Gustav Schwab – Die Argonautensage
admin am Okt 13th 2011
Zweites Buch: Die Argonautensage
Iason und Pelias
Von Aison, dem Sohne des Kretheus, stammte Iason ab. Sein Großvater hatte in
einer Bucht des Landes Thessalien die Stadt und das Königreich Iolkos gegründet
und dasselbe seinem Sohne Aison hinterlassen. Aber der jüngere Sohn, Pelias,
bemächtigte sich des Thrones; Aison starb, und Iason, sein Kind, war zu Chiron
dem Zentauren, dem Erzieher vieler großer Helden, geflüchtet worden, wo er in
guter Heldenzucht aufwuchs. Als Pelias schon alt war, wurde er durch einen dunkeln
Orakelspruch geängstigt, welcher ihn warnte, er solle sich vor dem Einschuhigen
hüten. Pelias grübelte vergeblich über dem Sinne dieses Worts, als Iason, der
jetzt zwanzig Jahre den Unterricht und die Erziehung des Chiron genossen hatte,
sich heimlich aufmachte, nach Iolkos in seine Heimat zu wandern und das Thronrecht
seines Geschlechtes gegen Pelias zu behaupten. Nach Art der alten Helden war
er mit zwei Speeren, dem einen zum Werfen, dem andern zum Stoßen, ausgerüstet;
er trug ein Reisekleid und darüber die Haut von einem Panther, den er erwürgt
hatte; sein unbeschorenes Haar hing lang über die Schultern herab. Unterwegs
kam er an einen breiten Fluß, an dem er eine alte Frau stehen sah, die ihn flehentlich
bat, ihr über den Strom zu helfen. Es war die Göttermutter Hera, die Feindin
des Königes Pelias. Iason erkannte sie in ihrer Verwandlung nicht, er nahm sie
mitleidig auf die Arme und watete mit ihr durch den Fluß. Auf diesem Wege blieb
ihm der eine Schuh im Schlamme stecken. Dennoch wanderte er weiter und kam zu
Iolkos an, als sein Oheim Pelias gerade mitten unter dem Volke auf dem Marktplatze
der Stadt dem Meeresgotte Poseidon ein feierliches Opfer brachte. Alles Volk
verwunderte sich über seine Schönheit und seinen majestätischen Wuchs. Sie meinten,
Apollo oder Ares sei plötzlich in ihre Mitte getreten. Jetzt fielen auch die
Blicke des opfernden Königes auf den Fremdling, und mit Entsetzen bemerkte er,
daß nur der eine Fuß desselben beschuhet sei. Als die heilige Handlung vorüber
war, trat er dem Ankömmling entgegen und fragte ihn mit verheimlichter Bestürzung
nach seinem Namen und seiner Heimat. Iason antwortete mutig, doch sanft: er
sei Aisons Sohn, sei in Chirons Höhle erzogen worden und komme jetzt, das Haus
seines Vaters zu schauen. Der kluge Pelias empfing ihn auf diese Mitteilung
freundlich und ohne seinen Schrecken merken zu lassen. Er ließ ihn überall im
Palaste herumführen, und Iason weidete seine Augen mit Sehnsucht an dieser ersten
Wohnstätte seiner Jugend. Fünf Tage lang feierte er hierauf das Wiedersehen
mit seinen Vettern und Verwandten in fröhlichen Festen. Am sechsten Tage verließen
sie die Zelte, die für die Gäste aufgeschlagen waren, und traten miteinander
vor den König Pelias. Sanft und bescheiden sprach Iason zu seinem Oheim: »Du
weißt, o König, daß ich der Sohn des rechtmäßigen Königes bin und alles , was
du besitzest, mein Eigentum ist. Dennoch lasse ich dir die Schaf- und Rinderherden
und alles Feld, das du meinen Eltern entrissen hast; ich verlange nichts von
dir zurück als den Königzepter und den Thron, auf welchem einst mein Vater saß.«
Pelias war in seinem Geiste schnell besonnen. Er erwiderte freundlich: »Ich
bin willig, deine Forderung zu erfüllen, dafür sollst aber auch du mir eine
Bitte gewähren und eine Tat für mich ausrichten, die deiner Jugend wohl ansteht
und deren mein Greisenalter nicht mehr fähig ist. Denn mir erscheint seit lange
in nächtlichen Träumen der Schatten des Phrixos und verlangt von mir, ich solle
seine Seele zufriedenstellen, nach Kolchis zum Könige Aietes reisen und von
da seine Gebeine und das Vlies des goldenen Widders zurückholen. Den Ruhm dieser
Unternehmung habe ich dir zugedacht. Wenn du mit der herrlichen Beute zurückkehrst,
sollst du Reich und Zepter in Besitz nehmen.«
Anlaß und Beginn des Argonautenzuges
Mit dem Goldenen Vliese aber verhielt es sich also: Phrixos, ein Sohn des böotischen
Königs Athamas, hatte viel von der Nebengattin seines Vaters, seiner bösen Stiefmutter
Ino, zu dulden. Um ihn vor ihren Nachstellungen zu bewahren, raubte ihn, mit
Hilfe seiner Schwester Helle, die eigene Mutter Nephele. Sie setzte die Kinder
auf einen geflügelten Widder, dessen Vlies oder Fell von gediegenem Golde war
und welchen sie von dem Gotte Hermes zum Geschenk erhalten hatte. Auf diesem
Wundertiere ritten Bruder und Schwester durch die Luft über Land und Meere hin.
Unterwegs wurde das Mägdlein von Schwindel überwältigt. Sie fiel in die Tiefe
und fand ihren Tod in dem Meere, das von ihr den Namen Helles Meer oder Hellespontos
erhielt. Phrixos kam glücklich in das Land der Kolchier an der Küste des Schwarzen
Meeres. Hier wurde er von dem Könige Aietes gastfreundlich aufgenommen, der
ihm eine seiner Töchter zur Gattin gab. Den Widder opferte Phrixos dem Zeus,
dem Beförderer der Flucht; sein Vlies gab er dem Könige Aietes zum Geschenk.
Dieser weihte dasselbe dem Ares und befestigte es mit Nägeln im einem Haine,
der diesem Gott geheiligt war. Zur Bewachung des Goldenen Vlieses bestellte
Aietes einen ungeheuren Drachen; denn ein Schicksalsspruch hatte sein Leben
vom Besitze dieses Widderfelles abhängig gemacht. Das Vlies wurde in der ganzen
Welt als ein großer Schatz betrachtet, und lange trug man sich auch in Griechenland
mit der Nachricht von demselben. Manchen Helden und Fürsten gelüstete es darnach;
so hatte Pelias nicht falsch gerechnet, wenn er hoffte, seinen Neffen Iason
durch die Aussicht auf eine so herrliche Beute zu reizen. Iason ließ sich auch
bereitwillig finden; er durchschaute nicht die Absicht seines Oheims, ihn in
den Gefahren dieses Zuges untergehen zu lassen, und verpflichtete sich feierlich,
das Abenteuer zu bestehen. Die berühmtesten Helden Griechenlands wurden zu dem
kühnen Unternehmen aufgefordert. Am Fuße des Berges Pelion, aus einer Holzart,
die im Meere nicht fault, wurde unter Athenes Leitung von dem geschicktesten
Baumeister Griechenlands ein herrliches Schiff mit fünfzig Rudern erbaut und
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