen.«

Der Bruder dachte: das kann ich besorgen!

Und langte, daß er sein Geschenk erhalte

Mit seiner Hand hinunter bis zur Spalte.

Und als der kranke Mann am A…. fühlte,

Wie dort der Bruder fingerte und wühlte,

Da f…. er rasch ihm mitten in die Hand.

Kein Gaul, den man vor einem Karren spannt,

Riß solchen mächtig lauten F… zuvor.

Und wie ein grimmer Löwe sprang empor

Der Bettelmönch und schrie: »Du Schuft! bei Gott!

Das thatest Du zum Aerger mir und Spott!

Doch übel soll Dir dieser F… bekommen!«

Das Hausgesinde, das den Lärm vernommen,

Kam angestürzt und schmiß ihn aus dem Haus.

Und voller Aerger zog der Bruder aus

Und holte seinen Burschen und sein Gut;

Worauf er, wie ein Eber voller Wuth

Die Zähne knirschend, wild von dannen rann,

Bis er den Hof von einem Edelmann,

Dem Gutsbesitzer von dem Dorf, erreichte,

Der ihm bekannt war, weil er in die Beichte

Den würd’gen Mann seit langer Zeit schon nahm.

Zu ihm der zornerfüllte Bruder kam

Und fand den Herrn bei seinem Mittagsessen.

Fast sprachlos war der Bettelmönch; indessen

Sein: »Gott sei mit Euch!« stieß er noch hervor.

»Willkommen!« – sprach der Herr und sah empor –

»Um alle Welt, was fehlt Dir nur, Johann?

Etwas ging schief, das merkt’ ich Dir gleich an!

Hast einen Wald voll Räuber Du erblickt?

Komm’, setze Dich! und sage, was Dich drückt.

Ich helfe Dir, so gut ich es vermag.«

»Ich hatte« – sprach er – »einen schlimmen Tag

Im Dorfe heute. – Daß sich Gott erbarm’!

Kein Knecht ist wohl in dieser Welt so arm,

Der vor dem Schimpf, den ich in Eurer Stadt

Empfangen habe, nicht Verachtung hat.

Jedoch mein größter Aerger dabei war,

Daß dieser alte Kerl mit grauem Haar

Beschimpft hat unsre ganze heil’ge Zunft!«

Der Herr sprach: »Lieber Meister, habt Vernunft!«

»Nicht Meister!« – rief er – »sondern Euer Knecht!

Zwar in der Schule hieß ich so mit Recht;

Doch liebt es Gott nicht, daß wir auf den Gassen

Und auf dem Markt uns ›Rabbi‹ nennen lassen.«

»Schon gut!« – sprach er – »zur Sache komm’ zurück!«

»Herr!« – rief der Bruder – ein »Schandbubenstück

Ist heute hier an mir begangen worden

Und so per consequens am ganzen Orden

Und an der ganzen heil’gen Clerisei!«

»Nun,« – sprach der Herr – »was Du zu thun dabei,

Das wird von Dir, als Salz und Wurz der Erden,

Und mein Confessor, schon gefunden werden.

Um Gottes Willen! sieh’ es ruhig an;

Erzähle mir Dein Leid!« – Und so begann

Er vorzutragen, was Euch schon bekannt.

Des Hauses Dame lauschte unverwandt

Dem Bruder zu, bis er sich ausgeklagt.

»Ei, Mutter Gottes!« – rief sie – »heil’ge Magd!

Wie geht es weiter? Ei, vertrau’ es mir!«

»Madam!« – sprach er – »was denkt, was redet Ihr?«

»Was soll ich denken?« – sprach sie – »Gott im Himmel!

Dir spielte diesen Lümmelstreich ein Lümmel!

Was soll ich sagen? – Gottvermaledeit

Sei dieser Schuft! Ihm steckt voll Eitelkeit

Der kranke Kopf. – Mir scheint, der Mann ist toll.«

»Madam!« – sprach er – »wenn ich nicht lügen soll,

So denk’ ich, daß ich mich am Besten räche,

Wenn ich beständig von ihm Schlechtes spreche.

Aus Bosheit sann dies Lästermaul mir an,

Was sich nicht theilen läßt, für Jedermann

Dennoch in gleiche Theile zu zerlegen!« –

Doch träumend saß und ohne sich zu regen,

Der Herr, und hin und wieder sann er: »Wie

Hat dieser Kerl nur soviel Phantasie,

Solch ein Problem dem Bruder aufzugeben?

Derartiges vernahm ich nie im Leben!

Der Teufel hat’s ihm in den Kopf gesetzt!

Wo hat wohl die ars metrica bis jetzt

Je eine solche Frage aufgestellt:

Wie Jedermann den gleichen Theil erhält

Von einem F…. oder einem Ton?

Wer kann das zeigen durch Demonstration?

Du Teufelskerl! Du unverschämtes Thier!«

Und brummig frug der Edelmann: »Habt Ihr

Schon je zuvor ein solches Ding vernommen?

Ein Jeder soll den gleichen Theil bekommen!

Das ist unmöglich! das kann nimmer sein!

Ei, Teufelskerl! das Wetter schlage drein!

Wie jeder Klang und Ton, gehört ein F…

Nur zu den Schwingungen der Luft, die kurz

Von Dauer sind und nach und nach vergehen.

Nun, meiner Treu’! den Menschen möcht’ ich sehen,

Der das zu theilen wüßte mit Genauheit!

Was für ein Kerl? – Seht an! mit welcher Schlauheit

Hat er heut’ meinen Beichtiger geneckt!

Ich glaube, daß der Teufel in ihm steckt! –

Doch nun ans Essen! – Laßt den Schurken ziehn,

Und an den Galgen bring’ der Satan ihn!«

Nun aber schnitt ein Junker von dem Lord

Am Tische Fleisch und hörte Wort für Wort

Alles mit an, was ich Euch vorgetragen.

»Herr! Nichts für ungut!« – hub er an zu sagen –

»Wenn Ihr mir Stoff zu einem Rock versprecht,

Und ist dem würd’gen Bruder solches recht,

Erzähl’ ich Euch, wie unter dem Konvent

Ihr diesen F… gleichmäßig theilen könnt.«

»Frisch von der Leber!« – rief der Edelmann –

»Der Rock ist Dein, bei Gott und St. Johann!«

»Mein Herr!« – sprach er – »wenn sich kein Wind bewegt,

Das Wetter schön ist, sich kein Lüftchen regt,

So schafft in diese Halle hier ein Rad,

Das – wohlverstanden – alle Speichen hat.

– Zumeist dreht es auf zwölfen sich herum. –

Bringt dann zwölf Brüder. – Und fragt Ihr, warum?

Nun, ein Convent besteht aus dreizehn Mann,

Und mit dem würd’gen Herrn Confessor kann

Die richt’ge Anzahl grade man erreichen.

Dann laßt sie niederknieen vor den Speichen,

So daß auf jeden Bruder eine fällt,

An deren End’ er seine Nase hält.

Nur der Confessor – schenke Gott ihm Gnade! –

Hält seine vor die Nabe von dem Rade.

Und jenen Kerl mit steifem, strammem Bauch,

Wie ein gespanntes Trommelfell, bringt auch

Und setzt ihn nieder mitten auf das Rad,

Wo er zu f….. durch die Nabe hat.

Und Euch zu Pfande setz’ ich Leib und Leben,

Hab’ ich nicht praktisch den Beweis gegeben,

Daß Schall und Stank das Ende der zwölf Speichen

Ganz mathematisch gleichgetheilt erreichen.

Nur der Confessor steht als würd’ger Mann

Mit Fug und Recht auch hierbei oben an;

Weßhalb auch ihm die Erstlingsfrucht gebührt.

Bei Brüdern ist die Sitte eingeführt,

Daß man den Würdigsten zuerst bedient.

Und er hat’s ohne Zweifel wohl verdient!

Wie vieles Gute lernten alle Leute

Aus seiner Predigt von der Kanzel heute!

Was mich betrifft, so gönn’ ich diesem Herrn

Den Vorgeruch selbst von drei F…… gern,

Und jeder Bruder wird dasselbe sagen;

Ist doch so fromm und heilig sein Betragen!«

Der Herr, die Dame, wie der ganze Kreis,

Bis auf den Bruder, fanden den Beweis

Des Ptolemäus würdig und Euclid;

Und sagten: »Was den Kerl betrifft, so sieht

An seinen witz’gen Worten man ganz klar,

Daß er kein Toller und Besess’ner war.«

Genug davon! – Die Stadt ist nicht mehr weit!

Seht! so gewann der Junker Hans sein Kleid.

Ende des ersten Theiles der Canterbury-Erzählungen.

Zweiter Theil

Der Prolog des Klerk.

Vers 10443–10498.

»Gelehrter Herr von Oxford! – meiner Treu’!«

– Sprach unser Wirth – »Ihr seid so still und scheu,

Wie an der Hochzeitstafel eine Braut!

Von Euch hört’ ich tagsüber keinen Laut.

Mir scheint, daß Ihr tief in Gedanken seid;

Doch jedes Ding – sagt Salamo – zur Zeit!

Um Gottes Willen! macht ein froh Gesicht,

Denn zum Studiren ist die Zeit hier nicht!

Erzählet etwas, das uns fröhlich stimmt.

Sofern man Theil an einem Spiele nimmt,

Muß man sich auch an seine Regeln binden.

Doch predigt nicht von Weinen über Sünden,

Wie’s in den Fasten Bettelmönche treiben.

Nein! macht es so, daß wir hübsch munter bleiben!

Erzählt ein Abenteuer lust’ger Art.

Die Bilder, Floskeln und Figuren spart

Euch für den hohen Styl auf, der sich paßt,

Wenn Schreiben man an Könige verfaßt.

Hier aber, bitt’ ich Euch, so schlicht zu reden,

Daß es verständlich ist und klar für Jeden.«

Und der Gelehrte freundlich Antwort gab:

»Ich stehe« – sprach er – »unter Eurem Stab;

Ihr seid’s, mein Wirth, der über uns regiert,

Und mit Gehorsam wird von mir vollführt

Drum Alles, was vernünftig ist und billig.

Was mir in Padua mitgetheilt ward, will ich

Euch wiederholen, wie erzählt mir’s hat

Ein würd’ger Mann, erprobt in Rath und That.

Jetzt ist er todt und ruht in seinem Schrein;

Gott möge gnädig seiner Seele sein!

Franzisk Petrark hieß der gekrönte Dichter,

Deß süßer Redefluß der Dichtkunst Lichter

Durch alle Gau’n Italiens entflammte,

Wie dies für Kunst, Gesetz und die gesammte

Philosophie Lignanus hat gethan.

Doch an uns Alle tritt der Tod heran;

Ein Augenblick genügt, uns zu verderben;

Und Beide starben, wie wir Alle sterben.

Um fortzusetzen nun, wie ich begann,

Was mir erzählt hat dieser würd’ge Mann,

So wißt, daß er mit einem Vorberichte

Im hohen Styl eröffnet die Geschichte.

Darin beschreibt er Gegend und Natur

Von Piemont, Saluzzo und der Flur

Des westlichen Lombardiens, dessen Grenzen

Der Appeninen hohe Gipfel kränzen;

Und näher insbesondre hebt er dann

Vom Berge Vesulus zu reden an,

Woselbst der Po aus kleinem Quell entspringt,

Dann wachsend, ostwärts durch Aemilia dringt

Und durch Ferrara hinströmt bis Venedig.

Doch lang ist die Beschreibung, darum red’ ich

Davon nicht mehr. Zur Sache – wie mir scheint –

Gehört sie nicht, und war wohl nur gemeint,

Um besser einzuleiten die Geschichte.

Doch horcht auf das, was ich nunmehr berichte!«

Die Erzählung des Klerk.

Vers 10499–11654.

Dem kalten Berge Vesulus zu Füßen

Im fernsten West Italiens liegen Gau’n,

Wo üppigreiche Saatgefilde sprießen,

Und manche Stadt ist, mancher Thurm zu schau’n

– Der Väter Werk, der Vorzeit dauernd Bau’n. –

Wohin Du blickst, ein herrlich Bild sich weist

Der schönen Gegend, die Saluzzo heißt.

Ein Markgraf lebte vormals in den Landen,

Wie vor ihm seine Ahnen dies gethan;

Gehorsam war und willig ihm zu Handen

Der erste wie der letzte Unterthan.

Vom Glück begünstigt auf der Lebensbahn,

War er gefürchtet und geliebt zugleich

Von Herr’n und Knechten und von Arm und Reich.

Was seines Stammes Blut betraf, so galt er

Als Edelster der ganzen Lombardei;

Voll Schönheit, Kraft und jugendlichem Alter,

War höflich er und ehrenwerth dabei;

Und wenn auch nicht von jedem Fehler frei,

So lenkte doch verständnißvoll sein Land

Der junge Herr, den Walther man benannt.

Indessen dieses muß ich an ihm rügen,

Daß er zur Zukunft nie den Blick gewandt,

Dem Augenblick nur lebend, sein Vergnügen

Allein in Jagd und Falkenbeize fand,

Und aller andern Sorgen sich entwand;

Das Schlimmste war: um keinen Preis der Welt

Hätt’ er ein Weib sich eh’lich beigesellt.

Höchst mißvergnügt ob dieser Sache nah’te

Sich eines Tages seines Volkes Schaar,

Und der als Klügster galt in ihrem Rathe

Und dem der Herr zumeist gewogen war,

Machte des Volkes Wunsch ihm offenbar;

Und so sprach der geschäftserfahr’ne Mann,

Wie ihr vernehmen sollt, den Markgraf an:

»O, edler Markgraf, Deine Herzensgüte

Ermuntert uns und giebt uns Zuversicht.

So oft wir mit bekümmertem Gemüthe

In schwerer Zeit, gehorsam unsrer Pflicht,

Vor Dir erschienen, nahmst Du den Bericht

Stets gnädig auf, und Du wirst unsern Klagen

Darum auch heute nicht Gehör versagen.«

»Ich selber habe freilich mit der Sache

Nicht mehr zu thun, als jeder Andre hier;

Und wenn ich mich zu ihrem Anwalt mache,

Geschieht es nur, weil Du so gnädig mir

Dich stets bezeigtest; und so darf ich Dir

Auch heute nah’n, damit den Wunsch von Allen

Du prüfest und entscheidest nach Gefallen.«

»Gewißlich, Herr, wir haben Dein Bestreben

Von ganzem Herzen immer anerkannt

Und thun es noch; und ein zufriedner Leben

Uns zu erdenken, sind wir kaum im Stand.

Ein Wunsch indessen sei Dir noch genannt:

Geruhe, eine Gattin Dir zu wählen,

Dann wird Dein Volk das höchste Glück beseelen.«

»Beug’ Deinen Nacken diesen Segensjochen!

Der Herrschaft Zier und nicht der Knechtschaft Schmach

Ist in dem Wort ›Vermählung‹ ausgesprochen.

Bedenk’ es Herr, und sinne weislich nach:

Wie wechselreich der Mensch auch seinen Tag

Verbringt mit Wachen, Schlafen, Gehen, Reiten,

Es flieht sein Leben in der Flucht der Zeiten.«

»Grün’t Dir auch jetzt der Jugend Frühlingsschimmer,

Kriecht doch das Alter still und stumm heran,

Und jeder Zeit droht uns der Tod, dem nimmer

Ein Mensch, wie hoch gestellt er sei, entrann.

Und so gewiß – das weiß ein jeder Mann –

Ist ihm der Tod, wie ungewiß der Tag,

An dem begegnen ihm sein Ende mag.«

»Beherzige den treuen Rath von Allen,

Die stets gehorchten, wenn Dein Ruf erklang;

Was wir begehren, laß auch Dir gefallen:

Nimm Dir ein Weib und zaudere nicht lang’.

Das beste wähle von dem höchsten Rang

Im ganzen Land; denn, wie wir Alle meinen,

Kann Gott und Dich dies nur zu ehren scheinen.«

»Nimm diese Furcht von unserem Gemüthe!

Um Gottes Willen, bleib’ nicht unvermählt.

Denn wären – was in Gnaden Gott verhüte! –

Die Tage Deines Lebens bald gezählt,

So folgt ein Fremder, wenn der Erbe fehlt.

Und weh’ dem Volke, wenn dies je geschähe!

Drum laß Dich bitten, schreite rasch zur Ehe!«

Ihr tiefbewegtes Fleh’n, ihr bittend Dringen

Der edle Markgraf mitleidsvoll vernahm.

»Ihr wollt,« – so sprach er – »liebes Volk, mich zwingen

Zu dem, was nimmer in den Sinn mir kam.

Noch bin ich nicht der holden Freiheit gram,

Die selten ist im Ehestand zu finden;

Stets war ich frei – und nun wollt Ihr mich binden!«

»Doch muß ich Euren treuen Rathschlag bill’gen,

Denn Eurer Klugheit hab’ ich stets vertraut.

Ich will aus freien Stücken darein will’gen,

So rasch ich kann, erwähl’ ich eine Braut!

Doch von dem Vorschlag bin ich nicht erbaut,

Die Auswahl ganz in Eure Hand zu geben;

Der Sorge, bitt’ ich, laßt mich Euch entheben.«

»Denn das weiß Gott, höchst ungleich sind an Güte

Die Kinder oft dem würd’gen Elternpaar.

Werth kommt von Gott und stammt nicht vom Geblüte,

Das uns erzeugte, oder uns gebar.

Auf Gottes Huld vertrau’ ich! Ihm, führwahr,

Geb’ ich anheim in Anbetracht der Ehe

Rang, Stand und Alles. – Was Er will, geschehe!«

»Gestattet, daß mein Weib ich selber wähle!

Wie sehr die Last den Rücken auch beschwert,

Ich trage sie. – Doch bitt’ ich und befehle

Bei Eurem Leben, daß mein Weib Ihr ehrt,

Wer sie auch sei, so lang’ ihr Dasein währ’t,

In Wort und That – und dies versprecht auf Ehre! –

Als ob sie Tochter eines Kaisers wäre.«

»Und ferner sollt Ihr schwören, nie zu klagen

Und nie zu spötteln über meine Wahl;

Denn soll ich meiner Freiheit mich entschlagen,

Wie Euer Rath so dringend mir empfahl,

Will ich auch wählen aus der Weiber Zahl

– Bei meinem Heil! – nach eignem Wunsch und Neigen!

Sonst thut Ihr besser, davon still zu schweigen.«

Und schwörend stimmten sie in allen Dingen

Ihm herzlich bei, und Niemand sagte Nein,

Und baten zu bestimmen, eh’ sie gingen,

So bald als thunlich und von vorn herein

Den Tag, an welchem Hochzeit solle sein;

Da sich das Volk mit steter Sorge quälte,

Daß sich der Markgraf ungern nur vermählte.

Den Tag bestimmend, wie’s ihm einfiel eben,

Als der Vermählung äußersten Termin,

Sprach er, daß ihrem Wunsche nachgegeben

Auch hierin sei. – Und Alle priesen ihn,

Und ehrfurchtsvoll bedankte auf den Knie’n

Sich Jedermann. Erfüllt war ihre Bitte,

Und Alle lenkten heimwärts ihre Schritte.

Den Hofbeamten hieß dann unverweilt er,

Zum Hochzeitsfest zu rüsten sich sofort,

Und nach Gefallen rings Befehl ertheilt’ er

Bald hier den Rittern, bald den Pagen dort;

Und allesammt gehorchten ihm aufs Wort,

Und dienstbeflissen thaten sie ihr Bestes,

Um beizutragen zu dem Glanz des Festes.

Pars Secunda.

Nicht weit vom stolzen Schlosse, wo zum Tage

Der Hochzeit sich zu rüsten hieß der Graf,

Gewahrte man in reizend schöner Lage

Ein Dorf, und in den niedern Hütten traf

Ein Volk man an, das ärmlich, aber brav

Sich und den Viehstand von den Früchten nährte,

Die seinem Fleiß des Bodens Gunst gewährte.

An Armuth aber übertraf fast Alle

Ein Mann im Dorf, Janikola genannt;

Doch, wie einst jenem kleinen Ochsenstalle

Des höchsten Gottes Gnade zugewandt,

Man in der Hütte dieses Mannes fand

Das schönste Bild der reinsten Lieblichkeit,

Ein holdes Kind. – Griseldis hieß die Maid.

Die Sonne sandte nie vom Himmelsbogen

Auf solchen keuschen Liebreiz ihren Schein.

In größter Armuth war sie auferzogen,

Von üpp’ger Lust blieb ihre Seele rein;

Der Trunk der Quelle labte sie statt Wein.

Der Tugend hold und gram dem Müßiggang,

Ward keine Arbeit ihr zu schwer und lang.

Kaum übertretend ihrer Kindheit Schranken,

Erfüllten schon den jungfräulichen Sinn

Ein reifer Muth und ernste Pflichtgedanken,

Und als des alten Vaters Pflegerin

Gab sie sich liebend voller Ehrfurcht hin;

Und ging im Felde hüten ihr’ paar Schafe,

Und wollte rastlos wirken bis zum Schlafe.

Auch Wurzeln oder andre Kräuter brachte

Sie machmal heim, zerschnitt sie und begann

Daraus ihr Mahl zu kochen, und sie machte

Ihr dürftiges und hartes Lager dann.

Und auf den Unterhalt des Vaters sann

Sie so besorgt und mit dem freud’gen Wollen,

Das ihren Vätern brave Kinder zollen.

Griseldis aber, diesem armen Kinde,

War längst des Markgrafs Sinnen zugewandt;

Denn oft geschah’s, daß, jagend durch die Gründe,

Durch Zufall sie sein spähend Auge fand.

Indessen nicht zu wilder Lust entbrannt

Durch ihren Reiz, nein, nur mit ernster Regung

Blickt’ er auf sie und zog oft in Erwägung:

Empfohlen sei dem Herzen sie durch Tugend;

Durch Weiblichkeit in Blick und Wort bewährt,

Sei sie vor Allen in so zarter Jugend. –

Und wenn der Mensch der Einsicht oft entbehrt,

Was Tugend ist; er sah auf ihren Werth,

Und er beschloß, wenn er je freien solle,

Daß er nur sie und keine Andre wolle.

Der Tag der Hochzeit kam. Indessen wußte

Noch Niemand, welches Weib er sich erkor;

Und da dies Jeden Wunder nehmen mußte,

So flüsterte man leise sich ins Ohr:

»Bleibt unser Herr denn immerdar ein Thor?

Will er nicht frei’n? O, Jammer, welch Verschieben!

Will er uns narr’n? Hat er nur Spott getrieben?«

Doch längst gefaßt war schon zum Brautgeschmeide

Der Gemmen Pracht in Gold und in Azur.

Das Maß zu nehmen von dem Hochzeitskleide

Ward eine Magd gewählt, die an Statur

Griseldis glich, soweit als möglich nur;

Und von dem Markgraf vorgesorgt aufs Beste

War jeder Schmuck, entsprechend solchem Feste.

Schon nah’te mit des Tages neunter Stunde

Sich die zur Hochzeit festgesetzte Zeit,

Des Schlosses Räume standen in der Runde

Schon zum Empfange reichgeschmückt bereit.

In Küch’ und Keller welche Herrlichkeit!

Da wirst Du keinen einz’gen Leckerbissen,

Den nur Italien liefern kann, vermissen!

Gefolgt von seinem Hofstaat und den Schaaren

Der Edelfrau’n und Ritter, die durch ihn

Zum Fest der Hochzeit eingeladen waren,

Der Markgraf dann im Fürstenschmuck erschien,

Um unter Klang und Sang von Melodien

Sich gradewegs zum Dorfe, das soeben

Von mir erwähnt ist, festlich zu begeben.

Bei Gott! Griseldis mochte wenig träumen,

Daß ihr bestimmt sei soviel Glanz und Pracht.

Zum Brunnen gehend, schöpft sie ohne Säumen

Dort Wasser und kehrt heimwärts mit der Tracht.

Denn wie sie hörte, war der Graf bedacht,

Sich an dem heut’gen Tage zu vermählen;

Und ungern möchte sie den Zug verfehlen.

Sie dachte: Mit den andren Mädchen stell’ ich

Mich vor die Thür von unsrer Hütte hin.

Drum will ich eilen, damit rasch und schnell’ ich

Mit meiner Arbeit heute fertig bin,

Und mich des Anblicks unsrer Markgräfin

Erfreuen kann in Muße und in Ruh’,

Lenkt sich der Festzug dem Palaste zu.

Doch kaum erreichte sie die Flur der Hütte,

Als schon der Markgraf nah’te und sie rief;

Worauf sie – hastig ihre Wasserbütte

Im Viehstall bergend – ihm entgegenlief;

Und vor ihm beugte sie die Kniee tief,

Und ernsten Blicks verharrte sie dann stille,

Bis sie erfahren, was des Herren Wille.

Und an das Mädchen wandte seine Frage

Gedankenvoll der Markgraf mit dem Wort:

»Wo mag dein Vater sein, Griseldis? sage!«

Und ehrfurchtsvoll gab Antwort sie sofort:

»Er weilt, o Herr, in nächster Nähe dort!«

Und ohne Zögern sprang sie dann empor

Und führt’ dem Grafen ihren Vater vor.

Der Graf ergriff die Hand des armen Mannes,

Zog ihn bei Seite und sprach tiefbewegt:

»Janikola! nicht länger mag und kann es

Ich Dir verhehlen, was mein Herz erregt;

Und sagst Du ›Ja‹ zum Wunsche, den es hegt,

Nehm’ ich Dein Kind – was immer auch geschehe –

Bevor ich scheide, lebenslang zur Ehe!«

»Ich kenne Dich als treuen Hausvasallen

Und weiß, Du liebst mich; und was mir gefällt

– Das darf ich sagen – ist auch Dein Gefallen;

Drum auf die Frage, welche Dir gestellt,

Erwidre mir und sprich, wie sich’s verhält,

Gieb Deine Absicht offen zu erkennen:

Bist du geneigt, mich Schwiegersohn zu nennen?«

Kaum wußte sich der arme Mann zu sammeln;

So unerwartet brach’s auf ihn herein.

Beschämt, erröthend, zitternd konnte stammeln

Er nur die Worte: »Lieber Herre, mein,

Was Euch gefällt, soll mein Gefallen sein!

Herr, Euren Willen ich zu meinem mache;

Wie’s Euch beliebt, entscheidet in der Sache!«

Sanft sprach der Markgraf: »Weitern Rath zu pflegen,

Laßt uns zusammen in Dein Zimmer geh’n,

Du, sie und ich. – Und fragst Du mich weßwegen?

Nun wohl! in Deinem Beisein soll’s gescheh’n,

Vor Deinem Ohr soll sie mir Rede steh’n,

Auf meine Frage: ob sie ewig mein

Treu und gehorsam Eheweib will sein?«

Und als im Zimmer sie beisammen waren

Um – wie dies später näher dargelegt –

Die Sache zu besprechen, drang in Schaaren

Das Volk ins Haus; und Staunen rings erregt,

Wie sorgsam sie den theuren Vater pflegt.

Doch höchst verwundert stand Griseldis da,

Die nie zuvor ein solches Schauspiel sah.

Kein Wunder war’s, daß sich ihr Staunen regte,

Und daß beim Anblick von solch hohem Gast,

Wie sie im Hause nie zu sehen pflegte,

Ihr Angesicht so ganz und gar erblaßt.

Doch um die Sache kurz zu machen, laßt

Mich melden, was vom Grafen ward gesagt

Der guten, holden, vielgetreuen Magd.

»Griseldis!« – sprach er – »wisse und verstehe,

Daß Deinem Vater, so wie mir es paßt,

Daß Du mein Weib wirst, ist zu dieser Ehe,

Wie ich vermuthe, Dein Entschluß gefaßt.

Doch da die Werbung Eile hat und Hast,

So bitt’ ich Dich, daß Du mir Antwort schenkest,

Ob Du mir beistimmst oder anders denkest?«

»Ich frage Dich: bist Du mit Herz und Willen

Bei Tag und Nacht zu meiner Lust bereit?

Willst Du Dich fügen jeder meiner Grillen,

Ob sie Dir Freude machen oder Leid?

Entsagst Du jedem Widerspruch und Streit?

Willst Du in Wort und Mienen niemals schmälen?

So schwör’s, und ich beschwöre, Dich zu wählen.«

Verwundert sprach mit Zittern und mit Beben

Griseldis: »Herr! unwürdig und nicht werth

Bin ich der Ehre, wenn ich auch ergeben

Das thuen will, was Ihr von mir begehrt.

Ich schwör’ es hier: gehorsam, treu bewährt

Sollt Ihr mich finden stets in That und Sinn,

Sonst nehmt mein Leben, das so lieb mir, hin!«

»Das ist genug, Griseldis mein!« – die Worte

Sprach froh der Markgraf und, gefolgt von ihr,

Enteilte rasch er aus des Hauses Pforte

Und sprach zum Volk in folgender Manier:

»Seht, die von mir erwählte Braut steht hier!

Habt Ihr mich lieb, so tragt sie auf den Händen,

Verehrt und liebt sie! – damit laßt mich enden!«

An alten Kleidern sollte sie beim Scheiden

Nichts mit sich nehmen, und so übertrug

Den Kammerfrau’n der Graf, sie zu entkleiden;

Und waren sie auch zimperlich genug,

Das zu berühren, was am Leib’ sie trug,

Sah man die Maid mit freuderothen Wangen

Doch neugeschmückt vom Kopf zu Fuße prangen.

Das rauhe Haar begannen sie zu strählen,

Mit zarten Fingern ward aufs Haupt gedrückt

Ihr eine Krone, während mit Juwelen

Von jeder Art und Größe man sie schmückt.

Genug vom Anzug! – Jeder ist entzückt

Von ihrer Schönheit, obschon Glanz und Pracht

Sie für die Leute fast unkenntlich macht.

Ein Ringlein gab der Markgraf ihr zu eigen

Zum Zeichen, daß sein Eheweib sie sei,

Ein schneeweiß Rößlein hieß er sie besteigen,

Und hin zum Schloß, vom Volk mit Jubelschrei

Begrüßt, begleitet, zogen rasch die Zwei,

Und froh verbrachten sie den Tag mit Festen,

Bis daß die Sonne niedersank im Westen.

Um in die Länge nicht den Stoff zu ziehen,

Sei kurz erwähnt, daß Gottes Gnadenhand

Der Markgräfin so reiche Gunst verliehen,

Daß Jedermann es schier unglaublich fand,

Sie sei geboren in so nied’rem Stand,

In einer Hütte, einem Ochsenstalle,

Anstatt entsprossen einer Kaiserhalle.

In Ehrfurcht aber und in Liebe wandte

Sich jedes Herz stets wärmer zu ihr hin.

Das Volk im Dorf, das sie zeitlebens kannte,

Beharrte steif und fest auf seinem Sinn

Und wollte schwören, daß von Anbeginn

Sie nie das Kind Janikola’s gewesen,

Vielmehr ein andres, ganz verschied’nes Wesen.

Wie sie die Tugend stets zuvor bewahrte,

Schien sie an Güte und Vortrefflichkeit

Mit ihrem Stand zu wachsen, und sie paarte

Die Kunst der Rede mit Verschwiegenheit,

Anstand und Würde mit Leutseligkeit;

Und jedes Herz sie so zu fesseln wußte,

Daß, wer sie sah, auch liebgewinnen mußte.

Indessen blieb nicht auf Saluzzo’s Wälle

Ihr guter Namensruf allein beschränkt;

Nein, das Gerücht davon ward in der Schnelle

– Da Einer immer wie der Andre denkt –

Durch alle Lande so umhergesprengt,

Daß Herr’n und Frau’n, die jungen, wie die alten,

Um sie zu sehen, nach Saluzzo wallten.

Und Walther, der in Niedrigkeit zwar freite,

Doch königlich und überglücklich, fand

Den Frieden Gottes an der Gattin Seite

Und anderweitig Huld und Gunst im Land;

Und da er sah, daß unter niederm Stand

Auch Tugend wohne, ließ für weise gelten

Ihn rings das Volk – und das geschieht höchst selten.

Griseldis aber war nicht nur erfahren

In jeder Weibespflicht der Häuslichkeit;

Nein, wo es Noth that, wußte sie zu wahren

Des Reiches Nutzen, schlichtend jeder Zeit

Im ganzen Lande Zwiespalt, Zank und Streit.

Und was in ihrer Weisheit sie entschieden,

Damit gab sich auch jedes Herz zufrieden.

Und war zugegen oder nicht ihr Gatte,

Erzürnten sich zwei Herr’n in ihrem Land,

Vermittelte sie deren Streit und hatte

Verständ’ge, reife Worte gleich zur Hand,

Und unparteiisch man den Schiedsspruch fand.

Ein Jeder hielt sie für ein himmlisch Wesen,

Dem Recht zum Schutz, dem Volk zum Heil erlesen!

Nicht lang’, nachdem die Hochzeit war begangen,

Gebar Griseldis ihm ein Töchterlein

Trotz ihrem Wunsch, ein Söhnchen zu empfangen;

Froh war der Markgraf, sowie allgemein

Sein ganzes Volk. Dem Mädchen hinterdrein

Ließ, da ihr Schoß so fruchtbar schien und offen,

Sich auch mit Recht ein Knabe noch erhoffen.

Pars Tertia.

Und als sie kurze Zeit an ihren Brüsten

Das Kind gesäugt, geschah – was oft gescheh’n –

Daß ihr Gemahl, der Markgraf, von Gelüsten,

Sie zu versuchen, sich erfaßt geseh’n.

Zu schwach, dem tollen Wunsch zu widersteh’n,

Sann er auf Mittel, wie zu diesem Zwecke,

Griseldis er – Gott weiß, umsonst! – erschrecke.

Durch manche Probe war von ihrer Treue

Ihm längst zuvor schon der Beweis geschenkt.

Was nützt es ihm, daß er sie stets aufs Neue

Versuchen will? – Ach! wenn auch Mancher denkt,

Es sei höchst geistreich, daß sein Weib man kränkt,

So sag’ ich Euch, ein schmähliches Betragen

Ist, ohne Nutzen es in Furcht zu jagen.

In solcher Absicht war zur Nacht erschienen

Der Markgraf einst in ihrem Schlafgemach,

Wo er mit düstren und verstörten Mienen

In dieser Weise zu Griseldis sprach:

»An jenen Tag, an dem aus Noth und Schmach

Ich Dich einst zog, Dir Glanz und Rang zu schenken

Wirst Du, Griseldis, sicherlich noch denken.«

»Griseldis, daß ich Dich mit Ehren schmückte

Und zu dem Rang und zu der Würdigkeit,

Die jetzt Dich ziert, aus niederm Stand entrückte

Und tiefer Armuth, als ich Dich gefreit,

Vergißt Du, denk’ ich, wohl zu keiner Zeit.

Doch bitt’ ich aufmerksam mich anzuhören;

Wir sind allein; kein Lauscher kann uns stören.«

»Du weißt es selber, wie Du eingezogen

In dieses Haus bist – kurze Zeit ist’s her.

Zwar lieb ich Dich und bin Dir treu gewogen,

Doch meine Ritter sind Dir’s nimmermehr,

Und sagen jetzt, es kränke sie zu sehr,

Daß ich ergäbe mich so ganz zum Knechte

Dir, die entstammt so niederem Geschlechte.«

»Und da Du mir ein Töchterlein beschieden,

So liegen sie beständig mir im Ohr.

Ich lebte gern in Ruhe und in Frieden

Mit meinem Adel ferner, wie zuvor.

Dies leicht zu nehmen, bin ich nicht der Thor;

Und muß daher mit Deiner Tochter schalten

Nach meiner Ritter, nicht nach meinem Walten.«

»Jedoch, weiß Gott, zuwider und verdrießlich

Bleibt mir der ganze Handel immerhin;

Und darin vorgehn will ich nicht, bis schließlich

Ich Deiner Zustimmung versichert bin.

Darum bethätige geduld’gen Sinn,

Wie Du mir hoch und theuer hast geschworen,

Als ich im Dorf zum Weibe Dich erkoren.«

Sie hörte jedes Wort. Doch im Benehmen,

In ihrer Haltung und Geberde stand

Sie ruhig da und schien sich kaum zu grämen.

»Mein Herr« – sprach sie – »wir sind in Deiner Hand.

Sei Tod, sei Leben über uns erkannt,

Ich und mein Kind sind Dir von ganzer Seele

Gehorsam stets und, was Du willst, befehle.«

»So wahr ich hoffe, selig einst zu werden,

Was Dir nicht lieb ist, das mißfällt auch mir.

Ich wünsche nichts, hab’ ich nur Dich auf Erden,

Ich fürchte nichts, als den Verlust von Dir!

Das ist mein Herzenswille für und für,

Den unverändert ich durch Zeit und Lage

Bewahren werde bis zum Todestage.«

Wie immerhin der Markgraf sich verstellte,

Ihn freute dennoch, was Griseldis sprach.

Dem Anschein nach voll Mißmuth und voll Kälte

Verließ indessen er ihr Schlafgemach,

Um seine Pläne kurze Zeit hernach

Ganz heimlich einem Manne mitzutheilen,

Dem er befahl, zu seiner Frau zu eilen.

Ein’ Art Profoß war der vertraute Diener,

Den er stets treu in großen Dingen fand,

Und auch, um Böses auszuführen, schien er,

Wie Leute solchen Schlages, ganz zur Hand;

Und da in ihm sich Lieb’ mit Furcht verband

Für seinen Herrn, stahl er, als dessen Wille

Bekannt ihm war, in ihr Gemach sich stille.

»Madam,« – sprach er – »laßt mir es nicht entgelten,

Wenn ich vollführe, wozu man mich zwingt.

Ihr seid so klug und wißt, daß Herren schelten,

Wenn ihren Auftrag man nicht unbedingt

Gehorsam ausführt und genau vollbringt.

Man muß es thun, trotz Jammer und trotz Klagen;

Und so will ich! – Mehr bleibt mir nicht zu sagen.«

»Dies Kind zu holen, ist mir aufgegeben.«

Mehr sprach er nicht. Jedoch, zur Thür gewandt,

Ergriff er es, als wenn er ihm das Leben

Entreißen wollte mit entmenschter Hand.

Still ließ Griseldis ohne Widerstand,

Fromm, wie ein Lamm, mit unterdrückten Zähren

Den rohen Schergen klagelos gewähren.

Verdächtig war des Mannes Ruf und Wandel,

Verdächtig gleichfalls war sein Blick und Wort,

Verdächtig war der Zeitpunkt von dem Handel!

Ach! zu der heißgeliebten Tochter Mord

– So wähnte sie – sei er bereit sofort.

Doch ruhig blieb sie, keine Thräne floß,

Und willig trug sie, was der Graf beschloß.

Indessen Worte fand sie doch am Ende,

Und fleht so sanft, als ob ein Edelmann

In der Person des Schergen vor ihr stände,

Daß sie ihr Kind noch einmal küssen kann

Vor seinem Tod; und nimmt betrübt es dann

Auf ihren Schoß und lullt es auf und nieder

Und segnet es und küßt es immer wieder.

Mit milder Stimme hub sie an zu sagen:

»Leb’ wohl, mein Kind, auf Nimmerwiederseh’n!

Nun, da mein Kreuz ich über Dich geschlagen,

Kann Dir des Himmels Segen nicht entgeh’n.

Ich will zum Herrn am Marterholze fleh’n

Für Dich, mein Kind! Denn Deiner Mutter wegen

Gehst Du dem Tode diese Nacht entgegen!«

Wohl hätte jede Wärterin mit Schmerzen

Dies angesehn, und, sicher, Wehgeschrei

Hätt’ es entlockt jedwedem Mutterherzen.

Und dennoch blieb sie ernst gefaßt dabei,

Geduldig tragend alle Quälerei;

Und sprach zum Schergen mit ergeb’nem Sinn:

»Nimm hier mein kleines Mädchen wieder hin!«

»Nun geh’!« – sprach sie – »und thu’, was Dir geboten!

Doch eine Bitte sei Dir noch gestellt:

Ist Dir’s erlaubt, so grab’ der kleinen Todten

Ein Grab an irgend einem Platz der Welt,

Damit zum Raub sie nicht den Vögeln fällt.«

Doch aus des Schergen Munde kam kein Wort;

Er nahm das Kind und zog des Weges fort.

Der Scherge lief zum Grafen ohne Weilen,

Um, was sie sprach, wie ihr Benehmen war,

Ihm Punkt für Punkt in Kürze mitzutheilen,

Und reichte dann sein Töchterlein ihm dar.

Etwas ergriff des Grafen Herz es zwar,

Doch wollt’ er trotzdem sich beharrlich zeigen;

Denn stets ist Starrsinn großen Herren eigen.

Den Schergen hieß das Kind in weiche Decken

Er heimlich hüllen und es wohlverwahrt

In einen Kasten oder Korb zu stecken

Und fortzutragen schonungsvoll und zart;

Doch sich zu hüten – auf daß ihm erspart

Der Galgen sei – daß Niemand Argwohn finge,

Woher er käme und wohin er ginge.

Doch nach Bologna hin zu seiner Schwester,

Der Gräfin von Panago, schickt’ er ihn,

Um sie zu bitten, dieses Kind in bester

Und liebevollster Weise zu erziehn;

Und, da für seinen Plan es nöthig schien,

In jedem Falle strenge zu verschweigen

Vor aller Welt, wem dieses Kind zu eigen.

Der Scherge ging, den Auftrag auszuführen;

Doch kehren wir zum Grafen jetzt zurück.

Stets trieb ihn Neugier, weiter nachzuspüren,

Ob nicht sein Weib in Worten oder Blick

Verändert scheine durch ihr Mißgeschick.

Doch keinen Wechsel nahm er an ihr wahr,

Ernst aber freundlich blieb sie immerdar.

Sie schien ihn unverändert noch zu lieben;

Demüthig, freundlich, thätig, dienstbereit,

In jeder Hinsicht war sie gleich geblieben;

Doch von dem Kind sprach sie zu keiner Zeit,

Und nie verrieth sie irgendwie ihr Leid;

Und selbst in frohen Stunden, wie im Grame

Blieb unerwähnt stets ihrer Tochter Name.

Pars Quarta.

Vier Jahre waren dergestalt verflossen,

Eh’ sie vom Grafen wieder schwanger war

Und ihm durch Gottes Fügung einen Sprossen,

Den anmuthreichsten, schönsten Sohn gebar.

Und mit dem Vater jubelte die Schaar

Des ganzen Volks und pries für seine Güte

Den lieben Gott aus dankbarem Gemüthe.

Als nach zwei Jahren von der Amme Brüsten

Das Kind entwöhnt war, ließ zu jener Zeit

Der Markgraf sich zum zweiten Mal gelüsten,

Zu prüfen und versuchen fernerweit

– O, nutzlos Thun! – der Gattin Festigkeit.

Doch, Maß zu halten, leicht der Mann vergißt,

Sobald sein Weib allzu geduldig ist.

»Weib!« – sprach der Graf – »Du wirst vernommen haben:

Man hat mir unsre Heirath stets verdacht;

Doch ist mein Volk seit der Geburt des Knaben,

Wie nie zuvor darüber aufgebracht.

Den Muth sein Murren mir verlieren macht;

Zu Ohren kommen mir so scharfe Klagen,

Daß mir ins Herz sie Todesschrecken jagen.«

»Sie sprechen: Ruht einst Walther in der Grube,

So folgt, da uns ein andrer Erbe fehlt,

Aus dem Geblüt Janikolas der Bube.

Fürwahr! das ist’s, was murrend man erzählt

In meinem Volk und was mit Furcht mich quält.

Doch sicher muß Gewicht ich darauf legen,

Obschon sie schweigen, bin ich selbst zugegen.«

»Wo möglich, wünsch’ ich Frieden zu bewahren;

Und fest hab’ ich mir deßhalb vorgesetzt,

Wie ich mit seiner Schwester bin verfahren,

Ganz so verfahr’ ich heimlich mit ihm jetzt.

Drum sei gewarnt, wie schwer es Dich verletzt,

Nicht plötzlich leidenschaftlich aufzuflammen,

Nein, bitte, nimm Dich in Geduld zusammen.«

»Ich sagte« – sprach sie – »und ich werde sagen

Es immerdar: Dein Wunsch ist mein Gebot!

Wenn Du befiehlst, werd’ ich geduldig tragen

Den Tod des Sohnes, wie der Tochter Tod.

Ich litt um sie schon Schmerz in Kindesnoth,

Als ihnen Dasein dieser Schoß gegeben,

Und Schmerz um sie blieb auch mein Loos im Leben.«

»Du bist mein Herr, und mit den Deinen schalten

Kannst Du nach Willkür! Laß mich ungefragt!

Wie ich von meiner Kleidung nichts behalten,

Als ich Dich nahm, hab’ mit der Tracht der Magd

Ich meiner Freiheit auch zugleich entsagt,

Und nahm Dein Kleid, drum thu’, was Du beschlossen,

Gehorsam folg’ ich Dir stets unverdrossen.«

»Wo je zuvor nur die geringste Ahnung

Ich hegen konnte, was Dein Herz begehrt,

Bedurft’ ich auch gewißlich keiner Mahnung;

Und jetzt, nachdem Dein Wille mir erklärt,

Wirst Du mich standhaft finden und bewährt

Bis an den Tod. Mir sei zu Deinem Frommen

Und Deinem Wohl er jederzeit willkommen!«

»Mehr gilt mir Deine Liebe, als mein Leben!«

Die Worte sprach sie. – Und der Markgraf schlug

Die Augen nieder, staunend, wie ergeben

Und fest und standhaft sich sein Weib betrug,

War auch die Prüfung schmerzensvoll genug.

Mit finstren Blicken, doch erfreuten Sinnen

Ging dann der Markgraf wiederum von hinnen.

Und wieder trat der garst’ge Mann ins Zimmer

Und wiederum ergriff er, wie er schon

Einst ihre Tochter holte, ja, noch schlimmer,

Wenn’s möglich wäre, ihren schönen Sohn.

Geduldig trug sie fort und fort den Hohn;

Sie klagte nicht, sie setzte nichts entgegen;

Nein, gab dem Knaben Abschiedskuß und Segen.

Sie bat ihn nur, wenn es sein Amt erlaube,

Für ihres Söhnchens feinen, zarten Leib

Ein Grab zu graben, daß er vor dem Raube

Der Vögel und der Thiere sicher bleib’.

Doch keine Antwort fand das arme Weib.

Fort ging er, scheinbar mit verstocktem Sinn,

Doch sorgsam trug er’s nach Bologna hin.

Des Markgrafs Staunen wuchs mit jedem Tage,

Je mehr er sah, wie sie geduldig blieb;

Und ständ’ es nicht so gänzlich außer Frage,

Ihr wären beide Kinder mehr als lieb,

So hätt’ er wähnen können, daß ein Trieb

Nach Rache heimlich ihr am Herzen zehre,

Und Maske nur die Duldermiene wäre.

Er wußte ja, es hing ihr Herz beständig

Zunächst nach ihm allein den Kindern an.

Mich an die Weiber nunmehr fragend wend’ ich:

Ob diese Probe nicht genügen kann?

Ist’s möglich, daß ein unbeugsamer Mann

Noch mehr ersinnt, von ihr Geduld und Treue

Und Weiblichkeit zu prüfen stets aufs Neue?

Doch solche Leute trifft man oft im Leben,

Die, wenn sie einen Vorsatz erst gefaßt,

Daran mit solchem Eigensinne kleben,

Als ob sie gleichsam fest an einen Mast

Gebunden wären. Und dies Gleichniß paßt

Auch auf den Grafen. Stets blieb er gesonnen,

Es fortzutreiben, wie er es begonnen.

Er lauerte, ob sie in Wort und Wesen

Sich nicht verändert zeige gegen ihn.

Doch, wie in ihren Zügen nichts zu lesen,

Blieb ohne Wechsel auch ihr Herz und schien,

Je mehr und mehr der Jugend Jahre fliehn,

Wo möglich noch mit größerem Verlangen

Nach seiner Liebe fest an ihm zu hangen.

Und somit schienen nur von einem Willen

Die Zwei beseelt. Vergnügt und wohlgemuth

Entsprach Griseldis jeder seiner Grillen;

Und so ging Alles – Gott sei Dank! – auch gut.

Sie zeigte, daß ein Weib am Besten thut,

Dem Mann zu folgen und in allen Dingen

Den eignen Willen gänzlich zu bezwingen.

Doch wunderweit durch alle Lande drangen

Bald die Gerüchte seiner Grausamkeit.

Daß an den Kindern heimlich Mord begangen,

Weil er ein Weib aus niederm Stand gefreit,

Erzählte man im Volke weit und breit.

Kein Wunder war’s, da Niemand es erfahren,

Daß beide Kinder noch am Leben waren.

Stand er bei Allen in der höchsten Achtung,

Eh’ dies Gerücht dem Volk zu Ohren drang,

So fiel er jetzt in niedrige Verachtung;

Verhaßt vom Mörder war des Namens Klang.

Er aber trieb es weiter wie bislang,

Stets blieb bei ihm der böse Vorsatz oben:

Sein Weib noch mehr zu prüfen und erproben.

Als etwa in dem Alter von zwölf Jahren

Die Tochter stand, entsandte Botschaft er

Zum Hof nach Rom, in der Art zu verfahren,

Wie listig abgekartet war vorher,

Und wie ein Schreiben zu ersinnen wär’,

Daß ihm der Papst gestatte zum Gedeih’n

Und Wohl des Volks ein andres Weib zu frei’n.

Das heißt, gefälscht, wie er befohlen hatte,

In einer Bulle ward des Papstes Hand,

Indem man schrieb, daß ihm der Papst gestatte,

Zu lösen seiner Ehe Bund und Band,

Damit geschlichtet zwischen seinem Land

Und ihm der Zwiespalt sei, der sich entzündet.

– So sprach die Bulle – und so ward’s verkündet.

Das rohe Volk – kein Wunder war es – dachte,

Es hätte durchaus seine Richtigkeit.

Mich aber dünkt, das schwerste Herzweh machte

Griseldis sicher diese Neuigkeit.

Indeß sie trug die Widerwärtigkeit,

Zu welcher sie vom Schicksal war erlesen,

Mit immer gleichem und geduld’gem Wesen.

Sich jeder Laune fügend, blieb ihr Sinnen

Und ganzes Denken stets ihm zugewandt.

Doch, den Bericht nicht länger auszuspinnen,

Erzähl’ ich kurz, daß von des Grafen Hand

Ein Schreiben nach Bologna war entsandt,

In welchem alle Pläne, die er hegte,

Er im Vertrauen klar und offen legte.

Dem Grafen von Panago, seinem Schwager,

War dringend das Ersuchen übermacht,

Die Kinder wieder an des Hofes Lager

Ihm heimzusenden in der größten Pracht,

Ganz öffentlich, jedoch mit Vorbedacht,

An keinen Menschen und auf kein Befragen

Von ihrer Herkunft irgend was zu sagen;

Doch auszusprengen, daß zur Braut erwählte

Der Markgraf von Saluzzo diese Maid. –

Und nachzukommen seinem Wunsch, verfehlte

Auch nicht der Graf. Denn zur bestimmten Zeit

Sah man ihn unter stattlichem Geleit

Mit ihr und ihrem Brüderchen daneben

Sich nach Saluzzo auf den Weg begeben.

Man schmückte sie mit Gemmen und Gesteinen

Wie eine Braut zum Hochzeitsfeste dann,

Und kleidete in gleicher Art den kleinen,

Nur sieben Jahre alten Bruder an;

Worauf der Festzug feierlich begann.

Im höchsten Glanze ritten froh und heiter

Von Tag zu Tag sie nach Saluzzo weiter.

Pars Quinta.

Inzwischen blieb des Grafen böses Sinnen,

Sein Weib zu prüfen immer mehr und mehr.

Und um die Ueberzeugung zu gewinnen,

Ob sie sich standhaft zeige wie zeither,

Ersann die schwerste aller Proben er,

Und sprach zu ihr im öffentlichen Kreise

Des ganzen Hofs in dieser schnöden Weise:

»Gewiß, Griseldis, nimmer fühlt’ ich Reue,

Daß ich dich hab’ zu meinem Weib erwählt;

Denn Deine Güte, Folgsamkeit und Treue

Ersetzen, was an Blut und Reichthum fehlt.

Doch auch die Wahrheit blieb mir nicht verhehlt,

– Und allzutief hab’ ich sie jetzt empfunden –

Daß Herrschaft stets mit Knechtschaft ist verbunden.«

»Nicht wie ein Bauer darf ich thun und treiben,

Was mir gefällt. – Mein Volk verlangt und schreit

Und drängt, mich anderweitig zu beweiben;

Und um zu schlichten diesen Zank und Streit,

Ist auch der Papst gesonnen und bereit,

Es zu gestatten. – Und so laß Dir sagen:

Mein neues Weib kommt schon wenig Tagen.«

»Sei starken Herzens! – Schleunigst mußt Du räumen

Ihr Deinen Platz. – Nimm Deinen Brautschatz mit!

Ich schenk’ ihn Dir. – Doch lenke sonder Säumen

Zu Deines Vaters Hütte jetzt den Schritt.

Nicht Jedermann ist seines Glückes Schmied;

Und trifft Dich Unglück ohne Dein Verschulden,

So lerne Du, mit Gleichmuth es erdulden.«

Sie aber sprach ergeben und gelassen:

»Mein Herr! ich weiß und hab’ es längst erkannt,

Dein hoher Rang kann nicht zusammenpassen

Mit meiner Armuth, meinem niedern Stand;

Und mir, wie Jedem, sagt es der Verstand:

Zur Zier gereichen kann ich Deinem Hofe

Nicht als Dein Weib; nein, kaum als Kammerzofe.«

»Doch Gott wird mir das Zeugniß nicht versagen

– Sonst fahre meine Seligkeit dahin! –

Nie hab ich mich als Herrscherin betragen,

Seitdem ich Dame Deines Hauses bin;

Nein, stets als Deiner Hoheit Dienerin;

Und so verbleib’ ich auch fürs ganze Leben

Dir mehr als jeder Kreatur ergeben.«

»Daß Deine Güte Du so lang bewährtest,

Und daß Du weit, weit über die Gebühr

Stets in der adeligsten Art mich ehrtest,

Mit ganzem Herzen dank’ ich Gott dafür.

Er lohne Dir’s! – Mich aber laß zur Thür

Der Vaterhütte meine Schritte wenden;

Dort laß mich wohnen und mein Leben enden!«

»Ich lebte dort in meinen Jugendjahren.

Dort will ich auch als Wittwe bis ans Grab

Dir Leib und Seele keusch und rein bewahren,

Und wie ich Dir zu eigen mich ergab

Und Dich als treues Weib geliebt, so hab’

Auch keine Furcht, daß ich nach solcher Ehre

Je einem Andern meine Gunst gewähre.«

»Dein neues Weib! – Nun, Heil und Segen spende

Nur stets durch sie Dir Gottes Gnadenhand! –

Gern räum’ ich meinen Platz ihr ein und wende

Mich fort vom Haus, wo ich mich wohl befand,

Durch Dich, der einst mein Alles war, verbannt!

Indeß, Dein Wunsch und Wille soll geschehen:

Du heißt mich gehen – und ich werde gehen!«

»Du schenkst mir Alles, was als Morgengabe

Ich Dir gebracht! – Doch Silber nicht, noch Gold,

Ein altes Kleid war alle meine Habe,

Und das ließ ich zurück, wie Du gewollt.

– O, lieber Gott, wie treu, wie gut, wie hold,

Wie freundlich warst Du mir in Wort und Mienen

An unserm ersten Hochzeitstag erschienen!«

»Ein Sprichwort sagt, und daß es wahr und treu ist,

Hat die Erfahrung auch an mir bewährt:

Alt ist die Liebe nur, so lang sie neu ist!

Doch bester Herr, was mir auch widerfährt,

Bis an den Tod bleibst Du mir lieb und werth!

Ich gab mein Herz auf ewig Dir zu eigen

Und keine Reue werd’ ich je Dir zeigen.«

»Auf Dein Geheiß warf ich mein schlichtes Mieder,

Als ich mein Vaterhaus verließ, von mir;

Ich brachte nichts als meine nackten Glieder,

Mein Mädchenthum und meine Treue Dir!

Zurück empfange Deine Kleider hier,

Zurück den huldvoll mir geschenkten Schimmer,

Zurück auch Deinen Ehering – für immer!«

»Was Du mir sonst an Schmuckwerk hast verliehen,

Das, darf ich sagen, birgt mein Schlafgemach.

Du nahmst mich nackend, und Du heißt mich ziehen

Auch nackend heim zum väterlichen Dach.

All Deinen Wünschen komm’ ich willig nach.

Doch kann ich nicht an Deine Absicht glauben,

Mich jeder Hülle schamlos zu berauben.«

»Du kannst mich nicht so schonungslos verletzen,

Mich wie den Wurm im Staube nackt und bloß

Dem Gafferblick des Pöbels auszusetzen,

Zur Schau ihm stellend meinen Mutterschoß,

Aus welchem Dir Dein Kinderpaar entsproß.

Erinn’re Dich, mein theurer Herr, ich bleib’,

Werth oder unwerth, immerhin Dein Weib!«

»Ich brachte Dir mein Mädchenthum, doch kehre

Mit meinem Mädchenthume nicht zurück;

Drum darf ich bitten, lieber Herr, gewähre

Mir zum Ersatz ein grobes Kleidungsstück,

Wie ich es trug, damit des Volkes Blick

Den Leib nicht sehe, der Dein eigen war;

Und damit Herr, leb’ wohl auf immerdar!«

»Das Hemd,« – sprach er – »das Du auf Deinem Rücken

Jetzt trägst, behalte; geh’ damit nach Haus.«

Doch konnt’ er kaum die Thränen unterdrücken,

Und schlich betrübten Herzens sich hinaus.

Doch vor dem Volke zog ihr Kleid sie aus,

Und nur im Hemde lenkte sie die Schritte,

Baarfüßig, baarhaupt zu des Vaters Hütte.

Und weinend zogen mit ihr Volkes Massen

Und fluchten laut dem unbeständ’gen Glück;

Doch sie verhielt sich schweigend und gelassen,

Und keine Thränen trübten ihren Blick.

Entsetzt vernahm der Vater ihr Geschick,

Verwünschend Tag und Stunde, die das Leben

Ihm armen, unglücksel’gen Mann gegeben.

Denn, ohne Zweifel, Ahnungen durchdrangen

Seit langer Zeit des armen Greises Brust,

Der Markgraf werde, wenn erst sein Verlangen

Gesättigt wäre und gestillt die Lust,

Sich nur zu rasch des Unterschieds bewußt

Von seinem Rang und ihrem niedern Stande,

Und baldigst lösen seiner Ehe Bande.

In Eile lief der Tochter er entgegen,

Als ihm der Lärm des Volks zu Ohren drang,

Ihr unter Thränen wieder anzulegen

Ihr altes Kleid, was nimmer ihm gelang.

Zu alt und fadenscheinig war schon lang

Der grobe Kram geworden seit den Tagen,

Als sie am Hochzeitsmorgen ihn getragen.

Hinfort blieb unter ihres Vaters Dache

Die Blume weiblicher Ergebenheit.

Und nie verrieth durch Mienen oder Sprache

Sie vor der Welt, noch in der Einsamkeit,

Was sie ertrug an Kränkung und an Leid.

Kaum schien sie die Erinn’rung zu bewahren

An ihren Rang in Haltung und Gebahren.

Kein Wunder war’s, da sie im höchsten Schimmer

Des Herzens Demuth keiner Zeit verlor;

Verzärtelt hatte Sinn und Leib sie nimmer,

Nie blähte sie der Hoheit Pomp empor.

Geduldig, freundlich blieb sie, wie zuvor;

Ehrbar, verschwiegen, ohne Ueberhebung

Gehorchte sie dem Gatten mit Ergebung.

Von Hiobs Langmuth haben uns die Schreiber

Gar viel erzählt. Stets stellen sie voran

Die Männerwelt und haben für die Weiber

Nur wenig Lob. Und doch in Demuth kann

Mit einer Frau sich messen nie der Mann;

Und keinen giebt es, der nur halb so treu ist;

Sonst liegt ein Fall vor, welcher gänzlich neu ist.

Pars Sexta.

Es fand inzwischen das Gerücht Verbreitung

Und rings im ganzen Volke ward es laut

Es käme von Bologna in Begleitung

Des Grafen von Panago Walthers Braut;

Und nimmer wäre solcher Pomp erschaut

Im ganzen Westen von der Lombardei,

Wie bei dem Festzug zu erblicken sei.

Der Markgraf aber lenkte wie am Faden

Das ganze Spiel; und ließ, bevor sein Gast

Die Stadt erreichte, schon durch Boten laden

Das arme Kind, Griseldis, zum Palast.

Und ohne Haß und Groll kam sie, gefaßt,

Demüthig, freundlich, um ihn zu begrüßen,

Und warf sich voller Ehrfurcht ihm zu Füßen.

»Griseldis!« – sprach er – »es ist mein Verlangen,

Die Dame, die ich mir zum Weib erwählt,

So königlich hier morgen zu empfangen,

Daß, soweit möglich, nichts im Hause fehlt,

Und Jeder, der zu meinen Gästen zählt,

Nach seinem Rang gestellt und auf das Beste

Gefeiert und bedient sei bei dem Feste.«

»Mir fehlt die Weiberhand, des Hauses Hallen

Nach meinem Wunsch zu schmücken, und so bin,

Dies herzurichten, ich auf Dich verfallen;

Denn Du bist unerfahren nicht darin,

Und kennst aus frühern Zeiten meinen Sinn.

Ist auch Dein Anzug schlecht und abgerissen,

Thu’ Deine Pflicht und zeig’ Dich dienstbeflissen.«

»Nicht nur erfreut, mein Herr« – so sprach sie – »bin ich,

Zu thun, was Ihr verlangt; nein, jeder Zeit

Euch zu gefallen und zu dienen sinn’ ich,

Und bin dazu ganz wankellos bereit.

Denn wie im Glücke, so wird auch im Leid

In meinem Busen nie der Wunsch erkalten,

In treuster Liebe fest an Euch zu halten.«

Und mit dem Wort begann sie schon zu schmücken

Das Haus, macht Betten, deckt die Tafeln dann,

Und trieb, um Alles bestens zu beschicken,

Zum Fegen und zum Scheuern, wie sie kann,

Die Dienerschaft in Gottes Namen an.

Doch sie war stets die Thätigste von allen;

Und bald im Festschmuck prangten Haus und Hallen.

Am Morgen traf etwa zur neunten Stunde

Der Graf sodann mit beiden Kindern ein.

Zusammen lief das Volk bei dieser Kunde

Und nahm die Herrlichkeit in Augenschein.

Und gleich zuerst hieß es schon allgemein:

Kein Thor sei Walther, und wär’s auch nicht recht,

Sein Weib zu wechseln, sei der Tausch nicht schlecht.

Daß sie weit schöner als Griseldis wäre,

An Jahren jünger, vornehmer an Stand,

Und schöne Früchte sicher ihm gebäre,

Ward von dem Volke ringsum anerkannt.

Auch an dem hübschen, frischen Bruder fand

Es viel Gefallen, und gelobt ward offen,

Vortrefflich sei des Markgrafs Wahl getroffen.

O, stürmisch Volk, in Dir wohnt keine Treue!

Mit jedem Wind, gleich einem Wetterhahn,

Dreht sich Dein steter Flattersinn aufs Neue;

Mehr als der Mond dem Wechsel unterthan,

Jubelst Du Beifall jedem frischen Wahn.

Falsch ist Dein Urtheil, schwankend, niemals fest;

Der ist ein Narr, wer sich auf Dich verläßt.

So sprachen in der Stadt gesetzte Leute,

Indessen gaffend rings der Pöbel stand.

Und mit veränd’rungssücht’gem Sinn sich freute

Der neuen Herrin über Stadt und Land.

Doch nun verlass’ ich diesen Gegenstand,

Damit ich von Griseldis’ fester Seele

Und ems’gem Schaffen fernerhin erzähle.

In jeder Hinsicht that sie dienstbeflissen,

Das Fest zu ordnen, wacker ihre Pflicht.

War auch ihr Anzug grob und halb zerrissen,

Sie schämte sich der armen Kleidung nicht.

Nein, ging zum Thor mit freundlichem Gesicht,

Die Gräfin dort gemeinsam zu empfangen;

Und dann ward flugs ans Werk zurückgegangen.

Mit holder Anmuth grüßte sie die Gäste,

Und hofgemäß und fehlerlos empfing

Nach Rang und Stand sie Jeden auf das Beste,

Und Allen schien’s ein wundersames Ding,

Woher der Frau, von Anschein so gering,

Die höfischen, gewandten Formen kämen;

Und Jeder pries als würdig ihr Benehmen.

Und alle Zeit hindurch sie nur zum Preise

Der jungen Maid und ihres Bruders sprach

Aus vollem Herzen und in güt’ger Weise;

Und keinem Andern stand sie darin nach.

Doch als man schließlich zum Bankett aufbrach,

Da rief Griseldis, welche dort im Saal

Geschäftig wirkte, zu sich ihr Gemahl.

Und er begann, als ob’s sein Stichwort wäre:

»Griseldis, sprich, wie Dir mein Weib gefällt?«

»Sehr gut!« – gab sie zur Antwort – »ja, auf Ehre!

Ich sah kein schön’res Wesen auf der Welt.

Sei Glück und Segen stets Euch beigesellt;

Das gebe Gott! und seine Huld und Gnade

Begleit’ Euch stets auf Eurem Lebenspfade!«

»Doch diese Warnung will ich nicht verhehlen:

Ich bitte Dich, die zarte, junge Maid

Nicht so wie mich zu martern und zu quälen,

Sie ist an Liebe nur und Zärtlichkeit

Allein gewöhnt, und kann daher im Leid

Nicht, wie ein Weib aus niedern Lebenskreisen,

So zähen Muth und festen Sinn beweisen.«

Und als sie so ergeben fand ihr Gatte

Und sah, daß ohne Groll noch immerdar,

Wie schwer und oft er sie beleidigt hatte,

Sie fest und stark wie eine Mauer war,

Und ihre Güte stets unwandelbar,

Da regte sich in seinem Herzen Reue

Daß er bezweifelt seines Weibes Treue.

»Dies ist genug, Griseldis mein!« – so rief er –

»Sei nicht mehr angst! Dir widerfährt kein Leid!

Von keinem Weibe ward erprobt je tiefer

Der feste Sinn und die Beständigkeit.

In Glanz und Armuth hab’ ich jeder Zeit,

O, theures Weib, Dich fest bewährt gefunden!« –

Und damit hielt sie küssend er umwunden.

Ob ihr die Worte zwar zu Ohren drangen,

Sie faßte kaum, daß Alles sie betraf.

Ihr war zu Muth, als führe sie aus bangen

Und schweren Träumen plötzlich aus dem Schlaf.

»Du bist mein Weib, Griseldis!« – rief der Graf –

»Und – soll mir Gott im Himmel gnädig sein! –

Nie war, noch wird ein andres jemals mein!«

»Die Dame, die Du für mein Weib gehalten,

Ist Deine Tochter, und der Knabe hier

Dein Sohn, und als mein Erbe soll er schalten.

Was einst Dein treuer Schooß gebar, sei Dir

Zurückgegeben wiederum von mir!

Nur in Bologna hielt ich sie verborgen;

Du brauchst nicht mehr um ihren Tod zu sorgen.«

»Wer jemals anders dachte, soll erfahren:

An meinen Finger haftet nicht das Blut

Von meinen Kindern. – Gott soll mich bewahren! –

Mich trieb nicht Lust an Grausamkeit, nicht Wuth;

Nur zu erproben Deinen festen Muth,

Geschah’s, daß ich sie heimlich von hier sandte,

Bis daß ich Dich von Herzensgrund erkannte.«

Sie hört es an und sinkt zu Boden nieder,

Ohnmächtig, halb vor Freude, halb vor Schmerz;

Und weinend drückte wiederum und wieder

Sie beide Kinder an ihr Mutterherz,

Und schluchzte laut und blickte himmelwärts,

Benetzend unter heißen Freudenküssen

Der Kinder Haupt mit ihren Thränengüssen.

O, rührend war’s, wie sie in sanftem Tone

Das Wort ergriff und schwankend niedersank:

»Grand merci, Herr! Daß Gott Dich dafür lohne!

Gerettet sind die Kinder! – Habe Dank!

Nun ist mir nimmer vor dem Tode bang;

Da Du mich liebst, da Deine Gunst ich habe,

So sterb’ ich gern und geh’ getrost zum Grabe!«

»O, zarte, theure Kinder! tief im Grunde

Des Mutterherzens wähnt’ ich lange Zeit,

Daß ihr der Fraß der Würmer und der Hunde

Geworden wär’t. Des Vaters Gütigkeit

Erhielt Euch mir. – Gott sei gebenedeit!«

Und mit den Worten sank bewußtlos wieder,

Vom Glück bewältigt, sie zu Boden nieder.

Doch in der Ohnmacht immer noch umschlang sie

Die beiden Kinder fest mit ihrer Hand,

Bis halb durch Güte man und halb durch Zwang sie

Den Mutterarmen wiederum entwand.

O, thränenleer im Kreise Niemand stand.

Wie sehr den Schmerz er unterdrücken wollte,

Feucht ward sein Auge, und die Thräne rollte.

Jedoch, durch Walther aufgeheitert, legte

Sich ihre Sorge, bis verwirrt sie dann

Empor sich wieder aus der Ohnmacht regte,

Und, froh gestimmt durch ihn und Jedermann,

Auch das Bewußtsein bald zurückgewann.

Ein schöner Anblick war’s, vereint aufs Neue

Die Zwei zu seh’n in alter Lieb’ und Treue.

In ihre Kammer führten sie die Damen,

Sobald der Zeitpunkt ihnen passend schien,

Wo sie die grobe Hülle von ihr nahmen,

Um ihr ein goldnes Prachtkleid anzuzieh’n.

Im Haupt die Krone, welcher Glanz verlieh’n

Die reichsten Steine, schritt sie dann zur Halle,

Und nach Gebühr begrüßten sie dort Alle.

So frohes Ende hat der Tag gefunden,

Der schlimm begann. Und allen Frau’n und Herr’n

Entschwanden unter Lust und Scherz die Stunden,

Bis hell am Himmel glänzte Stern an Stern;

Und zugestanden ward von Jedem gern,

Weit glänzender sei dieses Festgelage,

Als das Bankett an ihrem Hochzeitstage.

Und Beide lebten dann in Ruh’ und Frieden

Und höchstem Glück noch manches liebe Jahr.

Der Tochter ward der beste Mann beschieden,

Der in Italien nur zu finden war.

Und an dem Hofe ward für immerdar

Ihr alter Vater durch der Kinder Hände

Getreu gepflegt bis an sein Lebensende.

Und nach dem Tode Walthers trug die Krone

Sein Sohn, der, auf das Glücklichste vermählt,

In Ruh’ und Frieden lebte, jedoch ohne

Daß er sein Weib versucht hat und gequält.

Denn unserm jetzigen Geschlechte fehlt

Der Vorzeit Kraft. Zu läugnen ist dies nicht,

Und darum hört, was mein Gewährsmann spricht:

Nicht ist es die Moral von dieser Sage,

Daß jedes Weib mit der Ergebenheit,

Wie hier Griseldis, jede Schmach ertrage;

Denn das zu thuen, ist Unmöglichkeit.

Nein, daß wir allesammt in Noth und Leid

So fest und standhaft wie Griseldis blieben,

Empfahl Petrark, der den Bericht geschrieben.

Denn, wenn ein schwaches Weib sich so geduldig

Schon gegen einen Sterblichen beträgt,

O, wie viel mehr sind wir alsdann wohl schuldig,

Zu tragen, was uns Gott hat auferlegt,

Der Alles lenkt und Alles wohl erwägt.

Denn, wie im Briefe St. Jakobus spricht:

Er prüft den Menschen, doch versucht ihn nicht.

Und wenn er manchmal mit den scharfen Ruthen

Des Leidens und des Ungemachs uns straft,

Geschieht’s zu unsrer Prüfung, unserm Guten,

Nicht zu erproben unsre Willenskraft.

Gott hat zuvor von Allem Wissenschaft.

Er züchtigt nur aus Liebe, nur aus Huld.

Darum ertrag’ Dein Leiden in Geduld.

Hört noch ein Wort, ihr Herr’n, bevor ich ende:

Erstaunlich wär’ es, wenn man zwei bis drei

Griselden jetzt in einer Stadt noch fände,

Die willig trügen solche Quälerei.

Gemischt dem Gold ist zu viel Kupfer bei.

Die Münze freilich hat viel Glanz und Schimmer,

Doch sie zerbricht, indeß sie biegt sich nimmer.

Jedoch dem Weib von Bath und mit ihr allen

Den andern Weibern schenke lebenslang

Gott die Regierung. Ihnen zu Gefallen

Sing’ ich aus frohem, frischem Herzensdrang

Zum Schlusse noch den lustigsten Gesang;

Drum schweigt mit mir von ernsten Sachen still!

Dies ist mein Lied! Mir höre zu, wer will.

Griseldis starb. Ins welsche Grab gefahren

Ist die Geduld mit ihr zur gleichen Zeit. –

Zu Euch, ihr Männer, sprech’ ich jetzt in klaren

Und schlichten Worten: Treibt es nicht zu weit!

Denn eine zweite findet Ihr wohl schwerlich

Gleich der Griseldis an Geduldigkeit.

Aus Demuth stumm die Zunge zu bewahren,

O, edle Weiber, das ist nicht gescheidt;

Gebt zu Gedichten nie durch ein Gebahren

Wie einst Griseldis die Gelegenheit.

Denn Chichevache ist hungrig und begehrlich

Und frißt Euch auf, wenn Ihr geduldig seid!

Der Echo folgt, die – wie Ihr selbst erfahren –

Sobald man ruft, schlagfertig wieder schreit.

Versteht es, Euch die Herrschaft zu bewahren,

Und hütet Euch vor blinder Folgsamkeit.

Hört meinen Rathschlag und befolgt ihn ehrlich;

Er kann Euch nützen bei Gelegenheit.

Erzstarke Frau’n, an Kraft gleich Dromedaren,

Erduldet von den Männern niemals Leid;

Ihr Schwachen aber, die Ihr Euch nicht wahren

Und wehren könnt im ehelichen Streit,

Macht’s wie die Klappermühlen und gefährlich

Wie je ein Tiger nur in Indien seid!

Statt Furcht und Demuth stets zu offenbaren,

Schießt Eurem Gatten durch das Panzerkleid,

So daß sein Hals- und Bruststück sie durchfahren,

Die Pfeile zänkischer Beredsamkeit.

Denn wie die Wachtel duckt er, wenn beschwerlich

Ihr ihm durch eifersücht’ge Grillen seid!

Und bist Du schön, so laß die Welt erfahren,

Wie zugeschnitten sei Gesicht und Kleid,

Und bist Du häßlich, so sei im Gebahren

Wie’s Lindenblättchen voller Leichtigkeit,

Dann wird ein jeder Mann nach Dir begehrlich,

Wenn auch der Deine klagt und weint und schreit.

Der Prolog des Kaufmanns.

Vers 11655–11686.

»Weinen und Klagen, Gram und andre Sorgen

Hab’ ich genug, am Abend wie am Morgen.«

– So sprach der Kaufmann. – »Doch in gleichem Falle

Sind, wie mir scheint, wir Ehemänner alle;

Zum Wenigsten mit mir ist’s so bestellt.

Ich habe wohl das schlimmste Weib der Welt,

Das selbst den Teufel, hätt’ er sie gefreit,

Zu zähmen wüßte; – dafür bürgt mein Eid! –

Was soll ich ihre Bosheit Euch genau

Beschreiben? – Seht! ein Unhold ist die Frau!

Jawohl, der Unterschied ist lang und breit

Von meines Weibes großer Grausamkeit

Und der Geduld Griseldis’. – Wär’ ich ledig,

Man finge mich – sei mir der Herrgott gnädig! –

In dieser Schlinge nicht zum zweiten Mal.

Wir Ehemänner leben stets in Qual!

Versuch’s, wer will; bald weiß er zur Genüge

– Beim heil’gen Thomas! – dies sei keine Lüge.

Denn für die Meisten gilt’s; doch, Gott bewahre!

Ich sage nicht, daß Jeder es erfahre.

Ja, lieber Gastwirth, an zwei Monden fehlt

– Pardi! – nur wenig, seit ich mich vermählt,

Doch dünkt mich, wer im Leben nie ein Weib

Gefreit hat, kann – durchbohrte man den Leib

Auch bis ans Herz ihm – von so vielem Wehe

Euch kaum erzählen, wie aus meiner Ehe

Ich von der Bosheit meines Weibes kann.«

»Nun,« – sprach der Wirth – »Gott schütz’ Dich Handelsmann!

Ich bitte herzlich, da Du aus dem Grund

Die Sache kennst, gieb etwas davon kund.«

»Zu reden« – sprach er – »bin ich gern bereit;

Doch nicht von mir. Mich drückt zu schwer mein Leid!«

Die Erzählung des Kaufmanns.

Vers 11687–12858.

Es war vor Zeiten im Lombardenland

Ein würd’ger Mann von ritterlichem Stand,

Der in Pavia, seinem Heimathsort,

Als wohlbehäb’ger Junggeselle dort

Seit sechzig Jahren lebte; doch noch immer

In Fleischeslust erpicht auf Frauenzimmer,

Gleich einem aberwitz’gen Weltkind, war.

Und als er überschritten sechzig Jahr,

Trieb ihn – war’s Narrheit oder Frömmigkeit?

Ich kann’s nicht sagen – noch zu jener Zeit

Gewalt’ge Lust, sich schließlich zu vermählen.

Doch welches Weib am besten sei zu wählen,

Darüber sann er Tag und Nacht und flehte

Zum lieben Gott beständig im Gebete,

Auch ihm zu kosten von dem Glück zu geben,

Das vorbehalten dem vereinten Leben

Der Ehegatten sei im heil’gen Stand,

Zu welchem Gott einst Mann und Weib verband.

»Kein andres Loos ist werth ein Hühnerbein!

Im Ehestand lebt man bequem und rein;

Zum Paradies wird uns die Welt fortan.«

– So sprach der alte weise Rittersmann.

Und in der That, so wahr, wie Gott allein

Die Welt regiert, gar herrlich ist’s, zu frei’n

Für einen Mann, und wird er alt und grau,

So ist sein höchster Erdenschatz die Frau.

Ein junges, frisches Weib sollt’ er erwerben,

Mit ihr zu zeugen einen Sohn und Erben,

Und mit ihr froh und wohlgemuth zu sein,

Wenn Ach und Weh die Junggesellen schrei’n,

Falls Liebe, die so eitel ihnen dünkt

Und kindisch scheint, in Ungemach sie bringt.

Doch weise, wahrlich, ist es vorgeseh’n,

Daß led’ge Männer nicht der Pein entgeh’n.

Sie bau’n auf losem Grund und finden dann,

Daß man auf Sand nicht sicher bauen kann.

Sie leben wie die Thiere, wie die Vögel

In voller Freiheit, ohne jede Regel;

Doch wer ein Weib hat, führt im Gegentheil

Ein sittlich Leben voller Glück und Heil

In seiner Ehe segensvollen Jochen;

Wohl mag sein Herz vor Lust und Freude pochen!

Wer ist so schmuck, so wohlgefällig sonst,

So treu und sorgsam wie Dein Eh’gesponst?

Sie pflegt Dich in Gesundheit und in Leiden;

Sie will von Dir in Wohl und Weh’ nicht scheiden,

Sie liebt Dich unermüdlich, dient Dir, steht

An Deinem Lager, wenn’s zu Ende geht!

Zwar Schreiber sagen: dieses sei nicht wahr!

– Und Theophrast gehört zu ihrer Schaar –

Doch, was treibt ihn zu lügen, daß er spricht:

Des Haushalts wegen nimm ein Weib Dir nicht.

Denn willst in Deiner Wirthschaft Du ersparen,

Hält eine Magd, die treu ist und erfahren,

Weit mehr zusammen, als Dein Weib es thut,

Die stets die Hälfte will von Deinem Gut;

Und bist Du krank, pflegt Dich – auf Seligkeit! –

Ein wahrer Freund und treuer Knecht noch weit

Besorglicher als sie, die manchen Tag

Nach Deinem Gut schon auf der Lauer lag. –

So schreibt der Mann und tausendfältig schlimmer.

– Nun, Gott verfluche sein Gebein auf immer! –

Laßt Euch durch solche Phrasen nicht bethören,

Und hört auf mich, statt Theophrast zu hören.

Ein Weib ist eine wahre Gottesgabe,

Denn jeder andre Hausrath, jede Habe,

Wie Renten, Möbeln, Weiden, Triften, Land,

Sind alles Gaben aus Fortunas Hand,

Die wie der Schatten an der Wand vergeh’n.

Doch unbesorgt! die Wahrheit zu gesteh’n:

Ein Weib bleibt Dir auf immer zugesellt

– Vielleicht selbst länger, als es Dir gefällt. –

Es ist ein hohes Sakrament die Ehe;

Wer unbeweibt ist, führt in Leid und Wehe

– Ich spreche hier nur von dem Laienstand –

Ein hülflos Leben voller Schimpf und Schand’.

Doch horcht wohl auf! Ich sag’ es nicht umsonst:

Gott gab das Weib dem Manne zum Gesponst.

Denn als Er Adam schuf und darauf fand,

Wie nackten Leibes er ganz einsam stand,

Sprach Er in seiner Güte: Nun, wohlan,

Jetzt mach’ ich die Gefährtin für den Mann

Nach seinem Bild! – und Eva kam zur Welt.

Hieraus ersieht man, und hieraus erhellt:

Des Mannes Trost und Beistand ist sein Weib,

Sein Erdenparadies und Zeitvertreib;

Sie ist so wacker und so gottergeben,

Daß Mann und Weib in Eintracht sicher leben.

Ein Fleisch sind Beide. – Und in Lust und Schmerz

Hat – wie ich denke – auch ein Fleisch ein Herz!

Ein Weib? – Gegrüßt sei heilige Marie! –

Hat man ein Weib, läßt sich nicht denken, wie

Es möglich wäre, Trübsal zu erleiden.

Die Seligkeit und Eintracht zwischen Beiden

Zu schildern schwerlich einer Zunge glückt.

Sie hilft Dir schaffen, wenn Dich Armuth drückt,

Sie hütet, doch verschwendet nicht, Dein Gut

Und stets gefällt ihr, was der Gatte thut.

Mit »Nein« bedient des Mannes »Ja« sie nie.

»Thu’ dies!« – spricht er. »Es ist gethan!« – spricht sie.

O, köstlich Eheleben, sel’ger Brauch!

So tugendhaft und doch so lustig auch,

So anempfohlen und so hoch gestellt!

Wer nur den kleinsten Strohhalm auf sich hält,

Der sollte lebenslang auf bloßen Knie’n

Gott danken, daß er ihm ein Weib verlieh’n,

Oder Gott bitten, daß er eins ihm sende,

Das bei ihm bleibt, bis an sein Lebensende;

Dann ist er sicher und lebt ungestört;

Und wenn er stets auf ihren Rathschlag hört,

So wird er nicht betrogen, meiner Treu’!

Sein Haupt erheben darf er ohne Scheu.

Sie sind so treu, so voller Vorbedacht;

Drum willst Du’s machen, wie’s der Weise macht,

So richte Dich stets nach dem Rath der Weiber!

Sieh’ Jakob an! Besagen nicht die Schreiber,

Daß auf Rebekka, seiner Mutter, Rath er

Den Segen sich erschlich von seinem Vater,

Als er mit Ziegenfell umhüllt den Hals?

Sieh’ Judith an! Die Schrift sagt ebenfalls:

Sie half dem Volk des Herrn; ihr Rath war klug,

Den Holofernes sie im Schlaf erschlug.

Sieh’ Abigail, die durch guten Rath

Gerettet ihren Gatten Nabal hat,

Als man ihn tödten wollte. – Esther sieh’!

Die gleichfalls Gottes Volk befreit hat, die

Durch guten Rath den Ahasverus lenkte,

Daß seine Gunst er Mardochai schenkte.

»Von allen Dingen hat den höchsten Werth

Ein sanftes Weib;« – wie Seneka uns lehrt –

»Des Weibes Zunge dulde« – Cato spricht –,

»Wenn sie befiehlt, so widersetz’ Dich nicht;

Denn dann gehorcht sie aus Gefälligkeit.«

Ein Weib ist Hüterin der Häuslichkeit.

Den kranken Mann beständig Sorge quält,

Sobald im Haushalt eine Frau ihm fehlt.

Ich warne Dich! wenn Du verständig bist,

So lieb’ Dein Weib, wie seine Kirche Christ.

Liebst Du Dich selbst, so liebe Du Dein Weib.

Sein Fleisch haßt Niemand; nein, man pflegt den Leib;

Und ich empfehle Dir, lieb’ zärtlich drum

Dein Eheweib; sonst geht’s Dir schief und krumm!

Denn Mann und Weib – mag spötteln auch die Welt –

Wandeln auf sichern Pfaden. Es befällt

Kein Harm die Engvereinten, und von Leid

Bleibt namentlich das Eheweib befreit. –

So zog es in Erwägung Januar,

Der alte Herr, von dem die Rede war,

Wie ruhig, tugendhaft und froh daneben

Im honigsüßen Eh’stand sei das Leben.

Und seine Freunde lud er einstmals ein,

In seinen Plan sie näher einzuweih’n.

Mit ernster Miene hub er an und sprach:

»Seht, Freunde, ich bin grau und altersschwach;

Weiß Gott, vom Rand des Grabes nicht mehr weit!

Bedenken muß ich meine Seligkeit.

Die Körperkraft hab’ thöricht ich verschwendet;

Nun wird’s zum Bessern – Gott sei Dank! – gewendet;

Denn fest steht mein Entschluß, mich zu beweiben,

Und mit der größten Hast will ich’s betreiben.

Ich bitte, sucht ein schönes, junges Kind

Für mich zur Heirath; aber macht’s geschwind,

Ich will nicht warten, und ich fände schon

Ein Mädchen in selbsteigener Person,

Das ungesäumt zu freien, mir gefiele;

Doch ich bin Einer, aber Ihr seid Viele;

Und Ihr erspäht wohl eh’r, als ich es finde,

Mit welcher ich am Besten mich verbinde.

Indessen, Freunde, warn’ ich Euch vorher:

Ein altes Weib – das will ich nimmermehr!

Nicht über zwanzig Jahre darf sie sein.

Alt schmeckt der Fisch, doch jung das Fleisch nur fein;

Weit besser, als ein Hechtchen ist ein Hecht;

Kalbfleisch schmeckt gut, doch altes Rindfleisch schlecht.

Ein Weib von dreißig Jahren will ich nicht;

Denn Bohnenstroh ist für mich kein Gericht;

Und alte Wittwen – daß sich Gott erbarm’! –

Sind immer launisch, stecken voller Harm

Und kennen jeden Schlich von Wades Boot;

Mit ihnen hätt’ ich lebenslang nur Noth.

Viel Schulen machen die Gelehrten schlau,

Und ähnlich geht’s der vielgeschulten Frau.

Doch, wie das Wachs in warmer Hand erweicht,

So fügt sich auch ein junges Weib gar leicht.

Drum stell’ ich diese Klausel Euch und sage:

Ein altes Weib steht bei mir außer Frage.

Wenn solches Unglück je bevor mir stände,

Daß ich nicht mein Vergnügen bei ihr fände,

So müßt’ ich stets im Ehebruche leben

Und schließlich mich dem Teufel übergeben;

Kein Kind entsproßte meinem Ehebunde.

Doch lieber wär’ ich Futter für die Hunde,

Als daß mein Erbe – dies sag’ ich Euch Allen –

In fremde Hände jemals sollte fallen.

Ich fas’le nicht! Weßhalb wir Menschenkinder

Uns paaren sollen, weiß ich und nicht minder,

Daß Mancher schwatzt vom Ehesakrament,

Der mehr nicht wie mein Knecht die Gründe kennt,

Aus denen sich begatten soll der Mann.

Wer nicht in steter Keuschheit leben kann,

Der nehme sich ein Weib in Zucht und Ehren,

Ihm legitime Kinder zu gebären,

Zur Ehre Gottes, nicht aus Fleischesliebe,

Begehrlichkeit und bloßem Sinnentriebe.

Nein! auf daß Unzucht man vermeiden solle,

Und gegenseitig seine Schuld sich zolle,

Einander hülfreich stets zur Seite stehe

Und wie Geschwister durch das Leben gehe,

In Keuschheit und in Heiligkeit fortan.

Doch, Herr’n, erlaubt, das geht bei mir nicht an.

Zu meinem Ruhm kann – Gott sei Dank! – ich sagen:

Ich bin noch stark und gut genug beschlagen,

Um das zu thun, was zukommt einem Mann.

Ich weiß am Besten, was ich leisten kann.

Zwar bin ich grau; doch was dies anbelangt,

Gleich ich dem Baume, der in Blüthen prangt.

Ein Baum, der blüht, kann nicht ganz trocken sein,

Und grau an Haaren ist mein Haupt allein;

Doch Herz und Glieder sind noch jeder Zeit

Frisch wie des Lorbeers immergrünes Kleid. –

Ich hab’ Euch meine Absicht kund gethan,

Und nunmehr, bitt’ ich, billigt meinen Plan.«

Gleich wußten Manche von dem Eheleben

Ihm manches alte Beispiel anzugeben.

Die priesen es, und jene schalten drauf;

Doch – kurz gesagt – es war der Schlußverlauf,

Daß – wie man immer sich zu zanken pflegt,

Wenn man mit Freunden etwas überlegt –

In Streit auch seine beiden Brüder kamen;

Den einen hieß Placebo man mit Namen,

Indeß Justinus der des andern war.

Placebo sprach: »O, Bruder Januar!

Mein theurer Herr, mir will’s kaum nöthig scheinen,

Daß Du um Rath befragst hier irgend einen.

Indessen bist Du weisheitsvoll genug

Und weichst daher verständnißvoll und klug

Nicht von den Worten Salamonis ab,

Der an uns Alle diese Lehre gab:

Folgst Du in allen Dingen gutem Rath,

So wird’s Dich nicht gereuen nach der That.

Doch ob dies Wort gesprochen Salamo,

Mein theurer Herr und lieber Bruder, so

Scheint mir – Gott stehe meiner Seele bei! –

Doch, daß Dein eig’ner Plan der beste sei.

Laß, lieber Bruder, meinen Grund Dir geben:

Ich war ein Hofmann durch mein ganzes Leben

Und mag ich auch – Gott weiß – unwürdig sein,

So nahm ich manchen Ehrenposten ein

Bei großen Herr’n vom höchsten Stand und Rang.

Und hatte doch mit ihnen niemals Zank,

Denn Widerspruch mied ich geflissentlich.

Mir ist bekannt, mein Herr weiß mehr als ich,

Auf seine Worte schwör’ ich unbedingt

Und sage: Ja! und was dem ähnlich klingt.

Denn ein bei hohen Herr’n bestallter Rath

Muß ein gewalt’ger Narr sein in der That,

Wenn er so kühn ist und zu denken wagt,

Daß seinen Herrn an Witz er überragt.

Nein! Herr’n sind keine Thoren, glaubet mir.

Ihr selber aber zeigtet heute hier

So viel Verstand, so frommen, guten Sinn,

Daß ich mit Euch ganz einverstanden bin

Und Eure Meinung bill’ge Wort für Wort.

Bei Gott! kein Mensch in diesem ganzen Ort,

Noch in Italien besser reden kann.

Ja, solchen Rath sieht Christus gnädig an.

Von großer Kühnheit giebt es den Beweis,

Nimmt sich ein Mann, dem Alter nach ein Greis,

Ein junges Weib. – Bei meines Vaters Blut!

Es hängt an lust’ger Nadel noch Dein Muth.

Thu’ in der Sache ganz wie Dir beliebt,

Das ist das Beste – denk’ ich –, was es giebt.«

Justinus hörte ruhig Alles an,

Und er entgegnete Placebo dann:

»Mein lieber Bruder, bitte, bleib’ geduldig.

Du sprachst; und mir bist Du Gehör nun schuldig.

Nebst andern Sprüchen, hoher Weisheit voll,

Sagt Seneka, daß man sich prüfen soll,

Wen man beschenkt mit Land und anderm Gut.

Wenn daher noth schon solche Prüfung thut

Bei unserm irdischen Besitze, wie

Viel mehr muß man sich prüfen dann – Pardi! –

Eh’ man den Leib auf ewig fortschenkt. – Nein!

Nicht Kinderspiel – das laßt gesagt Euch sein –

Ist es, ein Weib zu nehmen ohne Rath.

Erkund’gen sollte – denk’ ich – in der That

Man sich zuvor, ob sie vom Trunke frei,

Stolz, weise, mäßig oder zänkisch sei,

Verschwenderisch mit Geld, geneigt zum Schelten,

Ob reich, ob arm – sonst wird für toll man gelten.

Man findet freilich auf dem Erdenrund

Kaum irgend etwas durch und durch gesund

Bei Mensch und Vieh, soweit man’s prüfen kann;

Und daher nehm’ ich als genügend an,

Besitzt ein Weib an tugendhaften Seiten

Mehr als an Lastern und an Schlechtigkeiten.

Und all dies zu erfahren, fordert Zeit.

Gott weiß! – ich weinte manche Thräne, seit

Ich mich vermählte, für mich heiß und still.

Den Ehestand mag preisen, wer da will;

Mir scheint er nur voll Kosten, voller Harm,

An Pflichten reich, jedoch an Segen arm.

Indeß – weiß Gott! – die, so mir nahe wohnen,

Und ganz besonders alle Weibspersonen

Behaupten stets, sie hätten noch im Leben

Kein Weib geseh’n, so standhaft und ergeben.

Nun, ich weiß besser, wo der Schuh mich drückt.

Thu’, was Du willst! Hinreichend vorgerückt

Im Alter bist Du; prüfe drum genau,

Wie Dir’s mit einer schönen, jungen Frau

Im Ehestand dereinst ergehen werde.

Bei Ihm, der Feuer, Wasser, Luft und Erde

Erschaffen hat! – der Jüngste hier im Kreis

Bringt es kaum fertig bei dem größten Fleiß,

Sein Weib allein zu haben; – glaube mir!

Nicht durch drei volle Jahre wirst Du ihr

Gefallen, das heißt: ihr Vergnügen machen;

Ein Weib verlangt nach gar zu vielen Sachen.

Ich bitte Dich, nimm mir mein Wort nicht krumm!«

»Nun« – sagte Januar – »bist Du endlich stumm?

Was scheeren mich die Sprüche Seneka’s!

Ich gebe wahrlich keinen Korb voll Gras

Für Deine Sprüche! Weisere als Du

– Wie Du gehört hast – stimmten mir schon zu.

Placebo, was ist Deine Meinung? sprich!«

»Unselig« – sprach er – »ist ganz sicherlich

Ein eheloser, unbeweibter Mann!«

Nach diesem Wort erhob sich Jeder dann,

Und ringsum ward ihm beigestimmt, er solle

Ein Weib sich nehmen, wo und wann er wolle.

Seltsame Bilder, wilde Phantasie’n

Umschwebten nun von seiner Heirath ihn.

Manch schönes Antlitz, manche Prachtgestalten

Dem Blick des Herzens jetzt vorüber wallten

Nacht ein, Nacht aus dem alten Januar.

Nehmt einen Spiegel, blank polirt und klar,

Und stellt ihn auf den off’nen Marktplatz hin,

Seht mancherlei Figuren ihr darin;

Und ebenso erging es Januar.

Er musterte die ganze Mädchenschaar

Der Nachbarschaft beständig in Gedanken;

Doch seine Wahl schien hin und her zu schwanken.

Denn, wenn er diese schön von Antlitz fand,

In Gunst beim Volke dennoch jene stand

Und wurde rings von Allen hochgeschätzt,

Weil sie so gütig war und so gesetzt;

Die waren reich, doch taugten sonst nicht viel.

Indessen, halb im Ernste, halb im Spiel

Blieb er zuletzt doch fest bei einer steh’n,

Und ließ die andern aus dem Sinn sich geh’n,

Und traf die Wahl auf eig’ne Hand geschwind;

Denn Liebe sieht nicht, sie bleibt immer blind.

Doch Nachts im Bett malt’ er sich in Gedanken

Und im Gefühl ihr Bildniß aus: die schlanken

Und langen Arme, ihre frische Jugend,

Den zartgeformten Körper, ihre Tugend,

Ihr kluges Wesen, ihre Weiblichkeit

Voll ernsten Sinnes und Bescheidenheit.

Und da er sich zu ihr herabgelassen,

Schien ihm die Wahl wie keine sonst zu passen.

Es war sein eigener Entschluß; darum

Sei wohl kein Mensch so unvernünftig dumm

An seiner Wahl zu mäkeln irgendwie –

Erging er sich in seiner Phantasie.

Und seine Freunde bat er alsobald,

Daß sie sich Alle sonder Aufenthalt

Bei ihm aus Gütigkeit zusammenfänden;

All ihre Mühe solle nunmehr enden.

Behelligt würden sie zum letzten Mal,

Denn festentschieden sei jetzt seine Wahl.

Placebo kam mit seiner Freunde Schaar

Und dringend bat zuvörderst Januar,

Mit keinen Argumenten ihm zu kommen

Entgegen dem, was er sich vorgenommen.

Denn gottgefällig sei sein Vorsatz und

Von seinem Glücke Fundament und Grund.

Ein Mädchen – sprach er – in der Stadt man fände,

Das in dem Ruf der größten Schönheit stände,

Zwar niedern Standes, aber jung dabei

Und anmuthsvoll, was ihm genügend sei,

Um sie zu seinem Weibe zu erheben

Und mit ihr heilig und vergnügt zu leben.

Er bäte Gott, daß sie ihm ganz gehöre,

Und Niemand seine Seligkeit ihm störe.

Er wünsche, daß sich Jeder Mühe gäbe,

Das Ziel zu fördern, welches er erstrebe,

Das würde – sprach er – hoch sein Herz beglücken,

Ihn könne – sprach er – fernerhin nichts drücken,

Wenn nicht ein Dorn ihm ins Gewissen stäche,

Von dem er jetzt zu der Versammlung spräche.

»Ich habe früher« – hub er an – »gehört,

Es sei uns nimmer zwiefach Heil bescheert,

Das heißt in dieser und in jener Welt.

Ob man der sieben Sünden sich enthält

Und keinen Zweig von ihrem Baum berührt,

Ist doch das Leben, was ein Gatte führt,

So glücklich, so vergnügt und so vollkommen,

Daß ich bei meinem Alter schier beklommen

Mich fühlen muß, daß ich ganz ohne Streit

Stets leben soll in Lust und Seligkeit,

Und hier auf Erden schon den Himmel finde;

Denn ihn erkaufen wir bei unsrer Sünde

Durch große Buße nur und mit Beschwerde.

Wie kann ich denn, hab’ ich schon auf der Erde

Vergnüglich einem Weibe beigewohnt,

Mein Heil erringen dort, wo Christus thront?

Da ich mich stets mit der Befürchtung plage,

So bitt’ ich, Brüder, löst mir diese Frage.«

Justinus, welcher seine Thorheit haßte,

Erwiderte, indem er kurz sich faßte

Und alle Schriftbelege unterließ,

Auf seine Narrenspossen nichts als dies:

»Herr!« – sprach er – »ist auch sonst kein Hinderniß,

Kann Gott in seiner Gnade doch gewiß

Noch Wunder thun. Und ehe Dir vielleicht

Der heil’gen Kirche Segen wird gereicht,

Thut Dir der eheliche Stand schon leid,

In dem nicht Zank ist, wie Du sagst, und Streit.

Doch übel wär’s, wenn Gott in seiner Gnade

Grund zu bereu’n dem Ehemann nicht grade

Weit häuf’ger schickte, als dem led’gen Mann.

Weßhalb den Rath ich Dir nur geben kann:

Verzweifle nicht! Indessen merke Dir,

Vielleicht wird sie zum Fegefeuer hier,

Zur Gottespeitsche Dir vom Herrn bestellt,

Daß auf zum Himmel Deine Seele schnellt

Noch rascher, als vom Bogen fliegt der Pfeil!

Du lernst – so Gott will – noch zu Deinem Heil:

Es gab noch nie, und wird auch nimmer geben

So viele Seligkeit im Eheleben,

Um dieserhalb den Himmel zu verlieren,

Läßt Du nur stets Dich durch Vernunft regieren,

Befriedigst Du mit Deiner Frau die Triebe

In Mäßigkeit und nicht aus Fleischesliebe,

Und hältst Du Dich von andern Sünden rein. –

Ich bin zu Ende; denn mein Witz ist klein.

Doch, Bruder, laß in keine Furcht Dich jagen;

Wir wollen nichts mehr von der Sache sagen.

Das Weib von Bath sprach von dem Eheleben,

Das Dir bevorsteht – hast Du Acht gegeben –

In aller Kürze manch vortrefflich Wort.

Doch nun leb’ wohl und schütz’ Dich Gott hinfort!«

Verlassen hatten nach den Worten ihn

Die Freunde mit Placebo und Justin.

Sie sah’n, sein Sinn war nicht mehr umzuwandeln,

Und suchten drum mit Schlauheit zu verhandeln,

Daß dieses junge Mädchen, Namens Mai,

So rasch, wie’s für sie einzurichten sei,

Mit dem besagten Januar sich vermähle.

Jedoch es währt zu lang, daß ich erzähle

Von ihrem Kleiderstaat und den Kontrakten,

Durch die sein Land ihr in den Ehepakten

Zum Leibgedinge wurde ausgesetzt.

Genug; erschienen war der Tag zuletzt,

An welchem Beide hin zur Kirche gingen

Und dort das heil’ge Sakrament empfingen.

Der Priester in der Stola kam und wies

Auf Sarah und Rebekka hin und hieß

Sie treu und klug zu sein, wie jene zwei,

Sprach dann das übliche Gebet dabei,

Bekreuzte sie, empfahl sie Gott und band

Genügend fest der Ehe heil’gen Stand.

So feierlich ging’s bei der Trauung her;

Und bei dem Feste sitzen sie und er

Am Ehrentische mit manch hohem Gaste.

Ringsum herrscht Glück und Jubel im Palaste.

Rings tönt Musik und aufgetafelt steht,

Was in Italien Leck’res nur geräth;

Und mächtig schallt der Harfen Melodie.

– So schön griff Orpheus, so gewaltig nie

Amphion, der Thebaner, in die Saiten. –

Fanfaren jeden neuen Gang begleiten,

Und halb so hell in die Posaune stieß

Nicht Joab, und selbst Theodamas blies

So schmetternd nicht in der Gefahr vor Theben.

Bachus kredenzt ringsum den Saft der Reben.

Herab auf Jeden freundlich Venus lacht,

– Zu deren Ritter Januar sich macht,

Um zu erproben, ob er in der Ehe

So tapfer, wie als Junggesell bestehe. –

Die Fackel hält die Göttin hoch empor

Und tanzt der Braut und allen Gästen vor.

Und ich darf wahrlich sagen, nie gesehen

Hat Hymenäus selbst, der Gott der Ehen,

Solch lustigen, vergnügten Ehemann.

Halt’ Deinen Mund, o Dichter Marcian,

Der Du beschrieben hast die Festlichkeit,

Als Philologia den Merkur gefreit,

Und welche Lieder dort die Musen sangen.

Ach! Deine Zunge, Deine Feder langen

Nicht zur Beschreibung dieser Hochzeit hin!

Paart Altersschwäche sich mit Jugendsinn,

Das ist ein Spaß, den man nicht leicht besingt.

Versucht es selber, ob es Euch gelingt;

Dann wißt Ihr, ob dies Wahrheit sei, ob Lüge.

Die freundlichen und anmuthsvollen Züge

Von Mai zu seh’n, war wie ein Feentraum.

Mit solchen sanften Augen schaute kaum

Auf Ahasverus jemals Esther hin.

Zu schildern ihre volle Schönheit, bin

Ich außer Stande zwar; jedoch ich sage

So viel, daß sie dem klarsten Maientage

An Morgenfrische und an Schönheit glich.

Und wenn sie Januar ansah, so beschlich

Ihn jedesmal ein himmlisches Entzücken.

Im Herzen plant er, härter sie zu drücken

Und Nachts sie fester in den Arm zu pressen,

Als Paris seine Helena. – Indessen

Groß war zugleich sein Mitleid, daß er Mai

So weh zu thun, heut’ Nacht genöthigt sei.

Er dachte: »Ach, Du zarte Kreatur!

Gewähre Gott Dir, zu ertragen nur

Das wilde Feuer meiner Leidenschaft!

Ich bin besorgt, Dir fehlt dazu die Kraft!

Doch Gott bewahre mich, mit voller Macht

Daran zu geh’n. Ach! käme nur die Nacht,

Und gäbe Gott, daß sie für ewig währte,

Und all dies Volk sich rasch nach Hause scheerte!«

Und schließlich gab er sich die größte Müh,

In allen Ehren, aber möglichst früh

Auf feine Weise das Bankett zu enden.

Es kam die Zeit, um heimwärts sich zu wenden.

Man macht den Schlußtanz, trinkt die Becher aus,

Wirft Räucherwerk umher im ganzen Haus,

Und fröhlich ist und glücklich Jedermann.

Nur nicht ein Junker, Namens Damian,

Der täglich vor dem Ritter schnitt den Braten,

Und der, in tolle Liebeswuth gerathen

Zur Dame Mai, sich kaum vor Schmerzensdrang

Mehr aufrecht hielt und fast in Ohnmacht sank.

So sehr versengt war er vom Freudenbrand,

Den Venus schwang beim Tanz in ihrer Hand;

Und in sein Bett verkroch er sich in Eile.

Dort bleibe dieser Junker eine Weile

In seinen Thränen, seinem Liebesharme,

Bis seiner sich die frische Mai erbarme.

O, Schadenfeuer, das im Bettstroh glüht!

O, Hausfeind, der stets emsig sich bemüht!

O, falscher Knecht, scheinheilig von Gesicht,

Der Natter in dem Busen gleich, die sticht!

Vor Euch beschütze Gott uns immerdar!

O, siehst Du, liebestrunk’ner Januar,

In Deiner Ehefreuden Taumelwahn

Nicht, wie Dein Lieblingsjunker Damian

Auf Böses sinnt zum Schaden Dir und Spott?

Daß Du den Feind entdeckest, walte Gott!

Denn keine schlimmre Pest giebt’s auf der Welt

Als einen Hausfeind, der Dir beigesellt.

Die Sonne hatte nun den Tagesbogen

In diesem Breitengrade ganz durchzogen,

Und leuchtend überm Horizonte stand

Sie länger nicht. – Mit düsterem Gewand

Umhüllt die Hemisphäre rings die Nacht.

Drum war nunmehr die lust’ge Schaar bedacht,

Vom Hochzeitsfeste wieder heim zu reiten.

Man sagte Januar Dank von allen Seiten

Zog fröhlich heim, macht sich nach Lust zu thun

Bis daß die Zeit kam, um sich auszuruh’n.

Zu Bett zu geh’n, fühlt, als sie fortgegangen,

Der hitz’ge Januar dringendes Verlangen,

Trinkt Claret, Ipokras und Toskerwein,

Heiß und gewürzt, um muthiger zu sein,

Genießt Latwergen feinster Art dazu

Wie sie in seinem Buch »De Coitu«

Der Schandmönch uns, Dan Constantin, beschrieb;

Und Alles schluckt er, daß nichts übrig blieb.

Zu seinen Busenfreunden sprach er dann:

»Ach! Gott zu Lieb’! sobald’s geschehen kann,

Räumt in der freundlichsten Manier das Haus!«

Sie führten willig seinen Auftrag aus.

Man trinkt, man zieht den Vorhang, bringt zu Bette

Die stumme Braut; und als der Lagerstätte

Der Priester seinen Segen hat ertheilt,

Hinaus zur Kammer Jeder wieder eilt.

Und Januar hält sein junges Weib beglückt,

Sein Paradies, mit seinem Arm umstrickt

Und lullt und küßt stets seine frische Mai

Und kratzt sie mit dem borst’gen Bart dabei,

Der – abrasirt nach seiner Art ganz frisch –

Wie Dornen oder Haut vom Stachelfisch

Sich scharf an ihren zarten Wangen rieb.

»Ach, theures Weib!« – sprach er zu ihr – »Mein Lieb,

Ich muß Dir Leid anthun, mich grausam zeigen,

Wenn sich die Zeit naht, um hinabzusteigen.

Indessen,« – sprach er – »denke stets daran:

Zugleich verrichten kann ein Handwerksmann

– Sei, wer es sei! – sein Werk nicht gut und flink.

Gemächlich treiben muß man dieses Ding;

Wie lang’ wir spielen, ist ganz einerlei;

Denn, da als Ehegatten jetzt wir Zwei

In Segensjochen treu beisammen ruh’n,

Ist keine Sünde mehr in unserm Thun.

Mit seinem Weibe sündigt nicht der Mann,

Das eig’ne Messer uns nicht stechen kann;

Denn das Vergnügen wird für uns zur Pflicht.«

Und an die Arbeit ging er, bis das Licht

Des Tages schien; nahm einen Bissen, trank

Ein Schlückchen feinen Claret dann und sang,

Aufrecht im Bette sitzend, hell und laut

Und küßte, koste lüstern seine Braut.

Gleich einem Fohlen voller Spielerei’n,

Und schwatzhaft war er, gleich dem Elsterlein.

Am Nacken zitterte sein schlaffes Fell,

Indem er sang; so kräht’ er laut und hell.

Gott weiß allein, was seine Mai empfand,

Als sie ihn sitzen sah im Schlafgewand

Und in der Nachtmütz’ mit dem dürren Hals.

Vom Spiel erbaut war sie wohl keinenfalls.

Er sprach sodann: »Ich will mein Schläfchen machen;

Der Tag ist da; ich mag nicht länger wachen!«

Und legte nieder dann sein Haupt und schlief,

Bis daß zum Aufstehn ihn die Prime rief.

Und dann erhob er sich, wogegen Mai,

So lange bis der vierte Tag vorbei,

Nach Frauenbrauch die Kammer nicht verließ.

Nach jeder Arbeit schmeckt uns Ruhe süß.

Kein Erdenwesen – will ich damit sagen –

Kann’s auf die Dauer ohne Rast ertragen,

Sei’s Mensch, sei’s Fisch, sei Vogel oder Thier.

Zurück zum kranken Damian kehren wir,

Der sich in Liebesqualen härmt und grämt,

Und zu ihm red’ ich, was Ihr jetzt vernehmt:

»Ach, Damian, Du thörichter Geselle!

Gieb Antwort auf die Frage, so ich stelle:

Wie willst Du nur erzählen Deine Pein

Der frischen Mai? Sie wird beständig Nein

Zu Allem sagen, wird Dein Weh verrathen!

Gott helfe Dir. Ich kann nichts Bess’res rathen!«

Vom Venusfeuer der Begier durchloht,

Entschloß sich, liebesbrünstig bis zum Tod,

Der kranke Damian, seinen Hals zu wagen.

Nicht länger konnt’ er solches Leid ertragen.

Er lieh sich eine Feder im Geheimen,

Mit welcher er in Klagen und in Reimen

Die Qualen und die Sorgen seiner Lieb’

Der frischen Mai auf einem Zettel schrieb;

Und barg in einem Beutelchen von Seide

Den Brief am Herzen unter seinem Kleide.

Bis an den Krebs war seit der Mittagszeit

Vom Tag, an welchem Januar Mai gefreit,

Der Mond vom zehnten Grad des Stiers geglitten.

So lange blieb nach hergebrachten Sitten

Des Adels in dem Schlafgemache Mai.

– Vier Tage lang, und minder strenge drei,

Darf eine Braut sich nicht zu Tische setzen;

Sind die vorbei, dann mag sie sich ergötzen. –

Und als vier Tage rundum hingebracht,

Saß Mai, nachdem der Meßgang abgemacht,

So strahlend wie ein Sommertag und frisch

Mit Januar wieder an dem Hallentisch.

Und es geschah, daß sich der gute Mann

Auf seinen Junker Damian besann,

Und rief: »Wie kommt es – heilige Marie! –

Daß Damian mich nicht bedient? Ei, wie?

Ist er gar krank? Was mag dies auf sich haben?«

Die Junker, welche Januar umgaben,

Entschuldigten ihn wegen Unwohlsein;

Sie sei der Dienstversäumniß Grund allein,

Sonst nähm’ er sicher seine Pflichten wahr.

»Das macht mich denken,« – sagte Januar –

»Er ist ein braver Junker – meiner Ehr’! –

Und schmerzen würde mich sein Tod gar sehr!

So zuverlässig, klug, verschwiegen fand

Ich Keinen noch von gleichem Rang und Stand.

Er ist so männlich und so dienstbeflissen

Und wird bestimmt, sein Glück zu machen, wissen.

Erlaubt’s die Zeit, besuchen ich und Mai

Ihn selber noch, ist unser Mahl vorbei;

Ich will mein Bestes thun, ihn gut zu pflegen!«

Und segnend pries ihn Jedermann deswegen;

Denn, daß aus Mitgefühl und Herzensgüte

Er um den kranken Junker sich bemühte,

Galt Allen als höchst edelmüth’ge That.

»Frau!« – sagte Januar – »halte Dich parat,

Daß gleich nach Tische, bist Du aus der Halle

In Dein Gemach gegangen, mit Dir alle

Von Deinen Kammerfrau’n nach Damian seh’n.

Er ist so brav. Ihr müßt ihn trösten geh’n;

Und theil’ ihm mit, ich würde selber kommen,

Sobald ich meinen Mittagsschlaf genommen.

Doch tummle Dich, da ich verziehen will,

Bis Du im Schlaf ruhst bei mir fest und still.«

Und einen seiner Junker rief er dann,

Der Marschall seines Hauses war, heran,

Um irgend einen Auftrag zu ertheilen.

Die frische Mai ließ keine Zeit enteilen

Und trat mit ihren Damen im Geleite

An Damians Bett und setzte sich zur Seite

Und sprach ihm Trost nach besten Kräften ein.

Und Damian denkt: Jetzt muß gehandelt sein!

In ihre Hand er rasch den Beutel spielt

Mitsammt dem Brief, der seinen Wunsch enthielt,

Ganz im Geheimen, und er spricht nicht mehr,

Als daß, erseufzend wundertief und schwer,

Er flüstert: »Habe Dank! Ich bitte Dich,

Verrath’ mich nicht! Es wär’ gescheh’n um mich,

Wenn diesen Vorgang Irgendwer entdeckte!«

Flink in den Busen sie die Börse steckte

Und eilte fort. – Mehr braucht Ihr nicht zu wissen! –

Sie ging zu Januar, der auf weichen Kissen

Im Bette saß, sie küßte, sie umschlang,

Sich niederlegte und in Schlummer sank.

Sie aber that, als trieb’ es sie geschwind

– Ihr wißt wohin – denn jedes Menschenkind

Ist nothgedrungen oftmals dagewesen.

Hier ward der Brief eröffnet und gelesen;

Worauf sie ihn in kleine Stücke riß

Und dann behutsam in den Abtritt schmiß.

Was ging nun Mai wohl Alles durch den Sinn?

Sie legte sich zum alten Januar hin,

Der ruhig schlief, bis daß sein Husten ihn

Erweckte. Splitternackt sich auszuzieh’n,

Bat er sie dann, damit er sich vergnüge;

Ihn hinderten die Kleider, die sie trüge.

Was half es ihr? Sie mußte sich bequemen.

Doch daß nicht Anstoß keusche Seelen nehmen,

Will ich verschweigen, was er trieb, sowie,

Ob’s Hölle war, ob Paradies für sie.

Ich lasse sie bei ihrer Arbeit bleiben,

Bis Vesperglocken sie zum Aufsteh’n treiben.

War es Bestimmung, war es Zufall nur,

Besond’rer Einfluß, Wille der Natur?

War gerade günstig die Konstellation

Des Himmels, um im Venusdienst sich Lohn

Durch Liebesbriefeschreiben zu gewinnen,

Und um die Weiber mit Erfolg zu minnen,

Wie es zusammenhing, das weiß ich nicht.

Denn, seine Zeit hat – wie der Weise spricht –

Ein jedes Ding. Doch Gott nur kennt den Grund.

Er mag entscheiden. Ich halt’ meinen Mund!

Ich weiß nur, daß von diesem Zeitpunkt an

Das Mitleid um den kranken Damian

Die schöne, frische Mai so übermannte,

Daß sie den Wunsch nicht aus dem Busen bannte,

Sein Weh zu heilen, und sie sprach dabei

Für sich im Stillen: Hier erklär’ ich frei,

Jedwedem, ob’s ihm noch so sehr mißfällt,

Ich will ihn lieben mehr als alle Welt

Und wäre nichts als nur sein Hemde sein.

Mitleid zieht bald in edle Herzen ein.

Hier könnt Ihr seh’n, es offenbart die Frau

Den höchsten Freimuth, prüft sie sich genau.

Tyranninnen giebt es zwar allerwärts,

Und manche hat solch felsenhartes Herz,

Sie ließe lieber einen Mann verrecken,

Als ihre Gunst ihm offen zu entdecken.

Das schmeichelt ihrem grausam stolzen Sinn

Und Menschenmord erblickt sie nicht darin.

Die sanfte Mai, von Mitleid übermannt,

Schrieb einen Brief mit ihrer eig’nen Hand,

In welchem sie ihm ihre Gunst versprach;

Es fehlte nichts, als nur der Ort und Tag,

An dem sie seiner Lust sich überlasse;

Das möge sein, wie’s ihm am Besten passe.

Und eines Tages bei Gelegenheit

Ging Mai zu Damian, um in Heimlichkeit

Ihm unters Kissen ihren Brief zu schieben.

– Jetzt mag er lesen, was sie ihm geschrieben. –

Sie drückte fest ihm seine Hand, doch machte

Es so geheim, daß Niemand Arges dachte,

Und wünschte gute Bess’rung ihm und lief

Dann rasch von hinnen, da sie Januar rief.

Gesund stand Damian auf am andern Morgen,

Verschwunden waren Kränklichkeit und Sorgen.

Er kämmt sich, pickt sich, schniegelt, putzt sich fein,

Um seiner Dame angenehm zu sein,

Und krümmte sich vor Januar wie ein Hund,

Der niederkauert, tief bis auf den Grund,

Und setzte sich bei Jedem so in Gunst,

Daß – obgleich Alles nur Verstellungskunst –

Doch Jedermann an ihm zu loben fand,

Und er bei ihr in höchster Gnade stand.

Und damit will ich Damian verlassen,

Und mit dem Gang der Sache mich befassen.

Gelehrte Leute kamen zu dem Schluß:

Das höchste Glück auf Erden sei Genuß.

Drum war der edle Januar bedacht,

Wie’s Rittern ziemt und ihnen Ehre macht,

Sein Leben möglichst herrlich zu gestalten;

Und standesmäßig wurde Hof gehalten

In seinem Hause, wie’s ein König thut.

Er hatte neben manchem schönen Gut

Auch einen steinumwallten Gartengrund,

Wie wohl kein zweiter auf dem Erdenrund

Zu finden war. Denn außer Frage steht,

Es könne jemals schildern der Poet,

Der die Romanze von der Rose schuf,

Noch Priapus, obschon er von Beruf

Der Gott der Gärten ist, gemäß der Wahrheit,

Des Gartens Pracht und seiner Quelle Klarheit,

Die rings des Lorbeers Immergrün umragte.

Und manchesmal ging Pluto – wie man sagte –

Zu dieser Quelle mit der Königin

Proserpina und ihren Feen hin,

Die dort den Reigen unter Liedern schlangen.

Dort lustzuwandeln, fühlte stets Verlangen

Der edle Januar, der alte Ritter.

Jedoch in keines Andern Händen litt er

Dazu den Schlüssel; nein, mit eig’ner Hand

Schloß er das Pförtchen, wenn er Lust empfand,

Vermittels seines Silberschlüssels auf.

Und dorthin wollte Januar im Verlauf

Des Sommers, Ehepflichten zu genügen

Sich unbegleitet oft mit Mai verfügen,

Damit er die im Bett versäumten Dinge

Mit ihr im Garten frischen Muths vollbringe.

In dieser Art zog mancher Tag vorbei

In froher Lust für Januar und Mai.

Doch kurz sind Erdenfreuden. – Das erfuhr

Auch Januar – wie jede Kreatur.

O, jäher Umschlag! Unbestand im Glücke!

Du gleichst dem Skorpion in Deiner Tücke,

Der mit dem Kopfe schmeichelt, wenn Dir Tod

Bereits des Schwanzes gift’ger Stachel droht.

O, kurze Freude! Gift voll Süßigkeit!

O, Ungeheuer, das Beständigkeit

Zu heucheln weiß, doch, wenn Du etwas schenkst,

Zu täuschen nur und zu betrügen denkst.

Weßwegen hast Du Januar hintergangen,

Den anfangs Du als besten Freund empfangen

Und dann beraubt der beiden Augen hast,

Daß Todessehnsucht ihn vor Leid erfaßt?

Ach! dieser edle Januar, so frei,

So wohlbehäbig und vergnügt dabei,

Ist jetzt so plötzlich und durchaus erblindet,

Daß er vor Jammer winselt und sich windet;

Und immer fürchtend, daß sich sünd’ger Lust

Sein Weib ergebe, flammt in seiner Brust

Empor die Gluth der Eifersucht. – Er trüge

Es leichter, wenn man sie und ihn erschlüge,

Als daß – sei er am Leben, ruh’ im Grabe –

Zum Schatz, zur Gattin sie ein Andrer habe,

Und sie um ihn nicht Wittwentrauer trage

Und wie das Täubchen um den Tauber klage.

Doch als ein Monat oder zwei dahin,

Beruhigte sich – Gott sei Dank! – sein Sinn.

Denn als er sah, daß es nicht anders würde,

Trug er geduldig seines Leidens Bürde;

Nur ausgenommen, daß ihn noch weit mehr

Die Eifersucht jetzt plagte, als bisher.

Sie stieg bald über jedes Maß hinaus.

In seine Halle, in ein andres Haus,

Nach welchem Orte, welchem Platz es sei,

Zu geh’n, zu reiten stand ihr nicht mehr frei.

Er hatte sie beständig an der Hand,

Worüber Mai, die immer noch entbrannt

In Liebe war für Damian, oft weinte;

Und da sie sich dem Tod verfallen meinte,

Wenn ihrer Neigung sie nicht bald entspräche,

So harrte sie, wie rasch das Herz ihr bräche.

Geworden aber war aus Damian

Auch seinerseits der sorgenvollste Mann,

Der jemals war, dieweil er nicht bei Tage,

Noch bei der Nacht sich über seine Lage

Mit seiner frischen Mai jetzt ungestört

Besprechen konnte, da es Januar hört.

– So hielt er sie beständig unter Händen. –

Doch da sie Briefe hin und wider senden

Und Zeichen tauschen konnten ganz im Stillen,

Erfuhr sie seinen und er ihren Willen.

O, Januar! was hülfe Dir zu seh’n

Bis, wo die Segel fernster Schiffe weh’n?

Betrogen wird so gut der blinde Mann,

Wie der getäuscht wird, welcher sehen kann.

Sieh’ Argus, welcher hundert Augen führte

Und doch trotz Allem, was er sah und spürte,

Geblendet ward! – Und – weiß es Gott! – so fällt

Das Loos für Manchen, der’s unmöglich hält.

Wer’s übersieht, trägt’s leicht! Darum nichts mehr!

Es hatte Mai, von der ich sprach bisher,

In warmes Wachs den Schlüssel abgegossen,

Mit dem das Gartenpförtchen aufgeschlossen

Von Januar ward, so oft zum Park er ging.

Den Zweck errathend, machte Damian flink

Den Schlüssel nach in aller Heimlichkeit. –

Genug davon! Es naht sich bald die Zeit,

Daß Ihr vom Schlüssel Wunder hören sollt,

Falls Ihr bis dahin Euch gedulden wollt.

O, edeler Ovid! höchst wahr – Gott weiß! –

Hast Du gesagt: Ist Liebe lang’ und heiß,

So weiß auch List die Wege auszuspäh’n,

Wie wir an Piramus und Tisbe seh’n,

Die – obschon lang’ in strammer Zucht gehalten –

Zu flüstern wußten durch des Walles Spalten,

Daß Niemand Ahnung hatte von der List.

Doch nun zum Ziel: Vom Julimonat ist

Kaum eine volle Woche hingegangen,

Und Januar fühlt das sehnlichste Verlangen,

Daß er – gespornt dazu von seinem Weibe –

Mit ihr im Garten seine Spiele treibe.

Und so sprach eines Morgens er zu Mai:

»Steh’ auf, mein Weib, mein Liebchen, frisch und frei!

Der Turteltaube Stimme hört man schon,

Die Regenzeit des Winters ist entfloh’n!

O, komm’! mit Augen, rein und taubenhaft,

Mit Brüsten schöner, als der Trauben Saft!

Der Garten ist mit Mauern rings umgeben!

Komm’, blonde Gattin! komm’, mein süßes Leben!

Du hast das Herz verwundet mir, fürwahr;

Und ohne Makel warst Du immerdar!

O, komm’ hinaus zu frohen Liebesscherzen

Erwähltes Weib, Du Trost von meinem Herzen!«

So sprach er manches alte, lose Wort.

Sie aber winkte Damian sofort,

Mit seinem Schlüssel rasch voranzugeh’n.

Er öffnete die Thür und ungeseh’n

Und ungehört von Jedermann war – husch!

Im Garten er, wo hinter einem Busch

Er sich versteckte lautlos und geschwind.

Der alte Januar, wie ein Stein so blind,

Trat in Begleitung seiner Mai allein

In jenen kühlen Garten gleichfalls ein

Und schloß sogleich das Pförtchen wieder zu.

»Nun, Weib,« – sprach er – »allein sind ich und Du!

O, Kreatur, mir über Alles lieb,

Beim hohen Gott im Himmel! eher trieb’

Ich mir das Todesmesser durch den Leib,

Als Dich zu kränken, liebes, theures Weib!

Um Himmels willen! denke dran: ich wählte

Dich nicht zur Frau, weil Habsucht mich beseelte,

Nein, reine Liebe zog mich zu Dir hin.

Drum ob ich alt und jetzt gebrechlich bin,

Bleib’ mir getreu. Ich will den Grund Dir zeigen:

Du machst dadurch drei Dinge Dir zu eigen,

Erst Christi Huld, dann für Dich selber Ehre

Und all mein Gut mit jedem Zubehöre.

Zur freien Hand werd’ ich Dir’s unbedingt

Verschreiben, eh’ die Sonne morgen sinkt,

So wahr mir Gott im Himmel helfen mag.

Komm’, setze Deinen Kuß auf den Vertrag.

Und plagt mich Eifersucht, laß Dich’s nicht kränken.

Du bist mir so ans Herz gewachsen, denken

Muß ich drum stets, wie hold und schön Du bist,

Und daß sehr ungleich unser Alter ist,

Ich kann daher, und ob mein Tod es wär’,

Dich von mir lassen nun und nimmermehr,

Und zwar aus reiner Liebe – glaube mir!

Komm’, küsse mich, und dann lustwandeln wir.«

Auf seine Worte gab die frische Mai

Ihm freundlich Antwort, aber fing dabei

Zuvörderst und zunächst zu weinen an.

»An meinem Seelenheile« – sprach sie dann –

»Liegt mir wie Dir. Ich weiß die zarten Blüthen

Der Weiblichkeit und Frauenehr’ zu hüten,

Wie dies ich Dir gelobt hab’ in die Hand,

Als meinen Leib der Priester an Dich band.

Darum erlaube, lieber, theurer Gatte,

Daß ich jetzt Antwort meinerseits erstatte:

Ich bitte Gott, daß er mich sterben lasse,

Wie das gemeinste Weibsbild von der Gasse,

Wenn jemals meinen Namen ich beflecke

Und die Verwandtschaft je mit Schimpf bedecke.

Wär’ ich so falsch, sollt’ ich mich so vergehen,

So lasse nackt in einen Sack mich nähen,

Und in dem nächsten Fluß ertränke mich!

Nicht Dirne, sondern Edelfrau bin ich!

Was schwatzt Du so? Kein Mann bewahrt die Treue,

Jedoch uns Weiber rügt Ihr stets aufs Neue.

Der einz’ge Spaß – so scheint es –, den Ihr kennt,

Ist daß Ihr schimpft und ungetreu uns nennt!«

Und also redend, sah sie Damian

Im Busch versteckt und fing zu husten an,

Und gab ihm mit dem Finger einen Wink,

Daß einen Baum, der voller Früchte hing,

Er rasch erklimmen sollte. – Oben war er

In einem Nu; denn er begriff es klarer

Als Januar, ihr lieber Ehegatte,

Was für Bedeutung jedes Zeichen hatte;

Denn brieflich mitgetheilt war ihm von Mai,

Wie in der Sache zu verfahren sei.

So lassen wir im Birnenbaum ihn bleiben

Und froh umher sich Mai und Januar treiben.

Der Tag war hell, das Firmament war blau,

Froh lachten alle Blumen auf der Au’,

Erwärmt durch Phöbus’ gold’nen Feuerstrahl,

Der in den Zwillingen – doch dazumal

Schon nah’ dem Krebs – stand, wo er deklinirt

Und Jupiter dagegen exaltirt.

Nun war durch Zufall ganz im Hintergrunde

Des Gartens in der hellen Morgenstunde

Auch Pluto, Fürst des Feenreichs, erschienen

Mit manchen Damen, die im Hofstaat dienen

Von seiner edlen Königin und Frau,

Proserpina, die er von Ethnas Au’,

Wo, Wiesenblumen suchend, sie geweilt,

Geraubt und – wie Claudianus mitgetheilt –

Entführt hat in dem grausigen Gespann.

Der Feenkönig setzte sich sodann

Auf einer Bank von grünem Rasen hin,

Und so begann er zu der Königin:

»Mein Weib,« – sprach er – »es steht ganz außer Frage,

Und die Erfahrung lehrt es alle Tage,

Daß Frauen ihre Männer hintergeh’n.

Zehnhunderttausend von Geschichten steh’n

Mir zu Gebot, daß falsch und schwach Ihr seid.

O, Salamo, so durch und durch gescheidt,

An Ruhm und Schätzen Reichster aller Reichen,

Aus dem Gedächtniß wird so leicht nicht weichen,

Solang’ ein Mann Vernunft besitzt und Geist,

Dein trefflich Wort, das Männerwürde preist:

Ich fand zwar unter Tausend einen Mann,

Doch unter allen traf kein Weib ich an.

So spricht er, weil er Eure Bosheit kennt.

Und Sirachs Sohn, den man auch Jesus nennt,

Beweist Euch gleichfalls selten Reverenz,

Läßt er vom Himmel faule Pestilenz,

Und wildes Feuer auf Euch niederfahren!

Kannst Du den edlen Ritter dort gewahren?

Ach! weil ihn Blindheit und das Alter drücken,

Wird ihn sein Junker bald mit Hörnern schmücken.

Sieh! auf dem Baume sitzt der Wüstling droben.

Bei meiner Majestät! ich will geloben,

Sofort dem alten, blinden, würd’gen Ritter

Zurückzuschenken sein Gesicht, damit er

Sie überraschen möge bei der Sünde

Und seines Weibes Unzucht so ergründe

Zu ihrem Schimpf und Anderen zum Schreck.«

»Herr,« – sprach Proserpina – »ist das Dein Zweck,

Schwör’ ich bei meiner Mutter Ceres Seele,

Daß ihr es nicht an Antwort darauf fehle,

Wie keiner anderen Frau in gleichem Falle.

Ertapptet Ihr auf frischer That auch alle,

Mit kühnem Antlitz werden Eure Klagen

Sie schlau entkräften und zu Boden schlagen.

An Wortverlegenheit stirbt keine Frau!

Ja, säh’t mit beiden Augen Ihr’s genau,

Wir läugnen frech Euch ins Gesicht hinein,

Wir weinen, schwören, schelten, drehen’s fein,

Indeß Ihr da so dumm wie Gänse steht.

Was scheert mich Deine Schriftautorität!

Mir ist vom Juden Salamo bekannt,

Daß unter Weibern er viel Thorheit fand;

Jedoch traf selbst kein gutes Weib er an,

So hat gefunden dennoch mancher Mann,

Daß Weiber treu sind, fromm und tugendhaft.

Ihr Märtyrthum giebt davon Zeugenschaft,

Das standhaft hat manch Christenweib ertragen;

Auch Römergesten wissen uns zu sagen,

Von manchen Weibern treu und fleckenrein.

Nimm mir’s nicht übel, Herr, es mag ja sein,

Daß Salamo kein gutes Weib geseh’n;

Doch seine Meinung, bitt’ ich, zu versteh’n.

Er will nur sagen, daß – Gott ausgenommen –

Nicht Mann, noch Weib an Güte sei vollkommen.

Beim ein’gen Gott, sag’ mir aus welchem Grunde

Führt Salamo beständig Ihr im Munde?

Was? weil dem Herrn ein Gotteshaus er schuf?

Was? weil er reich an Schätzen war und Ruf?

Er baute Tempel auch für falsche Götzen,

Und lief dies nicht zuwider den Gesetzen?

Er war, wie schön Ihr’s übertünchen wollt,

Ein Götzendiener und ein Hurenbold,

Und an dem Herrn im Alter ein Verräther!

Und hätte Gott ihn wegen seiner Väter

– Wie uns die Schrift berichtet – nicht geschont,

So wär’ er früher, als ihm lieb, entthront.

Was er von Weibern Schlechtes schreibt und lehrt,

Scheint mir nicht einen Buttervogel werth!

Ich bin ein Weib, und daher muß ich sprechen,

Soll ich nicht bersten und das Herz mir brechen.

Denn, daß er Schwätzerin genannt das Weib,

Das wird, so lang’ ich Haare trag’ am Leib,

Von mir aus Höflichkeit ihm nicht verzieh’n,

Und wenn er uns schimpft, so beschimpf’ ich ihn!«

»Frau,« – sagte Pluto – »sei nicht länger böse!

Ich geb’ es auf. – Doch, daß mein Wort ich löse,

Will ich das Augenlicht zurück ihm schenken.

Mein Wort bleibt steh’n. – Ich bitte zu bedenken,

Daß ich ein König und kein Lügner bin.«

»Und ich« – sprach sie – »bin Feenkönigin,

Ich unternehm’s, die Antwort ihr zu senden,

Und damit laß dies Wortgefecht uns enden.«

»Gewiß,« – sprach er – »nicht widersprech’ ich Dir!«

Zurück zum alten Januar kehren wir. –

Im Garten weilt er mit der schönen Mai,

Und singt weit lust’ger als ein Specht dabei:

»Du bist mein Schatz und bleibst es lebenslang.«

Mit ihr durchwandernd manchen Gartengang,

Kam schließlich er beim Birnbaum wieder an,

In welchem fröhlich Junker Damian

Hoch oben saß und sich im Laub verbarg.

Die frische, heit’re, schöne Mai fing arg

Zu seufzen an und sprach: »Welch Seitenstechen!

O, Herr! ich muß um jeden Preis mir brechen

Gleich eine von den Birnen, die ich sehe,

Da ich vor Sehnsucht schier darnach vergehe,

Die süßen, grünen Birnen zu verzehren.

Still’ um der Jungfrau willen mein Begehren!

Ich sage Dir, wir Weiber sind in Lagen,

Daß wir nach Früchten oft Verlangen tragen

Und sterben müssen, wenn wir keine haben.«

»Ach! hätt’ ich doch zur Hand nur einen Knaben,

Hinaufzuklettern!« – rief er. »Weh und Ach!

Daß ich so blind bin!« – »Herr!« – sprach sie – »Gemach!

Versprich mir nur aus christlichem Erbarmen,

Mich in den Baum zu heben mit den Armen

– Vertrauen, freilich, schenktest Du mir nie –

So könnt’ ich ihn erklimmen schon« – sprach sie –

»Stieg ich auf Deinen Rücken mit den Füßen.«

»Gewiß« – sprach er – »mein Blut würd’ ich vergießen,

Um Dir zu helfen. Gern will ich mich bücken.« –

Er that’s. – Sie sprang sofort auf seinen Rücken

Und schwang sich in den Baum an einem Ast.

Ihr Damen, legt mir’s, bitte, nicht zur Last.

– Ich bin ein grober Kerl und rauh von Wort. –

Doch dieser Junker Damian hob sofort

Den Rock ihr auf, und dann ging’s drauf und dran.

Doch kaum sah Pluto dieses Unrecht an,

Als er auch auf der Stelle Januar

So sehend machte, wie er früher war.

Und da ihm sein Gesicht zurückgestellt,

War Januar der froh’ste Mann der Welt.

Doch immerwährend lag ihm Mai im Sinn.

Und auf den Baum warf er die Blicke hin,

Und sah dort Damian mit seinem Weibe

In einer Stellung, die ich nicht beschreibe,

Denn ungern möcht’ ich unmanierlich sein.

Nun fing er an zu brüllen und zu schrein,

Wie eine Mutter um ihr sterbend Kind:

»Heraus!« – rief er – »Zu Hülfe! Ach! geschwind!

O, Himmelskönigin! Was thust Du, Mai?!«

»Was fehlt Dir?« – frug sie. – »Lieber Mann so sei

Vernünftig doch und bleib geduldig nur!

Für Dich betrieb ich eine Augenkur;

Bei meiner Seligkeit, ich lüge nicht,

Dir wiedergeben könnt’ ich das Gesicht

– Ward mir erzählt – doch müßt’ ich zum Gelingen

Auf einem Baum mit einem Manne ringen!

Weiß Gott! ich hatte Gutes nur im Sinn.«

»Was« – rief er – »ringen? – Und er war schon drin! –

Vor Scham und Schande solltet Ihr vergeh’n:

Ihr war’t dabei! Hab’ ich’s nicht selbst geseh’n,

Will einen Strick ich um den Hals mir zieh’n!«

»Dann« – sprach sie – »braucht ich falsche Medicin.

Denn, sicherlich, bei vollem Augenlicht

Sprächst Du zu mir in solcher Weise nicht.

Du siehst nicht klar, Du hast nur einen Schimmer.«

»Ich sehe« – sprach er – »just so gut wie immer

– Gedankt sei Gott! – mit meinen Augen zwei;

Und – meiner Treu! – mich dünkt, er war dabei.«

»Du faselst, faselst, lieber Herr!« – sprach sie. –

»Ach, warum hatt’ ich soviel Sympathie?

Ist das der Dank für alle meine Güte?«

»Nun, Frau« – sprach er – »nimm’s Dir nicht zu Gemüthe;

Steig’ nieder Schatz. – Vielleicht ging ich zu weit;

Und – helf’ mir Gott! – es thut mir herzlich leid.

Indeß – bei meines Vaters Geist! – mir schien,

Als sah ich Damian sich darüber knien,

Und daß Dein Rock auf seiner Brust gelegen.«

»Nun, Herr!« – sprach sie – »so glaubt es meinetwegen.

Doch, Herr, ein Mann, der aus dem Schlaf erwacht,

Nimmt nicht sofort ein jedes Ding in Acht;

Da er die Sachen unvollkommen sieht,

Bevor sich seine Schläfrigkeit verzieht.

Und so geht’s auch dem Mann, der, lang’ erblindet,

Sein Augenlicht urplötzlich wiederfindet;

Er sieht am ersten Tage nicht so gut,

Wie er’s am zweiten oder dritten thut;

Und ehe nicht ein Weilchen er’s gewohnt,

Bleibt er von mancher Täuschung nicht verschont.

Bei Gott im Himmel! Bitte, mach’ Dir’s klar:

Gar manche Dinge nimmt ein Mann gewahr;

Die dennoch anders sind, wie er geseh’n;

Und wer mißsieht, der wird auch mißversteh’n.«

Mit diesem Wort sprang sie vom Baum hinunter.

Wer war auf Erden nun so froh und munter

Wie Januar? Er küßt und herzt sein Weib

Und streichelt zart und sanft ihr oft den Leib,

Und geht mit ihr in den Palast zurück.

Nun, gute Leute, wünsch’ ich Euch viel Glück!

Hier endet mein Bericht von Januar.

Gott und die Jungfrau schütz’ Euch immerdar!

Der Prolog des Junkers.

Vers 12859–12888.

»Fürwahr« – sprach unser Wirth – »bei Gottes Güte!

Vor solchem Weibsbild mich der Herr behüte.

Seht, welcher Schliche Frauen sich bedienen!

Seht, welcher List! – Ja, ems’ger als die Bienen,

Sind sie, uns dumme Männer zu betrügen;

Und daß sie unwahr sind und immer lügen,

Beweist des Kaufmanns Vortrag uns genau.

So treu wie Stahl ist freilich meine Frau,

Wenn sie gleich arm ist. – Doch im Zaum hält sie

Die bitterböse Plapperzunge nie,

Und andre Laster hat sie noch in Haufen. –

Genug davon! – Laßt solche Sachen laufen!

Doch wißt Ihr was? – Ganz im Vertrau’n erzählt:

Mich reut es bitter, daß ich mich vermählt’.

Doch alle Fehler, welche sie besitzt,

Euch mitzutheilen, bin ich zu gewitzt.

Wißt Ihr den Grund? – Sie hört es wieder später;

Auch hier im Kreise fehlen nicht Verräther.

Wer diese sind, brauch’ ich kaum anzuzeigen,

Da Weiber nie von solchen Sachen schweigen.

Und Euch in Alles einzuweih’n gebricht

Es mir an Witz; drum schließ’ ich den Bericht.

Kommt näher, Junker! falls es Euch beliebt!

Erzählt von Liebe! – Traun! auf Erden giebt

Es Keiner, der gleich Euch darin beschlagen.«

»Nein, Herr!« – sprach er – »doch gerne will ich sagen,

Was mir bekannt ist. – Gebt Ihr mir Befehle,

So bin auch kein Rebell ich und erzähle.

Gut ist mein Wille; doch mißräth’s, so richte

Man nicht zu scharf. – Seht, dies ist die Geschichte.«

Die Erzählung des Junkers.

Vers 12889–13550.

Zu Sarra lebte im Tartarenland

Ein König, welcher oft in Fehde stand

Mit Rußland; wodurch mancher brave Mann

Zu Tode kam. – Man nannte Cambuscan

Den edlen König, der zu seiner Zeit,

Wie Keiner sonst berühmt war weit und breit. –

In jeder Hinsicht von erprobtem Werth,

Gebrach ihm nichts, was einen König ehrt,

Als daß in anderm Glauben er geboren.

Fest hielt er am Gesetz, das er beschworen,

Und dabei war er weise, kühn und reich,

Gerecht und mild und blieb sich darin gleich;

Treu seinem Wort, stets ehrenhaft und gut

Und wie der Schwerpunkt stät und fest an Muth;

Jung, frisch und stark, voll Lust zu Kampf und Strauß,

Wie kaum ein Ritter sonst aus seinem Haus;

Von Ansehn schön, vom Glücke reich bedacht,

Entfaltete er königliche Pracht

An seinem Hofe, wie kein andrer Mann.

Der edle Tartarkönig Cambuscan

Besaß zwei Söhne – Algarsif der eine,

Der jüngere Camballo – welche seine

Gemahlin Elfeta zunächst gebar;

Jedoch das jüngste Kind des Königs war

Ein Töchterlein, mit Namen Canace,

Die größte Schönheit. – Aber ich gesteh’,

Daß mir die Kunst, sowie die Zunge fehlen,

Von so erhabnen Sachen zu erzählen.

Mein Englisch ist nicht gut genug bestellt.

Der erste Redner selber von der Welt,

Dem jede Farbe für die Kunst bekannt,

Brächte die Schilderung kaum zum Theil zu Stand;

Der bin ich nicht, ich rede, wie ich kann.

Und es geschah, als dieser Cambuscan

Sein Diadem getragen zwanzig Jahr,

Daß er, wie jährlich – denk’ ich – Sitte war,

Ausrufen ließ in Sarra allerwärts,

Am letzten Idus würd’ im Monat März

In diesem Jahre sein Geburtstag sein.

Phöbus entsandte seinen hellen Schein,

Ganz nah’ vom Standpunkt der Exaltation,

Mars gegenüber, der in der Mansion

Des Widders stand, dem zornig heißen Bilde.

Höchst freundlich war die Witterung und milde.

Der Sonn’ entgegen sangen Dankeslieder

Mit lauter Stimme schon die Vögel wieder

Beim Nah’n des Frühlings in dem frischen Grün,

Durch sie geschützt fortan, wie’s ihnen schien,

Vorm scharfen Schwert der kalten Winterzeit.

Bediademt, in reichem Königskleid

Saß Cambuscan, von dem die Rede schon,

In dem Palaste hoch auf seinem Thron

Und feierte sein Fest mit Prunk und Prangen,

Wie auf der Welt kein zweites ward begangen.

Kaum reichte hin, von aller Pracht zu sagen,

Der längste Tag von allen Sommertagen.

Doch scheint es mir nur wenig von Belang,

Die fremden Schüsseln und jedweden Gang,

Sowie die Tafelordnung zu erwähnen.

Noch red’ ich von den Reihern und den Schwänen,

Noch von dem Fleische, das als Leckerbissen

– Wie alte Ritter mitzutheilen wissen –

Im Lande galt, wird’s auch von uns verschmäht.

Denn keinen Menschen giebt es, dem’s geräth,

Dies zu beschreiben. – Morgenzeit ist hin,

Und da nur Zeitverlust und nicht Gewinn

Es bringen kann, so eil’ ich fortzufahren.

Als so drei Gänge aufgetragen waren,

Indeß dem Spiel und köstlichem Gesang

Der Minnesänger, der bei Tisch erklang,

Der König lauschte, und vom Adel Alle,

Ritt durch das Thor urplötzlich in die Halle

Ein Ritter, der auf einem Rosse saß

Von blankem Stahl. – Er trug ein Spiegelglas

In seiner Hand und einen goldnen Ring

Am Finger, und an seiner Seite hing

Ein nacktes Schwert. – Und als er näher ritt,

Ward in der Halle Jeder stumm; denn mit

Verwundrung blickten hin auf die Gestalt

Des Rittersmanns geschäftig Jung und Alt.

Der bis aufs Haupt vom reichsten Panzerhemde

Umhüllte, plötzlich eingetretne Fremde

Begrüßte König, Königin und alle

Die Ritter ehrerbietig in der Halle

Dem Rang gemäß nach höfischem Gebrauch

In Wort und Haltung. – Käme selber auch

Zur Erde wieder aus dem Land der Geister

Gawain, der alte Ceremonienmeister,

Fürwahr, verbessern könnt’ er nicht ein Wort.

Der Ritter nahte sich dem Thron sofort

Und gab in seiner Sprache männlich laut,

Die Botschaft wieder, die ihm anvertraut,

Nach Laut und Silbe, ohne jeden Fehler;

Es gab durch seinen Vortrag der Erzähler

Vielmehr den Worten ihren besten Werth,

Wie es die Kunstform der Rhetorik lehrt.

Doch mir wird, ach! sein Redestil zu sauer.

Ich überklimme nicht so hohe Mauer,

Doch sag’ ich dieses, damit Jeder klar

Ersehe, was der Sinn der Rede war,

Soweit es mein Gedächtniß noch behält:

»Arabiens König, Indiens Herr bestellt«

– So hub er an – »zu Deinem Ehrentag

Dir Grüße, wie er bestens kann und mag,

Und sendet Dir zu dieser Festlichkeit

Durch mich – der stets zu Deinem Dienst bereit –

Dies Roß von Erz, das leicht, sowie bequem

In Zeit von einem Tage – unter dem

Hier vierundzwanzig Stunden sind gemeint –

Ob’s regnet, oder ob die Sonne scheint,

Wenn Dir’s gefällt, nach jedem Ort Dich trägt,

Wohin Dein Herz zu reiten Neigung hegt,

Durch Dick und Dünn, und ohne zu versagen.

Es wird auf Wunsch Dich in die Lüfte tragen,

Hoch wie der Adler sich im Fluge schwingt.

Wohin Du willst, ans Ziel trägt unbedingt

Dich dieses Roß, und ohne Furcht vor Tücken

Magst schlafen Du und ruh’n auf seinem Rücken.

Es kehrt zurück, berührst Du einen Knopf.

Der es gemacht hat, war ein schlauer Kopf,

Und wußte durch Constellation von Sternen

Für das Getriebe Manches zu erlernen,

Und kannte manches Band und manches Siegel.

Auch halt’ ich den Händen einen Spiegel

Von solcher Kraft, daß Du mit einem Blick

Darin erspäh’st jedwedes Mißgeschick,

Das Dir bevorsteht, oder Deinem Reich;

Und Freund und Feind erkennst darin Du gleich.

Und überher zeigt noch der Spiegel an,

Ob, wenn ein schönes Fräulein einen Mann

Ihr Herz geschenkt hat, dieser Falschheit sinne,

Und was er plane, wen aufs Neue minne;

So offenbar wird jede Heimlichkeit.

Weßhalb ich jetzt zur lust’gen Sommerzeit

Von meinem Herrn den Spiegel sammt dem Ringe

Hier Deiner Tochter zum Geschenke bringe,

Der edlen Dame voller Trefflichkeit.

Der Ring – sofern Ihr’s hören wollt – verleiht

Die Kraft, daß, wenn am Daumen sie ihn trägt,

Auch, falls sie will, in ihre Börse legt,

Von jedem Vogel unterm Himmelsdache

Sie auch sofort verstehen kann die Sprache;

Und klar wird ihr der Sinn von ihren Liedern,

Und sie kann in derselben Art erwiedern.

Auch alle Kräuter, so aus Wurzeln sprießen,

Kennt sie und kann mit ihnen Wunden schließen,

Wie groß auch deren Tiefe sei und Weite.

Und dieses nackte Schwert an meiner Seite

Hat solche Kraft, daß, wenn ein Mann es schwingt,

Sein Hieb sofort durch jeden Harnisch dringt,

Wär’ er selbst stärker, als die stärkste Eiche.

Und, wenn ein Mann verwundet ist vom Streiche,

Wird er – sofern es Dir beliebt – nie heil,

Falls mit des Schwertes Fläche Du den Theil

Nicht streicheln willst, wo seine Wunden fließen.

Das heißt: die Stelle wird sofort sich schließen,

Berührst Du sie mit Deinem flachen Schwert.

Das ist die Wahrheit, und der Zauber währt,

So lang’ das Schwert Du führst in Deinen Händen.«

Hier ließ der Ritter seinen Vortrag enden,

Ritt aus der Halle dann zum Hof hinein

Und stieg vom Roß, das ruhig, wie aus Stein

Gehauen, dastand hell wie Sonnenschimmer.

Der Ritter legte dann in einem Zimmer

Die Rüstung ab, worauf er in die Halle

Zur Tafel ging. – Aus kostbarem Metalle

Waren die Gaben, nämlich, Schwert und Spiegel,

Die durch erwählte Diener unter Riegel

Im Hauptthurm zu bewahren man befahl.

Der Ring jedoch ward feierlich beim Mahl

Sogleich der Dame Canace verehrt.

Doch unbeweglich stand das Eisenpferd

– Ich fab’le nicht, die Wahrheit spricht mein Mund –

Auf seinem Platz, wie festgeleimt am Grund.

Von seinem Fleck es Niemand treiben kann;

Sie wenden Hebel, Winden, Schrauben an.

Vergebens! – Da der Kunstgriff nicht bekannt,

So blieb das Roß am Platze, wo es stand,

Bis später die Bewegung von dem Pferde

Der Ritter zeigte, wie ich melden werde.

Es wogte hin und her das Volksgedränge,

Das Pferd begaffend, das von solcher Länge,

So breit und hoch war, aber Ebenmaß

Trotz aller Kraft und Stärke doch besaß.

Vollkommen roßgleich war es, und dabei

Von Blick so feurig, wie die Lombardei

Mitsammt Apulien nur ein Pferd geboren.

Es könne von dem Schweif bis zu den Ohren

In keiner Art verbessern die Erscheinung

Natur noch Kunst – so war des Volkes Meinung.

Doch galt als größtes Wunder allerwärts,

Daß gehen könne dieses Pferd von Erz;

Ein Feeenspuk erschien dem Volk zumeist es.

Doch »soviel Köpfe, soviel Sinne« heißt es,

Und eine Meinung kann nicht Jedem dienen.

Sie murmelten gleich einem Schwarm von Bienen,

Denn ihre Kraft der Einbildung war rege;

In alten Liedern fanden sie Belege;

Es sei der Gaul ganz gleich dem Pegasus,

Dem Flügelrosse, war der Einen Schluß;

Doch Andre sagten, es sei Sinon’s Pferd,

Des Griechen, durch das Troja ward zerstört,

Wie dies aus alten Büchern man vernommen.

»Mein Herz« – sprach Einer – »ist stets angstbeklommen.

Bewaffnet Volk – so glaub’ ich – steckt darin

Und hat die Plündrung unsrer Stadt im Sinn.

Mir schien’ es gut, wär’ Alles erst bekannt!«

Und leise sprach, zum Nachbar hingewandt,

Ein Anderer: »Er lügt! Mir scheint vielmehr,

Als ob Magie dabei im Spiele wär’,

Wie Taschenspieler sie auf Festen zeigen!«

So zweifelten und schwätzten sie, wie’s eigen

Dem Pöbel ist in seiner Allgemeinheit,

Der stets bei Dingen, die mit größrer Feinheit

Gemacht sind, als sein schmales Hirn versteht,

Auch auf das Schlimmste gern zunächst geräth.

In andern Gruppen man vom Spiegel sprach,

Der aufbewahrt im starken Thurme lag,

Verwundert, daß er solche Dinge künde.

Doch kannte dieser oder der die Gründe:

Man könne durch die Winkabstellung schlau

Die Reflexion berechnen ganz genau;

Sei doch in Rom ein solches Glas zu seh’n.

Vitellon – sagten sie – und Alhazen

Und Aristoteles beschrieben schon

Die Perspectiven und die Reflection,

Was Lesern ihrer Schriften sei bekannt.

Auch an dem Schwert man viel zu wundern fand,

Das Kraft besaß, durch jedes Ding zu stechen.

Man kam auf König Telephus zu sprechen,

Und auf Achilles mit dem Zauberspeer,

Der heilen konnte, wie verwunden schwer,

Ganz in derselben Weise wie das Schwert,

Von dessen Kraft soeben Ihr gehört.

Sie sprachen über Härtung von Metall

Und die Verfahren, die man überall

Anwenden könne, solches fest zu machen.

Doch mir sind dieses unbekannte Sachen.

Von Canace besprachen sie den Ring

Und sagten: solch’ ein wunderbares Ding

Von Zauberei sei etwas namenloses.

Sie wußten nur, daß Salamo und Moses

Sich hohen Ruhm in dieser Kunst gewannen.

Und also redend, zog das Volk von dannen.

Merkwürdig – meinten Einige – sei, daß

Aus Farrnkrautasche man bereite Glas,

Da beides doch so ganz verschieden sei.

Doch bald war das Geschwätz davon vorbei;

Als Wunder galt nicht, was den Meisten kund.

Höchst räthselhaft erschien des Donners Grund,

Der Jungfernsommer, Nebel, Ebbe, Fluth,

Und was noch sonst bislang im Dunkel ruht.

So schwatzten sie und meinten Allerhand,

Bis von der Tafel auf der König stand.

Vom Mittagswinkel wandte Phöbus sich

– Doch ascendirte dabei königlich

Der edle Löwe mit dem Aldrian –

Als dieser Tartarkönig Cambuscan

Die Tafel aufhob und vom Throne dann

– Die Sänger und Trompeter ihm voran –

Zum Prunksaal ging, wo Instrumentenklang

Sofort erscholl; und wem’s zu Ohren drang,

Der wähnte sich ins Himmelreich versetzt.

Tanzt, liebe, lust’ge Venuskinder, jetzt!

Denn freundlich blickt der Liebe Königin,

Hoch in den Fischen thronend, auf Euch hin.

Der edle König, hoch zu Thron im Saal,

Den fremden Ritter zu sich her befahl,

Der bald im Tanz mit Canace sich schwang.

Nun herrschte Lust, nun schallte Jubelklang!

Doch das beschreibt uns nicht, wer trüb gesinnt.

Nur wer im Dienst der Liebe selber minnt,

Ein Lebemann, frisch wie der Mai und jung,

Kann unternehmen diese Schilderung.

Doch wer vermag das Bild Euch zu entfalten

Von fremden Tänzen, frischen Frau’ngestalten,

Die Liebesgrüße mit verstohl’nen Blicken,

Der Gatten Eifersucht befürchtend, nicken?

Ich überschlag’ es; denn nur Lancelot

Kann das beschreiben; aber der ist todt.

Ich sage nichts. – In froher Lust indessen

Laß ich sie weilen bis zum Abendessen.

Es heißt, derweil die Instrumente klingen,

Der Tafelmeister Wein und Speisen bringen.

Es eilen fort die Junker und Lakai’n;

Man trägt die Schüsseln auf, man bringt den Wein,

Man ißt, man trinkt und nach dem Essen geht

Man schicklich in den Tempel zum Gebet,

Um dann aufs Neu’ den ganzen Tag zu zechen.

Jedoch, was nützt es, von dem Glanz zu sprechen?

Bekanntlich giebt’s auf einem Königsfeste

Für Hoch und Niedrig Viel und stets das Beste

An – was weiß ich, wie manchen – Leckerei’n.

Gleich nach dem Schmause nahm im Augenschein

Der edle König mit dem ganzen Troß

Von Herr’n und Damen jenes Eisenroß;

Und so bewundert ward das Pferd von Allen,

Daß seit der Zeit, da Troja einst gefallen,

Und Menschen staunend auf ein Roß geschaut,

Kaum die Verwundrung wurde je so laut.

Doch schließlich bat der König, daß erklärt

Vom Ritter ihm die Tugend von dem Pferd

Und seine Kraft und seine Leitung werde.

Gleich hob das Roß sich trippelnd von der Erde,

Sobald der Rittersmann erfaßt den Zaum.

»Herr!« – sprach er dann – »es braucht der Worte kaum.

Wohin Du willst, der Ritt von Statten geht,

Wenn man den Knopf in seinem Ohre dreht.

Sind wir allein, will ich Dir Alles zeigen.

Auch darfst Du Land und Ort ihm nicht verschweigen,

Wohin den Ritt nach Deiner Wahl Du lenkst;

Und bist Du da, wo Du zu bleiben denkst,

Gieb ihm Befehl; und daß es niederfliegt,

Dreh’ an dem andern Knopfe. – Darin liegt

Die ganze Kunst. – Gehorsam allsofort

Steigt es hernieder und bleibt still am Ort.

Mag alle Welt das Gegentheil besagen,

Nicht fort zu zieh’n ist’s und nicht fort zu tragen.

Und willst Du weiter reiten, nun, so drücke

An diesen Knopf, und gleich im Augenblicke

Ist es entschwunden dem Gesicht von Allen.

Bei Tag und Nacht steigt wieder nach Gefallen

Es auch herab, rufst Du es in der Art,

Wie unter uns Dir näher offenbart

Noch werden soll in kurzer Zeit. – Und nun

Reite nach Lust; denn mehr giebt’s nicht zu thun!«

Nachdem vom Ritter unterwiesen war

Der König, und nach Form und Art ihm klar

Geworden war das Triebwerk auf das Beste,

Kehrte vergnügten Sinnes er zum Feste

Nunmehr zurück. Die Zügel aber ließ

Er aufbewahren in dem Thurmverließ.

Bei den Juwelen von besonderm Werth.

Aus Aller Blick jedoch entschwand das Pferd.

Ich weiß nicht wie? Von mir bringt Ihr heraus

Für jetzt nichts mehr. – Ich lasse froh beim Schmaus

Sich Cambuscan mit seinen Herr’n behagen,

Bis daß der Morgen fast beginnt zu tagen.

Pars Secunda.

Schlaf, der Verdauung Amme, fing zu winken

Und zu warnen an, daß man nach vielem Trinken,

Wie nach der Arbeit, Ruhe suchen müsse,

Und schenkte Jedem, gähnend seine Küsse,

Und sprach: »Die höchste Zeit ist, daß Ihr ruht,

Denn dominirend ist bereits das Blut,

Und diesen Freund des Fleisches hegt und pflegt.«

Zum Danke zwei- bis dreimal gähnend, legt

Zu Bett sich Jeder, denn die beste Wahl

Schien, das zu thun, was ihnen Schlaf befahl.

Was sie geträumt, kann ich zu melden sparen,

Da ihre Köpfe so umnebelt waren,

Daß sie nur Träume hatten ohne Sinn.

Die Meisten schliefen bis zum Mittag hin;

Jedoch nicht Canace, die nach den Sitten

Der Frauenwelt das Maß nicht überschritten,

Und von dem Vater ihren Abschied nahm

Und schlafen ging, sobald der Abend kam;

Denn ungern wäre sie mit bleichen Mienen

Am nächsten Morgen unfestlich erschienen.

Bald lag im ersten Schlummer sie, doch wachte

Dann wieder auf; denn ihrem Herzen machte

So große Freude Spiegelglas und Ring,

Daß zwanzigmal die Farbe kam und ging,

Und Traumvision ihr stets den Spiegel wies,

Der solchen mächt’gen Eindruck hinterließ.

Als daher kaum die Sonne aufging, rief

Sie ihre Pflegerin, die bei ihr schlief,

Und sprach: sie habe Lust sich zu erheben.

Wie alte Frau’n sich gern den Anschein geben

Besondrer Weisheit, frug die Pflegerin

Hierauf zunächst: »Madam, wo wollt Ihr hin,

So früh am Tage? – Noch schläft Jedermann!«

»Ich will« – sprach sie – »da ich nicht schlafen kann

Und länger schlafen mag, spazieren geh’n.«

Gleich sprangen auf von ihren Frauen zehn

Bis zwölfe, wie die Pflegerin gebot.

Auch Canace erhob sich, frisch und roth,

Der jungen Sonne gleichend, die am Pfade

Des Himmels eben bis zum vierten Grade

Des Widders klomm, als sie schon fertig stand

Und in das Freie leichten Schritts entschwand,

Für Spiel und Wanderung vom luft’gen Kleid

Umflattert in der lustig süßen Zeit.

Doch von der Frauenschaar nahm sie allein

Fünf oder sechs mit in den Park hinein.

Durch Nebeldunst, der aus der Erde quoll,

Erschien die Sonne roth und breit und voll;

Jedoch ein Schauspiel war’s voll Herrlichkeit.

Und in der morgenfrischen Frühlingszeit

Schlug ihr das Herz erleichtert, als der Sang

Der Vogelstimmen ihr zu Ohren drang,

Denn Meinung und Bedeutung konnte sie

Sofort erkennen aus der Melodie.

Man sollte nie, hat man was mitzutheilen,

So lange bei der Knotenschürzung weilen,

Bis wir bei denen, die uns reden hören,

Die Lust ertödten und den Reiz zerstören.

Denn wird zu viel und gar zu breit geschwätzt,

Verfliegt der Duft. – Und darum will ich jetzt

Mich gleich zum Knoten der Erzählung wenden,

Und lasse hiemit ihre Wandrung enden.

Wo Canace im grünen Waldesraum

Lustwandelte, saß hoch auf einem Baum,

Der dürr und trocken war und weiß von Schein,

Wie Kreide, eine Falkin, deren Schrei’n

Im ganzen Walde kläglich wiederscholl;

Und die mit ihren Flügeln jammervoll

Sich selbst zerschlug, bis daß von rothem Blute

Der Baumstamm troff, auf dem der Vogel ruhte,

Der immerfort erbärmlich schrie und kreischte,

Und mit dem eignen Schnabel sich zerfleischte.

Ein Tiger hätte, der im Walde schweift,

Ein wildes Thier, das durch die Dickung streift,

Wenn ihnen Thränen nicht Natur versagte,

Geweint aus Mitleid, als so laut sie klagte.

Zwar Mancher weiß die Schildrung uns zu geben

Von einem Falken. Doch es hat im Leben

Bislang kein einz’ger Mann, wohl einen gleichen,

So schöngeformten, so gefiederreichen,

So ganz vollkommnen Vogel je gekannt.

Ein Pilgerfalke schien’s aus fremdem Land,

Doch jetzt durch Blutverlust geschwächt und kaum

Mehr bei Besinnung, so daß, auf dem Baum

Sich festzuhalten, länger nicht vermocht’ er.

Und Canace, die schöne Königstochter,

Die an dem Finger trug den Zauberring,

Durch den sie Kraft besaß, ein jedes Ding,

Von dem ein Vogel spricht in seinen Liedern,

Klar zu versteh’n und darauf zu erwiedern,

Vernahm auch, was die Falkin zu ihr sprach,

Durch deren Jammer fast das Herz ihr brach.

Rasch zu dem Baume wandte sie den Lauf

Und blickte mitleidsvoll zum Vogel auf,

Und breitete den Schooß aus, wohl bewußt,

Er falle durch den vielen Blutverlust

Bei nächster Ohnmacht sicher von dem Aste.

In der Erwartung stumm verharrend, paßte

Sie länger auf, bis sie das Schweigen bannte

Und sich zur Falkin mit den Worten wandte:

»Was ist der Grund – darfst Du es mir erzählen –

Daß Dich so grimme Höllenschmerzen quälen?«

– So sprach zum Vogel droben Canace. –

»Ist’s Todesangst, verschmähter Liebe Weh?

Denn – wie mich dünkt – entspringt aus diesen beiden

Für edle Herzen wohl das schwerste Leiden.

Von anderm Harme brauch’ ich nicht zu sprechen;

Daß Du versuchst, Dich an Dir selbst zu rächen,

Beweißt es klar, Haß oder Furcht allein

Kann Deiner grausen That Beweggrund sein.

Doch seh’ ich nirgends den Verfolger kommen.

Bei Gottes Liebe, Dir zum eignen Frommen!

Wie kann ich helfen? Rede, sprich zu mir!

In Ost und West sah Vogel oder Thier

Ich nie zuvor, dem solches Leid geschah.

Fürwahr, mir gehen Deine Sorgen nah.

Von Mitleid ist für Dich mein Herz erfaßt.

Um Gottes Willen, komm herab vom Ast!

So wahr ich eine Königstochter bin,

Machst Du mich mit dem Grund bekannt, worin

Dein Leiden wurzelt, kann ich, eh’ die Nacht

Herniedersinkt, Dich heilen, will mit Macht

Und Weisheit Gott mich gütig unterstützen.

Ich finde manche Kräuter, die Dir nützen,

Und Deine Wunden heilen rasch und sicher!«

Jedoch die Falkin schrie nur jämmerlicher,

Als je zuvor, stürzte zu Boden und

Lag regungslos, still wie ein Stein, am Grund;

Bis Canace in ihren Schooß sie nahm,

Wo ihr Bewußtsein schließlich wiederkam,

Und sie, sich dann erholend nach und nach,

In Falkenzunge diese Worte sprach:

»Daß Mitleid rasch ein edles Herz bewegt,

Da fremder Schmerz ihm selber Schmerz erregt,

Kann jeder Tag beweisen, und es steht

Fest durch die That, wie durch Autorität.

Denn edlen Sinn zeigt stets ein edles Herz.

Drum überwältigt auch bei meinem Schmerz

Dich Mitleid, meine schöne Canace!

Die reinste Frauenliebe – wie ich seh’ –

Ist Deines Thuns Beweggrund von Natur.

Nicht weil ich Heilung hoffe, sondern nur

Dem zu entsprechen, was Dein Herz begehrt,

Und daß mein Beispiel Andere belehrt

– Ward doch der alte Leu gewarnt vom jungen –

Aus diesen Gründen, diesen Folgerungen

Will ich auch Dir, so lang’ vor meinen Scheiden

Mir Zeit gegönnt ist, beichten meine Leiden.«

So klagte sie in ihrer Sorgen Last,

Und hin in Thränen schmolz die Andre fast,

Bis sie die Falkin endlich schweigen hieß,

Die, tief erseufzend, sich vernehmen ließ:

»Geboren ward ich – weh’, daß je getagt

Der Morgen mir! – wo hoch ein Felsen ragt

Von grauem Marmor, und in Zärtlichkeit

Herangepflegt, vor Harm beschützt und Leid,

Bis himmelan zu fliegen ich gelernt.

Ein Sperber wohnte von mir nicht entfernt,

Von edlem Ansehn, aber in der That

Nur voller Tücke, Falschheit und Verrath.

Dem Scheine nach voll Offenheit verbarg

Im Demuthsmantel er des Herzens Arg;

Stets dienstbeflissen und verbindlich schien er,

Und nichts verrieth in ihm den Augendiener;

Von Grund aus echt hielt Jeder seine Farben.

Wie eine Schlange, unter Blumengarben

Versteckt, zum Biß erspäht die rechte Zeit,

Verstand mit höflicher Geschmeidigkeit

Es dieser Gott der Heuchelliebe auch

Dem Scheine nach zu wahren Form und Brauch,

Wie ehrenhafte Liebe dies verlangt.

Gleich wie ein Grab, das schön von Außen prangt,

Die Leiche birgt, wie Jeder von Euch weiß,

War dieser Heuchler beides, kalt und heiß;

Und so kam er zum Zweck; doch Niemand ahnte,

Als nur der Teufel, was er sann und plante.

Nachdem er weinend, klagend Jahr und Zeit

Sich meinem Dienste scheinbar ganz geweiht,

Wodurch mein Herz, das mitleidsvoll sich regte,

Von der Erzbosheit niemals Ahnung hegte,

Gab ich, von Furcht um seinen Tod bezwungen,

Auch seine Schwüre und Versicherungen

Ihm unter der Bedingung meine Liebe,

Daß Ruf und Ehre mir erhalten bliebe

Wie im Geheimen, so auch öffentlich;

Das heißt: ich gab, wie er’s verdient um mich,

Gedanken, Herz und Alles ihm dahin

– Doch Anderes trug er – weiß Gott – im Sinn –

Und schenkte für sein Herz das meine fort!

Lang’ ist es her. – Doch wahr bleibt stets das Wort:

Ein Ehrenmann denkt anders, wie ein Dieb.

Kaum sah er, wie es stand; wie ihm zu lieb

Ich seiner Minne völlig mich ergeben

In solcher Weise, wie erzählt soeben,

Und ihm mein treues Herz geschenkt so frei,

Wie er mir schwur, daß sein’s mein eigen sei,

Als dieses zweigezüngte Tigerthier

Auf seine Knie sich niederwarf vor mir

So voller Demuth und so ehrfurchtsreich,

Ganz den verliebten Edelleuten gleich,

Entzückt – wie’s schien – und voller Freudigkeit,

Wie Paris kaum und Jason ihrer Zeit.

Wie Jason? – Nein! wie niemals sonst ein Mann

Seit Lamech, der zu allererst begann

Zweiweiberei, wie aus der Schrift erhellt,

Nein! nie zuvor, seit Adam kam zur Welt,

War an Verstellungskunst, die er verstand,

Der zwanzigtausendfachste Theil bekannt.

Es löste Niemand ihm die Schuh’, sobald

Es zu berücken und zu heucheln galt.

Er dankte mir, wie Keiner je geschehen,

Und Himmel war es, ihn nur anzusehen.

Gewiß, das klügste Weib hätt’ er berückt,

So schön war er geputzt, so reich geschmückt,

So wohl gesetzt sein Wort und sein Betragen.

Wie konnt’ ich drum ihm meine Lieb’ versagen?

Er schien so treu und wahrgesinnt von Herzen!

Ja, drückten ihn nur die geringsten Schmerzen,

So fühlt’ ich auch, sobald es mir bewußt,

Die größte Todesqual in meiner Brust.

Und kurz und gut, so ging es weiter fort;

Sein Wille war der meine; seinem Wort

– Will das besagen – gab ich nach beständig

In allen Dingen, die nicht unverständig;

Und meinem Bunde bin ich treu geblieben.

Nichts liebt’ ich so, Nichts konnte mehr ich lieben,

Als ihn – weiß Gott! – und werd’ es nun und nimmer!

Ein bis zwei Jahre schwanden, aber immer

Hatt’ ich das Beste nur von ihm gedacht.

Doch endlich zwang ihn des Geschickes Macht

Zur Wanderung und trieb ihm von dem Ort,

Wo ich gelebt, und meiner Seite fort.

Wie weh’ mir war, mag unerörtert bleiben.

Es läßt sich das nicht malen und beschreiben.

Indessen offen darf ich eines sagen,

Daß Todesschmerzen ich um ihn getragen,

So sehr fühlt’ ich der Trennung bittren Gram!

Es kam der Tag, an dem er Abschied nahm

So voller Sorgen, daß ich sicherlich

Der Meinung war, er litte so wie ich.

Mir schwand bei seinem Anblick, seinem Wort

An seiner Treue jeder Zweifel fort,

Und wohl mit Recht konnt’ ich die Hoffnung nähren,

Er würde heim nach kurzer Weile kehren;

Vernunft allein gebiet’ es ihm zu gehen,

Und seine Ehre – wie das oft geschehen.

So macht’ ich Tugend aus Nothwendigkeit,

Verbarg die Sorgen und ertrug, so weit

Ich Kraft besaß, was nicht zu ändern stand;

Schwur ihm bei St. Johannes in die Hand

Und sprach: Von ganzer Seele bin ich Dein!

Sieh’, wie ich war, so werd’ ich immer sein!

Was er darauf erwiedert, schlag’ ich über.

Wer konnte falscher sprechen und wer lieber?

Er that mir schön, und damit war es aus.

Nun, wer mit einem Teufel sitzt beim Schmaus,

Muß lange Löffel haben, wie es heißt.

Als er von mir dann schließlich fortgereist,

Flog er dem Ziel, das er erwählte, zu;

Doch mich bedünkt, der Platz für seine Ruh’

War nach dem Texte wohl von ihm erkoren,

Dem Trieb zu folgen, der ihm angeboren.

Ich denke, Menschen sagen, daß das Neue

Naturgemäß am meisten uns erfreue;

Wie es der Vogel in dem Käfig lehrt,

Der, Tag und Nacht aufs sorgsamste genährt

Mit Zucker, Semmel, Milch und Honigseim,

Im seidenweichen Käfig sitzt daheim;

Und doch, wenn offen er die Thüre sieht,

Den Trog mit seinen Füßen tritt und flieht,

Um Würmer in dem nahen Wald zu fressen.

So sind auf neues Futter sie versessen.

Das Neue reizt – das steckt in dem Gemüthe –

Nicht edle Neigung bindet sie, noch Güte.

So ging’s dem Sperber. – Ach, du liebe Zeit!

Wie schien so frisch er, wie voll Heiterkeit,

Bescheiden, frank und adelig von Art!

Doch hatt’ er eine Weihe kaum gewahrt,

Verliebt’ er sich bis über beide Ohren,

Und seine Neigung war für mich verloren.

So brach er falsch, was er geschworen hatte.

Im Dienste dieser Weihe lebt mein Gatte,

Indeß ich hülflos und verlassen bin.«

Die Falkin sprach’s und sank ohnmächtig hin

Vor Jammer in den Schooß von Canace.

Und um den Sperber fühlte sie solch’ Weh,

Daß Canace mit ihrer Frauenschaar

Sie aufzurichten, beinah’ rathlos war.

Sie trug den Vogel heim in ihren Schooß

Und legte Pflaster auf die durch den Stoß

Des eignen Schnabels ihm geschlagne Wunde.

Nach Kräutern nun grub in der Erde Grunde

Jetzt Canace, um aus den köstlich frischen

Heilkräft’gen Pflanzen Salben sich zu mischen

Für ihre Falkin, die sie Nacht und Tag

So sorgsam pflegt, wie irgend sie vermag.

Bei ihrem Bett ließ sie den Käfig bauen;

Zum Zeichen der Beständigkeit von Frauen

War er mit blauem Sammet überspannt,

Und dargestellt auf grüner Außenwand

Sah man die falschen Vögel, die Verderber,

Wie Haubenhähne, Eulen oder Sperber;

Und recht gemalt, wie zum Verdruß für sie,

War eine Elsternschaar, die spottend schrie.

Von Canace, die ihre Falkin pflegt,

Von ihrem Ring, den sie am Finger trägt,

Sprech’ ich nicht weiter, bis ich Euch beschreibe

Der Sage nach, wie zu dem Falkenweibe

Der Sperber reuig heimgekehrt, und wie

Hülfreiche Hand Camballo dazu lieh,

Der Königssohn, von dem ich früher sprach;

Und graden Weges werd’ ich dann hernach

Auf Schlachten und auf Abenteuer kommen,

So wunderbar, wie Ihr sie nie vernommen.

Zuerst bericht’ ich Euch von Cambuscan,

Der mittlerweile manche Stadt gewann;

Und darauf wird von Algarsif erzählt,

Wie Theodora er zum Weib erwählt,

Und wie ihm in der dringendsten Gefahr

Das Eisenroß die beste Hülfe war;

Dann rede von Camballo ich, der mit

Zwei Brüdern tapfer in den Schranken stritt

Für Canace, bevor er sie gewann,

Und wo ich abbrach, fang’ ich wieder an.

Der Prolog des Freisassen.

Vers 13551–13606.

»Wahrhaftig, Junker! Du hast’s brav gemacht!«

– Rief jetzt der Freisaß – »und in Anbetracht

Von Deiner Jugend hast Du fein erzählt.

Man sieht, daß Dir Gefühl und Witz nicht fehlt.

Ich muß Dich loben! Hier von uns erreicht,

Fährst Du so fort, Dich Keiner wohl so leicht

An Eloquenz. – Nun, stehe Gott Dir bei,

Daß Deine Tugend auch von Dauer sei!

Denn, was Du sprachst, war ganz nach meinem Sinn.

Bei dem Dreiein’gen! gerne gäb’ ich hin

Den vollen Werth von zwanzig Pfund in Land,

Gelangte mir’s auch eben in die Hand,

Wenn nur mein Sohn Dir an Verstand und Witz

In etwas gliche. – Pfui! was gilt Besitz,

Wenn einem Manne gute Sitten fehlen?

Wie mußt’ ich ihn, wie werd’ ich ihn noch schmälen,

Daß er Gehör der Tugend nimmer schenkt,

An Würfelspiel nur und Verschwendung denkt,

Und Alles, was er hat, verliert, verpraßt;

Mit einem Knechte lieber sich befaßt,

Als mit den Edelleuten zu verkehren,

Die höflich sind und feine Sitte lehren.«

»Was« – rief der Wirth – »frag’ ich nach feinen Sitten!

Verzeiht, Herr Freisaß, aber ich muß bitten,

Euch zu erinnern: ein bis zwei Geschichten

Muß Jeder hier bei Pfandverlust berichten.«

»Wohl weiß ich« – sprach der Freisaß – »was beschlossen.

Doch Herr – ich bitte – seid nicht gleich verdrossen,

Daß ich ein Wort mit diesem Mann geplaudert.«

»Frisch loserzählt! und länger nicht gezaudert!«

»Mein lieber Wirth!« – sprach er – »von Herzen gern

Will ich gehorchen. – Hört mir zu, ihr Herr’n!

In keiner Art will ich Euch widerstreben,

Soweit Verständniß mir und Witz gegeben.

Steht Gott mir bei und stimmt es Euch vergnügt,

So weiß ich, daß es gut ist und genügt.

Von edelen Bretonen ist vor Zeiten

Von Abenteuern und Begebenheiten

Manch’ Lied gereimt in aller Zungenart,

Das bald zur Laute vorgesungen ward,

Bald vorgelesen, sie zu unterhalten;

Und im Gedächtniß hab’ ich ein’s behalten,

Das ich erzählen will, so gut ich kann.

Indeß, ihr Herr’n! ich bin ein schlichter Mann

Und bitte drum, im Voraus zu verzeih’n,

Wenn meine Rede roh ist und gemein.

Die Künste der Rhetorik kenn’ ich nicht,

Und muß ich reden, sprech’ ich grad’ und schlicht.

Auf dem Parnasso lag ich nie im Schlummer,

Nie machte Tullius Cicero mir Kummer,

Und Redefarben sind mir unbekannt.

Zwar hab’ ich manche Farben an der Wand

Und oft auch Farben, die auf Wiesen steh’n,

Doch Farben der Rhetorik nie geseh’n;

Da ich mit solchen Sachen mich nicht plage.

Doch habt Ihr Lust, so hört, was ich Euch sage.«

Die Erzählung des Freisassen.

Vers 13607–14494.

Im Britenland, Armorika genannt,

War einst ein Ritter, der, in Lieb’ entbrannt

Für eine Dame, treu und dienstbereit

Gar manche Arbeit, manche Fährlichkeit

Um sie bestand, bevor er sie errang.

Denn da aus edlem Hause sie entsprang,

Und zu den schönsten Frau’n auf Erden zählte,

Es ihm aus Furcht an der Entschließung fehlte,

Ihr seinen Kummer, seine Noth zu klagen;

Bis sie zuletzt sein würdiges Betragen,

Sein sanfter Sinn und sein ergeb’ner Wille

So innig rührte, daß sie ihre stille

Gewogenheit ihm länger nicht verhehlte,

Und ihm zum Gatten und zum Herrn erwählte

– Soweit die Männer ihrer Weiber Herrn. –

Der Ritter aber schwur von Herzen gern,

Um möglichst segensreich mit ihr zu leben,

Sich seiner Herrschaft gänzlich zu begeben,

Ihr Tag und Nacht gehorsam stets zu sein,

Ihr niemals Grund zur Eifersucht zu leih’n,

Und ihr zu folgen willig und geduldig,

Wie ein Verliebter seiner Dame schuldig,

Wenn er nur vor der Welt, wie sich’s gebühre,

Dem Namen nach die Oberherrschaft führe.

Und, sich bedankend, sprach sie demuthsvoll:

»Herr! wenn ich solchen Antheil haben soll

Am Regiment durch Deine Gunst und Huld,

So soll auch Krieg und Streit durch meine Schuld

– Wenn’s Gott gefällt – uns nimmerdar entzwein.

Ich schwöre Dir, ein folgsam Weib zu sein,

So lange, wie zu athmen mir beschieden!«

Und Beide lebten ruhig und in Frieden.

Genossenschaft – das bleibt stets wahr, ihr Herr’n! –

Besteht nur unter Freunden, insofern

Sich Einer weiß dem Andern anzupassen.

Es will die Liebe sich nicht meistern lassen.

Sobald der Liebesgott den Zwingherrn sieht,

Regt er die Schwingen, sagt Ade, und flieht.

Ein freies Ding ist Liebe, wie der Geist;

Und ihre Freiheit liebt das Weib zumeist.

Doch Zwang und Knechtschaft sind ihr höchst verhaßt,

Wie dieses – denk’ ich – auch auf Männer paßt.

Wer in der Liebe nur Geduld behält,

Der hat den größten Vortheil von der Welt.

Als höchste Tugend ist Geduld zu preisen,

Denn sie bezwingt – so sagen uns die Weisen –

Was unbesiegbar selbst der Strenge gilt.

Es ist nicht gut, wenn man stets schimpft und schilt.

Zu dulden lernet! – Denn, auf Seligkeit!

Gern oder ungern müßt ihr’s mit der Zeit.

Es hat kein Mensch auf Erden je gewandelt,

Der unrecht nicht gesprochen und gehandelt.

Wein, Zorn, Konstellationen, Krankheit, Leid

Und Wechsel der Gemüthsbeschaffenheit

Veranlaßt Manchen, lästerlich zu sprechen;

Doch jedes Unrecht darf der Mensch nicht rächen,

Und mit der Zeit lernt Mäßigung der Mann,

Der sich bezwingen und beherrschen kann.

Weßhalb zum eignen Besten der erprobte

Und weise Ritter ihr Geduld gelobte.

Sie aber schwur, er sollte keinen Flecken

An ihr für nun und nimmermehr entdecken.

Seht! solch ein Demuthsbund ist weisheitsreich.

Sie kor zum Knecht ihn und zum Herrn zugleich,

Zum Knecht der Liebe und zum Herrn im Haus.

Wie? schließt denn Knechtschaft nicht die Herrschaft aus?

Knechtschaft? – O, nein! nur Herrschaft ist gemeint,

Wenn Liebe mit der Ehe sich vereint;

War doch nach Liebeswahl und Recht und Brauch

Die Herzgeliebte für ihn Gattin auch.

Als ihm zu Theil geworden war dies Glück,

Nahm er sein Weib mit in sein Land zurück,

Wo unweit Penmark sein Besitz gelegen,

Und lebte dort in Fröhlichkeit und Segen.

Beschreiben kann uns nur, wer selbst vereh’licht,

Die Lust, das Glück, die Ruhe, die beseeligt

So Mann als Weib im heil’gen Ehestand.

Mehr als ein Jahr vergnügt vorüber schwand,

Bis der erwähnte Ritter dieser Dame

– Arviragus von Cairud war sein Name –

Nach England zog, dem Reiche der Bretonen,

Daselbst ein Jahr lang oder zwei zu wohnen,

Um Waffenruhm und Ehre zu gewinnen;

Denn solche Arbeit war sein stetes Sinnen.

Zwei Jahre blieb er – wie mein Buch sagt – dort.

Nun wendet von Arviragus mein Wort

Sich hin zu seinem Weibe Dorigene;

Sie schickte manchen Seufzer, manche Thräne

Dem heißgeliebten, fernen Gatten nach

– Wie solches stets ein edles Weib vermag. –

Sie trauert, fastet, jammert, wacht und klagt,

Von Sehnsucht und Verzweiflung so geplagt,

Daß ihr das ganze Weltall war zuwider.

Die Freunde sahen, wie der Schmerz sie nieder

Zu drücken schien, und sprachen Tag und Nacht

Ihr tröstend zu nach bester Kraft und Macht,

Sich grundlos nicht bis auf den Tod zu quälen.

Sie ließen es an keinem Troste fehlen,

Indem sie Alles thaten und ersannen,

Was passend schien, die Schwermuth zu verbannen.

Nur nach und nach – das weiß man allgemein –

Gelingt durch lange Arbeit es, dem Stein

Figuren oder Zeichen einzugraben.

Wie manchen Trost sie ihr daher auch gaben,

Es währte lange, bis er Eindruck machte,

Und Hoffnung und Vernunft so weit erwachte,

Daß sie sich ihrer Sorgen mehr entschlug

Und minder wild und aufgeregt betrug.

Doch hätte nicht Arviragus daneben

Ihr Kunde seines Wohlergehns gegeben

Und brieflich rasche Rückkehr ihr versprochen,

So hätte Kummer ihr das Herz gebrochen.

Die Freunde sahen ihre Sorgen flieh’n,

Und baten sie, bei Gott, auf ihren Knie’n,

Durch Lust und Spiel mit ihnen im Verein

Sich von den düstern Grillen zu befrei’n.

So fügte sie, da man ihr unbestritten

Zum Besten rieth, sich endlich ihren Bitten.

Da nun ihr Schloß nicht weit vom Meere stand,

Ging sie mit ihren Freunden oft zum Strand

Und schaute von dem hohen Felsenriffe

Hinab und sah die Barken und die Schiffe,

Bald hier- bald dorthin durch die Fluthen steuern.

Doch schien es ihre Schmerzen zu erneuern,

Denn zu sich selber sprach sie oft: »O, weh!

Bringt keines von den Schiffen, die ich seh’,

Mir meinen Herrn zurück, damit mein Herz

Genesung finde von dem bittern Schmerz?«

Oft in Gedanken blickte sie dann wieder

Vom steilen Ufer in die Tiefe nieder

Zur grauenhaften, schwarzen Felsenwand;

Bis sie, von Furcht und Schauer übermannt,

Nicht mehr der Kraft der eignen Füße traute.

Dann, in das Gras sich niedersetzend, schaute

Sie voller Jammer auf das Meer hinaus

Und brach erseufzend in die Worte aus:

»Allew’ger Gott! der Du mit Vorbedacht

Die Welten lenkst durch Deines Willens Macht,

Nichts Eitles – sagt man – schufen Deine Hände.

Doch diese grausig schwarzen Felsenwände

Sind die Gebilde der Verwirrung nur;

Kein schönes Werk, an welchem wir die Spur

Von Deiner weisen Schöpferhand gewahren.

Wie konntest Du so unbedacht verfahren?

Denn keine Nahrung finden Mensch und Thier

In Süd und Nord, in Ost und Westen hier.

Sieh, lieber Herr! es nützt zu Nichts: fürwahr,

Es bringt den Menschen Tod nur und Gefahr;

Denn sicher fielen hunderttausend Leute

Den unverständ’gen Felsen schon zur Beute.

Doch ist der Mensch der Schöpfung höchste Zier;

Du schufst ihn ja als Ebenbild von Dir;

Und da die Menschen Du nach allem Schein

So innig liebst, wie kann es möglich sein,

Daß Mittel der Zerstörung Du erdacht,

Die Gutes nimmer, Schaden stets gebracht.

Daß alle Sachen nur zum Besten dienen,

Beweisen die Gelehrten. – Aber ihnen

Will ich das Disputiren überlassen.

Ich kann es nicht begreifen und erfassen.

Mein Schluß ist nur: Gott, welchem Wind und Wetter

Gehorchen muß, sei meines Herrn Erretter!

O, möchte Gott die schwarzen Felsenmassen

Zur Höllentiefe niedersinken lassen,

Die stets mit Angst um ihn mein Herz beschweren!«

– So sprach sie unter jammervollen Zähren.

Die Freunde sahen, daß am Meeresstrand

Sie nur Verdruß anstatt Vergnügen fand.

Drum wählten sie zum Spielplatz andre Stellen.

Sie führten sie zu Flüssen und zu Quellen,

Und suchten sie an andern schönen Plätzen

Durch Tanz und Schach und Brettspiel zu ergötzen.

Einst gingen sie mit Tagesanbeginn

Zu einem nah geleg’nen Garten hin,

Zu welchem Lebensmittel und Proviant

Mit weiser Vorsicht sie vorausgesandt,

Und spielten dort, bis niedersank die Sonne.

Der sechste Tag war’s in dem Mond der Wonne,

Es hatte Mai durch sanfte Regenwetter

Frisch aufgemalt die Blumen und die Blätter

Im ganzen Garten, der durch Kunst und Kraft

Der Menschenhand so schön und zauberhaft

Geschaffen war, das nur dem Paradies

Er sich an Pracht allein vergleichen ließ.

Der Blüthen Duft, der Blumen reicher Flor

Rief Munterkeit und heit’ren Sinn hervor

In jeder erdgebor’nen Brust, der Gram

Und Krankheit die Empfindung nicht benahm;

So voller Schönheit war er, voller Frische.

Gesang und Tanz begann sogleich nach Tische;

Doch theilnahmlos stand Dorigene da,

Erseufzend, klagend, denn ihr Auge sah

Nicht den als Tänzer in der Männerschaar,

Der ihr Gemahl und Herzgeliebter war.

Indessen faßte sie sich nach und nach,

Die Sorge schwand und Hoffnung wurde wach.

Vor ihr schwang unter andern sich im Tanz

Ein Junker, der an jugendfrischem Glanz

Und schmuckem Anzug – meiner Meinung nach –

Weit heller strahlte als der Maientag.

Es sang und tanzte nimmer wohl ein Mann

So schön wie er, seitdem die Welt begann.

Auch war er – will man eine Schilderung

Von ihm entwerfen – weise, stark und jung,

Vom Glück begünstigt tugendhaft und reich

Und wohlbeliebt und hochgeehrt zugleich.

Die Wahrheit zu gesteh’n, war überdies

Der lust’ge Junker, der Aurelius hieß,

Der Venus Diener, und verliebt war er

Seit langer Zeit in Dorigene mehr

Als in sonst irgendwelche Frau; doch wußte

Sie nichts von seiner Neigung, und so mußte

Er, ohne seine Noth gesteh’n zu dürfen,

Den Trank der Wehmuth ohne Becher schlürfen.

Dies trieb ihn zur Verzweiflung, denn sein Leiden

Vermocht’ in Liedern er allein zu kleiden

Als allgemeine Klage, daß er liebe,

Doch seine Neigung unerwidert bliebe.

Hierüber schrieb er manche Laiche nieder,

Rondeau’s und Klagen, Virelais und Lieder:

Er dürfe nimmer seine Sorge nennen,

Er müsse schmachtend in der Hölle brennen,

Ihm bringe noch, wie Echo um Narciß,

Verschmähte Liebe seinen Tod gewiß!

Nur so verblümt, wie hier erzählt, gestand

Er ihr die Leiden, die sein Herz empfand;

Obschon er sich nach junger Leute Brauch,

Die Freiheit nahm, in Tanz bisweilen auch

Mit solchen Blicken auf sie hinzuseh’n,

Wie Männer thun, die um Erhörung fleh’n.

Indeß sein Zweck blieb ihr ganz unverständlich.

Doch, eh’ das Fest vorbei war, führt’ ihn endlich

Des Zufalls Gunst in ihre Nachbarschaft,

Und da sie ihn als brav und tugendhaft

Seit langen Jahren kannte, so begann

Sie ein Gespräch mit ihm, in welchem dann

Aurelius, seinem Ziele nach und nach

Stets näher rückend, diese Worte sprach:

»Madam« – rief er – »beim Schöpfer dieser Welt!

Wär’ all Dein Leiden dadurch abgestellt,

So hätte sich für Dich Aurelius

An jenem Tage, als Arviragus

Das Meer durchschiffte, gern den Tod gegeben!

Ich weiß zu wohl, umsonst ist mein Bestreben,

Mein einz’ger Lohn – ist ein gebroch’nes Herz!

Laß, edle Frau, Dich rühren meinen Schmerz!

Ein Wort von Dir vernichtet oder rettet.

Ach! wollte Gott, ich läg’ vor Dir gebettet

In meinem Grab! Nicht weiter kann ich sprechen,

Hab’ Mitleid, Süße, soll mein Herz nicht brechen.«

Sie blickte nieder auf Aurelius

Und frug: »Ist das Dein Wille und Entschluß?

Zuerst, Aurelius, konnt’ ich’s nicht verstehn,

Doch jetzt« – sprach sie – »beginn’ ich’s einzuseh’n.

Indeß – bei Gott, dem Herrn von Seel’ und Leib! –

Ich werde nie als ungetreues Weib

In Worten oder Werken mich erzeigen,

Und dem ich mich verbunden, bleib’ ich eigen.

Betrachte dies als letzte Antwort Du!«

Indessen scherzend fügte sie hinzu

Und sprach: »Aurelius! – bei dem Herrgott droben! –

Ich will Dir dennoch Liebe zugeloben,

Weil Du so flehentlich darnach begehrt hast.

Sieh’! an dem Tag, an dem Du weggekehrt hast

Aus der Bretagne alle Felsenriffe

So gründlich Stein um Stein, daß keine Schiffe

Daselbst mehr scheitern, und die Küste rein

Von allen Klippen ist und jedem Stein,

Will ich Dich mehr als jede Kreatur

Auf Erden lieben! – Dieses ist mein Schwur.

Denn das wird – weiß ich sicher – nie geschehen.

Laß solche Thorheit aus dem Sinn Dir gehen.

Weßwegen reizt Euch Männer nur ein Weib,

Das einen Gatten hat, der ihren Leib

Genossen hat, so oft es ihm behagte?«

Schwer seufzte nun Aurelius und fragte:

»Bleibt denn kein einz’ger Hoffnungsschimmer mein?«

Sie sprach: »Bei Gott, der mich erschaffen! – Nein!«

Sobald Aurelius dieses Wort vernahm,

Sprach er zu ihr in seinem Herzensgram:

»Madam! durch solch’ unmögliches Gebot

Treibt ihr mich jählings in den grausen Tod!«

Und mit den Worten ging er von ihr fort.

Bald kehrten Freunde, welche – hier und dort

Zerstreut im Garten – dieser letzten Scene

Nicht beigewohnt, zurück zu Dorigene;

Und rasch begann von Neuem Spiel und Tanz.

Und als erloschen war der Sonne Glanz,

Die längst sich hinterm Horizont verkrochen,

Das heißt, nachdem die Nacht hereingebrochen,

Ging froh und heiter Jedermann nach Haus.

Jedoch Aurelius nehm’ ich davon aus,

Der heimwärts zog mit sorgenvollen Sinnen.

Er hoffte kaum, dem Tode zu entrinnen,

Ihm zu erkalten schien bereits das Herz,

Und seine Hände hob er himmelwärts,

Und warf in wilder Fieberphantasie

Sich zum Gebete nieder auf die Knie.

Vom Weh’ getrübt war des Verstandes Licht,

Und was er sagte, wußt’ er selber nicht;

Doch sprach er so, und klagte jammervoll

Sein Leid der Göttin und zunächst Apoll:

»Du Gott der Sonne!« rief er – »Reichsverweser

Der Pflanzen, Bäume, Blumen und der Gräser,

Der allen, nach dem Standpunkt, den du nimmst,

Die Dauer und die Blüthezeit bestimmst,

Bald hoch, bald niedrig Deine Herberg’ wählend.

Auf mich, Aurelius, wirf in meinem Elend,

Dein Gnadenauge! Sonst bin ich verloren!

Mein Liebchen, Herr! hat mir den Tod geschworen!

Drum zeige Du, da jeder Schuld ich ledig,

Dich meinem todeskranken Herzen gnädig!

Denn wahrlich, Phöbus, sie nur ausgenommen –

Kann Deine Hülfe mir am Besten frommen.

Drum nimm in Gnaden meinen Rathschlag an,

Wodurch und wie mir Rettung werden kann.

Lucina, deine Schwester, diese hehre

Und segensreiche Königin der Meere,

Die – ob Neptun darüber zwar regiert –

Als Obergöttin doch den Scepter führt,

Beseelt – wie Du es weißt – das heiße Streben,

Durch Deine Gluth zu leuchten und zu leben;

Drum folget sie beständig Deiner Spur.

Und so bestrebt das Meer sich von Natur

Der Göttin nachzufolgen, die zumal

Das Meer beherrscht, wie Flüsse breit und schmal.

Darum, Herr Phöbus! lautet so mein Flehen:

Thu’ dieses Wunder, sonst muß ich vergehen!

Wenn Ihr Geschwister Euch in nächster Zeit

Im Bild des Löwen gegenüber seid,

So mache, daß sie eine Hochfluth bringe,

Die mindestens fünf Faden überspringe

Bretagnens allerhöchste Felsenwände,

Und nicht vor Ablauf von zwei Jahren ende.

Dann darf ich sprechen: ›Halte mir Dein Wort,

Verehrte Frau! – Die Felsen sind jetzt fort!‹

Für mich, Herr Phöbus, dieses Wunder thu’!

Heiß’ sie nicht schnellern Laufs zu geh’n, als Du!

Ich sage dieses: Deine Schwester bitte,

Mit Dir zwei Jahre lang in gleichem Schritte

Zu bleiben. Dann wird steter Vollmondschein

Und Tag und Nacht beständig Springfluth sein.

Doch will sie nicht in dieser Art gewähren,

Mir meine theure Herrin zu bescheeren,

So bitte sie, jedwede Felsenwand

Hinab zu senken in ihr dunkles Land.

Tief in die Erde, dort, wo Pluto wohnt,

Da mich sonst nimmer ihre Liebe lohnt!

Barfuß nach Delphi will ich, Phöbus wallen

Zu Deinem Tempel! – Von den Wangen fallen,

Sieh’, meine Zähren – und erbarme Dich!«

Mit diesem Worte sank er jämmerlich

In Ohnmacht nieder, und lag lange Zeit,

Bis ihn sein Bruder, dem sein Herzeleid

Bekannt war, aufhob und zu Bette trug.

Hier lag der Aermste jammervoll genug,

Und mag – statt meiner – nun in seiner Noth

Selbst wählen zwischen Leben oder Tod.

Arviragus, des Ritterstandes Blume,

War heilen Leibes unter großem Ruhme

Mit würd’gen Mannen wieder heimgekehrt.

Welch’ Glück ist, Dorigene, Dir bescheert,

Da Dir im Arme wieder wohlgemuth

Dein frischer Ritter, Held und Gatte ruht,

Der Dich mehr lieb hat, als sein eig’nes Leben!

Sich grillenhaftem Argwohn hinzugeben,

Ob zu ihr Jemand während seiner Reise

Von Liebe sprach, lag nicht in seiner Weise;

Er plagte sich mit solchen Grillen nicht.

Er denkt nur an Vergnügen, tanzt und ficht.

Und so verlass’ ich ihn in Lust und Glück,

Und kehre zu Aurelius zurück.

Sehnsüchtig, elend und gequält, litt schwer

Aurelius zwei Jahre lang und mehr,

Bevor den Fuß er auf den Boden setzte.

Kein andrer Trost in dieser Zeit ihn letzte,

Als solcher Zuspruch, welchen der gelehrte,

Vertraute Bruder seinem Leid gewährte.

Denn sicherlich mit keiner Kreatur

Sprach er ein Wörtchen von der Sache nur.

Verschlossen trug im Busen er sein Weh,

Wie Pamphilus für seine Galathee.

Von Außen freilich schien die Brust zwar heil,

Doch tief im Herzen stak der scharfe Pfeil;

Und in der Heilkunst – das ist Jedem klar –

Sind inn’re Wunden immer von Gefahr,

Wenn an den Pfeil man nicht gelangen kann.

Wehklagend sah’s der Bruder heimlich an,

Bis es zuletzt in ihm begann zu tagen;

Und wie die jungen Schüler darnach jagen,

In allen Winkeln und in allen Ecken

Von fremden Künsten etwas zu entdecken,

Was wunderbar erscheinet und belangreich,

So fiel ihm ein, daß er ein Buch in Frankreich

Zu Orleans sah, wo er sein Studium trieb,

Das die natürliche Magie beschrieb;

Denn heimlich hatte dies sein Kamerad

– Zu jener Zeit ein Rechtsbaccalaureat –

Obschon es in sein Fach nicht schlug, besessen

Und eines Tags auf seinem Pult vergessen.

Viel stand im Buch von den Operationen

Der achtundzwanzigfachen Mondmansionen

Und andre Thorheit; doch was drin gelehrt,

Ist heute kaum noch eine Fliege werth;

Denn uns zu schützen weiß vor Illusion

Die heil’ge Kirche durch den Glauben schon.

Und als er dieses Buches sich entsann,

Fing froh das Herz in ihm zu hüpfen an,

Und zu sich selber sprach er still: »Ich heile

Jetzt meinen Bruder in ganz kurzer Weile.

Denn Wissenschaften giebt es – das steht fest –

Durch die sich manches Wunder machen läßt,

Wie’s jene Taschenspieler schlau verstehen.

Man hat an Festen – hört’ ich – oft gesehen,

Wie sich ein großer Saal auf ihr Gebot

Mit Wasser füllte, auf dem dann ein Boot

In jener Halle kam einher geschwommen.

Bald sah man einen grimmen Löwen kommen,

Bald Blumen, wie sie auf den Wiesen prangen,

Bald roth und weiß am Weinstock Trauben hangen,

Und bald aus Kalk und Steinen ein Kastell;

Und auf Geheiß schwand Alles wieder schnell.

So trug sich’s zu nach allem Augenschein.

Drum sollte – schließ’ ich – aufzufinden sein

In Orleans ein alter Mitstudent,

Der die natürliche Magie noch kennt

Und noch vertraut ist mit den Mondmansionen,

Soll Gegenliebe meinen Bruder lohnen!

Denn wohl mag ein Gelehrter es versteh’n,

Daß durch ein Trugbild scheinbar untergeh’n

Auch der Bretagne schwarze Felsenriffe

Und ab und zu am Ufer zieh’n die Schiffe.

Und währt der Spuk nur einen Tag bis zwei,

Sind meines Bruders Schmerzen auch vorbei,

Dann muß sie halten, was sie ihm versprach,

Und thut sie’s nicht, so trifft sie Schimpf und Schmach.«

Was soll ich davon sprechen breit und lang?

Zum Bett des Bruders lenkt’ er rasch den Gang

Und gab ihm solchen guten Trost und Rath,

Nach Orleans zu geh’n, daß in der That

Sein Bruder aufsprang und sofort von dannen

Voll Hoffnung zog, die Schwermuth zu verbannen.

Und als sie auf Entfernung von vielleicht

Ein bis zwei Stunden jene Stadt erreicht,

Sprach, höflich grüßend, sie ein junger Mann,

Der dort spazierte, auf Lateinisch an

Und redete verwunderlicher Weise:

»Ich kenne schon den Grund von Eurer Reise.«

Und theilte drüber, eh’ nur einen Schritt

Sie weiter gingen, ihnen Alles mit.

Nun stellte der Bretone manche Frage,

Betreffend die Bekannten alter Tage.

Doch ihm ins Auge manche Thräne kam,

Als er von Allen nur den Tod vernahm.

Von seinem Pferde sprang Aurelius dann

Und schleunig führte sie der Wundermann

Zu sich ins Haus und sorgte dort aufs Beste

Für Trank und Speise nach der Wahl der Gäste.

Fürwahr, Aurelius fand so wohl bestellt

Noch keinen Haushalt auf der ganzen Welt.

Der Meister wies ihm Abends vor dem Mahl

In Park und Wald des Wildes reiche Zahl.

Da sah er Hirsche mit Geweihen steh’n,

So mächtig, wie kein Auge je geseh’n.

Da sah er hunderte zerfleischt von Hunden,

Vom Pfeil durchbohrt und blutend aus den Wunden.

Dann war’s vorbei, und statt der wilden Thiere

Sah er auf schönem Flusse Falkoniere,

Sah nach dem Reiher ihre Falken fliegen,

Sah auf dem Plane Ritter sich bekriegen.

Dann wies sich ihm als größter Hochgenuß

Im Tanze seine Dame noch zum Schluß,

Mit der er selber tanzte, wie er dachte.

Und als der Meister, der dies Werk vollbrachte,

Sah, daß es Zeit war, schlug er in die Hände,

Und – Lebewohl! – der Zauber war zu Ende.

Doch aus dem Haus entfernten sie sich nimmer.

In seinem Studio- oder Bücherzimmer

Erblickten sie die ganze Zauberei,

Dort ruhig sitzend, immer nur selbdrei.

Der Meister seinen Junker herbefahl

Und frug: »Wie steht’s um unser Abendmahl?

Fast eine Stunde – denk’ ich – schon enteilte,

Seit ich dazu den Auftrag Dir ertheilte,

Und ich mit diesen würd’gen Herren in

Mein Bücherzimmer eingetreten bin.«

»Herr!« – sprach der Junker – »wenn es Euch gefällt,

Speist Ihr sogleich. – Die Tafel ist bestellt!«

»Wohlan« – sprach er – »geh’n wir zum Abendbrod!

Ein wenig Ruhe thut Verliebten Noth.«

Berathen ward, nachdem getafelt war,

Sodann zunächst des Meisters Honorar,

Wenn felsenrein zu kehren er die Küste

Von der Garonne bis zur Seine wüßte.

Er machte Schwierigkeiten, und er schwur;

So Gott ihm helfe! ungern thät’ er’s nur,

Und tausend Pfund sei wahrlich kaum genug.

Aurelius, dem das Herz vor Freude schlug

Entgegnete: »Pfui, über tausend Pfund!

Die ganze Welt, der Erde weites Rund,

Wollt’ ich drum geben, wären sie nur mein!

Der Handel gilt! Wir kamen überein!

Ich werde redlich zahlen – auf mein Wort!

Jedoch – kein Aufschub und Verzug hinfort!

Nicht länger als bis morgen halt’ uns auf!«

»Nein!« – sprach der Meister – »nimm mein Wort darauf!«

Und als Aurelius bald zu Bette ging,

Ihn süßer Schlaf die Nacht hindurch umfing

Mit Hoffnungsträumen künft’ger Seligkeit

Nach seiner Arbeit, seinem Herzeleid;

Am nächsten Tag, sobald der Morgen da,

Sich gradeswegs auf nach Armorika

Aurelius und der Zaubermeister machten,

Und stiegen ab, wo sie zu bleiben dachten.

Dem Buche nach geschah’s im frost’gen, kalten

Decembermond – ich hab’s genau behalten. –

Phöbus, gealtert und wie Messing fahl,

Der schimmernd einst den glühend gold’nen Strahl

Zur heißen Zeit des Sommers abgesandt,

Nunmehr schon tief im Bild des Steinbocks stand,

Und schien dort trübe – wie gesagt – und matt.

In keinem Garten blieb ein grünes Blatt;

Nichts hatte Regen, Frost und Schnee gespart.

Am Feuer sitzt mit seinem Doppelbart

Janus und trinkt aus Büffelhörnern Wein,

Vor sich das Fleisch vom scharfbezahnten Schwein,

Und »Noël!« ruft ein jeder lust’ge Mann. –

Aurelius thut Alles, was er kann,

Den Meister zu bewirthen und zu ehren;

Doch Eile blieb sein dringendstes Begehren:

Er müsse schleunigst heilen seinen Schmerz;

Wo nicht, durchstäch’ er mit dem Schwert sein Herz!

Der kluge Mann, der seinen Kummer theilte,

Sich Tag und Nacht mit aller Kraft beeilte,

Um auszurechnen seine beste Zeit;

Das heißt: zur Täuschung die Gelegenheit,

Daß mittelst einer Phantasmagorie

– Ich weiß zwar nicht, ob die Astrologie

Den Ausdruck kennt – sie und ein Jeder meine,

Aus der Bretagne seien Fels und Steine

Ins Meer gesunken oder sonst verschwunden.

Und endlich war die Zeit herausgefunden

Für diese bösen und verruchten Possen,

Die aus verfluchtem Aberglauben sprossen.

Die Tafeln von Toledo nahm zur Hand er,

Wohl corrigirt; und keinen Fehler fand er

In seinen Wurzeln, seinen Umlaufsjahren,

Ob sie collecte, ob expanse waren.

Auch seine Kreise, seine Argumente

Und die proportionalen Elemente

Für seine Gleichung stimmten auf das Haar.

Und durch die achte Sphäre ward ihm klar,

Wie weit bereits sich der Alnath dort oben

Vom Haupt des Fixsterns Aries verschoben,

Der angehört dem neunten Sphärenkreise.

Dies calculirt’ er auf die schlau’ste Weise;

Und als berechnet war das erste Haus,

Fand er den Rest durch Proportion heraus.

Er wußte, wann und wo der Mond aufging,

Termine, Phasen und jedwedes Ding;

Er kannte gründlich alle Monomansionen

Mit ihren Einfluß auf Operationen;

Er kannte gleichfalls sonst noch Observanzen

Für Täuschungen und solche Firlefanzen,

Wie damals sie beim Heidenvolk im Schwange.

Er zögerte deßwegen nicht mehr lange,

Und scheinbar schaffte seine Zauberei

Die Felsen fort für einen Tag bis zwei.

Aurelius, verzweiflungsvoll vor Wehe,

Ob er gewinne oder leer ausgehe,

Erwartete das Wunder Tag und Nacht;

Und als er ohne Hinderniß vollbracht

Es sah und fand, die Felsen waren fort,

Warf zu des Meisters Füßen mit dem Wort

Er sich zur Erde: »Laß, o Herr, mich danken,

Venus und Euch, daß Ihr den sorgenkranken

Und leidenden Aurelius habt geheilt!«

Und zu dem Tempel eilt er unverweilt,

Wo seine Dame war, wie ihm bekannt;

Und als dazu Gelegenheit er fand,

Begrüßte zweifelsbang und demuthsreich

Er seine theure Herrin auch sogleich:

»Gerechte Frau!« – sprach der gequälte Mann –

»Dich fürcht’ ich und Dich bet’ ich liebend an!

Nicht für die Welt würd’ ich mich unterfangen,

Dich je zu kränken. – Doch soll nicht Verlangen

Nach Dir das Herz mir auf der Stelle brechen,

So muß ich jetzt von meiner Liebe sprechen.

Wenn ich nicht sterben soll, muß ich Dir sagen:

Du hast mit Schmerzen schuldlos mich geschlagen;

Doch läge Dir auch nichts an meinem Leben,

Bedenke wohl – Du hast Dein Wort gegeben.

Du magst vor Gott dies reuig überlegen,

Eh’ Du mich tödtest meiner Liebe wegen.

Verehrte Frau! Du weißt, was Du versprochen.

Doch Gnade nur, statt auf mein Recht zu pochen,

Verlang’ ich, theure Herrscherin, von Dir.

Wozu in jenem Garten Du Dich mir

Verpflichtet hast und was Du in die Hand

Mir zugeschworen, ist Dir wohl bekannt.

Gott weiß! die höchste Liebe sagtest Du,

So unwerth ich derselben bin, mir zu.

Madam! ich spreche Deiner Ehre wegen,

Nicht weil an meinem Leben mir gelegen.

Was Du befohlen hast, das ist gescheh’n.

Beliebt es Dir, kannst Du es selber seh’n.

Thu’, was Du willst! – Doch Deinen Eid bedenke,

Ob Tod ob Leben Deine Hand mir schenke,

Ich nehme hin, was Du für gut befunden.

Jedoch – ich weiß – die Felsen sind verschwunden!«

Er eilte fort. – Doch sie blieb staunend steh’n,

Mit blutlos blassem Antlitz; vorgeseh’n

War eine solche Falle von ihr nie.

»Ach, daß mich dieses treffen muß!« – rief sie.

»Ich wähnte nicht, daß solche Zauberei,

Daß solches Wunder jemals möglich sei

Zuwider den Gesetzen der Natur!«

Und heimwärts schwankt die arme Kreatur

Mit schwerem, durch die Furcht gelähmtem Gang.

Sie klagt und weint ein bis zwei Tage lang,

– In ihrer Ohnmacht traurig anzuschauen. –

Doch wollte Keinem sie den Grund vertrauen;

Denn ihr Gemahl war aus der Stadt auf Reise.

Und still für sich sprach sie in dieser Weise,

Verstörten Blick’s mit blassem Angesichte

Die Jammerworte, die ich Euch berichte:

»Ach!« – rief sie – »Dir, Fortuna, gilt mein Klagen!

In Fesseln hast Du jählings mich geschlagen,

Die zu zerreißen – weiß ich – nur der Tod

Vermögend ist, da mir Entehrung droht;

Und zwischen diesen zwei’n muß ich entscheiden.

Jedoch viel lieber will ich Tod erleiden,

Als meinen Leib durch Schande zu entweih’n,

Oder durch Wortbruch sonst beschimpft zu sein.

Doch jeder Schmach kann mich mein Tod entheben.

Hat es nicht manches edle Weib gegeben

Und manches Mädchen, das den Tod erwählte,

Eh’ ihren Leib der Schande sie vermählte?

Gewißlich! Das bezeugen diese Sagen.«

Als Phidon in Athen beim Fest erschlagen

Von jenen dreißig Mordtyrannen war,

Da ließen der gefang’nen Töchter Schaar

Sie splinternackt zur Fröhnung ihrer Laster

Vor sich erscheinen, daß sie auf dem Pflaster

– Gott möge strafen solchen Uebermuth! –

Vor ihnen tanzten in des Vaters Blut.

Heimlich entrannen voller Furcht und Schrecken

Die armen Mädchen, um nicht zu beflecken

Ihr Jungfernthum und – dem Berichte nach –

Ertränkten sie sich in dem nächsten Bach.

Es suchten sich in Sparta aus und nahmen

Einst die Messenier fünfzig junge Damen,

An ihnen ihre Fleischeslust zu stillen.

Doch alle widerstanden ihrem Willen;

Entschlossen trotzten alle dem Gebot

Und gingen lieber freudig in den Tod,

Als ihrem Mädchenthume zu entsagen.

Warum soll ich denn vor dem Tode zagen?

Sieh’ den Tyrannen Aristoklides,

Der einst geliebt die Maid Stymphalides.

Zum Dianatempel floh sie in der Nacht,

In welcher man den Vater umgebracht;

Und um das Bildniß dieser Gattin schlang

Die Arme sie; und selbst durch keinen Zwang

Zog man sie fort; sie hielt es fest umwunden,

Bis durch Gewalt sie dort den Tod gefunden.

War diesen Mädchen schmachvoll es erschienen;

Der faulen Lust der Männerwelt zu dienen,

Sollt’ auch ein Weib – so denk’ ich – lieber sterben,

Als ihren Leib durch Unzucht zu verderben!

Was sagt’ ich nur vom Weib des Hasdrubal,

Die sich den Tod gab bei Karthago’s Fall?

Sie sieht, das ganze Heer der Römer dringt

Zur Stadt hinein, und mit den Kindern springt

Sie in das Feuer, und freiwillig endet

Ihr Leben sie, eh’ sie ein Römer schändet.

Starb nicht Lukretia auch durch eigne Hand,

Als ihr Tarquin die Jungfernschaft entwandt?

Sie dachte, daß ein Leben sonder Ehre

Und guten Ruf die größte Schande wäre.

Durch Furcht und Jammer wurden auch die sieben

Jungfrau’n Milesiens in den Tod getrieben,

Damit kein Gallier ihre Unschuld raube.

Und tausend von Geschichten – wie ich glaube –

Könnt’ ich erzählen von der gleichen That.

So gab, als umgekommen Abradat,

Sein Weib den Tod sich zu derselben Stunde,

Und ließ in seine tiefe, weite Wunde

Ihr Blut entströmen mit dem Wort: »Nun kann

Mich fürderhin entehren nie ein Mann!«

Was nützt es mehr, Exempel vorzutragen?

Wie viele haben lieber sich erschlagen,

Als ihres Leibes Schändung zu erleben.

Drum besser ist’s, mein Leben hinzugeben

Als Ehr’ und Unschuld. – Dies ist mein Beschluß:

Getreu verbleib’ ich dem Arviragus,

Sollt’ ich mein Leben auch mit eignen Händen

Wie jene Tochter des Demotion enden,

Um nicht den Leib durch Schande zu entweih’n!

O, Sedasus! mit welcher Herzenspein

Las ich von Deinen Töchtern, die sich alle

Den Tod gegeben in dem gleichen Falle.

Und tiefes Mitleid rief in mir hervor

Die Maid von Theben, die um Nicanor

Sich aus demselben Grunde nahm das Leben.

So starb ein and’res Mädchen noch in Theben,

Die, von den Macedoniern arg bedroht,

Ihr Jungfernthum bewahrte durch den Tod.

Was sag’ ich von dem Weib des Nicerat,

Die makellos blieb durch die gleiche That?

So bot dem Alcibiades zu Liebe,

Daß nicht sein Leichnam unbestattet bliebe,

Sein treues Mädchen sich dem Tode dar.

»Seht, welch’ ein Weib« – rief sie – »Alceste war!

Hat nicht Homer Penelope genannt?

Kennt ihre Keuschheit nicht ganz Griechenland?

Steht nicht von Laodamia geschrieben,

Daß sie, nachdem vor Troja’s Wall geblieben

Prothesilaus, sie sich selbst entleibt?

Die edle Portia zu erwähnen bleibt;

Sie konnte nicht getrennt von Brutus leben,

Dem sie ihr ganzes, volles Herz gegeben.

Von Artemisia’s strengem Wittwenthum

Spricht noch die ganze Barbarei mit Ruhm.

Ein Spiegel bleibt, o, Teuta, Königin!

Für alle Weiber stets Dein keuscher Sinn.«

Ein bis zwei Tage weilte, also klagend

Und mit Gedanken an den Tod sich tragend,

Schon Dorigene, bis die dritte Nacht

Arviragus zu ihr zurückgebracht.

Der würd’ge Ritter fand sie thränenschwer

Und forschte nach. Jedoch sie weinte mehr

Und mehr und sprach: »Ach, daß ich je geboren!

Ich habe« – rief sie – »so und so geschworen!«

Und gab ihm kund, was ihr bereits vernommen.

– Was kann es mir zu wiederholen frommen? –

Doch heitern Blick’s versetzte drauf ihr Mann

Und redete mit Freundlichkeit sie an:

»Und ist das Alles, Dorigene? Sprich!«

»Ach, ach!« – sprach sie – »der Himmel schütze mich!

Es ist zu viel! und wär’ es Gottes Wille.«

»Nun, Weib!« – sprach er – »laß schlafen das in Stille.

Noch heute mag’s zum Guten sich gestalten;

Doch meiner Treu! Dein Wort sollst Du ihm halten!

Denn wie auf Gottes Gnade steht mein Hoffen,

So wäre lieber ich zu Tod getroffen,

Wie sehr ich Dir in Liebe zugewandt,

Als daß Du brächest Ehrenwort und Pfand!

Des Menschen Allerhöchstes ist sein Wort!«

So sprach er unter Thränen und fuhr fort:

»Bei Todesstrafe bleibt es Dir verwehrt,

So lang’ Du athmest und Dein Leben währt,

Von Deinem Unglück Jemandem zu sagen;

Wie ich mein Leid nach bester Kraft will tragen,

Darf man aus keiner Schmerzensmiene je

Errathen können Deines Herzens Weh!«

Den Junker und die Zofe rief er dann.

»Bringt Dorigene« – sprach er beide an –

»Sogleich zu dem ihr mitgetheilten Ort!«

So nahmen Abschied sie und gingen fort.

Doch weder von dem Zwecke, noch dem Grunde

Erhielten sie von Dorigene Kunde.

Der Zufall aber war Aurelius günstig,

Und dieser Junker, welcher liebesbrünstig

Nach Dorigene schmachtete, traf grade

Mit ihr zusammen, als auf nächstem Pfade

Sie durch die Stadt, wie sie Befehl empfing,

Mit raschen Schritten nach dem Garten ging.

Und zu demselben Garten ging auch er.

Er hatte lang’ gelauert schon vorher,

Ob sie ihr Haus, um auszugeh’n, verlasse,

Und traf sie so durch Zufall auf der Gasse.

Er grüßte sie vergnügt und guter Dinge

Und frug, wohin und welchen Weg’s sie ginge?

Sie aber sprach mit halb verwirrtem Sinn:

»Zu jenem Garten schickt mein Mann mich hin,

Dir Wort zu halten! – Weh’ mir, daß ich’s muß!«

Verwundert hörte dies Aurelius,

Und es begann sein Herz bei ihren Klagen

In tiefem Mitgefühl für sie zu schlagen,

Wie für Arviragus dem würd’gen Ritter,

Der Wort zu halten ihr befahl, so bitter

Er seines Weibes Opfer auch empfand.

Und so erwog, von Mitleid übermannt,

Aurelius, daß er in dieser Lage

Weit besser seines Fleischeslust entsage,

Als daß er eine Schurkerei vollbringe,

Die gegen Anstand, gegen Ehre ginge.

Mit kurzen Worten sprach er drum zu ihr:

»Madam! sag’ dem Arviragus von mir,

Dieweil ich seinen Edelmuth erkannt,

Und so verzweiflungsvoll Dich selber fand,

Dieweil er dulden wolle lieber Schmach,

Als daß Du brächest, was Dein Wort versprach,

So wollt’ auch ich weit lieber ewig leiden,

Als wie die Liebe stören von Euch Beiden.

Empfange, werthe Frau, in Deine Hand

Zurück ein jedes Jawort, jedes Pfand,

Das Du zuvor in Deinem ganzen Leben

Vom Tage der Geburt an mir gegeben.

In keiner Weise will ich durch ein Wort

Dich jemals tadeln. – Und so scheid’ ich fort

Vom besten, treusten Weibe, das ich fand

Und während meines Lebens je gekannt.

– Doch künftig mögen, wenn ihr Wort sie schenken,

Die Frau’n zuvor an Dorigene denken. –

Nur ohne Furcht! – Gewiß ein Junker kann

So edel handeln, wie ein Rittersmann!«

Ihm dankend, fiel sie auf die Kniee nieder,

Und eilte heim zu ihrem Gatten wieder,

Dem sie, was ihr vernommen habt, erzählte.

Doch meiner Treue! wie ihn das beseelte

Ist mir unmöglich, näher zu beschreiben.

Was soll ich länger bei der Sache bleiben?

Es lebte fort im seligsten Genuß

Frau Dorigene mit Arviragus.

Kein Zwiespalt trennte Beide fürderhin,

Er ehrte sie wie eine Königin,

Und ihm getreu blieb sie auf immerdar.

Mehr hört ihr nicht von diesem Ehepaar.

Den Tag verfluchte, welcher ihn geboren,

Aurelius, der all sein Geld verloren.

»Ach!« – rief er – »ach! daß ich versprochen habe

Eintausend Pfund von reinem Gold als Gabe

Dem Philosophen! – Wie schaff’ ich es an?

Ich bin – das seh’ ich – ein verlor’ner Mann!

Mein ganzes Erbgut muß ich jetzt verkaufen,

Ich bin ein Bettler, muß von dannen laufen,

Um meine Sippe hier nicht zu beschämen!

Vielleicht jedoch kommt es zum Einvernehmen,

Wenn ich versuchen will, ihm vorzuschlagen,

Von Jahr zu Jahr die Schulden abzutragen

Mit bestem Dank für die Gefälligkeit;

Dann lüg’ ich nicht und halte meinen Eid.«

Zum Koffer ging er mit betrübtem Sinn,

Und trug sein Gold zum Philosophen hin;

Fünfhundert Pfund an Werth war’s – wie ich denke –

Und bat, daß er die Frist ihm freundlich schenke,

Um nach und nach das fehlende zu zahlen.

»Nicht will ich, Meister!« sprach er – »damit prahlen,

Doch hielt ich stets, wozu ich mich verpflichtet,

Und sicherlich wird nach und nach entrichtet,

Was ich Dir schulde, mag, was will, gescheh’n,

Und sollt’ ich auch im Hemde betteln geh’n.

Jedoch, gewährtest Du auf Sicherheit

Vielleicht zwei Jahre oder drei mir Zeit,

Wär’ es mir lieb. – Doch willst Du es verweigern,

Wohlan! – so muß mein Erbgut ich versteigern!«

Der Philosoph gab Antwort ihm indessen

Auf diese Weise ruhig und gemessen:

»Hielt etwa ich an unserm Pakt nicht feste?«

»Gewiß« – sprach er – »getreulich und aufs Beste!«

»Und war die Dame, die Du liebst, nicht Dein?«

»Nein!« – rief er sorgenvoll erseufzend – »nein!«

»Aus welchem Grunde? – Wenn Du darfst, sag’ an!«

Worauf Aurelius den Bericht begann

Und ihm erzählte, was Ihr schon vernommen;

Es nützt zu nichts, darauf zurück zu kommen.

Er gab ihm kund: wie ritterlich sein Leid

Arviragus zu tragen sei bereit,

Wenn sie ihr Wort nur halte, das sie binde;

Wie schmerzlich Dorigene dies empfinde

Und lieber ihrem Leben gleich entsage,

Als daß sie sich als schlechtes Weib betrage.

Wie unschuldsvoll, da solche Zauberei

Sie nie geahnt, ihr Wort gegeben sei.

»Und da« – sprach er – »ich Mitgefühl empfand,

So schickt’ ich, ganz wie er sie mir gesandt,

Sie ihm freiwillig auch zurück ins Haus.

Mehr weiß ich nicht; denn damit ist es aus.«

Der Philosoph sprach: »Bruder! laß Dir sagen,

Ihr Beide habt Euch ehrenwerth betragen,

Du als ein Junker, er als Rittersmann!

Doch, ohne Sorgen! – auch ein Schreiber kann

So gut wie Ihr beweisen seine Ehre

– Und Gott verhüte, daß es anders wäre! –

Herr! ich verzichte auf die tausend Pfund,

Als ständest Du, soeben aus dem Grund

Hervorgekrochen, unbekannt vor mir.

Nicht einen Pfennig nehm’ ich an von Dir

Für meine Kunst und alle Müh’ und Last!

Da Du bezahlt für meine Nahrung hast,

So ist’s genug! – Lebwohl!« – und mit dem Wort

Bestieg er seinen Rappen und ritt fort.

Nun aber, Herren! laßt mich Euch befragen:

Wer hat sich hier am Edelsten betragen?

Was dünkt Euch? – Sprecht! bevor ihr weiter zieht.

Ich weiß nichts mehr! – Zu Ende ist mein Lied.

Der Prolog des Doctors.

Vers 14495–14500.

»Ei!« – rief der Wirth – »Laßt jetzt die Sache ruh’n!

Herr Arzt und Doctor. Euch ersuch’ ich nun

Erzählt uns eine sittsame Geschichte.«

»Hört Ihr mir zu, will ich mit dem Berichte

Beginnen« – sprach der Doctor und hub an:

»Ihr guten Leute, horchet Mann für Mann!«

Die Erzählung des Doctors.

Vers 14501–14786.

Einst lebte – sagt uns Titus Livius –

Ein Rittersmann, genannt Virginius,

So ehrenhaft wie bieder, und zugleich

An Freunden stark, sowie an Schätzen reich,

Dem eine Tochter seines Weibes Schooß

Allein gebar; sonst war er kinderlos.

Doch hier auf Erden sah man weit und breit

Kein schön’res Wesen, als die holde Maid,

An der mit Fleiß und höchstem Vorbedachte

Natur ein wahres Meisterstück vollbrachte,

Gleichsam, als um zu sagen: »Ich, Natur,

Bin nur im Stande, solche Kreatur

Zu formen. – Sagt, wer kann mich überstrahlen?

Pygmalion? – Nein! – Zwar ist im Meißeln, Malen,

In Schmieden, Hämmern er geschickt, indessen

Nicht er, noch Xeuxis und Apelles messen

Sich je mit mir in allen diesen Sachen,

Wenn sie versuchen, es mir nachzumachen.

Mich hat der erste Bildner dieser Welt

Zu seinem Generalvicar bestellt.

Was unterm wandelbaren Monde nur

Vorhanden ist, jedwede Kreatur

Kann nach Gefallen formen ich und malen,

Und lasse mir die Arbeit nicht bezahlen.

Mein Herr und ich sind stets in Harmonie,

Und meinem Herrn zur Ehre schuf ich sie;

Wie dies für alle Wesen gilt hienieden,

Sind Farben und Gestalten auch verschieden.«

– So würde, dünkt mich, sprechen die Natur. –

Das Mädchen zählte vierzehn Jahre nur,

Von dem Natur war solcher Art entzückt;

Sie, welche weiß die zarte Lilie schmückt

Und roth die Rose, hatte schon erlesen,

Noch eh’ geboren war dies edle Wesen,

Für ihren Leib dieselbe Farbenpracht,

Und auf den Gliedern schicklich angebracht;

Und gleich dem Gold der Sonnenstrahlen war

Gefärbt durch Phöbus ihr gelocktes Haar.

Doch übertraf den Schönheitsglanz der Jugend

In tausendfachem Maß noch ihre Tugend.

Es fehlte nichts, was man verständ’ger Weise

Erwähnen kann zu ihrem Lob und Preise.

Keusch war ihr Leib, und rein war ihr Gemüth,

Und jungfräulich war sie emporgeblüht

In aller Demuth und Bescheidenheit.

In Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit.

Stets hielt sie Maß in Kleidung und Betragen,

Gab sittsam Antwort auf gestellte Fragen,

Und ob sie weise gleich wie Pallas war,

Blieb ihre Sprache weiblich doch und klar.

Sie ahmte nicht die Modephrasen nach,

Um weise zu erscheinen. Was sie sprach,

War angemessen ihrem Stand und Rang

Und tugendhaft und anmuthsvoll von Klang.

Sie war von mädchenhafter Schüchternheit,

Doch fest von Sinn. Durch stete Thätigkeit

Verscheuchte sie die müß’gen Träumerei’n

Und ließ nicht Bachus ihren Meister sein.

Denn Wein und Trägheit schürt in uns so gut,

Wie bei dem Feuer Oel und Fett, die Gluth.

Von Zier und Zwang in ihrer Tugend frei,

Mied unterm Vorwand, daß sie leidend sei,

Sie dennoch solche Kreise, wo an Tand

Und Thorheit etwa man Gefallen fand.

Wohl bieten Feste, Tänze, Schmauserei’n

Gelegenheit zu manchen Tändelei’n,

Und wie bekannt ist, pflegen solche Sachen

Die Kinder frühreif, kühn und frech zu machen,

Was für gefährlich gilt und immer galt.

Denn allzukühn wird sich ein Mädchen bald,

Wenn sie zum Weib emporwächst, nur gebahren.

Erzieherinnen! die ihr – alt an Jahren –

Des Adels Töchter überwacht und lenkt,

Fühlt Euch durch meine Worte nicht gekränkt.

Erwägt, die Edelfräulein zu erzieh’n,

Ist aus zwei Gründen Euch das Amt verlieh’n:

Zuvörderst wegen Eurer Sittsamkeit,

Sodann vielleicht, weil ihr gefallen seid

Und daher mit dem alten Tanz bekannt,

Dem Ihr Euch nun für immer abgewandt.

Um Christi Willen! lehret stets die Pflicht

Der Tugend ihnen; – und versäumt es nicht!

Von einem Wilddieb, welcher aufgegeben

Die alte Kunst und Neigung hat, wird eben

Ein Forst am allerbesten überwacht.

Drum hütet sie! Es steht in Eurer Macht.

Sorgt, daß ihr Laster nie an ihnen billigt!

Verflucht seid Ihr, sofern Ihr darin willigt!

Denn wer das thut, übt sicher Hochverrath.

Drum seht Euch vor, und folget meinem Rath.

Ein schlimm’rer Hochverräther als die Pest

Ist, wer zu Fall die Unschuld kommen läßt.

Ihr Väter und ihr Mütter! ob ein Kind,

Ob viele Kinder Euch geboren sind,

Tragt stete Sorge für ihr Wohlergeh’n,

So lange sie in Eurer Obhut steh’n,

Damit sie durch das Beispiel, das ihr gebt,

Und weil Euch, sie zu strafen, widerstrebt,

Nicht ins Verderben kommen. – Hinterher

Bereut ihr’s, wahrlich, bitter oft und schwer.

Wenn schwach und pflichtvergessen ist der Hirt,

Manch’ Schaf und Lamm vom Wolf zerrissen wird.

Es mögen Euch genügen diese Lehren,

Denn zur Geschichte muß zurück ich kehren.

Die Maid, von der ich sprach, bedurfte kaum

Der Lehrerin. Sie hielt sich selbst in Zaum.

Denn wie in einem Buche war zu lesen

In ihrem Wandel, wie in Wort und Wesen

Ein sittsam’ Mädchen sich betragen soll.

Sie war so herzensgut und einsichtsvoll;

Weit drang der Ruf nach allen Seiten hin

Von ihrer Schönheit, ihrem Edelsinn.

Im ganzen Land pries man sie allgemein,

Wo Tugend galt. Es schwieg der Neid allein,

Den das betrübt, was andere beglückt,

Und das erfreut, was sie mit Kummer drückt.

– So ward vom Doctor Augustin geschrieben. –

Zur Stadt ging einst die Maid mit ihrer lieben

Und theuren Mutter, um nach Brauch der Frauen

Sich in dem nahen Tempel zu erbauen.

Nun war im Stadtbezirk zu jener Zeit

Ein Richter Pfleger der Gerechtigkeit,

Der von dem Platze, wo er grade stand,

Durch Zufall scharf den Blick auf sie gewandt,

Als dieses Mädchen ihm vorüber ging.

Und da sein Herz sofort auch Feuer fing,

Als ihre Schönheit ihm ins Auge stach,

So sann er in der Stille nach und sprach:

»Um jeden Preis wird dieses Mädchen mein!«

Gleich schlich der Teufel ihm ins Herz hinein

Und lehrte rasch ihm eine List ersinnen,

Zu seinem Zweck das Mädchen zu gewinnen.

Denn zu erreichen war – das sah er bald –

Dies weder durch Bestechung noch Gewalt.

Denn sie war stark an Freunden und zugleich

Im höchsten Grade keusch und tugendreich.

Und so begriff er, daß zur Lust und Sünde

Sie zu verführen, außer Frage stünde.

Er überlegte lange und besann

Auf einen Schurken in der Stadt sich dann,

Dem es an Kühnheit und an List nicht fehlte.

Ihn ließ er zu sich kommen und erzählte

Ihm insgeheim, was er im Sinne trage,

Ihn dabei warnend, daß er’s Keinem sage,

Sofern ihm Leben lieber sei als Tod.

Und als der Schuft sich zu der That erbot,

War hoch erfreut der Richter, der ihn pries

Und reich beschenken und bewirthen ließ.

Von Punkt zu Punkt – wie späterhin erhellt –

Ward dann der Plan von Beiden festgestellt

Nebst allen Schlichen, die geeignet schienen,

Zur Stillung seiner Liebesbrunst zu dienen.

Worauf den Schurken, welcher Claudius hieß,

Der falsche Richter Appius entließ.

– So war sein Name. Denn, was ich berichte,

Ist keine Fabel, sondern Thatgeschichte,

An deren Wahrheit man nicht zweifeln kann. –

Der falsche Richter ging sofort daran,

In schnellster Art zum Ziele zu gelangen;

Und so geschah’s, als kurze Zeit vergangen,

Und er – wie uns erzählt in der Geschichte –

Einst nach Gewohnheit saß in dem Gerichte,

Um zu entscheiden die vorhand’nen Fälle,

Daß raschen Schrittes jener Schandgeselle

Hervortrat und ihn ansprach: »Herr! versage,

Ich bitte Dich, mir Recht in meiner Klage,

Die gegen den Virginius lautet, nicht!

Im Fall er der Behauptung widerspricht,

Wird Zeugniß und Beweis von mir gestellt,

Daß wahr ist, was die Klageschrift enthält.«

Der Richter sprach: »So lang’ er nicht zur Stelle,

Geht es nicht an, daß ich mein Urtheil fälle.

Doch ruft ihn! Dann vernehm’ ich ihn nach Pflicht.

Dir wird Dein Recht! denn Unrecht giebt’s hier nicht.«

Virginius kam, wie’s ihm der Richter hieß,

Worauf die Klagschrift er verlesen ließ,

In der geschrieben stand, was ich Euch sage:

»Euch, werthem Herrn und Richter Appius, klage

Ich – Euer armer Diener Claudius –

Daß mir ein Ritter, der Virginius

Genannt wird, gegen Recht und Billigkeit,

Wie sehr ich protestirte, eine Maid,

Die noch in zartem Kindesalter stand,

Heimlich bei Nacht aus meinem Haus entwandt,

Obwohl durch Recht sie meine Sclavin war.

Wenn Ihr erlaubt, bring’ ich Beweise dar,

Daß sie – und wenn er’s noch so sehr bestritte –

Nie seine Tochter war. – Entscheidet, bitte,

In dieser Sache, was mein Recht betrifft.«

So war der Inhalt dieser Klageschrift.

Virginius sah erstaunt den Schurken an,

Indeß bevor er den Versuch begann,

Durch manche Zeugen und nach Ritterart

Ihm zu beweisen, daß sein Widerpart

Dies alles fälschlich ihm gelegt zur Last,

War der verfluchte Richter so in Hast,

Daß er zu schweigen den Virginius hieß,

Sein Urtheil sprach und sich vernehmen ließ:

»Entschieden ist: dem Mann gehört die Magd!

Sie zu behalten, wird Dir untersagt:

Du giebst zurück in des Gerichtes Hand

Sein Eigenthum! – So wird zu Recht erkannt.«

Als sich der Rittersmann Virginius

Durch diesen Spruch des Richters Appius

Gezwungen sah, zum liederlichen Leben

Dem Richter seine Tochter preis zu geben,

Ging er zu Haus und trat in seinen Saal,

Wohin zu kommen er der Maid befahl.

Und als er ansah, wie sie demuthsreich

Vor ihm erschien, ward er wie Asche bleich,

Da Mitleid tief sein Vaterherz erregte.

Doch hielt er fest am Vorsatz, den er hegte.

»Virginia!« – sprach er – »es giebt, theures Kind,

Zwei Wege nur, die für Dich offen sind:

Tod oder Schande! – Weh’! daß ich geboren,

Daß schuldlos Du zu solchem Loos erkoren,

Und enden mußt durch Messer oder Schwert!

O, Tochter, die mein Lebensmark verzehrt!

Du, die ich stets mit solcher Freude pflegte,

So treu beständig im Gedächtniß hegte,

O, meine Tochter! Du, das letzte Leid,

Die letzte Freude meiner Lebenszeit,

Du, keusche Perle, mit geduld’gem Sinn

Nimm Deinen Tod, den ich beschlossen, hin!

Nicht Haß – nein, Liebe Dir das Leben raubt,

Denn fallen muß durch diese Hand Dein Haupt!

Ach! daß Dich Appius jemals sah im Leben,

Und so dies falsche Urtheil hat gegeben.«

Den ganzen Fall gab er ihr kund sodann,

Was, als bekannt, ich übergehen kann.

»Mein Vater!« – rief das Mädchen – »hab’ Erbarmen!«

Und seinen Hals umschlang mit beiden Armen

Sie nach Gewohnheit, während jammervoll

Die Thränenfluth aus beiden Augen quoll.

»O, guter Vater!« – rief sie – »muß ich sterben?

Giebt’s Gnade nicht? – nicht Rettung vorm Verderben?«

»Nein, keine!« – sprach er – »theures Töchterlein.«

»Gewähre, Vater!« – rief sie – »nur allein

Mir kurze Frist, mein Ende zu beklagen.

Denn ehe seine Tochter er erschlagen,

Gewährte Jephta ihr die gleiche Huld.

Und weiß es Gott! sie trug daran nicht Schuld,

Daß sie als Erste war vorangegangen,

Um ihren Vater festlich zu empfangen.«

Und mit dem Wort sank sie in Ohnmacht hin.

Doch später, als zurückgekehrt ihr Sinn,

Erhob sie sich und sprach zum Vater dann:

»Gelobt sei Gott, daß keusch ich sterben kann!

Gieb mir den Tod! ich will nicht Schmach erleben!

Thut Eurem Kind, was Gott Euch eingegeben!«

So sprach sie zu ihm und bat immer wieder

Um sanften Tod und sank zu Boden nieder,

Wo sie alsdann bewußtlos liegen blieb.

Der schmerzzerriß’ne Vater aber hieb

Das Haupt ihr ab, hob es am Schopf empor,

Trug es zum Richter hin und wies es vor,

Als er noch Sitzung hielt in dem Gerichte.

Kaum sah’s der Richter – sagt uns die Geschichte –

Befahl er, ihn zu greifen und zu hängen.

Doch, voller Mitleid, ihn zu retten, drängen

Sich tausend Menschen Augenblick’s herbei,

Denn längst bekannt war seine Schurkerei.

Schon aus der Art, wie sich der Kerl benommen,

War Jedermann auf den Verdacht gekommen,

Daß Appius dahinter stecken müßte,

Denn zu bekannt war Allen sein Gelüste.

Drum zogen sie zu Appius hin, und ließen

Ihn in den Kerker auf der Stelle schließen,

Wo er sich selbst erschlug. – Und Claudius,

Den Knecht und Helfer dieses Appius,

Hätte der Henker an den Baum geknüpft,

Wär’ nicht durch diesen Umstand er entschlüpft,

Daß sich Virginius selbst für ihn verwandte,

So daß man ihn zur Strafe nur verbannte.

Sonst mußten Alle hängen, arm und reich,

Die thätig waren bei dem Bubenstreich.

Seht, ihren Lohn die Sünde stets erhält!

Seid auf der Hut! denn Niemand auf der Welt

Weiß, wann ihn Gottes Hand trifft, oder wann

Der Wurm Gewissen fängt zu nagen an.

Den schlechten Wandel, ob man noch so schlau

Ihn vor der Welt verbirgt, sieht Gott genau.

Denn, ob ihr thöricht oder weise seid,

Euch faßt die Furcht noch Alle mit der Zeit.

An meinem Rathe haltet darum fest:

Verlaßt die Sünde, eh’ sie Euch verläßt!

Der Prolog des Ablaßkrämers.

Vers 14787–14828.

Wie toll schwur unser Wirth in seiner Wuth:

»Holloh!« – rief er – »bei Nägeln und bei Blut!

Das war ein falscher Kerl, ein falscher Richter;

Verkommen möge dieses Rechtsgelichter

Und Advokatenpack in Schmach und Noth!

Indeß, was hilft’s? – Die gute Maid ist todt!

Ach, theuer kam die Schönheit ihr zu stehen!

Ich sage drum: man kann es täglich sehen,

Was uns geschenkt das Glück hat und Natur,

Gereicht zum Tod uns allzuhäufig nur!

Ihr Tod war ihre Schönheit, darf ich sagen.

O, weh! wie elend wurde sie erschlagen!

Wie oft doch Menschen von den beiden Gaben,

Die ich genannt, mehr Harm als Nutzen haben!

Doch, theurer Meister! eins kann ich beschwören,

Dein Sachbericht war traurig anzuhören.

Indessen, was vorüber ist, laßt fahren!

Gott möge Deinen edlen Leib bewahren,

Sowie Dein Harnglas und Latwergenfaß,

Deine Galienen, Deinen Ypokras

Und Deine Nachtgeschirre. – Segne sie

Der Herrgott und die heilige Marie!

Denn – bei St. Ronian! – Du bist in der That

Ein wack’rer Mann und ganz wie ein Prälat!

Sprach ich nicht gut? – Ich bin nicht phrasenreich;

Jedoch ich weiß, Du hast mein Herz so weich

Und trüb gestimmt, daß mir ein Brustkrampf droht.

Beim Corpus Christi! mir thut Theriak Noth!

Doch hilft ein Trunk von gutgemalztem Bier,

Ein lust’ger Schwank vielleicht noch besser mir!

Das Mädchen macht mein Herz so mitleidsschwer.

Du, Ablaßkrämer, bel ami!« – rief er –

»Mit einem lust’gen Spaß bedien’ uns nun!«

»Beim heil’gen Ronian! gerne will ich’s thun!

Doch einen Bierkranz« – sprach er – »seh’ ich winken;

Da muß zuvor ich Kuchen kau’n und trinken!«

Die feinern Herr’n begannen gleich zu schrei’n:

»Nein, unterlassen soll er Zoterei’n!

Erzählst Du uns, was bessert und belehrt

Und witzig ist, sei Dir Gehör gewährt.«

»So sei’s!« – sprach er – »auf etwas, das sich paßt,

Besinn’ ich mich, wenn ihr mich trinken laßt!«

Die Erzählung des Ablaßkrämers.

Vers 14829–15468.

Ihr Herr’n! Wenn meine Stimme mit Gewalt

Bei meiner Predigt durch die Kirche schallt,

Tönt sie, wie eine Glocke, rund und voll;

Denn memorirt hab’ ich, was kommen soll.

Mein Thema ist und war und bleibt stets das:

Radix malorum est cupiditas!

Erst mach’ ich kund, von wannen ich gekommen;

Dann werden meine Bullen durchgenommen,

Dann weis’ ich auf das Königssiegel hin

An dem Patent, damit ich sicher bin,

Daß Priester nicht und Küster sich erfrechen,

Mich in dem heil’gen Werk zu unterbrechen.

Und hinterher beginn’ ich zu erzählen.

Von Päpsten, Patriarchen, Kardinälen,

Bischöfen weiß ich Bullen aufzutischen,

Ein Wort Latein dem Vortrag einzumischen,

Daß ich die Predigt würze, sie belebe,

Und so die Andacht meiner Hörer hebe.

Dann werden meine Gläser mit den alten,

Zerbroch’nen Knochen ihnen vorgehalten,

Und für Reliquien sieht sie Jeder an.

Ein Schulterbein in Messing zeig’ ich dann

Von einem heil’gen Judenschafe vor:

»Ihr, guten Leute!« – sprech’ ich – »spitzt das Ohr!

In einer Quelle wascht den Knochen hier;

Und wie geschwollen Kalb, Schaf, Kuh und Stier

Vom Biß und Stich der Würmer sind und Maden,

Laßt nur des Thieres Zunge darin baden,

So wird es heil für immer auf der Stelle. –

Kuriren kann ein Schluck aus dieser Quelle

Von Räude, Pocken und von aller Plage

Jedwedes Schaf! – Behaltet, was ich sage!«

Wenn wöchentlich, bevor der Hahn gekräht,

Der Herr des Thieres zu der Quelle geht,

Und schöpft daraus sich nüchtern einen Trunk,

Vermehren sich – nach Ueberlieferung

Des heil’gen Juden – bei ihm Vieh und Frucht!

Und, meine Herr’n! – es heilt auch Eifersucht!

Ist diese Wuth bei Jemand ausgebrochen,

Laß aus dem Wasser er sich Suppe kochen,

Sodann mißtraut er nimmer seiner Frau,

Und kennt’ er auch die Schuld von ihr genau,

Ja, hielte sie’s mit mehr als einem Pfaffen!

Hier, diesen Handschuh mögt ihr jetzt begaffen!

Steckt in denselben Jemand seine Hand,

Vervielfacht sich sein ganzer Fruchtbestand,

Ob Hafer er gesät hat oder Weizen.

– Nur müßt ihr nicht mit Deut und Groschen geizen! –

Doch, Herrn und Frauen! seid gewarnt von mir,

Ist irgend einer in der Kirche hier,

Der auf sich lud so große Sündenlast,

Daß, sie zu beichten, ihn die Scham erfaßt,

Sind alte, oder junge Frau’n zugegen,

Die Männern Hörner aufzusetzen pflegen,

So darf und will ich keine Opfergaben

Von solchem Volk für die Reliquien haben.

Doch trage, wer von solchem Tadel frei,

In Gottes Namen zu dem Opfer bei;

Und von den Sünden absolvir ich ihn,

Wie mir die Bulle dazu Macht verlieh’n.

– Der Kniff verschaffte hundert Mark im Jahr

Mir stets, seitdem ich Ablaßkrämer war. –

Ganz wie ein Theologe stell’ ich mich

Auf meine Kanzel. – Setzt der Pöbel sich,

Beginnt die Predigt, wie ich schon berichtet,

Mit hundert Lügen, die ich zugedichtet.

Ich reck’ und strecke meinen Hals und blicke

Hinab aufs Volk nach Ost und West und nicke,

Wie eine Taube auf dem Scheunendache.

Mit Hand und Zunge bin ich bei der Sache,

So daß sich Alle meines Eifers freu’n.

Ich pred’ge stets, vor Lastern sich zu scheu’n,

Wie Geiz und Habsucht; doch im Pfennigschenken

Nicht karg zu sein – und meiner zu gedenken.

Mein ganzes Streben ist zu profitiren,

Nicht etwa sie von Sünden zu kuriren.

Sind sie begraben, ist mir’s einerlei,

Wie brombeerschwarz auch ihre Seele sei.

Denn, sicher, hinter mancher Predigt steckt

Gar schlimme Absicht. Oft wird nur bezweckt,

Dem Volke Schmeicheleien darzubringen,

Durch Heuchelei sich rasch emporzuschwingen,

Indessen Haß und Ruhmsucht Andre treibt,

Wenn ich es sonst nicht wagen darf, so bleibt

Mir noch der Weg, mit meiner Zunge Jeden

Scharf durchzuhecheln in den Kanzelreden

Und Jeden zu verläumden ungestraft,

Der mich beleidigt und die Brüderschaft.

Und führ’ ich Keinen auch mit Namen an,

Den, wer gemeint ist, kennt doch Jedermann,

Da es aus meinen Winken leicht erhellt;

Und das fühlt Jeder, welcher uns mißfällt.

So spuck’ ich Gift und Galle unterm Schein

Der Frömmigkeit, und gelte fleckenrein.

Denn kurz und gut, auf Treu’ und Ehrlichkeit!

Mein Grund der Predigt ist Begehrlichkeit.

Mein Thema ist und war und bleibt stets das:

Radix malorum est cupiditas.

So schelt’ ich auf das Laster, das zumeist

Ich selbst besitze, und das Habsucht heißt.

Von dieser Sünde, der ich mich ergab,

Zieh’ ich hingegen andre Leute ab,

Und suche sie vom Geize zu bekehren.

Indessen dies ist nicht mein Hauptbegehren

Aus eigner Habsucht halt’ ich meine Predigt;

Und damit sei die Sache nun erledigt.

Dann pfleg’ ich ihnen mancherlei Geschichten

Aus alter Zeit als Beispiel zu berichten,

Da solche Sachen der gemeine Mann

Gern nacherzählt und leicht behalten kann.

Wie, glaubt ihr, wenn mir Gold- und Silbergeld

So leicht durch Pred’gen in die Hände fällt,

Ich sollte dennoch freiwillig und gern

In Armuth leben? – Nein, das liegt mir fern!

Ich pred’ge mich und bettle mich durchs Land

Und thue keine Arbeit mit der Hand,

Von Körbeflechten brauch’ ich nicht zu leben,

Ich bettle fleißig – und mir wird gegeben.

Nicht die Apostel ahm’ ich nach. – Auf Geld,

Korn, Käse, Wolle ist mein Sinn gestellt;

Und schenkt sie mir im Dorf der ärmste Knecht,

Die ärmste Wittwe – mir ist Alles recht;

Ob ihre Kinder auch verhungern müssen.

Nein! Rebensaft will trinken ich und küssen

Die schmuck’sten Dirnen in jedwedem Ort!

Horcht auf, ihr Herr’n! Ich werde nun sofort

– Wie’s Euch beliebt hat – zur Geschichte kommen.

Mein Schlückchen Doppelbier hab’ ich genommen,

Und – wie zu Gott ich hoffe – wird Euch Allen,

Was ich erzähle, zweifellos gefallen.

Zwar bin ich selbst ein lasterhafter Mann,

Jedoch, gewohnt um Geld zu pred’gen, kann

Ich auch moralisch reden, wenn ich will;

Und jetzt beginn’ ich – drum schweigt Alle still!

In Flandern war von jungen Zechgenossen

Einst eine Bande, die Hasard und Possen

Und Rauferei in jeder Schenke trieb,

Beim Würfelspiele Tag und Nacht verblieb,

Zum Lauten-, Harfen- und Ginternenklang

Dort tanzte, speiste und gewaltig trank.

So hielten in des Teufels eigenem Haus

Verruchter Weise sie bei üpp’gem Schmaus

Ihr Teufelsopfer, fluchten laut und schworen

So grauenhaft, daß es für reine Ohren

Entsetzlich klang. Auch rissen sie in Stücke

Des Herren Leib, als ob der Juden Tücke

Nicht zur Genüge schon zerfetzt ihn hätte,

Und spotteten der Sünde um die Wette.

Dann kamen hübsche, schlanke Tänzerinnen

Und junge Obst- und Waffelhändlerinnen,

Und Huren, Harfenmädchen und was mehr

Als Officier dient in des Teufels Heer,

Die fleischlichen Begierden zu entflammen.

Denn Völlerei und Kitzel wohnt beisammen.

Die heil’ge Schrift kann darin Zeuge sein:

Zur Ueppigkeit reizt Trunkenheit und Wein.

Seht Loth Euch an! wie er in trunk’nem Muthe

Bei seinen beiden Töchtern schamlos ruhte,

Unwissend, was er in dem Rausch begann.

Auch von Herodes führen Bücher an,

Daß, an der Tafel sitzend bei dem Mahl,

Im Rausche zu enthaupten, er befahl,

Johann den Täufer, schuldlos wie er war.

Ein gutes Wort sprach Seneka, fürwahr,

Als er uns sagte: »Zwischen einen Mann,

Der trunken ist, und einem Tollen kann

Ich wesentlichen Unterschied nicht sehen.

Nur wird die Tollheit nicht so rasch vergehen,

Wie Trunkenheit, die meistens bald vorbei.«

O, schändliche, verruchte Völlerei!

O, Quelle jedes Jammers und Verderbens!

O, Urgrund der Verdammniß und des Sterbens,

Eh’ durch sein Blut erkauft uns Jesus Christ!

Mit kurzen Worten: Seht, so theuer ist

Die Welt erkauft und von dem Fluch befreit,

Der sie getroffen durch Gefräßigkeit!

Denn eben dieses Lasters wegen stieß

Zu Müh’ und Arbeit aus dem Paradies

Gott unsern Vater Adam und sein Weib.

So lang er fastete, war sein Verbleib

Im Paradies ihm sicher. Als indessen

Er die verbot’ne Frucht vom Baum gegessen,

Ward er zu Weh’ und Pein daraus verjagt.

O, Schwelgerei! mit Recht wirst Du verklagt!

Ach! wüßte nur der Mensch, wie mancherlei

Beschwerden zeugt maßlose Völlerei,

So würd’ er sich weit mäßiger im Speisen

Bei seiner Mahlzeit sicherlich beweisen.

Doch für die zarten Gaumen, kurzen Kehlen,

Sieht man in Nord, Süd, West und Ost sich quälen

Die Menschen, daß aus Wasser, Luft und Erde

Ein leck’rer Bissen oder Trunk uns werde.

Von dieser Sache sprichst Du, Paulus, auch,

Wenn Du besagst: »die Speisen für den Bauch,

Der Bauch für Speise; aber Gott vernichtet

Diesen und jene« – so hast du berichtet.

Ein schlimmes Wort! – Doch schlimmer unbedingt

Ist noch die That, wenn man sich so betrinkt

In Roth- und Weißwein, daß vor Ueberfluß

Zum Abtritt man die Kehle machen muß.

Es klagte der Apostel unter Thränen:

»Wie viele wandeln auf der Welt, von denen

Ich Euch gesagt – nun sag’ ich es mit Weinen –

Die Christi Kreuz gering zu achten scheinen.

Ihr Gott heißt Bauch; ihr Ende ist der Tod!«

O, Bauch! o, Wanst! Du Stinktopf voller Koth,

Voll von Verderbniß, Unrath und Gestank,

Wie faul aus beiden Enden ist Dein Klang!

Was kostest Du? – Wie müssen wir uns placken?

Wie müssen Köche stampfen, mahlen, hacken,

Eh’ aus dem Stoff die Speise hergestellt,

Die Deiner Schlinglust mundet und gefällt!

Den harten Knochen wird das Mark entnommen,

Nichts wirft man fort und nichts läßt man verkommen,

Was sanft uns lieblich durch die Gurgel gleitet.

Aus Wurzeln, Lauch, Gewürz und Zimmt bereitet

Man leck’re Brühen, die vortrefflich schmecken,

Und stets von Neuem Appetit erwecken.

Doch ist der Mann, der nach Genüssen jagt,

Lebendig todt, bis er der Lust entsagt.

Ein geiles Ding ist Wein und Trunkenheit,

Voll Jammer, voller Elend und voll Streit.

Verzerrt ist dein Gesicht, o, trunk’ner Mann!

Faul ist dein Kuß! dein Athem widert an!

Durch deine trunk’ne Nase kommt ein Ton,

Als sprächest Du nur stets: »Simson, Simson!«

Und dennoch liebte Simson nicht den Wein;

Doch du fällst um, wie ein gestoch’nes Schwein.

Lahm ist die Zunge; Anstand, Sitte fort!

Denn Trunkenheit ist der Begräbnißort

Für Manneswitz und Umsicht und Verstand.

Gewinnt der Trunk bei uns die Oberhand,

So ist’s vorbei mit der Verschwiegenheit.

Nun, auf der Hut vor Weiß- und Rothwein seid,

Besonders vor dem weißen Wein von Lepe,

Den man verkauft in Fishstreet und in Chepe!

Mit diesem Wein aus Spanien versetzt

Man unsern Landwein schlauer Weise jetzt,

Was einen solchen Rausch zu Wege bringt,

Daß, wenn man nur drei Züge davon trinkt,

Und glaubt in Chepe sich zu Hause – so

Ist man nicht in Rochelle mehr und Bordeaux,

Nein, längst im Spanierland, in Lepe schon,

Und sagt beständig nur: »Simson, Simson!«

Ein Wort, ihr Herren! bitt’ ich noch zu sagen:

Was sich im alten Bunde zugetragen,

Was dort durch Gottes allgewalt’ge Macht

An Thaten und an Siegen je vollbracht,

Geschah allein durch Fasten und Gebet.

Seht in die Bibel, wo’s geschrieben steht.

Schaut, Attila, den großen Sieger traf

Ein scham- und ehrenloser Tod im Schlaf

Durch Nasenbluten in der Trunkenheit.

– Ein Hauptmann lebe stets in Nüchternheit. –

Vor allem macht es der Befehl Euch klar,

Der einst dem Lamuel gegeben war;

– Nicht Samuel, nein Lamuel sag’ ich –

Lest nur die Bibel, da wird nachdrücklich

Der Weingenuß beim Richterstand gerügt.

Nicht’s mehr davon! Was ich gesagt, genügt.

Sprach ich bislang vom Unmaß im Genuß,

Ich vorm Hasardspiel nunmehr warnen muß.

Spiel ist die wahre Mutter alles Lügens,

Des gottverfluchten Schwörens und Betrügens,

Des Mord’s, der Läst’rung Christi, und dabei

Zugleich auch Zeit- und Geldvergeuderei.

Als ehrenrührig und als Vorwurf gilt,

Wenn man uns liederliche Spieler schilt.

Je höher Jemand seinem Stande nach,

Um desto größer ist für ihn die Schmach,

Ein Fürst, der dem Hasardspiel sich ergiebt,

Wird auch – und sei er noch so sehr beliebt,

Durch sein Geschick im Herrschen und Regieren –

Die öffentliche Achtung bald verlieren.

Stilbon, ein großer Staatsmann voll Verstand,

Ward ehrenvoll einst nach Korinth entsandt

Von den Spartanern, um mit jenem Reich

Ein Bündniß abzuschließen. – Doch sogleich

Nach seiner Ankunft es ihm höchst mißfiel,

Als er des Landes höchste Herr’n beim Spiel

Dort sitzen fand. – Drum stahl er sich nach Haus,

So rasch es ging, und sagte frei heraus:

»Ich will nicht meinen Ruf dadurch verlieren,

Mit diesem Spielervolk Euch zu alliiren!

Ich will nicht meinen guten Namen schänden!

Ihr möget and’re Diplomaten senden.

Fürwahr, zu Grunde will ich lieber geh’n,

Als Euch im Bunde mit den Spielern seh’n!

Zu ehrenhaft ist Euer Ruf und Wandel,

Als daß ich solches Bündniß, solchen Handel

Je schließen könnte, jemals schließen würde.«

– So sprach der weise Philosoph mit Würde.

Ein Paar von gold’nen Würfeln ward aus Hohn

Vom Partherkönig – nach der Tradition –

Dem Könige Demetrius gesandt,

Der ihm schon längst als Spieler war bekannt.

So zeigt’ er ihm, daß sich trotz Ruhm und Macht

Um seine Achtung jener Fürst gebracht.

Denn, wahrlich, mit weit ehrenhaftern Dingen

Kann seinen Tag ein großer Herr verbringen.

Nun sollt Ihr noch vom Fluchen und vom Schwören

Ein Wort bis zwei aus alten Büchern hören:

Abscheulich ist und höchst zu tadeln nur

Das laute Fluchen und der falsche Schwur,

Und allgemein vom lieben Gott verdammt.

Dies Zeugniß giebt Matthäus uns, mitsammt

Dem heil’gen Jeremias, welcher spricht:

»Den Schwur nimm ernst und lüge dabei nicht.

Heilig, gerecht und weise sei dein Eid,

Denn eitel Schwören ist Verworfenheit!«

Auf des Gesetzes erste Tafel seht,

Wo Gottes Wille aufgeschrieben steht,

Und gleich das zweite der Gebote spricht:

»Mißbrauch’ den Namen Deines Herren nicht!«

Seht! Schwören ist so gut verboten dort,

Wie andre Sünden, so zum Beispiel Mord.

Wer die Gebote Gottes kennt, vergißt

Auch nicht, was ihre Reihenfolge ist.

Und weiß, daß dies im zweiten wird befohlen.

Und fernerweit sag’ ich Euch unverhohlen:

Von Rache wird das Haus stets heimgesucht

Von dem, der übermäßig schwört und flucht.

»Bei Deinem Leib und Deinen Nägeln, Christ!

Beim Blute Gottes, das in Hailes ist!

Mein Wurf war sieben – Deiner fünf und drei!

Bei Gottes Arm! treibst du Betrügerei,

Fährt Dir mein Messer durch das Herz sofort!«

Seht! Fluchen, Falschheit, Zorn und Menschenmord,

Das sind die Früchte, welche Knöchel tragen!

Beim Heiland, der ans Kreuz für uns geschlagen,

Das Schwören laßt im Ernst und Scherze sein!

Doch, werthe Herr’n, jetzt lenk’ ich wieder ein.

Die drei erwähnten Spieler saßen, lang’

Bevor die Glocke noch die Prime rang,

Bei ihrem Trinken in der Schenke schon.

Da hörten sie des Todtenglöckleins Ton,

Als eine Leiche man zu Grabe trug.

Der eine rief den Knecht herbei und frug

»Was giebt’s? – Sieh’ zu, und forsche schleunigst aus,

Mit welcher Leiche man an diesem Haus

Vorüber zieht? und merke Dir den Namen!«

»Das thut nicht Noth! Bevor die Herren kamen,

Wußt’ ich schon seit zwei Stunden« – sprach der Knabe –

»Den alten Freund von Euch trüg’ man zu Grabe,

Dem man in dieser Nacht das Leben nahm.

Betrunken saß er auf der Bank, da kam

Ein Dieb heran geschlichen, Tod genannt,

Der alle Menschen umbringt hier zu Land,

Und der sein Herz mit einem Speer durchstach,

Und darauf fortging und kein Wörtchen sprach.

Der Pestilenzkerl hat schon umgebracht

An Tausende. Drum, Herr, nehmt Euch in Acht,

Ihm in den Weg zu kommen. Wie mir scheint,

Thut große Vorsicht Noth bei solchem Feind.

Genug! Ihm zu begegnen, stets parat

Zu sein, gab meine Herrin mir den Rath.«

»Bei St. Marie! das Kind spricht nur zu wahr!«

– Begann der Schenkwirth – »Er hat dieses Jahr

In einem Dorfe, eine Meile fern,

Erschlagen Knechte, Kinder, Frau’n und Herr’n.

Dort hat er seinen Wohnsitz, wie mir scheint;

Am klügsten ist, man sieht sich vor dem Feind,

Bevor er Schaden thun kann, weislich vor.«

»Bei Gottes heil’gen Arm!« – der Raufbold schwor –

»Wenn’s so gefährlich ist, ihm in den Weg

Zu kommen, will ich jeden Pfad und Steg

Nach ihm durchsuchen! Bei des Herrn Gebein!

Beschwör ich das! – Gesellen, kommt, schlagt ein!

Laßt alle drei die Hand uns darauf geben,

Daß wir fortan als treue Brüder leben.

Wir wollen den Verräther Tod erschlagen,

Dem schon so viele Menschen unterlagen

– Bei Gottes Würde! – noch vor Abendzeit!«

So schwuren dann die dreie sich den Eid,

Einander Beistand stets auf Tod und Leben,

Wie dies gebor’nen Brüdern ziemt, zu geben.

In trunk’ner Wuth verließen sie das Haus

Und zu dem Dorfe zogen sie hinaus,

Sobald den Namen sie vom Wirth erfuhren.

Des Herren Leib zerrissen sie und schwuren

Dabei entsetzlich: »Packen wir am Kragen

Nur erst den Tod, so wird er todtgeschlagen!«

Doch kaum nach einer halben Meile Weges

Sah’n bei dem Ueberschreiten eines Steges

Sie einen armen Greis an jenem Ort,

Der sie bescheiden grüßte mit dem Wort:

»Gott schenke, werthe Herren, Euch Gedeih’n!«

Gleich rief der schlimmste Raufbold von den drei’n:

»Warum, bis auf dein trauriges Gesicht,

Verhüllst Du, Schuft, Dir Deinen Leib so dicht?

Warum lebst Du so lange, alter Mann?«

Mit festen Blicken sah der Greis ihn an

Und sprach: »Fürwahr, in keinem Dorf und Flecken

Von hier bis Indien weiß ich zu entdecken

Den Menschen, welcher meines Alters Bürde

Mit seiner Jugend gern vertauschen würde.

Ich muß darum, so lange Gott es will,

Mein Alter tragen in Geduld und still.

Der Tod, – o, weh! – begehrt mein Leben nicht,

Und rastlos wandern muß ich armer Wicht,

Ob früh und spät geklopft mit meinem Stabe

Ich an dem Thor der Mutter Erde habe,

Und stets gerufen: Mutter! laß mich ein!

Verschrumpft und morsch sind Fleisch, Haut, Blut und Bein’!

Wann finden meine armen Knochen Ruhe?

Ach, Mutter! gern vertauscht ich meine Truhe,

Die ich bewahrte schon seit langer Zeit

In meinem Zimmer, für ein hären Kleid,

Mich drein zu wickeln. – Doch sie hört mich nicht

Und bleich und welk ist darum mein Gesicht.

Jedoch, ihr Herr’n, nicht höflich ist’s, noch gut,

Daß einem Greis ihr solchen Schimpf anthut,

Der sich in Wort und Thaten nicht versündigt.

Lest in der heil’gen Schrift. Da wird verkündigt:

›Vor einem alten Mann mit greisem Haupt

Erhebet Euch!‹ – und meinen Worten glaubt:

Fügt alten Leuten keine Kränkung zu,

Wenn Ihr nicht wollt, daß man Euch Gleiches thu’

In Eurem Alter, falls der Tod Euch spart.

Nun, Gott sei mit Euch auf der Wanderfahrt!

Denn meines Weges muß ich weiter zieh’n.«

»Nein, alter Schuft, das sollst Du nicht!« – fuhr ihn

Der zweite der drei Spieler darauf an. –

»So leicht entkommst Du nicht, bei St. Johann!

Du hast hier den Verräther Tod genannt.

Der alle Freunde uns erschlägt im Land.

Ich glaube sicher, Du bist sein Spion!

Sag’ wo er ist, sonst kriegst Du Deinen Lohn!

Du bist – beim heil’gen Sakrament von Gott! –

Ganz ohne Zweifel mit ihm im Complott,

Uns junges Volk zu tödten, falscher Dieb!«

»Nun, Herren!« – sprach er – »ist es Euch so lieb

Den Tod zu finden, folgt dem krummen Saume;

In jenem Haine unter einem Baume

Verließ ich ihn; und dort wird er noch sein;

Er läuft nicht fort vor Euren Prahlerei’n!

Bei jener Eiche könnt ihr ihm begegnen.

Gott, der die Welt erlöste, mög’ Euch segnen

Und besser machen!« – sprach der alte Mann.

Dem Baume zu gleich jeder Raufbold rann.

Sie langten an und sahen – welch’ ein Fund! –

Dort gold’ne Gulden liegen, neu und rund;

Beinah acht Scheffel schienen sie zu messen.

Gleich auf der Stelle war der Tod vergessen,

So selig waren sie in ihrem Glücke

Beim hellen Glanz der blanken Guldenstücke.

Zu ihrem Schatze setzten sie sich nieder,

Und es begann der schlimmste der drei Brüder:

»Merkt Freunde, was ich sagen will, genau.

Trotz Spiel und Spaß bin ich gewitzt und schlau.

Fortuna hat uns diesen Schatz gegeben,

Damit in Lust und Fröhlichkeit wir leben.

Leicht kam er uns, leicht sei er durchgebracht!

Ei, Gottes Würde! hätten wir gedacht,

Es sei das Glück uns heute noch so hold?

Ich wünschte nur, wir hätten erst das Gold

In mein Haus oder Euer Haus geschafft;

Denn uns gehört es ganz unzweifelhaft.

Wir könnten jubeln, wär’ es erst geschehen.

Jedoch bei hellem Tage wird’s nicht gehen.

Für Diebe würden wir sofort von Allen

Gehalten werden, und dem Strick verfallen.

Den Schatz so klug wie heimlich fortzubringen,

Kann nur allein uns in der Nacht gelingen.

Aus diesem Grunde schlag’ ich Euch jetzt vor,

Wir wollen Loose zieh’n, und wer verlor,

Der muß gutwillig nach der Stadt sofort

In größter Eile laufen, um von dort

Mit Brod und Wein zu uns zurückzuwandern

Heimlich und rasch, indeß die beiden Andern

Den Schatz getreu bewachen. Und bei Nacht

Wird er von uns an einen Ort gebracht,

Den als den besten wir vorher bereden.«

Zur Hand nahm er die Loose und bat Jeden

Zu seh’n, auf wem das kürzte würde fallen;

Und, sieh’! – es traf den Jüngsten unter Allen,

Der dann zur Stadt in großer Eile ging.

Sobald er seinen Rücken wandte, fing

Der Eine zu dem Andern an zu sprechen:

»Willst du geschwor’ne Brüderschaft nicht brechen,

Erfährst Du deinen Vortheil gleich von mir.

Sieh! unser Mitgesell ist fort – und hier

Ist Gold in Fülle und in Ueberfluß,

Das in drei gleiche Theile gehen muß.

Indessen sollte mir der Plan gelingen,

Nur zwischen uns zur Theilung es zu bringen,

Das wäre doch ein Freundschaftsstück für Dich?«

»Wie soll das angeh’n?« – rief der zweite – »sprich!

Er weiß genau, wie viel uns übertragen;

Was bleibt zu thun? was sollen wir ihm sagen?«

Der erste rief: »Willst Du Dir rathen lassen,

So könnt’ ich’s schon in kurze Worte fassen,

Wie dies am besten auszuführen wäre.«

Der zweite sprach: »Auf Glauben und auf Ehre!

Ich werde niemals ein Verräther sein!«

»Nun« – sprach der erste – »wir sind hier zu zwei’n,

Und zweie können einen leicht bezwingen!

Setzt er sich nieder, hast Du aufzuspringen,

Als wolltest Du im Scherze mit ihm streiten;

Und ich durchsteche rasch ihm beide Seiten,

Wenn ihr im Spiele miteinander ringt, und Du

Stößt mit dem Messer ebenmäßig zu.

Ist das gescheh’n, mein theurer Freund! so fällt

Zu gleichem Theil an mich und Dich das Geld.

Dann fröhnen wir der Lust, soviel wir wollen,

Und lassen munter unsre Würfel rollen!«

So waren einig beide bald geworden,

Den dritten – wie ihr hörtet – zu ermorden.

Zur Stadt indessen ging der Jüngste hin.

Doch nimmer wollten ihm aus seinem Sinn

Die schönen, neuen, blanken Gulden weichen,

»O, Herr!« – sprach er – »vermöcht’ ich zu erreichen,

Allein nur zu besitzen alles Geld,

Wär’ sicherlich auf Gottes weiter Welt

Kein Mensch so selig und beglückt wie ich.«

Der Teufel aber in sein Herz sich schlich

Und rieth ihm, Gift zu kaufen ohne Säumen,

Um die Genossen aus dem Weg zu räumen.

Dem Bösen freilich konnt’ es leicht gelingen

Bei solchem Hang in Schaden ihn zu bringen.

So war zum Morde seiner zwei Genossen

Er ohne Reue daher fest entschlossen.

Und ohne Zögern lief er dann sofort

Zu einem Apotheker in dem Ort,

Und etwas Gift bat er ihm zu verkaufen.

Er sei von vielen Ratten überlaufen,

Gefressen sei schon mehr als ein Kapaun

Von einem Iltis, der durch seinen Zaun

Gekrochen sei; und dieser Thiere wegen

Gedächte Gift er in der Nacht zu legen

Der Apotheker sprach: »Ich will Dir geben

– So wahr mir Gott mag gnädig sein im Leben! –

Ein Gift, durch welches jede Kreatur

– Frißt oder säuft sie von der Mischung nur

Soviel, als wie ein Weizenkörnchen wiegt –

Ganz unbedingt dem Tode unterliegt;

Ja, sterben muß und schon verendet ist,

Eh’ eine Meile Du gegangen bist.

So stark und heftig wirkt es auf der Stelle.«

Mit seiner Hand ergriff der Schandgeselle

Die Dose mit dem Gifte, und lief dann

Zur nächsten Gasse hin zu einem Mann,

Um sich drei große Krüge dort zu leih’n.

In zwei von ihnen goß er Gift hinein,

Doch rein ließ er den dritten mit Bedacht,

Um selbst zu trinken, wenn er in der Nacht

Das schwere Gold vom Platze heimwärts trüge.

Und als den Wein in die drei großen Krüge

Der jämmerliche Raufbold dann gegossen,

Ging er zurück zu seinen Spießgenossen.

Doch was bedarf es vieler Worte mehr?

Wie seinen Tod beschlossen sie vorher,

So ward er auch erschlagen auf dem Fleck.

Als dies vollbracht war, sprach der eine keck:

»Erst laßt uns trinken, laßt uns lustig sein!

Dann scharren später wir den Leichnam ein.«

Und mit dem Wort ergriff durch Zufall’s Walten

Er einen Krug, in welchem Gift enthalten.

Er trank daraus; – so that sein Mitgeselle,

Und sterben mußten beide auf der Stelle. –

Ich glaube, selbst bei Avicen trifft man

Im ganzen Kanon keinen Abschnitt an.

Mit solcher wunderbaren Giftgeschichte,

Wie dieser Tod der beiden Bösewichte.

So kamen die zwei Mörder um das Leben

Mitsammt dem Schurken, der das Gift gegeben.

O, aller Thaten höchste Frevelthat!

O, Meuchelmord! heimtückischer Verrath!

O, Schlemmerei und Ueppigkeit und Spiel!

Ach, Menschenkind! Du lästerst Christ so viel,

Du prahlst, Du wucherst, fluchst und schwörst so gern,

Sag’ an, wie kannst Du gegen Deinen Herrn,

Der Dich erschaffen hat und für Dein Leben

Sein theures Herzblut hat dahingegeben,

So äußerst falsch und undankbar nur sein?

Nun, Eure Sünde möge Gott verzeih’n,

Ihr liebe Herr’n! – Doch scheut des Geizes Laster!

Mein Ablaß ist das beste Sündenpflaster,

Bringt ihr zum Opfer Nobel mir und Groschen

Und Silberlöffel, Ringe oder Broschen. –

Vor meiner heil’gen Bulle senkt das Haupt!

Ihr Weiber kommt! gebt Wolle her, und glaubt,

Trag’, ich in meine Rolle hier Euch ein,

So werdet selig Ihr im Himmel sein!

Euch wasch’ ich dann, bringt Ihr mir Opfer dar,

Wie neugebor’ne Kinder rein und klar

Von aller Schuld! – Seht, das ist, was ich pred’ge!

Verzeihen möge Jesus Christ, der gnäd’ge

Arzt unsrer Seelen, Euch die Sündenlast!

Das ist das Beste! – Mir ist Trug verhaßt. –

Doch, Herr’n! ein Wort vergaß ich einzuschalten:

Reliquien sind in meinem Sack enthalten,

Und Ablaßzettel von des Papstes Hand,

Wie sie kein Mensch hat in ganz Engeland.

Wenn einer unter Euch aus Devotion

Mir opfern will und sich Absolution

Von mir erholen, mag er niederknien,

Und seine Schuld sei ihm von mir verzieh’n.

Sonst nehmet Ablaßbriefe für die Fahrt

In jeder Stadt von Frischem Euch, und spart

Beim Opfern nicht. – Nein, gebt stets mehr und mehr

An echten Nobeln, vollen Groschen her!

Ein großes Glück für Jeden, der hier reitet,

Ist, daß ein Ablaßkrämer Euch begleitet,

Der auf der Fahrt Euch absolviren kann.

Durch Zufall kommt oft Mancher übel an.

Der eine oder andre fällt vom Pferde

Und bricht sich seinen Nacken an der Erde.

Seht! welche Sicherheit gewährt Euch allen,

Daß in Gesellschaft ich mit Euch gefallen!

Denn, eh’ die Seele aus dem Leibe flieht,

Seid absolvirt ihr sonder Unterschied.

Zuerst beginnt – so denk’ ich – unser Wirth,

Der auf den schlimmsten Sündenpfaden irrt!

»Komm’ her, Herr Wirth! Erst gieb Dein Opfer mir,

Dann küsse jede der Reliquien hier

Für einen Groschen! – Thu’ den Beutel auf!«

»Nein, nein!« – rief er – »das ist ein schlechter Kauf!

Mich möge Christ verfluchen, wenn ich’s thu!

Zum Küssen hieltest als Reliquie Du

Vielleicht mir Deine alten Hosen hin,

Obschon die Farben Deines St…… d’rin.

Beim heil’gen Kreuz, das St. Helene fand,

Hätt’ ich, anstatt Reliquien, in der Hand

Jetzt Deine zwei T…… – Ei! Dir würde

Durch einen Schnitt genommen Deine Bürde

Und eingeschreint in Schweinedreck sofort!«

Der Ablaßkrämer sprach kein Sterbenswort;

So schnürte Wuth ihm seine Kehle zu.

»Mit zorn’gen Leuten« – sprach der Wirth – »wie Du

Treib’ ich am besten länger nicht mein Spiel!«

Doch ihm ins Wort der würd’ge Ritter fiel

– Denn lachen sah er ringsumher die Leute –

»Nichts mehr davon! – Es ist genug für heute!

Herr Ablaßkrämer! sei vergnügt und fröhlich!

Und Dir, mein vielgeliebter Wirth, befehl’ ich:

Du küssest auf der Stelle diesen Mann.

Nun, Ablaßkrämer, bitte, tritt heran!

Kommt! scherzen, lachen wir nach alter Weise.« –

Sie küßten sich – und weiter ging die Reise.

Die Erzählung der zweiten Nonne.

Vers 15469–16021.

Der Laster Pflegerin und Dienerin,

Die »Trägheit« wir in schlichter Sprache heißen,

Vom Thor der Sinnenlust die Pförtnerin,

Zu fliehen und die Macht ihr zu entreißen,

Lernt Euch des graden Widerspiels befleißen;

Das heißt: seid thätig stets in allen Dingen,

Sonst fall’t durch Trägheit Ihr in Satans Schlingen.

Er, der beständig auf der Lauer steht,

Mit tausend schlauen Stricken uns zu fangen,

Wird, wenn er uns im Müssiggang erspäht,

Mit leichter Müh’ auch an sein Ziel gelangen;

Und eh’ die Augen uns sind aufgegangen,

Hält er uns längst mit seiner Hand am Kragen.

Drum wirkt, und lernt dem Müssiggang entsagen.

Und wären wir von Todesfurcht auch frei,

So müßte dennoch uns Vernunft belehren

Daß Müssiggang des Lasters Anfang sei,

Und nicht das Mittel, unser Gut zu mehren.

Durch Arbeit Andrer sucht er sich zu nähren,

Und führt uns, wie am Gängelband, dabei

Zum Schlaf, zur Trunksucht und zur Völlerei.

Damit ich wieder mich vom Müssiggang,

Der soviel Unheil bringt, zur Arbeit wende,

Hab’ ich – soweit es meinem Fleiß gelang –

Euch übersetzt die folgende Legende

Vom ruhmgekrönten Leben, Leid und Ende

Der reinen Jungfrau mit der Ros’ und Lilie;

Ich meine Dich, Du Märtyrin Cäcilie.

Du aller Jungfrau’n blüthenreichste Zier,

Von der St. Bernhard hat so schön gesungen,

Laß mich beginnen mit Gebet zu Dir!

Du Trost der Schwachen, sprich, wie hat bezwungen

Den Bösen und ihr Seelenheil errungen

Durch ihren Tod als Jungfrau Deine Magd,

Von welcher die Legende uns besagt?

Du, Deines Sohnes Tochter! Mutter, Maid!

Du Gnadenbronn, der Sünder macht genesen,

Du Trägerin von Gottes Herrlichkeit,

Du Niedrige, zur Hoheit auserlesen

Vor aller Welt, Du hast der Menschen Wesen

So sehr geadelt, daß in Fleisch und Blut

Den Sohn zu kleiden, Gott, der Herr, geruht.

Dein Segensschoß gab menschliche Gestalt

Der ew’gen Liebe, wie dem ew’gen Frieden,

Dem Lenker der dreieinigen Gewalt.

Ihn preist der Himmel; ihm lobsingt hienieden

Das Land und Meer. Dir aber ward beschieden,

Als makellose Maid in Zucht und Ehren

Den Schöpfer aller Wesen zu gebären.

In Dir vereint Erhabenheit und Macht

Mit Gnade sich, mit Güte, mit Erbarmen.

Du hilfst nicht nur, o, Sonne voller Pracht,

Wenn wir Dich bitten; nein, Du nimmst der Armen

Auch ungefragt in Deiner liebewarmen

Barmherzigkeit Dich oft und willig an;

Du treuer Arzt der Seelen gehst voran!

Hilf auch mir Schwachen, sanfte Segensmagd,

So lang’ ich an dies Jammerthal gebunden.

Hat doch das Weib von Canana gesagt,

Man gönne ja die Krumen gern den Hunden,

Die unterm Tisch des Herren sie gefunden.

Bin ich als Evas Sohn und sünd’ger Mann

Auch Dein nicht werth, nimm meinen Glauben an!

Todt ist der Glaube, der nicht wirkt und schafft.

Drum schenke mir Verstand und Raum zu Thaten!

Gieb holde, gnadenreiche Maid mir Kraft,

Und laß mich nicht ins dunkle Reich gerathen!

Nein, mach’ Dich dort zu meinem Advocaten,

Wo endlos Dir gesungen wird Hosianna!

Du Mutter Christi, theures Kind der Anna!

Ins Dunkel meiner Seele gieße Licht,

Daß sie des Leibes Nähe nicht entehre!

Es drückt auf mich mit doppeltem Gewicht

Der Erdenlust und kranker Neigung Schwere.

O, Zufluchtshafen, Retterin gewähre

Gleich Allen, welche Leid und Kummer drücken,

Auch mir die Kraft, mich an mein Werk zu schicken!

Mir aber, bitt’ ich, legt es nicht zur Last,

Wenn Ihr dies leset, was ich aufgeschrieben,

Daß schmuck- und kunstlos ist mein Werk verfaßt.

Ich bin beim Sinn und bei dem Wort geblieben

Von dem, der, durch Verehrung angetrieben,

Uns ihren heil’gen Lebenslauf erzählte;

Darum verbessert, wo ich etwa fehlte.

Zuvörderst sei der Name St. Cäcilie

Von mir Euch der Legende nach erklärt.

Ihn übersetzen kann man: »Himmelslilie«,

Weil sie das Weiß der Keuschheit unversehrt

Erhalten hat und ehrlich sich bewährt.

Vielleicht gab guter Ruf und Herzensgüte

Den Namen ihr vom Duft und Grün der Blüthe.

Cäcilie kann auch heißen: »Weg für Blinde«,

Da stets ihr Beispiel lehrreich war. Doch scheint

– Wie ich nicht minder aufgeschrieben finde –

Daß dieser Name sinnbildlich vereint

Den »Himmel« mit der »Lia«; denn es meint

Der Himmel: »heil’ge Hoheit der Gedanken«,

Und Lia: »Thun und Wirken sonder Wanken.«

Vielleicht bedeutet – kann man ferner sagen –

Cäcilie: »Blindheitsmangel«; denn sie war

Ein helles Licht an Weisheit und Betragen.

Wenn nicht von »Himmel« und von »Leos« gar

Ihr Name kommt, da man mit Recht, fürwahr,

Als »Volkes Himmel« dieses wohlbewährte

Und weise Vorbild guter Thaten ehrte.

Denn »Leos« heißt: »das Volk«, und insofern

Die Menschen an dem Himmelszelt gewahren

Den hellen Schein von Sonne, Mond und Stern’

Erkannte man auch geistig aus dem klaren,

Verständ’gen Sinn und gläubigem Gebahren,

So wie aus manchen Werken dieser Maid

Die Seelengröße und Vortrefflichkeit.

Wie nach der Weisen Meinung sich geschwind

Die Himmel rund im Kreise flammend schwingen,

So warst auch Du, Cäcilia, keusches Kind

Geschwind und thätig stets in allen Dingen

Und rund und ganz an Dauer im Vollbringen,

Und da wie Feuer Deine Liebe flammte,

So ist erklärt, woher Dein Name stammte.

Die hehre Maid – so sagt ihr Lebenslauf –

War hohem, edlem Römerblut entsprungen;

Vom Glauben Christi war von Kindheit auf

Des Evangeliums Botschaft ihr erklungen.

Von Furcht und Liebe zu dem Herrn durchdrungen,

Bat sie – wie aus dem Buch ich dies erfahren –

Beständig Gott, ihr Mädchenthum zu wahren.

In reifern Jahren ward zur Frau versprochen

Sie einem Jüngling, Valerian genannt;

Indessen als der Tag herangebrochen

Zum Eintritt in den heil’gen Ehestand,

Trug unter ihrem gold’nen Prachtgewand

Die herzensfromme, demuthsvolle Braut

Ein hären Hemd auf ihrer bloßen Haut.

Und als die Orgel in der Kirche schallte,

Sang sie im Herzen so zu Gott allein:

»Den Leib, o Herr, mir unbefleckt erhalte,

Laß meine Seele nicht verloren sein!«

Und ihn zu ehren, welcher Kreuzespein

Für uns erlitt, hielt sie die strengsten Fasten,

Und wollte nimmer im Gebete rasten.

Es kam die Nacht. Mit dem Vermählten hatte

Nach alter Sitte sie zu Bett zu geh’n.

Doch heimlich sprach sie: »Lieber, theurer Gatte

Ich hab’ Dir ein Gheimniß zu gesteh’n,

Und willst Du’s hören, soll es gleich gescheh’n,

Doch unter der Bedingung, daß Du schwörst,

Nie zu verrathen, was von mir Du hörst.«

Und rasch beschworen ward von Valerian,

In keinem Falle je zu offenbaren,

Was ihm auch immer von ihr kund gethan.

Und dann erst sprach sie: »Von den Himmelsschaaren

Liebt mich ein Engel, welcher vor Gefahren

Mit größter Sorgfalt stets bei Tag und Nacht

Mich liebend schützt und meinen Leib bewacht.

Und fühlt er, daß mit sündigem Verlangen

Du jemals fleischlich meinen Leib berührt,

Wirst Du als Jüngling schon den Tod empfangen

Von seiner Hand als Lohn, der Dir gebührt.

Doch wenn Dich reine Liebe lenkt und führt,

Wird seine Liebe Dir, wie mir, zu eigen,

Und er wird sich im Himmelsglanz Dir zeigen.«

Und Valerian, dem Gott in das Gewissen

Geredet hatte, sprach: »Soll ich Dir trau’n,

Muß ich vom Dasein dieses Engels wissen,

Und läßt Du mich von Angesicht ihn schau’n,

Will ich Dir folgen; darauf magst Du bau’n.

Doch bist Du einem andern Mann ergeben,

Verliert Ihr beide durch mein Schwert das Leben.«

Cäcilie gab zur Antwort: »Dein Verlangen

Sei Dir erfüllt. Du sollst den Engel seh’n,

Nachdem die Taufe Du als Christ empfangen.

Drei Meilen mußt aus dieser Stadt Du geh’n,

Zur Via Appia, wo die Häuser steh’n

Der armen Leute, und erzähle dort,

Was ich Dir sagen werde, Wort für Wort.

Zu ihnen rede: Ich, Cäcilie, sende

Zum guten, alten Urban heimlich Dich

In Seelennoth zum besten Zweck und Ende.

Und zu dem heiligen Urbanus sprich,

Wenn Du ihn siehst, was Du erfuhrst durch mich.

Hat er Verzeihung Deiner Schuld gewährt,

Siehst Du den Engel, eh’ Du heimgekehrt.

Und schleunig eilte, wie sie ihm geboten,

Zum angewies’nen Platze Valerian,

Und fand dort in der Grabstatt heil’ger Todten

Auf seinen Knie’n den alten St. Urban;

Und als ihm seine Botschaft kund gethan,

Und er mit seinen Worten war zu Ende,

Hob froh Urbanus himmelan die Hände,

Und Thränen ließ er aus den Augen fallen.

›Allmächt’ger Gott und Christ!‹ – rief er bewegt –

Du Säer keuschen Rathes, Hirt von Allen,

Die Früchte, die der Keuschheit Samen trägt,

Den Du Cäcilien hast ins Herz gelegt,

Nimm hin! denn sieh’! so emsig wie die Bienen

Weiß ohne Falsch Dir Deine Magd zu dienen!«

»Der Gatte, dem sie kürzlich ward verbunden,

Der stolze Löwe, kommt, von ihr gesandt,

So fromm zu mir, wie nur ein Lamm erfunden!«

So rief er aus – und mit den Worten stand

Vor Valerian im weißen Lichtgewand

Ein alter Mann, der in der Hand ein Buch

Mit reichverzierten, gold’nen Lettern trug.

Und Valerian schlug wie ein todter Mann

Vor Schrecken um. Empor aus seinem Falle

Hob ihn der Greis und fing zu lesen an:

»Ein Herr, ein Gott, ein Glaube für uns Alle!

Ein Christenthum, und überm Weltenalle

Für alle Menschen eine Vaterhand!«

Wie es im Buch mit gold’nen Lettern stand.

Nachdem er dies gelesen, frug der Alte:

»Und glaubst Du dies? Ja oder Nein? – Sag’ an!« –

»Ich glaube dies!« – sprach Valerian – »und halte

Es für die größte Wahrheit, die ein Mann

Hier unterm Himmel nur erfassen kann!« –

Verschwunden war der Greis – und Valerian

Empfing die Taufe durch den Papst Urban.

Er kehrte heim, und sah, wie mit Cäcilien

In seinem Wohngemach ein Engel stand.

Und sieh’, es trug von Rosen und von Lilien

Zwei Kronen dieser Engel in der Hand.

Und an Cäcilie – wenn ich’s recht verstand –

Gab er die eine, und die andre Krone

Empfing ihr Gatte Valerian zum Lohne.

»Mit reinem Leib und unbefleckten Sinnen

Behütet diese Kronen stets!« – sprach er. –

»Ich trug sie aus dem Paradies von hinnen,

Und sie verwelken nun und nimmermehr,

Und duften immer lieblich wie zeither.

Doch mit den Augen nur die Kronen sieht,

Wer keusch verbleibt und jede Sünde flieht.«

»Mein Valerian, weil Du Dich rasch bekehren

Zum Guten ließest, sprich, was Dir gefällt,

Und was Du forderst, will ich Dir gewähren!«

Er sprach: »Ein Bruder ist mir zugesellt,

Der mir der liebste Mensch ist auf der Welt;

Ich bitte Dich, ihm Deine Gunst zu schenken

Und ihn, wie mich, zur Wahrheit hinzulenken!«

Der Engel sprach: »Gott liebt, was Du erbeten.

Er reicht Euch beiden Märtyrpalmen dar,

Und in sein Reich der Ruhe sollt Ihr treten.«

Und es erschien, als er zu Ende war,

Tiburz, sein Bruder, welcher wunderbar

Ergriffen ward im innersten Gemüthe

Vom Duft der Lilien- und der Rosenblüthe.

»Mich wundert« – rief er – »daß zu dieser Zeit

Des Jahrs die Rosen und die Lilien spenden

Noch Wohlgeruch von solcher Lieblichkeit.

Ja, hielt ich selbst die Blumen in den Händen,

Es dränge mir der Duft, den sie entsenden,

Wohl schwerlich süßer in das Herz hinein.

Ich scheine wie verwandelt mir zu sein!«

»Zwei glänzend helle Kronen uns umwinden,

Schneeweiß und rosenroth,« – sprach Valerian. –

»Durch mein Gebet kannst Du den Duft empfinden,

Obschon sie Deine Blicke nimmer sah’n.

Doch werden Dir die Augen aufgethan,

Sofern Du ohne Säumen Dich bekehrst

Zum rechten Glauben und die Wahrheit ehrst!«

»Wie?« – frug Tiburz – »sprichst Du im Ernst zu mir?

Ist mir ein Traum zu Ohren nur gekommen?«

»In Träumen, lieber Bruder, lebten wir,«

– Sprach Valerian – »jetzt hat zu unserm Frommen

Die Wahrheit Sitz in unsrer Brust genommen.«

»Wie hast Du dieses« – rief Tiburz – »erfahren?«

»Das will ich Dir« – sprach Jener – »offenbaren!«

»Ein Engel Gottes zeigte mir die Wahrheit,

Und leistest Du dem Götzendienst Verzicht,

Führt er auch Dich zur Reinheit und zur Klarheit.«

– Und von dem Wunder dieser Kronen spricht

Ambrosius in seinem Vorbericht;

Und also redet zu des Wunders Preise

Der edle Doctor in erhab’ner Weise:

Die Palme seines Märtyrthums zu tragen,

Gab Gott der heiligen Cäcilie Kraft,

Der Welt und ihrem Brautbett zu entsagen.

Denn in der Beichte gab unzweifelhaft

Tiburz und sie darüber Zeugenschaft,

Und Gott ließ güterreich mit duft’gen Kronen

Durch seinen Engel diese zwei belohnen.

So führte beide Männer diese Maid

Zum ew’gen Heil. Und dieses möge lehren

Der Welt den Werth der keuschen Frömmigkeit. –

Schlicht wußte dann Cäcilie zu erklären,

Daß alle Götzen eitle Dinge wären,

Nur taub und stumm, und darum von Idolen

Sich fern zu halten, habe Gott befohlen.

»Wer das nicht glaubt, ist schlimmer als ein Vieh!«

– So rief Tiburz – »ich sag’ es unumwunden!«

Und seine Brust vor Freuden küßte sie,

Beglückt, daß er die Wahrheit ausgefunden.

»Seit diesem Tage bist Du mir verbunden!«

Rief diese schöne segensreiche Maid,

Und also sprach sie zu ihm fernerweit:

»Wie durch die Liebe Christi« – hub sie an –

»Ich Deines Bruders Weib bin, soll bestehen

Ein Bund auch zwischen Dir und mir fortan.

Du hast gelernt, die Götzen zu verschmähen;

Mit Valerian magst Du zur Taufe gehen,

Und bist Du rein, so wirst Du auch hernach

Den Engel seh’n, von dem Dein Bruder sprach.«

»Mein lieber Bruder« – frug Tiburtius weiter –

»Wohin, zu wem, heißt Du mich geh’n? Sag’ an!«

»Zu wem?« – sprach er – »komm’, folge mir nur heiter,

Ich führe Dich zum heil’gen Papst Urban!«

»Zum Papst Urbanus, Bruder Valerian?!

Wie!« – rief Tiburz – »willst Du zu ihm mich bringen?

Das scheint mir äußerst wunderbar zu klingen.«

»Meinst Du Urbanus, welcher vom Gerichte

So manches Mal verurtheilt ward zum Tod,

Der in Verstecken haust und kaum dem Lichte

Sein Haupt zu zeigen wagt in seiner Noth,

Dem stets der Scheiterhaufen flammend droht?

Wenn man mit ihm uns in Gesellschaft fände,

Wir kämen sicher zu dem gleichen Ende.«

»Und während wir, die Gottheit zu erkennen,

Die in dem Himmel sich verbirgt, uns müh’n,

Wird man uns hier auf dieser Welt verbrennen.«

Doch in das Wort fiel ihm Cäcilie kühn:

»Man würde, sich dem Tode zu entzieh’n,

Mein lieber Bruder, ganz mit Recht bestreben,

Gäb’ es nach diesem nicht ein andres Leben.«

»Ein bess’res Leben ist an anderm Orte,

Und fürchte nicht, daß jemals Dir entgeht,

Was Gottes Sohn versprach durch seine Worte,

Des Vaters Sohn, der Alles, was besteht

Geschickt und sinnreich schuf. Denn es durchweht

Der Geist, der von dem Vater ausgegangen,

Auch unsre Seelen. – Dir braucht nicht zu bangen.«

»Durch Wort und Werke hat uns kund gegeben

Der Gottessohn, als er auf Erden war,

Des Menschen Heimat sei im andern Leben!«

»O, theure Schwester« – rief Tiburz – »fürwahr,

Noch eben sagtest Du ganz schlicht und klar,

In Wahrheit sei ein Herr und Gott allein,

Und nun giebst Du mir Zeugenschaft von Drei’n?«

»Auch damit« – sprach sie – »mach’ ich Dich bekannt.

Sowie drei Kräfte sich im Mann vereinen,

Vorstellungstrieb, Gedächtniß und Verstand,

So müssen drei Personen auch erscheinen

Mit gleichem Recht im göttlichen Verband.«

Und hinterher begann sie, ihm die Lehren

Und Leiden Christi emsig zu erklären.

Wie Gottes Sohn so mancherlei erlitten,

Dieweil auf Erden er als Gast geweilt,

Wie er Erlösung für die Welt erstritten,

Und Sündennoth und Sorgenlast geheilt,

Ward an Tiburtius von ihr mitgetheilt.

Und dann ging er mit glaubensfrohem Sinn

Zum Papst Urban mit seinem Bruder hin.

Der dankte Gott von Herzen froh und heiter,

Tauft ihn sofort und macht ihn dann bekannt

Mit allen Lehren als des Herren Streiter;

Worauf Tiburz so hohe Gnade fand,

Daß ihm kein Tag im Lauf der Zeit entschwand,

An dem er Gottes Engel nicht gesehen;

Und gern und schnell erhörte Gott sein Flehen.

Schwer hielt’ es, nach der Reihe vorzutragen,

Wie viele Wunder Jesus für sie that.

Doch endlich schleppten – um es kurz zu sagen –

Die Schergen Rom’s auf das Präfectorat

Sie vor Almachius der als Magistrat

Sie dann vernahm und bald den Fall durchblickte

Und zu dem Bilde Jupiters sie schickte.

Und er begann: »Mein Urtheilsspruch ist dieser:

Euch trifft der Tod, bringt Ihr nicht Opfer dar!«

Die Märtyrer indessen überwies er

An Maximus, der ein Cornicular

Und Offizier von dem Präfecten war,

Den, als die Heil’gen er von dannen führte,

Um sie das Mitleid bis zu Thränen rührte.

Und Halt gebot den Quälern, als vernommen

Er ihren Glauben, Maximus, und nahm

Die Heil’gen in sein Haus, wo sie in frommen

Gesprächen weilten, bis der Abend kam.

Und Maximus ergriff die tiefste Scham

Mitsammt den Henkern, und der falschen Lehre

Entsagten sie und gaben Gott die Ehre.

Cäcilie kam mit Priestern in der Nacht,

Daß Allen sie die heil’ge Taufe gäben;

Und hinterher, sobald der Tag erwacht,

Begann sie fest die Stimme zu erheben:

»Wollt Ihr als echte Ritter Christi leben,

Entsagt dem Werk der Finsterniß fortan,

Und schnallt die Rüstung ew’ger Klarheit an.«

»Ja, eine große Schlacht habt Ihr geschlagen!

Jetzt ist’s vollbracht! Ihr habt Euch treu bewährt!

Ihr werdet drum des Lebens Krone tragen,

Die ein gerechter Richter Euch bescheert.

Er giebt sie Euch; Ihr seid derselben werth!«

Dann führte, als gesprochen war dies Wort,

Man sie sogleich zum Opferplatze fort.

Indeß – um kurz die Sache zu beenden –

Sie wollten, angelangt an jenem Ort,

Nicht Weihrauch streu’n, noch Opfergaben spenden.

Nein, voll Ergebung knieten Beide dort

In Demuth nieder; worauf sie sofort

Enthauptet wurden. Doch zum Himmelreich

Entschwebten Beider Seelen auch zugleich.

Und Maximus stand tief gerührt daneben

Und sprach, vor Jammer weinend und vor Schmerz:

»Mit Engeln voller Licht und Klarheit schweben,

Sah ich die Seelen Beider himmelwärts.«

Und dieses Wort bekehrte manches Herz.

Doch ließ Almachius mit Eisenruthen

Ihn dafür zücht’gen und zu Tode bluten.

Begraben ließ Cäcilie die Gebeine

Mit Valerian und mit Tiburz sodann

In einer Gruft und unter einem Steine.

Inzwischen trieb die Häscher, Mann für Mann,

Zur Jagd Almachius auf Cäcilie an,

Damit sie gleich vor seinem Angesichte

Den Opferdienst an Jupiter verrichte.

Es schenkten, durch ihr Wort sich rasch bekehrend,

Indessen jene vollen Glauben ihr,

Und schrieen unter Thränen immerwährend:

»Christ, Gottes Sohn, Du bleibest für und für

Der wahre Gott! – So denken Alle wir.

Dir dient die beste Magd. An Dir den Glauben

Soll selbst der Tod, der uns bedroht, nicht rauben.«

Almachius hörte, was sich zugetragen

Und lud Cäcilie vor, und wandte sich

Sodann zunächst an sie mit dem Befragen:

»Was bist Du für ein Frauenzimmer? – Sprich!«

Und sie begann: »Ein Edelweib bin ich!«

»Ich spreche« – rief er – »ob die Frage schon

Dich kränken mag, von Glauben und Rel’gion.«

»Nun, dann befrugst Du mich höchst thöricht eben.

Fürwahr, auf eine Frage« – sprach sie – »kann

Ich eine Antwort nur, nicht zweie geben.«

Ihr fiel ins Wort Almachius und begann:

»Von wannen kommt die Frechheit Dir? – Sag’ an!«

»Von wannen?« – sprach sie – »mir giebt Muth dazu

Des Glaubens Kraft und des Gewissens Ruh’!«

»Wie?« – frug Almachius – »fühlst Du keinen Schrecken

Vor meiner Macht?« – Sie aber sprach: »Nicht leicht

Wird Deine Stärke Furcht in mir erwecken,

Da Menschenmacht, soweit sie immer reicht,

Nur einer windgefüllten Blase gleicht,

Die, wenn der Nadel Spitze sie durchsticht,

Den Halt verliert und rasch zusammenbricht.«

»Mit Unrecht« – sprach er – »hast Du angefangen,

Und störrisch hältst Du an dem Unrecht fest.

Denn solltest Du nicht wissen, daß ergangen

Von unsern Fürsten ist ein Manifest,

Das Euch die Strafen, die Euch droh’n, erläßt

Und ungestörten Frieden Euch gewährt,

Sofern Ihr Christum ferner nicht verehrt?«

»Es irren Eure Fürsten und der Adel«

– Cäcilie sprach – »und übel angewandt

Wird das Gesetz! – Ihr wißt, uns trifft kein Tadel,

Denn unsere Unschuld ist Euch wohlbekannt.

Nach Christi Namen werden wir genannt;

Und daß von ihm wir mit Verehrung sprechen,

Das macht Ihr uns zum Schimpf und zum Verbrechen.«

»Wir kennen ihn als tugendhaft und rein;

Wie sollten wir ihn zu verläugnen wagen?«

Almachius rief: »Entscheide zwischen zwei’n

Kein andrer Weg bleibt für Dich einzuschlagen,

Als opfern, oder Christum zu entsagen!«

Indessen lächelnd gab darauf Bescheid

Die heil’ge, schöne, segensvolle Maid:

»O, Richter, fein verdrehst Du Deine Sachen!

Soll ich entsagen meiner Seligkeit?

Wie, willst Du zur Verbrecherin mich machen?

O, seht ihn an, wie vor Verlegenheit

Er im Gerichte heuchelt, wüthet, schreit!«

»Elende!« – rief Almachius aufgebracht –

»Du kennst noch nicht den Umfang meiner Macht!«

»Ward von den mächt’gen Fürsten mir gegeben

Die Vollmacht nicht und die Autorität,

Um zu entscheiden zwischen Tod und Leben?

Was redest Du so stolz und aufgebläht?«

Sie sprach: »Ich rede standfest nur; mir steht

Durchaus nicht an, mich stolz vor Dir zu brüsten,

Als Laster hassen allen Stolz wir Christen.«

»Doch wenn zu hören Dir der Muth nicht fehlt,

Will ich Dir nicht die Wahrheit vorenthalten.

Du sprichst: die Fürsten hätten Dich erwählt

Und ausgestattet mit den Amtsgewalten,

Um über Tod und Leben frei zu schalten.

Du kannst allein nur in den Tod uns senden,

Doch andre Vollmacht hast Du nicht in Händen.«

»Du magst zwar sagen, daß vom Halsgericht

Die Fürsten zum Verwalter Dich bestellten,

Indessen mehr Gewalt besitzt Du nicht.«

Almachius rief: »Hör’ auf mit Deinem Schelten!

Zum Opfer geh’! Ich werde nicht entgelten

An Dir Dein Unrecht. Denn ertragen kann

Ich dieses leicht als Philosoph und Mann.«

»Doch, daß den Göttern Schmähung wiederfuhr

Aus Deinem Munde, darf ich nicht ertragen!«

Cäcilie sprach: »Spitzfind’ge Creatur!

Ich sah aus jedem Worte Deiner Fragen

Seit lange schon Dein albernes Betragen.

In jeder Art bist Du erkannt von mir

Als eitler Richter, grober Officier!«

»Nichts fehlt zum Sehen Deinem Augenpaar,

Als nur das Licht. Denn, was wir Alle kennen

Als einen Stein ganz zweifellos und klar,

Will Dir belieben, einen Gott zu nennen.

Berühr’ ihn nur, und Du mußt fühlen können

Mit Deiner Hand, daß es ein Stein nur ist,

Obschon Du blind auf beiden Augen bist.«

»O, Scham! daß Du den Leuten dienen mußt

Durch Deine Thorheit zum Gespött und Hohne!

Denn allgemein ist Jeder sich bewußt,

Daß hoch im Himmel Gott allmächtig throne.

Und diese Bilder mußt Du zweifelsohne

Für sich und Dich ganz nutzlos doch erkennen,

Nicht einen Heller sind sie werth zu nennen!«

Dies sagte sie und manches andre Wort.

Doch wüthend hieß er sie nach Hause führen,

Und um sie zu verbrennen, alsofort

Ein Feuer unter ihrem Bade schüren.

Man eilte, die Befehle auszuführen.

Sie wurde schleunigst in ein Bad gebracht,

Worunter Feuer brannte Tag und Nacht.

Die lange Nacht, sowie am nächsten Tage

– War auch das Bad und Feuer noch so heiß –

Blieb sie stets kalt und fühlte keine Plage,

Und sie vergoß nicht einen Tropfen Schweiß,

Wiewohl auf des Almachius Geheiß,

Der tückisch seine Schergen abgesandt,

Sie ihren Tod im Bade dennoch fand.

Geführt nach ihrem Nacken wurden drei

Verschied’ne Streiche von dem Henkersknechte;

Und dennoch brach der Wirbel nicht entzwei.

Nun aber galt in jener Zeit zu Rechte,

Wer einen Menschen nicht ums Leben brächte,

Nachdem er dreimal auf ihn zugeschlagen,

Der dürfe nicht zum vierten Mal es wagen.

Halb todt ließ die im Nacken schwer Verletzte

Daher der Henker liegen, und verschwand.

Doch manches Tuch mit ihrem Blute netzte

Die Schaar der Christen, welche sie umstand.

Und trotz der Qualen fuhr sie unverwandt

Drei Tage fort, die theuren Glaubenslehren

Zu predigen und ihnen zu erklären.

Sie schenkte ihnen ihr gesammtes Erbe,

Und wies sie auf den Papst Urbanus an,

Und sprach: »O, Himmelskönig, eh’ ich sterbe

Gewähre mir drei Tage noch fortan,

Daß für ihr Seelenheil ich beten kann,

Und eine Kirche Dir auf ew’ge Zeiten

Vermag aus meinem Hause zu bereiten.«

Mit seinen Diaconen holte leise

Zur Nacht der heil’ge Urban ihr Gebein,

Und senkt’ es dann in feierlicher Weise

Zu andern Heil’gen auf dem Friedhof ein.

Zur »St. Cäcilienkirche« ließ er weih’n

Ihr Haus; und dort verehren noch bis heute

Christ und die Heil’ge andachtsvoll die Leute.

Der Prolog des Dienstmannes vom Kanonikus.

Vers 16022–16187.

Fünf Meilen waren wir geritten eben,

Als bei dem Schluß von St. Cäciliens Leben

Ein Reitersmann bei Boughton an der Heide

Uns überholte. – Unter einem Kleide

Von schwarzem Tuch trug er aus weißem Stoff

Ein Chorhemd. Zum Erstaunen aber troff

Der Schweiß von seiner apfelgrauen Mähre,

Als ob drei Meilen gloppirt er wäre.

Und auch der Klepper, den sein Diener ritt,

War voller Schweiß und konnte kaum mehr mit.

Hoch war die Brust mit weißem Schaum bedeckt;

Gleich einer Elster schien der Gaul gefleckt.

Ein Sack hing überm Widerriß ihm quer,

Sonst führt’ er scheinbar an Gepäck nichts mehr;

Nur Sommerkleider trug der würd’ge Mann.

Ich fing im Stillen mich zu wundern an,

Was er wohl wäre, bis ich am Gewand

Die Schaube festgenäht am Kragen fand;

So kam nach langen Grübeln ich zum Schluß:

Der Mann wär’ irgend ein Kanonikus.

Tief in den Nacken hing sein Hut herab

An einer Schnur, da statt im Schritt und Trab

Er im Galopp wie toll geritten war.

Mit einem Klettenblatte war sein Haar

Bedeckt, um seinen Kopf nicht zu erhitzen.

Man sah mit wahrer Seelenlust ihn schwitzen;

Wie nämlich eine Regenrinne tropft,

Wenn Hauslauch oder Weg’rich sie verstopft,

Troff seine Stirn, als er, sich nahend, schrie:

»Gott segne diese lust’ge Kompagnie!

Scharf ritt ich zu« – sprach er – »um Euretwegen.

Euch einzuholen kommt mir sehr gelegen;

In fröhlicher Gesellschaft reit’ ich gern.«

Sein Dienstmann glich an Höflichkeit dem Herrn.

»Ich sah Euch« – sprach er – »morgens schon bei Zeiten,

Verehrte Herr’n, aus Eurem Gasthof reiten;

Und meinem Herrn und Meister rieth ich dann:

Schließt Euch der lustigen Gesellschaft an!

Denn Scherz und Kurzweil liebt er selber eben.«

»Freund, segne Gott den Rath, den Du gegeben!«

– Sprach unser Wirth. – »Gewiß, es will mir scheinen,

Dein Herr sei klug und stecke – sollt’ ich meinen

Und möchte wetten – voller Scherz dabei.

Kann er vielleicht erzählen ein bis zwei

Geschichten unserm Kreise zum Vergnügen?«

»Wer, Herr? – Mein Meister? – Ja, Herr, ohne Lügen,

Er steckt von Späßen und von Scherzen voll;

Und, Herr, wenn ich die Wahrheit sagen soll,

Ihr würdet Euch, wenn Ihr ihn so genau

Wie ich erst kenntet, wundern, wie höchst schlau

Er seine Kunst treibt auf verschied’ne Weise,

Und Großes unternimmt, das hier im Kreise

Wohl schwerlich ohne meines Meisters Lehre

Zu leisten Irgendwer im Stande wäre.

Mag noch so schlicht er hier zu Pferde sitzen,

Euch würde seine Freundschaft sicher nützen,

Ihr würdet Euch derselben nicht entschlagen

Für vieles Geld. Die Wette will ich wagen,

Und, was ich habe, setz’ ich gern zum Pfand!

Er ist ein Herr von gründlichem Verstand;

Ich sag’ es Euch: ein selten großer Mann.«

»Gut!« – sprach der Wirth – »indessen sag’ uns an,

Ist ein Gelehrter, oder was ist er?«

»Nein!« – rief der Dienstmann – »er ist wahrlich mehr

Als ein Gelehrter, lieber Wirth! und gern

Erzähl’ ich kurz die Künste meines Herrn.

Mein Meister ist so voll Geschicklichkeit

– Zwar bin ich nicht in Alles eingeweiht,

Obschon ich ihm behülflich bin zu Zeiten –

Daß er den Grund, auf welchem wir hier reiten,

So weit, bis wir in Canterbury sind,

Nicht um und um nur kehren, nein, geschwind

Sogar mit Gold und Silber pflastern kann.«

Als er so weit gekommen war, begann

Zu ihm der Wirth: »Ei, benedicite!

Dann nimmt mich Wunder, wie ich frei gesteh’,

Daß Euer Herr, der solcher Weisheit voll,

Daß ihn die Welt darob verehren soll,

So wenig Werth auf seine Würde legt,

Und solchen fadenschein’gen Mantel trägt.

Bei meinem Heil! Wollt Ihr die Wahrheit wissen?

Er ist beschmutzt, ganz werthlos und zerrissen.

Wie ist Dein Herr so schmierig nur? sag’ an,

Der bess’re Kleider sich doch kaufen kann,

Wenn seine Lage Deinem Wort entspricht.

Ich bitte Dich, gieb mir davon Bericht.«

»Wie?« – rief der Dienstmann – »stellt Ihr diese Frage?

Bei meinem Heil! nie kommt er in die Lage!

Doch soll ich sein Geheimniß Euch entfalten,

Muß ich Euch bitten, reinen Mund zu halten.

Der Grund ist, glaub’ ich: er weiß allzuviel.

Durch Uebertreibung kommt man nicht ans Ziel.

Sie schadet nur, wie die Gelehrten sagen,

Und daher scheint mir thöricht sein Betragen.

Denn, ist ein Mann gar zu gewitzt und klug,

Mißbraucht er seine Gaben oft genug.

So thut mein Herr – und das betrübt mich sehr.

Es bess’re Gott! Ich sage jetzt nichts mehr.«

»Nun, das laß ruh’n!« – hub unser Gastwirth an –

»Was thut Dein Herr? Erzähle, lieber Mann.

Du kennst ja seine Künste ganz genau,

Du sagtest uns, er sei verschmitzt und schlau.

Nun, wenn Du darfst, so sprich: wo seid Ihr her?«

»Aus einem Vorort einer Stadt«, – sprach er –

»Woselbst in engen, finstern Gassenecken

Sich Räuber, Diebe dieser Art verstecken

Und im Geheimen ihre Wohnung nehmen,

Weil sie sich öffentlich zu zeigen schämen.

So geht es uns, soll ich die Wahrheit sagen.«

»Nun« – sprach der Wirth – »laß mich Dich weiter fragen:

Weßwegen bist so schwarz Du im Gesicht?«

»St. Peter!« – rief er – »bei des Herrn Gericht!

Wer so, wie ich, ins Feuer blasen muß,

Bekommt – so denk’ ich – sein Gesicht voll Ruß!

Im Spiegel zu beseh’n, pfleg’ ich mich nie,

Multipliciren lern’ ich voller Müh’;

Doch wie wir grübeln und das Feuer schüren,

Das, was wir wünschen, ist nicht auszuführen.

Zum Schluß ist immer dies und das vergessen.

Verschied’ne Leute täuschen wir indessen.

Wir borgen Gold, bald ein Pfund oder zwei,

Bald zehn, bald zwölf, was auch die Summe sei,

Und schwatzen ihnen vor, wir wüßten Wege,

Wie man aus einem Pfunde zweie präge.

Zwar ist es falsch, doch bleibt in uns beständig

Der Vorsatz und die Hoffnung d’rauf lebendig.

Fern aber vor uns liegt die Wissenschaft;

Ob fest entschlossen, fehlt uns doch die Kraft,

Es auszuführen; es entschlüpft den Händen

Stets rasch und läßt am Bettelstab uns enden.«

Es war, bevor der Dienstmann so weit kam,

Sein Herr ihm längst zur Seite, und vernahm,

Was er erzählte. Denn, wenn Jemand sprach,

War auf der Stelle auch sein Argwohn wach.

Wer – wie uns Cato sagt – sich schuldig fühlt,

Denkt gleich, daß jede Rede auf ihn zielt.

Damit ihm nicht ein einz’ges Wort entgehe,

Ritt er heran und hielt sich in der Nähe

Des Dieners auf, und sagte: »Halt’ sofort

Den Mund, und rede fernerhin kein Wort!

Und wenn Du’s thust, so soll’s Dir schlimm ergeh’n!

Du wagtest, vor den Leuten mich zu schmäh’n,

Und mein Geheimniß ihnen zu entdecken!«

»Sprich weiter!« – rief der Wirth – »laß Dich nicht schrecken!

Denn all sein Droh’n ist keinen Heller werth!«

»Bei meiner Treu!« – sprach jener – »dieses schert

Mich wenig nur!« – Doch der Kanonikus,

Der sich von seinem Diener mit Verdruß

Verrathen sah, floh voller Scham von hinnen.

»Jetzt« – sprach der Dienstmann – »soll der Spaß beginnen!

Gleich will ich Alles, was ich weiß, erzählen!

Jetzt ist er fort! – Mög’ ihn der Teufel quälen,

Nie will ich ihn – die Wahrheit zu gesteh’n –

Für Pfund und Pfennig ferner wiederseh’n.

Durch ihn ließ ich mich zu dem Spiel berücken;

Bevor er stirbt, soll Leid und Scham ihn drücken!

Ich bin im Ernst. – Ihr mögt mir Glauben schenken;

Ich fühl es tief, was auch die Leute denken.

Und dennoch konnt’ ich selbst trotz aller Schmach,

Trotz Arbeit, Sorgen, Schmerz und Ungemach

Mich dieser Sache nimmermehr entzieh’n!

Nun, wollte Gott, mir sei der Witz verlieh’n,

Euch diese Kunst vollständig klar zu machen.

Zum Theil indeß erzähl’ ich Euch die Sachen.

Mein Herr ist fort, drum werd’ ich ihn nicht sparen,

Und was ich weiß, das will ich offenbaren!«

Die Erzählung des Dienstmannes vom Kanonikus.

Vers 16188–16949.

Seit sieben Jahren dien’ ich diesem Herrn,

Und bleibe doch der Kunst beständig fern.

Ich büßte, was ich hatte, durch ihn ein,

Und – weiß es Gott – so ging es allgemein.

Vor Zeiten trug ich schöne, frische Kleider

Und andern Schmuck; jetzt aber trag’ ich leider

Auf meinem Kopf nur einen Strumpf als Hut.

Einst hatt’ ich frische Wangen voller Blut;

Jetzt sind sie welk und bleich und fahl wie Blei;

Denn, wie man’s treibt, so fährt man auch dabei.

Von vieler Arbeit trieft mein Auge schon.

Den Vortheil – seht! – bringt Multiplication!

Die schlüpferige Wissenschaft entriß

Mir, was ich hatte. Voller Kümmerniß

Muß ich in Armuth meine Wege zieh’n.

Ich schulde mehr an Geld, das mir gelieh’n,

Als – meiner Treu – ich je bezahlen kann.

Nehmt Euch für immer eine Warnung d’ran!

Wer einmal sich befaßt mit diesen Dingen,

Wird, wenn er fortfährt, sich um Alles bringen.

Gott helfe mir! dabei ist kein Gewinn,

Es macht den Witz und macht die Börse dünn.

Und wenn ein Mensch durch Thorheit oder Wahn

In diesem Spiel hat all sein Gut verthan,

So kitzelt er in Andern das Verlangen,

Ihr Geld zu lassen, gleich wie’s ihm ergangen.

Denn Bösewichten macht es stets Behagen,

Wenn Nebenmenschen Leid und Sorgen tragen;

Das sagten mir Gelehrte schon vor Zeiten.

Genug davon! Laßt uns zur Sache schreiten.

Wenn unser Teufelswerk zuerst beginnt,

Denkt Jedermann, wie wunderklug wir sind.

Wir reden so gelehrt und so curios.

Ins Feuer blas’ ich, bis ich athemlos

Geworden bin. Was soll ich Euch erzählen,

Wie zum Gemisch die Proportion wir wählen?

Ob wir fünf Unzen Silber oder auch

Sechs oder mehr bedürfen zum Gebrauch?

Soll ich die Namen aller Elemente,

Wie Knochen, Eisenspähne, Opermente,

Die zu dem feinsten Pulver wir zerreiben,

Und dann in irdne Töpfe thun, beschreiben?

Was wir an Salz und Pfeffer zu den eben

Von mir erwähnten Pulvern etwa geben?

Wie wir sie durch krystall’ne Glocken schützen,

Und was wir sonst zu unserm Werk benützen?

Wie wir verlöthen Gläser und Geräth,

Damit durch Luftzug kein Atom entgeht?

Was soll ich Euch von all den Feuern sagen,

Den schwachen und den starken; von den Plagen

Und allen Sorgen beim Amalgamiren,

Beim Calciniren und beim Sublimiren

Von dem Quecksilber oder Merkurial?

Denn es mißräth am Ende jedesmal.

Und nehmen von Quecksilbersublimat,

Von Bleiglanz, Porphyr, Operment und Spath

Auch diese Zahl und jene wir von Unzen,

Was hilft’s? – Wir werden unser Werk verhunzen.

Wie hoch empor der Spiritus auch steigt,

Was sich als Bodenniederschlag auch zeigt,

Wir ernten nie die Früchte unsres Strebens,

Und alle Müh’ und Arbeit bleibt vergebens.

Auf zwanzig Teufelswegen geht zuletzt

Verloren doch, was wir daran gesetzt.

Wir pflegen auch von manchen andern Sachen

In unserm Handwerk noch Gebrauch zu machen,

Die nach der Ordnung ich nicht nennen kann;

Denn ich bin nur ein ungelehrter Mann.

Doch zählen will ich’s, wie mir in den Sinn

Es eben kommt, Euch ohne Ordnung hin:

Borax und Grünspan, Ammoniak, Gefäße

Von Glas und Thon und mancherlei Gemäße,

Und unsre Urinalen und Phiolen,

Alembiks, Cucurbiten, Crucibolen,

Sublimatorien, Descensionsretorten,

Und andre, keinen Heller werthe Sorten.

Indeß, was nützt es, die Substanzen alle,

Wie Röthewasser, Schwefel, Bolusgalle,

Arsenik und sal armoniac zu kennen?

Auch manche Kräuter weiß ich noch zu nennen,

Wie Mondwurz, Ackermennig, Baldrian;

Und mehr als ich in Kürze sagen kann.

Auch unsre Lampen, welche Tag und Nacht

Hell brennen, damit unser Werk vollbracht;.

Und unsern Flammenherd zum Calciniren,

Und unsre Wasser zum Albisiciren,

Kalk, ungeschwemmte Kreide, Albumin,

Thon, Pulver, Asche, Dünger und Urin,

Salpeter, Vitriol und Trockenseiher,

Von Holz und Kohlen die verschied’nen Feuer,

Weinstein, Alkalien und Salzpräparate,

Brennmaterialien und Coagulate,

Lehm mit dem Haar von Menschen und von Pferden,

Tantar, Alaun, Oel, Hefe, Glas und Erden,

Und Rosalgar und Mittel, die verschwinden

Materien machen, oder sie verbinden;

Und unser Silber, das wir citriniren,

Und unser Cementiren, Fermentiren,

Und unsre Formen, Barren und was mehr

Dazu gehört. – Auch zähl’ ich ferner her

Die sieben Körper Euch und die vier Geister,

Wie mir sie oft hat vorgenannt mein Meister.

Quecksilber nennen wir den ersten Geist,

Den zweiten Operment; den dritten heißt

Man Ammoniak und Schwefel kommt zuletzt.

Und auch die sieben Körper nenn’ ich jetzt:

Sol ist das Gold, die Luna Silber nur,

Das Eisen Mars, Quecksilber ist Merkur,

Der Jupiter ist Zinn, Saturnus Blei,

Die Venus Kupfer. – Stehe Gott mir bei!

Wer immer der verfluchten Kunst verfällt,

Hat zur Genüge niemals Gut und Geld;

Denn Alles, was er darauf angewendet,

Ist zweifellos verloren und verschwendet.

Doch, wer so thöricht ist und will verlieren,

Erlerne schleunigst das Multipliciren.

Wer seinen Koffer voll hat, komm’ heran,

Zum Philosophen reift bald Jedermann.

Seht her! wie leicht ist dies zu unternehmen!

Nein, nein! – weiß Gott! – nicht Mönch noch Priester kämen,

Nicht Bettelbruder noch Kanonikus,

Noch and’re Leute je damit zum Schluß,

Selbst wenn sie Tag und Nacht studirten. Nie

Erlernen diese Teufelskünste sie;

Noch weniger ein unstudirter Mann.

Pfui! sprich nicht drüber! es geht niemals an!

Ob Jemand in der Wissenschaft zu Haus,

Ob darin fremd ist, kommt auf eins heraus;

Denn Beide bringen es – auf Seligkeit! –

In dieser Multiplication gleich weit.

Dabei wird Hab’ und Gut verspeculirt,

Das heißt: zum Schluß sind Beide ruinirt.

Vergessen hab’ ich und darum erwähne

Ich hinterher: die Eisenhobelspähne,

Die Oele, Scheidewasser, und desgleichen

Die Körper zum Erhärten und Erweichen,

Die Spülungsmittel und die Schmelzmetalle.

Doch würde, davon aufzuzählen alle,

Den Umfang jeder Bibel übersteigen;

Und daher wird es besser sein, zu schweigen.

Genug – so denk’ ich – sprach ich von den Sachen,

Den grimmsten Teufel dadurch wild zu machen.

Nein, damit abgethan! – Das Elixir,

Den Stein der Philosophen suchen wir;

Denn sein Besitz bringt Ruh’ und Sicherheit.

Jedoch – bei Gott im Himmel! einen Eid

Will ich d’rauf schwören – alle Kunst und Müh’

Bleibt stets vergebens. – Zu uns kommt er nie.

Er hat uns schon um vieles Gut gebracht,

Und hätte längst vor Gram uns toll gemacht,

Beschliche nicht die Hoffnung stets das Herz,

Wir würden ihn trotz allem bitt’ren Schmerz

Noch später finden und mit Augen schau’n;

Und zäh’ und fest bleibt Hoffnung und Vertrau’n.

Seid vorgewarnt: Ihr sucht darnach für immer!

Die Menschen hat der Zukunftshoffnungsschimmer

Von dieser Kunst stets um ihr Gut betrogen;

Und doch wird Jeder wieder angezogen.

Es scheint für ihn so bittersüß zu sein;

Er würde selbst, wenn er ein Hemd allein,

Sich zu bedecken Nachts in seinem Bette,

Und für den Tag nur einen Mantel hätte,

Sie doch verkaufen; bis er dann zuletzt

Der Kunst zu Liebe Alles d’ran gesetzt.

An diesen Leuten nimmt man immerdar,

Wohin sie geh’n, Gestank von Schwefel wahr.

Sie stinken ringsumher wie eine Gais;

Ihr Dunst ist stets so böckisch und so heiß;

Man riecht im Voraus eine Meile lang

Von ihnen – glaubt mir – schon den Pestgestank.

Seht! da sie stinken und sich schäbig kleiden,

Kann man sehr leicht die Leute unterscheiden.

Doch woll’t Ihr im Geheimen sie befragen,

Weßhalb sie sich so fadenscheinig tragen,

So raunen sie Euch allsogleich ins Ohr:

Man überwache sie, man habe vor

Sie zu erschlagen ihres Wissens wegen.

Seht! wie die Einfalt sie zu täuschen pflegen!

Genug davon! Zurück zur Sache jetzt!

Bevor den Topf man auf das Feuer setzt,

Thut man Metalle je nach Maß hinein.

– Die Mischung macht mein Herr für sich allein. –

Jetzt ist er fort. – D’rum sprech’ ich unverblümt.

Wie man sein Kunstgeschick auch immer rühmt,

Wie sehr mir selbst sein hoher Ruf bekannt,

So hat er sich doch manchesmal verrannt.

Und wißt Ihr, wie? – Nun, es geschah von je,

Daß ein Gefäß zerbricht – und dann Ade

Geht Alles; denn die Kraft von dem Metall

Ist fürchterlich. Ihr widersteht kein Wall,

Mag er erbaut auch sein aus Kalk und Stein.

Sie sprengt die Mauern, bricht sie, stürzt sie ein.

Oft fließt auch das Metall uns in den Grund

– Dadurch verloren wir schon manches Pfund –

Oft fliegt es, weithin rollend, durchs Gemach

Und – ungelogen – oftmals bis ans Dach.

Und glaubt mir – zeigt sich auch der Teufel nicht,

Bei uns ist doch der schlaue Bösewicht.

Und in der Hölle, wo er Herrscher ist

Giebt es kaum mehr an Sorge, Neid und Zwist.

War uns ein Topf zerbrochen – wie gesagt –

So schimpfte man, und Jeder ward verklagt.

Der eine sprach: »Geschürt ward nicht die Gluth!«

Der rief: »O, nein! geblasen ward nicht gut!«

– Und das war leider mein Officium –

»Stroh!« – rief der Dritte – »Ihr seid roh und dumm!

Nur an der Mischung lag es sicherlich!«

»Nein!« – schrie der Vierte – »Still, und hört auf mich!

Man heizte nicht mit Buchenscheiten ein.

– Bei meinem Heil – das war der Grund allein!«

Ich kann nicht sagen, was die Ursach’ war,

Doch, daß es großen Streit gab, weiß ich klar.

»Was?« – rief mein Herr – »dabei ist nichts zu thun!

Doch hüten werd’ ich vor Gefahr mich nun.

Eins ist gewiß: zerbrochen ist der Topf,

Wie’s immer kann. Behaltet hoch den Kopf!

Und reinigt, wie dies Brauch ist, rasch die Flur!

Frisch, Muth gefaßt! seid froh und munter nur!«

Auf einen Haufen ward der Schutt gefegt,

Und auf die Flur ein Segeltuch gelegt;

Man warf den Kehricht in ein Sieb, und dann

Fing man zu schütteln und zu suchen an.

»Pardi!« – rief einer – »vom Metall zurück

Blieb zwar nicht Alles, doch noch manches Stück.

Diesmal mißrieth es, aber Ihr sollt seh’n,

Zum zweiten Male wird es besser geh’n.«

Wir mußten unser Gut von Neuem wagen.

Im höchsten Wohlstand könnte dies ertragen

Fürwahr kein Handelsmann, bei meiner Ehre!

Zwar oft ertrinkt auch ihm sein Gut im Meere,

Doch meistens kommt es sicher an das Land.

»Still!« – rief mein Herr – »ich bring’ es noch zu Stand!

Doch ganz verschieden wird es angefaßt

Das nächste Mal, wenn Ihr mich machen laßt.

Nur ein Versehen war es, wie ich weiß.«

Ein And’rer sprach: »Das Feuer war zu heiß!«

Doch ob es heiß, ob kalt ist, zum Beschluß

Mißräth es stets, wie ich bekennen muß.

Erreicht wird nie, was wir bestreben wollen.

Wir rasen nur beständig, wie die Tollen.

Doch sind wir alle bei einander, so

Scheint Jedermann ein zweiter Salamo.

Nicht alle Dinge, die wie Gold ausschau’n,

Sind darum Gold. – Man kann dem Spruche trau’n:

Nicht jeder Apfel, welcher lieblich scheint,

Ist darum gut, was man auch sagt und meint.

So geht es auch mit uns. – Bei Jesu Christ!

Wer als der Klügste bei uns gilt, der ist

Der größte Thor, sobald man ihn erprobt,

Und oft zum Dieb wird, wen als treu man lobt.

Das sollt Ihr, eh’ sich unsre Wege trennen,

Am Schlusse der Geschichte noch erkennen.

Einst schloß sich ein Kanonikus uns an;

Verpesten würde jede Stadt der Mann,

Ob groß wie Alexandrien sie sei,

Rom, Troja, Ninive und andre drei.

Von seinen Schlichen, seiner Falschheit brächte

Kein Mensch ein Buch zu Ende, wie ich dächte,

Und sollt’ er tausend Jahre selbst erreichen.

Denn auf der Erde sah man Seinesgleichen

An Falschheit nicht. Er wußte sich zu winden

Und höchst geschickt die Worte zu verbinden

Und im Gespräch mit Leuten so zu reden,

Daß es im Kopfe toll ward einem Jeden,

Der nicht ein Teufel gleich ihm selber war.

Und so betrog er Viele Jahr für Jahr

Und wird es thun die ganze Lebenszeit.

Und dennoch geh’n und reiten meilenweit

Ihm Leute nach, die seiner Freundschaft trau’n,

Weil sie sein falsches Wesen nicht durchschau’n.

Doch, wollt Ihr gütigst mir Gehör gewähren,

So will ich Euch den Sachverhalt erklären.

Ihr aber, würd’ge Stiftsherr’n müßt nicht denken,

Daß ich, um Euch und Euer Stift zu kränken,

Von einem Herrn Kanonikus berichte.

In jedem Stande giebt es Bösewichte;

Indessen Gott verhüte, daß auf Alle

Sofort die Thorheit eines Mitglieds falle.

Euch zu beschimpfen liegt mir wahrlich fern;

Nur bessern, wo gefehlt ist, möcht’ ich gern.

Denn auch für Andre, nicht für Euch allein

Gilt die Geschichte. – Man weiß allgemein,

Daß unter zwölf Aposteln in der Schaar

Des Herrn nur Judas ein Verräther war.

Wie kann deßwegen tadeln man den Rest,

Der schuldlos blieb? Und ganz dasselbe läßt

Von Euch sich sagen. – Aber hört, ich bitte:

Habt einen Judas Ihr in Eurer Mitte,

So rath’ ich Euch, entfernt ihn schon bei Zeiten,

Sonst wird er Scham Euch und Verlust bereiten.

Doch seid ersucht, nehmt keinen Anstoß d’ran

Und, was ich Euch erzählen will, hört an.

In London wohnte manches liebe Jahr

Ein Priester und Capitels-Annualar,

Der sich so höflich einer Frau erwies,

In derem Hausstand er sich speisen ließ,

Daß sie ihn niemals um Bezahlung frug

Für Tisch und Zeug, so schön er sich auch trug.

Mit Silbergeld war er vollauf verseh’n;

Doch, das laßt ruh’n; ich will nun weiter geh’n

Und Euch erzählen, wie’s der Stiftsherr machte

Daß er den Pfaffen ins Verderben brachte.

Ins Zimmer, wo der Priester hauste, trat

Der falsche Stiftsherr eines Tags und bat,

Daß er ein Darlehn ihm gewähren wolle,

Das er sofort zurück empfangen solle.

»Leih’ eine Mark nur auf drei Tage mir,

Mein Wort zum Pfand, ich zahle pünktlich Dir

Die Summe heim; sonst hänge nach Verlauf

Von den drei Tagen mich am nächsten auf.«

Der Priester gab ihm eine Mark sofort.

Und Abschied nahm nach manchem Dankeswort

Der Herr Kanonikus und zog von dannen.

Und eh’ zu Ende noch drei Tage rannen,

Trug er das Geld dem Priester wieder hin,

Und diesem war ganz wunderfroh zu Sinn.

»Gewiß« – sprach er – »es soll mich nicht verdrießen

Ein, zwei, drei Nobel Leuten vorzuschießen,

Und was ich habe sonst an Gut und Geld.

Falls Jemand treu an die Bedingung hält

Und löst sein Wort bestimmt und pünktlich ein,

So sag’ ich nie zu solchem Herren: Nein!«

»Was?« – fragte Jener – »sollt’ ich ungetreu

Denn etwa handeln? – Nun, das wäre neu!

Von einem Dinge, wie die Treue, weiche

Ich bis zum Tage, daß ins Grab ich schleiche,

Gewiß nicht ab. Verhüt’ es Gott und Christ!

Dies ist so wahr, wie nur Dein Credo ist.

Ich danke Gott und darf es füglich sagen,

Noch hatte Keiner über mich zu klagen,

Der mir an Gold und Silber etwas lieh;

Denn Falschheit wohnte mir im Herzen nie.

Herr« – rief er – »für Dein edeles Betragen

Möcht’ ich zum Dank Dir mein Geheimniß sagen.

Du liehst mir Beistand in Verlegenheit,

Und zum Entgelt für Deine Freundlichkeit

Will ich, hegst Du den Wunsch Dich zu belehren,

In jeder Richtung Einsicht Dir gewähren

In meine Künste der Philosophie.

Darum gieb Acht! Eh’ ich von dannen zieh’,

Soll noch durch mich ein Meisterstück gescheh’n.«

»Ja?« – frug der Priester – »soll ich’s wirklich seh’n?

Wohlan! so bitt’ ich d’rum von ganzer Seele!«

»Mein Herr« – sprach der Kanonikus – »befehle!

Dir treu gehorsam bin ich bis zum Tod!«

– Seht! wie der Dieb ihm seinen Dienst anbot. –

Jedoch es stinkt – wie alte Weise sagen –

Wird uns ein Dienst zu dringend angetragen;

Und daß dies Wahrheit ist, erseht Ihr später

An dem Kanonikus, dem Erzverräther,

Der Teufelspläne stets im Herzen hegte,

Und den’s zu freu’n und zu ergötzen pflegte,

Dem Christenvolk in jeder Art zu schaden.

– Vorm falschen Heuchler schütz’ uns Gott in Gnaden! –

Der Priester wußte nicht, mit wem er theilte,

Bis ihn das Unglück ungeahnt ereilte.

O, dummer Priester! o, bethörter Mann!

Daß Dich Begehrlichkeit so blenden kann!

Dein Dünkel, ach! ist dumm und blind genug;

Nicht einen Argwohn hegst Du vom Betrug,

Mit dem der Fuchs beginnt Dich zu umspinnen!

Du wirst nicht seinem schlauen Schlich entrinnen!

Jedoch um fortzufahren in der Sache,

Die schließlich Dein Verderben war, so mache,

Unsel’ger Mann, ich Deinen Unverstand

Und Deine Thorheit unverweilt bekannt,

Und auch die Falschheit, insoweit ich solche

Euch schildern kann, von jenem andern Strolche!

Ihr denkt, mein Herr sei der Kanonikus.

Doch – bei der Himmelskönigin – ich muß

– Herr Wirth–bekennen, dies ist nicht der Fall,

Denn hundertfach geschickter überall

Betrog mein Herr beständig einen Jeden.

Doch es verdrießt mich, viel davon zu reden,

Weil in die Wangen mir die Röthe steigt,

Denk’ ich daran, wie falsch er sich bezeigt.

Das heißt, es überläuft mich glühend heiß;

Denn nicht erröthen kann ich, wie ich weiß,

Da die verschied’nen Dünste der Metalle,

Wie solche von mir aufgezählt sind alle,

Mich längst um meine Röthe schon gebracht.

Nun komm’ ich auf den Schurkenstreich. – Gebt Acht!

»Den Knecht« – sprach der Kanonikus – »heiß laufen,

Uns auf der Stelle Merkurial zu kaufen.

Zwei bis drei Unzen muß er mit sich bringen.

Kommt er zurück, sollst Du an Wunderdingen

Erblicken, was Du nie zuvor geseh’n.«

»Herr!« – sprach der Priester – »das soll gleich gescheh’n.«

Er schickte seinen Diener nach den Sachen,

Und dieser rannte – um es kurz zu machen –

Sofort davon, wie dies sein Herr befahl

Und holte rasch drei Unzen Merkurial.

Fein und behutsam legte sie zurecht

Dann der Kanonikus und hieß den Knecht,

Die nöth’gen Kohlen zu dem Werke bringen,

Damit sie gleich an ihre Arbeit gingen.

Der Diener trug die Kohlen rasch heran,

Und aus dem Busen zog der Stiftsherr dann

Ein Schmelzgefäß, hielt es dem Priester hin:

»Dies Instrument, das Du hier siehst, nimm in

Die Hand« – sprach er – »und eine Unze thu

An Merkurial hinein. – Und dann bist Du

In Christi Namen bald ein Philosoph.

Nur wenig Leute führt’ ich durch den Hof

Der Wissenschaft zu dieser Offenbarung!

Du sollst indeß erschauen durch Erfahrung

Wie – ohne Täuschung – ich sofort verdichte

Dies Merkurial vor Deinem Angesichte,

Um feines, gutes Silber d’raus zu schlagen,

Wie Du und ich es in der Börse tragen

Und anderswo. – Ich mach’ es hämmerbar;

Sonst schilt mich falsch und jedes Anspruchs bar,

Mich fernerhin zu zeigen vor der Welt!

Dies Pulver hier, das manches schwere Geld

Mich kostet, ist der Urgrund meiner Kraft,

Das – wie du seh’n sollst – alles Gute schafft.

Den Knecht schick’ fort und laß ihn draußen bleiben,

Und schließ’ die Thür, indessen wir betreiben

Die Heimlichkeit. Es darf uns Niemand seh’n,

Wenn wir ans Werk der Philosophen geh’n.«

Rasch ausgeführt ward alles, was er sagte,

Auch in der That. – Gleich aus der Thüre jagte

Der Meister seinen Knecht, verschloß sie dann,

Und ohne Zögern fing die Arbeit an.

Der Priester stellte, wie ihm jener hieß,

Die Sachen auf das Feuer, und er blies

Die Flammen an in dienstbefliss’ner Eile.

Und der Kanonikus warf mittlerweile

Ein Pulver in den Tiegel, das aus Glas

Und Kalk gemacht war und, wer weiß, aus was?

Das reine Blendwerk war es, in der That

Nicht eine Fliege werth. Und darauf bat

Den Priester er, mit Kohlen schichtenweise

Den Tiegel zu bedecken. – »Zum Beweise

Wie ich Dich liebe« – sprach er – »sollst Du nun

Mit eignen Händen alle Sachen thun!«

»Grand merci!« – sprach der Pfaffe herzensfroh,

Und legte dann die Kohlen grade so,

Wie solches der Kanonikus befohlen.

Doch dieser Schelm – mag ihn der Teufel holen! –

Zog aus dem Busen eine Kohle noch;

Und in ein schlau darin gebohrtes Loch

War eine Unze Silberstaub gestopft,

Und dann mit Wachs so künstlich zugepfropft,

Daß von der Masse nichts daraus entwich.

Jedoch versteht mich: dieser schlaue Schlich

Ward nicht erst jetzt gemacht, nein, schon vorher,

Und späterhin erzähl’ ich Euch noch mehr

Von andern Sachen, die er mit sich brachte,

Indem er längst ihn zu betrügen dachte.

Und dies geschah. – Er gab sich nicht zufrieden,

Bis er gerupft den Priester, eh’ sie schieden.

Jedoch mich langweilt über ihn zu sprechen

Gern möcht ich mich an seiner Falschheit rächen,

Wüßt ich nur wie? – Jedoch, bald hier, bald dort

Streift er umher; er bleibt an keinem Ort.

Doch nun gebt Acht, ihr Herr’n um Gottes willen!

Er nahm die Kohle – wie gesagt – im Stillen

In seine Hand. Dort hielt er sie verstohlen,

Und währenddem der Priester in die Kohlen

Geschäftig blies – wie ich zuvor erzählt –

Sprach der Kanonikus: »Mein Freund, gefehlt!

So, wie sie sollten, liegen nicht die Schichten;

Doch rasch weiß ich es besser einzurichten,

Wenn ich auch Manches daran ändern muß.

Du dauerst mich bei Sanct Aegidius!

Du schwitzest – seh’ ich – und Du bist so heiß;

Nimm hier ein Tuch und trockne Deinen Schweiß!«

So wischte dann der Priester sein Gesicht,

Und der Kanonikus versäumte nicht

Die günstige Gelegenheit und warf

Die Kohle auf den Tiegel und blies scharf

Zu hellen Flammen rasch das Feuer an.

»Gieb uns nunmehr zu trinken!« – sprach er dann –

»Es wird gerathen. Dafür steh’ ich ein.

Nur Platz genommen; laßt uns fröhlich sein!«

Sobald die Kohle glühend war, entfloß

Das Silber aus der Höhlung und ergoß

Sich in den Tiegel, wo es niederschlug,

Wie selbstverständlich ist und klar genug,

Da obendrauf er ja die Kohle legte.

Doch keinen Argwohn unser Priester hegte,

Ach! er verstand, da alle Kohlen sich

An Güte glichen, Nichts von diesem Schlich.

Zur rechten Zeit begann der Alchymist:

»Steh’ auf und hilf mir! denn vorhanden ist

– Soviel ich weiß – hier keine Form zum Guß;

Drum geh’ und hole Kreide, denn ich muß

Versuchen, ob ich etwas mir vielleicht

D’raus machen kann, das einer Gußform gleicht.

Auch eine Pfanne, oder sonst ein Becken

Voll Wasser hole! Dann wirst Du entdecken

Und seh’n, wie unsre Sache wächst und treibt;

Und damit Dir kein Argwohn übrig bleibt

Und kein Verdacht, gehst Du von meiner Seite,

So geb’ ich Dir persönlich das Geleite,

Und gehe fort und kehre heim mit Dir.«

Und kurz gesagt – sie öffneten die Thür

Und schlossen sie, den Schlüssel aber nahmen

Sie mit sich fort, und ohne Zögern kamen

Sie dann zurück. – Soll bis zum Tagesende

Ich drüber schwatzen? – Nein! in seine Hände

Nahm er die Kreide, und nun theil’ ich mit,

Wie aus derselben eine Form er schnitt.

Seht! aus dem Aermel zog er ganz verstohlen

Ein Silberplättchen – mag die Pest ihn holen! –

Das ganz genau nur eine Unze wog.

Nun gebet Acht, wie schlau er ihn betrog!

Die Form zum Guß er bald verfertigt hatte

Genau so lang und breit wie jene Platte,

Die rasch zurück er in den Aermel steckte,

So heimlich, daß der Priester nichts entdeckte;

Nahm die Materie darauf aus der Gluth

Und in die Form goß er sie wohlgemuth,

Und warf sie später in das Wasserbecken

Und hieß die Hand den Priester darin stecken,

Und rief: »Sieh hin! was ist dort? Greife zu!

Darin – so hoff’ ich – findest Silber Du!«

Wie sollt’ es anders sein – zum Teufel, wie?

Ist Silberstaub denn Silber nicht? Pardi!

Der Priester griff ins Wasser mit der Hand,

Wo er ein Plättchen feinen Silbers fand,

Von Herzen froh, daß alles Wahrheit sei.

»Dir stehe Gott und seine Mutter bei

Und alle Heil’gen! – Herr Kanonikus,

Sollt’ ich verdammt sein,« – rief er – »dennoch muß

Ich lernen die geheimnißvolle Kunst,

Und willst Du mir erweisen diese Gunst,

Steh’ ich zu Diensten Dir in allen Sachen!«

»Nun, den Versuch« – sprach Jener – »will ich machen

Zum zweiten Male. – Aber, aufgepaßt!

Damit Du’s lernst. Und wenn Du Neigung hast,

Versuchst Du später in der Wissenschaft

Auch ohne meine Hülfe Deine Kraft.

Nimm ohne viele Worte noch einmal

Hier eine Unze von dem Merkurial,

Und mache dann es in derselben Art,

Wie mit der andern, die zu Silber ward.«

Aufs Höchste strengte sich der Priester an,

Alles zu thun, was der verfluchte Mann

Ihm anbefahl, blies in die Gluth mit Macht,

Stets auf das heißersehnte Ziel bedacht.

Doch spielte der Kanonikus sogleich

Dem Priester wieder einen Gaunerstreich.

Des Ansehns halber nahm in seine Hände

Er einen hohlen Stab, in dessem Ende

Von Silberstaub – hört, und vergeßt es nicht! –

Genau nur eine Unze an Gewicht,

Wie früherhin in jener Kohle, steckte,

Und welchen Wachs zur Sicherheit bedeckte.

Als sich der Priester ans Geschäft begab,

Trat der Kanonikus mit seinem Stab

Zu ihm heran, und warf auch jetzt geschwinde

Sein Pulver zu. – Für seine Falschheit schinde

Der Teufel ihn! Das möge Gott mir schenken!

Falsch war er stets im Handeln und im Denken. –

Dann schürte mit dem Stock, der zum Betrug

Den falschen Einguß in der Höhlung trug,

Er überm Tiegel rasch die Kohlen an,

Bis daß im Feuer alles Wachs zerrann;

Und darauf fiel – das ist wohl Jedem klar,

Der nicht ein Thor ist – was im Stocke war

Auch schleunigst in den Tiegel hinterher.

Nun, gute Herren, was verlangt Ihr mehr?

So war der Priester abermals betrogen,

Nichts Böses ahnend; ihm war – ungelogen –

Weit lustiger und fröhlicher zu Sinn,

Als je zu schildern ich im Stande bin;

Und Gut und Leben bot er oft ihm an.

»Ja, lieber Sohn, obwohl ein armer Mann,

Bin ich geschickt« – sprach der Kanonikus –

»Verlaß Dich drauf, Du siehst noch mehr zum Schluß.

Ist etwas Kupfer« – frug er – »hier im Haus?«

»Ja, Herr, ich denke« – rief der Priester aus. –

»Wo nicht, so mußt Du solches für uns holen;

Geh’, lieber Herr, und mach’ Dich auf die Sohlen!«

Er ging und kam mit Kupfer schnell zurück,

Und eine Unze wog sofort vom Stück

Der Stiftsherr ab und nahm sie dann zur Hand.

Doch meine Lippen sind nicht so gewandt,

Als Diener meines Witzes zu beschreiben

Sein Doppelspiel und sein verfluchtes Treiben.

Wer ihn nicht kennt, mag ihn für freundlich halten;

Doch teuflisch ist sein Sinnen und sein Walten.

So sehr es mich verdrießt, von ihm zu sprechen,

Will ich mein Schweigen aus dem Grunde brechen,

Damit nach solcher Warnung Jedermann

Vor seiner Falschheit auf der Hut sein kann.

Das Kupfer that und Pulver er zusammen,

Und stellte dann den Tiegel auf die Flammen,

Indessen er den Priester blasen ließ

Und wie zuvor sich tief zu bücken hieß.

Es war ein Kniff. Stets macht’ er aus dem Pfaffen,

Sobald es ihm behagte, seinen Affen.

Und später that er in die Form den Guß

Und warf ihn in die Pfanne zum Beschluß;

Und in das Wasser taucht’ er seine Hand.

Doch in dem Aermel – wie damit bekannt

Ich Euch schon machte – stak die Silberplatte,

Und ohne daß Verdacht der Priester hatte,

Schob so geschickt sie der verdammte Dieb

In das Gefäß, daß sie am Boden blieb,

Und rührte lang’ im Wasser und ergriff

Das Kupferstück so heimlich, daß vom Kniff

Der Priester nichts erfuhr, und darauf sackte

Das Kupfer er behutsam ein und packte

Den Priester scherzend vor die Brust und sprach:

»So bück’ Dich doch! Beim Himmel, welche Schmach!

Wie ich Dir half, so hilf doch jetzt auch mir!

Tauch’ ein die Hand! Was liegt im Wasser hier?«

Der Priester nahm heraus die Silberstange,

Und Jener sprach: »Was zögern wir noch lange?

Laß uns mit den drei Stangen, die wir machten,

Zum Goldschmied geh’n, ob sie für echt zu achten?

Und, meiner Treu, fahr’ hin mein Stiftsgewand,

Wird nicht das Silber fein und gut erkannt!

Die Probe wird es bald zu Tage bringen.«

Zu einem Goldschmied mit den Stangen gingen

Sodann die zwei, das Silber zu erproben

Durch Feuer und durch Hammer. Doch zu loben

War Alles nur als durchaus gut beschaffen.

Wer glich nunmehr an Fröhlichkeit dem Pfaffen?

Es sang kein Vogel in der Morgensonne,

Und keine Nachtigall im Mond der Wonne,

Und keine lust’ge Dame jemals so

Vergnügten Sinns, so heiter und so froh.

Und sprechen wir von Frauendienst und Minne,

Begehrte wohl mit thatenlust’germ Sinne

Kein Rittersmann der Heißgeliebten Gunst,

Als dieser Priester den Besitz der Kunst.

Und zum Kanonikus sprach er: »Beim Herrn,

Der für uns Alle starb! und insofern

Ich es gewiß verdienen will um Dich,

Was soll das Mittel kosten? – Rede, sprich!«

»Bei Unsrer Frau! es wird Dir theuer kommen,

Da, einen Bettelbruder ausgenommen,

Nur ich in England es zu machen weiß.«

»Thut nichts! Um Gotteswillen nenn’ den Preis!

Was soll ich zahlen?« – rief er – »bitte, sage!«

»Nun« – sprach er – »theuer kommt es ohne Frage.

Mit einem Wort, verlangst Du’s zu besitzen,

Gieb vierzig Pfund! Und möge Gott mich schützen,

Wenn zwischen uns nicht solche Freundschaft wäre,

Du müßtest mehr bezahlen noch, auf Ehre.«

Rasch schaffte vierzig Pfund der Priester an

Als Preis für das Recept, und zählte dann

In Nobeln dem Kanonikus sie hin;

Und dieser sprach, stets Lug und Trug im Sinn:

»Herr Priester, da ich mir aus Ruhm nichts mache

In meiner Kunst, vielmehr geheim die Sache

Bewahren will, so halte reinen Mund

Mir zu Gefallen. Wird den Leuten kund

All’ meine Weisheit und Geschicklichkeit,

So droht mir auch der Tod durch ihren Neid,

Vor dem – bei Gott! – ich keinen Ausweg sehe.«

»Verhüte Gott, daß, was Du sagst, geschehe!«

– Der Priester sprach. – »Ich müßte sinnlos sein,

Setzt’ ich nicht Gut und Habe willig ein,

Um solches Unglück von Dir abzuwehren.«

»Nun, Deinen guten Willen muß ich ehren.«

– Sprach der Kanonikus. – »Lebwohl! Merci!«

Fort ging er und der Priester sah ihn nie

Nach diesem Tage wieder. Doch er fand,

So oft er das Recept noch angewandt,

Es hülfe nichts. Fahr’ hin! es ging nicht an!

Begaunert und betrogen war der Mann.

So wußte schlau sich Jener einzuführen,

Um hinterher das Volk zu ruiniren.

Seht, werthe Herr’n, wenn Ihr’s betrachten wollt,

Führt jeder Mensch beständig mit dem Gold

So lange Streit, bis es in Nichts zerrinnt.

Multipliciren macht so Manche blind!

Und darin liegt – ich halte dies für Wahrheit –

Bei meiner Treu! der Hauptgrund seiner Rarheit.

Die Philosophen reden so verdreht

Und nebelhaft, daß sie kein Mensch versteht,

Trotz allem Witz der gegenwärt’gen Zeit.

Sie gleichen Elstern an Geschwätzigkeit;

Sie spielen stets mit Worten und mit Zeichen;

Doch werden nimmer ihren Zweck erreichen.

Nur eins lernt Jeder beim Multipliciren:

Sein Gut, wenn’s ihm gelüstet, zu verlieren.

Was bringt dies lust’ge Spiel uns für Gewinn?

Verkümmert wird des Mannes froher Sinn,

Die größten, schwersten Börsen macht es leer,

Und Fluch erkauft sich Mancher überher

Von Allen, welche Geld ihm dazu lieh’n.

O, pfui der Schande! können sie nicht flieh’n

Das Feuer, das schon einmal sie verbrannt?

Vom Spiele, rath’ ich, zieht zurück die Hand

Eh’ Alles hin ist! Besser spät, als nimmer.

Wer’s zu nichts bringt, verliert die Zeit auf immer.

Wie sehr Ihr jagt, umsonst bleibt Euer Müh’n!

Gleich einem blinden Gaule seid Ihr kühn,

Der vorwärts stolpert, die Gefahr nicht kennt

Und muthig gegen alle Steine rennt,

Anstatt zu bleiben auf dem rechten Pfade.

Seht, so ergeht’s Euch Alchymisten grade.

Und falls nicht Eure Sehorgane taugen,

Seht mindestens mit des Verstandes Augen.

Wie sehr Ihr immer glotzt und starrt und stiert,

Kein Heller wird beim Handel profitirt;

Verloren geht, wonach Ihr hascht und rennt.

Drum dämpft das Feuer, eh’ zu rasch es brennt.

Ich meine: laßt Euch auf die Kunst nicht ein,

Soll, was Ihr habt, nicht rein verschwendet sein.

Und ebendeßhalb denk’ ich vorzutragen,

Was uns darüber Philosophen sagen.

Ich will, was Arnold von der neuen Stadt

In dem Rosarius geschrieben hat,

Euch ohne Lügen wortgetreu berichten:

Man kann – sagt er – kein Merkurial verdichten,

Sobald der Beistand seines Bruders fehlt.

Hört an, was Hermes uns davon erzählt;

Seht, dieser Philosophenvater spricht:

Es stirbt der Drache zweifelsohne nicht,

Wird nicht sein Bruder mit ihm auch erschlagen.

Der Drache will jedoch nichts Andres sagen,

Als Merkurial; und auch gemeint allein

Kann unterm Bruder nur der Schwefel sein,

Den man der Luna und dem Sol entnimmt.

Und deßhalb – sagt er – warn’ ich Euch bestimmt:

Der Kunst versuche Niemand nachzugeh’n,

Hat er, die Philosophen zu versteh’n,

Nicht deren Wort und Sinn erlernt zuvor,

Und wer dies dennoch thun will, ist ein Thor;

Da diese Kunst und Wissenschaft – das wißt –

Die Heimlichkeit der Heimlichkeiten ist.

Von einem Schüler wurde – wie man sagt –

Der Meister Plato eines Tags befragt,

Und wie sein Buch Senioris dies enthält,

Ward ihm die Frage wörtlich so gestellt:

»Wie nennt man den geheimnißvollen Stein?«

Und Plato sprach: »Man nennt ihn insgemein

Den Titanos.« Der Schüler rief: »Nun, ja,

Doch was ist das?« »Das ist Magnesia!«

– Sprach Plato. – »Nun, wie ich bekennen muß,

Das heißt: ignotum per ignotius!

Was ist Magnesia, lieber Herr? sagt an!«

»Ein Wasser ist es, das man machen kann

Aus den vier Elementen« – Plato sprach.

»Woraus besteht« – so forschte Jener nach –

»Denn dieses Wasser? Könnt Ihr mir’s beschreiben?«

»Nein, Nein!« – sprach Plato – »das laß ich wohl bleiben!

Die Philosophen schwuren einen Eid

Der unverbrüchlichsten Verschwiegenheit;

Davon zu schreiben ist sogar verwehrt.

Denn es ist Gott so theuer und so werth,

Daß Er, anstatt es Allen zu entfalten,

Entscheiden will nach seinem eignen Walten,

Ob Er Erleuchtung unserm Geiste spende,

Ob vorenthalte. – Seht, dies ist das Ende.«

Und daher schließ’ ich, weil der Gott der Welt

Den Philosophen nicht hat freigestellt,

Zu sagen, wie man diesen Stein erringe,

So ist’s am Besten: man läßt ruh’n die Dinge!

Wer Gottes Willen frech zuwider handelt,

Und so in seinen Gegner ihn verwandelt,

Wird nicht gedeih’n; und wenn er auch zeitlebens

Multiplicirt, die Mühe bleibt vergebens.

Und damit Punktum! Möge Trost in Leiden

Gott jedem frommen Menschenkind bescheiden!

Der Prolog des Tafelmeisters.

Vers 16950–17053.

Wißt ihr nicht, wo der kleine Flecken steht,

Wenn man des Wegs nach Canterbury geht,

»Bob auf und nieder unterm Wald« geheißen?

Dort war’s, wo unser Wirth mit Possenreißen

Begann und sprach: »Bleibt Hans im Drecke stecken?

Will Niemand unsern Freund dahinten wecken;

Und es für Lohn und gute Worte hindern,

Daß etwa Diebe binden ihn und plündern?

Seht, wie er nickt! – Potzknochen! – Seht, vom Pferde

Fällt auf der Stelle sicher er zur Erde!

Ist das ein Koch von London? – Schwerenoth!

Führt ihn mir vor, er weiß schon, was ihm droht!

Erzählen soll er etwas – meiner Treu! –

Ist es auch werthlos wie ein Bündel Heu!

Ei, Koch, wach’ auf! Daß Dich der Herrgott plage!

Weßwegen schläfst Du nur am hellen Tage?

Bist Du betrunken? – Setzten Nachts die Flöhe

Und Huren Dir so zu, daß in die Höhe

Du Deinen Kopf nicht halten kannst? – Sag’ an!«

Mehr bleich als roth im Angesicht begann

Der Koch zum Wirth: »So Gott mir Heil gewähre!

Mich überkam, ich weiß nicht welche Schwere;

Und schenkte man vom besten Cheper Wein

Mir einen Eimer, lieber schlief ich ein.«

»Nun« – sprach der Tafelmeister – »wenn die Last

Es Dir erleichtert und es Jedem paßt

Von der Gesellschaft und der Gastwirth hier

Es höflichst zuläßt, mein Herr Koch, sei Dir

Für dieses Mal erlassen die Geschichte.

Sehr blaß bist – meiner Treu! – Du im Gesichte.

Dir flimmert’s vor den Augen, wie mich dünkt,

Und sicher weiß ich, daß Dein Athem stinkt;

Und das verräth, Dir sei nicht wohl zu Sinn.

Drum laß ich Dich in Ruhe. – Doch, schaut hin!

Wie gähnt – o seht! – der trunkene Geselle,

Als wollt’ er uns verschlingen auf der Stelle?

Bei Deines Vaters Sippe, schließ den Mund!

Da steck’ der Teufel aus dem Höllenschlund

Die Füße drin! – Dein Pesthauch macht uns krank!

Pfui, stinkend Schwein! schlimm fahre lebenslang!

Ihr Herr’n, bleibt diesem lust’gen Mann vom Leibe!

Nun – willst Du stechen nach der Flatterscheibe?

Dazu scheinst Du mir wie gemacht zu sein.

Du trankst – ich glaube – zu viel Affenwein;

Nach diesem Stoff treibt jeder Kinderpossen!«

Der Koch, dem diese Reden höchst verdrossen,

Gab einen Wink – da seine Zunge stockte –

Dem Tafelmeister – als die Mähre bockte

Und hülflos er zu Boden niederschlug.

Dies war des Koches lust’ger Ritterzug.

Ach, hätt’ er nur am Küchenlöffel doch

Sich festgehalten! – Denn, bevor den Koch

Man in den Sattel hob, gab’s Müh’ und Last.

Man schob den blassen, ungefügen Gast

So lange hin und her mit Weh und Ach,

Bis unser Wirth zum Tafelmeister sprach:

»Da dieser Mann von seiner Trunkenheit

So übermannt ist, wird – auf Seligkeit! –

Was er erzählt, auch pöbelhaft nur sein.

Ob altes, schales Bier er, oder Wein

Getrunken hat, gilt mir ganz gleich. – Er pustet

Und spricht durch seine Nase, niest und hustet,

Und wird genug damit zu schaffen haben,

Auf seinem Gaul zu sitzen, statt im Graben.

Und fällt er uns noch öfters von dem Pferde,

So haben wir die Last und die Beschwerde,

Den trunk’nen Leichnam wieder aufzuheben.

Drum rede Du! – ihn hab’ ich aufgegeben.

Doch überpfiffig war es von Dir nicht,

Sein Laster ihm so grade vors Gesicht

Zu halten. Später mag es ihm gelingen,

Dich zur Vergeltung auf den Leim zu bringen.

Ich meine – wenn er etwa sprechen wollte

Von Deiner Rechnung, und man finden sollte,

Du wärst in Kleinigkeiten nicht ganz ehrlich?«

»Nun, freilich diese Schlinge wär’ gefährlich«

– Der Tafelmeister sprach – »und für mich faul!

Bezahlen wollt’ ich lieber seinen Gaul,

Auf dem er sitzt, eh’ ich mit ihm krakeele;

Ich will ihn nicht mehr reizen – meiner Seele!

Nur Scherz war Alles, was ich sprach und trieb!

Und wißt Ihr was? Ein Schlückchen Wein verblieb

Im Kürbiß hier, und zwar aus reifen Trauben.

Paßt auf! jetzt will ich mir den Spaß erlauben,

Davon zu trinken diesem Koch zu geben,

Und sagt er nein, so büß’ ich’s mit dem Leben.«

Und so geschah es wirklich – auf mein Wort!

Ach! aus der Flasche trank der Koch sofort,

Als hätt’ er sich noch nicht genug bezecht,

Und in sein Horn blies er, fürwahr, nicht schlecht;

Und nach dem Trunke wunderfroh zu Sinn,

Gab er die Kürbißflasche wieder hin,

Und sprach, so gut er konnte, seinen Dank.

Der Gastwirth lachte sich vor Lust halb krank,

Und sprach: »Nothwendig ist es, wie ich denke,

Mit uns zu führen solch ein gut Getränke,

Denn dadurch wird manch Uebel abgewendet,

Weil Haß und Groll in Lieb’ und Eintracht endet.

O, Bachus, Bachus! hoch sei’st Du verehrt!

Dem Gotte, der den Ernst in Spaß verkehrt,

Laßt uns stets Dank und Ehrerbietung spenden!

Doch mit der Sache will ich nunmehr enden.

Herr Tafelmeister, jetzt kommt zur Geschichte!«

»Schon gut« – sprach dieser – »hört, was ich berichte.«

Die Erzählung des Tafelmeisters.

Vers 17054–17311.

Als Phöbus hier auf Erden hat geweilt,

War, wie in alten Büchern mitgetheilt,

Kein bess’rer Bogenschütze ringsumher,

Und kein vergnügterer Gesell, als er.

Die Schlange Python schlug er einstmals nieder,

Als in der Sonne schlafen lag die Hyder,

Und manche Heldenthat ward mit dem Bogen

Von ihm noch, wie man lesen kann, vollzogen.

In jeder Spielmannskunst und im Gesange

War er erfahren, und dem hellen Klange

Von seiner Stimme lauschte Jeder gern.

Selbst von Amphion, Thebens Königsherrn,

Der durch sein Singen jene Stadt umwallte,

Ward nie gesungen, wie sein Lied erschallte.

Ein Mann von edlerm Anstand und Betragen

Lebt nicht, noch lebte seit den Schöpfungstagen.

Was soll sein Aeuß’res lang beschrieben werden?

An Schönheit glich ihm Keiner rings auf Erden;

Und dabei war er die Vollkommenheit

An Ehre, Zartgefühl und Würdigkeit.

Auch führte Phöbus, diese Zier und Blume

An Kraft und Freimuth rings im Ritterthume,

Zur Kurzweil und zum Zeichen seiner Glorie,

Weil er den Python schlug – sagt die Historie –

In seiner Hand beständig einen Bogen.

Von ihm war eine Krähe aufgezogen,

Die er zu Haus in einem Käfig nährte,

Und auch zu sprechen, wie die Elstern lehrte.

Weiß war die Krähe, gleich dem Schwan schneeweiß,

Und machte von den Leuten auf Geheiß

Den Ton und Klang der Stimme täuschend nach;

Auch konnte von ihr hunderttausendfach

Im Singen jede Nachtigall auf Erden

An Schmelz und Wohlklang übertroffen werden.

Nun hatte Phöbus auch daheim ein Weib,

Für welches freudig Leben er und Leib

Geopfert hätte. Er war Tag und Nacht

Auf ihre Lust und Ehre nur bedacht.

Doch war er, wie ich nicht verschweigen darf,

Voll Eifersucht, und pflegte daher scharf

Aus Furcht vor Hörnern sie zu überwachen,

Wie’s Männer oft in gleicher Lage machen.

Es hilft zu Nichts. Umsonst ist ihr Beginnen.

Ein gutes Weib von reinem Thun und Sinnen

Braucht nicht bewacht zu werden, das ist klar.

Dagegen wird die Arbeit offenbar

Verschwendet bei dem bösen Frauenzimmer.

Und d’rum halt’ ich’s für reine Thorheit immer,

Ein Weib zu hüten. Denn vergebens bleiben

Wird alle Müh’ – wie die Gelehrten schreiben.

Doch laßt zur Sache mich zurück nun kehren.

In jeder Hinsicht suchte sie zu ehren

Der würd’ge Phöbus, der sich männlich klug

Und stets gefällig gegen sie betrug,

Damit kein Andrer ihre Gunst ihm raube.

Jedoch kann Niemand – wie, bei Gott, ich glaube –

Das jemals ändern, was von der Natur

Selbst eingepflanzt ward einer Kreatur.

Setzt einen Vogel in den Käfig man,

Und wendet allen Fleiß und Eifer an,

Ihn liebevoll zu füttern und zu tränken

Mit allen Leckerei’n, die zu erdenken,

Hält man ihn mit der größten Sorgfalt rein,

Mag noch so schön sein gold’ner Käfig sein,

Wird doch zehntausendmal so gern im Wald

Der Vogel, sei’s auch noch so rauh und kalt,

Von Würmern und von Ungeziefer leben;

Und durch Instinkt wird er sich stets bestreben,

Sobald er kann, dem Käfig zu entflieh’n;

Denn Freiheit bleibt der höchste Wunsch für ihn.

Nehmt eine Katze, nährt sie noch so reich

Mit Milch und zartem Fleisch, macht seidenweich

Ihr Lager – und dann zeigt ihr eine Maus,

Sofort ist Milch und Fleisch und was im Haus

Es sonst an Leckerbissen giebt, vergessen

Aus Gier und Sehnsucht, diese Maus zu fressen.

Seht, unsre Neigung hat die Oberhand,

Und unsre Lust bewältigt den Verstand.

So wird von einer Wölfin von Natur

Der schlechteste, gemeinste Wolf, der nur

Zu finden ist, zum Gatten angenommen,

Ist über sie die Zeit der Brunst gekommen.

All’ diese Beispiele betreffen Herr’n,

Die treulos sind, nicht Damen, insofern

Ein Mann mit viel mehr Gier und Appetit

Den Lustact mit gemeinem Pack vollzieht,

Als mit der eignen Gattin, einerlei

Wie schön, wie gut, wie freundlich sie auch sei.

Ach! schlimmer Weise liebt das Fleisch so sehr

Den Wechsel, daß uns kein Vergnügen mehr,

Wenn es nach Tugend schmeckt, zu munden pflegt.

Trug hatte Phöbus nie im Sinn gehegt;

Und doch trotz aller seiner Zärtlichkeiten

Betrog sein Weib ihn, das sich einen zweiten

Geliebten hielt, der sich an Werth indessen

Wohl schwerlich je mit Phöbus konnte messen.

Nun, um so schlimmer! doch geschieht es, ach!

Nur allzu oft, und Leid und Weh folgt nach.

So kam’s, daß, wenn den Rücken Phöbus wandte,

Sein Weib sofort zu ihrem Buhlen sandte.

Zum Buhlen? – Pfui! Der Ausdruck ist nicht Sitte!

Verzeiht mir gütigst dieses Wort, ich bitte.

In Einklang steh’n muß Wort und Thun – so sprach

Der weise Plato – lest es selber nach.

Will man genau erzählen, darf allein

Das Wort der Vetter von der That nur sein.

Ich geb’ es zu, ich bin ein grober Mann,

Doch keinen Unterschied, auf Ehre, kann

Ich zwischen einem Weib aus hohem Stande,

Das ihren Körper überläßt der Schande,

Und einer armen Dirne, deren Sünden

Die gleichen sind, als etwa diesen finden:

Ist man von edler Abkunft heißt der Name

Für solche Frau’n Geliebte oder Dame;

Dagegen wird ein Weib aus niederm Stand

Beischläferin und Hure nur genannt.

Doch, lieber Freund, beim Gott im Himmelreich!

Das eine wie das andre bleibt sich gleich.

So sind ein unrechtmäßiger Tyrann,

Ein Räuber oder vogelfreier Mann

Nur dadurch unterschieden von einander

– Wie vorgehalten ward dem Alexander –

Daß den Tyrannen, dem Gewalt geworden,

Durch Heeresmacht die Leute zu ermorden

Und rings umher zu plündern und zu brennen,

Wir einen Feldherrn dieserhalb benennen;

Indeß der Führer einer kleinen Bande,

Der weniger gefährlich einem Lande

Und harmloser als jener sich erweist,

Man einen Räuber und Banditen heißt.

Doch ich bin kein citatereicher Mann,

Und führe drum kein weit’res Beispiel an,

Nein, halte mich an der Erzählung Faden.

Als Phöbus’ Weib den Buhlen eingeladen,

Begann auch bald der lust’ge Liebesspaß.

Die weiße Krähe, die im Käfig saß,

Sah ihrem Treiben zu und sprach kein Wort.

Jedoch, als Phöbus eintrat, sang sofort

Die Krähe laut: »Kucku, Kucku, Kucku!«

»Was?« – fragte Phöbus – »Vogel, was sagst Du?

Sonst tönte stets so lieblich Dein Gesang,

Daß Wonne mir das ganze Herz durchdrang,

Wenn ich Dich hörte. – Ach! was singst Du jetzt?«

Und von dem Vogel ward darauf versetzt:

»Nichts Falsches sing’ ich, Phöbus; Gott verhüte!

Indeß trotz Deiner Schönheit, Würde, Güte,

Trotz Deiner Freundlichkeit, trotz Deiner Kunst

In Spiel und Sang, entwandte Dir die Gunst

Von Deinem Weib ein ganz gemeiner Mann,

Der sich mit Dir durchaus nicht messen kann,

Denn er ist wahrlich keine Fliege werth;

Und doch im Bett hat er Dein Weib entehrt.«

Was wollt Ihr mehr? Durch manches kühne Wort,

Durch manches ernste Zeichen gab sofort

Der Vogel kund, wie sich sein Weib befleckte,

Und schamlos ihn mit Schimpf und Schmach bedeckte.

»Ich sah es selbst« rief wiederholt die Krähe.

Das Herz zu brechen schien vor Leid und Wehe

Dem armen Phöbus, der sich seitwärts wendend,

Den Bogen spannt und einen Pfeil entsendend,

In seinem Zorn das falsche Weib erschlug.

So war der Schluß und damit sei’s genug.

In seinem Jammer er in Stücke haute

Den Psalter nebst Ginterne, Harfe, Laute,

Die Pfeile sammt dem Bogen er zerbrach;

Worauf zum Vogel er die Worte sprach:

»Scorpionenzunge und Verrätherin!

Du stießest mich ins Elend! Warum bin

Ich auf der Welt? was athmet noch die Brust?

O, theures Weib, Du Kleinod meiner Lust,

So ernsten Sinnes und so treu zugleich,

Jetzt liegst Du todt am Boden, starr und bleich!

Und trägst – ich möchte schwören – keine Schuld!

O, Frevelthat! o, Hand voll Ungeduld,

O, hirnverbrannter, zorn’ger Narre du,

Was schlägst du jählings auf die Unschuld zu?!

O, Zweifelmuth voll Argwohn und Verdacht,

Wie ward um Witz ich und Verstand gebracht?!

O, hüte Jeder sich vor blinder Hast!

Verlangt Beweis, bevor Ihr Glauben faßt;

Schlagt nicht gleich zu, bevor Ihr wißt, weßwegen?

Nehmt willig Rath an, lernt zu überlegen,

Und zwar zuvor, eh’ Ihr in Zorn und Wuth

Aus falschem Argwohn Uebereiltes thut.

Ach! tausend Leute sind vom Zorn verblendet,

In Schmutz gesunken und darin verendet.

Ach! tödten möcht ich mich vor Gram und Wehe!

O, falsche Diebin!« – sprach er zu der Krähe –

»Dir soll die Falschheit nun vergolten werden!

Wie Du sang keine Nachtigall auf Erden;

Von nun an sei Dir Dein Gesang genommen,

Um Deine weißen Federn sollst Du kommen,

Und lebenslang kein einz’ges Wort mehr sprechen.

So soll ein Mann sich am Verräther rächen!

Sammt Deiner Brut sei schwarz für alle Zeit!

Statt süß zu singen, krächzt fortan und schreit

In Sturm und Regen, daß ein Zeichen bleibe,

Du trugst die Schuld am Tod von meinem Weibe!«

Und damit stürzt’ er auf die Krähe nieder,

Rupft’ ihr vom Leib das weiße Glanzgefieder,

Färbt kohlenschwarz die Federn und entreißt

Ihr Sprache und Gesang zugleich und schmeißt

Sie aus der Thür dem Teufel zu als Beute.

Und schwarz deswegen sind die Kräh’n noch heute.

Ihr Herr’n, ich bitte, nehmt ein Beispiel dran.

Behalte, was ich sagte, Jedermann.

Erzählt im ganzen Leben nie den Leuten,

Wenn Andre sich mit ihren Frau’n erfreuten;

Sonst habt Ihr schwer an ihrem Haß zu tragen.

Seht! Salamo und andre Weise sagen:

Die Zunge lehret Jeden zu regieren.

Doch – wie gesagt – ich mag nicht gern citiren;

Indeß mich lehrte die Frau Mutter immer:

»Mein Sohn, bei Gott, vergiß die Krähe nimmer!

Mein Sohn in Obacht Freund und Zunge nimm!

Kein Teufel ist wie dieses Glied so schlimm.

Mein Sohn, vorm Satan durch Gebet Dich hüte!

Mein Sohn, die Zunge hat in seiner Güte

Mit Zähnen und mit Lippen Gott umschränkt,

Damit sein Wort der Mensch zuvor bedenkt.

Mein Sohn, gar Manchen in den Tod getrieben

Hat vieles Schwatzen – wie Gelehrte schrieben.

Doch wenn man wenig und bedächtig spricht,

So schadet es im Allgemeinen nicht.

Mein Sohn, die Zunge laß behutsam sein

Zu jeder Zeit und brauche sie allein

Zu Gott zu beten und ihn zu verehren.

Die erste Tugend ist – laß Dich belehren

Sich vor Geschwätz zu hüten und zu wahren;

Das lehrt man Kindern schon in jungen Jahren.

Mein Sohn, zu vieles unbedachtes Reden,

Wo weniges genügt, hat einem Jeden

– Wie mir gelehrt ward – nichts als Harm gebracht.

Es sündigt leicht, wer viele Worte macht.

Weißt Du, wohin uns führt die böse Zunge?

Gleich wie das scharfe Schwert in raschem Schwunge

Den Arm durchschneidet, ebenso, mein Sohn,

Durchschnitt die Zunge manche Freundschaft schon.

Verhaßt vor Gott sind Schwätzer stets gewesen.

Du magst den weisen Salamo nur lesen,

Die Psalmen Davids und den Seneka.

Drum schweig’, mein Sohn, und nicke Nein und Ja

Mit Deinem Kopf, als hörtest Du beschwerlich,

Erscheint Dir, was ein Schwätzer spricht, gefährlich.

Auf vlämisch sagt man – das behalte Du! –

Wer wenig schwatzt, genießt die meiste Ruh’.

Mein Sohn, hast Du kein böses Wort gesagt,

Wirst Du von Furcht nicht vor Verrath geplagt.

Doch wer sein Wort mißbraucht, macht nimmerdar

Das ungesprochen, was gesprochen war.

Ein Wort bleibt Wort und geht in alle Winde,

Wie sehr man Gram und Scham darob empfinde.

Wer etwas weiterschwatzt, macht sich zum Knecht

Des Hörers, und vergolten wird’s ihm schlecht.

Mein Sohn, versuche niemals Neuigkeiten,

Ob wahre oder falsche, zu verbreiten.

Bei Reich und Arm, wohin Dein Weg auch gehe,

Halt’ Deinen Mund – und denke an die Krähe!«

Der Prolog des Pfarrers.

Vers 17322–17385.

Als die Geschichte hier zu Ende lief,

War unterm Meridian bereits so tief

Die Sonne, daß sie scheinbar überm Rand

Der Erde neunundzwanzig Grade stand.

Nach meiner Schätzung war’s vier Uhr daher;

Denn elf Fuß Länge, minder oder mehr,

Erreichte schon mein Schatten mittlerweile

– Von solchen Füßen, wenn man in sechs Theile

Den Leib zerlegt nach gleicher Proportion. –

Der Mond war nahe der Exaltation

Bis mitten in die Wage fortgeglitten,

Als eines Dorfes Ende wir durchritten;

Und wieder führte, wie gebräuchlich war,

Der Wirth auch diesmal unsre lust’ge Schaar,

Und sprach: »Gesammte hohe Herr’n, ich meine,

Es fehlt uns an Geschichten nur noch eine.

Erfüllt ist mein Erlaß und mein Geheiß,

Erzählt hat, denk’ ich, Jeder hier im Kreis.

Beinah zu Ende führt’ ich die Geschäfte;

Nun schenke Gott dem letzten Redner Kräfte,

Daß uns ein lust’ger Vortrag noch erfreue!

Herr Priester!« – rief er – »sag’ auf Wort und Treue,

Bist Du Vicarius, Pfarrer oder was?

Sei, was Du seist, verdirb uns nicht den Spaß!

Denn außer Dir sprach Jeder; drum frisch zu,

Schnall’ auf und zeig’, was hast im Schnappsack Du?

Fürwahr, ich denke, Du kannst mit Geschick

Das Schwerste lösen; dafür bürgt Dein Blick.

Pottsknochen! trag’ uns eine Fabel vor!«

»Mit Fabeln« – fuhr der Pfarrer rasch empor –

»Werd’ ich Euch sicher nicht die Zeit vertreiben.

Es warnte Paulus schon in seinem Schreiben

An den Thimotheus vor Unwahrheiten,

Vor Fabelei’n und solchen Schlechtigkeiten.

Wie? soll ich Unkraut streu’n mit meiner Hand,

Wenn Weizen ich zu säen bin im Stand?

Doch, wenn Ihr wünscht, so will ich gern berichten

Euch Tugendmähren und Moralgeschichten,

Und Euch Vergnügen durch erlaubte Sachen,

Soweit ich kann, zu Ehren Christi machen,

Falls Ihr ein gütiges Gehör mir schenkt.

Doch aus dem Süden stamm’ ich, das bedenkt.

Im Rumm, Ramm, Ruff bin ich zu Haus mit nichten

Und kann, weiß Gott, auch keine Reime dichten,

Noch glänzend reden. Soll ich drum erzählen,

Muß ich ein kleines Prosastück mir wählen,

Um unser Fest zu schließen und zu enden.

Mög’ Jesu Gnade mir Verständniß senden,

Damit ich auf den rechten Pfad Euch weise

Der herrlich hocherhab’nen Pilgerreise

Zum himmlischen Jerusalem empor.

Verstattet Ihr’s, so trag’ ich es Euch vor

Im Augenblick. Entscheidet nach Behagen;

Ich bitte drum; nichts Bess’res kann ich sagen.

Doch die Betrachtung unterstell’ ich gern

Den Korrekturen schriftgelehrter Herr’n.

Denn wörtlich nach dem Text erzähl’ ich nicht,

Obwohl es, glaubt mir, seinem Sinn entspricht.

Und drum erklär’ ich frei und offen Allen,

Gern laß ich Korrekturen mir gefallen.«

Wir stimmten gleich nach diesem Wort ihm bei,

Denn uns schien klar, daß seine Absicht sei,

Mit irgend einen Tugendspruch zu enden,

Und unsre Hörerschaft auf sich zu wenden.

Drum ließen wir durch unsern Wirth ihm sagen,

Wir bäten ihn, gefälligst vorzutragen.

Gleich sprach der Wirth im Auftrag von uns Allen:

»Glück zu, Herr Priester! Wählt Euch zu Gefallen

Den Stoff. Wir lauschen Alle mit Vergnügen.«

Und drauf begann er noch hinzuzufügen:

»Fangt an, uns die Betrachtung mitzutheilen.

Tief steht die Sonne. Ihr müßt Euch beeilen.

Drum macht es kurz; und daß es fruchtbar sei

Und nütze, steh’ Euch Gott in Gnaden bei.«

Die Erzählung des Pfarrers.

Unser lieber Herrgott im Himmel, welcher will, daß Niemand untergehen solle, sondern daß wir Alle zu seiner Erkenntniß gelangen und zum segensreichen Leben, welches ewig ist, ermahnt uns durch den Propheten Jeremias und spricht in dieser Weise: Stehet auf den Gassen und schauet und fraget nach den vorigen Wegen – das heißt den alten Bibelsprüchen – welches der gute Weg sei, und wandelt darinnen, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Viele sind der geistlichen Wege, welche das Volk zu unserm Herrn Jesus Christus führen und zum Reiche der Herrlichkeit. Unter diesen Wegen giebt es einen höchst edlen und vortrefflichen, der keinem Manne und keinem Weibe ermangeln kann, welche durch Sünde von dem rechten Pfade zum himmlischen Jerusalem abgewichen sind. Und dieser Weg heißt: die Buße; nach welchem Jedermann sich freudig umhören und von ganzem Herzen fragen sollte, um zu erfahren, was Buße sei, weßhalb sie Buße heiße, wie viele Handlungen und Werke der Buße es gebe, und in wie viele Gattungen die Buße zerfalle, was zur Buße nothwendig und unerläßlich sei, und was die Buße hindere. – St. Ambrosius sagt: Die Buße ist der Jammer eines Mannes über die Schuld, welche er auf sich geladen hat, und der Entschluß, nichts mehr zu thun, was ihm gereuen könnte. Und ein Doctor sagt: Buße ist das Wehgeschrei eines Mannes, der über seine Sünde bekümmert ist und sich mit Sorgen quält um das, was er gethan hat. Buße ist, umständlicher angegeben, die wahre Reue eines Mannes, den seine Sünde leid und peinlich ist; und um daher wahrhaft bußfertig zu sein, muß er zunächst die Sünde beklagen, welche er begangen hat und im Herzen den festen Vorsatz fassen, sie zu beichten und zu sühnen und niemals etwas wieder zu thun, was er zu beweinen und zu beklagen hat, und stets in guten Werken zu beharren; denn sonst kann seine Reue ihm nichts nützen. St. Isidorus sagt: Der ist ein Schwätzer und ein Plapperer und nicht wahrhaft bußfertig, der wiederholt das thut, was er bereuen muß. Weinen und doch nicht von der Sünde lassen, hilft zu nichts. Indeß der Mensch soll immer hoffen, daß, wenn er fällt, und sei es noch so oft, er sich durch Buße wieder erheben kann, sofern er Gnade findet; doch dieses ist gewiß höchst zweifelhaft. Denn, wie St. Gregorius sagt: Nicht leicht erhebt sich aus der Sünde, wem der Vorwurf böser Angewohnheit trifft. Und darum hält die heilige Kirche reuige Leute, welche aufhören zu sündigen und von der Sünde lassen, oder von denen die Sünde läßt, ihres Seelenheils sicher. Und bei dem, welcher sündigt, aber an seinem letzten Tage aufrichtig bereut, hegt auch die heilige Kirche noch Hoffnung auf Rettung seiner Reue wegen durch die große Gnade unseres Herrn, Jesu Christi.

Aber nehmt Ihr den sichern und den zuverlässigen Weg! Und, nachdem ich Euch nun erklärt habe, was Buße ist, sollt Ihr verstehen, daß es drei Handlungen der Buße giebt.

Die erste ist: daß ein Mann getauft wird, nachdem er gesündigt hat. St. Augustinus sagt: Nur wer sein altes, sündenvolles Leben bereut, kann ein neues, reines Leben beginnen; denn, wenn er ohne Reue über seine Schuld getauft wird, so ist es sicher, daß er zwar das Zeichen der Taufe empfängt, aber nicht ihre Gnade, nach Vergebung der Sünden, bevor er nicht wahrhaftige Reue empfunden hat. Ein andrer Mißstand ist, daß Leute Todsünden begehen, nachdem sie die Taufe empfangen haben. Der dritte Mißstand ist, daß Menschen nach ihrer Taufe täglich in läßliche Sünden fallen. Hierüber sagt St. Augustin: Die Buße demüthiger und guter Leute ist eine tägliche Buße.

An Gattungen der Buße giebt es drei. Die eine ist: feierlich; die andere: allgemein; und die dritte: heimlich.

Diejenige Buße, welche feierlich ist, zerfällt in zwei Arten.

Wie in den Fasten aus der Kirche verwiesen zu werden für Kindesmord und derartige Sachen. Eine andere ist, wenn ein Mann öffentlich gesündigt hat und seine Schuld im Lande öffentlich ruchbar geworden ist; dann zwingt ihn die heilige Kirche durch ihr Urtheil, dafür auch öffentliche Buße zu thun. Allgemeine Buße ist, daß die Priester in gewissen Fällen den Menschen auferlegen, beispielsweise nackend oder barfuß auf Pilgerfahrt zu gehen. Heimliche Buße ist die, so alle Menschen täglich für ihre heimlichen Sünden thun, die wir nur heimlich bekennen, und dafür heimliche Buße auferlegt erhalten.

Nun sollst Du lernen, was unerläßlich, nothwendig und dienlich für jede vollkommene Buße ist. Und dieses beruht auf drei Dingen: Zerknirschung des Herzens, Beichte des Mundes und Sühne. Deshalb sagt St. Johannes Chrysostomus: Buße bewegt den Mann, gutwillig jede Strafe anzunehmen, die ihm auferlegt wird, mit zerknirschtem Herzen, durch Beichte seines Mundes, durch Sühne und Vollbringung aller Werke der Demuth. Und dies ist die fruchtbringende Buße für jene drei Dinge, durch welche wir unsern Herrn Jesus Christus kränken, nämlich durch Sünde in Gedanken, im sorgenlosen Reden und im bösen Thun. Und in Bezug auf diese drei Sünden kann man die Buße einem Baume vergleichen. Die Wurzel des Baumes ist Zerknirschung, die im Herzen desjenigen ruht, der wahrhaft reuig ist, wie die Wurzel des Baumes in der Erde. Aus dieser Wurzel der Zerknirschung springt ein Stamm, der die Aeste und Blätter der Beichte und die Früchte der Sühne trägt. Von welchen Christus in seinem Evangelium spricht: Thut rechtschaffene Früchte der Buße; denn durch diese Früchte kann man den Baum nur unterscheiden und erkennen, nicht an der Wurzel, welche im Herzen des Menschen verborgen ist, nicht bei den Zweigen und Blättern der Beichte. Darum sagt unser Herr, Jesus Christ: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Aus dieser Wurzel springt auch der Samen der Gnade empor, welcher die Mutter des Heils ist und dieser Samen ist thätig und heiß. Die Gnade dieses Samens kommt von Gott durch die Erinnerung an den Tag des Gerichtes und die Strafen der Hölle. Hierüber sagt Salamo: daß aus Furcht vor Gott der Mensch seine Sünde verlasse. Die Hitze dieses Samens ist die Gottesliebe und das Verlangen nach ewiger Seligkeit. Diese Hitze zieht das Menschenherz zu Gott und macht ihm die Sünde verhaßt. Gewiß, nichts giebt es, was dem Kinde so gut schmeckt, als die Milch seiner Amme, aber nichts ist ihm mehr zuwider als die Milch, wenn ihm andere Nahrung gereicht wird. Gerade so erscheint dem Sünder die Sünde, welche er liebt, als das süßeste aller Dinge; doch sobald er ernstlich unserm Herrn Jesum Christum liebt und nach dem ewigen Leben verlangt, so giebt es nichts, was er mehr verabscheut. Denn, fürwahr, das Gesetz Gottes ist die Liebe Gottes. Deshalb sagt David, der Prophet: Ich halte die Wege meines Herrn und bin nicht gottlos wider meinen Gott. Wer Gott liebt, hält seine Gebote und sein Wort. Diesen Baum sah der Prophet Daniel im Geiste beim Traumgesicht des Nebukadnezars, als er ihm rieth, Buße zu thun.

Buße ist der Baum des Lebens für die, so sie thun, und derjenige, der wahrhaft bußfertig ist, empfängt Segen nach dem Spruch des Salamo.

Bei dieser Buße oder Zerknirschung sind vier Sachen zu unterscheiden. Nämlich, was Zerknirschung heißt, welches die Ursachen sind, die uns zur Zerknirschung bringen, wie die Zerknirschung beschaffen sein soll und in welcher Art sie der Seele nützt. Nun aber steht es so, daß Zerknirschung der aufrichtige Kummer ist, welchen man im Herzen für seine Sünden fühlt mit dem ernsten Vorsatz zu beichten, zu büßen und niemals wieder zu sündigen. Und wie St. Bernhard sagt, soll dieser Kummer also beschaffen sein: er soll schwer, schmerzlich, scharf und schneidend sein. Erstens: weil der Mensch sich gegen seinen Herrn und Schöpfer vergangen hat; schärfer und stechender, weil er gegen seinen Vater im Himmel gesündigt hat; noch weit schärfer und stechender, weil er schuldbeladen und sündig vor dem ist, welcher uns durch sein kostbares Blut von den Banden der Sünde, von der Grausamkeit des Teufels und von den Qualen der Hölle losgekauft hat.

Die Gründe, welche einen Mann zur Zerknirschung bewegen sollen, sind sechsfacher Art. Zunächst soll der Mensch seiner Sünden eingedenk sein. Aber er sehe sich wohl vor, daß diese Erinnerung für ihn in keiner Weise ein Vergnügen, sondern große Scham und Sorge ob seiner Sünden sei. Denn Hiob sagt: Wer Sünde thut, soll seine Schuld bekennen. Und deßhalb sagt Hesekiel: Ich will mit Bitterkeit im Herzen mich aller Jahre meines Lebens erinnern. Und Gott sagt in der Apokalypse: Bedenket, wovon ihr gefallen seid. Denn ehe ihr sündigtet, waret ihr die Kinder Gottes und Glieder seines Reiches; aber durch eure Sünde seid ihr faule Knechte geworden, Glieder des Teufels, Verächter der Engel, Spötter der heiligen Kirche, Speise für die falsche Schlange und Brennstoff für das höllische Feuer. Ja, noch fauler und abscheulicher, denn ihr kehrt zur Sünde zurück, wie der Hund zu seinem Ausgespeiten, und weit fauler noch durch euer langes Verharren in der Sünde und lasterhafte Gewohnheit, durch welche ihr in Sünden verfault, wie das Vieh in seinem eigenen Miste.

Solche Gedanken machen den Menschen wegen seiner Sünde beschämt und nicht erfreut, wie Gott sagt durch den Propheten Hesekiel: Ihr werdet eurer Wege gedenken und sie werden euch mißfallen. Gewiß, die Sünde ist der Weg, welcher den Menschen zur Hölle führt.

Der zweite Grund, welcher den Menschen bewegen sollte, Abscheu vor der Sünde zu haben, ist dieser, daß – wie St. Petrus sagt –derjenige, welcher Sünde thut, sich zum Knechte des Verderbens macht; denn Sünde bringt den Mann in große Knechtschaft. Und daher sagt der Prophet Hesekiel: ich ward betrübt und hatte Abscheu vor mir selber. Fürwahr, mit Recht sollte ein Mann die Sünde verabscheuen und sich von jener Knechtschaft und Missethat frei machen. Und seht, was Seneka über diesen Gegenstand sagt. Er spricht: Ob ich auch wüßte, daß weder Gott noch Menschen es je erführen, so würde ich doch verschmähen, zu sündigen. Und derselbe Seneka sagt auch: Ich bin zu größeren Dingen geboren, als der Sclave meines Körpers zu sein und meinen Körper zum Sclaven zu machen. Und keinen schlimmeren Sclaven kann Mann oder Weib aus dem Körper machen, als wenn sie denselben der Sünde überlassen. Wäre es auch der gemeinste Kerl und das gemeinste Weib von geringstem Werthe, sie werden dennoch in schlimmerer Lage und größerer Knechtschaft sein. Je höher der Rang ist, von welchem der Mensch herabfällt, um so mehr wird er immer Knecht und vor Gott und der Welt niederträchtig und verächtlich sein. O, guter Gott! wohl sollte der Mensch Abscheu vor der Sünde hegen, denn aus einem Freien macht sie ihn zum Sclaven. Und daher sagt St. Augustin: Wenn du den Knecht verachtest, weil er sich vergeht oder sündigt, dann fühle auch selber Abscheu, Sünden zu begehen. Denke an den eignen Werth, daß du nicht verächtlich vor dir selbst seist! Ach! wohl sollten die, so sich zu Knechten und Sclaven der Sünde nicht hergeben wollen, welche Gott in seiner endlosen Güte so hoch gestellt, denen er Witz, Körperkraft, Gesundheit, Schönheit und Wohlstand gegeben, und die er vom Tode mit seinem Herzblut erkauft hat, sich vor sich selber schämen, daß sie ihm seine Güte durch so schmählichen Undank lohnen, indem sie ihre eigene Seele abschlachten. O, guter Gott! ihr Weiber, die ihr so schön seid, denkt an den Spruch Salamos, welcher ein schönes Weib, welches eine Närrin ihres eigenen Leibes ist, mit einem Goldringe vergleicht, so in der Nase einer Sau getragen wird. Denn, wie die Sau sich in jeder Pfütze wälzt, so wälzt sie auch ihre Schönheit in dem stinkenden Schlamme der Sünde.

Der dritte Grund, welcher einen Menschen zur Zerknirschung bewegen sollte, ist die Furcht vor dem Tage des Gerichts und den gräßlichen Strafen der Hölle. Denn St. Hieronymus sagt: Jedesmal, daß ich an den Tag des Gerichtes denke, bebe ich; denn esse ich, oder trinke ich, oder thue, was ich thue, so deucht mir, die Trompete töne in mein Ohr: Erhebt euch, die ihr todt seid, und kommt vor das Gericht! O, guter Gott! wie sehr sollte man solch ein Gericht fürchten, wo wir alle – wie St. Paul sagt – vor dem gerechten Gerichte unseres Herrn Jesus Christus stehen, wenn er die allgemeine Versammlung hält, wo niemand fehlen darf; denn sicherlich, es giebt keine Ausrede noch Entschuldigung, und nicht nur über unsere Fehler soll Recht gesprochen, sondern auch unsere Werke sollen öffentlich erkannt werden. Und – wie St. Bernhard sagt – dort wird keine Entschuldigung und keine List nützen, denn ihr müßt Rechenschaft geben von jedem unnützen Worte. Dort werden wir einen Richter finden, der nicht zu täuschen und nicht zu bestechen ist; und weßhalb? denn wahrlich alle unsere Gedanken sind ihm bekannt, und weder Bitten, noch Gaben können ihn bestechen. Und deßhalb sagt Salamo: Der Zorn Gottes wird niemanden verschonen um keiner Bitte und um keiner Gabe willen. Und daher ist keine Hoffnung, am Tage des Gerichts zu entfliehen. Deßhalb sagt St. Anselmus: Große Angst wird die Sünder zu dieser Zeit ergreifen. Der ernste und zornige Richter wird oben sitzen und unter ihm öffnet sich der gräßliche Schlund der Hölle, die zu verschlingen, so ihre Sünden nicht bekennen wollen, welche sich öffentlich vor Gott und jeder Kreatur zeigen werden; und zur Linken werden mehr Teufel sein, als irgend ein Herz denken kann, um die sündhaften Seelen in den Höllenschlund zu treiben und zu ziehen, und in den Herzen der Leute wird das beißende Gewissen sein, und sodann wird auch die ganze Welt in Flammen stehen. Wohin soll die elende Seele dann fliehen, um sich zu verbergen? Gewiß sie kann sich nicht verbergen, sie muß hervorkommen und sich zeigen. Denn sicherlich – wie St. Hieronymus sagt: die Erde wird ihn auswerfen und das Meer und die Luft, welche voll Donner und Blitz sein wird. Nun, wahrhaftig, wer sich dieser Dinge erinnern will, dem werden sicherlich seine Sünden keinen Kitzel erregen, sondern schwere Sorge aus Furcht vor den Strafen der Hölle. Und deßhalb sagt Hiob zu Gott: Gestatte, Herr, daß ich eine zeitlang klage und traure, ehe ich hingehe und komme nicht wieder, nämlich ins Land der Finsterniß, wo der Schatten des Todes ist und keine Ordnung herrscht, sondern grausige Furcht ohne Ende. Ja! hier könnt ihr sehen, daß Hiob um einen kurzen Aufschub bat, seine Schuld zu beweinen und zu bejammern; denn wahrlich alle Sorgen, die sich ein Mann seit dem Beginne der Welt je machen konnte, sind nur geringfügige Sachen im Vergleiche zu den Sorgen der Hölle. Versteht es wohl! Der Grund, weßhalb Hiob die Hölle das Land der Dunkelheit nennt, ist dieser. Er nennt sie Land oder Erde, weil sie fest und ständig ist; und dunkel, weil der, so in der Hölle ist, Mangel leidet an dem natürlichen Lichte; denn, wahrlich, das dunkle Licht, das aus dem ewig und immerwährendem Feuer kommt, wird denen Schmerzen verursachen, welche in der Hölle sind, denn es zeigt ihnen die gräulichen Teufel, welche sie quälen. Bedeckt mit der Finsterniß des Todes; das heißt, daß demjenigen, der in der Hölle ist, das Angesicht Gottes fehlt, denn, wahrlich, Gottes Angesicht ist das ewige Leben. Die Dunkelheit des Todes; das sind die Sünden, die der elende Mensch gethan hat, und welche ihn verhindern, das Angesicht Gottes zu schauen, gleich wie eine dunkle Wolke, die zwischen uns und der Sonne steht. Es ist das Land des Unbehagens, weil dort an den drei Dingen Mangel ist, welche die Leute dieser Welt während ihrer Lebenszeit haben, nämlich Ehre, Vergnügen und Reichthum. Anstatt Ehre haben sie in der Hölle Schande und Verderben; denn ihr wißt wohl, daß man Ehre die Hochachtung nennt, welche die Menschen einander erweisen; aber, sicherlich, dort wird dem Könige nicht mehr Hochachtung gezollt als dem Knechte. Deßhalb spricht Gott durch den Propheten Jeremias: die, so mich verachten, werden verachtet sein! Ehre wird gleichfalls große Herrschaft genannt. Dort wird kein Mensch dem andern dienen, denn nur zum Schaden und zur Qual. Ehre wird auch große Würdigkeit und Hoheit genannt; aber in der Hölle wird sie von Teufeln zu Boden getrampelt werden. Wie Gott spricht, werden die gräulichen Teufel auf den Köpfen der Verdammten gehen und einherschreiten, und je höher sie in diesem gegenwärtigen Leben gestanden haben, um desto tiefer werden sie in der Hölle erniedrigt und entehrt werden. Statt der Reichthümer dieser Welt werden sie das Ungemach der Armuth haben, und diese Armuth wird aus vier Dingen bestehen: Mangel an Schätzen, worüber David sagt: die Reichen, welche mit ihren Schätzen hängen und kleben, werden den Schlaf des Todes schlafen, und sie werden von allen ihren Schätzen nichts in ihren Händen finden. Und ferner besteht das Ungemach der Hölle in Mangel an Speise und Trank. Denn Gott spricht so durch Moses: sie werden durch Hunger verzehrt werden, und die Vögel der Hölle werden sie verschlingen zu bitterem Tod, und die Galle des Drachen wird ihr Trunk und das Gift des Drachen wird ihre Speise sein. Und zu noch größerem Ungemach wird ihnen Kleidung fehlen; denn sie werden nackend und ohne Hülle sein außer dem Feuer, in welchem sie brennen, und anderem Kothe; und sie werden nackend im Geiste sein, aller Tugend bar, welche die Kleidung der Seele ist. Wo bleiben da die lustigen Gewänder, die weichen Decken, die feinen Hemden? Seht! was spricht Gott durch den Propheten Jesaias? Unter sie sollen Motten gestreut werden und die Würmer der Hölle sollen ihre Decken sein. Und zu noch größerem Ungemach wird dort Mangel an Freunden sein; denn dort giebt es keinen Freund, denn weder Gott noch irgend ein gutes Geschöpf wird ihr Freund sein, und jeder von ihnen wird mit tödtlichem Hasse den andern hassen. Die Söhne und Töchter werden sich erheben wider ihre Väter und Mütter, Art gegen Art, und sie werden sich gegenseitig beschimpfen und schelten bei Tage und bei Nacht, wie Gott spricht durch den Propheten Micha. Und von den verliebten Kindern, welche ehedem so fleischlich liebten, würde jeder den andern auffressen, wenn er nur könnte. Denn, wie könnten sich in den Qualen der Hölle diejenigen lieben, die sich schon in der Glückseligkeit dieses Lebens gegenseitig haßten? Denn glaubt mir, ihre fleischliche Liebe war tödtlicher Haß. Wie der Prophet David sagt: Wer Schlechtigkeit liebt haßt seine eigene Seele, und wer seine eigene Seele haßt, der kann, fürwahr, einen andern nimmermehr lieben; und deßhalb giebt es in der Hölle keinen Trost und keine Freundschaft, und je näher diejenigen, so in der Hölle wohnen, mit einander verwandt sind, desto mehr wird auch des gegenseitigen Fluchens, Scheltens und tödtlichen Hasses sein. Und außerdem werden sie Mangel an Vergnügungen haben; denn, wahrlich, Vergnügungen entspringen den fünf Sinnen, wie Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Aber in der Hölle wird ihr Gesicht voll Dunkelheit und Rauch sein und ihre Augen voller Thränen; ihr Gehör voller Heulen und Zähneklappern, wie Jesus Christ sagt; und ihre Nasenlöcher werden voll Gestank sein; und ihr Geschmack – wie der Prophet Jesais sagt – wird bittere Galle sein; und was das Gefühl anbetrifft, so wird ihr ganzer Körper mit Feuer bedeckt sein, das unauslöschbar ist, und mit Würmern, die nimmer sterben, wie Gott durch den Mund des Propheten Jesaias spricht. Und damit sie nicht wähnen mögen, sie könnten vor Qual sterben und durch den Tod derselben also entfliehen, sollen sie lernen die Worte Hiobs zu verstehen, welcher spricht: Dort ist der Schatten des Todes. – Jawohl! ein Schatten gleicht dem Gegenstande, welcher ihn wirft. Grade so steht es mit der Qual der Hölle. Sie gleicht dem Tode wegen der fürchterlichen Angst. Und weßhalb? Weil es sie immer schmerzt, als ob sie auf der Stelle sterben würden; aber, fürwahr, sie sollen nicht sterben! Denn – wie der heilige Gregorius sagt: den elenden Lumpenhunden soll der Tod ohne Tod sein, das Ende ohne Ende und an Mangel soll ihnen es nicht mangeln, denn ihr Tod soll ewig leben, ihr Ende soll immer von neuem beginnen und ihr Mangel soll nimmer aufhören. Und derowegen sagt St. Johann der Evangelist: Sie werden dem Tode nachgehen, aber sie werden ihn nicht finden; sie werden zu sterben wünschen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen. Und auch Hiob sagt: daß in der Hölle keine Ordnung und keine Regel herrsche. Und wenn auch Gott alles in rechter Ordnung, und nichts ohne Ordnung geschaffen hat, dagegen alles geregelt und gezählt von ihm ist, nichtsdestoweniger stehen die Verdammten außer der Ordnung und halten keine Ordnung. Denn die Erde trägt für sie keine Frucht – denn, wie David sagt, Gott wird die Frucht der Erde vor ihnen zerstören – das Wasser giebt ihnen keine Feuchtigkeit, die Luft keine Erfrischung, das Feuer kein Licht. Denn – wie der heilige Basilius sagt – den Brand des Feuers dieser Welt wird Gott den Verdammten in der Hölle geben; aber die Klarheit und das Licht desselben seinen Kindern im Himmel, wie ein guter Hausvater seinen Kindern das Fleisch und den Hunden die Knochen giebt. Und sie werden keine Hoffnung zu entfliehen haben – sagt Hiob zuletzt–und Angst und grause Furcht soll dort für immerdar wohnen. Angst ist die stete Furcht vor den Leiden, die kommen werden und diese Furcht wird stets in den Herzen der Verdammten wohnen. Und somit haben sie aus sieben verschiedenen Ursachen all ihre Hoffnung verloren. Erstens: weil Gott, der sie richtet, ohne Gnade für sie sein wird; sie können ihm nicht gefallen, noch irgend einem Heiligen; sie können kein Lösegeld zahlen; sie haben keine Stimme mit ihm zu reden; sie können der Qual nicht entfliehen; sie haben keine Kraft zum Guten in sich, welche sie zeigen könnten, um sich von den Qualen zu befreien. Und daher sagt Salamo: Der gottlose Mensch stirbt; und ist er todt, so bleibt ihm keine Hoffnung der Qual zu entrinnen. Wer also diese Qualen wohl erfassen und daran denken will, daß er sie selbst für seine Sünden verdient habe, der wird sicher mehr Neigung fühlen, zu seufzen und zu weinen, als zu singen und zu spielen. Denn – wie Salamo sagt: Wer Kunde hat von den Qualen, die über die Sünde bestimmt und verhängt worden sind, der möchte die Sünde verlassen. Diese Kunde – sagt St. Augustin – macht den Menschen wehleidig im tiefsten Herzen.

Der vierte Punkt, welcher den Menschen zur Zerknirschung bringen sollte, ist die sorgenvolle Erinnerung an die guten Thaten, die er vergeblich hier auf Erden vollbracht und an das gute, was er umsonst gethan hat. Fürwahr, die guten Werke, welche umsonst gethan sind, können solche gute Werke sein, welche der Mensch gethan hat, bevor er in Todsünde fiel, oder solche, die er verrichtete, während er in Sünden lag. Wahrlich, alle guten Werke, die er that, ehe er in Todsünde fiel, sind sammt und sonders getödtet, vernichtet und abgeschwächt durch sein wiederholtes Sündigen; die andern Werke, welche er that, während er in Sünden lag, sind gänzlich todt für das ewige Leben im Himmel. Denn diejenigen guten Werke, welche durch wiederholtes Sündigen getödtet sind, und die er gethan hat, während er in Huld stand, können ohne wahre Reue niemals wieder lebendig werden. Und darüber sagt Gott durch den Mund des Hesekiel: Wenn der gerechte Mensch sich wiederum von der Gerechtigkeit abwendet und Böses thut, wird er dann leben? – Nein! denn aller seiner guten Werke, die er verrichtet hat, wird nimmerdar gedacht werden, denn in seiner Sünde wird er sterben. Und über dasselbe Capitel äußert sich St. Gregorius so: Wir sollten vor allem begreifen lernen, daß, wenn wir Todsünde begehen, es uns zu garnichts helfen könne, uns der guten Werke zu erinnern, welche wir zuvor gethan haben und sie in unser Gedächtniß zurückzurufen; denn, sicherlich durch die Begehung von Todsünde ist kein Verlaß mehr auf die guten Werke, welche wir früher verrichtet haben, wenigstens nicht insofern wir dadurch das ewige Leben im Himmel erwerben können. Indessen nichtsdestoweniger kehren die guten Werke zurück und werden wieder lebendig, und helfen und fördern uns, das ewige Leben im Himmel zu erlangen, wenn wir Zerknirschung hegen. Aber, wahrlich, die guten Werke, welche man thut, während man in Todsünde ist, stehen nie wieder auf; denn das ist klar, ein Ding, welches nie gelebt hat, kann auch nimmer wieder zu Leben kommen. Jedoch, ob sie zwar nicht dazu nützen können, das ewige Leben zu gewinnen, vermögen sie dennoch die Qualen der Hölle abzukürzen oder wir mögen zeitliche Güter durch dieselben erwerben, oder Gott mag durch dieselben das Herz des Sünders erhellen und erleuchten, damit er Reue fühle; auch nützen sie dadurch, daß sie den Menschen an das Verrichten guter Werke gewöhnen, damit der Feind weniger Gewalt über seine Seele habe. Und daher will der gütige Herr, Jesus Christ, daß kein gutes Werk verloren gehe, sondern zu irgend etwas nütze. Aber insofern die guten Werke, welche Menschen thun, während sie rechtschaffen leben, insgesammt durch die nachfolgende Sünde getödtet werden, und auch insofern alle guten Werke, welche Menschen verrichten, während sie in Todsünde sind, gänzlich abgestorben sind in Bezug auf die Erlangung des ewigen Lebens, so kann auch mit Recht der Mann, welcher keine gute Werke thut, jenes neue französische Lied singen: »J’ai tout perdu mon temps et mon labour.« Denn, gewiß, die Sünde beraubt den Menschen seiner natürlichen, sowie seiner ihm durch Gnade verliehenen Güte. Denn, wahrlich, die Gnade des heiligen Geistes fährt dahin wie ein Feuer, das nicht müssig bleiben kann; denn das Feuer erlischt, sobald es von seiner Arbeit läßt, und ebenso erlischt die Gnade, wenn sie in ihren Werken nachläßt. Dann verliert der sündige Mensch die Huld der Seligkeit, welche den Guten verhießen ist, so arbeiten und Gutes schaffen. Wohl mag dann derjenige traurig sein, der sein ganzes Dasein Gott verdankt, so lange er lebte und so lange er leben wird, daß er nichts Gutes gethan hat, seine Schuld an Gott abzutragen, dem er alles Leben verdankt; denn verlaßt euch darauf, ihr sollt Rechenschaft geben – sagt St. Bernhard – von all den Gaben, welche euch im gegenwärtigen Leben verliehen sind, und wie ihr sie angewandt habt, und zwar so, daß kein einziges Haar vom Haupte niederfallen, noch die Zeit einer Stunde vergehen soll, ohne daß ihr darüber Rechenschaft abzulegen habt.

Die fünfte Sache, welche einen Mann zur Zerknirschung bewegen sollte, ist die Erinnerung an die Leiden, welche unser Herr, Jesus Christus, um unsrer Sünde willen ertrug. Denn – wie St. Bernhard sagt: So lang’ ich lebe, will ich im Gedächtniß tragen die Beschwerden, welche unser Herr, Jesus Christ, bei seiner Lehre erduldete; die Mühseligkeit seiner Reisen, seine Versuchung, als er fastete, sein langes Wachen, als er betete, und seine Thränen, die er aus Mitleid um das gute Volk vergoß; die Worte der Kränkung, der Schande und des Schmutzes, welche die Leute wider ihn sprachen; den faulen Speichel, welchen sie in sein Angesicht spuckten; die Faustschläge, welche sie ihm gaben; die faulen Gesichter, welche sie ihm schnitten, und die faulen Vorwürfe, welche sie ihm machten; die Nägel, mit denen man ihn an das Kreuz schlug, und den ferneren Fortgang seines Leidens, das er nur allein um der Sünde der Menschheit willen und nicht durch eigene Schuld ertrug. – Hier könnt Ihr sehen, wie durch die Sünde des Menschen jede Ordnung und jede Regel auf den Kopf gestellt wird! Denn es ist klar, daß von Gott Vernunft, Sinnlichkeit und der menschliche Leib so geordnet sind, daß jedes dieser vier Dinge Herrschaft über die Vernunft haben soll; das heißt: Gott soll Herrschaft über die Vernunft haben; die Vernunft über die Sinnlichkeit, und die Sinnlichkeit über den menschlichen Leib. Doch, wahrlich, wenn der Mensch sündigt, so stellt er diese Ordnung und Regel auf den Kopf, und daher kommt es, daß, wenn die menschliche Vernunft nicht Gott unterthänig und gehorsam sein will, der doch zu Recht ihr Oberherr ist, sie auch ihre Herrschaft verliert, welche sie über die Sinnlichkeit und über den menschlichen Leib ausüben sollte. Und warum? weil Sinnlichkeit alsdann gegen Vernunft rebellirt, und dadurch die Vernunft ihre Herrschaft über die Sinnlichkeit und über den Körper verliert. Denn, wie die Vernunft ein Rebelle gegen Gott ist, so sind auch die Sinnlichkeit und der Körper Rebellen wider die Vernunft. Und, wahrlich, diese Unordnung und Rebellion hatte unser Herr, Jesus Christ, mit seinem theuren Leibe schwer zu zahlen; und hört, in welcher Weise. Denn alldieweil Vernunft ein Rebelle gegen Gott ist, verdient der Mensch Sorgen zu tragen und zu sterben. Dies litt unser Herr, Jesus Christus, für die Menschheit, nachdem er von seinem Jünger verrathen und gefesselt und gebunden war, so daß – wie St. Augustin sagt – sein Blut unter jedem Nagel seiner Hände hervorspritzte! Und fernerweit, da die Vernunft des Menschen die Sinnlichkeit nicht in Zaum halten will, wie sie könnte, so hat der Mensch auch Schande verdient, und diese Schande hat unser Herr, Jesus Christus, für den Menschen erlitten, als sie ihm in das Angesicht spieen. Und weiter noch: derweil der jammervolle Menschenleib ein Rebelle ist wider Vernunft und Sinnlichkeit, so hat er dieserhalb den Tod verdient; und diesen Tod hat unser Herr, Jesus Christ, am Kreuze erlitten, wo kein Theil seines Körpers frei war von großem Schmerz und bitterm Leiden. Und alles dieses erduldete unser Herr, Jesus Christ, der nichts verbrochen hatte, und also sprach er: Zu sehr werde ich gequält um Dinge, für welche ich es niemals verdient habe, und zu sehr werde ich erniedrigt der Verdammniß halber, welche dem Menschen gebührt. Und wohl mag daher der Sünder sprechen, wie St. Bernhard sagt: Verflucht sei die Bitterkeit meiner Sünde, um derenwillen so große Bitterkeit zu erdulden war. Denn gewiß nach den verschiedenen Mißgattungen unserer Schlechtigkeit war das Leiden Jesu Christi auch verschieden gestaltet, und zwar so: Wahrlich, die Seele des Sünders wird vom Teufel verrathen durch die Begehrlichkeit nach zeitlichem Wohlergehn, uud durch Hinterlist verspottet, wenn sich der Mensch fleischlichen Lüsten ergiebt; und darnach wird sie im Unglück durch Ungeduld gequält und durch die Knechtschaft und Unterwürfigkeit unter die Sünde bespeit, und endlich zuletzt wird sie erschlagen. Für diese Mißgattungen der Sünde im Menschen ward Jesus Christus erst verrathen und dann gebunden; er, welcher kam, uns loszubinden von der Sünde und der Pein. Dann wurde er verspottet, er, welcher in allen Dingen und vor allen Dingen hätte geehrt werden sollen. Dann wurde sein Angesicht, welches zu sehen die ganze Menschheit wünschen sollte und welches die Engel zu schauen verlangen, elendiglich bespeit. Dann wurde er gegeißelt; er, welcher nichts übles gethan hatte; und endlich ward er gekreuzigt und erschlagen. So waren die Worte des Propheten Jesaia erfüllt: Er ward verwundet wegen unserer Missethat und beschimpft wegen unser Verbrechen! Nun, da Jesus Christ für alle unsere Schlechtigkeit die Pein auf sich selbst genommen hat, wie sehr sollte der Sünder da weinen und wehklagen, daß Gottes Sohn vom Himmel für seine Sünden alle diese Qualen erdulden mußte.

Die sechste Sache, welche einen Mann zur Zerknirschung bewegen sollte, ist die Hoffnung auf drei Dinge, nämlich: auf Vergebung der Sünden, auf die Gabe der Gnade, rechtschaffen zu wandeln, und auf die Herrlichkeit des Himmels, durch welche Gott den Menschen für seine guten Thaten belohnen will. Und deßhalb, weil Jesus Christ uns diese Gaben aus seiner Freigebigkeit und unendlichen Güte schenkt, ist er Jesus Nazarenus Rex Judaeorum genannt worden. Jesus heißt nämlich Erlöser oder Erlösung, dieweil alle Menschen hoffen sollen durch ihn Vergebung der Sünden zu erlangen, worin die eigentliche Erlösung von der Sünde besteht. Und daher sprach der Engel zu Joseph: Du sollst ihn Jesus heißen denn er wird sein Volk von seiner Sünde erlösen. Und hiervon spricht auch St. Peter: Es ist kein andrer Name unter dem Himmel, der irgend einem Menschen gegeben ist, durch welchen wir von unseren Sünden erlöst werden, denn einzig der Name: Jesus.

Nazarenus heißt so viel wie blühend, dieweil der Mensch hoffen soll, daß er, welcher ihm die Vergebung der Sünden verschafft hat, ihm auch die Gnade verleihen werde, rechtschaffen zu wandeln; denn in der Blüthe ist die Hoffnung auf Frucht für kommende Zeiten, und in der Vergebung der Sünde ist die Hoffnung auf Gnade, rechtschaffen zu wandeln. »Ich stand vor der Thüre deines Herzens« – spricht Jesus – »und klopfte an, um Einlaß bittend. Der mir öffnet, soll Vergebung der Sünden empfahen, und ich will in ihm eintreten und mit ihm essen von den guten Werken, welche er thun wird, denn diese Werke sind die Speise Gottes, und er soll mit mir essen von der großen Freude, welche ich ihm gebe werde.« So soll der Mensch hoffen, daß durch seine Werke der Buße ihm Gott das Himmelreich verleihen werde, welches er ihm im Evangelium verheißt.

Nun soll der Mensch verstehen lernen, wie seine Zerknirschung beschaffen sein muß. Ich sage: sie muß allgemein und vollständig sein; das heißt: ein Mensch soll wahrhaft bußfertig sein für alle seine Sünden, welche er im Wohlgefallen seiner Gedanken gethan hat; denn Wohlgefallen ist gefährlich. Denn es giebt zwei Arten der Einwilligung aus Neigung, nämlich, wenn ein Mann sich zur Sünde bewegen läßt und dann länger mit Vergnügen an die Sünde denkt, aber nicht seine faule Lust und Neigung bezwingt, obschon seine Vernunft wohl begreift, daß es Sünde gegen das Gesetz sei, und wiewohl er klar einsieht, daß es gegen die Ehrfurcht vor Gott ist. Und wenn auch eine Vernunft zwar nicht einwilligt, die Sünde thatsächlich zu begehen, so sagen doch einige Doctoren, daß eine solche Lust, so länger in uns wohne, höchst gefährlich sei, wie unbedeutend sie auch immer erscheinen möge. Und daher sollte ein Mann ganz besonders betrübt sein über alles, was er je dem Gesetze Gottes zuwider gewünscht hat mit voller Einwilligung seiner Vernunft, denn es ist kein Zweifel, daß solche Einwilligung Todsünde ist. Denn, gewiß, es giebt keine Todsünde, welche nicht zunächst in dem Gedanken des Menschen ihren Ursprung hat und dann später zur Lust und dann zur Einwilligung und dann zur That wird. Darum sage ich, daß viele Leute über solche Gedanken und Neigungen niemals Reue fühlen und sie niemals beichten, sondern nur die sichtbaren Thaten gröblicher Sünde. Darum sage ich, daß solche böse Gelüste schlaue Betrüger sind, sintemal die Menschen dafür verdammt sein werden. Auch fernerhin sollte man nicht minder Sorge tragen wegen seiner bösen Worte, als wegen seiner bösen Thaten. Denn, wahrlich, Reue über eine besondere Sünde und keine Reue über die allgemeine Sünde, oder Reue über die allgemeine, aber keine Reue über die besondere Sünde hilft zu nichts.

Fürwahr, Gott der Allmächtige ist die vollkommene Güte; und deßhalb vergiebt er entweder alle Sünden, oder gar keine überhaupt. Und daher sagt St. Augustin: Ich weiß gewiß, daß Gott der Feind jedes Sünders ist; und wie das? Soll der, welcher eine Sünde bekennt, Vergebung für den Rest seiner Sünden haben? Nein! Und fernerhin muß die Zerknirschung wunderbar sorgenvoll und qualvoll sein, und dann schenkt uns dafür Gott ehrlich seine Gnade. Und wenn daher meine Seele voll Sorgen und voll Qual war, dann hatte ich Gott im Gedächtniß, damit mein Gebet zu ihm dringen möge.

Fernerweit muß die Zerknirschung anhaltend sein, und man muß den festen Entschluß hegen, zu beichten und sein Leben zu bessern. Denn, wahrlich, wenn die Zerknirschung dauernd ist, mag der Mensch Hoffnung hegen, Vergebung zu erlangen. Und daraus entsteht Haß gegen die Sünde, welcher dieselbe in ihm selber wie in anderm Volke, auf welches er Einfluß hat, zerstört. Weßhalb David sagt: Die, so Gott lieben, hassen das Böse; denn Gott lieben, heißt das lieben, was er liebt, und das hassen, was er haßt.

Das letzte, was der Mensch hinsichtlich der Zerknirschung verstehen lernen soll, ist, wozu die Zerknirschung nützt. Ich sage, daß Zerknirschung den Menschen manchmal von Sünde befreit, worüber David sagt: Ich hatte den festen Vorsatz zu bekennen, und Du, o Herr! sprachst mich meiner Sünden los. Und grade so, wie Zerknirschung nichts hilft ohne den ernsten Vorsatz der Beichte und Buße, ebensowenig Werth hat Beichte und Buße ohne Zerknirschung. Und außerdem zerstört Zerknirschung den Kerker der Hölle und macht die Gewalt der Teufel kraftlos und schwach und erneuet die Gaben des heiligen Geistes und aller Tugenden, und sie reinigt die Seele von Sünde, und befreit sie von der Qual der Hölle, von der Gesellschaft des Teufels und von der Knechtschaft der Sünde, und macht sie wieder tüchtig für alle geistlichen Güter und für die Gemeinschaft der heiligen Kirche. Und fernerweit macht sie den, welcher ehedem ein Kind des Zornes war, zum Kinde der Gnade; und alles dieses wird durch die heilige Schrift bezeugt. Und wer daher nach diesen Dingen streben will, wird sehr weise sein; denn, fürwahr, er wird dann in seinem Leben nicht mehr den Muth haben zu sündigen, sondern wird sein Herz und seinen Leib dem Dienste Jesu Christi weihen und ihm solcher Weise huldigen. Fürwahr, unser Herr Jesus Christ, hat uns so gütereich in unserer Thorheit geschont, daß wir alle ein trauriges Lied singen könnten, wenn er nicht Mitleid mit den Menschen hätte.

Explicit prima pars penitentiae; et incipit pars secunda.

Der zweite Theil der Buße ist die Beichte und diese ist das Merkmal der Zerknirschung. Nun sollt Ihr verstehen, was Beichte ist, ob sie nothwendig sei oder nicht, und was zur wahren Beichte erforderlich ist.

Zuerst mußt Du wissen, daß Beichte das aufrichtige Bekennen der Sünde an den Priester ist, und zwar aufrichtig, weil man ihm alle Verhältnisse beichten muß, welche zur Sünde gehören, so weit man vermag; alles muß gesagt, nichts entschuldigt, verborgen oder verschleiert werden, ohne dabei mit den guten Werken zu prahlen. Somit ist es nothwendig, einzusehen, woher die Sünden entspringen, wie sie zunehmen und welcher Art sie sind. Vom Ursprung der Sünde spricht St. Paul in dieser Weise: wie durch einen Menschen die Sünde ist kommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, so dringt also der Tod zu allen Menschen, welche Sünde thun. Und dieser Mensch, durch welchen Sünde in die Welt kam, war Adam, dieweil er das Gebot Gottes brach. Und er, der anfangs so mächtig war, daß er nicht zu sterben brauchte, wurde hernach ein solcher Mensch, daß er sterben mußte, er mochte wollen oder nicht, und alle seine Nachkommen in dieser Welt, die in solcher Weise sündigen, sterben. Sieh! wie in dem Stande der Unschuld, als Adam und Eva noch nackend im Paradiese waren und keine Scham über ihre Blöße fühlten, die Schlange, dieses listigste von allen Thieren, so Gott erschaffen hatte, zum Weibe sprach: Warum hat euch Gott befohlen, daß ihr nicht von jedem Baume im Paradiese essen dürft? Und das Weib antwortete: Wir essen – sprach sie – von den Früchten der Bäume im Paradiese, aber von den Früchten des Baumes mitten im Paradiese hat Gott gesagt: esset nicht davon, rühret es auch nicht an, daß ihr nicht sterbet. Die Schlange sprach zum Weibe: Nein, Nein! ihr werdet mit nichten des Todes sterben, sondern Gott weiß fürwahr, daß, welches Tages ihr davon esset, so werden eure Augen aufgethan und ihr werdet sein wie die Götter und wissen, was gut und böse ist. Das Weib schauete an, daß von dem Baume gut zu essen und er lieblich anzusehen wäre, und nahm von der Frucht des Baumes und aß, und gab ihren Mann auch davon, und er aß. Und sogleich wurden ihrer beider Augen aufgethan, und als sie gewahr wurden, daß sie nackend waren, nähten sie aus den Blättern des Feigenbaumes eine Art von Hose zusammen, um ihre Nacktheit zu verbergen. Hier könnt Ihr sehen, daß die Todsünde zunächst vom Teufel eingegeben wird, wie es hier die Natter zeigt, und nachher durch das Gelüste des Fleisches, wie es hier Eva zeigt, und sodann durch die Einwilligung der Vernunft, wie es Adam zeigt. Denn glaubet nur, wenn auch der Teufel Eva versuchte, das heißt: das Fleisch, und wenn auch das Fleisch Vergnügen fand an der verbotenen Frucht, so war der Mensch dennoch im Stande der Unschuld, bis die Vernunft, das heißt: Adam einwilligte, die Frucht zu essen. Von diesem Adam ist uns die Erbsünde überkommen. Von ihm stammen wir alle nach dem Fleische ab und sind erzeugt aus schlechten und verdorbenen Säften; und wenn die Seele in unseren Körper gelegt wird, so ist sie auch sofort der Erbsünde verbunden, und dasjenige, was anfänglich nur Drang der fleischlichen Begierde war, ist späterhin sowohl Drangsal als auch Sünde; und dieserhalb würden wir alle geborene Kinder des Zornes sein und bestimmt zur ewigen Verdammniß, wenn wir nicht die Taufe empfingen, welche die Schuld von uns hinwegnimmt. Aber nichtsdestoweniger wohnet der Drang der Versuchung in uns und dieser Drang heißt: fleischliche Begierde. Ist diese fleischliche Begierde auf das Schlechte gerichtet und gestellt, so macht sie den Menschen durch die Begierde des Fleisches lüstern nach fleischlicher Sünde, nach irdischen Dingen durch das Gesicht seiner Augen und nach Hoheit durch den Stolz seines Herzens.

Um von der ersteren Begierde zu sprechen, welche Fleischeslust heißt nach dem Gesetze unserer Glieder, welche das gerechte Urtheil Gottes in richtiger Weise erschaffen hat, so sage ich: Gleich wie ein Mensch nicht gehorsam ist gegen Gott, so ist auch sein Herz gegen ihn selbst ungehorsam durch fleischliche Begierde, was die Veranlassung und Pflege der Sünde genannt wird. So lange deßhalb ein Mensch den Drang der Fleischeslust in sich trägt, ist es unmöglich, daß er nicht bisweilen versucht und in seinem Fleische zur Sünde gereizt werde. Und dieses wird nicht ausbleiben, so lange er lebt. Es mag wohl schwächer werden durch die Kraft der Taufe und durch die Gnade Gottes mittelst der Buße, aber so gänzlich wird es niemals unterdrückt werden, daß man in seinem Innern nicht dann und wann dazu geneigt ist, sofern man nicht davon zurückgehalten wird durch Krankheit, durch böse Künste der Zauberei oder durch kalte Getränke. Denn seht, was sagt St. Paul? Das Fleisch trachtet wider den Geist und der Geist wider das Fleisch, sie sind sich entgegen und widerstreiten sich so, daß ein Mensch nicht immer thun kann, wie er möchte. Denn St. Paulus nach seiner großen Buße zu Wasser und zu Lande – im Wasser bei Tag und Nacht in großer Fährlichkeit und großer Mühe; zu Lande in großem Hunger und Durst, in Frost und Blöße, einmal beinahe zu Tode gesteinigt – spricht dennoch: Ach, ich elender Mensch! wer wird mich aus dem Kerker meines elenden Leibes befreien? Und St. Hieronymus – nachdem er lange Zeit in der Wüste gewohnt hatte, wo er nur die Gesellschaft wilder Thiere kannte, wo er nur Kräuter zur Nahrung, nur Wasser zum Trunk und kein ander Bette als die nackte Erde fand, weßhalb sein Fleisch schwarz wurde wie ein Ethiopier vor Hitze und beinahe abstarb vor Kälte – sagt dennoch: daß der Brand der Geilheit in seinem ganzen Körper kochte. Deßhalb weiß ich sicherlich, daß diejenige sich selbst betrügen, welche sagen, daß sie niemals in ihrem Leibe versucht seien. Zeugniß davon giebt St. Jakobus, welcher sagt, daß jeder in seinem eigenen Gewissen versucht werde, das heißt: daß ein Jeder von uns Ursache und Gelegenheit hat, daß er durch die Sünde, so er im Körper hegt, versucht werde. Und deßhalb sagt St. Johann, der Evangelist: Wenn wir sagen, daß wir ohne Sünde sind, so betrügen wir uns selber und die Wahrheit ist nicht in uns.

Nun sollt Ihr verstehen, wie die Sünde im Menschen wächst und zunimmt. Der Anfangsgrund ist das Hegen der Sünde, von dem ich bereits sprach, und dieses ist die fleischliche Begierde; und hinterher kommt die Eingebung des Teufels, das heißt: des Teufels Blasebalg, mit welchem er im Menschen das Feuer der fleischlichen Begierde anfacht, und sodann überlegt der Mensch, ob er die Sache, zu welcher er versucht wird, thun will oder nicht. Und wenn dann der Mensch widersteht und die ersten Verlockungen seines Fleisches zurückweist, so ist es keine Sünde. Wenn er dieses aber nicht thut, spürt er sofort die Flamme der Lust, und dann ist es gut, ihn zu warnen und zurückzuhalten, auf daß er nicht sofort in die Sünde willige, oder sie thue, wenn er Zeit und Gelegenheit dazu findet. Und über diese Sache läßt Moses den Teufel in folgender Weise sprechen. Der Feind sagt: Ich will den Menschen durch böse Einflüsterungen jagen und verfolgen; ich will ihn durch Verlockung und Aufreizung zur Sünde packen, und ich will meinen Preis oder meine Beute mit Ueberlegung zerreißen, und meine Lust soll in Wonne endigen! Ich will mein Schwert der Einwilligung ziehen – denn, wahrlich, wie ein Schwert ein Ding in zwei Theile zerlegt, so trennt auch die Einwilligung den Menschen von Gott – und dann will ich ihn mit meiner Hand durch den Tod der Sünde erwürgen! So spricht der Feind. Und wahrlich, dann verfällt des Menschen Seele ganz und gar dem Tode, dann wird die Sünde durch Versuchung, Lust und Einwilligung erzeugt und wird in dieser Weise alsdann in dem Menschen zur That. Die Sünde ist in Wahrheit zweierlei Art, entweder ist sie läßliche Sünde oder Todsünde. Wenn nun aber ein Mensch irgend ein Geschöpf mehr liebt als Jesum Christ, dann ist es Todsünde; und läßliche Sünde ist, wenn der Mensch Jesum Christ weniger liebt, als er sollte. Wahrlich, das Begehen solcher läßlicher Sünde ist höchst gefährlich, denn es verringert mehr und mehr die Liebe, welche der Mensch zu Gott haben sollte. Und wenn sich daher ein Mensch mit vielen solcher läßlicher Sünden beschwert, so können sie in ihm fürwahr die Liebe, welche er zu Jesus Christ hegt, wohl vermindern, wenn er sich ihrer nicht bisweilen durch die Beichte entledigt, und so geht gar leicht die läßliche Sünde in Todsünde über. Gewißlich, je mehr ein Mensch seine Seele mit läßlichen Sünden beladet, desto mehr wird er geneigt sein, in Todsünde zu fallen. Und darum laßt uns nicht nachlässig sein, und uns unserer läßlichen Sünden zu entlasten. Denn das Sprichwort sagt: Kleines aber vieles muß Großes werden stets am Schluß! Und hört nunmehr dieses Beispiel an: Eine große Meereswoge kommt oftmals mit so großer Gewalt, daß sie das Schiff mit Wasser füllt; und denselben Schaden richten oftmals die kleinen Tropfen Wasser an, welche durch die kleinen Ritzen des Kieles in den Bodenraum des Schiffes eindringen, wenn die Menschen so nachlässig sind, sie nicht bei Zeiten zu entfernen. Und obschon ein Unterschied zwischen diesen zwei Ursachen ist, wird doch in beiden Fällen das Schiff mit Wasser gefüllt. Grade so geht es oftmals mit der Todsünde und den schädlichen läßlichen Sünden, wenn sie sich im Menschen so sehr vermehren, daß die Liebe zu irdischen Dingen, durch welche er läßlich sündigt, in seinem Herzen so groß oder größer wird, als die Liebe zu Gott. Und daher ist Liebe zu allen den Sachen, welche Gott nicht in sich schließen und welche nicht hauptsächlich um Gottes willen gethan werden, selbst wenn sie der Mensch auch weniger liebt als Gott, dennoch läßliche Sünde. Und Todsünde ist, wenn die Liebe zu irgend einem Dinge in dem Herzen des Menschen ebenso schwer oder schwerer wiegt, als die Liebe zu Gott. Todsünde – wie St. Augustin sagt – ist, wenn ein Mensch sein Herz von Gott abwendet, der die alleroberste und unwandelbare Güte ist, und sein Herz den Dingen zuwendet, welche wandelbar und flüchtig sind; und, wahrlich, das ist jedes Ding außer Gott im Himmel. Denn das ist sicher, wenn ein Mensch seine Liebe, welche er Gott mit seinem ganzen Herzen schuldig ist, auf ein Geschöpf wendet, so beraubt er auch gewiß Gott um so viel seiner Liebe, als er jenem Geschöpfe schenkt, und begeht daher Sünde, da er als Schuldner von Gott nicht an ihm seine volle Schuld bezahlt, das heißt: ihm die ganze Liebe seines Herzens giebt.

Nun, da man im Allgemeinen verstanden haben wird, was läßliche Sünde sei, so scheint es angezeigt, im Besondern die Sünden aufzuzählen, welche Mancher vielleicht für keine Sünden hält, und welche er nicht beichtet. Aber nichtsdestoweniger sind sie Sünden in der That, wie diese Gottesgelehrten schreiben; das heißt: jeder Zeit, wenn der Mensch mehr ißt oder trinkt, als zur Erhaltung des Körpers nothwendig ist, begeht er sicherlich Sünde; auch wenn er mehr spricht, als nöthig ist, thut er Sünde; auch wenn er nicht wohlwollend die Klage des Armen anhört; auch wenn er gesund am Leibe ist und dennoch ohne vernünftigen Grund nicht fasten will, wenn Andre fasten; auch wenn er mehr schläft, als er bedarf, oder durch diesen Umstand zu spät zur Kirche oder zu andern Werken der Liebe kommt; auch wenn er seines Weibes gebraucht, ohne den obersten Wunsch der Zeugung zu Ehren Gottes oder um seinem Weibe die Schuld seines Körpers zu entrichten; auch wenn er Kranke und Gefangene nicht besucht, wann er kann; auch wenn er Weib oder Kind oder andere irdische Dinge mehr liebt, als die Vernunft erfordert; auch wenn er mehr schmeichelt und liebkost, als er nothwendig zu thun braucht; auch wenn er das Almosen an Arme verringert oder zurückhält; auch wenn er seine Speisen köstlicher anrichtet, als nothwendig ist, oder aus Leckerhaftigkeit zu hastig verschlingt; auch wenn er von eitlen Dingen in der Kirche oder beim Gottesdienste spricht, oder wenn er ein Schwätzer müssiger Worte der Thorheit oder der Schande ist, für welche er Rechenschaft ablegen soll am Tage des Gerichts; auch wenn er verspricht oder versichert, etwas zu thun, was er nicht halten kann; auch wenn er aus thörichtem Leichtsinn seinen Nächsten verläumdet und verspottet; auch wenn er, statt Gewißheit zu haben, über Sachen einen besonderen Verdacht hegt; diese Sachen und manche andere sonder Zahl sind Sünde, wie St. Augustin sagt.

Nun müßt Ihr aber verstehen, daß, obwohl freilich der erdgeborene Mensch nicht alle läßliche Sünden vermeiden kann, er sich dennoch durch die brennende Liebe, die er für unsern Herrn, Jesus Christ, hegt, und durch Gebet und Beichte und andre gute Werke so in Zaum halten kann, daß es ihm nur wenig schaden wird. Denn – wie St. Augustin sagt – wenn ein Mensch Gott in solcher Weise liebt, daß alles, was er immer thut aus seiner Liebe zu Gott kommt, oder um der Liebe Gottes willen, weil er in wahrhafter Liebe zu Gott entbrannt ist, so wird, siehe du: grade so sehr wie ein Tropfen Wasser, der in einen feurigen Ofen fällt, das Brennen des Feuers kümmert und stört, auch eine läßliche Sünde in gleicher Weise einen solchen Menschen bekümmern und stören, der beständig und vollkommen in der Liebe zu unserm Heiland, Jesus Christ ist. Fernerhin kann auch der Mensch die läßliche Sünde mäßigen und sich derselben entledigen, wenn er würdig den kostbaren Leib Jesu Christi empfängt, sowie die Spendung des heiligen Wassers, sowie durch Almosengeben, durch die allgemeine Beichte im Confiteor bei der Messe, der Prime oder beim Komplet, und durch den Segen der Bischöfe und Priester, und durch andere gute Werke.

De septem peccatis mortalibus.

Nun geziemt es sich zu sagen, was Todsünden sind, das will sagen: die Anführer der Sünden, denn sie laufen alle an einer Leite, obschon in verschiedener Weise. Sie werden aber Anführer genannt, insofern sie die Hauptsünden sind und aus ihnen die andern entspringen. Die Wurzel dieser Sünden ist der Stolz, die allgemeine Wurzel alles Uebels. Denn aus dieser Wurzel entspringen gewisse Aeste, wie Zorn, Neid, Verdrossenheit oder Trägheit, Geiz oder im allgemeinen Sinne Begehrlichkeit, Schwelgerei und Wollust; und jede von diesen Hauptsünden hat ihre Aeste und Zweige, wie in den folgenden Capiteln erklärt werden wird.

De superbia.

Und ob es zwar sein mag, daß Niemand vollständig die Zahl der Zweige und der Nachtheile kennt, welche aus Stolz entspringen, so will ich doch einen Theil derselben zeigen, wie ihr gleich sehen sollt.

Da sind: Ungehorsam, Ruhmredigkeit, Heuchelei, Hochmuth, Dünkel, Trotz, Schadenfreude, Unverschämtheit, Ueberhebung, Heftigkeit, Widersetzlichkeit, Zank, Anmaßung, Unehrerbietigkeit, Halsstarrigkeit, Aufgeblasenheit und viele andere Zweige, welche ich nicht aufführen kann.

Ungehorsam ist der, welcher sich aus Geringschätzung nicht den Geboten Gottes, seiner Obrigkeit und seines geistlichen Vaters unterwirft. Ruhmredig ist der, welcher das Böse oder Gute herausstreicht, welches er gethan hat. Heuchler ist der, welcher sich andern nicht zu zeigen sucht, wie er ist, oder sich so zu zeigen sucht, wie er nicht ist. Hochmüthig ist der, welcher seinen Nachbarn, das heißt: seinen Mitchristen verachtet, oder das zu thun verschmäht, was er thun sollte. Dünkelhaft ist der, welcher denkt, daß er in sich Vortrefflichkeit besäße, welche er nicht hat, oder der wähnt, daß solche ihm seinem Verdienste nach zukäme, oder der sich selbst für besser hält, als er ist. Trotzig ist der, welcher aus Stolz keine Scham über seine Sünden fühlt. Schadenfroh ist der, welcher sich über den Schaden freut, so er angerichtet hat. Unverschämt ist der, welcher nach seiner Meinung alle Leute hinsichtlich ihres Werthes, Wissens, Redens und Betragens geringachtet. Ueberhebung ist, wenn man keinen Meister über sich und keinen Genossen neben sich dulden will. Heftig ist der, welcher an seine Fehler nicht gemahnt und erinnert sein will und mittelst Zank die Wahrheit wissentlich angreift und seine Thorheit vertheidigt. Widersetzlich ist der, welcher sich durch seinen Unwillen jeder Autorität und Macht entgegenstemmt, so über ihn ist. Anmaßung ist, wenn der Mensch etwas unternimmt, was ihm nicht ansteht, oder was er nicht thun darf, und dieses wird auch Selbstüberschätzung genannt. Unehrerbietigkeit ist, wenn der Mensch nicht da Ehrfurcht zeigt, wo er sie zeigen sollte und wie er sie für sich selbst in Anspruch nimmt. Halsstarrigkeit ist, wenn ein Mensch zu sehr seine eigene Thorheit vertheidigt und zu sehr auf sein eigenes Urtheil besteht. Aufgeblasenheit ist das Wohlgefallen an Pomp und an zeitlicher Hoheit und sich seines weltlichen Ranges zu rühmen. Schwatzhaftigkeit ist, wenn ein Mann zuviel von den Leuten spricht und wie eine Mühle klappert, und nicht bedenkt was er sagt.

Und es giebt auch eine heimliche Sorte von Stolz, insofern Jemand abwartet, zuerst gegrüßt zu werden, bevor er selbst grüßt, obschon er minder werth als der Andere ist, auch sich zuerst niedersetzen will, oder den Vortritt haben, oder den Meßkelch küssen, oder beräuchert werden, oder zum Opfer gehen vor seinen Nachbarn oder ähnliche Dinge, obwohl sie ihm vielleicht nicht zustehen, weil er in seinem Herzen und Sinne ein solch stolzes Verlangen trägt, vor den Leuten erhöht und geehrt zu werden.

Nun giebt es zwei Arten von Stolz; der eine sitzt im Herzen, der andere ist äußerlich. Von diesen gehören sicherlich die vorhin genannten Dinge und mehr als ich aufgezählt habe, zum Stolze, welcher im Herzen des Menschen ist; und es giebt andere Sorten, welche äußerlich sind, aber nichtsdestoweniger ist die eine Sorte von Stolz das Zeichen der andern, grade wie das lustige Aushängeschild am Wirthshause ein Zeichen ist vom Weine, welcher im Keller liegt. Und dieses gilt von vielen Dingen, wie von der Sprache und Haltung und von dem übermäßigen Staate in der Kleidung. Denn, gewiß, läge keine Sünde in der Kleidung, so würde auch Christus nicht so bald auf die Kleidung des reichen Mannes im Evangelium hingewiesen und davon gesprochen haben. Und da St. Gregor sagt, daß werthvolle Kleidung strafbar sei wegen ihrer Kostspieligkeit, ihrer Weichlichkeit, ihrer Sonderbarkeit und ihrer Vermummung, sowie wegen ihres überflüssigen Umfanges oder ihrer unangemessenen Enge, ach! sollte man da nicht in unsern Tagen auf die sündbare Kostbarkeit der Kleidung blicken und insbesondere auf den überflüssigen Umfang oder auch auf die unangemessene Knappheit derselben?

Was die erste Sünde des Ueberflusses an Kleidung betrifft, welche sie zum Schaden des Volkes so vertheuert, so giebt es nicht allein Kosten für das Besticken, Besetzen, Auszähnen, Einfassen, Kräuseln, Puffen, Schlängeln und Faltenlegen und ähnliche Zeugverschwendung aus Eitelkeit, sondern da ist auch noch ferner das kostbare Unterfutter in den Kleidern, so vieles Bohren mit Pfriemen, um Löcher zu machen, so vieles Zuschneiden mit Scheeren, ein solcher Ueberfluß an Länge in der erwähnten Kleidung, daß die Schleppen durch den Mist und den Dreck zu Fuß und zu Pferde von den Männern und Frauen geschleift und lieber verludert, verdorben, fadenscheinig und durch den Mist verrottet werden, als daß man das Zeug den Armen gäbe zum größten Nachtheil der armen Leute und zwar in verschiedener Weise. Das heißt: je mehr Zeug verludert wird, je theurer wird es seines Mangels wegen für die armen Leute und fernerweit, wenn man solche durchlöcherte und verschleppte Kleider auch den Armen geben wollte, so würden sie für ihren Stand nicht passen und nicht hinreichend sein, ihrer Nothdurft zu helfen und sie vor der Ungunst des Wetters zu schützen.

Sprechen wir auf der andern Seite von der gräulichen, unangemessenen Enge der Kleider, wie diese anschließenden Hosen oder hanswurstigen Beinfutterale, welche durch ihre Knappheit nicht die Schamglieder des Mannes zu bösen Zwecken verbergen, ach! so zeigen einige von ihnen das Geschwulst und die Form der gräulichen geschwollenen Glieder, die wie ein Darmbruch aussehen, in dem Tragbeutel ihrer Hosen und nicht minder hinten den Steiß, welcher aussieht, als ob er der Hintertheil einer Aeffin im Vollmondscheine wäre; und wenn sie ihre abscheulichen geschwollenen Glieder in Vermummung zeigen, indem sie ihre Hosen in weiß und roth theilen, so scheint es, als ob sie ihre Schamtheile geschunden hätten. Und wenn sie ihre Hosen in andere Farben theilen, wie weiß und blau oder weiß und schwarz, oder schwarz und roth und so weiter, so sieht es bei der Verschiedenheit der Farbe aus, als ob die Hälfte ihrer Schamglieder durch das Feuer des heiligen Antonius oder durch den Krebs oder durch einen andern Unfall faul geworden wäre. Auch der Hintertheil ihrer Gesäße ist gräulich anzusehen, denn, wahrlich, jener Theil ihres Körpers, allwo sie ihren stinkenden Unrath von sich geben, diese faule Partie, zeigen sie stolz vor dem Volke in Verachtung der Ehrbarkeit, welche Jesus Christus und seine Freunde in ihrem Leben zu zeigen pflegten.

Nun von dem übertriebenen Staate der Weibsleute! Gott weiß, obwohl die Gesichter keusch und schüchtern scheinen, bekunden sie dennoch in ihren Kleidern Lüsternheit und Stolz. Ich sage nicht, daß Wohlanstand in der Kleidung für Mann oder Weib unziemlich sei, aber, gewiß, der Ueberfluß oder die unangemessene Enge der Kleidung ist tadelnswerth. So zeigt sich auch die Sünde in der Verzierung und im Schmucke der Dinge, welche zum Reiten gehören, wie in vielen feinen Pferden, welche zum Vergnügen gehalten werden und so schön und so fett und so kostbar sind, und auch in den vielen liederlichen Stallburschen, welche ihretwegen gehalten werden, in dem sonderbaren Geschirr, wie Satteln, Schwanz- und Brustriemen und Zügeln, bedeckt mit den kostbarsten und reichsten Tuchen und besetzt und beschlagen mit Gold und Silber. Worüber Gott durch Sacharja, den Propheten, spricht: Ich will die Reiter solcher Pferde zu Grunde richten! Diese Leute nehmen nur wenig Rücksicht auf den Ritt des Sohnes von Gott im Himmel und von seinem Geschirr, als er auf dem Esel ritt und kein anderes Sattelzeug hatte, als die armen Kleider seiner Jünger; ja wir lesen nirgends, daß er jemals auf einem andern Thiere geritten sei. Ich spreche dieses von der Sünde des Ueberflusses, und nicht von der Ziemlichkeit, welche die Vernunft erfordert. Und außerdem macht sich Stolz im höchsten Grade bemerkbar durch das Halten von großer Dienerschaft, welche nutzlos und überflüssig und insbesondere, wenn sie verbrecherisch und dem Volke lästig ist durch die Unverschämtheit hoher Herrschaft oder im Wege ihres Amtes; denn, sicherlich solche Herren verkaufen ihre Herrlichkeit dem Teufel in der Hölle, indem sie die Schlechtigkeit ihrer Dienerschaft begünstigen. Oder auch sonst, wenn Leute von niedrigem Stande, welche Wirthschaften halten, das Uebervortheilen ihrer Gäste dulden, wie solches auf verschiedene Weise geschieht. Solche Art Leute sind wie Fliegen, die dem Honig, oder wie Hunde, die dem Aas folgen. Solche Art Leute erdrosseln geistig ihre Herrschaft, weßhalb David, der Prophet, in dieser Weise spricht: Schlimmer Tod soll solche Herren treffen und Gott gebe, daß sie insgesammt zur Hölle fahren mögen, denn in ihren Häusern wohnt Ungerechtigkeit und Verworfenheit, aber nicht der Herrgott im Himmel! Und fürwahr, wie Gott dem Laban Segen gab durch den Dienst des Jakob, und dem Pharaoh durch den Dienst des Joseph, so wird er auch solchen Herrschaften seinen Fluch geben, wenn sie die Schlechtigkeiten ihrer Diener unterstützen und nicht zur Besserung gelangen. Auch bei der Tafel zeigt sich der Stolz sehr oft, indem reiche Leute zum Essen geladen und die armen zurückgewiesen und fortgescholten werden, und gleichfalls in dem Ueberfluß an verschiedenen Speisen und Getränken und namentlich in solchen gebackenen Schüsseln und Gerichten, welche in wildem Feuer brennen, und gemalt und mit Papier eingefaßt sind, und in ähnlicher Verschwendung, so daß es ein Vorwurf ist, nur daran zu denken. Auch in der großen Kostbarkeit der Geräthe und in der Künstelei von Minnesängern, durch welche man zu den Lüsten der Ueppigkeit noch mehr gereizt wird, liegt Sünde, insofern sich dadurch das Herz weniger auf unsern Herrn Jesus Christus richtet, und wahrlich die Lust daran mag in diesem Falle so groß sein, daß man durch dieselbe leicht eine Todsünde begehen kann. Die Sündenarten, welche dem Stolze entquellen und daraus entspringen, besonders wenn sie aus bedachter, überlegter und vorher geplanter Bosheit entstehen, sind zweifelsohne Todsünden. Und wenn sie aus unüberlegter Schwachheit plötzlich entspringen und rasch wieder schwinden, so sind sie zwar sehr schwere, aber – wie ich denke – keine Todsünden. Nun möchte man fragen, woher jener Stolz entspringt und quellt? Ich sage, daß er bisweilen seinen Grund hat in den Gütern der Natur, bisweilen in den Gütern des Glücks, bisweilen in den Gütern der Gnade. Gewiß, die Güter der Natur bestehen aus den Gütern des Körpers oder den Gütern der Seele. Die Güter des Körpers sind sicherlich: Gesundheit des Leibes, Kraft, Gewandtheit, Schönheit, vornehme Abkunft und Freiheit. Die Güter der Natur in Bezug auf die Seele sind: guter Witz, scharfer Verstand, geschickte Kunstfertigkeit, natürliche Tugend, gutes Gedächtniß. Die Güter des Glücks sind: Reichthümer, hoher Stand der Herrschaft und Ruhm vor dem Volke. Güter der Gnade sind: Wissenschaft, Kraft geistige Anstrengung zu ertragen, Wohlwollen, tugendhafte Beschaulichkeit, Widerstand gegen Versuchung und ähnliche Sachen, von welchen genannten Gütern allen es aber sicherlich eine große Thorheit wäre, wenn sich der Mensch irgend eines derselben rühmen wollte. Um nun von den Gütern der Natur zu sprechen, so besitzen wir sie, weiß Gott, in unserer Natur bisweilen ebenso sehr zu unserm Schaden wie zu unserm Nutzen. Reden wir von der Gesundheit des Körpers, so geht sie wahrhaftig leicht vorüber und ist auch sehr häufig die Ursache von Krankheiten unserer Seele, denn Gott weiß, das Fleisch ist ein großer Feind der Seele, und jemehr daher der Körper gesund ist, in desto größerer Gefahr sind wir, zu fallen. Auch auf Körperkraft stolz zu sein, ist Thorheit, denn gewiß das Fleisch gelüstet wider den Geist, und je stärker das Fleisch ist, um so elender mag es um die Seele stehen, und Manchem verursacht überdem diese Körperkraft und weltliche Rüstigkeit sehr häufig Gefahr und Unglück. Auch stolz auf vornehme Abkunft zu sein, ist eine sehr große Thorheit, denn oftmals schließt der Adel des Körpers den Adel der Seele aus, und wir alle sind von einem Vater und einer Mutter und sämmtlich verrotteter und verfaulter Natur, sowohl reich als arm. Dagegen ist eine Art von Adel zu preisen, welche den Muth des Menschen mit Tugend und Sittlichkeit ausrüstet und ihm zum Kinde Christi macht, denn darauf könnt Ihr Euch verlassen, über wen Sünde die Meisterschaft hat, der ist nur ein ganz gemeiner Knecht der Sünde.

Nun giebt es allgemeine Kennzeichen des Adels, wie Enthaltung von Laster und Unzucht und Sündenknechtschaft in Wort und Werk und Haltung, und wie die Uebung von Tugend, Höflichkeit, Reinlichkeit und freigebig zu sein, das heißt: mit Maß zu schenken; denn, was über das Maß hinausgeht, ist Thorheit und Sünde. Ein anderes ist, sich der Wohlthaten zu erinnern, welche man von andern empfangen hat; ein anderes, gegen seine Untergebenen freundlich zu sein; weßhalb Seneka sagt: Nichts ist für einen Mann von hohem Rang so ziemlich, wie die Bescheidenheit und wie das Mitleid; und wenn die Fliegen, so man Bienen nennt, sich einen König geben, so wählen sie sich einen aus, der keinen Stachel hat, mit dem er stechen kann. Ein anderes ist, ein edles und eifriges Herz zu haben, um der Tugend nachzustreben. Nun, wahrlich, stolz auf die Güter der Gnade zu sein, ist ebenfalls eine außerordentliche Thorheit, denn diese Gnadengüter, welche uns zur Besserung und zur Arznei gereichen sollten, verwandeln sich alsdann in Gift und in Verderben, wie St. Gregorius sagt. Fürwahr, auch der, welcher Stolz auf die Güter des Glücks besitzt, ist ein großer Thor, denn Mancher ist ein großer Herr am Morgen und ein elender Wicht, bevor es Nacht geworden ist; und oftmals ist der Reichthum der Grund vom Tode eines Menschen, und oftmals liegt im Vergnügen eines Menschen die Ursache von schwerer Krankheit, an welcher er stirbt. Und sicherlich das Lob des Volkes ist zu falsch und zu zerbrechlich, um darauf zu bauen, denn heute preisen sie und morgen tadeln sie. Gott weiß, das Lob des Volkes zu haben, hat manchen thätigen Mann schon in den Tod geführt.

Remedium Superbiae.

Da Ihr nunmehr also verstanden habt, was Stolz ist, und welches die Gattungen desselben sind, und woher Menschenstolz kommt und entspringt, so sollt Ihr jetzt verstehen lernen, was das Mittel dagegen ist. – Demuth oder Ergebung ist das Mittel gegen den Stolz. Diese ist eine Tugend, durch welche der Mensch wahre Selbsterkenntniß erlangt und sich nicht für etwas Besonderes oder Vorzügliches hält in Bezug auf sein Verdienst, sondern stets seiner Schwachheit eingedenk ist. Nun giebt es drei Arten von Demuth: eine Demuth des Herzens, eine andere des Mundes und eine dritte der Werke. Die Demuth des Herzens ist vierfacher Art; die eine ist: wenn der Mensch sich selbst für unwerth vor Gott im Himmel hält; die zweite ist: wenn er keinen andern Menschen geringschätzt; die dritte ist: wenn er sich nicht daran stößt, daß die Menschen ihn für unwürdig halten; und die vierte ist: wenn er sich seiner Erniedrigung nicht schämt. Ebenso besteht Demuth des Mundes in vier Stücken; in mäßigem Sprechen, in demüthigem Sprechen, und wenn man mit eigenem Munde bekennt, daß man das ist, wofür man sich im Herzen hält, und fernerweit, wenn man die guten Eigenschaften Anderer schätzt und nichts davon verkleinert. Auch die Demuth der Werke ist viererlei Art. Die erste ist, wenn man andere Leute höher stellt, als sich selbst; die zweite ist, den niedrigsten Platz von allen zu wählen; die dritte ist, guten Rath freudig anzunehmen; die vierte ist, sich unter das Urtheil seines Oberherrn willig zu fügen oder von denen, so höher gestellt sind; gewiß dies ist ein großes Werk der Demuth.

De Invidia.

Nach dem Stolze will ich von dem garstigen Laster des Neides sprechen, welche nach den Worten des Philosophen Verdruß über das Wohlergehen anderer Leute ist, und nach den Worten des heiligen Augustinus Verdruß über das Wohl und Freude über den Harm von Anderen. Diese garstige Sünde ist geradezu wider den heiligen Geist. Zwar ist jede Sünde wider den heiligen Geist, aber grade so, wie alles Gute eigentlich dem heiligen Geiste angehört, und aus der Bosheit der Neid entspringt, so ist der letztere recht eigentlich der Gnadenfülle des heiligen Geistes zuwider. Nun zerfällt die Bosheit in zwei Arten, das heißt: in die Verwegenheit des Herzens zum Bösen, oder darin, daß das Fleisch des Menschen so blind ist, daß er nicht bedenkt oder nicht glaubt, daß er in Sünde sei, welches die Verwegenheit des Teufels ist. Eine andere Sorte von Neid ist, wenn ein Mensch der Wahrheit widerstreitet, obwohl er weiß, daß es Wahrheit ist; und auch, wer der Gnade Gottes widerstreitet, welche Gott seinem Nächsten geschenkt hat; und alles dies geschieht durch Neid. Gewißlich, dann ist Neid die schlimmste Sünde, die es giebt, denn, wahrlich, alle andern Sünden widerstreiten nur meistens einer besonderen Tugend, aber Neid sicherlich jeder Art von Tugenden und Trefflichkeiten; denn der Neidhart ist betrübt über alle gute Eigenschaften seiner Nachbarn. Und in dieser Art ist Neid von allen andern Sünden verschieden; denn kaum giebt es eine Sünde, in welcher nicht irgendwie Genuß liegt, nur den Neid ausgenommen, welcher stets nur Qual und Verdruß in sich trägt. Die Unterabtheilungen des Neides sind folgende. Da ist zunächst der Aerger über die Trefflichkeit anderer Menschen und über ihr Wohlergehn, und da diese natürliche Veranlassungen zur Freude sein sollten, so ist der Neid eine Sünde gegen die Natur. Die zweite Art von Neid ist Freude über anderer Leute Unglück; und das gleicht ganz eigentlich dem Teufel, der stets über alles Unglück des Menschen frohlockt. Aus diesen beiden Arten kommt Verläumdung, und diese Sünde der Verläumdung oder der Verkleinerung zerfällt wiederum in gewisse Sorten, z.B. Jemand lobt seinen Nachbar aus schlechter Absicht, denn er macht zum Schlusse einen bösen Knoten; immer setzt er ein »aber« am Ende hinzu, das mehr Tadel in sich schließt, als all sein Loben werth ist. Die zweite Art ist, wenn durch Verläumdung bei einem guten Menschen oder bei einer Sache, die in guter Absicht gesprochen oder ausgeführt wird, in böser Absicht alles Gute verdreht und auf den Kopf gestellt wird. Die dritte ist die Vorzüge des Nächsten zu verkleinern. Die vierte Gattung von Verläumdung ist diese: daß der Verläumder sagt, wenn Jemand von der Vortrefflichkeit eines Mannes spricht: Traun! der und der ist dennoch besser als er, indem er den heruntermacht, den Andre preisen. Die fünfte Art ist die: mit Wohlgefallen das Schlimme anzuhören, welches von andern Leuten gesprochen wird. Dieses ist eine sehr große Sünde, und wird noch durch die böse Absicht des Verläumders schlimmer. Nach Verläumdung kommt das Mißvergnügen und das Murren und dies entspringt aus Ungeduld bisweilen gegen Gott, bisweilen gegen Menschen. Gegen Gott, wenn man über die Qualen der Hölle oder über Armuth und Verlust an Gut und über Sturm und Regen murrt; oder mißvergnügt ist, daß böse Menschen Glück und gute Unglück haben; denn alle diese Dinge soll der Mensch geduldig tragen, weil sie aus der Weisheit und Bestimmung Gottes hergekommen sind. Zuweilen hat das Murren seinen Grund in Habsucht, wie bei Judas über Magdalene, als sie mit ihrer kostbaren Salbe das Haupt unseres Herrn Jesus Christus ölte. Solch’ eine Art von Murren ist auch, wenn Jemand Mißvergnügen hat über das Gute, welches er selber thut, oder welches andre Leute aus ihrem eignen Mitteln thun. Bisweilen kommt das Murren aus Stolz, wie zum Beispiel Simon, der Pharisäer, über die Magdalene murrte, als sie sich Jesus Christus nahte und zu seinen Füßen über ihre Sünde weinte; und zuweilen entspringt es aus Neid, wenn Leute das Schlechte von einem Manne aufdecken, was verborgen war; oder auch wenn man Jemandem durch falsche Mittheilungen zu schaden sucht. Murren findet auch oft bei Dienstboten statt, die ungehalten sind, wenn ihre Herrschaft ihnen das zu thun heißen, was ihnen obliegt; und da sie nicht öffentlich dem Befehle ihrer Herrschaften zu widersprechen wagen, so wollen sie dennoch übel sprechen und verdrießlich sein und heimlich murren, was sie des Teufels pater noster nennen; und wenn der Teufel freilich auch kein pater noster hat, so giebt doch das gemeine Volk der Sache diesen Namen. Bisweilen kommt das Mißvergnügen aus Zorn oder aus heimlichen Haß, wodurch Groll im Herzen genährt wird, wie ich später erklären werde. Dann kommt Bitterkeit im Herzen, durch welche jede gute That des Nächsten bitter und unschmackhaft erscheint. Dann kommt Zwietracht, welche alle Arten von Freundschaftsbanden löst. Dann kommt Verspottung des Nächsten, so viel Gutes er auch thun mag. Dann kommt Anschwärzen, indem ein Mensch nach der Gelegenheit sucht, seinen Nächsten zu kränken; welches der Verschlagenheit des Teufels gleicht, welcher Tag und Nacht wartet, um uns alle zu verschwärzen. Dann kommt Heimtücke, durch welche ein Mensch seinem Nächsten heimlich zu schaden trachtet; und wenn er es nicht vermag, so bleibt die böse Absicht, zum Beispiel sein Haus heimlich anzuzünden, oder ihn zu vergiften, oder sein Bieh zu tödten, oder ähnliche Sachen.

Remedium Invidiae.

Nun will ich über das Mittel wider diese garstige Sünde des Neides sprechen. Das fürnehmlichste ist: Gott über Alles zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst; denn, fürwahr, das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Und verlaß Dich darauf, daß Du Deinen Nächsten als Deinen Bruder ansehen mußt; denn wir haben gewißlich alle einen Vater und eine Mutter dem Fleische nach, nämlich Adam und Eva, und ebenso einen geistlichen Vater, nämlich Gott im Himmel. Deinen Nächsten bist Du verpflichtet zu lieben und ihm alles Gute zu wünschen, und daher sagt Gott: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das heißt, um der Erhaltung des Leibes und der Seele willen. Und außerdem sollst du ihn lieben durch Worte und durch gütige Ermahnungen, durch Züchtigung und durch Trost in seinen Nöthen, und du sollst für ihn von ganzem Herzen beten. Und durch die That sollst du ihn so lieben, daß du ihm Barmherzigkeit erweist, wie du es wünschst, daß sie dir selber erwiesen werde; und deßhalb sollst du ihm keinen Schaden zufügen, noch böse Worte wider ihn reden, noch Nachtheil an seinem Leibe, seinen Gütern und seiner Seele thun durch verführerisches und böses Beispiel. Du sollst nicht begehren sein Weib, noch alles, was sein ist. Verstehe gleichfalls, daß unter dem Namen deines Nächsten auch dein Feind mit inbegriffen ist. Gewiß, man soll seinen Feind nach dem Gebote Gottes lieben und wahrlich in Gott sollst du deinen Freund lieben. Ich sage, deinen Feind sollst du um Gottes willen lieben nach seinem Gebote; denn wenn es der Vernunft entspräche, seinen Feind zu hassen, so würde zuverlässig auch Gott nicht uns, als seine Feinde, zu seiner Liebe zugelassen haben. Der Mensch soll gegen die drei verschiedenen Uebel, die ihm sein Feind zufügt, drei Sachen thun, wie folgt: gegen Haß und Groll im Herzen soll er ihn von Herzen lieben; gegen Schmälen und böse Worte soll er für seinen Feind beten; gegen schlechte Handlungen seines Feindes soll er ihm Gutes erweisen. Denn Christus sagt: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen und verjagen und verfolgen, und thut Gutes denen, so euch hassen. Seht! so befiehlt unser Herr Jesus Christus, unsern Feinden zu thun. Fürwahr, die Natur treibt uns, unsere Freunde zu lieben, und, meiner Treu, unsere Feinde bedürfen unserer Liebe mehr, als unsere Freunde; und, sicherlich, Denen, die bedürftiger sind, sollte man auch mehr Gutes erweisen. Und, fürwahr, so zu thun ermahnt uns die Liebe Jesu Christi, der für seine Feinde starb; und je schwerer solche Liebe zu erfüllen ist, um so größer ist das Verdienst, und deßhalb wird durch die Liebe gegen unsere Feinde das Gift des Teufels überwunden. Denn, so wie der Teufel durch Demuth bezwungen wird, so wird er auch zu Tode getroffen durch die Liebe gegen unsere Feinde; dann ist aber zuverlässig Liebe die Arznei, welche das Gift des Neides aus dem Herzen des Menschen hinausschafft.

De Ira.

Nach dem Neide will ich die Sünde des Zorns erklären: denn, wahrlich, wer Neid gegen seinen Nachbar hegt, wird meistens bald Grund zum Zorn in Wort oder That gegen den finden, welchen er beneidet. Und ebensowohl entspringt Zorn aus Stolz als aus Neid, denn, sicherlich, wer stolz und neidisch ist, wird auch leicht zornig. Die Sünde des Zorns ist nach der Erklärung von St. Augustin der böse Wunsch, sich durch Wort oder That zu rächen. Zorn ist nach dem Philosophen das siedende Blut, welches im Herzen des Menschen wallt, wodurch er demjenigen zu schaden trachtet, welchen er haßt; denn, fürwahr, das Herz des Menschen wird durch die Erhitzung und Wallung seines Blutes so unruhig, daß er jede Art von Urtheil verliert. Aber Ihr sollt verstehen, daß Zorn zwei Arten hat, von denen die eine gut, die andere böse ist. Der gute Zorn kommt aus der Eifersucht der Tugend, indem der Mensch zornig wird über die Schlechtigkeit und gegen die Schlechtigkeit; und deßhalb sagt der Weise, daß Zorn besser sei, denn Spaß. Dieser Zorn ist sanftmüthig und ist Ingrimm ohne Bitterkeit; nicht Ingrimm gegen den Menschen, sondern Ingrimm über die Uebelthat des Menschen, wie der Prophet David sagt: Irascimini et nolite peccare. Nun versteht, daß der böse Zorn zweierlei Art hat, nämlich plötzlichen Zorn oder Jähzorn ohne den Beirath und die Einwilligung der Vernunft. Die Meinung und der Sinn hiervon ist, daß die Vernunft des Menschen diesem Zorn nicht beistimmt, und dann ist es läßliche Sünde. Einen anderen, höchst bösen Zorn giebt es, welcher aus Boshaftigkeit des Herzens kommt und vorher überlegt und ausgeplant ist mit dem bösen Wunsche, sich zu rächen, unter Beistimmung der Vernunft, und, wahrlich, dieser ist Todsünde. Dieser Zorn ist Gott so mißfällig, weil er die Ordnung seines Hauses stört und den heiligen Geist aus der Seele des Menschen hinaustreibt und dieses Ebenbild Gottes schändet und vernichtet, und das will sagen: die Tugend der Menschenseele, und dafür das Ebenbild des Teufels an die Stelle setzt und den Menschen von Gott, seinem rechtmäßigen Herrn, entfremdet. Dieser Zorn ist das höchste Frohlocken des Teufels, denn er ist des Teufels Glühofen, den er mit dem Feuer der Hölle heizt. Denn, sicherlich, wie Feuer mächtiger ist, irdische Dinge zu zerstören, als irgend ein anderes Element, ebenso ist Zorn auch mächtig, alle geistlichen Dinge zu zerstören. Seht! wie das Feuer winziger Kohlenreste, das beinahe todt unter der Asche ruhte, wieder auflebt, sobald man es mit Schwefel berührt, grade so wird Zorn auch immer wieder lebendig, wenn er vom Stolze berührt wird, welcher im Herzen des Menschen wohnt. Denn, fürwahr, Feuer kann aus keiner Materie entstehen, wenn es nicht von Natur bereits in derselben ruht wie Feuer aus dem Kiesel mit Stahl gezogen wird. Und wie der Stolz häufig die Mutter des Zorns ist, so ist Groll der Pfleger und Wärter des Zorns. Es giebt eine Art Baum – wie St. Isidorus sagt – welcher, wenn man ein Feuer aus demselben macht und die Kohlen dann mit Asche bedeckt, über ein Jahr und länger brennt, und grade so geht es mit dem Groll; wenn er einmal im Herzen der Leute empfangen ist, dann wird er zweifellos auch vielleicht von einem Ostertage bis zum andern Ostertage oder noch länger währen. Aber gewiß, solch ein Mensch ist während dieser Zeit gewaltig weit von der Gnade Gottes entfernt. In diesem genannten Glühofen des Teufels schmieden drei Bösewichter. Stolz, ja, der bläst und vermehrt das Feuer durch Schelten und böse Worte. Daneben steht Neid und hält das heiße Eisen auf das Herz des Menschen mit den langen Zangen des langgenährten Grolls, und daneben steht die Sünde des Hohnes, des Streites und des Zankes und hämmert und schmiedet durch boshafte Beschuldigungen. Wahrlich, diese verfluchte Sünde schadet sowohl dem Menschen selbst als auch seinem Nächsten. Denn, gewißlich, beinahe aller Harm und aller Schaden, welcher ein Mensch seinem Nächsten zufügt, kommt aus Ingrimm; denn, fürwahr, unbezähmter Grimm thut alles, was der schändliche Feind nur irgend will oder ihm befiehlt, denn er verschont selbst um Christi willen nicht seiner eigenen liebenden Mutter, und in seinem übermäßigen Aerger und Zorn – o weh! o weh! – vergeht sich dann Mancher in seinem Herzen gegen Christus und nicht minder gegen alle seine Heiligen! Ist das nicht ein verfluchtes Laster? – Ja, gewiß! – Ach es beraubt den Menschen des Verstandes und der Vernunft und seines ganzen demüthigen geistlichen Lebens, welches seine Seele erhalten sollte. Gewiß, es beraubt ihn auch der Gott schuldigen Herrschaft, und das ist seine Seele, und der Liebe seines Nächsten; es streitet auch Tag für Tag wider die Wahrheit; es raubt ihm die Ruhe des Herzens und verkehrt seine Seele. Aus dem Zorn kommen diese stinkenden Sproßen: zunächst Haß oder veralteter Groll; Zwietracht, welche den Menschen seinen alten Freund verlassen macht, den er so lange geliebt hatte; und dann kommt Hader und jede Art von Unrecht, welche ein Mensch gegen seines Nächsten Leib oder Gut verübt. Aus dieser verfluchten Sünde entsteht auch Todtschlag; und versteht es wohl, dieser Mord oder Todtschlag ist verschiedener Art. Der eine ist geistiger, der andere körperlicher Beschaffenheit. Geistiger Mord entspringt aus sechs Sachen. Erstens aus Haß; wie St. Johannes sagt: Wer seinen Bruder haßt, ist ein Mörder. Mord geschieht auch durch Verläumdung, von welchen Verläumdern Salamo sagt: daß sie zwei Schwerter haben, mit denen sie ihren Nächsten erschlagen; denn, gewiß, es ist ebenso schlimm, Jemandem seinen guten Namen zu nehmen, als sein Leben. Mord geschieht auch durch bösen, betrüglichen Rathschlag, wodurch zu schlechten Sitten und Geschwätz aufgemuntert wird; und gleich wie Salamo sagt: Ein brüllender Löwe und ein hungriger Bär gleichen grausamen Herrn; auch ferner durch Entziehen oder Verkürzen des Lohnes oder der Besoldung der Diener, oder sonst noch durch Wucher oder durch Zurückhalten der Almosen an die Armen. Weßwegen der Weise sagt: Speise den, welcher dem Hugertode nahe ist, denn speisest du ihn nicht, so ermordest du ihn in Wahrheit. Und alles dieses ist Todsünde. Körperlicher Todtschlag ist, wenn du Jemanden mit der Zunge oder auf andere Weise umbringst, und zum Beispiel einem Andern befiehlst, oder räthst, Jemanden zu tödten. Thatsächlicher Todtschlag geschieht auf vier verschiedene Weisen. Der eine durch Gesetz, indem ein Richter nämlich den Schuldigen zum Tode verurtheilt; aber möge der Richter sich wohl vorsehen, daß er es rechtmäßig thue, nicht aus Vergnügen, Blut zu vergießen, sondern um Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten. Ein anderer Todtschlag geschieht aus Nothwendigkeit, wenn nämlich ein Mann zu seiner Selbstvertheidigung einen andern erschlägt, weil er in keiner anderen Weise dem Tode entrinnen kann; aber gewiß, wenn er ohne den Todtschlag seines Gegners entkommen kann, so thut er Sünde und soll dafür wie für eine Todsünde büßen. Und ebenso, wenn Jemand zum Zeitvertreib oder durch Zufall einen Pfeil abschießt, oder mit einem Steine wirft, durch welchen er einen Menschen tödtet, so ist er ein Mörder. Und wenn ein Weib aus Nachlässigkeit ihr Kind im Schlafe erdrückt, so ist dies Mord und Todsünde. Auch wenn Jemand die Empfängniß eines Kindes verhindert, oder ein Weib durch Getränke aus giftigen Kräutern unfruchtbar macht, daß sie nicht empfangen kann, oder wenn er durch solche Tränke ihr Kind tödtet, oder wenn er gewisse Sachen in ihre Schamtheile steckt, dieses Kind umzubringen, oder wenn er unnatürliche Sünde thut, durch welche ein Mann oder Weib die Natur schädigen, indem ein Kind nicht empfangen werden kann; oder ferner, wenn ein Weib, das empfangen hat, sich selbst verletzt und durch solchen Unfall ihr Kind tödtet, so ist es Mord. Was sagen wir von den Frauen, welche ihr Kind aus Furcht vor weltlicher Schande tödten? Gewiß, das ist schauderhafter Mord! Auch wenn Jemand einem Weibe beiwohnt aus sinnlicher Lust, durch welche ihr Kind zu Grunde geht, oder wer wissentlich ein Weib so schlägt, daß sie dadurch ihr Kind verliert, alles dieses ist Mord und grauenvolle Todsünde.

Doch es kommen durch Zorn noch weit mehr Sünden, sowohl in Worten und Gedanken, als in der That. Zum Beispiel, wenn Jemand eine Sache, deren er sich schuldig macht, auf Gott schiebt, oder Gott darüber tadelt, oder Gott und alle seine Heiligen verachtet, wie die verfluchten Hasardspieler in manchen Gegenden thun. Diese verfluchte Sünde begehen die, so in ihrem Herzen schlecht von Gott und seinen Heiligen denken, oder das Sakrament des Altars unehrerbietig behandeln; solche Sünde ist so groß, daß sie nie getilgt werden könnte, wenn nicht die Gnade Gottes in ihrer Größe und Gütigkeit über alle seine Werke hinaus ginge. Dann entspringt auch aus Zorn der Aerger über die Reue; wenn ein Mensch in seiner Beichte scharf ermahnt wird, von seinen Sünden zu lassen, dann will er ärgerlich werden und verdrossen und verdrießlich antworten und seine Sünde durch die Schwachheit des Fleisches vertheidigen oder entschuldigen; er habe es der Gesellschaft seiner Genossen wegen gethan, oder der Teufel habe ihn verlockt, oder er habe aus Jugendmuth es gethan, oder seine Constitution sei so kräftig, daß er es nicht helfen könne; oder sagt, es sei seine Bestimmung bis zu einem gewissen Alter; oder er sagt, es sei ihm durch den Adel seiner Ahnen überkommen und ähnliche Sachen.

Alle diese Art Leute wickeln sich so in ihre Sünden ein, daß sie sich von denselben nicht losmachen mögen; denn sicherlich, Niemand, der sich wegen seiner Sünden eigensinnig ausredet, kann sich von denselben eher losmachen, als bis er sie demüthig eingesteht. Nach diesem kommt Schwören, welches ausdrücklich wider das Gebot Gottes ist; und das entsteht oft durch Aerger und Zorn. Gott sagt: Du sollst den Namen deines Herrn nicht mißbrauchen! Auch unser Herr Jesus Christus sagt durch das Wort des heiligen Matthäus: Ihr sollt allerdinge nicht schwören; weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist eines großen Königs Stadt; noch bei deinem Haupt, denn du vermagst nicht, ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen; dagegen sagt er: aber eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Uebel. So spricht Christus. – Um Christi willen schwört nicht so sündhaft bei Seele, Herz, Knochen und Körper, indem ihr Christ zergliedert; als ob die verfluchten Juden es noch nicht genug gethan hätten, sondern Ihr ihn noch mehr zergliedern müßtet. Und wenn Euch auch das Gesetz zwingt, zu schwören, so richtet Euch bei Eurem Schwur nach dem Gebote Gottes, denn – wie Jeremias sagt: Du mußt drei Bedingungen erfüllen; du mußt nach der Wahrheit, vor dem Gerichte und mit Rechtschaffenheit schwören. Das heißt: du sollst wahr schwören, denn jede Lüge ist Christ zuwider; denn Christus ist die Wahrheit selbst; und bedenke wohl, daß von dem Hause des großen Schwörers, der nicht gesetzlich dazu gezwungen ist, die Plage nicht weichen soll, so lange er unnützer Weise schwört. Du sollst auch vor Gericht schwören, wenn du vom Richter dazu gezwungen wirst, die Wahrheit zu bezeugen. Ebenso sollst du nicht aus Neid, noch aus Gunst, noch für Gaben schwören, sondern nur aus Rechtschaffenheit und um die Wahrheit zur Ehre und Anbetung Gottes zu erklären, und zur Hülfe und Unterstützung deines Mitbruders in Christo. Und Jeder, welcher daher den Namen Gottes unnütz gebraucht, oder mit seinem Munde falsch schwört, oder sich nach Christi Namen einen Christenmenschen nennt, aber dem Beispiele und der Lehre Christi zuwider lebt, alle diese Leute mißbrauchen den Namen Gottes. Seht auch, was St. Peter sagt: Actuum IV: Non est aliud nomen sub coelo etc. Es ist kein anderer Name – sagt St. Peter – unter dem Himmel den Menschen gegeben, darinnen sie sollen selig werden, als nämlich der Name Jesus Christus. Beachte auch, wie kostbar der Name Jesu Christi ist, wie St. Paul sagt ad Philipenses II: In nomine Jesu etc., daß in den Namen Jesu sich beugen sollen alle derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind; denn er ist so hoch und verehrungswürdig, daß der verfluchte Feind in der Hölle zittern soll, wenn er ihn nennen hört. Dann scheint es, daß die Leute, welche so gräulich bei diesem gesegneten Namen schwören, ihn frecher verachten als die verfluchten Juden thaten oder der Teufel, wenn er seinen Namen hört.

Nun, wahrlich, da Schwören, ausgenommen, wenn es gesetzmäßig geschieht, so strenge verboten ist, wie viel schlimmer ist es alsdann, falsch oder nutzlos zu schwören?

Was sagen wir von Denen, welche in Schwören ihr Vergnügen finden und es für einen adeligen Zeitvertreib oder für eine männliche That halten, starke Eide zu schwören? Und was von Denen, die aus Gewohnheit nicht aufhören starke Eide zu schwören, obschon der Grund keinen Strohhalmen werth ist? Gewiß, dies ist grauenhafte Sünde. Auch rasches und unbedachtes Schwören ist große Sünde. Aber laßt uns nun auf das erschreckliche Beschwören bei den Zauberformeln und Besprechungen kommen, wie diese falschen Hexenmeister und Schwarzkünstler in mit Wasser gefüllten Becken oder auf blanke Schwerter, oder im Kreise, oder vor dem Feuer, oder auf das Schulterblatt eines Schafes betreiben. Ich kann nur sagen, daß sie höchst verdammungswürdig und lästerlich gegen Christ und allen Glauben der heiligen Kirche handeln. Was sagen wir von Denen, so an Vorbedeutungen glauben, wie an den Flug oder das Geschrei von Vögeln oder andern Thieren, oder an die Geomancie, an Träume, an Thürenknarren und Wändekrachen, an Rattennagen und an derart elendes Zeug? Gewiß, alle diese Sachen sind von Gott und durch die heilige Kirche verboten, und daher sind auch die, so an solchen Dreck glauben, verflucht, bis sie zur Besserung gelangen. Wenn Zaubersprüche bei Wunden oder bei Krankheiten von Menschen und Vieh Erfolg haben, so mag es sein, daß Gott es vielleicht duldet, damit die Leute mehr Glauben zu ihm haben und mehr Ehrfurcht vor seinem Namen hegen sollen.

Nun will ich über Lügen sprechen, welches im Allgemeinen eine falsche Meinung der gesprochenen Worte ist, in der Absicht unsere Mitchristen zu betrügen. Es giebt eine Art Lügen, durch welches für Niemand ein Vortheil entsteht, und andere gewähren dem Menschen Vortheil und Nutzen und gereichen anderen zum Schaden. Einige Lügen werden gesagt, um das Leben oder die Habe zu retten. Andere Lügen kommen aus der Lust am Lügen, da manche Leute Vergnügen daran finden, denn sie wollen eine lange Geschichte schmieden und sie mit aller Umständlichkeit ausmalen, obschon die ganze Grundlage der Geschichte falsch ist. Einige Lügen kommen daher, weil man das einmal Gesagte aufrecht erhalten will, und einige kommen aus Leichtsinn ohne Nachdenken und aus ähnlichen Ursachen.

Laßt uns nun das Laster der Schmeichelei berühren, welches nicht in Wohlwollen, sondern in Furcht und Neid seinen Grund hat. Schmeicheln ist im Allgemeinen ungerechtfertigtes Lob. Schmeichler sind Teufelsammen, welche ihre Kinder mit der Milch der Süßigkeit nähren. Fürwahr, Salamo sagt, daß Schmeichelei schlimmer ist, als Verkleinerung; denn letztere kann bisweilen einen hochmüthigen Menschen demüthig machen, denn er fürchtet Erniedrigung, aber sicherlich, Schmeichelei bläht das Herz und das Benehmen des Menschen auf. Schmeichler sind des Teufels Hexenmeister, denn sie machen dem Menschen weiß, daß er dem gliche, dem er nicht gleicht. Sie sind gleich Judas, welcher Gott verrieth; und diese Schmeichler verrathen den Menschen, um ihm seinem Feinde, das heißt, dem Teufel zu verkaufen. Schmeichler sind des Teufels Caplane, welche immer »Placebo« singen. Ich zähle die Schmeichelei den Lastern des Zornes bei, weil ein Mensch, welcher gegen einen andern aufgebracht ist, dritten Personen schmeicheln will, damit sie ihn in seinem Streit unterstützen.

Sprechen wir nun von solchem Fluchen, welches aus ingrimmigem Herzen kommt. So kann man im Allgemeinen jede Art von Verwünschung nennen. Solches Fluchen beraubt den Menschen des Himmelreiches, wie St. Paul sagt. Und oftmals fällt solches lästerliche Fluchen auf den zurück, welcher flucht; wie ein Vogel zu seinem eigenen Neste zurückkehrt. Und vor Allem sollte der Mensch, soweit er irgend vermag, vermeiden, die eigenen Kinder zu verfluchen und dem Teufel seine Nachkommenschaft zu übergeben; gewißlich, dies ist eine große Gefahr und eine große Sünde.

Laßt uns darauf von Keifen und Schimpfen sprechen, welche tiefe Wunden dem Menschenherzen schlagen, denn sie reuten den Samen der Freundschaft im Menschenherzen wieder aus. Denn öffentlich Jemanden geschmäht, geschimpft und verlästert zu haben, wenn man sich nicht hinterher wieder vollkommen mit ihm aussöhnt, ist sicherlich eine große, gräßliche Sünde, wie Christus im Evangelium sagt. Und nun gebt Acht, wie der, welcher seinen Nächsten schimpft, ihn entweder verlästert wegen eines Leidens, welches er am Körper hat, wie: »Aussätziger, buckliger Kerl!« oder wegen einer Sünde, welche er thut. Nun, wenn er ihn wegen eines schmerzlichen Leidens schimpft, so lenkt sich sein Schimpfen gegen Jesus Christ; denn Leiden wird uns durch den rechtmäßigen Willen Gottes und unter seiner Zulassung gesandt, sei es Aussatz oder Lahmheit oder Krankheit. Und, wenn man Jemanden unbarmherzig wegen seiner Sünden schilt, wie: Hurenbold, besoffener Kerl und so weiter, so gehört solches zur Ergötzlichkeit des Teufels, welcher sich immer freut, wenn Menschen Sünde thun. Doch gewiß, Schimpfen kann nur aus schlechtem Herzen kommen, denn nach der Fülle des Herzens spricht der Mund gar häufig. Und wenn Ihr nur ein wenig Acht gebt, werdet Ihr sehen, daß Jemand, welcher einen Andern strafen will, sich hüten müsse vor Keifen und Schimpfen; denn, gewiß, wer sich nicht in Acht nimmt, mag leicht das Feuer des Zornes und Aergers schüren, anstatt es auszulöschen, und mag den vielleicht tödten, welchen er in Güte hätte strafen können. Denn Salamo sagt: Die freundliche Zunge ist der Baum des Lebens, das heißt, des geistigen Lebens. Und, fürwahr, eine liederliche Zunge tödtet den Geist Dessen, der schimpft, sowie Desjenigen, der geschimpft wird. Seht! wie St. Augustin sagt: Niemand gleicht so sehr einem Kinde des Teufels, als Derjenige, welcher häufig schimpft! Ein Diener Gottes sollte nicht schimpfen. – Und wie Schimpfen eine böse Sache bei jeder Art von Leuten ist, so ist es sicherlich am ungeziemendsten zwischen Mann und Weib; denn dann herrscht niemals Ruhe. Und deßhalb sagt Salamo: Ein triefendes Haus und ein keifendes Weib werden wohl mit einander verglichen. Wenn Jemand in einem triefenden Hause wohnt, so mag er wohl an einer Stelle der Traufe entrinnen, aber es tropft auf ihn wieder an einer andern; und grade so geht es mit einem keifenden Weibe; wenn sie ihn hier schimpft, so will sie ihn auch dort schimpfen; und deßhalb ist es besser, ein Stück Brod mit Freude, als ein Haus voll Leckerbissen mit Schimpfworten, sagt Salamo. Und St. Paul sagt: O, ihr Weiber, seid unterthan euren Männern; und ihr Männer liebt eure Weiber!

Hinterher sprechen wir von Spotten, welches eine böse Sünde ist, namentlich, wenn man Jemanden wegen seiner guten Werke verspottet; denn, gewiß, solchen Spöttern geht es wie den faulen Kröten, welche den süßen Duft der Neben nicht leiden können, wenn der Wein blüht. Diese Spötter sind Spielbrüder des Teufels, denn sie haben Freude, wenn der Teufel gewinnt, und Kummer, wenn er verliert. Sie sind Widersacher Jesu Christi, da sie das hassen, was er liebt, nämlich das Heil der Seele.

Sprechen wir nun von bösem Rathschlag; denn Derjenige, welcher bösen Rath ertheilt, ist ein Verräther, denn er betrügt den, welcher auf ihn vertraut. Aber dennoch richtet sich böser Rathschlag zunächst gegen den Menschen selber, denn, wie der Weise sagt: Falschheit hat die Eigenschaft, daß Derjenige, welcher einen Andern kränken will, zunächst sich selber kränkt. Und man soll einsehen, daß man keinen Rath von falschen, zornigen und empfindlichen Leuten annehmen dürfe, noch von solchen, welche ihren eigenen Vortheil besonders lieben, noch von zu weltlich gesinnten Leuten, insonderheit was Rathschläge über die Seele des Menschen anbetrifft.

Nun kommt die Sünde Derjenigen, die Hader zwischen dem Volke anstiften, welche Sünde Christus auf das höchste haßt; und das ist kein Wunder, denn er starb, um Frieden zu machen. Und sie fügen dadurch Christo mehr Schmach zu, als Diejenigen, welche ihn kreuzigten; denn, daß Freundschaft unter Leuten sei, war Gott weit lieber als sein eigener Leib, welchen er um der Eintracht willen dahin gab. Deßhalb kann man sie dem Teufel vergleichen, welcher stets damit umgeht, Unfrieden zu säen. Nun kommt die Sünde der Doppelzüngigkeit, wenn man nämlich schön in der Gegenwart von Leuten und böse hinter ihrem Rücken spricht, oder wenn man sich den Anschein giebt, als ob man in guter Absicht oder aus Scherz und Spaß rede, und es dennoch aus schlimmen Hintergedanken thut. Nun kommt Ausplaudern von Absichten Anderer, durch welche ein Mensch verunglimpft wird; gewiß, diese Sünde läßt sich kaum wieder gut machen. Dann kommt Drohung, welche offene Thorheit ist; denn, wer oft droht, verspricht mehr, als er meistens ausführen kann. Darauf kommen müssige Worte, welche ohne Werth sind für den, welcher sie spricht, sowie für den, welcher sie hört; oder sonst müssige Worte, welche ganz überflüssig sind und keinen Zweck und keinen natürlichen Nutzen haben. Und wenn auch zwar müssige Worte manchmal nur läßliche Sünden sind, sollte dennoch der Mensch über solche in Zweifel sein, da wir Rechenschaft darüber ablegen sollen vor Gott. Dann kommt Geschwätzigkeit, welche auch nicht ohne Sünde sein kann, und – wie Salamo sagt – ein Zeichen offenbarer Thorheit ist. Und daher sprach ein Philosoph, als er gefragt wurde, wie man dem Volke gefallen könne, indem er zur Antwort gab: Thue des Guten viel und schwätze wenig. Hiernach kommt die Sünde der Possenreißer, welche die Affen des Teufels sind; denn sie machen das Volk lachen über ihre Possen, wie man die Streiche eines Affen belacht. Solche Possen verbietet St. Paul. Seht, so wie tugendsame und heilige Worte Diejenigen erbauen, welche im Dienste Christi arbeiten, grade so erbauen die Streiche von Possenreißern Diejenigen, welche im Dienste des Teufels arbeiten. Dieses sind die Sünden der Zunge, welche aus Zorn entspringen, und viele andere Sünden mehr.

Remedium Irae.

Das Mittel gegen Zorn ist eine Tugend, welche man Sanftmuth oder Gutherzigkeit nennt; und auch noch eine andere Tugend, welche Geduld oder Duldung heißt. Sanftmuth vertreibt oder hält die Anregungen und Gefühle des Uebermuths im Menschenherzen dergestalt zurück, daß sie nicht in Aerger und Zorn ausarten. Duldung duldet demüthig alle Kränkungen und das Unrecht, das von außen kommt. St. Hieronymus spricht so von der Sanftmuth, daß sie Niemandem Schaden durch That oder Wort zufüge und durch nichts Böses, was Menschen thun oder sagen, sich der Vernunft zuwider ereifere. Diese Tugend kommt oftmals von Natur, denn, wie der Philosoph sagt: Der Mensch ist ein lebendiges Wesen, von Natur sanftmüthig und zum Guten geneigt; wenn aber Sanftmüthigkeit durch Gnade erlangt wird, dann ist sie um desto werthvoller.

Geduld ist ein anderes Mittel gegen den Zorn und eine Tugend, welche freudig die guten Eigenschaften eines Menschen anerkennt und über keine Unbill, welche man uns zufügt, ergrimmt. Der Philosoph sagt, daß Geduld die Tugend sei, welche ergeben alle Unbill des Mißgeschicks und jedes böse Wort ertrage. Diese Tugend macht den Menschen seinem Gotte ähnlich und zum eigenen Kinde desselben, wie Christus sagt. Diese Tugend überwindet deine Feinde. Und daher sagt der Weise: Wenn du deine Feinde besiegen willst, so sei geduldig. Und nun sollst du begreifen, daß man vier Arten von Ungemach in äußerlichen Dingen dulden kann, wider welche man auch dann vier Arten von Geduld haben muß. Das erste Ungemach besteht in bösen Worten. Diese Unbill ertrug Jesus Christ, ohne zu murren, höchst geduldig, so häufig ihn die Juden auch verspotteten und beschimpften. Ertrage daher auch du solche mit Geduld, denn der Weise sagt: Wenn du mit einem Thoren streitest, so gilt es gleich, ob er böse wird oder lacht; denn in keinem Falle wirst du Ruhe vor ihm haben. Das andere äußerliche Ungemach besteht in Schaden an deiner Habe. Solches erlitt Christus höchst geduldig, als man ihm alles nahm, was er im Leben besaß, und das waren allein seine Kleider. Das dritte Ungemach ist körperlicher Schmerz. Diesen trug Christus höchst geduldig während seiner ganzen Passion. Das vierte Ungemach ist Ueberbürdung mit Arbeit. Deßhalb sage ich, daß Leute, welche ihr Gesinde zu hart oder außer der Zeit, wie an Feiertagen, arbeiten lassen, sicherlich große Sünde thun. Auch dieses trug Christus höchst geduldig, und lehrte uns das gleiche zu thun, als er auf seinen Segensschultern das Kreuz trug, an welchem er schmählichen Tod erdulden sollte. So mögt Ihr lernen geduldig zu sein, denn, wahrlich, nicht die Christen allein sind geduldig aus Liebe zu Jesu Christo und der Verheißung der ewigen Seligkeit wegen, sondern auch die alten Heiden, welche nie getauft waren, empfahlen und übten die Tugend der Geduld. Ein Philosoph, welcher, über einen großen Fehltritt seines Schülers aufgebracht, diesen einstmals dafür strafen wollte, holte eine Gerte, um das Kind zu schlagen. Doch als das Kind die Gerte sah, sprach es zum Lehrer: »Was gedenkt ihr zu thun?« »Ich will dich zu deiner Züchtigung schlagen« – sagte der Lehrer. »Fürwahr« – sprach das Kind – »ihr solltet euch zuerst selbst züchtigen, denn ihr habt alle eure Geduld wegen der Unart eines Kindes verloren.« – »Gewiß« – rief der Lehrer unter vielen Thränen – »du sprichst wahr! Nimm die Gerte, mein lieber Sohn, und züchtige mich wegen meiner Ungeduld.«

Aus Geduld kommt Gehorsam, durch welchen sich der Mensch Gott unterwirft und allen Denen, welchen er Gehorsam in Christo schuldig ist. Und versteht es wohl, daß Gehorsam nur dann vollkommen ist, wenn man froh und rasch aus gutem, vollem Herzen das thut, was man thun soll. Im Allgemeinen heißt Gehorsam, rasch die Befehle Gottes und seiner Obrigkeiten zu vollziehen, denen man in aller Rechtmäßigkeit unterthan sein sollte.

De Accidia.

Nach der Sünde des Zornes will ich nunmehr von der Sünde der Verdrossenheit oder der Unlust sprechen; denn Neid verblendet des Menschen Herz, Zorn beunruhigt ihn, und Verdrossenheit macht ihn grämlich, schwermüthig und mürrisch. Neid und Zorn schaffen Bitterkeit im Herzen, welche die Mutter der Verdrossenheit ist und ihm die Lust zu allem Guten entreißt; daher ist Verdrossenheit die Qual eines unruhigen Herzens. St. Augustin sagt: Sie ist Verdruß am Wohlergehen und Verdruß am Mißgeschick. Gewiß, dieses ist eine verdammenswerthe Sünde; denn sie ist ein Unrecht gegen Jesus Christus, insofern sie den Dienst beeinträchtigt, welche alle Menschen mit ganzer Seele Christ erweisen sollten, wie Salamo sagt. Aber Verdrossenheit zeigt keinen solchen Eifer. Sie thut Alles mit Grämlichkeit, Schwermuth, Langsamkeit, Aufschub, mit Trägheit und Unlust; worüber das Buch sagt: Verflucht sei der, welcher den Dienst Gottes nachlässig versieht. Daher ist Verdrossenheit ein Feind in jedem Stande des Menschen. Denn, wahrlich, der Stand des Menschen ist dreifacher Art. Entweder ist er der Stand der Unschuld, wie bei Adam, bevor er in Sünde fiel; und in diesem Stande war er dazu bestimmt, durch Preis und Anbetung Gottes zu wirken. Ein anderer Stand ist der des sündhaften Menschen, in welchem wir bestimmt sind, zu schaffen durch Flehen zu Gott um die Vergebung unserer Sünden und damit er uns gewähre, uns aus der Sünde wiederum empor zu heben. Ein anderer Stand ist der Stand der Gnade, in welchem man bestimmt ist, Werke der Buße zu thun. Und, gewiß, in allen diesen Dingen ist Verdrossenheit ein Feind und Widersacher, denn sie liebt ja überhaupt die Thätigkeit nicht. Nun, gewiß, diese faule Sünde der Verdrossenheit ist auch die größte Feindin der körperlichen Lebenskraft; denn sie trifft keine Vorsorge gegen zeitliche Noth, da sie alles verkommen läßt und alle zeitlichen Güter zerstört und verfaullenzt durch ihre Nachlässigkeit. Die vierte Sache ist, daß Verdrossenheit dem Volke gleicht, welches in den Qualen der Hölle sitzt, wegen ihrer Trägheit und Schwerfälligkeit, denn die Verdammten sind verurtheilt, weder Gutes thun, noch Gutes denken zu können. Aus Verdrossenheit kommt zunächst, daß man sich gelangweilt und belästigt fühlt, irgend etwas Gutes zu thun, und daher kommt es, daß Gott Abscheu vor solcher Verdrossenheit hat, wie St. Johannes sagt. Nun kommt Bequemlichkeit, welche keine Entbehrungen und Bußen dulden will, denn, fürwahr, Bequemlichkeit ist so zart und gebrechlich – wie Salamo sagt – daß sie keine Entbehrung und Buße ertragen will, und was sie thut, verdirbt. Dieser verrotteten Sünde der Verdrossenheit und Trägheit sollte der Mensch sich durch Uebung entgegenstemmen, indem er sich befleißigt, gute Werke zu thun, und männlichen und tugendhaften Muth zu fassen, das Gute zu vollbringen in dem Gedanken, daß unser Herr Jesus Christ jede gute That vergilt, und wenn sie auch noch so klein ist.

Gewohnheit zur Arbeit ist eine große Sache; denn sie giebt – wie St. Bernhard sagt – dem Arbeiter starke Arme und harte Sehnen; aber Trägheit macht sie schlaff und zart. Dann kommt die Scheu vor der Mühe, irgend ein gutes Werk zu thun, denn gewiß, wer zur Sünde geneigt ist, denkt, es sei ein großes Unternehmen, gute Werke zu vollbringen, und er bildet sich in seinem Herzen ein, daß die Beschwerlichkeiten bei dem Thun des Guten so drückend und so schwer zu tragen seien, daß er sich nicht unterfangen könne, Gutes zu thun – wie St. Gregorius sagt.

Nun kommt Hoffnungslosigkeit, das ist Verzweiflung an der Gnade Gottes, welche bisweilen aus zu übertriebener Sorge entsteht, und bisweilen aus zu großer Furcht durch die Einbildung, so viel gesündigt zu haben, daß es nichts mehr hülfe zu bereuen und von der Sünde zu lassen; durch welche Verzweiflung oder Furcht man das ganze Herz – wie St. Augustin sagt – an alle Arten von Sünden hingiebt. Wird diese verdammte Sünde bis zum äußersten durchgeführt, so nennt man sie die Sünde gegen den heiligen Geist. Diese schreckliche Sünde ist so gefährlich, daß Derjenige, welcher an sich verzweifelt, vor keinem Verbrechen und keiner Sünde zurückschreckt, wie dieses Judas uns wohl zeigen kann. Gewiß, von allen Sünden ist diese Sünde Christo am meisten zuwider und mißfällig. Wahrlich, wer an sich selbst verzweifelt, gleicht einem verzagten und feigherzigen Kämpen, der ohne Noth davon läuft. Ach, ach! er ist ganz unnöthig verzagt, ganz unnöthig verzweifelt. Wahrlich, die Gnade Gottes ist dem Reuigen stets offen und reicht über alle Werke hinaus. Ach, kann der Mensch nicht an das Evangelium Lucä Cap. XV. denken, wo Christus sagt, daß Freude im Himmel sein werde über einen Sünder der Buße thut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Betrachtet ferner in demselben Evangelium die Freude des guten Mannes, als sein Sohn reuevoll zum Vater zurückkehrte. Will man sich nicht ferner erinnern, wie der neben Jesus Christus hängende Dieb nach St. Lucä Cap. XXIII sprach: »Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.« – »Wahrlich« – sprach Christus – »ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!«

Gewiß, es giebt keine so erschreckliche Sünde des Menschen, daß sie nicht während seines Lebens durch Buße mittelst der Kraft des Leidens und Sterbens Christi getilgt werden könnte. Ach! was braucht denn der Mensch zu verzweifeln, da die Gnade Gottes ihm immer zur Hand und so groß ist. – Bittet, so wird euch gegeben! –

Dann kommt Schlafsucht, das heißt faule Schläfrigkeit, welche den Menschen schwerfällig und stumpf an Leib und Seele macht, und diese Sünde kommt aus Faulheit; und fürwahr, die Zeit, zu der man vernünftiger Weise nicht schlafen sollte, ist der Morgen, wenn kein hinreichender Grund dafür vorhanden ist. Denn, gewiß, die Morgenzeit ist für jeden die geeignetste, sein Gebet zu sprechen, Gott zu loben, Gott zu danken und Almosen an die Armen zu spenden, welche sich in Christo Namen zuerst an ihn wenden. Seht! was sagt Salamo? Wer am frühen Morgen aufwacht, um Mich zu suchen, der wird Mich finden!

Dann kommt solche Nachlässigkeit und Sorglosigkeit, welche sich um nichts kümmert. Und wenn Unwissenheit die Mutter alles Uebels ist, so ist Nachlässigkeit dessen Amme. Der Nachlässigkeit gilt es gleich, ob eine Sache, die gethan werden muß, gut oder schlecht geschehe.

Das Heilmittel für diese beiden Sünden ist – wie der Weise sagt – daß man Gott fürchte und nicht unterlasse, das zu thun, was gethan werden muß; und wer Gott liebt, wird sich auch bestreben, Gott in seinen Werken zu gefallen und sie nach besten Kräften gut auszuführen.

Dann kommt Müssiggang; der ist ein Thor für alles Böse. Ein müssiger Mann gleicht einem Orte, der keine Wälle hat, wo die Teufel von jeder Seite her eindringen, und auf ihn, da er ungeschützt ist, mit Versuchungen schießen können. Dieser Müssiggang ist die Stätte für alle schlechten und schändlichen Gedanken, Schwätzerei, läppische Dinge und allen Unrath. Sicherlich, der Himmel ist Denen verheißen, welche arbeiten wollen, aber nicht den Müssiggängern. So sagt auch David: Sie werden nicht die Arbeit von Menschen thun und nicht von Menschen gezüchtigt werden; das heißt im Fegefeuer sein. Fürwahr, es scheint, daß sie von den Teufeln der Hölle geplagt werden sollen, wenn sie nicht Buße thun.

Dann kommt die Sünde, welche man Tarditas nennt, indem der Mensch zögert und aufschiebt, sich zu Gott zu wenden, und das ist, sicherlich, eine große Thorheit. Man gleicht Demjenigen, welcher in einen Graben fällt und nicht wieder aufstehen will. Und dieses Laster kommt aus der falschen Hoffnung, daß man denkt, lange zu leben; aber diese Hoffnung wird gar häufig zu Schanden.

Dann kommt Schlaffheit, das heißt, wenn man ein gutes Werk zwar beginnt, aber es sofort verläßt und wieder aufgiebt, wie Diejenigen thun, welche Andere leiten sollten, aber sofort nicht mehr Acht auf sie geben, wenn ihnen dabei irgend ein Verdruß oder eine Widerwärtigkeit begegnet. Das sind die neuen Hirten, welche ihre Schafe wissentlich zum Wolf laufen lassen, der in den Dornen lauert, und sich um ihre Aufsicht nicht kümmern. Dadurch entsteht Armuth und Verderben an geistlichen wie an leiblichen Dingen.

Dann kommt eine Art von Kälte, welche das Herz des Menschen gefrieren macht. Dann kommt Andachtslosigkeit, durch welche man – wie St. Bernhard sagt – so abgestumpft wird und solche Unlust in der Seele fühlt, daß man in der heiligen Kirche weder lesen noch singen, noch andächtig zuhören oder denken, noch mit seinen Händen an guten Werken arbeiten mag, weil alles unschmackhaft oder schal erscheint. Dann wird man nachlässig und schläfrig und bald ärgerlich und zu jedem Haß und Neid geneigt sein.

Dann kommt die Sünde jener irdischen schwermüthigen Betrübtheit, welche Tristitia genannt wird, und den Menschen tödtet, wie St. Paul sagt. Denn, wahrlich, solche Betrübniß wirket zum Tode des Leibes und der Seele, denn durch sie kommt es, daß man seines eigenen Lebens überdrüssig wird. Deßhalb verkürzt solche Sorge das Leben manches Menschen, noch bevor nach der Ordnung der Natur seine Zeit gekommen ist.

Remedium Accidiae.

Gegen diese schreckliche Sünde der Verdrossenheit und die Zweige derselben, giebt es eine Tugend, welche Fortitudo genannt wird, oder Festigkeit; das ist eine Eigenschaft, durch welche der Mensch sich über unangenehme Sachen hinwegsetzt. Diese Tugend ist so stark und kraftvoll, daß sie im höchsten Grade Widerstand zu leisten und gegen die Angriffe des Teufels zu kämpfen vermag und den Menschen vor lasterhaften Gefahren zurückhalten kann; denn sie stärkt und kräftigt die Seele ebenso, wie Verdrossenheit dieselbe niederschlägt und schwächt. Diese Fortitudo vermag nämlich mit ausdauernder Geduld die Arbeit zu ertragen, welche uns auferlegt ist. Diese Tugend ist von mancherlei Art. Die erste wird Hochherzigkeit genannt, das heißt: großer Muth. Denn, wahrlich, gegen Verdrossenheit ist ein großer Muth erforderlich, wenn sie nicht die Seele durch Sünde und Kummer verschlingen oder durch Verzweiflung zu Grunde richten soll. Fürwahr, diese Tugend macht die Leute harte und schwierige Dinge wohlbedächtig und vernünftig aus freien Stücken unternehmen. Und insofern der Teufel wider den Menschen mehr durch List und Betrug, als durch Gewalt ankämpft, wird ihm auch der Mensch desto besser durch Witz, Vernunft und Klugheit widerstehen. Dann giebt es die Tugenden des Glaubens und der Hoffnung zu Gott und zu seinen Heiligen, die guten Werke zu vollziehen und zu Ende zu bringen, welche man mit dem festen Vorsatze, sie auszuführen, unternimmt. Dann kommen Vertrauen und Zuversicht, und diese bestehen darin, daß man keine Mühe späterhin scheut, nachdem man ein gutes Werk begonnen hat. Dann kommt Großartigkeit, wenn nämlich ein Mann große gute Werke thut und vollbringt, und das ist das Endziel, weßhalb man gute Werke thun sollte. Denn in der Vollendung der guten Werke liegt ihr großer Lohn. Dann giebt es Beständigkeit, das ist Stätigkeit des Muthes, und diese muß im Herzen sein durch unerschütterlichen Glauben und nicht minder in Worten, im Betragen und in der That. Auch giebt es noch mehr besondere Heilmittel gegen Verdrossenheit durch unterschiedene Werke und durch Betrachtung der Höllenstrafen und der Freuden des Himmels und durch das Vertrauen auf die Gnade des heiligen Geistes, der uns die Kraft geben wird, unsere gute Absicht zu vollbringen.

De Avaritia.

Nach der Verdrossenheit will ich von dem Geize und von der Begehrlichkeit sprechen, von welcher Sünde St. Paul sagt: Die Wurzel alles Uebels ist Begehrlichkeit. Denn, fürwahr, wenn das Herz verwirrt und beunruhigt ist und die Seele ihr Behagen an Gott verloren hat, so sucht man eitlen Trost in weltlichen Dingen. Geiz ist nach der Erklärung von St. Augustin eine Lüsternheit im Herzen, irdische Dinge zu besitzen. Einige Andere sagen, Geiz begehre, sich viele Erdengüter zu verschaffen, und denen, so bedürftig sind, nichts zu geben. Doch merkt euch wohl, daß Geiz sich nicht allein auf Land und Habe bezieht, sondern zuweilen auch auf Wissenschaft und Ruhm, und eine empörende Sache ist Geiz auf jede Weise. Und der Unterschied zwischen Geiz und Begehrlichkeit ist dieser: Der Begehrlichkeit gelüstet nach Dingen, welche du nicht hast, und der Geiz bewahrt und behält unnöthiger Weise die Sachen, welche du hast. Fürwahr, dieser Geiz ist eine höchst verdammenswerthe Sünde, denn die ganze heilige Schrift verflucht ihn und spricht dagegen, weil er Unrecht gegen Jesus Christus ist, indem er ihn der Liebe beraubt, welche die Menschen ihm schulden, und diese Liebe aller Vernunft zuwider verdreht und veranlaßt, daß der geizige Mensch seine Hoffnung mehr auf sein irdisches Gut, als auf Jesus Christ setzt, und sich mehr bestrebt, seinen Schatz zu hüten, als den Dienst Jesu Christi zu thun. Und deßhalb sagt St. Paul, daß ein geiziger Mann der Sclave des Mammons ist.

Welcher Unterschied besteht zwischen einem Götzendiener und einem geizigen Manne? Keiner, als nur etwa der, daß ein Götzendiener ein bis zwei Fetische hat, und der Geizige viele, denn, gewiß, jeder Gulden in seinem Koffer ist sein Götze. Und, gewiß, die Sünde des Götzendienstes ist die erste, welche Gott in den zehn Geboten verbietet, worüber Exod. cap. XX Zeugniß giebt: Du sollst keine andere Götter haben neben mir, noch sollst du dir ein Bildniß oder irgend ein Gleichniß machen. Daher ist ein geiziger Mensch, welcher seinen Schatz mehr als Gott liebt, ein Götzendiener.

Aus dieser verfluchten Sünde des Geizes und der Begehrlichkeit kommen diese harten Herren, welche die Leute mit Steuern, Zöllen und Frohnden plagen, mehr als die Pflicht und die Vernunft erheischt. Auch nehmen sie von ihren Hörigen Geldbußen, welche besser Erpressungen als Bußen genannt würden. Von welchen Geldbußen und Ranzionen einige Vögte dieser Herren meinen, daß sie rechtmäßig seien, insofern alles zeitliche Gut, welches solch ein Lump besäße, seinem Herrn gehöre, wie sie sagen. Aber, wahrlich, diese Herren thun Unrecht, ihre Hörigen der Dinge zu berauben, welche sie ihnen niemals gaben. Augustinus de civitate Dei. Liber IX. – Sicher ist, daß der Stand der Knechtschaft und ihre erste Ursache aus der Sünde kam. Genesis V. So könnt Ihr sehen, daß Schuld Knechtschaft verdiente, aber nicht Natur. Deßhalb sollten diese Herren nicht so viel Rühmens von ihrer Herrschaft machen, da sie nicht durch natürliche Bestimmung Herren ihrer Knechte sind, sondern weil die Knechtschaft erst in Folge der Sünde kam. Und wenn übrigens das Gesetz besagt, daß die zeitlichen Güter der Hörigen die Güter ihrer Herren sind, jawohl, so ist es als das kaiserliche Vorrecht zu verstehen, sie in ihren Rechten zu schützen, aber nicht sie zu berauben und zu plündern. Deßhalb sagt Seneka: Der Kluge sollte sich wohlwollend gegen seine Sclaven zeigen. Was du deine Knechte nennst, ist Gottes Volk; denn niedrige Leute sind die Freunde Christi, sie sind gleichen Standes mit dem Herrn deinem König.

Bedenke auch, daß aus demselben Samen, aus welchem die gemeinen Leute kommen, auch die Herren entspringen, und daß ein gewöhnlicher Kerl ebensowohl selig werden kann, wie ein Herr. Der Tod, der ihn hinwegrafft, der Tod nimmt auch seinen Herrn hinweg. Deßhalb rathe ich dir, thue deinem Knechte, was du wünschest, daß der Herr dir thun möge, wenn du in seiner Lage wärest. Jeder Sünder ist ein Knecht der Sünde. Ich rathe dir, Herr, dich so zu halten, daß deine Knechte dich mehr lieben, denn fürchten. Ich weiß wohl, daß ein Stand über den andern steht, wie es der Vernunft entspricht; und es gehört sich, daß Menschen ihre Schuldigkeit thun, wie ihnen zukommt. Aber, wahrlich, Quälerei und Verachtung von Untergebenen ist verdammenswerth.

Und nun lernt auch ferner recht begreifen, daß diese Eroberer und Tyrannen gar häufig die zu Sclaven machen, welche aus ebenso hohem königlichen Blute entsprossen sind, als Diejenigen, welche sie besiegten. Der Name Knechtschaft war zuerst gar nicht bekannt, bis Noah sagte, daß sein Sohn Ham seiner Sünde wegen der Knecht seiner Brüder sein solle.

Was sagen wir dann von Denen, welche gegen die heilige Kirche Raub und Erpressungen verüben? Gewiß, das Schwert, welches man Jemandem giebt, welcher zuerst den Ritterschlag empfängt, bedeutet, daß er die heilige Kirche vertheidigen, aber nicht berauben und plündern soll; und wer das thut, ist ein Verräther an Christ. Wie St. Augustin sagt: Jene sind des Teufels Wölfe, welche die Schafe Jesu Christi erwürgen; denn, wahrlich, wenn der Wolf seinen Bauch voll hat, so hört er auf, die Schafe zu erwürgen, aber, fürwahr, die Räuber und Zerstörer von heiligen Kirchengütern thun nicht desgleichen, denn sie hören nie zu plündern auf. – Nun, da Sünde, wie ich gesagt habe, die erste Ursache der Knechtschaft war, so kam es auch, daß zu der Zeit, als die ganze Welt in Sünde lag, die ganze Welt auch in Knechtschaft und Unterwürfigkeit war; aber, gewiß, seitdem die Zeit der Gnade gekommen ist, hat Gott angeordnet, daß einige Leute dem Stande und Range nach höher und andere tiefer stehen und das Jeder seinem Range und Stande gemäß behandelt werden solle. Und daher macht man auch in einigen Ländern, wo es Sclaven giebt, diese aus ihrer Knechtschaft frei, sobald sie sich zum Glauben bekehrt haben; und daher ist auch sicherlich der Herr seinem Unterthanen ebenso verflichtet, wie es der Unterthan dem Herrn ist.

Der Papst nennt sich selbst den Diener der Diener Gottes. Doch da weder die Einrichtung der heiligen Kirche, noch das allgemeine Wohl, noch Frieden auf Erden bestehen könnte, wenn nicht Gott angeordnet hätte, daß einige Menschen höher und andere niedriger gestellt sind, so wurde aus diesem Grunde die Herrschaft eingesetzt, um ihre Leute und Unterthanen zu erhalten, zu unterstützen und in vernünftiger Weise zu vertheidigen, soweit es in ihrer Macht liegt, und nicht, um sie zu zerstören und verderben. Deßhalb sage ich, daß jene Herren, die Wölfen gleichen und die das Eigenthum und die Habe armer Leute ohne Erbarmen und Maß schändlicher Weise verschlingen, auch die Gnade Jesu Christi nur nach demselben Maße empfangen werden, mit dem sie dem armen Volke gemessen haben, wenn sie es nicht wieder gut machen.

Nun kommt Betrug zwischen Händler und Händler. Und du sollst wissen, daß der Handel zwiefacher Art sein kann; der eine ist stofflich, der andere geistlich; der eine ist ehrlich und erlaubt, der andere unehrlich und unerlaubt. Der stoffliche Handel, der als ehrlich und erlaubt gilt, ist dieser: wo Gott es bestimmt hat, daß ein Reich oder eine Gegend ausreichend für sich selbst hat, da ist es auch ehrlich und erlaubt, daß die Leute mit dem Ueberflusse eines Landes denjenigen eines anderen Landes aushelfen, welches Mangel leidet; und deßhalb muß es Kaufleute geben, welche die Waaren von einem Land in das andere bringen. Jener andere Handel, welchen Menschen mit Betrug, Hinterlist, Täuschung, Lügen, falschen Eiden treiben, ist durchaus verflucht und verdammt. Geistlicher Handel ist eigentliche Simonie, das heißt: der dringende Wunsch, geistliche Dinge zu kaufen, nämlich solche, welche zum Heiligthume Gottes gehören und zur Pflege der Seele dienen. Selbst wenn dieser Wunsch nicht zur That wird, so ist er dennoch, wenn man eifrig strebt, ihn zur Ausführung zu bringen, Todsünde. Simonie wird dies aber nach Simon Magus genannt, der für zeitliches Gut die Gabe kaufen wollte, welche Gott durch seinen heiligen Geist St. Peter und den Aposteln verliehen hatte, und deßhalb versteht, daß sowohl die, welche geistliche Dinge verkaufen, als auch Diejenigen, welche sie kaufen, Simonisten genannt werden, mag es nun geschehen durch Hingabe von Gut, durch Vermittlung oder durch fleischliches Beten seiner Freunde, fleischlicher oder geistlicher Freunde; fleischlicher Freunde nämlich in zwiefacher Art, wie durch Verwandtschaft oder sonst Freundschaft; denn wahrlich, wenn sie für den beten, der dessen nicht würdig und bei dem es nicht zulässig ist, so ist es Simonie, sofern er daraus Vortheil zieht; doch wenn es zulässig und er würdig dazu ist, so ist es keine. Die andere Art ist, wenn Mann oder Frau für Leute beten, um sie in ihrer bösen fleischlichen Neigung, die sie zu andern hegen, zu unterstützen; und das ist greuliche Simonie. Aber, gewiß, wenn man seinen Knechten für ihren Dienst geistliche Dinge als Gegendienst giebt, so muß, wohlverstanden, der Dienst ehrenhaft sein, damit es zulässig ist, und ebenso muß es ohne Feilschen geschehen, und die Person dazu würdig sein. Denn – wie St. Damascenus sagt – alle Sünden der Welt sind im Vergleich zu dieser Sünde nichts, denn es ist die größte Sünde, welche es nach der Sünde des Lucifer und Antichrist giebt, da durch diese Sünde Gott seine Kirche und die Seele verliert, welche er durch sein kostbares Blut erkaufte, wenn Leute den Dienst der Kirche Solchen übertragen, die nicht würdig dazu sind; denn sie setzen Diebe ein, welche die Seelen Jesu Christi stehlen und sein Patrimonium zu Grunde richten. Durch solche unwürdige Priester und Pfaffen haben die gemeinen Leute weniger Ehrfurcht vor den Sakramenten der heiligen Kirche; und solche Kirchenpatrone stoßen die Kinder Christi aus und setzen des Teufels eigene Söhne in die Kirchen, sie verkaufen ihnen die Seelen, indem sie die Lämmer dem Wolf zutreiben, welcher sie erwürgt; und deßhalb sollen sie niemals Antheil haben an der Weide der Lämmer, das heißt an der Seligkeit des Himmels.

Nun kommt Hasardspiel mit seinem Zubehör an Tischen und Würfeln, voraus Betrug, falsches Schwören, Schimpfen und alles Lästern, Gottesläugnen, Haß gegen den Nächsten, Verschwendung von Gut, Vergeudung an Zeit und häufig Todtschlag entsteht. Fürwahr, Spieler können nicht ohne große Sünde sein. Aus Geiz kommt auch Lügen, Diebstahl, falsches Zeugniß und Meineid; und Ihr müßt sehen, daß dieses große Sünden sind und den ausdrücklichen Geboten Gottes zuwider, wie ich gesagt habe. Falsches Zeugniß geschieht durch Wort und That; durch Wort, wenn man seinen Nächsten durch falsches Zeugniß seines guten Namens, seiner Habe oder seiner Erbschaft beraubt, wenn du aus Zorn, für Geschenke oder durch Neid falsches Zeugniß ablegst, Jemanden anklagst, um dich selbst zu entschuldigen. Nehmt euch in Acht ihr Proceßkrämer und Notare: wahrlich, durch falsches Zeugniß ward Susanna in große Noth und Sorge gebracht, und mancher Andere außerdem. Die Sünde des Diebstahls ist gleichfalls gegen den ausdrücklichen Befehl Gottes und zwar in zwiefacher Weise, zeitlich und geistlich. Zeitlicher Diebstahl ist, wenn man seinem Nächsten wider seinen Willen sein Gut nimmt, sei es durch Gewalt oder List, durch falsches Maß, durch Stehlen, durch falsche Anklagen gegen ihn und durch Entleihen von dem Gute des Nächsten in der Absicht, ihm es niemals zurückzuzahlen und dergleichen mehr. Geistlicher Diebstahl ist Kirchenraub, das heißt: Beschädigung der heiligen Dinge oder der Christus geweihten Sachen in zweierlei Beziehung, nämlich in Rücksicht auf den heiligen Ort, wie Kirchen und Kirchengut; denn jede schnöde Sünde, welche man an solchen Orten thut, oder jede Gewaltthat an solchen Plätzen kann man Kirchenraub nennen; ebenso, wenn man fälschlich die Rente und Rechte, welche der heiligen Kirche gebühren, wegnimmt. Und schlichthin und allgemein ist Kirchenraub: die heiligen Dinge aus heiligen Plätzen, oder unheilige Dinge aus heiligen Plätzen, oder heilige Dinge aus unheiligen Plätzen zu rauben.

Remedium Avaritiae.

Nun sollt Ihr verstehen, daß die Linderung des Geizes in Erbarmen und in Mitleid in weitem Sinne des Wortes besteht. Man könnte fragen, weßhalb Erbarmen und Mitleid den Geiz lindern? Nun, gewiß, der geizige Mensch zeigt kein Mitleid noch Erbarmen gegen den bedürftigen Menschen. Denn er erfreut sich an der Aufbewahrung seiner Schätze und nicht an der Unterstützung und Hülfe seiner Mitchristen. Und dieserhalb spreche ich zunächst von Erbarmen. Denn Erbarmen ist – wie der Philosoph sagt – eine Tugend, durch welche das Herz des Menschen gerührt wird durch das Leid Desjenigen, welcher leidet. Auf Erbarmen folgt Mitleiden, indem man Liebeswerke der Barmherzigkeit thut und vollbringt, und gegen Leidende hilfreich ist und sie tröstet. Und gewiß, es bewegt einen Menschen zum Erbarmen, daß Jesus Christ sich selbst für unsere Schuld dahingab, und aus Erbarmen den Tod erlitt und uns unsere Erbsünde verzieh, und uns dadurch von der Höllenpein erlöste, und die Qualen des Fegefeuers durch unsere Reue verminderte, und uns die Gottesgabe schenkte, Gutes zu thun, und schließlich die ewige Seligkeit im Himmel. Die verschiedenen Arten von Erbarmen sind: zu leihen oder auch zu schenken, zu vergeben und zu erlassen, und Mitgefühl im Herzen zu hegen, und Mitleid seinem Mitchristen zu zeigen, und auch zu strafen, wo es Noth thut. Ein anderes Mittel gegen den Geiz ist vernünftige Freigebigkeit; aber, gewiß, hier bedarf es der Betrachtung der Gnade Jesu Christi und der zeitlichen, sowie der ewigen Güter, welche Jesus Christus uns gab, und auch des Todes zu gedenken, welcher uns überkommen kann, man weiß nicht wann; und auch daß man Alles zurücklassen muß, was man besitzt, nur das nicht, welches man in guten Werken verthan hat.

Aber insofern einige Leute nie Maß zu halten wissen, so muß man thörichte Freigebigkeit, so man Verschwendung nennt, fliehen und meiden. Gewiß, der ist Verschwender, welcher sein Gut nicht fortgiebt, sondern verschleudert. Fürwahr, die Sachen, die man aus Eitelkeit verschenkt, wie an Minnesänger und an andere Leute, damit sie unsern Ruf in die Welt hinaus tragen, laufen auf Sünde hinaus, und sind keine Almosen. Sicherlich, der verliert sein Gut in garstiger Weise, der mit seiner Gabe nur allein nach Sünde sucht. Er gleicht einem Pferde, welches lieber getrübtes, schmutziges Wasser als reines Quellwasser trinken will. Und solchen, welche geben, wo sie nicht geben sollten, gebührt der Fluch, welcher Christus am Tage des Gerichts Denen geben wird, welche verdammt werden sollen.

De Gula.

Nach dem Geize kommt Völlerei, welche ausdrücklich gegen Gottes Gebot ist. Völlerei ist maßlose Neigung, zu essen und zu trinken, oder sonst maßlose Lust und ungeordnete Begierde in irgend welchen Bezug auf Essen und Trinken. Diese Sünde verdirbt die ganze Welt, wie aus der Sünde Adams und Evas hervorgeht. Siehe auch, was der heilige Paul von der Völlerei sagt: »Viele wandeln« – sagt er – »von welchen ich euch gesagt habe, und nun sage ich es mit Weinen, die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist Tod und welcher der Bauch ihr Gott ist und ihr Ruhm, zur Verdammniß Deren, welche so irdischen Dingen dienen.« Der, bei welchem diese Sünde der Völlerei gewohnheitsmäßig ist, kann keiner Sünde widerstehen; er muß zum Sclaven aller Laster werden, denn dies ist des Teufels Schlupfwinkel, wo er sich versteckt und wo er rastet. Diese Sünde hat viele Arten. Die erste ist Trunkenheit; diese ist das schreckliche Grab der menschlichen Vernunft; und wenn daher ein Mensch betrunken ist, so hat er seine Vernunft verloren, und dieses ist Todsünde. Indessen, wenn ein Mensch nicht an starke Getränke gewöhnt ist und vielleicht die Macht des Getränkes nicht kennt, oder in seinem Kopfe sich schwach fühlt, oder so gearbeitet hat, daß er mehr als sonst trinkt und dann plötzlich vom Getränk überwältigt wird, so ist es keine Todsünde, sondern eine läßliche. Die zweite Art der Völlerei ist, wenn der Geist des Menschen durch Trunkenheit getrübt und er der Vorsicht seines Verstandes beraubt wird. Die dritte Art der Völlerei ist, wenn der Mensch seine Speise verschlingt und sich beim Essen unpassend benimmt. Die vierte ist, wenn durch großen Ueberfluß an Speise die Säfte seines Körpers verdorben werden. Die fünfte ist Vergeßlichkeit durch zu vieles Trinken, wodurch bisweilen ein Mensch am Morgen vergessen hat, was er am Abend zuvor that.

In anderer Weise unterscheidet man die verschiedenen Sünden der Völlerei nach St. Gregorius. Die erste ist, vor der Zeit zu essen. Die zweite ist, wenn ein Mensch sich leckerem Essen und Trinken zuneigt. Die dritte ist, wenn man über das Maß hinaus nimmt. Die vierte ist Künstelei im Zubereiten und Anrichten der Speisen. Die fünfte ist, gierig zu essen. Diese sind die fünf Finger von des Teufels Hand, durch welche er die Leute in Sünde zieht.

Remedium Gulae.

Gegen Völlerei ist das Heilmittel Enthaltsamkeit – wie Galien sagt; doch halte ich diese nicht verdienstlich, wenn sie lediglich wegen der Gesundheit des Körpers geübt wird. St. Augustinus will, daß Enthaltsamkeit der Tugend wegen und mit Geduld ausgeübt werde. Enthaltsamkeit – sagt er – hat wenig Werth, wenn ein Mensch nicht den guten Willen dazu hat, nicht durch Geduld und Liebe dazu getrieben wird und sie nicht um Gottes Willen thut und in der Hoffnung das ewige Heil im Himmel zu erlangen. Die Genossen der Enthaltsamkeit sind Mäßigkeit, welche das Mittel in allen Dingen hält; auch Scham, welche jede Schändlichkeit meidet; Genügsamkeit, welche kein reiches Essen und Trinken sucht, noch Gewicht auf übermäßige Zierlichkeit der Zubereitung legt; auch Maß, welches durch Vernunft die unmäßige Eßlust im Zaume hält; auch Nüchternheit, welche sich des Uebermaßes im Trinken enthält; auch Sparsamkeit, welche sich leckeres Essen und das lange zu Tisch Sitzen versagt, weßhalb einige Leute aus freien Stücken beim Essen stehen, weil sie mit weniger Bequemlichkeit essen wollen.

De Luxuria.

Nach der Völlerei kommt Unzucht, denn diese zwei Sünden sind so nahe verwandt, daß sie sich oft nicht von einander trennen wollen. Weiß Gott, diese Sünde ist Gott höchst mißfällig, denn er sagt selbst: Begehe keine Unzucht! Und deßhalb legt er schwere Strafe auf diese Sünde. Denn, wenn im alten Gesetze eine unfreie Dirne auf dieser Sünde ergriffen wurde, so sollte sie mit Stöcken zu Tode geschlagen werden, und wenn sie eine Edelfrau war, so sollte sie gesteinigt werden, und wenn sie eines Bischofs Tochter war, so sollte sie nach dem Gebote Gottes verbrannt werden. Außerdem ertränkte Gott wegen der Unzucht die ganze Welt und abermals brannte er fünf Städte nieder durch Donner und Blitz und versenkte sie in die Hölle.

Laßt uns nunmehr von der besagten stinkenden Sünde sprechen, welche man Ehebruch nennt; nämlich zwischen verheiratheten Leuten, das heißt, wenn einer von ihnen verheirathet ist, oder auch alle beide. St. Johannes sagt, daß in der Hölle für die Ehebrecher ein brennender Scheiterhaufen von Feuer und Schwefel sein wird, von Feuer wegen ihrer Unzucht und von Schwefel wegen des Gestankes ihres Unflaths. Gewiß, das Brechen dieses Sakramentes ist ein greuliches Ding; es wurde im Paradiese von Gott selbst eingesetzt und durch Jesum Christum bestätigt, wie St. Matthäus in seinem Evangelium bezeugt: der Mann soll Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und beide sollen wie ein Fleisch sein. Dieses Sakrament bedeutet die Verbindung zwischen Christus und der heiligen Kirche. Und nicht allein, daß Gott Ehebruch durch die That verboten hat, nein, er befiehlt auch, daß du nicht deines Nächsten Weib begehren sollst. In diesem Befehle – sagt St. Augustin – ist jede Begehrlichkeit nach Unzucht verboten. Sieh, was St. Matthäus im Evangelium sagt, daß, wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, schon die Ehe mit ihr in seinem Herzen gebrochen hat. Hier könnt Ihr sehen, daß nicht allein die That der Sünde verboten ist, sondern auch das Verlangen, diese Sünde zu thun. Diese verfluchte Sünde schadet dem gewaltig, welcher sich ihr ergiebt; und zunächst der Seele, denn sie verfällt dadurch der Sünde und der Strafe des ewigen Todes; und dann schadet sie auch gewaltig dem Körper, denn sie trocknet ihn aus, richtet ihn zu Grunde und schändet ihn, und von seinem Blute bringt man dem Teufel Opfer dar; sie verschwendet auch Gut und Habe. Und, fürwahr, wenn es schon ein böses Ding ist, sein Gut an Weiber zu verschwenden, so ist doch ein weit böseres Ding, wenn Frauenzimmer für solchen Unflath ihr Gut und ihre Habe an Männer verthun. Diese Sünde beraubt – wie der Prophet sagt – Mann und Weib ihres guten Rufes und aller ihrer Ehre, und ist dem Teufel höchst gefällig; denn dadurch gewinnt er den größten Theil dieser elenden Welt. Und wie ein Kaufmann sich über die Waare am meisten freut, welche ihm den größten Vortheil und Nutzen bringt, grade so freut sich der Teufel über diesen Unflath.

Dieses ist die andere Hand des Teufels mit fünf Fingern, um das Volk für seine Schändlichkeiten zu packen. Der erste Finger ist der Buhlerblick des buhlerischen Weibes oder des buhlerischen Mannes, der grade wie der Basiliskenhahn durch das Gift seines Blickes tödtet; denn auf die Begehrlichkeit der Augen folgt die Begehrlichkeit des Herzens. Der zweite Finger ist die böse Berührung in böser Absicht. Und daher sagt Salamo, daß der, so ein Weib berührt und angreift, wie jener Mann fährt, welcher einen Scorpion anfaßt, der sticht und durch sein Gift plötzlich tödtet; oder wie jener, der heißes Pech berührt, das seine Finger verbrennt. Der dritte sind faule Worte, welche dem Feuer gleichen, welches sofort das Herz verbrennt. Der vierte Finger ist das Küssen, und wahrhaftig, der ist ein großer Thor, welcher den Mund von einem glühenden Ofen oder einer Feueresse küssen will; und größere Thoren sind die, welche in bösem Sinne küssen, denn jener Mund ist der Mund der Hölle. Dies gilt besonders vor den alten, geckenhaften Hurenjägern, die küssen und lecken wollen und sich anstrengen, obschon sie gar nichts mehr thun können. Gewiß, sie gleichen den Hunden; denn wenn ein Hund an einem Rosenstrauche oder an einem andren Busche vorbeikommt, so will er, wenn er auch gar nicht pissen kann, dennoch sein Bein aufheben und thun, als ob er pißte. Und was das anbetrifft, daß Mancher glaubt, er könne nicht durch Lüsternheit sündigen, welche er mit seinem Eheweibe treibt, so ist sicherlich diese Meinung falsch. Gott weiß, ein Mann kann sich mit seinem eigenen Messer umbringen, und sich aus seiner eigenen Tonne betrinken. Gewiß, sei es Weib, sei es Kind, wenn es irgend etwas mehr liebt als Gott, so ist dieses sein Idol und er selbst ist ein Götzendiener. Ein Mann soll sein Weib mit Besonnenheit, Geduld und Maß lieben, und dann ist sie gleichsam seine Schwester. Der fünfte Finger an des Teufels Hand ist die stinkende That der Unzucht. Glaubt mir, die fünf Finger der Völlerei steckt der Teufel in des Menschen Bauch und mit den fünf Fingern der Unzucht packt er ihn an die Nieren, um ihn in den Schmelzofen der Hölle zu werfen, wo er das immerbrennende Feuer und die immernagenden Würmer finden soll und Heulen und Zähneklappern und scharfen Hunger und Durst und die Scheußlichkeit der Teufel, welche alles ohne Unterlaß und Ende zu Boden trampeln.

Aus Unzucht entspringen und entquellen, wie gesagt, verschiedene Arten: wie Hurerei, das ist zwischen Mann und Weib, welche nicht verheirathet sind, und das ist Todsünde und wider die Natur. Alles, was der Natur feindlich ist und sie zerstört, ist wider die Natur. Wahrhaftig, die Vernunft sagt uns schon, daß es Todsünde ist, insofern Gott Unzucht verboten hat. Und St. Paul überweist Solche dem Reiche, das für die bestimmt ist, welche Todsünde begehen. Eine andere Sünde der Unzucht ist, eine Jungfer ihrer Jungfernschaft zu berauben; denn wer das thut, stößt ein Mädchen von der höchsten Stufe des gegenwärtigen Lebens hinunter und beraubt Dieselbe der kostbaren Frucht, welche man »Hundertfrucht« nennt. Ich kann es nicht anderweit übersetzen, aber auf Latein heißt es: »Centesimus fructus«. Gewiß, wer das thut, verursacht mehr an Schaden und Schlechtigkeit, als irgend Jemand denken kann; grade wie der oftmals die Ursache ist von allen Schaden, den das Vieh auf den Feldern anrichtet, welcher die Umzäunungshecken durchbricht, wodurch er zerstört, was er nie wieder gut machen kann. Denn, gewiß, ebensowenig kann die Jungfernschaft wiederhergestellt werden, wie ein Arm, der vom Körper abgeschlagen ist, zurückkehren und wieder wachsen kann. Sie kann Gnade finden, das weiß ich wohl, wenn sie willig ist, Buße zu thun, aber nichtsdestoweniger wird sie für immer geschändet bleiben.

Und wenn ich auch bereits einiges über den Ehebruch gesagt habe, so ist es dennoch gut, auf die Gefahren hinzuweisen, welche am Ehebruche kleben, um diese garstige Sünde zu meiden. Ehebruch heißt auf Latein das Besteigen von eines anderen Mannes Bette, durch welches Diejenigen, welche sonst ein Fleisch waren, ihren Körper anderen Personen überlassen. Aus dieser Sünde kommen – wie der Weise sagt – mannigfache Uebel. Zuerst Treubruch, und, wahrlich, Treue ist der Schlüssel zum Christenthum, und geht dieser Schlüssel zerbrochen oder verloren, so ist auch wahrlich das Christenthum verloren und steht vergeblich und ohne Frucht da. Diese Sünde ist auch Diebstahl, da Diebstahl heißt, Jemanden seiner Sachen wider seinen Willen zu berauben. Gewiß, der faulste Diebstahl, den es geben kann, ist der, wenn ein Weib ihren Körper dem Gatten wegstiehlt und an ihren Buhlen schenkt, um ihn zu entehren; und wenn sie ihre Seele Christo wegstiehlt und dem Teufel übergiebt; dieses ist ein schlimmerer Diebstahl, als in eine Kirche zu brechen und den Kelch zu stehlen, denn die Ehebrecher reißen den Tempel Gottes in geistlicher Hinsicht nieder und stehlen das Gefäß der Gnade, das heißt den Körper und die Seele, weßhalb sie Christus vernichten wird, wie St. Paulus sagt.

Gewiß vor solchem Diebstahl war Joseph schwer bange, als seines Herrn Weib ihm zum Bösen einlud und er sprach: Siehe, meine Herrin, wie mein Herr alles unter meine Hand gegeben hat, was er auf dieser Welt besitzt, so ist auch meiner Macht nichts vorenthalten, als einzig du, indem du sein Weib bist. Und wie sollte ich denn nur ein solch großes Uebel thun und so schrecklich wider Gott und wider meinen Herrn sündigen? Gott verhüte es! – Ach! allzuwenig wird solche Treue jetzt gefunden!

Das dritte Uebel ist der Koth, durch welchen sie die Gebote Gottes brechen und den Altar der Ehe, und das ist Christus, schänden. Denn gewiß, je edler und je würdiger das Sakrament der Ehe ist, desto größer ist auch die Sünde, es zu brechen; denn Gott setzte die Ehe im Paradiese im Stande der Unschuld ein, um die Menschen für den Dienst Gottes zu vermehren, und deßhalb ist der Bruch derselben um so schrecklicher, weil durch diesen Bruch oftmals falsche Erben kommen, die unrechtmäßiger Weise das Erbtheil Anderer hinwegnehmen; und deßhalb will sie Christus aus dem Himmelreiche stoßen, welches das Erbtheil der guten Menschen ist. Durch diesen Bruch geschieht es auch oft, daß Leute unvorsichtig in ihrer eigenen Verwandtschaft sündigen, und namentlich diese Hurenbolde, welche die Bordelle von liederlichen Frauenzimmern besuchen, die man den allgemeinem Abtritte vergleichen kann, wo sich die Leute ihres Unrathes entledigen. Was sagen wir aber von den Kupplern, welche von der schrecklichen Sünde der Hurerei leben und die Frauenzimmer zwingen ihnen eine Rente zu zahlen von dem, was sie mit ihrem Körper zusammenhuren, ja oftmals ihre eigenen Weiber und Kinder, wie solche Kuppler thun; gewiß, dies sind verfluchte Sünden. Versteht auch, daß der Ehebruch in den zehn Geboten zwischen Diebstahl und Todtschlag gestellt wird, weil er der größte Diebstahl ist, den es geben kann; denn er ist Diebstahl am Körper und an der Seele und gleicht dem Todtschlage, da er Diejenigen auseinander haut und bricht, welche anfangs zu einem Fleische gemacht worden waren. Und dieserhalb sollten sie nach den alten Gesetzen Gottes erschlagen werden, indessen Jesus Christus sagte in seinem Gesetze, welches das Gesetz des Erbarmens ist, zu dem Weibe, welches im Ehebruch ergriffen war und nach den Willen der Juden ihrem Gesetze gemäß gesteinigt werden sollte: »Geh’« – sprach Jesus Christus – »und sündige nicht mehr!« Gewiß, der Rachelohn des Ehebruchs ist den Strafen der Hölle vorbehalten und kann nur durch Reue gemildert werden. Doch es giebt noch mehre Arten dieser verfluchten Sünde, wie z.B. wenn einer geistlichen Standes ist, oder auch beide oder, solche Leute, welche ordinirt worden sind, wie Subdiacone, Diacone, Priester und Hospitaliter; und je höher Jemand als Geistlicher steht, um desto größer ist die Sünde. Der Umstand, welche ihre Sünde besonders erschwert, ist der Bruch ihres Gelübdes der Keuschheit, das sie ablegten, als sie die Weihen empfingen. Und überdies ist es gewißlich wahr: der heilige Stand ist der höchste Schatz Gottes und ein besonderes Zeichen und Merkmal der Keuschheit, um zu zeigen, daß sie mit der Keuschheit vermählt sind, welches das köstlichste Leben ist, das es giebt; und diese geweihten Leute sind besonders nach Gott benannt und gehören zur besonderen Folgschaft Gottes, weßhalb sie auch durch Begehung von Todsünde zu besonderen Verräthern an Gott und seinem Volke werden; denn sie leben vom Volke, um für das Volk zu beten, und wenn sie Verräther sind, kann ihr Gebet dem Volke nicht frommen. Priester gleichen den Engeln durch das Mysterium ihrer Würde; aber, fürwahr, St. Paulus sagt, daß Satanas sich in einen Engel des Lichtes verwandelte. Gewiß, der Priester, welcher sich Todsünden hingiebt, mag einem Engel der Finsterniß verglichen werden, welcher sich in einen Engel des Lichts verkleidet hat. Er scheint ein Engel des Lichts zu sein, aber, fürwahr, er ist ein Engel der Finsterniß. Solche Priester sind wie die Söhne Eli’s, von denen im Buche der Könige gezeigt ist, daß sie die Söhne Belial’s, das ist des Teufels, waren. Belial heißt nämlich: richterlos sein, und so steht es mit ihnen. Sie meinen, daß sie frei seien und keinen Richter über sich hätten, wie ein freier Bulle, der jede Kuh in der Stadt nimmt, welche ihm gefällt. So springen sie mit den Frauenzimmern um; denn grade wie ein freier Bulle genug ist für eine ganze Stadt, grade so ist auch eines schlechten Priesters Verderbtheit genug für ein ganzes Kirchspiel oder eine ganze Gegend. Diese Priester können – wie das Buch sagt – nicht die Mysterien der Priesterschaft vor dem Volke ministriren; sie geben sich – wie das Buch sagt – nicht mit dem gesottenen Fleische zufrieden, welches ihnen dargereicht wird, sondern sie nehmen auch mit Gewalt das Fleisch, welches roh ist. Gewiß, ebenso halten sich diese Bösewichte nicht belohnt durch das gebratene und gesottene Fleisch, mit welchem das Volk sie in großer Ehrfurcht füttert, nein, sie wollen auch rohes Fleisch haben, d. h die Weiber und Töchter des Volkes. Und, gewiß, diese Weiber, welche sich zu ihrer Hurerei hergeben, begehen großes Unrecht gegen Christus, gegen die heilige Kirche, gegen alle Heiligen und alle Seelen, denn sie rauben alles dieses von Denjenigen, welche Christus und seine heilige Kirche verehren und für die Christenseelen beten sollten; und deßhalb trifft diese Priester und ihre Beischläferinnen, welche sich zu ihrer Wollust hergeben, der Fluch des geistlichen Gerichtes, bis sie zur Besserung gelangen.

Die dritte Art von Ehebruch geschieht manchmal zwischen einem Manne und seinem Weibe, indem sie in ihrem Beilager nur allein an ihr fleischliches Vergnügen denken – wie St. Hieronymus sagt – und nichts davon wissen wollen, daß sie sich nur deßhalb vereinigen, weil sie verheirathet sind; alles ist für sie erlaubt, wie sie denken. Aber über solche Leute hat der Teufel Gewalt, wie der Engel Raphael zu Tobias sagte, denn durch ihr Beilager stoßen sie Jesus Christus aus ihrem Herzen und geben sich allem Unflathe hin. – Zur vierten Art gehören die, welche sich in ihrer Verwandtschaft begatten, oder mit denen, so ihnen verschwägert sind, oder mit solchen, welche mit ihren Vätern oder ihrer Verwandtschaft die Sünde der Wollust gepflogen haben. Diese Sünde macht sie gleichsam zu Hunden, die keine Rücksicht auf Verwandtschaft nehmen. Und, fürwahr, Verwandtschaft kann zwiefacher Art sein, entweder geistlich oder fleischlich; geistlich insofern man sich mit seinen Gevattersleuten abgiebt; denn grade so wie der, welcher ein Kind erzeugt, sein fleischlicher Vater ist, grade so ist sein Gevatter sein geistlicher Vater, weßhalb auch ein Weib nicht mit weniger Sünde bei ihrem Gevatter als bei ihrem eigenen leiblichen Bruder liegen kann. – Die fünfte Art ist jene abscheuliche Sünde, von welcher Niemand sprechen noch schreiben sollte, wenn sie nicht öffentlich in der heiligen Schrift erwähnt wäre. Diese Verruchtheit begehen Mann und Weib in verschiedener Absicht und auf verschiedene Art. Aber wenn auch die heilige Schrift von dieser gräßlichen Sünde spricht, so kann doch dadurch die heilige Schrift ebenso wenig verunglimpft werden, wie es die Sonne wird, weil sie auf einen Misthaufen scheint. Zur Wollust gehört noch eine andere Sünde, welche im Schlafe kommt, und diese Sünde ist häufig bei jungfräulichen Leuten, aber auch nicht minder bei solchen, welche verdorben sind. Und diese Sünde nennt man Pollution; und sie entsteht aus vier Ursachen. Oft kommt sie aus dem Verlangen des Leibes, denn die Säfte sind zu üppig und reichlich im Körper des Menschen; oft kommt sie aus Unmächtigkeit und Schwäche an Kraft der Verhaltung, wie die Arzneikunde solches erwähnt; oft durch Ueberfüllung mit Speise und Trank, und oft aus schlechten Gedanken, welche im Gemüthe des Menschen stecken, wenn er schlafen geht, was nicht ohne Sünde sein kann. Aus diesem Grunde mag sich jeder Mensch wohl davor hüten, denn sonst kann er schwer dadurch sündigen.

Remedium Luxuriae.

Nun kommt das Mittel gegen die Wollust, und das ist im Allgemeinen Keuschheit und Enthaltsamkeit, welche alle unordentlichen Neigungen der Fleischeslust in Zaum halten, und Diejenigen werden um so größeres Verdienst haben, welche am meisten die schlimme Begierde und Hitze dieser Sünde beschränken; und dieses geschieht auf zweierlei Weise, nämlich durch Keuschheit in der Ehe und durch Keuschheit im Wittwenthume.

Nun müßt Ihr verstehen, daß Ehe das erlaubte Beisammensein zwischen Mann und Weib ist, wie solches ihre Verbindung durch die Kraft dieses Sakramentes ihnen gewährt hat, so daß sie sich nicht mehr während ihres Lebens von einander scheiden können, das will sagen, so lange Beide leben. Dies ist – wie das Buch sagt – ein besonders hohes Sakrament. Gott machte es – wie ich gesagt habe – im Paradiese und wollte selbst aus der Ehe geboren werden, und um die Ehe zu heiligen, war er auf einer Hochzeit, wo er Wasser in Wein verwandelte, welches das erste Wunder war, das er vor seinen Jüngern vollführte. Die treue Wirkung der Ehe reinigt den Beischlaf und füllt die heilige Kirche mit guter Nachkommenschaft; denn das ist der Zweck der Ehe und wandelt Todsünde in läßliche bei Denen, so verheirathet sind, und macht in allen, die verheirathet sind sowohl die Herzen als auch die Leiber eins. Dieses ist die wahre Ehe, welche von Gott eingesetzt war, ehe die Sünde kam, als das natürliche Gesetz noch in rechter Geltung im Paradiese stand; und es ward befohlen, daß ein Mann nur ein Weib haben sollte und ein Weib nur einen Mann – wie St. Augustin sagt – und zwar aus vielen Gründen. Denn erstens ist die Ehe dargestellt in der Verbindung Christi mit der heiligen Kirche; und ein anderer Grund ist, weil der Mann das Haupt der Frau ist – wenigstens nach der Vorschrift sollte es so sein. Denn, wenn ein Weib mehr als einen Mann hätte, so würde sie auch mehr Häupter als eines haben und das wäre eine greuliche Sache vor Gott; und ebenso dürfte ein Weib nicht mehren zugleich gefallen und es würde nimmer Frieden und Ruhe zwischen ihnen sein, denn jedes würde sein eigenes Recht fordern. Und fernerhin könnte kein Mensch seine eigene Nachkommenschaft kennen, noch wissen, wer sein Erbe sein solle, und das Weib würde um so weniger geliebt werden, wenn sie mit mehren Männern verbunden wäre.

Nun kommt, wie ein Mann sich gegen sein Weib betragen soll, besonders in zwei Punkten, nämlich in Langmuth und Ehrerbietung; und dieses zeigt Christus, als er das erste Weib machte. Denn er machte sie nicht aus dem Haupte von Adam, dieweil sie keine zu große Herrschaft in Anspruch nehmen sollte, denn, wo das Weib die Meisterschaft hat, da macht sie gar zu vielen Unfug. Dafür bedarf es keiner Beispiele, die Erfahrungen, welche wir Tag für Tag machen, können hinreichend genügen. Gewiß, Gott machte auch das Weib nicht aus den Füßen von Adam, denn sie soll nicht zu niedrig gestellt werden, da sie nicht geduldig leiden kann. Aber Gott machte das Weib aus der Rippe von Adam, denn das Weib soll die Genossin des Mannes sein. Männer sollten sich ihren Weibern gegenüber mit Treue, Aufrichtigkeit und Liebe benehmen, wie St. Paul sagt, daß ein Mann sein Weib lieben solle, wie Christ die heilige Kirche, die er so sehr liebte, daß er für dieselbe starb; so sollte ein Mann für sein Weib thun, wenn es erforderlich ist.

Wie nun ein Weib ihrem Gatten unterthan sein soll, das erzählt St. Petrus. Zuerst in Gehorsam. Und wie ebenfalls das Decret sagt: ein Frauenzimmer, welches ein Eheweib ist, hat, so lange sie dieses ist, keine Macht zu schwören oder Zeugniß abzulegen ohne die Einwilligung ihres Ehemannes, der ihr Herr ist. Wenigstens sollte es der Vernunft nach dieses sein. Sie sollte ihm auch in aller Ehrbarkeit dienen und in ihrem Anzuge mäßig sein. Ich weiß wohl, daß sie ihr Bestreben dahin richten soll, ihrem Gatten zu gefallen, aber nicht durch die Absonderlichkeit ihres Anzuges. St. Hieronymus sagt: Weiber, welche sich mit Seide und köstlichem Purpur aufputzen, können nicht in Jesu Christo gekleidet sein. St. Gregorius sagt ebenfalls, daß man nur des eitlen Ruhmes wegen und um von den Leuten geehrt zu werden, nach kostbaren Anzügen trachte. Es ist große Thorheit, wenn ein Weib auswärts schöne Kleider trägt, während sie selbst inwendig faul ist. Ein Weib sollte gleichfalls mäßig sein in Blicken, Betragen und Lachen und bescheiden in allen ihrem Reden und Thun, und über alle Erdendinge sollte sie von ganzem Herzen ihren Ehemann lieben und ihm mit ihrem Leibe treu sein. So sollte ein jeder Ehemann auch seinem Weibe treu sein, denn da ihr ganzer Leib dem Gatten gehört, so sollte es auch ihr Herz, denn sonst ist zwischen ihnen in dieser Hinsicht keine vollkommene Ehe. Dann sollten die Männer begreifen, daß aus drei Gründen ein Mann mit seinem Weibe zusammenkommen mag. Der erste ist in der Absicht der Kindererzeugung für den Dienst Gottes, denn, gewiß, das ist der Endzweck der Ehe. Ein anderer Grund ist, sich gegenseitig die Schuld des Leibes zu entrichten, denn keiner von beiden hat Gewalt über seinen eigenen Leib. Der dritte ist, Hurerei und Schlechtigkeit zu vermeiden. Der vierte gehört der Todsünde an. Was den ersten anbetrifft, so ist er verdienstlich; der zweite auch, denn – wie das Decret sagt – hat Diejenige das Verdienst der Keuschheit, welche dem Gatten die Schuld ihres Leibes abträgt, selbst wenn es gegen ihre Neigung und gegen die Lust ihres Herzens ist. Die dritte Art ist läßliche Sünde; gewiß, kaum irgend einer von ihnen bleibt ohne läßliche Sünde wegen der Verderbniß und des Vergnügens, welche dieser Sache ankleben. Die vierte Art ist so zu verstehen, wenn sie nur aus sinnlicher Liebe zusammen kommen und nicht aus einem der vorerwähnten Gründe, sondern nur um ihr brennendes Verlangen, wer weiß, wie oft, zu stillen. Fürwahr, das ist Todsünde; und dennoch – mit Sorgen sag’ ich es – wollen sich einige selbst anstrengen, noch mehr zu thun, als ihrem Bedürfnisse genügt.

Die zweite Art der Keuschheit ist, eine reine Wittib zu sein, und die Umarmung eines Mannes zu fliehen und nach der Umarmung Jesu Christi zu verlangen. Diese sind Diejenigen, welche Weiber gewesen sind, aber ihre Gatten verloren haben und auch Frauen, die Wollust getrieben haben und durch ihre Buße erlöst sind. Und, gewiß, wenn ein Eheweib sich ganz keusch erhalten könne durch Erlaubniß ihres Gatten, so daß sie ihm keine Veranlassung und keine Gelegenheit gäbe, sich zu vergehen, so würde es für sie ein großes Verdienst sein. Diese Art von Frauen, welche die Keuschheit beobachten, muß reines Herzens, Leibes und Sinnes sein, mäßig in Kleidung und Haltung, enthaltsam im Essen und Trinken, im Sprechen und im Thun und dann gleicht sie dem Gefäße oder der Büchse der gesegneten Magdalena, weil sie die heilige Kirche mit gutem Geruche erfüllt.

Die dritte Art der Keuschheit ist Jungfräulichkeit, und es versteht sich, daß sie heilig von Herzen und rein von Körper sei. Dann ist sie die Braut Jesu Christi und das Leben der Engel; sie ist das Lob der Welt und sie kommt den Märtyrern gleich. Sie trägt in sich, was keine Zunge aussprechen kann und kein Herz denken. Jungfräulichkeit besaß unser Herr Jesus Christ, und eine Jungfrau war er selber.

Ein anderes Mittel gegen die Wollust ist, daß man sich besonders derjenigen Dinge enthalte, welche Veranlassung zu jener Schlechtigkeit geben, als Wohlleben, Essen und Trinken; denn, fürwahr, wenn der Topf überkocht, so ist das beste Mittel, ihn vom Feuer fortzurücken. Langer Schlaf bei großer Ruhe ist gleichfalls eine große Nährerin der Wollust.

Ein anderes Mittel gegen Wollust ist, daß Mann und Weib die Gesellschaft derer fliehen, von denen versucht zu werden sie argwöhnen; denn, wenn auch immerhin der That widerstanden wird, so ist dennoch die Versuchung groß. Fürwahr, eine weiße Wand wird, wenn sie das Flimmern einer Kerze auch nicht in Brand setzt, dennoch durch das Licht schwarz.

Gar oft las ich, daß Niemand auf seine eigene Vollkommenheit bauen solle, er sei denn stärker als Simson, heiliger als David oder weiser als Salamo.

Nachdem ich nun, so gut ich konnte, die sieben Todsünden und ihre verschiedenen Zweige und Gegenmittel erklärt habe, möchte ich, fürwahr, wenn ich könnte, euch auch die zehn Gebote Gottes vortragen; aber eine so hohe Lehre überlasse ich den Gottesgelehrten. Nichtsdestoweniger hoffe ich zu Gott, daß ein jegliches unter allen in dieser Abhandlung berührt ist.

Da nun der zweite Theil der Buße in der Beichte des Mundes besteht, so sage ich, wie ich im ersten Capitel begann, daß St. Augustinus spricht: Sünde ist jedes Wort und jede That und alles, was Menschen dem Gesetze Christi zuwider thun, und das besagt: sündigen im Herzen, im Munde und in der That durch die fünf Sinne, welche Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen sind. Nun ist es gut, die Umstände zu kennen, welche zu jeder Sünde beitragen. Du, welcher die Sünde thust, sollst in Erwägung ziehen, was du bist, Mann oder Weib, jung oder alt, edel oder hörig, frei oder dienstbar, gesund oder krank, verheirathet oder ledig, Priester oder Laie, weise oder thöricht, geistlich oder sekulär, ob sie körperlich oder geistlich dir nahe steht oder nicht, ob irgend einer deiner Angehörigen mit ihr gesündigt hat oder nicht, und was der Sachen mehr.

Ein anderer Umstand ist dieser, ob es in Hurerei oder Ehebruch geschehen ist oder nicht, in irgend einer Art von Todtschlag oder nicht, ob es eine greuliche, große Sünde sei oder eine kleine, und wie lange du in der Sünde beharrt hast. Der dritte Umstand ist der Art, allwo du die Sünde begangen hast, ob in andrer Leute Hause oder in deinem eigenen, im Felde, in der Kirche oder in dem Kircheneigenthume, in geweihten oder in ungeweihten Kirchen. Denn, wenn eine Kirche geheiligt ist und Mann oder Weib an diesem Orte ihr Geschlecht verschütten, so wird die Kirche mit dem Inderdict belegt, so lange bis sie der Bischof wieder gereinigt hat; und wäre es ein Priester, der solche Schlechtigkeit beginge, so könnte er bis an das Ende seines Lebens keine Messe mehr singen, und wenn er es dennoch thäte, so würde es jedesmal Todsünde sein, wenn er eine Messe sänge.

Der vierte Umstand bezieht sich auf Vermittler und Boten zur Verlockung und Einwilligung und sich zum Mitgenossen zu machen, da manch elender Mensch lieber zum Teufel in die Hölle fahren will, als nicht Genossenschaft zu halten. Deßhalb sind Diejenigen, die zu Sünden reizen oder Sünden billigen, Theilnehmer an der Sünde und an der Verdammniß des Sünders. Der fünfte Umstand ist, wie oft man gesündigt hat, und ob es im Herzen war, und wie oft man gefallen ist. Denn Derjenige, welcher häufig in Sünde fällt, verachtet die Gnade Gottes und verschlimmert seine Sünde und ist unerkenntlich gegen Christus, und wird immer schwächer, der Sünde zu widerstehen, und sündigt leichter und erhebt sich um so später daraus, und wird lässiger zur Beichte und namentlich bei dem, welcher sein Beichtvater war. Aus welchem Grunde auch Leute, wenn sie wieder in ihre alte Thorheit zurückfallen, entweder ihren alten Beichtvater ganz verlassen, oder sonst ihre Beichte auf verschiedene Stellen vertheilen; aber, fürwahr, Diejenigen, welche solcher Art ihre Beichte vertheilen, verdienen nicht die Gnade Gottes für ihre Sünden. Der sechste Umstand ist, weßhalb ein Mensch sündigt, sowie durch welche Versuchung und ob er selbst sich solche Versuchung bereitete, oder durch Andere angeregt wurde; oder ob bei einem Weibe die Sünde mit ihrer eigenen Einwilligung geschah, oder ob das Weib ungeachtet ihres Willens gezwungen wurde oder nicht; das soll sie erzählen, und ob es aus Begehrlichkeit war oder aus Armuth, und ob es durch ihr eigenes Betreiben war oder nicht, und andere solche Sachen. Der siebente Umstand ist, in welcher Weise er seine Sünde begangen hat, oder wie sie gelitten hat, daß er die Sünde an ihr vollziehe. Und so soll man es schlicht erzählen mit allen Umständen und ob man mit gewöhnlichen öffentlichen Dirnen gesündigt hat oder nicht, ob es zu einer geheiligten Zeit war oder nicht, während der Fasten oder nicht, ob vor seiner Beichte oder nach seiner letzten Beichte und ob dadurch vielleicht die auferlegte Buße gebrochen wurde, mit wessen Hilfe, auf wessen Rath, ob durch Zauberei oder durch List, alles muß erzählt werden. Alle diese Dinge belasten, je nachdem sie groß oder klein sind, das Gewissen von Mann und Weib. Und auch der Priester, welcher dein Richter ist, gewinnt dadurch Einsicht, um die Buße mit Verständniß aufzuerlegen in Gemäßheit deiner Zerknirschung. Denn, verstehe wohl, wenn ein Mann, nachdem er seine Taufe durch Sünde geschändet hat, zur Erlösung gelangen will, so giebt es keinen andern Weg, als durch Reue, Beichte und Genugthuung, und namentlich durch die beiden ersteren, wenn ein Beichtiger vorhanden ist, dem man bekennen kann, und falls man zuvor wahrhaft zerknirscht und reuevoll fühlt; und durch die dritte, falls man am Leben bleibt, sie auszuführen.

Dann soll der Mensch einsehen und erwägen, daß wenn er eine aufrichtige und nutzbringende Beichte machen will, er vier Bedingungen zu erfüllen hat. Erstens muß sie aus kummervoller Bitterkeit des Herzens kommen, wie der König Ezechiel zu Gott sprach: Ich will alle Zeit meines Lebens in der Bitterkeit meines Herzens daran gedenken. Diese Bedingung der Bitterkeit hat fünf Zeichen. Das erste ist, daß die Beichte Beschämung zeigt und die Sünde nicht verschleiert oder verbirgt, sondern eingesteht, wodurch gegen Gott gefehlt und die Seele geschändet ist. Und hierüber sagt St. Augustinus: das Herz liegt in Wehen aus Scham über seine Sünde; und wer große Beschämung fühlt, ist würdig, die Gnade Gottes zu erlangen. So war die Beichte des Zöllners, welcher seine Augen nicht gen Himmel heben wollte, weil er Gott im Himmel beleidigt hatte, für welche Erniedrigung er sofort die Gnade Gottes gewann. Und deßhalb sagt St. Augustin, daß solche schamerfüllte Leute der Vergebung und Gnade am nächsten sind. Ein anderes Zeichen ist Demuth in der Beichte, worüber St. Peter sagt: Demüthigt euch vor der Macht Gottes! – Die Hand Gottes ist mächtig in der Beichte, denn dadurch vergiebt uns Gott die Sünden, denn Er allein hat dazu die Macht. Und die Demuth soll wie im Herzen so auch in äußern Merkmalen bestehen, denn, wie man Demuth gegen Gott im Herzen trägt, so sollte sich ebenso auch der äußere Leib vor dem Priester demüthigen, der an Gottes Stelle sitzt. Darum sollte auch in keinem Falle, alldieweil Christus der Herr ist und der Priester der Unterhändler oder Vermittler zwischen Christus und dem Sünder, und der letztere selbstverständlich der niedrigste ist, ein Sünder so hoch sitzen, wie sein Beichtvater, sondern zu seinen Füßen vor ihm knien, falls ihn nicht Krankheit daran hindert; denn er soll nicht daran denken, wer vor ihm sitzt, sondern in wessem Stelle er dort sitzt.

Ein Mensch, welcher sich gegen seinen Herrn vergangen hat und zu ihm kommt, um Gnade zu bitten und seine Versöhnung zu machen, sich aber sofort neben seinen Herrn niedersetzen wollte, würde Jedermann für unverschämt halten und nicht für würdig, sobald Vergebung und Gnade zu erhalten. Das dritte Zeichen ist, daß die Beichte unter vielen Thränen geschehe, wenn der Mensch weinen kann; und wenn er nicht mit seinen leiblichen Augen weinen kann, so laßt ihn in seinem Herzen weinen. So war die Buße St. Peters, denn nachdem er Jesus Christus verläugnet hatte, ging er hinaus und weinte bitterlich. Das vierte Zeichen ist, daß man sich nicht schäme zu beichten und zu bekennen. So war die Buße der Magdalena, die nicht aus Scham vor Denen, so auf dem Feste waren, zögerte, sondern zu unserem Herrn Jesu Christo ging und ihm ihre Sünden bekannte. Das fünfte Zeichen ist, daß Mann und Weib gehorsam sind, die Buße anzunehmen, welche ihnen auferlegt ist. Denn, wahrlich, Jesus Christus war um der Schuld der Menschheit willen gehorsam bis zum Tod.

Die zweite Bedingung für die aufrichtige Beichte ist, daß sie eilig geschehe; denn, wahrlich, je länger ein Mensch, welcher eine tödtliche Wunde hat, mit deren Heilung zögert, desto schlimmer wird sie und desto rascher treibt sie ihm dem Tode entgegen und desto schwerer wird sie zu heilen sein. Und ebenso geht es mit der Sünde, welche im Menschen lange verheimlicht bleibt. Gewiß, man muß seine Sünde aus manchen Gründen rasch zeigen, unter andern aus Furcht vor dem Tode, der oft plötzlich kommt und bei dem es ungewiß, wann und wo er uns treffen möge; auch zieht das Verbergen einer Sünde andere nach sich; und ferner ist man, je länger man zögert, um so entfernter von Christus. Und wenn man bis zu seinem letzten Tage damit zurückhält, so mag man kaum seine Sünde bereuen und sich ihrer entsinnen oder wegen der furchtbaren Todeskrankheit beichten können. Und ebenso wie man in seinem Leben nicht auf Christ hörte, wenn er zu uns sprach, so wird auch unser Herr an unserm letzten Tage, so sehr wir auch zu ihm schreien mögen, uns kaum hören. Und lernt, daß diese Bedingung vier Sachen umfaßt. Erstlich, daß die Beichte vorbereitet und überlegt sein muß; denn schlimme Eile nützt zu nichts; und daß der Mensch bei seiner Beichte wissen muß, ob die Sünde aus Stolz, Neid und so weiter kommt mit allen Umständen und Unterarten; und daß er in seinem Gemüthe die Zahl und Größe seiner Sünden begriffen hat, so wie auch, wie lange er in der Sünde beharrte, und auch, daß er zerknirscht über seine Sünden sei und fest in seinem Vorsatze, mit Gottes Gnade nie wieder in Sünde zu fallen, und auch, daß er wohl Acht gebe und aufpasse die Gelegenheit zu derjenigen Sünde zu meiden, zu welcher er geneigt ist. Und ebenso sollst du alle deine Sünden einem Manne beichten und nicht stückweise durcheinander bei verschiedenen, das besagt in der Absicht, aus Scham oder Furcht die Sünden zu theilen; denn das heißt, deine eigene Seele erwürgen. Denn, gewiß, Jesus Christus ist die vollkommenste Güte, in ihm ist keine Unvollkommenheit, und deßhalb verzeiht er entweder vollständig oder überhaupt nicht. Ich sage nicht, daß du gebunden bist dem bestimmten Beichtiger, dem du einer bestimmten Sünde wegen zugewiesen bist, auch den ganzen Rest deiner Sünden zu zeigen, welche du bereits deinem Pfarrer gebeichtet hast, so weit du es etwa aus Demuth nicht gern thun willst; dies ist kein Theilen der Beichte. Nein, ich sage nicht, wenn ich vom Theilen der Beichte spreche, daß, insofern du die Erlaubniß hast, einem verschwiegenen und ehrlichen Priester zu beichten, und wo es dir gefällt und unter Gestattung deines Pfarrers, du auch diesem nicht alle deine Sünden beichten könntest; aber laß keinen Flecken zurück; laß keine Sünde unerzählt, soweit dein Gedächtniß reicht. Und wenn du bei deinem Pfarrer beichtest, so erzähle ihm auch alle Sünden, welche du seit deiner letzten Beichte gethan hast. Dieses ist keine böse Absicht, die Beichte zu vertheilen.

Auch die wahre Beichte fordert gewisse Bedingungen. Erstens, daß du aus freien Stücken beichtest, nicht gezwungen, nicht aus Scham vor den Leuten, nicht aus Krankheit oder aus sonstigen andern Gründen; denn es ist vernünftig, daß Derjenige, welcher aus seinem freien Willen gefehlt hat, auch aus seinem freien Willen seine Fehler bekennt und daß kein Anderer seine Sünde erzähle, wie er selbst; nein, er soll seine Sünde weder läugnen noch verneinen, noch gegen den Priester böse werden, weil er ihn ermahnt, von seiner Sünde zu lassen. Die zweite Bedingung ist, daß deine Beichte rechtmäßig sei, das heißt, daß du, welcher beichtest, und auch der Priester, der deine Beichte hört, wahrhaftig in dem Glauben der heiligen Kirche stehen, und daß Keiner an der Gnade Christi verzweifeln solle, wie es Kain und Judas thaten. Auch muß man sich seiner eigenen Sünden anklagen und keinen Andern, und sich selbst wegen seiner Bosheit und seiner Sünden tadeln und angeben, aber keinen Andern; indessen, wenn Jemand der Anstifter und Anreizer zur Sünde gewesen ist, oder von solchem Stande ist, daß dadurch die Sünde erschwert wird, oder daß man sonst nicht klar beichten kann, ohne die Person zu nennen, mit welcher man gesündigt hat, so mag man es sagen, vorausgesetzt, daß es nicht in der Absicht geschieht, die Person anzuschwärzen, sondern nur um seine eigne Sünde zu erklären.

Du sollst auch nicht aus Demuth in deiner Beichte lügen, indem du vielleicht sagst, daß du diese oder jene Sünde begangen habest, deren du niemals schuldig warst. Denn, St. Augustin sagt, daß, wenn du in deiner Demuth dir etwas selbst anlügst, so bist du, falls du auch vorher nicht in Sünde warst, doch nunmehr deiner Lüge wegen in Sünde. Auch mußt du die Sünde mit deinem eigenen Munde bekennen, wenn du nicht stumm bist, aber nicht brieflich. Denn du, welcher die Sünde begangen hast, sollst auch die Scham der Beichte tragen. Du sollst auch deine Beichte nicht mit schönen und gewandten Worten übertünchen, um desto besser deine Sünde zu verhüllen; denn du betrügst dich selbst und nicht den Priester; du mußt schlicht erzählen, ob auch deine Sünde noch so schlimm und greulich sei. Du sollst auch einem Priester beichten, der dir verständigen Rath ertheilen kann; und du sollst auch nicht aus Eitelkeit beichten, noch aus Heuchelei, noch aus irgend einem andern Grunde, sondern nur allein aus der Furcht Christi und für das Heil deiner Seele. Du sollst auch nicht plötzlich zum Priester rennen und ihm deine Sünde leicht hinerzählen, wie man einen Spaß oder eine Geschichte erzählt, sondern überlegt und mit guter Andacht; und im allgemeinen beichte oft; wenn du oft fällst, so erhebe dich oft wieder durch die Beichte. Und wenn du auch mehr als einmal die Sünden bekennst, von denen du losgesprochen bist, so ist es ein um so größeres Verdienst. Und wie St. Augustin sagt, du sollst dann leichteren Erlaß und Gnade bei Gott finden, sowohl für die Sünde als für die Strafe. Und sicherlich einmal im Jahre ist zum mindesten geboten, das Sacrament zu empfangen; denn, fürwahr, alle Dinge auf Erden werden im Verlaufe eines Jahres erneuert.

Explicit secunda pars penitentiae; et sequitur tertia pars.

Nun habe ich euch von der wahren Beichte erzählt, welche der zweite Theil der Buße ist. Der dritte Theil ist die Genugthuung, und diese besteht meistens in Almosengeben und in körperlichen Strafen. Nun giebt es drei verschiedene Arten von Almosen: Zerknirschung des Herzens, wodurch man sich selbst seinem Gott darbietet; eine andere ist, Mitleid mit dem Mangel seines Nächsten zu haben, und die dritte ist, guten Rath zu ertheilen, geistlich oder leiblich, wenn Leute dessen bedürfen, und insbesondere hinsichtlich der Beschaffung menschlicher Nahrung. Und bedenkt wohl, daß der Mensch im allgemeinen dieser Dinge bedarf; er bedarf Nahrung, Kleidung und Herberge, er bedarf teilnehmenden Rath, Besuche im Gefängnisse und in Krankheit und Bestattung seiner Leiche. Und wenn du den Bedürftigen nicht selbst im Gefängnisse besuchen kannst, so besuche ihn durch Botschaft und durch Gaben. Dieses sind im allgemeinen die Almosen und Werke der Barmherzigkeit von Denen, welche zeitliche Güter und Verständniß im Rathertheilen haben. Von diesen Werken wirst du am Tage des Gerichtes hören. Diese Almosen sollst du von deinem Eigenthume, rasch und wo möglich heimlich geben; indessen, wenn du es nicht heimlich thun kannst, so mußt du dennoch das Almosengeben nicht unterlassen, obschon es die Menschen sehen, wenn es nicht aus Rücksicht auf die Welt, sondern allein um Jesu Christi willen geschieht. Denn, wie St. Matthäus Cap. V bezeugt, daß die Stadt, die auf einem Berge liege, nicht verborgen sei, noch man ein Licht anzünde und unter einen Scheffel setze, sondern auf einen Leuchter, damit es allen leuchte, die im Hause sind, also soll euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Um nun von den körperlichen Strafen zu sprechen, so bestehen sie in Beten, in Wachen, in Fasten und tugendhaften Lehren. Unter Gebeten müßt Ihr verstehen, daß Bitten und Beten ein frommer Wille des Herzens genannt wird, das in Gott sein Vertrauen setzt und dieses durch äußere Worte ausdrückt, um Leiden abzuwenden, und um geistliche und ewige Dinge zu erlangen und bisweilen auch zeitliche. Von diesen Fürbitten hat Jesus Christus im Gebete des Paternoster die meisten Sachen eingeschlossen. Gewiß, es steht durch drei Dinge an Würdigkeit oben an, weßhalb es würdiger ist, als irgend ein anderes Gebet: denn Jesus Christus machte es selber und es ist kurz, damit es desto leichter und bequemer im Herzen bewahrt werden könne und man sich desto öfter mit diesem Gebete zu helfen vermöge und um so weniger müde werde, es zu sagen; und daß man sich nicht entschuldigen könne, es zu lernen, ist es so kurz und so leicht; und endlich begreift es alle guten Gebete in sich.

Die Erklärung dieses heiligen Gebetes, das so vortrefflich und würdig ist, überlasse ich den Meistern der Theologie; nur so viel will ich sagen, daß, wenn du betest, Gott möge dir deine Schuld vergeben, wie du deinen Schuldigern vergiebst, du dich wohl in Acht nehmen mögest, nicht ohne Barmherzigkeit zu sein. Dieses heilige Gebet vermindert auch läßliche Sünde und deßhalb paßt es sich besonders zur Buße.

Dieses Gebet muß aufrichtig und in vollkommenem Glauben gesagt werden; man muß es zu Gott ordentlich, verständig und andächtig beten, und immer muß man seinen Willen dem Willen Gottes unterordnen. Dieses Gebet muß auch mit großer Demuth, Reinheit und Ehrbarkeit gesprochen werden und nicht so, daß man Mann oder Weib ein Aergerniß dadurch giebt. Es muß auch von Werken der Barmherzigkeit gefolgt sein. Es hilft auch gegen die Laster der Seele; denn – wie St. Hieronymus sagt – durch Fasten werden die Laster des Fleisches geheilt und durch Gebet die Laster der Seele.

Hiernach muß du verstehen, daß körperliche Strafe auch im Wachen besteht. Denn Jesus Christus sagt: Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet. Ihr müßt auch verstehen, daß Fasten aus drei Dingen besteht: im Enthalten von leiblicher Speise und Trank, im Enthalten von weltlicher Lustbarkeit und im Enthalten von Todsünde, insofern man sich nämlich mit aller Kraft von Todsünde entfernt halten soll.

Und du mußt auch verstehen, daß Gott das Fasten eingesetzt hat, und zum Fasten gehören vier Dinge. Freigebigkeit an Arme, Fröhlichkeit im Geist und Herzen, nicht ärgerlich noch verdrießlich über das Fasten zu sein, und gleichfalls eine vernünftige Zeit, um mäßig zu essen; das heißt, man soll nicht zur Unzeit essen und, weil man fastet, nicht länger bei Tische sitzen. Dann sollst du verstehen, daß körperliche Strafe in Zucht oder Lehre durch Wort und Schrift oder Beispiel besteht. Auch im Tragen von Haar oder Wolle oder einem Maschenpanzer auf der bloßen Haut um Christi willen, aber sieh dich vor, daß solche Arten der Buße nicht dein Herz bitter oder ärgerlich machen und dich langweilen; denn besser ist es dein hären Kleid wegzuwerfen, als die Süßigkeit unseres Herrn Jesu Christi. Und deßhalb, sagt St. Paul: Kleidet euch als die Auserwählten im Herzen Gottes mit Demuth, Mitleid, Geduld und solchen Kleidern, welche Jesu Christo mehr gefallen als härene Gewänder und Maschenpanzer.

Dann besteht auch Zucht in Schlagen an deine Brust, in Peitschen mit Ruthen, in Leiden, in geduldigem Ertragen des Unrechtes, welches dir geschehen ist und auch in geduldigem Leiden von Krankheit, Verlust weltlichen Gutes oder Weib oder Kind oder anderer Freunde.

Dann mußt du verstehen, welche Sachen die Buße stören; und das geschieht in vierfacher Weise, nämlich durch Furcht, Scham, Hoffnung und Mangel an Hoffnung, das ist Verzweiflung. Und um zunächst von der Furcht zu sprechen, durch welche man wähnt, daß man die Buße nicht tragen könne, so ist das Mittel dagegen, zu bedenken, daß körperlicher Schmerz sehr geringfügig in Vergleich zu den Qualen der Hölle ist, die so grausam und lang und ohne Ende sind.

Und gegen die Scham, die man zu beichten fühlt und besonders jene Heuchler, die für so vollkommen gelten wollen, daß sie nicht nöthig haben zu beichten, gegen diese Scham sollte man denken, daß, wie man sich nicht geschämt hat, schlechte Sachen zu thun, man sich auch vernünftiger Weise nicht schämen solle gute Sachen zu thun, und eine solche ist die Beichte. Man sollte auch bedenken, daß Gott jeden Gedanken sieht und kennt, sowie alle unsere Werke, und daß man vor ihm nichts verbergen kann. Man sollte sich auch der Scham erinnern, welche am Tage des Gerichts die überkommen wird, so in ihrem gegenwärtigen Leben nicht bußfertig gewesen sind; denn alle Creaturen im Himmel, auf Erden und in der Hölle werden öffentlich alles sehen, was man vor der Welt verborgen hielt.

Um nun von der Hoffnung Derjenigen zu sprechen, die so nachlässig und langsam im Beichten sind, so besteht diese aus zwei Arten. Die eine ist, daß man hofft, noch lange zu leben und durch seinen Fehltritt viel Gut zu erlangen und dann erst zu beichten; und wie er sagt und ihm scheint, kann er noch immer zeitig genug zur Beichte kommen. Die andere ist die eitle Ueberschätzung der Gnade Christi. Gegen das erste Laster soll man denken, daß unser Leben keine Sicherheit gewährt und auch daß aller Reichthum dieser Welt dem Zufall unterworfen ist und wie der Schatten an der Wand schwindet, und – wie St. Gregorius sagt – daß es zur großen Gerechtigkeit Gottes gehöre, daß die Strafe nie von dem weichen solle, der sich nie der Sünde enthalten will, wenn es ihm nicht gefällt, sondern immer in Sünden bleibt; für solchen beständigen Willen, Sünde zu thun, sollen sie auch beständige Pein leiden.

Mangel an Hoffnung ist zwiefacher Art. Die erste ist Hoffnungslosigkeit auf die Gnade Gottes; die andere ist, zu denken, daß man nicht länger im Guten ausharren könne. Die erste Hoffnungslosigkeit kommt daher, daß man wähnt, man habe so schwer und so oft gesündigt und so lange in Sünden gelegen, daß man nicht errettet werden könne. Gewiß, gegen diese verfluchte Hoffnungslosigkeit sollte man denken, daß die Passion Jesu Christi stärker ist, uns zu lösen, als es die Sünde ist, uns zu binden. Gegen die zweite Hoffnungslosigkeit soll man denken, daß so oft man fällt, man sich auch ebenso oft durch die Beichte wieder erheben kann; und ob man noch so lange in Sünden gelegen hat, die Gnade Christi ist immer bereit, uns aufzunehmen und zu verzeihen. Gegen jene Hoffnungslosigkeit nicht länger im Guten ausharren zu können, soll man denken, daß die Schwachheit des Teufels nichts vermag, wenn der Mensch es nicht dulden will; und er wird auch Stärke durch die Hülfe Jesu Christi finden und seiner ganzen Kirche und durch den Schutz von Engeln, wenn er will.

Dann sollen die Menschen verstehen, was die Frucht der Buße ist; und nach den Worten Jesu Christi ist sie die endlose Seligkeit des Himmels, wo Freude den Gegensatz von Leid und Kummer nicht kennt. Dort sind alle Leiden des gegenwärtigen Lebens vorbei; dort ist Sicherheit vor den Strafen der Hölle; dort ist die segensvolle Gemeinschaft, die sich an der Freude Anderer immerdar erfreut; dort scheint der Menschenleib, der einst garstig und dunkel war, heller denn die Sonne; dort ist der Leib, der einst gebrechlich, krank, schwach und sterblich war, unsterblich und so stark und kräftig, daß ihm nichts widerfahren kann; dort ist weder Hunger noch Durst noch Kälte, sondern jede Seele wird erfüllt durch den Anblick und das vollständige Schauen Gottes! Dieses Segensreich können die Menschen durch geistige Armuth erkaufen; die Herrlichkeit durch Niedrigkeit; die Ueberfülle der Freude durch Hunger und Durst und die Ruhe durch Arbeit und das Leben durch den Tod und der Ertödtung der Sünde.

Zu diesem Leben führe uns der, welcher uns mit seinem kostbaren Blute erkauft hat. Amen!

Nun bitte ich Alle, welche diese kleine Abhandlung hören oder lesen, daß sie, falls sie etwas darin finden, was ihnen gefällt, dafür unserm Herrn Jesus Christus danken, von welchem aller Witz und alle Frömmigkeit kommt; und wenn etwas darin ist, das ihnen mißfällt, so bitte ich gleichfalls, daß sie es meiner Unwissenheit zur Last legen und nicht meinem Willen, da ich mich besser ausgedrückt haben würde, wenn ich es vermocht hätte; denn unser Buch sagt, daß alles, was geschrieben ist, uns zur Lehre geschrieben sei; und dieses ist meine Absicht. Deßhalb ersuche ich Euch demüthig, um der Gnade Gottes willen, für mich zu beten, daß Christ Gnade mit mir habe und mir meine Schuld vergebe [und insbesondere meine Uebersetzungen und Dichtungen weltlicher Eitelkeit, welche ich in meinen Widerrufen zurücknehme, wie das Buch von Troilus, ebenso das Buch der Fama, das Buch der fünfundzwanzig Damen, das Buch von der Herzogin, das Buch vom St. Valentinstage des Parlaments der Vögel, die Erzählungen von Canterbury, insoweit sie nach Sünde schmecken, das Buch vom Löwen und manches andere Buch, wenn es mir im Gedächtniß wäre, und manchen Gesang und manches liederliche Lied – Christ in seiner großen Gnade vergebe mir die Sünde. Aber für die Uebersetzung des Boëtius von der Tröstung, und andere Bücher von Heiligenlegenden, Homilien, andächtigen und moralischen Inhaltes, danke ich unsern Herrn Jesus Christ und seine segensreiche Mutter und alle Heiligen im Himmel, indem ich sie bitte, mir fortan bis zu meinem Lebensende die Gnade zu senden, meine Schuld zu beklagen und mich um das Heil meiner Seele zu bemühen] und mir die Gnade wahrer Buße, Beichte und Genugthuung in diesem gegenwärtigen Leben gewähre durch die gütige Gnade dessen, der König der Könige, Priester aller Priester ist, welcher uns durch sein theures Herzblut erkaufte, so daß ich am letzten Tage des Gerichtes einer von denen sein möge, die errettet werden; qui cum Deo patre et Spiritu sancto vivis et regnas Deus per omnia secula. Amen!

Ende der Canterbury-Erzählungen.

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Alexander Borodin – Fürst Igor

Alexander Borodin

Fürst Igor

Oper in vier Aufzügen mit Prolog

Personen

Ìgor Swíatosslàwitsch, Fürst von Gewersk (Bariton)

Iaroslàwna, seine Frau in zweiter Ehe (Sopran)

Wladîmir Ìgorewitsch, sein Sohn aus erster Ehe (Tenor)

Wladîmir Iaroslàwitsch, Fürst Gàlitzky, Bruder der Fürstin Iaroslàwna (Baß)

Kontschàk (Baß),

Gsak (Baß), Polowêzkische Chane

Kontschakôwna, Tochter des Chans Kontschàk (Alt)

Owlûr, ein getaufter Polowzer (Tenor)

Skulà (Baß),

Eròschka (Tenor), Gudokspieler

Die Amme der Fürstin Iaroslàwna (Sopran)

Ein Polowêzkisches Mädchen (Sopran)

Russische Fürsten und Fürstinnen, Bojaren und Bojarenfrauen, Greise, russische Krieger, junge Mädchen, Volk

Polowêzkische Chane, Gefährtinnen der Kontschakòwna, Sklavinnen (Tschagen) des Chans Kontschàk, russische Kriegsgefangene, Polowêzkische Wachen und Heer

Die Handlung geht vor sich: im Prolog, im 1. und 4. Aufzuge – in der Stadt Putivl; im 2. und 3. Aufzuge – im Polowêzkischen Feldlager. Jahr 1185.

Prolog

Ein öffentlicher Platz in der Stadt Putivl. Die Truppen sind zum Ausmarschieren bereit. Das Volk begrüßt sie. Beim Aufgehen des Vorhangs tritt Fürst Ìgor, von Fürsten und Bojaren begleitet, feierlich aus der Kathedrale.

CHOR DES VOLKES.

Helle Sonne sei Ehre, Ehre!

Hoch am Himmelsdom!

Dir, unserem Fürsten sei Ehre,

Ruhm im heiligen Rußland bei uns!

Ehre sei tapferem Fürsten Troubtschewsky,

Dem mutigen Wsèwolod Heil!

Heil euch! Unserem Fürsten sei Ehre!

Und in der Stadt Putivl jungem Wladîmir,

Wie Swiatoslâw, jungem Fürsten von Rilsk,

Sei Ehre, Ehre!

Ìgor sei gelobt im Russenland!

Helltönend’ Loblied erklingt in den Steppen,

Wie an dem breiten Don bis an das weite Meer.

Fürsten, ihr werdet gelobt in der Fremde.

Heil euch, ihr Herrlichen, und eurem tapf’ren Heer.

Und holde Mädchen am Ufer der Donau

Singen im Chore euch, Fürsten, die Loblieder.

Süßen Ton’s fluten ihr’ Lieder bis Kiew.

Lobt nun die Herrlichen, heil euren Kriegsleuten.

Heil euch! Heil euch!

FÜRST ÌGOR.

Voran, voran zum blut’gen Krieg!

CHOR DES VOLKES.

Gott helfe euch zu schlagen Feindes Heere!

Zum Kampf, zum Kampf mit Heiden-Chanen!

Jetzt gilt’s, an ihnen unsere Schmach zu rächen.

CHOR DER BOJAREN.

Sieg unserm Fürst, dem Sieger von Oltava!

Sieg unserm Fürst, dem Sieger von der Warle,

Und Tod dem Feind, wie einst am Ufer Merles,

Und mög’ das mächt’ge Heer der Chane schmählich ganz untergeh’n.

Schlage, Fürst, des Feindes Schwarm!

FÜRST ÌGOR.

Wir zieh’n in den Kampf um zu streiten

Für Glauben, für Rußland, für Volk.

Ich möchte durchstreichen die Steppen

Kampflustig mit Speer,

Die weiten, die weglosen Steppen.

Dort einen ruhmvollen Tod finden,

Oder heimkehren siegreich.

CHOR DES VOLKES.

Gott begleite Euch! Gott sei mit euch Allen!

So ziehe in den Kampf mit Gottes Schutz und wehe dem Feind!

Bald kehrst du heim, o Fürst, als Sieger unseres Feind’s!

Heil dir! Heil dir!

FÜRST ÌGOR.

Auf! Auf! Die Stunde, sie ist da.

Es wird dunkel. Die Sonnenfinsternis fängt an. Alle blicken mit Erstaunen zum Himmel auf.

FÜRST WLADÎMIR GÀLITZKY.

Was soll’s bedeuten? Den hellen Tag verschlingt die Nacht!

Und, gleich dem Neumond, sieht wie die Sichel die Sonne aus!

CHOR.

Himmels Zeichen ist das, guter Fürst!

Ach, dieses Zeichen droht mit Unheil!

Es wird ganz dunkel auf der Bühne.

Sieh da: am Tage funkeln Sterne!

Die Erde hüllt sich in Dunkel ein!

Fürst, bleibe heim, ziehe nicht in den Krieg!

Allmählich wird es heller.

FÜRST ÌGOR.

Was dieses Zeichen voran deutet,

Das werden wir erfahren bald.

Da niemand dem Geschick entgehen kann,

Wozu dient uns’re Furcht?

Wir streiten für gerechte Sache:

Für Glauben, Heimat, für das Volk.

Es wäre schändlich heimzukehren ohn’ Schwertstreich,

Da der Feind uns droht.

CHOR DER BOJAREN.

Fürst, du hast recht,

Doch wär’ es besser nicht zu ziehn.

FÜRST ÌGOR.

Freunde, schwingt euch auf Rosse

Und fliegt zum blauen Meer mit Falkeneile!

Es wird ganz hell auf der Bühne.

CHOR.

Heil dir, Heil dir!

Fürst Ìgor entfernt sich, um seine Truppen zu besichtigen. Fürsten und Bojaren begleiten ihn.

SKULÀ.

Ihr, Freunde, zieht zu Feld; wir bleiben aber hier.

Wir wollen Glück versuchen anderswo.

ERÒSCHKA.

Beim Fürst Gàlitzky, unserm guten Herrn.

Frei und frank lebt man dort!

SKULÀ.

Richtig! Da genießt man Bier und Meth im Überflusse.

Sie werfen ihre Waffen zu Boden und schleichen davon.

FÜRST ÌGOR.

Wollen wir jetzt Abschied nehmen, Kriegsgesell’,

Von unsern holden Frauen, an die Brust sie pressen.

IAROSLÀWNA Ìgor umarmend.

Mein Seelenfreund, o bleibe,

O bleibe doch bei mir; o zieh’ nicht hin.

Es ist nicht Zeit, glaub’ mir, mein Herz,

O kehr’ zu mir, o hör’ mein Fleh’n!

Ein großes Unglück wird ergeh’n,

O mein Geliebter, über dich und uns.

FÜRST ÌGOR.

Mein holdes Lieb, hör’ auf zu weinen;

Trübe nicht umsonst die Augen.

‘s ist nicht möglich heimzukehren, glaube mir.

IAROSLÀWNA.

Ich glaube meinem Herzen, Lieb;

Es tut mir so furchtbar weh.

FÜRST ÌGOR.

Ach, laß dein Klagen, laß dein Weinen.

Manchesmal schon hast du Abschied von dem Gatten genommen ohne Furcht.

Die Ehre will’s, die Pflicht zwingt uns zu streiten für das Vaterland.

Wir müssen zieh’n, o glaube mir!

Die Ehre will’s, die Pflicht. Leb wohl, mein Lieb!

IAROSLÀWNA.

Ich glaube meinem Herzen, Lieb;

Die Angst preßt mir die Brust.

Ich weiß ja, was du sagen wirst im voraus,

Und ich begreife deine Worte, verstehe dich;

Doch nagt am Herzen bittres Leid; es ahnet Mißgeschick. Leb’ wohl!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Ganz recht! Es muß so sein, wir zieh’n.

Die Ehre will’s, die Pflicht zwingt uns.

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Ganz recht! Ihr müsset zieh’n zum Krieg!

FÜRST ÌGOR.

Nun, Gott mit dir, mein Schatz. Zum Höchsten steh’ für uns, Lieb!

Sich an Gàlitzky wendend.

Wladîmir, nimm meine Frau in deinen Schutz jetzt;

Und hüte sie vor Unglück und vor Gram,

Erleicht’re ihr die Last des bittren Loses

Durch kosend’ Wort, durch kosend’ Blick.

Ich bitte dich darum, Wladîmir.

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Bereit bin ich dir stets zu dienen, du hast mir manchen Dienst erwiesen.

Zur Zeit als Vater mich verbannt, und meine Brüder mich verließen,

Hast du Hilfe mir geleistet, hast den Vater mir ersetzt,

Versöhntest dann den Heimatlosen mit dem Vater, der verzieh;

Dann kehrte ich zurück zur Heimat,

Und dir verdank’ ich das.

FÜRST ÌGOR.

Ei, geh doch, laß es. Es freut mich, daß ich dir geholfen.

Iaroslàwna mit den Fürstinnen und Bojarinnen ab.

‘s ist Zeit; nun auf zum Krieg!

Fürst Ìgor nähert sich dem Greise.

Ehrwürd’ger Greis, o segne uns zum Kampf für unser Vaterland,

Die Fürsten segne und das Heer!

CHOR.

Zieht mit Gottes Schutz;

Gott steh’ euch bei im Kampfe.

Gott helfe uns im blut’gen Streit.

Der Greis segnet die Armee.

Gott geb’ den Sieg euch und schütz’ die Krieger,

Scheuch’ fort die Feinde, zerschmett’re ihr furchtbares Heer.

Ìgor, die übrigen Fürsten und Bojaren besteigen ihre Rosse und reiten voran.

HALBCHOR DER BOJAREN.

Rühmet die Fürsten, die Krieger!

CHOR DES VOLKES.

Lichten Sternen sei Ehre in der Höhe am Himmel,

Den Fürsten sei Ruhm im heiligen Rußland bei uns!

Mächtige Fürsten, kleinere Fürsten, seid nun alle gelobt!

Ehre sei euch, unsren Fürsten im Russenland.

Heil dem kampflustigen, mutigen Wsêwolod,

Jungen fürstlichen Falken Wladîmir.

Lasse Gott sie lange leben, unsre Fürsten, unsre Krieger, unser Heer!

Der Vorhang fällt.

Erster Akt

Erstes Bild

Szene im Hofe des Hauses Wladîmir Gàlitzkys

CHOR.

Ruhm sei unserem Fürsten Wladîmir Gàlitzky!

Heil dir!

SKULÀ.

Nun spiel’! Nicht des Flusses Wellen brausen,

Aus den Ufern treten schäumend,

Nicht von Wellen wird die Gegend ringsumher ganz überschwemmt.

CHOR.

Sieh, das sind ja flotte Burschen, die des Nachts ein Mädchen rauben.

Ho! Ho! Wie sie schwelgen. Wie sie spielen!

Rühmen ihren Fürst die ganze Nacht hindurch.

Es lebe hoch nun unser Fürst Wladîmir.

ERÒSCHKA.

Wehe Mägdelein, dem süßen, wirft sie sich zu Fürstenfüßen.

Du, Herr mein! Sperr’ mich doch nicht ein!

Will daheim zum Väterchen, will daheim zum Mütterchen!

Ach! Laß mich gehen, ach, schone mein!

CHOR.

Ho! Ho! Kerle schwelgen! Kerle spielen!

Rühmen ihren Fürst die ganze Nacht hindurch.

Es lebe hoch der Fürst Wladîmir Gàlitzky.

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Fürwahr, so ist’s: ich hass’ die Langeweil’.

Verhüt’ es Gott, daß ich solch’ Leben treib’ wie Ìgor.

Mein Herz sehnt sich nach Lust, nach echtem Fürstenleben.

Mich ekeln Gram und Kummer an.

Ach, wählt mich einmal doch zu eurem Fürsten! Ich führ’ dann flottes Leben. Ei was!

Wenn ich Fürst, wie Ìgor, wäre! Ach, hätt’ ich mal diese Ehre,

Führt’ ich dann fürwahr flottes Leben gar.

Tags beim froem Schmaus gemütlich hielte ich Gericht wohl gütlich,

Unter heit’rer Lust, meiner Kraft bewußt.

Bei mir wä’s so eingerichtet, daß wohl jedermann gerichtet

Würd’ nach meiner Art, ohn’ daß er drauf wart’! Holla, Wein herbei!

Nachts der schmucken Mädchen Menge, hübsch, rotwangig, dick und weiß,

Stimmten an im Chor Gesänge, tanzten lustig all im Kreis!

Die schönsten schätzt’ ich hoch im Preise, ständ’ es nicht in meiner Macht?

Ehrte sie auf meine Weise: schwelgt mit ihnen in der Nacht.

Solches Los wär’ zu beneiden, Freude, Lust würd’ ich nicht meiden.

Wüßt’ ich freudevoll, was ich machen soll.

Wär’ die Kasse bald zu Ende, da ich Hab und Gut verschwende

Froh bei Tag und Nacht. Sonst wozu die Macht?

So im glücklich heitern Kreise lebte ich in froher Weise

Bis zu meinem Tod ohne Müh’ und Not! Holla, Wein herbei!

CHOR.

Heil dem Fürsten Wladîmir! Heil dir! Und die Fürstin?

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Die Schwester? Ha, sie ist zu sanftmütig.

Mag ins Kloster gehen und laß’ sie dort zum Höchsten fleh’n

Für meine sünd’ge Seel’, daß er mein’ Schuld erlaß!

Kommt lieber gleich zu mir all’, von meinem Meth zu kosten.

He! Ihr Leute! Rollt dem Volke ein Faß Wein heraus!

Er will in den Terem gehen.

CHOR.

Heil Wladîmir! Heil dem Fürsten!

Eine Mädchenschar läuft herein. Wladîmir bleibt stehen.

CHOR DER MÄDCHEN.

Ach! Wehe uns! Ach! Not und Pein!

Fürst, deine Kerle sind sehr unverschämte Leut’.

Haben ein Mägdelein pfiffig entführet uns.

Hab’ Mitleid! Ach! Lief’re sie uns!

WLADÎMIR GÀLITZKY.

He, ihr Weiber, hört auf zu heulen,

Sitzt denn die Maid nicht im Terem des Fürsten,

Fehlt ihr etwas zum Wohlbehagen?

Trocknet die Tränen ab, sollt fröhlich sein,

Da ich sie mache ja zum Liebchen mein.

Ganz frei von Sorgen, vom lieben Morgen

Ißt sie sich und trinkt sich satt.

Nun, so geht fort, hört mein letzt’ Wort:

Ihr kriegt euer Mädchen nicht!

CHOR DER MÄDCHEN.

Ach, wehe uns! Ach, großer Gott!

Fürst hab’ Erbarmen doch, hab’ Mitleid, schone sein.

Lief’re sie ihren Eltern, guter Fürst.

Gib es frei! Hab’ Mitleid! Lief’re sie uns!

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Was bleibt ihr stehen, ihr kriegt die Maid nicht.

Fort, und fangt nicht nur den Lärm an von vorn,

Sonst trifft euch noch Unglück. Ei, fürchtet mein’n Zorn!

Hört auf zu wehklagen, ich hab’ es satt, ei, hinaus!

Die Mädchen entfliehen. Der Prinz geht hinaus.

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Da haben wir’s, lebt wohl, Väterchen, Mütterchen, macht euch fort!

Wohl nun bekomme, Mädel, euch der Schmaus!

SKULÀ.

Still, ihr Kerle, hört zu! Doch wenn die Fürstin Wind bekommt davon

Und läßt uns dann packen. Wirklich!

CHOR DES VOLKES.

Schwach ist die Fürstin! Ihr fehlt’s an Leuten. Wir sind die Mächt’gen

Sie ist zu schwach, ihr fehlen Leut’,

Das Volk zog ja zu Felde. Wohlan! Nichts schreckt uns ab. Ist’s wahr?

SKULÀ.

Ganz recht! Nicht reich an Gnaden die Fürstin ist, die Geiz’ge.

Wohl bleibt sie ohne Diener.

ERÒSCHKA.

Versteht sich, du hast recht.

SKULÀ.

So steht es beim freigeb’gen Fürsten nicht,

Der schont, der liebt uns wie ein guter Vater; schau’ hin: Wein ein ganzes Faß!

Die Diener des Fürsten rollen ein Faß Wein heraus.

SKULÀ grob und mit komischem Ernst.

Es versammelt sich bei dem guten Fürst,

Bei Wladîmir, unserem Fürst von Gàlitzky,

Es versammelt sich Säuferschar,

Des Fürsten Leute trinken all’, sie trinken arg und stark.

Ihre Lust ist Wein.

SKULÀ UND ERÒSCHKA.

Schmerzlich stöhnen des Fürsten Leute:

Wir haben alles versoffen: Geld und Gut;

Tranken viel auf dein Wohlsein, Fürst;

Dabei vertranken all’ Geld und Gut. Du unser Wohltäter, gnädiger Fürst.

Laß trinken uns, Herr, starkes Hirsenbier.

Vom schäumenden Meth biet’ ein’ Humpen voll!

Vom geistigen Wein schenk’ uns reichlich ein,

Ein Faß starken Weins rolle uns heraus!

Dafür aber, gnäd’ger Fürst, wir werden dir treu dienen,

Dir knechtisch gehorchen stets, wir werden dein’ Sklaven sein.

CHOR.

Ja, für dich opfern wir unser Leben auf, Fürst.

SKULÀ.

Also antwortet darauf der gnäd’ge Herr, unser guter Fürst Iaroslàwitsch:

He, ihr Säufer da, treue Diener mein,

Ei, wie hätte ich nicht Mitleid mit euch:

Recht herbes Schicksal ist das eurige,

Schwere Pflichten habt ihr wohl auf euch, schweren Dienst.

ERÒSCHKA.

Ihr arbeitet ja vom Morgen bis Abend ohn’ Rast und Ruh,

Vom Mittag bis zur Nacht, von Vesper bis Frühmeß.

Wohl schwer ist die Arbeit, viel Müh’ und Not hat man im Dienst bei mir,

Man trägt schwere Sorgen, nun tut eure Pflichten.

Trinkt und singt soviel ein jeder mag.

Nun, auf mein’ Gesundheit trinket! Singt und schwelgt!

CHOR.

Der könnte wohl das Fürstentum regieren!

Wohlan, so sei’s! Wir machen ihn zum Fürsten!

Kriegsleut’ sind fort und Ìgor ausgezogen.

Was zögern wir? Was haben wir zu fürchten? Was denn?

Es fehlt uns nicht an Leuten, uns droht ja kein’ Gefahr!

Das Heer ist fort, die Fürsten ausgezogen. Die Hilfe fehlt.

ERÒSCHKA, SKULÀ UND CHOR.

So sammelt euch zu Scharen auf dem Platze; die Glocke zieht

Zum Wetsche ohne Säumen.

Wir setzen Ìgor ab. Wladîmir sei nun Fürst jetzt!

So sammelt euch zu Scharen zum Wetsche ohne Säumen,

Wir setzen Ìgor ab! Uns droht ja kein’ Gefahr.

Flotte Burschen schwelgten, lachten,

Ihren Herrn zum Fürsten machten.

Wie sie schwelgen, wie sie spielen.

Rühmen ihren Fürsten die ganze Nacht!

Ruhm sei Wladîmir Gàlitzky!

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Will daheim zum Väterchen, will daheim zum Mütterchen!

Ach, laß mich gehn, ach, hör’ mein Fleh’n!

Sie gehen, aufeinander gestützt, lachend ab.

Der Vorhang fällt.

Zweites Bild

Ein Zimmer im Terem Iaroslàwnas. Iaroslàwna allein.

IAROSLÀWNA.

Seit langer Zeit ist schon

Mein teurer Mann, mein holder Seelenfreund,

Gegen die Polowzer mit seinem Sohn,

Mit Wsèwolod, unserm Bruder,

Und mit Kriegern ausgezogen.

Seitdem kein Bote kam zu uns,

Und keine Nachricht hab’ ich

Bis jetzt von meinem treuen Mann.

Nun eilt herbei, ihr Boten, sprecht mir

Von Ìgor und gebet meiner Seele Ruh’!

Ach, mein Herz ist voll Unruh: es ahnt nur Schmerz;

Weh mir! Vor Gram vergehe ich, vor Kummer,

Mein Herzeleid quält mich, weissaget nichts Gutes mir!

Wo seid ihr, heit’ren Tage, wo mein Mann

Stets war mit mir, mein Heißgeliebter?

Die heit’ren Tage sind vorbei!

Allein bin ich mit meinem Schmerz,

Allein mit meinen bittren Tränen.

Mit Liebesglut harr’ ich dein, mein süßer Mann,

Ich späh’ nach dir! Gib mir Nachricht, schick’ mir Boten!

Allein umsonst; kein Bote kommt;

Ich warte lange, lange!

Von bösen Träumen werde ich geplagt bei Tag und Nacht.

Ich träume oft von meinem Mann,

Als ob er noch mit mir wär’.

Dann macht er mir den Wink: ich soll ihm folgen.

Weit, weit von mir geht er selbst indes, und läßt mich ganz allein.

O, dann ergreift mich Gram, Entsetzen. Ich wach’ dann auf,

Und Ströme bittrer Tränen fließen; mich dann zu fassen weiß ich nicht.

Ach, einst in jenen Tagen unseres Glücks,

War ich stets munter, fröhlich, sorglos.

Dahingeflogen ist mein Glück:

Mein Geist ist trüb’, mein Herz bestürzt.

Bei Tag und Nacht vergieß’ ich Tränen.

Tagaus, tagein denk’ ich nur des, der fort ist;

Nur eine Sorge plagt mich in der Nacht:

Warum schickt er kein’ Boten mir

Seit langer Zeit, und läßt mich warten lange.

O! Komm zu mir, mein teurer holder Gatte.

O! Eil’ herbei, mein Freund! Wo bist du, mein Fürst, mein Liebster?

Sie bedeckt das Gesicht mit ihren Händen und gerät in tiefes Nachdenken.

DIE AMME.

Da sind zu dir gekommen Mädchen, Fürstin.

Sie bitten um Rechtspflege. Sag’, sollen sie herein?

Darf ich sie gleich einführen?

IAROSLÀWNA.

Gewiß! Nun, tu’ es! Laß sie ein!

Die Amme ab. Dann kommt sie mit den Mädchen zurück.

DIE JUNGEN MÄDCHEN sich vor Iaroslàwna verbeugend.

Schweren Herzens kommen wir zu dir, o Fürstin!

Bitten, flehen dich um deine Gunst.

Nimm in deinen Schutz uns! Dir, wie unsrer Mutter,

Klagen wie die Not. O hilf!

Stürmisch drang ein Bösewicht ins Heim der Mädchen,

Er entführte uns ein Mädchen, sperrt’ es ein und hält’s bei sich.

Ach, umsonst wir baten, ach, umsonst wir flehten,

Daß er nicht entehre unser armes Mädchen.

Höhnisch lachend, drohend schimpfend schickt er uns mit Schlägen fort,

Der Bösewicht! Sei gerecht und gnädig,

Bitten wir dich, Fürstin! Nimm in deinen Schutz uns gütig!

Laß uns nicht beschimpfen, strafe den Verführer. Laß das Mädchen uns gleich liefern!

Nein, büßen soll er das Verbrechen, wenn du es befiehlst!

IAROSLÀWNA.

Nun nennt mir doch den Verführer! Wer hat entführt die Maid? Wer ist es denn?

DIE JUNGEN MÄDCHEN zögernd.

So sagt es doch geschwind! Um Gottes Willen sprich! Sprich denn!

IAROSLÀWNA.

Wer ist’s? Wer ist es denn?

DIE JUNGEN MÄDCHEN.

Ich wag’s nicht. Es ist uns bange.

Gestehen wollen wir, gesteh’n alles sogleich.

Sei uns gnädig nun, ohne Groll auf uns, Fürstin,

Schaue her. Der Beleidiger ist der

Zornige Fürst Wladîmir,

Ja, Iaroslàwes Sohn, Fürst von Gàlitzky!

Jahrelang vorher verursachte schon viele

Leiden uns in der Stadt Putivl unser

Zorniger Fürst Wladîmir, Sohn Iaroslàws.

Ach, seit Ìgor zog in den Krieg zum Don

Sind wir elender und unglücklicher

Denn Wladîmir quält uns ja alle tot.

Über Stadt und Land, wie der Sturm losbricht,

Mit der Kriegerschar jagt er querfeldein,

Wild bei Tag und Nacht, unser zorniger Fürst Wladîmir,

Ja, Iaroslàwes Sohn, grauser Fürst!

Und die Rasenden, die Besoffenen,

Toben kreuz und quer und beschimpfen uns.

Ohne Rast und Ruh’ Unfug treiben sie.

Selbst die Polowzer sind uns gnädiger,

Denn Wladîmir quält uns alle tot.

Freie Hand hat er loszuschlagen jetzt gegen Elende.

Seit der tapfre Fürst Ìgor uns verließ

Ist Putivl verwaist und ganz hilfelos!

Den Fürsten bring’ zur Ruhe, Fürstin, wir bitten dich darum.

Wladîmir Gàlitzky tritt ein. Die Mädchen schreien vor Angst auf.

DIE MÄDCHEN.

Ach! Er ist es! Wehe uns! Gott sei uns nun gnädig!

WLADÎMIR GÀLITZKY die Mädchen bedrohend.

Fort, fort, hinaus, hinaus mit euch!

Sie entfliehen. Die Amme entfernt sich auf einen Wink Iaroslàwnas.

IAROSLÀWNA.

Waldîmir!

Mit einer Schar Verweg’ner

Drangst du in ein Haus ein, entführtest frech ein Mädchen bei Nacht,

Hältst es bei dir jetzt, nachdem du es entehrt;

Behältst es wider seinen Willen.

Ist es wahr? So sag’ mir: Wer ist sie. Um Gottes willen, sprich!

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Was geht es dich doch an? Was nützet dir sein Name?

Ich halt’ was ich gekriegt. Ich krieg’ was mir gefällt;

Das Mädchen kenn’ ich gar nicht und hab’ dazu kein’ Lust.

Die Welt ist voll von Mädchen; wer kennt sie alle da?

Nun, freut dich mein Besuch, mein Herzchen? Was? Du bist nicht hochbeglückt?

Eile freundlich mir entgegen, wenn ich käm’ auch nicht gelegen.

Vollen Becher schenk’ mir ein, Ehrenplatz sei mein.

Doch wenn ich dich wirklich stör’, du hieltest Rat

Mit dem Gesindel; pfui, mit dem elenden.

Ich höre dich, fürwahr.

IAROSLÀWNA.

Ach! Wann endet meine Not? Dein Trotz und Unverschämtheit

Sind nicht mehr zu ertragen. Nun, ich bin es satt.

Ha! Warte nur! Bald kommt zurück mein Ìgor; ich sag’ ihm,

Erfahren wird er’s schon. Ihm wirst du Rechenschaft ablegen müssen dann.

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Zu deinen Reden ja ich lache nur, fürwahr.

Dein Ìgor mag ankommen, was geht es doch mich an?

Bin ich nicht Fürst wie er? Bin ich nicht selbst Gebieter

Und Herr? Putivler gehorchen mir wie ihm,

Und auf mein Rufen werden mich wohl

Alle wählen gleich zum Fürsten,

Und auch Wetsche wird mich wählen.

Alle sind gewogen mir.

Dann wird an mir die Reihe sein zu herrschen über euch all’!

Nimm dich in acht und fürchte meinen Zorn!

IAROSLÀWNA.

Du wagst mich zu bedroh’n?

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Nun zürne nicht, vergib mir meinen kleinen Scherz!

Ich wollte sehen nur, wie du dich ärgerst, dich betrübst.

O, wenn du wüßtest, Schwester, wie schön der Zorn dich macht!

Dieser Feuerblick, der Wangen Glut und Purpurröte, das Blut,

Das ins Gesicht steigt, brennt darauf! Du bist ja schön, du bist ja jung,

Dein Mann ist fern von dir jetzt. Die Einsamkeit ist traurig.

Ist’s möglich, daß seitdem du sei’st mit allen stets

So streng wie mit dem Bruder? Gewiß beglückst du schon

Mit deiner Liebe jemand. Ist’s möglich, daß du dem Manne treu bleibst?

Fürwahr, ich kann’s nicht glauben! Unmöglich ist’s!

IAROSLÀWNA.

Vergißt du denn, daß ich bin Fürstin, daß Fürstenmacht sei ja auch mein?

Ha, warte nur: Ich werd’ verschicken dich nach Galitsch unter Wache,

Zu deinem Vater, zu dem strengen. Dann hast du ja mit ihm zu tun.

Befrei’ das Mädchen ohne Säumen, gleich! Geh’ fort, hinaus, hinaus!

WLADÎMIR GÀLITZKY.

Wohlan! Nun, wie du willst! So sei’s! Das Mädchen befreie ich

Und werde mir ein andres kriegen. Ei, was!

Er geht ab.

IAROSLÀWNA.

Am ganzen Leib’ beb’ ich, mich kaum beherrsche!

Ach! Möchte doch mein Ìgor bald ankommen,

Dann ruhte meine Seele aus von Leiden.

Ich bin schon müd’ und für den Kampf zu schwach.

Die zum Stadtrate gehörigen Bojaren treten ein und verbeugen sich vor Iaroslàwna.

Willkommen seid ihr mir, Bojaren; es freut mich euer Besuch;

Mir weise Ratgeber seid ihr, der Fürstin Macht die feste Stütze;

Die treuesten Freunde in der Not, auf die man sich verlassen kann.

Gott euch zum Gruß! Doch saget mir, was führt euch

Zu mir zu dieser Zeit? Ihr, unerwartet’ Gäste?

Ach, eine böse Ahnung trübt mein’ Sinn mit Argwohn.

So saget mir: was ist gescheh’n?

DIE BOJAREN.

Sei mutig, o Fürstin, wir kommen um dir

Eine traurige Mär zu verkünden.

Ach, über uns all’ ein sehr großes Unglück ist plötzlich ergangen.

IAROSLÀWNA.

Welches Unglück! Sprecht doch weiter!

DIE BOJAREN.

Die feindlichen Truppen in unserem Lande,

In unserer Nähe zieh’n rasch

Gegen uns. Der mächtige Chan,

Der furchtbare Gsak führt zahlreiche Scharen herbei.

IAROSLÀWNA.

Das Unglück hat uns ja bis jetzt verfolgt.

Wo ist unser Herr? Wo ist denn der Fürst? Ich will es erfahren sogleich!

O weh! Besiegt ist unser Heer. Der Fürst ist umgebracht.

Erkläret euch!

DIE BOJAREN.

Uns rastlos verfolgt die strafende Hand

Des zürnenden Gottes schon längst! Wir können ja nicht

Entgeh’n dem Geschick, und niemand es kann.

Zugrund’ gegangen ist das ganze Heer,

Von zahlloser Menge gedrängt und besiegt.

Der Fürst ist verwundet, sein Bruder und Sohn

In feindliche Hände geraten, alle drei.

IAROSLÀWNA.

Verwundet ist der Fürst? O, Not und Pein!

Doch nein! Ich glaub’s nicht! Unmöglich! Nein! Nein!

Sie stürzt ohnmächtig zusammen. Aus ihrer Ohnmacht erwachend.

So ist es wirklich, gefangen, ach,

Und verwundet. Des grausen Chans Heer rückt heran?

Bojaren, wie ist zu helfen dieser Not jetzt?

Es fehlt uns an Hilfe, an Kriegsleuten! Wer wird die Stadt beschützen?

Sagt, wer?

DIE BOJAREN.

Manchesmal am Stadttor stehend

Harrten wir den Feind entgegen

Mutvoll, treu der hohen Pflicht.

Stark befestigt ist die Stadt ja:

Sei nun ruhig: unsre Mauern,

Unsre Gräben sind verstärkt.

Deshalb sei nun außer Sorge,

Mutig, kühn, mit Gottes Hilfe,

Retten wir Putivl;

Was sind Gräben und die Schanzen?

Uns verleiht die Kraft der Glaube

An den Herren Gott; unsern Arm stählt

Treue Liebe zu dem Fürsten

Und zu dir, o gnäd’ge Fürstin,

So wie zu unserm Vaterland.

IAROSLÀWNA.

Habt Dank, Bojaren! Es ist mir sehr erfreulich

Zu hören solche Reden, vom Herzen kommen sie ja.

Ich war schon entmutigt vor Gram und Kummer.

Doch eure edlen Reden beleben

Meine Seele; ohne Hoffnung war ich lange;

Ich geb’ mich ihr jetzt hin.

Sie verbeugt sich vor den Bojaren. Hinter der Bühne ertönen die Sturmglocken. Die Bojaren hören hin.

DIE BOJAREN.

Horcht! Sturmglocken! Ihre Unglücksklänge

Verheißen uns großes Elend und Beschwerden viel.

IAROSLÀWNA.

Ist’s möglich? Gerechter Gott! Das ist der Feind, der stürmt auf uns ein!

Aus den Fenstern wird die Feuersglut sichtbar. Hinter der Bühne hört man die Weiber wehklagen.

Hilf Himmel! Was soll aus uns werden? Du, heil’ge Mutter Gottes, steh’ uns bei!

O du mein Gott! Ach, Gottes Zorn ist’s,

Gottes Strafe trifft uns!

Wir können ja nicht dem Geschicke entgeh’n!

DIE BOJAREN.

Der Feind naht, der mächt’ge Feind ist da. Es brennt.

Die Festung brennt, auf den Feldern jagen Feinde!

Bojaren, besteigt geschwind die Mauern!

Ach! Gottes Strafe, Gottes Zorn!

Die Bojaren ziehen ihre Schwerter.

Doch halte sich ein Teil von uns bereit, die Fürstin zu beschützen.

Wir können ja nicht dem Geschicke entgeh’n!

Der Vorgang fällt.

Zweiter Akt.

Im Polowêzkischen Feldlager. Am Abend.

EIN POLOWÊZKISCHES MÄDCHEN.

Sonnenglut verdörrt dich, Blümchen,

Dich erfrischt kein Tropfen Wasser,

Und du neigest tief zur Erde

Wehmutsvoll die welken Blättchen.

CHOR DER MÄDCHEN.

Doch wenn Nacht die Kühlung zuweht,

Wenn der Tau sich niederläßt,

Hebst du froh empor dein Häuptchen,

Wird ganz frisch dein Blütenkleid.

Und, vom Tau benetzt,

Belebt sich deiner Farben bunter Schmuck.

DAS JUNGE MÄDCHEN.

Gleich dem Blümchen, dem verdorrten,

Welkt das Herz vor Leid und Unglück,

Freudlos schmachtet nach der Liebe,

Nach dem süßen Kosungswort.

CHOR.

Doch sie Nacht kommt, die erwünschte,

Holder Seelenfreund mit ihr.

Alles, was das Herz bekümmert,

Scheucht er fort im Augenblick.

Gleich vom Tau benetztem Blümchen,

Wird das Herz ganz munter, frisch.

Tanz der Polowêzkischen Mädchen.

KONTSCHAKÒWNA.

Tageslicht erlischt. Endet den Gesang,

Und den Tanz! Schwarze Nacht breitet aus ihren Schleier.

Nacht, o brich doch schnell ein, in dein’ Flor hüll’ mich ein, in den

Nebelflor grau und feucht. Ach, die Stunde schlägt, wo wir uns seh’n.

O, komm, mein holder Freund! Ahnt nicht dein Herz, daß ich

Dein’ harre lange, daß ich späh nach dir?

Wo bist du, Seelenfreund? Sage mir, Holder, wo bist du?

Ich harre dein, Herzliebster mein! Die Stunde schlägt des sel’gen Glücks.

Sie ist da, die Stunde, wo ich dein und wo du mein!

Nacht, o brich doch schnell ein, in dein’ Flor hüll’ mich ein,

In den Nebelflor grau und feucht!

Ach, die Stunde schlägt, wo wir uns seh’n. Sie ist nah!

Russische Kriegsgefangene, die von der Arbeit zurückkehren, erscheinen im Hintergrund unter Wache.

KONTSCHAKÒWNA.

Ihr, holden Freundinnen, gebt den Gefangenen

Zu trinken Kumyß und lindert ihren Schmerz

Mit süßem Kosungswort.

Die Polowêzkischen Mädchen begrüßen die Gefangenen und bieten ihnen Trank und Speise.

DIE RUSSISCHEN GEFANGENEN.

Herr Gott schenke euch Gesundheit,

Schmucke Mädchen, für das herzlich gute Wort.

Trank und Speise bietet ihr uns

Und mit kühlem Kumyß stillet unsern Durst.

Den gefang’nen Kriegern waret ihr stets gnädig; habt bis jetzt

Uns nicht einmal beleidigt.

Herr Gott schenke euch Gesundheit, schmucke Mädchen, für das herzlich gute Wort.

Und die purpurrote Rose, Chanes Tochter, soll leben!

Die Kriegsgefangenen grüßen die Mädchen und Kontschakòwna und entfernen sich hinter die Bühne.

Auf der Bühne erscheint die Polowêzkische Patrouille, welche die Runde macht. Kontschakòwna und ihre Mädchen gehen ab. Gegen das Ende des Chors wird die Bühne ganz leer. Die Nacht bricht

ein. Im Hintergrunde wird nur Owlûr sichtbar, der Wache hält.

CHOR DER POLOWÊZKISCHEN STREIFWÄCHTER.

Hinter Bergeshaupt verbirgt die Sonne sich.

Geht zur Ruh’; mit ihr das Tageslicht erlischt.

Zündet an der Himmel seine Sterne,

Himmel schickt den Mond in blaue Ferne.

Und beleuchtet all’ auf dem Erdenball.

Die Patrouille entfernt sich hinter die Bühne.

‘s ist Zeit zu gehen zur Ruh’!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Tageslicht langsam erlischt,

Sonnenball steht hinter’m Walde,

Abendrots Strahlen verglühen.

Schwarze Nacht bricht ein auf Erden;

Nächtliche Schatten hüllen die Steppe

In schwarzen Schleier. O, laue südliche Nacht!

Du wehst uns zu Liebesträume;

In dem Busen Wonne erregst und lockst zur Liebe.

Harrest du mein, o holde Herzensmaid?

Harrst du? Wohl mein Herz ahnet es, sagt es mir.

Laß meinen Ruf nicht antwortlos!

Mit heißer Ungeduld harr’ ich dein, holdes Lieb.

Komm zu mir! O, komm geschwind;

Mein Herz ruft dich, holde Maid!

Fühlst du, daß der Liebe Leid mein Herz durchglüht?

Heiß für dich glühe ich, mein Herzenslieb!

Gebe gern mein Leben für dich hin! Nun, was zögerst du, Lieb?

Eile doch herbei, komm ohne Furcht, die ganze Welt ruht,

Versunken in den Schlaf; ruht in dem Schoß der Nacht.

Mein Herz ruft dich, holde Maid!

O, komm in schwarze Nacht gehüllet,

Wann alles ruht und Träume weh’n,

Wann Liebe unser Herz erfüllet,

Bloß Himmelsaugen uns anseh’n.

Die ganze Welt ruht. Alles schläft

Im Nachtschoß. O, komm!

KONTSCHAKÒWNA.

Bist du es, Herzensfreund? Bist du’s, Geliebter mein,

Dem ich mein Herz geschenkt? Innig erwünschter Freund,

O, wie ich deiner geharrt!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Liebst du mich?

KONTSCHAKÒWNA.

Herzinniglich!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Liebst du mich treu? Sag’ es noch, Lieb!

KONTSCHAKÒWNA.

O, innig und treu; voll Liebe ist mein Herz. Du, meine Freude!

Ja, ich liebe dich, Freund, von ganzem Herzen,

Heiß glüht meine flammende Seel’ für dich,

Nur dir will mein Herz gehören.

Du bist mir alles in der Welt.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Wann schließen wir den Ehebund?

Wann wirst du, Herzensmaid, ganz die Meine sein?

Wann nenn’ ich dich mein süßes Weib?

KONTSCHAKÒWNA.

Wann werde ich die Deine sein?

Herzensfreund! Mein süßes Glück!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Ach, wiederhol’ dies Kosungswort!

Es klingt so süß, so schön! Du teures Herzlieb!

Duett.

KONTSCHAKÒWNA.

Ja, ich liebe dich, Freund,

Mit ganzer Glut meiner jungen Seel’.

Mit zärtlich reiner Glut, o du mein Schatz.

Voll Treue, voll Lieb’ ist mein Herz!

Ach, wann werde ich ganz die Deine sein?

Und auf ewig dein?

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Ach, liebe mich wieder,

Innig, zärtlich, teures Mädchen,

Liebe ewig deinen Freund!

Lieb’ mich innig und treu!

Ach, wann wirst du denn ganz die Meine sein?

Auf ewig mein?

O holde Maid, o süßes Lieb! Auf ewig mein!

KONTSCHAKÒWNA.

Was sagt dein Vater? Ach, wird er segnen unser Band, Geliebter?

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

O nein! Mein Vater wird’s nicht tun, bis wir beide ganz frei werden, Liebe.

KONTSCHAKÒWNA.

Schade, daß er dem Starrsinn treu bleibt. Mein Vater wünscht dich ja sogleich zum Sohn.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Ein leis’ Geräusch dort, horch! Jemands Schritt.

KONTSCHAKÒWNA.

Uns hört kein Lauscher hier.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Doch! Wir werden gestört, mein Vater ist’s!

KONTSCHAKÒWNA.

Ach, bleib’ noch; verlaß mich nicht!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Leb’ wohl!

KONTSCHAKÒWNA.

Du fliehst, läßt mich allein?

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Leb’ wohl!

Sie gehen nach verschiedenen Seiten auseinander.

FÜRST ÌGOR in den Vordergrund tretend.

Umsonst nach Ruhe sucht das trübe, schwere Herz.

Erquickend süßer Schlaf schließt nicht die Augen.

Du bist in der Erinnerung verloren,

Vom Gram umwallter Geist!

In Schmerz denk’ ich an Himmelszeichen,

Vor mir taucht auf das Bild des Ruhmes,

Errung’ner Siege über Feind.

Nach jammervollem Ende meines Ruhmes

Kommt die Gefangenschaft, die Schmach.

Die Brust voll Kampflust, fielet ihr,

Krieger, im Schlachtgewühl für die Heimatsehre,

Geschändet sind mein Ruhm und meine Ehre;

Die traute Heimat flucht ihrem Fürst,

Schimpf und Schande, ach, und der Schmerz der Fessel noch!

Und der Verachtung preisgegeben.

O, gebt mir meine Freiheit wieder,

Und ich wasch’ weg die Schmach mit Blut im Kampf.

Ich rette meine Fürstenehre,

Vom gier’gen Feind mein Heimatland!

Du allein, mein holdes Täubchen,

Wirst verzeihn dem armen Dulder,

Fühlen wirst mit deinem Herzen,

Was mich kränkt und drückt.

Und in unruhvollem Sinne

Spähest du den Weg entlang,

Tag und Nacht ins Land hinaus.

Und bittre Tränen wein’st.

Wie? Schmachten in Gefangenschaft und wissen,

Daß unser Feind bedrängt das Land, uns plagt,

Quält mit gier’ger Wut!

Unterm grausen Joch der Heiden

Stöhnt jetzt das Russenland, flucht mir!

O, gebt mir meine Freiheit wieder,

Und ich wasch’ weg die Schmach mit Blut im Kampf,

Vom Feinde rett’ das Heimatland!

Umsonst nach Ruhe sucht das müde, schwere Herz.

Erquickend süßer Schlaf schließt nicht die Augen.

Du bist in der Erinnerung verloren,

Vom Gram umwallter Geist!

Kein Ausgang stellt sich dar! Ach, drückend

Ist es mir, grausig. Kein Stern winkt im Dunkel freundlich mir!

Owlûr nähert sich dem Fürsten Ìgor. Das Morgenrot erglänzt. Gegen das Ende des Gesprächs

wird es ganz hell.

OWLÛR.

Darf ich dich gnäd’ger Fürst anreden?

Dir einen Rat zu geben wage ich.

FÜRST ÌGOR.

Was ist denn?

OWLÛR.

Glührot stammt der Ost auf, sieh da,

Und seiner Strahlen Glanz verscheucht die Nacht.

Das Frührot flammt für dich bald auf und für die Heimat.

Ich werde dir zur Flucht verhelfen.

Verschaffen will ich dir ein flinkes Roß,

Schwing’ dich rasch drauf und zieh’ von dannen.

FÜRST ÌGOR.

Ich? Flieh’n? Heimlich die Flucht ergreifen? Das wäre nicht brav.

Ha, bist du wohl bei Sinnen, Freund?

OWLÛR.

Ach, vergib mir meine Frechheit;

Verschmähe nicht den Rat, den ich dir gab.

Doch nicht für dich, für Russenland mußt du jetzt flüchten;

Du kannst ja retten dadurch dein Volk,

Glauben, dein’ Ehre. Verschmäh’ es nicht!

FÜRST ÌGOR.

Schweig’ still nun!

Für sich.

Er hat vielleicht auch recht.

Ich muß die Heimat rächen.

Ich weiß kein andres Mittel, vielleicht verkündigt mir

Das Frührot, das jetzt erwacht,

Des jungen Morgen Glanz, der flammt für mich bald auf,

Fürs Heimatland.

Zu Owlûr.

Wie? Flüchten? Doch wär’s schändlich,

Den Chan zu täuschen, der für mich bürgt. Geh’ fort!

OWLÛR.

Dich bindet ja kein heil’ger Eidschwur, Fürst.

Dich knüpft kein Schwur ja an den Chan bis jetzt.

FÜRST ÌGOR.

Geh fort! Hab’ Dank für deinen Dienst, Freund! Doch flüchten kann ich nicht.

Owlûr geht ab mit trauriger Miene. Kontschàk tritt auf.

KONTSCHÀK.

Wie geht es, Fürst? Weshalb bist du so traurig?

Ist gescheh’n dir ein Unglück, Fürst?

Was? Fehlt es dir an Netz? Was? Sind die Sperber mild?

Erlegen nicht die Beute pfeilschnell. Die meinigen nimm.

FÜRST ÌGOR.

Es fehlt nicht d’ran. Die Sperber sind voll Habgier.

Doch quält sich der gefang’ne Falk’ zu Tode.

KONTSCHÀK.

In meinem Lande bist du kein Gefang’ner.

Du bist mein teurer Gast. Man liebt dich,

Schätzt und ehrt dich. Verwundet an dem Fluß Kajàla,

Gefangen wurdest du.

Für dich bin ich jetzt Bürge.

Du bist mein teurer Gast.

Man ehrt dich hier wie einen Chanen, Fürst.

Alles steht zu deinen Diensten.

Selbst dein Sohn und deine Krieger. Du lebst hier

Wie ein Chan. Du lebst hier wie ich selbst.

Gefang’ne leben nirgends so, wie du hier!

Richtig? O, nein, bei mir bist du wohl kein Gefang’ner.

Ich behandle dich ja achtungsvoll.

Teurer Bruder, dich hab’ ich stets bewundert,

Deinen Mut in dem Kampf, deine Tapferkeit, Fürst,

Halte dich teuer und lieb.

Ja, dich schätzt’ ich immer hoch.

O, halt mich nicht für deinen Feind. Nein, dein freundlicher Wirt

Bin ich jetzt, lieber Gast. So erzähle doch mir

Was so trübe dich macht, so unglücklich.

Willst du von meinen flinken Rossen?

Nimm auch das beste Zelt. Das scharfe Schwert der Ahnen

Ist auch dein. Gewalt’ge Hiebe führt es,

Und Ströme Blut vergoß es, sein Blinken ist Todesleuchten.

Und wo es erscheint, weicht alles scheu.

An Macht, an Stärke ist der Chan unermeßlich,

Alles zittert vor mir ringsumher.

Ich bin tapfer, unerschrocken furchtlos,

Meinem Joch neigt sich all’, meinem furchtbaren Joch,

Doch hast du niemals gebeuget dein stolzes Haupt vor mir,

Ach wie gern möchte ich sein stets dein Bundesgenoß’

Und dein liebender Bruder und Freund, nicht dein Feind.

Ja, mein innigster Wunsch ist es, glaub’ mir!

Willst du gleich kriegen, Fürst, schönste Sklavinnen:

Neulich vom Kaspimeer sind sie hergeführt. Was? Verlangt dir’s

Nach Sklavinnen? Nimm davon was dein Herz nur begehrt.

Viele prachtvolle Schönheiten habe ich.

In schwarzen Flechten wallt langes Haar, schlängelt sich.

Feueraugen sind so voll von Leidenschaft,

Funken sprühen, bald kosen mit zärtlichem Blick.

Nun, was schweigst du? Wähle gleich dir die schönste der Sklavinnen, Fürst!

He! Sklavinnen führt gleich herbei! Mögen sie tanzen, Lieder singen

Zu unsrer Lust und zur Ergötzlichkeit des Fürsten.

FÜRST ÌGOR.

Ich dank’ dir, Chan, für deine Güte,

Du hast mich stets sehr großmütig behandelt,

Ich möchte gern auch dir was Gutes tun.

Er drückt ihm die Hand.

Doch wird das Leben mir zum Tod in der Gefangenschaft, die drückt mich.

KONTSCHÀK.

Der Gram ist’s ob Heimat! Nun, wenn du willst, so tut

Sich gleich auf dein Gefängnis, Fürst. Gib nur dein Wort mir gleich,

Daß gegen mich wirst du nie kämpfen, Ìgor,

Und wirst mir nie den Weg verlegen.

FÜRST ÌGOR.

Nein, ich bin ein Mann von Wort,

Und deshalb geb’s nicht. Ich gesteh dir offen,

Daß ich nicht hielte solchen Schwur.

So wisse, Chan: ich würde kämpfen

Mit dir auf Leben und Tod.

Einfallen würd’ ich in dein Land,

Verlegen würd’ ich dir den Weg.

Ich will mit meinem Helme Wasser aus dem Don schöpfen.

KONTSCHÀK.

Wohlan! Wie derb sagst du die reine Wahrheit.

Ganz so wie ich! Wenn wir Bundesgenossen wären,

Krieg zusammen führten! Wir machten alles untertan.

Wie zwei Tiger jagten wir zusammen

Und in gier’gem wildem Trieb Blut tränken.

Wohl alles neigte sich unserm grausen Joch.

Weh’ dem, der trotzt’ uns! Er wäre tot im Nu.

Richtig? Ha, ha, ha, ha, doch weigerst du dich noch? Nimm Platz!

Polowêzkische Sklaven und Sklavinnen treten ein. Einige von ihnen sind mit Tamburinen und anderen Musikinstrumenten versehen. Nach diesen schreiten die Männer des Gefolges Kontschàks. Fließender

Tanz der Mädchen.

CHOR.

Auf den Flügeln linden Zephyrs,

Du, trautes Lied, flieg’ fort zum Heimatlande,

Dahin, wo heimatliche Töne klangen

So lieb, so süß dem Ohr der freien Mädchen.

Wo die Luft voll Wonne weht uns sanft entgegen,

Wo in Wolken schlummern Bergeshöh’n, vom Meer gewiegt,

Wo die heim’schen grünen Berge

Mit lichten Streifen glüh’ umzieht die Sonne,

In üpp’ger Pracht die Rose blüht und duftet.

Im Laub der Wälder, wo die Vögel singen

Im grünen Laub. Schwing’ dich, Lied, zu jenem Lande.

Tanz der Männer. Allgemeiner Tanz.

Rühmet, preiset unsern großen Chan!

Lobet, preiset seine Taten!

Heil dem Chan!

Heller Sonne gleicht ja seine Macht!

Seinesgleichen gibt es nirgends.

Tanz der Sklavinnen.

KONTSCHÀK zu Ìgor.

Siehst du die Sklavinnen? Diese Schönheiten

Hinter dem Kaspimeer hab’ ich hervorgebracht.

Sag’ mir, welche am meisten gefällt dir, Fürst.

Gleich werd’ ich schenken das Mädchen, das du dir gewählt.

Allgemeiner Tanz.

CHOR.

Rühmet, preiset unsern Herrn!

Lobet, rühmet seine Taten.

Seinesgleichen gibt es nirgends.

Tanz der Knaben.

Gleich den Ahnen bist du ruhmvoll, großmächt’ger Chan.

Tanz der Mädchen. Fließend.

Auf den Flügeln linden Zephyrs usw…

Schneller Tanz der Sklaven, Tanz der Männer, allgemeiner Tanz.

Zur Ergötzlichkeit des Chanes

Tanzet Mädchen, singet, spielet.

Zu der Lust des Chanes, Mädchen,

Tanzet, singet alle lustig,

Tanzet, schmucke Mädchen,

Tanzet zur Lust des großen Herrn.

Heil unserm Chan! Ruhm und Preis.

Der Vorhang fällt.

Dritter Akt.

Der Vorhang geht auf. Ein Rand des Polowêzkischen Lagers wird sichtbar. Von allen Seiten eilen Polowzer herbei und in die Ferne blickend, erwarten die Ankunft der Armee von Gsak. Die Bühne füllt sich nach und nach mit dem heranziehenden Heere Gsaks. Trompetenbläser, Tamburinschläger usw. usw. Die Krieger führen russische Kriegsgefangene herbei und tragen eine reiche Beute. Die Polowzer begrüßen die Krieger mit wilden körperlichen Bewegungen. Gegen das Ende des Marsches erscheint Chan Gsak zu Pferde auf der Bühne; ihm nach das Detachement seiner nächsten Umgebung. Kontschàk eilt ihm entgegen und begrüßt ihn. Fürst Ìgor, Wladîmir Ìgorewitsch und russische Gefangene halten sich zurückgezogen, alles beobachtend.

CHOR.

Unsre Krieger nah’n siegreich, im Triumphe.

Heil dem braven Heere! Singet ihm Siegesgesänge!

Heil dem grausen Chanen!

Gsak kommt an als Sieger. Chans Kämpen ziehn

Mit reicher Beut’. Heil dem grausen Chanen!

Habt viel Dörfer wohl verbrannt!

Manches Weib entführt vom Land!

Habt besäet manches Feld

Mit der Feinde Knochen. Heil euch!

Dem wilden Wüstentiger gleich

Sprengt er und flog

Mit Windesschnelle in den Feind,

Schlug ihn, zertrat im Kampfgewühl;

Da legten sie sich nieder bald, die Söhne Russenlands.

KONTSCHÀK.

Den Sieg hast du errungen,

Du Schwert der grausen Chane!

Da alles uns gelungen,

Besiegt wird bald das Russenland.

Nach der Schlacht an der Kajàla

Ist das Schwert berühmt geworden:

Die Stadt Rimy hat erobert

Sie den Flammen preisgab. Chane,

Euch der Ruhm verherrlicht, weit ertönt das Lob der Grausen.

Ja, alles neigt sich unserm Joch,

Und niemand steht uns gleich an Macht.

CHOR.

Heil den Chanen Gsak und Kontschàk!

KONTSCHÀK.

Wie viele Städte in dem Land

Sind verbrannt! Dort breitet sich die Steppe aus,

Pfadlos öd! In ihrem Schoß viel Menschen ruhn.

Dort sprengen nur wilde Tiere, heulen.

Wie viele Mütter stöhnen auf, weinen, trauern.

Indessen ruhn die Kinder still im Schoß der Steppe,

Wo Adlergeschrei ruft die Tier’ zum Schmaus herbei.

Den Sieg hast du errungen… usw.

Trompeten schmettert! So wollen wir jetzt teilen unter uns die reiche Beute!

Nun kommt! Laßt einen großen Schmaus ausrichten,

Lobgesänge laßt erschallen!

Die Tänzer ruft herbei! Die schönsten der Gefangenen führt

In mein Zelt herein. Geschwind! Morgen früh wir halten Rat,

Wie neuen Angriff bald zu wagen.

Paßt auf, daß die Gefangenen nicht entflieh’n;

Sonst, Wächter, wehe euch! Nun kommt!

Ab.

CHOR DER CHANEN.

So eilen wir sogleich zu Rat;

Womöglich schnell zu einer Tat.

Was, wagen wir gleich neuen Schlag,

Statt abzuwarten manchen Tag?

Wer muß zu Felde zieh’n? Ich oder mein Kam’rad?

Zieh’n wir gen Kiejew und belagern diese Stadt?

So eilen wir sogleich zu Rat.

Alle ab außer den Russen.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Wie? Chan Gsak nahm unsre Stadt? Er hauste ohne Schonung dort?

Mit sich die Kinder führte er und Weiber, als Gefangene,

Zarte Mädchen hat entehrt, geplündert unser Land,

Der grause Chan; entließ keinen Mann lebendig aus der Stadt.

Ach, flieh, Fürst; zur Rettung deiner Heimat flieh!

Sonst geht zugrunde Russenland! Fürst, Owlûr wird dir

Zur Flucht verhelfen; er verspricht’s.

Fürst, durch Freundeshilfe flieh, beschütze uns;

Sonst geht zugrunde Russenland!

FÜRST ÌGOR.

Wie? Chan Gsak nahm unsre Stadt? Er hauste ohne Schonung dort;

Hat unsre Weiber dann entführt und unsre zarten Jungfrauen frech entehrt;

Entließ lebendig niemand, grauser Chan.

Ich bleib’ nicht länger hier. Ja, bald zieh’ ich für

Mein Land das Racheschwert. Ja, uns droht die Gefahr auf allen Seiten jetzt.

Der Feind stürmt auf Russenvolk; zum Angriff führt sein Heer.

Bald zieh’ ich für mein Land das Racheschwert!

CHOR DER RUSSISCHEN GEFANGENEN.

Ja, Chan Gsak nahm unsre Stadt; entließ lebendig keinen Mann;

Mit sich als Gefang’ne hat er geführt die Weiber, zarte Mädchen hat entehrt.

Entflieh’, Fürst! Die Flucht ergreif’ zur Rettung deiner Heimat.

Owlûr verspricht dir flinke Rosse zu verschaffen.

Zieh’ von dannen, Fürst, nach Rußland und rette es!

Es fährt ein mit Kriegsbeute beladener Wagenzug heran. Die Polowzer laufen in Scharen herbei.

CHOR DER POLOWZER Knaben.

Man führt uns Leute an! Ha, wehe euch!

Der Chan hat viel geraubt! Ha, Tod dem Feind!

CHOR DER RUSSISCHEN GEFANGENEN.

Sieh da, Fürst, die Beute, die man anführt!

Siehst du, wie der blut’ge Mörder unser Land geplündert hat.

Es werden einige Kriegsgefangene herbeigeführt.

CHOR DER POLOWZER.

Die Kriegsgefang’nen sind’s. Ha, wehe euch!

Der Chan hat viel geraubt! Ha, wehe euch!

Tod dem Feind! Schmach über euch! Blut um Blut!

Wehe über euch! Dem Fürsten Tod!

CHOR DER RUSSISCHEN GEFANGENEN.

Sieh da, Fürst, die Kriegsgefang’nen, die Chan uns fortgeführt.

Wieviel Männer hat der blut’ge Mörder fortgeführt mit sich.

Weh, bei ihnen ist ja kein Erbarmen. Wie sie drohen uns!

O flieh’, Fürst, und zieh’ nach Haus; beschütze Rußland vor dem Feind!

Die Polowzer ab; russische Kriegsgefangene gehen in ihre Zelte hinein. Krieger Wache stehend. Hinter der Bühne hört man Trompeten schmettern.

CHOR DER WACHEN.

Der hellen Sonne gleicht Kontschàk. Dem lichten Monde gleich Chan Gsak.

Den Sternen sind die Chane gleich. Hell glänzt Ruhm unsrer Chane.

Er glänzt wie Lichter des Himmels, herrlich

Auf das Wohlsein unsrer Chane, Heil!

Laßt uns Kumyß trinken gleich.

Uns aufheitern wird der Kumyß.

Wachen wir dann ohne Rast.

Weh’ dem Flüchtling, dem verweg’nen!

Sicher treffen unsre Pfeile!

Unsre flinken Rosse werden

Ihn erreichen bald im Steppenraum.

Wir schufen Lieder zum Ruhm der Chane

Durch ihre Kriege hoch berühmt!

Owlûr geht durch die Bühne, Säcke mit Kumyß tragend. Die Wachen trinken, singen und fangen an zu tanzen. Ein Tänzer fällt; ein zweiter, ein dritter. Gegen das Ende des Tanzes wird es dunkel auf der Bühne. Die Wachen schlafen ein.

OWLÛR schleicht vorsichtig spähend zum Zelte Ìgors.

Schick’ dich an zur Reise, Fürst.

Besoffen ist das Volk; die Wachen schliefen ein.

Gesattelt stehn die Rosse; jenseits des Dons

Werd’ ich erwarten dich und deinen Sohn.

Flüsternd.

Um Mitternacht werd’ ich laut pfeifen.

Kommt beide schleunigst dann zum Fluß zu mir;

Eile, Fürst, wie ein Hermelin zum Schilf;

Ins Wasser gleich wie eine Ent’;

Und werfe dich aufs flinke, mut’ge Roß;

Wie Falken fliegen wir dann beide, Ìgor,

Hoch über den Nebeln.

FÜRST ÌGOR im Zelte.

So sei’s. Zur Reise schon sind wir bereit.

Owlûr ab.

Kontschakòwna stürzt in höchster Erregung herein und bleibt vor dem Zelte Wladîmirs stehen.

KONTSCHAKÒWNA.

Wladîmir! Ist’s möglich, daß du fliehest? Verlaß mich nicht!

O sieh mein Herzeleid! Mir ist bekannt ja alles:

Gefaßt ist der Entschluß nach Rußland zu fliehn.

So willst du mich verlassen, die dich zum Rasen liebt,

Die dein auf ewig ist? Ich kann’s nicht glauben,

Das wäre grausam ja. Es kann nicht sein!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Leb’ wohl! Wir müssen scheiden! Leb’ wohl, mein süßes Lieb!

Die Ehre will’s, die Pflicht. O wehe mir!

Mein Blick wird trüb’, im Busen pocht das Herz.

Mein Mut ist aus! Nicht mehr weiß ich zu fassen mich.

Mein Lieb’, leb’ wohl!

KONTSCHAKÒWNA.

O widersteh’ nicht mehr dem Bitten deines Liebs!

Laß mich, Geliebter, ziehn mit dir nach Russenland.

Mit meiner Liebe nimm auch meine Freiheit, Fürst.

Verschließ nur nicht dein Herz. Wie deine Sklavin bin bereit

Mit dir gleich fortzugeh’n.

FÜRST ÌGOR kommt aus seinem Zelt.

Wladîmir, sag’ was soll’s bedeuten? Du mit der Fürstin hier?

Ha, bist vielleicht zum Feind geworden, zum Verräter, Sohn?

Vielleicht zum Götzenknecht?

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Leb’ wohl, mein Lieb!

KONTSCHAKÒWNA.

Erhöre mich! Sieh, ich verderbe ja!

Ich, freies Kind der Steppen, erblüht in Schönheitspracht;

Ich, Stolz des Heimatlands, ich, Tochter des Gebieters,

Zu deinen Füßen sink’, umklamm’re deine Knie!

O nimm mich, nimm mich mit von dannen!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Wer mag ihr widersteh’n? Heiß schlägt mein Herz! Es bebt die Seele!

FÜRST ÌGOR.

Laß ab von ihm! Uns eilen laß! Fort, fort!

Man hört Pfeifen hinter der Bühne.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

O wehe mir! Wer mag ihr wiedersteh’n?

FÜRST ÌGOR.

Die Ehre will’s, die Pflicht! Das Wohl der Heimat zwingt dazu.

Sonst geht zugrund’ das Land!

KONTSCHAKÒWNA.

Dir hab’ ich ganz mich hingegeben.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Es wogt die Brust! Es glüht das Blut.

Aufs neue Pfeifen.

FÜRST ÌGOR.

Nun, hörst du, ein fernes Pfeifen? Uns ruft Owlûr.

Fort, fort! ‘s ist Zeit! Laß, Fürstin, ab von ihm!

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

O, welche Pein! Wehe mir! Wer mag ihr widerstehn!

KONTSCHAKÒWNA.

Hab’ Erbarmen! Bleib’ bei mir! Auf mein Flehn gib acht!

FÜRST ÌGOR.

Verloren sind wir dann! Uns droht der Tod! Aus Träumen nun erwach’, mein Sohn!

Fürst Ìgor will ihn fortziehen.

WLADÎMIR ÌGOREWITSCH.

Laß, Vater, mich sie pressen noch an meine Brust, zum letzten Mal.

FÜRST ÌGOR.

Laß ab von ihr! ‘s ist Zeit zu flieh’n!

KONTSCHAKÒWNA.

Auf ewig schwurst dich mein und ich bin auch ganz dein;

Ja, unaufhörlich dein. Ich teile dein Geschick.

Kalt bleibt dein Herz bei meinem Schmerz: taub ist dein Ohr.

Wohl denn! Ich wecke auf das Lager!

Sie schlägt auf das Wachtbrett, um Leute zusammenzurufen.

FÜRST ÌGOR.

Leb’ wohl!

Entfliehend.

KONTSCHAKÒWNA zu den Polowzern, die von allen Seiten herbeieilen.

Fürst Ìgor ist entflohn, mit Hilfe des Owlûr!

Ach, haltet fest den Sohn!

DIE POLOWZER.

Schwingt euch auf Rosse, schießt scharfe Pfeile,

Dem Flüchtling setzt nach mit Falkeneil’!

Freunde, sprengt rasch, pfeilschnell! Den jungen Fürsten aber

Bindet an den Baum, schießt ihn herunter gleich!

Unser Pfeil sicher trifft!

KONTSCHAKÒWNA.

O nein, mein Freund soll leben! Er ist auf ewig mein!

Nehmt hin mein ganzes Blut! Laßt mich statt seiner sterben!

Mich treff’ der Tod! Schießt mich zuerst herunter

Mit euren Pfeilen; laßt mich gehn

Mit meinem Freund in Tod! Ich folge ihm!

DIE POLOWZER.

Ruft alle Chane gleich herbei! Auf ihr Gebot laßt uns jetzt hören!

Da kommt Kontschàk nun selbst!

Kontschàk und die Chane treten ein.

KONTSCHÀK.

Ha, welch ein Lärm? Was ist’s? Tochter, sag’ was machst du hier?

DIE POLOWZER.

Fürst Ìgor ist entfloh’n. Warf sich aufs flinke Roß

Mit Hilfe des Owlûr, und beide sprengen fort.

KONTSCHÀK.

Ha, wack’rer Bursch!

Fürwahr, er ist meiner Liebe wert.

Das ist sehr brav von ihm! So wie er hätt’ ich getan!

Wie gerne wär’ ich sein bester Freund.

Und sein Bundesgenosse blieb’ ich treu.

Heida! Die Wachen führt zum Tod! Wladîmir aber lebe!

Folgt rasch dem Befehl!

CHOR DER CHANEN.

Kontschàk, laß uns Rat halten! Hör auf unser Wort; vernünftig ist’s,

Wir folgen ja auch deinem Rat, wenn es sich handelt um den Krieg.

Der junge Falke folgt dem alten Falken nach.

So wollen wir herunterschießen ihn mit Pfeil.

Folg’ unserm Rat und tue so.

Wir hören ja stets auf dein Wort,

Wenn es sich handelt um den Krieg.

Verschmähe auch nicht unsern Rat.

Den frechen Schwarm der Russen laß hinrichten ohne Aufschub, Chan!

KONTSCHÀK.

Nein, da der Falk’ geflogen ist in sein Nest,

So wollen wir den Jungen mit einem Mädchen fesseln gleich.

Hier ist deine Braut, Wladîmir!

Kein Feind bist du; du bist mein Schwager.

Und morgen waffnet euch zum Kampfe.

Auf, auf zum Streit! Nach Russenland! Schmach, Tod dem Feind!

DIE POLOWZER UND DIE CHANE.

Nach Russenland! Schmach, Tod dem Feind!

Zum Kampf, zum Streit! Allen Chanen Heil!

Der Vorhang fällt.

Vierter Akt

Die Mauern der Stadt Putivl und ein Platz. Der Tag bricht an. Iaroslàwna ist allein auf den Zinnen der Mauer.

IAROSLÀWNA.

Ihr, Tränen, fließt! Lindert meinen Schmerz.

Zum Gemahl schick’ ich sie all’,

Zum blauen Meer schick’ ich sie morgens früh.

Ach, ich möchte wie ein Kuckuck

Längs der Donau pfeilschnell fliegen,

Meinen Biberärmel in der

Kajala anfeuchten,

Um dem Fürsten seine Wunden,

Die bluttriefenden, zu waschen.

O du lieber Wind. O weshalb wehst du so heftig?

Weshalb trägst du Chansche Pfeile unserm Herrn entgegen?

Ist es dir zu wenig unter Wolken dort zu wehn,

Und die Schiffe auf dem Meer zu schaukeln?

Weshalb hast du, lieber Wind, so lang’ geweht im Felde?

Weshalb hast du, Herr, verweht mein’ Freude auf dem Grase?

Ihr Tränen fließt, lindert meinen Schmerz.

Zum Gemahl schick’ ich sie all’,

Zum blauen Meer schick’ ich sie morgens früh.

O du, hochberühmter Dnieper,

Du hast steinerne Gebirge

Ja durchbrochen im Polowzer Gebiet.

Swjatoslàves lange Böte

Zu den Zelten des Kobiak

Hast du, lieber Dnieper, getragen, großer, blauer, berühmter Dnieper!

Bring zurück mir meinen Fürsten, damit ich nicht länger wein’,

Tränen nicht zu schicken brauche zum blauen Meer, zum Fürst.

Leuchtend’, dreimal leuchtend’ Sonne! Allen scheinst du warm und schön und hell,

Alle wärmst du und liebkosest. Allen bist gewogen.

Weshalb hast du brennend’ Strahlen

Auf die Krieger ausgegossen?

Durch Durst im wasserlosen Felde

Ihre Bogen hast gebunden,

Und mit Schmerz die Köcher ihnen

Fest geschlossen hast? Warum?

Eine Schar Landleute ziehn vorbei, ein Lied singend. Iaroslàwna sitzt in Gedanken versunken.

CHOR DER LANDLEUTE.

Nicht ein Sturmwind ist’s, der tobt und heult,

Uns mit Unheil droht, uns bedroht.

‘s ist Chan Gsak der stürmt auf uns.

Nicht ein Rabe naht im schnellen Flug,

Vor dem Unglück warnt, und uns warnt.

Chan Gsak ist’s, der auf uns losrückt.

Nicht ein grauer Wolf Herden schreckt,

Chan Gsak ist’s, der das Land zerstört.

IAROSLÀWNA die zerstörten Umgebenden ansehend.

Wie verwüstet ist das Land! Dörfer sind verbrannt. Felder steh’n öd und leer.

Ach, der Feind hat uns zerstört, was blühend war.

Und Stille herrscht weit in der Rund’, kein Lied erschallt jetzt lustig.

Blickt spähend in die Ferne.

In der Ferne seh’ ich da zwei Ritter nah’n.

Der eine trägt die Kleidung unserer Feinde.

Ach, vielleicht rückt wieder los der Chan auf uns?

Gott bewahr’, behüte! Nun, was wird aus uns werden?

Wer wird Putivl beschützen dann?

Der andre Reitersmann trägt ja ein russ’sches Kleid.

Wohl ist es kein gemeiner Krieger.

Von Haltung stolz und prächtig ist er,

Und trägt auf sich der Herrschaft Zeichen.

Gewiß ein russ’scher Fürst kommt zu Besuche.

Wer mag dieser Fürst sein? Wer ist es? Was will er?

Was weiß ich? Auflösen kann ich nicht dieses Rätsel.

Ach! Es kann nicht sein! Ist es Traum, ein Spiel des Bösen?

Nein. Das sind die Züge meines Mannes ja!

Die mir längst bekannten, teuren Züge. Das ist er.

Heimgekehrt ist Ìgor!

Fürst Ìgor erscheint zu Rosse auf der Bühne. Owlûr begleitet ihn. Der Fürst springt aus dem Sattel und eilt zu Iaroslàwna.

FÜRST ÌGOR.

Sei gegrüßt, Geliebte! Sei gegrüßt, Geschätzte!

Gott vereint uns aufs neu! Du mein holdes Lieb!

IAROSLÀWNA.

Du, mein lichter Falke! Du mein Trost, mein’ Freude!

Herzgeliebter! Du mein teurer Gatte!

Ist es die Wahrheit, ist es Traum?

Ich traue eignen Augen kaum,

Von bösen Träumen aufgeschreckt,

Die mich bis jetzt geplagt, geneckt.

Wie oft hab ich geträumt von dir,

Bei Tag, sowie bei Nacht!

Wie oft erschienst du,

Liebster, mir, wie jetzt in dieser Kriegerstracht!

FÜRST ÌGOR.

Dein Gatte kommt aus fremdem Land;

‘s ist kein Gespenst, das drückt dein’ Hand.

Ich schaue deiner Augen Glut

Und mich belebt aufs neue Mut.

Nun kommt dein Herzensfreund zurück;

Mit ihm das längst erwünschte Glück.

IAROSLÀWNA.

Du gibst mir wieder deinen Kuß,

Nichts stört jetzt unseres Glücks Genuß;

Kein Mißtraun und kein Überdruß!

Hin ist mein Herzeleid.

Deiner Hände zartes Drücken,

Deiner Liebesglut Entzücken,

Holder Augen süßes Blicken

Mich beleben jetzt aufs neu.

Gott, wie ich um dich gelitten,

O, du meine höchste Wonne,

Meiner Seele lichte Sonne!

Du, mein einz’ger Trost, mein Held,

Du, mein Höchstes, Einz’ges in der Welt!

FÜRST ÌGOR.

Ja, vorbei sind böse Träume,

Die bis jetzt dich, Lieb, geplagt

Und gestöret in der Nacht.

IAROSLÀWNA.

Bist du entflohn?

FÜRST ÌGOR.

Bin heimlich entflohn vom Chan,

Als ich erfuhr, daß Gsak rückt los

Auf unser Land, plündert es.

Ich bin dem Heiden-Chan entflohn,

Um wieder ein neues Heer zum Angriff zu führen bald,

Um zu verlegen unserm Feind den Weg.

IAROSLÀWNA.

Deiner Hände weiches Drücken,

Deiner Liebesglut Entzücken,

Holder Augen süßes Blicken

Mich beleben jetzt aufs neu.

Gott, wie ich um dich gelitten usw. …

FÜRST ÌGOR.

Vorbei sind böse Träume all,

Vorbei der Trennung Weh und Qual.

Aus unserem Herzen, unserem Sinn

Ist aller Gram und Argwohn hin,

Die Freude hat uns neu belebt.

So scheint die Sonne strahlend mild,

Nach grausem Sturm, der tobte wild;

Und es wird wieder hell.

Bald neue Scharen werbe ich,

Zum Angriff führe sie zum Krieg.

Und sicher treffen wir den Feind!

Fürst Ìgor und Iaroslàwna schreiten langsamen Schrittes zur Zitadelle. Während des folgenden Liedes der Gudokspieler bleiben sie vor dem Tore stehen in lebhafter Unterhaltung; dann verschwinden sie hinter dem Tore.

ERÒSCHKA UND SKULÀ treten ein, beide etwas berauscht; sie spielen und singen.

Summ’ und brumm’, Gudok, ei summ mit Saus und Braus,

Und spiel’ ein Loblied sein unserem gnäd’gen Herrn;

Fürst von Sewersk ist jetzt sehr weit von uns;

Sitzt im Kerkerschloß in dem Steppenschoß,

Seinem Freund, dem Chan, ist er untertan.

Stürzt’ sein Heer in den Tod, leidet selber Not;

Da im tollen Mut gar zur Unzeit,

Zog er in den Krieg, ließ man ihn im Stich,

Und in den sand’gen Steppen kam sein braves Heer

Ganz um vor Durst, vor Hunger und vom mörd’schen Speer.

Mit dem russ’schen Gold unser braver Fürst

Baute Brücken sich, doch dem Feinde wich.

In die Kajala hat sein Ruhm versenkt

Samt dem wackren Heer, Schätzen und Gewehr.

Deshalb heutzutage in dem ganzen Russenland,

In der weiten Welt, nun kurz, allüberall

Laut klagt man tausendfach unsern gnäd’gen Herrn

Den sewersk’schen Fürst an und wehklagt man

Ob dem tollen Fehltritt in der Stadt Kiew,

Sowie an der Donau und an dem buch’gen Meeresufer.

Summ’ und brumm’ Gudok, ei summ’ mit Saus und Braus,

Spiel’ ein Loblied fein dem wack’ren, mächt’gen Fürst.

SKULÀ.

Fürst von Sewersk, der brave gnäd’ge Fürst.

Voll Erstaunen hören sie auf zu singen, da sie in der Ferne den Fürsten Ìgor und Iaroslàwna erblicken, die in den Kreml hineingehen.

Ist’s Traum? Ist’s Spuk? Ei, sieh mal!

ERÒSCHKA.

Er ist’s!

SKULÀ.

Ist es möglich? Unglaublich ist’s.

ERÒSCHKA.

Gott steh’ uns bei, Gott schütze uns!

Wehe uns! Nichts jetzt rettet uns.

Man wird uns zugrunde richten! Weh, weh!

Um unser Leben ist es getan!

Verloren sind wir, gänzlich verloren!

SKULÀ.

So schlimm steht es nicht, man weiß ja,

Was gilt bei uns, Russen, Wein und schlauer Streich.

Feinen Scherz muß unser Kopf ersinnen, Bruder.

Sie setzen sich einander gegenüber und fangen an zu denken.

Nun?

ERÒSCHKA.

Nun?

SKULÀ.

Nun?

ERÒSCHKA.

Nun?

Zögernd.

Entflieh’n?

SKULÀ.

Heim’schen Herd? Waldwärts wandeln? Dank schön! Närrisch wär’s.

ERÒSCHKA.

Ins Feld?

SKULÀ.

Steht dir der Sinn nach Gras und nach Baumrinde?

Statt guten Weins, willst du Wasser saufen?

Solches Hundeleben ist längst für mich dahin, bin es satt,

Was Besseres und Schlau’res müssen wir hervorsuchen.

ERÒSCHKA.

Was nun?

SKULÀ.

Schweig still…. Stör’ mich nicht…. Ausgedacht den Streich!

Auf den Glockenturm hindeutend.

Siehst du? Siehst du?

ERÒSCHKA im Bedenken.

Jenen Glockenturm?

SKULÀ macht ihm den Wink mit der Hand, er soll läuten.

Läute! Läute!

ERÒSCHKA.

Wozu muß ich jetzt läuten, Freund?

SKULÀ.

Um zu retten unser Leben, nicht vor Hunger zu krepieren,

Dann auch Wein kriegen wir uns fein. He, läut’ die Sturmglock’, Freund!

Beide greifen nach den Stricken der Glocke und fangen an Sturm zu läuten.

ERÒSCHKA.

He, Volk, ei her, zu uns! Eilt rasch herbei ihr all’!

Eilt alle herbei zu uns ohn’ Säumen!

Das Volk läuft von allen Seiten herbei.

CHOR.

Welch ein Geläut! Was bedeutet das? Was soll das heißen?

ERÒSCHKA UND SKULÀ mit Ernst.

Gott schickt uns großes Glück, Gesell!

CHOR.

Von diesen tollen Gecken ist es noch ein Streich!

Wie sie schrei’n! Gewiß viel Wein habt ihr verschluckt.

He, fort mit ihnen! Schleppt die Schurken hinweg!

Fort mit ihnen, hinaus!

He, Freunde, halt’ ein! Hört doch auf! Hört mal zu!

Horcht!

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Rechtgläub’ge, höret! Große Freud’ schickt Gott.

CHOR.

Was freut euch, Säufer, so sehr?

SKULÀ.

Berauscht? Gott bewahre! Nein Freund, vor Freude sisn! wir wohl außer und.

Sie trübt unsern Sinn. Unser Fürst kommt!

CHOR.

Der Bösewicht von Gàlitzky? Sei er verdammt auf ewig.

ERÒSCHKA.

Es handelt sich doch nicht um ihn! Fürst Ìgor kommt! Ist schon da!

SKULÀ.

Ìgor Swjatoslàwitsch!

CHOR.

Ha, seid ihr wohl bei Sinnen? Was?

SKULÀ.

Du glaubst’s nicht? Sieh dort, auf dem Fußweg unsern Fürst.

Er ging gleich vorbei mit seiner Frau. Erkennst seinen Helm, sein’ Speer?

Und hinter ihm her geht der Polowzer, der mit dem Fürsten angekommen! Da!

ERÒSCHKA.

Siehst du?

CHOR.

Fürst! Fürst ist’s ja! He, zieht die Glocke! Läutet das Volk rasch zusammen!

Fragt den Polowzer, ob wirklich der gnäd’ge Fürst gleich angekommen sei.

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Ei, horcht, Rechtgläubige!

Die Volksschar vergrößert sich nach und nach. Einige nähern sich Owlûr und belästigen ihn mit Fragen.

CHOR.

Wirklich ist er heimgekehrt?

Unsern Fürsten schickt uns Herr Gott!

ERÒSCHKA UND SKULÀ läuten aufs neue.

Gott schickt uns ein großes Glück!

Greise und Bojaren treten ein.

CHOR.

Gott schickt uns den Retter, den Vater des Volkes!

Plötzlich ist er heimgekehrt für das Wohl des ganzen Volkes!

DIE BOJAREN UND GREISE.

Wer hat zuerst verbreitet das Gerücht?

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Wir, armen Gudokspieler, Herr!

DIE BOJAREN UND GREISE.

Gudokspieler?

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Des guten Fürst’s ergeb’ne Diener, ehrwürd’ger Greis.

DIE BOJAREN UND GREISE.

Ihr seid die Diener des Aufrührers ja?

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Pfui! Im Dienst bei ihm standen wir noch niemals.

Wir sind die hiesigen, dem Lande einheimisch.

DIE BOJAREN UND GREISE.

Dennoch habt ihr verkehrt mit Fürsten Gàlitzky?

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Nein, mit ihm hatten wir gar keinen Umgang.

Seht treue Untertan sind wir unserm Fürsten Ìgor.

DIE BOJAREN UND GREISE.

Nun, heute soll

Sich alles freu’n; des Fürsten Rückkehr feiern!

Gott euch berate!

Sie übergeben den Lohn den Gudokspielern.

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Ei, trinkt auf die Gesundheit unsres Fürsten, unsers Vaters!

Summ’ mit Saus und Braus, Gudok, ei, spiel ein feines Loblied unserm Fürst!

Schlußchor.

DIE BOJAREN UND GREISE.

Nicht umsonst war unser Flehen: den geliebten guten Fürsten

Hat Gott heimgeführt, gerettet, uns bewahrt mit starker Hand.

DAS VOLK.

Plötzlich ist zurückgekommen unser Fürst aus fremdem Lande,

Freut sich alt und jung der Kunde seiner Wiederkehr.

ERÒSCHKA UND SKULÀ.

Strömt alle haufenweise geschwind zu Zitadelle!

Dahin muß man rasch ziehn. Wohlan! Wollen wir entgegeneilen

Unserm Fürsten, unserm Vater, jauchzend, jubelnd ihn begrüßen,

Froh, mit Lustgeschrei!

DIE BOJAREN UND GREISE.

Halt! Laßt uns geh’n zuerst zum Fürsten

Und begrüßen unsern Herrn.

Wartet hier: es wird sich zeigen

Seinem Volk der gnäd’ge Fürst.

Greise und Bojaren ziehen in den Kreml ein.

DAS VOLK.

Unsre Alten haben ja wahrhaftig recht:

Wollen wir den Fürst empfangen wie’s sich schickt.

Die Volksmenge vergrößert sich nach und nach, es ziehen geputzte Weiber herein. Viele tragen aus ihren Häusern Brot und Salz hinaus.

Wie am Festtag möge jeder sich ankleiden, sauber, fein,

Mög’ sich schmücken mit den Bändern, mit Halsschnüren, Ohrgehäng!

Überreichen muß das Volk ihm Salz und Brot.

Für das Volk muß man bereiten Quaß und Meth.

ERÒSCHKA UND SKULÀ Gudok spielend.

Ei, trinkt auf die Gesundheit unseres Fürsten, unsers Vaters!

Summ’ und brumm’ Gudok; ei, singt ein Loblied fein dem Fürsten!

VOLK.

Wollen wir entgegeneilen

Unserm Fürsten, unserem Vater.

Glücklich ist zurückgekommen

Unser Fürst aus fremdem Land.

Wollen wir entgegeneilen

Unserm Fürsten, jauchzend, jubelnd

Werden gastlich ihn empfangen, nach der Sitte.

Nicht umsonst ist er gekommen. Ungemach vergang’ner Zeiten ist dahin.

Fürst Ìgor kommt mit der Fürstin aus dem Kreml heraus. Sie erscheinen auf dem Platze; Greise und Bojaren begleiten sie. Fürst Ìgor begrüßt das Volk und wird von demselben jubelnd empfangen.

VOLK.

Heil dem tapfren, guten Fürsten Ìgor!

Heil ihm und Preis!

Der Vorhang fällt.

Georges Bizet – Carmen

Georges Bizet

Carmen

Opéra-comique en quatre actes

Personnages

Don José

Escamillo

Le Dancaire

Le Remendado

Moralès, brigadier

Zuniga, lieutenant

Lillas Pastia

Un guide

Carmen

Micaela

Frasquita

Mercédès

En Espagne. – Vers 1820.

Acte premier

Une place à Séville. – A droite, la porte de la manufacture de tabac. – Au fond, face au public, pont praticable traversant la scène dans toute son étendue. – De la scène on arrive à ce point par un escalier tournant qui fait sa révolution à droite au-dessus de la porte de la manufacture de tabac. – Le dessous du pont est praticable. – A gauche, au premier plan, le corps de garde. – Devant le corps de garde, une petite galerie couverte, exhaussée de deux ou trois marches; près du corps de garde, dans un râtelier, les lances des dragons avec leurs banderoles jaunes et rouges.

Scène première

Moralès, Micaela, soldats, passants.

Au lever du rideau, une quinzaine de soldats Dragons du régiment d’ Almanza, sont groupés devant le corps de garde. Les uns assis et fumant, les autres accoudés sur la balustrade de la galerie. Mouvement de passants sur la place. Des gens pressés, affairés, vont, viennent, se rencontrent, se saluent, se bousculent, etc.

CHŒUR.

Sur la place

Chacun passe,

Chacun vient, chacun va;

Drôles de gens que ces gens-là.

MORALÈS.

A la porte du corps de garde

Pour tuer le temps,

On fume, on jase, l’on regarde

Passer les passants.

REPRISE DU CHŒUR.

Sur la place

Etc.

Depuis quelques minutes Micaëla est entrée. Jupe bleue, nattes tombant sur les épaules, hésitante, embarrassée, elle regarde les soldats, avance, recule, etc.

MORALÈS, aux soldats.

Regardez donc cette petite

Qui semble vouloir nous parler,

Voyez, elle tourne, elle hésite.

CHŒUR.

A son secours il faut aller.

MORALÈS, à Micaëla.

Que cherchez-vous, la belle?

MICAELA.

Je cherche un brigadier.

MORALÈS.

Je suis là,

Voilà!

MICAELA.

Mon brigadier, à moi, s’appelle

Don José … le connaissez-vous?

MORALÈS.

José, nous le connaissons tous.

MICAELA.

Est-il avec vous, je vous prie?

MORALÈS.

Il n’est pas brigadier dans notre compagnie.

MICAELA, désolée.

Alors il n’est pas là.

MORALÈS.

Non, ma charmante, il n’est pas là,

Mais tout à l’heure il y sera.

Il y sera quand la garde montante

Remplacera la garde descendante.

TOUS.

Il y sera quand la garde montante

Remplacera la garde descendante.

MORALÈS.

Mais en attendant qu’il vienne,

Voulez-vous, la belle enfant,

Voulez-vous prendre la peine

D’entrer chez nous un instant?

MICAELA.

Chez vous!

LES SOLDATS.

Chez nous.

MICAELA.

Non pas, non pas

Grand merci, messieurs les soldats.

MORALÈS.

Entrez sans crainte, mignonne,

Je vous promets qu’on aura,

Pour votre chère personne,

Tous les égards qu’il faudra.

MICAELA.

Je n’en doute pas; cependant

Je reviendrai, c’est plus prudent.

Reprenant en riant la phrase du sergent.

Je reviendrai quand la garde montante

Remplacera la garde descendante.

LES SOLDATS, entourant Micaëla.

Vous resterez.

MICAELA, cherchant à se dégager.

Non pas! non pas!

Au revoir, messieurs les soldats.

Elle s’échappe et se sauve en courant.

MORALÈS.

L’oiseau s’envole,

On s’en console.

Reprenons notre passe-temps,

Et regardons passer les gens.

REPRISE.

Sur la place

Chacun passe, etc.

Le mouvement des passants qui avait cessé pendant la scène de Micaëla a repris avec une certaine animation Parmi les gens qui vont et viennent, un vieux monsieur donnant le bras à une jeune dame … Le vieux monsieur voudrait continuer sa promenade, mais la jeune dame fait tout ce qu’elle peut pour le retenir sur la place. Elle paraît émue, inquiète. Elle regarde à droite, à gauche. Elle attend quelqu’un et ce quelqu’un ne vient pas. Cette pantomime doit cadrer très exactement avec le couplet suivant.

MORALÈS.

I

Attention! chut! Taisons-nous!

Voici venir un vieil époux,

Œil soupçonneux, mine jalouse,

Il tient au bras sa jeune épouse;

L’amant sans doute n’est pas loin;

Il va sortir de quelque coin.

En ce moment un jeune homme entre rapidement sur la place.

Ah! ah! ah! ah!

Le voilà.

Voyons comment ça tournera.

Le second couplet continue et s’adapte fidèlement à la scène mimée par les trois personnages. Le jeune homme s’approche du vieux monsieur et de la jeune dame, salue et échange quelques mots à voix basse, etc.

MORALÈS.

II

Imitant le salut empressé du jeune homme.

Vous trouver ici, quel bonheur!

Prenant l’air rechigné du vieux mari.

Je suis bien votre serviteur.

Reprenant l’air du jeune homme.

Il salue, il parle avec grâce.

Puis l’air du vieux mari.

Le vieux mari fait la grimace;

Imitant les mines souriantes de la dame.

Mais d’un air fort encourageant

La dame accueille le galant.

Le jeune homme, à ce moment, tire de sa poche un billet qu’il fait voir à la dame.

Ah! ah! ah! ah!

L’y voilà;

Voyons comment ça tournera.

Ah! ah! ah! ah!

L’y voilà;

Voyons comment ça tournera.

Le mari, la femme et le galant font tous les trois très lentement un petit tour sur la place, le jeune homme cherchant à remettre son billet doux à la dame.

MORALÈS.

III

Ils font ensemble quelques pas;

Notre amoureux, levant le bras,

Fait voir au mari quelque chose,

Et le mari toujours morose

Regarde en l’air … Le tour est fait,

Car la dame a pris le billet.

Le jeune homme, d’une main, montre quelque chose en l’air au vieux monsieur et, de l’autre, passe le billet à la dame.

Ah! ah! ah! ah!

Et voilà.

On voit comment ça tournera

TOUS, riant.

Ah! ah! ah! ah!

Et voilà,

On voit comment ça tournera.

On entend au loin, très au loin, une marche militaire, clairons et fifres. C’est la garde montante qui arrive. Le vieux monsieur et le jeune homme échangent une cordiale poignée de main. Salut respectueux du jeune homme à la dame. Un officier sort du poste. Les soldats du poste vont prendre leurs lances et se rangent en ligne devant le corps de garde. Les passants à droite forment un groupe pour assister à la parade. La marche militaire se rapproche, se rapproche … La garde montante débouche enfin venant de la gauche et traverse le pont. Deux clairons et deux fifres d’abord. Puis une bande de petits gamins qui s’efforcent de faire de grandes enjambées pour marcher au pas des dragons. – Aussi petits que possible les enfants. Derrière les enfants, le lieutenant Zuniga et le

brigadier don José, puis les dragons avec leurs lances.

Scène II

Les mêmes, Don José, Le Lieutenant.

CHŒUR DES GAMINS.

Avec la garde montante

Nous arrivons, nous voilà …

Sonne, trompette éclatante,

Ta ra ta ta, ta ra ta ta;

Nous marchons la tête haute

Comme de petits soldats

Marquant sans faire de faute.

Une … deux … marquant le pas,

Les épaules en arrière

Et la poitrine en dehors,

Les bras de cette manière

Tombant tout le long du corps

Avec la garde montante

Sonne, trompette éclatante,

Nous arrivons, nous voilà,

Ta ra ta ta, ta ra ta ta.

La garde montante va se ranger à droite en face de la garde descendante. Dès que les petits gamins qui se sont arrêtés à droite devant les curieux ont fini de chanter, les officiers se saluent de l’épée et se mettent à causer à voix basse. On relève les

sentinelles.

MORALÈS, à don José. Il y a une jolie fille qui est venue te demander. Elle a dit qu’elle reviendrait …

JOSÉ. Une jolie fille?

MORALÈS. Oui, et gentiment habillée, une jupe bleue, des nattes tombant sur les épaules …

JOSÉ. C’est Micaëla. Ce ne peut être que Micaëla.

MORALÈS. Elle n’a pas dit son nom.

Les factionnaires sont relevés. Sonneries des clairons. La garde descendante passe devant la garde montante. – Les gamins en troupe reprennent derrière les clairons et les fifres de la garde descendante la place qu’ils occupaient derrière les tambours et les fifres de la garde montante.

REPRISE DU CHŒUR DES GAMINS.

Et la garde descendante

Rentre chez elle et s’en va.

Sonne, trompette, éclatante,

Ta ra ta ta, ta ra ta ta.

Nous partons la tête haute

Comme de petits soldats.

Marquant, sans faire de faute,

Une … deux … marquant le pas.

Les épaules en arrière

Et la poitrine en dehors,

Les bras de cette manière

Tombant tout le long du corps.

Et la garde descendante

Rentre chez elle et s’en va.

Sonne, trompette éclatante,

Ta ra ta ta, ta ra ta ta.

Soldats, gamins et curieux s’éloignent par le fond; chœur, fifres et clairons vont diminuant. L’officier de la garde montante pendant ce temps, passe silencieusement l’inspection de ses hommes. Quand le chœur des gamins et les fifres ont cessé de se faire entendre, le lieutenant dit: Présentez lances … Haut lances … Rompez les rangs. Les dragons vont tous déposer leurs lances dans le râtelier, puis ils rentrent dans le corps de garde. Don José et le lieutenant restent seuls en scène.

Scène III

Le lieutenant, Don José.

LE LIEUTENANT. Dites-moi, brigadier?

JOSÉ, se levant. Mon lieutenant?

LE LIEUTENANT. Je ne suis dans le régiment que depuis deux jours et jamais je n’étais venu à Séville. Qu’est-ce que c’est que ce grand bâtiment?

JOSÉ. C’est la manufacture de tabacs …

LE LIEUTENANT. Ce sont des femmes qui travaillent là? …

JOSÉ. Oui, mon lieutenant. Elles n’y sont pas maintenant; tout à l’heure, après leur dîner, elles vont revenir. Et je vous réponds qu’alors il y aura du monde pour les voir passer.

LE LIEUTENANT. Elles sont beaucoup?

JOSÉ. Ma foi, elles sont bien quatre ou cinq cents qui roulent des cigares dans une grande salle …

LE LIEUTENANT. Ce doit être curieux.

JOSÉ. Oui, mais les hommes ne peuvent pas entrer dans cette salle sans une permission …

LE LIEUTENANT. Ah!

JOSÉ. Parce que, lorsqu’il fait chaud, ces ouvrières se mettent à leur aise, surtout les jeunes.

LE LIEUTENANT. Il y en a de jeunes?

JOSÉ. Mais oui, mon lieutenant.

LE LIEUTENANT. Et de jolies?

JOSÉ, en riant. Je le suppose … Mais à vous dire vrai, et bien que j’aie été de garde ici plusieurs fois déjà, je n’en suis pas bien sûr, car je ne les ai jamais beaucoup regardées …

LE LIEUTENANT. Allons donc! …

JOSÉ. Que voulez-vous? … ces Andalouses me font peur. Je ne suis pas fait à leurs manières, toujours à railler … jamais un mot de raison …

LE LIEUTENANT. Et puis nous avons un faible pour les jupes bleues, et pour les nattes tombant sur les épaules …

JOSÉ, riant. Ah! mon lieutenant a entendu ce que disait Moralès?

LE LIEUTENANT. Oui …

JOSÉ. Je ne le nierai pas … la jupe bleue, les nattes, c’est le costume de la Navarre … ça me rappelle le pays …

LE LIEUTENANT. Vous êtes Navarrais?

JOSÉ. Et vieux chrétien. Don José Lizzarabengoa, c’est mon nom … On voulait que je fusse d’église, et l’on m’a fait étudier. Mais je ne profitais guère, j’aimais trop jouer à la paume … Un jour que j’avais gagné, un gars de l’Alava me chercha querelle; j’eus encore l’avantage, mais cela m’obligea de quitter le pays. Je me fis soldat! Je n’avais plus mon père; ma mère me suivit et vint s’établir à dix lieues de Séville … avec la petite Micaëla … c’est une orpheline que ma mère a recueillie, et qui n’a pas voulu se séparer d’elle …

LE LIEUTENANT. Et quel âge a-t-elle, la petite Micaëla?

JOSÉ. Dix-sept ans …

LE LIEUTENANT. Il fallait dire cela tout de suite … Je comprends maintenant pourquoi vous ne pouvez pas me dire si les ouvrières de la manufacture sont jolies ou laides. La cloche de la manufacture se fait entendre.

JOSÉ. Voici la cloche qui sonne, mon lieutenant, et vous allez pouvoir juger par vous-même … Quant à moi je vais faire une chaîne pour attacher mon épinglette.

Scène IV

Don José, soldats, jeunes gens et cigarières.

La place se remplit de jeunes gens qui viennent se placer sur le passage des cigarières. Les soldats sortent du poste. Don José s’assied sur une chaise, et reste là fort indifférent à toutes ces allées et venues, travaillant à son épinglette.

CHŒUR.

La cloche a sonné, nous, des ouvrières

Nous venons ici guetter le retour,

Et nous vous suivrons, brunes cigarières,

En vous murmurant des propos d’amour.

A ce moment paraissent les cigarières, la cigarette aux lèvres. Elles passent sous le pont et descendent lentement en scène.

LES SOLDATS.

Voyez-les … Regards imprudents,

Mine coquette,

Fumant toutes du bout des dents

La cigarette.

LES CIGARIÈRES.

Dans l’air, nous suivons des yeux

La fumée

Qui vers les cieux

Monte, monte parfumée.

Dans l’air nous suivons des yeux

La fumée,

La fumée,

La fumée,

La fumée.

Cela monte doucement

A la tête,

Cela vous met gentiment

L’âme en fête,

Dans l’air nous suivons des yeux

La fumée,

Etc.

Le doux parler des amants

C’est fumée;

Leurs transports et leurs serments

C’est fumée.

Dans l’air nous suivons des yeux

La fumée,

Etc.

LES JEUNES GENS, aux cigarières.

Sans faire les cruelles,

Ecoutez-nous les belles,

Vous que nous adorons,

Que nous idolâtrons.

LES CIGARIÈRES reprennent en riant.

Le doux parler des amants

C’est fumée;

Leurs transports et leurs serments

C’est fumée.

Dans l’air nous suivons des yeux

La fumée,

Etc.

Scène V

Les mêmes, Carmen.

LES SOLDATS.

Nous ne voyons pas la Carmencita.

LES CIGARIÈRES ET LES JEUNES GENS.

La voilà,

La voilà,

Voilà la Carmencita.

Entre Carmen. Absolument le costume et l’entrée indiqués par Mérimée. Elle a un bouquet de cassie à son corsage et une fleur de cassie dans le coin de la bouche. Trois ou quatre jeunes gens entrent avec Carmen. Ils la suivent, l’entourent, lui parlent. Elle minaude et caquette avec eux. Don José lève la tête. Il regarde Carmen, puis se remet à travailler tranquillement à son épinglette.

LES JEUNES GENS, entrés avec Carmen.

Carmen, sur tes pas, nous nous pressons tous;

Carmen, sois gentille, au moins réponds-nous

Et dis-nous quel jour tu nous aimeras.

CARMEN, les regardant.

Quand je vous aimerai, ma foi, je ne sais pas.

Peut-être jamais, peut-être demain;

Mais pas aujourd’hui, c’est certain.

L’amour est un oiseau rebelle

Que nul ne peut apprivoiser,

Et c’est bien en vain qu’on l’appelle

S’il lui convient de refuser.

Rien n’y fait; menace ou prière,

L’un parle bien, l’autre se tait;

Et c’est l’autre que je préfère,

Il n’a rien dit, mais il me plaît.

L’amour est enfant de Bohême,

Il n’a jamais connu de loi;

Si tu ne m’aimes pas, je t’aime;

Si je t’aime, prends garde à toi! …

L’oiseau que tu croyais surprendre

Battit de l’aile et s’envola …

L’amour est loin, tu peux l’attendre

Tu ne l’attends plus … il est là…

Tout autour de toi, vite, vite

Il vient, s’en va, puis il revient …

Tu crois le tenir, il t’évite

Tu veux l’éviter, il te tient.

L’amour est enfant de Bohême,

Il n’a jamais connu de loi;

Si tu ne m’aimes pas, je t’aime

Si je t’aime, prends garde à toi!

LES JEUNES GENS.

Carmen, sur tes pas, nous nous pressons tous;

Carmen, sois gentille, au moins réponds-nous.

Moment de silence. Les jeunes gens entourent Carmen, celle-ci les regarde l’un après l’autre, sort du cercle qu’ils forment autour d’elle et s’en va droit à don José, qui est toujours occupé de son épinglette.

CARMEN. Eh! compère, qu’est-ce que tu fais là? …

JOSÉ. Je fais une chaîne avec du fil de laiton, une chaîne pour attacher mon épinglette.

CARMEN, riant. Ton épinglette, vraiment! ton épinglette … épinglier de mon âme … Elle arrache de son corsage la fleur de cassie et la lance à don José. Il se lève brusquement. La fleur de cassie est tombée à ses pieds. Eclat de rire général; la cloche de la manufacture sonne une deuxième fois. Sortie des ouvrières et des jeunes gens sur la reprise de.

L’amour est enfant de Bohême,

Etc.

Carmen sort la première en courant et elle entre dans la manufacture. Les jeunes gens sortent à droite et à gauche. – Le lieutenant qui, pendant cette scène, bavardait avec deux ou trois ouvrières, les quitte et rentre dans le poste après que les soldats y sont rentrés.

Scène VI

DON JOSÉ. Qu’est-ce que cela veut dire, ces façons- là? … Quelle effronterie! … En souriant. Tout ça parce que je ne faisais pas attention à elle! … Alors, suivant l’usage des femmes et des chats qui ne viennent pas quand on les appelle et qui viennent quand on ne les appelle pas, elle est venue … Il regarde la fleur de cassie qui est par terre, à ses pieds. Il la ramasse. Avec quelle adresse elle me l’a lancée, cette fleur … là, juste entre les deux yeux … ça m’a fait l’effet d’une balle qui m’arrivait … Il respire le parfum de la fleur. Comme c’est fort! … Certainement, s’il y a des sorcières, cette fille-là en est une.

Entre Micaëla.

Scène VII

Don José, Micaela.

MICAELA. Monsieur le brigadier?

DON JOSÉ, cachant précipitamment la fleur de cassie. Quoi? … Qu’est-ce que c’est? … Micaëla! … c’est toi …

MICAELA. C’est moi! …

JOSÉ. Et tu viens de là-bas? …

MICAELA. Et je viens de là-bas … C’est votre mère qui m’envoie…

JOSÉ.

Ma mère …

JOSÉ.

Eh bien, parle … ma mère …

MICAELA.

J’apporte de sa part, fidèle messagère,

Cette lettre.

JOSÉ, regardant la lettre.

Une lettre.

MICAELA.

Et puis un peu d’argent.

Elle lui remet une petite bourse.

Pour ajouter à votre traitement,

Et puis …

JOSÉ.

Et puis?

MICAELA.

Et puis? … vraiment je n’ose

Et puis … encore une autre chose

Qui vaut mieux que l’argent et qui, pour un bon fils,

Aura sans doute plus de prix.

JOSÉ.

Cette autre chose, quelle est-elle?

Parle donc.

MICAELA.

Oui, je parlerai;

Ce que l’on m’a donné, je vous le donnerai.

Votre mère avec moi sortait de la chapelle,

Et c’est alors qu’en m’embrassant,

Tu vas, m’a-t-elle dit, t’en aller à la ville:

La route n’est pas longue, une fois à Séville,

Tu chercheras mon fils, mon José, mon enfant …

Et tu lui diras que sa mère

Songe nuit et jour à l’absent …

Qu’elle regrette et qu’elle espère,

Qu’elle pardonne et qu’elle attend;

Tout cela, n’est-ce pas? mignonne,

De ma part tu le lui diras,

Et ce baiser que je te donne

De ma part tu le lui rendras.

JOSÉ, très ému.

Un baiser de ma mère?

MICAELA.

Un baiser pour son fils,

José, je vous le rends, comme je l’ai promis.

Micaëla se hausse un peu sur la pointe des pieds et donne à don José un baiser bien franc, bien maternel. Don José très ému la laisse faire. Il la regarde bien dans les yeux. – Un moment de silence.

JOSÉ, continuant de regarder Micaëla.

Ma mère, je la vois … je revois mon village.

Souvenirs d’autrefois, souvenirs du pays!

Vous remplissez mon cœur de force et de courage

O souvenirs chéris,

Souvenirs d’autrefois! souvenirs du pays!

Ensemble.

JOSÉ.

Ma mère, je la vois,

Etc.

MICAELA.

Sa mère, il la revoit,

Etc.

JOSÉ, les yeux fixés sur la manufacture.

Qui sait de quel démon j’allais être la proie!

Même de loin, ma mère me défend,

Et ce baiser qu’elle m’envoie

Écarte le péril et sauve son enfant.

MICAELA.

Quel démon, quel péril? je ne comprends pas bien.

Que veut dire cela?

JOSÉ.

Rien! Rien!

Parlons de toi, la messagère

Tu vas retourner au pays …

MICAELA.

Ce soir même, et demain je verrai votre mère.

JOSÉ.

Eh bien! tu lui diras que José, que son fils,

Que son fils l’aime et la vénère,

Et qu’il se conduit aujourd’hui

En bon sujet pour que sa mère

Là-bas soit contente de lui.

Tout cela, n’est-ce pas? mignonne,

De ma part, tu le lui diras,

Et ce baiser que je te donne,

De ma part tu le lui rendras.

Il l’embrasse.

MICAELA.

Oui, je vous le promets … de la part de son fils

José, je le rendrai comme je l’ai promis.

Reprise de l’ensemble

JOSÉ.

Ma mère, je la vois

Etc.

MICAELA.

Sa mère il la revoit.

Etc.

JOSÉ. Attends un peu maintenant … je vais lire sa lettre …

MICAELA. J’attendrai, monsieur le brigadier, j’attendrai …

JOSÉ, embrassant la lettre avant de commencer à lire. Ah! Lisant. Continue à te bien conduire, mon enfant! L’on t’a promis de te faire maréchal des logis, peut-être alors pourras-tu quitter le service, te faire donner une petite place et revenir près de moi. Je commence à me faire bien vieille. Tu reviendrais près de moi et tu te marierais, nous n’aurions pas, je pense, grand-peine à te trouver une femme, et je sais bien, quant à moi, celle que je te conseillerais de choisir: c’est tout justement celle qui te porte ma lettre … Il n’y en a pas de plus sage et de plus gentille …

MICAELA, l’interrompant. Il vaut mieux que je ne sois pas là! …

JOSÉ. Pourquoi donc? …

MICAELA, troublée. Je viens de me rappeler que votre mère m’a chargée de quelques petits achats; je vais m’en occuper tout de suite.

JOSÉ. Attends un peu, j’ai fini …

MICAELA. Vous finirez quand je ne serai plus là …

JOSÉ. Mais la réponse? …

MICAELA. Je reviendrai la prendre avant mon départ et je la porterai à votre mère … Adieu!

JOSÉ. Micaëla!

MICAELA. Non, non … je reviendrai, j’aime mieux cela … je reviendrai, je reviendrai …

Elle sort.

Scène VIII

Don José, puis les ouvrières, le lieutenant, soldats.

JOSÉ, lisant. »Il n’y en a pas de plus sage, ni de plus gentille … il n’y en a pas surtout qui t’aime davantage … et si tu voulais …« Oui, ma mère, oui, je ferai ce que tu désires … j’épouserai Micaëla, et quant à cette bohémienne, avec ses fleurs qui ensorcellent …

Au moment où il va arracher les fleurs de sa veste, grande rumeur dans l’intérieur de la manufacture. – Entre le lieutenant suivi des soldats.

LE LIEUTENANT.

Eh bien! eh bien! qu’est-ce qui arrive? …

Les ouvrières sortent rapidement et en désordre.

CHŒUR DES CIGARIÈRES.

Au secours! n’entendez-vous pas?

Au secours, messieurs les soldats!

PREMIER GROUPE DE FEMMES.

C’est la Carmencita.

DEUXIÈME GROUPE DE FEMMES.

Non pas, ce n’est pas elle.

PREMIER GROUPE.

C’est elle.

DEUXIÈME GROUPE.

Pas du tout.

PREMIER GROUPE.

Si fait, dans la querelle

Elle a porté les premiers coups.

TOUTES LES FEMMES, entourant le lieutenant.

Ne les écoutez pas, monsieur, écoutez-nous,

Ecoutez-nous,

Ecoutez-nous.

PREMIER GROUPE, elles tirent l’officier de leur côté.

La Manuelita disait

Et répétait à voix haute

Qu’elle achèterait sans faute

Un âne qui lui plaisait.

DEUXIÈME GROUPE, même jeu.

Alors la Carmencita,

Railleuse à son ordinaire,

Dit: un âne, pour quoi faire?

Un balai te suffira.

PREMIER GROUPE.

Manuelita riposta

Et dit à sa camarade:

Pour certaine promenade

Mon âne te servira.

DEUXIÈME GROUPE.

Et ce jour-là tu pourras

A bon droit faire la fière;

Deux laquais suivront derrière

T’émouchant à tour de bras.

TOUTES LES FEMMES.

Là-dessus toutes les deux

Se sont prises aux cheveux.

LE LIEUTENANT.

Au diable tout ce bavardage.

A don José.

Prenez, José, deux hommes avec vous

Et voyez là-dedans qui cause ce tapage.

Don José prend deux hommes avec lui. – Les soldats entrent dans la manufacture. Pendant ce temps les femmes se pressent, se disputent entre elles.

PREMIER GROUPE.

C’est la Carmencita.

DEUXIÈME GROUPE.

Non, non, écoutez-nous

Etc., etc.

LE LIEUTENANT, assourdi.

Holà! holà!

Éloignez-moi toutes ces jemmes-là.

TOUTES LES FEMMES.

Écoutez-nous! écoutez-nous!

Les soldats repoussent les femmes et les écartent.

Tout doux! tout doux!

Éloignez-vous et taisez-vous.

LES FEMMES.

Écoutez-nous!

LES SOLDATS.

Tout doux.

Les cigarières glissent entre les mains des soldats qui cherchent à les écarter. – Elles se précipitent sur le lieutenant et reprennent le chœur.

PREMIER GROUPE.

La Manuelita disait,

Etc.

DEUXIÈME GROUPE.

Alors la Carmencita,

Etc.

LES SOLDATS, en repoussant encore une fois les femmes.

Tout doux! tout doux!

Éloignez-vous et taisez-vous.

Les soldats réussissent enfin à repousser les cigarières. Les femmes sont maintenues à distance autour de la place par une haie de dragons. Carmen paraît, sur la porte de la manufacture, amenée par don José et suivie par deux dragons.

Scène IX

Les mêmes, Carmen.

LE LIEUTENANT. Voyons, brigadier … Maintenant que nous avons un peu de silence … qu’est-ce que vous avez trouvé là-dedans? …

JOSÉ. J’ai d’abord trouvé trois cents femmes, criant, hurlant, gesticulant, faisant un tapage à ne pas entendre Dieu tonner … D’un côté il y en avait une, les quatre fers en l’air, qui criait: Confession! confession! … je suis morte … Elle avait sur la figure un X qu’on venait de lui marquer en deux coups de couteau … en face de la blessée j’ai vu …

Il s’arrête sur un regard de Carmen.

LE LIEUTENANT. Eh bien? …

JOSÉ. J’ai vu mademoiselle …

LE LIEUTENANT. Mademoiselle Carmencita?

JOSÉ. Oui, mon lieutenant …

LE LIEUTENANT. Et qu’est-ce qu’elle disait, mademoiselle Carmencita?

JOSÉ. Elle ne disait rien, mon lieutenant, elle serrait les dents et roulait des yeux comme un caméléon.

CARMEN. On m’avait provoquée … je n’ai fait que me défendre … Monsieur le brigadier vous le dira … A José. N’est-ce pas, monsieur le brigadier?

JOSÉ, APRÈS un moment d’hésitation. Tout ce que j’ai pu comprendre au milieu du bruit c’est qu’une discussion s’était élevée entre ces deux, dames, et qu’à la suite de cette discussion, mademoiselle, avec le couteau dont elle coupait le bout des cigares, avait commencé à dessiner des croix de saint André sur le visage de sa camarade … Le lieutenant regarde Carmen; celle-ci, après un regard à don José et un léger haussement d’épaules, est redevenue impassible. Le cas m’a paru clair. J’ai prié mademoiselle de me suivre … Elle a d’abord fait un mouvement comme pour résister … puis elle s’est résignée … et m’a suivi, douce comme un mouton!

LE LIEUTENANT. Et la blessure de l’autre femme?

JOSÉ. Très légère, mon lieutenant, deux balafres à fleur de peau.

LE LIEUTENANT, à Carmen. Eh bien! la belle, vous avez entendu le brigadier?.. A José. Je n’ai pas besoin de vous demander si vous avez dit la vérité.

JOSÉ. Foi de Navarrais, mon lieutenant!

Carmen se retourne brusquement et regarde encore une fois José.

LE LIEUTENANT, à Carmen. Eh bien! … vous avez entendu? … Avez-vous quelque chose à répondre? … parlez, j’attends … Carmen au lieu de répondre se met à fredonner.

CARMEN, chantant.

Coupe-moi, brûle-moi, je ne te dirai rien,

Je brave tout, le feu, le fer et le ciel même.

LE LIEUTENANT. Ce ne sont pas des chansons que je te demande, c’est une réponse.

CARMEN, chantant.

Mon secret je le garde et je le garde bien;

J’en aime un autre et meurs en disant que je l’aime.

LE LIEUTENANT. Ah! ah! nous le prenons sur ce ton-là … A José. Ce qui est sûr, n’est-ce pas, c’est qu’il y en des coups de couteau, et que c’est elle qui les a donnés …

En ce moment cinq ou six femmes à droite réussissent à forcer la ligne des factionnaires et se précipitent sur la scène en criant: Oui, oui, c’est elle! … Une de ces femmes se trouve près de Carmen. Celle-ci lève la main et veut se jeter sur la femme. Don José arrête Carmen. Les soldats écartent les femmes, et les repoussent cette fois tout à fait hors de la scène. Quelques sentinelles continuent à rester en vue gardant les abords de la place.

LE LIEUTENANT. Eh! eh! vous avez la main leste décidément. Aux soldats. Trouvez-moi une corde.

Moment de silence pendant lequel Carmen se remet à fredonner de la façon la plus impertinente en regardant l’officier.

UN SOLDAT, apportant une corde. Voilà, mon lieutenant.

LE LIEUTENANT, à don José. Prenez et attachez- moi ces deux jolies mains Carmen, sans faire la moindre résistance, tend en souriant ses deux mains à don José. C’est dommage vraiment, car elle est gentille … Mais si gentille que vous soyez, vous n’en irez pas moins faire un tour à la prison. Vous pourrez y chanter vos chansons de Bohémienne. Le porte-clefs vous dira ce qu’il en pense. Les mains de Carmen sont liées, on la fait asseoir sur un escabeau devant le corps de garde. Elle reste là immobile, les yeux à terre. Je vais écrire l’ordre. A don José. C’est vous qui la conduirez … Il sort.

Scène X

Carmen, don José.

Un petit moment de silence. – Carmen lève les yeux et regarde don José. Celui-ci se détourne, s’éloigne de quelques pas, puis revient à Carmen qui le regarde toujours.

CARMEN. Où me conduirez-vous? …

JOSÉ. A la prison, ma pauvre enfant …

CARMEN. Hélas! que deviendrai-je? Seigneur officier, ayez pitié de moi … Vous êtes si gentil … José ne répond pas, s’éloigne et revient, toujours sous le regard de Carmen. Cette corde, comme vous l’avez serrée, cette corde … J’ai les poignets brisés.

JOSÉ, s’approchant de Carmen. Si elle vous blesse, je puis la desserrer … Le lieutenant m’a dit de vous attacher les mains … il ne m’a pas dit …

Il desserre la corde.

CARMEN, bas. Laisse-moi m’échapper, je te donnerai un morceau de la bar lachi, une petite pierre qui te fera aimer de toutes les femmes.

JOSÉ, s’éloignant. Nous ne sommes pas ici pour dire des balivernes … Il faut aller à la prison. C’est la consigne, et il n’y a pas de remède.

Silence.

CARMEN. Tout à l’heure vous avez dit: foi de Navarrais … vous êtes des Provinces? …

JOSÉ. Je suis d’Elizondo …

CARMEN. Et moi d’Etchalar …

JOSÉ, s’arrêtant. D’Etchalar!… c’est à quatre heures d’Elizondo, Etchalar.

CARMEN. Oui, c’est là que je suis née … J’ai été emmenée par des Bohémiens à Séville. Je travaillais à la manufacture pour gagner de quoi retourner en Navarre, près de ma pauvre mère qui n’a que moi pour soutien … On m’a insultée parce que je ne suis pas de ce pays de filous, de marchands d’oranges pourries, et ces coquines se sont mises contre moi parce que je leur ai dit que tous leurs Jacques de Séville avec leurs couteaux ne feraient pas peur à un gars de chez nous avec son béret bleu et son maquila. Camarade, mon ami, ne ferez-vous rien pour une payse?

JOSÉ. Vous êtes Navarraise, vous? …

CARMEN. Sans doute.

JOSÉ. Allons donc … il n’y a pas un mot de vrai … vos yeux seuls, votre bouche, votre teint … Tout vous dit Bohémienne …

CARMEN. Bohémienne, tu crois?

JOSÉ. J’en suis sûr …

CARMEN. Au fait, je suis bien bonne de me donner la peine de mentir … Oui, je suis Bohémienne, mais tu n’en feras pas moins ce que je te demande … Tu le feras parce que tu m’aimes …

JOSÉ. Moi!

CARMEN. Eh! oui, tu m’aimes … ne me dis pas non, je m’y connais! tes regards, la façon dont tu me parles. Et cette fleur que tu as gardée. Oh! tu peux la jeter maintenant … cela n’y fera rien. Elle est restée assez de temps sur ton cœur; le charme a opéré …

JOSÉ, avec colère. Ne me parle plus, tu entends, je te défends de me parler …

CARMEN. C’est très bien, seigneur officier, c’est très bien. Vous me défendez de parler, je ne parlerai plus …

Elle regarde don José qui recule.

Finale.

CARMEN.

Près de la porte de Séville,

Chez mon ami Lillas Pastia,

J’irai danser la séguedille

Et boire du Manzanilla!

Oui, mais toute seule on s’ennuie,

Et les vrais plaisirs sont à deux …

Donc, pour me tenir compagnie,

J’emmènerai mon amoureux …

Mon amoureux! … il est au diable.

Je l’ai mis à la porte hier …

Mon pauvre cœur très consolable,

Mon cœur est libre comme l’air …

J’ai des galants à la douzaine,

Mais ils ne sont pas à mon gré;

Voici la fin de la semaine,

Qui veut m’aimer je l’aimerai.

Qui veut mon âme … elle est à prendre …

Vous arrivez au bon moment,

Je n’ai guère le temps d’attendre,

Car avec mon nouvel amant …

Près de la porte de Séville,

Chez mon ami Lillas Pastia,

J’irai danser la séguedille

Et boire du Manzanilla.

JOSÉ.

Tais-toi, je t’avais dit de ne pas me parler.

CARMEN.

Je ne te parle pas … je chante pour moi-même,

Et je pense … il n’est pas défendu de penser,

Je pense à certain officier,

A certain officier qui m’aime,

Et que l’un de ces jours je pourrais bien aimer …

JOSÉ.

Carmen!

CARMEN.

Mon officier n’est pas un capitaine,

Pas même un lieutenant, il n’est que brigadier

Mais c’est assez pour une Bohémienne,

Et je daigne m’en contenter!

JOSÉ, déliant la corde qui attache les mains de Carmen.

Carmen, je suis comme un homme ivre

Si je cède, si je me livre,

Ta promesse, tu la tiendras …

Si je t’aime, tu m’aimeras …

CARMEN, à peine chanté, murmuré.

Près de la porte de Séville,

Chez mon ami Lillas Pastia,

Nous danserons la séguedille

Et boirons du Manzanilla.

JOSÉ Parlé. Le lieutenant! … Prenez garde.

Carmen va se replacer sur son escabeau, les mains derrière le dos. – Rentre le lieutenant.

Scène XI

Les mêmes, le lieutenant, puis les ouvriers, les soldats, les bourgeois.

LE LIEUTENANT.

Voici l’ordre, partez et faites bonne garde …

CARMEN, bas à José.

Sur le pont je te pousserai

Aussi fort que je pourrai …

Laisse-toi renverser … le reste me regarde!

Elle se place entre les deux dragons. José à côté d’elle. Les femmes et les bourgeois pendant ce temps sont rentrés en scène toujours maintenus à distance par les dragons … Carmen traverse la scène de gauche à droite allant vers le pont.

L’amour est enfant de Bohême,

Il n’a jamais connu de loi;

Si tu ne m’aimes pas, je t’aime,

Si je t’aime, prends garde à toi.

En arrivant à l’entrée du pont à droite, Carmen pousse José qui se laisse renverser. Confusion, désordre, Carmen s’enfuit. Arrivée au milieu du pont, elle s’arrête un instant, jette sa corde à la volée par-dessus le parapet du pont, et se sauve

pendant que sur la scène, avec de grands éclats de rire, les cigarières entourent le lieutenant.

Acte deuxième

La taverne de Lillas Pastia. – Tables à droite et à gauche. Carmen, Mercédès, Frasquita, le lieutenant Zuniga, Moralès et un lieutenant. C’est la fin d’un dîner. La table est en désordre. Les officiers et les Bohémiennes fument des cigarettes. Deux Bohémiens raclent de la guitare dans un coin de la taverne et deux Bohémiennes, au milieu de la scène, dansent. – Carmen est assise, regardant danser les Bohémiens, le lieutenant lui parle bas, mais elle ne fait aucune attention à lui. Elle se lève tout à coup et se met à chanter.

Scène première

Carmen, le lieutenant, Moralès, officiers et bohémiennes.

CARMEN.

I

Les tringles des sistres tintaient

Avec un éclat métallique

Et sur cette étrange musique

Les zingarellas se levaient,

Tambours de basque allaient leur train,

Et les guitares forcenées

Grinçaient sous des mains obstinées,

Même chanson, même refrain,

La la la la la la.

Sur ce refrain, les Bohémiennes dansent. Mercédès et Frasquita reprennent avec Carmen le: La la la la la.

II

Les anneaux de cuivre et d’argent

Reluisaient sur les peaux bistrées;

D’orange ou de rouge zébrées

Les étoffes flottaient au vent;

La danse au chant se mariait

D’abord indécise et timide,

Plus vive ensuite et plus rapide,

Cela montait, montait, montait!

La la la la la la.

MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

La la la la la la.

III

Les Bohémiens à tour de bras,

De leurs instruments faisaient rage,

Et cet éblouissant tapage,

Ensorcelait les zingaras!

Sous le rythme de la chanson,

Ardentes, folles, enfiévrées,

Elles se laissaient, enivrées,

Emporter par le tourbillon!

La la la la la la.

LES TROIS VOIX.

La la la la la la.

Mouvement de danse très rapide, très violent. Carmen elle-même danse et vient, avec les dernières notes de l’orchestre, tomber haletante sur un banc de la taverne. Après la danse, Lillas Pastia se met à tourner autour des officiers d’un air embarrassé.

LE LIEUTENANT. Vous avez quelque chose à nous dire, maître Lillas Pastia?

PASTIA. Mon Dieu, messieurs …

MORALÈS. Parle, voyons …

PASTIA. Il commence à se faire tard … et je suis, plus que personne, obligé d’observer les règlements. Monsieur le corrégidor étant assez mal disposé à mon égard … je ne sais pas pourquoi il est mal disposé …

LE LIEUTENANT. Je le sais très bien, moi. C’est parce que ton auberge est le rendez-vous ordinaire de tous les contrebandiers de la province.

PASTIA. Que ce soit pour cette raison ou pour une autre, je suis obligé de prendre garde … or, je vous le répète, il commence à se faire tard.

MORALÈS. Cela veut dire que tu nous mets à la porte! …

PASTIA. Oh! non, messieurs les officiers … oh! non … je vous fais seulement observer que mon auberge devrait être fermée depuis dix minutes …

LE LIEUTENANT. Dieu sait ce qu’il s’y passe dans ton auberge, une fois qu’elle est fermée …

PASTIA. Oh! mon lieutenant …

LE LIEUTENANT. Enfin, nous avons encore, avant l’appel, le temps d’aller passer une heure au théâtre … vous y viendrez avec nous, n’est-ce pas, les belles?

Pastia fait signe aux Bohémiennes de refuser.

FRASQUITA. Non, messieurs les officiers, non, nous restons ici, nous.

LE LIEUTENANT. Comment, vous ne viendrez pas …

MERCÉDÈS. C’est impossible.

MORALÈS. Mercédès! …

MERCÉDÈS. Je regrette …

MORALÈS. Frasquita! …

FRASQUITA. Je suis désolée …

LE LIEUTENANT. Mais toi, Carmen, je suis bien sûr que tu ne refuseras pas …

CARMEN. C’est ce qui vous trompe, mon lieutenant … … je refuse et encore plus nettement qu’elles deux, si c’est possible …

Pendant que le lieutenant parle à Carmen, Andrès et les deux autres lieutenants essayent de fléchir Frasquita et Mercédès.

LE LIEUTENANT. Tu m’en veux?

CARMEN. Pourquoi vous en voudrais-je?

LE LIEUTENANT. Parce qu’il y a un mois, j’ai eu la cruauté de t’envoyer à la prison …

CARMEN, comme si elle ne se rappelait pas. A la prison?

LE LIEUTENANT. J’étais de service, je ne pouvais pas faire autrement.

CARMEN, même jeu. A la prison … je ne me souviens pas d’être allée à la prison …

LE LIEUTENANT. Je sais pardieu bien que tu n’y es pas allée … le brigadier qui était chargé de te conduire ayant jugé à propos de te laisser échapper … et de se faire dégrader et emprisonner pour cela …

CARMEN, sérieuse. Dégrader et emprisonner? …

LE LIEUTENANT. Mon Dieu oui … on n’a pas voulu admettre qu’une aussi petite main ait été assez forte pour renverser un homme …

CARMEN. Oh!

LE LIEUTENANT. Cela n’a pas paru naturel …

CARMEN. Et ce pauvre garçon est redevenu simple soldat? …

LE LIEUTENANT. Oui … et il a passé un mois en prison …

CARMEN. Mais il en est sorti?

LE LIEUTENANT. Depuis hier seulement!

CARMEN, faisant claquer ses castagnettes. Tout est bien, puisqu’il en est sorti, tout est bien.

LE LIEUTENANT. A la bonne heure, tu te consoles vite …

CARMEN, à part. Et j’ai raison … Haut. Si vous m’en croyez, vous ferez comme moi, vous voulez nous emmener, nous ne voulons pas vous suivre … vous vous consolerez …

MORALÈS. Il faudra bien.

La scène est interrompue par un chœur chanté dans la coulisse.

CHŒUR.

Vivat! vivat le torero!

Vivat! vivat Escamillo!

Jamais homme intrépide

N’a, par un coup plus beau,

D’une main plus rapide,

Terrassé le taureau!

Vivat! vivat le torero!

Vivat! vivat Escamillo! …

LE LIEUTENANT. Qu’est-ce que c’est que ça?

MERCÉDÈS. Une promenade aux flambeaux …

MORALÈS. Et qui promène-t-on?

FRASQUITA. Je le reconnais … c’est Escamillo … un torero qui s’est fait remarquer aux dernières courses de Grenade et qui promet d’égaler la gloire de Montes et de Pepo Illo …

MORALÈS. Pardieu, il faut le faire venir … nous boirons en son honneur!

LE LIEUTENANT. C’est cela, je vais l’inviter. Il va à la fenêtre. Monsieur le torero … voulez-vous nous faire l’amitié de monter ici? vous y trouverez des gens qui aiment fort tous ceux qui, comme vous, ont de l’adresse et du courage … Quittant la fenêtre. Il vient …

PASTIA, suppliant. Messieurs les officiers, je vous avais dit …

LE LIEUTENANT. Ayez la bonté de nous laisser tranquilles, maître Lillas Pastia, et faites-nous apporter de quoi boire …

REPRISE DU CHŒUR.

Vivat! vivat le torero!

Vivat! vivat Escamillo!

Paraît Escamillo.

Scène II

Les mêmes, Escamillo.

LE LIEUTENANT. Ces dames et nous, vous remercions d’avoir accepté notre invitation; nous n’avons pas voulu vous laisser passer sans boire avec vous au grand art de la tauromachie.

ESCAMILLO.

Messieurs les officiers, je vous remercie.

I

Votre toast … je peux vous le rendre,

Senors, car avec les soldats

Les toreros peuvent s’entendre,

Pour plaisir ils ont les combats.

Le cirque est plein, c’est jour de fête,

Le cirque est plein du haut en bas.

Les spectateurs perdent la tête

S’interpellent à grands fracas;

Apostrophes, cris et tapage

Poussés jusques à la fureur,

Car c’est la fête du courage,

C’est la fête des gens de cœur.

Toreador, en garde,

Et songe en combattant

Qu’un œil noir te regarde.

Et que l’amour t’attend.

TOUT LE MONDE.

Toreador, en garde,

Etc.

Entre les deux couplets, Carmen remplit le verre d’Escamillo.

II

Tout d’un coup l’on a fait silence:

Plus de cris! que se passe-t-il?

C’est l’instant, le taureau s’élance

En bondissant hors du toril …

Il entre, il frappe, un cheval roule

En entraînant un picador.

Bravo, toro! … hurle la foule,

Le taureau va, vient, frappe encor …

En secouant ses banderilles …

Il court, le cirque est plein de sang;

On se sauve, on franchit les grilles;

Allons … c’est ton tour maintenant.

Toreador, en garde,

Et songe en combattant

Qu’un œil noir te regarde

Et que l’amour t’attend.

TOUT LE MONDE.

Toreador en garde,

Etc.

On boit, on échange des poignées de main avec le toréador.

PASTIA. Messieurs les officiers, je vous en prie.

LE LIEUTENANT. C’est bien, c’est bien, nous partons.

Les officiers commencent à se préparer à partir. – Escamillo se trouve près de Carmen.

ESCAMILLO. Dis-moi ton nom, et la première fois que je frapperai le taureau, ce sera ton nom que je prononcerai.

CARMEN. Je m’appelle la Carmencita!

ESCAMILLO. La Carmencita?

CARMEN. Carmen, la Carmencita, comme tu voudras.

ESCAMILLO. Eh bien! Carmen ou la Carmencita, si je m’avisais de t’aimer et d’être aimé de toi, qu’est- ce que tu me répondrais?

CARMEN. Je répondrais que tu peux m’aimer tout à ton aise mais que quant à être aimé de moi pour le moment, il n’y faut pas songer!

ESCAMILLO. Ah!

CARMEN. C’est comme ça.

ESCAMILLO. J’attendrai alors et je me contenterai d’espérer …

CARMEN. Il n’est pas défendu d’attendre et il est toujours agréable d’espérer.

MORALÈS, à Frasquita et à Mercédès. Vous ne venez pas décidément?

MERCÉDÈS ET FRASQUITA, sur un nouveau signe de Pastia. Mais non, mais non …

MORALÈS, au lieutenant. Mauvaise campagne, lieutenant.

LE LIEUTENANT. Bah! la bataille n’est pas encore perdue … Bas, à Carmen. Écoute-moi, Carmen, puisque tu ne veux pas venir avec nous, c’est moi qui dans une heure reviendrai ici …

CARMEN. Ici? …

LE LIEUTENANT. Oui, dans une heure … après l’appel.

CARMEN. Je ne vous conseille pas de revenir …

LE LIEUTENANT, riant. Je reviendrai tout de même. Haut. Nous partons avec vous, torero, et nous nous joindrons au cortège qui vous accompagne.

ESCAMILLO. C’est un grand honneur pour moi, je tâcherai de ne pas m’en montrer indigne lorsque je combattrai sous vos yeux.

REPRISE DE L’AIR.

Toreador, en garde,

Et songe en combattant,

Etc.

Tout le monde sort, excepté Carmen, Frasquita, Mercédès et Lillas Pastia.

Scène III

Carmen, Frasquita, Mercédès, Pastia.

FRASQUITA, à Pastia. Pourquoi étais-tu si pressé de les faire partir et pourquoi nous as-tu fait signe de ne pas les suivre?

PASTIA. Le Dancaïre et le Remendado viennent d’arriver … ils ont à vous parler de vos affaires, des affaires d’Égypte.

CARMEN. Le Dancaïre et le Remendado? …

PASTIA, ouvrant une porte et appelant du geste. Oui, les voici … tenez …

Entrent le Dancaïre et le Remendado. – Pastia ferme les portes, met les volets, etc., etc.

Scène IV

Carmen, Frasquita, Mercédès, le dancaire, le remendado.

FRASQUITA. Eh bien, les nouvelles?

LE DANCAIRE. Pas trop mauvaises, les nouvelles; nous arrivons de Gibraltar …

LE REMENDADO. Jolie ville, Gibraltar! … on y voit des Anglais, beaucoup d’Anglais, de jolis hommes les Anglais, un peu froids, mais distingués.

LE DANCAIRE. Remendado! …

LE REMENDADO. Patron.

LE DANCAIRE, mettant la main sur son couteau. Vous comprenez?

LE REMENDADO. Parfaitement, patron …

LE DANCAIRE. Taisez-vous, alors. Nous arrivons de Gibraltar, nous avons arrangé, avec un patron de navire, l’embarquement de marchandises anglaises. Nous irons les attendre près de la côte, nous en cacherons une partie dans la montagne et nous ferons passer le reste. Tous nos camarades ont été prévenus … ils sont ici, cachés, mais c’est de vous trois surtout que nous avons besoin … vous allez partir avec nous …

CARMEN, riant. Pourquoi faire? pour vous aider à porter des ballots? …

LE REMENDADO. Oh! non … faire porter des ballots à des dames … ça ne serait pas distingué.

LE DANCAIRE, menaçant. Remendado?

LE REMENDADO. Oui, patron.

LE DANCAIRE. Nous ne vous ferons pas porter de ballots, mais nous avons besoin de vous pour autre chose.

Quintette.

LE DANCAIRE.

Nous avons en tête une affaire.

MERCÉDÈS.

Est-elle bonne, dites-nous?

LE REMENDADO.

Elle est admirable, ma chère;

Mais nous avons besoin de vous.

LES TROIS FEMMES.

De nous?

LES DEUX HOMMES.

De vous.

Car nous l’avouons humblement,

Et très respectueusement,

En matière de tromperie,

De duperie,

De volerie,

Il est toujours bon, sur ma foi,

D’avoir les femmes avec soi.

Et sans elles,

Mes toutes belles,

On ne fait jamais rien

De bien.

LES TROIS FEMMES.

Quoi! sans nous jamais rien,

De bien?

LES DEUX HOMMES.

N’êtes-vous pas de cet avis?

LES TROIS FEMMES.

Si fait, je suis

De cet avis.

TOUS LES CINQ.

En matière de tromperie,

De duperie,

De volerie,

Il est toujours bon, sur ma foi,

D’avoir les femmes avec soi,

Et sans elles,

Les toutes belles,

On ne fait jamais rien

De bien.

LE DANCAIRE.

C’est dit alors, vous partirez.

MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

Quand vous voudrez.

LE REMENDADO.

Mais tout de suite.

CARMEN.

Ah! permettez;

A Mercédès et à Frasquita.

S’il vous plaît de partir, partez,

Mais je ne suis pas du voyage;

Je ne pars pas … je ne pars pas.

LE DANCAIRE.

Carmen, mon amour, tu viendras,

Et tu n’auras pas le courage

De nous laisser dans l’embarras.

CARMEN.

Je ne pars pas, je ne pars pas.

LE REMENDADO.

Mais au moins la raison, Carmen, tu la diras?

CARMEN.

Je la dirai certainement;

La raison, c’est qu’en ce moment

Je suis amoureuse.

LES DEUX HOMMES, stupéfaits.

Qu’a-t-elle dit?

FRASQUITA.

Elle dit qu’elle est amoureuse.

LES DEUX HOMMES.

Amoureuse!

LES DEUX FEMMES.

Amoureuse!

LES DEUX HOMMES.

Voyons, Carmen, sois sérieuse.

CARMEN.

Amoureuse à perdre l’esprit.

LES DEUX HOMMES.

Certes, la chose nous étonne,

Mais ce n’est pas le premier jour

Où vous aurez su, ma mignonne.

Faire marcher de front le devoir et l’amour.

CARMEN.

Mes amis, je serais fort aise

De pouvoir vous suivre ce soir

Mais cette fois, ne vous déplaise,

Il faudra que l’amour passe avant le devoir.

LE DANCAIRE.

Ce n’est pas là ton dernier mot?

CARMEN.

Pardonnez-moi.

LE REMENDADO.

Carmen, il faut

Que tu te laisses attendrir.

TOUS LES QUATRE.

Il faut venir, Carmen, il faut venir.

Pour notre affaire,

C’est nécessaire,

Car entre nous.

LES DEUX FEMMES.

Car entre nous …

CARMEN.

Quant à cela, je l’admets avec vous.

REPRISE GÉNÉRALE.

En matière de tromperie,

De duperie,

De volerie,

Etc.

LE DANCAIRE. En voilà assez; je t’ai dit qu’il fallait venir, et tu viendras … je suis le chef …

CARMEN. Comment dis-tu ça?

LE DANCAIRE. Je te dis que je suis le chef …

CARMEN. Et tu crois que je t’obéirai? …

LE DANCAIRE, furieux. Carmen! …

CARMEN, très calme. Eh bien! …

LE REMENDADO, se jetant entre le Dancaïre et Carmen. Je vous en prie … des personnes si distinguées.

LE DANCAIRE, envoyant un coup de pied que le Remendado évite. Attrape ça, toi …

LE REMENDADO, se redressant. Patron …

LE DANCAIRE. Qu’est-ce que c’est?

LE REMENDADO. Rien, patron!

LE DANCAIRE. Amoureuse … ce n’est pas une raison, cela.

LE REMENDADO. Le fait est que ce n’en est pas une … moi aussi je suis amoureux et ça ne m’empêche pas de me rendre utile.

CARMEN. Partez sans moi … j’irai vous rejoindre demain, mais pour ce soir je reste …

FRASQUITA. Je ne t’ai jamais vue comme cela; qui attends-tu donc? …

CARMEN. Un pauvre diable de soldat qui m’a rendu service …

MERCÉDÈS. Ce soldat qui était en prison?

CARMEN. Oui.

FRASQUITA. Et à qui, il y a quinze jours, le geôlier a remis de ta part un pain dans lequel il y avait une pièce d’or et une lime? …

CARMEN, remontant vers la fenêtre. Oui.

LE DANCAIRE. Il s’en est servi de cette lime? …

CARMEN, remontant vers la fenêtre. Non.

LE DANCAIRE. Tu vois bien! ton soldat aura eu peur d’être puni plus rudement qu’il ne l’avait été; ce soir encore il aura peur … tu auras beau entrouvrir les volets et regarder s’il vient, je parierais qu’il ne viendra pas.

CARMEN. Ne parie pas, tu perdrais …

On entend dans le lointain la voix de don José.

DON JOSÉ, la voix très éloignée.

Halte là!

Qui va là?

Dragon d’Almanza!

Où t’en vas-tu par là,

Dragon d’Almanza?

Moi je m’en vais faire,

A mon adversaire,

Mordre la poussière.

S’il en est ainsi,

Passez mon ami,

Affaire d’honneur,

Affaire de cœur,

Pour nous tout est là,

Dragons d’Almanza.

La musique n’arrête pas. Carmen, le Dancaïre, le Remendado, Mercédès et Frasquita, par les volets entrouverts, regardent venir don José.

MERCÉDÈS. C’est un dragon, ma foi.

FRASQUITA. Et un beau dragon.

LE DANCAIRE, à Carmen. Eh bien, puisque tu ne veux venir que demain, sais-tu au moins ce que tu devrais faire?

CARMEN. Qu’est-ce que je devrais faire? …

LE DANCAIRE. Tu devrais décider ton dragon à venir avec toi et à se joindre à nous.

CARMEN. Ah! … si cela se pouvait! … mais il n’y faut pas penser, … ce sont des bêtises … il est trop niais.

LE DANCAIRE. Pourquoi l’aimes-tu puisque tu en conviens toi-même?

CARMEN. Parce qu’il est joli garçon donc et qu’il me plaît.

LE REMENDADO, avec fatuité. Le patron ne comprend pas ça, lui … qu’il suffise d’être joli garçon pour plaire aux femmes …

LE DANCAIRE. Attends un peu, toi, attends un peu …

Le Remendado se sauve et sort. Le Dancaïre le poursuit et sort à son tour entraînant Mercédès et Frasquita qui essaient de le calmer.

DON JOSÉ, la voix beaucoup plus rapprochée.

Halte-là!

Qui va là?

Dragon d’Almanza!

Où t’en vas-tu par là,

Dragon d’Almanza?

Exact et fidèle,

Je vais où m’appelle

L’amour de ma belle.

S’il en est ainsi,

Passez mon ami,

Affaire d’honneur,

Affaire de cœur,

Pour nous tout est là,

Dragons d’Almanza!

Entre don José.

Scène V

Don José, Carmen.

CARMEN. Enfin … te voilà … C’est bien heureux!

JOSÉ. Il y a deux heures seulement que je suis sorti de prison.

CARMEN. Qui t’empêchait de sortir plus tôt? Je t’avais envoyé une lime et une pièce d’or … avec la lime il fallait scier le plus gros barreau de ta prison … avec la pièce d’or il fallait, chez le premier fripier venu, changer ton uniforme pour un habit bourgeois.

JOSÉ. En effet, tout cela était possible.

CARMEN. Pourquoi ne l’as-tu pas fait?

JOSÉ. Que veux-tu? j’ai encore mon honneur de soldat, et déserter me semblerait un grand crime … Oh! je ne t’en suis pas moins reconnaissant … Tu m’as envoyé une lime et une pièce d’or … La lime me servira pour affiler ma lance et je la garde comme souvenir de toi. Lui tendant la pièce d’or. Quant à l’argent …

CARMEN. Tiens, il l’a gardé! … ça se trouve à merveille … Criant et frappant. Holà! … Lillas Pastia, holà! … nous mangerons tout … tu me régales … holà! holà! …

Entre Pastia.

PASTIA, l’empêchant de crier. Prenez donc garde …

CARMEN, lui jetant la pièce. Tiens, attrape … et apporte-nous des fruits confits; apporte-nous des bonbons, apporte-nous des oranges, apporte-nous du Manzanilla … apporte-nous de tout ce que tu as, de tout, de tout …

PASTIA. Tout de suite, mademoiselle Carmencita.

Il sort.

CARMEN, à José. Tu m’en veux alors et tu regrettes de t’être fait mettre en prison pour mes beaux yeux?

JOSÉ. Quant à cela non, par exemple.

CARMEN. Vraiment.

JOSÉ. L’on m’a mis en prison, l’on m’a ôté mon grade, mais ça m’est égal.

CARMEN. Parce que tu m’aimes?

JOSÉ. Oui, parce que je t’aime, parce que je t’adore.

CARMEN, mettant ses deux mains dans les mains de José. Je paie mes dettes … c’est notre loi à nous autres Bohémiennes … Je paie mes dettes … je paie mes dettes …

Rentre Lillas Pastia apportant sur un plateau des oranges, des bonbons, des fruits confits, du Manzanilla.

CARMEN. Mets tout cela ici … d’un seul coup, n’aie pas peur … Pastia obéit et la moitié des objets roule par terre. Ça ne fait rien, nous ramasserons tout cela nous-mêmes … sauve-toi maintenant, sauve-toi, sauve-toi. Pastia sort. Mets-toi là et mangeons de tout! de tout! de tout!

Elle est assise; don José s’assied en face d’elle.

JOSÉ. Tu croques les bonbons comme un enfant de six ans …

CARMEN. C’est que je les aime … Ton lieutenant était ici tout à l’heure, avec d’autres officiers, ils nous ont fait danser la Romalis …

JOSÉ. Tu as dansé?

CARMEN. Oui; et quand j’ai eu dansé, ton lieutenant s’est permis de me dire qu’il m’adorait …

JOSÉ. Carmen!

CARMEN. Qu’est-ce que tu as? … Est-ce que tu serais jaloux, par hasard? …

JOSÉ. Mais certainement, je suis jaloux …

CARMEN. Ah bien! … Canari, va! … tu es un vrai canari d’habit et de caractère … allons, ne te fâche pas … pourquoi es-tu jaloux? parce que j’ai dansé tout à l’heure pour ces officiers … Eh bien, si tu le veux, je danserai pour toi maintenant, pour toi seul.

JOSÉ. Si je le veux, je crois bien que je le veux …

CARMEN. Où sont mes castagnettes? … qu’est-ce que j’ai fait de mes castagnettes? En riant. C’est toi qui me les a prises, mes castagnettes?

JOSÉ. Mais non!

CARMEN, tendrement. Mais si, mais si … je suis sûre que c’est toi … ah bah! en voilà des castagnettes. Elle casse une assiette, avec deux morceaux de faïence, se fait des castagnettes et les essaie … Ah! ça ne vaudra jamais mes castagnettes … Où sont-elles donc?

JOSÉ, trouvant les castagnettes sur la table à droite. Tiens, les voici …

CARMEN, riant. Ah! tu vois bien … c’est toi qui les avais prises …

JOSÉ. Ah! que je t’aime, Carmen, que je t’aime!

CARMEN. Je l’espère bien.

Duo

CARMEN.

Je vais en ton honneur danser la Romalis,

Et tu verras, mon fils,

Comment je sais moi-même accompagner ma danse.

Mettez-vous là, don José, je commence.

Elle fait asseoir don José dans un coin du théâtre. Petite danse, Carmen, du bout des lèvres, fredonne un air qu’elle accompagne avec ses castagnettes. Don José la dévore des yeux. On entend au loin, très

loin, des clairons qui sonnent la retraite. Don José prête l’oreille. Il croit entendre les clairons, mais les castagnettes de Carmen claquent très bruyamment. Don José s’approche de Carmen, lui prend le bras, et l’oblige à s’arrêter.

JOSÉ.

Attends un peu, Carmen, rien qu’un moment, arrête.

CARMEN.

Et pourquoi, s’il te plaît?

JOSÉ.

Il me semble, là-bas …

Oui, ce sont nos clairons qui sonnent la retraite

Ne les entends-tu pas?

CARMEN.

Bravo! j’avais beau faire … Il est mélancolique

De danser sans orchestre. Et vive la musique

Qui nous tombe du ciel!

Elle reprend sa chanson qui se rythme sur la retraite sonnée au-dehors par les clairons. Carmen se remet à danser et don José se remet à regarder Carmen. La retraite approche … approche … approche … passe sous les fenêtres de l’auberge … puis s’éloigne … Le son des clairons va s’affaiblissant. Nouvel effort de don José pour s’arracher à cette contemplation de Carmen … Il lui

prend le bras et l’oblige encore à s’arrêter.

JOSÉ.

Tu ne m’as pas compris … Carmen, c’est la retraite …

Il faut que, moi, je rentre au quartier pour l’appel …

Le bruit de la retraite cesse tout à coup.

CARMEN, regardant don José qui remet sa giberne et rattache le ceinturon de son sabre.

Au quartier! pour l’appel! j’étais vraiment bien bête!

Je me mettais en quatre et je faisais des frais

Pour amuser monsieur, je chantais … je dansais …

Je crois, Dieu me pardonne,

Qu’un peu plus, je l’aimais …

Ta ra ta ta, c’est le clairon qui sonne!

Il part! il est parti!

Va-t’en donc, canari.

Avec fureur, lui envoyant son shako à la volée.

Prends ton shako, ton sabre, ta giberne.

Et va-t’en, mon garçon, retourne à ta caserne.

JOSÉ.

C’est mal à toi, Carmen, de te moquer de moi;

Je souffre de partir … car jamais, jamais femme,

Jamais femme avant toi

Aussi profondément n’avait troublé mon âme.

CARMEN.

Ta ra ta ta, mon Dieu …, c’est la retraite,

Je vais être en retard. Il court, il perd la tête,

Et voilà son amour.

JOSÉ.

Ainsi tu ne crois pas

A mon amour?

CARMEN.

Mais non!

JOSÉ.

Eh bien! tu m’entendras.

CARMEN.

Je ne veux rien entendre …

Tu vas te faire attendre.

JOSÉ, violemment.

Tu m’entendras, Carmen, tu m’entendras!

De la main gauche il a saisi brusquement le bras de Carmen; de la main droite, il va chercher sous sa veste d’uniforme la fleur de cassie que Carmen lui a jetée au premier acte. – Il montre cette fleur à Carmen.

JOSÉ.

I

La fleur que tu m’avais jetée,

Dans ma prison m’était restée

Flétrie et sèche, mais gardant

Son parfum terrible, enivrant.

Et pendant des heures entières,

Sur mes yeux fermant mes paupières,

Ce parfum, je le respirais

Et dans la nuit et je te voyais.

Car tu n’avais eu qu’à paraître

Qu’à jeter un regard sur moi

Pour t’emparer de tout mon être,

Et j’étais une chose à toi.

II

Je me prenais à te maudire,

A te détester, à me dire!:

Pourquoi faut-il que le destin

L’ait mise là, sur mon chemin?

Puis je m’accusais de blasphème

Et je ne sentais en moi-même

Qu’un seul désir, un seul espoir,

Te revoir, Carmen, te revoir! …

Car tu n’avais eu qu’à paraître,

Qu’à jeter un regard sur moi

Pour t’emparer de tout mon être,

Et j’étais une chose à toi.

CARMEN.

Non, tu ne m’aimes pas, non, car si tu m’aimais,

Là-bas, là-bas, tu me suivrais

JOSÉ.

Carmen!

CARMEN.

Là-bas, là-bas, dans la montagne,

Sur ton cheval tu me prendrais,

Et comme un brave, à travers la campagne,

En croupe, tu m’emporterais.

JOSÉ.

Carmen!

CARMEN.

Là-bas, là-bas, si tu m’aimais,

Là-bas, là-bas, tu me suivrais.

Point d’officier à qui tu doives obéir,

Et point de retraite qui sonne

Pour dire à l’amoureux qu’il est temps de partir.

JOSÉ.

Carmen!

CARMEN.

Le ciel ouvert, la vie errante

Pour pays l’univers, pour loi ta volonté,

Et surtout la chose enivrante,

La liberté! la liberté!

Là-bas, là-bas, si tu m’aimais,

Là-bas, là-bas, tu me suivrais.

JOSÉ, presque vaincu.

Carmen!

CARMEN.

Oui, n’est-ce pas,

Là-bas, là-bas, tu me suivrais,

Tu m’aimes et tu me suivras.

JOSÉ, s’arrachant brusquement des bras de Carmen.

Non, je ne veux plus t’écouter …

Quitter mon drapeau … déserter …

C’est la honte, c’est l’infamie,

Je n’en veux pas!

CARMEN.

Eh bien, pars!

JOSÉ.

Carmen, je t’en prie …

CARMEN.

Je ne t’aime plus, je te hais!

JOSÉ.

Carmen!

CARMEN.

Adieu! mais adieu pour jamais.

JOSÉ.

Eh bien, soit! … adieu pour jamais.

Il va en courant jusqu’à la porte … Au moment où il y arrive, on frappe … Don José s’arrête. Silence. On frappe encore.

Scène VI

Les mêmes, le lieutenant.

LE LIEUTENANT, au-dehors.

Holà! Carmen! holà! holà!

JOSÉ.

Qui frappe? qui vient là?

CARMEN.

Tais-toi …

LE LIEUTENANT, faisant sauter la porte.

J’ouvre moi-même et j’entre.

Il entre et voit don José. – A Carmen.

Ah! fi, la belle.

Le choix n’est pas heureux; c’est se mésallier

De prendre le soldat quand on a l’officier.

A don José.

Allons! décampe.

JOSÉ.

Non.

LE LIEUTENANT.

Si fait, tu partiras.

JOSÉ.

Je ne partirai pas.

LE LIEUTENANT, le frappant.

Drôle!

JOSÉ, sautant sur son sabre.

Tonnerre! il va pleuvoir des coups.

Le lieutenant dégaine à moitié.

CARMEN, se jetant entre eux deux.

Au diable le jaloux!

Appelant.

A moi! à moi!

Le Dancaïre, le Remendado et les Bohémiens paraissent de tous les côtés. Carmen d’un geste montre le lieutenant aux Bohémiens; le Dancaïre et le Remendado se jettent sur lui, le désarment.

Mon officier, l’amour

Vous joue en ce moment un assez vilain tour,

Vous arrivez fort mal et nous sommes forcés,

Ne voulant être dénoncés,

De vous garder au moins pendant une heure.

LE DANCAIRE ET LE REMENDADO.

Nous allons, cher monsieur, quitter cette demeure,

Vous viendrez avec nous …

CARMEN.

C’est une promenade;

Consentez-vous?

LE DANCAIRE ET LE REMENDADO, le pistolet à la main.

Répondez, camarade,

Consentez-vous?

LE LIEUTENANT.

Certainement,

D’autant plus que votre argument

Est un de ceux auxquels on ne résiste guère

Mais gare à vous plus tard.

LE DANCAIRE, avec philosophie.

La guerre, c’est la guerre.

En attendant, mon officier,

Passez devant sans vous faire prier.

CHŒUR.

Passez devant sans vour faire prier.

L’officier sort, emmené par quatre Bohémiens, le pistolet à la main.

CARMEN, à don José.

Es-tu des nôtres maintenant?

JOSÉ.

Il le faut bien.

CARMEN.

Le mot n’est pas galant.

Mais qu’importé, tu t’y feras

Quand tu verras

Comme c’est beau la vie errante,

Pour pays l’univers, pour loi ta volonté,

Et surtout la chose enivrante,

La liberté! la liberté!

TOUS.

Le ciel ouvert! la vie errante,

Pour pays l’univers, pour loi sa volonté,

Et surtout la chose enivrante,

La liberté! la liberté!

Acte troisième

Le rideau se lève sur des rochers … site pittoresque et sauvage … Solitude complète et nuit noire. Prélude musical. – Au bout de quelques instants, un contrebandier paraît au haut des rochers, puis un autre, puis deux autres, puis vingt autres çà et là, descendant et escaladant des rochers. Des hommes portent de gros ballots sur les épaules.

Scène première

Carmen, don José, le dancaire, le remendado, Frasquita, Mercédès, contrebandiers.

CHŒUR.

Écoute, compagnon, écoute,

La fortune est là-bas, là-bas,

Mais prends garde pendant la route,

Prends garde de faire un faux pas.

LE DANCAIRE, JOSÉ, CARMEN, MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

Notre métier est bon, mais pour le faire il faut

Avoir une âme forte,

Le péril est en bas, le péril est en haut,

Il est partout, qu’importe?

Nous allons devant nous, sans souci du torrent,

Sans souci de l’orage.

Sans souci du soldat qui là-bas nous attend,

Et nous guette au passage.

Écoute, compagnon, écoute,

La fortune est là-bas, là-bas …

Mais prends garde pendant la route,

Prends garde de faire un faux pas.

LE DANCAIRE. Halte! nous allons nous arrêter ici … ceux qui ont sommeil pourront dormir pendant une demi-heure …

LE REMENDADO, s’étendant avec volupté. Ah!

LE DANCAIRE. Je vais, moi, voir s’il y a moyen de faire entrer les marchandises dans la ville … une brèche s’est faite dans le mur d’enceinte et nous pourrions passer par là; malheureusement on a mis un factionnaire pour garder cette brèche.

JOSÉ. Lillas Pastia nous a jait savoir que, cette nuit, ce factionnaire serait un homme à nous …

LE DANCAIRE. Oui, mais Lillas Pastia a pu se tromper … le factionnaire qu’il veut dire a pu être changé … Avant d’aller plus loin je ne trouve pas mauvais de m’assurer moi-même … Appelant. Remendado! …

LE REMENDADO, se réveillant. Hé?

LE DANCAIRE. Debout, tu vas venir avec moi …

LE REMENDADO. Mais, patron …

LE DANCAIRE. Qu’est-ce que c’est? …

LE REMENDADO, se levant. Voilà, patron, voilà! …

LE DANCAIRE. Allons, passe devant.

LE REMENDADO. Et moi qui rêvais que j’allais pouvoir dormir … C’était un rêve, hélas! c’était un rêve! …

Il sort suivi du Dancaïre.

Scène II

Les mêmes, moins le dancaire et le remendado.

Pendant la scène entre Carmen et José, quelques Bohémiens allument un feu près duquel Mercédès et Frasquita viennent s’asseoir, les autres se roulent dans leurs manteaux, se couchent et s’endorment.

JOSÉ. Voyons, Carmen … si je t’ai parlé trop durement, je t’en demande pardon, faisons la paix.

CARMEN. Non.

JOSÉ. Tu ne m’aimes plus, alors?

CARMEN. Ce qui est sûr, c’est que je t’aime beaucoup moins qu’autrefois … et que si tu continues à t’y prendre de cette façon-là, je finirai par ne plus t’aimer du tout … Je ne veux pas être tourmentée ni surtout commandée. Ce que je veux, c’est être libre et faire ce qu’il me plaît.

JOSÉ. Tu es le diable, Carmen?

CARMEN. Oui, qu’est-ce que tu regardes là, à quoi penses-tu?

JOSÉ. Je me dis que là-bas … à sept ou huit lieues d’ici tout au plus, il y a un village, et dans ce village une bonne vieille femme qui croit que je suis encore un honnête homme …

CARMEN. Une bonne vieille femme?

JOSÉ. Oui; ma mère.

CARMEN. Ta mère. Eh bien là, vrai, tu ne ferais pas mal d’aller la retrouver, car décidément tu n’es pas fait pour vivre avec nous … chien et loup ne font pas longtemps bon ménage …

JOSÉ. Carmen …

CARMEN. Sans compter que le métier n’est pas sans péril pour ceux qui, comme toi, refusent de se cacher quand ils entendent des coups de fusil … plusieurs des nôtres y ont laissé leur peau, ton tour viendra.

JOSÉ. Et le tien aussi … si tu me parles encore de nous séparer et si tu ne te conduis pas avec moi comme je veux que tu te conduises …

CARMEN. Tu me tuerais, peut-être? … José ne répond pas. A la bonne heure … j’ai vu plusieurs fois dans les cartes que nous devions finir ensemble. Faisant claquer ses castagnettes. Bah! arrive qui plante …

JOSÉ. Tu es le diable, Carmen? …

CARMEN. Mais oui, je te l’ai déjà dit …

Elle tourne le dos à José et va s’asseoir près de Mercédès et de Frasquita. – Après un instant d’indécision, José s’éloigne à son tour et va s’étendre sur les rochers. – Pendant les dernières répliques de la scène, Mercédès et Frasquita ont étalé des cartes devant elles.

Trio.

FRASQUITA.

Mêlons!

MERCÉDÈS.

Coupons!

FRASQUITA.

C’est bien cela.

MERCÉDÈS.

Trois cartes ici …

FRASQUITA.

Quatre là.

MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

Et maintenant, parlez, mes belles

De l’avenir donnez-nous des nouvelles;

Dites-nous qui nous trahira,

Dites-nous qui nous aimera.

FRASQUITA.

Moi, je vois un jeune amoureux

Qui m’aime on ne peut davantage.

MERCÉDÈS.

Le mien est très riche et très vieux

Mais il parle de mariage.

FRASQUITA.

Il me campe sur son cheval,

Et dans la montagne il m’entraîne.

MERCÉDÈS.

Dans un château presque royal,

Le mien m’installe en souveraine.

FRASQUITA.

De l’amour à n’en plus finir,

Tous les jours nouvelles folies.

MERCÉDÈS.

De l’or tant que j’en puis tenir,

Des diamants … des pierreries.

FRASQUITA.

Le mien devient un chef fameux,

Cent hommes marchent à sa suite.

MERCÉDÈS.

Le mien, en croirai-je mes yeux …

Il meurt, je suis veuve et j’hérite.

Reprise de l’ensemble

Parlez encor, parlez, mes belles,

De l’avenir donnez-nous des nouvelles;

Dites-nous qui nous trahira,

Dites-nous qui nous aimera.

Elles recommencent à consulter les cartes.

FRASQUITA.

Fortune!

MERCÉDÈS.

Amour!

Carmen, depuis le commencement de la scène, suivait du regard le jeu de Mercédès et de Frasquita.

CARMEN.

Donnez, que j’essaie à mon tour.

Elle se met à tourner les cartes. – Musique de scène.

Carreau, pique … la mort!

J’ai bien lu … moi d’abord.

Montrant don José endormi.

Ensuite lui … pour tous les deux la mort!

A voix basse, tout en continuant à mêler les cartes.

En vain pour éviter les réponses amères,

En vain tu mêleras,

Cela ne sert à rien, les cartes sont sincères

Et ne mentiront pas.

Dans le livre d’en haut, si ta page est heureuse,

Mêle et coupe sans peur,

La carte sous les doigts se tournera joyeuse

T’annonçant le bonheur.

Mais si tu dois mourir, si le mot redoutable

Est écrit par le sort,

Recommence vingt fois … la carte impitoyable

Dira toujours: la mort!

Se remettant.

Bah! qu’importe après tout, qu’importe? …

Carmen bravera tout, Carmen est la plus forte!

FRASQUITA, MERCÉDÈS ET CARMEN.

Parlez encor, parlez, mes belles,

De l’avenir donnez-nous des nouvelles,

Dites-nous qui nous trahira,

Dites-nous qui nous aimera.

Rentrent le Dancaïre et le Remendado.

Scène III

Carmen, don José, Frasquita, Mercédès, le dancaire, le remendado.

CARMEN. Eh bien? …

LE DANCAIRE. Eh bien, j’avais raison de ne pas me fier aux renseignements de Lillas Pastia; nous n’avons pas trouvé son factionnaire, mais en revanche nous avons aperçu trois douaniers qui gardaient la brèche et qui la gardaient bien, je vous assure …

CARMEN. Savez-vous leurs noms à ces douaniers?

LE REMENDADO. Certainement nous savons leurs noms; qui est-ce qui connaîtrait les douaniers si nous ne les connaissions pas? Il y avait Eusebio, Perez et Bartolomé.

FRASQUITA. Euseibo …

MERCÉDÈS. Perez …

CARMEN. Et Bartolomé … En riant. N’ayez pas peur, Dancaïre, nous vous en répondons de vos trois douaniers …

JOSÉ, furieux. Carmen!…

LE DANCAIRE. Ah! toi tu vas nous laisser tranquilles avec ta jalousie … le jour vient et nous n’avons pas de temps à perdre … En route, les enfants … On commence à prendre les ballots. Quant à toi S’adressant à José. je te confie la garde des marchandises que nous n’emporterons pas … Tu vas te placer là, sur cette hauteur … tu y seras à merveille pour voir si nous sommes suivis …; dans le cas où tu apercevrais quelqu’un, je t’autorise à passer ta colère sur l’indiscret. – Nous y sommes? …

LE REMENDADO. Oui, patron.

LE DANCAIRE. En route alors … Aux femmes. Mais vous ne vous flattez pas, vous me répondez vraiment de ces trois douaniers?

CARMEN. N’ayez pas peur, Dancaïre.

Morceau d’ensemble.

CARMEN.

Quant au douanier c’est notre affaire;

Tout comme un autre il aime à plaire,

Il aime à faire le galant,

Laissez-nous passer en avant.

CARMEN, MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

Quant au douanier c’est notre affaire

Laissez-nous passer en avant.

MERCÉDÈS.

Et le douanier sera clément.

FRASQUITA.

Et le douanier sera charmant.

CARMEN.

Il sera même entreprenant! …

Ensemble.

TOUTES LES FEMMES.

Quant au douanier c’est notre affaire,

Tout comme un autre il aime à plaire,

Il aime à faire le galant.

Laissez-nous passer en avant.

TOUS LES HOMMES.

Quant au douanier c’est leur affaire,

Tout comme un autre il aime à plaire,

Il aime à faire le galant,

Laissons-les passer en avant.

FRASQUITA.

Il ne s’agit plus de bataille,

Non, il s’agit tout simplement

De se laisser prendre la taille

Et d’écouter un compliment.

CARMEN, MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

Quant au douanier, c’est notre affaire,

Etc., etc.

Reprise de l’ensemble.

MERCÉDÈS.

S’il faut aller jusqu’au sourire,

Que voulez-vous? on sourira,

Et d’avance, je puis le dire,

La contrebande passera.

CARMEN, MERCÉDÈS ET FRASQUITA.

Quant au douanier, c’est notre affaire,

Etc., etc.

Reprise de l’ensemble.

Tout le monde sort. – José ferme la marche et sort en examinant l’amorce de sa carabine; – un peu avant qu’il soit sorti, on voit un homme passer sa tête au-dessus du rocher. C’est un guide.

Scène IV

Le guide, puis Micaela.

LE GUIDE; il s’avance avec précaution, puis fait un signe à Micaëla que l’on ne voit pas encore. Nous y sommes.

MICAELA, entrant. C’est ici.

LE GUIDE. Oui, vilain endroit, n’est-ce pas, et pas rassurant du tout?

MICAELA. Je ne vois personne.

LE GUIDE. Ils viennent de partir, mais ils reviendront bientôt, car ils n’ont pas emporté toutes leurs marchandises … je connais leurs habitudes … prenez garde … l’un des leurs doit être en sentinelle quelque part et si l’on nous apercevait …

MICAELA. Je l’espère bien qu’on m’apercevra … puisque je suis venue ici tout justement pour parler à … pour parler à un de ces contrebandiers …

LE GUIDE. Eh bien là, vrai, vous pouvez vous vanter d’avoir du courage … tout à l’heure quand nous nous sommes trouvés au milieu de ce troupeau de taureaux sauvages que conduisait le célèbre Escamillo, vous n’avez pas tremblé … Et maintenant venir ainsi affronter ces Bohémiens …

MICAELA. Je ne suis pas facile à effrayer.

LE GUIDE. Vous dites cela parce que je suis près de vous, mais si vous étiez toute seule …

MICAELA. Je n’aurais pas peur, je vous assure.

LE GUIDE. Bien vrai? …

MICAELA. Bien vrai …

LE GUIDE, naïvement. Alors je vous demanderai la permission de m’en aller. – J’ai consenti à vous servir de guide parce que vous m’avez bien payé; mais maintenant que vous êtes arrivée … si ça ne vous fait rien, j’irai vous attendre là, où vous m’avez pris … à l’auberge qui est au bas de la montagne.

MICAELA. C’est cela, allez m’attendre!

LE GUIDE. Vous restez décidément?

MICAELA. Oui, je reste!

LE GUIDE. Que tous les saints du paradis vous soient en aide alors, mais c’est une drôle d’idée que vous avez là …

Scène V

MICAELA, regardant autour d’elle. Mon guide avait raison … l’endroit n’est pas bien rassurant.

I

Je dis que rien ne m’épouvante,

Je dis que je réponds de moi,

Mais j’ai beau faire la vaillante,

Au fond du cœur, je meurs d’effroi …

Toute seule, en ce lieu sauvage

J’ai peur, mais j’ai tort d’avoir peur,

Vous me donnerez du courage,

Vous me protégerez, Seigneur …

Protégez-moi, protégez-moi, Seigneur.

II

Je vais voir de près cette femme

Dont les artifices maudits

Ont fini par faire un infâme

De celui que j’aimais jadis;

Elle est dangereuse, elle est belle,

Mais je ne veux pas avoir peur,

Je parlerai haut devant elle,

Vous me protégerez, Seigneur …

Protégez-moi, protégez-moi, Seigneur.

Mais … je ne me trompe pas … à cent pas d’ici … sur ce rocher, c’est don José Appelant. José, José! Avec terreur. Mais que fait-il? … Il ne regarde pas de mon côté … il arme sa carabine, il ajuste … il fait feu … On entend un coup de feu. Ah! mon Dieu, j’ai trop présumé de mon courage … j’ai peur … j’ai peur.

Elle disparaît derrière les rochers. – Au même moment entre Escamillo tenant son chapeau à la main.

Scène VI

Escamillo, puis don José.

ESCAMILLO, regardant son chapeau. Quelques lignes plus bas … et ce n’est pas moi qui, à la course prochaine, aurais eu le plaisir de combattre les taureaux que je suis en train de conduire …

Entre José.

JOSÉ, son manteau à la main.

Qui êtes-vous? répondez.

ESCAMILLO, très calme.

Eh là … doucement!

Duo.

LE TORERO.

Je suis Escamillo, toréro de Grenade.

JOSÉ.

Escamillo!

LE TORERO.

C’est moi.

JOSÉ, remettant son couteau à sa ceinture.

Je connais votre nom,

Soyez le bienvenu; mais vraiment, camarade,

Vous pouviez y rester.

LE TORERO.

Je ne vous dis pas non

Mais je suis amoureux, mon cher, à la folie,

Et celui-là serait un pauvre compagnon

Qui, pour voir ses amours, ne risquerait sa vie.

JOSÉ.

Celle que vous aimez est ici?

LE TORERO.

Justement.

C’est une zingara, mon cher.

JOSÉ.

Elle s’appelle?

LE TORERO.

Carmen.

JOSÉ.

Carmen!

LE TORERO.

Elle avait pour amant

Un soldat qui jadis a déserté pour elle.

JOSÉ.

Carmen!

LE TORERO.

Ils s’adoraient, mais c’est fini, je crois.

Les amours de Carmen ne durent pas six mois.

JOSÉ.

Vous l’aimez cependant …

LE TORERO.

Je l’aime.

JOSÉ.

Mais pour nous enlever nos filles de Bohême,

Savez-vous bien qu’il faut payer?

LE TORERO.

Soit, on paiera.

JOSÉ.

Et que le prix se paie à coups de navaja,

Comprenez-vous?

LE TORERO.

Le discours est très net.

Ce déserteur, ce beau soldat qu’elle aime

Ou du moins qu’elle aimait, c’est donc vous?

JOSÉ.

C’est moi-même.

LE TORERO.

J’en suis ravi, mon cher, et le tour est complet.

Tous les deux, la navaja à la main, se drapent dans leurs manteaux.

Ensemble.

JOSÉ.

Enfin ma colère

Trouve à qui parler.

Le sang, je l’espère,

Va bientôt couler

LE TORERO.

Quelle maladresse!

J’en rirais vraiment!

Chercher la maîtresse

Et trouver l’amant.

Mettez-vous en garde

Et veillez sur vous,

Tant pis pour qui tarde

A parer les coups.

Ils se mettent en garde à une certaine distance.

LE TORERO.

Je la connais, ta garde navarraise,

Et je te préviens en ami,

Qu’elle ne vaut rien …

Sans répondre, don José marche sur le torero.

A ton aise.

Je t’aurai du moins averti.

Combat. – Musique de scène. Le torero très calme cherche seulement à se défendre.

JOSÉ.

Tu m’épargnes, maudit.

LE TORERO.

A ce jeu de couteau

Je suis trop fort pour toi.

JOSÉ.

Voyons cela.

Rapide et très vif engagement corps à corps. José se trouve à la merci du torero qui ne le frappe pas.

LE TORERO.

Tout beau,

Ta vie est à moi, mais en somme

J’ai pour métier de frapper le taureau,

Non de trouer le cœur de l’homme.

JOSÉ.

Frappe ou bien meurs … Ceci n’est pas un jeu.

LE TORERO, se dégageant.

Soit, mais au moins respire un peu.

Reprise de l’ensemble.

JOSÉ.

Enfin ma colère

Etc.

LE TORERO.

Quelle maladresse!

Etc.

Après le dernier ensemble, reprise du combat. Le torero glisse et tombe. – Entrent Carmen et le Dancaïre; Carmen arrête le bras de don José. – Le torero se relève; le Remendado, Mercédès, Frasquita et les contrebandiers rentrent pendant ce temps.

CARMEN.

Holà, José! …

LE TORERO, se relevant.

Vrai, j’ai l’âme ravie

Que ce soit vous, Carmen, qui me sauviez la vie.

CARMEN.

Escamillo!

LE TORERO, à don José.

Quant à toi, beau soldat,

Nous sommes manche à manche et nous jouerons la belle

Le jour où tu voudras reprendre le combat.

LE DANCAIRE.

C’est bon, plus de querelle,

Nous, nous allons partir.

Au torero.

Et toi, l’ami, bonsoir.

LE TORERO.

Souffrez au moins qu’avant de vous dire au revoir,

Je vous invite tous aux Courses de Séville.

Je compte pour ma part y briller de mon mieux,

Et qui m’aime y viendra.

A don José qui fait un geste de menace.

L’ami, tiens-toi tranquille,

J’ai tout dit et n’ai plus qu’à faire mes adieux …

Jeu de scène. Don José veut s’élancer sur le torero. Le Dancaïre et le Remendado le retiennent. Le torero sort très lentement.

JOSÉ, à Carmen.

Prends garde à toi, Carmen … je suis las de souffrir …

Carmen lui répond par un léger haussement d’épaules et s’éloigne de lui.

LE DANCAIRE.

En route … en route … il faut partir …

TOUS.

En route … en route … il faut partir …

LE REMENDADO.

Halte! … quelqu’un est là qui cherche à se cacher.

Il amène Micaëla.

CARMEN.

Une femme!

LE DANCAIRE.

Pardieu, la surprise est heureuse.

JOSÉ, reconnaissant Micaëla.

Micaëla! …

MICAELA.

Don José! …

JOSÉ.

Malheureuse!

Que viens-tu faire ici?

MICAELA.

Moi, je viens te chercher …

Là-bas est la chaumière

Où, sans cesse priant,

Une mère, ta mère,

Pleure son enfant …

Elle pleure et t’appelle,

Elle te tend les bras;

Tu prendras pitié d’elle,

José, tu me suivras.

CARMEN.

Va-t’en! va-t’en! Tu feras bien,

Notre métier ne te vaut rien.

JOSÉ, à Carmen.

Tu me dis de la suivre?

CARMEN.

Oui, tu devrais partir.

JOSÉ.

Pour que toi tu puisses courir

Après ton nouvel amant.

Non, vraiment,

Dût-il m’en coûter la vie,

Non, je ne partirai pas,

Et la chaîne qui nous lie

Nous liera jusqu’au trépas …

Tu ne m’aimes plus, qu’importe,

Puisque je t’aime encor, moi.

Cette main est assez forte

Pour me répondre de toi,

Je te tiens, fille damnée,

Et je te forcerai bien

A subir la destinée

Qui rive ton sort au mien.

Dût-il m’en coûter la vie,

Non, je ne partirai pas,

Et la chaîne qui nous lie

Nous liera jusqu’au trépas.

MICAELA.

Écoute-moi, je t’en prie,

Ta mère te tend les bras,

Cette chaîne qui te lie,

José, tu la briseras.

CHŒUR.

Il t’en coûtera la vie,

José, si tu ne pars pas,

Et la chaîne qui vous lie

Se rompra par ton trépas.

CARMEN.

C’était écrit! cela doit être:

Moi d’abord … et puis lui … Le destin est le maître.

MICAELA.

Don José!

JOSÉ.

Laissez-moi, car je suis condamné!

MICAELA.

Une parole encor! … ce sera la dernière.

Ta mère se meurt et ta mère

Ne voudrait pas mourir sans t’avoir pardonné.

JOSÉ.

Ma mère… elle se meurt …

MICAELA.

Oui, don José.

JOSÉ.

Partons …

A Carmen.

Sois contente, je pars, mais nous nous reverrons.

Il entraîne Micaëla. – On entend le torero.

LE TORERO, au loin.

Toreador, en garde,

Et songe en combattant

Qu’un œil noir te regarde

Et que l’amour t’attend.

José s’arrête au fond … dans les rochers … Il hésite, puis après un instant.

JOSÉ.

Partons, Micaëla, partons.

Carmen écoute et se penche sur les rochers. – Les Bohémiens ont pris leurs ballots et se mettent en marche.

Acte quatrième

Une place à Séville. – Au fond du théâtre les murailles de vieilles arènes … L’entrée du cirque est fermée par un long vélum. – C’est le jour d’un combat de taureaux. Grand mouvement sur la place. – Marchands d’eau, d’oranges, d’éventails, etc., etc.

Scène première

Le lieutenant, Andrès, Frasquita, Mercédès, etc., puis Carmen et Escamillo.

CHŒUR.

A deux cuartos,

A deux cuartos,

Des éventails pour s’éventer,

Des oranges pour grignoter,

A deux cuartos,

A deux cuartos,

Señoras et caballeros …

Pendant ce premier chœur sont entrés les deux officiers du deuxième acte, ayant au bras les deux Bohémiennes Mercédès et Frasquita.

PREMIER OFFICIER.

Des oranges, vite.

PLUSIEURS MARCHANDS, se précipitant.

En voici.

Prenez, prenez, mesdemoiselles.

UN MARCHAND, à l’ officier qui paie.

Merci mon officier, merci.

LES AUTRES MARCHANDS.

Celles-ci, señor, sont plus belles …

TOUS LES MARCHANDS.

A deux cuartos,

A deux cuartos,

Señoras et caballeros.

MARCHAND DE PROGRAMME.

Le programme avec les détails.

AUTRES MARCHANDS.

Du vin …

AUTRES MARCHANDS.

De l’eau.

AUTRES MARCHANDS.

Des cigarettes.

DEUXIÈME OFFICIER.

Holà! marchand, des éventails.

UN BOHÉMIEN, se précipitant.

Voulez-vous aussi des lorgnettes?

REPRISE DU CŒUR.

A deux cuartos,

A deux cuartos,

Des éventails pour s’éventer,

Des oranges pour grignoter,

A deux cuartos,

A deux cuartos,

Señoras et caballeros.

LE LIEUTENANT. Qu’avez-vous donc fait de la Carmencita? je ne la vois pas.

FRASQUITA. Nous la verrons tout à l’heure … Escamillo est ici, la Carmencita ne doit pas être loin.

ANDRÈS. Ah! c’est Escamillo, maintenant?

MERCÉDÈS. Elle en est folle …

FRASQUITA. Et son ancien amoureux José, sait-on ce qu’il est devenu? …

LE LIEUTENANT. Il a reparu dans le village où sa mère habitait … l’ordre avait même été donné de l’arrêter, mais quand les soldats sont arrivés, José n’était plus là …

MERCÉDÈS. En sorte qu’il est libre?

LE LIEUTENANT. Oui, pour le moment.

FRASQUITA. Hum! je ne serais pas tranquille à la place de Carmen, je ne serais pas tranquille du tout.

On entend de grands cris au dehors … des fanfares, etc., etc. C’est l’arrivée de la Cuadrilla.

CHŒUR.

Les voici, voici la quadrille,

La quadrille des toreros,

Sur les lances de soleil brille,

En l’air toques et sombreros!

Les voici, voici la quadrille,

La quadrille des toreros.

Défilé de la Cuadrilla. Pendant ce défilé, le chœur chante le morceau suivant.

Entrée des alguazils.

Voici, débouchant sur la place,

Voici d’abord, marchant au pas,

L’alguazil à vilaine face,

A bas! à bas! à bas! à bas!

Entrée des chulos et des banderilleros.

Et puis saluons au passage,

Saluons les hardis chulos,

Bravo! vivat! gloire au courage!

Voyez les banderilleros!

Voyez quel air de crânerie,

Quels regards et de quel éclat

Étincelle la broderie

De leur costume de combat.

Entrée des picadors.

Une autre quadrille s’avance,

Les picadors comme ils sont beaux!

Comme ils vont du fer et de leur lance

Harceler le flanc des taureaux.

Paraît enfin Escamillo, ayant près de lui Carmen radieuse et dans un costume éclatant.

Puis l’espadon, la fine lame,

Celui qui vient terminer tout,

Qui paraît à la fin du drame

Et qui frappe le dernier coup.

Bravo! bravo! Escamillo!

Escamillo, bravo!

ESCAMILLO, à Carmen.

Si tu m’aimes, Carmen, tu pourras tout à l’heure

En me voyant à l’œuvre être fière de moi.

CARMEN.

Je t’aime, Escamillo, je t’aime et que je meure

Si j’ai jamais aimé quelqu’un autant que toi.

LE CHŒUR.

Bravo! bravo! Escamillo!

Escamillo, bravo!

Trompettes au-dehors. Paraissent deux trompettes suivis de quatre alguazils.

PLUSIEURS VOIX, au fond.

L’alcade,

L’alcade,

Le seigneur alcade!

Chœur de la foule se rangeant sur le passage de l’alcade.

Pas de bousculade,

Regardons passer

Et se prélasser

Le seigneur alcade.

LES ALGUAZILS.

Place, place au seigneur alcade!

Petite marche à l’orchestre. Sur cette marche défile très lentement au fond l’alcade précédé et suivi des alguazils. Pendant ce temps Frasquita et Mercédès s’approchent de Carmen.

FRASQUITA.

Carmen, un bon conseil, ne reste pas ici.

CARMEN.

Et pourquoi, s’il te plaît?

FRASQUITA.

Il est là.

CARMEN.

Qui donc?

FRASQUITA.

Lui,

Don José … dans la foule il se cache; regarde.

CARMEN.

Oui, je le vois.

FRASQUITA.

Prends garde.

CARMEN.

Je ne suis pas femme à trembler,

Je reste, je l’attends … et je vais lui parler.

L’alcade est entré dans le cirque. Derrière l’alcade, le cortège de la quadrille reprend sa marche et entre dans le cirque. Le populaire suit … L’orchestre joue le motif: Les voici, voici la quadrille, et la foule en se retirant a dégagé don José … Carmen reste seule au premier plan. Tous deux se regardent pendant que la foule se dissipe et que le motif de la marche va diminuant et se mourant à l’orchestre. Sur les dernières notes, Carmen et don José restent seuls, en présence l’un de l’autre.

Scène II

Carmen, don José.

Duo.

CARMEN.

C’est toi?

JOSÉ.

C’est moi.

CARMEN.

L’on m’avait avertie

Que tu n’étais pas loin, que tu devais venir,

L’on m’avait même dit de craindre pour ma vie,

Mais je suis brave et n’ai pas voulu fuir.

JOSÉ.

Je ne menace pas, j’implore, je supplie;

Notre passé, je l’oublie,

Carmen, nous allons tous deux

Commencer une autre vie,

Loin d’ici, sous d’autres cieux.

CARMEN.

Tu demandes l’impossible.

Carmen jamais n’a menti,

Son âme reste inflexible

Entre elle et toi, c’est fini.

JOSÉ.

Carmen, il en est temps encore,

O ma Carmen, laisse-moi

Te sauver, toi que j’adore,

Et me sauver avec toi.

CARMEN.

Non, je sais bien que c’est l’heure,

Je sais que tu me tueras,

Mais que je vive ou je meure

Je ne céderai pas.

Ensemble.

JOSÉ.

Carmen, il en est temps encore,

O ma Carmen laisse-moi

Te sauver, toi que j’adore,

Et me sauver avec toi.

CARMEN.

Pourquoi t’occuper encore

D’un cœur qui n’est plus à toi?

En vain tu dis: je t’adore,

Tu n’obtiendras rien de moi.

JOSÉ.

Tu ne m’aimes donc plus?

Silence de Carmen et don José répète.

Tu ne m’aimes donc plus?

CARMEN.

Non, je ne t’aime plus.

JOSÉ.

Mais moi, Carmen, je t’aime encore;

Carmen, Carmen, moi je t’adore.

CARMEN.

A quoi bon tout cela? que de mots superflus!

JOSÉ.

Eh bien, s’il le faut, pour te plaire,

Je resterai bandit, tout ce que tu voudras,

Tout, tu m’entends, mais ne me quitte pas,

Souviens-toi du passé, nous nous aimions naguère.

CARMEN.

Jamais Carmen ne cédera.

Libre elle est née et libre elle mourra.

CHŒUR ET FANFARES, dans le cirque.

Viva! la course est belle,

Sur le sable sanglant

Le taureau qu’on harcèle

S’élance en bondissant …

Viva! Bravo! victoire!

Frappé juste en plein cœur,

Le taureau tombe! Gloire

Au torero vainqueur!

Victoire! victoire!

Pendant ce chœur, silence de Carmen et de don José … Tous deux écoutent … En entendant les cris de: Victoire, victoire! Carmen a laissé échapper un:

Ah! d’orgueil et de joie … Don José ne perd pas Carmen de vue … Le chœur terminé, Carmen fait un pas du côté du cirque.

JOSÉ, se plaçant devant elle.

Où vas-tu? …

CARMEN.

Laisse-moi.

JOSÉ.

Cet homme qu’on acclame,

C’est ton nouvel amant.

CARMEN, voulant passer.

Laisse-moi.

JOSÉ.

Sur mon âme,

Carmen, tu ne passeras pas.

Carmen, c’est moi que tu suivras!

CARMEN.

Laisse-moi, don José! … je ne te suivrai pas.

JOSÉ.

Tu vas le retrouver … tu l’aimes donc?

CARMEN.

Je l’aime,

Je l’aime, et devant la mort même,

Je répéterais que je l’aime.

FANFARES ET REPRISE DU CHŒUR, dans le cirque.

Viva! bravo! victoire!

Frappé juste en plein cœur,

Le taureau tombe! Gloire

Au torero vainqueur!

Victoire! Victoire! …

JOSÉ.

Ainsi, le salut de mon âme,

Je l’aurai perdu pour que toi,

Pour que tu t’en ailles, infâme!

Entre ses bras, rire de moi.

Non, par le sang, tu n’iras pas,

Carmen, c’est moi que tu suivras!

CARMEN.

Non! non! jamais!

JOSÉ.

Je suis las de te menacer.

CARMEN.

Eh bien! frappe-moi donc ou laisse-moi passer.

CHŒUR.

Victoire! victoire!

JOSÉ.

Pour la dernière fois, démon,

Veux-tu me suivre?

CARMEN.

Non! non!

Cette bague autrefois tu me l’avais donnée,

Tiens.

Elle la jette à la volée.

JOSÉ, le poignard à la main, s’avançant sur Carmen.

Eh bien, damnée …

Carmen recule … José la poursuit … Pendant ce temps fanfares et chœur dans le cirque.

CHŒUR.

Toreador, en garde,

Et songe en combattant

Qu’un œil noir te regarde

Et que l’amour t’attend.

José a frappé Carmen … Elle tombe morte … Le vélum s’ouvre. La foule sort du cirque.

JOSÉ.

Vous pouvez m’arrêter … c’est moi qui l’ai tuée.

Escamillo paraît sur les marches du cirque … José se jette sur le corps de Carmen.

O ma Carmen! ma Carmen adorée!

Fin