Gustav Schwab – Äneas – Dritter Teil

admin am Okt 13th 2011

Sechstes Buch

Äneas – Dritter Teil

Waffenstillstand

Die Morgenröte stand über dem Schlachtfelde, das die Trojaner als Sieger innehatten.
Äneas richtete auf einem Hügel ein Siegeszeichen auf. Der Stamm einer riesigen
Eiche, von dem alle Äste abgehauen waren, wurde mit der funkelnden Waffenrüstung
des Feldherrn Mezentius bekleidet: rechts wurde der blutige bebuschte Helm,
die zerbrochenen Speere des Fürsten, sein Panzer, der zwölfmal von Geschossen
getroffen und durchbohrt war, aufgehängt; links der eherne Schild und an seinem
Gurte das Schwert in der Scheide von Elfenbein. Der gesamte Haufe der trojanischen
Führer drängte sich um das Denkmal, und Äneas weihte die Beute unter feierlichem
Flehen dem Schlachtengott.

Alsdann wandten sie ihre Schritte nach dem Lager, wo der greise Arkadier Acötes,
der als Waffenträger und Gefährte seinem geliebten Zögling gefolgt war, den
entseelten Leib des Pallas hütete, den eine Schar von Dienern und teilnehmenden
Trojanern und Trojanerinnen mit aufgelöstem Haar umstand und der in einer bedeckten
Halle der Lagerburg untergebracht war. Als Äneas durch die Pforte trat, erhob
sich lautes Stöhnen; alle Anwesenden schlugen an die Brust, und die Burg dröhnte
von Jammer. Wie nun Äneas das Haupt des Pallas mit dem blassen Angesichte auf
dem Polster erblickte und in der jugendlichen Brust die offene Speerwunde, da
rief er, indem ihm die Tränen aus den Augen hervorquollen: »Unglückseliger Knabe,
hat dir das trügerische Glück, das dich so schmeichlerisch begleitete, nicht
vergönnt, das Reich, das du deinen Freunden gründen halfest, zu schauen, um
als Sieger in die Heimat zurückzukehren! Nicht solches habe ich deinem Vater
Euander versprochen, als er mich beim Scheiden umarmte und sprach: ›Hüte dich,
du gehst in den Kampf mit einem streitbaren und harten Volk!‹ Weh uns, vielleicht
bringt jetzt, da wir deinen Leichnam bestatten, dein Vater den Göttern Gelübde
für dich dar!« So sprach er weinend und befahl, die Leiche auf ein Geflecht
von Eichenzweigen zu legen und ins Lager zu tragen. Dort ward der Jüngling auf
einem hohen Grashügel mitsamt der Tragbahre niedergelassen und lag da nun wie
ein gepflücktes Veilchen oder eine welkende Hyazinthenblüte, von welcher Schönheit
und Farbenschimmer noch nicht ganz gewichen sind. Äneas selbst brachte zwei
purpurne, mit Gold durchwobene Feiergewande, von Didos eigener Hand gewirkt,
herbei: in das eine hüllte er den Leib des Jünglings, das andere schlang er
um sein Lockenhaupt. In diesem Schmucke sollte der Tote seinem Vater nach Pallanteum
zurückgeschickt werden. Dem Zuge schlossen sich erbeutete Gefangene, Pferde
mit Waffen beladen, Acötes, der alte Diener des Jünglings, der sich das Haar
zerraufte und die Brust mit Fäusten schlug, und zuletzt Athon, das Streitroß
des Königssohnes, an, das mit gesenktem Kopf einherschritt und Tränen vergoß
wie ein Mensch. Dann kamen die Fürsten der Etrusker und Arkadier und ein Trauergefolge
von Trojanern, alle mit gesenkten Waffen. Äneas sah dem Zuge der Begleitenden
nach, bis er aus seinen Augen verschwand, rief dem Toten ein letztes Lebewohl
zu und kehrte wieder in das Lager zurück.

Indessen waren aus der Stadt des Latinus Gesandte mit Ölzweigen in der Hand
angekommen und flehten um die Erlaubnis, die Leiber der Ihrigen bestatten zu
dürfen. Diesen erwiderte Äneas voll Huld, indem er ihnen ihre Bitte sogleich
gewährte: »Welche Verblendung, ihr Latiner, hat euch unsere Freundschaft verschmähen
lassen und in diesen großen Krieg verwickelt? Ihr begehret Frieden für eure
Toten? Wie gerne gewährte ich ihn auch den Lebenden! Auch wäre ich gewiß eurem
Lande niemals genaht, wenn dieser Wohnplatz mir nicht durch das Schicksal angewiesen
worden wäre. Dazu führe ich keineswegs Krieg mit eurem Volke. Nicht dieses,
nur euer König hat unsern Bund verschmäht und sich lieber den Waffen des Turnus
anvertraut. Will Turnus den Krieg mit der Faust enden, will er die Trojaner
durchaus nicht in dem Lande dulden, nun, so werfe er sich in seine Rüstung und
kämpfe mit mir, Mann für Mann. Behalte dann recht, wem ein Gott und seine Faust
das Leben verleiht. Jetzt aber gehet und legt eure armen Mitbürger auf den Scheiterhaufen.«

Als die Gesandten so milde Worte aus dem Munde des Trojanerfürsten hörten,
sahen sie, schweigend vor Staunen, einander an. Endlich sprach der greise Drances,
von jeher ein Feind des Turnus: »Held von Troja, was soll ich mehr an dir bewundern,
deine kriegerische Tugend oder deine Gerechtigkeit? Wir gehen, voll Dank unserer
Vaterstadt deine Willensmeinung zu verkünden und, wenn es möglich ist, den König
Latinus mit dir zu versöhnen.« Alle Gesandten bestätigten diese Rede mit ihrem
Beifallrufe. Es wurde ein Waffenstillstand auf zwölf Tage geschlossen, und nun
schweiften im Schutze desselben Latiner und Trojaner durcheinander ungefährdet
auf den waldigen Berghöhen umher; die Esche, die Fichte sank unter dem Streiche
der Axt; die Eiche, die Zeder, die Buche wurde mit Keulen gespalten, und seufzende
Wagen, schwer mit Holz beladen, fuhren der Stadt der Latiner zu.

Inzwischen war das Gerücht von dem Tode des Pallas zur Stadt des Euander gedrungen,
die bisher nur von den Siegen ihres Königssohnes vernommen und geträumt hatte.
Unaussprechliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Königs und aller
Bürger. Leichenfackeln in der Hand, stürzten die Arkadier zu den Toren hinaus,
und vom langen Zuge der Flammen leuchtete der Weg. Auf der andern Seite kam
ihnen die wehklagende Schar der Phrygier mit dem Leichnam entgegen.

Als die Frauen der Arkadier den Zug auf die Häuser der Stadt zukommen sahen,
erfüllten sie die Straßen mit lautem Heulen. Jetzt vermochte auch den König
Euander keine Gewalt mehr zurückzuhalten; er ging der Schar entgegen, und als
die Tragbahre niedergestellt ward, warf er sich über die Leiche seines Sohnes
und ließ seinem Schmerz in lautem Schluchzen und abgebrochenen Worten des Jammers
den Lauf.

Volksversammlung der Latiner


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Gustav Schwab – Äneas – Zweiter Teil

admin am Okt 13th 2011

Fünftes Buch

Äneas – Zweiter Teil

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia

Äneas mußte das Ende Didos, das sein Leichtsinn herbeigeführt hatte, obgleich
ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten
und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach
Sizilien, wo er vom Könige Acestes, dessen Mutter eine Trojanerin war, gütig
aufgenommen wurde und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr
zuvor bei Drepanum begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche
Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die trojanischen Frauen, von der Botin
Junos, Iris, angereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte,
daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen rettete Jupiter durch
einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein
Vater Anchises im Traum und brachte ihm Jupiters Befehl, die älteren Weiber
und unkriegerischen Greise in Sizilien zurückzulassen; er selbst solle mit dem
Kern der Mannschaft nach Italien segeln.

Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirtes
die Stadt Acesta in Sizilien und bevölkerte sie mit den Greisen und den alten
Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen,
Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Diesmal
gewährte ihm Neptunus, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres
Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und
blauesten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heitern Nacht sich
unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische
Gott des Schlafes hatte sich von den am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen
des Äthers herabgesenkt und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas selbst dem
wachsamen Steuermanne Palinurus, der auf dem hohen Verdeck am Steuer saß: »Sohn
des Jasius«, sprach er leise zu ihm, »Siehest du nicht, wie das Meer die Flotte
selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, endlich einmal auch ein
Stündlein dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten
Augen der steten Arbeit; komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!«
Palinurus vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben
und sprach: »Was sprichst du? Ich soll das tückische Element nicht kennen, wenn
es Ruhe heuchelt, und ihm vertrauen? Ich, den so oft der Betrug des heitern
Himmels hintergangen hat!« So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem
er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte
ihm in einem Zweige ein paar Tropfen von Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich
schlossen sich seine Augen. Dann zerbrach er die Planken am Steuer und gab dem
Schlummernden einen Stoß, daß er mitsamt dem Ruder kopfüber in die Wellen stürzte.
Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme
Steuermann und rief umsonst, mit den Wellen ringend, die Hilfe seiner schlafenden
Genossen an.

Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versprochenen Schutze des Meergottes,
auch ohne Steuermann ihren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Äneas
fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Kajeta. Damals
hatte er diesen Namen noch nicht und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme
des Helden, welche Kajeta hieß, nach der Landung hier starb und, ehe der Zug
weiterging, an dem Orte feierlich beigesetzt wurde. Dann begab sich der Führer
noch einmal mit seinen Genossen zu Schiffe und gelangte glücklich in den Hafen
von Ostia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach
der Tiberstrom, gelb von Sande, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins
Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesange den Ausfluß und durchschwebten
den Hain.

Das italische Land, in welchem sich die trojanischen Auswanderer nun befanden,
war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder
beherrschte ein schon alternder König mit Namen Latinus, ein Sohn des Faunus
und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen
Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia
warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor allen Turnus, der
schönste aller Jünglinge, der Sohn des Rutulerköniges Daunus, und ihn begünstigte
die Mutter Lavinias, die Königin Amata, vor allen andern. Aber schreckhafte
Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der
latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen
und dem Phöbus geweiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst
plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bienenschwarm, der mit lautem Gesumse
durch die heitere Luft herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der
ganze Schwarm wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter.
Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach:
»Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus einer Himmelsgegend
nach einer andern Himmelsgegend, und sehe ihn zuoberst in dieser Burg herrschen!«
Und wiederum geschah ein neues Zeichen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater
am Altare stand und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen
die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen
glühe und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Glut durch den ganzen Palast.
Das wurde nun vollends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten:
zwar Lavinia selbst – so lautete die Deutung der Seher – gehe einem herrlichen
Geschick und großem Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen
fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte darüber das Orakel seines Vaters
Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm
ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herrschaft der ganzen Welt bestimmt


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Gustav Schwab – Äneas

admin am Okt 13th 2011

Viertes Buch

Äneas – Erster Teil

Äneas verläßt die trojanische Küste

Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand,
geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Äneas dem Brande
seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuße des Idagebirges, wo dieses
in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandrus angekommen. Hier sammelten
sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder,
lauter unglückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter
seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick
führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten
und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten
Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner,
der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen
zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl.
Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste
losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.

Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an
dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König
Lykurgus, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, solange der Staat
der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft
mit diesen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dies Verhältnis eine grausame
Störung erlitten; denn als das Glück von Troja zu wanken begann und Ajax der
Telamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die
mit Priamus verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der
treulose König des Landes, den jungen Sohn des trojanischen Königs, Polydorus,
den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling
aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Trojas und vor den Augen des
Vaters gesteinigt.

Doch Äneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen
war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen
Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten
sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren
ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten
und welcher Äneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach
den Namen Änus beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte
für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Jupiter dem
Göttervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untadligen Stier am Gestade
zum Opfer. In der Nähe befand sich ein heiterer Hügel, auf welchem Kornellen
und Myrten in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Äneas
begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken.
Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den
Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flossen
auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte.
Angstvoll warf sich Äneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes
und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden,
mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft
ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er,
es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen,
und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach:
»Was quälest du mich, unglücklicher Äneas? Meine Seele wohnt in diesem Boden,
in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos
spielte. Ich bin dein Stammesgenosse, dein Verwandter, Äneas, bin Polydorus,
der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten
und vor deinen Augen unter Trojas Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist
von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden.
Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir
und allen Trojanern mit Unheil droht; denn noch herrscht das Geschlecht des
Verräters in diesem Lande.«

Als Äneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen
zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den andern Häuptlingen
des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte
des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt,
und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Totenfest gefeiert, schoben
die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit
ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus,
und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern
Inseln, ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten
emporhob. Sein Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen;
Apollo war hier geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um
andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der
Mitte der Zykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den
Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich
dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht und waren gastliche,
gute Leute. Dorthin steuerte Äneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen
nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer
Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich
Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und
dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen
Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Äneas und


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