Aufführungen

Euripides – Medea

Euripides

 

Medea

(Medeia)

 

Personen.

Amme der Medea

 

Kreon

 

Die Söhne der Medea

 

Erzieher

 

Jason

 

Chor korinthischer Frauen

 

Aigeus, Fürst von Athen

 

Medea

 

Bote

 

 

 

 

 

Vor dem Hause Jasons zu Korinth.

 

 

AMME.

Oh, wäre durch die schwarzen Wunderfelsen nie

Das Schiff geflogen, steuernd nach dem Kolcherland,

Wär auf den Waldhöhn Pelions nie der Fichtenstamm

Durchs Beil gefallen, hätte nie zum Steuer gedient

Der Hand erkorner Helden, die das goldne Vlies

Dem Pelias holten! Nimmermehr wär auch geschifft

Medea, meine Herrin, dann zur Griechenstadt,

Von Jasons Liebe hingerissen und betört,

Und hätte Pelias’ Töchter nie zum Vatermord

Verführt und wohnte nicht im Land Korinthos hier

Mit Mann und Kindern – bei den Bürgern zwar beliebt,

In deren Land sich niederließ die Fliehende,

Und treu zur Seite Jason stehend überall,

Worauf die Wohlfahrt allermeist im Haus beruht,

Wenn mit dem Manne einträchtig wirkt des Weibes Sinn. –

Doch nun ist alles feindlich, und das Leben siecht,

Weil Jason meine Herrin samt den Kindern hat

Im Stich gelassen und die junge Fürstin freit,

Die Tochter Kreons, der in diesem Land gebeut.

Und sie, das unglückselige, frech verschmähte Weib,

Medea, ruft die Eide, ruft der Treue Pfand,

Den Bund der Hände, rufet laut der Götter Macht

Zu Zeugen, wie von Jason ihr vergolten sei.

Dem Schmerze hingegeben, ohne Speise liegt

Sie da, verzehrt in Tränen sich die ganze Zeit,

Seitdem sie weiß, verraten sei sie vom Gemahl.

Das Auge nicht aufschlagend noch vom Boden je

Das Antlitz hebend, hört auf Freundeswort und Trost

Sie minder als der Felsen, als die Welle im Meer;

Nur daß mitunter, wendend ihren blassen Hals,

Sie für sich selber um den trauten Vater stöhnt,

Um Haus und Heimat, die sie einst verriet und floh,

Dem Manne folgend, der ihr mit Verschmähung lohnt.

Erkannt an ihrem Leide hat die Arme nun,

Wie glücklich ist, wer Herd und Heimat nicht verließ!

Die Kinder haßt sie, freut an ihrem Blick sich nicht –

Sie brütet, fürcht ich, über etwas Schrecklichem!

Ihr Herz ist schlimm, und Unrecht wird es nimmermehr

Ertragen; ja, ich kenne diese und fürchte sehr,

Sie stößt sich durch die eigne Brust den scharfen Stahl,

Ermordet wohl den Kreon samt dem Bräutigam

Und ladet dann noch größres Unheil auf ihr Haupt.

Denn schrecklich ist sie, und den Sieg gewinnt so leicht

Kein Gegner, der zum Kampf mit ihr anbinden mag.

Doch von der Rennbahn kommen nach beendigtem

Spiel hier die Knaben, von der Mutter Ungemach

Nichts ahnend. Harmlos ist der Jugend muntrer Sinn!

 

Der Erzieher mit den Kindern tritt auf.

 

 

ERZIEHER.

Du, meiner Herrin altgetreues Gut im Haus,

Warum so einsam stehst du vor den Pforten hier,

Beklagst in Selbstgesprächen unsre Not? Wie kommt’s,

Daß ohne dich Medea einsam weilen will?

AMME.

Du greiser Führer, Jasons Kindern beigesellt,

Dem braven Diener ist der Herrschaft Ungemach

Wie eignes Leiden, greift ihm innig tief ans Herz.

So hat der Kummer dergestalt mich übermannt,

Daß mich’s heraus ins Freie hier getrieben hat,

Die Not der Herrin Erd und Himmel kundzutun.

ERZIEHER.

Zufrieden also gibt sich noch ihr Jammer nicht?

AMME.

Ich bitt dich! Nicht die Hälft ist das! Erst hebt er an.

ERZIEHER.

O Törin! – wenn man seine Herrn so nennen darf.

Und weiß noch gar nichts von der andern neuen Not!

AMME.

Was ist es, Alter? Teile mir’s aufrichtig mit!

ERZIEHER.

Nichts! Hätt ich lieber auch das vorige nicht gesagt!

AMME.

Der Dienstgenossin birg es nicht, bei deinem Bart!

Ich will, wenn’s nötig, treu verschweigen, was du sagst.

ERZIEHER.

Ich stand beim Brettspiel, wo die ältern Männer sich

Einfinden, um Peirenes allverehrten Born,

Da hört ich einen sagen, so, als hörte ich’s nicht,

Daß diese Kinder aus dem Weichbild von Korinth

Mit ihrer Mutter treiben wolle dieses Lands

Gebieter Kreon. Ob die Rede wahr jedoch,

Das weiß ich nicht und wollte wohl, sie wär es nicht.

AMME.

Und könnte Jason über seine Kinder dies

Ergehen lassen, wenn er auch die Mutter haßt?

ERZIEHER.

Vor neuen Liebesbanden weichen alte stets,

Und er ist unserm Hause nicht mehr zugetan.

AMME.

So sind wir denn verloren, wenn sich neues Leid

Gesellt zum alten, eh noch dies verwunden ist!

ERZIEHER.

Doch da die Zeit jetzt, dies der Herrin kundzutun,

Nicht ist, so sei ja ruhig und verschweig das Wort!

AMME.

O Kinder, hört ihr’s, wie’s der Vater meint mit euch?

Ich will ihm zwar nicht fluchen, denn er ist mein Herr,

Doch schlecht und treulos an den Seinen handelt er!

ERZIEHER.

Wer in der Welt macht’s anders? Jetzt erst siehst du ein,

Daß jeder sein mehr als des Nächsten Wohl bedenkt,

Wie diese hier ihr Vater opfert seiner Lust?

AMME.

Es wird noch gut gehn, Kinder, geht ins Haus hinein.

Du aber halte möglichst abgeschlossen sie

Und bring sie nicht der Mutter nah, der wütenden.

Schon sah ich, wie sie grimmen Blicks die Kinder hier

Anstiert’, als hätt sie etwas vor, und sicher wird

Ihr Zorn nicht ruhen, eh er losbricht irgendwo.

Doch mög er Feinde treffen, nur die Freunde nicht!

 

MEDEA im Hause.

Ach weh!

Ich unglückseliges, leidendes Weib!

Ach, weh mir! Wär ich doch tot nur!

AMME.

Das ist’s, was ich sagt, ihr Söhn’, empört

Ist der Mutter Gemüt, empört ihr Zorn!

Geht schleunig hinein, ins Zimmer hinein,

Und tretet ihr nicht vor das Antlitz hin,

Nein, bleibt in der Fern und nehmt euch in acht

Vor der wilden Natur und der grimmigen Art

Des so störrigen Sinns.

Geht denn, begebt euch schleunig hinein jetzt!

Klar ist es, des Wehs dunkles Gewölke,

Das erst aufsteigt, schwingt bald sich empor

Mit heftgerem Sturm. Was verübt noch dies

Stolzempfindende, nimmer beruhigte

Herz, so von Schmerzen verwundet?

MEDEA.

Ach, ach! Elend ist, was ich erduld,

Elend und wert lauten Bejammerns!

O verwünschte, verderbt, Kinder der leidigen

Mutter, mitsamt ihm,

Und gehe zugrunde das Haus ganz!

AMME.

Ach weh, ach, Unglückselige, weh!

Was haben die Söhn’ an des Vaters Vergehn

Dir verschuldet? Warum sie hassen? O weh,

Kinder, wie bangt mir vor eurer Gefahr!

Schlimm ist der Gewalthaber Begier! Denn

Nur selten beherrscht, immer gebietend,

Lassen sie schwer vom heftig Gewollten.

Ja, besser in Gleichheit lebt sich’s, gewohnt!

Mir gönne das Glück, ob in Glanz nicht, doch

In gesichertem Stand zu verleben die Zeit.

Denn das Bescheidene erbet den Preis schon

In dem Namen allein, ist in der Übung

Bei weitem das Best, aber das Unmaß,

Wo immer es Macht übt, störet das Glück,

Und größeres Leid, wenn das Schicksal grollt,

Zum Verderben erzeugt es dem Hause.

 

Der Chor zieht ein.

 

 

CHOR.

Ich vernehme die Stimm, ich vernehme den Schrei

Dieser verlassenen

Kolcherin. Ist sie so wenig beruhigt noch? sag mir,

Greisin! Ich hör an den Flügeln der Türe von drinnen ihr

Schrein. Tief schmerzt mich der Jammer des Hauses; wir haben ja

Der trauten Teilnahme Bund geknüpfet.

AMME.

Wir haben kein Haus! Das ist leider vorbei!

Ihn fesselt der Bund mit der fürstlichen Braut,

Sie härmt sich im Haus zum Tode betrübt,

Meine Herrin, entbehrt auch jeglichen Freund,

Ihr Herz mit Trost zu erquicken.

MEDEA.

Ach, ach!

Oh, schlüge durchs Haupt mir vom Himmel der Blitz!

Was brächte mir noch mein Leben Gewinn?

Oh, gäbe der Tod mir Erlösung, weh!

Von diesem verleideten Dasein!

 

Strophe

 

 

CHOR.

Hörst du es, o Zeus und Erd und Licht,

Welch ein Wehruf von der unseligen

Ehfrau hertönt?

Was, Törin, so unersättlich

Verlangst du des Mannes Liebe?

Was suchst du des Tods Erlösung?

Das flehe mitnichten!

Hat ein neues Band deinen Gemahl entfremdet,

Zeus wird mit dem Recht – was tobst du! –

Dir dafür Rache verschaffen. Härm dich nicht

Zu sehr, weinend um deinen Ehgemahl!

 

MEDEA.

Themis und Artemis, schaut, ihr Mächtigen,

Was man mir antut, die mit gewaltigem

Eidschwur sich verband den verfluchten Gemahl!

Ha, säh ich ihn nur und die Braut mitsamt

Den Gemächern des Glücks einst noch zerschmettert,

Die frei sich erfrecht, mich zu beleidigen!

O Vater und Heimat, denen ich schnöd

Absagt, indem ich den Bruder erschlug!

AMME.

Hört, Fraun, was sie sagt, wie sie schreit zum Recht

Der Gelöbnisse, zum Zeus, welcher der Welt

Als Richter der Schwüre geehrt ist.

O nein, nicht kann durch mäßigen Schlag

Der Gebieterin Groll sich entladen.

 

Gegenstrophe

 

 

CHOR.

Wenn sie doch her vor mein Antlitz käm und

Ihr Herz dem Klang des gesprochenen Worts

Eingang gäbe!

Leicht ließe die schwere Zornwut,

Ihr trotziger Sinn sich meistern.

Nicht soll es an meinem Eifer

Je fehlen den Freunden.

Also geh hinein, führ sie heraus vom Zimmer,

Und melde die freundlich Absicht.

Doch rasch, bevor sie den Ihren Leides tut!

Denn zu fürchterlich stürmt der Schmerz in ihr.

 

AMME.

Tun will ich es, ob sie gehorcht, bangt mir:

Gern opfr ich noch die gefällige Müh,

Obwohl sie so wild wie die Löwin im Bett

Anstieret die Mägd, wenn eine zu ihr

In die Näh hintritt, sich zu reden erkühnt.

Wohl irrest du nicht, willst du die Vorwelt

Für sehr unweis und verkehrt ansehn,

Die Lieder erfand für fröhliche Zeit,

Tischfreuden und Schmaus und Hochzeitfest,

Und das Leben gewürzt mit Klängen der Lust!

Doch erfand niemand für den höllischen Zorn

Heilmittel im vielstimmigen Tonspiel

Und Gesange, woraus Mordtat entspringt

Und schwer Unheil zu der Häuser Verderb.

Gleichwohl wär’s großer Gewinn, solch Leid

Heilen im Tonspiel. Wo üppiges Mahl

Uns lächelt – wozu wetteifert der Schall?

Des bereiteten Mahls köstliche Fülle

Hat selber genug der Erquickung!

 

CHOR.

Wehschrei hör ich, vielen Weinens Klaggestöhn.

Sie schreit in hellem Jammerruf:

Der schlechte Gatte, der Eheverräter!

Laut beschwöret die Tiefgekränkte

Das Recht vom Himmel, welches im Schutze des Eidschwurs

Über die See in das griechische Land sie geführt in der Nacht

Hin durch des Meers undurchdringliche Pforten.

 

Medea tritt aus dem Hause, asiatisch gekleidet.

 

 

MEDEA.

Korinthsche Frauen, euch zulieb erschein ich hier,

Damit ihr nicht mich scheltet. Manche, weiß ich wohl,

Die draußen leben, ihrer Heimat ferne, sind

Hochmütgen Wesens; andern bringt Gleichgültigkeit

Und auch Verkennung ihr bequemer Fuß zuweg.

Denn Menschenaugen üben nicht Gerechtigkeit,

Wenn man, bevor des Nächsten Herz man prüft genau,

Vom bloßen Blick den hasset, der kein Leids getan.

Anschmiegen müssen Fremde sich der Bürgerschaft.

Auch nicht den Bürger lob ich, welcher störrgen Sinns

Den Bürgern unverträglich lebt aus Unverstand.

Mich hat dies wider Hoffen zugestoßne Leid

Zum Tod verwundet, Beste: hin bin ich; mir ist

Des Lebens Reiz verschwunden und der Tod ersehnt.

Er, der – ach, leider seh ich’s ein! – mein alles war,

Mein Gatte, hat als schlimmster Mann sich mir bewährt.

Von allem, was auf Erden Seel und Leben hat,

Die allerärmsten Wesen sind wir Frauen doch.

Wettstreit des Geldes erstlich muß den Gatten uns

Erkaufen, dem als Herren unser Leib sodann

Gehört; und dies ist übler als das Übel selbst!

Dabei ist großes Wagnis, ob er bieder ist,

Ob böse: denn unrühmlich ist dem Weibe stets

Die Scheidung, und verschmähn den Bräutgam darf sie nicht.

Gekommen dann zu ungewohnter Sitt und Sinn,

Erraten muß sie, nicht vom Hause her belehrt,

Wie eben ihres Ehgemahles Wesen sei.

Wenn nun dies alles glücklich ihr vonstatten geht

Und ihr Verlobter froh mit ihr im Bunde lebt,

Dann ist ihr Leben neidenswert – sonst besser tot!

Der Mann, wenn’s ihm, daheim zu sein, verleidet ist,

Er findet auswärts, was des Herzens Ärger stillt,

Bei einem Freund, in altersgleicher Männer Kreis;

Wir aber müssen nach des einen Launen sehn.

Sie sprechen wohl, wir leben frei von Fährlichkeit

Im Zimmer, während sie bestehn den Schlachtenkampf –

Und denken töricht: wollt ich dreimal lieber doch

In Schlachten stehen, als gebären einmal nur! –

Doch dein Verhältnis, meinem ist’s mitnichten gleich:

Du hast doch Heimat, hast Verwandte und Vaterhaus,

Genuß des Lebens, einen Kreis von Freundinnen.

Ich bin verlassen, ohne Heimat, bin verhöhnt

Vom Manne, der aus fremdem Land mich weggeraubt,

Hab weder Mutter weder Bruder weder Freund,

Um wegzuziehen, fort von diesem Ungemach!

Drum nur das eine wünsch ich mir von euch gewährt:

Wenn wo ein Mittel, wenn ein Weg sich mir entdeckt,

Für dieses Unrecht meinen Mann zu züchtigen

Und, der die Tochter ihm vermählet, samt der Braut,

Dann schweigt! In andrem ist das Weib voll zager Furcht,

Zu feig zu kämpfen und zu trotzen blankem Schwert,

Doch wo das Recht des Ehebunds gekränket ist,

Ist in der Welt auch kein Gemüt rachsüchtiger.

CHOR(FÜHRERIN).

Ich schweige, weil du billig Rache am Gatten suchst,

Medea; denn dein Jammer nimmt mich wunder nicht.

Nun seh ich dort auch Kreon, dieses Landes Herrn,

Herkommen, neue Schlüsse wohl dir kundzutun.

 

Kreon tritt auf.

 

 

KREON.

Dich ihrem Mann Erboste, die so finster blickt,

Medea, heiß ich räumen dieses Stadtgebiet,

Verbannt von hier mit deinem Kinderpaar zugleich.

Und säume nicht; denn als des Worts Vollstrecker bleib

Ich selbst zugegen, kehre nicht nach Haus, bevor

Ich dich getrieben aus dem Weichbild dieser Stadt.

MEDEA.

Weh, weh! So werd ich rettungslos verloren sein!

Die Feinde haben alle Segel aufgespannt,

Und zum Entrinnen zeigt kein Pfad sich aus der Not.

Doch fragen will ich dennoch, ob mißhandelt auch:

Warum, o Kreon, soll ich fort aus diesem Land?

KREON.

Mir bangt – wozu bemäntl ich auch die Sache noch? –,

Du fügst ein heillos Übel meiner Tochter zu.

Viel trifft zusammen, das mich solches fürchten läßt,

Denn vieler Tücken kundig bist du, klug und schlau

Und jetzt erbittert ob des Ehgemahls Verlust.

Auch, hör ich, drohst du, wie mir treu gemeldet ward,

Dem Vater und der Tochter und dem Bräutigam

Ein Unheil. Das nun will ich meiden, eh mich’s trifft:

Denn besser ist mir’s, deinen Haß zu haben, als

Gutmütig handelnd schwer zu seufzen hinterher.

MEDEA.

Ach weh!

Nicht heut zuerst, o Kreon – öfter war mir schon

Die Meinung schädlich und gebar mir große Not.

Drum muß ein Vater, welcher recht verständig ist,

Die Kinder ja nicht bilden über Maßen klug:

Denn abgerechnet, daß des Wirkens Trieb erlischt,

Ist Haß und Mißgunst Lohn des Klugen überall.

Entdeckst du Kluges, das die Dummen nicht gekannt,

Scheinst du der Tör’ge, nicht der Klug’ im Torenvolk.

Und giltst du mehr als andre, die sich Tüchtiges

Zu wissen dünken, trifft dich bald auch Neid und Haß.

Ich selber trage meinen Teil an diesem Los.

Denn weil ich klug bin, bin ich dem ein Dorn im Aug,

Dem dünk ich schroff bloß und bei Klugen wenig klug.

Auch du besorgst nun wider dich Versündigung.

So steht es nicht, nein, fürcht, o Kreon, solches nicht,

Daß Fürstenhäupter anzugreifen wagt mein Mut.

Was hast du Leides mir getan? Du gabst dein Kind

Dem Mann, zu dem dein Herz dich zog. Doch meinen Mann,

Ihn haß ich! Du hast, mein ich, hier bloß recht getan.

So kann ich neidlos sehen, daß dir’s wohl ergeht.

Vermählet, lebet glücklich! doch mich lasset hier

Im Lande wohnen. Ist mir Unrecht auch geschehn,

Ich werde schweigen, untertan den Stärkeren.

KREON.

Gutmütig lautet, was du sprichst; doch banget mir,

Geheim im Herzen sinnst du einen Frevel aus.

Deswegen trau ich minder jetzt als früher dir.

Wer rasch zum Zorn ist, Mann sowohl als Weib, der ist

Zu meiden leichter als der Schweigsam-Listige.

Drum rasch von hinnen, laß das viele Reden sein!

Es bleibt beschlossen, keine Kunst erwirkt es dir,

Bei uns zu bleiben, so verfeindet wie du bist!

MEDEA.

Bei deinen Knieen, bei der neuvermählten Braut –

KREON.

Du sprichst vergebens: nimmermehr bewegst du mich!

MEDEA.

So treibst du fort mich, ungerührt von meinem Flehn?

KREON.

Weil mir die Meinen näher stehn als dein Geschick.

MEDEA.

O Vaterland, wie sehr bedürft ich deiner jetzt!

KREON.

Gewiß, das Liebste nach den Kindern ist’s auch mir.

MEDEA.

Weh, daß die Liebe so zum Fluch den Menschen wird!

KREON.

Fluch oder Segen, mein ich, wie sich’s fügen mag.

MEDEA.

O Zeus, erfahre, wer an diesem Leide schuld!

KREON.

Mach fort, Verwegne, nimm mir ab die lange Qual!

MEDEA.

Genug der Qualen hab ich, brauch nicht andre mehr!

KREON.

Gleich soll die Faust der Diener mit Gewalt dich ziehn.

MEDEA.

Nur dies, o Kreon, tu nicht! Nein, ich flehe dich –

KREON.

Du willst mir viel zu schaffen machen, Weib, so scheint’s!

MEDEA.

Ich werde gehen; nicht um dieses fleh ich dich.

KREON.

Wozu das Sträuben? Räume denn das Land sogleich!

MEDEA.

Den einen Tag nur gönne mir zu bleiben noch,

Um Rat zu schaffen, welchen Wegs ich fliehen soll,

Und meinen Kindern Unterhalt, für deren Los

Der Vater unbekümmert nichts ermitteln mag.

Erbarm dich ihrer; bist du selbst doch Vater auch

Von Kindern, also wirst du teilnahmslos nicht sein!

Nicht meinetwegen sorg ich, wenn ich fliehen muß,

Doch sie bewein ich, daß sie trifft das Mißgeschick.

KREON.

Mein Herz ist herrisch-stolzer Art mitnichten, und

Aus zarter Rücksicht hab ich manches schlimm gemacht.

Auch jetzt erkenn ich, daß ich unrecht handle, Weib;

Gleichwohl erhältst du’s. Aber das verkünd ich dir:

Wenn morgen noch der Sonne Fackel hier dich sieht

Mit deinen Söhnen innerhalb des Lands Bereich,

So stirbst du! Was ich sagte, trifft gewißlich ein.

Jetzt, mußt du bleiben, bleibe denn den einen Tag.

Ein Arges, das ich fürchte, wirst du schwerlich tun!

 

Kreon ab.

 

 

CHOR.

Weh dir, weh dir! welch schmerzliches Leid!

Wo flüchtest du hin? wo wird deiner Not

Ein Haus, ein Land, ein gastlicher Schutz

Rettend sich auftun?

Wie hat dich ein Gott, Medea, gestürzt

In verschlingende Strudel des Unglücks!

 

MEDEA.

Unglück umgibt mich überall, wer leugnet es?

Doch also wird’s nicht enden, glaubt das nimmermehr!

Noch drohen Kämpfe diesem neuvermählten Paar

Und ihren Anverwandten nicht geringe Pein.

Du meinst, ich hätte je geschmeichelt diesem Mann

Und keinen Vorteil, keinen Trug dabei erzielt?

Nicht angeredet hätt ich ihn, nicht angerührt!

Und er, so völlig blinden Sinnes und betört,

Er konnte, wenn er rasch mich trieb zum Land hinaus,

Vereiteln meine Pläne – und jetzo läßt er mich

Noch diesen Tag hier, wo ich meiner Feinde drei

Zu Leichen wandle, Vater, Braut und Bräutigam!

Der Todeswege hab ich manche, ihr Lieben; drum,

In welcher Art es unternehmen, weiß ich nicht.

Soll Feuersglut vernichten dies hochzeitlich Haus?

Wie? oder stoß ins Herz ich ihr den scharfen Stahl,

Zum Hause schleichend heimlich, wo ihr Bette steht?

Dabei ist eins bedenklich: denn ergreift man mich,

Indem ich tückisch schleiche zum Palast hinein,

So werd ich sterbend nur zum Hohn den Feinden sein.

Der grade Weg der beste! dessen sind wir auch

Am meisten kundig: durch Vergiftung mord ich sie!

Wohl!

So laß sie tot sein! Welche Stadt nimmt dann mich auf?

Wo beut ein Gastfreund zuverläßgen Aufenthalt

In Land und Wohnung und beschirmet meinen Leib?

Ich habe keinen! Harr ich denn noch kurze Zeit,

Und wenn sich irgendeine sichre Burg mir zeigt,

Vollbring ich heimlich diese Mordtat und mit List.

Wenn aber ratlos Ungemach hinaus mich treibt,

Dann rasch zum Schwert gegriffen, muß ich sterben auch!

Ich töte sie, ich wag die kühn verwegne Tat!

Denn wahrlich, bei der Göttin, die ich hoch verehr

Vor allen und zur Helferin mir erkoren hab,

Der Hekate, die thront in meines Hauses Grund,

Sie sollen froh nicht leben, die mein Herz gekränkt!

In bittre Trauer wandle ich ihren Ehebund,

Die Schwäherschaft und mein Verstoßen aus dem Land!

Wohlauf! Von allen deinen Künsten spare nichts,

Ersinn, Medea, denke Trug und Tücken aus!

Zum Ärgsten schreite! Jetzo gilt’s beherzten Mut!

Sieh, was du leidest! Nicht zum Hohn dem Sisyphos-

Geschlechte darfst du, nicht der Hochzeit Jasons sein,

Du, edlen Vaters Tochter, Blut des Sonnengotts!

Das Wissen hast du, überdies schuf uns das Los

Zu Fraun, in allem Tugendhaften ungeschickt,

In allen schlimmen Dingen klug erfinderisch.

 

Erste Strophe

 

 

CHOR.

Jetzt rinnet der heilgen Gewässer Strömung aufwärts,

Recht und alles hat sich auf Erden verkehrt.

Herzen der Männer sind falsch, nicht sicher mehr

Stehen die heiligsten Schwüre.

Ehr und Lob blüht unserem Leben, der Ruf wird umgewandelt!

Anerkennung, Achtung naht dem Fraungeschlecht,

Fürder belastet das Weib kein übeltönger Leumund.

 

Erste Gegenstrophe

 

 

Vorzeitlichem Dichtergesang muß jetzt verstummen

Jedes Lied von unserem trüglichen Sinn.

Hätte dem weiblichen Geist nur eingehaucht

Göttliche Dichterbegeistrung

Gott der Sangesmeister, so tönte den Männern andrer Lieder

Schall entgegen. Wohl vermag die lange Zeit

Vieles vom Frauengemüt und Männertun zu melden.

 

Zweite Strophe

 

 

Du bist geschifft weg von dem Vaterhause

Liebebetörten Gemütes, die doppelten Meeresfelsen

Durchsegelnd, und wohnst hier fremd,

Im gattenberaubten Hause

Dein ehliches Recht entbehrend,

Ach, Arme! und wirst noch schmachvoll

Des Landes verstoßen!

 

Zweite Gegenstrophe

 

 

Es schwand hinweg Ehre des Schwurs, und Scheu wohnt

Nimmer im griechischen Lande, dem weiten, entflog zum Himmel.

Dir winket kein Vaterhaus,

Unglückliche, hinzuflüchten

Aus dieser Bedrängnis! Deines

Betts Meisterin ist die Stärkre

Und schaltet im Hause.

 

Jason tritt auf.

 

 

JASON.

Schon öfter und nicht heut zuerst erkannt ich, daß

Der wilde Zorn ein unbezwingbar Übel ist.

Dir war’s verstattet, Haus und Hof zu haben hier,

Dich willig fügend in den Ratschluß Stärkerer,

Und jetzo treibt dich dein verwegnes Reden fort.

Mich zwar bekümmert’s wenig, ob du fort und fort

Erklärest, Jason sei ein gänzlich schlechter Mann.

Doch für das Reden gegen Fürst und Fürstin darf

Vollauf Gewinn dir’s scheinen, daß der Bann dich straft.

Ich habe stets des aufgebrachten Fürsten Zorn

Beschwichtigt und gewünschet, daß du hier verbleibst;

Doch deine Torheit gab sich nicht und lästert’ stets

Das Fürstenhaus, und dafür ziehst du aus dem Land.

Gleichwohl versag ich dem zum Trotz den Meinen nicht

Den Dienst und komme, deinethalb zu sorgen, Frau,

Auf daß du geldentblößet samt den Kindern nicht

Noch sonst bedürftig ziehest. Manche Not ja bringt

Verbannung mit sich. Sei ich auch dir sehr verhaßt,

Vermöcht ich doch nicht übel dir gesinnt zu sein.

MEDEA.

O schlechter Mann! Ach, leider kann ich Schlimmres nicht

Dir mit der Zung entgegnen als ein schwaches Weib!

Du kommst zu mir her? kommest, du, mein ärgster Feind?

Das ist nicht Kühnheit, das ist nicht beherzter Mut,

Den Seinen treten vors Gesicht nach schlechter Tat,

Nein, aller Laster allerärgstes in der Welt –

Ist Unverschämtheit! Wohl auch tust du, daß du kommst:

Denn meinem Herzen schafft’s Erleichtrung, zeig ich dir

Dein schlechtes Tun, und Ärger dir, der’s hören muß!

Zuerst denn also fang ich mit dem ersten an.

Ich war die Retterin – alle Griechen wissen’s, die

Mit dir am Bord des Argoschiffs gewesen sind –,

Als dir befohlen war des feuerschnaubenden

Stierjoches Lenkung und des Mordgefildes Saat.

Den Drachen auch, der vielgewundne Ringeln schlang

Ums Goldne Vlies und schlummerlos es hütete,

Erlegt ich. Also strahlte dir der Rettung Licht!

Aufopfernd dann mein Haus und meinen Vater, bin

Ich selbst nach Iolkos an des Pelions Höhn mit dir

Gezogen, leidenschaftlich mehr als wohlbedacht.

Ich ließ den Pelias sterben einen schlimmen Tod

Durch seine Töchter, wandte von dir jede Furcht.

Das, schlechter Mann, sind meine Dienste! Dafür hast

Du mich verraten und ein andres Weib erwählt,

Und hast doch Kinder. Denn bei kinderloser Eh

Wär’s noch verzeihlich, wenn du hier dies Weib begehrst.

Hin ist der Schwüre Treue, und nicht weiß ich, ob

Du meinst, der Gott von ehedem regiere jetzt

Nicht mehr, und neue Rechte gelten in der Welt,

Indem der Meineid dir bewußt ist gegen mich.

Ach, diese Hand, wie hast du sie so oft gedrückt!

Und meine Kniee, wie vergebens hat sich dran

Geschmiegt der Schlechte und getäuscht mein hoffend Herz!

Sprich, denn ich fordre deinen Rat, als wärst du Freund –

Zwar welches Gute etwa von dir hoffend noch?

Gleichwohl! mein Fragen weist dir deine Schlechtigkeit –:

Wo soll ich hin mich wenden jetzt? Ins Vaterhaus,

Das dir zulieb ich samt dem Vaterland verriet?

Zu Pelias armen Töchtern? Herrlich würden die

Am Herd empfangen ihres Vaters Mörderin!

So steht es: die mir hold vom Haus her waren, hab

Ich bös gekränkt, und denen nie ich hätte Leids

Tun sollen, bin ich feind geworden dir zulieb.

Dafür denn bin ich hochbeglückt vor vielen Fraun

In Griechenland, und einen wunderwürdigen

Und treuen Gatten hab ich unglückselges Weib,

Wenn aus dem Land ich ausgestoßen ziehen muß,

Freundlos, verlassen mit verlaßnen Kindern, ha!

Ein feiner Ruhm dem neuvermählten Ehemann,

Wenn bettelnd seine Retterin mit den Kindern irrt!

O Zeus, was hast du einen Prüfstein, der nicht trügt,

Zur Goldes-Probe, ob es unecht, uns verliehn

Und bei den Menschen, daß man scheide schlecht und gut,

Dem Äußern kein Kennzeichen deutlich eingeprägt?

CHOR(FÜHRERIN).

Gar schlimm und schwer zu heilen ist die Leidenschaft,

Sobald zusammen Freund mit Freund in Zwist gerät.

JASON.

Hier muß ich, scheint’s, kein ungeschickter Redner sein,

Ja, gleich des Schiffes klugerfahrnem Steuermann

Vor diesem Sturmwind deiner scharfen Zung, o Weib,

Mich schmiegen, daß er nur die Segelränder faßt.

Ich meine – weil du gar zu hoch türmst dein Verdienst –,

Die Liebe war von Göttern und von Menschen wohl

Auf meiner Seefahrt meine einzge Retterin.

Allein das ist so ärgerlich als treffend auch,

Beweis zu führen, daß die Lieb allein dich zwang,

Aus unbesiegbar großen Nöten mich zu ziehn.

Doch will ich so genau es nicht ausrechnen; denn

In welcher Art du immer halfest, war’s doch gut.

Indessen wurde meine Rettung, dein Geschenk,

Dir reich vergolten, wie ich nun beweisen will.

Fürs erste wohnst du statt im Land der Wilden hier

Im griechischen Land und hast zu leben nun gelernt

Nach Recht und Sitte statt des Faustrechts rohem Brauch.

Und deine Klugheit tat sich allen Griechen kund,

Wofür du Ruhm hast. Wenn am fernsten Rand der Welt

Du lebtest, bliebst du unbeachtet und verkannt.

Was aber frommt’ mir’s, hätt ich Goldesglanz im Haus

Und überträfe selbst den Orpheus im Gesang,

Wofern mein Glück nicht herrlich strahlte vor der Welt?

Jedoch genug von meinen überstandnen Mühn!

Wenn dann der Fürstin Ehlichung dein Tadel trifft,

So will ich zeigen, erstlich, daß ich klug daran

Getan, sodann auch tugendhaft, und endlich dein

Und meiner Kinder Bestes; hör nur ruhig zu!

Nachdem ich weggezogen aus dem iolkschen Land

Hierher, verfolgt von mancher rettungslosen Not,

Wie könnt ich Flüchtling einen Glücksfund irgend tun,

Der schöner wär als einer Königstochter Hand?

Nicht überdrüssig deiner, wie du eifernd glaubst,

Noch vom Verlangen eines andern Weibs gespornt

Noch Kinderreichtum um die Wett erstrebend – denn

Die schon Gebornen sind genug und sind mir recht –,

Nein, daß wir ehrsam leben, was das Wichtigste,

Und keinen Mangel dulden – leider seh ich ja:

Dem armen Mann geht jeder Freund gern aus dem Weg! –

Und unsre Söhne würdig unsres Stamms erziehn.

Dann wollt ich Brüder deinen Söhnen zeugen, sie

Gleichstellen beide und bei des Stamms Vereinigung

Mich glücklich fühlen. Brauchest du wohl Kinder noch?

Mir aber frommt’s, zu heben diese lebenden

Durch nachgeborne. Hab ich’s also schlecht gemacht?

Du sagtest das nicht, quälte dich nicht Eifersucht.

So seid ihr Frauen: wenn ihr einzig euch geliebt

Vom Manne wißt, dann fehlet nichts an eurem Glück.

Doch wo ein Mißstand eure Rechte kränkt, da wird,

Was noch so heilsam, noch so schön, als ärgster Feind

Geachtet! Ja, den Menschen sollt auf andrem Weg

Fortpflanzung werden, Frauen nicht geschaffen sein;

So wär die Welt auch frei von allem Ungemach!

CHOR.

Jason, du hast wohl deine Reden hübsch geschmückt,

Gleichwohl, und wenn ich gegen deinen Willen sprech,

Scheint mir’s ein Unrecht, daß du dein Gemahl verläßt.

MEDEA.

Gar manches seh ich anders an als mancher sonst.

So scheinet mir der Ungerechte, welcher fein

Zu sprechen weiß, der größten Strafe grade wert.

Er pocht darauf, hübsch einzukleiden sein Vergehn,

Wagt drum die Schurkenstreiche und ist zum Schaden klug.

So sollst auch du nicht rein dich vor mir brennen noch

Im Reden brüsten, denn dich schlägt ein einzig Wort:

Du mußtest, wenn du’s redlich meintest, diese Eh

Eingehn mit mir im Einverständnis, nicht geheim.

JASON.

Ja, herrlich hättest meinen Plan du unterstützt,

Entdeckt ich dir die Ehlichung, die jetzt sogar

Den argen Groll des Herzens nicht bemeistern kann!

MEDEA.

Nicht dieses hielt dich, sondern mit dem welschen Weib

Schien bis zum Alter dir die Eh nicht ehrenvoll.

JASON.

Sei doch versichert, ihrer Reize wegen nicht

Vermählt ich mich der Fürstin, welche mein sich nennt,

Nein, wie ich vorhin schon gesagt, zu deinem Heil,

Und um den Kindern, die ich habe, fürstliche

Geschwister, als des Hauses Stützen, aufzuziehn.

MEDEA.

Fern bleibe mir ein kummervolles Wohlergehn

Und jeder Reichtum, der mit Gram mein Herz beschwert!

JASON.

Dreh um den Wunsch, so zeigst du dich vernünftiger:

Laß nicht das Gute kummervoll dir scheinen und

Glaub nicht, du seist unglücklich, wenn du glücklich bist.

MEDEA.

Ja, höhne nur! Du hast ja Haus und Obdach hier!

Ich muß hinweg, verlassen in Verbannung ziehn!

JASON.

Du hast’s gewollt so. Klage niemand weiter an.

MEDEA.

So? Hab ich etwa mich vermählt und gab dich preis!

JASON.

Ruchlose Flüche tust du stets dem Fürstenhaus.

MEDEA.

Ja, deinem Haus auch hab ich meinen Fluch erteilt.

JASON.

Hierüber hadr ich nun mit dir nicht weiter mehr.

Doch wenn du für dich oder für der Kinder Flucht

Von meiner Habe Unterstützung willst empfahn,

So rede: willig spend ich euch mit voller Hand,

Und auch dem Wohltun meiner Freund empfehl ich euch.

Verschmähst du dies, so bist du wohl sehr töricht, Weib!

Noch mehr gewinnst du, wenn du deinem Zorn entsagst.

MEDEA.

Nicht deiner Gastfreund einer soll mir dienen je,

Noch nehm ich Unterstützung. Oh, behalte sie!

Denn schlechter Menschen Gaben sind des Segens bar.

JASON.

So ruf ich denn zu Zeugen hier die Götter an,

Daß alles dir ich und den Kindern reichen will.

Doch du verschmähst das Gute, stößest störrigen Sinns

Die Freunde von dir. Desto schlimmer muß dir’s gehn!

MEDEA.

Geh nur! die Sehnsucht nach dem jungen Eheweib

Verzehrt dich, wenn dein Auge lang weilt außerhalb!

Geh, freie, sicher freist du – mach es wahr, o Gott! –

In solcher Weise, daß dich’s stark gereuen wird.

 

Erste Strophe

 

 

CHOR.

Wo heftige Liebe den Mann

Vom Gleise reißt, dem kann sie nicht

Würde verleihen noch Ruhm. Doch wo sich bescheiden entfaltet

Liebeswahn, ist keine der Mächte so lieblich.

Send, o Herrin, mir von dem goldenen Bogen nie den sichern

Schmerzenspfeil, getaucht in süße Sehnsucht!

 

Erste Gegenstrophe

 

 

Der Himmlischen schönstes Geschenk,

Die Sittsamkeit, sei stets mir hold.

Möge mit zwistigem Groll und nimmergesättigtem Hader

Nie der Göttin Macht mich behaften und nie mein

Herz für fremde Gatten entzünden und stets friedfertgen Ehbund

Schützend feinklug Frauenrechte schlichten.

 

Zweite Strophe

 

 

Heimisches Land, eigener Herd,

O möcht ich doch euch nie missen,

In so hilfeberaubtem, unabsehbar großem Elend

Lebend mit Jammer und Leid!

In den Tod, in den Tod zu gehen wünsch ich lieber, als

Diesen Tag zu verleben; denn allergrößte der Nöte ist’s,

Heimisches Land zu missen.

 

Zweite Gegenstrophe

 

 

Sahn wir ja selbst, haben es nicht

Aus anderer Mund vernommen:

Es erbarmte sich keine Stadt und kein Bekannter deiner

Allerempfindlichsten Not.

Es verderbe der Falsche gnadelos, der’s nicht vermag,

Daß er, Freunde zu ehren, aufschließt den lauteren Herzensschrein!

Bleibe mir fern sein Lieben!

 

Aigeus tritt auf in der Tracht eines Reisenden.

 

 

AIGEUS.

Medea, Heil dir! einen schönern Gruß vermag

Der Freund dem Freund in keiner Art zu bieten wohl.

MEDEA.

Auch dir, Pandions edler Sohn des Weisen, Heil!

Von wannen, Aigeus, kommst du hier in dieses Land?

AIGEUS.

Des Sehergotts uralten Thron verließ ich jüngst.

MEDEA.

Was führte hin dich zum prophetschen Mittelpunkt?

AIGEUS.

Wie Kindersaat mir blühen möge, fragt ich dort.

MEDEA.

Bei Gott, so lebst du immerfort noch kinderlos?

AIGEUS.

Ich bin nach Schicksalslaune kinderlos bis jetzt.

MEDEA.

Und hast ein Ehweib, oder lebst du unvermählt?

AIGEUS.

Ich bin der Ehstandsbande längst nicht ledig mehr.

MEDEA.

Und welche Antwort wegen Kindern gab der Gott?

AIGEUS.

Ein klügres Wort, als wohl ein Mensch erraten kann.

MEDEA.

Man darf den Spruch des Gottes wissen wenigstens?

AIGEUS.

Gewiß, zumal nur kluger Sinn ihn lösen kann!

MEDEA.

Was also sprach er? Rede, wenn ich’s hören darf.

AIGEUS.

Ich soll des Schlauchs vorragend Ende lösen nicht –

MEDEA.

Eh was du tätest? oder kämst in welches Land?

AIGEUS.

Bevor ich wieder angelangt beim Vaterherd.

MEDEA.

In welcher Absicht schiffst du her in dieses Land?

AIGEUS.

Es lebt ein Fürst, Pittheus genannt, im Land Trozen.

MEDEA.

Ein Sohn des Pelops, sagt man, höchst gerecht und fromm.

AIGEUS.

Mitteilen will ich diesem Phoibos’ Seherspruch.

MEDEA.

Ja, wohlgeübt in solchem ist der Mann und klug.

AIGEUS.

Und mir der liebst’ auch aller Freund’ in fremdem Land.

MEDEA.

So lebe wohl und werde jedes Wunsches froh.

AIGEUS.

Was ist dein Leib und Angesicht so abgezehrt?

MEDEA.

Aigeus, das Allerschlimmste tut mein Gatte mir.

AIGEUS.

Was sagst du? Nenne deutlich deinen Kummer mir!

MEDEA.

Mich kränket Jason, dem ich nichts zuleid getan.

AIGEUS.

Durch welche Handlung? Nenne mir’s noch deutlicher!

MEDEA.

Ein Weib, des Hauses Herrin, hat er neben mir.

AIGEUS.

Er wäre fähig solcher ganz unedlen Tat?

MEDEA.

Gewiß. Verstoßen bin ich, die er einst geliebt.

AIGEUS.

Beherrscht ihn Liebe? oder haßt er deinen Reiz?

MEDEA.

Ein heftger Wahnsinn! und die Treue kennt er nicht.

AIGEUS.

Er fahre hin, wenn schlecht sein Herz ist, wie du sagst!

MEDEA.

Er trug Verlangen fürstlicher Verschwägerung.

AIGEUS.

Und wer vermählt die Tochter ihm? erzähle fort!

MEDEA.

Kreon, der König dieses Landes um Korinth.

AIGEUS.

Dein Trauern ist dann wohl verzeihlich, armes Weib!

MEDEA.

Ich bin verloren! Überdies verbannt man mich.

AIGEUS.

Wer tut’s? da nennst du noch ein neues Ungemach.

MEDEA.

Kreon vertreibt mich heimatlos aus seinem Land.

AIGEUS.

Und Jason duldet’s? Das gefällt mir minder noch.

MEDEA.

Dem Scheine nach nicht; doch er widersetzt sich nicht.

So fleh ich denn bei deinem Kinn, bei deinen Knien,

Fußfällig beide fassend, und beschwöre dich:

Erbarm, erbarm dich meiner, ach, des armen Weibs,

Und laß die Ausgestoßne nicht verödet sein!

Nein, nimm mich auf in Land und Haus und Herd zugleich.

Dann bet ich, daß Erfüllung deinem Wunsche werd

In Kindersegen und beglückt du ewig seist.

Gefunden hast du, glaub es, einen Schatz an mir:

Ich kann dir helfen, kann dir Kindersegen noch

Verschaffen. Solche Mittel schafft mein Zauber her!

AIGEUS.

Aus vielen Gründen mag ich diese Gunst, o Weib,

Dir gern erzeigen: erstlich, weil dein Flehen zwingt,

Sodann der Kinder wegen, die dein Mund verheißt.

Denn all mein Streben ist gekehrt nach diesem Ziel.

Doch dem ist also: kommst du selbst in mein Gebiet,

So werd ich redlich dir des Gastrechts Pflichten tun;

Jedoch das eine muß ich dir erklären, Frau:

Aus diesem Lande weg dich führen werd ich nicht.

Doch wenn du selber kommen wirst zu meinem Herd,

So ist dein Bleiben sicher, keinem laß ich dich!

Aus diesem Land nur ferne selber deinen Schritt;

Denn frei von Vorwurf will ich auch dem Gaste sein.

MEDEA.

So sei’s. Indessen wenn ich Sicherheit von dir

Erhielte, wär ich ganz und gar beruhigt nun.

AIGEUS.

Wie? hegst du Mißtraun? Welch Bedenken hast du noch?

MEDEA.

Ich trau dir; aber feind ist mir des Pelias Haus

Und Kreon. Diesen wirst du, fesseln Schwüre dich,

Nicht preis mich geben, wegzuführen aus dem Land.

Doch bloß durch Worte, ohne Götterschwur, geeint,

Ist’s möglich, daß du übertrittst und opferst mich

Dem Feindesantrag. Denn ein schwaches Weib bin ich,

Und sie sind Fürstenhäuser, reich’ und mächtige.

AIGEUS.

Sehr große Vorsicht geben deine Worte kund!

Doch ist’s dein Wille, daß ich’s tu, so weigre ich’s nicht.

Denn ich sowohl bin solcher Art gesicherter,

Wenn deinem Feind ich einen Vorwand zeigen kann,

Und deine Sach ist fester. Nenn die Götter denn!

MEDEA.

Beim Erdengrund und meinem Ahn, dem Sonnengott,

Und allen Göttern insgesamt beschwöre mir –

AIGEUS.

Was auszurichten oder was zu lassen? Sprich!

MEDEA.

Mich weder selbst je auszutreiben aus dem Land

Noch, wenn mich einer meiner Feinde fahen will,

Mich preiszugeben lebenslang freiwillger Weis.

AIGEUS.

Ich schwör’s der Erde und dem reinen Sonnenlicht

Und allen Göttern, nachzuleben deinem Wort!

MEDEA.

Genug! Was willst du leiden, falls du brichst den Eid?

AIGEUS.

Was mit Gebühr meineidgen Menschen widerfährt.

MEDEA.

Zieh hin in Frieden! Wohlbestellt ist alles nun,

Und schleunigst nah ich deiner Stadt, sobald ich hier

Getan, was obliegt, und erlangt hab, was ich will.

 

Aigeus geht.

 

 

CHOR.

Dich führe der pilgrimschützende Gott

Und leite dich heim, und was dein Wunsch

Sehnlich erzielt, wohl mög es gelingen!

Denn edelgesinnt,

Aigeus, hab ich dich erfunden.

 

MEDEA.

O Zeus, und Recht vom Himmel, und o Sonnenlicht!

Obsiegen, Teure, werd ich meinen Feinden jetzt!

Ich hab gewonnen, festen Fuß bereits gefaßt.

Jetzt, darf ich hoffen, büßen meine Feinde mir!

Denn dieser Mann ist, wo die Not am schlimmsten war,

Ein Rettungshafen meinem Anschlag aufgetan.

An dies Gestade knüpf ich keck mein Ankertau,

Sobald erreicht ist Pallas’ Stadt und hohe Burg.

Nun will ich ferner alle meine Entschlüsse dir

Kundgeben: höre, was dich nicht erfreuen wird!

Zu Jason send ich meiner Dienerinnen eine

Und bitt ihn, daß er komme vor mein Angesicht.

Erscheint er dann, gutmütge Worte sprech ich ihm:

Mir scheine dies nun freilich in der Ordnung ganz,

Der Fürstin Heirat, der ich aufgeopfert bin,

Und wohlerwogen alles und ersprießlich auch.

Nur daß die Kinder bleiben dürfen, bitt ich aus –

Nicht daß ich hier sie lassen möcht im Feindesland,

Nein, um des Königs Kind zu morden durch Betrug!

Denn mit Geschenken in den Händen send ich sie

Zur Braut, als wollt ich eben nur ihr Bleiben hier.

Wenn dann den Schmuck sie nehmend um die Glieder legt,

Stirbt gräßlich sie und jeder, der ihr nahe kommt,

Mit solchen Giften salb ich dieses Brautgeschenk!

Doch hier verlaß ich, was ich bisher kundgetan;

Und schaudern muß ich, welche Tat notwendig wird

Von dieser Stund an: meine eignen Kinder muß

Ich töten. Niemand lebet, der sie retten kann!

Und hab ich Jasons ganzes Haus zertrümmert dann,

So eil ich fort, von meiner teuren Kinder Mord

Hinweg, vom Lande, das mich zwang zur Greueltat!

Verhöhnt mich sehn von Feinden, Beste, duld ich nicht.

Fahr hin! was frommt das Leben mir? Kein Vaterland,

Kein Obdach hab ich, keine Zuflucht aus der Not.

Damals versah ich’s, als ich meiner Ahnen Haus

Verließ, verleitet vom Geschwätz des griechischen Manns,

Der seine Falschheit mir mit Gott jetzt büßen soll.

Denn weder wird er lebend mehr die Kinder schaun,

Die ich geboren, noch erlebt er Leibesfrucht

Von seiner Neuvermählten, die von meinem Gift

Des Todes übel sterben muß, das üble Weib!

Mich wähne niemand feig und ohne Kraft zur Tat

Noch auch geduldig, sondern jener andern Art,

Den Feinden furchtbar und den Freunden wohlgesinnt;

Denn solcher Menschen Ruf und Ruhm erfüllt die Welt!

CHOR(FÜHRERIN).

Dieweil du uns hast diese Sache mitgeteilt,

So mahnet uns dein Bestes und gebietet uns

Das Recht der Menschheit, dir zu wehren diese Tat.

MEDEA.

Du änderst nichts! Wer kann dir’s auch verdenken, daß

Du also sprichst? Was ich gelitten, littst du nicht!

CHOR.

Du könntest, Weib, ermorden deine Sprößlinge?

MEDEA.

Ja, weil ich so am tiefsten kränke meinen Mann!

CHOR.

Und selber wirst das allerunglückseligste Weib!

MEDEA.

Fahr hin! Umsonst ist alles Reden unterwegs.

 

Zu einer Sklavin.

 

 

Wohlan, du geh und hole Jason her zu mir!

Denn dich gebrauch ich überall, wo’s Treue gilt.

Verrate nichts ihm, was von mir beschlossen ward,

Wenn deiner Herrschaft hold du bist und bist ein Weib!

 

Erste Strophe

 

 

CHOR.

Athenisches glückliches Volk von alters her,

Lieblingskinder seliger Götter, ihr trinkt

Im nie verstörten heiligen Lande vom Born

Köstlicher Weisheit, stets

Lustwandelnd mit zärtlichem Fuß

In reiner Lüfte sanftem Gesäusel. Bei euch hat

Einst der piërischen Musen Zahl die blonde

Wohllautsgöttin im Schoß getragen.

 

Erste Gegenstrophe

 

 

Den lieblichen Wellen des Bachs Kephisos soll

Kypris Reiz’ entschöpfen und wehen umher

Durch Flur und Au mäßiger Lüfte gelind-

Atmenden lieblichen Hauch.

Wohlduftende frische Gewind

Aus Rosenblüten webt sie ins lockige Haar und

Sendet die Liebe der Weisheit zur Gesellin,

Die aufmuntert zu jeder Großtat.

 

Zweite Strophe

 

 

Wie soll dich das gastlich Land

Heilig-reiner Bäche

Oder der Freundesstaat

Dich, schreckliche Kindesmördrin,

Dich, Greuelbefleckte, hegen?

Erwäge die blutge Tat,

Erwäge der Kinder Totschlag,

O schone, zu deinen Füßen

Dich flehen wir hier vereint,

O schone der Kinder!

 

Zweite Gegenstrophe

 

 

Wo nimmst du die Dreistigkeit,

Herz und Sinn zu waffnen,

Gegen dein Blut der Hand

So gräßliche Tat zumutend?

Wie mußt du, das Aug hinwendend,

Nicht Tränen vergießen um

Ihr Leiden im Mord? Du kannst nicht,

Wenn flehend die Kinder vor dir

Hinstürzen, die Hand getrost

Im Blute benetzen!

 

Jason tritt auf.

 

 

JASON.

Auf deine Fordrung komm ich, denn obwohl du grollst,

So werd ich doch dich nicht verleugnen. Laß mich denn

Vernehmen, was du Neues, Frau, von mir begehrst.

MEDEA.

Jason, Verzeihung dessen, was ich sprach vorhin,

Erbitt ich. Billig wirst du meine Heftigkeit

Vergeben mir, die Liebes dir soviel getan!

Ich bin in mich gegangen, hab es überlegt

Und mich gescholten: Schrecklich Weib, was bist du toll

Und grollest denen, die so gut es meinen doch!

Wozu die Feindschaft gegen dieses Landes Herrn

Und deinen Gatten, welcher nur dein Bestes tut,

Die Fürstin freiend, deinen Kindern Bruderschutz

Erzielend? Also weg mit deiner Leidenschaft!

Was fällt dir ein, da’s nun so wohl der Himmel fügt?

Hast du denn keine Kinder? Weißt du nicht, daß du,

Verbannt und flüchtig, wenig Freunde finden wirst?

Mich so besinnend, merkt ich, wie mein Unverstand

So groß gewesen, wie ich ohne Grund gezürnt.

Jetzt also lob ich’s, glaube, daß du klug getan,

Uns solche Schwäger zuzuwenden. Törin ich!

Ich hätte sollen deinem Plan behilflich sein,

Die Ehe schließen, fügen eurer Hände Bund

Und Liebesdienste deiner Braut mit Freuden tun!

Wir sind nun einmal, wie wir sind, wir Fraun; ich will

Nichts Schlimmes sagen! Du nun mußt nicht Böses bös

Vergelten, Torheit mittelst Torheit um die Wett.

Ich gebe nach, bekenne, daß ich schlimm gedacht

Damals, doch besser hab ich jetzt es eingesehn.

O Kinder, liebe Kinder, kommt, verlaßt das Haus,

Kommt her, begrüßet und umarmt und küßt ihn so

Wie ich, den Vater, und vergessen sei zugleich

Die frühre Feindschaft: auch die Mutter ist versöhnt!

Der Friede waltet, und verschwunden ist der Groll!

Hier, fasset seine rechte Hand! – O weh mir, weh!

Mir fällt von dem, was heimlich droht, hier etwas ein!

O Kinder, mögt ihr wohl noch lange lebend so

Die süßen Arme schlingen? Ach, ich armes Weib,

Wie leicht gerührt zu Tränen, wie voll Bangigkeit!

Des langen Haders Lösung mit dem Vater hat

Mein zartes Antlitz ganz mit Tränen angefüllt.

CHOR.

Auch mir vom Auge stürzet helle Tränenflut,

Und mag bis hierher, weiter nicht, das Übel gehn!

JASON.

O Weib, ich lobe dieses, tadle jenes nicht.

Natürlich ist’s, wenn nebenbei ein andres Weib

Der Mann sich wirbt, daß heftig drum die Frau ihm zürnt.

Doch hat zum Bessern dein Gemüt sich umgewandt

Und hat den Ratschluß, der den Preis hat, endlich doch

Noch aufgefunden. Also tut ein kluges Weib!

Euch aber, Kinder, hat der Vater liebevoll

In fleißger Sorgfalt wohl bedacht mit Götterhuld.

Ihr sollt, so hoff ich, hier in diesem Land Korinth

Mit euren Brüdern noch dereinst die Ersten sein.

So wachset fröhlich! alles andre schafft für euch

Der Vater, schaffen Götter, die uns gnädig sind!

Oh, möcht ich wohlgeraten euch, zur Jugendkraft

Gereifet, meinen Feinden überlegen sehn!

Sprich, Weib, was netzen helle Zähren deine Wang

Und nimmst du dieses Wort von mir nicht freudig auf?

MEDEA.

‘s ist nichts! der Kinder wegen fiel mir etwas bei.

JASON.

Sei guten Mutes! Wohl versorgen werd ich sie.

MEDEA.

Ich bin’s, mißtraue deinen Worten keineswegs.

JASON.

Warum dann, Närrin, diese Tränen über sie?

MEDEA.

Ich bin die Mutter. Als du wünschtest ihr Gedeihn,

Befiel mich Wehmut, ob das auch geschehen wird.

Ein Weib ist weibisch und zu Tränen leicht gereizt.

Doch von den Dingen, die ich mit dir sprechen will,

Ist eins verhandelt, und ein andres meld ich jetzt.

Dieweil dem Fürsten meine Ächtung hat beliebt

Und das auch mir das Beste ist, ich seh es wohl,

Um störend weder dir noch auch dem Landesherrn

Im Weg zu sein, weil, glaubt man, feind ich bin dem Haus,

So will verbannt ich selber zwar vom Lande ziehn,

Doch daß die Kinder deine Hand erziehen mag,

So bitte Kreon, aufzuheben ihren Bann.

JASON.

Versuchen will ich’s. Ob’s gewährt wird, weiß ich nicht.

MEDEA.

So heiß ein Fürwort deine Frau einlegen nur

Bei ihrem Vater, daß er löst der Kinder Bann.

JASON.

Ja, recht! und sie zu überreden hoff ich wohl:

Sie wird ein Weib wie andre Weiber, hoff ich, sein.

MEDEA.

Bei dieser Mühe will ich selbst behilflich sein.

Ich will Geschenk’ ihr spenden, denen auf der Welt

Nichts gleicht an Schönheit jetzo, das ist ganz gewiß!

Ein feines Festkleid, einen goldgewobnen Kranz

In meiner Kinder Händen. Hole denn sofort

Der Dienerinnen eine mir den Schmuck herbei!

Nicht einfach, sondern tausendfältig ist ihr Glück,

Die dich, den ersten Helden, als Gemahl umarmt

Und freut des Schmucks sich, welchen einst der Sonnengott,

Mein Vatersvater, seinen Enkelkindern gab.

 

Der Schmuck wird gebracht und ihr überreicht.

 

 

So nehmt die Brautgab in die Hände, Kinder, hier

Und bringt sie hin der Fürstin Braut, der seligen.

Gewißlich jeden Tadels ist die Gabe bar!

JASON.

Warum, o Närrin, raubst du dir so Köstliches?

Und meinst du, Goldpracht mangle wohl dem Königshaus

Und Festgewänder? Schenke nichts, behalte das!

Hält meine Braut mich irgend ihrer Liebe wert,

So zieht sie auch mich sicher allen Schätzen vor.

MEDEA.

Nein, laß mich! Gaben, heißt es, reizen Götter selbst,

Und mehr als tausend Gründe wirkt des Goldes Macht.

Ihr lacht das Glück jetzt, ihr Gestirn geht herrlich auf!

Die Jugend thront! Auch würd ich meiner Kinder Bann

Mit meiner Seel abkaufen, nicht mit Gold allein.

Nun denn, ihr Kinder, tretet ein ins reiche Haus,

Fleht meine Herrin, eures Vaters junges Weib,

Fußfällig, bittet, aufzuheben euren Bann,

Und reicht den Schmuck hin – merkt, das muß besonders sein,

Sie muß die Gabe selbst empfahn mit eigner Hand.

Geht ohne Säumen, richtet’s glücklich aus und bringt

Erwünschte Botschaft eurer Mutter, die sich sehnt.

 

Jason mit den Kindern ab.

 

 

Erste Strophe

 

 

CHOR.

Fürs Leben der Kinder ist jetzt kein Hoffen mehr,

Keines mehr, sie wandeln bereits in den Tod hin!

Nehmen wird das goldne Geschmeide das Mädchen,

Ja, ihr Unheil wird sie nehmen,

Arme Braut! in das blonde Gelock den Tod sich flechten,

Selbst mit eigner Hand ihn fassend!

 

Erste Gegenstrophe

 

 

Vom himmlischen Zauber verführt des Prachtgewands,

Wird sie Kleid und goldnes Geschmeide sich antun,

Für die Bahre bräutlich sich putzen zur Stunde.

Solch ein Netz ist’s, wo hineinfällt

Dies unselige Weib! Sie empfängt das Los des Todes,

Entrinnt nimmermehr dem Unheil.

 

Zweite Strophe

 

 

Du armer Vermählter, du Unglücksbräutgam, Königseidam,

Führst unwissend selbst zu

Das Verderben den Kindern und deiner Verlobten

Einen entsetzlichen Tod!

Unselger, ach! groß ist deine Täuschung!

 

Zweite Gegenstrophe

 

 

Unglückliche Mutter der Söhne, dein Geschick bewein ich,

Die, vom Schmerz bewältigt,

Ob der ehlichen Rechte die Kinder ermordet,

Welche der Vater verläßt

Und wider Recht andren Bund geknüpft hat.

 

Der Erzieher mit den Kindern tritt auf.

 

 

ERZIEHER.

Gebietrin, deine Söhne sind vom Bann befreit,

Und deine Gaben hat die Hand der Fürstin-Braut

Mit Freud empfangen. Fried ist deinen Kindern dort!

MEDEA.

Gut!

ERZIEHER.

Was stehst du so verwirret, wo dir Freude kommt?

MEDEA.

Ach wehe!

ERZIEHER.

Zu meiner Botschaft stimmen solche Laute nicht.

MEDEA.

Und aber weh mir!

ERZIEHER.

Meld ich wohl ein Mißgeschick

Unwissend? War die Freudensbotschaft leerer Wahn?

MEDEA.

Sei deine Meldung, wie sie will! Dich tadl ich nicht.

ERZIEHER.

Was also senkst du so den Blick und weinest so?

MEDEA.

Wohl muß ich weinen, Alter, denn mit schlimmem Rat

Hat dies der Himmel und ich selber ausgeführt.

ERZIEHER.

Getrost! zu deinen Kindern kommst auch du noch heim.

MEDEA.

Erst werd ich andre heimgeleiten, wehe mir!

ERZIEHER.

So manche Mutter lebt von ihren Kindern fern!

In Mißlichkeiten muß der Mensch sich fügen stets.

MEDEA.

Das will ich. Aber geh du nun ins Haus hinein

Und schaff den Kindern, was dir obliegt, Tag für Tag.

 

Zu den Kindern.

 

 

O Kinder, liebe Kinder, ihr bekommt ein Haus

Und eine Heimat, wo ihr wohnen sollt, verwaist

Mich Arme lassend, eurer Mutter stets beraubt.

Ich aber ziehe flüchtig fort in andres Land,

Bevor ich froh ward euer und euch glücklich sah,

Bevor ich Bräute, Trauung und hochzeitlich Bett

Euch stolz gerüstet und geleuchtet eurem Fest.

Weh über meinen unglückselgen Eigensinn!

So war’s umsonst denn, Kinder, daß ich euch erzog

Und herbe Schmerzen, als ich euch gebar, ertrug?

Ja, einstens baut ich Arme große Hoffnungen

Auf euch, ihr würdet meines Alters Stütze sein

Und meine Leiche schmücken schön und liebevoll,

Was Menschen wünschenswert erscheint. Vorbei ist nun

Die süße Sorgfalt! Denn, von euch geschieden, wird

Mein Leben freudlos, kummervoll sein immerdar.

In eure lieben Augen wird die Mutter nicht

Mehr blicken, wenn ihr scheidet in ein andres Sein.

Weh, weh! was sollen, Kinder, diese Blicke mir?

Was dieses Lächeln, ach, zum allerletztenmal?

O Gott, was tu ich? Aller Mut verschwindet, Fraun,

Sobald ich meiner Kinder heitres Aug erblick.

O nein, ich kann’s nicht! Fahret wohl, ihr vorigen

Entschlüsse, ich führe meine Kinder aus dem Land.

Dort mit mir lebend, sind sie meinem Herzen Trost.

Was brauch ich, daß ihr Vater durch das Leid um sie

Sich härme, doppelt großes Leid mir anzutun?

Nein, nimmermehr! So fahret wohl, Entschließungen!

Allein, wo bin ich? soll ich Hohn verdienen, wenn

Ich meine Widersacher ungestraft entlaß?

Es muß gewagt sein! Pfui, du schwaches, feiges Herz!

Was gibst du Raum so weichlichen Betrachtungen?

Geht, Kinder, geht ins Haus hinein! Wer aber nicht

Befugt ist, meinen Opfern zuzusehn, der mag’s

Bedenken: nicht zur Memme macht sich meine Hand!

O weh!

O nicht doch, Herz, verübe du nicht diese Tat!

O laß sie, schone deines Bluts, Unselige! –

Nein, bei des Höllengrundes bösen Geistern, nein!

Nie wird’s geschehen, daß ich meine Kinder selbst

Preisgeben sollte meinen Feinden zum Gespött!

Es bleibt beschlossen, fest, es wankt und weicht nicht mehr!

Schon sitzt der Kranz ihr auf dem Haupte, schon vergeht

Die Fürstin-Braut im Zauberkleid, ich bin’s gewiß.

Wohlan, ich wandle nun den leidensvollsten Weg,

Und diese send ich einen noch leidvolleren.

Noch einen Gruß den Kindern! Reicht, o Kinder, mir,

Reicht her der Mutter eure rechte Hand zum Kuß.

O liebes Händchen! O du lieber süßer Mund,

Und schöngebildet Angesicht, und edler Wuchs!

Oh, seid gesegnet – nur nicht hier! Das hiesige Glück

Zerstört’ der Vater. O du hold Umfangen, ach!

Du weiche Wange, o meiner Kinder süßer Hauch!

Geht, geht, ihr Kinder! Länger halt ich’s nimmer aus,

Euch anzusehen. Ach, der Schmerz bewältigt mich!

Wohl fühl ich’s, welch ein Leid ich anzurichten geh,

Doch mächtger als die Einsicht ist die Leidenschaft:

Sie ist die Ursach jedes größten Fluchs der Welt!

 

CHOR.

Ernster Betrachtung hab ich bereits mich

Öfter geweiht und kühneren Ringens

Mich im Forschen vertieft, mehr, als es geziemt

Nur weiblichem Geist. Doch wohnet im Weib

Liebe der Bildung, die sich gesellt zum

Triebe des Wissens – zwar jeglicher nicht,

Nur wenigen; doch

Ist das Weib nicht ferne den Musen.

So behaupte ich denn, daß Sterbliche, die

Nie Kinder gezeugt und Elterngefühl

Nicht kennen, voran weit gehen im Glück

Den Erzeugenden. Denn wer einsam lebt

Und nie es erfährt, ob Kinderbesitz

Zur Freude gereicht, ob Kummer gebiert,

Ist vieler Beschwerd

Enthoben in dieser Entbehrung.

Wem aber im Haus ein lieblicher Stamm

Von Kindern erblüht, den seh ich verzehrt

Von Kummer und Sorg sein Leben hindurch

Fürs erste, damit er sie edel erzieh,

Dann daß er ein Erbgut lasse zurück.

Und trotzdem, ob er für brave so sehr

Oder entartete

Sich mühe, das bleibt ihm verborgen.

Und finden sich dann auch Mittel genug,

Und reifet ihr Leib zur Blüte der Kraft,

Und gerieten sie brav, wenn’s aber am End

Ihr Schicksal will, daß der Tod sie entrafft,

Wie frommt’s da, dieses betrübteste Leid

Zu so mancherlei Sorg und anderer Not

Um Kinderbesitz

Sich von Gott auflegen zu lassen?

 

MEDEA.

Ihr Lieben, längst schon wart ich bang hier und gespannt

Und blick, des Ausgangs harrend, nach dem Hause dort.

Und nun gewahr ich einen, schreitend her zu uns,

Von Jasons Dienern. Sein erregter Atem zeigt,

Er wird ein Unglück neuer Art verkündigen.

BOTE.

Weib, das so arge und unerhörte Tat verübt,

Medea, fliehe, fliehe! Laß kein schwimmendes

Fahrzeug entgehen, kein zu Lande rollendes!

MEDEA.

Was ist geschehen, das zu solcher Eile mahnt?

BOTE.

Verschieden ist die junge Fürstin eben jetzt

Und Kreon, ihr Erzeuger, durch dein Gift entseelt.

MEDEA.

Die schönste Botschaft bringst du mir und sollst dafür

Mir gelten als Wohltäter und als Freund fortan.

BOTE.

Wie? bist du, Weib, bei Sinnen? oder rasest du?

Schmachvoll mißhandelt hast du unsern Fürstenherd,

Und hörst es freudig, und dich schreckt dergleichen nicht?

MEDEA.

Ich könnte wohl auch deinen Worten mancherlei,

O Freund, erwidern! Aber eile nicht so sehr;

Erzähle, wie sie starben. Doppelt wirst du mich

Ergötzen, wenn ihr Todesleiden schmerzlich war.

BOTE.

Als deiner Söhne Doppelzweig erschienen mit

Dem Vater und ins Zimmer eingetreten war,

Erfreut’ es alle, die dein Leid bekümmert hat,

Uns Diener, und gleich ging das Wort von Ohr zu Ohr,

Dein alter Zwist sei mit dem Gatten beigelegt.

Der küßt’ die Hände, der das blonde Lockenhaupt

Der Kinder, und vor Freuden lief ich selber auch

Mit deinen Söhnen nach den Fraungemächern hin.

Die Herrin, der wir huldgen jetzt an deiner Statt,

Ließ, eh sie deines Kinderpaars ansichtig ward,

Auf Jason wohlgefällig ihre Blicke ruhn,

Dann aber plötzlich hielt sie sich die Augen zu

Und wandte rückwärts ihr verblaßtes Angesicht,

Abscheu bezeugend ihres Eintritts. Dein Gemahl

Entfernt’ des jungen Weibes Groll und Heftigkeit.

Er sprach: »Du mußt nicht bösgesinnt Verwandten sein.

Laß ab zu zürnen, wende mir dein Auge zu,

Wähl die zu Freunden, die des Gatten Freunde sind,

Und nimm die Gaben! Bitte deinen Vater auch,

Daß mir zu Gunst er diesen hier den Bann erläßt.«

Und sie, den Schmuck erblickend, hielt sich nimmermehr,

Versprach dem Gatten alles, und bevor noch weit

Vom Hause weg der Vater und die Söhne sind,

Wird schon das bunte Kleid geholt und angelegt

Und auch der goldne Kranz den Locken aufgesetzt.

Sie prüft im blanken Spiegel wohl der Ringeln Bau,

Anlächelnd ihres Leibes unbeseeltes Bild,

Und drauf vom Sitz erhoben, schritt sie her und hin

Im Zimmer, zierlich wandelnd mit schneeweißem Fuß,

Des Schmuckes übermäßig froh, und warf den Blick

Gar oft zurück zur steilerhobnen Fers’ hinab.

Doch jetzo gab’s ein schrecklich Schauspiel anzusehn:

Die Farbe wechselnd, nach der Seite taumelt’ sie,

An allen Gliedern zitternd, und gelangt’ mit Not

Zum Sitze wankend, eh sie noch zu Boden stürzt’.

Und eine greise Dienerin, vermeinend wohl,

Pans oder andrer Götter Grimm befalle sie,

Fing an zu jubeln, bis sie sah den weißen Schaum

Vom Munde dringen und den stierverdrehten Blick

Der Augen und den leichenblassen kalten Leib.

Da ließ sie laut dem Jubel widertöniges

Geheul erschallen. Eilends rennt die eine zum

Gemach des Vaters, jene hin zum Bräutigam,

Des Mädchens Unfall meldend, und das ganze Haus

Erdröhnt von häufgen Tritten hastig Rennender.

Jetzt hätt ein hurtger Läufer wohl das Ziel erreicht

Des Schenkels einer zweimalhundertschrittgen Bahn,

Da fuhr die Arme, welche mit geschloßnem Blick

Lautlos gelegen, plötzlich auf mit wildem Schrei.

Denn siehe, zwiefach Leiden stürmt’ jetzt auf sie ein:

Der goldne Kranz, auf ihren Schläfen sitzend, sprüht’

Entsetzlich Ströme Feuers allverzehrend aus,

Und deiner Kinder Schenkung, jenes Festgewand,

Zerfraß des unglückselgen Kindes zartes Fleisch.

Sie flieht, vom Sessel aufgesprungen, ganz in Glut,

Hinüber und herüber werfend Haupt und Haar,

Den Kranz hinwegzuschleudern, doch fest hafteten

Des Goldes Fesseln, und das Feuer loderte,

Indem das Haar sie schüttelt’, noch zweimal so stark.

Sie stürzt’ zu Boden, übermannt vom Ungemach,

Nicht mehr zu kennen, außer wer mit zugesehn.

Denn nicht der Augen Lage war mehr kenntlich, nicht

Des Angesichtes Züge, und Tropfen Bluts, vermischt

Mit Feuertropfen, träufelten vom Scheitel ab.

Und vom Gebeine, gleich den Fichtenzähren, troff

Das Fleisch, vom unsichtbaren Zahn des Gifts genagt.

Ein kläglich Schauspiel! Keiner wagt der Leiche sich

Zu nahn: ihr Schicksal hatte deutlich uns belehrt.

Da stürzt der arme Vater, dessen unbewußt,

Zum Saal herein und plötzlich auf die Tochter hin,

Und jammert kläglich, und umschlingt den toten Leib,

Und küßt ihn, also sprechend: »Mein unglücklich Kind!

Ach, welcher Dämon hat so grausam dich zerstört?

Wer hat mich Greisen deiner noch an Grabes Rand

Verwaist? Ach wehe! dürft ich mit dir sterben, Kind!«

Nach solchen Klagen, solchem Weinen, als er drauf

Emporzurichten strebte seinen greisen Leib,

Hing, wie der Efeu an des Lorbeers Rinde klebt,

Er fest am Brautkleid, und ein schrecklich Ringen war’s,

Indem der Alte aufzurichten strebt’ das Knie,

Sie aber festhielt. Wenn er dann gewaltger zog,

So riß er vom Gebeine sich das greise Fleisch.

Zuletzt verhaucht’ er, matt und matter, seinen Geist,

Der Arme, nicht mehr ward er seines Leidens Herr!

Da liegen beieinander nun die Leichen, Kind

Und Vater, ach, ein tränenlockend Mißgeschick!

Was dich nun angeht, liegt von meinem Rate fern;

Du wirst erkennen, wie du magst der Straf entgehn.

Mir aber dünket Schatten alles Irdische

Nicht heut zuerst, und ohne Zagen sprech ich’s aus:

Die klug sich dünken, forschen nach der Dinge Grund,

Daß die der Torheit ganz zuerst verfallen sind.

Denn auf der Welt bringt’s keiner zum vollkommnen Glück.

Wo Segen zuströmt, mag vor andern einer wohl

Beglückt erscheinen, aber völlig glücklich nie.

CHOR.

Es will das Schicksal vieles Leid am heutgen Tag

Zusammenhäufen, und mit Recht, auf Jasons Haupt.

O Tochter Kreons, armes Weib, wie dauert uns

Dein Mißgeschick, daß in des Todes dunkles Haus

Eingehn du mußtest wegen Jasons Ehlichung!

MEDEA.

Entschieden bin ich, Beste, jetzt die Kinder rasch

Zu töten und dann fortzueilen aus dem Land.

Ich will durch Zaudern meine Kinder nicht zum Mord

Preisgeben einer andern rachedürstgen Hand.

Ganz unabwendbar ist ihr Tod, und weil er’s ist,

Will ich sie töten, die sie auch geboren hat.

Wohlan, mein Herz, auf, waffne dich! was zauderst du,

Zu tun das schrecklich, aber unvermeidlich Leid?

Du, meine unglückselge Hand, ergreif das Schwert!

Ergreif es, tritt zum Wendepunkte deines Glücks;

Verbann die Weichheit, denke nicht, wie lieb sie sind,

Daß dein sie sind, daß du die Mutter! Oh, vergiß

Du deiner Kinder nur den einen kurzen Tag,

Und dann bewein sie! Wenn du gleich sie töten mußt,

Du liebst sie dennoch – ach, ich unglückselges Weib!

 

Ab.

 

 

Erste Strophe

 

 

CHOR.

Höre mich, Erde, hör, Sonnenlichts

Leuchtender Strahlenschein! O blickt her, o seht

Dieses verzweifelt Weib, eh sie die blutge Hand

Noch an die Kinder selbstmörderisch legen kann!

Sind sie doch deines Stamms güldnem Geschlecht entsproßt!

Und soll Götterblut jetzt

Fallen durch Menschenhand?

Darum, o Himmelslicht,

Lähm ihr die blutge Hand, hemme sie, laß durch böse Geister

Das verwegne Weib fort vom Haus jagen in Höllenangst!

 

Erste Gegenstrophe

 

 

Trugst du die Muttermühn, trugst umsonst

Schmerzen um deines Stamms blühende Sprößlinge,

O Weib, das geschifft vom grausamen Tor

Eiserner Felsenwand, schiffezermalmender!

Törin, wie konnte je zürnender Groll so schwer

In dein Herz einziehn, daß

Mord ihn bezahlen muß?

Flecken verwandten Bluts,

Wenn es zur Erde floß, drücken die Seele schwer und suchen

Mit dem gleichtönigen Schrei des Wehs rächend den Mörder heim.

 

Aus dem Haus dringt das Geschrei der Kinder.

 

 

Zweite Strophe

 

 

ERSTER SOHN.

Weh! was beginn ich? wie entfliehn der Mutter Hand?

ZWEITER SOHN.

Ich weiß es, bester Bruder, nicht. Wir sind verlorn!

CHOR.

Hörst du der Kinder Ruf? Hörst du das Angstgeschrei?

Welch Unheil beginnst du, fühlloses Weib?

Dring ich ins Haus hinein? Ich muß! Ja! ich muß

Hemmen den Kindermord!

BEIDE SÖHNE.

Ach ja, ach, bei den Göttern, helft! jetzt tut es not!

Wir fallen hin ins Netz des Todes eben jetzt!

CHOR.

O hartherzges Weib, bist du von Stein und Erz,

Daß du die Kindersaat deines Bluts,

Du, ihre Mutter, kannst morden mit eigner Hand?

 

Zweite Gegenstrophe

 

 

Nur ein Weib der Vorzeit, eins nur vergriff,

Hör ich, mit Mordeshand sich an dem eignen Blut,

Ino, von bösen Geistern toll, als Zeus’ Gemahl

Sie aus der Heimat sandte fort in irrer Flucht.

Und stürzt drauf ins Meer, das elende Weib,

Nach ruchlosem Mord,

Indem sie von der Küstenwand wegstreckt den Fuß,

Und geht zugrunde, sterbend mit dem Kinderpaar.

Wie könnt ärgres Leid noch aus dir entstehn,

Quälende Eifersucht armer Fraun?

Wieviel hast du schon der Welt Leid gebracht!

 

Jason tritt auf.

 

 

JASON.

Ihr Frauen, die ihr nahe steht bei diesem Haus,

Verweilt in seinen Räumen noch die Täterin

Des Greuls, Medea? oder wich sie fliehend schon?

Sie muß sich jetzt im Erdenschoß verbergen, muß

Auffliegen jetzt zu Äthershöhn beschwingten Leibs,

Wenn nicht sie keine Straf etwan zu büßen meint

Dem Königshause nach dem Mord der Landesherrn,

Und unversehrt hinwegzufliehn aus diesem Haus.

Doch kümmert minder sie mich als der Kinder Los:

Ihr wird’s vergelten, wer von ihr mißhandelt ist.

Ich eilte nur zur Rettung meiner Kinder her,

Daß nicht die Blutsverwandten ihnen Leides tun,

Zu rächen ihrer Mutter greuelhaften Mord.

CHOR(FÜHRERIN).

Du kennest, Armer, deines Unglücks Tiefe nicht!

Du hättest, Jason, dieses Wort sonst nicht gesagt.

JASON.

Was ist es? will sie etwa mich ermorden noch?

CHOR.

Tot sind die Söhne, von der Mutter Hand erwürgt!

JASON.

Weh mir, was sagst du? Weib, vernichtet hast du mich!

CHOR.

Die Kinder sind nicht mehr am Leben, wisse das!

JASON.

Wo ward der Mord begangen? drinnen oder hier?

CHOR.

Schließ auf das Tor, so siehst du deiner Kinder Blut.

JASON.

Schiebt weg die Riegel, aus den Fugen reißt das Tor,

Ihr Diener, schleunigst, daß ich doppelt Leid erleb

Und an der Mördrin räche, die sie mordete!

 

Medea erscheint auf einem von Drachen gezogenen Wagen in der Luft, die Leichen der Kinder im Arm.

 

 

MEDEA.

Wozu das Rütteln? dieser Sturm auf dieses Tor?

Du suchst die Leichen, suchest, die sie machte, mich?

Spar deine Mühe! Aber wenn du mein bedarfst,

So sprich, was willst du? Nie berührt mich deine Hand!

Ein solches Fahrzeug schenket’ mir der Sonnengott,

Mein Vatersvater, das mich schirmt vor Feindeshand!

JASON.

O Scheusal, o im Grund der Seel verhaßtes Weib

Den Göttern und der ganzen Menschheit so wie mir!

Die gegen ihre Kinder könnt, ihr eigen Blut,

Das Eisen zücken, morden mich durch ihren Mord!

Und schaust nach solcher Handlung noch das Sonnenlicht,

Die Erde noch nach solcher ganz ruchlosen Tat?

Verdirb! O hätt ich’s damals eingesehn wie jetzt,

Als aus der Heimat wildem Land und Volk ich dich

Entführt’ ins schöne Griechenland zum Fluche mir,

Des Vaters und des Vaterlands Verräterin.

Der Himmel stürzte deinen bösen Geist auf mich,

Denn deinen Bruder schlugst du tot am Vaterherd,

Bevor du ins schönbordge Schiff der Argo stiegst.

In solcher Art begannst du. Jetzt, vermählt mit mir

Und Mutter trauter Kinder, die du mir geschenkt,

Erschlugst du sie aus Eifersucht ums Ehebett.

Dies hätte nie ein griechsches Weib zu tun vermocht!

Und ihnen hab ich vorgezogen deine Hand,

Ich Tor, zum widerwärtigen, unheilvollen Bund,

Dich, grimmge Löwin und kein Weib, von wildrer Art,

Als Skylla ist, das Ungeheur Tyrseniens.

Doch dich vermocht ich nicht mit tausend Schmähungen

Zu kränken: also dreist ist dein verstocktes Herz!

Hinweg, du Schandweib, blutge Kindermörderin!

Mir aber bleibt mein Jammer und mein Ungemach.

Denn nicht des neuvermählten Weibes werd ich froh

Und kann die Kinder, die ich zeugt und auferzog,

Nicht lebend mehr begrüßen. Ach, sie sind dahin!

MEDEA.

Wohl lange Reden könnt ich deiner langen Red

Entgegnen, wüßte Zeus, der Gott im Himmel, nicht,

Was du von mir empfangen, was erwidert hast.

Genug, du wirst, nachdem du mich verschmähet, nicht

Ein wonnig Leben führen und hohnlachen mir,

Noch kann die Fürstin oder, der die Ehe schloß,

Kreon, mich so vom Lande stoßen ungestraft.

Drum nenn mich immer wilde Löwin, wenn’s beliebt,

Und Skylla, die da hauset im tyrsenschen Fels:

Verwundet hab ich, falsches Herz, dich, wie’s gebührt!

JASON.

Und blutest selbst auch, denn der Schlag traf dich zugleich.

MEDEA.

Gewiß, doch wenn nur du nicht lachst, ist’s Trost für mich.

JASON.

O Kinder, welch ein schlechtes Weib hieß Mutter euch!

MEDEA.

O Kinder, welch ein törger Vater mordet’ euch!

JASON.

Hat meine Hand doch wahrlich nicht den Mord verübt!

MEDEA.

Dein Übermut und deine neugeschloßne Eh!

JASON.

War dir das Bett so wichtig, sie zu töten drum?

MEDEA.

Geringe Kränkung, meinst du, sei dem Weibe das?

JASON.

Ja, wenn sie sittsam – du bist aller Tugend bar.

MEDEA.

Sie leben nicht mehr! Ewiger Gram muß das dir sein.

JASON:

Sie leben, wilde Rachegeister deiner Seel!

MEDEA.

Die Götter wissen, wer des Wehs Urheber war.

JASON.

Sie wissen’s, ja! sie kennen dein abscheulich Herz.

MEDEA.

Ich haß dich. Widerwärtig ist mir dein Gespräch.

JASON.

Und mir das deine; also sind wir fertig leicht.

MEDEA.

Das wünsch ich gleichfalls. Sage, wie’s geschehen kann.

JASON.

Laß zum Bestatten, zum Betrauern die Leichen mir.

MEDEA.

Mitnichten! Meine Hand begräbt und übergibt

Sie dort geweihtem Boden bei der Hera Burg,

Damit sie meine Feinde nicht mißhandeln und

Ihr Grab umwühlen. Hier dem Land von Sisyphos

Wird für die Zukunft heilger Dienst und Opferweih

Obliegen für den hier begangnen Greuelmord.

Ich aber ziehe nach Erechtheus’ Lande hin,

Woselbst Pandions Sohn mir, Aigeus, Wohnung gibt.

Du aber endest schlimm, du Schlimmer, wie’s gebührt:

Ein Trumm der Argo wird ans Haupt dich treffen einst,

Nachdem du unsrer Ehe bittres End erlebt.

 

JASON.

Dich verderben die Qualgeister des Abgrunds

Und das blutige Recht!

MEDEA.

Wo höret ein Gott oder ein Geist dich,

Meineidiger Mann?

JASON.

Weh, Scheusal, weh, Mördrin der Kinder!

MEDEA.

Geh hin zum Palast und bestatte dein Weib!

JASON.

Ach, gingen dahin meine Söhne mit mir!

MEDEA.

Wart, bis du alt wirst! Dann weinest du recht!

JASON.

Teuerste Söhn, ach!

MEDEA.

Bloß mir sind sie das.

JASON.

Und schlugst sie doch tot?

MEDEA.

Zum Grame für dich!

JASON.

Ach, ich sehne mich, ach, nach dem teueren Mund,

Nach dem Kuß meiner Söhn, unglücklicher Mann!

MEDEA.

Jetzt sprichst du von Gruß, jetzt sprichst du von Kuß,

Und verstießest sie doch.

JASON.

Bei den Göttern, o laß

Mich berühren die Wang und den lieblichen Leib!

MEDEA.

Mitnichten! Verhallt ist umsonst dies Wort.

 

Sie fährt davon.

 

 

JASON.

O Zeus, sieh her, wie sie mich wegstößt,

Wie mich behandelt dies scheußliche, dies

Kindererwürgende Untier eines Weibs!

Doch was ich noch kann und was ich vermag,

Laut klag ich und schrei meinen Jammer empor

Zu den Göttern und ruf auf sie zu Zeugen,

Wie du die Söhn, ach! mir gemordet und nun

Die Berührung des Leibs, die Bestattung wehrst.

Oh, hätt ich sie nie doch gezeugt, dann müßt

Ich sie jetzt nicht sehen erschlagen!

 

Ab.

 

 

(CHOR.

Es waltet der Dinge Gott Zeus im Olymp,

Das Göttliche zeigt sich in mancher Gestalt.

Es vollenden die Götter, was keiner geahnt.

Wovon wir geträumt, das verwirklicht sich nicht.

Was unmöglich uns schien, das ist möglich für Gott.

So hat es auch hier sich bewiesen.)

 

 

Euripides – Iphigenie in Aulis

Euripides

 

Iphigenie in Aulis

(Iphigeneia he en Aulidi)

 

Personen.

Agamemnon

 

Ein alter Diener

 

Chor junger Frauen aus Chalkis

 

Menelaos

 

Bote

 

Klytaimestra

 

Iphigenie

 

Achilleus

 

Artemis

 

 

Vor dem Zelt Agamemnons in Aulis.

 

 

AGAMEMNON mit einem Brief in der Hand.

Der Thestios-Tochter Leda blühten Mädchen drei:

Phoibe und meine Gattin Klytaimestra und

Helena, um welche werbend Griechensöhne viel

Erschienen, die mit Gut und Macht gesegnetsten.

Und heftige Drohung schwur man, Mord um Mord, sich zu,

Wenn man der Braut verlustig würde, gegenseits.

Das setzt’ den Vater Tyndar in Verlegenheit:

Ob geben, ob nicht geben? Wie das Glück sodann

Anfassen und nicht brechen? Ihm fiel dieses bei:

Die Freier müssen gegenseits sich binden durch

Eidschwur und Handschlag und in heilge Opferglut

Weihspenden gießen und geloben feierlich,

Man wolle, wessen Braut die Tyndarstochter wird,

Dem Hilfe leisten, wenn ein andrer ihm vom Haus

Die Braut entführ und ihn verdräng aus ihrem Bett,

Mit Krieg ihn überziehen, schleifen seine Stadt,

Sei’s Grieche oder welscher Mann, durch Waffenmacht.

Nachdem der Schwur gegeben ist und Tyndaros,

Der Greis, sie überschlichen hat mit schlauem Sinn,

Läßt seinem Kind er freie Wahl der Werberschar,

Zu wem sie hinzög Aphroditens holder Hauch:

Und sie erkor – o wär er niemals ihr genaht! –

Den Menelas. Da kam der Obmann – wie die Sag

In der Welt besteht – des Götterstreits aus Phrygien her

Nach Lakedaimon, bunt in blumiger Kleiderpracht,

Von Golde strahlend, voller welscher Üppigkeit,

Und führte, liebend und geliebt, Helenen fort

Im Raub zu Idas Rindertriften! Menelas

War eben auswärts. Dieser rast’ sehnsüchtig dann

Umher in Hellas, mahnend an den alten Schwur

Bei Tyndar, daß dem Beraubten Hilfe werden muß.

Und jetzo stürzt das Griechenvolk zum Kriegessturm,

Die Rüstung nehmend, kommt zur Reede am engen Paß

Von Aulis her, mit Schiffen, Schilden allzumal,

Mit Rossen, Waffen, Wagen ausgerüstet; und

Zum Heeresfeldherrn wählt man mich, dem Menelas

Zulieb, als Bruder. Wäre dieser Stab doch nur

In eines andern Hand gefallen, meine nicht!

Und nun das Heer versammelt und geordnet ist,

So liegt man, Fahrwind missend, hier in Aulis still.

Und da wir ratlos waren, sprach des Sehers Mund

Kalchas: Die Göttin, welche hier thront, Artemis,

Heische Iphigeniens Schlachtung, meines eignen Kinds;

Und Fahrt und Schleifung Trojas würd uns dann zuteil

Nach diesem Opfer; ohne solches nimmermehr!

Ich, als ich dies vernommen, wollte lauten Rufs

Das ganze Heer abdanken durch Talthybios,

Indem mein Herz sich sträubte wider Kindesmord,

Bis mich der Bruder, alle Gründ aufbietend, zwang,

Den Greuel geschehn zu lassen! Und ich schrieb ein Blatt

Und sandt es wohlversiegelt meiner Gattin hin,

Als Braut Achills die Tochter herzusenden mir,

Des Mannes Wert hochpreisend, der – so setzt ich bei –

Zu Schiff zu gehn sich weigre mit Achaias Volk,

Wenn nicht von uns ihm eine Braut nach Phthia kommt:

Zur Überredung meiner Gattin diente dies,

Und war die Heirat fälschlich vorgespiegelt nur.

Um dies Geheimnis wissen von den Griechen bloß

Kalchas, Odyß und Menelas: doch was ich schlimm

Damals beschlossen, widerruf und mach ich gut

In diesem Briefe, den ich heimlich durch die Nacht

(An Klytaimestren hinzutragen geb dem Greis,)

Der meinem Haus und meiner Gattin Treue hegt.

 

Ruft in das Zelt.

 

 

Tritt, Alter, hervor aus diesem Gezelt,

Komm her –

ALTER.

Hier bin ich! Mein Alter ist noch

Sehr munter, noch frisch mein Auge und scharf

Aufmerkend. Mein Fürst Agamemnon, was

Ist Neues im Werk?

AGAMEMNON.

Du erfährst es.

ALTER.

Doch rasch!

AGAMEMNON.

Sprich, was für ein Stern zieht hier seine Bahn?

ALTER.

Sirius, der rollt beim Siebengestirn,

In der Bärin Näh, noch inmitten der Bahn!

AGAMEMNON.

Und noch kein Laut von Vögeln ertönt,

Kein Rauschen der See! Windstille noch stets

Herrscht hier am Sund des Euripos!

ALTER.

Und was trieb dich heraus vom friedlichen Zelt,

Da alles noch ruht um Aulis herum,

Kein Wächter sich regt an den Mauern der Stadt?

Komm, gehn wir hinein.

AGAMEMNON.

Wie beneid ich dich, Greis,

Wie beneid ich den Mann, der frei von Gefahr

Sein Leben verlebt, ruhmlos, glanzlos!

Und minder den Mann, den Würden erhöhn!

ALTER.

Und doch liegt hier ja des Daseins Zier!

AGAMEMNON.

Nur leider die Zier ist verführerisch falsch,

Süßlockend, doch schmerzhaft, wem sie sich gibt!

Bald hindert die Ungunst himmlischer Macht

Und stürzt unser Glück, bald pflegt es der Welt

Vielköpfiger und

Mißliebiger Sinn zu zertrümmern.

ALTER.

Das lobe ich nicht am fürstlichen Mann,

Agamemnon! Gezeugt für lauteres Glück

Hat dich Atreus nicht: Leid mußt du und Freud,

Als sterblicher Mensch, empfinden, und wenn

Nicht dir es beliebt,

Ist’s also geordnet vom Himmel!

Du zündest das Licht einer Lampe dir an

Und schreibst einen Brief, den, welchen du hier

Noch trägst in der Hand, und löschest sodann

Das Geschriebene weg: erst siegelst du zu

Und erbrichst nachher und schleuderst das Blatt

An den Boden, mit hell quellenden Tränen.

Dein seltsam Tun ist wenig entfernt

Vom Wahnsinn selbst!

Was bedrängt dich? Was stieß dir, o König, denn zu?

Komm, teil es mir mit und vertraue dich mir,

Einem biederen, treu dir ergebenen Mann,

Den deinem Gemahl einst Tyndaros ja

Zur Mitgift und

Rechtschaffenem Wärter der Braut gab.

AGAMEMNON.

Nun, eben den Brief hier, den du mich sahst

Aufmachen und mehrmals siegeln, du sollst

Ihn meinem Gemahl hinbringen. Und was

Sein Umschlag birgt, das erfährst du von mir.

ALTER.

Sprich, zeig es mir an, daß das, was ich sag,

Im Einklang sei mit des Briefs Inhalt.

AGAMEMNON.

»Dir, Ledas Sprößling, meld ich

Auf Grund vorherigen Schreibens:

Send nicht dein blühendes Mädchen

Zur Jenseits-Bucht Euböas, dem sturm-

Ruhigen Aulis;

Denn der Tochter Vermählungsschmaus wird

Auf andere Fristen bereitet.«

ALTER.

Wird aber Achill, um die Gattin getäuscht,

Nicht stolzen Gemüts aufbrausen im Zorn

Der Gemahlin und dir?

Hier scheint mir Gefahr! Sag an, was du denkst!

AGAMEMNON.

Nur den Namen, die Tat nicht bietet Achill,

Weiß nichts von dem Plan, von der Heirat nichts,

Noch daß ich das Kind vorgeblich gelobt

Ihm selbst zu verleihn als Gattin

In des Brautbetts keusche Umarmung.

ALTER.

Ein fürchterlich Spiel, Agamemnon, Fürst!

So bringst du das Kind, angebliche Braut

Für den Göttinsohn, als Opfer dem Heer?!

AGAMEMNON.

O wehe! Wie war ich von Sinnen!

Und stürzte in Jammer und Qual mich!

Auf! Rühre den Fuß zu behenderem Lauf,

Und das Alter vergiß!

ALTER.

Sehr eil ich, mein Fürst!

AGAMEMNON.

Und setze dich nicht an buschigem Quell

Zur Ruh! Es beschleicht dich der Schlummer!

ALTER.

Oh, bewahre mich Gott!

AGAMEMNON.

Und wo du vorbei

Einen Scheidweg gehst, merk auf, gib acht,

Daß nicht ein Gespann mit rollendem Rad

Entgehe dem Blick, dich verfehle und her

Mir bringe das Kind zum Danaerheer!

Und wenn das Geleit dir begegnete nun,

Dann lenke zur Umkehr schüttelnd den Zaum

Und jage zurück zum Kyklopengemäur!

ALTER.

Das werd ich!

AGAMEMNON.

Und rasch zur Pforte hinaus!

ALTER.

Doch sage, mein Fürst, wie find ich Vertraun

Für diesen Bericht bei Tochter und Frau?

AGAMEMNON.

Dies Siegel bewahr hier, welches du trägst

Aufs Schreiben geprägt! Geh, schimmernd erhebt

Sich das Frührot schon, und der Morgen erscheint

Mit des Sonnengespanns helleuchtendem Feur!

Nimm mir die Last ab!

Kein Sterblicher freut sich beständigen Glücks

Und Wohlstands je:

Denn noch blieb keiner von Leid frei!

 

Beide ab.

 

Der Chor zieht ein.

 

 

Strophe

 

 

CHOR.

Über den sandigen Küstenstrand

Ging ich zur aulischen Meeresbucht,

Die Flutströmung des Eurip durch-

Rudernd, weg von der Heimat

Chalkis, der Stadt an schmalester Furt,

Wo Arethusens gerühmter Bach

Meerantreibend hervorquillt,

Anzuschauen das Kriegsheer der Achaier,

Welches ins Land Troja in zahllosem Geschwader

Menelaos der Blonde samt Agamemnon führt –

Unsere Gatten erzählen’s –, Helenen zurück-

Zuholen, die edelgeborne. Vom

Schilfgrünen Eurotasbach

Hat sie Paris, der Hirt, entführt

Als Geschenk Aphroditens,

Da sie am perlentauigen Quell

Einst im Hader um Wohlgestalt

Stritt mit Pallas und Hera.

 

Gegenstrophe

 

 

Und durch der Artemis Opferhain

Ging ich in bänglicher Eile hin.

Von Schamröte erglühten mir

Die blutrosigen Wangen,

Als ich der Schilder schützende Wehr,

Waffengewühl und den Rosseschwarm

Im Zeltlager erblickte.

Und selbander die Aiasse gewahrt ich,

Salamis’ Ruhmkränze, vereint sitzend am Schachspiel,

Ganz vertieft in der vielverschlungenen Züge Stand;

Palamedes daneben, den Enkel Posei-

Dons; doch Diomedes, ergötzt vom Spiel

Des lustigen Diskuswurfs,

Und den Meriones, aller Welt

Wunder, Schößling des Ares:

Und von den Inselbergen den Sohn

Des Laërtes, daneben Ni-

Reus, den schönsten Achaier.

 

Epode

 

 

Den Windesgeschwinden im flinkhinrennenden Lauf,

Welchen Thetis gebar und ausbil-

Dete Cheiron, sah ich,

Wie er im Harnisch den Wettlauf hielt

Über das kiesige Ufer,

Mit vierspänniger Rennerfahrt

Zum Siege sich tummelnd,

Im Wettstreite der Füße.

Aber der Wagenlenker, der Sohn

Pheres’ schrie, Eumelos der Held!

Ihn sah ich spornen zum Lauf

Das prachtvollste Rossegespann,

Zäume kunstreich goldengestickt,

Bräunlich die Haare, am Hufe mit scheckigem

Felle gefleckt. Und es schwang sich daneben

Dem Ziel zu, der Wendung der Bahn,

Peleus’ Sohn, am Rande des Wagens und

Der Radnab in Rüstung laufend.

 

Menelaos und der Alte treten, sich um den Brief reißend, auf.

 

 

ALTER.

Das ist verwegen, Menelas, geziemt dir nicht!

MENELAOS.

Hinweg! Das nenn ich gar zu treu sein seinem Herrn!

ALTER.

Das ist ein ehrenvoller Vorwurf! Immer zu!

MENELAOS.

Du sollst’s empfinden, wenn du tust, was nicht geziemt!

ALTER.

Dir ziemt es nicht, den Brief zu lösen, den ich trag.

MENELAOS.

Dir nicht zu tragen, was den Griechen Schaden bringt!

ALTER.

Mit andren hadre drüber und mir laß den Brief.

MENELAOS.

Das werd ich schwerlich.

ALTER.

Nun, so laß auch ich ihn nicht.

MENELAOS.

So wird dein Kopf bald bluten unter meinem Stab.

ALTER.

Sei’s drum! Ist ruhmvoll doch der Tod für meinen Herrn!

MENELAOS.

Gib her, du Sklav, und laß das viele Reden sein!

ALTER schreiend.

O Herr! Mißhandlung leid ich, Unrecht! Deinen Brief

Mir aus der Hand gerissen hat er mit Gewalt,

Agamemnon! der von Billigkeit nichts hören will!

 

Agamemnon tritt aus dem Zelt.

 

 

AGAMEMNON.

Ha!

Welcher Lärm hier vor der Türe? Welch ein unanständger Zank?

 

Zu dem Alten.

 

 

(Was ist dir zuleid geschehen? Und um was beschwerst du dich?)

MENELAOS.

Mir gebührt das Wort und nicht dem Diener! Meine Rede gilt!

AGAMEMNON.

Wie gerietst du dann mit ihm in Hader? Zerrst ihn mit Gewalt?

MENELAOS.

Blick mir ins Gesicht! Zum Eingang meiner Rede dient mir dies!

AGAMEMNON.

Werd ich, Atreussohn, die Augen niederschlagen zitternd wohl?

MENELAOS.

Siehst du dieses Blatt, das Werkzeug eines schändlichen Verrats?

AGAMEMNON.

Leider seh ich’s! Und vor allem leg es weg aus deiner Hand!

MENELAOS.

Nein! Zuvor wohl seinen Inhalt zeig ich allen Danaern.

AGAMEMNON.

Wie? Du weißt, was nicht zu wissen schicklich? Brachst das Siegel auf?

MENELAOS.

Ja, zu deinem Ärger deckt ich hier geheime Ränke auf!

AGAMEMNON.

Und wo hast du’s nur bekommen? Himmel! Welch ein frecher Sinn!

MENELAOS.

Wo ich deine Tochter wollt aus Argos kommen sehn zum Heer.

AGAMEMNON.

Mußt du so mein Tun belauern? Wäre das nicht Dreistigkeit?

MENELAOS.

Weil der Trieb, die Lust mich reizte! Bin ich doch dein Sklave nicht!

AGAMEMNON.

Oh, entsetzlich! Soll ich nicht mehr Herr in meinem Hause sein?

MENELAOS.

Winkelzüge machst du! Heut so, gestern so, und morgen so!

AGAMEMNON.

Fein und witzig! Doch gescheite Zunge, die verletzt, ist bös!

MENELAOS.

Und ein ungerechtes Ding ist Wankelmut, der Freunde trügt!

Einen Spiegel will ich dir vorhalten: weise du im Zorn

Nicht die Wahrheit ab, und ich will nicht zu scharf und heftig sein.

Denke, wie du branntest, Haupt des Heers zu sein für Ilion,

Zwar dem Schein nach nicht begierig, doch im Herzen lüstern sehr,

Wie du anspruchslos dich zeigtest, alle Hände drücktest stets,

Deine Tür gemeinen Leuten offenhieltest zum Besuch,

Nach der Reihe jeden ansprachst, wer es nicht erwartet’ auch,

Bis das Wesen dir die Ehr erkaufte, die zu haben war.

Dann, sobald das Amt erlangt war, nahmst du andres Wesen an,

Warst von Stund an nicht den frühern Freunden mehr der alte Freund,

Schwer zu sprechen, hinter Riegeln selten sichtbar. Nimmer wird

Sein Betragen nach dem Glück umwandeln, wer ein Ehrenmann,

Sondern grade da am meisten Freunden zuverlässig sein,

Wo er fähig ist am meisten, weil er hoch steht, wohlzutun.

Dies mein erster Tadel, wo ich deine Schwachheit sah zuerst.

Als wir drauf nach Aulis kamen und das ganze Griechenheer,

Günstiger Wind zur Fahrt uns fehlte und die Griechen forderten,

Daß die Flott entlassen werde, nicht umsonst sich quäle hier:

Welche Trübsalsmiene! Welcher Jammer, daß du nicht mit Krieg,

Tausend Segel führend, Priams Fluren überschwemmen sollst!

Und da riefst du mich: »Was tu ich? Welches Mittel find ich wo?«

Wolltest nicht, der Macht entkleidet, scheiden von der Herrlichkeit,

Warst vernichtet, ganz verzweifelnd über solches Mißgeschick.

Als dir Kalchas dann aus Opfern kündet’: Deine Tochter sei

Aufzuopfern, und die Flotte könne segeln, warst du froh

Und versprachst dein Kind zu opfern freudig, schriebst freiwillig auch,

Nicht gezwungen – sage das nicht! –, deiner Gattin, daß sie dir

Her die Tochter sende, scheinbar zur Vermählung mit Achill.

Dann entdeckt’ sich’s, daß du reuig andre Botschaft unterschobst,

Weil du nicht des Kindes Mörder werden willst. Ganz trefflich! Oh!

Dies ist noch derselbe Himmel, der es hörte, was du sprachst!

Tausend andren ging es also, wenn’s zum Handeln kam, wie dir:

Willig erst zu jedem Opfer, zieht man dann sich feig zurück,

Teils vor unverständgem Urteil seiner Bürger, teils mit Recht,

Im Gefühl des Unvermögens, was die Pflicht gebeut, zu tun.

Leid nur tut es mir am meisten um das arme Vaterland.

Eine wackre Tat zu üben an den Welschen, diesem Nichts,

War’s bereit, und höhnend, deinem Kind zulieb, entläßt es sie!

Setzt mir keinen seines Vorteils wegen ein zum Oberhaupt

Noch zum Waffenlenker: Einsicht sei des Feldherrn erste Kunst!

Herrscher ist ja überall auch, wer den Geist hat und Verstand!

CHOR(FÜHRERIN).

Wie schlimm ist immer zwischen Brüdern Wortgezank

Und Hader, wenn Entzweiung kommt und Zwist erzeugt!

AGAMEMNON.

Schelten will ich dich in Güte, kurz und schlicht, nicht hoch herab-

Sehend, nicht mit dreist erhobnen Blicken: nein, bescheidener,

Wie’s dem Bruder ziemt; denn Achtung hegt und gibt ein edler Mann.

Sage mir: was glüht dein Auge blutgefärbt? Was schnaubst du so?

Kränkt man dich? Entzieht dir etwas? Eine Frau fehlt deinem Bett?

Nun, ich kann sie nicht verschaffen! Sie, die deine, hast du ja

Schlecht bewahrt: soll ich den Fehler büßen, der ihn nicht beging?

Wie, mein Ehrgeiz kränkt dich? Aber du begehrst in deinem Arm

Nur ein reizend Weib zu haben, setzest Tugend und Vernunft

Ganz beiseite? Niedre Neigung zeugt von niedrer Denkungsart!

Wenn ich frühre Übereilung nahm zurück mit beßrem Rat,

Bin ich toll? Du bist es eher, der ein schlechtes Weib verlor –

Was der Himmel wohl gemacht hat! – und sie wiederholen will.

Freilich schwur die sinnbetörte, liebestrunkne Freierschar

Jenen Eid dem Tyndar; doch die Göttin Hoffnung riß sie hin,

Mein ich, und bewirkt’ es mehr als deine Gunst und deine Macht.

Nimm sie, zieh, wohin du willst! Dein töricht Tun bereust du bald.

Denn die Gottheit wacht und ist nicht blind und unterscheidet wohl

Trügerisch erschlichne Schwüre, die man leistet unbewußt.

Aber meine Kinder werd ich nicht ermorden, werde nicht

Wider Recht dich fördern bei der Züchtgung einer Buhlerin,

Während ich in Reuetränen mich verzehre Tag und Nacht

Nach so sündlich unerlaubter Tat an meinem eignen Blut.

Dies ist meine Meinung, kurz und bündig, klar und faßlich auch.

Willst du taub sein für Vernunft, so kenn ich meine Pflichten doch.

CHOR.

Verschieden lautet diese Rede von der erst

Gesprochnen: daß man seiner Kinder schont, ist recht.

MENELAOS.

O weh mir Armem! Also hab ich keinen Freund!

AGAMEMNON.

Nur nicht zugrunde richten wollen mußt du mich.

MENELAOS.

Worin erkenn ich, daß ich einen Bruder hab?

AGAMEMNON.

In Fördrung klugen Strebens, nicht verderblichen.

MENELAOS.

Ein Freund muß jeden Kummer teilen mit dem Freund.

AGAMEMNON.

Verlang zum Wohltun, nicht zum Wehetun nach mir.

MENELAOS.

Willst also dies nicht leiden um das Vaterland?

AGAMEMNON.

Das Vaterland samt dir ist toll durch einen Gott.

MENELAOS.

Tu stolz mit deinem Herrscherstabe und verrat

Den Bruder. Gut, so such ich andre Mittel auf

Und andre Freunde!

 

Ein Bote erscheint eilig.

 

 

BOTE.

König, aller Griechen Fürst,

Agamemnon, deiner Tochter Ankunft meld ich dir,

Der Iphigenie – diesen Namen gabst du ihr –;

Die Mutter folgt ihr, Klytaimestra, dein Gemahl,

Der klein Orest auch, dir zur Lust des Wiedersehns,

Der schon vom Haus geraume Zeit abwesend ist.

Doch von der langen Reis’ erschöpft, erfrischen sie

An einem angenehmen Quell den zarten Fuß,

Sie und die Stuten, die man losgebunden hat

Und in der grünen Wiese schweifend grasen läßt.

Ich eilte her, damit du zum Empfange dich

Bereitest. Deiner Tochter Ankunft hat das Heer

Erfahren, denn die Kunde flog pfeilschnell umher,

Und scharenweise rennt das Volk zum Schauen hin,

Dein Kind zu sehen. Denn die Hochbeglückten sind

Gefeiert, ziehn die Blicke überall auf sich.

»Gibt’s eine Hochzeit?« fragt man; »was ist sonst im Werk?

Hat bloß aus Sehnsucht nach der Tochter wohl der Fürst

Sein Kind berufen?« Andre wieder sprachen so:

»Der Aulisfürstin Artemis vorstellen will

Man hier die Jungfrau. Wer ist wohl der Bräutigam?«

Nun denn, wohlan! So hebet Opferkörb empor,

Bekränzt die Haare, du und auch Fürst Menelas,

Bestellet Hochzeitlieder, und im Saale laßt

Zum Takt der Füße tönen lustigen Flötenschall,

Weil jetzt der Jungfrau Freudentag erschienen ist!

AGAMEMNON.

Ganz löblich! Doch für jetzo tritt ins Zimmer ein!

Das andre macht sich; denn das Glück hat seinen Gang!

 

Der Bote ab.

 

 

O weh mir Unglückselgem! Wo beginn ich nur?

In welches Zwangsjoch bin ich nun geraten! Ach,

Der Dämon hat mich schleichend tückisch überholt

Und überlistet alle meine Künste weit! –

Oh, wer in niedrem Stande lebt, ist gut daran,

Er kann die Tränen fließen lassen frei von Zwang

Und alles sprechen! Doch den hochgestellten Mann

Entwürdigt solches; denn der Stolz ist unsres Tuns

Hofmeister, und dem Pöbel sind wir Untertan.

Und so verwehrt mir jetzt die Scham der Tränen Trost,

Und doch der Tränen mich enthalten – kann ich’s wohl

In diesem großen Jammer, der mich überfiel? –

Wohlan! Was soll ich meiner Gattin sagen? Wie

Sie nun empfangen? Wie ihr in die Augen sehn?

Ihr ungeladnes Kommen hat das Maß erfüllt

Von meinem Leiden! Dennoch folgt sie mit Gebühr

Der Tochter zur Vermählung, ihren besten Schatz

Hingebend, wo sie meine Schlechtheit kennenlernt!

Und dann das unglückselge Mädchen – Mädchen? ach!

Der Hades wird sie leider bald als Braut umfahn! –,

Wie kläglich, wenn sie weinend mir zu Füßen liegt:

»O Vater, morden willst du mich? So magst du selbst,

Und wer dir lieb ist, solche Hochzeit feiern einst!«

Der klein Orestes steht dabei und weinet laut

Verständlich-Unverständliches, ein lallend Kind!

O weh, Helenens Liebe war mein Untergang!

CHOR.

Mich jammert’s gleichfalls, denn dem fremden Weibe auch,

Das Ungemach der Herrscher muß ihm nahegehn.

MENELAOS.

Mein Bruder, laß mich deine Hand ergreifen, komm!

AGAMEMNON.

Hier hast du sie! Dein ist der Sieg, der Jammer mein!

MENELAOS.

Bei Pelops schwör ich’s, welcher dein Großvater heißt

So wie der mein, und Atreus, unsrem Zeuger: Ja,

Ich rede wahr, aufrichtig, aus des Herzens Grund

Und alles ungeheuchelt, wie ich’s fühl und denk:

Sieh, als ich Zähren deinem Aug entquellen sah,

Hat mich’s gerührt, und weinen mußt ich ebenfalls.

Und meine frühre Rede nehm ich nun zurück,

Bin nicht so hart mehr gegen dich und denk wie du,

Verlang auch nicht die Tötung deines Kindes noch

Aufopferung deines Glückes mir. Wie ungerecht,

Wenn du dich härmtest und es mir nach Wunsch erging,

Dein Kind verschiede, meines blieb’ im Sonnenlicht!

Nach was verlang ich? Frauen, ausgezeichnete,

Sind andre noch zu finden, wenn ich freien will.

Und sollt ich meinen Bruder, den ich liebe, um

Helenen geben, um ein Übel solch ein Gut?

Leichtsinnig war ich, eh ich’s nah betrachtete

Und nun erkannte, was das heiße: Kindesmord!

Dann hat mich Mitleid mit dem armen Mädchen auch

Ergriffen, und bedenk ich ihr verwandtes Blut,

Die man um meiner Liebe willen schlachten will.

Und was nur geht Helena deine Tochter an?

Entlaß das Heer! Mag’s ziehen heim vom Aulisstrand!

Und höre auf, mit Tränen, Bruder, deinen Blick

Zu feuchten, Tränen mir ins Aug zu nötigen.

Und hat der Ausspruch irgend auf dein Kind Bezug,

Mich geht er nichts an: meinen Anteil schenk ich dir!

Und bin ich umgewandelt aus der Heftigkeit,

So ist die Stimmung löblich, welche mich bekehrt

Zur Bruderliebe: schlechter Biegsamkeit ist nicht

Der Mann zu zeihen, welcher je das Best ergreift.

CHOR.

Ganz edel sprachst du, einem Sprößling Tantals wohl

Und Zeusens angemessen, deiner Ahnen wert!

AGAMEMNON.

Ich lob es, Bruder, daß du mir ein wackres Wort

Und deiner würdiges wider mein Erwarten beutst!

Doch bin ich leider in die traurge Not versetzt

Und muß der Tochter blutgen Mord vollziehen nun.

MENELAOS.

Wiefern? Wer zwingt zur Tötung deines eignen Kinds?

AGAMEMNON.

Das ganze hier versammelt Heer der Danaer.

MENELAOS.

Nicht, wenn du jene heim nach Argos senden wirst.

AGAMEMNON.

Das möchte hingehn unbemerkt, doch jenes nicht –

MENELAOS.

Was meinst du? Nur nicht gar zu bange vor dem Volk!

AGAMEMNON.

Kalchas verrät den Seherspruch dem Griechenheer.

MENELAOS.

So laß zuvor ihn sterben! Das macht keine Not.

AGAMEMNON.

Ehrgeiziges Unheil freilich ist das Sehervolk!

MENELAOS.

Zu nichts gebrauchbar, nirgends heilsam, wo man’s hat!

AGAMEMNON.

Allein ein andres, was mir einfällt, schreckt’s dich nicht?

MENELAOS.

Du mußt es nennen; denn erraten kann ich’s nicht.

AGAMEMNON.

Das Sisyphosgezüchte weiß den ganzen Plan.

MENELAOS.

Odysseus wagt nichts Schlimmes gegen mich und dich.

AGAMEMNON.

Er ist verschmitzt und hält es mit dem Haufen stets.

MENELAOS.

Ehrgeiz beherrscht ihn freilich, ein gefährlich Ding!

AGAMEMNON.

So sei versichert, daß er mitten in der Schar

Den Spruch des Kalchas offenbart und sagt, wie ich

Des Opfers Schlachtung übernahm für Artemis

Und brach mein Wort. Der reißt den Haufen mit sich fort

Und heißt die Griechen mich und dich erschlagen und

Das Mädchen opfern. Flieh ich in mein Reich zurück,

Sie rücken nach und schleifen samt dem Kyklopenbau

Uns selbst im Sturme und verwüsten unser Land.

Von dieser Art ist meine Not. O jammervoll!

Wie bin ich so betrogen von den Göttern nun!

Nur eins verhüte, Menelas: zum Heer begib

Dich hin und sorge, daß es Klytaimestra nicht

Erfahre, bis der Hades erst mein Kind umfängt,

Daß mir mein Elend möglichst wenig Tränen bringt.

Ihr aber, fremde Frauen, haltet reinen Mund.

 

Agamemnon und Menelaos ab.

 

 

Strophe

 

 

CHOR.

Selig, wer mit bescheidnem Sinn

Und mit mäßiger Leidenschaft

Pflückt die Freuden der Liebe,

Dessen Herz kein tobender Sturm

Rasender Triebe erschüttert; denn

Zweierlei Pfeile der süßen Qual

Schießt der goldhaarlockige Gott,

Einen milden zu sanftem Glück,

Einen verderblichen, der’s zerstört.

Schönste Kypris, behüte vor

Diesem Pfeil mein häusliches Glück!

Laß mich keusche Begier und Reiz

Zwar empfinden, allein mit Maß,

Pflücken der Liebe Freuden und Lust,

Doch obsiegen dem Unmaß!

 

Gegenstrophe

 

 

Mannigfach ist das menschlich Herz

Und vielartig die Sitten, doch

Was recht sei, das ist deutlich.

Zucht und bildender Unterricht

Wirkt zur Tugend gewaltig viel,

Und Unschuld ist der Weisheit gleich,

Und an Schöne und Gunst entspricht

Ihr eine Seele, die mit Bewußt-

Sein die Pflicht übt. Ewigen Ruhm

Und Ehr erntet das Leben hier.

Groß ist’s, ringen nach Tugend, wenn

Frauen, die ehliche Treue keusch

Hütend, heimliche Buhlschaft fliehn,

Männer den Staat groß machen, im Schmuck

Tausendfacher Verdienste.

 

Epode

 

 

Paris, welch ein verderblich Leid

Wuchsest du, Hirt, auf ländlicher Trift

Dort bei Rindern am Ida,

Bliesest welsche Weisen, Olymps

Phrygischem Flötenspiele zum Trotz,

Auf schwirrendem Rohre,

Und es gediehn milchtrotzende Küh,

Bis du vom Göttinnenstreit verrückt

Hinfuhrest nach Hellas.

Vor dem elfenbeinernen Stuhl

Standst du, Aug in Auge den Blick,

Und umstricktest Helenens Herz mit Liebe

Und wardst von Liebe selbst bezaubert.

Hader von daher

Sendet mit Schiffen und Schilden das Heer

Nach Iliens Festen.

Io! io!

O erhabenes Glück des erhabenen Stands!

Iphigenien seht,

Hochfürstliche Tochter des Königs,

Samt Tyndars Tochter Klytaimestra,

Von erlauchtem Geschlecht entsprossen und jetzt

Noch höherem Los entgegengeführt!

Die Gewaltigen, ja! Die Gesegneten sind

Tiefstehenden Sterblichen Götter!

 

Iphigenie und Klytaimestra treten auf.

 

 

KLYTAIMESTRA.

Zum guten Zeichen meinem Kommen nehm ich dies,

Hier deinen Glückruf, dein ersprießlich braves Wort.

Auch heg ich Hoffnung, daß zu segensvollem Bund

Mein Brautgeleit sei.

 

Zu den Dienern.

 

 

Schaffet nun vom Wagen da

Die mitgebrachte Morgengabe für die Braut

Und tragt behutsam alles ins Gemach hinein!

 

Zu Iphigenie.

 

 

Du, meine Tochter, steige mir vom Wagen ab,

Vorsichtig laß zu Boden deinen zarten Fuß.

 

Zu den Dienern.

 

 

Dann biete jemand mir des Armes Stütze dar,

Auf daß ich hübsch dem Roßgespann entsteigen mag.

Ihr aber tretet vor das Joch der Pferde hin,

Denn scheu und schwer zu sänftigen ist der Rosse Blick.

Und dieses Kind, Agamemnons Sprößling, traget mir,

Oresten; denn er ist zum Wandeln noch zu zart.

Mein Kind, du schläfst, vom Schaukelwagen eingewiegt?

Erwach zu deiner Schwester Hochzeitsfeste froh:

Denn dein, des Edlen, harret edle Schwägerschaft,

Der Nereustochter göttergleicher Heldensohn!

 

Zu Iphigenie.

 

 

Hierher, mein Kind, an meine Seite trete her,

Zur Mutter, Iphigenie, mir, der glücklichen,

Hier neben diese fremden Frauen hingestellt:

Und nun begrüße deinen teuren Vater hier.

O mein verehrter höchster Hort, Agamemnon, Fürst,

Nicht ungehorsam deinem Auftrag sind wir hier.

 

Agamemnon ist aus dem Zelt getreten.

 

 

IPHIGENIE.

O Mutter, darf ich eilen, an des Vaters Brust

Die Brust zu drücken, hin zu ihm, und zürnst du nicht?

KLYTAIMESTRA.

Ach ja, mein Kind, das sollst du! Zärtlich hängst du ja

Am Vater, mehr als alle meine Kinder, stets!

IPHIGENIE.

Mein Vater, nach so langer Zeit! Wie freu ich mich!

AGAMEMNON.

Dein Vater gleichfalls! Was du sagst, gilt auch von mir.

IPHIGENIE.

Heil dir! Wie schön ist’s, Vater, daß ich kommen darf!

AGAMEMNON.

Schön oder nicht schön – wie man’s nehmen mag, mein Kind!

IPHIGENIE.

Ha!

Du blickst mich gar nicht freudig an! So mißgestimmt!

AGAMEMNON.

Viel Sorgen hat ein König und Feldherr, mein Kind.

IPHIGENIE.

So schenk dich mir jetzt, schlag die Sorgen aus dem Sinn!

AGAMEMNON.

Mein Sinn ist völlig nur bei dir und nirgends sonst.

IPHIGENIE.

Entrunzle denn die Stirne, blick mich heiter an!

AGAMEMNON.

Ich freu mich, sieh! – wer weiß, wie sehr? –, Kind, dich zu sehn!

IPHIGENIE.

Und dennoch rinnen Zähren dir die Wangen ab?

AGAMEMNON.

Lang ist ja auch die Trennung, die uns droht, mein Kind!

IPHIGENIE.

Das weiß ich nicht, mein Vater, nichts mir Schmerzliches!

AGAMEMNON.

Dies Wort, so sinnvoll, rührt mich desto heftiger!

IPHIGENIE.

So will ich kindisch reden, wenn’s dich heiter stimmt.

AGAMEMNON.

O Gott! Wie kann ich schweigen noch?! – Dir bin ich gut!

IPHIGENIE.

Bleib, lieber Vater! Deinen Kindern bleib daheim!

AGAMEMNON.

Ich will’s – und darf’s nicht wollen doch: das ist mein Gram!

IPHIGENIE.

Fluch Menelaens Händeln und dem Waffenlärm!

AGAMEMNON.

Fluch bringt er andern früher, hat ihn mir gebracht.

IPHIGENIE.

Bist schon so lang in Aulis’ Buchten, fern von uns!

AGAMEMNON.

Und hemmt den Aufbruch immer noch ein Hindernis.

IPHIGENIE.

Wo, sagt man denn, daß dieser Phryger Siedlung sei?

AGAMEMNON.

Da, wo des Priams Paris leider wohnhaft ist.

IPHIGENIE.

Da fährst du weit weg, lieber Vater, fort von mir!

AGAMEMNON.

Dein Fall, mein Kind, ist für den Vater gleicher Art.

IPHIGENIE.

Weh!

Oh, ging es nur, mich mitzunehmen auf der Fahrt!

AGAMEMNON.

Auch deiner harrt ein Weg noch, wo du mein gedenkst.

IPHIGENIE.

Und fahr ich mit der Mutter oder ganz allein?

AGAMEMNON.

Vom Vater fern und Mutter, einsam und allein!

IPHIGENIE.

Du willst mich wohl verpflanzen in ein andres Haus?

AGAMEMNON.

Laß! Solcherlei zu wissen ziemet Mädchen nicht.

IPHIGENIE.

Geh’s dir in Phrygien glücklich und komm bald zurück!

AGAMEMNON.

Erst muß ich noch ein Opfer schlachten hier am Strand.

IPHIGENIE.

Mit Opfern muß man prüfen, was man fromm beginnt!

AGAMEMNON.

Du wirst’s erfahren, an der Weihungssprenge stehn!

IPHIGENIE.

Wir werden also Reigen tanzen um den Herd?

AGAMEMNON.

In deiner Unschuld neid ich dich weit mehr als mich.

Begib dich nun ins Zimmer; denn bei Männern auf

Der Straß erblickt zu werden ziemet Mädchen nicht!

Und reich mir einen Schmerzenskuß und Händedruck,

Du, die vom Vater scheiden soll auf lange Zeit!

O teure Brust! O Wangen! Blondes Lockenhaar!

O welche Qual Helena und die Phrygerstadt

Uns schuf! – Ich muß hier enden; denn die Zähre bricht

Mir plötzlich aus den Augen, hier in deinem Arm!

Geh hin ins Zelt! –

 

Iphigenie ab.

 

 

Dich bitt ich um Entschuldigung,

O Ledas Tochter, wenn ich gar zu weich erschien,

Im Begriff, die Tochter hinzugeben an Achill.

Zwar hochbeglückt ist diese Entsendung, aber doch

Fällt’s Eltern schmerzlich, Kinder in ein fremdes Haus

Zu geben, sie, um die man viele Mühen trug.

KLYTAIMESTRA.

So bar der Einsicht bin ich nicht! Glaub nur, ich werd

Es auch empfinden, wenn ich unter Brautgesang

Die Tochter hingeleite; also tadl ich’s nicht.

Doch wird Gewohnheit mit der Zeit es mildern wohl.

Den Namen nun des künftgen Eidams kenn ich zwar,

Doch seinen Stammbaum möcht ich wohl erfahren noch.

AGAMEMNON.

Aigina war Asops, des Flußgotts, Tochter einst.

KLYTAIMESTRA.

Und wer der Menschen oder Götter freite sie?

AGAMEMNON.

Zeus. Aiakos, Oinones Häuptling, zeugte er.

KLYTAIMESTRA.

Und welcher Sprößling Aiakos’ bestieg den Thron?

AGAMEMNON.

Peleus, und Nereus’ Tochter war mit ihm vereint.

KLYTAIMESTRA.

Vom Vater selbst wohl? oder trotz den Himmlischen?

AGAMEMNON.

Von Zeus verlobt, vom eignen Vater zugeführt.

KLYTAIMESTRA.

Wo war die Hochzeit? etwa wohl im Wellenreich?

AGAMEMNON.

Wo Cheiron wohnt auf Pelions heiligen Stufenhöhn.

KLYTAIMESTRA.

Dort also, wo Kentauren, sagt man, hausen, war’s?

AGAMEMNON.

Bei Peleus’ Hochzeit schmausten dort die Himmlischen.

KLYTAIMESTRA.

Den Achill erzog der Vater oder Thetis selbst?

AGAMEMNON.

Cheiron, in Unschuld, von verderbten Menschen fern.

KLYTAIMESTRA.

Klug war der Lehrer – der auch, der ihn suchte, klug!

AGAMEMNON.

Das ist der Held, der deiner Tochter Gatte wird.

KLYTAIMESTRA.

Untadlig! Welche Griechenstadt gehört ihm denn?

AGAMEMNON.

In Phthia liegt sie um den Fluß Apidanos.

KLYTAIMESTRA.

Dort also führt er mein und deine Tochter hin?

AGAMEMNON.

Dem, der sie sein nennt, wird es überlassen sein.

KLYTAIMESTRA.

So wünsch ich Glück! Die Trauung ist an welchem Tag?

AGAMEMNON.

Sobald des Vollmonds segensvolle Scheibe glänzt.

KLYTAIMESTRA.

Das Weihungsopfer ist der Göttin schon gebracht?

AGAMEMNON.

Jetzt soll es: eben steh ich jetzt an diesem Los!

KLYTAIMESTRA.

Du gibst das Hochzeitsmahl sodann wohl hinterher?

AGAMEMNON.

Nach Opfrung eines Opfers, das der Himmel heischt.

KLYTAIMESTRA.

Wo aber feir ich mit den Frauen diesen Tag?

AGAMEMNON.

Hier, bei der Griechen steuergeschmückten Schiffen selbst.

KLYTAIMESTRA.

Schlimm, aber nicht zu ändern! Sei’s ersprießlich doch.

AGAMEMNON.

Nun höre, meine Gattin, und gehorche mir.

KLYTAIMESTRA.

Worinnen? Dir zu folgen bin ich stets gewohnt.

AGAMEMNON.

Wir einerseits nun wollen hier beim Bräutigam –

KLYTAIMESTRA.

Was ohne mich vollziehen, das der Mutter ziemt?

AGAMEMNON.

Dein Kind dem Bräutigam geben vor den Danaern.

KLYTAIMESTRA.

Und ich, wo soll ich mich befinden unterdes?

AGAMEMNON.

Nach Argos reisen und der Mädchen warten dort.

KLYTAIMESTRA.

Mein Kind verlassen? Wer erhebt die Fackel dann?

AGAMEMNON.

Die Fackel, welche Bräuten ziemet, schür ich selbst

KLYTAIMESTRA.

Ist nicht der Brauch! Wie hältst du das für Kleinigkeit?

AGAMEMNON.

Dein Aufenthalt im Heergewühle ziemt sich nicht.

KLYTAIMESTRA.

Mir ziemt als Mutter meines Kindes Brautgeleit.

AGAMEMNON.

Auch die im Hause nicht allein zu lassen ziemt.

KLYTAIMESTRA.

Sie sind im sichern Frauengemache wohl verwahrt.

AGAMEMNON.

Tu’s –

KLYTAIMESTRA.

Bei der Göttin, die zu Argos thronet, nein!

Geh du und walte draußen! Das im Haus ist mein!

 

Klytaimestra ab.

 

 

AGAMEMNON.

O weh! Ich rang vergebens, meine Hoffnung trog,

Die Gattin wegzuschaffen aus dem Angesicht!

Ich sinn und liste, erfinde Ränke gegen die,

Die mir die Liebsten, unterliegend überall!

Gleichwohl zum Opferpriester Kalchas muß ich gehn,

Das, was genehm der Göttin, mir verderblich ist,

Noch gründlich auszuforschen, Griechenlandes Not.

Ein kluger Mann muß eine brave Gattin je

Im Hause hegen – besser sonst, er freie nicht.

 

Ab.

 

 

Strophe

 

 

CHOR.

Jetzo schauen des Simoeis

Silbernfarbige Strudel

Diese gescharte griechische Macht,

Wenn sie zu Phoibos’ heiligem Grund,

Ilions fester Burg, kommt

Zu Schiff mit Waffengerät.

Dort, sagt man, schwinget im Vor-

Ahnungsgeist Kassandra verzückt,

Wenn sie der göttliche Drang beseelt,

Ihr blondwallendes Lockenhaar,

Heilig umkränzt mit grünem Lorbeer.

 

Gegenstrophe

 

 

Und auf ragendem Mauerkranz

Staunend werden die Trojer

Stehen, heran zum Simoeisbach

Wenn sie den erzgepanzerten Krieg

Sehen im Ruderschlag ziehn

Auf schöngebordetem Kiel,

Aus Priams Fluren des hoch

Im Sternäther leuchtenden Paars

Schwester Helena zu holen zum

Land der Griechen mit Kriegessturm,

Ringen in Schwert- und Lanzennöten.

 

Epode

 

 

Mir erschein und den Kindern mein

Nie ein solches Erwarten,

Wie es der Phryger und Lyder

Goldgeschmückte Frauen am Web-

Stuhl hegen und sprechen

Werden untereinander so:

»Ach, wenn die heimische Burg hinstürzt,

Wer wohl wird am lockigen Haar

Zerren das weinende Mädchen, die Blüt entblättern?

Deinethalb, langhalsigen Schwans Entsproßne du,

Wenn glaubwürdig die Sage spricht, daß Leden

Zeus umfing verwandelten Leibs

Und dich gezeugt ein beschwingter Schwan,

Oder solch ein Märchen umsonst

Durch Dichtererfindungen

Zur Unzeit in die Welt verpflanzt ward.«

 

Achilleus tritt auf.

 

 

ACHILLEUS.

Wo ist der Feldherr Griechenlands zu finden hier?

Meld einer ihm, ihr Diener, daß der Peleussohn

Achilleus, an der Pforte wartend, sein begehrt. –

Denn harrt man nicht in gleicher Lag am Euripos?

Die einen, durch kein Eheband gebunden, die

Nur leere Zimmer dort verließen, sitzen hier

Am Strand mit andern, die im Hause Weib und Kind

Verließen: also waltete ein gewaltger Drang

Bei diesem Aufbruch – sichtlich war ein Gott dabei!

Nun ist, das Meinige auszusprechen, meine Pflicht,

Ein andrer trage, wenn’s beliebt, das Seine vor.

Vom Vater Peleus schied ich und Pharsalerland,

Und an des Eurips schmaler Pforte harre ich hier,

Die Myrmidonen haltend, die bestürmend stets:

»Achill, was säumst du?« sprechen. »Sag, wie viele Zeit

Soll noch verrinnen bis zur Fahrt nach Ilion?

Tu, was du tun willst, oder führ die Truppen heim,

Wart auf der Atreussöhne Zaudereien nicht.«

 

Klytaimestra tritt aus dem Zelt.

 

 

KLYTAIMESTRA.

O Sohn der Nereustochter, deine Meldung hört

Ich drinnen, und drum komm ich aus dem Zelt hervor.

ACHILLEUS.

O hehre Scheu und Sitte, was erblick ich hier

Für eine Frau, vornehmen Wesens von Gestalt?

KLYTAIMESTRA.

Mich wundert dies Verkennen nicht: du hast mich nie

Gesehn, und löblich ist die Sittsamkeit zugleich.

ACHILLEUS.

Wer bist du? Wie gelangst du ins Achaierheer,

Ein Weib zu lauter kriegsgepanzerten Männern her?

KLYTAIMESTRA.

Der Leda Tochter bin ich, Klytaimestra ist

Mein Name, Fürst Agamemnon ist mein Ehgemahl.

ACHILLEUS.

Das Geeignete hast du hübsch und kurz mir mitgeteilt:

Allein mit Fraun Gespräche führen ziemt mir nicht.

KLYTAIMESTRA.

Was fliehst du? Bleibe! Und zum Eingang glücklichen

Brautbundes reiche mir getrost die Rechte dar!

ACHILLEUS.

Ich dir die Hand? Was soll das? Scheuen müßt ich doch

Agamemnon, anzurühren, die mir nicht gebührt.

KLYTAIMESTRA.

Nichts ziemt sich besser, wenn du meiner Tochter bist

Verlobt, o Sohn der seeischen Göttin, Nereussproß!

ACHILLEUS.

Was sprichst du von Verlobung? Staunen faßt mich, Frau,

Wenn nicht dein seltsam Reden stammt von irrem Geist!

KLYTAIMESTRA.

Das ist die Art Verlobter, dies verschämte Tun

Vor ungewohnten Freunden, wer der Braut gedenkt!

ACHILLEUS.

Ich hab um deine Tochter nie geworben, Frau!

Kein Wort von Heirat hat mir Atreus’ Sohn gesagt.

KLYTAIMESTRA.

Was wäre das?! Mag meine Rede gegenseits

Dich wundern, wie dein Wesen mich in Staunen setzt!

ACHILLEUS.

Denk nach! Und laß uns raten, wie’s zusammenhängt:

Auf falsche Fährte sind wir beid am End geführt.

KLYTAIMESTRA.

Ich bin gehöhnt! Gewißlich! Hochzeit hab ich mir,

Wo keine ist, eingebildet! Wie beschämt mich das!

ACHILLEUS.

Es war ein Scherz wohl, den man mit uns beiden trieb!

Nimm’s nicht zu Herzen, sondern schlag es aus dem Sinn.

KLYTAIMESTRA.

Leb wohl! Dir grad ins Auge kann ich ferner nicht

Mehr sehn, verhöhnt dastehend und als Lügnerin.

ACHILLEUS.

Das gleiche geb ich dir zurück. Ich gehe nun,

Um deinen Gatten aufzusuchen, ins Gemach.

 

Der alte Diener Agamemnons öffnet das Zelt.

 

 

ALTER.

Fremdling, edler Aiakide, bleibe! He! Dich ruf ich da,

Dich, den Sohn der seeischen Göttin! Dich auch, Ledas Tochter da!

ACHILLEUS.

Wer nur ruft aus halbgelüpfter Tür so ängstlich und so bang?

ALTER.

Sklave bin ich, überheb mich dessen nicht: mein Los verbeut’s.

ACHILLEUS.

Wessen? Meiner nicht! Agamemnons Sach und meine sind getrennt!

ALTER.

Dieser hier vor diesem Hause, ihr erteilt von Tyndaros.

ACHILLEUS.

Nun, wir stehen: sprich, was willst du? Warum hältst du mich zurück?

ALTER.

Steht ihr wirklich ohne Zeugen ganz allein an diesem Tor?

ACHILLEUS.

Rede nur! Wir sind allein; doch tritt heraus vom Königszelt.

ALTER.

Jetzt, o Glück und meine Vorsicht, rette, die ich retten will!

ACHILLEUS.

Diese Äußrung zeigt Gefahr, doch an die Zukunft knüpft sie sie.

KLYTAIMESTRA.

Zögre nicht, bei deiner Rechten! wenn du was entdecken willst.

ALTER.

Nun, du weißt, wie treu ich’s meine dir und deinen Kindern stets?

KLYTAIMESTRA.

Ja; als guten alten Diener meines Hauses kenn ich dich.

ALTER.

Daß mich nur als Teil der Mitgift Fürst Agamemnon überkam?

KLYTAIMESTRA.

Wohl, du kamst mit mir nach Argos, meinem Dienste stets geweiht.

ALTER.

Also ist’s; und dir ergeben bin ich, minder deinem Mann.

KLYTAIMESTRA.

Nun zur Sach, enthüll uns endlich, was du mitzuteilen hast.

ALTER.

Deine Tochter bringt der eigne Vater eigenhändig um.

KLYTAIMESTRA.

Was? Du bist von Sinnen, Alter! Pfui! Das Wort, ich werf es fort!

ALTER.

Mit dem Schwert des armen Mädchens weißen Hals zerschneidet er!

KLYTAIMESTRA.

Weh, o Jammer! Also rast er, ist er wütend, mein Gemahl?

ALTER.

Ganz vernünftig! Gegen dich nur und die Tochter ohne Sinn.

KLYTAIMESTRA.

Und aus welchem Grunde? Welcher böse Geist verleitet ihn?

ALTER.

Ein Orakel – Kalchas sagt es –, das dem Heere Fahrt verheißt.

KLYTAIMESTRA.

Fahrt wohin? Weh mir und weh ihr, die der Vater morden will!

ALTER.

Nach Dardanien, daß Helenen Menelas zurückbekommt.

KLYTAIMESTRA.

Wäre so Helenas Rückkehr Iphigeniens Todeslos?

ALTER.

Alles weißt du jetzt: der Vater weiht dein Kind der Artemis.

KLYTAIMESTRA.

Welchen Grund hat denn die Heirat, die mich her vom Hause lockt’?

ALTER.

Daß du freudig deine Tochter brächtest als Achilleus’ Braut.

KLYTAIMESTRA.

Kind, zu deinem Untergange kamst du, du und ich dazu!

ALTER.

Jammervoll ist eure Lage, schrecklich deines Gatten Tat!

KLYTAIMESTRA.

Ich vergeh vor Schmerz, mein Auge birgt die Träne nimmermehr!

ALTER.

Wer verdenkt die Tränen einer Mutter, die ihr Kind verliert?!

KLYTAIMESTRA.

Aber, Alter, wie erfuhrst du dieses? Wer verriet es dir?

ALTER.

Einen Brief zum ersten Schreiben dir zu bringen, war ich fort.

KLYTAIMESTRA.

Der die Todesfahrt der Tochter fordert’ oder widerrief?

ALTER.

Der’s zurücknahm; denn vernünftig wieder war dein Gatte da.

KLYTAIMESTRA.

Und warum dann, wenn du’s hattest, gabst du mir das Schreiben nicht?

ALTER.

Menelas, der schuld an allem diesem Leid ist, nahm es mir.

KLYTAIMESTRA zu Achilleus.

O du Kind der Nereustochter, Peleus’ Sohn, vernahmst du dies?

ACHILLEUS.

Ja, dein Elend hört ich, auch die eigne Kränkung fühl ich wohl.

KLYTAIMESTRA.

Meine Tochter will man morden, ködert’ uns durch deine Eh!

ACHILLEUS.

Deinem Gatten zürn ich gleichfalls, leichten Sinnes trag ich’s nicht!

KLYTAIMESTRA.

Keine Scham mehr soll mich halten, hinzusinken dir ans Knie,

Mich, das irdisch Weib, dem Göttinsohne; denn wozu der Stolz?

Oder ist mir werter, teurer etwas als mein Kinderglück?

Oh, erbarm dich, Sohn der Göttin, meines schweren Ungemachs,

Meines Kinds, das deine Braut hieß, ohne Grund zwar, aber doch!

Dir, als deine Braut, mit Blumen kränzt ich sie und brachte sie,

Und zur Schlachtbank ging die Reise! Ewiger Vorwurf bleibt es dir,

Hast du nicht geholfen. Ob kein ehlich Band dich auch vereint,

Warst du doch des armen Mädchens trauter Bräutigam genannt.

Oh, bei deinem Kinn, der Hand hier, bei der Mutter fleh ich dich!

Mein Verderben war dein Name, rette dessen Ehre nun!

Keinen Herd als deine Kniee gibt’s, an den ich flüchten kann,

Kein Verwandter ist mir nahe, und Agamemnons Handeln ist

Grausam, wie du hörst, verwegen! Und ich stehe, wie du siehst,

Unter meisterlosem Seevolk, welches keck zum Schlimmen ist,

Gut und brav auch, wenn’s ihm einfällt; aber wenn du deine Hand

Über uns hältst, sind wir sicher; ohne dich nun rettungslos!

CHOR(FÜHRERIN).

Gebären ist entsetzlich und ein mächtiges Band;

Und jedes Opfer bringt die Mutterliebe gern.

ACHILLEUS.

Voll Mut und Hochsinn hebt sich meine Brust, entfernt

Von niedrer Furcht wie von Begier und Lüsternheit,

Versteht mit Fassung Mißliches zu tragen und

Des hochgetürmten Glückes sich mit Maß zu freun.

Denn so gestimmte Seelen wandeln mit Vernunft

Nach sichrem Grundsatz richtig ihren Lebenspfad.

Nun gibt es Fälle, wo es frommt, nicht allzuviel

Zu grübeln, andre, wo das Denken nützlich ist.

Und ich, erwachsen in der Zucht des frömmsten Manns,

Des Cheiron, lernte bieder sein mit schlichtem Sinn

Und will mich Atreus’ Söhnen unterordnen, wo

Sie richtig leiten, frönen nicht zur Ungebühr –

Nein, hier und dort in Troja meinen freien Sinn

Bewahrend, Ruhm dem Kriege leihn durch meinen Arm. –

Und dich, an der die Nächsten grausam handelten,

Dich will ich schirmen mit dem Schild des Mitgefühls,

Wie’s immer eines jungen Mannes Arm vermag.

Und schlachten soll der Vater deine Tochter nie,

Die mein genannt war! Nein, ich gebe meinen Leib

Zum Ränkeschmieden deinem Mann mitnichten preis!

Mein Name, ohne daß ich je ein Schwert gezückt,

Er wäre deines Kindes Mörder; trägt die Schuld

Der Vater auch, ich bleibe doch nicht unbefleckt,

Wenn mein und meiner Ehe wegen untergeht

Das Mädchen, so empörend, grausam, unerhört

Mißhandelt, so unwürdig, schmachvoll angeführt!

So wär ich, traun! der schlimmste Wicht im Griechenvolk,

Ein bloßes Nichts, und Menelas ein rechter Mann,

Nicht Peleus’ Sohn, nein, eines Teufels Ausgeburt,

Wenn dein Gemahl durch meinen Namen morden darf.

Beim Greise, der im feuchten Wellenreiche wohnt,

Nereus, der Thetis Zeuger, deren Schoß mich trug –

Nein, deine Tochter soll Agamemnon nimmermehr,

Soll keiner, der im Danaervolke Ränke spinnt,

Anrühren, nur den Finger legen ans Gewand!

Sonst scheine Sipylos groß und stolz, die welsche Burg,

Die Ahnenwiege dieser Heergebieter da,

Und Phthia sei verschollen und mein Name nichts! –

Und schlimm bekomme Wasserweih und Opferschrot

Dem Seher Kalchas! – Seher? Was heißt Seher sein?

Ein Mann, der wenig Wahres, doch viel Falsches spricht

Und, trifft er’s oder trifft er’s nicht, entschuldigt ist.

Nicht meiner Neigung wegen – denn nach meiner Hand

Gewißlich trachten tausend Mädchen – sag ich das,

Allein Agamemnon hat mich mißbraucht und beschimpft.

Er mußt um meinen Namen mich ersuchen selbst

Zum Köder, wenn sich Klytaimestra grade mir

Nur ihre Tochter anzutraun bewegen ließ.

Ich gab ihn dann den Griechen, wenn die Überfahrt

In dieser Not gebunden lag, versagte nicht

Der Sache meiner Kriegsgenossen diese Steur.

Jetzt bin ich gar nichts, und den Heeresführern da

Macht’s kein Bedenken, gut zu handeln oder schlecht.

Bald soll das Schwert entscheiden, welches, eh es noch

Zu Phrygern kommt, von rotem Blute triefen wird,

Wenn jemand deine Tochter mir entreißen will.

Bleib ruhig: ja, ein mächtiger Gott erschien ich dir,

Obwohl ich’s nicht bin, denn ich rett und schirme dich.

CHOR.

O Sohn des Peleus, deiner würdig war die Red

Und wert der hehren Göttin, die in Fluten thront.

KLYTAIMESTRA.

Oh!

Wie mach ich’s, dich zu loben nicht im Übermaß

Und nicht zu sparsam, deiner Huld gewiß zu sein?

Denn edle Seelen werden leicht bei ihrem Lob

Dem Lober abhold, der sie überschwenglich preist.

Und meinen Jammer vorzuklagen schäm ich mich

Im eignen Notstand, welcher dich mitnichten drückt.

Doch steht’s dem braven Manne wohl an, mag er auch

Nur ferne stehn, zu helfen, wo er Leiden sieht.

Erbarm dich unser, unsre Lag ist jammervoll!

Denn erstlich hofft ich, dich zum Sohn gewänn ich mir,

Und nichtig war die Hoffnung; zweitens könnte leicht

Zum schlimmen Zeichen deiner künftgen Braut gedeihn

Das Sterben meiner Tochter, was du meiden mußt.

Jedoch den Eingang sprachst zu trefflich wie den Schluß:

Wenn du nur willst, so wird mein Kind gerettet sein.

Verlangst du’s, daß sie flehend deine Knie umschlingt?

Zwar mädchenhaft mitnichten ist’s, doch wenn du’s willst,

Erscheint sie, schamhaft, aber edlen freien Blicks.

Wo nicht, erlang ich gleiches, wenn sie drinnen bleibt.

ACHILLEUS.

Sie bleibe: Hohes soll sich nicht erniedrigen.

KLYTAIMESTRA.

Doch ziemt die Scham auch nur, soweit sie tunlich ist.

ACHILLEUS.

Bring weder deine Tochter vor mein Angesicht

Noch setze uns boshaftem Tadel aus, o Frau;

Denn eine Heeresmasse, eigner Sorgen bar,

Liebt ehrenrührig und verleumderisch Geschwätz,

Und überhaupt erreicht ihr, ob mich euer Flehn,

Ob nicht verpflichtet, einerlei: es ist einmal

Mein eifrig Ringen, euch zu retten aus der Not.

Drum wisse, daß ich’s ernstlich mein, und höre dies:

Wofern ich lüg und deiner eitel spotte, will

Ich sterben; aber leben will ich, rett ich sie!

KLYTAIMESTRA.

O sei gesegnet, edler, zarter Leidenstrost!

ACHILLEUS.

Nun höre, wie’s am besten einzurichten ist.

KLYTAIMESTRA.

Was willst du sagen? Deiner Rede lauscht das Ohr.

ACHILLEUS.

Den Vater zur Vernunft zu bringen sei versucht.

KLYTAIMESTRA.

Oh, der ist feig und zittert vor dem Heere bang!

ACHILLEUS.

Allein mit Gründen ringt man Gründe nieder doch.

KLYTAIMESTRA.

Schwach ist mein Hoffen! Aber sprich, was soll ich tun?

ACHILLEUS.

Fürs erste fleh ihn, red ihm ab vom Kindesmord!

Und widerstrebt er, wende dann dich nur an mich.

Gesetzt jedoch, er folgt der Pflicht, so brauche ich

Nicht einzuschreiten; denn die Rettung liegt darin.

Ich selber bleib in beßrer Stellung so zum Freund,

Und tadeln kann das Heer mich nicht, wenn mit Vernunft

Die Sache mehr vollendet wird als mit Gewalt.

Und endet’s gut, so wird es mehr den Deinigen

Und dir zum Wohlgefallen ohne meinen Dienst.

KLYTAIMESTRA.

Klug und besonnen! Ja, ich tue, was du rätst.

Doch wenn mir’s, wie ich wünsche, nicht gelänge, wo

Dich wiedersehen? Wohin muß ich armes Weib

Mich wenden, um zu finden deinen Rettungsarm?

ACHILLEUS.

Dein Hüter wird, wo’s nötig ist, zugegen sein,

Damit man nicht, von Angst erregt, dich rennen sieht

Durchs Heergewühl: erniedre nicht dein Ahnenhaus.

Dein edler Vater Tyndaros verdient es nicht,

Geschmäht zu werden; denn er ist in Hellas groß.

KLYTAIMESTRA.

So sei es! Führ mich, und ich folg dir unbedingt.

Und gibt’s im Himmel Götter, mußt du, edler Mann,

Lohn ernten – gibt es keine, was bemühn wir uns?

 

Beide ab.

 

 

Strophe

 

 

CHOR.

Oh, wie erscholl jubelnd der hochzeitliche Sang

Unter hellem Flötengetön

Und tanzlustiger Lauten Klang

Und schilfrohriger Pfeifen,

Als an des Pelions Höhn beim Göttergelag

Der schönlockige Musenchor

Kam zur Vermählung des Peleus,

Im Taktschritt den Grund

Rührte mit goldenen Sohlen!

Und harmonischer Ruf schallte im Kentaurengebirg

Und durch Pelions Forst zum Preis dem

Aiaksohn und Thetis!

Und der reizende Dardansproß,

Der traute Liebling des Zeus,

Schöpft’ aus güldener Humpen weit-

Räumigem Bauch den perlenden Saft,

Phrygiens Sohn Ganymedes,

Während am schimmernden Ufersand

Rundreigen zum Tanze schlang

Die nereische Schwesternschar

Beim festlichen Jubel.

 

Gegenstrophe

 

 

Und mit dem Grün fichtener Baumzweige bekränzt,

Kam der roßgestaltige Schwarm

Der Kentauren zum Göttermahl,

Der Weinkumme des Bakchos.

Und die thessalischen Jungfraun sangen: »Ein Stern

Wird, o göttliche Nereusmaid« –

Seher Apollo: »Ein Held wird

Erstehn deinem Schoß!«

Cheiron auch, kundig der Musen:

Sein Wort schilderte den, welcher ins Land Priams mit speer-

Und schildrüstigen Myrmidonen

Einst verwüstend hinzieht,

Um den Leib mit der goldnen Wehr,

Hephaistos’ künstlichem Werk,

Helm und Harnische, angetan,

Der Mitgift der göttlichen Frau,

Welche den Herrlichen Sohn nennt. –

Also wurde das Hochzeitsfest

Der edelgezeugten Maid

Des Nereus und dem Peleus dort

Von Göttern gefeiert!

 

Epode

 

 

Aber dir

Setzt die achaische Kriegerschar

Einen Kranz aufs lockige Haar,

Wie dem scheckigen muntern Rind,

Aus Felsgrotten und Wildforst

Unberührt von der Trift geholt!

Die nicht unter Schalmeienschall

Aufwuchs noch beim Hirtengesang,

Sondern am Busen der Mutter erblüht’,

Eine achaische Fürstenbraut!

Also wirkt

Das Antlitz der Tugend und Scheu

Nicht mehr zum Erröten,

Wenn man die Macht der heiligen Scheu

Fürder verachtet und Tugend und Recht

So von Menschen verhöhnt wird,

Wenn Willkür die Gesetze beugt,

Angst vor göttlicher Strafe nicht

Mehr herrscht unter der Menschheit!

 

Klytaimestra tritt aus dem Zelt.

 

 

KLYTAIMESTRA.

Ich tret heraus, mich nach dem Gatten umzusehn,

Der vom Gemache fort ist schon geraume Zeit.

In Tränen sitzet drinnen mein unselig Kind,

Abwechselnd laut wehklagend, weinend, jammernd dann,

Seit ihr die Absicht ihres Vaters ward bekannt. –

Doch sieh, er steht in meiner Näh, von dem ich sprach.

Agamemnon, dessen frevelhaftes Handeln man

An seinem eignen Kinde bald erfahren wird.

 

Agamemnon tritt auf.

 

 

AGAMEMNON.

O Ledas Sprößling, sehr gelegen find ich dich

Hier außen, um dir ohne Beisein unsres Kinds

Ein Wort zu sagen, das die Braut nicht hören darf.

KLYTAIMESTRA.

Sag an, worin dir Ort und Stund entgegenkommt.

AGAMEMNON.

Entsende deine Tochter mit mir aus dem Haus.

Die heilige Sprenge steht bereit am Opferherd

Samt Weihegries, ins Sühnungsfeuer einzustreun,

Und Rinder, die, ihr dunkles Blut der Artemis

Aussprudelnd, fallen sollen vor dem Fest der Braut.

KLYTAIMESTRA.

Zwar deine Worte lauten gut, dein Tun jedoch –

Ich weiß fürwahr nicht, wie ich’s recht benennen soll!

Hervor, mein Kind! Komm – was er vorhat, weißt du ja,

Dein Vater – und nimm, eingehüllt in dein Gewand,

Das Kind Orestes, deinen Bruder, mit heraus.

 

Iphigenie und Orestes treten auf.

 

 

Hier steht sie, folgsam deinem Willen, vor dir da!

Das andre werd ich sprechen jetzt für mich und sie.

AGAMEMNON.

Mein Kind, du weinst und siehst mich nicht mehr freundlich an?

Und senkst dein Aug und hältst den Schleier vors Gesicht?

KLYTAIMESTRA.

Ach!

Wo nur beginn ich in der Fülle meines Leids?

Denn alles drängt sich, alles läßt zum ersten sich

Gebrauchen und zur Mitte alles und zum Schluß!

AGAMEMNON.

Was gibt es? Alle seid ihr übereingestimmt!

Verstörtes Wesen habt ihr und bestürzten Blick!

Wem tat ich etwas?

KLYTAIMESTRA.

Diese Frage tust du mir?

Nun, dieser Sinn selbst hat gerade keinen Sinn!

Antworte, was ich frage, mir aufrichtig, Mann!

AGAMEMNON.

Unnötige Mahnung! Daß du fragest, wünsch ich selbst.

KLYTAIMESTRA.

Dein Kind und mein Kind umzubringen hast du vor.

AGAMEMNON.

Ha!

Ein schrecklich Wort! Ein ungegründeter Verdacht!

Wer gab ihn deinem Herzen?

KLYTAIMESTRA.

Bleibe ruhig und

Antwort noch einmal auf die erste Frage mir.

AGAMEMNON.

Und soll ich schicklich sprechen, frage Schickliches!

KLYTAIMESTRA.

Das eben frag ich, sprich auch du dasselbe mir.

AGAMEMNON.

O göttlich Schicksal! O mein Unstern! Mein Geschick!

KLYTAIMESTRA.

Und dieser ihrs und meines! drei Unseliger!

AGAMEMNON.

Ich bin verloren! Mein Geheimnis ist entdeckt!

KLYTAIMESTRA.

Ja, alles weiß, erfuhr ich, was du tun mir willst!

Und dein Verstummen, dieses Seufzen selber auch

Ist Eingeständnis: also spare dir die Müh!

AGAMEMNON.

Nun ja, ich schweige! Denn wozu zu meiner Not

Frechheit noch fügen, sagen, was nicht richtig ist?

KLYTAIMESTRA.

Nun denn, so höre: offen will ich reden und

Nicht, wie zum Vorspiel, mehr in Rätseln sprechen hier.

Fürs erste – um von diesem Vorwurf auszugehn –:

Du nahmst zur Frau mich wider Willen mit Gewalt,

Nachdem du Tantal, meinen ersten Mann, in Fehd

Erschlagen, mein Kind von der Brust mir mit Gewalt

Gerissen hattest und zur Beute hingetan.

Und Zeusens Zwillingssöhne, meine Brüder, zwar,

Zu Rosse blinkend, überzogen dich mit Krieg,

Allein mein alter Vater Tyndar schirmte dich,

Den Flehnden, und verlieh dir wieder meine Hand.

Mit dir versöhnt dann, wirst du selbst bezeugen, wie

Ich dir ein tadelloses Weib im Hause war,

In keuscher Treue sittsam, daß der Segen wuchs

In deiner Wohnung und du wiederkehrend stets

Froh und zufrieden, wenn du ausgingst, glücklich warst.

Ein solches Weib zu finden ist ein seltnes Glück

Für Männer, aber schlechte sind kein seltner Fund.

Drei Töchter vor dem Sohne da gebar ich dir,

Davon du mir unmenschlich eine rauben willst.

Und fragt man dich, zu welchem Zweck sie sterbe, sprich,

Was kannst du sagen? Oder ich statt deiner tu’s:

Daß Menelas Helenen wieder habe. Schön,

Sein Kind als Preis zu geben für die Buhlerin,

Das Schlimmste einzuhandeln für das Teuerste!

Sag, wenn du nun im Felde bist und ich daheim

Und dort in deinem langen Absein bleib allein –

Wie muß mir wohl im Hause dort zumute sein,

Wenn, sie in all den öden Räumen suchend, sie

Im Fraungemach vermissend, unter Tränen ich

Dort sitz allein und ewig sie beweinen muß:

»Mein Kind, dein eigner Vater hat dich umgebracht,

Dich selbst erwürgt, kein andrer, und mit eigner Hand!«

Und welchen Lohn dann hast du dort dir selbst gesät,

Indem es eines leichten Vorwands nur bedarf,

Daß dir von mir und meinen andern Töchtern ein

Empfang bereitet werde, wie du’s würdig bist?

O nein, bei allen Göttern, nein, o zwinge nicht

Mich, schlimm an dir zu handeln! Handle nicht so schlimm!

Wohlan!

Du opferst sie! Was sprichst du für Gebet’ dabei?

Wie willst du Segen dir erflehn beim Kindesmord?

Und ziemt es mir, um Segen wohl für dich zu flehn?

Oh, dann für sinnlos hielt ich wohl die Götter, wenn

Ich dem gewogen wäre, der die Meinen schlug!

Und willst du deine Kinder herzen, heimgekehrt?

Du hast das Recht verscherzet! Keines blickt dich an,

Nachdem du ihrer eines hin zur Schlachtung gabst.

Sprich, hast du dieses schon erwogen? Oder liegt

Dir bloß dein Zepter und dein Feldherrntum im Sinn?

Dir, der die billige Rede sprechen mußt im Heer:

»Achaier, wollt ihr segeln nach der Phrygerstadt,

So werft das Los drum, wessen Tochter sterben soll.«

Das war gerecht, nicht aber, daß nur du dein Kind

Als auserwähltes Opfer gabst den Danaern.

Sonst konnte, dessen Sach es war, auch Menelas

Die Tochter für die Mutter töten. Soll denn ich

Mein Kind verlieren, die dem Gatten treu verblieb,

Und sie, die Buhlerin, glücklich sein, indem ihr Kind

Zu Sparta wohlbehütet bleibt im Fraungemach?

Dies widerlege, wenn ich was nicht richtig sprach.

Doch hab ich recht in allem, oh, dann töte nicht

Mein Kind und deines, sondern handle tugendhaft.

CHOR(FÜHRERIN).

Folg ihr! Sein Kind erhalten ist ‘ne gute Tat,

Agamemnon; keine Seele widerspricht uns hier.

IPHIGENIE.

Besäß ich, o mein Vater, Orpheus’ Zaubermund

Und könnte Steine rühren, um mir nachzuziehn,

Und kirren, wen ich wollte, mittelst Redekunst:

Nach solchem griff ich! Aber so all meine Kunst

Sind Tränen: diese bring ich, dieses kann ich bloß,

Und statt des Ölzweigs leg ich flehend meinen Leib,

Den hier die Mutter dir geboren, dir ans Knie:

Vernichte meine Blüte nicht! Dies Licht zu schaun

Ist süß! Oh, stoß mich nicht hinab ins finstre Reich!

Ich war die erste, die dich Vater nannte, die

Du Tochter nanntest, die, gewiegt auf deinem Knie,

Liebkosung, holde, gab und hold entgegennahm.

Da sprachst du manchmal: »Werd ich dich, mein Kind, dereinst

In einem reichbeglückten Hause glücklich sehn,

Gesund und blühend, wie es meiner würdig ist?«

Und ich dagegen, deinen Wangen angeschmiegt,

Denselben, die jetzt bittend meine Hand berührt:

»Und ich, mein Vater, wenn du alt bist, werd ich dich

Mit holdem Willkomm grüßen unter meinem Dach,

Mit Pfleg und Wartung dir die Mühn vergelten wohl?«

Und diese Rede lebt in meinem Herzen noch –

Du hast sie nun vergessen, töten willst du mich!

O nein, bei Pelops, deinem Vater Atreus und

Bei dieser Mutter, die mit Schmerzen einst gebar

Und jetzt aufs neue Schmerzen um mich leiden soll! –

Was geht mich Alexanders Liebschaft an und was

Helena? Wie geriet sie mir zum Untergang?

Oh, blick mich an! Oh, gönn mir Kuß und Auge doch

Und laß mich dies zum Angedenken wenigstens

Mitnehmen, wenn dich meine Rede nicht erweicht!

O Bruder, zwar ein schwacher Beistand bist du mir,

Doch hilf mir gleichwohl weinen, flehn zum Vater hier:

Er soll die Schwester nicht ermorden. Mitgefühl

Für Leiden haben selbst ja zarte Kinder auch!

Sieh her, mein Vater, schweigend fleht das Kind dich an.

O hege Scheu! O fühl Erbarmen! Schone mein!

Zwei Kinder flehn an deinen Wangen! Ja! du mußt,

Und alle Gründe faßt das eine siegend Wort:

Dies Licht zu schaun ist Menschen süß, das Süßeste!

Jenseits ist nichts! Ein Tor ist, wer den Tod begehrt!

Ein elend Dasein besser als ein schöner Tod!

CHOR.

O arges Weib, Helena, du und deine Lieb,

Ihr schafft den Atreuskindern diese große Not!

AGAMEMNON.

Ich hab ein Herz und fühle wohl, was rührend ist,

Und liebe meine Kinder; sinnlos wär ich sonst!

Entsetzlich ist es, wenn die Tat geschieht, o Frau,

Entsetzlich, wenn ich’s weigere – doch sie muß geschehn.

Seht diesen Wall von Schiffen, dieses Kriegerheer,

In Erz und Harnisch diese Griechenfürsten-Schar,

Für die es keine Fahrt zu Ilions Mauern gibt

Und keine Eroberung jener stolzen Felsenburg,

Wofern ich nicht dich opfere, wie der Seher spricht.

Ein toller Eifer hat das Griechenheer gepackt,

In Eile hinzusteuern nach der welschen Stadt,

Einhalt zu tun den Räuberein an Griechenfraun.

Ihr Grimm ermordet in Myken die Mädchen mir

Und mich und euch, erfüll ich nicht den Seherspruch.

Nicht Menelas ist’s, der mich knechtet, liebes Kind,

Nicht seinem Willen frön ich, hab ich mich gefügt:

Nein, Hellas ist es, dem ich, wollend oder nicht,

Dich opfern muß; denn wider dieses sind wir nichts.

Frei muß, mein Kind, soviel an dir liegt und an mir,

Das Vaterland sein, nicht den Welschen untertan,

Und Griechenfrauen nicht der Welschen Beute sein!

 

Ab.

 

 

KLYTAIMESTRA.

O Kind! O Fraun! O Jammergeschick!

Weh mir! Dein Tod, unseliges Kind!

Fort geht er, verläßt

Dich, der Vater, und gibt dich dem Tod preis!

IPHIGENIE.

O Mutter! Ach weh! O Mutter, es ist

Ein Lied, ein Leid uns beiden verhängt!

Dies freundliche Licht,

Ach, die Sonne gehört mir nicht mehr!

 

O weh! O weh!

Du schneereichen Idäergebirges Tal,

Wohin Priam einst legte ein zartes Kind,

Zum tödlichen Verderben, von der Mutter fern, hinausstieß –

Hätte nie, bei Rindern hirtlich aufgezogen, jener Findling

Nie an den schimmernden Wassern geweilt, wo die Nymphen

Sich der Quellen erfreun

Und grün pranget die Au, blumengeschmückt!

Wo Pallas sich einstens hinbegab,

Kypris, die listge, und

Hera samt Hermes, den Zeus gesandt:

Kypris um Liebreiz stolz, Pallas ob Heldentums

Und Hera ob des höchsten Zeus

Fürstlichem Ehebett,

Zum Schönheitsgericht im unselgen Streit

Und mir zum frevelhaften Mord,

Daß mich die Jungfrau Artemis der Fahrt

Nach Ilion vom Heer zum Voropfer nimmt!

Und es verläßt der Vater mich, Mutter, weh!

Der mir das Leben gab, gibt mich dem Tode preis!

O Jammerlos, ach, welches Leid erleb ich

Von dieser Unheils-Helena!

Es tötet, schlachtet, würgt mich

Des frevelhaften Vaters frevelhafter Mord!

 

Oh, hätte doch nie dies Aulisgestad

Empfangen die Kiel’ erzschnabliger Schiff

In der bergenden Bucht, gen Troja

Kriegsvolk hinführende Segel!

Hätte doch Zeus nie

Widrige Windströmung geweht am

Eurip, des Hauch sich dem Bootsmann dreht

Nach Ost und nach West,

Nach Süd und nach Nord, zu Freud und Verdruß,

Diesem zur Hemmung, jenem zur Abfahrt!

Ach, wie gequält, wie gequält ist der endlichen Menschen

Armes Geschlecht! Vom Verhängten sich loszuringen,

Umsonst versucht er’s!

O weh! O weh!

Großes Leid hat Tyndars Tochter, großes Weh

Den Griechen zubereitet!

 

CHOR.

Mein Herz empfindet um dein großes Mißgeschick

Mitleid. Wie schwer, wie unverdient erleidest du’s!

IPHIGENIE.

Teure Mutter, ach, ich seh da eine Schar von Männern nahn.

KLYTAIMESTRA.

Kind, es ist der Göttin Sohn, für den ich dich hierhergebracht.

IPHIGENIE.

Schließt mir auf die Pforten, Knechte, daß ich mich verbergen kann!

KLYTAIMESTRA.

Kind, warum denn fliehn?

IPHIGENIE.

Erröten muß ich, diesen Mann zu sehn.

KLYTAIMESTRA.

Und warum?

IPHIGENIE.

Des traurgen Ausgangs meiner Brautschaft

schäm ich mich.

KLYTAIMESTRA.

Deine gegenwärtige Lage duldet keine Zärtlichkeit.

 

Achilleus tritt auf.

 

 

ACHILLEUS.

Unglückselges Weib, der Leda Sprößling –

KLYTAIMESTRA.

Leider bin ich das!

ACHILLEUS.

Schrein und Toben herrscht im Lager –

KLYTAIMESTRA.

Und worüber? Sag es an!

ACHILLEUS.

Wegen deiner Tochter.

KLYTAIMESTRA.

Oh, Weissagung schlimmer Meldungen!

ACHILLEUS.

Daß der Jungfrau Opfrung nötig sei.

KLYTAIMESTRA.

Und niemand widerspricht?

ACHILLEUS.

Selbst versucht ich’s, und der Aufruhr drohte mir –

KLYTAIMESTRA.

Was? Edler Freund!

ACHILLEUS.

Mich mit Steinen totzuwerfen!

KLYTAIMESTRA.

Für das Leben meines Kinds?

ACHILLEUS.

Eben dies!

KLYTAIMESTRA.

Und wer vermaß sich, anzutasten deinen Leib?

ACHILLEUS.

Alle Griechen.

KLYTAIMESTRA.

Standen dir nicht deine Myrmidonen bei?

ACHILLEUS.

Ihre Empörung war die erste.

KLYTAIMESTRA.

Weh, wir sind verloren, Kind!

ACHILLEUS.

Nannten mich den brautbetörten Freier.

KLYTAIMESTRA.

Und was sagtest du?

ACHILLEUS.

Daß ich nicht die mir Verlobte morden lasse.

KLYTAIMESTRA.

Ganz gerecht!

ACHILLEUS.

Die der Vater zugesagt hat –

KLYTAIMESTRA.

Und von Argos hergesandt!

ACHILLEUS.

Doch der Aufruhr überschrie mich.

KLYTAIMESTRA.

Pöbels Wut ist fürchterlich!

ACHILLEUS.

Dennoch schütz ich dich.

KLYTAIMESTRA.

Und kämpfest einer gegen Hunderte?

ACHILLEUS.

Siehst du diese hier im Harnisch?

KLYTAIMESTRA.

Werde dir der Tugend Lohn!

ACHILLEUS.

Ja, das hoff ich.

KLYTAIMESTRA.

Und mein Kind stirbt also nicht am Opferherd?

ACHILLEUS.

Nicht, solang ich’s wehren kann.

KLYTAIMESTRA.

Hand anzulegen kommt man her?

ACHILLEUS.

Tausend, und voran Odysseus.

KLYTAIMESTRA.

Wohl der Sproß des Sisyphos?

ACHILLEUS.

Eben der.

KLYTAIMESTRA.

Aus eignem Antrieb, oder hergesandt vom Heer?

ACHILLEUS.

Willig und erwählt!

KLYTAIMESTRA.

Zum Blutvergießen! Welche schnöde Wahl!

ACHILLEUS.

Doch ich werd ihn hemmen!

KLYTAIMESTRA.

Also schleppen will man sie mit Zwang?

ACHILLEUS.

Ganz gewiß, an ihren Locken!

KLYTAIMESTRA.

Und was muß ich tun dabei?

ACHILLEUS.

Häng dich an die Tochter!

KLYTAIMESTRA.

So fest, daß sie nie mir sterben soll!

ACHILLEUS.

Doch du wirst das gleiche wohl erreichen –

IPHIGENIE.

Mutter, höre mich,

Höret meine Wort: ich seh dich deinem Gatten ohne Grund

Aufgebracht sein, und erzwingen läßt sich nichts Unmögliches.

Dieses Freundes edler Eifer zwar ist alles Lobes wert,

Doch auch du mußt dies verhüten, daß das Heer ihn nicht verkenn

Und wir doch nichts weiter wirken, während er es büßen muß.

Nun vernimm, was Überlegung mir in meine Seele gab:

Sieh, ich bin zu sterben willens; aber dieses eben soll

Schön und rühmlich, mit Verbannung niedrer Sinnesart, geschehn.

Komm und prüf, o Mutter, mit mir, wie mein Ratschluß richtig sei!

Sieh, das ganze große Hellas richtet seine Blick auf mich;

Denn die Überfahrt der Flotte ruht auf mir und Trojas Sturz,

Und daß künftig keine Frauen aus dem seligen Hellas mehr

Werden weggeführt, wenn diese Leides tun den Welschen dort

Und den Raub Helenens strafen mit des Landes Untergang.

Allem diesem bring ich sterbend Schutz und Heil, und herrlich wird

So mein Tod sein; denn ich heiße Griechenlands Befreierin.

Ja, auch ich darf nicht am Leben hängen, Mutter, gar zu fest;

Dir allein gehör ich nicht an, sondern auch dem Vaterland.

Wo so viele tausend Männer, angetan mit Stahl und Erz,

Viele tausend Ruderschwinger sind bereit, des Vaterlands

Schmach zu rächen an den Feinden und zu sterben für sein Wohl,

Dürfte da mein einzig Leben allem dem im Wege stehn?

Sag, was läßt sich dem entgegnen? Welcher irgend billige Grund?

Laß mich dann auf jenes kommen: dieser Mann soll nicht in Kampf

Mit dem Griechenvolk geraten, nicht sich opfern für ein Weib.

Mehr denn tausend Frauenleben wiegt das Leben eines Manns.

Und wenn Artemis doch einmal meinen Leib zum Opfern will,

Werde ich, ein sterblich Wesen, hindern, was die Göttin will?

Nein, umsonst! Ich gebe willig meinen Leib für Hellas hin:

Opfert mich, verwüstet Troja! Ewiges Angedenken bleibt

Dieses mir: dies gilt für Gatten, Kinder mir und Ehrenkranz.

Daß die Griechen über Welsche herrschen, ziemt sich, aber nicht

Welsche über Griechen: sie sind Sklaven, aber jene frei.

CHOR.

Dein Handeln, Jungfrau, zwar ist groß und heldenhaft,

Allein das Schicksal und die Göttin ungerecht.

ACHILLEUS.

O Kind Agamemnons, selig machen wollte mich

Ein gnädiger Gott wohl im Besitze deiner Hand.

Um dich beneid ich Hellas, und um Hellas dich.

Denn deine Rede ist herrlich, wert des Vaterlands,

Denn auf das Ringen mit des Schicksals stärkrer Macht

Verzichtend, fühlst du, was die Pflicht heischt und die Not.

IPHIGENIE.

Ohn andre Rücksicht gegen jeden sag ich das.

Daß Tyndars Tochter zwischen Männern Kampf und Mord

Um ihren Leib verschuldet, ist genug – um mich

Sollst du, mein Freund, nicht sterben, keinen töten auch;

Und laß mich Hellas retten, wenn’s mir möglich ist.

ACHILLEUS.

O hohe Seele! Gegen dieses läßt sich nichts

Erwidern, weil es dir genehm ist. Ja, du denkst

Erhaben! Sollt ich nicht die Wahrheit eingestehn?

Doch wär es möglich, daß dich dein Entschluß gereut.

Drum daß du, wie ich’s meine, durch die Tat erfährst,

So werd ich, diese Kriegerschar beim Opferherd

Aufstellend, deiner Erscheinung dort gewärtig sein.

 

Ab mit den Kriegern.

 

 

IPHIGENIE.

O Mutter, stille Tränen feuchten deinen Blick?

KLYTAIMESTRA.

Und hab ich nicht zum Weinen Grund, ich armes Weib?

IPHIGENIE.

Erweiche mich nicht, auch gewähr mir dieses noch –

KLYTAIMESTRA.

Sprich nur, mein Kind: nichts, wie’s auch sie, versag ich dir.

IPHIGENIE.

Du sollst vom Haupt dir keine Locken schneiden und

Auch keine Trauerkleider legen um den Leib.

KLYTAIMESTRA.

Wieso, mein Kind? Ich werde deiner doch beraubt!

IPHIGENIE.

Das wirst du nicht: ich lebe dir zu hohem Ruhm.

KLYTAIMESTRA.

Wie meinst du? Um dein Leben muß ich trauern doch?

IPHIGENIE.

Mitnichten! Kein Grabhügel türmt sich über mir.

KLYTAIMESTRA.

Wie? wenn du doch verscheidest? Ziemt Bestattung nicht?

IPHIGENIE.

Der Göttin Herd, der Zeusenstochter, ist mein Grab.

KLYTAIMESTRA.

Ja, Kind, ich will dir folgen, weil du richtig sprichst.

IPHIGENIE.

Ich sterb als Siegerin und Wohltäterin Griechenlands.

KLYTAIMESTRA.

Was soll ich deinen Schwestern von dir melden, Kind?

IPHIGENIE.

Auch ihnen lege keine schwarzen Kleider an.

KLYTAIMESTRA.

Und sag ich ihnen nicht von dir ein holdes Wort?

IPHIGENIE.

Ein Lebewohl! Oresten da erzieh zum Mann.

KLYTAIMESTRA.

Küß ihn noch einmal, denn du siehst ihn nimmermehr.

IPHIGENIE.

Du liebes Herz, du hast mich redlich unterstützt.

KLYTAIMESTRA.

Vermag ich dir in Argos was zulieb zu tun?

IPHIGENIE.

Nicht grollen sollst du meinem Vater, deinem Mann.

KLYTAIMESTRA.

Er soll um dich mir manchen harten Kampf bestehn.

IPHIGENIE.

Er bringt mich ungern Griechenland zum Opfer dar.

KLYTAIMESTRA.

Doch hinterlistig, feige! Atreus schämt sich sein!

IPHIGENIE.

Wer führt mich hin, eh man mich bei den Locken faßt?

KLYTAIMESTRA.

Ich gehe mit –

IPHIGENIE.

O nein, das ist nicht wohlgetan!

KLYTAIMESTRA.

An dein Gewand mich hängend.

IPHIGENIE.

Mutter, folge mir

Und bleibe: schöner steht es so uns beiden an;

Und einer von des Vaters Dienern leite mich

Zur Aue hin der Göttin, wo das Opfer fällt.

KLYTAIMESTRA.

Du gehst, mein Kind?

IPHIGENIE.

Ich gehe ohne Wiederkehr!

KLYTAIMESTRA.

Fort von der Mutter?

IPHIGENIE.

Wie du siehst, so unverdient!

KLYTAIMESTRA.

Verlaß mich nicht! Ob, bleibe!

IPHIGENIE.

Weinen sollst du nicht!

Ihr aber, Jungfraun, stimmet an ein Jubellied

Bei meinem Untergange! »Singet Artemis,

Zeus’ Tochter!« schalle Segensruf im Danaerheer!

Herbei die Opferkörbe, laßt die Flamme glühn

Vom Sühnungsguß des Grieses! Und mein Vater soll

Rechtshin den Herd umwandeln! Denn Triumph und Heil

Dem Vaterland und Ruhm zu bringen, zieh ich hin!

 

So führt mich hin, mich, der Burg, Trojas Überwinderin!

Bringt Binden her – hier ist die Locke! –, bringt den Kranz

Und die Weihungssprengen!

Schlingt Reigen um den Altar,

Tanzt der Fürstin Artemis, der selgen!

Perlentau von Vaters Hand

Und heilige Sprenge harrt mein,

Daß mein Blut, mein Opfertod, weil es sein

Muß, den Schicksalsbeschluß entrolle!

CHOR.

Oh, seht sie ziehn, sie, der Burg, Trojas Überwinderin,

Hinwandeln, wo man auf das Haupt den Kranz ihr legt

Und die Weihungsspreng’, und

Der blutgen Göttin Altar

Trieft vom Tau der blutgenetzten Sprenge,

Wo der jugendschöne Hals

Verwundet wird vom Schlächter,

Daß die Flotte, daß das Heer Griechenlands

Hin zur Burg Troja freudig segle!

IPHIGENIE.

So leb wohl, Mutterland, Pelasgerland,

Myken’, oh, meine traute Heimat!

CHOR.

Du nennst des Perseus stolze Burg,

Gemauert vom Kyklopenarm!

IPHIGENIE.

Du zogst mich auf, dem Vaterland

Zum Heil: mit Freuden scheid ich hin!

CHOR.

Ruhm und Ehre folgt dir nach!

IPHIGENIE.

Leb wohl, leb wohl, klarer Strahl des Himmelslichts,

Glanz des Tags! Ein andres Los tut sich, ein

Andres Dasein mir auf!

Sei gesegnet, freundlich Licht!

 

Auf, wohlauf, ihr jungen Fraun,

Singet Lob der Göttin, die

Thronet genüber Chalkis,

Wo die Schiffeskiele ringen auf der eng-

Furtgen Aulis-Reede!

CHOR.

Auf, und singt der Tochter Zeus’

Preis und Lob, der Artemis,

Singet der Himmelsfürstin,

Daß zum Sieg, mit günstgem Glück das Griechenheer

Hin nach Troja steure!

O mächtge Herrin, die der Menschenopfer sich

Erfreut, geleit ins Phrygerland

Hin das mächtge Griechenheer

Und zu dem Räubersitz Troja! Laß

Agamemnon des Sieges

Herrlichste Kränze ums griechische Heer

Sowie um sein Haupt des Ruhms

Schönen Kranz unverwelklich flechten!

 

Der echte Schluß des Dramas ist verloren. In unseren Handschriften folgt ein Botenbericht, der mindestens größtenteils Ergänzung ist. Durch ein antikes Zitat ist gesichert – was ohnehin von der Anlage des Stücks gefordert wird –, daß Artemis erschien und die Rettung Iphigenies ankündigte. Aus ihrer Rede, in der sie zweifellos auch begründete, warum sie gerade Agamemnons Tochter als Opfer verlangt habe, werden folgende Verse angeführt.

 

 

(ARTEMIS.)

Und einen hochgehörnten Hirsch den Griechen will

Ich in die Hände spielen, welchen schlachtend, sie

Dein Kind zu schlachten träumen …