Annette von Droste-Hülshoff

Annette von Droste-Hülshoff – Westfälische Schilderungen

Annette von Droste-Hülshoff

Westfälische Schilderungen

I

Wenn wir von Westfalen reden, so begreifen wir darunter einen großen, sehr verschiedenen

Landstrich, verschieden nicht nur den weit auseinanderliegenden Stammwurzeln seiner

Bevölkerung nach, sondern auch in allem, was die Physiognomie des Landes bildet, oder

wesentlich darauf zurückwirkt, in Klima, Naturform, Erwerbsquellen, und, als Folge dessen, in

Kultur, Sitten, Charakter, und selbst Körperbildung seiner Bewohner: daher möchten wohl wenige

Teile unsers Deutschlands einer so vielseitigen Beleuchtung bedürfen.

Zwar gibt es ein Element, das dem Ganzen, mit Ausnahme einiger kleinen Grenzprovinzen, für den

oberflächlichen Beobachter einen Anhauch von Gleichförmigkeit verleiht, ich meine das des

gleichen (katholischen) Religionskultus, und des gleichen früheren Lebens unter den

Krummstäben, was, in seiner festen Form und gänzlicher Beschränkung auf die nächsten Zustände,

immer dem Volkscharakter und selbst der Natur einen Charakter von bald beschaulicher, bald in

sich selbst arbeitender Abgeschlossenheit gibt, den wohl erst eine lange Reihe von Jahren, und

die Folge mehrerer, unter fremden Einflüssen herangebildeter Generationen völlig verwischen

dürften. Das schärfere Auge wird indessen sehr bald von Abstufungen angezogen, die in ihren

Endpunkten sich fast zum Kontraste steigern, und, bei der noch großenteils erhaltenen

Volkstümlichkeit, dem Lande ein Interesse zuwenden, was ein vielleicht besserer, aber

zerflossener Zustand nicht erregen könnte. – Gebirg und Fläche scheinen auch hier, wie

überall, die schärferen Grenzlinien bezeichnen zu wollen; doch haben, was das Volk betrifft,

Umstände die gewöhnliche Folgenreihe gestört, und statt aus dem flachen, heidigen

Münsterlande, durch die hügelige Grafschaft Mark und das Bistum Paderborn, bis in die, dem

Hochgebirge nahestehenden Bergkegel des Sauerlandes (Herzogtum Westfalen) sich der Natur

nachzumetamorphosieren, bildet hier vielmehr der Sauerländer den Übergang vom friedlichen

Heidebewohner zum wilden, fast südlich durchglühten, Insassen des Teutoburger Waldes. – Doch

lassen wir dieses beiläufig beiseite, und fassen die Landschaft ins Auge, unabhängig von ihren

Bewohnern, insofern die Einwirkung derselben (durch Kultur etc.) auf deren äußere Form dieses

erlaubt.

Wir haben bei Wesel die Ufer des Niederrheins verlassen, und nähern uns durch das, auf der

Karte mit Unrecht Westfalen zugezählte, noch echt rheinische Herzogtum Kleve, den Grenzen

jenes Landes. Das allmählige Verlöschen des Grüns und der Betriebsamkeit; das Zunehmen der

glänzenden Sanddünen und einer gewissen lauen, träumerischen Atmosphäre, sowie die aus den

seltenen Hütten immer blonder und weicher hervorschauenden Kindergesichter sagen uns, daß wir

sie überschritten haben, – wir sind in den Grenzstrichen des Bistums Münster. – Eine trostlose

Gegend! unabsehbare Sandflächen, nur am Horizonte hier und dort von kleinen Waldungen und

einzelnen Baumgruppen unterbrochen. – Die von Seewinden geschwängerte Luft scheint nur im

Schlafe aufzuzucken. – Bei jedem Hauche geht ein zartes, dem Rauschen der Fichten ähnliches

Geriesel über die Fläche, und säet den Sandkies in glühenden Streifen bis an die nächste Düne,

wo der Hirt in halb somnambüler Beschaulichkeit seine Socken strickt, und sich so wenig um uns

kümmert, als sein gleichfalls somnambüler Hund und seine Heidschnucken. – Schwärme badender

Krähen liegen quer über den Pfad, und flattern erst auf, wenn wir sie fast greifen könnten, um

einige Schritte seitwärts wieder niederzufallen, und uns im Vorübergehen mit einem

weissagenden Auge, »oculo torvo sinistroque« zu betrachten. – Aus den einzelnen

Wacholderbüschen dringt das klagende, möwenartige Geschrill der jungen Kiebitze, die wie

Tauchervögel im Schilf in ihrem stachligen Asyle umschlüpfen, und bald hier bald drüben ihre

Federbüschel hervorstrecken. – Dann noch etwa jede Meile eine Hütte, vor deren Tür ein paar

Kinder sich im Sande wälzen und Käfer fangen, und allenfalls ein wandernder Naturforscher, der

neben seinem überfüllten Tornister kniet, und lächelnd die zierlich versteinerten Muscheln und

Seeigel betrachtet, die wie Modelle einer frühern Schöpfung hier überall verstreut liegen, –

und wir haben alles genannt, was eine lange Tagereise hindurch eine Gegend belebt, die keine

andere Poesie aufzuweisen hat, als die einer fast jungfräulichen Einsamkeit, und einer

weichen, traumhaften Beleuchtung, in der sich die Flügel der Phantasie unwillkürlich

entfalten. – Allmählich bereiten sich indessen freundlichere Bilder vor, – zerstreute

Grasflächen in den Niederungen, häufigere und frischere Baumgruppen begrüßen uns als Vorposten

nahender Fruchtbarkeit, und bald befinden wir uns in dem Herzen des Münsterlandes, in einer

Gegend, die so anmutig ist, wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und belebten Strömen

dieses nur immer gestattet, und die wie eine große Oase, in dem sie von allen Seiten, nach

Holland, Oldenburg, Kleve zu, umstäubenden Sandmeer liegt. – In hohem Grade friedlich, hat sie

doch nichts von dem Charakter der Einöde, vielmehr mögen wenige Landschaften so voll Grün,

Nachtigallenschlag und Blumenflor angetroffen werden, und der aus minder feuchten Gegenden

Einwandernde wird fast betäubt vom Geschmetter der zahllosen Singvögel, die ihre Nahrung in

dem weichen Kleiboden finden. – Die wüsten Steppen haben sich in mäßige, mit einer

Heidenblumendecke farbig überhauchte Weidestrecken zusammengezogen, aus denen jeder Schritt

Schwärme blauer, gelber und milchweißer Schmetterlinge aufstäuben läßt. – Fast jeder dieser

Weidegründe enthält einen Wasserspiegel, von Schwertlilien umkränzt, an denen Tausende kleiner

Libellen wie bunte Stäbchen hängen, während die der größeren Art bis auf die Mitte des Weihers

schnurren, wo sie in die Blätter der gelben Nymphäen, wie goldene Schmucknadeln in emaillierte

Schalen niederfallen, und dort auf die Wasserinsekten lauern, von denen sie sich nähren. – Das

Ganze umgrenzen kleine, aber zahlreiche Waldungen. – Alles Laubholz, und namentlich ein

Eichenbestand von tadelloser Schönheit, der die holländische Marine mit Masten versieht – in

jedem Baume ein Nest, auf jedem Aste ein lustiger Vogel, und überall eine Frische des Grüns

und ein Blätterduft, wie dieses anderwärts nur nach einem Frühlingsregen der Fall ist. – Unter

den Zweigen lauschen die Wohnungen hervor, die langgestreckt, mit tief niederragendem Dache,

im Schatten Mittagsruhe zu halten und mit halbgeschlossenem Auge nach den Rindern zu schauen

scheinen, welche hellfarbig und gescheckt wie eine Damwildherde sich gegen das Grün des

Waldbodens oder den blassen Horizont abzeichnen, und in wechselnden Gruppen durcheinander

schieben, da diese Heiden immer Allmenden sind, und jede wenigstens sechzig Stück Hornvieh und

darüber enthält. – Was nicht Wald und Heide ist, ist Kamp, d.h. Privateigentum, zu Acker und

Wiesengrund benützt, und, um die Beschwerde des Hütens zu vermeiden, je nach dem Umfange des

Besitzes oder der Bestimmung, mit einem hohen, von Laubholz überflatterten Erdwalle umhegt. –

Dieses begreift die fruchtbarsten Grundstrecken der Gemeinde, und man trifft gewöhnlich lange

Reihen solcher Kämpe nach- und nebeneinander, durch Stege und Pförtchen verbunden, die man mit

jener angenehmen Neugier betritt, mit der man die Zimmer eines dachlosen Hauses durchwandelt.

Wirklich geben auch vorzüglich die Wiesen einen äußerst heitern Anblick durch die Fülle und

Mannigfaltigkeit der Blumen und Kräuter, in denen die Elite der Viehzucht, schwerer

ostfriesischer Rasse, übersättigt wiederkaut, und den Vorübergehenden so träge und hochmütig

anschnaubt, wie es nur der Wohlhäbigkeit auf vier Beinen erlaubt ist. Gräben und Teiche

durchschneiden auch hier, wie überall, das Terrain, und würden, wie alles stehende Gewässer,

widrig sein, wenn nicht eine weiße, von Vergißmeinnicht umwucherte Blütendecke und der

aromatische Duft des Münzkrautes dem überwiegend entgegenwirkten; auch die Ufer der träg

schleichenden Flüsse sind mit dieser Zierde versehen, und mildern so das Unbehagen, das ein

schläfriger Fluß immer erzeugt. – Kurz diese Gegend bietet eine lebhafte Einsamkeit, ein

fröhliches Alleinsein mit der Natur, wie wir es anderwärts noch nicht angetroffen. – Dörfer

trifft man alle Stunde Weges höchstens eines, und die zerstreuten Pachthöfe liegen so

versteckt hinter Wallhecken und Bäumen, daß nur ein ferner Hahnenschrei, oder ein aus seiner

Laubperücke winkender Heiligenschein sie dir andeutet, und du dich allein glaubst mit Gras und

Vögeln, wie am vierten Tage der Schöpfung, bis ein langsames »Hott« oder »Haar« hinter der

nächsten Hecke dich aus dem Traume weckt, oder ein grell anschlagender Hofhund dich auf den

Dachstreifen aufmerksam macht, der sich gerade neben dir, wie ein liegender Balken durch das

Gestripp des Erdwalls zeichnet. – So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es

nach vierzig Jahren nimmer sein. – Bevölkerung und Luxus wachsen sichtlich, mit ihnen

Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Heiden werden geteilt; die Kultur des

langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnellern

Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fichtenwälder und endlose Getreidseen den

Charakter der Landschaft teilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten

Sitten und Gebräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir deshalb das Vorhandene noch zuletzt

in seiner Eigentümlichkeit auf, ehe die schlüpferige Decke, die allmählich Europa überfließt,

auch diesen stillen Erdwinkel überleimt hat.

Wir haben diesen Raum des Münsterlandes eine Oase genannt, so sind es auch wieder Steppen,

Sand-und Fichtenöden, die uns durch Paderborn, die ehemalige Residenz- und Grenzstadt, in das

Bistum gleichen Namens führen, wo die Ebene allmählich zu Hügeln anschwillt, von denen jedoch

die höchsten – der jenseitigen Grenze zu – die Höhe eines mäßigen Berges nicht übersteigen. –

Hier ist die Physiognomie des Landes bei weitem nicht so anziehend, wie die seiner Bewohner,

sondern ein ziemlich reizloser Übergang von der Fläche zum Gebirge, ohne die Milde der ersten

oder die Großartigkeit des letzteren, – unabsehbare Getreidfelder, sich über Tal und Höhe

ziehend, welche die Fruchtbarkeit des Bodens bezeugen, aber das Auge ermüden, – Quellen und

kleine Flüsse, die recht munter laufen, aber gänzlich ohne Geräusch und die phantastischen

Sprünge der Bergwässer, – steinichter Grund, der, wo man nur den Spaden einstößt, treffliches

Baumaterial liefert, aber nirgends eine Klippenwand vorstreckt, außer der künstlichen des

Steinbruchs, – niedere Berge von gewöhnlicher Form, unter denen nur die bewaldeten auf einige

Anmut Anspruch machen können, bilden zusammen ein wenig hervorstechendes Ganze. – Selbst der

klassische Teutoburger Wald, das einzige zwar nicht durch Höhe, aber durch seine Ausdehnung

und mitunter malerischen Formen imposante Waldgebirge, ist in neueren Zeiten so durchlichtet,

und nach der Schnur beforstet worden, daß wir nur mit Hülfe der roten (eisenhaltigen) Erde,

die fortwährend unter unsern Tritten knistert, sowie der unzähligen fliegenden Leuchtwürmchen,

die hier in Sommernächten an jeden Zweig ihr Laternchen hängen, und einer regen Phantasie von

»Stein, Gras und Grein« träumen können. – Doch fehlt es dem Lande nicht an einzelnen Punkten,

wo das Zusammentreffen vieler kleinen Schönheiten wirklich reizende Partien hervorbringt, an

hübschen grünen Talschluchten, z.B. von Quellen durchrieselt, wo es sich recht anmutig, und

sogar ein wenig schwindelnd, durch die schlanken Stämme bergauf schauen läßt; liegt nun etwa

noch ein Schlößchen droben, und gegenüber ein Steinbruch, der fürs Auge so ziemlich die

Klippen ersetzt, so wird der wandernde Maler gewiß sein Album hervorlangen, und der

benachbarte Flachländer kehrt von seiner Ferienreise mit Stoff zu langen Erzählungen und

Nachentzückungen heim;- ein Dorf am Fuße des Berges kann übrigens das Bild nur verderben, da

das Bistum Paderborn hiervon ausgemacht die elendesten und rauchigsten Exemplare Westfalens

aufzuweisen hat, ein Umstand, zu dem Übervölkerung und Leichtsinn der Einwohner zu gleichen

Teilen beitragen.

Haben wir die paderbornsche Grenze – gleichviel ob zur Rechten oder zur Linken –

überschritten, so beginnt der hochromantische Teil Westfalens, rechts das geistliche

Fürstentum Corvey, links die Grafschaft Mark; ersteres die mit Recht berühmten

Weserlandschaften, das andere die gleich schönen Ruhr-und Lenne-Ufer umschließend. – Diese

beiden Provinzen zeigen, obwohl der Lage nach getrennt, eine große Verwandtschaft der Natur,

nur daß die eine durch segelnde Fahrzeuge, die andere durch das Pochen der Hämmer und Gewerke

belebt wird; beide sind gleich lachend und fruchtbar, mit gleich wellenförmigen, üppig

belaubten Bergrücken geschmückt, in die sich nach und nach kühnere Formen und Klippenwände

drängen, bis die Weserlandschaft wie eine Schönheit, die ihren Scheitelpunkt erreicht hat,

allmählich wieder einsinkt und gleichsam abwelkt, während von der Ruhr aus immer kühnere

Gebirgsformen in das Herz des Sauerlandes dringen, und sich durch die höchste romantische

Wildheit bis zur Öde steigern. Daß die vielbesprochene Porta Westfalica nur einen geringen

Beitrag zu jener Bilderreihe steuert, und nur den letzten zweifelhaften beau jour der bereits

verblichenen Weserschönheit ausmacht, ist schon öfters gesagt worden; desto reizender ist der

Strombord in seinem Knospen, Erblühen und Reifen das Corveyer Ländchen und die anschließenden

Striche entlang bis zur kurhessischen Grenze: so sanfte Berghänge und verschwimmende Gründe,

wo Wasser und Land sich zu haschen und einander mit ihrer Frische anzuhauchen scheinen; so

angenehme Kornfluren im Wechsel mit Wiese und Wald; so kokette Windungen des Stroms, daß wir

in einem Garten zu wandeln glauben. – Immer mannigfaltiger wird die Landschaft, immer reicher

schattiert von Laub- und Nadelholz, scharfen und wellenschlagenden Linien. – Hinter dem alten

Schlosse Wehern und der Türkenruine hebt der Wildberg aus lustigen Hügeln, die ihn wie vom

Spiel ermüdete Kinder umlagern, seinen stachligen Sargrücken, und scheint nur den Kathagenberg

gegenüber, der ihn wie das Knochengebäude eines vorweltlichen Ungeheuers aus roten Augenhöhlen

anstarrt, seiner Beachtung wert zu halten. – Von hier an beginnen die Ufer steil zu werden,

mit jeder Viertelstunde steiler, hohler und felsiger, und bald sehen wir von einer

stundenlangen, mit Mauern und Geländern eingehegten Klippe die Schiffe unter uns gleiten,

klein wie Kinderspielzeug, und hören den Ruf der Schiffer, dünn wie Möwenschrei, während hoch

über uns von der Felsterrasse junge Laubzweige niederwinken, wie die Hände schöner Frauen von

Burgzinnen. – Bei dem neuantiken Schlosse Herstelle hat die Landschaft ihren Höhepunkt

erreicht, und geht, nach einer reichen Aussicht, die Weser entlang, und einem schwindelnden

Niederblicke auf das hessische Grenzstädtchen Karlshafen, der Verflachung und überall dem

Verfall entgegen.

Diesen ähnliche Bilder bietet die Grafschaft Mark, von gleicher teils sanften, teils kräftiger

auftretenden Romantik, und durch die gleichen Mittel. – Doch ist die Landschaft hier belebter,

reicher an Quellengeräusch und Echo, die Flüsse kleiner und rascher, und statt Segel bei uns

vorbeigleiten zu lassen, schreiten wir selbst an schäumenden Wehren und Mühlrädern vorüber,

und hören schon weither das Pochen der Gewerke, denn wir sind in einem Fabriklande. – Auch ist

die Gegend anfangs, von der Nähe des Münsterlandes angehaucht, noch milder, die Täler

träumerischer, und tritt dagegen, wo sie sich dem eigentlichen Sauerlande nähert, schon kühner

auf als die Weser. – Das »Felsenmeer« unweit Menden z.B. – ein Tal, wo Riesen mit wüsten

Felswürfeln gespielt zu haben scheinen – und die Bergschlucht unter der Schloßruine und der

bekannten Tropfsteinhöhle Klusenstein dürfen ungezweifelt einen ehrenvollen Platz im Gebiete

des Wildromantischen ansprechen, sonderlich das letzte, und eben diese starr gegeneinander

rückenden Felswände, an denen sich der kaum fußbreite Ziegenpfad windet – oben das alte

Gemäuer, in der Mitte der schwarze Höllenschlund, unten im Kessel das Getöse und Geschäum der

Mühle, zu der man nur vermittelst Planken und Stege gelangt, und wo es immer dämmert – sollen

dem weiland vielgelesenen Spies den Rahmen zu einem seiner schlimmsten Schauerromane (ich

glaube die Teufelsmühle im Höllental) geliefert haben. – Doch sind dieses Ausnahmen, die

Landschaften durchgängig sanft, und würden, ohne die industrielle Regsamkeit ihrer Bewohner,

entschieden träumerisch sein. – Sobald wir die Fläche überschritten, verliert sich indessen

das Milde mehr und mehr, und bald begegnet es uns nur noch in einzelnen, gleichsam verirrten

Partien, die uns jetzt durch ihre Seltenheit so überraschend anregen, wie früher die kühneren

Formen, von denen wir fortan, durch tagelange Wanderungen, fast übersättigt werden. – Der

Sauerländer rühmt sich eines glorreichen Ursprungs seiner Benennung – »dieses ist mir ein

saures Land geworden«, soll Karl der Große gesagt haben – und wirklich, wenn wir uns durch

die, mit Felsblöcken halb verrammelten Schluchten des Binnenlandes winden, unter Wänden her,

deren Unersteiglichkeit wir mit schwindelndem Auge messen, und aus denen sich kolossale

Balkone strecken, breit und fest genug, eine wilde Berghorde zu tragen, so zweifeln wir nicht

an der Wahrheit dieses Worts, mag es nun gesagt sein oder nicht. – Das Gebirge ist

wasserreich, und in den Talschlünden das Getöse der niederrauschenden und brodelnden Quellen

fast betäubend, wogegen der Vogelgesang in den überhandnehmenden Fichtenwaldungen mehr und

mehr erstirbt, bis wir zuletzt nur Geier und Habichte die Felszacken umkreisen sehen, und ihre

grellen Diebspfeifen sich hoch in der Luft antworten hören. – Überall starren uns die

schwarzen Eingänge der Stollen, Spalten und Stalaktitenhöhlen entgegen, deren Senkungen noch

zum Teil nicht ergründet sind, und an die sich Sagen von Wegelagerern, Berggeistern und

verhungerten Verirrten knüpfen. – Das Ganze steht den wildesten Gegenden des Schwarzwaldes

nicht nach – sonderlich wenn es zu dunkeln beginnt, gehört viel kaltes Blut dazu, um sich

eines mindestens poetischen Schauers zu erwehren, wenn das Volk der Eulen und Schuhue in den

Spalten lebendig wird, und das Echo ihr Gewimmer von Wand zu Wand laufen läßt, und wenn die

hohen Öfen wie glühende Rachen aus den Schluchten gähnen, wirre Funkensäulen über sich

aufblasen, und Baum und Gestein umher mit rotem Brandscheine überzittern. – In diesem Stile

nimmt die Landschaft immer an Wildheit zu, zuletzt Klippen bietend, auf denen man schon

verirrte Ziegen hat tagelang umherschwanken sehen, bis die Zackenform der Berge allmählich

kahlen Kegeln weicht, an denen noch wohl im hohen Mai Schneeflecke lagern, der Baumwuchs fast

gänzlich eingeht, und endlich bei »Winterberge« die Gegend nur noch das Bild trostloser Öde

beut, – kahle Zuckerhutformen, an denen hier und dort ein Fleckchen magerer Hafersaat mehr

gilbt als grünt.

II

Wir haben im vorhergehenden den Charakter der Eingebornen bereits flüchtig angedeutet, und

gesagt, daß dem gewöhnlichen Einflusse der Natur auf ihre Zöglinge entgegen, am,

verhältnismäßig in einem zahmen Lande aufgenährten, Paderbörner der Stempel des Bergbewohners,

sowohl moralisch als körperlich, weit entschiedener hervortritt, als an dem, durch seine

Umgebungen weit mehr dazu berechtigten Sauerländer. – Der Grund liegt nahe; in den

Handelsverhältnissen des letzteren, die seine Heimat den Fremden öffnen, und ihn selbst der

Fremde zutreiben, wo unter kaufmännischer Kultur die Sitten, durch auswärtige Heiraten das

Blut seines Stammes sich täglich mehr verdünnen, und wir müssen uns eher über die Kraft einer

Ader wundern, die, von so vielen Quellen verwässert, doch noch durchgängig einen scharfen,

festen Strich zeichnet, wie der Rhein durch den Bodensee. – Der Sauerländer ist ungemein groß

und wohlgebaut, vielleicht der größte Menschenschlag in Deutschland, aber von wenig

geschmeidigen Formen; kolossale Körperkraft ist bei ihm gewöhnlicher, als Behendigkeit

anzutreffen. Seine Züge, obwohl etwas breit und verflacht, sind sehr angenehm, und bei

vorherrschend lichtbraunem oder blonden Haare haben doch seine langbewimperten blauen Augen

alle den Glanz und den dunkeln Blick der schwarzen. – Seine Physiognomie ist kühn und offen,

sein Anstand ungezwungen, so daß man geneigt ist, ihn für ein argloseres Naturkind zu halten,

als irgendeinen seiner Mitwestfalen; dennoch ist nicht leicht ein Sauerländer ohne einen

starken Zusatz von Schlauheit, Verschlossenheit und praktischer Verstandesschärfe, und selbst

der sonst Beschränkteste unter ihnen wird gegen den gescheutesten Münsterländer fast immer

praktisch im Vorteil stehen. – Er ist sehr entschlossen, stößt sich dann nicht an

Kleinigkeiten, und scheint eher zum Handel und guten Fortkommen geboren, als dadurch und dazu

herangebildet. – Seine Neigungen sind heftig aber wechselnd, und so wenig er sie jemands

Wunsch zuliebe aufgibt, so leicht entschließt er sich, aus eigener Einsicht oder Grille

hierzu. – Er ist ein rastloser und zumeist glücklicher Spekulant, vom reichen Fabrikherrn, der

mit vieren fährt, bis zum abgerissenen Herumstreifer, der »Kirschen für Lumpen« ausbietet; und

hier findet sich der einzige Adel Westfalens, der sich durch Eisenhämmer, Papiermühlen und

Salzwerke dem Kaufmannsstande anschließt. – Obwohl der Konfession nach katholisch, ist das

Fabrikvolk doch an vielen Orten bis zur Gleichgültigkeit lau, und lacht nur zu oft über die

Scharen frommer Wallfahrter, die vor seinen Gnadenbildern bestäubt und keuchend ihre Litaneien

absingen, und an denen ihm der Klang des Geldes, das sie einführen, bei weitem die

verdienstvollste Musik scheint. – Übrigens besitzt der Sauerländer manche anziehende Seite; er

ist mutig, besonnen, von scharfem aber kühlen Verstande, obwohl im allgemeinen berechnend,

doch aus Ehrgefühl bedeutender Aufopferungen fähig; und selbst der Geringste besitzt einen

Anflug ritterlicher Galanterie und einen naiven Humor, der seine Unterhaltung äußerst angenehm

für denjenigen macht, dessen Ohren nicht allzu zart sind. – Daß in einem Lande, wo drei

Viertel der Bevölkerung, Mann, Weib und Kind, ihren Tag unter fremdem Dache (in den

Fabrikstuben) zubringen, oder auf Handelsfüßen das Land durchziehen, die häuslichen

Verhältnisse sehr locker, gewissermaßen unbedeutend sind, begreift sich wohl; so wie aus dem

Gesagten hervorgeht, daß nicht hier der Hort der Träume und Märchen, der charakteristischen

Sitten und Gebräuche zu suchen ist; denn obwohl die Sage manche Kluft und unheimliche Höhle

mit Berggeistern, und den Gespenstern Ermordeter, oder in den Irrgängen Verschmachteter

bevölkert hat, so lacht doch jedes Kind darüber, und nur der minder beherzte oder

phantasiereichere Reisende fährt zusammen, wenn ihm in dem schwarzen Schlunde etwa eine Eule

entgegenwimmert, oder ein kalter Tropfen von den Steinzapfen in seinen Nacken rieselt. – Kurz,

der Sohn der Industrie besitzt vom Bergbewohner nur die eiserne Gesundheit, Körperkraft und

Entschlossenheit, aber ohne den romantischen Anflug und die Phantasie, welche sich an

großartigen Umgebungen zu entwickeln pflegen, – er liebt sein Land, ohne dessen Charakter

herauszufühlen; er liebt seine Berge, weil sie Eisen und freien Atemzug; seine Felsen, weil

sie vortreffliches Material und Fernsichten; seine rauschenden Wasserfälle, weil sie den

Fabrikrädern rascheren Umschwung geben, und das Ganze endlich, weil es eben seine Heimat und

in dessen Luft ihm am wohlsten ist. – Seine Festlichkeiten sind, nach den Umständen des

Gastgebers, den städtischen möglichst nachgebildet; seine Trachten desgleichen. – Alles wie

anderwärts, – staubende Chausseen mit Frachtwagen und Einspännern bedeckt, – Wirtshäuser mit

Kellnern und gedruckten Speisezetteln, – einzelne Dörfer im tiefsten Gebirge sind noch

strohdachig und verfallen genug, die meisten jedoch, nett wie alle Fabrikorte, erhalten allein

durch die schwarze Schieferbekleidung und die mit Steinplatten beschwerten Dächer, die man

hier der Rauhigkeit des Klimas entgegensetzen muß, einen schwachen Anstrich von Ländlichkeit,

und nur die Kohlenbrenner in den Waldungen, die bleichen Hammerschmiede vor ihren

Höllenfeuern, und die an den Stollen, mit Lederschurz und blitzendem Bleierz auf ihrem

Kärrchen aus- und einfahrenden Bergknappen geben der Landschaft hier und dort eine passende

Staffage.

Anders ist’s im Hochstifte Paderborn, wo der Mensch eine Art wilder Poesie in die sonst

ziemlich nüchterne Umgebung bringt, und uns in die Abruzzen versetzen würde, wenn wir

Phantasie genug hätten, jene Gewitterwolke für ein mächtiges Gebirge, jenen Steinbruch für

eine Klippe zu halten. – Nicht groß von Gestalt, hager und sehnig, mit scharfen, schlauen,

tiefgebräunten, und vor der Zeit von Mühsal und Leidenschaft durchfurchten Zügen fehlt dem

Paderbörner nur das brandschwarze Haar zu einem entschieden südlichen Aussehen. – Die Männer

sind oft hübsch und immer malerisch, die Frauen haben das Schicksal der Südländerinnen, eine

frühe, üppige Blüte und ein frühes, zigeunerhaftes Alter. – Nirgends gibt es so rauchige

Dörfer, so dachlückige Hüttchen, als hier, wo ein ungestümes Temperament einen starken Teil

der Bevölkerung übereilten Heiraten zuführt, ohne ein anderes Kapital, als vier Arme und ein

Dutzend zusammengebettelter und zusammengesuchter Balken, aus denen dann eine Art von Koben

zusammengesetzt wird, eben groß genug für die Herdstelle, das Ehebett, und allenfalls einen

Verschlag, der den stolzen Namen Stube führt, in der Tat aber nur ein ungewöhnlich breiter und

hoher Kasten mit einem oder zwei Fensterlöchern ist. – Besitzt das junge Paar Fleiß und

Ausdauer, so mögen nach und nach einige Verschläge angezimmert werden; hat es ungewöhnlichen

Fleiß und Glück zugleich, so dürfte endlich eine bescheidene Menschenwohnung entstehen, häufig

aber lassen Armut und Nachlässigkeit es nicht hierzu kommen, und wir selbst sahen einen

bejahrten Mann, dessen Palast zu kurz war, um ausgestreckt darin zu schlafen, seine Beine ein

gutes Ende weit in die Straße recken. – Selbst der Roheste ist schlau und zu allen Dingen

geschickt, weiß jedoch selten nachhaltigen Vorteil daraus zu ziehen, da er sein Talent gar oft

in kleinen Pfiffigkeiten, deren Ertrag er sofort vergeudet, erschöpft, und sich dem Einflusse

von Winkeladvokaten hingibt, die ihm über jeden Zaunpfahl einen Prozeß einfädeln, der ihn

völlig aussaugt, fast immer zur Auspfändung, und häufig von Hof und Haus bringt. – Große Not

treibt ihn zu großen Anstrengungen, aber nur bis das dringendste Bedürfnis gestillt ist, –

jeder erübrigte Groschen, den der Münsterländer sorglich zurücklegen, der Sauerländer in

irgendein Geschäft stecken würde, wird hier am liebsten von dem Kind der Armut sofort dem

Wirte und Kleinhändler zugetragen, und die Schenken sind meist gefüllt mit Glückseligen, die

sich einen oder ein paar blaue Montage machen, um nachher wieder auf die alte Weise fort zu

hungern und taglöhnern. – So verleben leider viele, obwohl in einem fruchtbaren Lande, und mit

allen Naturgaben ausgerüstet, die sonst in der Welt voran bringen, ihre Jugend in Armut, und

gehen einem elenden Alter am Bettelstabe entgegen. – In ihrer Verwahrlosung dem Aberglauben

zugeneigt, glaubt der Unglückliche sehr fromm zu sein, während er seinem Gewissen die

ungebührlichsten Ausdehnungen zumutet. – Wirklich stehen auch manche Pflichten seinen mit der

Muttermilch eingesogenen Ansichten vom eigenen Rechte zu sehr entgegen, als daß er sie je

begreifen sollte, – jene gegen den Gutsherrn zum Beispiel, dem er nach seinem Naturrecht gern

als einen Erbfeind oder Usurpator des eigentlich ihm zuständigen Bodens betrachtet, dem ein

echtes Landeskind nur aus List, um der guten Sache willen, schmeichle, und übrigens Abbruch

tun müsse, wo es immer könne. – Noch empörender scheinen ihm die Forst- und Jagdgesetze, da ja

»unser Hergott das Holz von selbst wachsen läßt, und das Wild aus einem Lande in das andere

wechselt.« – Mit diesem Spruche im Munde glaubt der Frierende sich völlig berechtigt, jeden

Förster, der ihn in flagranti überrascht, mit Schnupftabak zu blenden, und wie er kann, mit

ihm fertig zu werden. – Die Gutsbesitzer sind deshalb zu einem erschöpfenden Aufwande an

Forstbeamten gezwungen, die den ganzen Tag und manche Nacht durchpatrouillieren, und doch die

massivsten Forstfrevel, z.B. das Niederschlagen ganzer Waldstrecken in einer Nacht, nicht

immer verhindern können. – Hier scheitern alle Anstrengungen der sehr ehrenwerten

Geistlichkeit, und selbst die Versagung der Absolution im Beichtstuhle verliert ihre Kraft,

wie bei dem Korsen, wenn es eine Vendetta gilt. – Noch vor dreißig Jahren war es etwas sehr

Gewöhnliches, beim Mondscheine langen Wagenreihen zu begegnen, neben denen dreißig bis vierzig

Männer hertrabten, das Beil auf der Schulter, den Ausdruck lauernder Entschlossenheit in den

gebräunten Zügen, und der nächste Morgen brachte dann gewiß – je nachdem sie mit den Förstern

zusammengetroffen, oder ihnen glücklich ausgewichen waren – die Geschichte eines blutigen

Kampfs, oder eines grandiosen Waldfrevels. – Die Überwachung der preußischen Regierung hat

allerdings dieser Öffentlichkeit ein Ziel gesetzt, jedoch ohne bedeutende Resultate in der

Sache selbst, da die Frevler jetzt durch List ersetzen, was sie an Macht einbüßen, und es ist

leider eine Tatsache, daß die Holzbedürftigen, sogar Beamte, von Leuten, denen doch, wie sie

ganz wohl wissen, kein rechtlicher Splitter eigen ist, ihren Bedarf so ruhig nehmen, wie

allerorts Strandbewohner ihren Kaffee und Zucker von den Schmugglern zu nehmen pflegen. – Daß

auch dieser letztere Erwerbszweig hier dem Charakter des Besitzlosen zu sehr zusagt, als daß

er ihn vernachlässigen sollte, selbst wenn die mehrstündige Entfernung der Grenze ihn mühsam,

gefahrvoll und wenig einträglich zugleich machen, läßt sich wohl voraussetzen, und fast bis im

Herzen des Landes sehen wir bei abendlichen Spaziergängen kleine Truppen von fünfen oder

sechsen, hastig und ohne Gruß, an uns vorüber der Wesergegend zustapfen, und können sie in der

Morgendämmerung mit kleinen Bündeln, schweißtriefend und nicht selten mit verbundenem Kopfe

oder Arme wieder in ihre Baracken schlüpfen sehen. Zuweilen folgen die Zollbeamten ihnen

stundenweit; die Dörfer des Binnenlandes werden durch nächtliche Schüsse und wüstes Geschrei

aufgeschreckt, – am nächsten Morgen zeigen Gänge durchs Kornfeld, in welcher Richtung die

Schmuggler geflohen; zerstampfte Flächen, wo sie sich mit den Zöllnern gepackt haben, und ein

halbes Dutzend Taglöhner läßt sich bei seinem Dienstherren krank melden. – Ihre Ehen meist aus

Leidenschaft, und mit gänzlicher Rücksichtslosigkeit auf äußere Vorteile, geschlossen, würden

anderwärts für höchst unglücklich gelten, da kaum eine Barackenbewohnerin ihr Leben

beschließt, ohne Bekanntschaft mit dem sogenannten »braunen Heinrich«, dem Stocke nämlich,

gemacht zu haben. Sie aber finden es ländlich, sittlich, und leben der Überzeugung, daß eine

gute Ehe, wie ein gutes Gewebe, zuerst des Einschlags bedarf, um nachher ein tüchtiges

Hausleinen zu liefern. Wollten wir eine Zusammenstellung der untern Volksklassen nach den drei

Hauptrassen Westfalens wagen, so würden wir sagen: Der Sauerländer freit, wie ein Kaufmann,

nämlich nach Geld oder Geschicklichkeit, und führt auch seine Ehe so, – kühl und auf

gemeinschaftlichen Erwerb gerichtet. – Der Münsterländer freit wie ein Herrnhuter, gutem Rufe

und dem Willen seiner Eltern gemäß, und liebt und trägt seine Ehe, wie ein aus Gottes Hand

gefallenes Los, in friedlicher Pflichterfüllung. – Der Paderbörner Wildling aber, hat

Erziehung und Zucht nichts an ihm getan, wirbt wie ein derbes Naturkind mit allem Ungestüm

seines heftigen Blutes. Mit seinen und den Eltern seiner Frau muß es daher auch oft zu

heftigen Auftritten kommen. Er geht unter die Soldaten, oder er läuft Gefahr, zu verkommen,

wenn seine Neigung unerwidert bleibt. Die Ehe wird in diesen dürftigen Hütten den Frauen zum

wahren Fegfeuer, bis sie sich zurechtgefunden; Fluch- und Schimpfreden haben, wie bei den

Matrosen, einen großen Teil ihrer Bedeutung verloren, und lassen eine rohe Art aufopfernder

Liebe wohl neben sich bestehen. Über das Verderbnis der dienenden Klassen wird sehr geklagt;

jedes noch so flüchtige Verhältnis zwischen den zwei Geschlechtern müsse streng überwacht

werden von denen, die ihr Haus rein von Skandal, und ihre weiblichen Dienstboten in

dienstfähigem Zustande zu erhalten wünschen; selbst die Unteraufseher, Leute von gesetzten

Jahren und sonst streng genug, schienen taub und blind, sobald nicht ein Verlöbnis, sondern

nur der Glaube an eine ernstliche Absicht vorhanden sei – »die beiden freien sich« – und damit

seien alle Schranken gefallen, obwohl aus zwanzig solcher Freiereien kaum eine Ehe hervorgehe

und die Folgen davon den Gemeinden zur Last fielen. Auch die Branntweinpest fordert hier nicht

wenige Opfer, und bei diesem heftigen Blut wirkt das Übermaß um so wilder und gefährlicher.

Diese Verwahrlosung ist um so mehr zu beklagen, da es auch dem letzten nicht leicht an

Talenten und geistigen Mitteln gebricht, und seine schlaue Gewandtheit, sein Mut, seine

tiefen, einbohrenden Leidenschaften, und vor allem seine reine Nationalität, verbunden mit dem

markierten Äußern, ihn zu einem allerdings würdigen Gegenstande der Aufmerksamkeit machen. –

Alter Gebräuche bei Festlichkeiten gibt es wenige, und in seltner Anwendung, da der

Paderborner jedem Zwange zu abgeneigt ist, als daß er sich eine Lust durch etwas, das nach

Zeremoniell schmeckt, verderben sollte. – Bei den Hochzeiten z.B. fällt wenig Besonderes vor,

das allwärts bekannte Schlüssel- und Brodüberreichen findet auch hier statt, d.h. wo es, außer

einer alten Truhe, etwas gibt, was des Schlüssels bedürfte, – nachher geht jeder seinem Jubel

bei Tanz und Flasche nach, bis sich alles zum »Papen von Istrup« stellt, einem beliebten

Nationaltanz, einem Durcheinanderwirbeln und Verschlingen, was erst nach dem Lichtanzünden

beginnt, und dem »Reisenden für Völker- und Länderkunde« den Zeitpunkt angibt, wo es für ihn

geratener sein möchte, sich zu entfernen, da fortan die Aufregung der Gäste bis zu einer Höhe

steigt, deren Kulminationspunkt nicht vorauszuberechnen ist. – Ist die Braut eine echte

»Flüggebraut«, eine Braut in Kranz und fliegenden Haaren, so tritt sie gewiß stolz, wie eine

Fürstin, auf, und dieses glorreiche Familienereignis wird noch der Ruhm ihrer Nachkommen, die

sich dessen wohl zu rühmen wissen, wie stattlich sie mit Spiegeln und Flittergold in den

Haaren einhergestrahlt sei. – Lieber als eine Hochzeit ist dem Paderbörner noch die Fastnacht,

an derem ersten Tage (Sonntag, Estomihi) der Bursche dahersteigt, in der Hand, auf goldenem

Apfel, einen befiederten Hahn aus Brodteig, den er seiner Liebsten verehrt, oder auch der

Edelfrau, nämlich, wenn es ihm an Geld für die kommenden nassen Tage fehlt. – Am Montag ist

der Jubel im tollsten Gange, selbst Bettler, die nichts anderes haben, hängen ihr geflicktes

Bettuch über den Kopf, und binden einen durchlöcherten Papierbogen vors Gesicht, und diese

machen, wie sie mit ihren, aus der weißen Umrändung blitzenden Augen und langen Nasenschnäbeln

die Mauern entlang taumeln, einen noch grausigeren Eindruck, wie die eigentlichen Maskenzüge,

die in scheußlichen Verkleidungen mit Geheul und Hurra auf Ackergäulen durch die Felder

galoppieren, alle hundert Schritte einen Sandreuter zurücklassend, der ihnen wüst nachjohlt,

oder als ein hinkendes Ungetüm ins Dorf zurückächzt. Sehr beliebt ist auch das Schützenfest,

zum Teil der Ironie wegen, da an diesem Tage der »Wildschütz« vor dem Auge der sein Gewerb

ignorierenden Herrschaft mit seinem sichern Blicke und seiner festen Hand paradieren darf, und

oft der schlimmste Schelm, dem die Förster schon wochenlang nachstellten, dem gnädigen

Fräulein Strauß und Ehrenschärpe als seiner Königin überreicht, und mit ihr die Zeremonie des

ersten Tanzes durchmacht. – Ihm folgt am nächsten Tage das Frauenschießen, eine galante Sitte,

die man hier am wenigsten suchen sollte, und die sich anmutig genug ausnimmt. Morgens in aller

Frühe ziehen alle Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche blutjunge und hübsche, von dem

Edelhofe aus, in ihren goldenen Häubchen und Stirnbinden, bebändert und bestraußt, jede mit

dem Gewehr ihres Mannes über die Schultern. – Voran die Frau des Schützenkönigs mit den

Abzeichen ihrer Würde, den Säbel an der Seite, wie weiland Maria Theresia auf den Kremnitzer

Dukaten; ihr zunächst die Fähnderichin mit der weißen Schützenfahne; – auf dem Hofe wird

haltgemacht, die Königin zieht den Säbel, kommandiert – rechts – links – kurz alle

militärischen Evolutionen; dann wird die Fahne geschwenkt, und das blanke Regiment zieht mit

einem feinen Hurra dem Schießplatze zu, wo jede – manche mit der zierlichsten Koketterie – ihr

Gewehr ein paarmal abfeuert, und unter klingendem Spiele der Schenke zu marschieren, wo es

heute keinen König gibt, sondern nur eine Königin und ihren Hof, die alles anordnen, und von

denen sich die Männer heute alles gefallen lassen. – Einen gleich starken Gegensatz zu den

derben Sitten des Landes gibt der Beginn des Erntefestes. – Dieses wird nur auf Edelhöfen und

großen Pachtungen im altherkömmlichen Stile gefeiert. – Der voranschreitenden Musik folgt der

Erntewagen mit dem letzten Fuder, auf dessen Garben die Großmagd thront, über sich auf einer

Stange den funkelnden Erntekranz, – dann folgen sämtliche Dienstleute, paarweise, mit

gefalteten Händen, die Männer barhaupt, so ziehen sie langsam über das Feld dem Edelhofe zu,

das Tedeum nach der schönen, alten Melodie des katholischen Ritus absingend, ohne Begleitung,

aber bei jedem dritten Verse von den Blasinstrumenten abgelöst, was sich überaus feierlich

macht, und gerade bei diesen Menschen, und unter freiem Himmel etwas wahrhaft Ergreifendes

hat. – Im Hofe angelangt, steigt die Großmagd ab, und trägt ihren Kranz mit einem artigen

Spruche zu jedem Mitgliede der Familie, vom Hausherrn an bis zum kleinsten Jünkerchen auf dem

Schaukelpferde, dann wird er über das Scheuertor an die Stelle des vorigjährigen gehängt, und

die Lustbarkeit beginnt. – Obwohl sich keiner ausgezeichneten Singorgane erfreuend, sind die

Paderbörner doch überaus gesangliebend; überall – in den Spinnstuben – auf dem Felde – hört

man sie quinkelieren und pfeifen, – sie haben ihre eigenen Spinn–, ihre Acker–, Flachsbrech-

und Rauflieder, – das letzte ist ein schlimmes Spottlied, was sie, nach dem Takte des Raufens,

jedem Vorübergehenden aus dem Stegreif zusingen. – Sonderlich junge Herren, die sich, dem

Verhältnisse nach, zu Freiern ihrer Fräulein qualifizieren, können darauf rechnen, nicht

ungeneckt vorbeizukommen, und sich von zwanzig bis dreißig Stimmen nachkrähen zu hören: »He!

he! he! er ist ihr zu dick, er hat kein Geschick«, – oder: »Er ist ihr zu arm, daß Gott

erbarm! Den Quinkel den quank, der Vogel der sang, das Jahr ist lang, oh! oh! oh! laßt ihn

gehn!« – Überhaupt rühmen sie sich gern, wo es ihnen Anlaß zum Streit verspricht, ihrer

Herrschaft, als ob sie aus Gold wäre; stehen auch in ernsteren Fällen, aus demselben Grunde,

bisweilen zu ihr gleich dem Besten, und es ist hier, wie bei der Pariser Polizei, nichts

Ungewöhnliches, die schlimmsten »Wildschützen« nach einigen Jahren als Forstgehilfen

wiederzufinden, denen es alsdann ein Herzensgaudium ist, sich mit ihren alten Kameraden zu

raufen, und den bekannten Listen neue entgegenzusetzen; und noch vor kurzem packten ein

Dutzend solcher Praktiker ihren Herzensfreund, den Dorfschulmeister, der sie früher in der

Taktik des »Holzsuchens« unterrichtet hatte, wie er eben daran war, die dritte oder vierte

Auflage der Rekruten einzuüben, etwa achtzig barfüßige Schlingel nämlich, die, wie junge

Wölfe, zuerst mit dem Blutaussaugen anfangen, mit ihren krummen Messern kunstfertig in dem

jungen Schlag wüteten, während der Pädagog, von einer breiten Buche herab, das Kommando

führte. – Wir haben bereits den Volksaberglauben erwähnt; dieser äußert sich, neben der

Gespensterfurcht und dem Hexenglauben, vorzugsweise in sympathetischen Mitteln und dem

sogenannten Besprechen, einem Akt, der manches zu denken gibt, und dessen wirklich seltsame

Erfolge sich durch bloßes Hinwegleugnen keineswegs beseitigen lassen. Wir selbst müssen

gestehen, Zeugen unerwarteter Resultate gewesen zu sein. – Auf die Felder, die der Besprecher

mit seinem weißen Stäbchen umschritten, und die Scholle eines verpfändeten Ackers darauf

geworfen hat, wagt sich in der Tat kein Sperling, kein Wurm, fällt kein Mehltau, und es ist

überraschend, diese Strecken mit schweren, niederhangenden Ähren zwischen weiten Flächen

leeren Strohes zu sehen. Ferner, ein prächtiger Schimmel, arabischer Rasse, und überaus

feurig, war, zu einem übermäßigen Sprunge gespornt, gestürzt, und hatte sich die Zunge dicht

an der Wurzel durchgebissen. – Da das Schlagen des wütenden Tieres es in den ersten Tagen

unmöglich machte, der Wunde beizukommen, war der Brand hinzugetreten, und ein sehr geschickter

Arzt erklärte das schöne Pferd für rettungslos verloren. – Jetzt ward zur »Waffensalbe«

geschritten, – keinem Arzneimittel, wie man wahrscheinlich glauben wird, sondern einem

geheimnisvollen, mir unbekannt gebliebenen Gebrauch, zu dessen Behuf dem mehrere Stunden

entfernten Besprecher nur ein von dem Blut des Tieres beflecktes Tuch gesandt wurde. – Man

kann sich denken, welches Vertrauen ich in dieses Mittel setzte! – Am nächsten Tage wurde das

Tier jedoch so ruhig, daß ich dieses als ein Zeichen seiner nahenden Auflösung ansah, – am

folgenden richtete es sich auf, zerbiß und verschluckte, obwohl etwas mühsam, einige

Brodscheiben ohne Rinde, – am dritten Morgen sahen wir, zu unserm Erstaunen, daß es sich über

das in der Raufe befindliche Futter hergemacht, und einen Teil desselben bereits verzehrt

hatte, während nur ein behutsames Auswählen der weicheren Halme, und ein leises Zucken um

Lippen und Nüstern die Empfindlichkeit der, wie wir uns durch den Augenschein überzeugen

mußten, völlig geschlossenen Wundstelle andeuteten; und seitdem habe ich den schönen Araber

manches Mal, frisch und feurig, wie zuvor, mit seinem Reiter durchs Feld stolzieren sehen. –

Dergleichen und ähnliches fällt täglich vor, und hiebei ist die Annäherung des Besprechers

oder seines Mittels an den zu besprechenden Gegenstand immer so gering (in manchen Fällen, wie

dem eben genannten, fällt sie gänzlich fort), daß eine Erklärung durch natürlich wirkende

Essenzen hier keine Statt haben kann, so wie die vielbesprochene Macht der Phantasie bei

Tieren, Kräutern und selbst Gestein wegfallen muß, und dem Erklärer wohl nur die Kraft des

menschlichen Glaubens, die magnetische Gewalt eines festen Willens über die Natur als letztes

Auskunftsmittel bleiben dürfte. – Folgenden Vorfall haben wir aus dem Munde eines

glaubwürdigen Augenzeugen: In dem Garten eines Edelhofes hatte die grüne Kohlraupe dermaßen

überhandgenommen, daß der Besitzer, obwohl Protestant, in seinem Überdrusse endlich zum

Besprecher schickte. – Dieser fand sich alsbald ein, umschritt die Gemüsefelder, leise vor

sich hin murmelnd, wobei er mit seinem Stäbchen hier und dort einen Kohlkopf berührte. Nun

stand unmittelbar am Garten ein Stallgebäude, an dessen schadhaftem Dache einige Arbeiter

flickten, die sich den Spaß machten, den Zauberer durch Spottreden, hinabgeworfene

Kalkstückchen etc. zu stören. – Nachdem dieser sie wiederholt gebeten hatte, ihn nicht zu

irren, sagte er endlich: »Wenn ihr nicht Ruhe haltet, so treibe ich euch die Raupen auf das

Dach«, und als die Neckereien dennoch nicht aufhörten, ging er an die nächste Hecke, schnitt

eine Menge fingerlanger Stäbchen, stellte sie horizontal an die Stallmauer und entfernte sich.

– Alsbald verließen sämtliche Raupen ihre Pflanzen, krochen in breiten, grünen Kolonnen über

die Sandwege, an den Stäbchen die Mauer aufwärts, und nach einer halben Stunde hatten die

Arbeiter das Feld geräumt, und standen im Hofe, mit Ungeziefer besäet, und nach dem Dache

deutend, was wie mit einer grünen, wimmelnden Decke überzogen war. – Wir geben das eben

Erzählte übrigens keineswegs als etwas Besonderes, da die oben berührte Erklärung, durch auf

den Geruch wirkende Essenzen, hier am ersten stattfinden dürfte, sondern nur als ein kleines

Genrebild aus dem Tun und Treiben eines phantasiereichen und eben besprochenen Volkes. – Ehe

wir von diesem zu andern übergehen, erlauben wir uns noch zum Schlusse die Mitteilung einer

vor etwa vierzig Jahren vorgefallenen Szene, die allerdings unter der jetzigen Regierung nicht

mehr stattfinden könnte, jedoch den Charakter des Volks zu anschaulich darstellt, als daß wir

sie am ungeeigneten Orte glauben sollten. – Zu jener Zeit stand den Gutsbesitzern die niedere

Gerichtsbarkeit zu, und wurde mitunter streng gehandhabt, wobei sich, wie es zu gehen pflegt,

der Untergebene mit der Härte des Herrn, der Herr mit der Böswilligkeit des Untergebenen

entschuldigte, und in dieser Wechselwirkung das Übel sich fortwährend steigerte. Nun sollte

der Vorsteher (Meier) eines Dorfes, allzu grober Betrügereien und Diebstähle halber, seines

Amts entsetzt werden. – Er hatte sich manchen verpflichtet, manchen bedrückt, und die Gemeinde

war in zwei bittere Parteien gespalten. – Schon seit mehreren Tagen war eine tückische Stille

im Dorfe bemerkt worden, und als am Gerichtstage der Gutsherr, aus Veranlassung des

Unwohlseins, seinen Geschäftsführer bevollmächtigte, in Verein mit dem eigentlichen Justitiar,

die Sache abzumachen, war den beiden Herren diese Abänderung keineswegs angenehm, da ihnen

wohl bewußt war, daß der Bauer seine Herrschaft zwar haßt, jeden Städter aber, und namentlich

»das Schreibervolk« aus tiefster Seele verachtet. Ihre Besorgnis ward nicht gemindert, als

einige Stunden vor der Sitzung ein Schwarm barfüßiger Weiber in den Schloßhof zog, wahre

Poissarden, mit fliegenden Haaren und Kindern auf dem Arm, sich vor dem Hauptgebäude

zusammendrängte, und wie ein Nest junger Teufel zu krähen anfing: »Wir revoltieren! wir

protestieren! wir wollen den Meier behalten! unsere Kerle sind auf dem Felde und mähen, und

haben uns geschickt, wir revoltieren!« – Der Gutsherr trat ans Fenster und rief hinaus:

»Weiber! macht euch fort, der Amtmann (Justitiar) ist noch nicht da«, worauf der Schwarm sich

allmählich, unter Geschrei und Fluchen, verlor. – Als nach einigen Stunden die Sitzung

begonnen hatte, und die bereits abgehaltenen Verhöre verlesen wurden, erhob sich unter den

Fenstern des Gerichtslokals ein dumpfes, vielstimmiges Gemurmel, was immer zunahm, – dann

drängten sich ein paar starkknochige Männer in die Stube, – wieder andere, in kurzem war sie

zum Ersticken überfüllt. – Der Justitiar, an solche Auftritte gewöhnt, befahl ihnen mit

ernster Stimme hinauszugehen; – sie gehorchten wirklich, stellten sich aber, wie er ganz wohl

sah, an der Türe auf; zugleich bemerkte er, daß einige, mit grimmigem Blicke auf die

Gegenpartei, ihre Kittel lüfteten, und kurze, schwere Knittel sichtbar werden ließen, was von

der andern Seite mit einer ähnlichen Pantomime erwidert wurde. – Dennoch las er das Urteil mit

ziemlicher Fassung ab, und schritt dann, seinen Gefährten am Kleide zupfend, hastig der Türe

zu. – Dort aber drängten sich die Außenstehenden hinein, und ließen ihre Knittel spielen, und

– daß wir es kurz machen – die heilige Justiz mußte froh sein, die Nähe eines Fensters zu

einem etwas unregelmäßigen Rückzuge benutzen zu können. – Dem Gutsherrn war indessen durch den

sich allmählich nach außen ziehenden Tumult die Lage der Dinge bereits klar geworden, und er

hatte die Schützengilde aufbieten lassen, lauter Angehörige der Beteiligten, die sich freuten,

bei dieser schönen Gelegenheit auch einmal darauf loswaschen zu können. – Sie waren eben

aufmarschiert, als die Sturmglocke erschallte. – Einige Schützen rannten nun spornstreichs in

den Turm, wo sie ein altes Weib fanden, das aus Leibeskräften den Strang zog, sofort aber

gepackt und auf Umwege ins Hundeloch spediert wurde. Indessen stand der Gutsherr am Fenster,

und überwachte mit seinem Tubus die Wege, welche zu den berüchtigtsten Dörfern führten, und

nicht lange, so sah er es von allen Bergen herunterwimmeln, wie die Beduinenschwärme, er

konnte deutlich die Knitteln in ihren Händen unterscheiden, und an ihren Gebärden sehen, wie

sie sich einander riefen und zuwinkten. Schnell besonnen, warf er einen Blick auf die

Windfahne des Schloßturms, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Luft den Lärm nicht

bis zu der Stelle führe, wo die Kommenden etwa in einer Viertelstunde angelangt sein konnten,

wurden eilends einige zuverlässige Leute abgefertigt, die in Hemdärmeln, mit Sense und Rechen,

wie Arbeiter, die aufs Feld ziehen, den verschiedenen Trupps entgegenschlendern und ihnen

erzählen mußten, das Geläute im Dorfe habe einem brennenden Schlote gegolten, der aber bereits

gelöscht sei. – Die List gelang, alle trollten sich fluchend heim, während drinnen die

Schützengilde auch ihr Bestes mit Faust und Kolben tat, und so der ganze Skandal mit einigen

ernstlich Verwundeten und einem Dutzend ins Loch Gesteckten endigte, zwei Drittel der Gemeinde

aber eine Woche lang wie mit Pestbeulen behaftet aussahen, und eine besondere Schwerfälligkeit

in ihren Bewegungen zeigten. – Ähnliche Auftritte waren früher so gewöhnlich, wie das tägliche

Brod; noch heute, trotz des langjährigen Zwanges, ist der gemeine Mann innerlich nicht um ein

Haar breit von seinen Gelüsten und Ansichten abgewichen, er kann wohl niedergehalten werden,

die Glut wird aber unter der Asche immer fortglimmen. – Erhöhter Wohlstand würde einiges

mildern, wären nicht Leichtsinn und die Leidenschaft, welche zuerst eine dürftige Bevölkerung

zuwege bringen, deren geringes Eigentum Schenkwirten und Winkeladvokaten zur Beute wird. –

Dennoch kann man sich des Bedauerns mit einem Volke nicht enthalten, das mit Kraft, Scharfsinn

und Ausdauer begabt, und im Besitze eines gesegneten Bodens, in so vielen seiner Glieder den

traurigsten Verhältnissen anheimgefallen ist.

III

Selten mögen wenige Meilen einen so raschen Übergang hervorbringen, als jene, welche die

Grenzstriche Paderborns und seines frommen Nachbarlandes, des Bistums Münster, bilden. – Noch

vor einer Stunde, hinter dem nächsten Hügel, haben kleine, schwarzbraune Schlingel, die, im

halben Naturzustande, ihre paar mageren Ziegen weniger hüteten, als bei ihnen diebswegen Wache

standen, auf deine Frage nach dem Wege, dich zuerst durch verstelltes Mißverstehen und

Witzeleien gehöhnt, und dir dann unfehlbar einen Pfad angegeben, wo du wie eine Unke im

Sumpfe, oder ein Abrahams-Widder in den Dornen gesteckt hast, – d.h. wenn du nicht mit Geld

klimpertest, denn in diesem Falle haben nicht einer, sondern sämtliche Buben ihre Ziegen, um

sie desto sicherer wiederzufinden, ins Kornfeld getrieben, und mindestens ein Dutzend Zäune

zerbrochen und Pfähle ausgerissen, um dir den nächsten Weg zu bahnen, und du hast dich, übel

und böse, zu einer vierfachen Abfindung entschließen müssen, – und jetzt stehst du, wie ein

Amerikaner, der soeben den Wigwams der Irokesen entschlüpft ist, und die ersten

Einfriedigungen einer Herrnhuterkolonie betritt, vor ein paar runden Flachsköpfen, in

mindestens vier Kamisölern, Zipfelmützen, Wollstrümpfen und den landesüblichen Holzschuhen,

die ihre Kuh ängstlich am Stricke halten, und vor Schrecken aufschreien, wenn sie nach einer

Ähre schnappt. – Ihre Züge, deren Milchhaut die Sonne kaum hat etwas anhaben können, tragen so

offen den Ausdruck der gutmütigsten Einfalt, daß du dich zu einer nochmaligen Nachfrage

entschließest. »Herr!« sagt der Knabe, und reicht dir eine Kußhand, »das Ort weiß ich nicht;«

– du wendest dich an seinen Nachbarn, der gar nicht antwortet, sondern dich nur anblinzt, als

dächte er, du wolltest ihn schlagen. – »Herr!« nimmt der erstere wieder das Wort, »der weiß es

auch nicht«; verdrießlich trab du fort, aber die Knaben haben zusammen geflüstert, und der

große Redner kömmt dir nachgeklappert. »Meint der Herr vielleicht –?« (hier nennt er den Namen

des Orts im Volksdialekt) – auf deine Bejahung stampft er herzhaft vor dir her, immer nach

seinen Kameraden umschauend, die ihm mit ihren Augen den Rücken decken, bis zum nächsten

Kreuzweg, dann hastig mit der Hand eine Richtung bezeichnend, springt er fort, so schnell es

sich in Holzschuhen galoppieren läßt, und du steckst deinen Dreier wieder ein, oder wirfst ihn

in den Sand, wo die kleinen Heidläufer, die dich aus der Ferne beobachten, ihn schon nicht

werden umkommen lassen. – In diesem Zuge hast du den Charakter des Landvolks in nuce, –

Gutmütigkeit, Furchtsamkeit, tiefes Rechtsgefühl, und eine stille Ordnung und Wirtlichkeit,

die, trotz seiner geringen Anlage zu Spekulationen und glücklichen Gedanken, ihm doch einen

Wohlstand zuwege gebracht hat, der selbst den seines gewerbtreibenden Nachbars, des

Sauerländers, weit übertrifft. – Der Münsterländer heiratet selten, ohne ein sicheres

Auskommen in der Hand zu haben, und verläßt sich, wenn ihm dieses nicht beschieden ist, lieber

auf die Milde seiner Verwandten, oder seines Brodherrn, der einen alten Diener nicht verstoßen

wird; und wirklich gibt es keine, einigermaßen bemittelte Wirtschaft, ohne ein paar solcher

Segenbringer, die ihre müden Knochen auf dem besten Platze, am Herde, auswärmen. – Die

illegitime Bevölkerung ist gar nicht in Anschlag zu bringen, obwohl jetzt eher, als wie vor

dreißig Jahren, wo wir in einer Pfarre von fünftausend Seelen ein einziges uneheliches Kind

antrafen, einen Burschen von 25 Jahren, den, zur Zeit der Demarkationslinie, ein fremder

Feldwebel einem armen Dienstmädchen als trauriges Andenken hinterlassen hatte. – Bettler gibt

es unter dem Landvolke nicht, weder dem Namen, noch der Tat nach, sondern nur in jeder

Gemeinde einige »arme Männer, arme Frauen«, denen in bemittelten Häusern nach der Reihe die

Kost gereicht wird, wo dann die nachlässigste Mutter ihr Kind strafen würde, wenn es an dem

»armen Manne« vorüberging, ohne ihn zu grüßen. – So ist Raum, Nahrung und Frieden für alle da,

und die Regierung möchte gern zu einer stärkern Bevölkerung anregen, die aber gewiß traurige

Folgen haben würde, bei einem Volke, was wohl ein Eigentum verständig zu bewirtschaften weiß,

dem es aber zum Erwerbe mit leerer Hand gänzlich an Geschick und Energie fehlt, und das

Sprichwort: »Not lehrt beten« (resp. arbeiten), würde sich schwerlich hinlänglich hier

bewähren, wo schon die laue, feuchte Luft den Menschen träumerisch macht, und seine

Schüchternheit zum Teil körperlich ist, so daß man ihn nur anzusehen braucht, um das langsame

Rollen seines Blutes gleichsam mitzufühlen.

Der Münsterländer ist groß, fleischig, selten von starker Muskelkraft; – seine Züge sind

weich, oft äußerst lieblich, und immer durch einen Ausdruck von Güte gewinnend, aber nicht

leicht interessant, da sie immer etwas Weibliches haben, und selbst ein alter Mann oft

frauenhafter aussieht, als eine Paderbörnerin in den mittleren Jahren, – die helle Haarfarbe

ist durchaus vorherrschend; man trifft alte Flachsköpfe, die vor Blondheit nicht haben

ergrauen können. – Dieses und alles Dazugehörige – die Hautfarbe – blendendweiß und rosig, und

den Sonnenstrahlen bis ins überreife Alter widerstehend. Die lichtblauen Augen, ohne kräftigen

Ausdruck – das feine Gesicht mit fast lächerlich kleinem Munde, hierzu ein oft sehr anmutiges

und immer wohlwollendes Lächeln, und schnelles Erröten stellen die Schönheit beider

Geschlechter auf sehr ungleiche Waage, – es gibt nämlich fast keinen Mann, den man als solchen

wirklich schön nennen könnte, während unter zwanzig Mädchen wenigstens fünfzehn als hübsch

auffallen, und zwar in dem etwas faden, aber doch lieblichen Geschmacke der englischen

Kupferstiche. – Die weibliche Landestracht ist mehr wohlhäbig, als wohlstehend, recht viele

Tuchröcke mit dicken Falten, recht schwere Goldhauben und Silberkreuze an schwarzem

Sammetbande, und bei den Ehefrauen Stirnbinden von möglichst breiter Spitze, bezeichnen hier

den Grad des Wohlstandes; da selten jemand in den Laden geht, ohne die nötigen blanken Taler

in der Hand, und noch seltner durch Putzsucht das richtige Verhältnis zwischen der Kleidung

und dem ungeschnittenen Leinen und andern häuslichen Schätzen gestört wird. – Der Hausstand in

den, zumeist vereinzelt liegenden Bauernhöfen ist groß, und in jedem Betracht reichlich, aber

durchaus bäurisch. – Das lange Gebäude von Ziegelsteinen, mit tief niederragendem Dache, und

von der Tenne durchschnitten, an der zu beiden Seiten eine lange Reihe Hornvieh,

ostfriesischer Rasse, mit ihren Ketten klirrt, – die große Küche, hell und sauber, mit

gewaltigem Kamine, unter dem sich das ganze Hauspersonale bergen kann; – das viele, zur Schau

gestellte blanke Geschirr, und die absichtlich an den Wänden der Fremdenstube aufgetürmten

Flachsvorräte erinnern ebenfalls an Holland, dem sich überhaupt diese Provinz, was Wohlstand

und Lebensweise betrifft, bedeutend nähert, obwohl Abgeschlossenheit und gänzlich auf den

innern Verkehr beschränktes Wirken ihre Bevölkerung von all den sittlichen Einflüssen, denen

handelnde Nationen nicht entgehen können, so frei gehalten haben, wie kaum einen andern

Landstrich. Ob starke Reibungen mit der Außenwelt dem Münsterländer den Mut und die

Betriebsamkeit des Batavers, – ein patriarchalisches Leben diesem die Sitteneinfalt und Milde

des Münsterländers geben könnten, müssen wir dahingestellt sein lassen, bezweifeln es aber, –

jetzt mindestens sind sie sich in den Zügen, die man als die nationellsten beider anzuführen

pflegt, fast feindlich entgegengesetzt, und verachten sich auch gegenseitig, wie es Nachbarn

zukömmt. Wir haben schon früher von dem überaus friedlichen Eindrucke eines münsterischen

Gehöftes gesprochen. – In den Sommermonaten, wo das Vieh im Felde ist, vernimmst du keinen

Laut außer dem Bellen des sich an seiner Kette abzappelnden Hofhundes, und wenn du dicht an

der offenen Haustüre herschreitest, das leise Zirpen der in den Mauernesseln aus- und

einschlüpfenden Küchlein, und den gemessenen Pendelschwung der Uhr, mit dessen Gewichten ein

paar junge Kätzchen spielen; – die im Garten jätenden Frauen sitzen so still gekauert, daß du

sie nicht ahndest, wenn ein zufälliger Blick über den Hagen sie dir nicht verrät, und die

schönen, schwermütigen Volksballaden, an denen diese Gegend überreich ist, hörst du etwa nur

auf einer nächtlichen Wanderung durch das Schnurren der Spinnräder, wenn die blöden Mädchen

sich vor jedem Ohre gesichert glauben. – Auch auf dem Felde kannst du im Gefühl der tiefsten

Einsamkeit gelassen fortträumen, bis ein zufälliges Räuspern, oder das Schnauben eines Pferdes

dir verrät, daß der Schatten, in den du soeben trittst, von einem halbbeladenen Erntewagen

geworfen wird, und du mitten durch zwanzig Arbeiter geschritten bist, die sich weiter nicht

wundern, daß der »nachdenkende Herr« ihr Hutabnehmen nicht beobachtet hat, da er, nach ihrer

Meinung, »andächtig ist«, d.h. den Rosenkranz aus dem Gedächtnisse hersagt. – Diese Ruhe und

Einförmigkeit, die aus dem Innern hervorgehen, verbreiten sich auch über alle

Lebensverhältnisse. – Die Toten werden mäßig betrauert, aber nie vergessen, und alten Leuten

treten noch Tränen in die Augen, wenn sie von ihren verstorbenen Eltern reden. – An den

Eheschlüssen hat frühere Neigung nur selten teil, Verwandte und achtbare Freunde empfehlen

ihre Lieblinge einander, und das Fürwort des Geachtetsten gibt in der Regel den Ausschlag, –

so kömmt es, daß manches Ehepaar sich vor der Kopulation kaum einmal gesehen hat, und unter

der französischen Regierung kam nicht selten der lächerliche Fall vor, daß Sponsen, die

meilenweit hergetrabt waren, um für ihre Bräute die nötigen Scheine bei der Behörde zu lösen,

weder Vor- noch Zunamen derjenigen anzugeben wußten, die sie in der nächsten Woche zu heiraten

gedachten, und sich höchlich wunderten, daß die Bezeichnung als Magd oder Nichte irgendeines

angesehenen Gemeindegliedes nicht hinreichend gefunden wurde. – Daß unter diesen Umständen die

möglichst große Anzahl der Anträge noch ehrenvoller und für den Ruf entscheidender ist, als

anderwärts, begreift sich, und wir selbst wohnten der Trauung eines wahren Kleinodes von

Brautpaaren bei, wo der Bräutigam unter achtundzwanzigen, die Braut unter zweiunddreißigen

gewählt hatte. Trotz der vorläufigen Verhandlungen ist jedoch selbst der Glänzendste hier

seines Erfolgs nicht sicher, da die Ehrbarkeit ein bestimmtes Eingehen auf die Anträge des

Brautwerbers verbietet, und jetzt beginnt die Aufgabe des Freiers. – Er tritt an einem

Nachmittage in das Haus der Gesuchten, und zwar jedesmal unter dem Vorwande, seine Pfeife

anzuzünden, – die Hausfrau setzt ihm einen Stuhl, und scharrt schweigend die Glut auf, dann

knüpft sie ein gleichgültiges Gespräch an vom Wetter, den Kornfrüchten etc., und nimmt

unterdessen eine Pfanne vom Gesimse, die sie sorgfältig scheuert und über die Kohlen hängt. –

Jetzt ist der entscheidende Augenblick gekommen. – Sieht der Freier die Vorbereitungen zu

einem Pfannenkuchen, so zieht er seine dicke silberne Uhr hervor, und behauptet, sich nicht

länger aufhalten zu können, werden aber Speckschnitzel und Eier in die Pfanne gelegt, so rückt

er kühnlich mit seinem Antrage heraus, die jungen Leute wechseln »die Treue«, nämlich ein Paar

alter Schaumünzen, und der Handel ist geschlossen.

Einige Tage vor der Hochzeit macht der Gastbitter mit ellenlangem Spruche seine Runde, oft

meilenweit, da hier, wie bei den Schotten, das verwandte Blut bis in das entfernteste Glied,

und bis zum Ärmsten hinab, geachtet wird. – Nächst diesem dürfen vor allem die sogenannten

Nachbarn nicht übergangen werden, drei oder vier Familien nämlich, die vielleicht eine halbe

Meile entfernt wohnen, aber in uralten Gemeinderegistern, aus den Zeiten einer noch viel

sparsameren Bevölkerung, als »Nachbarn« verzeichnet stehen, und gleich Prinzen vom Geblüte vor

den näheren Seitenverbindungen, so auch ihre Rechte und Verpflichtungen vor den, vielleicht

erst seit ein paar hundert Jahren Näherwohnenden wahren. – Am Tage vor der Hochzeit findet der

»Gabenabend« statt, – eine freundliche Sitte, um den jungen Anfängern über die schwerste Zeit

wegzuhelfen. – Abends, wenn es bereits stark dämmert, tritt eine Magd nach der andern ins

Haus, setzt mit den Worten: »Gruß von unserer Frau«, einen mit weißem Tuche verdeckten Korb

auf den Tisch, und entfernt sich sofort; dieser enthält die Gabe: Eier, Butter, Geflügel,

Schinken – je nach den Kräften eines jeden – und die Geschenke fallen oft, wenn das Brautpaar

unbemittelt ist, so reichlich aus, daß dieses um den nächsten Wintervorrat nicht sorgen darf.

– Eine liebenswürdige, das Volk bezeichnende Höflichkeit des Herzens verbietet die

Überbringung der Gabe durch ein Familienmitglied; wer keine Magd hat, schickt ein fremdes

Kind. – Am Hochzeitmorgen, etwa um acht, besteigt die Braut den mit einer weißen,

goldflunkernden Fahne geschmückten Wagen, der ihre Ausstattung enthält; – sie sitzt allein

zwischen ihren Schätzen, im besten Staate aber ohne besonderes Abzeichen, und weint aufs

jämmerlichste; auch die auf dem folgenden Wagen gruppierten Brautjungfern und Nachbarinnen

beobachten eine ernste, verschämte Haltung, während die, auf dicken Ackergäulen nebenher

trollenden Bursche durch Hutschwenken und hier und dort ein schwerfälliges Juchhei ihre

Lustigkeit auszudrücken suchen, und zuweilen eine alte, blindgeladene Flinte knallen lassen. –

Erst vor der Pfarrkirche findet sich der Bräutigam mit seinem Gefolge ein, besteigt aber nach

der Trauung nicht den Wagen der Braut, sondern trabt als einziger Fußgänger nebenher, bis zur

Türe seines Hauses, wo die junge Frau von der Schwiegermutter empfangen, und mit einem »Gott

segne deinen Aus- und Eingang« feierlich über die Schwelle geleitet wird. – Lebt die Mutter

nicht mehr, so vertritt der Pfarrer ihre Stelle, oder, wenn er zufällig gegenwärtig ist, der

Gutsherr, was für eine sehr glückliche Vorbedeutung gehalten wird, die den Neuvermählten und

ihren Nachkommen den ungestörten Genuß des Hofes sichert, nach dem Spruche: »Wen die

Herrschaft einleitet, den leitet sie nicht wieder heraus.« – Während dieser Zeremonie schlüpft

der Bräutigam in seine Kammer, und erscheint alsbald im Kamisol, Zipfelmütze und

Küchenschürze. In diesem Aufzuge muß er an seinem Ehrentage den Gästen aufwarten, nimmt auch

keinen Teil am Hochzeitmahle, sondern steht, mit dem Teller unterm Arme, hinter der Braut, die

ihrerseits keinen Finger rührt, und sich wie eine Prinzessin bedienen läßt. – Nach Tische

beginnen auf der Tenne die althergebrachten Tänze: »Der halbe Mond«, »Der Schustertanz«,

»Hinten im Garten« – manche mit den anmutigsten Verschlingungen. – Das Orchester besteht aus

einer oder zwei Geigen und einer invaliden Baßgeige, die der Schweinehirt, oder Pferdeknecht

aus dem Stegreif streicht. – Ist das Publikum sehr musikliebend, so kommen noch wohl ein Paar

Topfdeckel hinzu, und eine Kornschwinge, die abwechselnd von den Gästen mit einem Spane aus

Leibeskräften wider den Strich gekratzt wird. – Nimmt man hiezu das Gebrüll und Kettengeklirr

des Viehes, das erschrocken an seinen Ständen stampft, so wird man zugeben, daß die

unerschütterliche Gravität der Tänzer mindestens nicht dem Mangel an aufregendem Geräusche

zuzuschreiben ist. – Hier und dort läßt wohl ein Bursche ein Juchhei los, was aber so einsam

klingt, wie ein Eulenschrei in einer Sturmnacht. – Bier wird mäßig getrunken, Branntwein noch

mäßiger, aber siedender Kaffee »zur Abkühlung« in ganzen Strömen, und mindestens sieben blanke

Zinnkessel sind in steter Bewegung. – Zwischen den Tänzen verschwindet die Braut von Zeit zu

Zeit, und kehrt allemal in einem andern Anzuge zurück, so viel ihr derer zu Gebote stehen, vom

Traustaate an, bis zum gewöhnlichen Sonntagsputze, in dem sie sich noch stattlich genug

ausnimmt, in der damastenen Kappe mit breiter Goldtresse, dem schweren Seidenhalstuche, und

einem so imposanten Körperumfange, als ihn mindestens vier Tuchröcke übereinander

hervorbringen können. – Sobald die Hängeuhr in der Küche Mitternacht geschlagen hat, sieht man

die Frauen sich von ihren Bänken erheben und miteinander flüstern; gleichzeitig drängt sich

das junge Volk zusammen, nimmt die Braut in seine Mitte, und beginnt einen äußerst künstlichen

Schneckentanz, dessen Zweck ist, in raschem Durcheinanderwimmeln immer eine vierfache Mauer um

die Braut zu erhalten, denn jetzt gilt’s den Kampf zwischen Ehe und Jungfrauschaft. – Sowie

die Frauen anrücken, wird der Tanz lebhafter, die Verschlingungen bunter, die Frauen suchen

von allen Seiten in den Kreis zu dringen, die Junggesellen durch vorgeschobene Paare sie

wegzudrängen; die Parteien erhitzen sich, immer rascher wirbelt die Musik, immer enger zieht

sich die Spirallinie, Arme und Kniee werden zu Hülfe genommen, die Bursche glühen wie Öfen,

die ehrwürdigen Matronen triefen von Schweiß, und man hat Beispiele, daß die Sonne über dem

unentschiedenen Kampfe aufgegangen ist; endlich hat eine Veteranin, die schon einige und

zwanzig Bräute in den Ehestand gezerrt hat, ihre Beute gepackt; plötzlich verstummt die Musik,

der Kreis stäubt auseinander, und alles strömt den Siegerinnen und der weinenden Braut nach,

die jetzt zum letzten Male umgekleidet und mit Anlegung der fraulichen Stirnbinde symbolisch

von ihrem Mädchentum geschieden wird, – ein Ehrendienst, was den (sogenannten) Nachbarinnen

zusteht, dem sich aber jede anwesende Ehefrau, die Gattin des Gutsherrn nicht ausgenommen,

durch irgendeine kleine Dienstleistung, Darreichung einer Nadel oder eines Bandes, anschließt.

– Dann erscheint die Braut noch einmal in reinlicher Hauskleidung und Hemdärmeln, gleichsam

eine bezwungene und fortan zum Dienen willige Brünhildis, greift aber dennoch nach ihres

Mannes bereitliegendem Hute, und setzt ihn auf; die Frauen tun desgleichen, und zwar jede den

Hut ihres eigenen Mannes, den er ihr selbst ehrerbietig reicht, und eine stattliche

Frauenmenuett beschließt die Feier und gibt zugleich die Vorbedeutung eines ehrenhaften,

fleißigen, friedlichen Ehestandes, in dem die Frau aber nie vergißt, daß sie am Hochzeittage

ihres Mannes Hut getragen. Noch bleibt den Gästen, bevor sie sich zerstreuen, eine seltsame

Aufgabe, – der Bräutigam ist nämlich während der Menuette unsichtbar geworden, – er hat sich

versteckt, offenbar aus Furcht vor der behuteten Braut, und das ganze Haus wird umgekehrt, ihn

zu suchen; man schaut in und unter die Betten, raschelt im Stroh und Heu umher, durchstöbert

sogar den Garten, bis endlich jemand in einem Winkel voll alten Gerümpels den Quast seiner

Zipfelmütze oder ein Endchen der Küchenschürze entdeckt, wo er dann sofort gefaßt, und mit

gleicher Gewalt und viel weniger Anstand als seine schöne Hälfte der Brautkammer zugeschleppt

wird. – Bei Begräbnissen fällt wenig Ungewöhnliches vor, außer daß der Tod eines Hausvaters

seinen Bienen angesagt werden muß, wenn nicht binnen Jahresfrist alle Stöcke abzehren und

versiechen sollen, weshalb, sobald der Verscheidende den letzten Odemzug getan, sofort der

Gefaßteste unter den Anwesenden an den Stand geht, an jeden Korb pocht und vernehmlich

spricht: »Einen Gruß von der Frau, der Herr ist tot«, worauf die Bienen sich christlich in ihr

Leid finden, und ihren Geschäften nach wie vor obliegen. Die Leichenwacht, die in Stille und

Gebet abgehalten wird, ist eine Pflicht jener entfernten Nachbarn, so wie das Leichenmahl ihr

Recht, und sie sorgen mit dafür, daß der Tote ein feines Hemd erhält, recht viele schwarze

Schleifen, und einen recht flimmernden Kranz und Strauß von Spiegeln, Rauschgold und

künstlichen Blumen, da er unfehlbar am jüngsten Tage in demselben Aufzuge erscheinen wird, wo

sie dann Lob und Tadel mit den Hinterlassenen zu teilen haben. – Der Münsterländer ist

überhaupt sehr abergläubisch, sein Aberglaube aber so harmlos, wie er selber. Von

Zauberkünsten weiß er nichts, von Hexen und bösen Geistern wenig, obwohl er sich sehr vor dem

Teufel fürchtet, jedoch meint, daß dieser wenig Veranlassung finde, im Münsterlande umzugehen.

– Die häufigen Gespenster in Moor, Heide und Wald sind arme Seelen aus dem Fegfeuer, deren

täglich in vielen tausend Rosenkränzen gedacht wird, und ohne Zweifel mit Nutzen, da man zu

bemerken glaubt, daß die »Sonntagsspinnerin« ihre blutigen Arme immer seltener aus dem

Gebüsche streckt, der »diebische Torfgräber« nicht halb so kläglich mehr im Moore ächzt und

vollends der »kopflose Geiger« seinen Sitz auf dem Waldstege gänzlich verlassen zu haben

scheint. – Von den ebenfalls häufigen Hausgeistern in Schlössern und großen Bauernhöfen denkt

man etwas unklar, aber auch nicht schlimm, und glaubt, daß mit ihrem völligen Verschwinden die

Familie des Besitzers aussterben oder verarmen werde. – Diese besitzen weder die häuslichen

Geschicklichkeiten, noch die Tücke anderer Kobolde, sondern sind einsamer, träumerischer

Natur, schreiten, wenn es dämmert, wie in tiefen Gedanken, langsam und schweigend, an

irgendeiner verspäteten Milchmagd oder einem Kinde vorüber, und sind ohne Zweifel echte

Münsterländer, da man kein Beispiel hat, daß sie jemanden beschädigt oder absichtlich

erschreckt hätten. Man unterscheidet sie in »Timphüte« und »Langhüte«. Die ersteren kleine,

runzliche Männchen, in altmodischer Tracht, mit eisgrauem Barte und dreieckigen Hütchen; die

andern übernatürlich lang und hager, mit langem Schlapphut, aber beide gleich wohlwollend, nur

daß der Timphut bestimmten Segen bringt, der Langhut dagegen nur Unglück zu verhüten sucht.

Zuweilen halten sie nur in den Umgebungen, den Alleen des Schlosses, dem Wald- und

Wiesengrunde des Hofes, ihre philosophischen Spaziergänge; gewöhnlich haben sie jedoch

außerdem einen Speicher oder eine wüste Bodenkammer inne, wo man sie zuweilen nachts auf und

abgehen, oder einen knarrenden Haspel langsam umdrehen hört. – Bei Feuerbrünsten hat man den

Hausgeist schon ernsthaft aus den Flammen schreiten und einen Feldweg einschlagen sehen, um

nie wiederzukehren, und es waren dann hundert gegen eins zu wetten, daß die Familie bei dem

Neubau in einige Verlegenheit und Schulden geraten werde.

Größere Aufmerksamkeit als dieses verdient das sogenannte »Vorgesicht«, ein bis zum Schauen

oder mindestens deutlichem Hören gesteigertes Ahndungsvermögen, ganz dem Secondsight der

Hochschotten ähnlich, und hier so gewöhnlich, daß, obwohl die Gabe als eine höchst

unglückliche eher geheimgehalten wird, man doch überall auf notorisch damit Behaftete trifft,

und im Grunde fast kein Eingeborner sich gänzlich davon freisprechen dürfte. – Der Vorschauer

(Vorgucker) im höheren Grade ist auch äußerlich kenntlich an seinem hellblonden Haare, dem

geisterhaften Blitze der wasserblauen Augen, und einer blassen oder überzarten Gesichtsfarbe;

übrigens ist er meistens gesund, und im gewöhnlichen Leben häufig beschränkt und ohne eine

Spur von Überspannung. – Seine Gabe überkömmt ihn zu jeder Tageszeit, am häufigsten jedoch in

Mondnächten, wo er plötzlich erwacht, und von fieberischer Unruhe ins Freie oder ans Fenster

getrieben wird; dieser Drang ist so stark, daß ihm kaum jemand widersteht, obwohl jeder weiß,

daß das Übel durch Nachgeben bis zum Unerträglichen, zum völligen Entbehren der Nachtruhe

gesteigert wird, wogegen fortgesetzter Widerstand es allmählich abnehmen, und endlich gänzlich

verschwinden läßt. – Der Vorschauer sieht Leichenzüge – lange Heereskolonnen und Kämpfe, – er

sieht deutlich den Pulverrauch und die Bewegungen der Fechtenden, beschreibt genau ihre

fremden Uniformen und Waffen, hört sogar Worte in fremder Sprache, die er verstümmelt

wiedergibt, und die vielleicht erst lange nach seinem Tode auf demselben Flecke wirklich

gesprochen werden. – Auch unbedeutende Begebenheiten muß der Vorschauer unter gleicher

Beängstigung sehen: z.B. einen Erntewagen, der nach vielleicht zwanzig Jahren auf diesem Hofe

umfallen wird; er beschreibt genau die Gestalt und Kleidung der jetzt noch ungebornen

Dienstboten, die ihn aufzurichten suchen; die Abzeichen des Fohlens oder Kalbes, das

erschreckt zur Seite springt, und in eine, jetzt noch nicht vorhandene Lehmgrube fällt etc. –

Napoleon grollte noch in der Kriegsschule zu Brienne mit seinem beengten Geschicke, als das

Volk schon von »silbernen Reitern« sprach, mit »silbernen Kugeln auf den Köpfen, von denen ein

langer, schwarzer Pferdeschweif« flattere, sowie von wunderlich aufgeputztem Gesindel, was auf

»Pferden wie Katzen« (ein üblicher Ausdruck für kleine, knollige Rosse) über Hecken und Zäune

fliegen, in der Hand eine lange Stange, mit eisernem Stachel daran. – Ein längst verstorbener

Gutsbesitzer hat viele dieser Gesichte verzeichnet, und es ist höchst anziehend, sie mit

manchem späteren entsprechenden Begebnisse zu vergleichen. – Der minder Begabte und nicht bis

zum Schauen Gesteigerte »hört« – er hört den dumpfen Hammerschlag auf dem Sargdeckel und das

Rollen des Leichenwagens, hört den Waffenlärm, das Wirbeln der Trommeln, das Trappeln der

Rosse, und den gleichförmigen Tritt der marschierenden Kolonnen. – Er hört das Geschrei der

Verunglückten, und an Tür oder Fensterladen das Anpochen desjenigen, der ihn oder seinen

Nachfolger zur Hülfe auffordern wird. – Der Nichtbegabte steht neben dem Vorschauer und ahndet

nichts, während die Pferde im Stalle ängstlich schnauben und schlagen, und der Hund,

jämmerlich heulend, mit eingeklemmtem Schweife seinem Herrn zwischen die Beine kriecht. – Die

Gabe soll sich jedoch übertragen, wenn ein Nebenstehender dem Vorgucker über die linke

Schulter sieht, wo er zwar für dieses Mal nichts bemerkt, fortan aber für den andern die

nächtliche Schau halten muß. – Wir sagen dieses fast ungern, da dieser Zusatz einem

unleugbaren und höchst merkwürdigen Phänomen den Stempel des Lächerlichen aufdrückt. – Wir

haben den Münsterländer früher furchtsam genannt, dennoch erträgt er den eben berührten

Verkehr mit der übersinnlichen Welt mit vieler Ruhe, wie überall seine Furchtsamkeit sich

nicht auf passive Zustände erstreckt. – Gänzlich abgeneigt, sich ungesetzlichen Handlungen

anzuschließen, kömmt ihm doch an Mut, ja Hartnäckigkeit, des Duldens für das, was ihm recht

scheint, keiner gleich, und ein geistreicher Mann verglich dieses Volk einmal mit den Hindus,

die, als man ihnen ihre religiösen und bürgerlichen Rechte schmälern wollte, sich zu vielen

Tausenden versammelten, und auf den Grund gehockt, mit verhüllten Häuptern, standhaft den

Hungertod erwarteten. – Dieser Vergleich hat sich mitunter als sehr treffend erwiesen.

Unter der französischen Regierung, wo Eltern und, nachdem diese ausgeplündert waren, auch

Geschwister mit ihren Habseligkeiten für diejenigen einstehen mußten, die sich der

Militärpflicht entzogen hatten, haben sich zuweilen alle Zweige eines Stammes, ohne Rücksicht

auf ihre unmündigen Kinder, zuerst bis zum letzten Heller exequieren, und dann bis aufs Hemde

auspfänden lassen, ohne daß es einem eingefallen wäre, dem Versteckten nur mit einem Worte den

Wunsch zu äußern, daß er aus seinem Bretterverschlage oder Heuschober hervorkriechen möge, und

so verhaßt, ja entsetzlich jedem damals der Kriegsdienst war, dem manche sogar durch

freiwillige Verstümmelung, z.B. Abhacken eines Fingers, zu entgehen suchten, so häufig trat

doch der Fall ein, daß ein Bruder sich für den andern stellte, wenn er dachte, dieser werde

den Strapazen erliegen, er aber möge noch mit dem Leben davonkommen. – Kurz, der Münsterländer

besitzt den Mut der Liebe, und einer, unter dem Schein des Phlegmas versteckten,

schwärmerischen Religiösität, so wie er überhaupt durch Eigenschaften des Herzens ersetzt, was

ihm an Geistesschärfe abgeht, und der Fremde verläßt mit Teilnahme ein Volk, was ihn zwar

vielleicht mitunter langweilte, dessen häusliche Tugenden ihm aber immer Achtung einflößt, und

zuweilen ihn tief gerührt haben. – Müssen wir noch hinzufügen, daß alles bisher Gesagte nur

das Landvolk angeht? – ich glaube »nein«, Städter sind sich ja überall gleich, Kleinstädter

wie Großstädter. – Oder daß alle diese Zustände am Verlöschen sind, und nach vierzig Jahren

vielleicht wenig mehr davon anzutreffen sein möchte? – Auch leider »nein«, es geht ja überall

so!

Annette von Droste-Hülshoff – Gedichte

Gedichte (Die Ausgabe von 1844) von Annette von Droste-Hülshoff als EPUB downloaden

Annette von Droste-Hülshoff

Gedichte

(Die Ausgabe von 1844)

Zeitbilder

Ungastlich oder nicht?

(In Westfalen)

Ungastlich hat man dich genannt,

Will deinen grünsten Kranz dir rauben,

Volk mit der immer offnen Hand,

Mit deinem argwohnlosen Glauben;

O rege dich, daß nicht die Schmach

Auf deinem frommen Haupte laste,

Und redlich, wie das Herz es sprach,

So sprich es nach zu deinem Gaste:

»Fremdling an meiner Marken Stein,

Mann mit der Stirne trüben Falten,

O, greif in deines Busens Schrein,

Und laß die eigne Stimme walten.

Nicht soll bestochner Zeugen Schar

Uns am bestochnen Worte rächen,

Nein, Zeug’ und Richter sollst du klar

Dir selbst das freie Urteil sprechen.

Fühlst du das Herz in dir, nicht heiß

Doch ehrlich, uns entgegen schlagen,

Dein Wort kein falsch und trügend Gleis,

Befleckend was die Lippen tragen,

Fühlst du ein Gast dich wie er lieb

Dir an dem eignen Hausaltare,

Dann frisch heran – nicht wie ein Dieb,

Nein, frisch, mit fröhlicher Fanfare!

Wer unsres Landes Sitte ehrt,

Und auch dem seinen hält die Treue –

Hier ist der Sitz an unserm Herd!

Hier unsres Bruderkusses Weihe!

Wer fremden Volkes Herzen stellt

Gleich seinem in gerechter Waage –

Hier unsre Hand, daß er das Zelt

Sich auf bei unsern Zelten schlage!

Doch sagt ein glüh Erröten dir,

Du gönntest lieber einer andern

Als deiner Schwelle gleiche Zier –

Brich auf, und mögest eilends wandern!

Wir sind ein friedlich still Geschlecht

Mit lichtem Blick und blonden Haaren,

Doch unsres Herdes heilig Recht

Das wissen kräftig wir zu wahren.

Die Luft die unsern Odem regt,

Der Grund wo unsre Gräber blühen,

Die Scholle die uns Nahrung trägt,

Der Tempel wo wir gläubig knieen,

Die soll kein frevler Spott entweihn,

Dem Feigen Schmach und Schamerröten,

Der an des Heiligtumes Schrein

Läßt eine falsche Sohle treten!

Doch einem Gruß aus treuem Mut,

Dem nicken ehrlich wir entgegen,

Hat jeder doch sein eignes Blut,

Und seiner eignen Heimat Segen.

Wenn deine Ader kälter rinnt,

So müssen billig wir ermessen:

Wer könnte wohl das fremde Kind

Gleich eignem an den Busen pressen?

Drum, jede Treue sei geehrt,

Der Eichenkranz von jedem Stamme;

Heilig die Glut auf jedem Herd,

Ob hier sie oder drüben flamme;

Dreimal gesegnet jedes Band

Von der Natur zum Lehn getragen,

Und einzig nur verflucht die Hand,

Die nach der Mutter Haupt geschlagen!«

Die Stadt und der Dom

Eine Karikatur des Heiligsten

»Der Dom! der Dom! der deutsche Dom!

Wer hilft den Kölner Dom uns baun!«

So fern und nah der Zeitenstrom

Erdonnert durch die deutschen Gaun.

Es ist ein Zug, es ist ein Schall

Ein ungemeßner Wogenschwall.

Wer zählt der Hände Legion

In denen Opferheller glänzt?

Die Liederklänge wer, die schon

Das Echo dieses Rufs ergänzt?

Und wieder schallt’s vom Elbestrand:

»Die Stadt! die Stadt! der deutsche Port!«

Und wieder zieht von Land zu Land

Ein gabespendend Klingeln fort;

Die Schiffe ragen Mast an Mast,

Goldregen schüttet der Palast,

Wem nie ein eignes Dach beschert,

Der wölbt es über fremde Not,

Wem nie geraucht der eigne Herd,

Der teilt sein schweißbenetztes Brod.

Wenn eines ganzen Volkes Kraft

Für seines Gottes Heiligtum

Die Lanze hebt so Schaft an Schaft,

Wer glühte nicht dem schönsten Ruhm?

Und wem, wem rollte nicht wie Brand

Das Blut an seiner Adern Wand,

Wenn eines ganzen Volkes Schweiß

Gleich edlem Regen niederträuft,

Bis in der Aschensteppe heiß

Viel Tausenden die Garbe reift?

Man meint, ein Volk von Heil’gen sei

Herabgestiegen über Nacht,

In ihrem Eichensarg aufs neu

Die alte deutsche Treu’ erwacht.

O werte Einheit, bist du eins –

Wer stände dann des Heil’genscheins,

Des Kranzes würdiger als du,

Gesegnete, auf deutschem Grund!

Du trügst den goldnen Schlüssel zu

Des Himmels Hort in deinem Bund.

Wohlan ihr Kämpen denn, wohlan

Du werte Kreuzesmassonei,

So gebt mir eure Zeichen dann

Und euer edles Feldgeschrei!

Da, horch! da stieß vom nächsten Schiff

Die Bootmannspfeife grellen Pfiff,

Da stiegen Flaggen ungezählt,

Kantate summte und Gedicht,

Der Demut Braun nur hat gefehlt,

Jehovas Namen hört’ ich nicht.

Wo deine Legion, o Herr,

Die knieend am Altare baut?

Wo, wo dein Samariter, der

In Wunden seine Träne taut?

Ach, was ich fragte und gelauscht,

Der deutsche Strom hat mir gerauscht,

Die deutsche Stadt, der deutsche Dom,

Ein Monument, ein Handelsstift,

Und drüber sah wie ein Phantom

Verlöschen ich Jehovas Schrift.

Und wer den Himmel angebellt,

Vor keiner Hölle je gebebt,

Der hat sich an den Kran gestellt

Der seines Babels Zinne hebt.

Wer nie ein menschlich Band geehrt,

Mit keinem Leid sich je beschwert,

Der flutet aus des Busens Schrein

Unsäglicher Gefühle Strom,

Am Elbestrand, am grünen Rhein,

Da holt sein Herz sich das Diplom.

Weh euch, die ihr den zorn’gen Gott

Gehöhnt an seiner Schwelle Rand,

Meineid’gen gleich in frevlem Spott

Hobt am Altare eure Hand!

Er ist der Herr, und was er will

Das schaffen Leu und Krokodill! –

So baut denn, baut den Tempel fort,

Mit ird’schem Sinn den heil’gen Hag,

Daß euer beßrer Enkel dort

Für eure Seele beten mag!

Kennt ihr den Dom der unsichtbar

Mit tausend Säulen aufwärts strebt?

Er steigt wo eine gläub’ge Schar

In Demut ihre Arme hebt.

Kennt ihr die unsichtbare Stadt

Die tausend offne Häfen hat

Wo euer wertes Silber klingt?

Es ist der Samariter Bund,

Wenn Rechte sich in Rechte schlingt,

Und nichts davon der Linken kund.

O, er der alles weiß, er kennt

Auch eurer Seele ödes Haus;

Baut Magazin und Monument,

Doch seinen Namen laßt daraus!

Er ist kein Sand der glitzernd stäubt,

Kein Dampfrad das die Schiffe treibt,

Ist keine falsche Flagge die

Sich stahl der See verlorner Sohn,

Parol’ nicht die zur Felonie

Ins Lager schmuggelt den Spion!

Baut, baut, – um euer Denkmal ziehn

Doch Seufzer fromm und ungeschmückt,

Baut, – neben eurem Magazin

Wird doch der Darbende erquickt.

Ob eures Babels Zinnenhag

Zum Weltenvolk euch stempeln mag?

Schaut auf Palmyrens Steppenbrand,

Wo scheu die Antilope schwebt,

Die Stadt schaut an wo, ein Gigant,

Das Kolosseum sich erhebt.

Den Wurm der im geheimen schafft,

Den kalten nackten Grabeswurm,

Ihn tötet nicht des Armes Kraft,

Noch euer toller Liedersturm.

Ein frommes, keusches Volk ist stark,

Doch Sünde zehrt des Landes Mark;

Sie hat in deiner Glorie Bahn,

O Roma, langsam dich entleibt,

Noch steht die Säule des Trajan,

Und seine Kronen sind zerstäubt!

Die Verbannten

Ich lag an Bergeshang,

Der Tag war schon gesunken,

In meine Wimper drang

Des Westen letzter Funken.

Ich schlief und träumte auch vielleicht,

Doch hört’ ich noch der Amsel Pfeifen,

Wie Echos letzte Hauche, feucht

Und halb verlöscht, am Schilfe streifen.

Mein äußres Auge sank,

Mein innres ward erschlossen:

Wie wild die Klippenbank!

Wie grau die Moose sprossen!

Der Öde Odem zog so schwer

Als ob er siecher Brust entgleite,

Wohin ich blickte, Rohres Speer,

Und Dorngestrüpp und Waldesweite.

Im Grase knistert’ es,

Als ob die Grille hüpfte,

Im Strauche flüstert’ es,

Als ob das Mäuslein schlüpfte;

Ein morscher halbverdorrter Stamm

Senkte die bräunliche Gardine,

Zu Füßen mir der feuchte Schwamm,

Und überm Haupt die wilde Biene.

Da raschelt’ es im Laub,

Und rieselte vom Hange,

Zertretnen Pilzes Staub

Flog über meine Wange.

Und neben mir ein Knabe stand,

Ein blondes Kind mit Taubenblicken,

Das eines blinden Greises Hand

Schien brünstig an den Mund zu drücken.

Von linder Tränen Lauf

Sein Auge glänzte trübe,

»Steh auf«, sprach es, »steh auf!

Ich bin die Kindesliebe,

Verbannt, zum wüsten Wald verbannt,

Ins öde Dickicht ausgesetzet,

Wo an des sumpf’gen Weihers Rand

Der Storch die kranken Eltern ätzet!«

Dann faltete es hoch

Die hagern Händchen beide,

Und sachte abwärts bog

Es des Geröhres Schneide.

Ich sah wie blut’ge Striemen leis

An seinen Ärmchen niederflossen,

Wie tappend ihm gefolgt der Greis,

Bis sich des Rohres Wand geschlossen.

Ich ballte meine Hand,

Versuchte mich zu schwingen,

Doch fester, fester wand

Der Taumel seine Schlingen.

Und wieder hörte ich den Schlag

Der Amsel und der Grille Hüpfen,

Und wieder durch den wilden Hag

Der Biene sterbend Sumsen schlüpfen.

Da schleift’ es, schwer wie Blei,

Da flüstert’ es aufs neue:

»O wache! steh mir bei!

Ich bin die Gattentreue.«

Das Auge hob ich, und ein Weib

Sah ich wie halbgebrochen bücken,

Das eines Mannes wunden Leib

Mühselig trug auf seinem Rücken.

Ein feuchter Schleier hing

Ihr Haar am Antlitz nieder,

Des Schweißes Perle fing

Sich in der Wimper wieder.

»Verbannt! verbannt zum wilden Wald,

Wo Nacht und Öde mich umschauern!

Verbannt wo in der Felsen Spalt

Die Tauben um den Tauber trauern!«

Sie sah mich lange an,

Im Auge Sterbeklagen,

Und langsam hat sie dann

Den Wunden fortgetragen.

Sie klomm den Klippensteig entlang,

Ihr Ächzen scholl vom Steine nieder,

Wo grade unterm Schieferhang

Sich regte bläuliches Gefieder.

Ich dehnte mich mit Macht

Und langte nach dem Wunden,

Doch als ich halb erwacht,

Da war auch er verschwunden,

Zerronnen wie ein Wellenschaum, –

Ich hörte nur der Wipfel Stöhnen,

Und unter mir, an Weihers Saum,

Der Unken zart Geläute tönen.

Die Glöckchen schliefen ein,

Es schwoll der Kronen Rauschen,

Ein Licht wie Mondenschein

Begann am Ast zu lauschen,

Und lauter raschelte der Wald,

Die Zweige schienen sich zu breiten,

Und eine dämmernde Gestalt

Sah ich durch seine Hallen gleiten.

Das Kreuz in ihrer Hand,

Um ihre Stirn die Binde,

Ihr langer Schleier wand

Und rollte sich im Winde.

Sie trat so sacht behutsam vor,

Als ob sie jedes Kräutlein schone,

O Gott, da sah ich unterm Flor,

Sah eine blut’ge Dornenkrone!

Die Fraue weinte nicht

Und hat auch nicht gesprochen,

Allein ihr Angesicht

Hat mir das Herz gebrochen,

Es war wie einer Königin

Pilgernd für ihres Volkes Sünden,

Wo find’ ich Worte, wo den Sinn,

Um diesen Dulderblick zu künden!

Als sie vorüber schwand

Mit ihren blut’gen Haaren,

Da riß des Schlummers Band,

Ich bin emporgefahren.

Der Amsel Stimme war verstummt,

Die Mondenscheibe stand am Hügel,

Und über mir im Aste summt’

Und raschelte des Windes Flügel.

Ob es ein Traumgesicht

Das meinen Geist umflossen?

Vielleicht ein Seherlicht

Das ihn geheim erschlossen?

O wer, dem eine Trän’ im Aug’,

Den fromme Liebe je getragen,

Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch,

Die heiligen Verbannten klagen!

Der Prediger

Langsam und schwer vom Turme stieg die Klage,

Ein dumpf Gewimmer zwischen jedem Schlage,

Wie Memnons Säule weint im Morgenflor.

Am Glockenstuhle zitterte der Balke,

Die Dohlen flatterten vom Nest, ein Falke

Stieg pfeifend an der Fahne Schaft empor.

Wem dröhnt die Glocke? – Einem der entkettet,

Des müden Leib ein Fackelzug gebettet

In letzter Nacht bei seinem einz’gen Kind.

Wer war der Mann? – Ein Christ im echten Gleise,

Kein Wucherer, kein Ehrendieb, und weise

Wie reiche Leute selten weise sind.

Darum so mancher Greis mit Stock und Brille,

So manches Regentuch und Handpostille,

Sich mühsam schiebend durch der Menge Drang.

Er war ein heitrer Wirt in seinem Schlosse, –

Darum am Tor so manche Staatskarosse,

So mancher Flor das Kirchenschiff entlang.

Die Glocken schwiegen, alle Kniee sanken,

Posaunenstoß! – Die Wölbung schien zu wanken.

O »Dies irae, dies illa!« Glut

Auf Sünderschwielen, Tau in Büßermalen!

Mir war als säh ich des Gerichtes Schalen,

Als hört’ ich tröpfeln meines Heilands Blut.

Das Amen war verhallt. Ein zitternd Schweigen

Lag auf der Menge, nur des Odems Steigen

Durchsäuselte den weiten Hallenbau.

Nur an der Tumba schwarzer Flämmchen Knistern

Schien leise mit dem Grabe noch zu flüstern,

Der Weihrauchwirbel streute Aschengrau.

»Geliebte!« scholl es von der Wölbung nieder,

Die Wolke sank, und mählich stiegen Glieder,

Am Kanzelbord ein junger Priester stand.

Kein Schattenbild dem alle Lust verronnen,

Ein frischer saft’ger Stamm am Lebensbronnen,

Ein Adler ruhend auf Jehovas Hand!

»Geliebte«, sprach er, »selig sind die Toten

So in dem Herrn entschliefen, treue Boten,

Von ihrer Sendung rastend.« Dann entstieg

Das Wort, gewaltig wie des Jordans Wallen,

Mild wie die Luft in Horebs Zederhallen,

Als er bezeugte des Gerechten Sieg.

Die Stimme sank, des Stromes Wellen schwollen,

Mir war als hört’ ich ferne Donner rollen:

»Weh über euch, die weder warm noch kalt!

O, wäret kalt ihr oder warm! die Werke

Von eurer Hand sind tot, und eure Stärke

Ist gleich dem Hornstoß der am Fels verhallt.«

Und tiefer griff er in der Zeiten Wunde,

Die Heller ließ er klingen, und vom Grunde

Hob er den seidnen Mottenfraß ans Licht.

Erröten ließ er die bescheidne Schande

In ihrem ehrbar schonenden Gewande,

Und zog der Lust den Schleier vom Gesicht.

Die Kerzen sind gelöscht, die Pforte dröhnte.

Ich hörte schluchzen, – am Gemäuer lehnte

Ein Weib im abgetragnen Regentuch.

Ich hörte säuseln – neben mir, im Chore,

Ein Fräulein gähnte leise hinterm Flore,

Ein Fahnenjunker blätterte im Buch.

Und alle die bescheidnen Menschenkinder,

Wie sich’s geziemt für wohlerzogne Sünder,

Sie nahmen ruhig was der Text beschert.

Und abends im Theater sprach der Knabe,

Der achtzehnjähr’ge Fähndrich: »Heute habe

Ich einen guten Redner doch gehört!«

An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich

Ihr steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten –

Und ihr gleich Fichten die zerspellt von Wettern –

Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten –

Laßt wie Dragoner die Trompeten schmettern;

Der kann ein Schattenbild die Wange röten –

Die wirft den Handschuh Zeus und allen Göttern;

Ward denn der Führer euch nicht angeboren

In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren?

Schaut auf! zur Rechten nicht – durch Tränengründe,

Mondscheinalleen und blasse Nebeldecken,

Wo einsam die veraltete Selinde

Zur Luna mag die Lilienarme strecken;

Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde,

Längst überfloß der Sehnsucht Tränenbecken;

An eurem Hügel mag die Hirtin klagen,

Und seufzend drauf ein Gänseblümchen tragen.

Doch auch zur Linken nicht – durch Winkelgassen,

Wo tückisch nur die Diebslaternen blinken,

Mit wildem Druck euch rohe Hände fassen,

Und Smollis Wüstling euch und Schwelger trinken,

Der Sinne Bachanale, wo die blassen

Betäubten Opfer in die Rosen sinken,

Und endlich, eures Sarges letzte Ehre,

Man drüber legt die Kränze der Hetäre.

O dunkles Los! o Preis mit Schmach gewonnen,

Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre!

Grad’, grade geht der Pfad, wie Strahl der Sonnen!

Grad’, wie die Flamme lodert vom Altare!

Grad’, wie Natur das Berberroß zum Bronnen

Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare!

Ihr könnt nicht fehlen, er, so mild umlichtet,

Der Führer ward in euch nicht hingerichtet.

Treu schützte ihn der Länder fromme Sitte,

Die euch umgeben wie mit Heil’genscheine,

Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte,

Und legte Anathem auf das Gemeine.

Euch nahte die Natur mit reinem Schritte,

Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine,

Ihr mögt ihr willig jedes Opfer spenden,

Denn alles nimmt sie, doch aus reinen Händen.

Die Zeit hat jede Schranke aufgeschlossen,

An allen Wegen hauchen Naphthablüten,

Ein reizend scharfer Duft hat sich ergossen,

Und jeder mag die eignen Sinne hüten.

Das Leben stürmt auf abgehetzten Rossen,

Die noch zusammenbrechend haun und wüten.

Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben,

Singt, aber zitternd, wie vom Weih’ die Tauben.

Ja, treibt der Geist euch, laßt Standarten ragen!

Ihr war’t die Zeugen wild bewegter Zeiten,

Was ihr erlebt, das läßt sich nicht erschlagen,

Feldbind’ und Helmzier mag ein Weib bereiten;

Doch seht euch vor wie hoch die Schwingen tragen,

Stellt nicht das Ziel in ungemeßne Weiten,

Der kecke Falk ist überall zu finden,

Doch einsam steigt der Aar aus Alpengründen.

Vor allem aber pflegt das anvertraute,

Das heil’ge Gut, gelegt in eure Hände,

Weckt der Natur geheimnisreichste Laute,

Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;

Des Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baute,

Und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände,

Daß dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen,

Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knieen.

Ihr hörtet sie die unterdrückten Klagen

Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne.

Wer hat sie nicht gehört in diesen Tagen,

Wo nur ein Gott, der Gott im eignen Hirne?

Frischauf! – und will den Lorbeer man versagen,

O Glückliche mit unbekränzter Stirne!

O arm Gefühl, das sich nicht selbst kann lohnen!

Mehr ist ein Segen als zehntausend Kronen!

Die Gaben

Nie fand, so oft auch scherzend ward gefragt,

Ich einen Mann, vom Grafen bis zum Schneider,

Der so bescheiden oder so betagt,

So hülflos, keinen so Gescheiten leider,

Der nicht gemeint, des Herrschertumes Bürde

Sei seinen Schultern grad das rechte Maß.

War einer zweifelnd je an seiner Würde,

So schätzt’ er seine Kräfte desto baß,

Der hoffte auf der Rede Zauberbann;

Schlau aus dem Winkel wollte jener zielen,

Kurz, daß er wisse wie und auch den Mann,

Ließ jeder deutlich durch die Blume spielen.

Ihr Toren! glaubt ihr denn daß Gott im Zorne

Die Großen schuf, ungleich der Menschenschar,

Pecus inane, das sein Haupt zum Borne

Hinstreckt wie weiland Nebukadnezar?

Daß, weil zuweilen unter Zotten schlägt

Ein Herz wo große Elemente schlafen,

Deshalb wer eine feine Wolle trägt

Unfehlbar zählt zu den Merinoschafen?

Daß langes Schauen zweifellos erblinde,

Und wer den Fäden rastlos nachgespürt,

Daß dieser, gleich dem überreizten Kinde,

So dümmer wird je länger er studiert?

Wer zweifelt, daß ein Herz wie’s Throne schmückt

Gar oft am Acker frönt und Forstgehege,

Daß manche Scheitel sich zur Furche bückt,

Hochwert daß eine Krone drauf man lege?

Doch ihr des Lebens abgehetzte Alten,

Ihr innerliche Greise, seid es nicht.

Bewahr’ der Himmel uns vor eurem Walten,

Vor dem im Sumpfe angebrannten Licht!

Ihr würdet mahnen an des Fröners Sohn,

Der, woll’ ihm Gott ein Königreich verschreiben,

Fürs Leben wüßte keinen bessern Lohn,

Als seine Schweine dann zu Roß zu treiben. –

Vor vierzig Jahren

Da gab es doch ein Sehnen,

Ein Hoffen und ein Glühn,

Als noch der Mond »durch Tränen

In Fliederlauben« schien,

Als man dem »milden Sterne«

Gesellte was da lieb,

Und »Lieder in die Ferne«

Auf sieben Meilen schrieb!

Ob dürftig das Erkennen,

Der Dichtung Flamme schwach,

Nur tief und tiefer brennen

Verdeckte Gluten nach.

Da lachte nicht der leere,

Der übersatte Spott,

Man baute die Altäre

Dem unbekannten Gott.

Und drüber man den Brodem

Des liebsten Weihrauchs trug,

Lebend’gen Herzens Odem,

Das frisch und kräftig schlug,

Das schamhaft, wie im Tode,

In Traumes Wundersarg

Noch der Begeistrung Ode

Der Lieb’ Ekloge barg.

Wir höhnen oft und lachen

Der kaum vergangnen Zeit,

Und in der Wüste machen

Wie Strauße wir uns breit.

Ist Wissen denn Besitzen?

Ist denn Genießen Glück?

Auch Eises Gletscher blitzen

Und Basiliskenblick.

Ihr Greise, die gesunken

Wie Kinder in die Gruft,

Im letzten Hauche trunken

Von Lieb’ und Ätherduft,

Ihr habt am Lebensbaume

Die reinste Frucht gepflegt,

In karger Spannen Raume

Ein Eden euch gehegt.

Nun aber sind die Zeiten,

Die überwerten, da,

Wo offen alle Weiten,

Und jede Ferne nah.

Wir wühlen in den Schätzen,

Wir schmettern in den Kampf,

Windsbräuten gleich versetzen

Uns Geistesflug und Dampf.

Mit unsres Spottes Gerten

Zerhaun wir was nicht Stahl,

Und wie Morganas Gärten

Zerrinnt das Ideal;

Was wir daheim gelassen

Das wird uns arm und klein,

Was Fremdes wir erfassen

Wird in der Hand zu Stein.

Es wogt von End’ zu Ende,

Es grüßt im Fluge her,

Wir reichen unsre Hände,

– Sie bleiben kalt und leer. –

Nichts liebend, achtend wen’ge

Wird Herz und Wange bleich,

Und bettelhafte Kön’ge

Stehn wir im Steppenreich.

An die Weltverbesserer

Pochest du an – poch nicht zu laut,

Eh du geprüft des Nachhalls Dauer.

Drückst du die Hand – drück nicht zu traut,

Eh du gefragt des Herzens Schauer.

Wirfst du den Stein – bedenke wohl,

Wie weit ihn deine Hand wird treiben.

Oft schreckt ein Echo, dumpf und hohl,

Reicht goldne Hand dir den Obol,

Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben.

Höhlen gibt es am Meeresstrand,

Gewalt’ge Stalaktitendome,

Wo bläulich zuckt der Fackeln Brand,

Und Kähne gleiten wie Phantome.

Das Ruder schläft, der Schiffer legt

Die Hand dir angstvoll auf die Lippe,

Ein Räuspern nur, ein Fuß geregt,

Und donnernd überm Haupte schlägt

Zusammen dir die Riesenklippe.

Und Hände gibts im Orient,

Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen,

In denen zwiefach Feuer brennt,

Als gelt’ es Liebesglut zu zahlen;

Ein leichter Tau hat sie genäßt,

Ein leises Zittern sie umflogen,

Sie fassen krampfhaft, drücken fest –

Hinweg, hinweg! du hast die Pest

In deine Poren eingesogen!

Auch hat ein Dämon einst gesandt

Den gift’gen Pfeil zum Himmelsbogen;

Dort rührt’ ihn eines Gottes Hand,

Nun starrt er in den Ätherwogen.

Und läßt der Zauber nach, dann wird

Er niederprallen mit Geschmetter,

Daß das Gebirg’ in Scherben klirrt,

Und durch der Erde Adern irrt

Fortan das Gift der Höllengötter.

Drum poche sacht, du weißt es nicht

Was dir mag überm Haupte schwanken;

Drum drücke sacht, der Augen Licht

Wohl siehst du, doch nicht der Gedanken.

Wirf nicht den Stein zu jener Höh’

Wo dir gestaltlos Form und Wege,

Und schnelltest du ihn einmal je,

So fall auf deine Knie und fleh,

Daß ihn ein Gott berühren möge.

Alte und neue Kinderzucht

1.

In seiner Buchenhalle saß ein Greis auf grüner Bank,

Vor ihm, in grünlichem Pokal, der Rebe Feuertrank;

Zur Seite seiner Jugend Sproß, sich lehnend an den Zweigen,

Ein ernster Vierziger, vernahm des Alten Wort in Schweigen.

»Sohn«, sprach der Patriarch, es klang die Stimme schier bewegt:

»Das Kissen für mein Sterbebett du hast es weich gelegt;

Ich weiß es, eine Träne wird das Leichentuch mir netzen,

In meinen Sessel wird dereinst ein Ehrenmann sich setzen.

Zu Gottes Ehr’ und deiner Pflicht, und nach der Vordern Art,

Zog ich in aller Treue dich, als schon dein Kinn behaart.

Nicht will die neue Weise mir zum alten Haupte gehen,

Ein Sohn hat seinen Herrn, so lang zwei Augen offen stehen.

Mein Vater, – tröst’ ihn Gott, er fiel in einem guten Strauß! –

War Diener seinem Fürsten und ein König seinem Haus,

Sein treues Auge wußte wohl der Kinder Heil zu wahren,

Den letzten Schlag von seiner Hand fühlt’ ich mit zwanzig Jahren.

So macht’ er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum frohen Greis,

Zum Mann der tragen kann und sich im Glück zu fassen weiß,

Wie mag, wer seiner Launen Knecht, ein Herrenamt bezwingen?

Wer seiner Knospe Kraft verpraßt, wie möcht’ er Früchte bringen?

Nur von der Pike dient sich’s recht zum braven General.

Gesegnet sei die Hand die mir erspart der Torheit Wahl!

Mit tausend Tränen hab’ ich sie in unsre Gruft getragen,

Denn eines Vaters heil’ge Hand hat nie zu hart geschlagen.

Mein Haar ist grau, mein blödes Aug’ hat deinen Sproß gesehn,

Bald füllst du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir stehn.

Gedenk der Rechenschaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn lesen,

Gehorsam sei er dir, wie du gehorsam mir gewesen!«

So sprach der Patriarch, und schritt entlang die Buchenhall’,

Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürsten der Vasall,

Und seinen Knaben winkt’ er sacht herbei vom Blütenhagen,

Ließ küssen ihn des Alten Hand, und seinen Stab ihn tragen.

2.

An blühender Akazie lehnt ein blonder bleicher Mann,

Sehr mangelt ihm der Sitz, allein die Kinder spielen dran,

So schreibt er stehend, immer Ball und Peitschenhieb gewärt’gend,

Schnellfingrig für die Druckerei den Lückenbüßer fert’gend.

»In Osten steigt das junge Licht, es rauscht im Eichenhain,

Schon schlang der alte Erebus die alten Schatten ein,

Des Geistes Siegel sind gelöst, der Äther aufgeschlossen,

Und aus vermorschter Dogmen Staub lebend’ge Zedern sprossen.

O Geistesfessel, härter du als jemals ein Tyrann,

Geschlagen um des Sklaven Leib, du tausendjähr’ger Bann!

Geheim doch sicher hat der Rost genagt an deinem Ringe,

Nun wackelt er und fürchtet sich vor jedes Knaben Klinge!

Hin ist die Zeit wo ein Gespenst im Büßermantel schlich,

In seinen Bettelsack des Deutschen Gold und Ehre strich,

Wo Greise, Schulmonarchen gleich, die stumpfe Geißel schwenkten,

Des Sonnenrosses Zaum dem Grab verfallne Hände lenkten.

Nicht wird im zarten Kinde mehr des Mannes Keim erstickt,

Frei schießt die Eichenlode, unbeengt und ungeknickt;

Was mehr als Wissen, wirkender als Gaben, die zerstückelt –

Des kräft’gen Wollens Einheit wird im jungen Mark entwickelt.

Wir wuchsen unter Peitschenhieb an der Galeere auf,

Und dennoch riß das Dokument vom schnöden Seelenkauf

Durch deutsche Hand, durch unsre Hand, die, nach Ägyptens Plagen,

Noch immer stark genug den Brand ans Bagnotor zu tragen!

Doch ihr, die ihr den ganzen Saft der Muttererde trinkt,

An deren Zweig das erste Blatt schon wie Smaragde blinkt,

Ihr!« – unser Dichter stutzt – er hört an den Holundersträuchen

Sein Erstlingsreis, den Göttinger, wie eine Walze keuchen.

Und auf der Bank – sein Manuskript – o Pest! sein Dichterkranz –

Dort fliegt er, droben in der Luft, als langer Drachenschwanz!

Und – was? ein Guß? – bei Gott, da hängt der Bub, die wilde Katze,

Am Ast, und leert den Wasserkrug auf seines Vaters Glatze!

Die Schulen

Kennst du den Saal? ich schleiche sacht vorbei,

»Der alte Teufel tot, die Götter neu« –

Und was man Großes sonst darin mag hören.

Wie üppig wogend drängt der Jugend Schwarm!

Wie reich und glänzend! – aber ich bin arm,

Da will ich lieber eure Lust nicht stören.

Dann das Gewölb’ – mir wird darin nicht wohl,

Wo man der Gruft den modernden Obol

Entschaufelt, und sich drüber legt zum Streite;

Ergraute Häupter nicken rings herum,

Wie weis’ und gründlich! – aber ich bin dumm,

Da schleich’ ich lieber ungesehn bei Seite.

Doch die Katheder im Gebirge nah,

Der Meister unsichtbar, doch laut Hurra

Ihm Wälder, Strom und Sturmesflügel rauschen,

Matrikel ist des Herzens frischer Schlag,

Da will zeitlebens ich, bei Nacht und Tag,

Demüt’ger Schüler, seinen Worten lauschen.

Heidebilder

Die Lerche

Hörst du der Nacht gespornten Wächter nicht?

Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht,

Und schlummertrunken hebt aus Purpurdecken

Ihr Haupt die Sonne; in das Ätherbecken

Taucht sie die Stirn, man sieht es nicht genau,

Ob Licht sie zünde, oder trink’ im Blau.

Glührote Pfeile zucken auf und nieder,

Und wecken Taues Blitze, wenn im Flug

Sie streifen durch der Heide braunen Zug.

Da schüttelt auch die Lerche ihr Gefieder,

Des Tages Herold seine Liverei;

Ihr Köpfchen streckt sie aus dem Ginster scheu,

Blinzt nun mit diesem, nun mit jenem Aug’;

Dann leise schwankt, es spaltet sich der Strauch,

Und wirbelnd des Mandates erste Note

Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote.

»Auf! auf! die junge Fürstin ist erwacht!

Schlaftrunkne Kämmrer, habt des Amtes acht;

Du mit dem Saphirbecken Genziane,

Zwergweide du mit deiner Seidenfahne,

Das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal,

Die Fürstin wacht, bald tritt sie in den Saal!«

Da regen tausend Wimper sich zugleich,

Maßliebchen hält das klare Auge offen,

Die Wasserlilie sieht ein wenig bleich,

Erschrocken, daß im Bade sie betroffen;

Wie steht der Zitterhalm verschämt und zage!

Die kleine Weide pudert sich geschwind

Und reicht dem West ihr Seidentüchlein lind,

Daß zu der Hoheit Händen er es trage.

Ehrfürchtig beut den tauigen Pokal

Das Genzian, und nieder langt der Strahl;

Prinz von Geblüte hat die erste Stätte

Er immer dienend an der Fürstin Bette.

Der Purpur lischt gemach im Rosenlicht,

Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht

Des Vorhangs Falten, und aufs neue singt

Die Lerche, daß es durch den Äther klingt:

»Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!

Frischauf ihr Musikanten in den Hallen,

Laßt euer zartes Saitenspiel erschallen,

Und, florbeflügelt Volk, heb an den Chor,

Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!«

Da krimmelt, wimmelt es im Heidgezweige,

Die Grille dreht geschwind das Beinchen um,

Streicht an des Taues Kolophonium,

Und spielt so schäferlich die Liebesgeige.

Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt,

Die Mücke schleift behend die Silberschwingen,

Daß heller der Triangel möge klingen;

Diskant und auch Tenor die Fliege surrt;

Und, immer mehrend ihren werten Gurt,

Die reiche Katze um des Leibes Mitten,

Ist als Bassist die Biene eingeschritten:

Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln

Das Kontraviolon die trägen Hummeln.

So tausendarmig ward noch nie gebaut

Des Münsters Halle, wie im Heidekraut

Gewölbe an Gewölben sich erschließen,

Gleich Labyrinthen in einander schießen;

So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor,

Wie’s musiziert aus grünem Heid hervor.

Jetzt sitzt die Königin auf ihrem Throne,

Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß,

Am Haupte flammt und quillt die Strahlenkrone,

Und lauter, lauter schallt des Herolds Gruß:

»Bergleute auf, herauf aus eurem Schacht,

Bringt eure Schätze, und du Fabrikant,

Breit vor der Fürstin des Gewandes Pracht,

Kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant.«

Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schoß,

Wie sich die schwarzen Knappen drängen, streifen,

Und mühsam stemmend aus den Stollen schleifen

Gewalt’ge Stufen, wie der Träger groß;

Ameisenvolk, du machst es dir zu schwer!

Dein roh Gestein lockt keiner Fürstin Gnaden.

Doch sieh die Spinne rutschend hin und her,

Schon zieht sie des Gewebes letzten Faden,

Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid;

Viel edle Funken sind darin entglommen;

Da kömmt der Wind und häkelt es vom Heid,

Es steigt, es flattert, und es ist verschwommen. –

Die Wolke dehnte sich, scharf strich der Hauch,

Die Lerche schwieg, und sank zum Ginsterstrauch.

Die Jagd

Die Luft hat schlafen sich gelegt,

Behaglich in das Moos gestreckt,

Kein Rispeln, das die Kräuter regt,

Kein Seufzer, der die Halme weckt.

Nur eine Wolke träumt mitunter

Am blassen Horizont hinunter,

Dort, wo das Tannicht überm Wall

Die dunkeln Kandelabern streckt.

Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:

»Hallo! hoho!« so lang gezogen,

Man meint, die Klänge schlagen Wogen

Im Ginsterfeld, und wieder dort:

»Hallo! hoho!« – am Dickicht fort

Ein zögernd Echo, – alles still!

Man hört der Fliege Angstgeschrill

Im Mettennetz, den Fall der Beere,

Man hört im Kraut des Käfers Gang,

Und dann wie ziehnder Kranichheere

Kling klang! von ihrer luft’gen Fähre,

Wie ferner Unkenruf: Kling! klang!

Ein Läuten das Gewäld entlang,

Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab –

Er gleitet durch die Binsenspeere,

Und zuckelt fürder seinen Trab:

Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,

Nach stäuben die lebend’gen Glocken,

Radschlagend an des Dammes Hang;

Wie Aale schnellen sie vom Grund,

Und weiter, weiter, Fuchs und Hund.

Der schwankende Wacholder flüstert,

Die Binse rauscht, die Heide knistert,

Und stäubt Phalänen um die Meute.

Sie jappen, klaffen nach der Beute,

Schaumflocken sprühn aus Nas’ und Mund;

Noch hat der Fuchs die rechte Weite,

Gelassen trabt er, schleppt den Schweif,

Zieht in dem Taue dunklen Streif,

Und zeigt verächtlich seine Socken.

Doch bald hebt er die Lunte frisch,

Und, wie im Weiher schnellt der Fisch,

Fort setzt er über Kraut und Schmelen,

Wirft mit den Läufen Kies und Staub;

Die Meute mit geschwollnen Kehlen

Ihm nach wie rasselnd Winterlaub.

Man höret ihre Kiefern knacken,

Wenn fletschend in die Luft sie hacken;

In weitem Kreise so zum Tann,

Und wieder aus dem Dickicht dann

Ertönt das Glockenspiel der Bracken.

Was bricht dort im Gestrippe am Revier?

Im holprichten Galopp stampft es den Grund;

Ha! brüllend Herdenvieh! voran der Stier,

Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund.

Schwerfällig poltern sie das Feld entlang,

Das Horn gesenkt, waagrecht des Schweifes Strang,

Und taumeln noch ein paarmal in die Runde,

Eh Posto wird gefaßt im Heidegrunde.

Nun endlich stehn sie, murren noch zurück,

Das Dickicht messend mit verglastem Blick,

Dann sinkt das Haupt und unter ihrem Zahne

Ein leises Rupfen knirrt im Thimiane;

Unwillig schnauben sie den gelben Rauch,

Das Euter streifend am Wacholderstrauch,

Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke

Von summendem Gewürm und Fliegenvolke.

So langsam schüttelnd den gefüllten Bauch

Fort grasen sie bis zu dem Heidekolke.

Ein Schuß: »Hallo!« ein zweiter Schuß: »Hoho!«

Die Herde stutzt, des Kolkes Spiegel kraust

Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so

Wie in des Dammes Mönch der Strudel saust,

Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten,

Die kranke Sterke schaukelt träg herbei,

Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten,

Und dann – ein Schoß, und dann – ein Jubelschrei!

Das grüne Käppchen auf dem Ohr,

Den halben Mond am Lederband,

Trabt aus der Lichtung rasch hervor

Bis mitten in das Heideland

Ein Waidmann ohne Tasch’ und Büchse;

Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand,

Dann setzt er an, und tausend Füchse

Sind nicht so kräftig totgeblasen,

Als heut es schmettert übern Rasen.

»Der Schelm ist tot, der Schelm ist tot!

Laßt uns den Schelm begraben!

Kriegen ihn die Hunde nicht,

Dann fressen ihn die Raben,

Hoho hallo!«

Da stürmt von allen Seiten es heran,

Die Bracken brechen aus Genist und Tann;

Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen

Man johlend sie um den Hornisten schweifen.

Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang,

Daß es verdunkelt der Fanfare Klang,

Doch lauter, lauter schallt die Gloria,

Braust durch den Ginster die Viktoria:

»Hängt den Schelm, hängt den Schelm!

Hängt ihn an die Weide,

Mir den Balg und dir den Talg,

Dann lachen wir alle beide;

Hängt ihn! Hängt ihn

Den Schelm, den Schelm! – –«

Die Vogelhütte

Regen, Regen, immer Regen! will nicht das Geplätscher enden,

Daß ich aus dem Sarge brechen kann, aus diesen Bretterwänden?

Sieben Schuhe ins Gevierte, das ist doch ein ärmlich Räumchen

Für ein Menschenkind, und wär’ es schlank auch wie ein Rosenbäumchen!

O was ließ ich mich gelüsten, in den Vogelherd zu flüchten,

Als nur schwach die Wolke tropfte, als noch flüsterten die Fichten:

Und muß nun bestehn das Ganze, wie wenn zögernd man dem Schwätzer

Raum gegeben, dem langweilig Seile drehnden Phrasensetzer;

Und am Knopfe nun gehalten, oder schlimmer an den Händen,

Zappelnd wie der Halbgehängte langet nach des Strickes Enden!

Meine Unglücksstrick’ sind dieser Wasserstriemen Läng’ und Breite,

Die verkörperten Hyperbeln, denn Bindfäden regnet’s heute.

Denk’ ich an die heitre Stube, an das weiche Kanapee,

Und wie mein Gedicht, das meine, dort zerlesen wird beim Tee:

Denk’ ich an die schwere Zunge, die statt meiner es zerdrischt,

Bohrend wie ein Schwertfisch möcht’ ich schießen in den Wassergischt.

Pah! was kümmern mich die Tropfen, ob ich naß ob säuberlich!

Aber besser stramm und trocken, als durchnäßt und lächerlich.

Da – ein Fleck, ein Loch am Himmel; bist du endlich doch gebrochen,

Alte Wassertonne, hab’ ich endlich dich entzwei gesprochen?

Aber wehe! wie’s vom Fasse brodelt, wenn gesprengt der Zapfen,

Hör’ ich’s auf dem Dache rasseln, förmlich wie mit Füßen stapfen.

Regen! unbarmherz’ger Regen! mögst du braten oder sieden!

Wehe, diese alte Kufe ist das Faß der Danaiden!

Ich habe mich gesetzt in Gottes Namen;

Es hilft doch alles nicht, und mein Gedicht

Ist längst gelesen und im Schloß die Damen,

Sie saßen lange zu Gericht.

Statt einen neuen Lorbeerkranz zu drücken

In meine Phöboslocken, hat man sacht

Den alten losgezupft und hinterm Rücken

Wohl Eselsohren mir gemacht.

Verkannte Seele, fasse dich im Leiden,

Sei stark, sei nobel, denk, der Ruhm ist leer,

Das Leben kurz, es wechseln Schmerz und Freuden,

Und was dergleichen Neugedachtes mehr!

Ich schau mich um in meiner kleinen Zelle:

Für einen Klausner wär’s ein hübscher Ort;

Die Bank, der Tisch, das hölzerne Gestelle,

Und an der Wand die Tasche dort;

Ein Netz im Winkelchen, ein Rechen, Spaten –

Und Betten? nun, das macht sich einfach hier;

Der Thimian ist heuer gut geraten,

Und blüht mir grade vor der Tür.

Die Waldung drüben – und das Quellgewässer –

Hier möcht’ ich Heidebilder schreiben, zum Exempel:

»Die Vogelhütte«, nein – »der Herd«, nein besser:

»Der Knieende in Gottes weitem Tempel.«

‘s ist doch romantisch, wenn ein zart Geriesel

Durch Immortellen und Wacholderstrauch

Umzieht und gleitet, wie ein schlüpfend Wiesel,

Und drüber flirrt der Stöberrauch;

Wenn Schimmer wechseln, weiß und seladonen;

Die weite Ebne schaukelt wie ein Schiff,

Hindurch der Kiebitz schrillt, wie Halkyonen

Wehklagend ziehen um das Riff.

Am Horizont die kolossalen Brücken –

Sind’s Wolken oder ist’s ein ferner Wald?

Ich will den Schemel an die Luke rücken,

Da liegt mein Hut, mein Hammer, – halt:

Ein Teller am Gestell! – was mag er bieten?

Fundus! bei Gott, ein Fund die Brezel drin!

Für einen armen Hund von Eremiten,

Wie ich es leider heute bin!

Ein seidner Beutel noch – am Bort zerrissen;

Ich greife, greife Rundes mit der Hand;

Weh! in die dürre Erbs’ hab’ ich gebissen –

Ich dacht’, es seie Zuckerkand.

Und nun die Tasche! he, wir müssen klopfen –

Vielleicht liegt ein Gefangner hier in Haft;

Da – eine Flasche! schnell herab den Pfropfen –

Ist’s Wasser? Wasser? – edler Rebensaft!

Und Edlerer, der ihn dem Sack vertraute,

Splendid barmherziger Wildhüter du,

Für einen armen Schelm, der Erbsen kaute,

Den frommen Bruder Tuck im Ivanhoe!

Mit dem Gekörn will ich den Kiebitz letzen,

Es aus der Lücke streun, wenn er im Flug

Herschwirrt, mir auf die Schulter sich zu setzen,

Wie man es liest in manchem Buch.

Mir ist ganz wohl in meiner armen Zelle;

Wie mir das Klausnerleben so gefällt!

Ich bleibe hier, ich geh nicht von der Stelle,

Bevor der letzte Tropfen fällt.

Es verrieselt, es verraucht,

Mählich aus der Wolke taucht

Neu hervor der Sonnenadel.

In den feinen Dunst die Fichte

Ihre grünen Dornen streckt,

Wie ein schönes Weib die Nadel

In den Spitzenschleier steckt;

Und die Heide steht im Lichte

Zahllos blanker Tropfen, die

Am Wacholder zittern, wie

Glasgehänge an dem Lüster.

Überm Grund geht ein Geflüster,

Jedes Kräutchen reckt sich auf,

Und in langgestrecktem Lauf,

Durch den Sand des Pfades eilend,

Blitzt das goldne Panzerhemd

Des Kuriers;1 am Halme weilend

Streicht die Grille sich das Naß

Von der Flügel grünem Glas.

Grashalm glänzt wie eine Klinge,

Und die kleinen Schmetterlinge,

Blau, orange, gelb und weiß,

Jagen tummelnd sich im Kreis.

Alles Schimmer, alles Licht,

Bergwald mag und Welle nicht

Solche Farbentöne hegen,

Wie die Heide nach dem Regen.

Ein Schall – und wieder – wieder – was ist das? –

Bei Gott, das Schloß! Da schlägt es acht im Turme –

Weh mein Gedicht! o weh mir armem Wurme,

Nun fällt mir alles ein, was ich vergaß!

Mein Hut, mein Hammer, hurtig fortgetrabt –

Vielleicht, vielleicht ist man diskret gewesen,

Und harrte meiner, der sein Federlesen

Indes mit Kraut und Würmern hat gehabt. –

Nun kömmt der Steg und nun des Teiches Ried,

Nun steigen der Alleen schlanke Streifen;

Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begreifen,

Wie ich so gänzlich mich vom Leben schied –

Doch freilich – damals war ich Eremit!

Fußnoten

1 Buprestis, ein in allen Farben schimmernder Prachtkäfer, der sich im Heidekraut aufhält.

Der Weiher

Er liegt so still im Morgenlicht,

So friedlich, wie ein fromm Gewissen;

Wenn Weste seinen Spiegel küssen,

Des Ufers Blume fühlt es nicht;

Libellen zittern über ihn,

Blaugoldne Stäbchen und Karmin,

Und auf des Sonnenbildes Glanz

Die Wasserspinne führt den Tanz;

Schwertlilienkranz am Ufer steht

Und horcht des Schilfes Schlummerliede;

Ein lindes Säuseln kommt und geht,

Als flüstr’ es: Friede! Friede! Friede! –

Das Schilf

Stille, er schläft, stille! stille!

Libelle, reg die Schwingen sacht,

Daß nicht das Goldgewebe schrille,

Und, Ufergrün, halt gute Wacht,

Kein Kieselchen laß niederfallen.

Er schläft auf seinem Wolkenflaum,

Und über ihn läßt säuselnd wallen

Das Laubgewölb’ der alte Baum;

Hoch oben, wo die Sonne glüht,

Wieget der Vogel seine Flügel,

Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht

Sein Schatten durch des Teiches Spiegel.

Stille, stille! er hat sich geregt,

Ein fallend Reis hat ihn bewegt,

Das grad zum Nest der Hänfling trug;

Su, Su! breit, Ast, dein grünes Tuch –

Su, Su! nun schläft er fest genug.

Die Linde

Ich breite über ihn mein Blätterdach

So weit ich es vom Ufer strecken mag.

Schau her, wie langaus meine Arme reichen,

Ihm mit den Fächern das Gewürm zu scheuchen,

Das hundertfarbig zittert in der Luft.

Ich hauch’ ihm meines Odems besten Duft,

Und auf sein Lager laß ich niederfallen

Die lieblichste von meinen Blüten allen;

Und eine Bank lehnt sich an meinen Stamm,

Da schaut ein Dichter von dem Uferdamm,

Den hör’ ich flüstern wunderliche Weise,

Von mir und dir und der Libell’ so leise,

Daß er den frommen Schläfer nicht geweckt;

Sonst wahrlich hätt’ die Raupe ihn erschreckt,

Die ich geschleudert aus dem Blätterhag.

Wie grell die Sonne blitzt; schwül wird der Tag.

O könnt’ ich! könnt’ ich meine Wurzeln strecken

Recht mitten in das tief kristallne Becken,

Den Fäden gleich, die, grünlicher Asbest,

Schaun so behaglich aus dem Wassernest,

Wie mir zum Hohne, der im Sonnenbrande

Hier einsam niederlechzt vom Uferrande.

Die Wasserfäden

Neid uns! neid uns! laß die Zweige hangen,

Nicht weil flüssigen Kristall wir trinken,

Neben uns des Himmels Sterne blinken,

Sonne sich in unserm Netz gefangen –

Nein, des Teiches Blutsverwandte, fest

Hält er all uns an die Brust gepreßt,

Und wir bohren unsre feinen Ranken

In das Herz ihm, wie ein liebend Weib,

Dringen Adern gleich durch seinen Leib,

Dämmern auf wie seines Traums Gedanken;

Wer uns kennt, der nennt uns lieb und treu,

Und die Schmerle birgt in unsrer Hut

Und die Karpfenmutter ihre Brut;

Welle mag in unserm Schleier kosen;

Uns nur traut die holde Wasserfei,

Sie, die Schöne, lieblicher als Rosen.

Schleuß, Trifolium,1 die Glocken auf,

Kurz dein Tag, doch königlich sein Lauf!

Fußnoten

1 Trifolium, Dreiblatt, Menianthes trifoliata. L. Biberklee. Eine Wasserpflanze, die nur in sehr tiefem Wasser wächst, mit schöner aber sehr vergänglicher Blüte.

Kinder am Ufer

O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke

Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?

O! das ist schön! hätt’ ich nur einen Stecken,

Schmalzweiße Kelch’ mit dunkelroten Flecken,

Und jede Glocke ist frisiert so fein

Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.

Was meinst du, schneid’ ich einen Haselstab,

Und wat’ ein wenig in die Furt hinab?

Pah! Frösch’ und Hechte können mich nicht schrecken –

Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann

Dort in den langen Kräutern hocken kann?

Ich geh, ich gehe schon – ich gehe nicht –

Mich dünke, ich sah am Grunde ein Gesicht –

Komm laß uns lieber heim, die Sonne sticht!

Der Hünenstein

Zur Zeit der Scheide zwischen Nacht und Tag,

Als wie ein siecher Greis die Heide lag

Und ihr Gestöhn des Mooses Teppich regte,

Krankhafte Funken im verwirrten Haar

Elektrisch blitzten, und, ein dunkler Mahr,

Sich über sie die Wolkenschichte legte;

Zu dieser Dämmerstunde war’s, als ich

Einsam hinaus mit meinen Sorgen schlich,

Und wenig dachte, was es draußen treibe.

Nachdenklich schritt ich, und bemerkte nicht

Des Krautes Wallen und des Wurmes Licht,

Ich sah auch nicht, als stieg die Mondesscheibe.

Grad war der Weg, ganz sonder Steg und Bruch;

So träumt’ ich fort und, wie ein schlechtes Buch,

Ein Pfennigsmagazin uns auf der Reise

Von Station zu Stationen plagt,

Hab’ zehnmal Weggeworfnes ich benagt,

Und fortgeleiert überdrüß’ge Weise.

Entwürfe wurden aus Entwürfen reif,

Doch, wie die Schlange packt den eignen Schweif,

Fand ich mich immer auf derselben Stelle;

Da plötzlich fahr ein plumper Schröter jach

Ans Auge mir, ich schreckte auf und lag

Am Grund, um mich des Heidekrautes Welle.

Seltsames Lager, das ich mir erkor!

Zur Rechten, Linken schwoll Gestein empor,

Gewalt’ge Blöcke, rohe Porphirbrode;

Mir überm Haupte reckte sich der Bau,

Langhaar’ge Flechten rührten meine Brau,

Und mir zu Füßen schwankt’ die Ginsterlode.

Ich wußte gleich, es war ein Hünengrab,

Und fester drückt’ ich meine Stirn hinab,

Wollüstig saugend an des Grauens Süße,

Bis es mit eis’gen Krallen mich gepackt,

Bis wie ein Gletscherbronn des Blutes Takt

Aufquoll und hämmert’ unterm Mantelvließe.

Die Decke über mir, gesunken, schief,

An der so blaß gehärmt das Mondlicht schlief,

Wie eine Witwe an des Gatten Grabe;

Vom Hirtenfeuer Kohlenscheite sahn

So leichenbrandig durch den Thimian,

Daß ich sie abwärts schnellte mit dem Stabe.

Husch fuhr ein Kiebitz schreiend aus dem Moos;

Ich lachte auf; doch trug wie bügellos

Mich Phantasie weit über Spalt und Barren.

Dem Wind hab’ ich gelauscht so scharf gespannt,

Als bring’ er Kunde aus dem Geisterland,

Und immer mußt’ ich an die Decke starren.

Ha! welche Sehnen wälzten diesen Stein?

Wer senkte diese wüsten Blöcke ein,

Als durch das Heid die Totenklage schallte?

Wer war die Drude, die im Abendstrahl

Mit Run’ und Spruch umwandelte das Tal,

Indes ihr goldnes Haar im Winde wallte?

Dort ist der Osten, dort, drei Schuh im Grund,

Dort steht die Urne und in ihrem Rund

Ein wildes Herz zerstäubt zu Aschenflocken;

Hier lagert sich der Traum vom Opferhain,

Und finster schütteln über diesen Stein

Die grimmen Götter ihre Wolkenlocken.

Wie, sprach ich Zauberformel? Dort am Damm –

Es steigt, es breitet sich wie Wellenkamm,

Ein Riesenleib, gewalt’ger, höher immer;

Nun greift es aus mit langgedehntem Schritt –

Schau, wie es durch der Eiche Wipfel glitt,

Durch seine Glieder zittern Mondenschimmer.

Komm her, komm nieder – um ist deine Zeit!

Ich harre dein, im heil’gen Bad geweiht;

Noch ist der Kirchenduft in meinem Kleide! –

Da fährt es auf, da ballt es sich ergrimmt,

Und langsam, eine dunkle Wolke, schwimmt

Es über meinem Haupt entlang die Heide.

Ein Ruf, ein hüpfend Licht – es schwankt herbei –

Und – »Herr, es regnet« – sagte mein Lakai,

Der ruhig übers Haupt den Schirm mir streckte.

Noch einmal sah ich zum Gestein hinab:

Ach Gott, es war doch nur ein rohes Grab,

Das armen ausgedorrten Staub bedeckte! –

Die Steppe

Standest du je am Strande,

Wenn Tag und Nacht sich gleichen,

Und sahst aus Lehm und Sande

Die Regenrinnen schleichen –

Zahllose Schmugglerquellen,

Und dann, so weit das Auge

Nur reicht, des Meeres Wellen

Gefärbt mit gelber Lauge? –

Hier ist die Dün’ und drunten

Das Meer; Kanonen gleichend

Stehn Schäferkarrn, die Lunten

Verlöscht am Boden streichend.

Gilt’s etwa dem Korsaren

Im flatternden Kaftane,

Den dort ich kann gewahren

Im gelben Ozeane?

Er scheint das Tau zu schlagen,

Sein Schiff verdeckt die Düne,

Doch sieht den Mast man ragen, –

Ein dürrer Fichtenhüne;

Von seines Toppes Kunkel

Die Seile stramm wie Äste,

Der Mastkorb, rauh und dunkel,

Gleicht einem Weihenneste! –

Die Mergelgrube

Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,

Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,

Blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant

Natur die Trödelbude aufgeschlagen.

Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,

Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,

Als das Gerölle gleißend wie vom Schliff

Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff

Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.

Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneus,

Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,

Und um den Glimmer fahren Silberblitze;

Gesprenkelte Porphire, groß und klein,

Die Ockerdruse und der Feuerstein –

Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,

Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe;

Die zorn’ge Welle hat sie hergescheucht,

Leviathan mit seiner Riesenschuppe,

Als schäumend übern Sinai er fuhr,

Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,

Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,

Als dann am Ararat die Arche stand,

Und, eine fremde, üppige Natur,

Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. –

Findlinge nennt man sie, weil von der Brust,

Der mütterlichen sie gerissen sind,

In fremde Wiege schlummernd unbewußt,

Die fremde Hand sie legt’ wie’s Findelkind.

O welch ein Waisenhaus ist diese Heide,

Die Mohren, Blaßgesicht, und rote Haut

Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!

Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!

Tief ins Gebröckel, in die Mergelgrube

War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;

Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube,

Und horchte träumend auf der Luft Geharf.

Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall

Melodisch schwinde im zerstörten All;

Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen,

Wenn brodelnd es in sich zusamm’gesunken;

Mir überm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,

Als scharre in der Asche man den Funken.

Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor,

Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr.

Vor mir, um mich der graue Mergel nur,

Was drüber sah ich nicht; doch die Natur

Schien mir verödet, und ein Bild erstand

Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;

Ich selber schien ein Funken mir, der doch

Erzittert in der toten Asche noch,

Ein Findling im zerfallnen Weltenbau.

Die Wolke teilte sich, der Wind ward lau;

Mein Haupt nicht wagt’ ich aus dem Hohl zu strecken,

Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken,

Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte –

War ich der erste Mensch oder der letzte?

Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen –

Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken,

Als sie geschleudert von des Meeres Busen,

Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.

Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,

Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin!

Und müde, müde sank ich an den Rand

Der staub’gen Gruft; da rieselte der Grand

Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau

Wie eine Leich’ im Katakombenbau,

Und mir zu Füßen hört’ ich leises Knirren,

Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.

Es war der Totenkäfer, der im Sarg

So eben eine frische Leiche barg;

Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt

Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.

Und anders ward mein Träumen nun gewandet,

Zu einer Mumie ward ich versandet,

Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,

Und auch der Skarabäus fehlte nicht.

Wie, Leichen über mir? – so eben gar

Rollt mir ein Byssusknäuel in den Schoß;

Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar –

Und plötzlich ließen mich die Träume los.

Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,

Am Himmel stand der rote Sonnenball

Getrübt von Dunst, ein glüher Karniol,

Und Schafe weideten am Heidewall.

Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen,

Er schlingt den Faden und die Nadeln blitzen,

Wie er bedächtig seinen Socken strickt.

Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.

»Ave Maria« hebt er an zu pfeifen,

So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen,

Er schaut so seelengleich die Herde an,

Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.

Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle

Schiebt den Gesang er in das Garngestrehle:

Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See,

Danach tu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh;

Wandl’ ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,

Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein.

Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein,

Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein,

Also sich verborgen bei mir die Liebe findt,

Alle meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind.

Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort,

Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort;

Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein,

Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.

Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord,

Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;

Er steckt’ ihn an den Hut, und strickte fort,

Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.

Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf –

»›Bertuchs Naturgeschichte‹; lest ihr das?« –

Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:

»Der lügt mal, Herr! doch das ist just der Spaß!

Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,

Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;

Wär’s nicht zur Kurzweil, wär’ es schlecht gehandelt:

Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen.«

Ich reichte ihm die Schieferplatte: »Schau,

Das war ein Tier.« Da zwinkert’ er die Brau’,

Und hat mir lange pfiffig nachgelacht –

Daß ich verrückt sei, hätt’ er nicht gedacht! –

Die Krähen

Heiß, heiß der Sonnenbrand

Drückt vom Zenit herunter,

Weit, weit der gelbe Sand

Zieht sein Gestäube drunter;

Nur wie ein grüner Strich

Am Horizont die Föhren;

Mich dünkt, man müßt’ es hören,

Wenn nur ein Kanker schlich.

Der blasse Äther siecht,

Ein Ruhen rings, ein Schweigen,

Dem matt das Ohr erliegt;

Nur an der Düne steigen

Zwei Fichten, dürr, ergraut –

Wie Trauernde am Grabe –

Wo einsam sich ein Rabe

Die rupp’gen Federn kraut.

Da zieht’s in Westen schwer

Wie eine Wetterwolke,

Kreist um die Föhren her

Und fällt am Heidekolke;

Und wieder steigt es dann,

Es flattert und es ächzet,

Und immer näher krächzet

Das Galgenvolk heran.

Recht, wo der Sand sich dämmt,

Da lagert es am Hügel;

Es badet sich und schwemmt,

Stäubt Asche durch die Flügel

Bis jede Feder grau;

Dann rasten sie im Bade,

Und horchen der Suade

Der alten Krähenfrau,

Die sich im Sande reckt,

Das Bein lang ausgeschossen,

Ihr eines Aug’ gefleckt,

Das andre ist geschlossen;

Zweihundert Jahr und mehr

Gehetzt mit allen Hunden,

Schnarrt sie nun ihre Kunden

Dem jungen Volke her:

»Ja, ritterlich und kühn all sein Gebar!

Wenn er so herstolzierte vor der Schar,

Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken,

Da mußt’ ich immer an Sankt Görgen denken,

Den Wettermann, der – als am Schlot ich saß,

Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen –

Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß

Ich es dem alten Raben möchte gönnen,

Der dort von seiner Hopfenstange schaut,

Als sei ein Baum er und wir andern Kraut! –

Kühn war der Halberstadt, das ist gewiß!

Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,

Dann standen seine Landsknecht’ auf den Füßen

Wie Speere, solche Blicke konnt’ er schießen.

Einst brach sein Schwert; er riß die Kuppel los,

Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.

Ich war nur immer froh, daß flügellos,

Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde:

Denn nie hab’ ich gesehn, daß aus der Schlacht

Er eine Leber nur beiseit’ gebracht.

An einem Sommertag, – heut sind es grad

Zweihundertfünfzehn Jahr, es lief die Schnat

Am Damme drüben damals bei den Föhren –

Da konnte man ein frisch Drommeten hören,

Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei,

Radschlagen sah man Reuter von den Rossen,

Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei;

Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,

Granat’ und Wachtel liefen kunterbunt

Wie junge Kiebitze am sand’gen Grund.

Ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch

Man überschauen konnte recht mit Fug;

Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,

Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden,

Hat seinen Stab geschwungen so und so;

Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten –

Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh’,

Es knallte, daß ich bin zu Fall geraten,

Und als kopfüber ich vom Galgen schoß,

Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß.

Mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl’, ich schwang

Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang;

Entlang die Heide fuhr ich mit Gekrächze.

Am Grunde, welch Geschrei, Geschnaub’, Geächze!

Die Rosse wälzten sich und zappelten,

Todwunde zuckten auf, Landsknecht’ und Reuter

Knirschten den Sand, da näher trappelten

Schwadronen, manche krochen winselnd weiter,

Und mancher hat noch einen Stich versucht,

Als über ihn der Bayer weggeflucht.

Noch lange haben sie getobt, geknallt,

Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;

Doch als die Sonne färbt’ der Föhren Spalten,

Ha welch ein köstlich Mahl ward da gehalten!

Kein Geier schmaust, kein Weihe je so reich!

In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,

Das gab ein Hacken, Picken, Leich auf Leich –

Allein der Halberstadt war nicht darunter:

Nicht kam er heut, noch sonst mir zu Gesicht,

Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.«

Sie zuckt die Klaue, kraut den Schopf,

Und streckt behaglich sich im Bade;

Da streckt ein grauer Herr den Kopf,

Weit älter, als die Scheh’razade.

»Ha«, krächzt er, »das war wüste Zeit, –

Da gab’s nicht Frauen, wie vor Jahren,

Als Ritter mit dem Kreuz gefahren,

Und man die Münster hat geweiht!«

Er hustet, speit ein wenig Sand und Ton,

Dann hebt er an, ein grauer Seladon:

»Und wenn er kühn, so war sie schön,

Die heil’ge Frau im Ordenskleide!

Ihr mocht’ der Weihel süßer stehn,

Als andern Güldenstück und Seide.

Kaum war sie holder an dem Tag,

Da ihr jungfräulich Haar man fällte,

Als ich ans Kirchenfenster schnellte,

Und schier Tobias’ Hündlein brach.

Da stand die alte Gräfin, stand

Der alte Graf, geduldig harrend;

Er aufs Barettlein in der Hand,

Sie fest aufs Paternoster starrend;

Ehrbar, wie bronzen sein Gesicht –

Und aus der Mutter Wimpern glitten

Zwei Tränen auf der Schaube Mitten,

Doch ihre Lippe zuckte nicht.

Und sie in ihrem Sammetkleid,

Von Perlen und Juwel umfunkelt,

Bleich war sie, aber nicht von Leid,

Ihr Blick doch nicht von Gram umdunkelt.

So mild hat sie das Haupt gebeugt,

Als woll’ auf den Altar sie legen

Des Haares königlichen Segen,

Vom Antlitz ging ein süß Geleucht.

Doch als nun, wie am Blutgerüst,

Ein Mann die Seidenstränge packte,

Da faßte mich ein wild Gelüst,

Ich schlug die Scheiben, daß es knackte,

Und flattert’ fort, als ob der Stahl

Nach meinem Nacken wolle zücken.

Ja wahrlich, über Kopf und Rücken

Fühlt’ ich den ganzen Tag mich kahl!

Und später sah ich manche Stund

Sie betend durch den Kreuzgang schreiten,

Ihr süßes Auge übern Grund

Entlang die Totenlager gleiten;

Ins Quadrum flog ich dann herab,

Spazierte auf dem Leichensteine,

Sang, oder suchte auch zum Scheine

Nach einem Regenwurm am Grab.

Wie sie gestorben, weiß ich nicht;

Die Fenster hatte man verhangen,

Ich sah am Vorhang nur das Licht

Und hörte, wie die Schwestern sangen;

Auch hat man keinen Stein geschafft

Ins Quadrum, doch ich hörte sagen,

Daß manchem Kranken Heil getragen

Der sel’gen Frauen Wunderkraft.

Ein Loch gibt es am Kirchenend’,

Da kann man ins Gewölbe schauen,

Wo matt die ew’ge Lampe brennt,

Steinsärge ragen, fein gehauen;

Da streck’ ich oft im Dämmergrau

Den Kopf durchs Gitter, klage, klage

Die Schlafende im Sarkophage,

So hold, wie keine Krähenfrau!«

Er schließt die Augen, stößt ein lang »Krahah!«

Gestreckt die Zunge und den Schnabel offen;

Matt, flügelhängend, ein zertrümmert Hoffen,

Ein Bild gebrochnen Herzens sitzt er da. –

Da schnarrt es über ihm: »Ihr Narren all!«

Und nieder von der Fichte plumpt der Rabe:

»Ist einer hier, der hörte von Walhall,

Von Teut und Thor, und von dem Hünengrabe?

Saht ihr den Opferstein« – da mit Gekrächz

Hebt sich die Schar und klatscht entlang den Hügel.

Der Rabe blinzt, er stößt ein kurz Geächz,

Die Federn sträubend wie ein zorn’ger Igel;

Dann duckt er nieder, kraut das kahle Ohr,

Noch immer schnarrend fort von Teut und Thor. –

Das Hirtenfeuer

Dunkel, dunkel im Moor,

Über der Heide Nacht,

Nur das rieselnde Rohr

Neben der Mühle wacht,

Und an des Rades Speichen

Schwellende Tropfen schleichen.

Unke kauert im Sumpf,

Igel im Grase duckt,

In dem modernden Stumpf

Schlafend die Kröte zuckt,

Und am sandigen Hange

Rollt sich fester die Schlange.

Was glimmt dort hinterm Ginster,

Und bildet lichte Scheiben?

Nun wirft es Funkenflinster,

Die löschend niederstäuben;

Nun wieder alles dunkel –

Ich hör’ des Stahles Picken,

Ein Knistern, ein Gefunkel –

Und auf die Flammen zücken.

Und Hirtenbuben hocken

Im Kreis’ umher, sie strecken

Die Hände, Torfes Brocken

Seh ich die Lohe lecken;

Da bricht ein starker Knabe

Aus des Gestrippes Windel,

Und schleifet nach im Trabe

Ein wüst Wacholderbündel.

Er läßt’s am Feuer kippen –

Hei, wie die Buben johlen,

Und mit den Fingern schnippen

Die Funken-Girandolen!

Wie ihre Zipfelmützen

Am Ohre lustig flattern,

Und wie die Nadeln spritzen,

Und wie die Äste knattern!

Die Flamme sinkt, sie hocken

Aufs neu’ umher im Kreise,

Und wieder fliegen Brocken,

Und wieder schwelt es leise;

Glührote Lichter streichen

An Haarbusch und Gesichte,

Und schier Dämonen gleichen

Die kleinen Heidewichte.

Der da, der Unbeschuhte,

Was streckt er in das Dunkel

Den Arm wie eine Rute,

Im Kreise welch Gemunkel?

Sie spähn wie junge Geier

Von ihrer Ginsterschütte:

Hah, noch ein Hirtenfeuer,

Recht an des Dammes Mitte!

Man sieht es eben steigen

Und seine Schimmer breiten,

Den wirren Funkenreigen

Übern Wacholder gleiten;

Die Buben flüstern leise,

Sie räuspern ihre Kehlen,

Und alte Heideweise

Verzittert durch die Schmelen.

»Helo, heloe!

Heloe, loe!

Komm du auf unsre Heide,

Wo ich meine Schäflein weide,

Komm, o komm in unser Bruch,

Da gibt’s der Blümelein genug, –

Helo, heloe!«

Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann,

Und leise durch den Ginster zieht’s heran:

Gegenstrophe

»Helo, heloe!

Ich sitze auf dem Walle,

Meine Schäflein schlafen alle,

Komm, o komm in unsern Kamp,

Da wächst das Gras wie Brahm so lang! –

Helo, heloe!

Heloe, loe!«

Der Heidemann1

»Geht, Kinder, nicht zu weit ins Bruch,

Die Sonne sinkt, schon surrt den Flug

Die Biene matter, schlafgehemmt,

Am Grunde schwimmt ein blasses Tuch,

Der Heidemann kömmt!« –

Die Knaben spielen fort am Raine,

Sie rupfen Gräser, schnellen Steine,

Sie plätschern in des Teiches Rinne,

Erhaschen die Phalän’ am Ried,

Und freun sich, wenn die Wasserspinne

Langbeinig in die Binsen flieht.

»Ihr Kinder, legt euch nicht ins Gras, –

Seht, wo noch grad’ die Biene saß,

Wie weißer Rauch die Glocken füllt.

Scheu aus dem Busche glotzt der Has,

Der Heidemann schwillt!« –

Kaum hebt ihr schweres Haupt die Schmele

Noch aus dem Dunst, in seine Höhle

Schiebt sich der Käfer und am Halme

Die träge Motte höher kreucht,

Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme,

Der unter ihre Flügel steigt.

»Ihr Kinder, haltet euch bei Haus,

Lauft ja nicht in das Bruch hinaus;

Seht, wie bereits der Dorn ergraut,

Die Drossel ächzt zum Nest hinaus,

Der Heidemann braut!« –

Man sieht des Hirten Pfeife glimmen,

Und vor ihm her die Herde schwimmen,

Wie Proteus seine Robbenscharen

Heimschwemmt im grauen Ozean.

Am Dach die Schwalben zwitschernd fahren

Und melancholisch kräht der Hahn.

»Ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht,

Seht, wie die feuchte Nebelschicht

Schon an des Pförtchens Klinke reicht;

Am Grunde schwimmt ein falsches Licht,

Der Heidemann steigt!« –

Nun strecken nur der Föhren Wipfel

Noch aus dem Dunste grüne Gipfel,

Wie übern Schnee Wacholderbüsche;

Ein leises Brodeln quillt im Moor,

Ein schwaches Schrillen, ein Gezische

Dringt aus der Niederung hervor.

»Ihr Kinder, kommt, kommt schnell herein,

Das Irrlicht zündet seinen Schein,

Die Kröte schwillt, die Schlang’ im Ried;

Jetzt ist’s unheimlich draußen sein,

Der Heidemann zieht!« –

Nun sinkt die letzte Nadel, rauchend

Zergeht die Fichte, langsam tauchend

Steigt Nebelschemen aus dem Moore,

Mit Hünenschritten gleitet’s fort;

Ein irres Leuchten zuckt im Rohre,

Der Krötenchor beginnt am Bord.

Und plötzlich scheint ein schwaches Glühen

Des Hünen Glieder zu durchziehen;

Es siedet auf, es färbt die Wellen,

Der Nord, der Nord entzündet sich –

Glutpfeile, Feuerspeere schnellen,

Der Horizont ein Lavastrich!

»Gott gnad’ uns! wie es zuckt und dräut,

Wie’s schwelet an der Dünenscheid’! –

Ihr Kinder, faltet eure Händ’,

Das bringt uns Pest und teure Zeit –

Der Heidemann brennt!« –

Fußnoten

1 Hier nicht das bekannte Gespenst, sondern die Nebelschicht, die sich zur Herbst- und Frühlingszeit abends über den Heidegrund legt.

Das Haus in der Heide

Wie lauscht, vom Abendschein umzuckt,

Die strohgedeckte Hütte,

– Recht wie im Nest der Vogel duckt, –

Aus dunkler Föhren Mitte.

Am Fensterloche streckt das Haupt

Die weißgestirnte Sterke,

Bläst in den Abendduft und schnaubt

Und stößt ans Holzgewerke.

Seitab ein Gärtchen, dornumhegt,

Mit reinlichem Gelände,

Wo matt ihr Haupt die Glocke trägt,

Aufrecht die Sonnenwende.

Und drinnen kniet ein stilles Kind,

Das scheint den Grund zu jäten,

Nun pflückt sie eine Lilie lind

Und wandelt längs den Beeten.

Am Horizonte Hirten, die

Im Heidekraut sich strecken,

Und mit des Aves Melodie

Träumende Lüfte wecken.

Und von der Tenne ab und an

Schallt es wie Hammerschläge,

Der Hobel rauscht, es fällt der Span,

Und langsam knarrt die Säge.

Da hebt der Abendstern gemach

Sich aus den Föhrenzweigen,

Und grade ob der Hütte Dach

Scheint er sich mild zu neigen.

Es ist ein Bild, wie still und heiß

Es alte Meister hegten,

Kunstvolle Mönche, und mit Fleiß

Es auf den Goldgrund legten.

Der Zimmermann – die Hirten gleich

Mit ihrem frommen Liede –

Die Jungfrau mit dem Lilienzweig –

Und rings der Gottesfriede.

Des Sternes wunderlich Geleucht

Aus zarten Wolkenfloren –

Ist etwa hier im Stall vielleicht

Christkindlein heut geboren?

Der Knabe im Moor

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt,

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind –

Was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstige Gräberknecht,

Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

Unheimlich nicket die Föhre,

Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

Das ist die gebannte Spinnlenor’,

Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,

Voran als woll’ es ihn holen;

Vor seinem Fuße brodelt es auf,

Es pfeift ihm unter den Sohlen

Wie eine gespenstige Melodei;

Das ist der Geigemann ungetreu

Das ist der diebische Fiedler Knauf,

Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht

Hervor aus der klaffenden Höhle;

Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

»Ho, ho, meine arme Seele!«

Der Knabe springt wie ein wundes Reh,

Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,

Seine bleichenden Knöchelchen fände spät

Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,

Und drüben, neben der Weide,

Die Lampe flimmert so heimatlich,

Der Knabe steht an der Scheide.

Tief atmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,

O schaurig war’s in der Heide!

Fels, Wald und See

Die Elemente

Luft

Der Morgen, der Jäger

Wo die Felsenlager stehen,

Sich des Schnees Daunen blähen,

Auf des Chimborasso Höhen

Ist der junge Strahl erwacht;

Regt und dehnt die ros’gen Glieder,

Schüttelt dann sein Goldgefieder,

Mit dem Flimmerauge nieder

Blinzt er in des Tales Schacht.

Hörst du wie es fällt und steigt?

Fühlst du wie es um dich streicht?

Dringt zu dir im weichen Duft

Nicht der Himmelsodem – Luft?

Ins frische Land der Jäger tritt:

»Gegrüßt du fröhlicher Morgen!

Gegrüßt du Sonn’, mit dem leichten Schritt

Wir beiden ziehn ohne Sorgen.

Und dreimal gegrüßt mein Geselle Wind,

Der stets mir wandelt zur Seite,

Im Walde flüstert durch Blätter lind,

Zur Höh’ gibt springend Geleite.

Und hat die Gems, das listige Tier,

Mich verlockt in ihr zackiges Felsrevier,

Wie sind wir drei dann so ganz allein,

Du, Luft, und ich, und der uralte Stein!«

Wasser

Der Mittag, der Fischer

Alles still ringsum –

Die Zweige ruhen, die Vögel sind stumm.

Wie ein Schiff, das im vollen Gewässer brennt,

Und das die Windsbraut jagt,

So durch den Azur die Sonne rennt,

Und immer flammender tagt.

Natur schläft – ihr Odem steht,

Ihre grünen Locken hangen schwer,

Nur auf und nieder ihr Pulsschlag geht

Ungehemmt im heiligen Meer.

Jedes Räupchen sucht des Blattes Hülle,

Jeden Käfer nimmt sein Grübchen auf;

Nur das Meer liegt frei in seiner Fülle,

Und blickt zum Firmament hinauf.

In der Bucht wiegt ein Kahn,

Ausgestreckt der Fischer drin,

Und die lange Wasserbahn

Schaut er träumend überhin.

Neben ihm die Zweige hängen,

Unter ihm die Wellchen drängen,

Plätschernd in der blauen Flut

Schaukelt seine heiße Hand:

»Wasser«, spricht er, »Welle gut,

Hauchst so kühlig an den Strand.

Du, der Erde köstlich Blut,

Meinem Blute nah verwandt,

Sendest deine blanken Wellen,

Die jetzt kosend um mich schwellen,

Durch der Mutter weites Reich,

Börnlein, Strom und glatter Teich,

Und an meiner Hütte gleich

Schlürf’ ich dein geläutert Gut,

Und du wirst mein eignes Blut,

Liebe Welle! heil’ge Flut!« –

Leiser plätschernd schläft er ein,

Und das Meer wirft seinen Schein

Um Gebirg und Feld und Hain;

Und das Meer zieht seine Bahn

Um die Welt und um den Kahn.

Erde

Der Abend, der Gärtner

Rötliche Flöckchen ziehen

Über die Berge fort,

Und wie Purpurgewänder,

Und wie farbige Bänder

Flattert es hier und dort

In der steigenden Dämmrung Hort.

Gleich einem Königsgarten,

Den verlassen die Fürstin hoch –

Nur in der Kühle ergehen

Und um die Beete sich drehen

Flüsternd ein paar Hoffräulein noch.

Da des Himmels Vorhang sinkt,

Öffnet sich der Erde Brust,

Leise, leise Kräutlein trinkt,

Und entschlummert unbewußt;

Und sein furchtsam Wächterlein,

Würmchen mit dem grünen Schein,

Zündet an dem Glühholz sein

Leuchtchen klein.

Der Gärtner, über die Blumen gebeugt,

Spürt an der Sohle den Tau,

Gleich vom nächsten Halme er streicht

Lächelnd die Tropfen lau;

Geht noch einmal entlang den Wall,

Prüft jede Knospe genau und gut:

»Schlaft denn«, spricht er, »ihr Kindlein all,

Schlafet! ich laß euch der Mutter Hut;

Liebe Erde! mir sind die Wimper schwer,

Hab’ die letzte Nacht durchwacht,

Breit wohl deinen Taumantel um sie her,

Nimm wohl mir die Kleinen in acht.«

Feuer

Die Nacht, der Hammerschmied

Dunkel! All Dunkel schwer!

Wie Riesen schreiten Wolken her –

Über Gras und Laub,

Wirbelt’s wie schwarzer Staub;

Hier und dort ein grauer Stamm;

Am Horizont des Berges Kamm

Hält die gespenstige Wacht,

Sonst alles Nacht – Nacht – nur Nacht.

Was blitzt dort auf? – ein roter Stern –

Nun scheint es nah, nun wieder fern;

Schau! wie es zuckt und zuckt und schweift,

Wie’s ringelnd gleich der Schlange pfeift.

Nun am Gemäuer klimmt es auf,

Unwillig wirft’s die Asch’ hinauf,

Und wirbelnd überm Dach hervor

Die Funkensäule steigt empor.

Und dort der Mann im ruß’gen Kleid,

– Sein Angesicht ist bleich und kalt,

Ein Bild der listigen Gewalt –

Wie er die Flamme dämpft und facht,

Und hält den Eisenblock bereit!

Den soll ihm die gefangne Macht,

Die wilde hartbezähmte Glut

Zermalmen gleich in ihrer Wut.

Schau, wie das Feuer sich zersplittert!

Wie’s tückisch an der Kohle knittert!

Lang aus die rote Kralle streckt

Und nach dem Kerkermeister reckt!

Wie’s vor verhaltnem Grimme zittert:

»O, hätt’ ich dich, o könnte ich

Mit meinen Klauen fassen dich!

Ich lehrte dich den Unterschied

Von dir zu Elementes Zier,

An deinem morschen, staub’gen Glied,

Du ruchlos Menschentier!«

Die Schenke am See

An Levin S.

Ist’s nicht ein heitrer Ort, mein junger Freund,

Das Kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,

Wo so possierlich uns der Wirt erscheint,

So übermächtig sich die Landschaft breitet;

Wo uns ergötzt im neckischen Kontrast

Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,

Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,

Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

Sitz nieder. – Trauben! – und behend erscheint

Zopfwedelnd der geschäftige Pygmäe;

O sieh, wie die verletzte Beere weint

Blutige Tränen um des Reifes Nähe;

Frisch greif in die kristallne Schale, frisch,

Die saftigen Rubine glühn und locken;

Schon fühl’ ich an des Herbstes reichem Tisch

Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,

Und ich, ich will an deiner lieben Seite

Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.

Schau her, schau drüben in die Näh’ und Weite;

Wie uns zur Seite sich der Felsen bäumt,

Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen,

Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt,

Als könnten wir im Schwunge drüber streifen!

Hörst du das Alphorn überm blauen See?

So klar die Luft, mich dünkt ich seh den Hirten

Heimzügeln von der duftbesäumten Höh’ –

War’s nicht als ob die Rinderglocken schwirrten?

Dort, wo die Schlucht in das Gestein sich drängt –

Mich dünkt ich seh den kecken Jäger schleichen;

Wenn eine Gemse an der Klippe hängt,

Gewiß, mein Auge müßte sie erreichen.

Trink aus! – die Alpen liegen stundenweit,

Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,

Wo Träume lagern langverschollner Zeit,

Seltsame Mär und zorn’ge Abenteuer.

Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau

Zu grübeln über dunkler Taten Reste;

Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau

Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

Sieh drunten auf dem See im Abendrot

Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;

Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,

Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;

Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!

Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;

Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf –

Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

Noch einen Blick dem segensreichen Land,

Den Hügeln, Auen, üpp’gem Wellenrauschen,

Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand

Freundliche Augen unserm Pfade lauschen;

Brich auf! – da haspelt in behendem Lauf

Das Wirtlein Abschied wedelnd uns entgegen:

»– Geruh’ge Nacht – stehn’s nit zu zeitig auf! –«

Das ist der lust’gen Schwaben Abendsegen.

Am Turme

Ich steh auf hohem Balkone am Turm,

Umstrichen vom schreienden Stare,

Und laß gleich einer Mänade den Sturm

Mir wühlen im flatternden Haare;

O wilder Geselle, o toller Fant,

Ich möchte dich kräftig umschlingen,

Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand

Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh ich am Strand, so frisch

Wie spielende Doggen, die Wellen

Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,

Und glänzende Flocken schnellen.

O, springen möcht’ ich hinein alsbald,

Recht in die tobende Meute,

Und jagen durch den korallenen Wald

Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn

So keck wie eine Standarte,

Seh auf und nieder den Kiel sich drehn

Von meiner luftigen Warte;

O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,

Das Steuerruder ergreifen,

Und zischend über das brandende Riff

Wie eine Seemöwe streifen.

Wär’ ich ein Jäger auf freier Flur,

Ein Stück nur von einem Soldaten,

Wär’ ich ein Mann doch mindestens nur,

So würde der Himmel mir raten;

Nun muß ich sitzen so fein und klar,

Gleich einem artigen Kinde,

Und darf nur heimlich lösen mein Haar,

Und lassen es flattern im Winde!

Das öde Haus

Tiefab im Tobel liegt ein Haus,

Zerfallen nach des Försters Tode,

Dort ruh ich manche Stunde aus,

Vergraben unter Rank’ und Lode;

‘s ist eine Wildnis, wo der Tag

Nur halb die schweren Wimper lichtet;

Der Felsen tiefe Kluft verdichtet

Ergrauter Äste Schattenhag.

Ich horche träumend, wie im Spalt

Die schwarzen Fliegen taumelnd summen,

Wie Seufzer streifen durch den Wald,

Am Strauche irre Käfer brummen;

Wenn sich die Abendröte drängt

An sickernden Geschiefers Lauge,

Dann ist’s als ob ein trübes Auge,

Ein rotgeweintes drüber hängt.

Wo an zerrißner Laube Joch

Die langen magern Schossen streichen,

An wildverwachsner Hecke noch

Im Moose Nelkensprossen schleichen,

Dort hat vom tröpfelnden Gestein

Das dunkle Naß sich durchgesogen,

Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,

Und sinkt am Fenchelstrauche ein.

Das Dach, von Moose überschwellt,

Läßt einzle Schober niederragen,

Und eine Spinne hat ihr Zelt

Im Fensterloche aufgeschlagen;

Da hängt, ein Blatt von zartem Flor,

Der schillernden Libelle Flügel,

Und ihres Panzers goldner Spiegel

Ragt kopflos am Gesims hervor.

Zuweilen hat ein Schmetterling

Sich gaukelnd in der Schlucht gefangen,

Und bleibt sekundenlang am Ring

Der kränkelnden Narzisse hangen;

Streicht eine Taube durch den Hain,

So schweigt am Tobelrand ihr Girren,

Man höret nur die Flügel schwirren

Und sieht den Schatten am Gestein.

Und auf dem Herde, wo der Schnee

Seit Jahren durch den Schlot geflogen,

Liegt Aschenmoder feucht und zäh,

Von Pilzes Glocken überzogen;

Noch hängt am Mauerpflock ein Rest

Verwirrten Wergs, das Seil zu spinnen,

Wie halbvermorschtes Haar und drinnen

Der Schwalbe überjährig Nest.

Und von des Balkens Haken nickt

Ein Schellenband an Schnall’ und Riemen,

Mit grober Wolle ist gestickt

»Diana« auf dem Lederstriemen;

Ein Pfeifchen auch vergaß man hier,

Als man den Tannensarg geschlossen;

Den Mann begrub man, tot geschossen

Hat man das alte treue Tier.

Sitz’ ich so einsam am Gesträuch

Und hör’ die Maus im Laube schrillen,

Das Eichhorn blafft von Zweig zu Zweig,

Am Sumpfe läuten Unk’ und Grillen –

Wie Schauer überläuft’s mich dann,

Als hör’ ich klingeln noch die Schellen,

Im Walde die Diana bellen

Und pfeifen noch den toten Mann.

Im Moose

Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land

Der Dämmrung leise Boten hat gesandt,

Da lag ich einsam noch in Waldes Moose.

Die dunklen Zweige nickten so vertraut,

An meiner Wange flüsterte das Kraut,

Unsichtbar duftete die Heiderose.

Und flimmern sah ich, durch der Linde Raum,

Ein mattes Licht, das im Gezweig der Baum

Gleich einem mächt’gen Glühwurm schien zu tragen.

Es sah so dämmernd wie ein Traumgesicht,

Doch wußte ich, es war der Heimat Licht,

In meiner eignen Kammer angeschlagen.

Ringsum so still, daß ich vernahm im Laub

Der Raupe Nagen, und wie grüner Staub

Mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen.

Ich lag und dachte, ach so manchem nach,

Ich hörte meines eignen Herzens Schlag,

Fast war es mir als sei ich schon entschlafen.

Gedanken tauchten aus Gedanken auf,

Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf,

Gesichter, die mir lange fremd geworden;

Vergeßne Töne summten um mein Ohr,

Und endlich trat die Gegenwart hervor,

Da stand die Welle, wie an Ufers Borden.

Dann, gleich dem Bronnen, der verrinnt im Schlund,

Und drüben wieder sprudelt aus dem Grund,

So stand ich plötzlich in der Zukunft Lande;

Ich sah mich selber, gar gebückt und klein,

Geschwächten Auges, am ererbten Schrein

Sorgfältig ordnen staub’ge Liebespfande.

Die Bilder meiner Lieben sah ich klar,

In einer Tracht, die jetzt veraltet war,

Mich sorgsam lösen aus verblichnen Hüllen,

Löckchen, vermorscht, zu Staub zerfallen schier,

Sah über die gefurchte Wange mir

Langsam herab die karge Träne quillen.

Und wieder an des Friedhofs Monument,

Dran Namen standen die mein Lieben kennt,

Da lag ich betend, mit gebrochnen Knieen,

Und – horch, die Wachtel schlug! Kühl strich der Hauch –

Und noch zuletzt sah ich, gleich einem Rauch,

Mich leise in der Erde Poren ziehen.

Ich fuhr empor, und schüttelte mich dann,

Wie einer, der dem Scheintod erst entrann,

Und taumelte entlang die dunklen Hage,

Noch immer zweifelnd, ob der Stern am Rain

Sei wirklich meiner Schlummerlampe Schein,

Oder das ew’ge Licht am Sarkophage.

Am Bodensee

Über Gelände, matt gedehnt,

Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt,

Müde, müde die Luft am Strande stöhnt,

Wie ein Roß, das den schlafenden Reiter trägt;

Im Fischerhause kein Lämpchen brennt,

Im öden Turme kein Heimchen schrillt,

Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt

In dem zitternden Element.

Ich hör’ es wühlen am feuchten Strand,

Mir unterm Fuße es wühlen fort,

Die Kiesel knistern, es rauscht der Sand,

Und Stein an Stein entbröckelt dem Bord.

An meiner Sohle zerfährt der Schaum,

Eine Stimme klaget im hohlen Grund,

Gedämpft, mit halbgeschlossenem Mund,

Wie des grollenden Wetters Traum.

Ich beuge lauschend am Turme her,

Sprühregenflitter fährt in die Höh’,

Ha, meine Locke ist feucht und schwer!

Was treibst du denn, unruhiger See?

Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn?

Doch nein, du schläfst, ich seh es genau,

Dein Auge decket die Wimper grau,

Am Ufer schlummert der Kahn.

Hast du so vieles, so vieles erlebt,

Daß dir im Traume es kehren muß,

Daß deine gleißende Nerv’ erbebt,

Naht ihr am Strand eines Menschen Fuß?

Dahin, dahin! die einst so gesund,

So reich und mächtig, so arm und klein,

Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein

Liegt zerflossen auf deinem Grund.

Der Ritter, so aus der Burg hervor

Vom Hange trabte in aller Früh;

– Jetzt nickt die Esche vom grauen Tor,

Am Zwinger zeichnet die Mylady. –

Das arme Mütterlein, das gebleicht

Sein Leichenhemde den Strand entlang,

Der Kranke, der seinen letzten Gang

An deinem Borde gekeucht;

Das spielende Kind, das neckend hier

Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat,

Die glühende Braut, die lächelnd dir

Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt;

Der Sänger, der mit trunkenem Aug’

Das Metrum geplätschert in deiner Flut,

Der Pilger, so am Gesteine geruht,

Sie alle dahin wie Rauch!

Bist du so fromm, alte Wasserfei,

Hältst nur umschlungen, läßt nimmer los?

Hat sich aus dem Gebirge die Treu’

Geflüchtet in deinen heiligen Schoß?

O, schau mich an! ich zergeh wie Schaum,

Wenn aus dem Grabe die Distel quillt,

Damm zuckt mein längst zerfallenes Bild

Wohl einmal durch deinen Traum!

Das alte Schloß

Auf der Burg haus’ ich am Berge,

Unter mir der blaue See,

Höre nächtlich Koboldzwerge,

Täglich Adler aus der Höh’,

Und die grauen Ahnenbilder

Sind mir Stubenkameraden,

Wappentruh’ und Eisenschilder

Sofa mir und Kleiderladen.

Schreit’ ich über die Terrasse

Wie ein Geist am Runenstein,

Sehe unter mir die blasse

Alte Stadt im Mondenschein,

Und am Walle pfeift es weidlich,

– Sind es Käuze oder Knaben? –

Ist mir selber oft nicht deutlich,

Ob ich lebend, ob begraben!

Mir genüber gähnt die Halle,

Grauen Tores, hohl und lang,

Drin mit wunderlichem Schalle

O Langsam dröhnt ein schwerer Gang;

Mir zur Seite Riegelzüge,

Ha, ich öffne, laß die Lampe

Scheinen auf der Wendelstiege

Lose modergrüne Rampe,

Die mich lockt wie ein Verhängnis,

Zu dem unbekannten Grund;

Ob ein Brunnen? ob Gefängnis?

Keinem Lebenden ist’s kund;

Denn zerfallen sind die Stufen,

Und der Steinwurf hat nicht Bahn,

Doch als ich hinab gerufen,

Donnert’s fort wie ein Orkan.

Ja, wird mir nicht baldigst fade

Dieses Schlosses Romantik,

In den Trümmern, ohne Gnade,

Brech’ ich Glieder und Genick;

Denn, wie trotzig sich die Düne

Mag am flachen Strande heben,

Fühl’ ich stark mich wie ein Hüne,

Von Zerfallendem umgeben.

Der Säntis1

Frühling

Die Rebe blüht, ihr linder Hauch

Durchzieht das tauige Revier,

Und nah’ und ferne wiegt die Luft

Vielfarb’ger Blumen bunte Zier.

Wie’s um mich gaukelt, wie es summt

Von Vogel, Bien’ und Schmetterling,

Wie seine seidnen Wimpel regt

Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.

Noch sucht man gern den Sonnenschein

Und nimmt die trocknen Plätzchen ein;

Denn nachts schleicht an die Grenze doch

Der landesflücht’ge Winter noch.

O du mein ernst gewalt’ger Greis,

Mein Säntis mit der Locke weiß!

In Felsenblöcke eingemauert,

Von Schneegestöber überschauert,

In Eisespanzer eingeschnürt:

Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!

Fußnoten

1 Die höchste Kuppe des Alpsteins, der sich durch die Kantone St. Gallen und Appenzell streckt.

Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!

Ein wenig Luft, ein schwacher West!

Wo nicht, dann schließe dein Gezweig

So recht, daß Blatt an Blatt sich preßt.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;

Allein die bunte Fliegenbrut

Summt auf und nieder übern Rain

Und läßt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub

Erscheint verdickt und atmet Staub.

Ich liege hier wie ausgedorrt

Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg’ ich doch

Dort, – grad’ an deinem Felsenjoch,

Wo sich die kalten, weißen Decken

So frisch und saftig drüben strecken,

Viel tausend blanker Tropfen Spiel;

Glücksel’ger Säntis, dir ist kühl!

Herbst

Wenn ich an einem schönen Tag

Der Mittagsstunde habe acht,

Und lehne unter meinem Baum

So mitten in der Trauben Pracht:

Wenn die Zeitlose übers Tal

Den amethistnen Teppich webt,

Auf dem der letzte Schmetterling

So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk’ ich wenig drüber nach,

Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,

Und kann mit halbverschlossnem Blick

Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee,

Du tust mir in den Augen weh!

Willst uns den Winter schon bereiten:

Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,

Und bald, bald wälzt er sich herab

Von dir, o Säntis! ödes Grab!

Winter

Aus Schneegestäub’ und Nebelqualm

Bricht endlich doch ein klarer Tag;

Da fliegen alle Fenster auf,

Ein jeder späht, was er vermag.

Ob jene Blöcke Häuser sind?

Ein Weiher jener ebne Raum?

Fürwahr, in dieser Uniform

Den Glockenturm erkennt man kaum;

Und alles Leben liegt zerdrückt,

Wie unterm Leichentuch erstickt.

Doch schau! an Horizontes Rand

Begegnet mir lebend’ges Land.

Du starrer Wächter, laß ihn los

Den Föhn aus deiner Kerker Schoß!

Wo schwärzlich jene Riffe spalten,

Da muß er Quarantäne halten,

Der Fremdling aus der Lombardei;

O Säntis, gib den Tauwind frei!

Am Weiher

Ein milder Wintertag

An jenes Waldes Enden,

Wo still der Weiher liegt

Und längs den Fichtenwänden

Sich lind Gemurmel wiegt:

Wo in der Sonnenhelle,

So matt und kalt sie ist,

Doch immerfort die Welle

Das Ufer flimmernd küßt:

Da weiß ich, schön zum Malen,

Noch eine schmale Schlucht,

Wo all’ die kleinen Strahlen

Sich fangen in der Bucht;

Ein trocken, windstill Eckchen,

Und so an Grüne reich,

Daß auf dem ganzen Fleckchen

Mich kränkt kein dürrer Zweig.

Will ich den Mantel dichte

Nun legen übers Moos,

Mich lehnen an die Fichte,

Und dann auf meinen Schoß

Gezweig’ und Kräuter breiten,

So gut ich’s finden mag:

Wer will mir’s übel deuten,

Spiel’ ich den Sommertag?

Will nicht die Grille hallen,

So säuselt doch das Ried;

Sind stumm die Nachtigallen,

So sing’ ich selbst ein Lied.

Und hat Natur zum Feste

Nur wenig dargebracht:

Die Lust ist stets die beste,

Die man sich selber macht.

Ein harter Wintertag

Daß ich dich so verkümmert seh,

Mein lieb lebend’ges Wasserreich,

Daß ganz versteckt in Eis und Schnee

Du siehst der plumpen Erde gleich;

Auch daß voll Reif und Schollen hängt

Dein überglaster Fichtengang:

Das ist es nicht, was mich beengt,

Geh ich an deinem Bord entlang.

Zwar in der immer grünen Zier

Erschienst, o freundlich Element,

Du ähnlich den Oasen mir,

Die des Arabers Sehnsucht kennt;

Wenn neben der verdorrten Flur

Erblühten deine Moose noch,

Wenn durch die schweigende Natur

Erklangen deine Wellen doch.

Allein auch heute wollt’ ich gern

Mich des kristallnen Flimmers freun,

Belauschen jeden Farbenstern

Und keinen Sommertag bereun:

Wär’ nicht dem Ufer längs, so breit,

Die glatte Schlittenbahn gefegt,

Worauf sich wohl zur Mittagszeit

Gar manche rüst’ge Ferse regt.

Bedenk’ ich nun, wie manches Jahr

Ich nimmer eine Eisbahn sah:

Wohl wird mir’s trüb und wunderbar,

Und tausend Bilder treten nah.

Was blieb an Wünschen unerfüllt,

Das nähm’ ich noch gelassen mit:

Doch ach, der Frost so manchen hüllt,

Der einst so fröhlich drüber glitt!

Fragment

Savoyen, Land beschneiter Höhn,

Wer hat dein kräftig Bild gesehn,

Wer trat in deiner Wälder Nacht,

Sah auf zu deiner Wipfel Pracht,

Wer stand an deinem Wasserfall,

Wer lauschte deiner Ströme Hall,

Und nannte dich nicht schön?

Du Land des Volks, dem Reiche weihen

Ruhmvoll den Namen des Getreuen,

Bist herrlich, wenn der Frühlingssturm

Die Berggewässer schäumend führt,

Und deiner Fichte schlanker Turm

Sich mit der jungen Nadel ziert;

Bist reizend, wenn die Sommerglut

Erzittert um den Mandelbaum;

Doch in des Herbstes goldner Flut

Du ruhst gleich dunkeln Auges Traum.

Dann treibt der Wind kein rasselnd Laub

Durch brauner Heiden Wirbelstaub;

Wie halb bezwungne Seufzer wallen,

Nur leis die zarten Nadeln fallen,

Als wagten sie zu flüstern kaum.

Der Tag bricht an; noch einsam steht

Das Sonnenrund am Firmament;

Am Strahl, der auf und nieder streicht,

Gemach der Erdbeerbaum entbrennt;

Noch will das Genzian nicht wagen

Die dunkeln Wimper aufzuschlagen;

Noch schläft die Luft im Nebeldicht.

Welch greller Schrei die Stille bricht?

Der Auerhahn begrüßt das Licht;

Er schaukelt, wiegt sich, macht sich breit,

Er putzt sein stattlich Federkleid,

Und langsam streckt ihr stumpf Gesicht

Marmotte aus hohlen Baumes Nacht:

Das Leben, Leben ist erwacht;

Die Geier pfeifen, Birkhahn ruft,

Schneehühner flattern aus der Kluft;

Die Fichten selbst, daß keiner säume,

Erzählen flüsternd sich die Träume.

Und durch Remi geht überall

Ein dumpf Gemurr von Stall zu Stall.

Gedichte vermischten Inhalts

Mein Beruf

»Was meinem Kreise mich enttrieb,

Der Kammer friedlichem Gelasse?«

Das fragt ihr mich als sei, ein Dieb,

Ich eingebrochen am Parnasse.

So hört denn, hört, weil ihr gefragt:

Bei der Geburt bin ich geladen,

Mein Recht soweit der Himmel tagt,

Und meine Macht von Gottes Gnaden.

Jetzt wo hervor der tote Schein

Sich drängt am modervollen Stumpfe,

Wo sich der schönste Blumenrain

Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe,

Der Geist, ein blutlos Meteor,

Entflammt und lischt im Moorgeschwele,

Jetzt ruft die Stunde: »Tritt hervor,

Mann oder Weib, lebend’ge Seele!

Tritt zu dem Träumer, den am Rand

Entschläfert der Datura Odem,

Der, langsam gleitend von der Wand,

Noch zucket gen den Zauberbrodem.

Und wo ein Mund zu lächeln weiß

Im Traum, ein Auge noch zu weinen,

Da schmettre laut, da flüstre leis,

Trompetenstoß und West in Hainen!

Tritt näher, wo die Sinnenlust

Als Liebe gibt ihr wüstes Ringen,

Und durch der eignen Mutter Brust

Den Pfeil zum Ziele möchte bringen,

Wo selbst die Schande flattert auf,

Ein lustiges Panier zum Siege,

Da rüttle hart:›Wach auf, wach auf,

Unsel’ger, denk an deine Wiege!

Denk an das Aug’, das überwacht

Noch eine Freude dir bereitet,

Denk an die Hand, die manche Nacht

Dein Schmerzenslager dir gebreitet,

Des Herzens denk, das einzig wund

Und einzig selig deinetwegen,

Und dann knie nieder auf den Grund

Und fleh um deiner Mutter Segen!‹

Und wo sich träumen wie in Haft

Zwei einst so glüh ersehnte Wesen,

Als hab’ ein Priesterwort die Kraft

Der Banne seligsten zu lösen,

Da flüstre leise: ›Wacht, o wacht!

Schaut in das Auge euch, das trübe,

Wo dämmernd sich Erinnrung facht‹,

Und dann: ›Wach auf, o heil’ge Liebe!‹

Und wo im Schlafe zitternd noch

Vom Opiat die Pulse klopfen,

Das Auge dürr, und gäbe doch

Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, –

O, rüttle sanft!›Verarmter, senk

Die Blicke in des Äthers Schöne,

Kos einem blonden Kind und denk

An der Begeistrung erste Träne.‹«

So rief die Zeit, so ward mein Amt

Von Gottes Gnaden mir gegeben,

So mein Beruf mir angestammt,

Im frischen Mut, im warmen Leben;

Ich frage nicht ob ihr mich nennt,

Nicht frönen mag ich kurzem Ruhme,

Doch wißt: wo die Sahara brennt,

Im Wüstensand, steht eine Blume,

Farblos und Duftes bar, nichts weiß

Sie als den frommen Tau zu hüten,

Und dem Verschmachtenden ihn leis

In ihrem Kelche anzubieten.

Vorüber schlüpft die Schlange scheu

Und Pfeile ihre Blicke regnen,

Vorüber rauscht der stolze Leu,

Allein der Pilger wird sie segnen.

Meine Toten

Wer eine ernste Fahrt beginnt,

Die Mut bedarf und frischen Wind,

Er schaut verlangend in die Weite

Nach eines treuen Auges Brand,

Nach einem warmen Druck der Hand,

Nach einem Wort, das ihn geleite.

Ein ernstes Wagen heb’ ich an,

So tret’ ich denn zu euch hinan,

Ihr meine stillen strengen Toten;

Ich bin erwacht an eurer Gruft,

Aus Wasser, Feuer, Erde, Luft,

Hat eure Stimme mir geboten.

Wenn die Natur in Hader lag,

Und durch die Wolkenwirbel brach

Ein Funke jener tausend Sonnen, –

Spracht aus der Elemente Streit

Ihr nicht von einer Ewigkeit

Und unerschöpften Lichtes Bronnen?

Am Hange schlich ich, krank und matt,

Da habt ihr mir das welke Blatt

Mit Warnungsflüstern zugetragen,

Gelächelt aus der Welle Kreis,

Habt aus des Angers starrem Eis

Die Blumenaugen aufgeschlagen.

Was meine Adern muß durchziehn,

Sah ich’s nicht flammen und verglühn,

An eurem Schreine nicht erkalten?

Vom Auge hauchtet ihr den Schein,

Ihr meine Richter, die allein

In treuer Hand die Waage halten.

Kalt ist der Druck von eurer Hand,

Erloschen eures Blickes Brand,

Und euer Laut der Öde Odem,

Doch keine andre Rechte drückt

So traut, so hat kein Aug’ geblickt,

So spricht kein Wort, wie Grabesbrodem!

Ich fasse eures Kreuzes Stab,

Und beuge meine Stirn hinab

Zu eurem Gräserhauch, dem stillen,

Zumeist geliebt, zuerst gegrüßt,

Laßt, lauter wie der Äther fließt,

Mir Wahrheit in die Seele quillen.

Katharine Schücking

Du hast es nie geahndet, nie gewußt,

Wie groß mein Lieben ist zu dir gewesen,

Nie hat dein klares Aug’ in meiner Brust

Die scheu verhüllte Runenschrift gelesen,

Wenn du mir freundlich reichtest deine Hand,

Und wir zusammen durch die Grüne wallten,

Nicht wußtest du, daß wie ein Götterpfand

Ich, wie ein köstlich Kleinod sie gehalten.

Du sahst mich nicht als ich, ein heftig Kind,

Vom ersten Kuß der jungen Muse trunken,

Im Garten kniete, wo die Quelle rinnt,

Und weinend in die Gräser bin gesunken;

Als zitternd ich gedreht der Türe Schloß,

Da ich zum ersten Mal dich sollte schauen,

Westfalens Dichterin, und wie da floß

Durch mein bewegtes Herz ein selig Grauen.

Sehr jung war ich und sehr an Liebe reich,

Begeisterung der Hauch von dem ich lebte;

Ach! manches ist zerstäubt, der Asche gleich,

Was einst als Flamme durch die Adern bebte!

Mein Blick ward klar und mein Erkennen stark,

Von seinem Throne mußte manches steigen,

Und was ich einst genannt des Lebens Mark,

Das fühlt’ ich jetzt mit frischem Stolz mein eigen.

So scheut’ ich es, als fromme Schülerin,

Dir wieder in das dunkle Aug’ zu sehen,

Ich wollte nicht vor meiner Meisterin

Hochmütig, mit bedecktem Haupte, stehen.

Auch war ich krank, mein Sinnen sehr verwirrt,

Und keinen Namen mocht’ ich sehnend nennen;

Doch hat dies deine Liebe nicht geirrt,

Du drangst zu mir nach langer Jahre Trennen.

Und als du vor mich tratest, fest und klar,

Und blicktest tief mir in der Seele Gründe,

Da ward ich meiner Schwäche wohl gewahr,

Was ich gedacht, das schien mir schwere Sünde.

Dein Bild, du Starke in der Läutrung Brand,

Stieg wie ein Phönix aus der Asche wieder,

Und tief im Herzen hab’ ich es erkannt,

Wie zehnfach größer du als deine Lieder.

Du sahst, Bescheidne, nicht, daß damals hier

Aus deinem Blick Genesung ich getrunken,

Daß deines Mundes Laute damals mir

Wie Naphtha in die Seele sind gesunken.

Ein jedes Wort, durchsichtig wie Kristall

Und kräftig gleich dem edelsten der Weine,

Schien mir zu rufen: »Auf! der Launen Ball,

Steh auf! erhebe dich, du Schwach’ und Kleine!«

Nun bist du hin! von Gottes reinstem Bild

Ist nur ein grüner Hügel uns geblieben,

Den heut umziehn die Winterstürme wild

Und die Gedanken derer, die dich lieben.

Auch hör’ ich, daß man einen Kranz gelegt

Von Lorbeer in des Grabes dunkle Moose,

Doch ich, Kathinka, widme dir bewegt

Den Efeu und die dornenvollste Rose.

Nach dem Angelus Silesius

Des Menschen Seele du, vor allem wunderbar,

Du Alles und auch Nichts, Gott, Priester und Altar,

Kein Pünktchen durch dich selbst, doch über alles Maß

Reich in geschenktem Gut, und als die Engel baß;

Denn höher steht dein Ziel, Gott ähnlich sollst du werden;

So, Seele, bist du’s schon; denn was zu Glück und Ruhm

In dir verborgen liegt, es ist dein Eigentum,

Ob unentwickelt auch, wie’s Keimlein in der Erden

Nicht minder als der Baum, und wie als Million

Nichts andres ist die Eins, bist du ihm gleich, sein Sohn,

So wie dem Tropfen Blut, der aus der Wunde quillt

Ganz ähnlich ist das Rot, das noch die Adern füllt;

Nicht Kletten trägt die Ros’, der Dornstrauch keine Reben,

Drum, Seele, stürbest du, Gott müßt den Geist aufgeben.

Ja, alles ist in dir was nur das Weltall beut,

Der Himmel und die Höll’, Gericht und Ewigkeit,

Gott ist dein Richter nicht, du mußt dir selbst verzeihn,

Sonst an des Höchsten Thron stehst du in ew’ger Pein;

Er, der dem Suchenden noch nie verlöscht die Spur,

Er hat selbst Satan nicht verdammt nach Zeit und Ort;

Des unergründlich Grab ist seine Ichheit nur:

Wär’ er des Himmels Herr, er brennte ewig fort,

Wie Gott im Höllenpfuhl wär selig für und für,

Und, Seele, bist du treu, so steht dies auch bei dir.

Also ist deine Macht auch heute schon dein eigen,

Du kannst, so oft du willst, die Himmelsleiter steigen;

Ort, Raum, sind Worte nur von Trägheit ausgedacht,

Die nicht Bedürfnis in dein Wörterbuch gebracht.

Dein Aug’ ist Blitz und Nu, dein Flug bedarf nicht Zeit,

Und im Moment ergreifst du Gott und Ewigkeit;

Allein der Sinne Schrift, die mußt du dunkel nennen,

Da dir das Werkzeug fehlt die Lettern zu erkennen;

Nur Geist’ges faßt der Geist, ihm ist der Leib zu schwer,

Du schmeckst, du fühlst, du riechst, und weißt um gar nichts mehr;

Hat nicht vom Tröpfchen Tau die Eigenschaft zu messen

Jahrtausende der Mensch vergebens sich vermessen?

Drum, plagt dich Irdisches, du hast es selbst bestellt,

Viel näher als dein Kleid ist dir die Geisterwelt!

Faßt’s nicht zuweilen dich, als müßtest in der Tat

Du über dich hinaus, das Ganze zu durchdringen,

Wie jener Philosoph um einen Punkt nur bat,

Um dann der Erde Ball aus seiner Bahn zu schwingen?

Fühlst du in Demut so, in Liebesflammen rein,

Dann ist’s der Schöpfung Mark, laß dir nicht leide sein!

Dann fühlst du dich von Gott als Wesenheit begründet,

Wie Quelle an dem Strand, wo Ozean sich ründet.

So sei denn freudig, Geist, da nichts mag größer sein,

So wirf dich in den Staub, da nichts wie du so klein!

Du Würmchen in dir selbst, doch reich durch Gottes Hort,

So schlummre, schlummre nur, mein Seelchen, schlummre fort!

Was rennst, was mühst du dich zu mehren deine Tat?

Halt nur den Acker rein, dann sprießt von selbst die Saat;

In Ruhe wohnt die Kraft, du mußt nur ruhig sein,

Durch offne Tür und Tor die Gnade lassen ein;

Dann wird aus lockerm Grund dir Myrt’ und Balsam steigen,

Er kömmt, er kömmt, dein Lieb, gibt sich der Braut zu eigen,

Mit sich der Krone Glanz, mit sich der Schlösser Pracht,

Um die sie nicht gefreit, an die sie nicht gedacht!

Gruß an Wilhelm Junkmann

Mein Lämpchen zuckt, sein Docht verglimmt,

Die Funken knistern im Kamine,

Wie eine Nebeldecke schwimmt

Es an des Saales hoher Bühne;

Im Schneegestöber schläft die Luft,

Am Scheite ist das Harz entglommen,

Mich dünkt, als spür’ ich einen Duft

Wie Weihrauch an der Gruft des Frommen.

Dies ist die Stunde, das Gemach,

Wo sich Gedanken mögen wiegen,

Verklungne Laute hallen nach,

Es dämmert in verloschnen Zügen;

Im Hirne summt es, wie ein Lied

Das mit den Flocken möchte steigen,

Und, flüsternd wie der Hauch im Ried,

An eines Freundes Locke neigen.

Schon seh ich ihn, im gelben Licht,

Das seines Ofens Flamme spielet,

Er selbst ein wunderlich Gedicht,

Begriffen schwer, doch leicht gefühlet.

Ich seh ihn, wie, die Stirn gestützt,

Er leise lächelt in Gedanken;

Wo weilen sie? wo blühen itzt

Und treiben diese zarten Ranken?

Baun sie im schlichten Heidekraut

Ihr Nestchen sich aus Immortellen?

Sind mit der Flocke sie getaut

Als Träne, wo die Gräber schwellen?

Vielleicht in fernes fernes Land

Wie Nachtigallen fortgezogen,

Oder am heil’gen Meeresstrand,

Gleich der Morgana auf den Wogen.

Ihm hat Begeistrung, ein Orkan,

Des Lebens Zedern nicht gebeuget,

Nicht sah er sie als Flamme nahn,

Die lodernd durch den Urwald steiget;

Nein, als entschlief der Morgenwind,

Am Strauche summten fromme Bienen,

Da ist der Herr im Säuseln lind

Gleich dem Elias ihm erschienen.

Und wie er sitzt, so vorgebeugt,

Die hohe Stirn vom Schein umflossen,

Das Ohr wie fremden Tönen neigt,

Und lächelt geistigen Genossen,

Ein lichter Blitz in seinem Aug’,

Wie ein verirrter Strahl aus Eden, –

Da möcht’ ich leise, leise auch

Als Äolsharfe zu ihm reden.

Junge Liebe

Über dem Brünnlein nicket der Zweig,

Waldvögel zwitschern und flöten,

Wild Anemon’ und Schlehdorn bleich

Im Abendstrahle sich röten,

Und ein Mädchen mit blondem Haar

Beugt über der glitzernden Welle,

Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,

Mit dem Auge der scheuen Gazelle.

Ringelblumen blättert sie ab:

»Liebt er, liebt er mich nimmer?«

Und wenn »liebt« das Orakel gab,

Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:

»Liebt er nicht« – o Grimm und Graus!

Daß der Himmel den Blüten gnade!

Gras und Blumen, den ganzen Strauß,

Wirft sie zürnend in die Kaskade.

Gleitet dann in die Kräuter lind,

Ihr Auge wird ernst und sinnend;

Frommer Eltern heftiges Kind,

Nur Minne nehmend und minnend,

Kannte sie nie ein anderes Band

Als des Blutes, die schüchterne Hinde;

Und nun einer, der nicht verwandt –

Ist das nicht eine schwere Sünde?

Mutlos seufzet sie niederwärts,

In argem Schämen und Grämen,

Will zuletzt ihr verstocktes Herz

Recht ernstlich in Frage nehmen.

Abenteuer sinnet sie aus:

Wenn das Haus nun stände in Flammen,

Und um Hülfe riefen heraus

Der Karl und die Mutter zusammen?

Plötzlich ein Perlenregen dicht

Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen,

In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht,

Wie das Blut der Erde zu saugen,

Ruft sie schluchzend: »Ja, ja, ja!«

Ihre kleinen Hände sich ringen,

»Retten, retten würd’ ich Mama,

Und zum Karl in die Flamme springen!«

Das vierzehnjährige Herz

Er ist so schön! – sein lichtes Haar

Das möcht’ ich mit keinem vertauschen,

Wie seidene Fäden so weich und klar,

Wenn zarte Löckchen sich bauschen;

Oft streichl’ ich es, dann lacht er traun,

Nennt mich »seine alberne Barbe«;

Es ist nicht schwarz, nicht blond, nicht braun,

Nun ratet, wie nennt sich die Farbe?

Und seine Gebärde ist königlich,

Geht majestätisch zu Herzen,

Zuckt er die Braue, dann fürcht’ ich mich,

Und möchte auch weinen vor Schmerzen;

Und wieder seh ich sein Lächeln blühn,

So klar wie das reine Gewissen,

Da möchte ich gleich auf den Schemel knien,

Und die guten Hände ihm küssen.

Heut bin ich in aller Frühe erwacht,

Beim ersten Glitzern der Sonnen,

Und habe mich gleich auf die Sohlen gemacht,

Zum Hügel drüben am Bronnen;

Erdbeeren fand ich, glüh wie Rubin,

Schau, wie im Korbe sie lachen!

Die stell’ ich ihm nun an das Lager hin,

Da sieht er sie gleich beim Erwachen.

Ich weiß, er denkt mit dem ersten Blick,

»Das tat meine alberne Barbe!«

Und freundlich streicht er das Haar zurück

Von seiner rühmlichen Narbe,

Ruft mich bei Namen, und zieht mich nah,

Daß Tränen die Augen mir trüben;

Ach, er ist mein herrlicher Vater ja,

Soll ich ihn denn nicht lieben, nicht lieben!

Brennende Liebe1

Und willst du wissen, warum

So sinnend ich manche Zeit,

Mitunter so töricht und dumm,

So unverzeihlich zerstreut,

Willst wissen auch ohne Gnade,

Was denn so Liebes enthält

Die heimlich verschlossene Lade,

An die ich mich öfters gestellt?

Zwei Augen hab’ ich gesehn,

Wie der Strahl im Gewässer sich bricht,

Und wo zwei Augen nur stehn,

Da denke ich an ihr Licht.

Ja, als du neulich entwandtest

Die Blume vom blühenden Rain,

Und »Oculus Christi« sie nanntest,

Da fielen die Augen mir ein.

Auch gibt’s einer Stimme Ton,

Tief, zitternd, wie Hornes Hall,

Die tut’s mir völlig zum Hohn,

Sie folget mir überall.

Als jüngst im flimmernden Saale

Mich quälte der Geigen Gegell,

Da hört’ ich mit einem Male

Die Stimme im Violoncell.

Auch weiß ich eine Gestalt,

So leicht und kräftig zugleich,

Die schreitet vor mir im Wald,

Und gleitet über den Teich;

Ja, als ich eben in Sinnen

Sah über des Mondes Aug’

Einen Wolkenstreifen zerrinnen,

Das war ihre Form, wie ein Rauch.

Und höre, höre zuletzt,

Dort liegt, da drinnen im Schrein,

Ein Tuch mit Blute genetzt,

Das legte ich heimlich hinein.

Er ritzte sich nur an der Schneide,

Als Beeren vom Strauch er mir hieb,

Nun hab’ ich sie alle beide,

Sein Blut und meine brennende Lieb’.

Fußnoten

1 Crategus pyracantha, auch sonst der »brennende Busch« genannt.

Der Brief aus der Heimat

Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht,

Und starrte in das aufgeschlagne Buch,

Die Zeilen zählte sie und wußt’ es nicht,

Ach weithin, weithin der Gedanken Flug!

Was sind so ängstlich ihre nächt’gen Träume?

Was scheint die Sonne durch so öde Räume?

– Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht.

Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein,

Hat bebend an der Stiege sie gelauscht;

Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein,

Ein Fensterladen auf im Winde rauscht, –

Es kömmt, es naht, die Sorgen sind geendet:

Sie hat gefragt, sie hat sich abgewendet,

Und schloß sich dann in ihre Kammer ein.

Kein Lebenszeichen von der liebsten Hand,

Von jener, die sie sorglich hat gelenkt,

Als sie zum ersten Mal zu festem Stand

Die zarten Kinderfüßchen hat gesenkt;

Versprengter Tropfen von der Quelle Rande,

Harrt sie vergebens in dem fremden Lande;

Die Tage schleichen hin, die Woche schwand.

Was ihre rege Phantasie geweckt?

Ach, eine Leiche sah die Heimat schon,

Seit sie den unbedachten Fuß gestreckt

Auf fremden Grund und hörte fremden Ton;

Sie küßte scheidend jung und frische Wangen,

Die jetzt von tiefer Grabesnacht umfangen;

Ist’s Wunder, daß sie tödlich aufgeschreckt?

In Träumen steigt das Krankenbett empor,

Und Züge dämmern, wie in halber Nacht;

Wer ist’s? – sie weiß es nicht und spannt das Ohr,

Sie horcht mit ihrer ganzen Seele Macht;

Dann fährt sie plötzlich auf beim Windesrauschen,

Und glaubt dem matten Stöhnen noch zu lauschen,

Und kann erst spät begreifen daß sie wacht.

Doch sieh, dort fliegt sie übern glatten Flur,

Ihr aufgelöstes Haar umfließt sie rund,

Und zitternd ruft sie, mit des Weinens Spur:

»Ein Brief, ein Brief, die Mutter ist gesund!«

Und ihre Tränen stürzen wie zwei Quellen,

Die übervoll aus ihren Ufern schwellen;

Ach, eine Mutter hat man einmal nur!

Ein braver Mann

Noch lag, ein Wetterbrodem, schwer

Die Tyrannei auf Deutschlands Gauen,

Die Wachen schlichen scheu umher,

Die Menge schlief in dumpfem Grauen;

Ein Seufzer schien der Morgenwind

Aus angstgepreßter Brust zu brechen;

Nur die Kanone durfte sprechen

Und lächeln durfte nur das Kind.

Da lebt’ im Frankenland ein Mann,

Der bittre Stunden schon getragen,

In drängenden Geschickes Bann

Gar manche Täuschung sonder Klagen;

Ihm war von seiner Ahnen Flur

Der edle Name nur geblieben,

Von allen, allen Jugendtrieben

Des Herzens warm Gedenken nur.

Durch frühes Siechtum schwer gebeugt

Und jeglichem Beruf verdorben,

Hätt’ oft er gern das Haupt geneigt

Und wär’ in Frieden nur gestorben;

An seinen Schläfen lagen schon

Mit vierzig Jahren weiße Garben,

Und seiner Züge tiefe Narben

Verrieten steter Sorge Fron.

Doch freundlich trug er jeden Dorn,

Der auf dem Pfade ihm begegnet,

Geschlagen von des Schicksals Zorn,

Doch von der Götter Hand gesegnet.

Und eine Kunst war ihm beschert,

So mild wie seiner Seele Hauchen,

Sein Pinsel ließ die Wiesen rauchen

Und flammen des Vulkanes Herd.

Es waren Bilder die mit Lust

Ein unverdorbnes Herz erfüllen,

Wie sie entsteigen warmer Brust

Und reiner Phantasie entquillen;

Doch Mäcklern schienen sie zu zart,

Den Stempel hoher Kunst zu tragen;

So hat er schwer sich durchgeschlagen

Und täglich am Bedarf gespart.

Da ward in Winterabends Lauf

Ein Brief ihm von der Post gesendet;

Er riß bestürzt das Siegel auf:

O Gott, die Sorgen sind beendet!

Des fernen Vetters Totenschein

Hat als Agnaten ihn berufen,

Er darf nur treten an die Stufen,

Die reichen Lehne harren sein!

Wer denkt es nicht, daß ihm gepreßt

Aus heißer Wimper Tränen flossen!

Dann plötzlich steht sein Auge fest,

Der Zähren Quelle ist geschlossen.

Er liest, er tunkt die Feder ein,

Hat nur Sekunden sich beraten,

Und an den nächsten Lehnsagnaten

Schreibt mutig er beim Lampenschein:

»Wohl sagt man, daß Tyrannenmacht

Nicht Eides1 Band vermag zu schlingen,

Doch wo in uns ein Zweifel wacht,

Da müssen wir zum Besten ringen.

Nimm hin der Väter liebes Schloß,

– O würd’ ich einstens dort begraben! –

Ich bin gewöhnt nicht viel zu haben,

Und mein Bedürfnis ist nicht groß.«

Wer unter euch von Opfern spricht,

Von edleren, und Märt’rerzeichen,

Der sah gewiß noch Jahre nicht,

Nicht vierzig Jahr in Sorg’ entschleichen!

Ihr die mit Stärke prunkt und gleich

Euch drängt zu stolzer Taten Weihe:

– Er war ein Mann wie Wachs so weich,

Nur stark in Gott und seiner Treue.

Und wie es ferner ihm erging?

Er hat gemalt bis er gestorben,

Zuletzt, in langer Jahre Ring,

Ein schmal Vermögen sich erworben;

Nie hat auf der Begeistrung Höh’

Sein schamhaft Schweigen er gebrochen,

Und keine Seele hat gesprochen

Von seinem schweren Opfer je.

Zweimal im Leben gab das Glück

Vor seinem Antlitz mir zu stehen,

In seinem mild bescheidnen Blick

Des Geistes reinen Blitz zu sehen.

Und im Dezember hat man dann

Des Sarges Deckel zugeschlagen

Und still ihn in die Gruft getragen.

– Das ist das Lied vom braven Mann.

Fußnoten

1 Der Huldigungseid, den er als Grundbesitzer hätte leisten müssen.

Stammbuchblätter

1. Mit Lauras Bilde

Im Namen eines Freundes

Um einen Myrtenzweig sich zu ersingen

Schickt seinen Schwan Petrarca Lauren nach,

Mit Lorbeerreisern füllt er das Gemach,

Doch kann er in den Myrtenhain nicht dringen.

Da zieht er durch die Welt mit hellem Klingen,

Schlägt mit den Flügeln an das teure Haus,

Man reicht ihm den Zypressenkranz hinaus,

Allein die Myrte kann er nicht erringen.

Mein Freund, wohl ist der Lorbeer uns versagt,

Doch laß uns um den schnöden Preis nicht klagen,

Von Dornen und Zypressen rings umragt.

Will es in einer Laura Blick mir tagen,

Dann hab’ ich gern dem schweren Kranz entsagt,

Die kleine Myrte läßt sich leichter tragen.

2. An Henriette von Hohenhausen

Wie lieb, o Nähe; Ferne, ach wie leid;

Wie bald wird Gegenwart Vergangenheit!

Warum hat Trauer denn so matten Schritt,

Da doch so leicht die frohe Stunde glitt?

Ach, wer mir liebe Stunden könnte bannen,

Viel werter sollt’ er sein, als der vermöchte

Der trüben schlaffe Sehnen anzuspannen,

Denn Leid im Herzen wirbt sich teure Rechte,

Und wer es nimmt, der nimmt ein Kleinod mit.

Reich mir die Hand! du hast mich froh gemacht.

In öder Fremde hab’ ich dein gedacht,

Werd’ oft noch sinnen deinem Blicke nach,

So mildes Auge hellt den trübsten Tag.

Laß Ferne denn zur Nähe sich gestalten

Durch Wechselwort und inniges Gedenken.

Reich mir die Hand! – ich will sie treulich halten,

Und drüber her mag immergrün sich senken

Der Tannenzweig, ein schirmend Wetterdach.

Nachruf an Henriette von Hohenhausen1

An deinem Sarge standen wir,

Du fromme milde Leidenspalme,

Wir legten in die Hände dir

Des Lenzes linde Blütenhalme;

An deiner Brust, wie eingenickt,

Die blauen Seidenschleifen lagen;

So, mit der Treue Bild geschmückt,

Hat man dich in die Gruft getragen.

Die Sonne sticht, der Regen rauscht –

Wir sitzen schweigend und beklommen;

Es knirrt im Flur, und jeder lauscht,

Als dächten wir du könntest kommen;

In jedem Winkel suchen wir

Nach deinem Lächeln, deinem Blicke,

Wer lehnte je am Busen dir,

Und fühlt im Herzen keine Lücke?

Daß dein Erkennen stark und klar,

Auch andre mögen’s mit dir teilen,

Doch daß du so gerecht und wahr,

Daß Segen jede deiner Zeilen,

Der Odem den dein Leben sog,

Der letzte noch, ein Liebeszeichen, –

Das, Henriette, stellt dich hoch

Ob andre, die an Geist dir gleichen!

Du warst die Seltne, die gehorcht

Des Ruhmes lockender Sirene,

Und keine Tünche je geborgt,

Und keine süßen Taumeltöne;

Die jede Perl’ aus ihrem Hort

Vor Gottes Auge erst getragen,

Um ernstes wie um heitres Wort,

Um keines durft’ im Tode zagen.

Am Sarge fällt die Blüte ab,

Zerrinnt der Glorie Zauberschemen,

Dein Lorbeerreis, es bleibt am Grab,

Du kannst es nicht hinüber nehmen;

Doch vor dem Richter kannst du knien,

Die reinen Hände hoch gefaltet:

»Sieh, Herr, die Pfunde, mir verliehn,

Ich habe redlich sie verwaltet.«

Nicht möcht’ ich einen kalten Stein

Ob deinem warmen Herzen sehen,

Auch keiner glühen Rosen Schein,

Die üppig unter Dornen wehen;

Des Sinnlaubs immergrünen Stern

Möcht’ ich um deinen Hügel ranken,

Und überm Grüne säh’ ich gern

Die segensreiche Ähre schwanken.

Fußnoten

1 Henriette von Hohenhausen, in Herford geboren, starb im April des Jahres 1843 zu Münster. Sie ist Verfasserin verschiedener Erzählungen, Gedichte und Jugendschriften, die sich durch sittlich religiöse Richtung und große Gemütlichkeit auszeichnen.

Vanitas Vanitatum!

R.i.p.

Ihr saht ihn nicht im Glücke,

Als Scharen ihm gefolgt,

Mit einem seiner Blicke

Er jeden Haß erdolcht,

Das Blut an seinen Händen

Wie Königspurpur fast,

Und flammenden Geländen

Entstieg des Nimbus Glast;

Saht nicht, wie stolz getragen

Schulfreund und Kamerad

Die Stirn, mit welchem Zagen

Der Fremdling ihm genaht,

Wenn mit Kolosses Schreiten

Das Klippentor er stieß,

Die kleinen Segel gleiten

An seiner Sohle ließ.

Ihr habt ihn nicht gesehen,

Ihr Augen jugendklar,

Du Haupt wo Ringel wehen

Von süßem Lockenhaar;

Jünglinge, blühnde Frauen,

Ihr saht ihn nicht im Glanz,

Ihn, seines Landes Grauen

Und allergrünsten Kranz.

Vielleicht doch saht ihr streifen

Den alten kranken Leun,

Saht seine Mähne schleifen

Und zittern sein Gebein,

Saht wie die breiten Pranken

Er matt und stöhnend hob,

Wie taumelnd seine Flanken

Er längs der Mauer schob.

Und Scheitel saht ihr, weiße,

Am Fensterglase spähn,

Die dann mit scheuem Fleiße

Sich hintern Vorhang drehn,

Vernahmt der Knaben Lachen,

Der Greise schmerzlich Ach,

Wenn er im freien flachen

Geländ’ zusammenbrach.

Allein ihr horcht als rede

Ich von dem Tartarkhan,

Mit Augen weit und öde

Starrt ihr mich lange an,

Und einer ruft: »O schauet,

Wie man ein Ehrenmal

Obskurem Burschen bauet!

Wer war der General?«

Instinkt

Bin ich allein, verhallt des Tages Rauschen

Im frischen Wald, im braunen Heideland,

Um mein Gesicht die Gräser nickend bauschen,

Ein Vogel flattert an des Nestes Rand,

Und mir zu Füßen liegt mein treuer Hund,

Gleich Feuerwürmern seine Augen glimmen,

Dann kommen mir Gedanken, ob gesund,

Ob krank, das mag ich selber nicht bestimmen.

Ergründen möcht’ ich, ob das Blut, das grüne,

Kein Lebenspuls durch jene Kräuter trägt,

Ob Dionaea1 um die kühne Biene

Bewußtlos ihre rauhen Netze schlägt,

Was in dem weißen Sterne2 zuckt und greift,

Wenn er, die Fäden streckend, leise schauert,

Und ob, vom Duft der Menschenhand gestreift,

Gefühllos ganz die Sensitive trauert?

Und wieder muß ich auf den Vogel sehen,

Der dort so zürnend seine Federn sträubt,

Mit kriegerischem Schrei mich aus den Nähen

Der nackten Brut, nach allen Kräften treibt.

Was ist Instinkt? – tiefsten Gefühles Herd;

Instinkt trieb auch die Mutter zu dem Kinde,

Als jene Fürstin, von der Glut verzehrt;

Als Heil’ge ward posaunt in alle Winde.

Und du, mein zott’ger Tremm, der schlafestrunken

Noch ob der Herrin wacht, und durch das Grün

Läßt blinzelnd streifen seiner Blicke Funken,

Sag an, was deine klugen Augen glühn?

Ich bin es nicht, die deine Schale füllt,

Nicht gab der Nahrung Trieb dich mir zu eigen,

Und mit der Sklavenpeitsche kann mein Bild

Noch minder dir im dumpfen Hirne steigen.

Wer kann mir sagen, ob des Hundes Seele

Hinaufwärts, oder ob nach unten steigt?

Und müde, müde drück’ ich in die Schmele

Mein Haupt, wo siedend der Gedanke steigt.

Was ist es, das ein hungermattes Tier,

Mit dem gestohlnen Brode für das bleiche

Blutrünst’ge Antlitz, in das Waldrevier

Läßt flüchten und verschmachten bei der Leiche?

Das sind Gedanken, die uns könnten töten,

Den Geist betäuben, rauben jedes Glück,

Mit tausendfachem Mord die Hände röten,

Und leise schaudernd wend’ ich meinen Blick.

O schlimme Zeit, die solche Gäste rief

In meines Sinnens harmlos lichte Bläue!

O schlechte Welt, die mich so lang und tief

Ließ grübeln über eines Pudels Treue!

Fußnoten

1 Dionaea muscipula, auch »die Fliegenfalle« genannt.

2 Sparrmannia.

Die rechte Stunde

Im heitren Saal beim Kerzenlicht,

Wenn alle Lippen sprühen Funken,

Und gar vom Sonnenscheine trunken,

Wenn jeder Finger Blumen bricht,

Und vollends an geliebtem Munde,

Wenn die Natur in Flammen schwimmt, –

Das ist sie nicht die rechte Stunde,

Die dir der Genius bestimmt.

Doch wenn so Tag als Lust versank,

Dann wirst du schon ein Plätzchen wissen,

Vielleicht in deines Sofas Kissen,

Vielleicht auf einer Gartenbank:

Dann klingt’s wie halb verstandne Weise,

Wie halb verwischter Farben Guß

Verrinnt’s um dich, und leise, leise

Berührt dich dann dein Genius.

Der zu früh geborene Dichter

Acht Tage zählt’ er schon, eh ihn

Die Amme konnte stillen,

Ein Würmchen, saugend kümmerlich

An Zucker und Kamillen,

Statt Nägel nur ein Häutchen lind,

Däumlein wie Vogelsporen,

Und jeder sagte: »Armes Kind!

Es ist zu früh geboren!«

Doch wuchs er auf, und mit der Zeit

Hat Leben sich entwickelt,

Mehr als der Doktor prophezeit,

Und hätt’ er ihn zerstückelt;

Im zähen Körper zeigte sich

Zäh wilder Seele Streben;

Einmal erfaßt – dann sicherlich

Hielt er, auf Tod und Leben.

In Büchern hat er sich studiert

Hohläugig und zuschanden,

Und durch sein glühes Hirn geführt

Zahllose Liederbanden.

Ein steter Drang – hinauf! hinauf!

Und ringsum keine Palme;

So klomm er an der Weide auf

Und jauchzte in die Alme.

Zwar dünkt ihn oft, bei trübem Mut,

Sein Baldachin von Laube

So köstlich wie ein alter Hut,

Wie ‘ne zerrissne Haube;

Allein dies schalt man »eitlen Drang,

Mit Würde abzutrumpfen!«

Und alles was er sah, das sang

Herab vom Weidenstumpfen.

So ward denn eine werte Zeit

Vertrödelt und verstammelt,

Lichtblonde Liederlein juchheit,

Und Weidenduft gesammelt;

Wohl fielen Tränen in den Flaum

Und schimmerten am Raine,

Erfaßte ihn der glühe Traum

Von einem Palmenhaine.

Und als das Leben ausgebrannt

Und fühlte sich vergehen,

Da sollt’ wie Moses er das Land

Der Gottverheißung sehen;

Er sah, er sah sie Schaft an Schaft

Die heil’gen Kronen tragen,

Und drunter all die frische Kraft

Der edlen Sprossen ragen.

Und Lieder hört’ er, Melodien,

Wie ihm im Traum geklungen,

Wenn ein Kristall der Gletscher schien,

Und Adler sich geschwungen;

Durch das smaragdne Riesenlaub

Sah er die Lyra blinken,

Und über sie gleich goldnem Staub

Levantes Äther sinken.

O, wie zusammen da im Fall

Die alten Töne schwirrten,

Im Busen die Gefangnen all

Mit ihren Ketten klirrten!

»Ha, Leben, Jahre! und mein Sitz

Ist in den Säulenwänden,

Auch meine Lyra soll den Blitz

Durch die Smaragden senden!«

Ach, arme Frist, an solchem Schaft

Mit mattem Fuß zu klimmen,

Die Sehne seiner Jugendkraft,

Vermag er sie zu stimmen?

Und bald erseufzt er: »Hin ist hin!

Vertrödelt ist verloren!

Die Scholle winkt, weh mir, ich bin

Zu früh, zu früh geboren!«

Not

Was redet ihr so viel von Angst und Not,

In eurem tadellosen Treiben?

Ihr frommen Leute, schlagt die Sorge tot,

Sie will ja doch nicht bei euch bleiben!

Doch wo die Not, um die das Mitleid weint,

Nur wie der Tropfen an des Trinkers Hand,

Indes die dunkle Flut, die keiner meint,

Verborgen steht bis an der Seele Rand –

Ihr frommen Leute wollt die Sorge kennen,

Und habt doch nie die Schuld gesehn!

Doch sie, sie dürfen schon das Leben nennen

Und seine grauenvollen Höhn;

Hinauf schallt’s wie Gesang und Loben,

Und um die Blumen spielt der Strahl,

Die Menschen wohnen still im Tal,

Die dunklen Geier horsten droben.

Die Bank

Im Parke weiß ich eine Bank,

Die schattenreichste nicht von allen,

Nur Erlen lassen, dünn und schlank,

Darüber karge Streifen wallen;

Da sitz’ ich manchen Sommertag

Und laß mich rösten von der Sonnen,

Rings keiner Quelle Plätschern wach,

Doch mir im Herzen springt der Bronnen.

Dies ist der Fleck, wo man den Weg

Nach allen Seiten kann bestreichen,

Das staub’ge Gleis, den grünen Steg,

Und dort die Lichtung in den Eichen:

Ach manche, manche liebe Spur

Ist unterm Rade aufgeflogen!

Was mich erfreut, bekümmert, nur

Von drüben kam es hergezogen.

Du frommer Greis im schlichten Kleid,

Getreuer Freund seit zwanzig Jahren,

Dem keine Wege schlimm und weit,

Galt es den heil’gen Dienst zu wahren,

Wie oft sah ich den schweren Schlag

Dich drehn mit ungeschickten Händen,

Und langsam steigend nach und nach

Dein Käppchen an des Dammes Wänden.

Und du in meines Herzens Grund,

Mein lieber schlanker blonder Junge,

Mit deiner Büchs’ und braunem Hund,

Du klares Aug’ und muntre Zunge,

Wie oft hört’ ich dein Pfeifen nah,

Wenn zu der Dogge du gesprochen;

Mein lieber Bruder warst du ja,

Wie sollte mir das Herz nicht pochen?

Und manches was die Zeit verweht,

Und manches was sie ließ erkalten,

Wie Banquos Königsreihe geht

Und trabt es aus des Waldes Spalten.

Auch was mir noch geblieben und

Was neu erblüht im Lebensgarten,

Der werten Freunde heitrer Bund,

Von drüben muß ich ihn erwarten.

So sitz’ ich Stunden wie gebannt,

Im Gestern halb und halb im Heute,

Mein gutes Fernrohr in der Hand

Und laß es streifen durch die Weite.

Am Damme steht ein wilder Strauch,

O, schmählich hat mich der betrogen!

Rührt ihn der Wind, so mein’ ich auch

Was Liebes komme hergezogen!

Mit jedem Schritt weiß er zu gehn,

Sich anzuformen alle Züge;

So mag er denn am Hange stehn,

Ein wert Phantom, geliebte Lüge;

Ich aber hoffe für und für,

Sofern ich mich des Lebens freue,

Zu rösten an der Sonne hier,

Geduld’ger Märtyrer der Treue.

Clemens von Droste1

An seinem Denkmal saß ich, das Getreibe

Des Lebens schwoll und wogt’ in den Alleen,

Ich aber mochte nur zum Himmel sehn,

Von dem ihr Silber goß die Mondenscheibe.

Und alle Schmerzenskeime fühlt’ ich sprießen,

Im Herzen sich entfalten, Blatt um Blatt,

Und allen Segen fühlt’ ich niederfließen

Um eines Christen heil’ge Schlummerstatt.

Da nahte durch die Gräser sich ein Rauschen,

Geflüster hallte an der Marmorwand,

Der mir so teure Name ward genannt,

Und leise Wechselrede hört’ ich tauschen.

Es waren tiefe achtungsvolle Worte,

Und dennoch war es mir, als dürfe hier

Kein anderer an dem geweihten Orte,

Kein Wesen ihn betrauern neben mir.

Wer könnte unter diesen Gräbern wandeln,

Der ihn gekannt wie ich, so manches Jahr,

Der seine Kindheit sah, so frisch und klar,

Des Jünglings Glut, des Mannes kräftig Handeln?

Welch fremdes Aug’ hat in den ernsten Lettern,

Dem strengen Wort des Herzens Schlag erkannt?

Die Blitze saht ihr, aber aus den Wettern

Saht ihr auch segnen eines Engels Hand?

Sie standen da wie vor Pantheons Hallen,

Wie unter Bannern, unter Lorbeerlaub;

Ich saß an einem Hügel, wo zu Staub

Der Menschenherzen freundlichstes zerfallen.

Sie redeten von den zersprengten Kreisen,

Die all er wie ein mächt’ger Reif geeint;

Ich dachte an die Witwen und die Waisen,

Die seinem dunklen Sarge nachgeweint.

Sie redeten von seines Geistes Walten,

Von seinem starken ungebeugten Sinn,

Und wie er nun der Wissenschaft dahin,

Der Mann an dem sich mancher Arm gehalten;

Ich hörte ihres Lobes Wogen schießen,

Es waren Worte wohlgemeint und wahr,

Doch meine Tränen fühlt’ ich heißer fließen,

Als ob man ihn verkenne ganz und gar.

Und endlich hört’ ich Ihre Stimmen schwinden,

Ihr letztes Wort war eine Klage noch:

Daß nicht so leicht ein gleiches Wissen doch,

Daß selten nur ein gleicher Geist zu finden.

Ich aber, beugend in des Denkmals Schatten,

Hab’ seines Grabes feuchten Halm geküßt:

»Wo gibt es einen Vater, einen Gatten,

Und einen Freund wie du gewesen bist!«

Fußnoten

1 Clemens August Freiherr von Droste, Professor an der juristischen Fakultät zu Bonn, wurde im Jahre 1832, während eines Aufenthalts zu Wiesbaden, seinen Freunden durch einen plötzlichen Tod entrissen. – Seine Hülle ruht auf dem dortigen Gottesacker.

Guten Willens Ungeschick

Du scheuchst den frommen Freund von mir,

Weil krank ich sei und sehr bewegt,

Mein hell und blühend Lustrevier

Hast du mit Dornen mir umhegt;

Wohl weiß ich, daß der Wille rein,

Daß eure Sorge immer wach,

Doch was ihn labt, was hindert, ach,

Ein jeder weiß es nur allein.

Ich denke, wie ich einstens saß

An eines Hügels schroffem Rain,

Und sah ein schönes Kind, das las

Sich Schneckenhäuschen im Gestein;

Dann glitt es aus, ich sprang hinzu,

Es hatte sich am Strauch gedrückt;

Ich griff es an gar ungeschickt,

Und abwärts rollte es im Nu;

Auf hob ich es, das weinend lag,

Und grimmig weinend um sich fuhr,

Und freilich, was es stieß vom Hag,

Mein schlimmes Helfen war es nur. –

Und an der Klippe stand ich auch,

Bei Vogelbrut mit Flaumenhaar,

Und drüber pfiff wie ein Korsar

Ein Weihe hoch im Nebelrauch.

Nun blitzte wie ein Strahl heran

Und immer näher schoß der Weih,

Ich schwang das Tuch, den Mantel dann,

Die jungen Vögel duckten scheu;

Und aufwärts funkelnd, angstgepreßt,

Wie Marder pfiffen sie so klar;

Da ward mir endlich offenbar,

Dies sei des Weihen eignes Nest.

So hab’ ich hundertmal gefühlt,

Und tausendmal hab’ ich gesehn,

Daß nichts so hart am Herzen wühlt

Wo seine tiefsten Adern gehn,

Als – zürne nicht, die Lippen drück’

Ich sühnend auf der Lippen Rand –

Als eine liebe rasche Hand

In guten Willens Ungeschick.

Der Traum

An Amalie H.

Jüngst hab’ ich dich gesehn im Traum,

So lieblich saßest du behütet,

In einer Laube grünem Raum,

Von duftendem Jasmin umblütet,

Durch Zweige fiel das goldne Licht,

Aus Vogelkehlen ward gesungen,

Du saßest da, wie ein Gedicht

Von einem Blumenkranz umschlungen.

Und deine liebe Rechte trug

Das Antlitz mit so edlen Sitten,

Im Sand das aufgeschlagne Buch

Schien von dem Schoße dir geglitten;

Dich lehnend an den frischen Hag

Hauchtest du flüsternd leise Küsse,

Im Auge eine Träne lag

Wie Tau im Kelche der Narzisse.

Dich anzuschaun war meine Lust,

Zu lauschen deiner Züge Regen,

Und dennoch hätt’ ich gern gewußt,

Was dich so innig mocht’ bewegen?

Da bogst du sacht hinab den Zweig,

Strichst lächelnd an der Spitzenhaube,

An deine Schulter huscht’ ich gleich,

Sah einen Baum in schlichtem Laube:

Und auf dem Baume saß ein Fink,

Der schleppte dürres Moos und Reisig,

»Schau her, schau wieder!« zirpt’ er flink

Und förderte am Nestchen fleißig;

Er sah so keck und fröhlich aus,

Als trüg’ er des Flamingo Kleider,

So sorglich hüpft’ er um sein Haus,

Als fürcht’ er bösen Blick und Neider.

Und wenn ein Reischen er gelegt,

Dann rief er alle Welt zu Zeugen,

Als müsse was der Garten hegt,

Blum’ und Gesträuch sich vor ihm neigen;

Um deine Lippe flog ein Zug,

Wie ich ihn oft an ihr gesehen,

Und meinen Namen ließ im Flug

Sie über ihre Spalte gehen.

Schon hob ich meine Hand hinauf

Mit leisem Schlage dich zu strafen,

Allein da wacht’ ich plötzlich auf

Und bin nicht wieder eingeschlafen;

Nur deiner hab’ ich fortgedacht,

Säh’ dich so gern am grünen Hage,

Mich dünkt, so lieb wie in der Nacht

Sah ich dich noch an keinem Tage.

Im Eise schlummern Blum’ und Zweig,

Dezemberwinde schneidend wehen,

Der Garten steht im Wolkenreich,

Wo tausend schönre Gärten stehen;

So golden ist kein Sonnenschein,

Daß er wie der erträumte blinke;

Doch du, bist du nicht wirklich mein?

Und bin ich nicht dein dummer Finke?

Locke und Lied

Meine Lieder sandte ich dir,

Meines Herzens strömende Quellen,

Deine Locke sandtest du mir,

Deines Hauptes ringelnde Wellen;

Hauptes Welle und Herzens Flut

Sie zogen einander vorüber,

Haben sie nicht im Kusse geruht?

Schoß nicht ein Leuchten darüber?

Und du klagest: verblichen sei

Die Farbe der wandernden Zeichen;

Scheiden tut weh, mein Liebchen, ei,

Die Scheidenden dürfen erbleichen;

Warst du blaß nicht, zitternd und kalt,

Als ich von dir mich gerissen?

Blicke sie an, du Milde, und bald,

Bald werden den Herrn sie nicht missen.

Auch deine Locke hat sich gestreckt,

Verdrossen, gleich schlafendem Kinde,

Doch ich hab’ sie mit Küssen geweckt,

Hab’ sie gestreichelt so linde,

Ihr geflüstert von unserer Treu’,

Sie geschlungen um deine Kränze,

Und nun ringelt sie sich aufs neu,

Wie eine Rebe im Lenze.

Wenig Wochen, dann grünet der Stamm,

Hat Sonnenschein sich ergossen,

Und wir sitzen am rieselnden Damm,

Die Händ’ in einander geschlossen,

Schaun in die Welle, und schaun in das Aug’

Uns wieder und wieder und lachen,

Und Bekanntschaft mögen dann auch

Die Lock’ und der Liederstrom machen.

An ***

Kein Wort, und wär’ es scharf wie Stahles Klinge,

Soll trennen, was in tausend Fäden eins,

So mächtig kein Gedanke, daß er dringe

Vergällend in den Becher reinen Weins;

Das Leben ist so kurz, das Glück so selten,

So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!

Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze,

Auf feindlich starre Pole gleich erhöht,

So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze

Herrscht, König über alle, der Magnet,

Nicht frägt er ob ihn Fels und Strom gefährde,

Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.

Blick in mein Auge – ist es nicht das deine,

Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?

Du lächelst – und dein Lächeln ist das meine,

An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;

Worüber alle Lippen freundlich scherzen,

Wir fühlen heil’ger es im eignen Herzen.

Pollux und Kastor, – wechselnd Glühn und Bleichen,

Des einen Licht geraubt dem andern nur,

Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. –

So reiche mir die Hand, mein Dioskur!

Und mag erneuern sich die holde Mythe,

Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.

Poesie

Frägst du mich im Rätselspiele,

Wer die zarte lichte Fei,

Die sich drei Kleinoden gleiche

Und ein Strahl doch selber sei?

Ob ich’s rate? Ob ich fehle?

Liebchen, pfiffig war ich nie,

Doch in meiner tiefsten Seele

Hallt es: Das ist Poesie!

Jener Strahl der, Licht und Flamme,

Keiner Farbe zugetan,

Und doch, über alles gleitend

Tausend Farben zündet an,

Jedes Recht und keines Eigen. –

Die Kleinode nenn’ ich dir:

Den Türkis, den Amethisten,

Und der Perle edle Zier.

Poesie gleicht dem Türkise,

Dessen frommes Auge bricht,

Wenn verborgner Säure Brodem

Nahte seinem reinen Licht;

Dessen Ursprung keiner kündet,

Der wie Himmelsgabe kam,

Und des Himmels milde Bläue

Sich zum milden Zeichen nahm.

Und sie gleicht dem Amethisten,

Der sein veilchenblau Gewand

Läßt zu schnödem Grau erblassen

An des Ungetreuen Hand;

Der, gemeinen Götzen frönend,

Sinkt zu niedren Steines Art,

Und nur einer Flamme dienend

Seinen edlen Glanz bewahrt;

Gleicht der Perle auch, der zarten,

Am Gesunden tauig klar,

Aber saugend, was da Krankes

In geheimsten Adern war;

Sahst du niemals ihre Schimmer

Grünlich, wie ein modernd Tuch?

Eine Perle bleibt es immer,

Aber die ein Siecher trug.

Und du lächelst meiner Lösung,

Flüsterst wie ein Widerhall:

Poesie gleicht dem Pokale

Aus venedischem Kristall;

Gift hinein – und schwirrend singt er

Schwanenliedes Melodie,

Dann in tausend Trümmer klirrend,

Und hin ist die Poesie!

An ***

O frage nicht was mich so tief bewegt,

Seh ich dein junges Blut so freudig wallen,

Warum, an deine klare Stirn gelegt,

Mir schwere Tropfen aus den Wimpern fallen.

Mich träumte einst, ich sei ein albern Kind,

Sich emsig mühend an des Tisches Borden;

Wie übermächtig die Vokabeln sind,

Die wieder Hieroglyphen mir geworden!

Und als ich dann erwacht, da weint’ ich heiß,

Daß mir so klar und nüchtern jetzt zu Mute,

Daß ich so schrankenlos und überweis’,

So ohne Furcht vor Schelten und vor Rute.

So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild,

Wo tausend frische Lebenskeime walten,

Da ist es mir, als ob Natur mein Bild

Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten;

Und all mein Hoffen, meiner Seele Brand,

Und meiner Liebessonne dämmernd Scheinen,

Was noch entschwinden wird und was entschwand,

Das muß ich alles dann in dir beweinen.

An Elise

Am 19. November 1843

Du weißt es lange wohl wie wert du mir,

Was sollt’ ich es nicht froh und offen tragen

Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier

Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen?

Und manchen Abend hab’ ich nachgedacht,

In leiser Stunde träumerischem Sinnen,

Wie deinen Morgen, meine nahnde Nacht

Das Schicksal ließ aus einer Urne rinnen.

Zu alt zur Zwillingsschwester, möchte ich

Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen,

Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich,

Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen.

Wo flammt im Herzen mir ein Opferherd,

Daß nicht der deine loderte daneben,

Von gleichen Landes lieber Luft genährt,

Von gleicher Freunde frommem Kreis umgeben?

Und heut, am Sankt Elisabethentag,

Vereinend uns mit gleichen Namens Banden,

Schlug ich bedächtig im Kalender nach,

Welch’ Heilige am Taufborn uns gestanden;

Da fand ich eine königliche Frau,

Die ihre milde Segenshand gebreitet,

Und eine Patriarchin, ernst und grau,

Nur wert um den, des Wege sie bereitet.

Fast war es mir, als ob dies Doppelbild

Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen,

Als woll’ es dir die Fürstin zart und mild,

Mir nur die ernste Hüterin vergönnen;

Doch – lächle nicht – ich hab’ mich abgekehrt,

Bin fast verschämt zur Seite dir getreten;

Nun wähle, Lieb, und die du dir beschert,

Zu der will ich als meiner Heil’gen beten.

Ein Sommertagstraum

Im tiefen West der Schwaden grollte,

Es stand die Luft, ein siedend Meer,

An meines Fensters Vorhang rollte

Die Sonnenkugel, glüh und schwer,

Und wie ein Kranker, lang gestreckt,

Lag ich auf grünen Sofakissen,

Das Haupt von wüstem Schmerz zerrissen,

Die Stirne fieberhaft gefleckt.

Um mich Geschenke, die man heute

Zu meinem Wiegenfest gesandt,

Denare, Schriften, Meeres Beute,

Ich hab’ mich schnöde abgewandt;

Zum Tode matt und schlafberaubt

Studiert ich der Gardine Bauschen,

Und horchte auf des Blutes Rauschen

Und Klingeln im betäubten Haupt.

Zuweilen dehnte sich ein Murren

Den Horizont entlang, es schlich

Am Hag ein Rieseln und ein Surren,

Wie flatternder Libelle Strich;

Betäubend zog Resedaduft

Durch des Balkones offne Türen,

In jeder Nerve war zu spüren

Die schwefelnde Gewitterluft.

Da plötzlich schien sich aufzurichten

Am Fensterrahm ein Schattenwall,

Und mählich schob die dunklen Schichten

Er näher an den glühen Ball.

Durch der Gardine Spalten zog

Ein frischer Hauch, ich schloß die Augen,

Um tiefer, tiefer einzusaugen,

Was leise spielend mich umflog.

Genau vernahm ich noch das Rucken

Des flatternden Papiers, das Licht

Der Stufe sah ich schmerzend zucken;

Ob ich entschlief? mich dünkt es nicht.

Doch schneller schien am Autograph

Das dürre Züngelchen zu wehen,

Ein glitzernd Aug’ der Stein zu drehen,

Die Muschel dehnte sich im Schlaf.

Und, nächt’ger Mücke zu vergleichen,

Umsäuselte mich halber Klang,

Am Teppich schien es sacht zu streichen,

Und lief des Polsters Saum entlang,

Wie wenn im zitternden Papier

Der Fliege zarte Füßchen irren;

Und heller feiner aus dem Schwirren

Drang es wie Wortes Hauch zu mir:

Das Autograph

Pst! – St! – ja, ja,

Das mocht’ eine Pracht noch heißen,

Als ich am Ärmel sah

Die goldenen Tressen gleißen!

Wie waren die Hände weiß und weich,

Wie funkelten die Demanten!

Wie schwammen drüber, so duftig, reich,

Die breiten Brüsseler Kanten!

Das waren Bilder und Lockenpracht,

Wie mähnige Leun in Rahmen!

Das Vasen! wo in der Galatracht

Spazierten schäfernde Damen!

Und, o, das war eine Blumensee,

Ein farbiges Blütengewimmel!

Das eine berauschende Äthernäh’

Von heißem südlichen Himmel!

Pst! – St! – ich duckt’ in meinem Fach,

Pst! – still – wie Vögel im Nest,

Und ward am Gitter die Brise wach,

Dann ruschelt’ ich mit dem West.

O, o! der war auch ein Vagabund:

Von Bogen flog er zu Bogen,

Hat aus der Siegel Granatenmund

Säuselnde Küsse gesogen.

Pst! – drunten, hart an meiner Klaus’

Ein Tisch auf güldenen Krallen;

Und wispelte ich zu weit hinaus,

Ich wär auf den Amor gefallen;

Der stand, einen Köcher in jeder Hand,

Wie sinnend auf lustige Finte,

Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand,

Und spiegelte sich in der Dinte.

Sieh! drüben der Türen Paneele, breit,

Geschmückt mit schimmernden Leisten!

Wie hab’ ich geflattert und mich gefreut,

Wenn leise knarrend sie gleißten!

Dann kam das Ding – ein Mann – ein Greis? –

Nie konnte ich satt mich schauen,

Daß seine Lockenkaskaden so weiß,

So glänzend schwarz seine Brauen!

Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt’ und bog,

Lang lange schlängelnde Kette,

Und sachte über den Marmor zog

Und schleifte sich die Manschette.

Das summt’ und säuselte mir wie Traum,

Wie surrender Bienen Lesen,

Als sei ich einst ein seidener Schaum,

Eine Spitzenmanschette gewesen.

Pst! – stille, – sieh, ein andrer! – sieh!

Wie schütteln des Schreibers Locken!

Er beugt und schlenkert sich bis ans Knie,

Schlürft und schleicht wie auf Socken.

Ha! es zupft mich, – ich falle, ich falle! –

Da liege ich hülflos gebreitet,

Und über mich die dintige Galle

Wie Würmer krimmelt und gleitet.

Licht! Leben! durch die Fasern gießt

Gleich Ichor sich der Menschengeist;

Wie’s droben tönt, die Spalte fließt,

Gedankenwelle schwillt und kreist.

»Viva!« – ein König wird gegrüßt, –

Es fault im Mark, die Rinde gleißt. –

Und Schiffe, schwer von Proviant,

Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.

Ich zittre, zittre, jenes Fremden Auge,

Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt;

Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge?

Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt,

Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge! –

Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht, –

Nun schlängelt er, – nun drunten steht es da:

»Theodor’ il primo, re di Corsica.«

Pst! still! – der König spricht, Denar, halt Ruh!

Was schaukelst dich, was klimperst du?

Der Denar

O! über deinen König! ganz dir gleich,

Du glattgeschlagner Lumpen, o, sein Reich

Das Inselchen, des kärglichen Tribut

Lukull in eine Silberschüssel lud,

Gebannt in eine Perle Cäsars Hand

In der Ägypterfürstin Locken wand.

Du, zitternd vor Satrapenblicke, fahl

Wärst du zerstäubt vor seiner Augen Strahl,

Wenn langsam übers Forum, im Triumpf

Das Viergespann ihn rollte; hörst du dumpf,

Wie halberwachten Donner oder Spülen

Der Brandung, Pöbelwoge ziehn und wühlen,

Um die Quadriga summend, wie im Nahn

Prüft seine Stimme murrend der Orkan?

»Heil, Cäsar, Heil!« um seine kahle Stirn

Ragt Lorbeer, wie die Ficht’ um Klippenfirn;

Er lächelt, und aus seinem Lächeln fließet

Ein leise schläfernd Gift, o Roma, dir,

Sein halbgeschloß’nes Auge Fäden schießet,

Ein unzerreißbar Netz. – Gebückt und stier,

Zerzausten Haares, vor den Rossen klirrt

Endloser Gallierzug, die Fesseln schleifen,

Und aus der Pöbelwelle gellt und schwirrt

Gezisch, Gejubel, Zymbelklang und Pfeifen.

Denare fliegen aus des Siegers Hand,

Ha, wie es krabbelt im Arenasand! –

Der Imperator nickt und klingelt fort.

Noch lieg’ ich unberührt im Byssusbeutel, –

Was steigt so schwarz am Kapitole dort?

Es dunkelt, dunkelt; – über Cäsars Scheitel

Ein Riesenaar mit Flügelrauschen steigt,

Die Sonne schwindet, – doch ein Leuchten streicht

Um der Liktoren Beile, – wieder itzt –

Sie zucken, schwenken sich – es blitzt! – es blitzt!

Die Erzstufe

Ja, Blitze, Blitze! der Schwaden drängt

Giftiges Gas am Risse hinaus,

Auf einem Blitze bin ich gesprengt

Aus meinem funkelnden Kellerhaus.

O, wie war ich zerbrochen und krank,

Wie rieselt’s mir über die blanke Haut,

Wenn langsam schwellend der Tropfen sank,

Des Zuges Schneide mich angegraut!

Kennst du den Bergmönch, den braunen Schelm,

Dem auf der Schulter das Antlitz kreist?

Schwarz und rauh wie ein rostiger Helm,

Wie die Grubenlampe sein Auge gleißt.

O, er ist böse, tückisch und schlimm!

Mit dem Gezähe1 hackt er am Spalt,

Bis das schwefelnde Wetter im Grimm

Gegen die weichende Rinde schwallt.

Steiger bete! du armer Knapp’,

Dem in der Hütte das Kindlein zart,

Betet! betet! eh ihr hinab,

Eh zum letzten Male vor Ort ihr fahrt.

Sieben Nächte hab’ ich gesehn

Wie eine Walze rollen den Nacken,

Und die Augen funkeln und drehn,

Und das Gezähe schürfen und hacken.

Dort, dort hinter dem reichen Gang

Lauert der giftige Brodem; da

Wo der Kobold den Hammer schwang,

Wo ich am Bruche ihn schnuppern sah.

Gleich dem Molche von Dunste trunken

Schwoll und wackelt’ der Gnom am Grund,

Und des Gases knisternde Funken

Zogen in seinen saugenden Schlund.

Bete, Steiger, den Morgenpsalm

Einmal noch, und dein »Walt’s Gott«,

Deinen Segen gen Wetters Qualm,

Gäh’ Verscheiden und Teufelsrott’.

Schau noch einmal ins Angesicht

Deinem Töchterchen, deinem Weib,

Und dann zünde das Grubenlicht.

»Gott die Seele, dem Schacht der Leib!«

Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund

Wie Irrwischflämmchen aufgestellt.

Die Winde keucht, es rollt der Hund,2

Der Hammer pickt, die Stufe fällt,

An Bleigewürfel, Glimmerspat

Zerrinnend, malt der kleine Strahl

In seiner Glorie schwimmend Rad

Sich Regenbogen und Opal.

Die Winde keucht, es rollt der Hund. –

Hörst du des Schwadens Sausen nicht?

Wie Hagel bröckelt es zum Grund –

Der Hammer pickt, die Stufe bricht; –

Weh, weh! es zündet, flammt hinein!

Hinweg! es schmettert aus der Höh’!

Felsblöcke, zuckendes Gebein!

Wo bin ich? bin ich? – auf der See?

Und welch Geriesel – immer immerzu,

Wie Regentropfen, regnet’s?

Fußnoten

1 »Gezähe« das Handwerkszeug der Bergknappen.

2 »Der Hund« der kleine kastenähnliche Karren, auf dem die Erzstufen aus dem Stollen zu Tage gefördert werden.

Die Muschel

Su, susu,

O, schlaf im schimmernden Bade,

Hörst du sie plätschern und rauschen,

Meine hüpfende blanke Najade?

Ihres Haares seidenen Tang

Über der Schultern Perlenschaum;

Horch! sie singt den Wellengesang,

Süß wie Vögelein, zart wie Traum:

»Webe, woge, Welle, wie

Westes Säuselmelodie,

Wie die Schwalbe übers Meer

Zwitschernd streicht von Süden her,

Wie des Himmels Wolken tauen

Segen auf des Eilands Auen,

Wie die Muschel knirrt am Strand,

Von der Düne rieselt Sand.

Woge, Welle, sachte, sacht,

Daß der Triton nicht erwacht.

In der Hand das plumpe Horn

Schlummert er, am Strudelborn.

In der Muschelhalle liegt er,

Seine grünen Zöpfe wiegt er;

Riesle, Woge, Sand und Kies,

In des Bartes zottig Vlies.

Leise, leise, Wellenkreis,

Wie des Liebsten Ruder leis

Streift dein leuchtend Glas entlang

Zu dem nächtlich süßen Gang;

Wenn das Boot, im Strauch geborgen,

Tändelt, schaukelt, bis zum Morgen.

In der Kammer flimmert Licht;

Ruhig, Kiesel, knistert nicht!«

Das Lied verhaucht, wie Echo am Gestade,

Und leiser, leiser wiegt sich die Najade,

Beginnt ihr strömend Flockenhaar zu breiten,

Läßt vom Korallenkamm die Tropfen gleiten,

Und sachte strählend schwimmt sie, wie ein Hauch,

Im Strahl der dämmert durch den Nebelrauch;

Wie glänzt ihr Regenbogenschleier! – o,

Die Sonne steigt, – das Meer beginnt zu zittern, –

Ein Silbernetz von Myriaden Flittern!

Mein Auge zündet sich – wo bin ich? – wo?

Tief atmend saß ich auf, aus Westen

Bohrte der schräge Sonnenstrahl,

Es tropft’ und rieselt’ von den Ästen,

Die Lerche stieg im Äthersaal;

Vom blanken Erzgewürfel traf

Mein Aug’ ein Leuchten, schmerzlich flirrend,

Und in des Zuges Hauche schwirrend

Am Boden lag das Autograph.

So hab’ ich Donner, Blitz und Regenschauer

Verträumt, in einer Sommerstunde Dauer.

Die junge Mutter

Im grün verhangnen duftigen Gemach,

Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter;

Wie brennt die Stirn! Sie hebt das Auge schwach

Zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter

Den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier«,

So flüstert sie, »und bist du auch gefangen

Gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen,

So hast du deine Kleinen doch bei dir.«

Den Vorhang hebt die graue Wärterin,

Und legt den Finger mahnend auf die Lippen;

Die Kranke dreht das schwere Auge hin,

Gefällig will sie von dem Tranke nippen;

Er mundet schon, und ihre bleiche Hand

Faßt fester den Kristall, – o milde Labe! –

»Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?«

»Er schläft«, versetzt die Alte abgewandt.

Wie mag er zierlich liegen! – Kleines Ding! –

Und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen;

Ob man den Schleier um die Wiege hing,

Den Schleier der am Erntefest zerrissen?

Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett,

Daß alle Frauen höchlich es gepriesen,

Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen.

»Was läutet man im Dom, Elisabeth?«

»Madame, wir haben heut Mariatag.«

So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. –

Wie war es nur? – doch ihr Gehirn ist schwach,

Und leise suchend zieht sie aus den Linnen

Ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich

Läßt sie den Faden in die Nadel gleiten;

So ganz verborgen will sie es bereiten,

Und leise, leise zieht sie Stich um Stich.

Da öffnet knarrend sich die Kammertür,

Vorsicht’ge Schritte übern Teppich schleichen.

»Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier!

Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?«

Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts,

Küßt wie ein Hauch die kleinen heißen Hände:

»Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende!

Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.«

»Du duftest Weihrauch, Mann.« – »Ich war im Dom;

Schlaf, Kind«; und wieder gleitet er von dannen.

Sie aber näht, und liebliches Phantom

Spielt um ihr Aug’ von Auen, Blumen, Tannen. –

Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au,

Siehst über einem kleinen Hügel schwanken

Den Tannenzweig und Blumen drüber ranken,

Dann tröste Gott dich, arme junge Frau!

Meine Sträuße

Sooft mir ward eine liebe Stund’

Unterm blauen Himmel im Freien,

Da habe ich, zu des Gedenkens Bund,

Mir Zeichen geflochten mit Treuen,

Einen schlichten Kranz, einen wilden Strauß,

Ließ drüber die Seele wallen;

Nun stehe ich einsam im stillen Haus,

Und sehe die Blätter zerfallen.

Vergißmeinnicht mit dem Rosaband –

Das waren dämmrige Tage,

Als euch entwandte der Freundin Hand

Dem Weiher drüben am Hage;

Wir schwärmten in wirrer Gefühle Flut,

In sechzehnjährigen Schmerzen;

Nun schläft sie lange. – Sie war doch gut,

Ich liebte sie recht von Herzen!

Gar weite Wege hast du gemacht,

Kamelia, staubige Schöne,

In deinem Kelche die Flöte wacht,

Trompeten und Zymbelgetöne;

Wie zitterten durch das grüne Revier

Buntfarbige Lampen und Schleier!

Da brach der zierliche Gärtner mir

Den Strauß beim bengalischen Feuer.

Dies Alpenröschen nährte mit Schnee

Ein eisgrau starrender Riese;

Und diese Tange entfischt’ ich der See

Aus Muschelgescherbe und Kiese;

Es war ein volles, gesegnetes Jahr,

Die Trauben hingen gleich Pfunden,

Als aus der Rebe flatterndem Haar

Ich diesen Kranz mir gewunden.

Und ihr, meine Sträuße von wildem Heid’,

Mit lockerm Halme geschlungen,

O süße Sonne, o Einsamkeit,

Die uns redet mit heimischen Zungen!

Ich hab’ sie gepflückt an Tagen so lind,

Wenn die goldenen Käferchen spielen,

Dann fühlte ich mich meines Landes Kind,

Und die fremden Schlacken zerfielen.

Und wenn ich grüble an meinem Teich,

Im duftigen Moose gestrecket,

Wenn aus dem Spiegel mein Antlitz bleich

Mit rieselndem Schauer mich necket,

Dann lang’ ich sachte, sachte hinab,

Und fische die träufelnden Schmelen;

Dort hängen sie, drüben am Fensterstab,

Wie arme vertrocknete Seelen.

So mochte ich still und heimlich mir

Eine Zauberhalle bereiten,

Wenn es dämmert dort, und drüben, und hier,

Von den Wänden seh ich es gleiten;

Eine Fei entschleicht der Kamelia sich,

Liebesseufzer stöhnet die Rose,

Und wie Blutes Adern umschlingen mich

Meine Wasserfäden und Moose.

Das Liebhabertheater

Meinst du, wir hätten jetzt Dezemberschnee?

Noch eben stand ich vor dem schönsten Hain,

So grün und kräftig sah ich keinen je.

Die Windsbraut fuhr, der Donner knallte drein,

Und seine Zweige trotzten wie gegossen,

Gleich an des Parkes Tor ein Häuschen stand,

Mit Kränzen war geschmückt die schlichte Wand,

Die haben nicht gezittert vor den Schlossen,

Das nenn’ ich Kränze doch und einen Hain!

Und denkst du wohl, wir hätten finstre Nacht?

Des Morgens Gluten wallten eben noch,

Rotglühend, wie des Lavastromes Macht

Hernieder knistert von Vesuves Joch;

Nie sah so prächtig man Auroren ziehen!

An unsre Augen schlugen wir die Hand,

Und dachten schier, der Felsen steh’ in Brand,

Die Hirten sahn wir wie Dämone glühen;

Das nenn’ ich einen Sonnenaufgang doch!

Und sprichst du unsres Landes Nymphen Hohn?

Noch eben schlüpfte durch des Forstes Hau

Ein Mädchen, voll und sinnig wie der Mohn,

Gewiß, sie war die allerschönste Frau!

Ihr weißes Händchen hielt den blanken Spaten,

Der kleine Fuß, in Zwickelstrumpf und Schuh,

Hob sich so schwebend, trat so zierlich zu,

Und hör, ich will es dir nur gleich verraten,

Der schönen Clara glich sie ganz genau.

Und sagst du, diese habe mein gelacht?

O hättest du sie heute nur gesehn,

Wie schlau sie meine Blicke hat bewacht,

Wie zärtlich konnte ihre Augen drehn,

Und welche süße Worte ihr entquollen!

Recht wo ich stand, dorthin hat sie geweint:

»Mein teures Herz, mein Leben, einz’ger Freund!«

Das schien ihr von den Lippen nur zu rollen.

War das nicht richtig angebracht, und schön?

Doch eins nur, eines noch verhehlt’ ich dir,

Und fürchte sehr, es trage wenig ein;

Der Wald war brettern und der Kranz Papier,

Das Morgenrot Bengalens Feuerschein,

Und als sie ließ so süße Worte wandern,

Ach, ob sie gleich dabei mich angeblickt,

Der dicht an das Orchester war gerückt,

Doch fürcht’ ich fast, sie galten einem andern!

Was meinst du, sollte das wohl möglich sein?

Die Taxuswand

Ich stehe gern vor dir,

Du Fläche schwarz und rauh,

Du schartiges Visier

Vor meines Liebsten Brau’,

Gern mag ich vor dir stehen,

Wie vor grundiertem Tuch,

Und drüber gleiten sehen

Den bleichen Krönungszug;

Als mein die Krone hier,

Von Händen die nun kalt;

Als man gesungen mir

In Weisen die nun alt;

Vorhang am Heiligtume,

Mein Paradiesestor,

Dahinter alles Blume,

Und alles Dorn davor.

Denn jenseits weiß ich sie,

Die grüne Gartenbank,

Wo ich das Leben früh

Mit glühen Lippen trank,

Als mich mein Haar umwallte

Noch golden wie ein Strahl,

Als noch mein Ruf erschallte,

Ein Hornstoß, durch das Tal.

Das zarte Efeureis,

So Liebe pflegte dort,

Sechs Schritte, – und ich weiß,

Ich weiß dann, daß es fort.

So will ich immer schleichen

Nur an dein dunkles Tuch,

Und achtzehn Jahre streichen

Aus meinem Lebensbuch.

Du starrtest damals schon

So düster treu wie heut,

Du, unsrer Liebe Thron

Und Wächter manche Zeit;

Man sagt daß Schlaf, ein schlimmer,

Dir aus den Nadeln raucht, –

Ach, wacher war ich nimmer,

Als rings von dir umhaucht!

Nun aber bin ich matt,

Und möcht’ an deinem Saum

Vergleiten, wie ein Blatt

Geweht vom nächsten Baum;

Du lockst mich wie ein Hafen,

Wo alle Stürme stumm,

O, schlafen möcht’ ich, schlafen,

Bis meine Zeit herum!

Nach fünfzehn Jahren

Wie hab’ ich doch so manche Sommernacht,

Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht!

Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten,

Um leise für ein teures Haupt zu beten,

Wenn hinter mir aus des Gemaches Tiefen

Wie Hülfewimmern bange Seufzer riefen,

Die Odemzüge aus geliebtem Mund;

Ja, bitter weint’ ich – o Erinnerung! –

Doch trug ich mutig es, denn ich war jung,

War jung noch und gesund.

Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert,

Wie hab’ ich deine Falten oft berührt,

Mit leiser leiser Hand gehemmt ihr Rauschen,

Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen,

Mein Haupt so müde daß es schwamm wie trunken,

So matt mein Knie daß es zum Grund gesunken!

Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund

Und sucht’ im frischen Trunk Erleichterung;

Ach, alles trägt man leicht, ist man nur jung,

Nur jung noch und gesund!

Und als die Rose, die am Stock erblich,

Sich wieder auf die kranke Wange schlich,

Wie hab’ ich an dem Pfeilertische drüben

Dem Töchterchen geringelt seine lieben

Goldbraunen Löckchen! wie ich mich beflissen,

Eh ich es führte an der Mutter Kissen!

Und gute Sitte flüstert’ ich ihm ein,

Gelobte ihm die Fabel von dem Schaf

Und sieben Zicklein, wenn es wolle brav,

Recht brav und sittig sein.

Und dort die Hütte in der Tannenschlucht,

Da naschten sie und ich der Rebe Frucht,

Da fühlten wir das Blut so keimend treiben,

Als müss’ es immer frisch und schäumend bleiben;

Des Überstandnen lachten wir im Hafen:

Wie ich geschwankt, wie stehend ich geschlafen;

Und wandelten am Rasenstreifen fort,

Und musterten der Stämmchen schlanke Reihn,

Und schwärmten, wie es müsse reizend sein

Nach fünfzehn Jahren dort!

O fünfzehn Jahre, lange öde Zeit!

Wie sind die Bäume jetzt so starr und breit!

Der Hütte Tür vermocht’ ich kaum zu regen,

Da schoß mir Staub und wüst Gerüll entgegen,

Und an dem blanken Gartensaale drüben

Da steht ‘ne schlanke Maid mit ihrem Lieben,

Die schaun sich lächelnd in der Seele Grund,

In ihren braunen Locken rollt der Wind;

Gott segne dich, du bist geliebt, mein Kind,

Bist fröhlich und gesund!

Sie aber die vor Lustern dich gebar,

Wie du so schön, so frisch und jugendklar,

Sie steht mit einer an des Parkes Ende

Und drückt zum Scheiden ihr die bleichen Hände,

Mit einer, wie du nimmer möchtest denken,

So könne deiner Jugend Flut sich senken;

Sie schaun sich an, du nennst vielleicht es kalt,

Zwei starre Stämme, aber sonder Wank

Und sonder Tränenquell, denn sie sind krank,

Ach, beide krank und alt!

Der kranke Aar

Am dürren Baum, im fetten Wiesengras

Ein Stier behaglich wiederkäut’ den Fraß;

Auf niederm Ast ein wunder Adler saß,

Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen.

»Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft,

Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft.« –

»Weh, weh, umsonst die Sonne ruft

Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!« –

»O Vogel warst so stolz und freventlich

Und wolltest keine Fessel ewiglich!« –

»Weh, weh, zu viele über mich,

Und Adler all, – brachen mir die Schwingen!«

»So flattre in dein Nest, vom Aste fort,

Dein Ächzen schier die Kräuter mir verdorrt.«

»Weh, weh, kein Nest hab’ ich hinfort,

Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!«

»O Vogel, wärst du eine Henne doch,

Dein Nestchen hättest du, im Ofenloch.«

»Weh, weh, viel lieber ein Adler noch,

Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!«

Sit illi terra levis!

So sonder Arg hast du in diesem Leben

Mich deinen allerbesten Freund genannt,

Hast mir so oft gereicht die hagre Hand, –

Hab’ ich gelächelt, mag mir Gott vergeben.

Die Schlange wacht in jedes Menschen Brust,

Was ich dir bot, es war doch treue Gabe,

Und hier bekenn’ ich es, an deinem Grabe,

Du warst mir lieber als ich es gewußt.

Ob ich auch nie zu jenen mich gesellte,

Die lachend deine Einfalt angeschaut;

Des Hauptes, das in Ehren war ergraut,

Verhöhnung immer mir die Adern schwellte;

Doch erst wo aller Menschen Witz versiegt,

Ein armer Tropfen in Ägyptens Sande,

Hier erst erkenn’ ich, an der Seelen Brande,

Wie schwer des Auges warme Träne wiegt.

Sah ich sie nicht an deine Wimper steigen,

Wenn du dem fremden Leide dich geeint?

Hast du nicht meinen Toten nachgeweint,

So heiß wie deines eignen Blutes Zweigen?

O! wenn ich in der Freude des vergaß,

Mit bitterm Herzen muß ich es beklagen,

Denn von des Schicksals harter Hand geschlagen,

Wie gern ich dann in deinem Auge las!

Noch seh ich dich im Hauch des Winterbrodems

Herstapfen, wie den irren Heidegeist,

Wenn Tropf’ an Tropfen deiner Stirn entfleußt,

Hör’ noch das Keuchen deines armen Odems.

Es waren schlimme Wege, rauh und weit,

Die du gewandelt manche Winterwende,

Um des Altares heil’ge Gnadenspende

Zu tragen mir in meine Einsamkeit.

O manchem Spötter gabst du ernst Gedenken,

Wenn höhnend deine kleine Hab’ er pries,

Für schlechtes Ding dir Tausende verhieß,

Und du nur glücklich warst ihn zu beschenken!

So wert war dir kein Gut, so ehrenreich,

Daß du es nicht mit Freuden hingegeben,

Dann sah man deine Lippen freundlich beben,

Und zucken wie das Dämmerlicht im Teich.

An deinem Kleide, schwarz und fadenscheinend,

War jeder Fleck ein heimlich Ehrenmal,

Du frommer Dieb am Eignen! ohne Wahl

Das Schlechteste dir noch genugsam meinend.

Mann ohne Falsch und mit der offnen Hand,

Drin wie Demant der Witwe Heller blinken,

Sanft soll der Tau auf deinen Hügel sinken,

Und leicht, leicht sei dir das geweihte Land!

Schlaf sanft, schlaf still in deinem grünen Bette,

Dir überm Haupt des Glaubens fromm Simbol,

Die Welt vergißt, der Himmel kennt dich wohl,

Ein Engel wacht an dieser schlichten Stätte.

Auch eine Träne wird dir nachgeweint,

Und wahrlich keine falsche: »Ach sie haben,

Sie haben einen guten Mann begraben,

Und mir, mir war er mehr« – mein wärmster Freund.

Die Unbesungenen

‘s gibt Gräber wo die Klage schweigt,

Und nur das Herz von innen blutet,

Kein Tropfen in die Wimper steigt,

Und doch die Lava drinnen flutet;

‘s gibt Gräber, die wie Wetternacht

An unserm Horizonte stehn

Und alles Leben niederhalten,

Und doch, wenn Abendrot erwacht,

Mit ihren goldnen Flügeln wehn

Wie milde Seraphimgestalten.

Zu heilig sind sie für das Lied,

Und mächtge Redner doch vor allen,

Sie nennen dir was nimmer schied,

Was nie und nimmer kann zerfallen;

O, wenn dich Zweifel drückt herab,

Und möchtest atmen Ätherluft,

Und möchtest schauen Seraphsflügel,

Dann tritt an deines Vaters Grab!

Dann tritt an deines Bruders Gruft!

Dann tritt an deines Kindes Hügel!

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall,

Mit deiner Augen Nebelball,

Kometen gleich die im Verbleichen;

Mit Zügen, worin wunderlich

Zwei Seelen wie Spione sich

Umschleichen, ja, dann flüstre ich:

Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,

Zu eisen mir das warme Blut,

Die dunkle Locke mir zu blassen;

Und dennoch, dämmerndes Gesicht,

Drin seltsam spielt ein Doppellicht,

Trätest du vor, ich weiß es nicht,

Würd’ ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,

Wo die Gedanken leisten Fron

Wie Knechte, würd’ ich schüchtern blicken;

Doch von des Auges kaltem Glast,

Voll toten Lichts, gebrochen fast,

Gespenstig, würd’, ein scheuer Gast,

Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,

So weich und hülflos wie ein Kind,

Das möcht’ in treue Hut ich bergen;

Und wieder, wenn er höhnend spielt,

Wie von gespanntem Bogen zielt,

Wenn leis’ es durch die Züge wühlt,

Dann möcht’ ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht ich,

Ein fremdes Dasein, dem ich mich

Wie Moses nahe, unbeschuhet,

Voll Kräfte die mir nicht bewußt,

Voll fremden Leides, fremder Lust;

Gnade mir Gott, wenn in der Brust

Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl’ ich, wie verwandt,

Zu deinen Schauern mich gebannt,

Und Liebe muß der Furcht sich einen.

Ja, trätest aus Kristalles Rund,

Phantom, du lebend auf den Grund,

Nur leise zittern würd’ ich, und

Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

Neujahrsnacht

Im grauen Schneegestöber blassen

Die Formen, es zerfließt der Raum,

Laternen schwimmen durch die Gassen,

Und leise knistert es im Flaum;

Schon naht des Jahres letzte Stunde,

Und drüben, wo der matte Schein

Haucht aus den Fenstern der Rotunde,

Dort ziehn die frommen Beter ein.

Wie zu dem Richter der Bedrängte,

Ob dessen Haupt die Waage neigt,

Noch einmal schleicht eh der verhängte,

Der schwere Tag im Osten steigt,

Noch einmal faltet seine Hände

Um milden Spruch, so knien sie dort,

Still gläubig, daß ihr Flehen wende

Des Jahres ernstes Losungswort.

Ich sehe unter meinem Fenster

Sie gleiten durch den Nebelrauch,

Verhüllt und lautlos wie Gespenster,

Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;

Ein blasser Kreis zu ihren Füßen

Zieht über den verschneiten Grund,

Lichtfunken blitzen auf und schießen

Um der Laterne dunstig Rund.

Was mögen sie im Herzen tragen,

Wie manche Hoffnung, still bewacht!

Wie mag es unterm Vließe schlagen

So heiß in dieser kalten Nacht!

Fort keuchen sie, als möge fallen

Der Hammer, eh sie sich gebeugt,

Bevor sie an des Thrones Hallen

Die letzte Bittschrift eingereicht.

Dort hör’ ich eine Angel rauschen,

Vernehmlich wird des Kindes Schrein,

Und die Gestalt – sie scheint zu lauschen,

Dann fürder schwimmt der Lampe Schein;

Noch einmal steigt sie, läßt die Schimmer

Verzittern an des Fensters Rand,

Gewiß, sie trägt ein Frauenzimmer,

Und einer Mutter fromme Hand!

Nun stampft es rüstig durch die Gasse,

Die Decke kracht vom schweren Tritt,

Der Krämer schleppt die Sündenmasse

Der bösen Zahler keuchend mit;

Und hinter ihm wie eine Docke

Ein armes Kind im Flitterstaat,

Mit seidnem Fähnchen, seidner Locke,

Huscht frierend durch den engen Pfad.

Ha, Schellenklingeln längs der Stiege!

Glutaugen richtend in die Höh’,

‘ne kolossale Feuerfliege,

Rauscht die Karosse durch den Schnee;

Und Dämpfe qualmen auf und schlagen

Zurück vom Wirbel des Gespanns;

Ja, schwere Bürde trägt der Wagen,

Die Wünsche eines reichen Manns!

Und hinter ihm ein Licht so schwankend,

Der Träger tritt so sachte auf,

Nun lehnt er an der Mauer, wankend,

Sein hohler Husten schallt hinauf;

Er öffnet der Laterne Reifen,

Es zupfen Finger lang und fahl

Am Dochte, Odemzüge pfeifen, –

Du, Armer, kniest zum letztenmal.

Dann Licht an Lichtern längs der Mauer,

Wie Meteore irr geschart,

Ein krankes Weib, in tiefer Trauer,

Husaren mit bereiftem Bart,

In Filz und Kittel stämm’ge Bauern,

Den Rosenkranz in starrer Faust,

Und Mädchen die wie Falken lauern,

Von Mantels Fittigen umsaust.

Wie oft hab’ ich als Kind im Spiele

Gelauscht den Funken im Papier,

Der Sternchen zitterndem Gewühle,

Und: »Kirchengänger!« sagten wir;

So seh ich’s wimmeln um die Wette

Und löschen, wo der Pfad sich eint,

Nachzügler noch, dann grau die Stätte,

Nur einsam die Rotunde scheint.

Und mählich schwellen Orgelklänge

Wie Heroldsrufe an mein Ohr:

Knie nieder, Lässiger, und dränge

Auch deines Herzens Wunsch hervor!

»Du, dem Jahrtausende verrollen

Sekundengleich, erhalte mir

Ein mutig Herz, ein redlich Wollen,

Und Fassung an des Grabes Tür.«

Da, horch! – es summt durch Wind und Schlossen,

Gott gnade uns, hin ist das Jahr!

Im Schneegestäub’ wie Schnee zerflossen,

Zukünftiges wird offenbar;

Von allen Türmen um die Wette

Der Hämmer Schläge, daß es schallt,

Und mit dem letzten ist die Stätte

Gelichtet für den neuen Wald.

Der Todesengel

‘s gibt eine Sage, daß wenn plötzlich matt

Unheimlich Schaudern einen übergleite,

Daß dann ob seiner künft’gen Grabesstatt

Der Todesengel schreite.

Ich hörte sie, und malte mir ein Bild

Mit Trauerlocken, mondbeglänzter Stirne,

So schaurig schön, wie’s wohl zuweilen quillt

Im schwimmenden Gehirne.

In seiner Hand sah ich den Ebenstab

Mit leisem Strich des Bettes Lage messen,

– So weit das Haupt – so weit der Fuß – hinab!

Verschüttet und vergessen!

Mich graute, doch ich sprach dem Grauen Hohn,

Ich hielt das Bild in Reimes Netz gefangen,

Und frevelnd wagt’ ich aus der Totenkron’

Ein Lorbeerblatt zu langen.

O, manche Stunde denk’ ich jetzt daran,

Fühl’ ich mein Blut so matt und stockend schleichen,

Schaut aus dem Spiegel mich ein Antlitz an –

Ich mag es nicht vergleichen; –

Als ich zuerst dich auf dem Friedhof fand,

Tiefsinnig um die Monumente streifend,

Den schwarzen Ebenstab in deiner Hand

Entlang die Hügel schleifend;

Als du das Auge hobst, so scharf und nah,

Ein leises Schaudern plötzlich mich befangen,

O wohl, wohl ist der Todesengel da

Über mein Grab gegangen!

Abschied von der Jugend

Wie der zitternde Verbannte

Steht an seiner Heimat Grenzen,

Rückwärts er das Antlitz wendet,

Rückwärts seine Augen glänzen,

Winde die hinüberstreichen,

Vögel in der Luft beneidet,

Schaudernd vor der kleinen Scholle,

Die das Land vom Lande scheidet;

Wie die Gräber seiner Toten,

Seine Lebenden, die süßen,

Alle stehn am Horizonte,

Und er muß sie weinend grüßen;

Alle kleinen Liebesschätze,

Unerkannt und unempfunden,

Alle ihn wie Sünden brennen

Und wie ewig offne Wunden;

So an seiner Jugend Scheide

Steht ein Herz voll stolzer Träume,

Blickt in ihre Paradiese

Und der Zukunft öde Räume,

Seine Neigungen, verkümmert,

Seine Hoffnungen, begraben,

Alle stehn am Horizonte,

Wollen ihre Träne haben.

Und die Jahre die sich langsam,

Tückisch reihten aus Minuten,

Alle brechen auf im Herzen,

Alle nun wie Wunden bluten;

Mit der armen kargen Habe,

Aus so reichem Schacht erbeutet,

Mutlos, ein gebrochner Wandrer,

In das fremde Land er schreitet.

Und doch ist des Sommers Garbe

Nicht geringer als die Blüten,

Und nur in der feuchten Scholle

Kann der frische Keim sich hüten;

Über Fels und öde Flächen

Muß der Strom, daß er sich breite,

Und es segnet Gottes Rechte

Übermorgen so wie heute.

Was bleibt

Seh ich ein Kind zur Weihnachtsfrist,

Ein rosig Kind mit Taubenaugen,

Die Kunde von dem kleinen Christ

Begierig aus den Lippen saugen,

Aufhorchen, wenn es rauscht im Tann,

Ob draußen schon sein Pferdchen schnaube:

»O Unschuld, Unschuld«, denk’ ich dann,

Du zarte, scheue, flücht’ge Taube!

Und als die Wolke kaum verzog,

Studenten klirrten durch die Straßen,

Und: »Vivat Bona!« donnert’s hoch,

So keck und fröhlich sonder Maßen;

Sie scharten sich wie eine Macht,

Die gegen den Koloß sich bäume:

»O Hoffnung«, hab’ ich da gedacht,

»Wie bald zerrinnen Träum’ und Schäume!«

Und ihnen nach ein Reiter stampft,

Geschmückt mit Kreuz und Epaulette,

Den Tschako lüftet er, es dampft

Wie Öfen seines Scheitels Glätte;

Kühn war der Blick, der Arm noch stramm,

Doch droben schwebt’ der Zeitenrabe:

Da schien mir Kraft ein Meeresdamm,

Den jeder Pulsschlag untergrabe.

Und wieder durch die Gasse zog

Studentenhauf, und vor dem Hause

Des Rektors dreimal »Hurra hoch!«

Und wieder »Hoch!« – aus seiner Klause,

In Zipfelmütze und Flanell,

Ein Schemen nickt am Fensterbogen.

»Ha«, dacht ich, »Ruhm, du Mordgesell,

Kömmst nur als Leichenhuhn geflogen!«

An meine Wange haucht’ es dicht,

Und wie das Haupt ich seitwärts regte,

Da sah ich in das Angesicht

Der Frau, die meine Kindheit pflegte,

Dies Antlitz wo Erinnerung

Und werte Gegenwart sich paaren:

»O Liebe«, dacht ich, »ewig jung,

Und ewig frisch bei grauen Haaren!«

Scherz und Ernst

Dichters Naturgefühl

Es war an einem jener Tage,

Wo Lenz und Winter sind im Streit,

Wo naß das Veilchen klebt am Hage,

Kurz, um die erste Maienzeit;

Ich suchte keuchend mir den Weg

Durch sumpf’ge Wiesen, dürre Raine,

Wo matt die Kröte hockt’ am Steine,

Die Eidechs schlüpfte übern Steg.

Durch hundert kleine Wassertruhen,

Die wie verkühlter Spülicht stehn,

Zu stelzen mit den Gummischuhen,

Bei Gott, heißt das Spazierengehn?

Natur, wer auf dem Haberrohr

In Jamben, Stanzen, süßen Phrasen

So manches Loblied dir geblasen,

Dem stell dich auch manierlich vor!

Da ließ zurück den Schleier wehen

Die eitle vielbesungne Frau,

Als fürchte sie des Dichters Schmähen;

Im Sonnenlichte stand die Au,

Und bei dem ersten linden Strahl

Stieg eine Lerche aus den Schollen,

Und ließ ihr Tirilirum rollen

Recht wacker durch den Äthersaal.

Die Quellchen, glitzernd wie Kristallen, –

Die Zweige, glänzend emailliert –

Das kann dem Kenner schon gefallen,

Ich nickte lächelnd: »Es passiert!«

Und stapfte fort in eine Schluft,

Es war ein still und sonnig Fleckchen,

Wo tausend Anemonenglöckchen

Umgaukelten des Veilchens Duft.

Das üpp’ge Moos – der Lerchen Lieder –

Der Blumen Flor – des Krautes Keim –

Auf meinen Mantel saß ich nieder

Und sann auf einen Frühlingsreim.

Da – alle Musen, welch ein Ton! –

Da kam den Rain entlang gesungen

So eine Art von dummen Jungen,

Der Friedrich, meines Schreibers Sohn.

Den Efeukranz im flächsnen Haare,

In seiner Hand den Veilchenstrauß,

So trug er seine achtzehn Jahre

Romantisch in den Lenz hinaus.

Nun schlüpft’ er durch des Hagens Loch,

Nun hing er an den Dornenzwecken

Wie Abrams Widder in den Hecken,

Und in den Dornen pfiff er noch.

Bald hatt’ er beugend, gleitend, springend,

Den Blumenanger abgegrast,

Und rief nun, seine Mähnen schwingend:

»Viktoria, Trompeten blast!«

Dann flüstert’ er mit süßem Hall:

»O, wären es die schwed’schen Hörner!«

Und dann begann ein Lied von Körner;

Fürwahr du bist ‘ne Nachtigall!

Ich sah ihn, wie er an dem Walle

Im feuchten Moose niedersaß,

Und nun die Veilchen, Glöckchen alle

Mit sel’gem Blick zu Straußen las,

Auf seiner Stirn den Sonnenstrahl;

Mich faßt’ ein heimlich Unbehagen,

Warum? ich weiß es nicht zu sagen,

Der fade Bursch war mir fatal.

Noch war ich von dem blinden Hessen

Auf meinem Mantel nicht gesehn,

Und so begann ich zu ermessen,

Wie übel ihm von Gott geschehn;

O Himmel, welch ein traurig Los,

Das Schicksal eines dummen Jungen,

Der zum Kopisten sich geschwungen

Und auf den Schreiber steuert los!

Der in den kargen Feierstunden

Romane von der Zofe borgt,

Beklagt des Löwenritters Wunden

Und seufzend um den Posa sorgt,

Der seine Zelle, kalt und klein,

Schmückt mit Aladdins Zaubergabe,

Und an dem Quell, wie Schillers Knabe,

Violen schlingt in Kränzelein!

In dessen wirbelndem Gehirne

Das Leben spukt gleich einer Fei,

Der – hastig fuhr ich an die Stirne:

»Wie, eine Mücke schon im Mai?«

Und trabte zu der Schlucht hinaus,

Hohl hustend, mit beklemmter Lunge,

Und drinnen blieb der dumme Junge,

Und pfiff zu seinem Veilchenstrauß!

Der Teetisch

Leugnen willst du Zaubertränke,

Lachst mir höhnisch in die Zähne,

Wenn Isoldens ich gedenke,

Wenn Gudrunens ich erwähne?

Und was deine kluge Amme

In der Dämmrung dir vertraute,

Von Schneewittchen und der Flamme,

Die den Hexenschwaden braute;

Alles will dir nicht genügen,

Überweiser Mückensieber?

Nun, so laß die Feder liegen,

Schieb dich in den Zirkel, Lieber,

Wo des zopfigen Chinesen

Trank im Silberkessel zischet,

Sein Aroma auserlesen

Mit des Patschuls Düften mischet;

Wo ein schöner Geist, den Bogen

Feingefältelt in der Tasche,

Lauscht wie in den Redewogen

Er das Steuer sich erhasche;

Wo in zarten Händen hörbar

Blanke Nadelstäbe knittern,

Und die Herren stramm und ehrbar

Breiten ihrer Weisheit Flittern.

Alles scheint dir noch gewöhnlich,

Von der Sohle bis zum Scheitel,

Und du rufst, dem Weisen ähnlich:

»Alles unterm Mond ist eitel!«

Dir genüber und zur Seite

Hier Christinos, dort Carlisten,

Lauter ordinäre Leute,

Deutsche Michel, gute Christen!

Aber sieh die weißen schmalen

Finger sich zum Griff bereiten,

Und die dampfumhüllten Schalen

Zierlich an die Lippen gleiten:

Noch Minuten – und die Stube

Ist zum Kiosk umgestaltet,

Wo der tränenreiche Bube,

Der Chinese zaubernd waltet;

Von der rosenfarbnen Rolle

Liest er seine Zauberreime,

Verse, zart wie Seidenwolle,

Süß wie Jungfernhonigseime;

»Ting, tang, tong« – das steigt und sinket,

Welch Gesäusel, welches Zischen!

Wie ein irres Hündlein hinket

Noch ein deutsches Wort dazwischen.

Und die süßen Damen lächeln,

Leise schaukelnde Pagoden;

Wie sie nicken, wie sie fächeln,

Wie der Knäuel hüpft am Boden!

Aber, weh, nun wird’s gefährlich,

»Tschi, tsi, tsung.« – Die Töne schneiden,

Schnell hinweg die Messer! schwerlich

Übersteht er solche Leiden;

Denn er schaukelt und er dehnet

Ob der Zauberschale Rauche;

Weh, ich fürcht’ am Boden stöhnet

Bald er mit geschlitztem Bauche!

Und die eingeschreckten Frauen

Sitzen stumm und abgetakelt,

Nur das schwanke Haupt vor Grauen

Noch im Pendelschwunge wackelt;

Tiefe Stille im Gemache –

Trän’ im Auge – Kummermiene, –

Und wie Glöckchen an dem Dache

Spielt die siedende Maschine;

Alle die gesenkten Köpfe

Blinzelnd nach des Tisches Mitten,

Wo die Brezel stehn, wie Zöpfe

In Verzweiflung abgeschnitten;

Suche sacht nach deinem Hute,

Freund, entschleiche unterm Lesen,

Sonst, ich schwör’s bei meinem Blute,

Zaubern sie dich zum Chinesen,

Löst sich deines Frackes Wedel,

Unwillkürlich mußt du zischen,

Und von deinem weißen Schädel

Fühlst du Haar um Haar entwischen,

Bis dir blieb nur eine Locke

Von des dunklen Wulstes Drängen,

Dich damit, lebend’ge Glocke,

An dem Kiosk aufzuhängen.

Die Nadel im Baume

Vor Zeiten, ich war schon groß genug,

Hatt’ die Kinderschuhe vertreten,

Nicht alt war ich, doch eben im Zug’

Zu Sankt Andreas zu beten,

Da bin ich gewandelt, Tag für Tag,

Das Feld entlang mit der Kathi;

Ob etwas Liebes im Wege lag?

Tempi passati – passati!

Und in dem Heideland stand ein Baum,

Eine schlanke schmächtige Erle,

Da saßen wir oft in wachendem Traum,

Und horchten dem Schlage der Merle;

Die hatte ihr struppiges Nest gebaut,

Grad in der schwankenden Krone,

Und hat so keck herniedergeschaut

Wie ein Gräflein vom winzigen Throne.

Wir kosten so viel und gingen so lang,

Daß drüber der Sommer verflossen;

Dann hieß es: »Scheiden, o weh wie bang!«

Viel Tränen wurden vergossen;

Die Hände hielten wir stumm gepreßt,

Da zog ich aus flatternder Binde

Eine blanke Nadel, und drückte fest

Sie, fest in die saftige Rinde;

Und drunter merkte ich Tag und Stund’,

Dann sind wir fürder gezogen,

So kläglich schluchzend aus Herzensgrund,

Daß schreiend die Merle entflogen;

O junge Seelen sind Königen gleich,

Sie können ein Peru vergeuden,

Im braunen Heid, unterm grünen Zweig,

Ein Peru an Lieben und Leiden.

Die Jahre verglitten mit schleichendem Gang,

Verrannen gleich duftiger Wolke,

Und wieder zog ich das Feld entlang

Mit jungem lustigen Volke;

Die schleuderten Stäbe, und schrien »Hallo!«

Die sprudelten Witze wie Schlossen,

Mir ward’s im Herzen gar keck und froh,

Mutwillig wie unter Genossen.

Da plötzlich rauscht’ es im dichten Gezweig,

»Eine Merle«, rief’s, »eine Merle!«

Ich fuhr empor – ward ich etwa bleich?

Ich stand an der alternden Erle;

Und rückwärts zog mir’s den Schleier vom Haar,

Ach Gott, ich erglühte wie Flamme,

Als ich sah, daß die alte Nadel es war,

Meine rostige Nadel im Stamme!

Drauf hab’ ich genommen ganz still in Schau

Die Inschrift, zu eigenem Frommen,

Und fühlte dann plötzlich, es steige der Tau,

Und werde mir schwerlich bekommen.

Ich will nicht klagen, mir blieb ein Hort,

Den rosten nicht Wetter und Wogen,

Allein für immer, für immer ist fort

Der Schleier vom Auge gezogen!

Die beschränkte Frau

Ein Krämer hatte eine Frau,

Die war ihm schier zu sanft und milde,

Ihr Haar zu licht, ihr Aug’ zu blau,

Zu gleich ihr Blick dem Mondenschilde;

Wenn er sie sah so still und sacht

Im Hause gleiten wie ein Schemen,

Dann faßt’ es ihn wie böse Macht,

Er mußte sich zusammen nehmen.

Vor allem macht ihm Überdruß

Ein Wort, das sie an alles knüpfte,

Das freilich in der Rede Fluß

Gedankenlos dem Mund entschlüpfte:

»In Gottes Namen«, sprach sie dann,

Wenn schwere Prüfungsstunden kamen,

Und wenn zu Weine ging ihr Mann,

Dann sprach sie auch: »In Gottes Namen.«

Das schien ihm lächerlich und dumm,

Mitunter frevelhaft vermessen;

Oft schalt er und sie weinte drum,

Und hat es immer doch vergessen.

Gewöhnung war es früher Zeit

Und klösterlich verlebter Jugend;

So war es keine Sündlichkeit

Und war auch eben keine Tugend.

Ein Sprichwort sagt: Wem gar nichts fehlt,

Den ärgert an der Wand die Fliege;

So hat dies Wort ihn mehr gequält,

Als andre Hinterlist und Lüge.

Und sprach sie sanft: »Es paßte schlecht!«

Durch Demut seinen Groll zu zähmen,

So schwur er, übel oder recht,

Werd’ es ihn ärgern und beschämen.

Ein Blütenhag war seine Lust.

Einst sah die Frau ihn sinnend stehen,

Und ganz versunken, unbewußt,

So Zweig an Zweig vom Strauche drehen;

»In Gottes Namen!« rief sie, »Mann,

Du ruinierst den ganzen Hagen!«

Der Gatte sah sie grimmig an,

Fürwahr, fast hätt’ er sie geschlagen.

Doch wer da Unglück sucht und Reu,

Dem werden sie entgegeneilen,

Der Handel ist ein zart Gebäu,

Und ruht gar sehr auf fremden Säulen.

Ein Freund falliert, ein Schuldner flieht,

Ein Gläub’ger will sich nicht gedulden,

Und eh ein halbes Jahr verzieht

Weiß unser Krämer sich in Schulden.

Die Gattin hat ihn oft gesehn

Gedankenvoll im Sande waten,

Am Kontobuche seufzend stehn,

Und hat ihn endlich auch erraten;

Sie öffnet heimlich ihren Schrein,

Langt aus verborgner Fächer Grube,

Dann, leise wie der Mondenschein,

Schlüpft sie in ihres Mannes Stube.

Der saß, die schwere Stirn gestützt,

Und rauchte fort am kalten Rohre:

»Karl!« drang ein scheues Flüstern itzt,

Und wieder »Karl!« zu seinem Ohre;

Sie stand vor ihm, wie Blut so rot,

Als gält’ es eine Schuld gestehen.

»Karl« sprach sie, »wenn uns Unheil droht,

Ist’s denn unmöglich, ihm entgehen?«

Drauf reicht sie aus der Schurze dar

Ein Säckchen, stramm und schwer zu tragen,

Drin alles was sie achtzehn Jahr

Erspart am eigenen Behagen.

Er sah sie an mit raschem Blick,

Und zählte, zählte nun aufs neue,

Dann sprach er seufzend: »Mein Geschick

Ist zu verwirrt, – dies langt wie Spreue!«

Sie bot ein Blatt, und wandt’ sich um,

Erzitternd, glüh gleich der Granate;

Es war ihr kleines Eigentum,

Das Erbteil einer frommen Pate.

»Nein« sprach der Mann, »das soll nicht sein!«

Und klopfte freundlich ihre Wangen.

Dann warf er einen Blick hinein

Und sagte dumpf: »Schier möcht’ es langen.«

Nun nahm sie, aus der Schürze Grund,

All ihre armen Herrlichkeiten,

Teelöffelchen, Dukaten rund,

Was ihr geschenkt von Kindeszeiten.

Sie gab es mit so freud’gem Zug!

Doch war’s als ob ihr Mund sich regte,

Als sie zuletzt aufs Kontobuch

Der sel’gen Mutter Trauring legte.

»Fast langt es«, sprach gerührt der Mann,

»Und dennoch kann es schmählich enden;

Willst du dein Leben dann fortan,

Geplündert, fristen mit den Händen?«

Sie sah ihn an, – nur Liebe weiß

An liebem Blicke so zu hangen –

»In Gottes Namen!« sprach sie leis,

Und weinend hielt er sie umfangen.

Die Stubenburschen

Sie waren beide froh und gut,

Und mochten ungern scheiden;

Die Jahre fliehn, es lischt der Mut,

Der Tag bringt Freud’ und Leiden,

Geschäft will Zeit und Zeit ist schnell,

So unterblieb das Schreiben,

Doch öfters sprach Emanuel:

»Was mag der Franzel treiben!«

Da trat einst wintermorgens früh

Ein Mann in seine Stube,

Seltsam verschabt wie ein Genie,

Und hager wie Coeur Bube,

Sah ihn so glau und pfiffig an,

Und blinzelt’ vor Behagen:

»Emanuel, du Hampelmann!

Willst du mir denn nichts sagen?«

»Er ist es!« rief der Doktor aus,

Und reicht’ ihm beide Hände.

»Willkomm, Willkomm! wie siehst du aus?

Ei, munter und behende.«

»Ha« rief der andre, »Sapperment,

Man sieht, du darfst nicht sorgen!

Wie rot du bist, wie korpulent!

Du hast dich wohl geborgen.«

Drauf saß man zu Kamin und Wein,

Ließ von der Glut sich rösten,

Und ätzte sich mit Schmeichelein,

Den Alternden zu trösten.

Ein jeder warf den Hamen hin

Als wohlgeübter Fischer,

Und jeder dachte still: »Ich bin

Gewiß um zehn Jahr frischer.«

Man schüttelte die Hände derb,

Dann ging es an ein Fragen.

Reich war des Medikus Erwerb,

Und dennoch mocht’ er klagen.

Er sah den Franz bedenklich an,

Und dacht’, er steck’ in Schulden,

Doch dieser prahlt’: er sei ein Mann

Von »täglich seinem Gulden.«

Zwei Jahre hat er nur gespart,

Und dann, ein kecker Kämpfer,

Gerasselt mit der Eisenfahrt,

Gestrudelt mit dem Dämpfer!

O wie er die »Stadt Leyden« pries,

Und der Kajüte Gleißen!

Nach seiner Meinung dürfte sie

»Viktoria« nur heißen.

Das hat den Medikus gerührt,

Ihm den bescheidnen Schlucker

Lebendig vor das Aug’ geführt,

Der Klöße aß wie Zucker.

Und gar als jener sprach: »Denkst du

Noch an die halbe Flasche?«

Der Doktor kniff die Augen zu,

Und klimpert’ in der Tasche.

Dann ging es weiter: »Denkst du dort?

Und denkst du dies? und jenes?«

Die Bilder wogten lustig fort,

Viel Herzliches und Schönes.

Wie Abendrot zog ins Gemach

Ein frischer Jugendodem,

Und überhauchte nach und nach

Der Pillenschachteln Brodem.

Am nächsten Morgen hat man kaum

Den Doktor mögen kennen,

Man sah ihn lächeln wie im Traum

Und seine Wangen brennen;

Im heiligen Studierklosett

Hört’ man die Gläser klingen,

Und ein mißtöniges Duett

Aus Uhukehlen dringen.

Nicht litt am Blute mehr der Mann,

Am Podagra und Grieße;

Sah er den dürren Franzel an,

So schien er sich ein Riese;

Hat er den Franzel angesehn

Mit seinem Gulden täglich,

So mußt’ er selber sich gestehn,

Es geh’ ihm ganz erträglich.

Doch als der dritte Tag entschwand,

Da sah man auch die beiden

Betrübten Auges stehn am Strand,

Und wieder hieß es – Scheiden. –

»Leb wohl, Emanuel, leb wohl!« –

– »Leb wohl, du alte Seele!«

Und die »Stadt Leyden« rauschte hohl

Durch Dunst und Wogenschwele.

Drei Monde hat das Jahr gebracht,

Seit Franzel ist geschieden,

Mit ihm des Hypochonders Macht;

Der Doktor lebt in Frieden.

Und will der Dämon hier und dort

Sich schleichend offenbaren,

So geht er an des Rheines Bord

Und sieht »Stadt Leyden« fahren.

Die Schmiede

Wie kann der alte Apfelbaum

So lockre Früchte tragen,

Wo Mistelbüsch’ und Mooses Flaum

Aus jeder Ritze ragen?

Halb tot, halb lebend, wie ein Prinz

In einem Ammenmärchen,

Die eine Seite voll Gespinns,

Wurmfraß und Flockenhärchen,

Langt mit der andern, üppig rot,

Er in die Funkenreigen,

Die knatternd aus der Schmiede Schlot

Wie Sternraketen steigen;

Ein zweiter Scävola hält Jahr

Auf Jahr er seine Rechte

Der Glut entgegen, die kein Haar

Zu sengen sich erfrechte.

Und drunten geht es Pink und Pank,

Man hört die Flamme pfeifen,

Es keucht der Balg aus hohler Flank’

Und bildet Aschenstreifen;

Die Kohle knallt und drüber dicht,

Mit Augen wie Pyropen,

Beugt sich das grimmige Gesicht

Des rußigen Zyklopen.

Er hält das Eisen in die Glut

Wie eine arme Seele,

Es knackt und spritzet Funkenblut

Und dunstet blaue Schwele.

Dann auf dem Amboß, Schlag an Schlag,

Läßt es sein Weh erklingen,

Bis nun gekrümmt in Zorn und Schmach

Es kreucht zu Hufes Ringen.

Des alten Pfarrers Woche

Sonntag

Das ist nun so ein schlimmer Tag,

Wie der April ihn bringen mag

Mit Schlacken, Schnee und Regen.

Zum drittenmal in das Gebraus

Streckt Jungfer Anne vor dem Haus

Ihr kupfern Blendlaternchen aus,

Und späht längs allen Wegen.

»Wo nur der Pfarrer bleiben kann?

Ach, sicher ist dem guten Mann

Was übern Weg gefahren!

Ein Pfleger wohl, der Rechnung macht. –

Aus war der Gottesdienst um acht:

Soll man so streifen in der Nacht

Bei Gicht und grauen Haaren!«

Sie schließt die Türe, schüttelt baß

Ihr Haupt und wischt am Brillenglas;

So gut dünkt ihr die Stube;

Im Ofen kracht’s, der Lampenschein

Hellt überm Tisch den Sonntagswein,

Und lockend lädt der Sessel ein

Mit seiner Kissengrube.

Pantoffeln, – Schlafrock, – alles recht!

Sie horcht aufs neu; doch hört sie schlecht,

Es schwirrt ihr vor den Ohren.

»Wie? hat’s geklingelt? ei der Daus,

Zum zweiten Male! schnell hinaus!«

Da tritt der Pfarrer schon ins Haus,

Ganz blau und steif gefroren.

Die Jungfrau blickt ein wenig quer,

Begütigend der Pfarrer her,

Wie’s recht in diesem Orden.

Dann hustet er. »Nicht Mond noch Stern!

Der lahme Friedrich hört doch gern

Ein christlich Wort am Tag des Herrn,

Es ist mir spät geworden!«

Nun sinkt er in die Kissen fest,

Wirft ab die Kleider ganz durchnäßt,

Und schlürft der Traube Segen.

Ach Gott! nur wer jahraus, jahrein

In andrer Dienste lebt allein,

Weiß was es heißt, beim Sonntagswein

Sich auch ein wenig pflegen.

Montag

»Wenn ich montags früh erwache,

Wird mir’s ganz behaglich gleich;

Montag hat so eigne Sache

In dem kleinen Wochenreich.

Denn die Predigt liegt noch ferne,

Alle Sorgen scheinen leicht;

Keiner kömmt am Montag gerne,

Sei’s zur Trauung, sei’s zur Beicht.

Und man darf mir’s nicht verdenken,

Will ich in des Amtes Frist

Dem ein freies Stündchen schenken,

Was doch auch zu loben ist.

So erwacht denn, ihr Gesellen

Meiner fleiß’gen Jugendzeit!

Wollt’ in Reih und Glied euch stellen,

Alte Bilder, eingeschneit!

Ilion will ich bekriegen,

Mit Horaz auf Reisen gehn,

Will mit Alexander siegen

Und an Memnons Säule stehn.

Oder auch vergnügt ergründen,

Was das Vaterland gebracht,

Mich mit Kant und Wolff verbünden,

Ziehn mit Laudon in die Schlacht.«

Auf der Bücherleiter traben

Sieh den Pfarrer, lustentbrannt,

Sich verschanzen, sich vergraben

Unter Heft und Foliant.

Blättern sieh ihn – nicken – spüren –

Ganz versunken sitzen dann,

Daß mit einer Linie rühren

Du das Buch magst und den Mann.

Doch was kann ihn so bewegen?

Aufgeregt scheint sein Gehirn!

Und das Käppchen ganz verwegen

Drückt er hastig in die Stirn.

Nun beginnt er gar zu pfeifen,

Horch! das Lied vom Prinz Eugen;

Seinen weißen Busenstreifen

Seh’ ich auf und niedergehn.

Ha, nun ist der Türk geschlagen!

Und der Pfarrer springt empor,

Höher seine Brauen ragen,

Senkrecht steht sein Pfeifenrohr.

Im Triumph muß er sich denken

Mit dem Kaiser und dem Staat,

Sieht sich selbst den Säbel schwenken,

Fühlt sich selber als Soldat.

Aber draußen klappern Tritte,

Nach dem Pfarrer fragt es hell,

Der, aus des Gefechtes Mitte,

Huscht in seinen Sessel schnell.

»Ei! das wären saubre Kunden!

Beichtkind und Kommunikant!

Hättet ihr den Pfarr gefunden

Mit dem Säbel in der Hand!«

Dienstag

Auf der breiten Tenne drehn

Paar an Paar so nett,

Wo die Musikanten stehn,

Geig’ und Klarinett, –

Auch der Brummbaß rumpelt drein, –

Sieht man noch den Bräut’gamsschrein

Und das Hochzeitbett.

Etwas eigen, etwas schlau,

Und ein wenig bleich,

Sittsam sieht die junge Frau,

Würdevoll zugleich;

Denn sie ist des Hauses Sproß,

Denn sie führt den Ehgenoß

In ihr Erb’ und Reich.

Sippschaft ist ein weites Band,

Geht gar viel hinein;

Hundert Kappen goldentbrannt,

Kreuze funkeln drein;

Wie das drängt und wie das schiebt!

Was sich kennt und was sich liebt

Will beisammen sein.

Nun ein schallend Vivat bricht

In dem Schwarme aus,

Wo sogar die Tiere nicht

Weigern den Applaus.

Ja, wie an der Krippe fein

Brüllen Ochs und Eselein

Über’n Trog hinaus.

Ganz verdutzt der junge Mann

Kaum die Flasche hält,

Späße hageln drauf und dran,

Keiner neben fällt;

Doch er lacht und reicht die Hand.

Nun! er ist für seinen Stand

Schon ein Mann von Welt.

Alte Frauen schweißbedeckt,

Junge Mägd’ im Lauf,

Spenden was der Korb verdeckt,

Reihen ab und auf.

Sieben Tische kann man sehn,

Sieben Kaffeekessel stehn

Breit und glänzend drauf.

Aber freundlich, wie er kam,

Sucht der Pfarrer gut

Drüben unter tausend Kram

Seinen Stab und Hut;

Dankt noch schön der Frau vom Haus;

In die Dämmerung hinaus

Trabt er wohlgemut;

Wandelt durch die Abendruh’

Sinnend allerlei:

»Ei, dort ging es löblich zu,

Munter, und nicht frei.

Aber – aber – aber doch –«

Und ein langes Aber noch

Fügt er seufzend bei.

»Wie das flimmert! Wie das lacht!

Kanten Händebreit!«

Ach die schnöde Kleiderpracht

Macht ihm tausend Leid.

Und nun gar – er war nicht blind –

Eines armen Mannes Kind;

Nein, das ging zu weit.

Kurz, er nimmt sich’s ernstlich vor,

Heut’ und hier am Steg, –

Ja, an der Gemeinde Ohr,

Wächter treu und reg,

Will er’s tragen ungescheut;

O er findet schon die Zeit

Und den rechten Weg.

Mittwoch

Begleitest du sie gern

Des Pfarrers Lust und Plagen:

Sich gleich an allen Tagen

Triffst du den frommen Herrn.

Der gute Seelenhirt!

Tritt über seine Schwelle;

Da ist er schon zur Stelle

Als des Kollegen Wirt.

In wohlgemeinten Sorgen,

Wie er geschäftig tut!

Doch dämmert kaum der Morgen,

Dies eben dünkt ihm gut.

Am Abend kam der Freund

Erschöpft nach Art der Gäste;

Nun säubre man aufs beste,

Daß alles nett erscheint.

Schon strahlt die große Kanne,

Die Teller blitzen auf;

Noch scheuert Jungfer Anne,

Und horcht mitunter auf.

Ach, sollte sie der Gast

Im alten Jäckchen finden:

Sie müßte ganz verschwinden

Vor dieser Schande Last.

Und was zur Hand tut stehen,

Das reizt den Pfarrer sehr,

Die Jungfer wird’s nicht sehen,

Er macht sich drüber her;

Die Schlaguhr greift er an

Mit ungeschickten Händen,

Und sucht sie sacht zu wenden;

Der übermüt’ge Mann!

Schleppt Foliantenbürde,

Putzt Fensterglas und Tisch;

Fürwahr mit vieler Würde

Führt er den Flederwisch.

Am Paradiesesbaum

Die Blätter zart aus Knochen,

Eins hat er schon zerbrochen,

Jedoch man sieht es kaum.

Und als er just in Schatten

Die alte Klingel stellt –

Es kömmt ihm wohl zu statten –

Da rauscht es draußen, gelt!

Fidel schlägt an in Hast,

Die Jungfer ist geflüchtet,

Und stattlich aufgerichtet

Begrüßt der Pfarr den Gast.

Wie dem so wohl gefallen

Die Aussicht und das Haus,

Wie der entzückt von allen,

Nicht Worte drücken’s aus!

Ich sag es ungeniert,

Sie kamen aus den Gleisen,

Sich Ehre zu erweisen,

Der Gast und auch der Wirt.

Und bei dem Mittagessen,

Das man vortrefflich fand,

Da ward auch nicht vergessen

Der Lehr- und Ehrenstand.

Ich habe viel gehört,

Doch nichts davon getragen,

Nur dieses mag ich sagen,

Sie sprachen sehr gelehrt.

Und sieh nur! drüben schreitet

Der gute Pfarrer just,

Er hat den Gast geleitet

Und spricht aus voller Brust:

»Es ist doch wahr! mein Haus,

So nett und blank da droben,

Ich muß es selber loben,

Es nimmt sich einzig aus.«

Donnerstag

Winde rauschen, Flocken tanzen,

Jede Schwalbe sucht das Haus,

Nur der Pfarrer unerschrocken

Segelt in den Sturm hinaus.

Nicht zum besten sind die Pfade,

Aber leidlich würd’ es sein,

Trüg’ er unter seinem Mantel

Nicht die Äpfel und den Wein.

Ach, ihm ist so wohl zu Mute,

Daß dem kranken Zimmermann

Er die längst gegönnte Gabe

Endlich einmal bieten kann.

Immer muß er heimlich lachen,

Wie die Anne Äpfel las,

Und wie er den Wein stipitzte,

Während sie im Keller saß.

Längs des Teiches sieh ihn flattern,

Wie er rudert, wie er streicht,

Kann den Mantel nimmer zwingen

Mit den Fingern starr und feucht.

Öfters aus dem trüben Auge

Eine kalte Zähre bricht,

Wehn ihm seine grauen Haare

Spinnenwebig ums Gesicht.

Doch Gottlob! da ist die Hütte,

Und nun öffnet sich das Haus,

Und nun keuchend auf der Tenne

Schüttet er die Federn aus.

Ach wie freut der gute Pfarrer

Sich am blanken Feuerschein!

Wie geschäftig schenkt dem Kranken

Er das erste Gläschen ein.

Setzt sich an des Lagers Ende,

Stärkt ihm bestens die Geduld,

Und von seinen frommen Lippen

Einfach fließt das Wort der Huld.

Wenn die abgezehrten Hände

Er so fest in seine schließt,

Anders fühlt sich dann der Kranke,

Meint, daß gar nichts ihn verdrießt.

Mit der Einfalt, mit der Liebe

Schmeichelt er die Seele wach,

Kann an jedes Herz sich legen,

Sei es kraftvoll oder schwach.

Aber draußen will es dunkeln,

Draußen tröpfelt es vom Dach; –

Lange sehn ihm nach die Kinder,

Und der Kranke seufzt ihm nach.

Freitag

Zu denken in gestandnen Tagen

Der Sorge, die so treulich sann,

Der Liebe, die ihn einst getragen,

Wohl ziemt es jedem Ehrenmann.

Am Lehrer alt, am Schüler mild

Magst du nicht selten es gewahren;

Und sind sie beide grau von Haaren,

Um desto werter ist das Bild.

Zumeist dem Priester wird beschieden

Für frühe Treue dieser Lohn;

Nicht einsam ist des Alters Frieden,

Der Zögling bleibt sein lieber Sohn.

Ja was erstarrt im Lauf der Zeit,

Und wehrt dem Neuen einzudringen,

Des Herzens steife Flechsen schlingen

Sich fester um Vergangenheit.

So läßt ein wenig Putz gefallen

Sich heut der gute Pfarrer gern,

Das span’sche Rohr, die Silberschnallen,

Denn heute gehts zum jungen Herrn.

Der mag in reifen Jahren stehn,

Da ihn erwachsne Kinder ehren,

Allein das kann den Pfarr nicht stören,

Der ihn vorzeiten klein gesehn.

Still wandelnd durch des Parkes Linden,

In deren Schutz das Veilchen blüht,

Der Alte muß es freundlich finden,

Daß man so gern ihn freitags sieht;

Er weiß, dem Junker sind noch frisch

Die lieben längst entschwundnen Zeiten,

Und seines Lehrers schwache Seiten,

Ein Gläschen Wein, ein guter Fisch.

Schon tritt er in des Tores Halle;

Da, wie aus reifem Erbsenbeet

Der Spatzen Schar, so hinterm Walle

Hervor es flattert, lacht und kräht;

Der kleinen Junker wilde Schar,

Die still gelauscht im Mauerbogen,

Und nun den Pfarrer so betrogen,

So überrumpelt ganz und gar.

Das stürmt auf ihn von allen Seiten,

Das klammert überall sich an;

Fürwahr mühselig muß er schreiten

Der müde und geduld’ge Mann.

Jedoch er hat sie allzugern,

Die ihn so unbarmherzig plagen,

Und fast zuviel läßt er sie wagen,

Die junge Brut des jungen Herrn.

Wie dann des Hauses Wirt sich freute,

Der Mann mit früh ergrautem Haar,

Nicht wich von seines Lehrers Seite,

Und rückwärts ging um dreißig Jahr;

Wie er in alter Zeiten Bann

Nur flüsternd sprach nach Schüler Weise,

Man sieht es an und lächelt leise,

Doch mit Vergnügen sieht man’s an.

Und später beim Spazierengehen

Die beiden hemmen oft den Schritt,

Nach jeder Blume muß man sehen,

Und manche Pflanze wandert mit.

Der eine ist des Amtes bar,

Nichts hat der andre zu regieren;

Sie gehn aufs neu’ botanisieren,

Der Theolog’ und sein Scholar.

Doch mit dem Abend naht das Scheiden,

Man schiebt es auf, doch kömmt’s heran,

Die Kinder wollen’s gar nicht leiden.

Am Fenster steht der Edelmann

Und spinnt noch lange, lange aus

Vielfarb’ger Bilder bunt Gezwirne;

Dann fährt er über seine Stirne,

Und atmet auf und ist zu Haus.

Samstag

Wie funkeln hell die Sterne,

Wie dunkel scheint der Grund,

Und aus des Teiches Spiegel

Steigt dort der Mond am Hügel

Grad um die elfte Stund’.

Da hebt vom Predigthefte

Der müde Pfarrer sich;

Wohl war er unverdrossen,

Und endlich ist’s geschlossen,

Mit langem Federstrich.

Nun öffnet er das Fenster,

Er trinkt den milden Duft,

Und spricht: »Wer sollt’ es sagen,

Noch Schnee vor wenig Tagen,

Und dies ist Maienluft.«

Die strahlende Rotunde

Sein ernster Blick durchspäht,

Schon will der Himmelswagen

Die Deichsel abwärts tragen.

»Ja, ja es ist schon spät!«

Und als dies Wort gesprochen,

Es fällt dem Pfarrer auf,

Als müß er eben deuten

Auf sich der ganz zerstreuten,

Arglosen Rede Lauf.

Nie schien er sich so hager,

Nie fühlt’ er sich so alt,

Als seit er heut begraben

Den langen Moritz Raben,

Den Förster dort vom Wald.

Am gleichen Tag geboren,

Getauft am gleichen Tag!

Das ist ein seltsam Wesen,

Und läßt uns deutlich lesen,

Was wohl die Zeit vermag!

Der Nacht geheimes Funkeln,

Und daß sich eben muß,

Wie Mondesstrahlen steigen,

Der frische Hügel zeigen,

Das Kreuz an seinem Fuß:

Das macht ihn ganz beklommen,

Den sehr betagten Mann,

Er sieht den Flieder schwanken,

Und längs des Hügels wanken

Die Schatten ab und an.

Wie oft sprach nicht der Tote

Nach seiner Weise kühn:

»Herr Pfarr, wir alten Knaben,

Wir müssen sachte traben,

Die Kirchhofsblumen blühn.«

»So mögen sie denn blühen!«

Spricht sanft der fromme Mann,

Er hat sich aufgerichtet,

Sein Auge, mild umlichtet,

Schaut fest den Äther an.

»Hast Du gesandt ein Zeichen

Durch meinen eignen Mund,

Und willst mich gnädig mahnen

An unser aller Ahnen,

Uralten ew’gen Bund;

Nicht lässig sollst Du finden

Den, der Dein Siegel trägt,

Doch nach dem letzten Sturme« –

Da eben summt’s vom Turme,

Und zwölf die Glocke schlägt. –

»Ja, wenn ich bin entladen

Der Woche Last und Pein,

Dann führe, Gott der Milde,

Das Werk nach Deinem Bilde

In Deinen Sonntag ein.«

Der Strandwächter am deutschen Meere und sein Neffe vom Lande

»Sieben Nächte stand ich am Riff

Und hörte die Woge zerschellen,

Taucht kein Segel, kein irres Schiff?

Schon dunkelt’s über den Wellen.

Nimm das Nachtrohr, Neffe vom Land!

Ich will in die Matte mich strecken,

Dröhnt ein Schuß oder flackert ein Brand,

Dann zieh an der Schnur, mich zu wecken.« –

»Schöner Platz, an der Luke hier,

Für einen unschuld’gen Privaten!

Drunten die See, das wüste Getier,

Das Haie speit und Piraten.

Von der Seeschlang’ wütigem Kampf

Auch hat man Neues vernommen,

Weiß der Himmel, ob nicht per Dampf

Ins deutsche Meer sie gekommen?

Ist’s doch jetzt eine Wunderzeit,

Wo Gletscher brennen wie Essen,

Weiber turnieren im Männerkleid,

Und Knaben die Rute vergessen.

Jeder Wurm entfaltet sein Licht,

Und jeder Narr seine Kappe,

Also, Seele, wundre dich nicht,

Wenn heute du stehst an der Klappe.«

»Vetter! ein Segel, ein Segel fürwahr,

Ein Boot mit flatternden Streifen,

Lichterchen dann, eine schwimmende Schar,

Die unter den Flanken ihm schweifen!

Schau, nun schleichen sie alle seitab,

Nun wechseln sie hüben und drüben –«

»’s ist eine Fischerflotte, mein Knab’,

Sind nur Leute die fischen im Trüben.« –

»Wie das Wasser kräuselt und rennt,

Und wie die Kämme ihm flittern!

Vetter, ob wohl die Düne brennt?

Ich höre das Seegras knittern.« –

»Dünste, mein Junge, nur Phosphorlicht,

Vermoderte Quallen und Schnecken,

Laß sie leuchten, sie zünden nicht,

Und morgen sind’s grünliche Flecken.« –

»Dort kein Räuber? kein Feuer hier?

Ich hätt’ es für beides genommen.

Wetter! ist doch die Welle mir

Schier über den Tubus geschwommen.

Welch ein Leben, so angerannt

Auf nackter Düne zu wohnen!

Und die schnarchenden Robben am Strand, –

Man meint es seien Kanonen!

Schläft der Alte in gutem Mut,

Und läßt mich allein mit dem Spuke,

Und mir ist als steige die Flut,

Und bäume sich gegen die Luke.

Wahrlich, Vetter, es schäumt und schwemmt,

Es brüllt um der Klippe Zinken!« –

»Ruhig, mein Junge, die Springflut kömmt,

Laß sie steigen, sie wird schon sinken.« –

»Gut dann, gut, ihr wißt es aufs best’,

Ihr müßt die Sache verstehen.

Hab’ ich doch nie solch bedenkliches Nest

Wie diese Baracke gesehen.

Und die Wolken schleifen so schwer,

Als schleppten sie Stürme in Säcken,

Jene dort, mit dem fackelnden Speer,

Scheint gar ‘ne Posaune zu strecken.

Was! sie dröhnt? welch greulicher Schall!

Die Welle bäumt sich entgegen,

Tosend und schwarz der ringelnde Wall

Will an den Trichter sich legen;

Ha, es knallt – es flattert und streut –

Wo war’s? wo ist es gewesen?

Wind und Schaum! – was hab’ ich doch heut

Von der Wasserhose gelesen?

Aber dort, – ein Segel in See,

Ist’s aus der Welle gestiegen?

Grad entgegen der sausenden Bö

Scheint’s über die Brandung zu fliegen.

Vetter, schnell von der Matte herab!

Ein Schiff gegen Winde und Wellen!« –

»Gib das Nachtrohr, Knabe, – seitab!

Ich will an die Luke mich stellen.

Gnad’ uns Gott, am Deck zerstreut,

Umhuscht von gespenstigen Lichtern,

Welche Augen, so hohl und weit,

In den fahlen verlebten Gesichtern!

Hörtest vom Geisterschiffe du nicht,

Von den westlichen Todesladern?

Modernde Larve ihr Angesicht,

Und Schwefel statt Blut in den Adern.

Mag die ehrliche deutsche See

Vom Schleim der Molluske sich röten,

Springflut brausen, zischen die Bö,

Und die Wasserhose trompeten,

Drunten, drunten ist’s klar und licht,

Wie droben die Wellen gebaren.

Mögen wir nur vor dem fremden Gezücht,

Vor dem Geisterjanhagel uns wahren!«

Das Eselein

Auf einem Wiesengrund ging einmal

Ein muntres Rößlein weiden,

Ein Schimmelchen war’s, doch etwas fahl,

Sein Äußeres nenn’ ich bescheiden,

Das schlechtste und auch das beste nicht,

Wir wollen nicht drüber zanken,

Doch hatt’ es ein klares Augenlicht

Und starke geschmeidige Flanken.

Im selbem Grunde schritt oft und viel

Ein edler Jüngling spazieren,

Hinter jedem Ohre ein Federkiel,

Das tät ihn wunderbar zieren!

Am Rücken ein Gänseflügelpaar,

Die täten rauschen und wedeln,

Und wißt, seine göttliche Gabe war,

Die schlechte Natur zu veredeln.

Den Tropfen der seiner Stirne entrann,

Den soll wie Perle man fassen,

Ach, ohne ihn hätte die Sonne man

So simpelhin scheinen lassen,

Und ohne ihn wäre der Wiesengrund

Ein nüchterner Anger geblieben,

Ein Quellchen blank, ein Hügelchen rund,

Und eine Handvoll Maßlieben!

Er aber fing in Spiegel den Strahl,

Und ließ ihn zucken wie Flammen,

Die ruppigen Gräser strich er zumal

Und flocht sie sauber zusammen,

An Steinen schleppt’ er sich krank und matt,

Für ein Ruinchen am Hügel,

Dem Hasen kämmt’ er die Wolle glatt

Und frisiert’ den Mücken die Flügel.

So hat er mit saurem Schweiß und Müh’

Das ganz Gemeine verbessert,

Und klareres Wasser fand man nie,

Als wo er schaufelt’ und wässert’,

Und wie’s nun aller Edlen Manier,

Sich mild und nobel zu zeigen,

So, sei’s Gestein, Mensch, oder Tier,

Er gab ihm von seinem Eigen.

Einst saß er mit seinem Werkgerät,

Mit Schere, Pinsel und Flasche,

In der eine schwärzliche Lymphe steht,

Mit Spiegel, Feder und Tasche;

Er saß und lauschte wie in der Näh

Mein Schimmelchen galoppieret;

Auf dem Finger pfiff er: »Pst, Pferdchen, he!«

Und wacker kam es trottieret.

Dann sprach der Edle: »Du wärst schon gut,

‘ne passable Rosinante,

Nähm’ ich dich ernstlich in meine Hut,

Daß ich den Koller dir bannte;

Ein leiser Traber – ein schmuckes Tier –

Ein unermüdeter Wandrer!

Kurz, wenig wüßt’ ich zu rügen an dir,

Wärst du nur völlig ein andrer.

Drum sei verständig, trab’ heran,

Und laß mich ruhig gewähren,

Und sollt’s dich kneipen, nicht zuck mir dann,

Du weißt, oft zwicken die Scheren.«

Mein Schimmelchen stutzt, es setzt seitab,

Ein paarmal rennt es in Kreisen,

Dann sachte trabt es den Anger hinab,

Dann stand es still vor dem Weisen.

Der sprach: »Dein Ohr – ein armer Stumpf!

Armselig bist du geboren!

Kommandowort und der Siegstriumph,

Das geht dir alles verloren.«

Drauf rüstig setzt er die Zangen an,

Und zerrt’ und dehnte an beiden;

Mein Schimmelchen ächzt, und dachte dann:

»O wehe, Hoffart muß leiden!«

»Auch deine Farbe – erbärmlich schlecht!

Nicht blank und dennoch zu lichte,

Nicht für die romantische Dämmrung recht

Und nicht für die klare Geschichte.«

Drauf emsig langt’ er den Pinsel her,

Und mischte Schwarz zu dem Weißen;

Mein Schimmelchen zuckt, es juckt ihn sehr,

Doch dacht’ es: »Wie werd’ ich gleißen!«

»Und gar dein Schweif – unseliges Vieh!

Der flattert und schlenkert wie Segel,

Ich wette, du meinst dich ein Kraftgenie,

Und scheinst doch andern ein Flegel.«

Drauf mit der Schere, Gang an Gang,

Beginnt er hurtig zu zwicken,

Hinauf, hinunter die Wurzel entlang,

Von der Kuppe bis an den Rücken.

Dann spricht er freudig: »Mein schmuckes Tier,

Mein Zelter edel wie keiner!«

Und eilends lang er den Spiegel herfür:

»Nun sieh, und freue dich deiner!

Nun bist ein Paraderößlein, baß

Wie eines von Münster bis Wesel.«

Der Schimmel blinzt, und schaut ins Glas, –

O Himmel, da war er ein Esel!

Die beste Politik

Von allem was zu Leid und Frommen

Bisher das Leben mir gebracht,

Ist manches unverhofft gekommen,

Und manches hatt’ ich überdacht;

Doch seltsam! wo ich schlau und fein

Mich abgesorgt zu grauen Haaren,

Da bin ich meistens abgefahren,

Und Unverhofftes schlug mir ein.

Ein jeder kömmt doch gern zu Brode,

Doch blieben mir die Gönner kalt,

Tat ich gleich klein wie eine Lode

Gen einen mächt’gen Eichenwald;

Und nur der ärmliche Student,

Bei dem ich manche Nacht verwachte,

Als Mangel ihn aufs Lager brachte,

Der dachte mein als Präsident.

Den Frauen will man auch gefallen,

– Zumal sieht man nicht übel aus, –

In die Salons sah man mich wallen,

Verschmitzt hinein, verdutzt heraus;

Und nur die täglich recht und schlicht

Mich wandeln sah im eignen Hause,

Die trug in meine kleine Klause

Des Lebens süßestes Gedicht.

Auch Ruhm ist gar ein scharfer Köder,

Ich habe manchen Tag verschwitzt,

Verschnitzelt hab’ ich manche Feder,

Und bin doch schmählich abgeblitzt;

Und nur als ich, entmutigt ganz,

Gedanken flattern ließ wie Flocken,

Da plötzlich fiel auf meine Locken

Ein junger frischer Lorbeerkranz.

So hab’ aus allem ich gezogen

Das treue Fazit mir zuletzt,

Daß dem das Glück zumeist gewogen,

Der es am mindesten gehetzt;

Und daß, wo Wirken ein Geschick

Nach eigner Willkür kann bereiten,

Nur Offenheit zu allen Zeiten

Die allerbeste Politik.

Balladen

Der Graf von Thal

1.

Das war der Graf von Thal,

So ritt an der Felsenwand;

Das war sein ehlich Gemahl,

Die hinter dem Steine stand.

Sie schaut’ im Sonnenstrahl

Hinunter den linden Hang,

»Wo bleibt der Graf von Thal?

Ich hört’ ihn doch reiten entlang!

Ob das ein Hufschlag ist?

Vielleicht ein Hufschlag fern?

Ich weiß doch wohl ohne List,

Ich hab’ gehört meinen Herrn!«

Sie bog zurück den Zweig.

»Bin blind ich oder auch taub?«

Sie blinzelt’ in das Gesträuch,

Und horcht’ auf das rauschende Laub.

Öd war’s, im Hohlweg leer,

Einsam im rispelnden Wald;

Doch überm Weiher, am Wehr,

Da fand sie den Grafen bald.

In seinen Schatten sie trat.

Er und seine Gesellen,

Die flüstern und halten Rat,

Viel lauter rieseln die Wellen.

Sie starrten über das Land,

Genau sie spähten, genau,

Sahn jedes Zweiglein am Strand,

Doch nicht am Wehre die Frau.

Zur Erde blickte der Graf,

So sprach der Graf von Thal:

»Seit dreizehn Jahren den Schlaf

Rachlose Schmach mir stahl.

War das ein Seufzer lind?

Gesellen, wer hat’s gehört?«

Sprach Kurt: »Es ist nur der Wind,

Der über das Schilfblatt fährt.« –

»So schwör’ ich beim höchsten Gut,

Und wär’s mein ehlich Weib,

Und wär’s meines Bruders Blut,

Viel minder mein eigner Leib:

Nichts soll mir wenden den Sinn,

Daß ich die Rache ihm spar’;

Der Freche soll werden inn’,

Zins tragen auch dreizehn Jahr’.

Bei Gott! das war ein Gestöhn!«

Sie schossen die Blicke in Hast.

Sprach Kurt: »Es ist der Föhn,

Der macht seufzen den Tannenast.« –

»Und ist sein Aug’ auch blind,

Und ist sein Haar auch grau,

Und mein Weib seiner Schwester Kind –«

Hier tat einen Schrei die Frau.

Wie Wetterfahnen schnell

Die dreie wendeten sich.

»Zurück, zurück, mein Gesell’!

Dieses Weibes Richter bin ich.

Hast du gelauscht, Allgund?

Du schweigst, du blickst zur Erd’?

Das bringt dir bittre Stund’!

Allgund, was hast du gehört?« –

»Ich lausch’ deines Rosses Klang,

Ich späh’ deiner Augen Schein,

So kam ich hinab den Hang.

Nun tue was not mag sein.« –

»O Frau!« sprach Jakob Port,

»Da habt ihr schlimmes Spiel!

Grad’ sprach der Herr ein Wort,

Das sich vermaß gar viel.«

Sprach Kurt: »Ich sag’ es rund,

Viel lieber den Wolf im Stall,

Als eines Weibes Mund

Zum Hüter in solchem Fall.«

Da sah der Graf sie an,

Zu einem und zu zwein;

Drauf sprach zur Fraue der Mann:

»Wohl weiß ich, du bist mein.

Als du gefangen lagst

Um mich ein ganzes Jahr,

Und keine Silbe sprachst:

Da ward deine Treu’ mir klar.

So schwöre mir denn sogleich:

Sei’s wenig oder auch viel,

Was du vernahmst am Teich,

Dir sei’s wie Rauch und Spiel.

Als seie nichts geschehn,

So muß ich völlig meinen;

Darf dich nicht weinen sehn,

Darfst mir nicht bleich erscheinen.

Denk nach, denk nach, Allgund!

Was zu verheißen not.

Die Wahrheit spricht dein Mund,

Ich weiß, und brächt’ es Tod.«

Und konnte sie sich besinnen,

Verheißen hätte sie’s nie;

So war sie halb von Sinnen,

Sie schwur, und wußte nicht wie.

2.

Und als das Morgengrau

In die Kemnate sich stahl:

Da hatte die werte Frau

Geseufzt schon manches Mal;

Manch Mal gerungen die Hand,

Ganz heimlich wie ein Dieb;

Rot war ihrer Augen Rand,

Todblaß ihr Antlitz lieb.

Drei Tage kredenzt’ sie den Wein,

Und saß beim Mahle drei Tag’,

Drei Nächte in steter Pein

In der Waldkapelle sie lag.

Wenn er die Wacht besorgt,

Der Torwart sieht sie gehn,

Im Walde steht und horcht

Der Wilddieb dem Gestöhn.

Am vierten Abend sie saß

An ihres Herren Seit’,

Sie dreht’ die Spindel, er las,

Dann sahn sie auf, alle beid’.

»Allgund, bleich ist dein Mund!«

»Herr, ‘s macht der Lampe Schein.«

»Deine Augen sind rot, Allgund!«

»’s drang Rauch vom Herde hinein.

Auch macht mir’s schlimmen Mut,

Daß heut vor fünfzehn Jahren

Ich sah meines Vaters Blut;

Gott mag die Seele wahren!

Lang ruht die Mutter im Dom,

Sind wen’ge mir verwandt,

Ein’ Muhm’ noch und ein Ohm:

Sonst ist mir keins bekannt.«

Starr sah der Graf sie an:

»Es steht dem Weibe fest,

Daß um den ehlichen Mann

Sie Ohm und Vater läßt.«

»Ja, Herr! so muß es sein.

Ich gäb’ um Euch die zweie,

Und mich noch obendrein,

Wenn’s sein müßt’, ohne Reue.

Doch daß nun dieser Tag

Nicht gleich den andern sei,

Lest, wenn ich bitten mag,

Ein Sprüchlein oder zwei.«

Und als die Fraue klar

Darauf das heil’ge Buch

Bot ihrem Gatten dar,

Es auf von selber schlug.

Mit einem Blicke er maß

Der nächsten Sprüche einen;

»Mein ist die Rach’«, er las;

Das will ihm seltsam scheinen.

Doch wie so fest der Mann

Auf Frau und Bibel blickt,

Die saß so still und spann,

Dort war kein Blatt geknickt.

Um ihren schönen Leib

Den Arm er düster schlang:

»So nimm die Laute, Weib,

Sing mir einen lust’gen Sang!«

»O Herr! mag’s Euch behagen,

Ich sing’ ein Liedlein wert,

Das erst vor wenig Tagen

Mich ein Minstrel gelehrt.

Der kam so matt und bleich,

Wollt’ nur ein wenig ruhn,

Und sprach, im oberen Reich

Sing’ man nichts anderes nun.«

Drauf, wie ein Schrei verhallt,

Es durch die Kammer klingt,

Als ihre Finger kalt

Sie an die Saiten bringt.

»Johann! Johann! was dachtest du

An jenem Tag,

Als du erschlugst deine eigne Ruh’

Mit einem Schlag?

Verderbtest auch mit dir zugleich

Deine drei Gesellen;

O, sieh nun ihre Glieder bleich

Am Monde schwellen!

Weh dir, was dachtest du Johann

Zu jener Stund’?

Nun läuft von dir verlornem Mann

Durchs Reich die Kund’!

Ob dich verbergen mag der Wald,

Dich wird’s ereilen;

Horch nur, die Vögel singen’s bald,

Die Wölf’ es heulen!

O weh! das hast du nicht gedacht,

Johann! Johann!

Als du die Rache wahr gemacht

Am alten Mann.

Und wehe! nimmer wird der Fluch

Mit dir begraben,

Dir, der den Ohm und Herrn erschlug,

Johann von Schwaben!«

Aufrecht die Fraue bleich

Vor ihrem Gatten stand,

Der nimmt die Laute gleich,

Er schlägt sie an die Wand.

Und als der Schall verklang,

Da hört man noch zuletzt,

Wie er die Hall’ entlang

Den zorn’gen Fußtritt setzt.

3.

Von heut am siebenten Tag

Das war eine schwere Stund’,

Als am Balkone lag

Auf ihren Knien Allgund.

Laut waren des Herzens Schläge:

»O Herr! erbarme dich mein,

Und bracht’ ich Böses zuwege,

Mein sei die Buß’ allein.«

Dann beugt sie tief hinab,

Sie horcht und horcht und lauscht:

Vom Wehre tost es herab,

Vom Forste drunten es rauscht.

War das ein Fußtritt? nein!

Der Hirsch setzt über die Kluft.

Sollt’ ein Signal das sein?

Doch nein, der Auerhahn ruft.

»O mein Erlöser, mein Hort!

Ich bin mit Sünde beschwert,

Sei gnädig und nimm mich fort,

Eh heim mein Gatte gekehrt.

Ach, wen der Böse umgarnt,

Dem alle Kraft er bricht!

Doch hab’ ich ja nur gewarnt,

Verraten, verraten ja nicht!

Weh! das sind Rossestritte.«

Sie sah sie fliegen durchs Tal

Mit wildem grimmigen Ritte,

Sie sah auch ihren Gemahl.

Sie sah ihn dräuen, genau,

Sie sah ihn ballen die Hand:

Da sanken die Knie der Frau,

Da rollte sie über den Rand.

Und als zum Schlimmen entschlossen

Der Graf sprengt’ in das Tor,

Kam Blut entgegen geflossen,

Drang unterm Gitter hervor.

Und als er die Hände sah falten

Sein Weib in letzter Not,

Da konnt’ er den Zorn nicht halten,

Bleich ward sein Gesicht so rot.

»Weib, das den Tod sich erkor!« –

»’s war nicht mein Wille« sie sprach,

Noch eben bracht’ sie’s hervor.

»Weib, das seine Schwüre brach!«

Wie Abendlüfte verwehen

Noch einmal haucht sie ihn an:

»Es mußt’ eine Sünde geschehen –

Ich hab’ sie für dich getan!«

Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln

1.

Der Anger dampft, es kocht die Ruhr,

Im scharfen Ost die Halme pfeifen,

Da trabt es sachte durch die Flur,

Da taucht es auf wie Nebelstreifen,

Da nieder rauscht es in den Fluß,

Und stemmend gen der Wellen Guß

Es fliegt der Bug, die Hufe greifen.

Ein Schnauben noch, ein Satz, und frei

Das Roß schwingt seine nassen Flanken,

Und wieder eins, und wieder zwei,

Bis fünfundzwanzig stehn wie Schranken:

Voran, voran durch Heid und Wald,

Und wo sich wüst das Dickicht ballt,

Da brechen knisternd sie die Ranken.

Am Eichenstamm, im Überwind,

Um einen Ast den Arm geschlungen,

Der Isenburger steht und sinnt

Und naget an Erinnerungen.

Ob er vernimmt, was durchs Gezweig

Ihm Rinkerad, der Ritter bleich,

Raunt leise wie mit Vögelzungen?

»Graf«, flüstert es, »Graf haltet dicht,

Mich dünkt, als woll’ es Euch betören;

Bei Christi Blute, laßt uns nicht

Heim wie gepeitschte Hunde kehren!

Wer hat gefesselt Eure Hand,

Den freien Stegreif Euch verrannt?«

Der Isenburg scheint nicht zu hören.

»Graf«, flüstert es, »wer war der Mann,

Dem zu dem Kreuz die Rose1 paßte?

Wer machte Euren Schwäher dann

In seinem eignen Land zum Gaste?

Und, Graf, wer höhnte Euer Recht,

Wer stempelt’ Euch zum Pfaffenknecht?« –

Der Isenburg biegt an dem Aste.

»Und wer, wer hat Euch zuerkannt,

Im härnen Sünderhemd zu stehen,

Die Schandekerz’ in Eurer Hand,

Und alte Vetteln anzuflehen

Um Kyrie und Litanei!?« –

Da krachend bricht der Ast entzwei

Und wirbelt in des Sturmes Wehen.

Spricht Isenburg: »Mein guter Fant,

Und meinst du denn ich sei begraben?

O laß mich nur in meiner Hand –

Doch ruhig, still, ich höre traben!«

Sie stehen lauschend, vorgebeugt;

Durch das Gezweig der Helmbusch steigt

Und flattert drüber gleich dem Raben.

2.

Wie dämmerschaurig ist der Wald

An neblichten Novembertagen,

Wie wunderlich die Wildnis hallt

Von Astgestöhn und Windesklagen!

»Horch, Knabe, war das Waffenklang?« –

»Nein, gnäd’ger Herr! ein Vogelsang,

Von Sturmesflügeln hergetragen.« –

Fort trabt der mächtige Prälat,

Der kühne Erzbischof von Köllen,

Er, den der Kaiser sich zum Rat

Und Reichsverweser mochte stellen,

Die ehrne Hand der Klerisei, –

Zwei Edelknaben, Reis’ger zwei,

Und noch drei Äbte als Gesellen.

Gelassen trabt er fort, im Traum

Von eines Wunderdomes Schöne,

Auf seines Rosses Hals den Zaum,

Er streicht ihm sanft die dichte Mähne,

Die Windesodem senkt und schwellt; –

Es schaudert, wenn ein Tropfen fällt

Von Ast und Laub, des Nebels Träne.

Schon schwindelnd steigt das Kirchenschiff,

Schon bilden sich die krausen Zacken –

Da, horch, ein Pfiff und hui, ein Griff,

Ein Helmbusch hier, ein Arm im Nacken!

Wie Schwarzwildrudel bricht’s heran,

Die Äbte fliehn wie Spreu, und dann

Mit Reisigen sich Reis’ge packen.

Ha, schnöder Strauß! zwei gegen zehn!

Doch hat der Fürst sich losgerungen,

Er peitscht sein Tier und mit Gestöhn

Hat’s übern Hohlweg sich geschwungen;

Die Gerte pfeift – »Weh, Rinkerad!« –

Vom Rosse gleitet der Prälat

Und ist ins Dickicht dann gedrungen.

»Hussah, hussah, erschlagt den Hund,

Den stolzen Hund!« und eine Meute

Fährt’s in den Wald, es schließt ein Rund,

Dann vor- und rückwärts und zur Seite;

Die Zweige krachen – ha es naht –

Am Buchenstamm steht der Prälat

Wie ein gestellter Eber heute.

Er blickt verzweifelnd auf sein Schwert,

Er löst die kurze breite Klinge,

Dann prüfend untern Mantel fährt

Die Linke nach dem Panzerringe;

Und nun wohlan, er ist bereit,

Ja männlich focht der Priester heut,

Sein Streich war eine Flammenschwinge.

Das schwirrt und klingelt durch den Wald,

Die Blätter stäuben von den Eichen,

Und über Arm und Schädel bald

Blutrote Rinnen tröpfeln, schleichen;

Entwaffnet der Prälat noch ringt,

Der starke Mann, da zischend dringt

Ein falscher Dolch ihm in die Weichen.

Ruft Isenburg: »Es ist genug,

Es ist zuviel!« und greife die Zügel;

Noch sah er wie ein Knecht ihn schlug,

Und riß den Wicht am Haar vom Bügel.

»Es ist zuviel, hinweg, geschwind!«

Fort sind sie, und ein Wirbelwind

Fegt ihnen nach wie Eulenflügel. – –

Des Sturmes Odem ist verrauscht,

Die Tropfen glänzen an dem Laube,

Und über Blutes Lachen lauscht

Aus hohem Loch des Spechtes Haube;

Was knistert nieder von der Höh’

Und schleppt sich wie ein krankes Reh?

Ach armer Knabe, wunde Taube!

»Mein gnädiger, mein lieber Herr,

So mußten dich die Mörder packen?

Mein frommer, o mein Heiliger!«

Das Tüchlein zerrt er sich vom Nacken,

Er drückt es auf die Wunde dort,

Und hier und drüben, immerfort,

Ach, Wund’ an Wund’ und blut’ge Zacken!

»Ho, holla ho!« – dann beugt er sich

Und späht, ob noch der Odem rege;

War’s nicht als wenn ein Seufzer schlich,

Als wenn ein Finger sich bewege? –

»Ho, holla ho!« – »Hallo, hoho!«

Schallt’s wieder um, des war er froh:

»Sind unsre Reuter allewege!«

3.

Zu Köln am Rheine kniet ein Weib

Am Rabensteine unterm Rade,

Und überm Rade liegt ein Leib,

An dem sich weiden Kräh’ und Made;

Zerbrochen ist sein Wappenschild,

Mit Trümmern seine Burg gefüllt,

Die Seele steht bei Gottes Gnade.

Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch

Von Ampeln und von Weihrauchschwelen –

Um seinen qualmt der Moderhauch

Und Hagel peitscht der Rippen Höhlen;

Im Dome steigt ein Trauerchor,

Und ein Tedeum stieg empor

Bei seiner Qual aus tausend Kehlen.

Und wenn das Rad der Bürger sieht,

Dann läßt er rasch sein Rößlein traben,

Doch eine bleiche Frau die kniet,

Und scheucht mit ihrem Tuch die Raben:

Um sie mied er die Schlinge nicht,

Er war ihr Held, er war ihr Licht –

Und ach, der Vater ihrer Knaben!

Fußnoten

1 Zu (dem Kreuz) Köln die Rose (das Wappen von) Berg, dessen Besitz Engelbert dem Bruder von Isenburgs Gemahlin vorenthielt.

Das Fegefeuer des westfälischen Adels

Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht,

Und nicht, wo der greuliche Höllenschlund,

Ob auch die Wolke zittert im Licht,

Ob siedet und qualmet Vulkanes Mund;

Doch wo die westfälischen Edeln müssen

Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen,

Das wissen wir alle, das ward uns kund.

Grau war die Nacht, nicht öde und schwer,

Ein Aschenschleier hing in der Luft;

Der Wanderbursche schritt flink einher,

Mit Wollust saugend den Heimatduft;

O bald, bald wird er schauen sein Eigen,

Schon sieht am Lutterberge er steigen

Sich leise schattend die schwarze Kluft.

Er richtet sich, wie Trompetenstoß

Ein Holla ho! seiner Brust entsteigt –

Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß,

An seiner Schulter es rasselt, keucht,

Ein Rappe – grünliche Funken irren

Über die Flanken, die knistern und knirren,

Wie wenn man den murrenden Kater streicht.

»Jesus Maria!« – er setzt seitab,

Da langt vom Sattel es überzwerch –

Ein eherner Griff, und in wüstem Trab

Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg!

An seinem Ohre hört er es raunen

Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen,

So an ihm raunt der gespenstige Scherg’:

»Johannes Deweth! ich kenne dich!

Johann! du bist uns verfallen heut’!

Bei deinem Heile, nicht lach noch sprich,

Und rühre nicht an was man dir beut;

Vom Brode nur magst du brechen in Frieden,

Ewiges Heil ward dem Brode beschieden,

Als Christus in froner Nacht es geweiht!« –

Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht,

Da seine Sinne der Bursche verlor,

Und spät erst hebt er sein bleiches Gesicht

Vom Estrich einer Halle empor;

Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel,

Von tausend Flämmchen ein mattes Gefunkel,

Und drüber schwimmend ein Nebelflor.

Er reibt die Augen, er schwankt voran,

An hundert Tischen, die Halle entlang,

All edle Geschlechter, so Mann an Mann;

Es rühren die Gläser sich sonder Klang,

Es regen die Messer sich sonder Klirren,

Wechselnde Reden summen und schwirren,

Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang.

Ob jedem Haupte des Wappens Glast,

Das langsam schwellende Tropfen speit,

Und wenn sie fallen, dann zuckt der Gast,

Und drängt sich einen Moment zur Seit’;

Und lauter, lauter dann wird das Rauschen,

Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen,

Und wirrer summet das Glockengeläut.

Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht,

Nicht möchte der gleißenden Wand er traun,

Noch wäre der glimmernde Sitz ihm recht,

Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Braun.

Da muß, o Himmel, wer sollt’ es denken!

Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken,

Den alten stattlichen Ritter er schaun.

»Mein Heiland, mach’ ihn der Sünden bar!«

Der Jüngling seufzet in schwerem Leid;

Er hat ihm gedienet ein ganzes Jahr;

Doch ungern kredenzt er den Becher ihm heut!

Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern,

Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern,

Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut.

O manche Gestalt noch dämmert ihm auf,

Dort sitzt sein Pate, der Metternich,

Und eben durch den wimmelnden Hauf

Johann von Spiegel, der Schenke, strich;

Prälaten auch, je viere und viere,

Sie blättern und rispeln im grauen Breviere,

Und zuckend krümmen die Finger sich.

Und unten im Saale, da knöcheln frisch

Schaumburger Grafen um Leut’ und Land,

Graf Simon schüttelt den Becher risch,

Und reibt mitunter die knisternde Hand;

Ein Knappe nähet, er surret leise –

Ha, welches Gesumse im weiten Kreise,

Wie hundert Schwärme an Klippenrand!

»Geschwind den Sessel, den Humpen wert,

Den schleichenden Wolf1 geschwinde herbei!«

Horch, wie es draußen rasselt und fährt!

Barhaupt stehet die Massonei,

Hundert Lanzen drängen nach binnen,

Hundert Lanzen und mitten darinnen

Der Asseburger, der blutige Weih!

Und als ihm alles entgegenzieht,

Da spricht Johannes ein Stoßgebet:

Dann risch hinein! sein Ärmel sprüht,

Ein Funken über die Finger ihm geht.

Voran – da »sieben« schwirren die Lüfte

»Sieben, sieben, sieben,« die Klüfte,

»In sieben Wochen, Johann Deweth!«

Der sinkt auf schwellenden Rasen hin,

Und schüttelt gegen den Mond die Hand,

Drei Finger die bröckeln und stäuben hin,

Zu Asch’ und Knöchelchen abgebrannt.

Er raffe sich auf, er rennt, er schießet,

Und ach, die Vaterklause begrüßet

Ein grauer Mann, von keinem gekannt,

Der nimmer lächelt, nur des Gebets

Mag pflegen drüben im Klosterchor,

Denn »sieben, sieben«, flüstert es stets,

Und »sieben Wochen« ihm in das Ohr.

Und als die siebente Woche verronnen,

Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen,

Gott hebe die arme Seele empor!

Fußnoten

1 Der schleichende Wolf ist das Wappen der Familie Asseburg.

Die Stiftung Cappenbergs

Der Mond mit seinem blassen Finger

Langt leise durch den Mauerspalt,

Und koset, streifend längs dem Zwinger,

Norbertus’ Stirne feucht und kalt.

Der lehnt an bröckelndem Gestein,

Salpeterflocken seine Daunen,

An seinem Ohre Heimchen raunen,

Und wimmelnd rennt das Tausendbein.

Und überm Haupte fühlt er’s beben,

Da geht es hoch, da zecht es frisch,

In Pulsen schäumend pocht das Leben,

Die Humpen tanzen auf dem Tisch.

Der Graf von Arnsberg gibt ein Fest,

Dem Schwiegersohn der graue Schwäher;

So mehr er trinkt so wird er zäher,

So wirrer steht sein Lockennest.

Gern hat sein Kind er dem Dynasten,

Dem reichen Cappenberg vertraut,

Nun trägt sein Anker Doppellasten!

Und seinen Feinden hat’s gegraut.

Da kömmt auf seinem Eselein

Norbert, und macht den Sohn zum Pfaffen;

Allein er wußte Rat zu schaffen,

Er pferchte den Apostel ein.

Wie, keine Enkel soll er wiegen?

Soll in des Eidams Hora gehn,

Und sehn sein Kind am Boden liegen

Und Paternosterkugeln drehn?

Nein, heute ist der Tag wo muß,

Wo wird die Sache sich erled’gen,

Und sollt’ er mit dem Schwerte pred’gen,

Ein umgekehrter Carolus.

Und »Gottfried«, spricht er, »Junge, Ritter,

So sieh doch einmal in die Höh’!

Du schaust ja in den Wein so bitter

Wie Requiem und Kyrie.

Was spinnst du an dem alten Werg?

Laß die Kapuze grauen Sündern,

Und deine Burg die laß den Kindern,

Dein schönes festes Cappenberg!«

Und drunten in dem feuchten Turme

Der Heil’ge flüstert: »Großer Gott,

Allgegenwärt’ger du im Wurme

Als in der Krone blankem Spott,

Wie größer deine Allmacht zeigt

Sein Füßchen, das lebendig zittert,

Als eine Mauer die verwittert,

Und ob ein Babel drüber steigt!«

»Ja« spricht der Graf, den Humpen schwenkend:

»Wär Norbert hier, dein Eselmann,

Ich ließ ihm füllen, dein gedenkend,

Und trinken möcht’ er was er kann;

Doch da ihm Pech und Schwefel glüht,

Was andern Schächern mild und süße,

So bleibt er besser im Verließe,

Ein wohlkasteiter Eremit.«

Und drunten spricht’s mit mildem Tone:

»Du der, des Himmels höchste Zier,

Gezogen bist zur Dornenkrone

Auf einem still demüt’gen Tier,

Du, der des Mondes Lieblichkeit

In meinen Kerker ließest rinnen,

Gezähmt mir die vertrauten Spinnen,

Du, Milder, seist gebenedeit!«

Und Gottfried, kämpfend mit den Tränen,

Ergreift den Humpen, noch gefüllt,

Vor seinem Ohr ein leises Stöhnen,

Vor seinem Aug’ ein bleiches Bild.

O, dringen möcht’ er durch den Stein,

Wo seine sünd’gen Füße stehen,

O, einmal, einmal möcht’ er sehen

Durch Lichterglanz den Heil’genschein!

»Ha!« zürnt der Graf, »was ließ ich schenken

Dir meinen allerbesten Wein!

Eh möcht’ ich einen Schädel tränken,

Ja, oder einen Leichenstein.

Gottfried, Gottfried, ich schwör es dir,

So wahr ich Friedrich« – seht ihn stocken,

Vor seinem Auge schwimmen Flocken,

Er hebt sich auf, er schwankt zur Tür,

Und plötzlich auf den Estrich nieder

Taumelt er wie ein wundes Roß,

Es zucken, strecken sich die Glieder.

Welch ein Getümmel in dem Schloß!

»Krank« dieser, »tot« spricht jener Mund,

Ja wahrlich, das ist Todes Miene,

Und eine mächtige Ruine

Liegt Friedrich auf dem eignen Grund.

Die Humpen sind in Hast zertrümmert,

Burgunderblut fließt übern Stein,

Die Lampen mählich sind verkümmert,

Wie Erdenlust sie qualmten ein.

Doch drüben, in des Klosters Hut,

Entflammte man die ew’ge Leuchte,

Und knieend alles Volk sich beugte

Dem reinen Wein, der Christi Blut.

Der Fundator

Im Westen schwimmt ein falber Strich,

Der Abendstern entzündet sich

Grad’ überm Sankt Georg am Tore;

Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore.

Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht

Ums Eiland, wo die graue Wacht

Sich hebt aus Wasserbins’ und Rohre.

Auf ihrem Dach die Fledermaus,

Sie schaukelt sich, sie breitet aus

Den Rippenschirm des Schwingenflosses,

Und, mit dem Schwirren des Geschosses,

Entlang den Teich, hinauf, hinab,

Dann klammert sie am Fensterstab,

Und blinzt in das Gemach des Schlosses.

Ein weit Gelaß, im Sammetstaat!

Wo einst der mächtige Prälat

Des Hauses Chronik hat geschrieben.

Frisch ist der Baldachin geblieben,

Der güldne Tisch, an dem er saß,

Und seine Seelenmesse las

Man heut in der Kapelle drüben.

Heut sind es grade hundert Jahr,

Seit er gelegen auf der Bahr’

Mit seinem Kreuz und Silberstabe.

Die ew’ge Lamp’ an seinem Grabe

Hat heute hundert Jahr gebrannt.

In seinem Sessel an der Wand

Sitzt heut ein schlichter alter Knabe.

Des Hauses Diener, Sigismund,

Harrt hier der Herrschaft, Stund’ auf Stund’:

Schon kam die Nacht mit ihren Flören,

Oft glaubt die Kutsche er zu hören,

Ihr Quitschern in des Weges Kies,

Er richtet sich – doch nein – es blies

Der Abendwind nur durch die Föhren.

‘s ist eine Dämmernacht, genau

Gemacht für Alp und weiße Frau.

Dem Junkerlein ward es zu lange,

Dort schläft es hinterm Damasthange.

Die Chronik hält der Alte noch,

Und blättert fort im Finstern, doch

Im Ohre summt es gleich Gesange:

»So hab’ ich dieses Schloß erbaut,

Ihm mein Erworbnes anvertraut,

Zu des Geschlechtes Nutz und Walten;

Ein neuer Stamm sprießt aus dem alten,

Gott segne ihn! Gott mach’ ihn groß! –«

Der Alte horcht, das Buch vom Schoß

Schiebt sacht er in der Lade Spalten:

Nein – durch das Fenster ein und aus

Zog schrillend nur die Fledermaus;

Nun schießt sie fort. – Der Alte lehnet

Am Simse. Wie der Teich sich dehnet

Ums Eiland, wo der Warte Rund,

Sich tief schattiert im matten Grund.

Das Röhricht knirrt, die Unke stöhnet.

Dort, denkt der Greis, dort hat gewacht

Der alte Kirchenfürst, wenn Nacht

Sich auf den Weiher hat ergossen.

Dort hat den Reiher er geschossen,

Und zugeschaut des Schlosses Bau,

Sein weiß Habit, sein Auge grau,

Lugt’ drüben an den Fenstersprossen.

Wie scheint der Mond so kümmerlich!

– Er birgt wohl hinterm Tanne sich –

Schaut nicht der Turm wie ‘ne Laterne,

Verhauchend, dunstig, aus der Ferne!

Wie steigt der blaue Duft im Rohr,

Und rollt sich am Gesims empor!

Wie seltsam blinken heut die Sterne!

Doch ha! – er blinzt, er spannt das Aug’,

Denn dicht und dichter schwillt der Rauch,

Als ob ein Docht sich langsam fache,

Entzündet sich im Turmgemache

Wie Mondenschein ein graues Licht,

Und dennoch – dennoch – las er nicht,

Nicht Neumond heut im Almanache? –

Was ist das? deutlich, nur getrübt

Vom Dunst der hin und wieder schiebt,

Ein Tisch, ein Licht, in Turmes Mitten,

Und nun, – nun kömmt es hergeschritten,

Ganz wie ein Schatten an der Wand,

Es hebt den Arm, es regt die Hand, –

Nun ist es an den Tisch geglitten.

Und nieder sitzt es, langsam, steif,

Was in der Hand? – ein weißer Streif! –

Nun zieht es etwas aus der Scheiden

Und fingert mit den Händen beiden,

Ein Ding, – ein Stäbchen ungefähr, –

Dran fährt es langsam hin und her,

Es scheint die Feder anzuschneiden.

Der Diener blinzt und blinzt hinaus:

Der Schemen schwankt und bleichet aus,

Noch sieht er es die Feder tunken,

Da drüber gleitet es wie Funken,

Und in demselbigen Moment

Ist alles in das Element

Der spurlos finstern Nacht versunken.

Noch immer steht der Sigismund,

Noch starrt er nach der Warte Rund,

Ihn dünkt, des Weihers Flächen rauschen,

Weit beugt er übern Sims, zu lauschen;

Ein Ruder! – nein, die Schwäne ziehn!

Grad hört er längs dem Ufergrün

Sie sacht ihr tiefes Schnarchen tauschen.

Er schließt das Fenster. – »Licht, o Licht!« –

Doch mag das Junkerlein er nicht

So plötzlich aus dem Schlafe fassen,

Noch minder es im Saale lassen.

Sacht schiebt er sich dem Sessel ein,

Zieht sein korallnes Nösterlein,

– Was klingelt drüben an den Tassen? –

Nein – eine Fliege schnurrt im Glas!

Dem Alten wird die Stirne naß;

Die Möbeln stehn wie Totenmale,

Es regt und rüttelt sich im Saale,

Allmählich weicht die Tür zurück,

Und in demselben Augenblick

Schlägt an die Dogge im Portale.

Der Alte drückt sich dicht zuhauf,

Er lauscht mit Doppelsinnen auf,

– Ja! am Parkett ein leises Streichen,

Wie Wiesel nach der Stiege schleichen –

Und immer härter, Tapp an Tapp,

Wie mit Sandalen, auf und ab,

Es kömmt – es naht – er hört es keuchen; –

Sein Sessel knackt! – ihm schwimmt das Hirn –

Ein Odem, dicht an seiner Stirn!

Da fährt er auf und wild zurücke,

Errafft das Kind mit blindem Glücke

Und stürzt den Korridor entlang.

O, Gott sei Dank! ein Licht im Gang,

Die Kutsche rasselt auf die Brücke!

Vorgeschichte (Second sight)

Kennst du die Blassen im Heideland,

Mit blonden flächsenen Haaren?

Mit Augen so klar wie an Weihers Rand

Die Blitze der Welle fahren?

O sprich ein Gebet, inbrünstig, echt,

Für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht.

So klar die Lüfte, am Äther rein

Träumt nicht die zarteste Flocke,

Der Vollmond lagert den blauen Schein

Auf des schlafenden Freiherrn Locke,

Hernieder bohrend in kalter Kraft

Die Vampyrzunge, des Strahles Schaft.

Der Schläfer stöhnt, ein Traum voll Not

Scheint seine Sinne zu quälen,

Es zuckt die Wimper, ein leises Rot

Will über die Wange sich stehlen;

Schau, wie er woget und rudert und fährt,

Wie einer so gegen den Strom sich wehrt.

Nun zuckt er auf – ob ihn geträumt,

Nicht kann er sich dessen entsinnen –

Ihn fröstelt, fröstelt, ob’s drinnen schäumt

Wie Fluten zum Strudel rinnen;

Was ihn geängstet, er weiß es auch:

Es war des Mondes giftiger Hauch.

O Fluch der Heide, gleich Ahasver

Unterm Nachtgestirne zu kreisen!

Wenn seiner Strahlen züngelndes Meer

Aufbohret der Seele Schleusen,

Und der Prophet, ein verzweifelnd Wild,

Kämpft gegen das mählich steigende Bild.

Im Mantel schaudernd mißt das Parkett

Der Freiherr die Läng’ und Breite,

Und wo am Boden ein Schimmer steht,

Weitaus er beuget zur Seite,

Er hat einen Willen und hat eine Kraft,

Die sollen nicht liegen in Blutes Haft.

Es will ihn krallen, es saugt ihn an,

Wo Glanz die Scheiben umgleitet,

Doch langsam weichend, Spann’ um Spann’,

Wie ein wunder Edelhirsch schreitet,

In immer engerem Kreis gehetzt,

Des Lagers Pfosten ergreift er zuletzt.

Da steht er keuchend, sinnt und sinnt,

Die müde Seele zu laben,

Denkt an sein liebes einziges Kind,

Seinen zarten, schwächlichen Knaben,

Ob dessen Leben des Vaters Gebet

Wie eine zitternde Flamme steht.

Hat er des Kleinen Stammbaum doch

Gestellt an des Lagers Ende,

Nach dem Abendkusse und Segen noch

Drüber brünstig zu falten die Hände;

Im Monde flimmernd das Pergament

Zeigt Schild an Schilder, schier ohne End’.

Rechtsab des eigenen Blutes Gezweig,

Die alten freiherrlichen Wappen,

Drei Rosen im Silberfelde bleich,

Zwei Wölfe schildhaltende Knappen,

Wo Ros’ an Rose sich breitet und blüht,

Wie überm Fürsten der Baldachin glüht.

Und links der milden Mutter Geschlecht,

Der frommen in Grabeszellen,

Wo Pfeil’ an Pfeile, wie im Gefecht,

Durch blaue Lüfte sich schnellen.

Der Freiherr seufzt, die Stirn gesenkt,

Und – steht am Fenster, bevor er’s denkt.

Gefangen! gefangen im kalten Strahl!

In dem Nebelnetze gefangen!

Und fest gedrückt an der Scheib’ Oval,

Wie Tropfen am Glase hangen,

Verfallen sein klares Nixenaug’,

Der Heidequal in des Mondes Hauch.

Welch ein Gewimmel! – er muß es sehn,

Ein Gemurmel! – er muß es hören,

Wie eine Säule, so muß er stehn,

Kann sich nicht regen noch kehren.

Es summt im Hofe ein dunkler Hauf,

Und einzelne Laute dringen hinauf.

Hei! eine Fackel! sie tanzt umher,

Sich neigend, steigend in Bogen,

Und nickend, zündend, ein Flammenheer

Hat den weiten Estrich umzogen.

All schwarze Gestalten im Trauerflor

Die Fackeln schwingen und halten empor.

Und alle gereihet am Mauerrand,

Der Freiherr kennet sie alle;

Der hat ihm so oft die Büchse gespannt,

Der pflegte die Ross’ im Stalle,

Und der so lustig die Flasche leert,

Den hat er siebenzehn Jahre genährt.

Nun auch der würdige Kastellan,

Die breite Pleureuse am Hute,

Den sieht er langsam, schlurfend nahn,

Wie eine gebrochene Rute;

Noch deckt das Pflaster die dürre Hand,

Versengt erst gestern an Herdes Brand.

Ha, nun das Roß! aus des Stalles Tür,

In schwarzem Behang und Flore;

O, ist’s Achill, das getreue Tier?

Oder ist’s seines Knaben Medore?

Er starret, starrt und sieht nun auch,

Wie es hinkt, vernagelt nach altem Brauch.

Entlang der Mauer das Musikchor,

In Krepp gehüllt die Posaunen,

Haucht prüfend leise Kadenzen hervor,

Wie träumende Winde raunen;

Dann alles still. O Angst! o Qual!

Es tritt der Sarg aus des Schlosses Portal.

Wie prahlen die Wappen, farbig grell

Am schwarzen Sammet der Decke.

Ha! Ros’ an Rose, der Todesquell

Hat gespritzet blutige Flecke!

Der Freiherr klammert das Gitter an:

»Die andre Seite!« stöhnet er dann.

Da langsam wenden die Träger, blank

Mit dem Monde die Schilder kosen.

»O«, – seufzt der Freiherr – »Gott sei Dank!

Kein Pfeil, kein Pfeil, nur Rosen!«

Dann hat er die Lampe still entfacht,

Und schreibt sein Testament in der Nacht.

Der Graue

Im Walde steht die kleine Burg,

Aus rohem Quaderstein gefugt,

Mit Schart’ und Fensterlein, wodurch

Der Doppelhaken einst gelugt;

Am Teiche rauscht des Rohres Speer,

Die Brücke wiegt und knarrt im Sturm,

Und in des Hofes Mitte, schwer,

Plump wie ein Mörser, steht der Turm.

Da siehst du jetzt umhergestellt

Manch feuerrotes Ziegeldach,

Und wie der Stempel steigt und fällt,

So pfeift die Dampfmaschine nach;

Es knackt die Form, der Bogen schrillt,

Es dunstet Scheidewassers Näh’,

Und überm grauen Wappenschild

Liest man: Moulin à papier.

Doch wie der Kessel quillt und schäumt,

Den Brüßler Kaufherrn freut es kaum,

Der hatte einmal sich geträumt

Von Land und Luft den feinsten Traum;

Das war so recht ein Fleckchen, sich

Zu retten aus der Zahlen Haft!

Nicht groß, und doch ganz adelig,

Und brauchte wenig Dienerschaft.

Doch eine Nacht nur macht’ er sich

Bequem es – oder unbequem –

In seinem Schlößchen, und er strich

Nur wie ein Vogel dran seitdem.

Sah dann er zu den Fenstern auf,

Verschlossen wie die Sakristein,

So zog er wohl die Schultern auf,

Mit einem Seufzer, oder zwein.

Es war um die Septemberzeit,

Als, schürend des Kamines Brand,

Gebückt, in regenfeuchtem Kleid,

Der Hausherr in der Halle stand,

Er und die Gäste, all im Rauch;

Van Neelen, Redel, Verney, Dahm,

Und dann der blonde Waller auch,

Der eben erst aus Smyrna kam.

Im Schlote schnob der Wind, es goß

Der Regen sprudelnd sich vom Dach,

Und wenn am Brand ein Flämmchen schoß,

Schien doppelt öde das Gemach.

Die Gäste waren all zur Hand,

Erleichternd ihres Wirtes Müh’;

Van Neelen nur am Fenster stand,

Und schimpfte auf die Landpartie.

Doch nach und nach mag’s besser gehn,

Schon hat der Wind die Glut gefacht,

Den Regen läßt man draußen stehn,

Champagnerflaschen sind gebracht.

Die Leuchter hatten wenig Wert,

Es ging wie beim Studentenfest:

Sobald die Flasche ist geleert,

Wird eine Kerze drauf gepreßt.

Je mehr es fehlt, so mehr man lacht,

Der Wein ist heiß, die Kost gewählt,

Manch derbes Späßchen wird gemacht,

Und mancher feine Streich erzählt.

Zuletzt von Wein und Reden glüh,

Rückt seinen Stuhl der Herr vom Haus:

»Ich lud euch zu ‘ner Landpartie,

Es ward ‘ne Wasserfahrt daraus.

Doch da die allerschönste Fracht

Am Ende nach dem Hafen schifft,

So, meine Herren, gute Nacht!

Und nehmt vorlieb, wie es sich trifft.«

Da lachend nach den Flaschen greift

Ein jeder. – Türen auf und zu. –

Und Waller, noch im Gehen, streift

Aus seinem Frack den Ivanhoe.

Es war tief in die Nacht hinein,

Und draußen heulte noch der Sturm,

Schnob zischend an dem Fensterstein

Und drillt’ den Glockenstrang am Turm.

In seinem Bette Waller lag,

Und las so scharf im Ivanhoe,

Daß man gedacht, bevor es Tag

Sei Englands Königreich in Ruh.

Er sah nicht, daß die Kerze tief

Sich brannte in der Flasche Rand,

Der Talg in schweren Tropfen lief,

Und drunten eine Lache stand.

Wie träumend hört’ er das Geknarr

Der Fenster, vom Rouleau gedämpft,

Und wie die Türe mit Geschnarr

In ihren Angeln zuckt und kämpft.

Sehr freut er sich am Bruder Tuck,

– Die Sehne schwirrt, es rauscht der Hain –

Da plötzlich ein gewalt’ger Ruck,

Und, hui! die Scheibe klirrt hinein.

Er fuhr empor, – weg war der Traum –

Und deckte mit der Hand das Licht,

Ha! wie so wüst des Zimmers Raum!

Selbst ein romantisches Gedicht!

Der Sessel feudalistisch Gold –

Am Marmortisch die Greifenklau’ –

Und überm Spiegel flatternd rollt,

Ein Banner, der Tapete Blau,

Im Zug der durch die Lücke schnaubt;

Die Ahnenbilder leben fast,

Und schütteln ihr behelmtes Haupt

Ergrimmt ob dem plebejen Gast.

Der blonde Waller machte gern

Sich selber einen kleinen Graus,

So nickt’ er spöttisch gen die Herrn,

Als fordert’ er sie keck heraus.

Die Glocke summt – schon eins fürwahr!

Wie eine Boa dehnt’ er sich,

Und sah nach dem Pistolenpaar,

Dann rüstet’ er zum Schlafe sich.

Die Flasche hob er einmal noch

Und leuchtete die Wände an,

Ganz wie ‘ne alte Halle doch

Aus einem Scottischen Roman!

Und – ist das Nebel oder Rauch,

Was durch der Türe Spalten quillt,

Und, wirbelnd in des Zuges Hauch,

Die dunstigen Paneele füllt?

Ein Ding – ein Ding – wie Grau in Grau,

Die Formen schwanken – sonderbar! –

Doch, ob der Blick sich schärft? den Bau

Von Gliedern nimmt er mählich wahr.

Wie überm Eisenhammer, schwer

Und schwarz, des Rauches Säule wallt;

Ein Zucken flattert drüben her,

Doch – hat es menschliche Gestalt!

Er war ein hitziger Kumpan,

Wenn Wein die Lava hat geweckt.

»Qui vive!« – und leise knackt der Hahn,

Der Waller hat den Arm gestreckt:

»Qui vive!« – ‘ne Pause, – »ou je tire!«

Und aus dem Lauf die Kugel knallt;

Er hört sie schlagen an die Tür,

Und abwärts prallen mit Gewalt.

Der Schuß dröhnt am Gewölbe nach,

Und, eine schwere Nebelschicht,

Füllt Pulverbrodem das Gemach;

Er teilt sich, schwindet, das Gesicht

Steht in des Zimmers Mitte jetzt,

Ganz wie ein graues Bild von Stein,

Die Formen scharf und unverletzt,

Die Züge edel, streng und rein.

Auf grauer Locke grau Barett,

Mit grauer Hahnenfeder drauf.

Der Waller hat so sacht und nett

Sich hergelangt den zweiten Lauf.

Noch zögert er – ist es ein Bild,

Wär’s zu zerschießen lächerlich;

Und wär’s ein Mensch – das Blut ihm quillt –

Ein Geck, der unterfinge sich –?!

Ein neuer Ruck, und wieder Knall

Und Pulverrauch – war das Gestöhn?

Er hörte keiner Kugel Prall –

Es ist vorüber! ist geschehn!

Der Waller zuckt: »Verdammtes Hirn!«

Mit einmal ist er kalt wie Eis,

Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn,

Er starret in den Nebelkreis.

Ein Ächzen! oder Windeshauch! –

Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt.

O Gott, es zappelt! – nein – der Rauch

Gedrängt vom Zuge schwankt und irrt;

Es wirbelt aufwärts, woget, wallt,

Und, wie ein graues Bild von Stein,

Steht nun am Bette die Gestalt,

Da, wo der Vorhang sinkt hinein.

Und drüber knistert’s, wie von Sand,

Wie Funke, der elektrisch lebt;

Nun zuckt ein Finger – nun die Hand –

Allmählich nun ein Fuß sich hebt, –

Hoch – immer höher – Waller winkt;

Dann macht er schnell gehörig Raum,

Und langsam in die Kissen sinkt

Es schwer, wie ein gefällter Baum.

»Ah, je te tiens!« er hat’s gepackt,

Und schlingt die Arme wie ‘nen Strick, –

Ein Leichnam! todessteif und nackt!

Mit einem Ruck fährt er zurück;

Da wälzt es langsam, schwer wie Blei,

Sich gleich dem Mühlstein über ihn;

Da tat der Waller einen Schrei,

Und seine Sinne waren hin.

Am nächsten Morgen fand man kalt

Ihn im Gemache ausgestreckt;

‘s war eine Ohnmacht nur, und bald

Ward zum Bewußtsein er geweckt.

Nicht irre war er, nur gepreßt,

Und fragt’ ob keiner ward gestört?

Doch alle schliefen überfest,

Nicht einer hat den Schuß gehört.

So ward es denn für Traum sogleich,

Und alles für den Alp erkannt;

Doch zog man sich aus dem Bereich,

Und trollte hurtig über Land.

Sie waren alle viel zu klug,

Und vollends zu belesen gar;

Allein der blonde Waller trug

Seit dieser Nacht eisgraues Haar.

Die Vendetta

1.

Ja, einen Feind hat der Kors’, den Hund,

Luigi, den hagern Podesta,

Der den Ohm, so stark und gesund,

Ließ henken, den kühnen di Vesta.

Er und der rote Franzose Jocliffe,

Die beiden machten ihn hangen,

Aber der ging zu dem Schmugglerschiff,

Und liegt seit Monden gefangen.

Steht im Walde Geronimo,

Und klirrend zieht aus der Scheide

Er das Messer, so und so

An der Sohle wetzt er die Schneide;

Gleitet dann in die Dämmerung,

Dem Feinde auf Tod und Leben

Mit des Tieres Verstümmelung

Ein korsisch’ Kartell zu geben.

Schau! wie Zweig an Zweige er streicht,

– Kaum flüsternd die Blätter schwanken, –

Gleich der gleißenden Boa leicht

Hinquillt durch Gelaub und Ranken;

Drüber träufelt das Mondenlicht,

Wie heimlicher Träne Klage

Durch eine dunkele Wimper bricht.

Nun kniet der Korse am Hage.

Dort der Anger, – und dort am Hang

Die einsam weidende Stute,

Langsam schnaubt sie den Rain entlang;

Aus andalusischem Blute,

Hoch, schneeschimmernd, zum Grund gebeugt

Den mähnumfluteten Nacken,

Nah sie, näher dem Hagen steigt.

Nun wird der Korse sie packen!

Schon erfaßt er der Schneide Griff,

Er reckt sich über dem Kraute,

Da – ein Geknister und – still! ein Pfiff,

Und wieder – summende Laute!

Und es schreitet dem Hage zu,

Grad wo Geronimo kniet,

Nieder gleitet der Kors’ im Nu,

Ha, wie er keuchet und glühet!

Dicht an ihm, – der Mantel streift,

Die Ferse könnt’ er ihm fassen, –

Steht der hagre Podest’ und pfeift;

»Sorella!« ruft er gelassen,

Und: »Sorella, mein kluges Tier!«

Der Lauscher höret es stampfen,

Über ihm, mit hellem Gewiehr,

Zwei schnaubende Nüstern dampfen.

Freundlich klatscht Luigi den Bug,

Liebkosend streicht er die Mähnen,

Hat nicht zärtlicher Worte genug,

Er spricht wie zu seiner Schönen.

Einen Blitz aus glühendem Aug’,

Und rückwärts taumelt die Stute.

»Ei, Sorella, was fehlt dir auch?

Mein Töchterchen, meine Gute.«

Kandiszucker langt er hervor;

Ha, wie ihre Nüstern blasen!

Wie sie naschet, gespitzt das Ohr,

Und immer glotzet zum Rasen!

Einen Blick der Podesta scheu

Schießt über die glitzernde Aue,

Rückt am Dolche, und dann aufs neu:

»Mein Schimmelchen, meine Graue!«

Wie er über den Hag sich biegt,

Am Nacken des Tieres gleitet,

Auf Geronimos Auge liegt

Des Feindes Mantel gebreitet;

O, nie hat so heiß und schwer

Geronimo, nie gelegen,

Jede Muskel im Arm fühlt er

Wie eine Viper sich regen.

Doch er ist ein gläubiger Christ,

Geht jede Woche zur Beichte,

Hat voll Andacht noch heut geküßt

Christoferos heilige Leuchte.

Sünde wär’s, das Messer im Schlund

Des Ungewarnten zu bergen,

Sonst – alleine, allein der Hund!

Bewaffnet, und ohne Schergen!

Eine Minute, die schnell vergeht,

Der Korse gen Himmel schaute,

Zum Patrone ein Stoßgebet,

Dann fährt er empor vom Kraute;

Blank die Waffe, den Bug geschlitzt,

Dann wie ein Vogel zum Walde –

Schreiend vom Hange die Stute blitzt,

Der Richter starrt an der Halde.

2.

Mittagsstunde, – der Sonnenpfeil

Prallt an des Weihen Gefieder,

Der vom Gesteine grau und steil

Blinzt in die Pinien nieder.

Schwarz der Wald, eine Wetternacht,

Die aus dem Äther gesunken,

Drüber der Strahl in Siegespracht

Tanzt auf dem Feinde wie trunken.

Plötzlich zuckt, es flattert der Weih,

Und klatscht in taumelnden Ringen,

Überm Riffe sein wilder Schrei,

Dann steigt er, wiegend die Schwingen;

Und am Grunde es stampft und surrt,

Hart unter dem Felsenmale,

Netz im Haare, Pistol im Gurt,

Zwölf Schergen reiten zu Tale.

Wo den Schatten verkürzt das Riff

Wirft über die zitternde Aue,

Starrt gefesselt der rote Jocliffe

Hinauf zum Vogel ins Blaue.

Dürr seine Zunge, – kein Tropfen labt –

Er lacht in grimmigem Hohne,

Neben ihm der Podesta trabt

Und pfeift sich eine Kanzone.

Rüstig stampfen die Rosse fort,

Dann »halt!« Es lagert die Bande;

Hier ein Scherge, ein anderer dort,

Gestreckt im knisternden Sande.

Die Zigarre läßt an den Grund

Ihr bläuliches Wölkchen schwelen,

Und der Schlauch, von Mund zu Mund,

Strömt in die durstigen Kehlen.

Wie so lockend die Taube lacht

Aus grünem duftigem Haine!

Von den zwölfen heben sich acht,

Sie schlendern entlang das Gesteine,

Lässig, spielend, so sorgenbar

Wie junge Geier im Neste,

Dieser zupfet des Nachbars Haar,

Der schnitzelt am Zwiebelreste.

Einer so nach dem andern schwankt

Ins Grün aus der sengenden Hitze,

Halt! wie elektrisch Feuer rankt

Von Aug zu Aug ein Geblitze.

Horch, sie flüstern! Zwei und zwei

Die Pinien streifen sie leise,

Wie die Hinde witternd und scheu

Schlüpft über befahrene Gleise.

Zwei am Hange und zwei hinab

Und vier zur Rechten und Linken,

Sachte beugen den Ast sie ab

Ihre Augen wie Vipern blinken,

Da – im Moose ein dürrer Baum

Mit wunderlich brauner Schale, –

Hui! ein Pfiff auf gekrümmtem Daum, –

Und dort – und drunten im Tale.

Fährt vom Moose Geronimo,

Und eh ihn die Schergen umschlingen,

Wie im Heid die knisternde Loh’,

Ha! sieh ihn flattern und springen!

Knall auf Knall, eine Kugel pfeift

Ihm durch der Retilla Knoten,

Blutend er an dem Gesteine läuft

Bis zum Jocliffe, dem roten.

Hoch die Rechte – will er schnell

Sich rächen zu dieser Stunde?

Nein, am Rosse schreibt das Kartell

Er rasch mit klaffender Wunde.

Hoch die Linke – es knallt, es blitzt.

Und taumelnd sinkt der Podesta;

Ruft der Korse: »So hab es itzt,

Du Hund, für den kühnen di Vesta!«

O Geronimo! hätten dich fort,

Fort, fort deine Sprünge getragen,

Als die einen am Riffe dort,

Die andern klommen am Hagen!

Schwerlich heute, so mein’ ich klar,

Sie würden die Stadt erschrecken

Mit der Leiche auf grüner Bahr’

Und mit dir, gebunden am Schecken!

Das Fräulein von Rodenschild

Sind denn so schwül die Nächt’ im April?

Oder ist so siedend jungfräulich Blut?

Sie schließt die Wimper, sie liegt so still,

Und horcht des Herzens pochender Flut.

»O will es denn nimmer und nimmer tagen!

O will denn nicht endlich die Stunde schlagen!

Ich wache, und selbst der Seiger ruht!

Doch horch! es summt, eins, zwei und drei, –

Noch immer fort? – sechs, sieben und acht,

Elf, zwölf, – o Himmel, war das ein Schrei?

Doch nein, Gesang steigt über der Wacht,

Nun wird mir’s klar, mit frommem Munde

Begrüßt das Hausgesinde die Stunde,1

Anbrach die hochheilige Osternacht.«

Seitab das Fräulein die Kissen stößt,

Und wie eine Hinde vom Lager setzt,

Sie hat des Mieders Schleifen gelöst,

Ins Häubchen drängt sie die Locken jetzt,

Dann leise das Fenster öffnend, leise,

Horcht sie der mählich schwellenden Weise,

Vom wimmernden Schrei der Eule durchsetzt.

O dunkel die Nacht! und schaurig der Wind!

Die Fahnen wirbeln am knarrenden Tor, –

Da tritt aus der Halle das Hausgesind’

Mit Blendlaternen und einzeln vor.

Der Pförtner dehnet sich, halb schon träumend,

Am Dochte zupfet der Jäger säumend,

Und wie ein Oger gähnet der Mohr.

Was ist? – wie das auseinanderschnellt!

In Reihen ordnen die Männer sich,

Und eine Wacht vor die Dirnen stellt

Die graue Zofe sich ehrbarlich,

»Ward ich gesehn an des Vorhangs Lücke?

Doch nein, zum Balkone starren die Blicke,

Nun langsam wenden die Häupter sich.

O weh meine Augen! bin ich verrückt?

Was gleitet entlang das Treppengeländ?

Hab’ ich nicht so aus dem Spiegel geblickt?

Das sind meine Glieder, – welch ein Geblend’!

Nun hebt es die Hände, wie Zwirnes Flocken,

Das ist mein Strich über Stirn und Locken! –

Weh, bin ich toll, oder nahet mein End’!«

Das Fräulein erbleicht und wieder erglüht,

Das Fräulein wendet die Blicke nicht,

Und leise rührend die Stufen zieht

Am Steingelände das Nebelgesicht,

In seiner Rechten trägt es die Lampe,

Ihr Flämmchen zittert über der Rampe,

Verdämmernd, blau, wie ein Elfenlicht.

Nun schwebt es unter dem Sternendom,

Nachtwandlern gleich in Traumes Geleit,

Nun durch die Reihen zieht das Phantom,

Und jeder tritt einen Schritt zur Seit’. –

Nun lautlos gleitet’s über die Schwelle, –

Nun wieder drinnen erscheint die Helle,

Hinauf sich windend die Stiegen breit.

Das Fräulein hört das Gemurmel nicht,

Sieht nicht die Blicke, stier und verscheucht,

Fest folgt ihr Auge dem bläulichen Licht,

Wie dunstig über die Scheiben es streicht.

– Nun ist’s im Saale – nun im Archive –

Nun steht es still an der Nische Tiefe –

Nun matter, matter, – ha! es erbleicht!

»Du sollst mir stehen! ich will dich fahn!«

Und wie ein Aal die beherzte Maid

Durch Nacht und Krümmen schlüpft ihre Bahn,

Hier droht ein Stoß, dort häkelt das Kleid,

Leis tritt sie, leise, o Geistersinne

Sind scharf! daß nicht das Gesicht entrinne!

Ja, mutig ist sie, bei meinem Eid!

Ein dunkler Rahmen, Archives Tor;

– Ha, Schloß und Riegel! – sie steht gebannt,

Sacht, sacht das Auge und dann das Ohr

Drückt zögernd sie an der Spalte Rand,

Tiefdunkel drinnen – doch einem Rauschen

Der Pergamente glaubt sie zu lauschen,

Und einem Streichen entlang der Wand.

So niederkämpfend des Herzens Schlag,

Hält sie den Odem, sie lauscht, sie neigt –

Was dämmert ihr zur Seite gemach?

Ein Glühwurmleuchten – es schwillt, es steigt,

Und Arm an Arme, auf Schrittes Weite,

Lehnt das Gespenst an der Pforte Breite,

Gleich ihr zur Nachbarspalte gebeugt.

Sie fährt zurück, – das Gebilde auch –

Dann tritt sie näher – so die Gestalt –

Nun stehen die beiden, Auge in Aug,

Und bohren sich an mit Vampyres Gewalt.

Das gleiche Häubchen decket die Locken,

Das gleiche Linnen, wie Schnees Flocken,

Gleich ordnungslos um die Glieder wallt.

Langsam das Fräulein die Rechte streckt,

Und langsam, wie aus der Spiegelwand,

Sich Linie um Linie entgegenreckt

Mit gleichem Rubine die gleiche Hand;

Nun rührt sich’s – die Lebendige spüret

Als ob ein Luftzug schneidend sie rühret,

Der Schemen dämmert, – zerrinnt – entschwand.

Und wo im Saale der Reihen fliegt,

Da siehst ein Mädchen du, schön und wild,

– Vor Jahren hat’s eine Weile gesiecht –

Das stets in den Handschuh die Rechte hüllt.

Man sagt, kalt sei sie wie Eises Flimmer,

Doch lustig die Maid, sie hieß ja immer:

»Das tolle Fräulein von Rodenschild.«

Fußnoten

1 Es bestand, und besteht hier und dort noch in katholischen Ländern die Sitte, am Vorabende des Oster-und Weihnachtstages den zwölften Glockenschlag abzuwarten, um den Eintritt des Festes mit einem frommen Liede zu begrüßen.

Der Geierpfiff

»Nun still! – Du an den Dohnenschlag!

Du links an den gespaltnen Baum!

Und hier der faule Fetzer mag

Sich lagern an der Klippe Saum:

Da seht fein offen übers Land

Die Kutsche ihr heranspazieren:

Und Rieder dort, der Höllenbrand,

Mag in den Steinbruch sich postieren!

Dann aufgepaßt mit Aug und Ohr,

Und bei dem ersten Räderhall

Den Eulenschrei! und tritt hervor

Die Fracht, dann wiederholt den Schall:

Doch naht Gefahr – Patrouillen gehn, –

Seht ihr die Landdragoner streifen,

Dann dreimal, wie von Riffeshöhn,

Laßt ihr den Lämmergeier pfeifen.

Nun, Rieder, noch ein Wort zu dir:

Mit Recht heißt du der Höllenbrand;

Kein Stückchen – ich verbitt’ es mir –

Wie neulich mit der kalten Hand!«

Der Hauptmann spricht es; durch den Kreis

Ein Rauschen geht und feines Schwirren,

Als sie die Büchsen schultern leis,

Und in den Gurt die Messer klirren.

Seltsamer Troß! hier Riesenbau

Und hiebgespaltnes Angesicht,

Und dort ein Bübchen wie ‘ne Frau,

Ein zierliches Spelunkenlicht;

Der drüben an dem Scheitelhaar

So sachte streift den blanken Fänger,

Schaut aus den blauen Augen gar

Wie ein verarmter Minnesänger.

‘s ist lichter Tag! die Bande scheut

Vor keiner Stunde – alles gleich; –

Es ist die rote Bande, weit

Verschrien, gefürchtet in dem Reich;

Das Knäbchen kauert unterm Stier

Und betet, raschelt es im Walde,

Und manches Weib verschließt die Tür,

Schreit nur ein Kuckuck an der Halde.

Die Posten haben sich zerstreut,

Und in die Hütte schlüpft der Troß –

Wildhüters Obdach, zu der Zeit,

Als jene Trümmer war ein Schloß:

Wie Ritter vor der Ahnengruft,

Fühlt sich der Räuber stolz gehoben

Am Schutte, dran ein gleicher Schuft

Vor Jahren einst den Brand geschoben.

Und als der letzte Schritt verhallt,

Der letzte Zweig zurückgerauscht,

Da wird es einsam in dem Wald,

Wo überm Ast die Sonne lauscht;

Und als es drinnen noch geklirrt,

Und noch ein Weilchen sich geschoben,

Da still es in der Hütte wird,

Vom wilden Weingerank umwoben.

Der scheue Vogel setzt sich kühn

Aufs Dach und wiegt sein glänzend Haupt,

Und summend durch der Reben Grün

Die wilde Biene Honig raubt;

Nur leise wie der Hauch im Tann,

Wie Weste durch die Halme streifen,

Hört drinnen leise, leise man,

Vorsichtig an den Messern schleifen. –

Ja, lieblich ist des Berges Maid

In ihrer festen Glieder Pracht,

In ihrer blanken Fröhlichkeit

Und ihrer Zöpfe Rabennacht;

Siehst du sie brechen durchs Genist

Der Brombeerranken, frisch, gedrungen,

Du denkst, die Zentifolie ist

Vor Übermut vom Stiel gesprungen.

Nun steht sie still und schaut sich um –

Allüberall nur Baum an Baum;

Ja, irre zieht im Walde um

Des Berges Maid und glaubt es kaum;

Noch zwei Minuten, wo sie sann,

Pulsieren ließ die heißen Glieder, –

Behende wie ein Marder dann

Schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder.

Am Eingang steht ein Felsenblock,

Wo das Geschiebe überhängt;

Der Efeu schüttelt sein Gelock,

Zur grünen Laube vorgedrängt:

Da unterm Dache lagert sie,

Behaglich lehnend an dem Steine,

Und denkt: Ich sitze wahrlich wie

Ein Heil’genbildchen in dem Schreine!

Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar

Sie löset mit der runden Hand,

Und nieder rauscht ihr schwarzes Haar

Wie Rabenfittiges Gewand.

Ei! denkt sie, bin ich doch allein!

Auf springt das Spangenpaar am Mieder;

Doch unbeweglich gleich dem Stein

Steht hinterm Block der wilde Rieder:

Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß,

Der tändelnd schaukelt wie ein Schiff,

Zuweilen treibt des Windes Gruß

Auch eine Locke um das Riff,

Doch ihres heißen Odems Zug,

Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen,

Verlorne Laute, wie im Flug

Lockvögel, um das Ohr ihm spielen.

So weich die Luft und badewarm,

Berauschend Thimianes Duft,

Sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm,

Den vollen, streckt sie aus der Kluft,

Schließt dann ihr glänzend Augenpaar –

Nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde –

So dämmert sie und die Gefahr

Wächst von Sekunde zu Sekunde.

Nun alles still – sie hat gewacht –

Doch hinterm Steine wird’s belebt

Und seine Büchse sachte, sacht,

Der Rieder von der Schulter hebt,

Lehnt an die Klippe ihren Lauf,

Dann lockert er der Messer Klingen,

Hebt nun den Fuß – was hält ihn auf?

Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen!

Ha, das Signal! – er ballt die Faust –

Und wiederum des Geiers Pfiff

Ihm schrillend in die Ohren saust –

Noch zögert knirschend er am Riff –

Zum dritten Mal – und sein Gewehr

Hat er gefaßt – hinan die Klippe!

Daß bröckelnd Kies und Sand umher

Nachkollern von dem Steingerippe.

Und auch das Mädchen fährt empor:

»Ei, ist so locker das Gestein?«

Und langsam, gähnend tritt hervor

Sie aus dem falschen Heil’genschrein,

Hebt ihrer Augen feuchtes Glühn,

Will nach dem Sonnenstande schauen,

Da sieht sie einen Geier ziehn

Mit einem Lamm in seinen Klauen.

Und schnell gefaßt, der Wildnis Kind,

Tritt sie entgegen seinem Flug:

Der kam daher, wo Menschen sind,

Das ist der Bergesmaid genug.

Doch still! war das nicht Stimmenton

Und Räderknarren? still! sie lauscht –

Und wirklich, durch die Nadeln schon

Die schwere Kutsche ächzt und rauscht.

»He, Mädchen!« ruft es aus dem Schlag,

Mit feinem Knicks tritt sie heran:

»Zeig uns zum Dorf die Wege nach,

Wir fuhren irre in dem Tann!« –

»Herr«, spricht sie lachend, »nehmt mich auf,

Auch ich bin irr und führ’ Euch doch.«

»Nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf,

Nur frisch hinauf, du zögerst noch?«

»Herr, was ich weiß, ist nur gering,

Doch führt es Euch zu Menschen hin,

Und das ist schon ein köstlich Ding

Im Wald, mit Räuberhorden drin:

Seht, einen Weih am Bergeskamm

Sah steigen ich aus jenen Gründen,

Der in den Fängen trug ein Lamm;

Dort muß sich eine Herde finden.« –

Am Abend steht des Forstes Held

Und flucht die Steine warm und kalt:

Der Wechsler freut sich, daß sein Geld

Er klug gesteuert durch den Wald:

Und nur die gute, franke Maid

Nicht ahnet in der Träume Walten,

Daß über sie so gnädig heut

Der Himmel seinen Schild gehalten. –

Die Schwestern

1.

Sacht pochet der Käfer im morschen Schrein,

Der Mond steht über den Fichten.

»Jesus Maria, wo mag sie sein!

Hin will meine Angst mich richten.

Helene, Helene, was ließ ich dich gehn

Allein zur Stadt mit den Hunden,

Du armes Kind, das sterbend mir

Auf die Seele die Mutter gebunden!«

Und wieder rennt Gertrude den Weg

Hinauf bis über die Steige.

Hier ist ein Tobel – sie lauscht am Steg,

Ein Strauch – sie rüttelt am Zweige.

Da drunten summet es elf im Turm,

Gertrude kniet an der Halde:

»Du armes Blut, du verlassener Wurm!

Wo magst du irren im Walde!«

Und zitternd löst sie den Rosenkranz

Von ihres Gürtels Gehänge,

Ihr Auge starret in trübem Glanz,

Ob es die Dämmerung sprenge.

»Ave Maria – ein Licht, ein Licht!

Sie kömmt, ‘s ist ihre Laterne!

– Ach Gott, es ist nur ein Hirtenfeur,

Jetzt wirft es flatternde Sterne.

Vater unser, der du im Himmel bist

Geheiliget werde dein Name« –

Es rauscht am Hange, »heiliger Christ!«

Es bricht und knistert im Brame,

Und drüber streckt sich ein schlanker Hals,

Zwei glänzende Augen starren.

»Ach Gott, es ist eine Hinde nur,

Jetzt setzt sie über die Farren.«

Gertrude klimmt die Halde hinauf,

Sie steht an des Raines Mitte.

Da – täuscht ihr Ohr ? – ein flüchtiger Lauf,

Behend galoppierende Tritte –

Und um sie springt es in wüstem Kreis,

Und funkelt mit freud’gem Gestöhne.

»Fidel, Fidel!« so flüstert sie leis,

Dann ruft sie schluchzend: »Helene!«

»Helene!« schallt es am Felsenhang,

»Helen’!« von des Waldes Kante,

Es war ein einsamer trauriger Klang,

Den heimwärts die Echo sandte.

Wo drunten im Tobel das Mühlrad wacht,

Die staubigen Knecht’ an der Wanne

Die haben gehorcht die ganze Nacht

Auf das irre Gespenst im Tanne.

Sie hörten sein Rufen von Stund zu Stund,

Sahn seiner Laterne Geflimmer,

Und schlugen ein Kreuz auf Brust und Mund,

Zog über den Tobel der Schimmer.

Und als die Müllerin Reisig las,

Frühmorgens an Waldes Saume,

Da fand sie die arme Gertrud im Gras,

Die ängstlich zuckte im Traume.

2.

Wie rollt in den Gassen das Marktgebraus!

Welch ein Getümmel, Geblitze!

Hanswurst schaut über die Bude hinaus,

Und winkt mit der klingelnden Mütze;

Karossen rasseln, der Trinker jucht,

Und Mädchen schrein im Gedränge,

Drehorgeln pfeifen, der Kärrner flucht,

O Babels würdige Klänge!

Da tritt ein Weib aus der Ladentür,

Eine schlichte Frau von den Flühen,

Die stieß an den klingelnden Harlekin schier,

Und hat nicht gelacht noch geschrien.

Ihr mattes Auge sucht auf dem Grund,

Als habe sie etwas verloren,

Und hinter ihr trabt ein zottiger Hund,

Verdutzt, mit hängenden Ohren.

»Zurück, Verwegne! siehst du denn nicht

Den Wagen, die schnaubenden Braunen?«

Schon dampfen die Nüstern ihr am Gesicht,

Da fährt sie zurück mit Staunen,

Und ist noch über die Rinne grad’

Mit raschem Sprunge gewichen,

Als an die Schürze das klirrende Rad

In wirbelndem Schwunge gestrichen.

Noch ein Moment, – sie taumelt, erbleicht,

Und dann ein plötzlich Erglühen,

O schau, wie durch das Gewühl sie keucht,

Mit Armen und Händen und Knieen!

Sie rudert, sie windet sich, – Stoß auf Stoß,

Scheltworte und Flüche wie Schloßen –

Das Fürtuch reißt, dann flattert es los,

Und ist in die Rinne geflossen.

Nun steht sie vor einem stattlichen Haus,

Ohne Schuh, besudelt mit Kote;

Dort hält die Karosse, dort schnauben aus

Die Braunen und rauchen wie Schlote.

Der Schlag ist offen, und eben sieht

Sie im Portale verschwinden

Eines Kleides Falte, die purpurn glüht,

Und den Schleier, segelnd in Winden.

»Ach« flüstert Gertrude, »was hab’ ich gemacht,

Ich bin wohl verrückt geworden!

Kein Trost bei Tag, keine Ruh bei Nacht,

Das kann die Sinne schon morden.«

Da poltert es schreiend die Stiegen hinab,

Ein Fußtritt aus dem Portale,

Und wimmernd rollt von der Rampe herab

Ihr Hund, der zottige, fahle.

»Ja« seufzt Gertrude, »nun ist es klar,

Ich bin eine Irre leider!«

Erglühend streicht sie zurück ihr Haar,

Und ordnet die staubigen Kleider.

»Wie sah ich so deutlich ihr liebes Gesicht,

So deutlich am Schlage doch ragen!

Allein in Ewigkeit hätte sie nicht

Den armen Fidel geschlagen.«

3.

Zehn Jahre! – und mancher der keck umher

Die funkelnden Blicke geschossen,

Der schlägt sie heute zu Boden schwer,

Und mancher hat sie geschlossen.

Am Hafendamme geht eine Frau,

– Mich dünkt, wir müssen sie kennen,

Ihr Haar einst schwarz, nun schillerndes Grau,

Und hohl die Wangen ihr brennen.

Im Topfe trägt sie den Honigwab,

Zergehend in Juliushitze;

Die Trägerin trocknet den Schweiß sich ab,

Und ruft dem hinkenden Spitze.

Der sie bestellte, den Schiffspatron,

Sieht über die Planke sie kommen;

Wird er ihr kümmern den kargen Lohn?

Gertrude denkt es beklommen.

Doch nein, – wo sich die Matrosen geschart,

Zum Strande sieht sie ihn schreiten,

Er schüttelt das Haupt, er streicht den Bart,

Und scheint auf die Welle zu deuten.

Und schau den Spitz! er schnuppert am Grund –

»Was suchst du denn in den Gleisen?

Fidel, Fidel!« fort strauchelt der Hund,

Und heulet wie Wölfe im Eisen.

Barmherziger Himmel! ihr wird so bang,

Sie watet im brennenden Sande,

Und wieder erhebt sich so hohl und lang

Des Hundes Geheul vom Strande.

O Gott, eine triefende Leich’ im Kies,

Eine Leich’ mit dem Auge des Stieres!

Und drüber kreucht das zottige Vlies

Des lahmen wimmernden Tieres.

Gertrude steht, sie starret herab,

Mit Blicken irrer und irrer,

Dann beugt sie über die Leiche hinab,

Mit Lächeln wirrer und wirrer,

Sie wiegt das Haupt bald so bald so,

Sie flüstert mit zuckendem Munde,

Und eh die zweite Minute entfloh,

Da liegt sie kniend am Grunde.

Sie faßt der Toten geschwollene Hand,

Ihr Haar voll Muscheln und Tange,

Sie faßt ihr triefend zerlumptes Gewand,

Und säubert von Kiese die Wange;

Dann sachte schiebt sie das Tuch zurück,

Recht wo die Schultern sich runden,

So stier und bohrend verweilt ihr Blick,

Als habe sie etwas gefunden.

Nun zuckt sie auf, erhebt sich jach,

Und stößt ein wimmernd Gestöhne,

Grad eben als der Matrose sprach:

»Das ist die blonde Helene!

Noch jüngst juchheite sie dort vorbei

Mit trunknen Soldaten am Strande.«

Da tat Gertrud einen hohlen Schrei,

Und sank zusammen im Sande.

4.

Jüngst stand ich unter den Föhren am See,

Meinen Büchsenspanner zur Seite.

Vom Hange schmälte das brünstige Reh,

Und strich durch des Aufschlags Breite;

Ich hörte es knistern so nah und klar,

Grad wo die Lichtung verdämmert,

Daß mich gestöret der Holzwurm gar,

Der unterm Fuße mir hämmert.

Dann sprang es ab, es mochte die Luft

Ihm unsre Witterung tragen;

»Herr«, sprach der Bursche: »links über die Kluft!

Wir müssen zur Linken uns schlagen!

Hier naht kein Wild, wo sie eingescharrt

Die tolle Gertrud vom Gestade,

Ich höre genau wie der Holzwurm pocht

In ihrer zerfallenden Lade.«

Zur Seite sprang ich, eisig durchgraut,

Mir war als hab’ ich gesündigt,

Indes der Bursch mit flüsterndem Laut

Die schaurige Märe verkündigt:

Wie jene gesucht, bei Tag und Nacht,

Nach dem fremden ertrunkenen Weibe,

Das ihr der tückische See gebracht,

Verloren an Seele und Leibe.

Ob ihres Blutes? man wußte es nicht!

Kein Fragen löste das Schweigen.

Doch schlief die Welle, dann sah ihr Gesicht

Man über den Spiegel sich beugen,

Und zeigte er ihr das eigene Bild,

Dann flüsterte sie beklommen:

»Wie alt sie sieht, wie irre und wild,

Und wie entsetzlich verkommen!«

Doch wenn der Sturm die Woge gerührt,

Dann war sie vom Bösen geschlagen,

Was sie für bedenkliche Reden geführt,

Das möge er lieber nicht sagen.

So war sie gerannt vor Jahresfrist,

– Man sah’s vom lavierenden Schiffe –

Zur Brandung, wo sie am hohlsten ist,

Und kopfüber gefahren vom Riffe.

Drum scharrte man sie ins Dickicht dort,

Wie eine verlorene Seele.

Ich schwieg, und sandte den Burschen fort,

Brach mir vom Grab eine Schmele:

»Du armes gehetztes Wild der Pein,

Wie mögen die Menschen dich richten!«

– Sacht pochte der Käfer im morschen Schrein,

Der Mond stand über den Fichten. –

Meister Gerhard von Köln

Ein Notturno

Wenn in den linden Vollmondnächten

Die Nebel lagern überm Rhein,

Und graue Silberfäden flechten

Ein Florgewand dem Heil’genschrein:

Es träumt die Waldung, duftumsäumt,

Es träumt die dunkle Flutenschlange,

Wie eine Robbe liegt am Hange

Der Schürg’ und träumt.

Tief zieht die Nacht den feuchten Odem,

Des Walles Gräser zucken matt,

Und ein zerhauchter Grabesbrodem

Liegt über der entschlafnen Stadt:

Sie hört das Schlummerlied der Welln,

Das leise murmelnde Geschäume,

Und tiefer, tiefer sinkt in Träume

Das alte Köln.

Dort wo die graue Kathedrale,

Ein riesenhafter Zeitentraum,

Entsteigt dem düstern Trümmermale

Der Macht, die auch zerrann wie Schaum –

Dort, in der Scheibe Purpurrund

Hat taumelnd sich der Strahl gegossen

Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen,

Bis auf den Grund.

Wie ist es schauerlich im weiten

Versteinten öden Palmenwald,

Wo die Gedanken niedergleiten

Wie Anakonden schwer und kalt;

Und blutig sich der Schatten hebt

Am blut’gen Märtyrer der Scheibe,

Wie neben dem gebannten Leibe

Die Seele schwebt.1

Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe

Schläft halbgeschlossen Blum’ und Kraut;

Wie nackt gespülte Uferriffe

Die Streben lehnen, tief ergraut;

Anschwellend zum Altare dort,

Dann aufwärts dehnend, lang gezogen,

Schlingen die Häupter sie zu Bogen,

Und schlummern fort.

Und immer schwerer will es rinnen

Von Quader, Säulenknauf und Schaft,

Und in dem Strahle will’s gewinnen

Ein dunstig Leben, geisterhaft:

Da horch! es dröhnt im Turme – ha!

Die Glocke summt – da leise säuselt

Der Dunst, er zucket, wimmelt, kräuselt, –

Nun steht es da! –

Ein Nebelmäntlein umgeschlagen,

Ein graues Käppchen, grau Gewand,

Am grauen Halse grauer Kragen,

Das Richtmaß in der Aschenhand.

Durch seine Glieder zitternd geht

Der Strahl wie in verhaltner Trauer,

Doch an dem Estrich, an der Mauer

Kein Schatten steht.

Es wiegt das Haupt nach allen Seiten,

Unhörbar schwebt es durch den Raum,

Nun sieh es um die Säulen gleiten,

Nun fährt es an der Orgel Saum;

Und allerorten legt es an

Sein Richtmaß, webert auf und nieder,

Und leise zuckt das Spiel der Glieder,

Wie Rauch im Tann. –

War das der Nacht gewalt’ger Odem? –

Ein weit zerfloßner Seufzerhall,

Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem

Durchquillt die öden Räume all:

Und an der Pforte, himmelan

Das Männlein ringt die Hand, die fahle,

Dann gleitet’s aufwärts am Portale –

Es steht am Kran.

Und über die entschlafnen Wellen

Die Hand es mit dem Richtmaß streckt;

Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen,

Sie brodeln auf, wie halb geweckt;

Als drüber nun die Stimme dröhnt,

Ein dumpf, verhallend, fern Getose,

Wie träumend sich im Wolkenschoße

Der Donner dehnt.

»Ich habe diesen Bau gestellt,

Ich bin der Geist vergangner Jahre!

Weh! dieses dumpfe Schlummerfeld

Ist schlimmer viel als Totenbahre!

O wann, wann steigt die Stunde auf,

Wo ich soll lang Begrabnes schauen?

Mein starker Strom, ihr meine Gauen

Wann wacht ihr auf? –

Ich bin der Wächter an dem Turm,

Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen,

Mein Hornesstoß der Zeitensturm,

Allein sie schliefen, schliefen, schliefen!

Und schlafen fort, ich höre nicht

Den Meißel klingen am Gesteine,

Wo tausend Hände sind wie eine,

Ich hör’ es nicht! –

Und kann nicht ruhn, ich sehe dann

Zuvor den alten Kran sich regen,

Daß ich mein treues Richtmaß kann

In eine treue Rechte legen!

Wenn durch das Land ein Handschlag schallt,

Wie einer alle Pulse klopfen,

Ein Strom die Millionen Tropfen –«

Da silbern wallt

Im Osten auf des Morgens Fahne,

Und, ein zerfloßner Nebelstreif,

Der Meister fährt empor am Krane. –

Mit Räderknarren und Gepfeif,

Ein rauchend Ungeheuer, schäumt

Das Dampfboot durch den Rhein, den blauen –

O deutsche Männer! deutsche Frauen!

Hab’ ich geträumt? –

Fußnoten

1 Nach der Zaubersage.

Die Vergeltung

1.

Der Kapitän steht an der Spiere,

Das Fernrohr in gebräunter Hand,

Dem schwarzgelockten Passagiere

Hat er den Rücken zugewandt.

Nach einem Wolkenstreif in Sinnen

Die beiden wie zwei Pfeiler sehn,

Der Fremde spricht: »Was braut da drinnen?«

»Der Teufel«, brummt der Kapitän.

Da hebt von morschen Balkens Trümmer

Ein Kranker seine feuchte Stirn,

Des Äthers Blau, der See Geflimmer,

Ach, alles quält sein fiebernd Hirn!

Er läßt die Blicke, schwer und düster,

Entlängs dem harten Pfühle gehn,

Die eingegrabnen Worte liest er:

»Batavia. Fünfhundert Zehn.«

Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde

Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn,

Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde,

Die Bohlen weichen mit Gestöhn.

»Jesus, Marie! wir sind verloren!«

Vom Mast geschleudert der Matros’,

Ein dumpfer Krach in aller Ohren,

Und langsam löst der Bau sich los.

Noch liegt der Kranke am Verdecke,

Um seinen Balken fest geklemmt,

Da kömmt die Flut, und eine Strecke

Wird er ins wüste Meer geschwemmt.

Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne,

Das leistet ihm der starre Krampf,

Und wie ein Narwall mit dem Horne

Schießt fort er durch der Wellen Dampf.

Wie lange so? er weiß es nimmer,

Dann trifft ein Strahl des Auges Ball,

Und langsam schwimmt er mit der Trümmer

Auf ödem glitzerndem Kristall.

Das Schiff! – die Mannschaft! – sie versanken.

Doch nein, dort auf der Wasserbahn,

Dort sieht den Passagier er schwanken

In einer Kiste morschem Kahn.

Armsel’ge Lade! sie wird sinken,

Er strengt die heisre Stimme an:

»Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!«

Und immer näher schwankt’s heran,

Und immer näher treibt die Trümmer,

Wie ein verwehtes Möwennest;

»Courage!« ruft der kranke Schwimmer,

»Mich dünkt ich sehe Land im West!«

Nun rühren sich der Fähren Ende,

Er sieht des fremden Auges Blitz,

Da plötzlich fühlt er starke Hände,

Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz.

»Barmherzigkeit! ich kann nicht kämpfen.«

Er klammert dort, er klemmt sich hier;

Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen,

Am Balken schwimmt der Passagier.

Dann hat er kräftig sich geschwungen,

Und schaukelt durch das öde Blau,

Er sieht das Land wie Dämmerungen

Enttauchen und zergehn in Grau.

Noch lange ist er so geschwommen,

Umflattert von der Möwe Schrei,

Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen,

Viktoria! nun ist er frei!

2.

Drei kurze Monde sind verronnen,

Und die Fregatte liegt am Strand,

Wo mittags sich die Robben sonnen,

Und Bursche klettern übern Rand,

Den Mädchen ist’s ein Abenteuer

Es zu erschaun vom fernen Riff,

Denn noch zerstört ist nicht geheuer

Das greuliche Korsarenschiff.

Und vor der Stadt da ist ein Waten,

Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill,

Da die verrufenen Piraten

Ein jeder sterben sehen will.

Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert,

Hat man den Galgen, dicht am Meer,

In wüster Eile aufgezimmert.

Dort dräut er von der Düne her!

Welch ein Getümmel an den Schranken! –

»Da kömmt der Frei – der Hessel jetzt –

Da bringen sie den schwarzen Franken,

Der hat geleugnet bis zuletzt.«

»Schiffbrüchig sei er hergeschwommen«,

Höhnt eine Alte: »Ei, wie kühn!

Doch keiner sprach zu seinem Frommen,

Die ganze Bande gegen ihn.«

Der Passagier, am Galgen stehend,

Hohläugig, mit zerbrochnem Mut,

Zu jedem Räuber flüstert flehend:

»Was tat dir mein unschuldig Blut!

Barmherzigkeit! – so muß ich sterben

Durch des Gesindels Lügenwort,

O mög’ die Seele euch verderben!«

Da zieht ihn schon der Scherge fort.

Er sieht die Menge wogend spalten –

Er hört das Summen im Gewühl –

Nun weiß er, daß des Himmels Walten

Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!

Und als er in des Hohnes Stolze

Will starren nach den Ätherhöhn,

Da liest er an des Galgens Holze:

»Batavia. Fünfhundert Zehn.«

Der Mutter Wiederkehr

Du frägst mich immer von neuem, Marie,

Warum ich mein Heimatland

Die alten lieben Gebilde flieh

Dem Herzen doch eingebrannt?

Nichts soll das Weib dem Manne verhehlen,

Und nichts dem treuen Weibe der Mann,

Drum setz dich her, ich will erzählen,

Doch abwärts sitze – schau mich nicht an.

Bei meinen Eltern ich war, – ein Kind,

Ein Kind und dessen nicht froh,

Im Hause wehte ein drückender Wind,

Der ehliche Friede floh,

Nicht Zank noch Scheltwort durfte ich hören,

Doch wie ein Fels auf allen es lag,

Sahn wir von Reisen den Vater kehren,

Das war uns Kindern ein trauriger Tag.

Ein Kaufmann, ernst, sein strenges Gemüt

Verbittert durch manchen Verlust,

Und meine Mutter die war so müd,

So keuchend ging ihre Brust!

Noch seh ich wie sie, die Augen gerötet,

Ein Bild der still verhärmten Geduld,

An unserm Bettchen gekniet und gebetet.

Gewiß, meine Mutter war frei von Schuld!

Doch trieb der Vater sich um – vielleicht

In London oder in Wien –

Dann lebten wir auf und atmeten leicht,

Und schossen wie Kressen so grün.

Durch lustige Schwänke machte uns lachen

Der gute Mesner, dürr und ergraut,

Der dann uns alle sollte bewachen,

Denn meiner Mutter ward nichts vertraut.

Da schickte der Himmel ein schweres Leid,

Sie schlich so lange umher,

Und härmte sich sachte ins Sterbekleid,

Wir machten das Scheiden ihr schwer!

Wir waren wie irre Vögel im Haine,

Zu früh entflattert dem treuen Nest,

Bald tobten wir toll über Blöcke und Steine,

Und duckten bald, in den Winkel gepreßt.

Dem alten Manne ward kalt und heiß,

Dem würdigen Sakristan,

Sah er besudelt mit Staub und Schweiß

Und glühend wie Öfen uns nahn;

Doch traten wir in die verödete Kammer,

Und sahn das Schemelchen am Klavier,

Dann strömte der unbändige Jammer,

Und nach der Mutter wimmerten wir.

Am sechsten Abend nachdem sie fort

– Wir kauerten am Kamin,

Der Alte lehnte am Simse dort

Und sah die Kohlen verglühn,

Wir sprachen nicht, uns war beklommen –

Da leis im Vorsaal dröhnte die Tür,

Und schlürfende Schritte hörten wir kommen.

Mein Brüderchen rief: »Die Mutter ist hier!«

Still, stille nur! – wir horchten all,

Zusammengedrängt und bang,

Wir hörten deutlich der Tritte Hall

Die knarrende Diel’ entlang,

Genau wir hörten rücken die Stühle,

Am Schranke klirren den Schlüsselbund,

Und dann das schwere Krachen der Diele,

Als es vom Stuhle trat an den Grund.

Mein junges Blut in den Adern stand,

Ich sah den Alten wie Stein

Sich klammern an des Gesimses Rand,

Da langsam trat es herein.

O Gott, ich sah meine Mutter, Mariee!

Marie, ich sah meine Mutter gehn,

Im schlichten Kleide, wie morgens frühe

Sie kam nach ihren zwei Knaben zu sehn!

Fest war ihr Blick zum Grunde gewandt,

So schwankte sie durch den Saal,

Den Schlüsselbund in der bleichen Hand,

Die Augen trüb wie Opal;

Sie hob den Arm, wir hörten’s pfeifen,

Ganz wie ein Schlüssel im Schlosse sich dreht,

Und ins Klosett dann sahn wir sie streifen,

Drin unser Geld und Silbergerät.

Du denkst wohl, daß keines Odems Hauch

Die schaurige Öde brach,

Und still war’s in dem Klosette auch,

Noch lange lauschten wir nach.

Da sah ich zusammen den Alten fallen,

Und seine Schläfe schlug an den Stein,

Da ließen wir unser Geschrei erschallen,

Da stürzten unsere Diener herein.

Du sagst mir nichts, doch zweifl’ ich nicht,

Du schüttelst dein Haupt, Marie,

Ein Greis – zwei Kinder – im Dämmerlicht –

Da waltet die Phantasie!

Was wollte ich nicht um dein Lächeln geben,

Um deine Zweifel, du gute Frau,

Doch wieder sag’ ich’s: bei meinem Leben!

Marie, wir sahen und hörten genau!

Am Morgen kehrte der Vater heim,

Verstimmt und müde gehetzt,

Und war er nimmer ein Honigseim,

So war er ein Wermut jetzt.

Auch waren es wohl bedenkliche Worte,

Die er gesprochen zum alten Mann,

Denn laut sie haderten an der Pforte,

Und schieden in tiefer Empörung dann.

Nun ward durchstöbert das ganze Haus,

Ein jeder gefragt, gequält,

Die Beutel gewogen, geschüttet aus,

Die Silberbestecke gezählt,

Ob alles richtig, versperrt die Zimmer,

Nichts konnte dem Manne genügen doch;

Bis abends zählte und wog er immer,

Und meinte, der Schade finde sich noch.

Als nun die Dämmerung brach herein,

Ohne Mutter und Sakristan,

Wir kauerten auf dem staubigen Stein,

Und gähnten die Flamme an.

Verstimmt der Vater, am langen Tische,

Wühlt’ in Papieren, schob und rückt’,

Wir duckten an unserm Kamin, wie Fische,

Wenn drauf das Auge des Reihers drückt.

Da horch! – die Türe dröhnte am Gang,

Ein schlürfender Schritt darauf

Sich schleppte die knarrende Diel’ entlang.

Der Vater horchte – stand auf –

Und wieder hörten wir rücken die Stühle,

Am Schranke klirren den Schlüsselbund.

Und wieder das schwere Krachen der Diele,

Als es vom Stuhle trat an den Grund.

Er stand, den Leib vornüber gebeugt,

Wie Jäger auf Wildes Spur,

Nicht Furcht noch Rührung sein Auge zeigt’,

Man sah, er lauerte nur.

Und wieder sah ich die mich geboren,

Verbannt, verstoßen vom heiligen Grund,

O, nimmer hab’ ich das Bild verloren,

Es folgt mir noch in der Todesstund’!

Und er? – hat keine Wimper geregt,

Und keine Muskel gezuckt,

Der Stuhl, auf den seine Hand gelegt,

Nur einmal leise geruckt.

Ihr folgend mit den stechenden Blicken

Wandt’ er sich langsam wie sie schritt,

Doch als er sie ans Klosett sah drücken,

Da zuckte er auf, als wolle er mit.

Und »Arnold!« rief’s aus dem Geldverlies,

– Er beugte vornüber, weit –

Und wieder »Arnold!« so klagend süß,

– Er legte die Feder beiseit’ –

Zum dritten Mal, wie die blutige Trauer,

»Arnold!« – den Meerschaumkopf im Nu

Erfaßt’ er, schleudert’ ihn gegen die Mauer,

Schritt ins Klosett und riegelte zu.

Wir aber stürzten in wilder Hast

Hinaus an das Abendrot,

Wir hatten uns bei den Händen gefaßt,

Und weinten uns schier zu Tod.

Die ganze Nacht hat die Lampe geglommen,

Geknattert im Saal des Kamines Rost,

Und als der dritte Abend gekommen,

Da setzte der Vater sich auf die Post.

Ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt,

Und nicht seine Hand geküßt,

Doch heißt es, daß er in dieser Nacht

Am Bettchen gestanden ist.

Und bei des nächsten Morgens Erglühen,

Das erste was meine Augen sahn,

Das war an unserem Lager knieen

Den tief erschütterten Sakristan.

Dem ward in der Früh’ ein Brief gebracht,

Und dann ein Schlüsselchen noch;

»Ich will nicht lesen«, hat er gedacht

Und zögerte, las dann doch

Den Brief, in letzter Stunde geschrieben

Von meines unglücklichen Vaters Hand,

Der fest im Herzen mir ist geblieben,

Obwohl mein Bruder ihn einst verbrannt.

»Was mich betroffen, das sag’ ich nicht,

Eh dorre die Zunge aus!

Doch ist es ein bitter, ein schwer Gericht,

Und treibt mich von Hof und Haus.

In dem Klosette da sind gelegen

Papiere, Wechsel, Briefe dabei.

Dir will ich auf deine Seele legen

Meine zwei Buben, denn du bist treu.

Sorg nicht um mich, was ich bedarf

Des hab’ ich genügend noch,

Und forsch auch nimmer, – ich warne scharf –

Nach mir, es tröge dich doch.

Sei ruhig, Mann, ich will nicht töten,

Den Leib, der vieles noch muß bestehn,

Doch laß meine armen Kinderchen beten,

Denn sehr bedarf ich der Unschuld Flehn.«

Und im Klosette gefunden ward

Ein richtiges Testament,

Und alle Papiere nach Kaufmannsart

Geordnet und wohl benennt.

Und wir? – in der Fremde ließ man uns pflegen,

Da waren wir eben wie Buben sind,

Doch mit den Jahren da muß sich’s regen,

Bin ich doch jetzt sein einziges Kind!

Du weißt es, wie ich auch noch so früh,

So hart den Bruder verlor,

Und hätte ich dich nicht, meine Marie,

Dann wär ich ein armer Tor! –

Ach Gott, was hab’ ich nicht all geschrieben,

Aufrufe, Briefe, in meiner Not!

Umsonst doch alles, umsonst geblieben.

Ob er mag leben? – vermutlich tot!

–––––

Nie brachte wieder auf sein Geschick

Die gute Marie den Mann,

Der seines Lebens einziges Glück

In ihrer Liebe gewann.

So mild und schonend bot sie die Hände,

Bracht’ ihm so manches blühende Kind,

Daß von der ehrlichen Stirn am Ende

Die düstern Falten gewichen sind.

Wohl führt’ nach Jahren einmal sein Weg

Ihn dicht zur Heimat hinan,

Da ließ er halten am Mühlensteg,

Und schaute die Türme sich an.

Die Händ’ gefaltet, schien er zu beten,

Ein Wink – die Kutsche rasselte fort;

Doch nimmer hat er den Ort betreten,

Und keinen Trunk Wasser nahm er dort.

Der Barmekiden Untergang1

»Reiche mir die Blutorange

Mit dem süßen Zauberdufte,

Sie die von den schönsten Lippen

Ihre Nahrung hat geraubt.

Sagt’ ich es nicht, o Maimuna,

Flehend, händeringend, knieend,

Sagt’ ich es zu sieben Malen,

Nicht zu tausend Malen dir?

›Laß, o Fürstin, diese Liebe!

Laß von dieser dunklen Liebe,

Dir die ganze Brust versengend,

Unheil bringend und Gefahr!

Daß nicht merk’ es der Kalife,

Er, der zornbereite Bruder,

Nicht den Dschafer dir verderbe,

Deinen hohen Barmekiden,

Nicht den Dschafer dir verderbe

Und dich selber, Fürstin, auch!‹«

Doch was ist die weise Rede

In dem liebentglühten Herzen?

Wie das Winseln eines Kindleins

In der wutentbrannten Schlacht,

Wie ein linder Nebeltropfen

In dem flammenden Gebäude,

Wie ein Licht, vom Borde taumelnd

In den dunkeln Ozean!

In der Tänzerin Gewande

Schmiegen sich der Fürstin Glieder,

Um die Schultern Seide flattert,

In dem Arm die Zither liegt.

O, wie windet sie die Arme

Hoch das Tamburin erschwingend,

O, wie wogen ihre Schritte,

Ihre reizerblühten Glieder,

Daß der Barmekide glühend

Seine dunklen Augen birgt!

Sieben Jahre sind verschwunden,

Sieben wonnevolle Jahre,

Zu den sieben drei und fünfe,

Und in den Gebirgen irrend

Zieht der Barmekiden Schar.

Mütter auf den Dromedaren,

Blind geweint die schönen Augen,

In den Armen Kindlein wimmernd

In die lagerlose Nacht.

Über Bagdads Tor ein Geier,

Kreisend über Dschafers Schädel,

Rauscht hinan und rauscht vorüber,

Hat zur Nahrung nichts gefunden

Als in seiner Augen Höhlen

Nur zwei kleine Spinnlein noch.

Fußnoten

1 Das Geschlecht der Barmekiden gehörte, zur Zeit des Kalifats, zu den edelsten, mächtigsten und zahlreichsten. Zuletzt war »Dschafer der Barmekide« Großwesir des Kalifen Harun-al-Reschid, und sein Liebling. – Die Schwester des Kalifen, Maimuna, faßte eine glühende Leidenschaft für den schönen und edlen Mann, und da sie sich ihm auf keine andre Weise zu nähern wußte, betrat sie seinen Palast in den Kleidern einer Tänzerin – Die Folge dieser Zusammenkunft war ein Verhältnis, das, eine Reihe von Jahren verborgen geblieben, doch endlich zur Kenntnis des Kalifen gelangte, und den Untergang des ganzen Geschlechts nach sich zog. – Dschafer ward hingerichtet, sein Kopf über eins der Stadttore Bagdads aufgesteckt, und sämtliche Barmekiden, in die Wüste getrieben, unterlagen dort dem Hunger und Elende – Siehe »Rosenöl«.

Bajazet

Der Löwe und der Leopard

Die singen Wettgesänge,

Glutsäulen heben Wettlauf an,

Und der Samum ihr Herold.

O Sonne, birg die Strahlen!

Was schleicht dort durch den gelben Sand,

Ist es ein wunder Schakal?

Ist es ein großer Vogel wohl,

Ein schwergetroffner Ibis?

O Sonne, birg die Strahlen!

Ein wunder Schakal ist es nicht,

Kein schwergetroffner Vogel,

Es ist der mächt’ge Bajazet,

Der Reichste in Kaïro.

Er, der die dreizehn Segel hat,

Die reichbeladnen Schiffe,

Auf seiner Achsel liegt der Schlauch,

Der Stab in seiner Rechten.

O Sonne, birg die Strahlen!

»Weh dir, du unglücksel’ges Gold,

Verräterisches Silber!

Und weh dir, Hassan, falscher Freund,

Du ungetreuer Diener!

Nahmst in der Nacht die Zelte mir

Und nahmst mir die Kamele.«

O Sonne, birg die Strahlen!

»Wie einen Leichnam ließest mich,

Wie Mumien, verdorrte,

Wie ein verschmachtetes Kamel,

Wie ein Getier der Wüste!

Und gab dir doch das reiche Gut,

Die zwanzigtausend Kori.«

O Sonne, birg die Strahlen!

»So fluch’ ich denn zu sieben Mal,

Und tausendmal verfluch’ ich:

Daß dich verschlingen mag das Meer,

Dein brennend Haus dich töten!

Daß breche dein Gebein der Leu,

Dein Blut der Tiger lecke!

Der Beduine plündre dich,

Preisgebe dich der Wüste,

Daß in dem Sande du versiechst,

Verschmachtend – hülflos – irrend!«

O Sonne, birg die Strahlen!

Der Schloßelf

In monderhellten Weihers Glanz

Liegt brütend wie ein Wasserdrach’

Das Schloß mit seinem Zackenkranz,

Mit Zinnenmoos und Schuppendach.

Die alten Eichen stehn von fern,

Respektvoll flüsternd mit den Wellen,

Wie eine graue Garde gern

Sich mag um graue Herrscher stellen.

Am Tore schwenkt, ein Steinkoloß,

Der Pannerherr die Kreuzesfahn’,

Und kurbettierend schnaubt sein Roß

Jahrhunderte schon himmelan;

Und neben ihm, ein Tantalus,

Lechzt seit Jahrhunderten sein Docke

Gesenkten Halses nach dem Fluß,

Im dürren Schlunde Mooses Flocke.

Ob längst die Mitternacht verklang,

Im Schlosse bleibt es immer wach;

Streiflichter gleiten rasch entlang

Den Korridor und das Gemach,

Zuweilen durch des Hofes Raum

Ein hüpfendes Laternchen ziehet;

Dann horcht der Wandrer, der am Saum

Des Weihers in den Binsen knieet.

»Ave Maria! stärke sie!

Und hilf ihr über diese Nacht!«

Ein frommer Bauer ist’s, der früh

Sich auf die Wallfahrt hat gemacht.

Wohl weiß er, was der Lichterglanz

Mag seiner gnäd’gen Frau bedeuten;

Und eifrig läßt den Rosenkranz

Er durch die schwiel’gen Finger gleiten.

Doch durch sein christliches Gebet

Manch Heidennebel schwankt und raucht;

Ob wirklich, wie die Sage geht,

Der Elf sich in den Weiher taucht,

Sooft dem gräflichen Geschlecht

Der erste Sprosse wird geboren?

Der Bauer glaubt es nimmer recht,

Noch minder hätt’ er es verschworen.

Scheu blickt er auf – die Nacht ist klar,

Und gänzlich nicht gespensterhaft,

Gleich drüben an dem Pappelpaar

Zählt man die Zweige längs dem Schaft;

Doch stille! In dem Eichenrund –

Sind das nicht Tritte? – Kindestritte?

Er hört wie an dem harten Grund

Sich wiegen, kurz und stramm, die Schritte.

Still! still! es raschelt übern Rain,

Wie eine Hinde, die im Tau,

Beherzt gemacht vom Mondenschein,

Vorsichtig äßet längs der Au.

Der Bauer stutzt – die Nacht ist licht,

Die Blätter glänzen an dem Hagen,

Und dennoch – dennoch sieht er nicht,

Wen auf ihn zu die Schritte tragen.

Da, langsam knarrend, tut sich auf

Das schwere Heck zur rechten Hand,

Und, wieder langsam knarrend, drauf

Versinkt es in die grüne Wand.

Der Bauer ist ein frommer Christ;

Er schlägt behend des Kreuzes Zeichen;

»Und wenn du auch der Teufel bist,

Du mußt mir auf der Wallfahrt weichen!«

Da hui! streift’s ihn, federweich,

Da hui! raschelt’s in dem Grün,

Da hui! zischt es in den Teich,

Daß bläulich Schilf und Binsen glühn,

Und wie ein knisterndes Geschoß

Fährt an den Grund ein bläulich Feuer;

Im Augenblicke wo vom Schloß

Ein Schrei verzittert überm Weiher.

Der Alte hat sich vorgebeugt,

Ihm ist als schimmre, wie durch Glas,

Ein Kindesleib, phosphorisch, feucht,

Und dämmernd wie verlöschend Gas;

Ein Arm zerrinnt, ein Aug’ verglimmt –

Lag denn ein Glühwurm in den Binsen?

Ein langes Fadenhaar verschwimmt,

– Am Ende scheinen’s Wasserlinsen!

Der Bauer starrt, hinab, hinauf,

Bald in den Teich, bald in die Nacht;

Da klirrt ein Fenster drüben auf,

Und eine Stimme ruft mit Macht:

»Nur schnell gesattelt! schnell zur Stadt!

Gebt dem Polacken Gert’ und Sporen!

Viktoria! soeben hat

Die Gräfin einen Sohn geboren!«

Kurt von Spiegel

O frommer Prälat, was ließest so hoch

Des Marschalks frevlen Mut du steigen!

War’s seine Gestalt deren Adel dich trog,

Sein flatternder Witz unter Bechern und Reigen?

O frommer Bischof, wie war dir zu Mut,

Als rauchend am Anger unschuldiges Blut

Verklagte, verklagte dein zögerndes Schweigen!

Am Wewelsberge schallt Wald-Hurra,

Des Rosses Flanke schäumt über den Bügel,

Es keucht der Hirsch, und dem Edelwild nah,

Ein flüchtiger Dogge, keucht Kurt von Spiegel;

Von Turmes Fahne begierig horcht

Der arme Tüncher, und unbesorgt

Hält in der Hand er den bröckelnden Ziegel.

Da horch! Halali! das Treiben ist aus,

Des Hirsches einzige Träne vergossen,

Ein Hörnerstoß durch das waldige Haus

Vereint zum Geweide die zott’gen Genossen,

Und bald aus der nickenden Zweige Geleit

Die Treiber so stumm, die Ritter so breit,

Ziehn langsam daher mit den stöhnenden Rossen.

Der Spiegel spornt sein rauchendes Tier,

»Verfluchte Kanaille, du hast mich bestohlen!«

Da sieht er, hoch an des Turmes Zimier,

Den armen Tüncher auf schwankenden Bohlen.

»Ha«, murrt er, »heute nicht Beute noch Schuß,

Nie kam ich noch wieder mit solchem Verdruß,

Ich möchte mir drüben den Spatzen wohl holen!«

Der Tüncher sieht wie er blinzelt empor,

Und will nach dem ärmlichen Hütlein greifen,

Da sieht er drunten visieren das Rohr,

Da hört er den Knall, und die Kugel noch pfeifen;

Getroffen, getroffen! – er schaukelt, er dreht,

Mit Ziegel und Bohle und Handwerksgerät

Kollert er nieder zum rasigen Streifen.

Als träf’ ihn selber das Todesgeschoß

So zuckt der Prälat, seine Augen blitzen,

»Marschalk!« stöhnt er, die Stirne wird naß,

Am schwellenden Halse zittern die Spitzen,

Dann fährt auf die Wange ein glühendes Rot,

Und »Marschalk!« ruft er, »das bringt dir den Tod!

Greift ihn, greift ihn, meine Treiber und Schützen!«

Doch lächelnd der Spiegel vom Hengste schaut,

Er lächelt umher auf die bleichen Vasallen:

»Mein gnädigster Herr, nicht zu laut, nicht zu laut,

Eur Dräuen möchte im Winde verhallen!«

Dann wendet er rasch, im sausenden Lauf

Durchs Tor und die donnernde Brücke hinauf. –

Zu spät, zu spät sind die Gitter gefallen!

Im Dome zu Paderborn ist verhallt

Das Sterbegeläute des alten Prälaten,

Und wieder im Dom hat Kapitels Gewalt

Den neuen Beherrscher gewählt und beraten.

Stumm fährt das Gebirg’ und die Felder hinein

Der neue Bischof zur Wewelsburg ein,

Geleitet von summenden Volkskomitaten.

Und als nun über die Brücke er rollt,

Und sieht die massigen Türme sich strecken,

Wie ihm im Busen es zittert und grollt!

An seiner Inful – o brandiger Flecken!

Des Spiegels Blut in dem Ahnenbaum hell!

Leis seufzet er auf, dann murmelt er schnell:

»Herr Truchseß, laßt unsre Tafel nun decken.«

Es kreisen die Becher beim Böllergeknall,

Die stattlichen Ritter, die artigen Damen,

Sich schleudernd des Witzes anmutigen Ball,

Fast von der Stirne die Falten ihm nahmen;

Da horch! im Flure ein Schreiten in Eil;

Es knarren die Türen, es steht eine Säul’,

Der Spiegel, der blutige Marschalk, im Rahmen!

Der Bischof schaut wie ein Laken so bleich,-

Im weiten Saal keines Odems Verhallen –

Ans Auge schlägt er die Rechte sogleich,

Und langsam läßt er zur Seite sie fallen.

Dann seufzt er hohl und düster und schwer:

»Kurt! – Kurt von Spiegel, wie kömmst du daher!

Greift ihn, ergreift ihn, ihr meine Vasallen!«

Kein Sünderglöckchen geläutet ward,

Kein Schandgerüst sah man zimmern und tragen,

Doch sieben Schüsse die knatterten hart,

Und eine Messe hörte man sagen.

Der Bischof schaut’ auf den blutigen Stein,

Dann murmelt’ er sacht ins Breve hinein:

»Es ist doch schwer eine Inful zu tragen!«

Annette von Droste-Hülshoff – Einzeln publizierte Gedichte

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Annette von Droste-Hülshoff

Einzeln publizierte Gedichte

Das Ich, der Mittelpunkt der Welt

Jüngst hast die Phrase scherzend du gestellt:

»Wer Reichtum, Liebe will und Glück erlangen,

Der mache sich zum Mittelpunkt der Welt,

Zum Kreise, drin sich alle Strahlen fangen.«

Dein Wort, mein Freund, war wie des Tempels Tür:

Die Inschrift draußen und das Volksgedränge,

Und durch die Spalten blinkt der Lampen Zier,

Ziehn Opferduft und heilige Gesänge.

Wie könnte jemals wohl des Glückes Born

Aus andrem als dem eignen Herzen fließen,

Aus welcher Schale wohl des Himmels Zorn

Als aus der selbstgebotnen sich ergießen!

O glücklich sein, geliebt und glücklich sein –

Möge ein Engel mir die Pfade deuten!

Da schwillt des Tempels Vorhang, zart und rein

Hör’ ich’s wie Echo durch die Falten gleiten.

»Standest an einem Krankenbett du je

Nach wochenlangen selbstvergeßnen Sorgen,

Hobst deine schweren Wimper in die Höh’

Zu einem Dankgebete nach dem Morgen,

Und sahst um des Genesenden Gesicht

Ein neuerwachtes Scelenschimmern schweben

Und einen Liebesblick auf dich, wie nicht

Ihn Freund und nicht Geliebte können geben?

Hieltest du je den Griffel in der Hand

Und rechnetest mit frohem Geiz zusammen

Die Groschen, die du selber dir entwandt,

Schien jeder Heller dir wie Gold zu flammen

Des Schatzes für den fremden Sorgenpfühl,

Um den du deine Freuden schlau betrogen,

Und hast in deines Reichtums Vollgefühl

Tief, tief den Odem in die Brust gezogen?

Und der Moment, wo eine Rechte schwimmt

Ob teurem Haupte mit bewegtem Segen,

Wo sie das Herz vom eignen Herzen nimmt,

Um freudig an das fremde es zu legen:

Hast du ihn je erlebt und standest dann,

Die Arme still und freundlich eingeschlagen,

Selig berechnend, welche Früchte kann,

Wie liebliche das neue Bündnis tragen?

Dann bist du glücklich, bist geliebt und reich,

Ein Fels, an dem sich alle Blitze spalten,

Dann mag dein Kranz verwelken, mögen bleich

Krankheit und Alter dir die Stirne falten;

Dann bist der Mittelpunkt du deiner Welt,

Der Kreis, aus dem die Freudenstrahlen quillen,

Und was so frisch der Bäche Ufer schwellt,

Wie sollte seinen Born es nicht erfüllen!«

Spätes Erwachen

Wie war mein Dasein abgeschlossen,

Als ich im grünumhegten Haus

Durch Lerchenschlag und Fichtensprossen

Noch träumt’ in den Azur hinaus!

Als keinen Blick ich noch erkannte,

Als den des Strahles durchs Gezweig,

Die Felsen meine Brüder nannte,

Schwester mein Spiegelbild im Teich!

Nicht rede ich von jenen Jahren,

Die dämmernd uns die Kindheit beut –

Nein, so verdämmert und zerfahren

War meine ganze Jugendzeit.

Wohl sah ich freundliche Gestalten

Am Horizont vorüberfliehn;

Ich konnte heiße Hände halten

Und heiße Lippen an mich ziehn.

Ich hörte ihres Grußes Pochen,

Ihr leises Wispern um mein Haus,

Und sandte schwimmend, halb gebrochen,

Nur einen Seufzer halb hinaus.

Ich fühlte ihres Hauches Fächeln,

Und war doch keine Blume süß;

Ich sah der Liebe Engel lächeln,

Und hatte doch kein Paradies.

Mir war, als habe in den Noten,

Sich jeder Ton an mich verwirrt,

Sich jede Hand, die mir geboten,

Im Dunkel wunderlich verirrt.

Verschlossen blieb ich, eingeschlossen

In meiner Träume Zauberturm,

Die Blitze waren mir Genossen

Und Liebesstimme mir der Sturm.

Dem Wald ließ ich ein Lied erschallen,

Wie nie vor einem Menschenohr,

Und meine Träne ließ ich fallen,

Die heiße, in den Blumenflor.

Und alle Pfade mußt’ ich fragen:

Kennt Vögel ihr und Strahlen auch?

Doch keinen: wohin magst du tragen,

Von welchem Odem schwillt dein Hauch?

Wie ist das anders nun geworden,

Seit ich ins Auge dir geblickt,

Wie ist nun jeder Welle Borden

Ein Menschenbildnis eingedrückt!

Wie fühl’ ich allen warmen Händen

Nun ihre leisen Pulse nach,

Und jedem Blick sein scheues Wenden

Und jeder schweren Brust ihr Ach.

Und alle Pfade möcht’ ich fragen:

Wo zieht ihr hin, wo ist das Haus,

In dem lebend’ge Herzen schlagen,

Lebend’ger Odem schwillt hinaus?

Entzünden möcht’ ich alle Kerzen

Und rufen jedem müden Sein:

Auf ist mein Paradies im Herzen,

Zieht alle, alle nun hinein!

Die tote Lerche

Ich stand an deines Landes Grenzen,

An deinem grünen Saatenwald,

Und auf des ersten Strahles Glänzen

Ist dein Gesang herabgewallt;

Der Sonne schwirrtest du entgegen,

Wie eine Mücke nach dem Licht,

Dein Lied war wie ein Blütenregen,

Dein Flügelschlag wie ein Gedicht.

Da war es mir, als müsse ringen

Ich selber nach dem jungen Tag,

Als horch’ ich meinem eignen Singen,

Und meinem eignen Flügelschlag;

Die Sonne sprühte glühe Funken,

In Flammen brannte mein Gesicht,

Ich selber taumelte wie trunken,

Wie eine Mücke nach dem Licht!

Da plötzlich sank und sank es nieder,

Gleich toter Kohle in die Saat;

Noch zucken sah ich kleine Glieder,

Und bin erschrocken dann genaht.

Dein letztes Lied, es war verklungen,

Du lagst ein armer, kalter Rest,

Am Strahl verflattert und versungen,

Bei deinem halbgebauten Nest.

Ich möchte Tränen um dich weinen

Wie sie das Weh vom Herzen drängt;

Denn auch mein Leben wird verscheinen,

Ich fühl’s, versungen und versengt.

Dann du mein Leib, ihr armen Reste,

Dann nur ein Grab auf grüner Flur

Und nah nur, nah bei meinem Neste,

In meiner stillen Heimat nur!

Lebt wohl

Lebt wohl, es kann nicht anders sein!

Spannt flatternd eure Segel aus,

Laßt mich in meinem Schloß allein,

Im öden geisterhaften Haus.

Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch

Und meinen letzten Sonnenstrahl,

Er scheide, scheide nur sogleich,

Denn scheiden muß er doch einmal.

Laßt mich an meines Sees Bord

Mich schaukelnd mit der Wellen Strich,

Allein mit meinem Zauberwort

Dem Alpengeist und meinem Ich.

Verlassen, aber einsam nicht,

Erschüttert, aber nicht zerdrückt,

Solange noch das heil’ge Licht‹

Auf mich mit Liebesaugen blickt,

Solange mir der frische Wald

Aus jedem Blatt Gesänge rauscht,

Aus jeder Klippe, jedem Spalt

Befreundet mir der Elfe lauscht,

Solange noch der Arm sich frei

Und waltend mir zum Äther streckt,

Und jedes wilden Geiers Schrei

In mir die wilde Muse weckt.

Grüße

Steigt mir in diesem fremden Lande

Die altbekannte Nacht empor,

Klatscht es wie Hufesschlag vom Strande,

Rollt sich die Dämmerung hervor

Gleich Staubeswolken mir entgegen

Von meinem lieben starken Nord,

Und fühl’ ich meine Locken regen

Der Luft geheimnisvolles Wort:

Dann ist es mir, als hör’ ich reiten

Und klirren und entgegenziehn

Mein Vaterland von allen Seiten,

Und seine Küsse fühl’ ich glühn;

Dann wird des Windes leises Munkeln

Mir zu verworrnen Stimmen bald,

Und jede schwache Form im Dunkeln

Zur tiefvertrautesten Gestalt.

Und meine Arme muß ich strecken,

Muß Küsse, Küsse hauchen aus,

Wie sie die Leiber könnten wecken,

Die modernden im grünen Haus;

Muß jeden Waldeswipfel grüßen

Und jede Heid’ und jeden Bach,

Und alle Tropfen, die da fließen,

Und jedes Hälmchen, das noch wach.

Du Vaterhaus mit deinen Türmen,

Vom stillen Weiher eingewiegt,

Wo ich in meines Lebens Stürmen

So oft erlegen und gesiegt, –

Ihr breiten laubgewölbten Hallen,

Die jung und fröhlich mich gesehn,

Wo ewig meine Seufzer wallen

Und meines Fußes Spuren stehn!

Du feuchter Wind von meinen Heiden,

Der wie verschämte Klage weint, –

Du Sonnenstrahl, der so bescheiden

Auf ihre Kräuter niederscheint, –

Ihr Gleise, die mich fortgetragen,

Ihr Augen, die mir nachgeblinkt,

Ihr Herzen, die mir nachgeschlagen,

Ihr Hände, die mir nachgewinkt!

Und Grüße, Grüße, Dach, wo nimmer

Die treuste Seele mein vergißt

Und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer

Für mich den Abendsegen liest,

Wo bei des Hahnes erstem Krähen

Sie matt die graue Wimper streicht

Und einmal noch vor Schlafengehen

An mein verlaßnes Lager schleicht!

Ich möcht’ euch alle an mich schließen,

Ich fühl’ euch alle um mich her,

Ich möchte mich in euch ergießen

Gleich siechem Bache in das Meer;

O wüßtet ihr, wie krankgerötet,

Wie fieberhaft ein Äther brennt,

Wo keine Seele für uns betet

Und keiner unsre Toten kennt!

Im Grase

Süße Ruh’, süßer Taumel im Gras,

Von des Krautes Arom’ umhaucht,

Tiefe Flut, tief, tief trunkne Flut,

Wenn die Wolke am Azure verraucht,

Wenn aufs müde schwimmende Haupt

Süßes Lachen gaukelt herab,

Liebe Stimme säuselt und träuft

Wie die Lindenblüt’ auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann,

Jede Leiche sich streckt und regt,

Leise, leise den Odem zieht,

Die geschloßne Wimper bewegt,

Tote Lieb’, tote Lust, tote Zeit,

All die Schätze, im Schutt verwühlt,

Sich berühren mit schüchternem Klang

Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flücht’ger ihr als der Kuß

Eines Strahls auf den trauernden See,

Als des ziehnden Vogels Lied,

Das mir niederperlt aus der Höh’,

Als des schillernden Käfers Blitz

Wenn den Sonnenpfad er durcheilt,

Als der flücht’ge Druck einer Hand,

Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur

Dieses eine nur: für das Lied

Jedes freien Vogels im Blau

Eine Seele, die mit ihm zieht,

Nur für jeden kärglichen Strahl

Meinen farbig schillernden Saum,

Jeder warmen Hand meinen Druck

Und für jedes Glück einen Traum.

Die Golems

Hätt’ ich dich nicht als süßes Kind gekannt,

Mit deinem Seraph in den klaren Blicken,

Dich nicht geleitet in der Märchen Land,

Gefühlt der kleinen Hände zitternd Drücken:

Ich würde jetzt dich mit Behagen sehen,

Du wärst mir eine hübsche, brave Frau,

Doch, ach! nun muß ich unter deiner Brau,

Muß stets nach dem entflognen Engel spähen!

Und du, mit deinem Wort bedacht und breit,

Dem klugen Lächeln und der Stirne Falten,

Spricht dir kein armer Traum von jener Zeit,

Wo deine Glut die Felsen wollte spalten?

Ein braver Bürger bist du, hoch zu ehren,

Ein wahrer Heros auf der Mittelbahn,

Doch, o, mein Flammenwirbel, mein Vulkan –

Ach, daß die Berge Mäuse nur gebären!

Weh ihm, der lebt in des Vergangnen Schau,

Um bleiche Bilder wirbt, verschwommne Töne!

Nicht was gebrochen, macht das Haar ihm grau,

Was Tod geknickt in seiner süßen Schöne;

Doch sie, die Monumente ohne Toten,

Die wandernden Gebilde ohne Blut,

Sie, seine Tempel ohne Opferglut

Und seine Haine ohne Frühlingsboten!

‘s gibt eine Sage aus dem Orient

Von Weisen, toter Masse Formen gebend,

Geliebte Formen, die die Sehnsucht kennt,

Und mit dem Zauberworte sie belebend;

Der Golem wandelt mit bekanntem Schritte,

Er spricht, er lächelt mit bekanntem Hauch,

Allein es ist kein Strahl in seinem Aug’,

Es schlägt kein Herz in seines Busens Mitte.

Und wie sich alte Lieb’ ihm unterjocht,

Er haucht sie an mit der Verwesung Schrecken;

Wie angstvoll die Erinnrung ruft und pocht,

Es ist in ihm kein Schlafender zu wecken;

Und tiefgebrochen sieht die Treue schwinden,

Was sie so lang und heilig hat bewahrt,

Was nicht des Lebens, nicht des Todes Art,

Nicht hier und nicht im Himmel ist zu finden.

O, kniee still an deiner Toten Gruft,

Dort magst du milde, fromme Tränen weinen,

Mit ihrem Odem säuselt dir die Luft,

Mit ihrem Antlitz wird der Mond dir scheinen;

Dein sind sie, dein, wie mit gebrochnen Augen,

Wie dein sie waren mit dem letzten Blick;

Doch fliehe, vor den Golems flieh zurück,

Die deine Tränen kalt wie Gletscher saugen!

Volksglauben in den Pyrenäen

1. Silvesterfei

Der morsche Tag ist eingesunken,

Sein Auge, gläsern, kalt und leer,

Barg keines Taues linden Funken

Für den gebräunten Eppich mehr.

Wie’s draußen schauert! – längs der Wand

Ruschelt das Mäuslein unterm Halme,

Und langsam sprießt des Eises Palme

Am Scheibenrand.

In tiefer Nacht wem soll noch frommen

Am Simse dort der Lampe Strahl?

Da schon des Herdes Scheit verglommen,

Welch späten Gastes harrt das Mahl?

Längst hat im Turme zu Escout

Die Glocke zwölfmal angeschlagen,

Und glitzernd sinkt der Himmelswagen

Dem Pole zu.

Durch jener Kammer dünne Barren

Ziehn Odemzüge, traumbeschwert,

Ein Ruck mitunter auch, ein Knarren,

Wenn sich im Bett der Schläfer kehrt;

Und nur ein leiser Husten wacht,

Kein Traum die Mutter hält befangen,

Sie kann nicht schlafen in der langen

Silvesternacht.

Jetzt ist die Zeit, wo, los’ und schleichend,

Die Fei sich durch die Ritze schlingt,

Mit langer Schlepp’ den Estrich streichend,

Das Schicksal in die Häuser bringt,

An ihrer Hand das Glück, Gewind’

Und Ros’ im Lockenhaar, ein schlankes,

Das Mißgeschick ein fieberkrankes,

Ein weinend Kind.

Und trifft sie alles recht zu Danke

Geordnet von der Frauen Hand,

Dann nippt vom Mahle wohl das schlanke,

Und läßt auch wohl ein heimlich Pfand;

Doch sollt’ ein Frevler lauschen, risch,

Im Hui, zerstoben ist die Szene,

Und scheidend fällt des Unglücks Träne

Auf Herd und Tisch.

O, keine Bearnerin wird’s wagen,

Zu stehn am Astloch, lieber wird

Ein Tuch sie um die Augen schlagen,

Wenn durch den Spalt die Lampe flirrt;

Manon auch drückt die Wimper zu,

Und zupft an der Gardine Linnen,

Doch immer, immer läßt das Sinnen

Ihr keine Ruh’.

Ward glatt das Leilach auch gebreitet?

Hat hell der Becher auch geblinkt?

Ob jetzt das Glück zum Tische gleitet,

Ein Bröcklein nascht, ein Tröpflein trinkt?

Oft glaubt sie zarter Stimmen Hauch,

Verschämtes Trippeln oft zu hören,

Und dann am Brode leises Stören

Und Knuspern auch.

Sie horcht und horcht – das war ein Schlüpfen!

Doch nein – der Wind die Föhren schwellt.

Und das – am Flur ein schwaches Hüpfen,

Wie wenn zum Grund die Krume fällt!

»Eugène, was wirfst du dich umher,

Was soll denn dies Gedehn’ und Ziehen?

Mein Gott, wie ihm die Händchen glühen!

Er träumt so schwer.«

Sie rückt das Kind an ihrer Seiten,

Den Knaben, dicht zu sich heran,

Läßt durch sein Haar die Finger gleiten,

Es hangen Schweißes Tropfen dran;

Erschrocken öffnet sie das Aug’,

Will nach dem Fensterglase schauen,

Da eben steigt das Morgengrauen,

Ein trüber Rauch.

Vom Lager fährt die Mutter, bebend

Hat sie der Lampe Docht gehellt,

Als, sachte überm Leilach schwebend,

Ein Efeublatt zu Boden fällt.

Das Glück! das ist des Glückes Spur!

Doch nein, – sie pflückt’ es ja dem Kinde,

Und dort – nascht an der Semmelrinde

Die Ratte nur.

Und wieder aus der Kammer stehlen

Sich Seufzer, halbbewußt Gestöhn;

»O Christ, was mag dem Knaben fehlen!

Eugène, wach auf, wach auf, Eugène!

Du lieber Gott, ist so geschwind,

Eh noch der Morgenstrahl entglommen,

Das Unglück mir ins Haus gekommen

Als krankes Kind!«

2. Münzkraut

Der Frühling naht, es streicht der Star

Am Söller um sein altes Nest;

Schon sind die Täler sonnenklar,

Doch noch die Scholle hart und fest;

Nur wo der Strahl vom Felsen prallt,

Will mählich sich der Grund erweichen,

Und schüchtern aus den Windeln schleichen

Der Gräser lichter dichter Wald.

Schau dort am Riff – man sieht es kaum –

So recht vom Sonnenbrand gekocht

Das kleine Beet, vier Schritte Raum,

Vom Schieferhange überjocht,

Nach Ost und Westen eingehegt,

Mit starken Planken abgeschlagen,

Als sollt’ es Wunderblumen tragen,

Und sind nur Kräuter, was es trägt.

Und dort die Frau an Riffes Mitten,

Ach Gott, sie hat wohl viel gelitten!

Sie klimmt so schwer den Steig hinan,

Nun steht sie keuchend, löst das Mieder,

Nun sinkt sie an dem Beete nieder,

Und faltet ihre Hände dann.

»Liebe Münze, du werter Stab,

Drauf meines Heilands Sohle stand,

Als ihm, drüben im Morgenland,

Sankt Battista die Taufe gab,

Heiliges Kraut, das aus seinem Leibe

Ward gesegnet mit Wunderkraft,

Hilf einer Witw’, einem armen Weibe,

Das so sorglich um dich geschafft!

Hier ist Brod, und hier ist Salz und Wein,

Sieh, ich leg’s in deine Blätter mitten;

Woll’ nicht zürnen, daß das Stück so klein,

Hab’s von meinem Teile abgeschnitten;

Etwas wahrt’ ich, Münze gnadenreich,

Schaffens halber nur, sonst gäb’ ich’s gleich.

Mein Knab’ ist krank, du weißt es wohl,

Ich kam ja schon zu sieben Malen,

Und gestern mußt’ ich in Bregnoles

Den Trank für ihn so teuer zahlen.

Vier hab’ ich, vier, daß Gott erbarm’!

Mit diesen Händen zu ernähren,

Und, sieh, so kann’s nicht länger währen,

Denn täglich schwächer wird mein Arm.

O Madonna, Madonna, meine gnädige Frau!

Ich hab’ gefrevelt, nimm’s nicht genau,

Ich hab’ gesündigt wider Willen!

Nimm, o nimm mir nur kein Kind,

Will ihnen gerne den Hunger stillen,

Wär’s mit Bettelbrod, nicht eins

Kann ich missen, von allen keins!

Zweimal muß ich noch den Steig hinan,

Siebenmal bin ich nun hier gewesen.

Heil’ge Fraue von Embrun, wär’ dann

Welk die Münze und mein Knab’ genesen!

Gerne will ich dann an deinem Schrein

Meinen Treuring opfern, er ist klein,

Nur von Silber, aber fleckenrein;

Denn ich hab’ mit Ehren ihn getragen,

Darf vor Gott und Menschen mich nicht schämen;

Milde Fraue, laß mich nicht verzagen,

Liebe Dame, woll’ ihn gütig nehmen,

Denk, er sei von Golde und Rubin,

Süße, heil’ge, werte Himmelskönigin!«

3. Der Loup Garou

Brüderchen schläft, ihr Kinder, still!

Setzt euch ordentlich her zum Feuer!

Hört ihr der Eule wüst Geschrill?

Hu! im Walde ist’s nicht geheuer.

Frommen Kindern geschieht kein Leid,

Drückt nur immer die Lippen zu,

Denn das böse, das lacht und schreit,

Holt die Eul’ und der Loup Garou.

Wißt ihr, dort, wo das Naß vom Schiefer träuft

Und übern Weg ‘ne andre Straße läuft,

Das nennt man Kreuzweg, und da geht er um,

Bald so, bald so, doch immer falsch und stumm,

Und immer schielend; vor dem Auge steht

Das Weiße ihm, so hat er es verdreht;

Dran ist er kenntlich, und am Kettenschleifen,

So trabt er, trabt, darf keinem Frommen nahn;

Die schlimmen Leute nur, die darf er greifen

Mit seinem langen, langen, langen Zahn.

Schiebt das Reisig der Flamme ein,

Puh! wie die Funken knistern und stäuben!

Pierrot, was soll das Wackeln sein?

Mußt ein Weilchen du ruhig bleiben,

Gleich wird die Zeit dir Jahre lang!

Laß doch den armen Hund in Ruh’!

Immer sind deine Händ’ im Gang,

Denkst du denn nicht an den Loup Garou?

Vom reichen Kaufmann hab’ ich euch erzählt,

Der seine dürft’gen Schuldner so gequält,

Und kam mit sieben Säcken von Bagnères,

Vier von Juwelen, drei von Golde schwer;

Wie er aus Geiz den schlimmen Führer nahm,

Und ihm das Untier auf den Nacken kam.

Am Halse sah man noch der Kralle Spuren,

Die sieben Säcke hat es weggezuckt,

Und seine Börse auch, und seine Uhren,

Die hat es all zerbissen und verschluckt.

Schließt die Tür, es brummt im Wald!

Als die Sonne sich heut verkrochen,

Lag das Wetter am Riff geballt,

Und nun hört man’s sieden und kochen.

Ruhig, ruhig, du kleines Ding!

Hörst du? – drunten im Stalle – hu!

Hörst du? Hörst du’s? kling, klang, kling,

Schüttelt die Kette der Loup Garou.

Doch von dem Trunkenbolde wißt ihr nicht,

Dem in der kalten Weihnacht am Gesicht

Das Tier gefressen, daß am heil’gen Tag

Er wund und scheußlich überm Schneee lag;

Zog von der Schenke aus, in jeder Hand

‘ne Flasche, die man auch noch beide fand;

Doch wo die Wangen sonst, da waren Knochen,

Und wo die Augen, blut’ge Höhlen nur;

Und wo der Schädel hier und da zerbrochen,

Da sah man deutlich auch der Zähne Spur.

Wie am Giebel es knarrt und kracht!

Caton, schau auf die Bühne droben

– Aber nimm mir die Lamp’ in acht –

Ob vor die Luke der Riegel geschoben.

Pierrot, Schlingel! das rutscht herab

Von der Bank, ohne Strümpf und Schuh!

Willst du bleiben! tapp, tipp, tapp,

Geht auf dem Söller der Loup Garou.

Und meine Mutter hat mir oft gesagt

Von einem tauben Manne, hochbetagt,

Fast hundertjährig, dem es noch geschehn,

Als Kind, daß er das Scheuel hat gesehn,

Recht wie ‘nen Hund, nur weiß wie Schnee und ganz

Verkehrt die Augen, eingeklemmt den Schwanz,

Und spannenlang die Zunge aus dem Schlunde,

So mit der Kette weg an Waldes Bord,

Dann wieder sah er ihn im Tobelgrunde,

Und wieder sah er hin – da war es fort.

Hab’ ich es nicht gedacht? es schneit!

Ho, wie fliegen die Flocken am Fenster!

Heilige Frau von Embrun! wer heut

Draußen wandelt, braucht keine Gespenster;

Irrlicht ist ihm die Nebelsäul’,

Führt ihn schwankend dem Abgrund zu,

Sturmes Flügel die Toteneul’,

Und der Tobel sein Loup Garou.

4. Maisegen

Der Mai ist eingezogen,

Schon pflanzt er sein Panier

Am dunklen Himmelsbogen,

Mit blanker Sterne Zier.

Die wilden Wasser brausen

Und rütteln aus den Klausen

Rellmaus und Murmeltier.

»Ob wohl das Gletschereis den Strom gedämmt?

Von mancher Hütte geht’s auf schlimmen Wegen.

Der Sturm hat alle Firnen kahl gekämmt,

Und gestern wie aus Röhren schoß der Regen.

Adieu, Jeannette, nicht länger mich gehemmt!

Adieu, ich muß, es gilt den Maiensegen;

Wenn vier es schlägt im Turme zu Escout,

Muß jeder Senne stehn am Pointe de Droux.«

Wie trunken schaun die Klippen,

Wie taumelnd in die Schlucht!

Als nickten sie, zu nippen

Vom Sturzbach auf der Flucht.

Da ist ein rasselnd Klingen,

Man hört die Schollen springen

Und brechen an der Bucht.

Auf allen Wegen ziehn Laternen um,

Und jedes Passes Echo wecken Schritte.

Habt acht, habt acht, die Nacht ist blind und stumm,

Die Schneeflut fraß an manches Blockes Kitte;

Habt acht, hört ihr des Bären tief Gebrumm?

Dort ist sein Lager, an des Riffes Mitte;

Und dort die schiefe Klippenbank, fürwahr!

Sie hing schon los’ am ersten Februar.

Nun sprießen blasse Rosen

Am Gletscherbord hervor,

Und mit der Dämmrung kosen

Will schon das Klippentor;

Schon schwimmen lichte Streifen,

Es lockt der Gemse Pfeifen

Den Blick zum Grat empor.

Verlöscht sind die Laternen, und im Kreis

Steht eine Hirtenschar auf breiter Platte,

Voran der Patriarch, wie Silber weiß

Hängt um sein tiefgebräunt Gesicht das glatte,

Gestrehlte Haar, und alle beten leis,

Nach Osten schauend, wo das farbensatte

Rubingewölk mit glitzerndem Geroll

Die stolze Sonnenkugel bringen soll.

Da kömmt sie aufgefahren

In strenger Majestät,

Und von den Firnaltaren

Die Opferflamme weht.

Da sinken in der Runde

So Knie an Knie, dem Munde

Entströmt das Maigebet:

»Herr, Gott, der an des Maien erstem Tag

Den Strahl begabt mit sonderlichem Segen,

Den sich der sünd’ge Mensch gewinnen mag

In der geweihten Stunde, allerwegen,

Segne die Alm, segne das Vieh im Hag,

Mit Luft und Wasser, Sonnenschein und Regen,

Durch Sankt Anton den Siedel, Sankt Renée,

Martin von Tours und unsre Frau vom Schnee.

Segne das Haus, das Mahl auf unserm Tisch,

Am Berg den Weinstock und die Frucht im Tale,

Segne die Jagd am Gletscher, und den Fisch

Im See, und das Getiere allzumale,

So uns zur Nahrung dient, und das Gebüsch,

So uns erwärmt, mit Tau und Sonnenstrahle,

Durch Sankt Anton den Siedel, Saint Remy,

Sankt Paul und unsre Fraue von Clery.«

»Wir schwören,« alle Hände stehn zugleich

Empor, »wir schwören, keinen Gast zu lassen

Von unserm Herd, eh sicher Weg und Steig,

Das Vieh zu schonen, keinen Feind zu hassen,

Den Quell zu ehren, Recht an arm und reich

Zu tun, und mit der Treue nicht zu spaßen;

Das schwören wir beim Kreuze zu Autun

Und unsrer mächt’gen Fraue von Embrun.«

Da überm Kreise schweben,

Als wollten sie den Schwur

Zum Himmelstore heben,

Zwei Adler; auf die Flur

Senkt sich der Strahl vom Hange,

Und eine Demantschlange

Blitzt drunten der Adour.

Die Weiden sind verteilt, und wieder schallt

In jedem Passe schwerer Tritte Stampfen.

Voran, voran, die Firnenluft ist kalt,

Und scheint die Lunge eisig zu umkrampfen.

Nur frisch voran – schon sehn sie überm Wald

Den Vogel ziehn, die Nebelsäule dampfen,

Und wo das Riff durchbricht ein Klippengang,

Summt etwas auf, wie ferner Glockenklang.

Da liegt das schleierlose

Gewäld in Sonnenruh’!

Und, wie mit Sturmgetose

Dem Äthermeere zu,

Erfüllt des Tales Breite

Das Angelusgeläute

Vom Turme zu Escout.

5. Höhlenfei

Siehst du drüben, am hohlen Baum,

Ins Geklüfte die Schatten steigen,

Überm Bord, ein blanker Saum,

Leises Quellengeriesel neigen?

Das ist die Eiche von Bagnères,

Das ist die Höhle Trou de fer,

Wo sie tags in der Spalten Raum,

Nächtlich wohnt in den surrenden Zweigen.

O, sie ist überalt, die Fei!

Laut Annalen, vor grauen Jahren,

Zwei Jahrhunderten oder drei,

Mußte sie seltsam sich gebaren:

Bald als Eule, mit Uhuhu!

Bald als Katze und schwarze Kuh,

Auch als Wiesel, mit feinem Schrei,

Ist sie über die Kluft gefahren.

Aber wenn jetzt im Mondenschein

Zarte Lichter den Grund betüpfen,

Sieht mitunter man am Gestein

Sie im schillernden Mantel hüpfen,

Hört ihr Stimmchen, Gesäusel gleich;

Aber nahst du, dann nickt der Zweig,

Und das Wasser wispert darein,

Und du siehst nur die Quelle schlüpfen.

Reich an Gold ist der Höhle Grund,

O, wie Guinea und wie Bengalen!

Und man spricht vom bewachenden Hund,

Doch des melden nichts die Annalen;

Aber mancher, der wundersam,

Unbegreiflich zu Gelde kam,

Ließ, so kündet der Sage Mund,

Es am Baum von Bagnères sich zahlen,

Barg einen Beutel im Hohle breit,

Drin den neuen Liard, bedächtig,

Recht in der sengenden Mittagszeit,

Die den Geistern wie mitternächtig,

Fand ihn abends mit Gold geschwellt, –

O, kein Christ komme so zu Geld!

Falsch war Feiengold jederzeit,

Kurz das Leben, und Gott ist mächtig.

Einmal nur, daß mich des gedenkt,

Ist ein Mann an den Baum gegangen,

Hat seinen Sack hinein gesenkt,

Groß, eines Königes Schatz zu fangen;

‘s war ein Wucherer, war ein Filz,

Ein von Tränen geschwellter Pilz;

Nun, er hat sich zuletzt gehenkt, –

Besser hätt’ er schon da gehangen!

Hielt die Lippen so fest geklemmt,

– Denn Geflüster nur, mußt du wissen,

Das ist eben, was alles hemmt,

Lieber hätt’ er die Zunge zerbissen; –

Barfuß kam er, auf schlechten Rat,

Und als da in die Scherb’ er trat,

Hat er sich nur an den Baum gestemmt

Und den Schart aus der Wunde gerissen;

Doch als aus dem Gemoder scheu

Schlüpft ‘ne Schlange ihm längs den Haaren,

Da ist endlich ein kleiner Schrei,

Nur ein winziger, ihm entfahren;

Und am Abend? – verschwunden war

Großer Sack und neuer Liard.

O, verräterisch ist die Fei!

Und es wachen der Hölle Scharen.

6. Johannistau

Es ist die Zeit nun, wo den blauen Tag

Schon leiser weckt der Nachtigallen Schlag,

Wo schon die Taube, in der Mittagsglut,

Sich trunkner, müder breitet ob der Brut,

Wo abends, wenn das Sonnengold zergangen,

Verlorner Funke irrt des Wurmes Schein,

An allen Ranken Blütenbüschel hangen,

Und Düfte ziehn in alle Kammern ein.

»Weck mich zur rechten Zeit, mein Kamerad,

Versäumen möcht’ ich Sankt Johannis Bad

Um alles nicht; ich hab’ das ganze Jahr

Darauf gehofft, wenn mir so elend war.

Jérôme, du mochtest immer gut es meinen,

Bist auch, wie ich, nur armer Leute Kind,

Doch hast du klare Augen und die Deinen,

Und ich bin eine Waise und halb blind!

Hat schon der Hahn gekräht? ich hab’s verfehlt;

Oft schlaf’ ich fest, wenn mich der Schmerz gequält.

Ob schon die Dämmrung steigt? ich seh es nicht,

Mir fährt’s wie Spinneweben am Gesicht;

Doch dünkt mich, hör’ im Stalle ich Gebimmel

Und Peitschenknall; was das für Fäden sind,

Die mir am Auge schwimmen? lieber Himmel,

Ich bin nicht halb, ich bin beinah schon blind!

Hier ist der Steg am Anger, weiter will

Ich mich nicht wagen, hier ist alles still,

Und Tau genug für Kranke allzumal

Des ganzen Weilers, eh der Sonnenstrahl

Mit seinem scharfen Finger ihn gestrichen

Und aufgesogen ihn der Morgenwind;

Doch ist kein zweiter wohl hieher geschlichen,

Denn, Gott sei Dank, nur wenige sind blind.

Das ist ein Büschel – nein – doch das ist Gras,

Ich fühle meine Finger kalt und naß.

Johannes, heiliger Prophet, ich kam

In deinem werten Namen her, und nahm

Von jenem Taue, den im Wüstenbrande

Die Wolke dir geträufelt, lau und lind,

Daß nicht dein Auge in dem heißen Sande,

Nicht dein gesegnet Auge werde blind.

Gepredigt hast du in der Steppenglut –

So weißt du auch, wie harte Arbeit tut;

Doch arm und nicht der Arbeit fähig sein,

Das ist gewiß die allergrößte Pein.

Du hast ja kaum geruht in Mutterarmen,

Warst früh ein elternlos verwaistes Kind,

Woll’ eines armen Knaben dich erbarmen,

Der eine Waise ist, wie du, und blind!«

Das Bild

1.

Sie stehn vor deinem Bild und schauen

In dein verschleiert Augenlicht,

Sie prüfen Lippe, Kinn und Brauen,

Und sagen dann: du seist es nicht,

Zu klar die Stirn, zu voll die Wange,

Zu üppig in der Locken Hange,

Ein lieblich fremdes Angesicht.

O wüßten sie es, wie ein treues

Gemüt die kleinsten Züge hegt,

Ein Zucken nur, ein flüchtig scheues,

Als Kleinod in die Seele legt,

Wie nur ein Wort, mit gleichem Klange

Gehaucht, dem Feinde selbst, das bange,

Bewegte Herz entgegenträgt.

Sie würden besser mich begreifen,

Sehn deiner Locken dunklen Hag

Sie mich mit leisem Finger streifen,

Als lüft’ ich sie dem jungen Tag;

Den Flor mich breiten, dicht und dichter,

Daß deiner Augen zarte Lichter

Kein Sonnenstaub verletzen mag.

Was fremd, dahin will ich nicht schauen,

Ich will nicht wissen wo sie brennt,

Ob an der Lipp’, ob in den Brauen,

Die Flamme, die dein Herz nicht kennt;

Ich will nur sehn in deine Augen,

Den einen reinen Blick nur saugen,

Der leise meinen Namen nennt.

Ihn, der wie Äther mich umflossen,

Als in der ernsten Abendzeit

Wir saßen, Hand in Hand geschlossen,

Und dachten Tod und Ewigkeit;

Ihn, der sich von der Sonne Schwinden

Heilig gewendet mich zu finden,

Und lächelnd sprach: ich bin bereit.

2.

Und wär’ es wahr auch, daß der Jahre Pflug

Dir Furchen in die klare Stirn getrieben,

Nicht so elastisch deiner Lippen Zug

Bezeichne mehr dein Zürnen und dein Lieben,

Wenn dichter auch die Hülle dich umschlingt

Durch die der Strahl, der gottbeseelte, dringt,

Mir bist die immer Gleiche du geblieben.

Wenn minder stolz und edel die Gestalt,

Ich weiß in ihr die ungebeugte Seele,

Wenn es wie Nebel deinen Blick umwallt,

Ich weiß es, daß die Wolke Gluten hehle;

Und deiner weichen Stimme tiefrer Klang,

Verhallend, geisterhaft wie Wellensang,

Ich fühl’ es daß kein Liebeswort ihm fehle.

O Fluch des Alters, wenn das beßre Teil

Mit ihm dem Gottesbilde müßte weichen!

Wenn minder liebewarm ein Lächeln, weil

Der Kummer ihm gelassen seine Zeichen,

Ein Auge gütig nur, solange leicht

Und anmutsvoll die Träne ihm entschleicht,

Und ros’ge Wangen, zücht’ger als die bleichen!

Und dennoch hält sie alle uns betärt,

Die Form, die staubgeborne, wandelbare,

Scheint willig uns ein Ohr das leise hört,

Kühn einer frischen Stimme Siegsfanfare,

Wir alle sehen nur des Pharus Licht,

Die Glut im Erdenschoße sehn wir nicht,

Und keiner denkt der Lampe am Altare.

3.

Ich weiß ein beßres Bild zu finden

Als jenes, das dir ferner weicht,

Wie tiefer deine Wurzeln gründen

Und reifer sich die Ähre neigt;

Ein beßres als zu dessen Rahmen,

Wenn Jahre schwanden, Jahre kamen,

Man wie sein eigner Schatten schleicht.

Lausch’ ich am Strande ob der lauen

Entschlafnen Flut, mit scheuer Lust,

Wird unterm Flore dann, dem blauen,

Lebendig mir die ernste Rust,

Ich seh am Grunde die Korallen,

Ich seh der Fischicin goldig Wallen,

Und schaue tief in deine Brust.

Und wieder, an der Grüfte Bogen,

Seh ich der Mauerflechte Stab

Mit tausend Ranken eingesogen

In des Gesteines Herz hinab,

Von Taue schwer die grünen Locken,

Leuchtwürmer in der Wimper Flocken,

Das ist dein Lieben übers Grab.

Und wenn an der Genesung Bronnen

– Im Saale tafeln Stern und Band –

Sich mittags kranke Bettler sonnen,

Begierig schlürfen überm Rand

Und emsig ihre Schalen schwenken,

Dann muß ich an dein Geben denken,

An deine warme, offne Hand.

O jener Quell, der glüh und leise,

Ein Sprudel, deiner Brust entquillt,

Der nichts von Flocken weiß und Eise,

Mit Segen seine Steppe füllt,

Ihm kann nur gleichen wessen Walten

Nie siechen kann und nie veralten,

Und die Natur nur ist dein Bild.

Das erste Gedicht

Auf meiner Heimat Grunde

Da steht ein Zinnenbau,

Schaut finster in die Runde

Aus Wimpern schwer und grau,

An seiner Fenster Gittern

Wimmert des Kauzes Schrei,

Und drüber siehst du wittern

Den sonnentrunknen Weih.

Ein Wächter, fest wie Klippen,

Von keinem Sturm bewegt,

Der in den harten Rippen

Gar manche Kugel trägt,

Ein Mahner auch, ein strenger,

Des Giebel grün und feucht

Mit spitzem Hut und Fänger

Des Hauses Geist besteigt:

Und sieht ihn das Gesinde

Am Fahnenschafte stehn,

Sich, wirbelnd vor dem Winde,

Mit leisem Schreie drehn,

Dann pocht im Schloßgemäuer

Gewiß die Totenuhr,

Oder ein tückisch Feuer

Frißt glimmend unterm Flur.

Wie hab’ ich ihn umstrichen

Als Kind oft stundenlang,

Bin heimlich dann geschlichen

Den schwer verpönten Gang,

Hinauf die Wendelstiege,

Die unterm Tritte bog,

Bis zu des Sturmes Wiege,

Zum Hahnenbalken hoch.

Und saß ich auf dem Balken,

Im Dämmerstrahle falb,

Mich fühlend halb als Falken,

Als Mauereule halb,

Dann hab’ ich aus dem Brodem

Den Geist zitiert mit Mut,

Ich, Hauch von seinem Odem

Und Blut von seinem Blut.

Doch als nun immer tiefer

Die Schlangenstiege sank,

Als schiefer stets und schiefer

Dräute die Stufenbank,

Da klomm ich sonder Harren

Hinan den Zinnenring,

Und in des Daches Sparren

Barg ich ein heimlich Ding.

Das sollten Enkel finden

Wenn einst der Turm zerbrach,

Es sollte etwas künden

Das mir am Herzen lag,

Nun sinn’ ich oft vergebens

Was mich so tief bewegt,

Was mit Gefahr des Lebens

Ich in den Spalt gelegt?

Mir sagt ein Ahnen leise,

Es sei, gepflegt und glatt,

Von meinem Lorbeerreise

Das arme, erste Blatt,

Auch daß es just gewittert,

Mir, wie im Traume scheint,

Und daß ich sehr gezittert

Und bitterlich geweint.

Zerfallen am Gewände

Ist längst der Stiege Rund,

Kaum liegt noch vom Gelände

Ein morsches Brett am Grund,

Und wenn die Balken knarren,

Im Sturm die Fahne kreist,

Dann gleitet an den Sparren

Nicht mehr des Ahnen Geist;

Er mag nicht ferner hausen

Wo aller Glaube schwand;

Ich aber stehe draußen

Und schau hinauf die Wand,

Späh durch der Sonne Lodern

In welcher Ritze wohl

Es einsam mag vermodern

Mein schüchtern arm Idol!

Nie sorgt’ ein Falke schlechter

Für seine erste Brut!

Doch du, mein grauer Wächter,

Nimm es in deine Hut;

Und ist des Daches Schiene

Hinfürder nicht zu traun,

So laß die fromme Biene

Dran ihre Zelle baun.

Durchwachte Nacht

Wie sank die Sonne glüh und schwer!

Und aus versengter Welle dann

Wie wirbelte der Nebel Heer,

Die sternenlose Nacht heran!

– Ich höre ferne Schritte gehn, –

Die Uhr schlägt zehn.

Noch ist nicht alles Leben eingenickt,

Der Schlafgemächer letzte Türen knarren,

Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt

Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,

Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,

Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,

Sein müdes Schnauben, bis, vom Mohn getränkt,

Es schlaff die regungslose Flanke senkt.

Betäubend gleitet Fliederhauch

Durch meines Fensters offnen Spalt,

Und an der Scheibe grauem Rauch

Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.

Matt bin ich, matt wie die Natur! –

Elf schlägt die Uhr.

O wunderliches Schlummerwachen, bist

Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –

‘s ist eine Nacht vom Taue wach geküßt,

Das Dunkel fühl’ ich kühl wie feinen Regen

An meine Wange gleiten, das Gerüst

Des Vorhangs, scheint sich schaukelnd zu bewegen,

Und dort das Wappen an der Decke Gips,

Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.

Wie mir das Blut im Hirne zuckt!

Am Söller geht Geknister um,

Im Pulte raschelt es und ruckt

Als drehe sich der Schlüssel um,

Und – horch! der Seiger hat gewacht,

‘s ist Mitternacht.

War das ein Geisterlaut? so schwach und leicht

Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,

Und wieder, wie verhaltnes Weinen, steigt

Ein langer Klageton aus den Syringen,

Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht

Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen;

O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,

Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.

Da kollert’s nieder vom Gestein!

Des Turmes morsche Trümmer fällt,

Das Käuzlein knackt und hustet drein.

Ein jäher Windesodem schwellt

Gezweig und Kronenschmuck des Hains;

– Die Uhr schlägt eins –

Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;

Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale

Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,

Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle,

An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,

Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle

Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,

Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.

Jetzt möcht’ ich schlafen, schlafen gleich,

Entschlafen unterm Mondeshauch,

Umspielt vom flüsternden Gezweig,

Im Blute Funken, Funk’ im Strauch,

Und mir im Ohre Melodei;

– Die Uhr schlägt zwei. –

Und immer heller wird der süße Klang,

Das liebe Lachen, es beginnt zu ziehen,

Gleich Bildern von Daguerre, die Deck’ entlang,

Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;

Mir ist als seh ich lichter Locken Hang,

Gleich Feuerwürmern seh ich Augen glühen,

Dann werden feucht sie, werden blau und lind,

Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.

Es sieht empor, so froh gespannt,

Die Seele strömend aus dem Blick,

Nun hebt es gaukelnd seine Hand,

Nun zieht es lachend sie zurück,

Und – horch! des Hahnes erster Schrei!

– Die Uhr schlägt drei. –

Wie bin ich aufgeschreckt – o süßes Bild

Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!

Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,

Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,

Verrostet steht des Mondes Silberschild,

Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,

Und meine Schwalbe an des Frieses Saum

Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.

Der Tauben Schwärme kreisen scheu,

Wie trunken, in des Hofes Rund,

Und wieder gellt des Hahnes Schrei,

Auf seiner Streue rückt der Hund,

Und langsam knarrt des Stalles Tür,

– Die Uhr schlägt vier –

Da flammt’s im Osten auf – o Morgenglut!

Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle

Strömt Wald und Heide vor Gcsangesflut,

Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,

Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,

Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,

Und wie ein Gletscher, sinkt der Träume Land

Zerrinnend in des Horizontes Brand.

Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich

Und wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle,

Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;

Der See verschimmerte mit leisem Stöhnen,

Zerfloßne Perlen oder Wolkentränen? –

Es rieselte, es dämmerte um mich,

Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,

Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;

Im Laube summte der Phalänen Reigen,

Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen,

Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;

Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,

Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid

Und Bildern seliger Vergangenheit.

Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein –

Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein! –

Sie drangen ein wie sündige Gedanken,

Des Firmamentes Woge schien zu schwanken,

Verzittert war der Feuerfliege Funken,

Längst die Phaläne an den Grund gesunken,

Nur Bergeshäupter standen hart und nah,

Ein düstrer Richterkreis, im Düster da.

Und Zweige zischelten an meinem Fuß

Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;

Ein Summen stieg im weiten Wassertale

Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;

Mir war, als müsse etwas Rechnung geben,

Als stehe zagend ein verlornes Leben,

Als stehe ein verkümmert Herz allein,

Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.

Da auf die Wellen sank ein Silberflor,

Und langsam stiegst du, frommes Licht, empor;

Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,

Und aus den Richtern wurden sanfte Greise;

Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,

An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,

Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,

Drin flimmerte der Heimatlampe Schein.

O Mond, du bist mir wie ein später Freund,

Der seine Jugend dem Verarmten eint,

Um seine sterbenden Erinnerungen

Des Lebens zarten Widerschein geschlungen,

Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,

In Feuerströmen lebt, in Blute endet –

Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,

Ein fremdes, aber o ein mildes Licht.

Gastrecht

Ich war in einem schönen Haus

Und schien darin ein werter Gast,

Die Damen sahn wie Musen fast,

Sogar die Hunde geistreich aus,

Die Luft, von Ambraduft bewegt,

Schwamm wie zerfloßne Phantasie,

Und wenn ein Vorhang sich geregt,

Dann war sein Säuseln Poesie.

Wohl trat mir oft ein Schwindel nah,

Ich bin an Naphtha nicht gewöhnt,

Doch hat der Zauber mich versöhnt,

Und reiche Stunden lebt’ ich da,

All was man sagte war so fein,

So aus der Menschenbrust seziert,

Der Schnitt, so scharf und spiegelrein,

Und so vortrefflich durchgeführt.

Da kam ein Tag an dem man oft

Und leis von einem Gaste sprach,

Der, längst geladen, hintennach,

Kam wie die Reue unverhofft.

Da ward am Fenster ausgeschaut,

Ein seltsam Lächeln im Gesicht,

Ich hätte Häuser drauf gebaut,

Der Fremde sei ein Musenlicht.

Und als er endlich angelangt,

Als alles ihm entgegenflog

In den Salon ihn jubelnd zog,

Da hat mir ordentlich gebangt.

Doch schien ein schlichter Bursche nur

Mein Bruder in hospitio;

Vom Idealen keine Spur!

Nur frank, gesund und lebensfroh.

Drei Tage lebten wir nun flott,

Ganz wie im weiland Paradies,

Wo man die Engel sorgen ließ

Und geistreich sein den lieben Gott.

Des Gastes Auge hat geglüht,

Hat freundlich wie ein Stern geblinkt,

Und als er endlich trauernd schied,

Da ward ihm lange nachgewinkt.

O, unsre Wirte waren fein,

Gar feine Leute allzumal,

Schon sank die Dämmerung ins Tal,

Eh ihre Schonung nickte ein,

Und hier und dort ein Nadelstich,

Und schärfer dann ein Messerschnitt,

Und dann die Sonde säuberlich

In des Geschiednen Schwächen glitt.

O sichre Hand! o fester Arm!

O Sonde, leuchtend wie der Blitz!

Ich lehnte an des Gastes Sitz,

Und fühlte sacht ob er noch warm?

Und an das Fenster trat ich dann,

Nahm mir ein allbekanntes Buch

Und las, die Blicke ab und an

Versenkend in der Wolken Zug!

»Einst vor dem Thron Mütassims, des Kalifen

Beschwert mit Fesseln ein Verbrecher stand,

Dem, als vom Trunk betäubt, die Wächter schliefen,

Des Herrschers eigne Hand den Dolch entwand,

Nur dunkel ward die Tat dem Volk bekannt.

Man flüsterte von nahen Blutes Sünden,

Von Freveln die der Fürst nicht mög’ ergründen.

Schwer traf die läß’gen Söldner das Gericht,

Wie es sie traf, die Sage kündet’s nicht,

Nur dieses sagt sie: daß an jenem Tag

Ein schaudernd Schweigen über Bagdad lag,

Und daß, als man zum Spruch den Sünder führte,

Im weiten Saal sich keine Wimper rührte,

Und daß Mütassims Blick, zum Grund gewandt,

Die Blumen aus dem Teppich schier gebrannt.

Am Throne stand ein Becher mit Scherbet,

Den Gaum des Fürsten dörrten düstre Gluten,

Er fühlte seine Menschlichkeit verbluten

Am Stahle der bedräuten Majestät.

Wer gibt ihm seiner Nächte Schlaf zurück?

Wer seinen Mut zum Schaffen und zum Lieben?

Wer das Vertrauen auf sein altes Glück? –

Dies alles stand in seinem Blick geschrieben,

Weh! weh, wenn er die Wimper heben wird!

Der Frevler zittert, daß die Fessel klirrt.

Als noch der Lohn ihm wässerte den Mund,

Ein kecker Fuchs, und jetzt ein feiger Hund,

Würd’ er sich doppelten Verrats nicht schämen,

Doch sieht er deutlich keiner will ihn nehmen,

Schaut zähneknirschend nur zum Fürsten auf;

Die Wimper zuckt! – da drängt ein Schrei sich auf, –

Und wie im Strauch die kranke Schlange pfeift,

An innerm Krampte, will der Sklav’ ersticken.

O Allah! wird er sich dem Pfahl entrücken!

Und stürmisch der Kalif zum Becher greift,

Hält mit den eignen Händen den Scherbet

Ihm an die Lippen bis der Krampt vergeht.

Die Farbe kehrt, der Sklave atmet tief,

Sein Auge, irr zuerst, dann fest und kühn,

Läßt lang’ er auf des Thrones Stufen glühn,

Dann spricht er ernst: ›Lang lebe der Kalif!

Auf ihn hat sich Suleimans Geist gesenkt;

Ob er auch in gerechten Zornes Flamme,

Zum Marterpfahle einen Gast verdamme,

Den aus dem eignen Becher er getränkt.‹

Da ward Mütassim bleich vor innrer Qual,

Zittern sieht ihn sein Hof zum erstenmal,

Dann plötzlich ward sein Antlitz sonnenhell,

Und, hochgetragnen Hauptes rief er: ›Schnell

Die Fesseln ihm gelöst, ihr Sklaven! frei

Entwandl’ er, nur von seiner Schuld gedrückt.‹

Doch zu dem Thron tritt der Wesir, gebückt,

Spricht: ›Fürst der Gläubigen, was soll geschehn,

Wenn er zum zweitenmal den Dolch gezückt?‹

›Allah kerim! das was geschrieben ist

Im Buch des Lebens, drin nur Allah liest;

Allein auf keinem Blatte kann es stehn,

Daß der Verbrecher keine Gnade fand,

Den der Kalif getränkt mit eigner Hand!‹«

Ich schloß das Buch und dachte nach,

An Türken – Christen – mancherlei,

Mir war ein wenig schwül und scheu,

Und sacht entschlüpft’ ich dem Gemach.

Wie schien der Blumen wilde Zier,

Wie labend mir die schlichte Welt!

Und auf dem Rückweg hab’ ich mir

Die Pferde an der Post bestellt.

Auch ein Beruf

Die Abendröte war zerflossen,

Wir standen an des Weihers Rand

Und ich hielt meine Hand geschlossen

Um ihre kleine kalte Hand;

»So müssen wir denn wirklich scheiden?

Das Schicksal würfelt mit uns beiden,

Wir sind wie herrenloses Land.

Von keines Herdes Pflicht gebunden,

Meint jeder nur, wir seien, grad

Für sein Bedürfnis nur erfunden,

Das hülfbereite fünfte Rad.

Was hilft es uns, daß frei wir stehen,

Auf keines Menschen Hände sehen?

Man zeichnet dennoch uns den Pfad.

Wo dicht die Bäume sich verzweigen

Und um den schlanken Stamm hinab,

Sich tausend Nachbaräste neigen,

Da schreitet schnell der Wanderstab.

Doch drüben sieh die einzle Linde,

Ein jeder schreibt in ihre Rinde,

Und jeder bricht ein Zweiglein ab.

O hätten wir nur Mut, zu walten

Der Gaben die das Glück beschert!

Wer dürft’ uns hindern? wer uns halten?

Wer kümmern uns den eignen Herd?

Wir leiden nach dem alten Rechte:

Daß wer sich selber macht zum Knechte,

Nicht ist der goldnen Freiheit wert.

Zieh hin, wie du berufen worden,

Nach der Campagna Glut und Schweiß!

Und ich will ziehn nach meinem Norden,

Zu siechen unter Schnee und Eis.

Nicht würdig sind wir beßrer Tage,

Denn wer nicht kämpfen mag der trage!

Dulde wer nicht zu handeln weiß!«

So ward an Weihers Rand gesprochen,

Im Zorne halb, und halb in Pein.

Wir hätten gern den Stab gebrochen,

Ob all den kleinen Tyrannein.

Und als die Regenwolken stiegen,

Da bahnten wir erst mit Vergnügen

Uns in den Ärger recht hinein.

Solang die Tropfen einzeln fielen,

War’s Naphthaöl in unsern Trutz;

Auch eins von des Geschickes Spielen,

Zum Schaden uns und keinem nutz!

Doch als der Himmel Schlossen streute,

Da machten wir’s wie andre Leute,

Und suchten auch der Linde Schutz.

Dort stand ein Häuflein dicht beisammen,

Sich schauernd unterm Blätterdach;

Die Wolke zuckte Schwefelflammen,

Und jagte Regenstriemen nach.

Wir hörten’s auf den Blättern springen,

Jedoch kein Tropfen konnte dringen

In unser laubiges Gemach.

Fürwahr ein armes Häuflein war es,

Was hier dem Wettersturm entrann;

Ein hagrer Jud’ gebleichten Haares,

Mit seinem Hund ein blinder Mann,

Ein Schuladjunkt im magren Fracke,

Und dann, mit seinem Bettelsacke,

Der kleine hinkende Johann.

Und alle sahn bei jedem Stoße

Behaglich an den Stamm hinauf

Rückten die Bündelchen im Schoße,

Und drängten lächelnd sich zuhauf,

Denn wie so hohler schlug der Regen,

So breiter warf dem Sturm entgegen

Der Baum die grünen Schirme auf.

Wie kämpfte er mit allen Gliedern

Zu schützen was sich ihm vertraut!

Wie freudig rauscht’ er, zu erwidern

Den Glauben, der auf ihn gebaut!

Ich fühlte seltsam mich befangen,

Beschämt, mit hocherglühten Wangen,

Hab’ in die Krone ich geschaut

Des Baums der, keines Menschen Eigen,

Verloren in der Heide stand,

Nicht Früchte trug in seinen Zweigen,

Nicht Nahrung für des Herdes Brand,

Der nur auf Gottes Wink entsprossen

Dem fremden Haupte zum Genossen,

Dem Wandrer in der Steppe Sand.

Zur Freundin sah ich, sie herüber,

Wir dachten Gleiches wohl vielleicht,

Denn ihre Mienen waren trüber

Und ihre lieben Augen feucht.

Doch haben wir kein Wort gesprochen,

Vom Baum ein Zweiglein nur gebrochen,

Und still die Hände uns gereicht.

Gemüt

Grün ist die Flur, der Himmel blau,

Doch tausend Farben spielt der Tau,

Es hofft die Erde bis zum Grabe,

Bis sie in Himmelblau erblüht,

Und, sprich, was ist denn deine Gabe,

Der Seele Iris du, Gemüt?

Du Tropfen Wolkentau, der sich

In unsrer Scholle Poren schlich,

Daß er dem Himmel sie gewöhne

An seinem lieblichsten Gedicht,

Du, irdisch heilig wie die Träne,

Und himmlisch heilig wie das Licht!

Ein Tropfen nur, ein Widerschein,

Doch alle Wunder saugend ein,

Ob, Perle, dich am Blatte wiegend

Und spielend um der Biene Fuß,

Ob, süßer Traum, im Grase liegend,

Und lächelnd bei des Halmes Gruß:

O, Erd und Himmel lächeln auch,

Wenn du, geweckt vom Morgenhauch,

Gleich einem Kinde hebst den weichen

Verschämten Mondesblick zum Tag,

Erharrend was die Hand des Reichen,

Von Glanz und Duft dir geben mag.

Lächle nur, lächle für und für,

Des Kindes Reichtum wird auch dir:

Dir wird des Zweiges Blatt zur Halle,

Zum Sammet dir des Mooses Vlies,

Opale, funkelnde Metalle

Wäscht Muschelscherbe dir und Kies.

Des kranken Blattes rötlich Grün,

Drückt auf die Stirn dir den Rubin,

Mit Chrisolithes goldnem Flittern

Schmückt deinen Spiegel Kraut und Gras;

Und selbst des dürren Laubes Zittern,

Schenkt dir den bräunlichen Topas.

Und gar wenn losch der Sonnenbrand,

Und nun dein eigenstes Gewand,

Morgana deines Sees, gaukelt,

Ein Traum von Licht, um deinen Ball,

Und zarte Schattenbilder schaukelt,

Gefangne Geister im Kristall:

Dann schläfst du, schläfst in eigner Haft,

Läßt walten die verborgne Kraft,

Was nicht dem Himmel, nicht der Erden,

Was deiner Schöpfung nur bewußt,

Was nie gewesen, nie wird werden,

Die Embryone deiner Brust.

O lächle, träume immerzu,

Iris der Seele, Tropfen du!

Den Wald laß rauschen, im Gewimmel

Entfunkeln laß der Sterne Reihn,

Du hast die Erde, hast den Himmel,

Und deine Geister obendrein.

Der sterbende General

Er lag im dicht verhängten Saal,

Wo grau der Sonnenstrahl sich brach,

Auf seinem Schmerzensbette lag

Der alte kranke General;

Genüber ihm am Spiegel hing

Echarpe, Orden, Feldherrnstab,

Still war die Luft, am Fenster ging

Langsam die Schildwach’ auf und ab.

Wie der verwitterte Soldat

So stumm die letzte Fehde kämpft!

Zwölf Stunden, seit zuletzt gedämpft

Um »Wasser« er, um »Wasser« bat.

An seinem Kissen beugten zwei,

Des einen Auge rotgeweint,

Des andern düster, fest und treu,

Ein Diener und ein alter Freund.

»Tritt seitwärts«, sprach der eine, »laß

Ihn seines Standes Ehren sehn, –

Den Vorhang weg! daß flatternd wehn

Die Bänder an dem Spiegelglas!«

Der Kranke schlug die Augen auf,

Man sah wohl daß er ihn verstand,

Ein Blick, ein leuchtender, und drauf

Hat er sich düster abgcwandt.

»Denkst du, mein alter Kamerad,

Der jubelnden Viktoria?

Wie flogen unsre Banner da

Durch der gemähten Feinde Saat!

Denkst du an unsers Prinzen Wort:

– ›Man sieht es gleich hier stand der Wart!‹? –

Schnell, Konrad, nehmt die Decke fort,

Sein Odem wird so kurz und hart.«

Der Obrist lauscht, er murmelt sacht:

»Verkümmert wie ein welkes Blatt!

Das Dutzend Friedensjahre hat

Zum Kapuziner ihn gemacht. –

Wart, Wart! du hast so frisch und licht

So oft dem Tode dich gestellt,

Die Furcht, ich weiß es, kennst du nicht,

So stirb auch freudig wie ein Held!

Stirb wie ein Leue, adelich,

In seiner Brust das Bleigeschoß,

O, stirb nicht wie ein zahnlos Roß

Das zappelt vor des Henkers Stich! –

– Ha, seinem Auge kehrt der Strahl –

Stirb, alter Freund, stirb wie ein Mann!«

Der Kranke zuckt, zuckt noch einmal,

Und »Wasser, Wasser!« stöhnt er dann.

Leer ist die Flasche. – »Wache dort,

He, Wache, du bist abgelöst!

Schau, wo ans Haus das Gitter stößt,

Lauf, Wache, lauf zum Borne fort! –

‘s ist auch ein grauer Knasterbart,

Und strauchelt wie ein Dromedar –

Nur schnell, die Sohlen nicht gespart!

Was, alter Bursche, Tränen gar?«

»Mein Kommandant«, spricht der Ulan

Grimmig verschämt, »ich dachte nach

Wie ich blessiert am Strauche lag,

Der General mir nebenan,

Und wie er mir die Flasche bot,

Selbst dürstend in dem Sonnenbrand,

Und sprach: ›Du hast die schlimmste Not‹ –

Dran dacht’ ich nur, mein Kommandant.«

Der Kranke horcht, durch sein Gesicht

Zieht ein verwittert Lächeln, dann

Schaut fest den Veteran er an. –

Die Seele, der Viktorie nicht,

Nicht Fürstenwort gelöst den Fluch,

Auf einem Tropfen Menschlichkeit

Schwimmt mit dem letzten Atemzug

Sie lächelnd in die Ewigkeit.

Silvesterabend

Am letzten Tage des Jahres

Da dacht’ ich wie mancher tot,

Den ich bei seinem Beginne

Noch lustig gesehn und rot,

Wie mancher am Sargesbaume

Und wie vielleicht auch der meine

Zur Stunde schon sei gefällt.

Wer wird dann meiner gedenken

Wenn ich gestorben bin?

Wohl wird man Tränen mir weihen,

Doch diese sind bald dahin!

Wohl wird man Lieder mir singen,

Doch diese verweht die Zeit!

Vielleicht einen Stein mir setzen,

Den bald der Winter verschneit!

Und wenn die Flocke zerronnen

Und kehrt der Nachtigallschlag,

Dann blieb nur die heilige Messe

An meinem Gedächtnistag,

Nur auf zerrissenem Blatte

Ein Lied von flüchtigem Stift,

Und mir zu Häupten die Decke

Mit mooszerfressener Schrift.

Wohl hab’ ich viele Bekannte

Die gern mir öffnen ihr Haus,

Doch wenn die Türe geschlossen,

Dann schaut man nimmer hinaus,

Dann haben sie einen andern

An meiner Stelle erwählt,

Der ihnen singt meine Lieder

Und meine Geschichten erzählt.

Wohl hab’ ich ehrliche Freunde,

Die geht es schon härter an;

Doch wenn die Kette zerrissen,

Man flickt sie so gut man kann;

Zwei Tage blieben sie düster,

– Sie meinten es ernst und treu –

Und gingen dann in die Oper

Am dritten Tage aufs neu.

Ich habe liebe Verwandte

Die trugen im Herzen das Leid,

Allein wie dürfte verkümmern

Ein Leben so vielen geweiht?

Die haben sich eben bezwungen,

Für andere Pflichten geschont,

Doch schweben meine Züge

Zuweilen noch über den Mond.

Ich habe Brüder und Schwestern,

Da ging ins Leben der Stich,

Da sind viel Tränen geflossen

Und viele Seufzer um mich;

O, hätten sie einsam gestanden,

Ich lebte in ewigem Licht!

Nun haben sie meines vergessen

Um ihres Kindes Gesicht.

Ich hab’, ich hab’ eine Mutter,

Der kehr’ ich im Traum bei Nacht

Die kann das Auge nicht schließen,

Bis mein sie betend gedacht;

Die sieht mich in jedem Grabe,

Die hört mich im Rauschen des Hains –

O, vergessen kann eine Mutter

Von zwanzig Kindern nicht eins!

Schloß Berg

Ein Nebelsee quillt rauchend aus der Aue,

Und duft’ge Wolken treiben durch den Raum,

Kaum graut ein Punkt im Osten noch, am Taue

Verlosch des Glühwurms kleine Lampe kaum;

Horch! leises leises Zirpen unterm Dache

Verkündet, daß bereits die Schwalbe wache,

Und um manch Lager schwebt ein später Traum.

Die Stirn gelegt an meines Fensters Scheiben,

Schau immer ich zur wolk’gen Flut hinein,

Und an die Wölkchen, die dort lichter treiben,

Mein Blick hängt unverwendet an dem Schein.

Ja! dort! dort wird nun bald die Sonne steigen,

Mir ungekannte Herrlichkeit zu zeigen!

Dort ladet mich der Schweizermorgen ein!

So steh ich wirklich denn auf deinem Grunde,

Besungnes Land, von dem der Fremdling schwärmt,

Da meines Lebens allerfrühste Kunde

Aus jener Zeit, die noch das Herz erwärmt,

Da eine, nie vergessen, doch entschwunden,

So manche liebe hingeträumte Stunden,

An allzu teuren Bildern sich gehärmt.

Wenn sie gemalt, wie malet das Verlangen,

Die Felsenkuppen und den ew’gen Schnee,

Wenn an mein Ohr die Alpenglocken klangen,

Vor meinem Auge blitzte auf der See;

Von Schlosses Turm mit zitterndem Vergnügen

Ich zahllos sah die blanken Dörfer liegen,

Der Königreiche vier von meiner Höh’.

Mich dünkt, noch seh ich ihre milden Augen,

Die aufwärts schaun mit heiliger Gewalt,

Noch will mein Ohr die weichen Töne saugen,

Wenn echogleich sie am Klavier verhallt;

Und drunten, wo die lichten Pappeln wehen,

Noch mein’ ich ihrer Locken Wald zu sehen,

Und ihre zarte schwankende Gestalt!

Wohl war sie gut, wohl war sie klar und milde,

Wohl war sie allen wert, die sie gekannt,

Kein Schatten haftet an dem reinen Bilde,

Man tritt sich näher, wird sie nur genannt –

Ja, über Tal und Ströme schlingt aufs neue,

Um alles, was sie einst gehegt mit Treue,

Aus ihrem Grabe sich ein festes Band.

Ihr! ruhend noch in dieser frühen Stunde,

Verehrter Freund! und meine teuren Zween,

Emilie! und Emma! unserm Bunde

Wohl mag euch lächelnd sie zur Seite stehn,

Ich weiß es, denkend an geliebte Toten,

Habt ihr der Fremden eure Hand geboten,

Als hättet ihr seit Jahren sie gesehn.

So bin ich unter euer Dach getreten,

Wie eines Bruders Schwelle man berührt,

Eur gastlich Dach, wo frommer Treu’ im steten

Gefolge – aller Segen wohl gebührt,

Wo Frieden wohnt – was kann man Liebres sagen?

Mag Mailands Krone denn ein andrer tragen,

Nebst seinem Szepter, das ihr einst geführt.

Schlaft wohl, schlaft sanft, indem ich späh und lausche

Nach jedem Flöckchen, das dort rötlich weht,

Ist’s nicht, als ob der Morgenwind schon rausche?

Wie’s drüben wogt, und rollt, und um sich dreht,

Es breitet sich – es sinkt – und überm Schaume,

Was steigt dort auf? ein Bild aus kühnem Traume!

O Säntis, Säntis, deine Majestät!

Bist du es, dem ringsum die Lüfte zittern?

Du weißes Haupt mit deinem Klippenkranz,

Ich fühle deinen Blick die Brust erschüttern,

Wie überm Duft du riesig stehst im Glanz –

Ja! gleich der Arche über Wogengrimmen,

Seh ich in weiter Wolkenflut dich schwimmen,

Im weiten weiten Meere – einsam ganz!

Doch nein! – dort blickt – dort taucht es aus den Wellen!

Cäsapiana hebt die Stirne bleich,

Dort taucht der Glärnisch auf, – dort seh ich’s schwellen –

Und Zack’ an Zack’ entragt der Flut zugleich.

O Säntis! wohl mit Recht trägst du die Krone,

Da sieben Fürsten stehn an deinem Throne

Und unermeßlich ist dein luftig Reich.

Und sieh! Tirol auch sendet seine Zeichen,

Es blitzt dir seine kalten Grüße zu,

Welch Hof ist wohl dem deinen zu vergleichen,

Mein grauer stolzer Wolkenkönig du!

Die Sonne steigt, schon Strahl auf Strahl sie sendet,

Wie’s droben funkelt! wie’s das Auge blendet!

Und drunten alles Dämmrung, alles Ruh.

So sah ich, unter Märchen eingeschlafen,

Im Traume einst des Winterfürsten Haus,

Den Eispalast, wo seinen goldnen Schafen

Er täglich streut das Silberfutter aus.

Ja, in der Tat, sie sind hinabgezogen

Die goldnen Lämmchen, und am Himmelsbogen

Noch sieht man schimmern ihre Wolle kraus.

Doch schau! ist Ebbe in dies Meer getreten?

Es sinkt – es sinkt – und schwärzlich übern Duft,

Streckt das Gebirge schon, gleich Riesenbeeten,

Die waldbedeckten Kämme in die Luft;

Ha! Menschenwohnungen an allen Enden!

Fast glaub’ ich, Gais zu sehn vor Fichtenwänden,

Versteckt nicht Weisbad jene Felsenkluft?

Und immer sinkt es, immer zahllos steigen

Ruinen, Schlösser, Städte an den Strand,

Schon will der Bodensee die Spiegel zeigen,

Und wirft gedämpfte Schimmer übers Land,

Und jetzt – verrinnt die letzte Nebelwelle,

Da steht der Äther perlenklar und helle!

Die Berge möcht’ man greifen mit der Hand.

Wüßt’ ich die tausend Punkte nur zu nennen,

Die drüben lauschen aus dem Waldrevier,

Mich dünkt, mit freiem Auge müßt’ ich kennen

Den Sennen, tretend in die Hüttentür;

Ob meilenweit, nicht seltsam würd’ ich’s finden,

Säh in die Schluchten ich den Jäger schwinden,

Und auf der Klippe das verfolgte Tier.

So klar, ein stählern Band, die Thur sich windet,

Ja! wie ich lauschend steh auf meiner Höh’,

Ein einz’ger Blick mir zwölf Kantone bindet,

Wo drüben zitternd ruht der Bodensee;

Wo, längs dem Strand, die Wimpel lässig gleiten,

Vier Königreiche seh ich dort sich breiten –

Erfüllt ist alles ohne Traum und Fee.

Mein freier stolzer Grund! dich möcht’ ich nennen

Mein kaiserlich’, mein königliches Land;

Das Höchste muß ich deinen Bergen gönnen,

Doch Liebres ich in deinen Tälern fand.

Was klingt an meine Tür nach Geisterweise!

Horch! »guten Morgen, Nette« flüstert’s leise,

Und meine Emma bietet mir die Hand.

Annette von Droste-Hülshoff – Perdu!

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Annette von Droste-Hülshoff

Perdu!

oder

Dichter, Verleger und Blaustrümpfe

Lustspiel in einem Akte

Personen.

Herr Speth, Buchhändler in einer Stadt am Rheine

Seine Frau

Ida, seine Tochter

Sonderrath, Poeta laureatus

Willibald, Dichter minimi moduli und nebenbei Rezensent

Seybold, Rezensent und nebenbei Dichter

Frau von Thielen, Blaustrumpf von Stande

Claudine Briesen, naiv-gefühlvoller Blaustrumpf

Johanna von Austen, Blaustrumpf du bon vieux temps

Erste Szene

Ein Buchladen; im Vordergrunde ein Fenster mit halbgeschlossenen Vorhängen, das auf den Rhein

geht; alle Stühle mit Papieren, Ballen etc. beladen.

SPETH ein kleines, magres Männchen, mit rotem Gesichte, graulichtem Haare, einer Brille, sitzt

vor einem mit Papieren und Paketen bedeckten Tische und hält einen offnen Brief in der Hand;

lesend. »Und kurz, Herr Speth, ich kann nicht, durchaus nicht. Die Rebe blüht, alles liebt und

paart sich, da wird mir der Pegasus auch kollrig und rennt Gott weiß welcher Irionswolke nach.

Indessen kann es sein, daß wir uns bald sehn; mich hat geträumt, ich würde nächstens Lust

bekommen, an den Rhein zu gehn, respektive fahren, schwimmen – ob’s dazu kommt? Nescio; und

somit Gott befohlen. Ihr ergebener Friedrich Sonderrath.« Er läßt das Blatt sinken. Ja wohl,

Sonderrath! ich bin sonder Rat. – Windbeutel und kein Ende! Und ob er nun hieher kommt, das

steht auch noch sehr dahin, nachdem er mich vier Wochen lang hat auf sich warten lassen. Er

wirft den Brief auf den Tisch; heftig. Nein, nein, nein! Ich will mich auch gar nicht mehr mit

dem Dichtervolk einlassen. Wer liest denn noch Gedichte? Eine Kammerjungfer, die in den

Sekretär verliebt ist? Aber ich bin zu fromm, viel, viel zu fromm, – ein alter Kerl,

zwanzigmal angeführt, und doch noch nicht klug; ich sage es immer, sie werden mich noch aus

Rock und Kamisol schreiben. Na, weiter! Er ergreift ein Paket. Das dickste zuerst! Er öffnet

es. Hu, Krebse! »Das Echo im Felstale«, von Claudine Briesen – Zählt. – zehn – zwanzig – und

dreißig – vierzig – fünfzig – wie? Er nimmt das letzte Bündel nochmals. Zwei – vier – sechs –

acht – zehn – o Jammer, Jammer! Auch nicht ein einziges Exemplar verkauft! Ärgerlich. Du alte

Schachtel, komm du mir mal wieder, mit deinen Pavodettenaugen und deinen weißen Schwungfedern!

Doch – ‘s ist meine eigene Schuld; warum bin ich ein Esel! Er nimmt ein zweites Paket;

freudig. Ha, Seybold, und ein gutes Bündel! Er wägt es auf der Hand. Das ist delikat, da

steckt noch manches Gläschen Wein darin; Öffnet es. wenn das lauter Rezensionen sind, dann

können sie mir das Loch im Geldbeutel schon so ziemlich wieder zuziehn. Er schlägt die Blätter

auseinander. O weh, Gedichte! Lauter, lauter Gedichte! Seufzend. Wenn mir der gute Mann doch

nicht immer so viele schlechte Gedichte zu seinen guten Rezensionen einakkordierte! Er

betrachtet das Paket. Ein dicker, saurer Apfel, und ich muß doch hineinbeißen, sonst geht er

mir Mit den Fingern schnellend. Pst! Hm, auch ein Brief. Er öffnet ihn. Was? Was ist das?

Gedichte von Anna Freiin von Thielen, und die soll ich ihm verlegen? Ich? Hab’ ich nicht genug

an seinem eignen Misere. Er legt den Finger an die Nase. Wart, wart, wo hab’ ich denn von der

Frau gehört – oder gesehn – Richtig! Die Balladen im Abendblatte, Anna Freiin von Thielen;

richtig! Hm, die war so übel nicht; die Frau hat Talent genug, wenn sie sich nur an einige

Ordnung gewöhnen wollte; mich dünkt, die Verse rannten gegeneinander wie scheugewordne Pferde.

Und dann – so ein gewisses aristokratisches Heimweh nach der Feudalzeit, so ein weiblicher

Bendemann! Lächelnd. »an den Wasserflüssen Babylons saßen wir und weinten um Jerusalem« hähä!

Nun, man muß sehn; den Seybold darf ich nicht recht vor den Kopf stoßen; der ist meine beste

Milchkuh, er und Sonderrath. Seufzend. O Sonderrath, du Verräter! Soll ich denn wirklich von

deinen Reminiszenzen vom Rhein nichts haben als die Reminiszenz an meinen leeren Geldbeutel?

Er nimmt die Feder vom Ohr und rechnet. Fünzig Stahlstiche – für zweitausendachthundert

Exemplare Papier und Rechnet leise weiter. – zusammen fünftausend Taler – macht jeden Monat

sechzehn Taler acht Groschen Zinsen, Mit Nachdruck. sechzehn Taler acht Groschen – perdu!

Zweite Szene

Herr Speth, Frau Speth, eine noch rüstige Frau, mit lebhaftem, jovialem Gesichte, tritt herein

und legt ihm die Hand auf die Schulter.

FRAU SPETH. Was ist perdu?

SPETH wendet sich freundlich um und nimmt die Brille ab. Sieh, Fränzchen, bist du es? Was

willst du, Kind?

FRAU SPETH. Geld, lieber Freund, Geld!

SPETH. Geld? Ja, wieviel denn? Er zieht den Beutel. FRAU SPETH. Gib mir ein bißchen Vorrat,

daß ich dich nicht immer überlaufen muß, so eine zwanzig Taler.

SPETH erschrocken. Zwanzig Taler!? Kind, die wüßte ich dir doch jetzt aus allen Nähten nicht

zusammenzuklopfen. Er hält den Beutel in die Höhe. Siehst du mein Beutelchen? Was dünkt dich?

verdammt dünnleibig.

FRAU SPETH. Wenn keine Louisdore darin sind.

SPETH. Ja, Louisdore! Die schüttelt man auch so von den Bäumen. Wehmütig. Kennst Du wohl

Kassemännchen und Silbergroschen?

FRAU SPETH. Laß sehn! Sie zupft ihm den Beutel aus der Hand und greift rasch hinein. Was hab’

ich erwischt? Sie öffnet ein Papier. Gerade recht, zwei Doppel-Louisdor – ich bedanke mich.

Will gehn.

SPETH hält sie am Ärmel. Fränzchen, Fränzchen, was fällt dir ein? Wahrhaftig, sie nimmt mir

alles!

FRAU SPETH. Bewahre, es klingelt noch recht schön. Sie schüttelt den Beutel.

SPETH. Ach Gott, was klingelt denn! Vier preußische Taler und zwölf einzelne Silbergroschen,

auf Ehre, kein Heller mehr; nein, sei doch vernünftig!

FRAU SPETH befühlt den Beutel. Eins-zwei-drei- vier, und da noch ein dickes Stück, das ist ein

Krontaler.

SPETH halb lachend. Bewahre, das ist der Deckel von meiner alten Tabaksdose, den ich gestern

zerbrochen habe. Ängstlich. Gib her, komm! Soll ich denn gar nichts behalten?

FRAU SPETH. Du hast noch genug.

SPETH. Es ist ja der Deckel, der Deckel sag’ ich dir. Was in aller Welt soll ich denn mit vier

Talern zwölf Silbergroschen anfangen? Ich kann ja nicht mal eine Flasche Wein für einen guten

Freund bezahlen.

FRAU SPETH mit dem Finger drohend. Speth, Speth, sind wir wieder auf dem Terrain? Denk an

deine Gesundheit und an deine Frau.

SPETH komisch seufzend. Ich denke ganz viel an meine Frau.

FRAU SPETH. Weißt du noch, neulich der Schwindel in Olbers Garten? und um Weihnachten beim

Onkel?

SPETH hastig. Ja, da hatte ich auch beide Male – Er stockt.

FRAU SPETH. Nun? Lachend. Nein, du hattest keinen Spitz, du hattest nur drei Gläser getrunken;

ich habe sie genau gezählt. Aber, ich sage es dir ungern, du mußt dich sehr in acht nehmen, du

bist sehr vollblütig.

SPETH ungläubig. I behüte! ich bin ja der magerste Mann in der ganzen Stadt.

FRAU SPETH. Korpulent bist du freilich nicht, aber sieh mal in den Spiegel – dein Gesicht?

SPETH. Hm, ganz nett, ganz manierlich.

FRAU SPETH. Jawohl, rot um den Kopf wie ein Puter – nun, gib dich zufrieden, Sie küßt ihn. mir

bist du schön genug und bist auch überhaupt ganz wacker, wenn du dich ordentlich gekämmt und

rasiert hast. Aber das Geld laß mir; das ist bei mir besser aufgehoben wie bei dir.

SPETH läßt sie los. Nun in Gottes Namen! – nur Ernsthaft. ich bitte dich, Fränzchen, halt gut

haus. Knapp zusammen, sage ich immer, knapp zusammen; du weißt nicht, wie bitterlich sauer es

mir wird, der Teufel weiß, man hat Verluste an allen Ecken.

FRAU SPETH. Ganz richtig, perdu! Was ist denn wieder perdu?

SPETH. Ach nichts – meine Brille.

FRAU SPETH lachend. Was Brille! Nichts Brille! Meinst du, ich wüßte nicht, daß dein Perdu

immer soviel heißt, als: da bin ich mal wieder untern Zopf gespuckt? Nur frisch heraus; mich

führst du doch nicht an.

SPETH nimmt einen Federputzer vom Tische und spielt damit. Ach, nun – sieh, der Sonderrath,

der Schlingel –

FRAU SPETH. Der ist ja dein lieb Kindchen?

SPETH mit Nachdruck. Gewesen! Du weißt doch, daß ich sein Werk über die Rheingegenden verlegen

soll.

FRAU SPETH. Ja, was dich schon das horrende Geld gekostet hat, an Stahlstichen und Papier.

SPETH nach und nach heftiger werdend. Nun sieh, der will mit einem Male nicht schreiben, aber

gar nichts, keine Reminiszenzen und keine Gedichte, nichts, sage ich dir – nicht mehr, als was

ich hier auf der flachen Hand habe. Er streckt die Hand vor.

FRAU SPETH lächelnd. Das ist nun freilich für dieses Mal ein Federputzer; Ernsthaft. aber

warum nicht?

SPETH heftig. Warum nicht? Warum nicht? »Weil die Rebe blüht und sich alles liebt und paart.«

FRAU SPETH zornig. Ist der Kerl denn ein Kater, oder ein Kuckuck? Aber ich würde ihn schon

kriegen! Tausend nochmal! Hat denn jeder Flandus das Recht, einen ehrlichen Mann an den

Bettelstab zu bringen? Verklag ihn, Speth, verklag ihn!

SPETH beklemmt. Kind! das weißt du nicht! da wird er mir erst ganz sperrig. Nein, ich muß nur

so sachtchen lavieren, simulieren, bis ich ihn ganz piano wieder in den Gang gebracht habe.

FRAU SPETH. Ei was, bei dem wirst du doch keine Seide spinnen; laß dir deinen Schaden

ersetzen, und dann mag er laufen.

SPETH. Ja, Schaden ersetzen! Da kommst du recht! Meinst du, wenn ich den ganzen Sonderrath bis

aufs Hemde auszöge, daß ich etwas anderes fing, als allenfalls ein paar Flöhe und das Porträt

seiner Geliebten? Das sind mir die Rechten!

FRAU SPETH spottend. Habe ich das nicht immer gesagt! Hättest du dich an Gott und die Religion

gehalten, den Katechismus verlegt und die Bibel, dann hättest du dein honettes Brot; die muß

jeder kaufen, und sind auch längst fertig geschrieben; oder was dir die Professoren so

zuschicken, das sind solide Leute, die den Pelz nicht verkaufen, ehe sie den Fuchs gefangen

haben.

SPETH seufzend. Das ist wohl wahr.

FRAU SPETH. Ich halte besonders viel auf Leute, die Perücken tragen und Jabots, je breiter, je

besser. Aber stattdessen ziehst du dich mit dem Dichtervolk herum: »Lustig gelebt und selig

gestorben, das heißt dem Teufel die Rechnung verdorben«; den Hut auf einem Ohr, das Glas in

der Hand, und dann: »Rosen auf den Weg gestreut«; wahrhaftig, ich fange vor Ärger an zu singen

wie ‘ne Eule.

SPETH besänftigend. Stille, stille, ärgere dich nicht!

FRAU SPETH mit humoristischem Zorne und rasch redend. Laß sehn! Was hast du denn Rechtes an

der Hand? Vorerst dieser – wie heißt denn der Windbeutel? – Sonderrath, das soll ein großes

Genie sein; ja wohl, Genie in deine Tasche!

SPETH. Piano!

FRAU SPETH. Oder ist der Willibald besser? Freilich, der liefert seine Sachen ab, daß man

nachher das ganze Jahr von den Krebsen Suppe kochen kann. Hans Narr, mit seinem gescheitelten

Haar wie ein Hund, der durchs Wasser gejagt ist!

SPETH lachend. Ich kann ihr nicht steuern –

FRAU SPETH. Sag selbst, sieht der Kerl nicht komplett aus wie ‘ne verregnete Krähe?

Nachäffend. »Meine werteste Frau Speth«, – ja ich will dich.

SPETH seufzend. Der erwischt mich auch nicht wieder.

FRAU SPETH. Doch, doch, wenn er dich so gut kennt wie ich, noch zehnmal. Und nun gar dein

Weibervolk –

SPETH lachend. Die Damen willst du sagen.

FRAU SPETH halb lachend. Jawohl, deine Blaustrümpfe, die Briesen z.B.: Geziert. »der reizende

Morgen hat mich hinausgelockt«, Natürlich. und sieht dann so erfroren aus wie ein gerupftes

Huhn, – ich glaube, die Person friert den ganzen Tag.

SPETH. Du hast es gut vor.

FRAU SPETH lebhaft. Aber sag selbst, sieht die Person nicht genau aus wie eine erfrorne

Kartoffel? Und dann die Austen mit ihren siebenzig Jahren, Rosaband, an jedem Finger einen

Ring mit Souvenir oder ‘nem Haarschwänzchen; und das ganze Zimmer voll Porträts von ihren

alten Schätzen, der mit ‘nem Haarbeutel, der mit ‘nem langen Zopf, der mit ‘ner runden

Perücke. –

SPETH. Du hältst ja so besonders viel auf Leute, die Perücken tragen?

FRAU SPETH. In meinem Leben habe ich nicht so schmutzige, verknutschte Wäsche gesehn, wie die

beiden Weiber immer an sich tragen. Ich bin allzeit in Versuchung, ihnen ein paar Ellen Leinen

anzubieten, damit sie doch nicht so zum Spektakel umherlaufen.

SPETH. Nun ist’s aber auch gut, nun hast du ihnen den Text tüchtig gelesen.

FRAU SPETH gutlaunig. Ei was, du nimmst immer ihre Partei, weil du selbst so ein halber

Pegasusreiter bist.

SPETH erstaunt. Ich?

FRAU SPETH. Ja, du! singst du keine Lieder?

SPETH. Mein Lebtage nicht anders wie mit der christlichen Gemeinde.

FRAU SPETH. Was? willst du leugnen, daß du vor zwanzig Jahren ein Gedicht auf mich gemacht

hast?

»Ach,ach,ach,

Meine werte Klara Zach,

Ich verbleibe früh und spät

Ihr getreuer Wilhelm Speth«,

und das willst du leugnen? war es nicht an einem Stachelbeerbusch? Und hast du dir nicht

dasmal ein großes Dreieck in deinen neuen Frack gerissen? Verräter!

SPETH küßt ihr die Hand. Dummes Ding!

FRAU SPETH zieht die Hand fort. Nein, geh nur! Ich bin tief gekränkt!

SPETH. Ja, du bist mir die Rechte!

FRAU SPETH freundlich. Bin ich die Rechte? Nun, das ist doch noch brav von dir; du bist mir

auch der Rechte, Sie drückt seinen Kopf zwischen ihren Händen. mein rechter, guter, alter,

frommer Hals. Addio! Im Abgehn. und notabene. Wilhelm, laß der Ida nicht so viele Bücher

zukommen; sie hat mir gestern abend einen Hemdärmel unten an den Saum gesetzt.

Dritte Szene

SPETH ihr nachsehend. Die Frau hat den Teufel im Leibe, ein kapitales Weib! Alles lebt und

kribbelt an ihr. Einen Verstand! einen Witz! und eine Darstellungsgabe! Hui – wenn die

schreiben wollte, die würde was anders an den Tag bringen als meine Blaustrümpfe; Leiser. sie

hat nicht ganz unrecht, es sind ein paar abgetakelte Fregatten; Lauter. indessen was tut man

nicht, Seufzend. das heißt was muß man nicht tun für die Damen! Es ist ein schreckliches Wort:

eine Dame, und vollends eine Dame, die es darauf anlegt, dir die Tasche zu fegen; da magst du

dich nur so geduldig schinden lassen wie ein toter Hase. Gähnend. Ach Gott, ich wollte, daß

ich mir eine Rhinozeroshaut anschaffen könnte, oder eine von Gummielastikum, die sich

ellenlang ziehn ließ’ und dann immer wieder auf meinen eigenen Korpus zurück spränge. »Das

Echo im Felstal!« Ich mag nicht daran denken; das Stückchen kostet mich auch wieder – wart! Er

tunkt die Feder ein und wirft sie dann hin. Ich will nicht rechnen; was auch habe ich denn

anders davon als den Ärger? Verdrießlich. Ich weiß auch nicht, warum gerade immer nur die

Langweiligen schreiben; es gibt doch mitunter welche, zum Beispiel meine Frau, wo sich Geld

daraus pressen ließ’ wie Heu. So ist’s, das beste Stück Geld steckt immer in Dingen, wo man es

nicht herausbringen kann, zum Beispiel in meinen Krebsen; Nachdenkend. ja, wenn die wollte –

vielleicht wenn ich ihr so ein wenig Honig um den Mund strich’ und so ein wenig zusammenlög’,

was andre Leute sollten gesagt haben von ihrem Talente; – ja, hüte dich! da würd’ ich schön

ankommen. »Speth, wenn du durchaus eine Närrin zur Frau haben willst, so laß dich von mir

scheiden und nimm die Briesen!« Ha, pfui! ein gräßlicher Gedanke! Er schüttelt sich. Dafür

will ich doch lieber mein Leben lang ihre Gedichte verlegen, für die wär’ ich noch über und

über zu gut. Jovial. Ich bin überhaupt gar so’n übler Kerl nicht. Ich habe eigentlich wohl

hübsche Augen – dunkle Augen – und auch sprechende Augen. Er steht auf. Ein bißchen klein von

Statur. Hm, klein und wacker. Er tritt vor den Spiegel. Rot wie ein Puter, sagt meine Frau!

Ich weiß nicht, was die will; ich bin nirgends rot, als wo es hingehört, Er streicht sich

wohlgefällig über die Wange. zwar Er beugt näher. so ein klein Tippelchen auf der Nase –

Speth, Speth! deine heimlichen Tröpfchen Wein schlagen durch, und die Frau hat es schon weg.

Er beugt noch näher. Nicht viel graue Haare; sie ließen sich noch wohl auszupfen, wenn’s nicht

so infam wehtät; ich bin kein Freund davon, mein eignes Fleisch und Bein zu kreuzigen. Er faßt

ein graues Haar und zieht es unter Gesichterschneiden aus. Hä! Hoffart will Pein leiden!

Willibald tritt mit einer gewissen aisance herein. Speth fährt erschrocken vom Spiegel zurück.

Vierte Szene

Speth. Willibald.

WILLIBALD bleibt in der Türe stehen. Pardon, Herr Speth, ich störe.

SPETH verlegen. O gar nicht, gar nicht, treten Sie gefälligst näher.

WILLIBALD. Sie wollen ausgehn?

SPETH. Ja – doch nein keineswegs – nachher.

WILLIBALD. Aber Sie machen Toilette!

SPETH. Verzeihen Sie – doch nicht.

WILLIBALD schließt die Tür und tritt zu Herrn Speth. Ich habe nicht angepocht, unter so guten

Freunden –

SPETH. Versteht sich, versteht sich! nehmen Sie Platz; was ist gefällig?

WILLIBALD. Lieber Freund, das läßt sich so schnell nicht abmachen; wenn Sie ausgehn müssen,

will ich am Abende wiederkommen.

SPETH. Am Abende? Bedenklich. Ja, lieber Herr Willibald, da möchte ich doch wohl verhindert

sein.

WILLIBALD. So sagen Sie mir wann? aber bald, und daß wir ordentlich Zeit vor uns haben.

SPETH verlegen. Meine Zeit ist sehr beschränkt, sehr; Sie denken sich’s so gar nicht, ich bin

oft des Abends abgehetzt, wie ein armer Windhund. Indessen – jetzt hätte ich wohl etwas Muße,

aber jetzt; bitte, sprechen Sie! Ida tritt leise herein und setzt sich mit einer Handarbeit in

die Fensternische, so daß der Vorhang sie halb verdeckt.

WILLIBALD rückt den Stuhl, auf dem Speth gesessen, seitwärts und wirft sich darauf. Speth

packt einen andern Stuhl ab und setzt sich neben Willibald. Hören Sie, Herr Speth! Sie sind

ein solider Mann, warum befassen Sie sich mit solch einem Schandblatte wie das Abendblatt?

SPETH zurückfahrend. Ei, Herr, Herr! Das sind starke Ausdrücke, da sind Sie doch der erste –

WILLIBALD. Schlechte Spekulation!

SPETH erstaunt. Ich wollte, daß alle meine Spekulationen nicht schlechter wären; wissen Sie,

wie viele Abonnenten das Journal hat?

WILLIBALD nachlässig. Ich weiß nicht, ich bekümmere mich nicht darum.

SPETH. Dreitausend, Langsam. sage dreitausend, Rasch. und lauter gute Zahler.

WILLIBALD. Dreitausend Narren!

SPETH. Sie haben’s gut vor! Indessen Narren oder nicht, wer mich bezahlt, ist in meinen Augen

niemals ein Narr.

WILLIBALD. Schöne Maxime! Also nur wer Ihnen nichts abkauft, verdient diesen Titel!

SPETH mit leisem Spotte. Das will ich grade nicht behaupten; ich habe leider manches verlegt,

wo ich es vielmehr sehr vernünftig finden mußte, daß man es mir auf dem Halse ließ.

WILLIBALD. Wie kann ein Blatt gut sein, in dem Leute ohne den mindesten Geschmack das große

Wort führen!

SPETH. Herr, wie kommen Sie mir heute vor? Hat Sonderrath keinen Geschmack?

WILLIBALD. Hm, Sonderrath, das ist eben auch ‘ne Eintagsfliege; der wird sich bald

ausgeschnurrt haben.

SPETH. Das wollen wir nicht hoffen.

WILLIBALD. Etwas verbrannte Phantasie, etwas Stil! Und dann, als Draperie, ganze Herden von –

Verdrießlich. allerlei Ungeziefer, Schlangen, Kamele. – Speth lacht. Hm, selbst Kamel! Rasch.

So etwas schüttle ich Ihnen alle Tage aus dem Ärmel, wenn ich will. Er steht auf, geht die

Bühne auf und ab und bleibt zuweilen vor Speth stehen.

Speth fängt an Federn zu schneiden.

WILLIBALD erbittert. Nun was ist’s denn weiter? Ich studiere sechs Wochen lang den Koran und

die persischen Dichter, und dann lasse ich einen ganzen Stall voll wilder Bestien los, die

sich durcheinander beißen, was ist’s denn weiter? Heftig. Der Mensch verdirbt die ganze

Literatur.

Speth sieht vor sich nieder und spielt mit der Feder.

WILLIBALD. Aber warten Sie, warten Sie noch ein paar Wochen, dann ist er kaputt.

SPETH. Ich denke, das werden wohl die Jahrwochen Daniels sein.

WILLIBALD heftig. Ich zweifle nicht, daß sich schon irgendeine vernünftige Feder finden wird –

Speth steht auf und neigt die Feder gegen ihn.

WILLIBALD. Was ist? Was meinen Sie? Nein, das nicht. Er räuspert. Übrigens wollt’ ich von den

Dichtern jetzt nicht reden, aber Sich vor Speth stellend. was für Schund von Rezensionen

nehmen Sie auf? zum Beispiel von dem Seybold.

SPETH lachend. Herr, ich weiß nicht, was Sie wollen; der Seybold macht ja jetzt Regen und

Sonnenschein in der Literatur.

WILLIBALD. Das sei Gott geklagt! Rasch. Übrigens so schlimm ist’s auch nicht; es gibt noch

eine Partei, Er fängt wieder an, auf und ab zu gehn. und zwar eine sehr große Partei, sage ich

Ihnen, die recht gut weiß, was sie an ihrem Seybold hat. Apropos, lesen Sie denn seine

Rezensionen?

SPETH. Ich? O doch! – allerdings, und zwar mit vielem Vergnügen.

WILLIBALD. Auch die in Nro. 43?

SPETH. Sie sind alle schön, scharf und doch billig.

WILLIBALD. Auch die in Nro. 43?

SPETH. Ja Herr, ich kann Ihnen nicht so genau sagen, wo jedes Einzelne steht; was ist denn mit

der? Was enthält die?

WILLIBALD. Was? Den erbärmlichsten Unsinn, Verleumdungen, was die elendeste Oberflächlichkeit

und Unkraft nur ersinnen können.

SPETH. Gott steh’ uns bei! wer kriegt denn so erbärmlich die Rute?

WILLIBALD. Sie sind nicht sehr glücklich in ihren Ausdrücken, Herr Speth; übrigens können Sie

wohl denken, daß es einen trifft, der nicht nach seiner Pfeife tanzen will. Er steht vor

Speth, seine Hand auf die Lehne des nebenstehenden Stuhls gelegt.

SPETH seine Hand auf die Willibalds legend. Im Vertrauen, Herr Willibald, ich denke mir, wer

die Schläge bekommen hat, der hat sie auch verdient.

WILLIBALD zieht die Hand zurück. Ich bedanke mich.

SPETH erstaunt. Wie! Nein, das ist nicht möglich!

WILLIBALD bitter. Es ist möglich, denn es ist. Herr Seybold kühlt sein Mütchen an meinem

»Deutschen Eichenhaine«.

SPETH hastig. Den ich verlegt habe?

WILLIBALD. Jawohl.

SPETH erzürnt. Das gefällt mir aber in der Tat sehr schlecht; was Henker! sollen mich denn die

Krebse auffressen? Das ist ein perfider Streich.

WILLIBALD geht auf und ab. Ja, sehn Sie, so macht er’s.

SPETH zornig. Und ich bin immer so fromm gewesen und habe ihm alles ungelesen eingerückt – und

so honett bezahlt. Heftig. Wissen Sie, was der Mensch für jede Rezension bekommt? Acht

Louisdor, sage acht Louisdor! Schnell. und die hat er auch hierfür gekriegt. Nein, das ist

schlecht!

WILLIBALD. Und dabei die unerlaubtesten Injurien; nennt mich – ich mag es gar nicht mal sagen!

SPETH erzürnt. Ja, er kann strohgrob sein.

WILLIBALD heftig. Er sagt – kurz, lesen Sie das Ding nach.

SPETH. Strohgrob!

WILLIBALD. Dann werden Sie sehn, daß es ein Mensch ist, mit dem Sie sich honetterweise gar

nicht befassen können.

SPETH. Ungeheuer grob.

WILLIBALD. Ich habe Ihnen ja noch gar keine Details gesagt?

SPETH. Macht nichts, ich kenne den Seybold ohne dieses.

WILLIBALD. Dann wundert’s mich, daß Sie sich so lange mit ihm eingelassen haben; seine

Kritiken sind reine Injurien.

SPETH. ‘s ist unerlaubt.

WILLIBALD. Wenn ich wirklich ein »flüsternder Wasserquell im Eichenhaine« bin –

SPETH hastig. So hat er doch kein Recht, es Ihnen ins Gesicht zu sagen.

WILLIBALD. Nein, so mag er’s mir ins Gesicht sagen.

SPETH zornig. Keineswegs, das grenzt an Injurie, und ein ehrlicher Mann soll den andern nicht

zerdrücken, wenn er auch kann.

WILLIBALD steht vor Speth still. Zum Henker, Herr Speth, Sie sind ja noch viel gröber wie der

Seybold?

SPETH sich fassend. Mißverstehn Sie mich nicht, lieber Freund. Sehn Sie, der Seybold ist nun

eben en vogue, und hat für den Augenblick allerdings einen bedeutenden Einfluß aufs Publikum,

– ob mit Recht oder Unrecht, das wollen wir nicht untersuchen, – genug, er hat ihn, und

solange das währt, kann er den Besten niederhalten. Aber verlassen Sie sich auf mich!

Verlassen Sie sich auf mich! dieses soll ihm nicht so hingehn.

WILLIBALD geht auf und ab. Brechen Sie mit ihm, Herr Speth, brechen Sie ungescheut! es gibt

noch Männer genug, die Ihr Blatt halten können; wir sind nicht so arm an guten Federn.

SPETH beiseite. O weh! Laut, bedenklich. gänzlich mit ihm zu brechen, das möchte nicht wohl

angehn, schon des Skandals wegen; Rascher. indessen Sie sollen Satisfaktion haben, vollkommene

Satisfaktion, verlassen Sie sich auf mich. Eine Pendüle schlägt Eins. Sehn Sie, Herr

Willibald, daß wir unser Geschäft noch ganz gut vor Essenszeit abgemacht haben? Es schlägt

eben Eins.

WILLIBALD stellt sich an ein Büchergestelle und zieht ein Buch nach dem andern heraus. »Das

Echo im Felstal«, anonym – ist das hübsch?

SPETH. Nehmen Sie es mit, ich mache mir ein Vergnügen daraus, es Ihnen zu schenken.

WILLIBALD. Wer ist der Verfasser?

SPETH. Ein Fräulein Briesen.

WILLIBALD. Ach, die da, mit den weißen Kapitulationsfahnen auf dem Kopfe! also Weiberarbeit –

pah! da wird mir schon ganz miserabel, die sollen bei ihrem Strickstrumpfe bleiben. Überhaupt,

wen der echte Genius nicht treibt, der werde lieber ein ehrlicher Jurist, oder meinetwegen

Schuster oder Schneider – immer besser!

SPETH mit leisem Spotte. Das sage ich auch. Beiseite. Er geht nicht, er hat noch etwas im

petto, ich muß sehn, ob ich ihn ennuyieren kann. Laut. Erlauben Sie, daß ich in Ihrer

Gegenwart einige notwendige Zeilen schreibe?

WILLIBALD. Genieren Sie sich nicht.

Ida kommt herein und setzt sich mit ihrer Stickarbeit ans Fenster hinter die halbgeschlossene

Gardine.

SPETH vor sich. In meinem eigenen Hause! Schreibt.

WILLIBALD hingeworfen. Notabene, ich habe auch noch ein kleines Manuskript bei mir; wollen Sie

das gelegentlich einmal ansehn?

SPETH beklemmt. Ansehn? Ja, gern, wenn Sie es wünschen, aber etwas zu verlegen, dazu bin ich

in diesem Augenblicke durchaus nicht im Stande; ich habe wirklich bereits schon zu viel

übernommen. Er schreibt.

WILLIBALD nimmt das Buch, leise trällernd: La, la, la, la, la, la. Sie haben doch wahrlich

eine sehr reiche Auswahl, Herr Speth.

SPETH schreibt, zerstreut. Es freut mich, daß Sie zufrieden sind.

WILLIBALD trällernd. La, la, la, la –. Nachlässig. Das Manuskriptchen, wovon ich Ihnen sagte,

ist ein Trauerspiel, »Hermann und Thusnelde«.

SPETH schreibend. Richtig, jawohl.

WILLIBALD. Ich habe darin versucht, den Hermann, der als Krieger schon so oft dargestellt ist,

auch einmal von der Seite des Gemüts zu beleuchten.

SPETH schreibend. Schön, sehr schön!

WILLIBALD. Seine Heldentaten sind ein wenig abgenutzt; aber dieses ist etwas ganz Neues, so

ein kräftiges altdeutsches Herz offenzulegen.

SPETH. Freilich, freilich!

WILLIBALD tritt an den Tisch. Wollen Sie das Werkchen übernehmen?

SPETH fährt auf. Wie?

WILLIBALD. Ich meine, ob Sie das kleine Trauerspiel verlegen wollen?

SPETH. Lieber Herr, ich habe Ihnen schon gesagt, es ist mir unmöglich, und vollends ein

Trauerspiel! Das ist ja ganz dem herrschenden Geschmacke entgegen.

WILLIBALD verächtlich. Wer fragt nach dem erbärmlichen herrschenden Geschmacke!

SPETH. Ich, lieber Herr, ich muß danach fragen, sonst mache ich bankerott.

Ein Diener tritt ein.

DIENER. Herr Speth, in Ihrem Kabinette ist ein Herr, der Sie zu sprechen wünscht.

SPETH. Ah, ich weiß schon. Herr Willibald, es ist mir leid, aber Sie sehn, daß ich Sie

verlassen muß.

WILLIBALD. Kommen Sie bald zurück?

SPETH peinlich. Dafür kann ich Ihnen in der Tat nicht stehn.

WILLIBALD. Hm, ich hätte doch noch einiges – ich will warten.

SPETH. Sie werden sich ennuyieren.

WILLIBALD hingeworfen. Ich ennuyiere mich nie, Auf die Bücher zeigend. am wenigsten in so

guter Gesellschaft.

SPETH zögernd. Nun, wie Sie wollen; aber wenn ich ausbleiben sollte, dann entschuldigen Sie

mich. Es ist möglich, es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß ich mit dem Herrn im Kabinette

ausgehn muß.

WILLIBALD nachlässig. Das macht nichts; ich kann ja gehn, wenn es mir zu lange währt. Speth

verbeugt sich leicht und geht nach der Tür. Notabene, das Manuskriptchen lasse ich Ihnen

jedenfalls hier, zur Durchsicht.

SPETH wendet sich um. O bitte, bitte, nein – nehmen Sie es mit; ich kann mich wirklich nicht –

WILLIBALD. Ich verlange ja vorläufig nichts weiter als Ihr Urteil.

SPETH steht einen Augenblick unentschlossen. Ja, dann – Adieu! Er rafft einen Stoß Papiere vom

Tische, beiseite. Ich muß nur drüben schreiben. Er verbeugt sich nochmals leicht und geht ab.

Fünfte Szene

Willibald am Büchergestelle; Ida hinter dem Fenstervorhange, stickend.

WILLIBALD nimmt ein Buch nach dem andern, trällernd. La, la, la, la, la, la – es wird schon

gehn, er fängt schon an zu lavieren. La, la, la. – Er schlägt ein Buch auf. Hm, »Sonderraths

Gedichte«, Preis drei Taler. –’ne Schande! La, la, la, la – Schlägt ein andres auf. »Deutscher

Eichenhain«, Preis zehn Silbergroschen und zweimal so dick – ‘ne Affenschande!

IDA schlägt die eine Seite des Vorhangs zurück. Was für eine schöne Stimme haben Sie doch,

Herr Willibald!

WILLIBALD sieht verwundert um. Sieh, Fräulein Ida! Ich hatte Sie wirklich nicht bemerkt. Er

fängt wieder an zu blättern.

IDA. Ich habe da hinter dem Vorhange gesteckt und mich so ganz im stillen an Ihrem Gesange

gefreut.

WILLIBALD. O bitte! Ein schlechtes Vergnügen! Etwas leiser. La, la, la, la.

IDA. Was das für ein reines, klares Steigen ist! Beinahe wie Gerstäcker.

WILLIBALD blätternd. Ich wäre wohl nicht ganz ohne musikalische Anlage, wenigstens wollen

meine Freunde das behaupten; aber alles wilder Schlag, verwahrlost! es geht manches so

zugrunde.

IDA. Aber warum pflegen Sie ein so schönes Talent nicht?

WILLIBALD blätternd. Heinrich der Vierte – Heinrich der Fünfte – Heinrich der Sechste –

Lauter. Ich bin vielfach darum angegangen worden, meine Stimme auszubilden, indessen – Sich

halb gegen sie wendend. ich mache mir nicht viel aus Musik, – ein Klang, eine vorübergehende

Aufregung! ich stelle die Musik gar nicht hoch, ungefähr wie einen Regenbogen oder Meteor;

Wieder abgewendet und blätternd für sich. erster – zweiter – dritter Band – Lauter. Nein, wenn

ich mich nicht mit Leib und Seele der Poesie verschrieben hätte, dann wäre ich eher ein Maler

geworden.

IDA. Aber zur Musik haben Sie nun einmal dieses enorme Talent.

WILLIBALD wie halb vor sich. Oh, zur bildenden Kunst wäre meine Anlage weit ausgesprochener –

Blätternd. »Seraphine« von Gutzkow, auch ein verschimmeltes Brot! … Lauter, nachlässig. Ja,

darin hätte ich wohl etwas leisten können, besonders wenn ich mich der altdeutschen Schule

zugewendet hätte; diese alten knorrigen Heiligen mit ihren Eisengesichtern, das wäre so recht

was für mich gewesen. Ida sieht ihn verwundert an; er legt das Buch fort und nähert sich ihr,

lächelnd. Wundert Sie das, liebes Fräulein?

IDA. Mein Gott, man sollte ja vor Demut in ein Mauseloch kriechen, wenn man von so vielen

Gaben hört, und hat selbst so gar nichts.

WILLIBALD lächelnd. Was ist’s denn weiter! Das ist ja nichts Besonderes.

IDA sieht ihn verwundert an. Nicht?

WILLIBALD nimmt ihre Schere vom Fenster und betrachtet sie. Meinen Sie, daß ein Talent so

allein stehn könne? Poesie, Musik, bildende Kunst – alles Brechungen desselben Strahls! nur

durch Zufälligkeiten – Erziehung, Gelegenheit etc. – bedingt. So bin ich denn Poet geworden,

und wäre vielleicht ein viel besserer Maler. Doch – ich bin nun mal in diese Richtung geraten

und meine, daß man nur eins mit ganzer Kraft erfassen soll, wenn man etwas Tüchtiges leisten

will. Sonst Maler – ja, Maler wäre ich gern geworden; kein Bildhauer – der Stein ist tot, die

Farbe hat Leben, und ich liebe das Lebendige, Kräftige.

IDA. Und Ihre Gedichte sind doch so weich.

WILLIBALD lächelnd. Hm, ein weicher Eichenhain! kurios!

IDA hat indessen in ihrem Arbeitskörbchen gesucht und langt eine Börse hervor, die sie

Willibald reicht. Guten Morgen, Vielliebchen!

WILLIBALD verwundert. Was ist? Was meinen Sie? Er öffnet die Börse und sieht hinein.

IDA. Guten Morgen, Vielliebchen! habe ich gesagt; denken Sie nicht mehr an unser Diner im

Schloßgarten?

WILLIBALD. Ah so, richtig! Verzeihn Sie, ich hatte in der Tat – es geht mir so vieles durch

den Kopf: habe ich denn gewonnen? Ich weiß es wahrhaftig nicht mehr.

IDA etwas pikiert. Freilich haben Sie gewonnen; warum gäbe ich Ihnen sonst die Börse?

WILLIBALD betrachtet die Börse. Eine Leier in einem Lorbeerkranze, Geschmeichelt. sehr hübsch!

sehr verbindlich! Er drückt ihr die Hand. Ich danke Ihnen herzlich.

IDA. Danken Sie nicht zu früh! Ich habe auch meine Tücke.

WILLIBALD freundlich. Sollte es möglich sein?

IDA. Einen Hinterhalt, eine Bitte.

Willibald sieht sie fragend an.

IDA schüchtern. Nur ein kleines Gedichtchen! nur ein paar ganz kleine Verschen! zum

Geburtstage meiner guten ehemaligen Gouvernante.

WILLIBALD verlegen. Fräulein, ich bitte um Gottes willen, damit verschonen Sie mich.

IDA schmeichelnd. Sie schlagen’s mir ab?

WILLIBALD beklemmt. Sehn Sie, Fräulein, wenn ich sterben sollte, ich könnte es nicht. Hm! hm!

Wiegenfestliedchen! Hochzeitscarmen! Hm! Rascher. Wissen Sie was? Sagen Sie es dem Werning,

dessen Sache ist das so recht, und der tut’s auch gern.

IDA verdrießlich. Nein, der Mensch hat kein Gemüt.

WILLIBALD. I, nun?

IDA. Dessen holprichte Verse, die will ich nicht, die passen gar nicht; sie müssen ganz anders

sein, so wie die Ihrigen – so als wenn sie allenfalls von einem Frauenzimmer herrühren können

WILLIBALD nimmt wieder die Schere. Sehr gütig! sehr verbunden! Hm! Kurios, das Kompliment hat

mir doch noch niemand gemacht.

IDA. Nun, so mach’ ich es Ihnen.

WILLIBALD beugt sich über die Schere, wie halb vor sich. Hören Sie, Fräulein, ich glaube, um

die Gedichte so recht, ich meine so in tiefstem Grunde aufzufassen, muß man doch wohl – ein

Mann sein.

Ida sieht beleidigt auf.

WILLIBALD. Das dürfen Sie nicht übel nehmen, Fräulein; manches ist nun eben für Männer

geschrieben, und die Frauen haben ja auch ihr geistiges Departement, wo wir mit unserm Urteile

zu kurz kommen.

IDA gereizt. Nun, ich mache keine Ansprüche auf literarisches Urteil, ich sage über Sie nur

nach, was ich von Männern gehört habe; ebenso wie ich.

WILLIBALD schüttelt ironisch den Kopf. Dieses Mal doch nicht.

IDA. Doch, und Männer vom Fach.

WILLIBALD. Gott behüte!

IDA. Warten Sie! Sie steht auf und geht an ein Büchergestelle, Willibald folgt ihr, sie steigt

auf die Bücherleiter und faßt einen Haufen Journale.

WILLIBALD hastig. Was suchen Sie, Fräulein! Ich bitte, machen Sie sich keine Mühe meinetwegen.

IDA. Nein; Sie sollen glauben, Sie starrer Thomas; ich will nicht in meiner Behauptung stecken

bleiben. Sie legt noch einzelne Blätter zurecht.

WILLIBALD vor sich. Was will sie? Journale? Eine Vignette? Ein Genius, der die Fackel

entzündet? Um Gottes willen, die Person hat das Abendblatt! Laut. Lassen Sie, ermüden Sie sich

nicht! ich glaube alles.

IDA blättert in den Journalen. Wo steht’s denn: dieser »flüsternde Wasserquell im Eichenhaine«

–?

WILLIBALD außer sich. Liebes Fräulein, ich weiß schon, kommen Sie nur – Ach Jesus! Man hört

draußen eine Stimme: »Ist Herr Speth zu Hause?« IDA steigt schnell von der Leiter und legt die

Journale auf den Tisch. Die Briesen! Sie setzt sich ans Fenster und schließt den Vorhang

wieder halb; rasches Klopfen an der Tür.

Sechste Szene

Die Vorigen

CLAUDINE BRIESEN etwas phantastisch gekleidet, einen Hut mit weißen Schwanzfedern und langem

Schleier, tritt rasch herein und sagt noch halb in der Tür. Herr Speth ist ja nicht hier? Sie

verbeugt sich gegen Willibald und fixiert ihn scharf; dann stellt sie sich ebenfalls an das

Büchergestelle und zieht Bücher heraus, ihn immer von der Seite betrachtend.

WILLIBALD. La, la, la, la –

CLAUDINE halblaut. Ah, mein »Echo«, schön! Sie stellt sich in eine theatralische Attitüde und

liest.

WILLIBALD blätternd. La, la, la, la –

CLAUDINE halblaut lesend.

Als des Morgens rötlicher Schimmer

Durch das feuchte Dunkel sich brach –

Das feuchte Dunkel

WILLIBALD. La, la, la, la –

CLAUDINE.

Da brauste der Sturmwind noch immer,

Es rauschte der Regen herab

Man hört es ordentlich rauschen!

WILLIBALD setzt ein Buch fort. Schlechtes Zeug!

CLAUDINE.

Es flogen die Wolken, es wälzte der Nord

Durch der Burg hochwölbende Hallen sich fort –

WILLIBALD. La, la, la –

CLAUDINE. Und spielte sanft um die bleiche Geliebte heilige Leiche. Mit Pathos. Um die

bleiche, geliebte, heilige Leiche! Und das soll matt sein?

IDA kommt hinter dem Vorhange hervor und setzt einen Schemel vor Claudinen nieder. Gnädiges

Fräulein, ich will es Ihnen etwas bequemer machen.

CLAUDINE. Ach sieh, Idachen! Wie geht’s, Kind?

IDA. Ich danke Ihnen, so leidlich.

CLAUDINE. Immer so leidlich, was ist das? Mit sechzehn Jahren, da muß man den ganzen Tag

flattern und singen wie ein Vogel auf dem Ast. Aber es gibt keine Jugend mehr. Sie zieht sich

mit Ida zum Fenster zurück.

WILLIBALD ihr nachsehend, vor sich. Wenigstens nicht bei dir, lieber Schatz.

CLAUDINE leise. Wer ist der Herr?

IDA. Herr Willibald.

CLAUDINE. Der Dichter?

IDA. Jawohl.

CLAUDINE erfreut, leise zu Ida. So? Sie tritt wieder an das Büchergestelle, ganz dicht neben

Willibald und nimmt immer die Bücher, wie er sie fortlegt. »Sonderraths Gedichte« – großes

Talent.

WILLIBALD sieht sie quer von der Seite an. La, la, la la –

IDA vor sich. Er will noch nicht anbeißen.

CLAUDINE. »Deutscher Eichenhain« – ach, mein lieber deutscher Eichenhain! köstlich!

WILLIBALD aufmerksam werdend. Man spricht verschieden darüber.

CLAUDINE sich rasch zu ihm wendend. Unmöglich! ich habe nur eine Stimme gehört, eine Stimme

der höchsten Anerkennung.

WILLIBALD. Hm! es gibt doch hier und dort allerlei Leute –

CLAUDINE. Ach was gibt’s nicht alles für Leute! Es gibt Hottentotten und Pescherähs, aber sie

gehn uns nichts an.

WILLIBALD nickt beifällig. Gut gesagt!

CLAUDINE. Wenn man den Beifall derjenigen hat, für die man eigentlich schreibt, was bekümmert

man sich um Schuster und Schneider, oder solche, die es besser wären!

WILLIBALD lachend. Recht gut!

CLAUDINE. Die wenigsten Menschen stecken doch in den rechten Röcken: der Hase und Löwe tragen

ihren Pelz, wie die Natur es ihnen zugeteilt hat und ihre innere Kraft es herauszutreiben

vermag –

WILLIBALD. Gut.

CLAUDINE. Aber unter den Menschen trägt zuweilen der geborene Bettler eine Krone und der König

aus innrer Kraft den geflickten Rock.

Willibald wirft einen verstohlenen Blick auf die innere Seite seines Ärmels.

CLAUDINE. Sie glauben nicht, welche Empfänglichkeit für Poesie sich oft grade in den niederen

Klassen vorfindet. Hastig. Wissen Sie, wem ich Gedichte vorlese? Meiner Magd.

WILLIBALD lachend. Nicht übel; à la Rousseau.

CLAUDINE. Und was für ein Geschöpf! Sie können sich’s nicht vorstellen; plump, schläfrig, wie

aus Lehm und Stroh zusammengeknetet, das heißt so scheinbar, aber von einer Gemütsfülle, einer

Auffassungsgabe, einzig! Schneller. Sehn Sie, zuerst sitzt sie da, noch sehr geniert, wie Sie

denken können, ganz feuerrot und blinzelt mit den Augen, wie ein Uhu bei Tage. Aber je länger

ich lese, je ernster wird die Physiognomie, Langsam. immer ernster – immer nachdenklicher –;

zuletzt schließt sie die Augen halb und sieht dann aus wie eine vom heiligen Dunste betäubte

Pythia. Schneller. Es ist wirklich köstlich zu beobachten.

WILLIBALD ironisch. Ja – nun – man müßte das selber ansehn, um es nach seinem Werte zu

beurteilen.

CLAUDINE sehr schnell. Wissen Sie was? Kommen Sie morgen früh zu mir oder heute, abends zum

Tee. Schlägt sich vor die Stirn, wie sich plötzlich besinnend. Was bin ich doch für ein

duseliges Kind! ein verquertes Geschöpf! die Phantasie läuft immer mit mir Karriere. Lachend.

Wir kennen uns ja gar nicht; was weiß ich denn weiter von Ihnen, als daß Sie ein Mann von

Geschmack sind und meinen lieben »Deutschen Eichenhain« auch liebhaben? Sie sieht Willibalden

fragend an.

Willibald verbeugt sich.

CLAUDINE. Nun, wie ist’s? Wie machen wir’s, daß wir darüber ins reine kommen?

WILLIBALD nachlässig geziert. Ah so! Sie wollten wissen, wer ich bin, ach Gott, ein armer

Teufel! ein ordinäres Subjekt, und nebenbei – der »Deutsche Eichenhain«.

CLAUDINE. Ist’s möglich! Nein, das ist Geld wert! Kindlich in die Hände klatschend. das ist

himmlisch! Nun, eine Offenheit verdient die andere; ich bin – das »Echo im Felstale«.

WILLIBALD verbeugt sich. Fräulein Briesen.

CLAUDINE. Welch ein seltsames Zusammentreffen! Und so lange miteinander zu reden, ohne zu

ahnen, mit wem man spricht, das ist köstlich!

IDA für sich. Hat man je so etwas gehört?

CLAUDINE Willibalden die Hand reichend, die er schüttelt. Nun, ich denke wohl, es muß ein

eigner sympathetischer Stern sein, der uns hier in Speths Laden Sie sieht umher. hat

zusammenführen müssen. Schneller. Notabene, wissen Sie wohl, daß man unsre Gedichte häufig

verwechselt?

WILLIBALD räuspernd. Hm! Nein, Fräulein, das habe ich nicht gewußt.

CLAUDINE. O hundertmal, unzählige Male! Noch gestern abend Ihren weißen – Sie stockt und sieht

Willibalden an; lachend. Herr Jesus, ich glaube, es ist ihm nicht recht! Ich glaube er will

mir nicht gleichen!

WILLIBALD verstimmt. Gnädiges Fräulein, das ist ein unwürdiger Argwohn.

CLAUDINE immer lachend. Gehn Sie nur, ich sehe es Ihnen an den Augen an.

WILLIBALD verwirrt. Gnädiges Fräulein –

CLAUDINE freundlich. I, es ist mir ja nur ein Scherz. Das wird mir ja nicht einfallen. Sie

reicht ihm die Hand, die er etwas zögernd nimmt. Wir müssen einander anerkennen; wir sind

gleichsam prädestiniert, – ich denke so ungefähr von gleichem Alter.

WILLIBALD überrascht. So? Sich fassend. Ich bin gewiß der ältere.

CLAUDINE ihn argwöhnisch ansehend. Hm, das mag so ungefähr zu einem auskommen; Sie mögen sogar

noch um etwas blühender aussehn: Ich habe viel gelitten – viel – viel! Nachdenklich. Ja, meine

Gedichte tragen auch die Spuren davon Schwermütig.

»Wie ein Schiff, das hergezogen,

Kämpfend gegen Sturm und Wogen,

Seine stolzen Segel schwellend,

An dem Riffe dröhnt zerschellend.«

Seufzt. Ich darf nicht daran denken!

WILLIBALD fährt mit dem Finger über die Nase. Das ist noch ein glückliches Schiff, das mit

stolzen Segeln untergehen kann.

CLAUDINE großartig. Ja, ich habe Kraft, Kraft! Wenn ich die nicht hätte, wo wäre ich dann

längst? Seufzend. »Sechs Bretter und zwei Brettchen!«

WILLIBALD lächelnd. Oh, oh, gnädiges Fräulein, nicht gleich so desperat!

CLAUDINE mit Nachdruck. Was ist aufreibender, als innere Öde! und die habe ich empfunden, wie

sie mir kein Herz so leicht nachempfinden kann.

Willibald gähnt.

CLAUDINE. Ich habe sehr, sehr einsam gestanden und lange, lange Zeit; oh! Sie versinkt in

Träumerei.

Willibald faßt leise nach einem Buche und fängt an zu blättern.

CLAUDINE hastig. Aber ich mag nicht mehr! ich will nicht mehr! Rasch, zu Willibald gewendet.

Was meinen Sie? Wir haben uns hier so seltsam gefunden! wollen wir es versuchen, einander

aufzurichten? Wollen wir Freunde sein? Ihm die Hand bietend, heiter. Schlagen Sie ein! man muß

dem Glücke die Tür öffnen, sonst kommt man seine Lebetage zu nichts. Lassen Sie uns Freunde

sein!

Willibald legt verlegen das Buch fort und faßt ihre Hand.

CLAUDINE. Nur resolut!

Willibald schüttelt ihre Hand ein wenig.

CLAUDINE. Sie kommen zu mir, so oft Sie wollen, so selten Sie wollen – bleiben aus, wann Sie

wollen; wir plaudern, nehmen eine Tasse Tee und nachher ein bescheidenes Abendbrot. Willibalds

Gesicht erheitert sich.

CLAUDINE fortfahrend. So ganz einfach, Poetenkost: eine Suppe, ein Salat, ein Hühnchen – Sie

teilen mir Ihre neuesten Produkte mit – nun? Ist’s so recht? Sollen wir es versuchen?

WILLIBALD ihre Hand kräftig schüttelnd. Herzlich gern, und möge der Himmel geben, daß ich

Ihnen von einigem Tröste und Nutzen sein kann.

CLAUDINE kindlich. Nein, das ist himmlisch! nein, wie freue ich mich darauf! nein, das wird

köstlich werden! Und wissen Sie was? gleich heute soll meine Franziska vor Ihnen debütieren!

das ist ein psychologisches Experiment, was Sie sich nicht dürfen entgehen lassen. Ich lese

ihr mein letztes größeres Gedicht vor –

WILLIBALD einfallend. Erlauben Sie, ich werde mein »Hermann und Thusnelde« mitbringen, da

können wir sehn, welche Eindrücke die Hexameter auf sie machen; das muß sie ungeheuer anregen,

dies Steigen – und Wogen –

CLAUDINE einfallend. O gewiß, herrlich, einzig! Zuerst lese ich einige kleine Gedichte aus dem

»Echo« –

WILLIBALD einfallend. Ja, einige kleine, und dann mein Trauerspiel.

CLAUDINE. Ja, ja, so mag’s sein. Lachend umhersehend. Wie seltsam! hier in diesem trocknen

Geschäftsbüro, wo einem die Rechnungen gleichsam andunsten, müssen zwei poetische Naturen sich

sehen, finden und aneinander schließen zum Schutz und Trutz! Wissen Sie was? Ich gehöre gar

nicht zu den Frauen, die sich vor Freundschaften mit Männern fürchten.

Willibald lacht.

CLAUDINE. Das ist nur Torheit, Mangel an innerer Freiheit. Was geht es mich an, ob meine

Schwesterseele einen Bart trägt oder nicht? Oh, ich habe Sie doch sogleich erkannt, ich bin

eine gute Physiognomin.

WILLIBALD. Sie wußten, wer ich bin?

CLAUDINE. I bewahre! Ihren Geist meine ich, Ihre Seele; Auf seine Stirn deutend. in diesen

kleinen Fältchen da habe ich gleich gelesen.

Willibald fährt sich über die Stirn und wirft einen verstohlenen Blick in den Spiegel.

CLAUDINE lachend und mit dem Finger drohend. Ja, streichen Sie nur, ich habe Sie nun doch mal

weg. Seufzend. Ach Gott, es ist nicht zum Lachen, man bekommt die Falten nicht von

Vergnüglichkeit: ich weiß auch, was es heißt, sich auf Leben und Tod mit dem Schicksale

herumschlagen … Hastig. Notabene! Haben Sie die Rezension im Abendblatte gelesen!

WILLIBALD verlegen. Welche?

CLAUDINE. I nun, die – von dem kleinen Pferdchen mit den langen Ohren, dem Seybold.

WILLIBALD verdrießlich. Nein, ich habe keine Zeit, schlechtes Zeug zu lesen.

CLAUDINE verächtlich. Hm, ich auch nicht, aber dieses ist was Infames.

WILLIBALD bitter. Warum lesen sie was Infames?

CLAUDINE. Ach! man hat mich so dazu gebracht, durch einen anonymen Brief, von irgendeiner

dummen Seele, die das Ding nicht kapiert hatte. Hören Sie, – doch nein, es ist eine lange,

einfältige Geschichte; kurz, ich habe es gelesen, – aber ich lache nur darüber.

WILLIBALD. Es verdient auch nichts anderes.

CLAUDINE. Hm, meine Gedichte sind wohl so gut als alles, was der Herr Seybold schreibt! Die

braucht er keinen aufgespreizten Reifrock zu nennen, wo nichts darunter steckt als Haut und

Knochen, – Mensch ohne die geringste Delikatesse! Er sollte noch einen preußischen Taler darum

geben, wenn er so schreiben könnte.

WILLIBALD erleichtert. Ich habe die Rezension in der Tat nicht gelesen.

CLAUDINE heftig. Lesen Sie sie, ich bitte, lesen Sie sie, und dann geben Sie ihm tüchtig eins

drum.

WILLIBALD. Ich?

CLAUDINE. Hauen Sie ihn, mir zu Gefallen, daß er die bittre Angst kriegt, und in demselben

Blatte.

WILLIBALD. Fräulein –

CLAUDINE immer heftiger. Sie können’s nicht zu arg machen; ich wollte, er müßte springen wie

ein Seiltänzer, vor Angst, der Lumpus!

WILLIBALD. Aber ich schreibe fast nie Rezensionen.

CLAUDINE. So machen Sie dieses Mal eine Ausnahme, mir zuliebe und in demselben Blatte, daß der

Mensch sich nicht anstellen kann, als hätte er es nicht gelesen, der Schlingel!

EINE STIMME draußen. Ach so, ich will warten.

CLAUDINE. Gott, das ist die Austen.

WILLIBALD. Wer?

CLAUDINE. Frau von Austen, ein fataler Blaustrumpf du bon vieux temps; Vergißmeinnicht, –

Klopstock. – Es ist schauderhaft! vielleicht erkennt sie mich nicht, sie ist etwas blind. Es

wird angeklopft.

Claudine wendet sich gegen das Büchergestelle und kramt darin umher. Willibald setzt sich an

den Tisch und mustert die Journale, die er auf den noch unbepackten zweiten Stuhl neben sich

legt.

Siebente Szene

Die Vorigen. Frau von Austen sie ist sehr klein und dürr, gebückt vor Altersschwäche, aber

lebendig in ihren Bewegungen.

FRAU VON AUSTEN tritt herein, sieht neugierig umher, nimmt ihren Hut ab, unter dem ein

Häubchen mit Rosaband zum Vorschein kommt, zieht die Handschuh’ ab und schwankt dann an das

Büchergestelle, vor dem Claudine steht, wo sie Hut, Handschuh’ und einen schweren Strickbeutel

in ein halbleeres Fach schiebt; Claudinen bemerkend. Ah, sieh da, meine liebe Briesen!

CLAUDINE wendet sich um. Guten Tag, meine gute Frau von Austen, wie geht’s? Was haben Sie

gemacht seit dem letzten Donnerstag?

FRAU VON AUSTEN. Nicht wahr? das war ein himmlischer Abend! Unser Kränzchen war so recht en

verve.

CLAUDINE. Freilich, und weshalb eigentlich wohl? Es war doch im Grunde ein miserabler Tag, ein

Wetter zum Verzweifeln, aber mir war grade, als wenn ich eine halbe Flasche Champagner

getrunken hätte.

FRAU VON AUSTEN lachend. Vouz avez toujours le bon mot pour rire! Aber wirklich, ich habe mich

an keinem Abende so weh getrennt. Die Luft zitterte ordentlich von Geistund Witzfunken.

CLAUDINE lachend. Aber ohne Frage!

FRAU VON AUSTEN. Wir hatten alle unsern geistigen beau jour, sogar der Leiser, mit

vorgehaltener Hand. langweilige Lauter. Werning –

CLAUDINE. Gewiß; der Mensch war geradezu poetisch ein paar Stunden lang, der mußte ein

vierblättriges Kleeblatt gefunden haben.

Frau von Austen lacht und droht ihr mit dem Fächer.

CLAUDINE. Aber nun sagen Sie mir, warum sind wir nicht immer so? Warum können wir zuweilen so

unausstehlich ledern sein? Z.B. am Sonntage – es war doch zum Übelwerden! Hätte man nicht

denken sollen, wir wären im Grunde alle die langweiligsten Personnagen von der Welt?

FRAU VON AUSTEN. Ja, ist der Mensch nicht Stimmungen unterworfen? Die Psyche schlummert

zuweilen, besonders Schalkhaft leise. wenn Amor sie nicht mehr weckt.

CLAUDINE pikiert. O, meine liebe Frau von Austen, es ist nicht nötig, daß man immer einen

Liebhaber auf der Ferse hat, um erträglich zu sein.

FRAU VON AUSTEN. Gott bewahre! dann wäre ich seit lange eine unerträgliche Person; denn was

habe ich andres als Erinnerungen! Sie seufzt und wirft einen Blick auf ihre Ringe.

CLAUDINE mit leichter Bosheit. Da haben Sie das Beste; die pflegen gewöhnlich viel schöner und

idealer zu sein, als die Gegenwart gewesen ist.

FRAU VON AUSTEN. Ja wohl, das Grab hat eine läuternde Kraft; obwohl – es ist doch furchtbar,

furchtbar! Sie schüttelt sich.

»Das Grab ist tief und stille

Und schauderhaft sein Rand.«

Sie sieht suchend umher.

CLAUDINE. Sie suchen einen Stuhl; ich habe selbst keinen, sonst würde ich mir ein Vergnügen

daraus machen, ihn Ihnen anzubieten. Sie wirft einen strafenden Blick auf Ida, die erschrocken

auffährt.

FRAU VON AUSTEN sieht ängstlich umher. Es ist hier alles so zugepackt; sonst – dort sitzt ein

Herr, so breit wie ein chinesischer Mandarin. Da sie bemerkt, daß Ida ihren Stuhl aufhebt.

Nein, lassen Sie, lassen Sie, Kind! aber wenn Sie Ihr Plätzchen am Fenster einer alten Frau

abtreten wollen, das wäre allerdings sehr lobenswert – sehr außer der jetzigen Mode. Sie

rutscht zu Idas Stuhle. Ich sitze gern am Fenster; man kann da so allerlei Beobachtungen

machen à la Scarron. Sie setzt sich, Ida schlägt die Vorhänge mehr zurück, doch so, daß für

die dahinter Sitzende noch immer ein Ansehn von halbem Lauschen bleibt, und stellt sich

stickend an die gegenüberstehende Wand der Fensternische. Claudine ist indessen zu Willibald

an den Tisch getreten, hat ein Manuskript aus ihrem Strickbeutel gezogen, es Willibald

überreicht, und redet nun, während er es durchsieht, leise und angelegentlich zu ihm.

FRAU VON AUSTEN. Welch eine herrliche Aussicht! Der alte Vater Rhein mit seinen blauen Wogen

und grünen Berghäuptern! Und sechs – sieben – acht Schiffe, ich verstehe mich nur nicht auf

die Flaggen. Sie sieht neugierig heraus, dann Idas Hand fassend. Ja, warum ich eigentlich

gekommen bin; wissen Sie nicht, liebes Kind, ob der Papa gute vollständige Ausgaben von den

Dichtern hat, die man jetzt leider nirgends mehr antrifft? Ich meine von den guten ältern

Dichtern, Opitz, König, Gellert, Lessing. –

IDA. Lessing habe ich doch schon nennen gehört, aber –

FRAU VON AUSTEN. Die anderen nicht; nun dann werde ich sie auch wohl hier vergeblich suchen,

wie überall. Ich dachte, in einem so vollständigen Laden – indessen die Zeiten haben sich

geändert.

IDA. Ich will nachsehn, vielleicht doch. Sie steigt auf die Bücherleiter.

Frau von Austen sieht indessen neugierig nach Claudinen und Willibald hinüber.

CLAUDINE halblaut.

»Es flogen die Wolken, es wälzte der Nord

Durch der Burg hochwölbende Hallen sich fort –«

Ist das matt? Ist das Haut und Knochen?

WILLIBALD ebenso. Gewiß nicht! obgleich – »hochwölbende … –«

CLAUDINE rasch. Nein? Ist das nicht gut? Ist das nicht ein edles Bild?

WILLIBALD. Ich habe nichts dagegen, aber die Halle wird gewölbt, sie wölbt nicht.

CLAUDINE. Ei, freilich! der Himmel wölbt sich, die Grotte wölbt sich, – das liest man ja

hundertmal.

WILLIBALD. »Sich wölbende«, das ging an, aber »hochwölbende« –!

CLAUDINE ungeduldig. O, man muß auch etwas wagen. Jedermann versteht es und –

WILLIBALD fällt ein. Zu kühn!

CLAUDINE. Ich will aber kühn sein.

Willibald zuckt die Achseln.

FRAU VON AUSTEN. Kommen Sie, Kind, kommen Sie her! Sie finden es doch nicht.

IDA steigt von der Leiter. Es muß drüben in dem großen Laden sein.

FRAU VON AUSTEN kopfschüttelnd. Nein, es ist gar nicht da, ich wette. Ida stellt sich wieder

zu ihr. Aber den Klopstock haben Sie doch? das ist doch noch einer von den Neueren.

IDA. O ja, den Klopstock haben wir. Indessen – ich will versuchen, ob ich ihn finden kann; er

wird so selten verlangt.

FRAU VON AUSTEN hält sie an der Hand. Nein, bleiben Sie, bleiben Sie! Schwätzen Sie lieber ein

wenig mit mir; alte Leute sprechen gern. Ida lehnt sich wieder an die Mauer. Daß ich so lange

habe leben müssen, um das Schöne untergehn zu sehn! die himmlischen Gesänge an Cidli! und

Selmar! »Den Schmerz soll Selmar nicht fühlen, daß er sterbend mich sieht, Selmar, wie liebe

ich dich!« Sie sind doch jung, mein Kind; macht das gar keinen Eindruck auf Sie? Ida flüstert

verlegen etwas. O, Sie brauchen nicht rot zu werden; wenn Sie den Goethe lesen oder den

Gutzkow, den Ihnen der Papa aber hoffentlich nicht in die Hände geben wird, dann mögen Sie rot

werden.

IDA neugierig. Gutzkow?

FRAU VON AUSTEN. Aber so reine Gefühle veredeln die Seele.

WILLIBALD. Wie ist’s, Fräulein? Soll ich es streichen?

CLAUDINE. Nein, das müssen wir noch besser überlegen.

WILLIBALD. Nein, es ist ausgemacht; soll ich es streichen?

CLAUDINE mürrisch. Meinetwegen, aber dieses eine Mal und nie wieder.

WILLIBALD. Gut! Er tunkt die Feder ein und streicht.

FRAU VON AUSTEN. Wer ist der Herr, der mit Fräulein Briesen so bekannt scheint?

IDA. Der Dichter Willibald.

FRAU VON AUSTEN fixiert ihn. Ein hübscher Mann! wohl eine alte Freundschaft?

IDA. Nein, sie haben sich vor einer halben Stunde hier zum ersten Male getroffen.

FRAU VON AUSTEN. Das sollte man nicht meinen.

IDA. Fräulein Briesen ist sehr lebhaft.

FRAU VON AUSTEN gibt ihr einen Schlag mit dem Fächer. Spitzbube! Sie spricht leiser mit Ida

und sieht dabei immer nach den beiden andern hinüber.

CLAUDINE zu Willibald, der fortwährend streicht. Halt! halt! holla! Sie lassen ja nichts

stehn.

WILLIBALD. Ich merke mir nur einiges an, um mit Ihnen darüber zu reden. Er streicht immerfort.

CLAUDINE lebhaft. Aber nun auch eine ordentliche Rezension, sage ich Ihnen, eine Rezension aus

dem Salz und Pfeffer!

WILLIBALD. Glauben Sie mir, ich bin selbst sehr geneigt, mein Bestes zu tun an dem –

Schlingel.

CLAUDINE. Aber eine Rezension auf meine Gedichte!

WILLIBALD. Vorerst eine auf die seinigen, das andre findet sich.

CLAUDINE. Aber Sie sollen ihn nicht herunterreißen und mich dann neben ihm im Kote liegen

lassen; das stände mir schlecht an.

WILLIBALD sieht auf. Hören Sie, Fräulein, ich darf das nicht so unmittelbar nebeneinander

stellen; sehen Sie nicht, daß ich dann mein Ansehn von Unparteilichkeit verlieren würde?

CLAUDINE sehr schnell. Das haben Sie doch nicht; er hat Sie ja miserabel mitgenommen.

WILLIBALD räuspert. Ja – nun – so arg nicht.

CLAUDINE. Ungefähr wie mich, wir können uns die Hände reichen.

WILLIBALD räuspert. Jedenfalls ist es besser, wenn ich anonym schreibe, schon seiner Schwester

wegen, die meinen Vetter geheiratet hat.

CLAUDINE. Richtig! so reißen Sie ihn anonym herunter und mich rezensieren Sie dann mit Ihres

Namens Unterschrift.

WILLIBALD räuspert. Das pflege ich sonst nicht zu tun; mich dünkt, ein W. sei genug, da weiß

es doch ein jeder.

CLAUDINE heftig. Weiß es ein jeder? Weiß es keine Katze! Herr Jesus, das ist ja die Chiffre

des langweiligen Werning! Da will ich doch lieber –

WILLIBALD ihre beiden Hände fassend. Hören Sie! Hören Sie! Er spricht leise zu ihr.

FRAU VON AUSTEN zu Ida. Nicht wahr, Sie machen auch Ihre Bemerkungen?

IDA verstimmt. Ja, aber sie ennuyieren mich.

STIMME draußen. Hier? links? gut. Es wird angeklopft und dann rasch die Tür geöffnet.

Achte Szene

Die Vorigen. Sonderrath tritt herein, den Hut in der Hand; er streicht sich ungestüm durchs

Haar, sieht umher und nähert sich dann dem Tische.

SONDERRATH zu Willibald. Habe ich die Ehre, Herrn Speth zu sehn?

WILLIBALD trocken. Verzeihn Sie.

SONDERRATH. Oder einen seiner Kommis?

WILLIBALD. Auch nicht. Er steht auf, nimmt die Abendblätter und ordnet sie mit Hilfe der

Bücherleiter in das gehörige Fach; Claudine reicht sie ihm und redet leise dazwischen.

IDA sich nähernd. Wollen Sie gefälligst einen Augenblick verzeihen? Mein Vater wird

hoffentlich sogleich kommen.

SONDERRATH. Wie bald? wann meinen Sie wohl?

IDA zuckt die Achseln. Mich wundert, daß er nicht hier ist; er pflegt sonst um diese Zeit

nicht auszugehn.

Sonderrath zupft an seinem Schnurrbarte, fährt sich durchs Haar, sieht umher und gibt alle

Zeichen der höchsten Ungeduld. Ida zieht sich etwas pikiert zurück; die Austen betrachtet den

neuen Ankömmling neugierig.

CLAUDINE zu Willibald, halblaut. Aber wann dann?

WILLIBALD. Bald, nur nicht so unmittelbar.

CLAUDINE. Ich sehe schon, worauf das hinaus soll; aber ich will mein Recht, nichts mehr als

mein Recht.

SONDERRATH zu Ida gewendet. Wissen Sie nicht, wohin Herr Speth gegangen ist?

IDA. Ich weiß es nicht, aber um zwei kommt er jedenfalls zu Hause.

SONDERRATH zieht seine Uhr. Erst halb – erlauben Sie! Er legt seinen Hut auf einen

Bücherballen, rückt den Stuhl vom Tische zur Seite, setzt sich darauf, nimmt ein Lineal vom

Tische und balanciert es auf der Hand.

WILLIBALD hat die Blätter geordnet. Da liege, du Lork! und steh nicht wieder auf! Ich hoffe,

das Paket soll nicht um vieles dicker werden, wenn es nach meinem Sinne geht.

SONDERRATH läßt das Lineal fallen. Plautsch, da liegen wir. Er hebt es auf, etwas kleinlaut.

Es ist nicht zersprungen.

IDA. O, das wäre auch kein großer Schaden.

CLAUDINE halblaut zu Willibald. Gehn Sie! Sie können gut reden, ich kann nicht dagegen

aufkommen, und es steckt doch Falschheit drunter.

WILLIBALD. Fräulein, Sie sind die argwöhnischste Person von der Welt.

FRAU VON AUSTEN zu Ida. Was ist das?

IDA. Man sollte denken, eine Liebeserklärung, aber es wird wohl ihre Schreibereien angehn.

Sonderrath springt auf und zieht eine Klingel.

IDA zu Frau von Austen. Schauen Sie mal an! der meint, er sei in seinem Schlafzimmer. Ein

Diener kommt.

SONDERRATH. Wo ist denn eigentlich Herr Speth?

DIENER. Ich will nachsehn, –

SONDERRATH. Ist er denn zu Hause oder nicht?

DIENER. Ich will –

SONDERRATH. Aber wissen Sie es denn nicht?

DIENER verblüfft. Vor einem Weilchen war er in seinem Kabinette.

SONDERRATH verwundert. So! also zu Hause! ja dann gehn Sie schnell zu ihm, ich sei hier, und

zwar sehr eilig, er möge gefälligst sogleich kommen.

DIENER. Darf ich um Ihren wertesten Namen –

SONDERRATH. Ich, – ich – Ach, wie heiße ich denn? Sonderrath, und ich sei sehr eilig,

vergessen Sie das nicht. Diener geht; Willibald und Claudine wenden sich verwundert um; Frau

von Austen fängt an, auf ihrem Stuhle hin und her zu rutschen. Sonderrath steht auf und geht

einmal die Bühne auf und nieder; als er an Willibald kommt, tritt dieser vor.

WILLIBALD. Herr Sonderrath, verzeihen Sie einem Bruder in Apoll und den Musen – Sonderrath

bleibt stehn. daß er, in Ermanglung eines Wortführers, es wagt, sich selbst vorzustellen; ich

bin der Theofried Willibald.

SONDERRATH macht eine flüchtige Verbeugung. Ah!

WILLIBALD. Es ist eben niemand hier, der mir diese Gunst erweisen kann; so muß ich es machen

wie der Kuckuck und rufen meinen eignen Namen.

SONDERRATH zerstreut. Sie wohnen hier in der Stadt? Das habe ich nicht gewußt.

WILLIBALD. Allerdings; meine Werke erscheinen hier beim Herrn Speth; Selbstgefällig

umherschauend. ja, diese sind die vier Wände, wo sie zuerst das Licht der Welt anschreien. Da

Sonderrath nicht antwortet. Notabene, wo speisen Sie?

SONDERRATH. Ich weiß noch nicht; notabene, gibt es hier denn überall himmelblaue Schokolade?

WILLIBALD lachend. Wer hat Ihnen die vorgesetzt? Das ist ja eine Schande für unsere Stadt.

SONDERRATH. Der Mann im Monde.

WILLIBALD. Ach, der Mondwirt! das ist ja aber auch eine Kneipe; wie sind Sie denn dahin

geraten?

SONDERRATH. Mit Gott und meinem Schürgen, der immer vor mir hergerollt ist, wie eine

Billardkugel.

WILLIBALD. Das sind Schelme, die – Sonderrath wendet rasch den Kopf. Wünschen Sie etwas?

SONDERRATH. Mich dünkt, es ging jemand über den Flur.

WILLIBALD. Hier rennt’s den ganzen Tag wie in Lloyds Kaffeehause; Herr Speth hat ein enormes

Geschäft.

SONDERRATH. Wenigstens ein sehr solides.

WILLIBALD. Nun, solide muß ein Haus wohl sein, das sich durchaus nur mit dem

Ausgezeichnetesten befaßt.

SONDERRATH. Mich dünkt – Zu dem eintretenden Diener. wie ist’s? kommt er?

DIENER. Herr Speth sind in der Tat ausgegangen.

SONDERRATH heftig. Nun, dann werde ich aber auch ausgehn, und vielleicht nicht wiederkommen.

Er ergreift seinen Hut. Empfehlen Sie mich Herrn Speth, und – ich sei hier gewesen.

IDA sich nähernd. Herr Sonderrath, ich weiß, daß mein Vater Sie dringend zu sprechen wünscht;

dürfte ich Sie nicht bitten, sich noch ein geringes zu gedulden? Es kann nicht weit mehr von

zwei sein, dann kommt er unfehlbar zu Hause.

SONDERRATH. Fräulein – ich muß – ich fürchte das Dampfboot zu versäumen.

IDA. Stromauf?

SONDERRATH. Nein, stromab, nach Köln.

IDA. Das geht erst um sechs. Ich bitte, machen Sie mir nicht den Kummer, meinem Vater sagen zu

müssen, daß er Sie verfehlt hat. Wahrscheinlich ist er eben jetzt Ihretwegen an die

Schiffbrücke gegangen, da er Sie seit vier Wochen täglich erwartet.

SONDERRATH. Wirklich? Oh, das ist mir leid; der gute Herr Speth! Freilich, ich habe mal etwas

dergleichen geschrieben, aber – aufrichtig gesagt, Fräulein – ich bin zuweilen ein wenig

konfus in meinen Plänen. Nun, ich will warten.

Er legt den Hut wieder auf den Ballen; Frau von Austen hat sich indessen Claudinen genähert,

diese dem Willibald gewinkt, der nun mit beiden Damen zu Sonderrath tritt.

WILLIBALD halb ironisch. Herr Sonderrath, es ist heute ein Tag der Überraschung für Sie, ein

Tag albo notanda lapide; sehn Sie keine Lorbeeren an diesen beiden Stirnen?

SONDERRATH zerstreut lächelnd. Lorbeern?

WILLIBALD vorstellend. Frau Johanna von Austen, – Fräulein Claudine Briesen.

SONDERRATH verbeugt sich. Ah!

WILLIBALD. Oder um die Mauer der Anonymität zu brechen, Auf Frau von Austen deutend.

Verfasserin vieler geschätzten Poesien, unter dem schlichten Namen »Johanna«, und Auf

Claudinen deutend. »Des Echos im Felstale«.

SONDERRATH verblüfft. Ah, das »Echo im Felstale«!

CLAUDINE. Nicht wahr? Ein glücklich erfundener Titel – so etwas Träumerisches, Verhauchendes –

ich möchte wünschen, daß die Gedichte ihm entsprächen.

SONDERRATH zerstreut. Zweifeln Sie daran?

CLAUDINE lebhaft. So haben sie Ihren Beifall? O, wie freut mich das! Kindlich in die Hände

klatschend. O, nun bin ich geborgen, nun habe ich eine gute Stütze. Mit dem Finger drohend.

Warten Sie, auf Sie werde ich mich noch manches Mal berufen! Sehr schnell. Aber welches – das

ist doch eine unbescheidene Frage; sagen Sie uns lieber, wie lange bleiben Sie?

SONDERRATH. Hier? Ich warte auf Herrn Speth.

CLAUDINE. Tun Sie nicht so borniert! in unsrer Stadt, meine ich.

SONDERRATH. Nicht lange, bis das Kölner Dampfboot fährt.

CLAUDINE. Lassen Sie es fahren! es kommt ebensogut über Weg ohne Sie. Nein, fort kommen Sie

nicht, daran ist nicht zu denken. Wann kommt mal wieder ein solcher Kreis zusammen, das muß

besser ausgebeutet werden.

FRAU VON AUSTEN knicksend. Unmöglich, Sie wollen uns schon fliehn? Geduld! ich will Ordnung

machen; wir sehn alle aus, als wenn wir so davonlaufen wollten. Sie fängt an Stühle

abzupacken; zu Willibald. Helfen Sie mir!

Beide packen drei Stühle ab und stellen sie zu dem vierten, auf dem Sonderrath gesessen.

Sonderrath fährt zu und nimmt Claudinen einen Stuhl ab.

CLAUDINE. So! Hier, Herr Sonderrath – hier, Herr Willibald – und hier Frau von Austen und

meine kleine Person. Sie setzen sich.

SONDERRATH. Verzeihen Sie, wenn ich vorziehe zu stehn; ich habe mich steif und müde gesessen

im Schnellwagen.

CLAUDINE lebhaft. Gut, stehn Sie! stehn Sie! wie der Beklagte vor seinem Tribunal. Sie sollen

auch auf Leben und Tod angeklagt werden, erstlich auf den Vorsatz böslicher Flucht –

WILLIBALD. Aufruhr gegen die angeborne Fahne der Frauenmacht –

FRAU VON AUSTEN zuckend. Felonie wie Wallenstein –

WILLIBALD. Verleumdung des vielbedrängten Mannes im Monde –

CLAUDINE. Wissen Sie was? Sie springt rasch auf und tritt vor Sonderrath; alle drängen sich

dicht um ihn. Wir müssen doch überlegen, wie wir zusammensein können. Also – vorerst kommen

Sie morgen früh zu mir – doch nein – lieber diesen Abend; Herr Willibald kommt auch und Frau

von Austen; da sind wir ganz unter uns. In die Hände klatschend. O Gott, das wird köstlich

werden! himmlisch! die ganze Luft wie elektrisiert!

FRAU VON AUSTEN. Ein Verein wie Klopstock, Gieseke, Schmidt.

SONDERRATH. Sie überschütten mich mit Güte, aber bedenken Sie –

CLAUDINE einfallend. Ich bedenke nichts, ich will nichts hören!

SONDERRATH. Daß ich ohne Gnade fort muß.

CLAUDINE. Ich höre nichts.

SONDERRATH ungeduldig. Ich werde aber gehen mit dem Dampfboot.

CLAUDINE pikiert. Hm, warum nicht lieber mit dem andern, dem Studentenboot?

SONDERRATH gereizt. Meinetwegen! Aber – Studentenboot? Zu Willibald. Gibt’s ein Boot, auf dem

vorzugsweise Studenten fahren? keine Da …, keine andern Passagiere?

Claudine wendet sich beleidigt ab und lorgnettiert umher.

WILLIBALD. Das Fräulein spielen auf eine lustige Fahrt an, die ein Trupp flotter Gesellen,

zumeist Studenten, heute um halb drei antreten werden.

SONDERRATH aufmerksam. So?

WILLIBALD. Ha, das ist eine brillante Geschichte! Sie haben das neue Dampfboot Lätitia auf

vier Wochen dazu gemietet. Sonderrath stemmt den Arm in die Seite und nickt unternehmend. Bei

jedem berühmten Weinwachs wollen sie anhalten und dort, mit Reben bekränzt, unter Gesang und

Hörnerklang abends mit Fackeln – was weiß ich alles – an Ort und Stelle über das beste Gewächs

entscheiden.

SONDERRATH nickt. Das gefällt mir! das ist echt anakreontisch!

WILLIBALD. An jeder Station soll einer der Gesellschaft ein Weinlied vortragen, es heißt, ein

selbstgemachtes, – nun, die mehrsten haben sich’s eben machen lassen.

SONDERRATH. Kennen Sie einige aus der Gesellschaft?

WILLIBALD. Ein paar; Nachsinnend. den Kaufmann Werth aus Andernach, – den Referendar Klinger –

SONDERRATH rasch. Aus Elberfeld?

WILLIBALD. Jawohl! kennen Sie den?

SONDERRATH. Gott, mit dem habe ich in Bonn studiert! ein prächtiger Junge!

WILLIBALD. Dann den Auskultator Bernstedt –

SONDERRATH rasch. Aus Krefeld?

WILLIBALD. Kennen Sie den auch?

SONDERRATH immer sehr schnell. Mein Stubenbursche! mein guter langbeiniger Pylades! Trägt er

noch immer so sentimentale blonde Schmachtlocken?

WILLIBALD. Mich dünkt, ich habe ihn kurzschopfig gesehn.

SONDERRATH. Schade, schade! nun kann ich ihn also nicht mehr den weißen Pudel nennen;

jammerschade! Ei, ei, die beiden sind in der Stadt, Klinger und Bernstedt, und ich weiß es

nicht, und ziehen gerade ab, wie ich komme, das ist Pech. Rasch. Wie spät ist es? Er sieht

nach seiner Uhr.

EINE STIMME draußen. Wie? Herr Sonderrath hier? Die Tür wird schnell aufgemacht und herein

tritt Seybold.

Neunte Szene

Seybold. Die Vorigen.

SEYBOLD. Sonderrath!

SONDERRATH. Seybold, schwarzer Ibis, wo kommst du her! Er faßt ihn an den Schultern und

schüttelt ihn. Du alter Kerl!

SEYBOLD. Sachte, sachte! Du karessierst einem noch immer wie eine Schmiedezange; sag mir

lieber, wo kommst du her?

SONDERRATH. Ich? ja, da frag mich nicht; du weißt, ich lebe wie ein Schirrmeister, immer auf

dem Postwagen.

SEYBOLD. Das sei Gott geklagt! Notabene, ich war bei dir.

SONDERRATH. Davon habe ich nichts gemerkt.

SEYBOLD. Das heißt, ich war in Mülheim, du warst aber nicht dort.

SONDERRATH. Das wundert mich nicht; ich ziehe wieder seit vier Wochen à la bonne fortune

umher.

Seybold schüttelt den Kopf und sieht Sonderrath an, der komisch verlegen aussieht; Willibald

und Claudine haben sich indessen gleich nach Seybolds Eintritt mit einer leichten Verbeugung

entfernt.

FRAU VON AUSTEN bleibt noch einige Sekunden länger und rutscht hin und her; dann, indem sie

ihren Hut aufsetzt. Ja, Idachen, ich muß gehn; fragen Sie den Papa doch wegen des Bewußten.

Ida begleitet sie. Dieses muß alles während Seybolds und Sonderraths Begrüßung geschehn, – die

Worte der Austen, während Seybold den Sonderrath kopfschüttelnd ansieht.

Zehnte Szene

Sonderrath. Seybold.

SEYBOLD. Hör, Sonderrath, du bist doch ein unbeschreiblich leichtsinniger Mensch.

SONDERRATH. Hör, Seybold, das brauchst du mir nicht mehr zu sagen, das weiß ich längst

auswendig.

SEYBOLD. Der faulste Schlingel in ganz Deutschland! was wird denn nun aus deinen Reminiszenzen

vom Rhein?

SONDERRATH. O Gott! O Gott!

SEYBOLD. Ich habe praenumeriert, aber ich kann nicht spüren, daß ich für mein Geld etwas

bekäme.

SONDERRATH. Wenn du mich liebhast, so schweig mir still hiervon; es wird mir schwarz vor den

Augen, wenn ich nur daran denke.

SEYBOLD ernsthaft. Es ist schändlich, ich mag dich nicht gleich ausschelten, aber du

verdientest, daß ich dich heruntermachte wie einen Lumpen, du handelst unverantwortlich an dem

frommen Manne, dem Speth.

SONDERRATH. Ach, ich habe soviel anderes zu tun. Du meinst wohl, ich hätte Zeit genug; ich

habe gar keine Zeit.

SEYBOLD. Was hast du denn für Geschäfte? Die Weine probieren?

SONDERRATH hastig. Richtig! wie spät ist’s? Er sieht wieder nach der Uhr.

SEYBOLD. Gehn dir noch immer die Uhren nicht schnell genug? Ich wollte sie doch lieber gleich

voranstellen! – Aber ich frage, was hast du denn für Geschäfte?

SONDERRATH. Sieh, erstlich muß ich ungeheuer viele Briefe schreiben –

SEYBOLD. Von denen bekomme ich wenigstens keinen mit.

SONDERRATH schnell. Ja, ich bin dir auch nichts schuldig.

SEYBOLD lacht. Nur weiter!

SONDERRATH. Dann muß ich mir viele Bewegung machen, ich werde zu dick.

SEYBOLD. Schaff du dir eine unglückliche Liebe an, dann wirst du schon mager werden.

SONDERRATH ihn bei der Hand fassend. Ich kenne jetzt ein Mädchen! –

SEYBOLD. Ich weiß schon, deine Schwanenjungfrau.

SONDERRATH. Nein, die nicht.

SEYBOLD. Auch schon entthront? Deklamierend. »Eine Erscheinung, so großartig, rein und glühend

zugleich, wie die Stirn der Alpen, wenn das Abendrot den Schnee zu entzünden scheint« – o

Sonne! wo bist du geblieben!

SONDERRATH kleinlaut. Ach, an der habe ich mich eben auch getäuscht; denk dir, die hat einen

elenden, ledernen, gelben Grafen geheiratet, einen Kerl, wie einen Habicht, der schon zehn

Jahre am Scheuntore trocknet; Lebhaft. aber das Bärbchen, das ist quick wie Pulver; das

solltest du sehn, wenn es sonntags seine roten Zwickelstrümpfchen –

SEYBOLD einfallend. Gott verzeih’ mir, der Sonderrath ist ins Idyll geraten!

SONDERRATH. Nun, nun, die überbildeten Damen stehn mir doch auch ellenlang zum Halse hinaus.

SEYBOLD lachend. Frisch zu! Thyrsis und Daphne! Wenn in den roten Zwickelstrümpfchen auch ein

paar breite Gänselatschen stecken, das macht nichts.

SONDERRATH impertinent. Hm!

SEYBOLD. Nur frisch zu, ein Gedicht nach dem andern, eins auf ihr Spinnrädchen, eins auf ihr

Fürtüchelchen; die läßt du dann drucken und trinkst ein Gläschen Wein dafür.

SONDERRATH. Jude!

SEYBOLD. Bist du böse?

SONDERRATH unbehaglich. Ach nein, aber du hast eine Freude daran, mir alle meine Illusionen

tot zu schlagen. Kleinlaut. Woran soll man sich denn erfrischen? An der nüchternen

Wirklichkeit, das ist doch nicht möglich.

SEYBOLD lächelnd. Mitunter doch.

SONDERRATH. Unmöglich! nein, es ist nicht möglich; ich habe mein Bestes versucht. Jawohl,

glänzende seidne Locken! Bei der einen glänzen sie von Schmutz, bei der andern von Pomade, die

sie hineinschmiert – puh! Er schüttelt sich.

SEYBOLD spöttisch. Du bist mir ein schöner Liebhaber; wenn ich eine Dame wäre, ich ließe dich

durch den Bedienten zum Hause hinauswerfen.

SONDERRATH lachend. Meine Dame hat aber keinen Bedienten unter ihrem Kommando, Komisch. nur so

‘n kleines Hänschen in zerrissenen blauen Höschen, das dem Papa die Schweinchen mit der

Schwippe zusammenknallt.

SEYBOLD. Charmant!

SONDERRATH. Nun, laß es gut sein; wir wollen nicht mehr davon reden, oder du wirst mich noch

um alle Poesie schwätzen.

SEYBOLD. Dann wäre ich doch ein zweiter Herostrat! Zwar was an deiner Poesie bisher von Damen

ausgegangen ist –

SONDERRATH lebhaft einfallend. Ad vocem »Poesie von Damen ausgegangen«, du weißt noch gar

nicht, aus welcher elenden Lage du mich gerettet hast; denke dir um Gotteswillen, die

Blaustrümpfe hatten mich unter.

SEYBOLD. Wo?

SONDERRATH. Hier in diesem Zimmer; hast du sie nicht zur Tür hinaus rutschen gesehn?

SEYBOLD. Wann?

SONDERRATH. Eben wie du kamst, zwei Mann hoch. Eine mit so unternehmenden weißen Schwungfedern

auf dem Kopfe, so eine Blaßblaue, als wenn sie sieben Jahr im Mondschein auf der Bleiche

gelegen hätte; die Person hat mir doch zugesetzt, ich wußte meines Leibes keinen Rat. Heute

abend sollte ich zu ihr kommen und morgen früh himmelblaue Schokolade trinken. Seybold lacht.

Und wie ich fortgehn wollte, hat sie mir förmlich Gewalt angetan. Das ist ein Satan von einem

Weibe.

SEYBOLD. Wie heißt sie denn?

SONDERRATH. Ach, ich weiß nicht – Biesen – Birsen – Biestern –; sie hat auch irgendwas

zusammengeschmiert, irgendein Echo, –

SEYBOLD. Claudine Briesen! das Echo im Felstale! Hastig. War die da?

SONDERRATH. Das bin ich gewahr geworden!

SEYBOLD lachend. Ha, ha, ha! O Jesus, die war da! Hat sie mich gesehn?

SONDERRATH. Das mußte sie wohl, wenn sie nicht blind war.

SEYBOLD. Und wußte sie meinen Namen?

SONDERRATH. Ich glaube, ich habe dich genannt.

SEYBOLD. Ha, ha, ha! Ja, richtig; da habe ich dich gerettet, die ist vor mir gelaufen. Oh! das

Echo im Felstal! Er wirft sich vor Lachen auf einen Stuhl.

SONDERRATH. Und noch eine, so eine alte wacklichte Karkasse, die immer auf dem Stuhle hin und

herrutschte, als wenn sie auf einer siedenden Teemaschine säße. Die hatte aber blutwenig zu

Kaufe, sie räusperte und hustete genug, aber es half ihr zu nichts; sowie sie den Mund auftat,

hui! war die andre vor ihr her und riß ihr den Bissen von der Gabel. Seybold lacht. Und wer

hat sie mir auf den Hals gesetzt? Kennst du wohl den deutschen Eichenhain? Monsieur Willibald?

SEYBOLD hastig. Der war doch nicht auch hier?

SONDERRATH. Sicherlich! und tat so fidel, als wenn wir zusammen die Schweine gehütet hätten;

er ist aber auch abgefahren, mit seinen Damen zugleich, eben wie du kamst.

SEYBOLD lachend. O, das ist prächtig! Das ist mir zwei Louisdors wert! nur daß ich sie nicht

gesehn habe, das kränkt mich. Sich fassend und aufstehend. Aber ich möchte jetzt wohl selbst

nach der Uhr sehn; Herr Speth bleibt wirklich lange aus.

SONDERRATH. Was suchst du denn eigentlich bei ihm?

SEYBOLD räuspert verlegen. Ich bitte dich, wenn er kommt, sprich vernünftig mit ihm; du

bringst den Mann in großen Schaden.

SONDERRATH. Ach, hör! es ist mir selbst ganz fatal, aber – unmöglich! – bei so schönem Wetter,

wer kann da in der muffigen Stube sitzen und – –

SEYBOLD. So schreib im Freien! – Du bist doch ein kurioser Kerl, daß du zu deiner Begeistrung

durchaus schlechtes Wetter haben mußt.

SONDERRATH. Das nicht, verrückter Einfall! aber –

SEYBOLD. Nun, faß einen kräftigen Entschluß.

SONDERRATH mit halb verstecktem Humor. Ich war eben daran, einen Entschluß zu fassen, wie du

kamst.

SEYBOLD. Nun, dann frisch voran! pack ihn fest.

SONDERRATH nachdem er ihn einige Augenblicke mit unterdrücktem Lachen angesehn. Ich habe ihn

fest gepackt.

SEYBOLD. Das ist brav, aber nun führ ihn auch aus.

SONDERRATH. Ganz gewiß, ich will noch heute daran.

SEYBOLD. Dann will ich dich auch einmal loben.

SONDERRATH. Bemühe dich nicht und sage mir lieber, was du bei Speth suchst.

SEYBOLD. O nichts – Gedichte.

SONDERRATH. Du suchst Gedichte?

SEYBOLD. Nein – es ist wegen einer Herausgabe von Gedichten.

SONDERRATH. Wieder ein Bändchen schlechtes Zeug zusammengeschmiert?

SEYBOLD. Nein, von einer anderen Person, einer Frau von Thielen.

SONDERRATH. Und was geht dich die an?

SEYBOLD. Ich bin ihr sehr befreundet und habe ihr auch viele Verbindlichkeiten.

SONDERRATH ihm die Hand auf die Schulter legend, mit Nachdruck. Hör, dann tu ihr den Dienst

und mache die Sache rückgängig; sage ihr, du wärst bei Speth gewesen, er könnte nicht und so

weiter und so weiter –

SEYBOLD. Unmöglich! sie ist ja hier.

SONDERRATH rasch. Doch nicht mit dir gekommen?

SEYBOLD. I behüte! zwar – auf demselben Dampfboote – allerdings.

SONDERRATH die Hände zusammenschlagend und Seybold mit komischer Verwunderung anstarrend.

Seybold! Seybold! O Himmel! Seybold hat sich einen Blaustrumpf angeschnallt, eine literarische

Freundin!

SEYBOLD verlegen. Du kennst die Frau nicht.

SONDERRATH. O Gott, o Gott, ich kenne Blaustrümpfe genug! ich mag diesen nicht noch dazu

kennen.

SEYBOLD. Sonderrath, es ist eine Frau – eine Frau, wie du in deinem Leben noch keine gesehn

hast.

SONDERRATH. O weh, o weh!

SEYBOLD allmählich heftiger werdend. Eine Frau, sage ich dir, die mehr Talent hat als wir

beide zusammen genommen.

SONDERRATH. Jammer, Jammer! O Patroklos, bist du gefallen!

SEYBOLD. Du machst mich wirklich ungeduldig. –

SONDERRATH deklamierend. »Durch zehn Lustern im Mondenschein gebleicht!«

SEYBOLD heftig. Da kommst du recht! sie ist eine bildschöne Frau.

Sonderrath sieht ihn verdutzt an.

SEYBOLD. Eine Frau wie eine Juno, nur viel anmutiger – überaus anmutig.

SONDERRATH in ganz verändertem, halbleisem Tone. Seybold, du bist so verliebt wie ‘ne

Nachtigall.

SEYBOLD. Das ist nun mal wieder ein Einfall.

SONDERRATH im selben Tone. Seybold, du wirst so rot wie ein Krebs.

SEYBOLD schnell. Das ist nicht wahr.

SONDERRATH. Seybold, du wirst so stachlicht wie ein Igel, und das ist noch das schlimmste

Zeichen.

SEYBOLD verwirrt und heftig. Soll ich mich nicht ärgern, daß du deine trivialen Späße – eine

Frau, die so hoch in meiner Achtung steht –

Sonderrath geht die Bühne entlang und pfeift.

SEYBOLD. Was soll das?

SONDERRATH wendet sich halb um. Ist der Pantoffel von Samt oder von Rindleder?

SEYBOLD an sich haltend. Es ist mir nicht der Mühe wert –

SONDERRATH. Hat er einen spitzen Absatz?

SEYBOLD. Nun ist’s genug! Er geht zu Sonderrath und stellt sich vor ihn; sehr ernst. Hör,

Sonderrath, denk von mir, was du willst und nicht lassen kannst, aber wegen der Frau bescheide

dich, daß du sie nicht kennst, und daß mir ihre Ehre viel höher steht als meine eigne. Vergiß

das nicht – du hast ein loses Maul.

SONDERRATH verdutzt. Teufel auch! Er reicht ihm die Hand. Du weißt wohl, daß ich dich nicht

verletzen wollte.

SEYBOLD faßt sie herzlich. Von mir ist hier nicht die Rede.

Elfte Szene

Die Vorigen. Herr Speth tritt keuchend und glührot herein, Ida mit ihm und setzt sich mit

ihrer Stickerei an ihren frühern Platz, nachdem sie die Vorhänge völlig zurückgeschlagen.

SPETH nachdem er Seybold flüchtig gegrüßt, zu Sonderrath gewendet. Gottlob, daß Sie da sind!

Und Herr Seybold auch? Schön, schön! Zu Sonderrath. Und Sie sind eilig? Ich hoffe, das wird

doch nicht so arg sein.

SONDERRATH. Ich bin schon seit einer halben Stunde hier, Herr Speth.

SPETH. Wirklich? das ist mir leid, das ist mir leid! ei ei! Nun, Sie haben mich auch hübsch

warten lassen; setzen Sie sich! Er will einen Stuhl rücken und stolpert über die Ballen. Wer

Henker hat denn hier so wunderlich aufgeräumt?

IDA kommt und räumt die Ballen weg. Fräulein Briesen. Sie zieht sich wieder in die

Fensternische zurück.

SPETH. Recht so, Fräulein Briesen! Er hat die Stühle gerückt. Setzen wir uns!

SEYBOLD. Sie sind ja ganz außer Atem, Herr Speth?

SPETH. Ich bin so gelaufen, ich bin so gelaufen! meine Frau hat mir den Bedienten

nachgeschickt. Apropos, Sie speisen doch bei mir?

SEYBOLD. Ich kann nicht, ich bin anderwärts versagt.

SONDERRATH. Ich auch nicht, ich muß sogleich fort.

SPETH. Nun, dann wollen wir es auf den Abend setzen.

SONDERRATH. Dann bin ich längst über die Berge.

SPETH. Was? Sie wollen ganz fort?

SONDERRATH. Mit dem Dampfboote.

SPETH. Unmöglich! das ist nicht möglich! wir haben ja noch Tausenderlei miteinander zu

bereden.

SONDERRATH. Herr Speth, dann muß ich bitten, daß Sie keine Zeit verlieren; denn ich muß, auf

Ehre, sogleich fort.

SPETH. Nun dann, wenn’s nicht anders ist, zur Sache. Sie setzen sich, außer Seybold, der am

Tische stehn bleibt und in den darauf liegenden Journalen blättert. Haben Sie nun das

Manuskript bei sich?

SONDERRATH. Was meinen Sie?

SPETH. Ich meine, ob Sie das Manuskript mitgebracht haben?

SONDERRATH kleinlaut. Das zwar nicht –

SPETH faltet die Hände und läßt sie sinken. Um Gottes willen!

SONDERRATH schnell. Aber ein ganzes Paket Gedichte, von einem guten Freunde.

SPETH entrüstet. Herr, was geht mich Ihr guter Freund an? ich will meine Reminiszenzen vom

Rhein drucken lassen.

SONDERRATH erfreut. Ach, Sie haben sich selbst daran gemacht! Gottlob! da sinkt mir ein Stein

vom Herzen!

SPETH. Herr, was fällt Ihnen ein? Bin ich ein Schriftsteller? Ihre Reminiszenzen will ich; die

nenne ich die meinigen, weil sie längst mir gehören.

SONDERRATH. Herr Speth, Sie haben vollkommen recht; aber es nutzt Ihnen zu nichts, ich habe

sie nun mal nicht vorrätig.

SPETH. Wo sind sie denn?

SONDERRATH stockend. In der Feder.

SPETH. Alle?

SONDERRATH. Alle.

SPETH. Nicht ein einziges Heft fertig?

Sonderrath schüttelt den Kopf.

SPETH. Nein, das ist zu arg! das ist ärger, wie ich’s mir habe vorstellen können!

SONDERRATH. Herr Speth, ich will sagen, wie der Knecht im Evangelio: »Herr, habe Geduld mit

mir, und ich will dir alles bezahlen.«

SPETH. Geduld? Ich habe Geduld gehabt, wie ein Mülleresel, zwei Jahre lang. Nehmen Sie’s mir

nicht übel, Herr Sonderrath, aber Sie handeln unverantwortlich an mir.

Sonderrath räuspert verlegen.

SPETH. Ich muß mich schämen wie ein begossener Hund, wenn mir einer der Praenumeranten auf der

Straße begegnet; nicht einmal ins Kasino kann ich kommen, die Leute ziehen mich ordentlich auf

mit Ihnen. Bin ich schuld? Bin ich es?

SONDERRATH. Sie sollen nächstens befriedigt werden, ganz gewiß.

SPETH. Jawohl: »Die Reben blühn und alles liebt und paart sich« –

Sonderrath lacht.

SPETH. In aller Welt, sind das Gründe und Redensarten für einen gesetzten Mann, der einen

Schnurrbart trägt wie ein Husar?

Sonderrath zupft lachend an seinem Schnurrbarte.

SPETH. Wahrhaftig, Herr Sonderrath, man kommt in Versuchung, mit Ihnen zu reden wie mit einem

Kinde. Ich bin gewiß nicht der Mann, der jemanden gern etwas Unangenehmes sagt –

SONDERRATH gutmütig. Nein, der sind Sie nicht.

SPETH. Aber bedenken Sie, daß ich mein Brot sauer verdienen muß; ich bin zuweilen so herunter,

daß ich vor Müdigkeit nicht einmal essen mag. Er wischt sich die Stirn.

SONDERRATH. Sie dauern mich wirklich.

SPETH. Nun, wenn ich Sie dauere, so bringen Sie mich wenigstens nicht um meine paar Groschen.

Fünftausend Taler perdu, das ist kein Spaß.

SONDERRATH. Fünftausend Taler? Betreten. Unmöglich!

SPETH. Leider möglich genug! Ihm ein Papier reichend. Da haben Sie die Berechnung.

Sonderrath sieht gedankenlos hinein.

SPETH halb lachend. Ist es nicht betrübt, daß ein Mann wie Sie, ein gekröntes, belorbeertes

Haupt, vor einem ordinären Buchhändler da sitzen muß wie Butter an der Sonne?

Sonderrath sieht zu Seybold hinüber.

SEYBOLD. Ja, hilf dir selbst! Du hast es reichlich verdient, ich würde dich noch ganz anders

herunterreißen.

SONDERRATH. Herr Speth, ich habe es schon einmal gesagt, mea culpa! aber Sie müssen Nachsicht

mit einer Poetennatur haben; die hat nun einmal etwas vom Irrwische an sich.

SPETH halb besänftigt. Mich dünkt, ich habe Nachsicht genug gehabt zwei Jahre lang.

SONDERRATH. Sehn Sie, jetzt nehme ich mir’s fest vor, in diesem Augenblicke; Sie sollen ganz

nächstens befriedigt werden.

SPETH. Wann?

SONDERRATH nachsinnend. In – Rasch. in vierzehn Tagen; das heißt dann erscheint das erste

Heft, und so die andern, in billigen Zwischenräumen.

SPETH. Es kommt darauf an, was Sie billige Zwischenräume nennen; jeden Monat wenigstens muß

ein Heft erscheinen können.

SONDERRATH rasch. O, das geht auch ganz gut an; Gott, so einen Wisch schreibe ich in drei

Tagen.

SPETH halb lachend. Desto schlimmer, daß Sie in zwei Jahren nicht haben damit fertig werden

können.

SONDERRATH. Sie sollen sehn, Sie sollen sehn, ich werde meinen guten Ruf glänzend – Man hört

hinter der Szene läuten. Was bedeutet das?

SPETH. Das Dampfboot fährt ab.

SONDERRATH hastig. Auf der Stelle?

SPETH. Nein, in zehn Minuten.

SONDERRATH. Gott im Himmel! Er greift nach seinem Hute. Addio – Seybold, komm nach Mülheim!

Herr Speth, ich schreibe Ihnen.

IDA. Es ist ja gar nicht Ihr Dampfboot, es ist das andre, das Studentenboot.

SEYBOLD ihn am Arme haltend. So renne doch nicht gleich wieder wie ein Postpferd; deins fährt

ja erst um sechs.

SONDERRATH. Ich weiß, ich weiß; aber ich muß doch fort; laß mich! Er sucht sich loszumachen.

SEYBOLD. Wohin denn?

SONDERRATH. O Jesus – laß mich! Hörst du?

SPETH. Sehe ich Sie noch?

SONDERRATH. Vielleicht – es kann wohl sein – Er hat sich losgemacht.

SPETH. Nein, versprechen Sie mir, daß ich Sie noch sehn soll.

SONDERRATH lachend. Wenn Sie selbst wollen; es wird ganz von Ihnen abhängen.

SPETH. Wieso?

SONDERRATH. Fragen Sie Seybold; der ist mein anderes Ich, der weiß alles, addio! Er geht

hastig ab.

Zwölfte Szene

Speth, Seybold, Ida am Fenster, stickend.

SPETH steht auf und wendet sich zu Seybold. Nun?

SEYBOLD zuckt die Achseln. Ich weiß nichts.

SPETH. Aber er sagte ja –

SEYBOLD verdrießlich. Er ist ein Windbeutel.

SPETH seufzend. Gott, er hält mir gewiß nicht Wort! Was meinen Sie, wird er Wort halten?

SEYBOLD. Oh, ich hoffe es.

SPETH. Sie scheinen mir sehr im Zweifel.

SEYBOLD. Doch eigentlich nicht; Sonderrath ist, wie gesagt, ein bißchen sehr, sehr

leichtsinnig, – nun, dafür ist er ein Genie, – aber eine grundehrliche Haut.

SPETH beklemmt. Ich kenne das: »der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach«; mit solchen

läuft man aber oft gerade am schlimmsten an.

SEYBOLD. Nein, nein – Sie sollen sehn, die fünftausend Taler brennen ihm jetzt auf der Seele,

bis er sie heruntergeschrieben hat; wenigstens hoffe ich das.

SPETH. Sie sind Ihrer Sache keineswegs gewiß.

SEYBOLD. Lieber Herr Speth, ich bin keiner Sache ganz gewiß, außer daß der Himmel heute nicht

einfallen wird.

SPETH ängstlich. Es wäre doch ein perfider Streich! Bedenken Sie, fünftausend Taler; ich will

Ihnen die Berechnung machen. Erstlich für die Stahlstiche –

SEYBOLD. Tun Sie das nicht, Herr Speth; es ist mir nur verdrießlich anzuhören und ärgert Sie

selber.

SPETH. Oh, es ärgert mich alle Tage.

SEYBOLD nachdenkend. Dieses Mal hoffe ich – ja ich hoffe Ihnen doch für Sonderrath stehn zu

können; Rascher. denn ich will selbst mein Bestes dazu tun.

SPETH. Haben Sie sich denn schon in dem Fache versucht?

SEYBOLD. Das nicht, so meine ich es nicht; aber ich will direkt von hier nach Mülheim, und

dann werde ich doch sehn, ob er mir schreiben soll. Wenn’s nicht anders ist, sperre ich ihn in

seine eigne Stube ein.

SPETH. Das wär’ gewiß sehr gütig von Ihnen. Kleine Pause.

SEYBOLD. Ja, ich will sehn, was zu machen ist. Und nun zu unserm Geschäft! Sie haben doch

meine letzte Sendung erhalten?

SPETH. Jawohl – freilich, – die Gedichte von der Dame –

SEYBOLD. Es ist mir sehr daran gelegen, daß die Herausgabe keine Schwierigkeiten findet! Ich

habe der Frau von Thielen manche Verbindlichkeit, und sie hat sich schwer zur Veröffentlichung

entschlossen.

SPETH beklemmt. Ja, Herr Seybold, da hätten Sie vielleicht besser getan, ihr den Willen zu

lassen.

SEYBOLD erstaunt. Wie?

SPETH. Gedichte sind jetzt ein schlimmer Artikel, und vollends Frauenzimmer-Gedichte. Sehn

Sie, Er zeigt auf das Paket. eine ganze Legion Krebse: »Das Echo im Felstale« von Claudine

Briesen.

SEYBOLD empört. Das ist ja aber auch eine Närrin, ohne das geringste Talent.

SPETH. Sagen Sie das nicht; es klingt und schäumt doch mitunter recht gut. Kleine Pause.

SEYBOLD. Haben Sie etwas von der Frau von Thielen gelesen?

SPETH seufzt. Konfus, konfus!

SEYBOLD erstaunt. Ist’s möglich, daß ein Mann wie Sie, der den ganzen Tag sich mit der

Literatur beschäftigt, das Talent so verkennen kann? Diese Originalität! Diese genialen

Bilder! Diese –

SPETH bedenklich. Mein lieber Herr Seybold, was ich denke, darauf kommt es gar nicht an,

sondern lediglich aufs Publikum.

SEYBOLD wegwerfend. Was nennen Sie Publikum?

SPETH gelassen. Was mir die Bücher abkauft und bezahlt. Pause.

SEYBOLD. Glauben Sie, das Unternehmen werde sich nicht rentieren?

SPETH. Ich fürchte.

SEYBOLD nach augenblicklichem Nachdenken. Nein, so etwas Bedeutendes wird durchdringen, muß

durchdringen.

SPETH. Nach meinem Tode vielleicht, das glaube ich selbst.

Seybold schweigt verstimmt.

SPETH. Sehn Sie, ich spreche der Frau einiges Talent gar nicht ab –

SEYBOLD verbeugt sich. Das danke Ihnen der Kuckuck!

SPETH. Ein bedeutendes Talent, wenn Sie wollen; aber es scheint ihr auch so gar nichts daran

gelegen, ob sie verstanden wird oder nicht. Mit ein paar Worten, mit einer Zeile könnte sie

zuweilen das Ganze klar machen, und sie tut’s nicht.

Seybold schweigt.

SPETH. Ist’s nicht so?

SEYBOLD. Das habe ich ihr auch schon gesagt.

SPETH. Und sie tut’s doch nicht! Was ist das? Eigensinn? Ich wette, die Frau ist reich und in

glänzenden aristokratischen Verhältnissen.

SEYBOLD. Das haben Sie getroffen.

SPETH. Sehn Sie? Sehn Sie? Die schreibt für ihre Kaste, und wenn wir andern es nicht lesen

wollen, so können wir es lassen. Aber damit ist mir nicht geholfen. Kleine Pause. Wenn sie es

will auf eigne Kosten drucken lassen –

SEYBOLD schnell. Das geht nicht, das ist schimpflich.

SPETH. Oder wenn sie sich zu einer Umarbeitung herbeiließe –

SEYBOLD. O Jesus! Damit darf ich ihr gar nicht kommen.

SPETH. Ja, was ist dann zu machen!

EIN DIENER kommt. Draußen ist eine Dame, mit einem Bedienten, die nach Herrn Seybold fragt.

SEYBOLD hastig. Gott, das ist sie! Herr Speth, ich bitte, nehmen Sie die Gedichte, wie sie

sind; ich will es Ihnen auf irgendeine Weise kompensieren.

SPETH. Ich will es mir überlegen.

SEYBOLD. Nein, Sie müssen sich auf der Stelle entschließen. Was wollen Sie? Gedichte?

Rezensionen?

SPETH. Nun denn, Rezensionen.

SEYBOLD. Wie viele?

SPETH. Vierzig.

SEYBOLD. Das ist enorm. Es wird angepocht. Nun ja; in Gottes Namen! aber halten Sie Wort!

Dreizehnte Szene

Die Vorigen; Anna von Thielen eine große schöne Frau, von sehr vornehmen Anstande, sie ist

einfach, aber reich gekleidet.

SPETH vor sich. Da mache ich doch noch heute ein gutes Geschäftchen.

FRAU VON THIELEN bleibt in der offenen Türe stehen. Herr Seybold, sind Sie fertig?

SEYBOLD. Ja, meine gnädige Frau. Greift nach seinem Hute.

FRAU VON THIELEN heftet ihre Augen auf ein hochstehendes Buch. Herr Seybold, Sie sehen

schärfer als ich; stehn dort die Schriften der Jane Baillie?

SPETH vortretend. Jawohl, meine gnädige Frau, zu Ihrem Befehle. Er steigt auf die Bücherleiter

und reicht sie ihr. Zwei Bände.

FRAU VON THIELEN. Wie teuer?

SPETH. Drei Taler.

Frau von Thielen nimmt von dem hinter ihr stehenden Livreebedienten ein zierliches Körbchen,

langt ihre Börse hervor und legt das Geld auf den Tisch.

SPETH das Geld erfassend. Eine ausgezeichnete Schriftstellerin!

FRAU VON THIELEN. Jawohl.

SPETH. Es wundert mich nicht, daß Ihro Gnaden von einem Ihnen so ähnlichen Geiste angesprochen

werden.

Frau von Thielen sieht ihn befremdet an.

SPETH. Herr Seybold hat mir die angenehme Aussicht gegeben, Ihre Gedichte verlegen zu dürfen –

SEYBOLD unruhig. Das ist ja nun abgemacht, Herr Speth.

SPETH. Jawohl, allerdings, und ich freue mich der Ehre –

Frau von Thielen nickt mit dem Kopfe und lächelt höflich.

SPETH. Ich hätte freilich gern noch einiges mit Ihnen beredet –

FRAU VON THIELEN unbehaglich. Ich dachte, Herr Seybold habe Ihnen alles Nötige mitgeteilt.

SPETH. Allerdings – alles nach Wunsch – die Poesien sind großartig, lebendig, genial –

Frau von Thielen sieht Seybold an.

SEYBOLD. Herr Speth!

SPETH fortfahrend. Einige kleine Abänderungen, gleichsam Erläuterungen, wären mir wohl

wünschenswert gewesen; Schneller. doch es ist auch so vortrefflich, überaus –

FRAU VON THIELEN. Haben Sie das Herrn Seybold gesagt?

SPETH verwirrt werdend. O nein, nicht im geringsten! Ich dachte nur, wenn Sie mir in Zukunft

die Ehre gönnen wollten –

FRAU VON THIELEN. Sie fürchten, daß das Buch keinen Absatz finden wird?

SPETH. Doch nicht, nein!

FRAU VON THIELEN. Sie fürchten Schaden bei dem Unternehmen?

SPETH ganz verwirrt. Oh, der könnte doch nur gering sein; es ist ja nur ein kleines Bändchen,

gleichsam eine Bagatelle –

FRAU VON THIELEN feuerrot. Darauf darf ich es doch nicht ankommen lassen. Herr Seybold, wollen

Sie die Güte haben, sich das Manuskript wieder auszubitten?

SPETH erschrocken. Gnädige Frau, bitte sehr! Ich bin ja ganz bereit, ganz bereit –

FRAU VON THIELEN sieht über den Tisch hin und nimmt das vor ihr liegende Manuskript. Sie sind

sehr gütig, aber Güte soll man nicht mißbrauchen. Freundlich. Guten Morgen! Sie reicht

Körbchen und Manuskript dem in der Tür stehenden Bedienten und geht ab mit Seybold, der

Spethen einen wütenden Blick zuwirft.

Vierzehnte und letzte Szene

Speth, Ida am Fenster.

SPETH nachdem er ihnen eine Weile wie versteinert nachgesehn. Das muß ich gestehn, da fällt

mir doch die Butter vom Brode. Hochmütige Kreatur! behalt deine Gedichte und lies sie dir

selber vor; dann hast du ein Publikum, das dich anbetet. Ich meine wunder wie gut ich meine

Sachen mache, und nun geht’s mir so? Nachäffend, doch vor allem nicht karikiert. »Guten

Morgen!« – Und der Seybold hätte mich auch lieber lebendig gespießt mit seinen Augen. Ich habe

mich doch wahrhaftig vor Höflichkeit zusammengeschlagen wie ein Taschenmesser, es ärgert mich

noch hintennach. Er setzt sich an den Tisch. Schöne Geschäfte heute! Die Rezensionen, da bin

ich nun mal drum; wenn er mir nur nicht für die Zukunft ganz rappelköpfisch wird; mich dünkt,

er ist bis über die Ohren verliebt in die stolze Pagelune. Nachsinnend. Hm, was frag’ ich nach

ihren Gedichten! Die kann sie ihrer Kammerjungfer vorlesen; aber die Rezensionen, die

Rezensionen! Seufzend. Speth! Speth! Das ist ein Schnitt vom Brode. Er tunkt eine Feder ein;

Läuten hinter der Szene.

IDA hastig. Vater, Vater! Das Dampfboot fährt ab!

SPETH. Meinetwegen! Er rechnet. Sechs und fünf macht elf –

IDA. Alles voll Festons, oben und unten! und drei Flaggen, blau, weiß und rot! Lautes Hurra,

noch ziemlich entfernt.

SPETH. Schreit euch den Hals wund, ihr Narren! – Und sechzehn macht siebenundzwanzig Marsch

von Blasinstrumenten. – und sechs macht dreißig, nein, dreiunddreißig – man kann nicht mal

mehr addieren vor dem Gedudel da draußen.

IDA. Hu! Welch eine Menge von jungen Leuten, sie stehen alle auf dem Verdeck, Kopf an Kopf,

und alle mit Rebenlaub bekränzt.

SPETH. Gut, daß sie stehn, so lange sie noch können, – und sieben macht vierzig. Er rechnet

leise weiter und läßt dann die Feder sinken. Hundertundzwanzig Louisdor Schaden – O weh, o

weh! Nun, wenn mir nur der Sonderrath Stich hält, wenn mir nur die Reminiszenzen nicht

echappieren! Fünftausend Taler perdu, das wäre noch ein anderes Leiden.

IDA. Da zieht einer von den jungen Leuten dem andern den Kranz vom Kopfe und steckt ihn an die

weiße Flagge. Hastig. Gott, Vater, das ist Herr Sonderrath!

SPETH. Um Gottes willen, nein! Er läuft ans Fenster. Wo ist meine Brille? Ida, meine Brille!

IDA hastig deutend. Sieh Vater, der, der! der sich eben das Glas Wein einschenkt!

SPETH. Der ist ja blau, und – Sonderrath war grün –

IDA. Er hat den Mantel umgeschlagen –

SPETH keuchend. Meine Brille! Geschwind, meine Brille! gleich sind sie hier unter dem Fenster.

Ida greift die Brille vom Tische. Speth setzt sie hastig auf. Marsch und zweites Hurra ganz

nah.

IDA. Sieh, sieh! er hebt das Glas auf – er nickt uns zu –

SPETH nimmt die Brille ab und läßt die Hände sinken. Perdu!

Der Vorhang sinkt, während des Marsches.

Annette von Droste-Hülshoff – Ledwina

Annette von Droste-Hülshoff

Ledwina

Der Strom zog still seinen Weg und konnte keine der Blumen und Zweige auf seinem Spiegel

mitnehmen; nur eine Gestalt, wie die einer jungen Silberlinde, schwamm langsam seine Fluten

hinauf. Es war das schöne bleiche Bild Ledwinens, die von einem weiten Spaziergange an seinen

Ufern heimkehrte. Wenn sie zuweilen halb ermüdet, halb sinkend still stand, dann konnte er

keine Strahlen stehlen, auch keine hellen oder milderen Farbenspiele von ihrer jungen Gestalt,

denn sie war so farblos wie eine Schneeblume, und selbst ihre lieben Augen waren wie ein paar

verblichne Vergißmeinnicht, denen nur Treue geblieben, aber kein Glanz.

»Müde, müde«, sagte sie leise und ließ sich langsam nieder in das hohe, frischgrüne Ufergras,

daß es sie nun umstand, wie die grüne Einfassung ein Lilienbeet. Eine angenehme Frische zog

durch alle ihre Glieder, daß sie die Augen vor Lust schloß, als ein krampfhafter Schmerz sie

auftrieb. Im Nu stand sie aufrecht, die eine Hand fest auf die kranke Brust gepreßt, und

schüttelte unwillig ob sich das blonde Haupt, wandte sich rasch wie zum Fortgehn und kehrte

dann fast wie trotzend zurück; sie trat dicht an das Ufer und schaute anfangs hell, dann

träumend in den Strom.

Ein großer, aus dem Flusse ragender Stein sprühte bunte Tropfen um sich, und die Wellchen

strömten und brachen sich so zierlich, daß das Wasser hier wie mit einem Netze überzogen

schien und die Blätter der am Ufer neigenden Zweige im Spiegel wie grüne Schmetterlinge

davonflatterten. Ledwinens Augen aber ruhten aus auf ihrer eignen Gestalt, wie die Locken von

ihrem Haupte fielen und forttrieben, ihr Gewand zerriß und die weißen Finger sich ablösten und

verschwammen, und wie der Krampf wieder sich leise zu lösen begann, da wurde es ihr, als ob

sie wie tot sei und wie die Verwesung lösend durch ihre Glieder fresse und jedes Element das

Seinige mit sich fortreiße.

»Dummes Zeug!« sagte sie, sich schnell besinnend, und bog mit einem scharfen Zug in den milden

Mienen auf die dicht am Flusse hinlaufende Heerstraße, indem sie das Auge durch das weite,

leere Feld nach heitern Gegenständen aussandte. Ein wiederholtes Pfeifen vom Strome her blieb

ihr unbemerkt, und als daher bald darauf ein großer schwarzer Hund mit vorgestrecktem Kopfe

quer über den Anger grade auf sie einrannte, flüchtete sie, von einem Schrecken ergriffen, mit

einem Schrei auf den Strom zu und, da das Tier ihr auf der Ferse folgte, mit ebnen Füßen

hinein. »Pst, Sultan!« rief es neben ihr, und zugleich fühlte sie sich von zwei unzarten

Händen gefaßt und ans Ufer gesetzt. Sie wandte sich noch ganz betäubt und verschreckt um. Vor

ihr stand ein großer vierschrötiger Mann, den sie an einem Hammel, der ihm wie ein Palatin um

den Hals hing, als einen Fleischer erkannte. Beide betrachteten sich eine Weile, indem das

Gesicht des Mannes in die offenbarste, mit Verdruß gemischte Ironie überging.

»Was springt Sie denn so?« stieß er endlich heraus.

»Ach Gott«, sagte Ledwina ganz beschämt, »ich dachte, das Tier wäre toll.«

»Wer? mein Hund?« sagte der Kerl beleidigt, »der ist ja nicht mal bös, der hat niemals keinen

gebissen.«

Ledwina sah auf den Hund, der nun ganz verständig wie ein Sphinx neben seinem Herrn saß und

zuhörte.

»Ist Sie nun recht naß?« fing der Fleischer an.

»Nicht sehr«, erwiderte Ledwina, indes der Mann mit seinem Stabe die Tiefe des Wassers neben

dem großen Steine maß, auf den Ledwina bei ihrer Wasserreise geraten. »Aber ganz miserabel ist

Ihr, das sehe ich wohl«, sagte er dann, »ich will nur sehen, daß ich Sie in das Haus dort

bringe.«

In der Tat hatte Ledwina seines Beistandes sehr nötig, und sie erreichte nur mühsam das etwa

hundert Schritte vom Flusse entlegene Bauernhaus, indes ihr Führer sie beständig von den

Kennzeichen der tollen Hunde unterhielt.

Die alte Bäurin schob schnell ihren Rocken zurück, als Ledwina mit den Worten: »Macht Feuer,

Lisbeth, ich habe mich erkältet und erschreckt« in die Tür trat. Der Fleischer hob sogleich

die Geschichte des Abenteuers an.

»Macht Feuer!« wiederholte Ledwina, »ich habe mir im Sandloche nasse Füße geholt.«

Der Retter wollte die Sache mit der Mamsell gefährlicher machen.

»Es ist unser gnädiges Fräulein«, sagte die Alte beruhigt, legte Holz zum Feuer, stellte einen

Stuhl daneben, rückte ein Kissen darauf zurecht und ging, um in dem Keller ein Glas frischer

Milch zu holen.

Der Fleischer, in seiner besten Rede verlassen, rief ihr verdrießlich nach: »Einen Schnaps,

Wirtin!« – »Wir verschenken keinen Schnaps«, sagte die Frau in der Kellertür; »ein Glas Milch

könnt Ihr für einmal umsonst kriegen.«

»Mamsell«, hub der Fleischer von neuem an, »ich sage aber, sie hätte wohl vertrinken können.«

Ledwina mußte doch lächeln. »Wenn ich mich auf den Mund gelegt hätte«, antwortete sie vor sich

hin und suchte in ihrem Körbchen nach der Börse. »Sie ist auch nicht besonders bei Kräften«,

erwiderte er, und über Ledwinens Gesicht flog ein bittrer Zug, indem sie ihm ein Trinkgeld

reichte.

»Gott bewahre«, erhub er seine Stimme, »einem Menschen das Leben retten, das ist nicht zu

bezahlen«, wobei er beinah tat, als wollte er das Dargebotene etwas weniges abwehren. »Ihr

habt mich ja auch hieher geleitet«, sprach Ledwina fast verdrießlich. »Ja, wenn Sie das

meint«, sagte der Retter und faßte geschwind zu, denn da Ledwina sich nach ihrem Körbchen

neigte, meinte er, sie gedächte das Gebotne wieder einzustecken.

Die Bäurin brachte die Milch. Der Fleischer brummte: »Wenn es noch ein gut Glas Bier wäre.« Er

nahm jedoch vorlieb, sprach gegen die Wirtin noch allerhand von bezahlen und gut bezahlen

können und zog endlich ab.

»So geht es oft den ganzen Tag«, sprach die Bäurin zu Ledwina, der es ganz behaglich am Feuer

wurde, »wenn wir allerhand Leute im Hause leiden wollten, der Zulauf wäre groß genug für das

beste Wirtshaus. Die Leute denken: Geld regiert die Welt. Unser Klemens muß oft des Nachts aus

dem Bette und führen die Reisenden beim Grafenloche vorbei. Das ist ihm auch nicht zu gut,

aber man mag die Leute doch nicht so ins Wasser stürzen lassen.« – »Jawohl«, sagte Ledwina,

schon halb im Schlummer. »Die gnädige Fräulein ist schläfrig«, sprach die Alte lächelnd, »ich

will noch ein Küssen holen.« – »Bewahre«, rief Ledwina schnell, aus ihrem Stuhle auffahrend,

aber schon war die alte Lisbeth wieder da mit zwei Küssen, deren eines sie auf den Sims neben

den Herd legte, das andre auf die Stuhllehne. Ledwine, die sich aus einer Art Krankentrotzes

selten etwas zugute tat, lachte ordentlich vor Vergnügen, da es ihr so bequem wurde. »Erzählt

mir etwas von vorigen Zeiten, da Ihr auf dem Schlosse wohntet«, sagte sie freundlich, und die

Frau hub an zu erzählen von dem seligen Großpapa, und wie der Turm noch gestanden, der vor

vielen Jahren niedergebrannt, und immer tiefer neigte sich Ledwinens Haupt, und nur deutlicher

gestaltete sich, was sie noch jezuweilen von den Worten der Erzählenden vernahm, daß sie den

Großvater sah wie ein kleines, graues Männchen, gar freundlich, tot war er freilich, aber er

schoß doch noch mit seiner Vogelflinte nach den Raben im alten Turme, es knallte gar nicht,

aber sie fielen recht gut – und nur leiser und leiser wurden die Laute der Alten, die von Zeit

zu Zeit ihr Fräulein hinter dem Rocken hervor betrachtete, bis sie endlich auch ganz

einschliefen. Dann stand sie sachte auf, trippelte auf den Zehen zu Ledwina und beugte sich

langsam über sie, ihren Schlummer zu prüfen. Das war rührend zu sehn, wie das ernste, alte

Gesicht der Bäurin, über dem jungen, bleichen der Herrin stand, das eine in stiller

Traumeswehmut, das andre in den Tiefen des unabwendbaren nahen Vergehens für beide, die reife,

lebenssatte Ähre über der zarten, sonnenversengten Blüte. Dann hob sie sich, holte still

Flachs aus einem Wandschranke und begann ihn sehr leise zu bürsten; aber ihre Züge waren

ernster wie vorhin und doch sehr weich.

So dauerte es eine Weile, als die Tür ziemlich unsanft geöffnet ward und mit den Worten:

»Mutter, hier bring’ ich Euch einen neuen Stuhl«, ihr Sohn mit ein’gem polternden Anstande

einen im geheimen für sie verfertigten Spinnstuhl hereinbrachte; »der andre ist Euch ja doch

zu hoch«, fuhr er fort. Die Mutter winkte unwillig mit der Hand, indem sie auf Ledwina

deutete, aber diese war schon erwacht und sah ganz hell und erquickt um sich. »Ja, so wollt’

ich dich –!« fuhr die Alte heraus. »Ich habe sehr sanft geschlafen bei Eurem Feuer«, sagte das

Fräulein sehr freundlich, »es ist aber doch gut, daß ich geweckt bin, sonst hätt’ ich

nachtwandeln müssen; ich meine«, fuhr sie lächelnd fort, da die beiden sie fragend anblickten,

»wenn ich bei Tage ruhe, so habe ich in der Nacht keinen Schlaf; da stehe ich dann wohl

zuweilen auf und gehe in meiner Stube umher; es ist nicht zum besten, aber was soll man mit

der langen Nacht machen? Es wird bald fünf sein, nun wird’s meine Zeit zu gehn«, und wie sie

durch die Tür ging: »Den Stuhl hat wohl Euer Sohn gemacht, der ist doch recht geschickt.« –

»Auch bisweilen recht ungeschickt«, sprach die Alte, der der Ärger noch nicht aus den Gliedern

wollte, aber schon war Ledwine wie eine Gazelle den Fluß hinauf, denn sie dachte nur dann an

ihre arme kranke Brust, wenn heftige Schmerzen sie daran erinnerten, und dann war ihr dieses

traurige Hüten, dieses erbärmliche, sorgfältige Leben, wo der Körper den Geist regiert, bis er

siech und armselig wird wie er selber, so verhaßt, daß sie gern diese ganze in Funken zu

verglimmende Lebenskraft in einem einzigen recht lohhellen Tage hätte ausflammen lassen. Ihr

frommes Gemüt behielt auch hier die Oberhand über den furchtbar durchbrennenden Geist, aber

noch nie hat wohl ein Märtyrer Gott sein Leben reiner und schmerzlicher geopfert wie Ledwina

den schöneren Tod in der eignen Geistesflamme.

*

Im hellen Wohnzimmer mußte es etwas anders sein wie immer, da Ledwina eintrat, denn sie ward

gar nicht gescholten, die gewöhnliche bittre Frucht der ihr so süßen, aber zerrüttenden

Streifereien. Schwester Therese hatte freilich genug nach einer entfallenen Nähnadel zu

fischen, aber auch die Mutter sagte nichts, strickte still fort und winkte stark mit den

Augenlidern; das war immer ein besonderes Zeichen, dann war sie erzürnt oder gerührt oder gar

verlegen, denn diese kluge Frau, der ein allgemein beachtetes und oft verwickeltes Leben eine

völlige Herrschaft über alle unpassende Ausbrüche innerer Bewegungen in Handlungen und Worten

gesichert hatte, wußte selbst nicht, wie dünn der Schleier ihres Antlitzes über die Seele

hing, und es bedurfte für gesunde, ob auch noch ungeübte Augen nur sehr geringer

Bekanntschaft, um sie oft besser zu verstehen, als sie sich selbst in ihrer vielfachen

Zerstreuung durch Haus und Kinder. Ledwina hätte sich gern ganz still der Gesellschaft

eingeflickt, aber ihre Arbeit lag in der Schublade des Tisches, vor dem die Mutter saß. Das

war schlimm; sie setzte sich indes ganz sachte in den Sofa, der an der Schattenseite des

Zimmers stand, und sagte kein Wort. Die kleine Marie lief hinein und mit einem lauten, etwas

albernen Gelächter auf Ledwina los: »Ledwine, weißt du schon die ganz berühmte Neuigkeit?«

Ledwine verfärbte sich wie erschreckt in unnatürlich gespannter Erwartung, und die Mutter

sagte rasch: »Marie, hol mir mein Schnupftuch, ich habe es im Garten bei den Tannen liegen

lassen!« Marie drehte sich auf dem Fuße um, sagte aber noch: »Wenn ich wiederkomme, weißt du

es längst, denn Theresen springt das Herz, wenn sie es nicht sagt.« Sie lachte laut auf und

rannte etwas tölpisch hinaus.

»Ihr müßt euch mit dem Kinde in acht nehmen«, sagte die Mutter ernst, »Kinderohren sind

bekanntlich die schärfsten und wir Erwachsnen oft wahrhaft ruchlos in dieser Hinsicht; bei

Marien ist es zum Glück nur Impertinenz, kein erwachendes vorlautes Gefühl, was im besten

Falle die Seele leerbrennt. – Karl«, sie wandte sich zu Ledwinen, »hat heute Briefe erhalten,

woraus unter andrem erhellt, daß einer seiner Universitätsbekannten ihn vielleicht

durchreisend besuchen wird; du hast ihn wohl nennen hören, Römfeld, der sogenannte schöne

Graf. Karl hat zuweilen allerhand von ihm erzählt, was ganz romantisch lautete, und ihr seid

unvorsichtig genug gewesen, euch mit ihm zu necken; ich lasse so etwas passieren, obgleich es

überall nicht viel heißt. Ich denke, wenn das Böse nur ausbleibt, so muß man sich zuweilen in

das Unnütze in Gottes Namen schicken. Ich muß gestehn, daß ich alsdann so wenig an Marien

gedacht habe wie ihr, aber vorausgesetzt, daß dergleichen dunkle Dinge ihrem noch höchst

kindlichen Gemüte keinen weiteren Eindruck hinterlassen, wie soll man ihr beibringen, daß sie

derlei Gespräche nicht wiederholen dürfe, ohne eben diese gleichen Eindrücke fast gewaltsam zu

befördern, denn ihr wißt, sie wäre kindisch und lebhaft genug, den Grafen mit seiner eignen

Biographie zu regalieren.«

»Man muß ihr sagen«, versetzte Karl, der immer die Stube auf und ab maß, »daß sie überhaupt

nichts weiter bringt; das Klatschen ist an und für sich garstig genug.« – »Weißt du das einem

so lebhaften Kinde ohne Arg beizubringen?« erwiderte die Mutter scharf. »Wir haben doch nicht

geklatscht, wie wir klein waren«, sagte Karl. Die Mutter stockte einen Augenblick und sagte

dann mit schonender Stimme, wie ungern: »Sie ist vielleicht auch lebhafter wie ihr alle.« Karl

ward rot und sagte halb vor sich hin: »Auch ziemlich unartig bisweilen.« – »Etwas unartig sind

alle Kinder in dem Alter«, versetzte die Mutter streng, »und zudem gehorcht sie mir aufs Wort;

ist es mit andren nicht so, so mag die Schuld auf beiden Seiten stehn.«

Beide schwiegen verstimmt, und eine drückende Pause entstand. »Von wem hast du Briefe?« hub

Ledwina leise und ängstlich an. »Es ist nur einer«, sagte Karl, »von Steinheim; er hat eine

gute Anstellung bekommen zu Dresden und wird bei seiner Hinreise hier vorsprechen, da er über

Göttingen reist, um dem Studentenleben noch einmal ein ewiges, lustiges Valet zu bringen, und

Römfeld, der aus Dresden ist, eben von dort abgeht, so reisen sie zusammen. Steinheim scheint

der ungebetene Gast schon auf dem Herzen zu liegen.« Dies letztere sagte er halb zu der Mutter

gewandt, die mit der möglichsten und angenehmsten Gastfreiheit sich jedoch das Recht der

Einladung immer völlig vorbehielt.

»Wir kennen ihn ja schon«, sagte diese und dann schnell, ehe Karl seine Antwort, daß diese

Angst nicht Steinheim selbst, sondern Römfelden meine, anbringen konnte, »Ledwina, wo bist du

diesen Nachmittag gewesen?«

»Am Flusse hinunter«, entgegnete Ledwina.

»Du bist lange geblieben«, versetzte die Mutter.

»Ich habe lange«, erwiderte Ledwina, »bei der alten Lisbeth zugebracht; ich bin sehr gern

dort.«

»Es sind auch gute Leute«, sagte die Mutter; »etwas stolz, aber das schadet nicht in ihrem

Stande, es erhält sie ehrlich in jeder Hinsicht.«

»Es hat mich recht geschmerzt«, sprach Karl, »unser altes Domestikeninventarium fast ganz

zerstört zu finden.«

»Mich auch«, sagte die Mutter lebhaft, »ich wollte sie gern aus dem Grabe heben, und wenn ich

statt dessen ihren Sarg mit Golde füllen müßte. Wir haben sie so oft in freilich harmlosem

Spotte das Fideikommiß genannt, aber wahrlich, solche Leute sind nicht sowohl unserer Treue

von Gott vertraut wie wir der ihrigen, und nächst dem Schutzengel gibt es keine frömmeren

Hüter und nächst der Elternliebe keine reinere Neigung als die stille und innige Glut solcher

alten Getreuen gegen den Stamm, auf den sie einmal geimpft, worin alle andren Wünsche und

Neigungen, selbst die für und zu den eignen Angehörigen haben zerschmelzen müssen.«

Die Frau von Brenkfeld war gegen das Ende ihrer Worte sehr gerührt. Ihre Stimme war fest, aber

das leise Spiel der schönsten Gefühle in ihren ernsten Zügen gab ihnen eine unbeschreibliche

Anmut. Ledwina hatte währenddem ihre Mutter unablässig betrachtet und war bleich geworden, als

Zeichen, daß ein Gedanke sie ergriff.

»Ja«, sagte sie nun sehr langsam, als würden ihre Sinne erst allmählich unter dem Reden

geboren, »das ist wahr, wir sind doch Geschwister, aber ich bin leider gewiß, daß wir uns

nicht mit dem raschen, unerschütterlichen Entschlusse, der keine Wahl kennt, füreinander

aufzuopfern vermöchten, wie das Leben getreuer Diener uns so unzählige Beispiele gibt.«

Karl sah etwas quer nach ihr hinüber, und die liebe Therese reichte ihr versichernd die Hand,

und beider Augen blickten sanft ineinander. Ledwina sagte fest: »Ja, Therese, es ist doch so,

aber wir sind darum nicht schlechter; die Alten sind nur besser.«

»Dafür ist es auch Dienertreue«, hub Karl an, »und eine ganze besondere Sorte, ohngefähr wie

die Liebe gegen das Königshaus, dem sich auch jeder freudig opfert, ob auch die Äste gegen den

schönen, alten Stamme zuweilen recht dürr oder siech abstehen; mir sind indes alte Leute immer

merkwürdig, und ich rede vor allem gern mit ihnen. Es ist mir seltsam, eine ganze in ihren

Handlungen meistens unbedeutende Generation lange nach ihrem schon vergeßnen Tode in ihrer oft

so bedeutenden Persönlichkeit noch in diesen paar grauen verfallenden Denkmalen fortleben zu

sehn, nicht zu gedenken, wenn man so glücklich ist, das lebende Monument irgendeines großen

Geistes vergangener Zeit anzutreffen. Mir sind solche kleine Gemälde aus freier Hand immer

lieber wie die schönste Galerie berühmter Biographien.«

»Mir scheint auch«, sagte Therese, »als ob die Lieblingsfehler der alten Leute fast wie die

der Kinder zwar oft belästigend, aber doch im Grunde milder oder gleichsam oberflächlicher

wären wie die der Jugend. Mangel an Rücksicht auf die Bequemlichkeit anderer ist das erste,

was Alte durch allgemeine Sorgfalt und die bittre Vergleichung eigner Schwäche mit der

Jugendkraft der Umgebung verleitet, annehmen, die Wurzel alles Fatalen, eine kleine Sünde,

aber ein großes Leid für andere.«

»Das letztere ist wahr«, erwiderte Karl, »ohne das erstere zu begründen. Ich hingegen habe oft

manche Jugendfehler im Alter in einer Steigerung und vorzüglich wahrhaft unförmlicher

Versteinerung wiedergefunden, die für mich bei dieser Nähe des Grabes eine der greulichsten

Erscheinungen bleibt.«

Die Frau von Brenkfeld, noch aus der guten Zeit, wo man nicht nur die Eltern, sondern auch das

Alter ehrte, eine Zeit, jetzt von dieser Ansicht fast so spurlos verschwunden wie die

antediluvianische, rückte mit dem Stuhle.

Karl fuhr arglos deklamierend fort: »Bei den Vornehmen Ehrgeiz, dem man so leicht um des

Großen willen das etwa nicht Gute vergibt, als die empörendste, ruchloseste Ehrsucht, bei dem

Mittelstande die halb belachte, halb belobte Sparsamkeit als der greuliche Geiz, über dem man

nicht weiß, ob man mit Demokrit lachen oder mit Heraklit weinen soll, der bei den Geringen oft

angenehme Leichtsinn als die entsetzlichste Gefühllosigkeit und Nichtachtung des sonst

Nächsten und Liebsten, und oft alles zusammen in allen Ständen; und wie sie überhaupt selten

kindlich und gewöhnlich nur kindisch reden, so sind sie auch zuweilen kindisch und gemein vor

lauter Maliziösität.«

Er fing wieder an, heftiger auf und ab zu gehen.

»Alte Leute sind gut«, sagte Marie, die wieder neben der Mutter saß und ganz ordentlich

strickte, und Frau von Brenkfeld mußte mitten aus ihrem gereizten Gefühle beinahe lachen, da

nach der vorzeitigen Berechnungsart der Kinder diese Verteidigung ihr galt. »Ihr könnt euch

freuen«, sagte sie, »nicht vor dreißig Jahren jung gewesen zu sein, da wurden die Leute im

Verhältnis zu ihren Eltern nie groß. Widerspruch von der einen Seite gab es in der Ordnung gar

nicht, und nur selten dargelegte Gründe von der andren.«

»Es ist schlimm genug«, sagte Karl mit weicher Stimme, »daß es nun im Durchschnitt anders ist.

Der Gehorsam gegen die Eltern ist ein Naturgesetz und beinah so kostbar als das Gewissen. Ich

bin überzeugt, daß die Wurzel fast aller jetzt grassierenden moralischen Übel in der

Vernachlässigung desselben steht. Der Mensch ist zu vielem fähig und geneigt, sobald er es

auch noch so anständig mit Füßen tritt. Es ist etwas Seltsames und Rührendes um ein

Naturgesetz.« »Und zudem«, sagte Therese, »gehorchen muß der Mensch noch irgend jemanden außer

Gott, geistlich oder weltlich, das erhält ihn weich und christlich.« – »Ich glaube«, fügte

Ledwina hinzu, »daß, wenn das, was Karl vorhin über die Alten sagte, einigen Grund hat, er

gewiß in dem gänzlichen Mangel an einem Gegenstande des Gehorsams zu suchen ist; den gegen den

Regenten üben sie, aber ohne ihn zu fühlen, da man ihnen gewöhnlich alle Geschäfte abnimmt.« –

»Großenteils wahr«, versetzte Karl, »doch ist hier die Ehrsucht auszunehmen« – und dann

schnell: »Nota bene, der alte Franz ist ja tot; wie ist der zu Tode gekommen?« – »An einem

Brustfieber«, entgegnete Therese, und Ledwina, deren Gesicht wieder ein weißer Flor überzog,

setzte mit leiser Stimme hinzu: »Er hat sich erkältet, da er mir im vorigen Winter eine Bahn

durch den Schnee fegen wollte.«

Sie stand auf und trat an eine im Schatten stehende Kommode, als ob sie etwas suche, denn sie

fühlte, daß die Tropfen, die so leicht in ihre Augen traten, ihnen diesmal zu oschwer würden.

»Da wolltest du hundert Jahr alt werden«, lachte Marie, »denk mal, Karl, Ledwina meinte, sie

wollte hundert Jahr alt werden, wenn sie alle Tage spazierenging; das hat der alte Nobst aus

dem Kinderfreunde auch getan.«

Die Mutter sagte, als habe sie Ledwinens Worte nicht bemerkt: »Er war durch den Schnee nach

Emdorf gewesen.«

»Er ist alt genug geworden«, sagte Karl, »ich glaube, er war schon über achtzig, so alt werd’

ich nicht.«

Ledwina beugte indes tief verletzt über eine geöffnete Lade. Es war, als wolle man ihr das

herzzerreißende, aber teure Geschenk dieses geopferten Lebens entreißen, und sie hielt es fest

an sich gepreßt. In Wahrheit ließ die tödliche Krankheit dieses treuen Mannes, des Gatten der

alten Lisbeth, viele Gründe zu, wie dies bei dem Ableben sehr alter Leute fast immer der Fall,

und deshalb suchte die Frau von Brenkfeld mit jener beliebten, aber falschen Schonung, die das

Herz verletzt, statt es zu heilen, und empört, statt es zu rühren, jenem wahrscheinlichsten

Grunde seine eigentliche Heiligkeit zu stehlen und ihm nur die Glorie des letzten Zeichens der

Anhänglichkeit zu lassen.

Marie war indes zu Ledwinen hingelaufen und quälte sie durch die unter Lachen immer

wiederholte Frage: »Ledwina, du bist wohl recht bange vor dem Tode? Wie alt möchtest du wohl

werden, Ledwina?«

Ledwina, die sich in ihrer Rührung noch beachteter glaubte, wie sie war, wollte gern

antworten, aber sie fürchtete den zitternden Laut ihrer Stimme; sie beugte sich von einer

Seite zur andren, indes das unter ihren Armen durchgeschlüpfte und nun vor ihr an die Lade

gepreßte Kind unter ewiger Wiederholung seiner Fragen und lauten Kichern ihr immer in die

Augen sah. Endlich sagte sie ziemlich gefaßt und in der Anstrengung lauter wie gewöhnlich:

»Ich fürchte mich etwas vor dem Tode, wie ich glaube, daß fast alle Menschen es tun; denn das

Gegenteil ist gegen oder über die Natur. Im ersten Falle möcht’ ich mir es nicht wünschen, und

im zweiten ist es nur in einem sehr langen oder sehr frommen Leben zu erreichen.« Die Kleine

kroch wieder durch und sprang lachend zu ihrem Stuhle.

Auch Ledwina hatte sich unter dem Reden ermutigt und kehrte ziemlich frei zu ihrem Sofa. Karl,

für den, sobald er seine verlangte Auskunft hatte, das übrige Gespräch meistens tot war, indem

er für sich fortspann, stand nun still und sagte: »Der alte Kerl war ordentlich ein Philosoph;

er hätte unsren Gelehrten können zu schaffen machen. Ich habe nun drei Jahre studiert, und

unsere Professoren laufen doch den ganzen Tag wie Diogenes mit der Laterne nach unnützen

Fragen, aber so spitzfindige sind mir noch selten vorgekommen, wie das alte Genie aus den

Ecken zu bringen wußte. Er hatte auch von sich selbst die Klarinette spielen gelernt.« – »Die

hat er geblasen, da er noch jung war«, fiel Marie ein. Karl drehte die Pfeife ungeduldig in

den Händen und fuhr dann schnell fort: »Was aber lächerlich war, so wußte er auch auf alles

Antworten, und die waren ihm immer gut genug, obgleich der Scharfsinn der Antwort nie im

Verhältnis zu dem der Frage stand. Der Hochmut legt doch seine Eier in alle Nester.«

»Der alte Franz war deinem seligen Vater sehr lieb«, sagte Frau von Brenkfeld sanft, aber

ernst. Karl antwortete ganz arglos: »Ja, er ist ja, den Unterricht abgerechnet, fast mit ihm

erzogen, das hat ihm auch den Schwung gegeben.« Dann fuhr er von selbst erwacht und mit einem

seltnen, zarten Ausdrucke in den Mienen fort: »Wenn er so erzählte, wie sie zusammen heimlich

das Rauchen trieben aus gehöhlten Kastanien und sich treulich beistanden in Schuld und Strafe,

dann ist mir immer ganz wunderlich gewesen; wahrhaftig, es ist mir manche liebe Stunde in dem

Manne gestorben.«

»Mir auch«, sagte die Mutter und winkte die Tränen heftig zurück, »die alte Lisbeth ist auch

seitdem ganz kümmerlich geworden.«

»Es ist überhaupt etwas Kurioses und meist Unangenehmes um die Witwen«, versetzte Karl, wieder

abgeleitet, »besonders, solange die Kinder minorenn sind.« – »Was ist das, minorenn?« fiel

Marie ein: »Meistens fehlt ihnen die Kraft, und auf allen Fall nehmen ihnen die Augen der

Welt, denen sie immer ein Splitter sind, die Macht und die Herrlichkeit; man sieht sie die an

Verbrechen grenzendsten Härten gegen Schuldner ausüben, alles per Pflicht. Das geht nun wohl

nicht anders, aber es läßt gewöhnlich einige Verhärtungen. Das Regieren tut überall keinem

Weibe gut.«

»Witwen sind gut«, sagte Marie beleidigt, und Karl, der die Beziehung nicht faßte, fuhr auf:

»Kinder auch, wenn sie das Maul halten«, und fuhr dann mit einem Blick auf seine Mutter im

doppelten Schrecken zusammen. Frau von Brenkfeld kämpfte gewaltsam gegen eine mehr wehmütige

als erzürnte Empfindung, die sie für Unrecht hielt, da Karl im ganzen recht und gewiß arglos

geredet hatte, aber daß sie das Grelle jenes Verhältnisses, dem sie, bei den durch die

Gutmütigkeit ihres verstorbenen Gatten verwirrten Vermögensumständen, unter den härtesten

äußeren und inneren Kämpfen acht Jahre ihres Lebens ihre ganze Gesundheit und oft ihre

heiligste Empfindung hatte opfern müssen, eben von jenem so scharf und wie verurteilend mußte

auffassen hören, für den sie vor allem freudig geopfert hatte, das warf eine Wolke von Trauer

und Verlassenheit in ihre Seele, die sie durch alle Strahlen des Gehorsams und der Liebe ihrer

Kinder nicht zu zerstreuen vermochte. Eben ihr war der Witwenschleier aus einem Trauerflor zu

einem Bleimantel geworden, der fast sogar die Ehre niedergebeugt hätte, da ihr Gatte durch

unverhältnismäßige Schuldbeträge die Leute nach seinem Tode zugrunde richtete, denen er bei

seinem Leben gern helfen wollte. Er hatte den Segen mit sich genommen und ließ der

Vormundschaft und seiner bedrängten Witwe den Fluch. Zudem hing ihr sonst starkes Herz seit

ein’ger Zeit mit großer Schwäche an Marien, dem einzigen ihrer Kinder, dem sie alles in allem

war, indes die Herzen der übrigen sich stark an die fremden Götzen zu hängen begannen. Im

Verhältnis zu ihren Töchtern war dies Gefühl minder stechend gewesen, da eine vielseitige und

gewandte Weltkenntnis von seiten der Mutter und ein unbedingter Gehorsam von seiten der Kinder

ausglichen, was Ledwina an Tiefsinn und Zartheit und Therese an klarer und besonnener

Auffassung voraushaben mochten, aber die Zurückkunft Karls, den ihr die Universität nach

seiner persönlichen Empfänglichkeit völlig ausgebildet, aber außerdem oder vielleicht deshalb

etwas überreif und überfrei wiedergab, war ihr aus einem Jubiläum der Witwenherrschaft zu der

beklemmten Leichenfeier derselben geworden, obschon nur in der innren Überzeugung, da Karl

jetzt aus Pflicht und Vorsatz das zu sein strebte, wozu ihn früher die scheuste Ehrfurcht

gemacht hatte; aber eben dieses immer durchscheinende Streben, dies öftere Mißlingen durch

Mißverstehn, weil die scharfe angstvolle Beachtung des Kindes fehlte, dies seitdem offenbare

Zusammenhalten und Einanderaushelfen der Geschwister sagte ihr deutlich, wie locker die Krone

auf ihrem Haupte stehe, nur gehalten durch ein einsicht-, aber pflichtvolles Ministerium.

Karln hatte sie als eine üppige, aber zarte Treibhauspflanze unter Tränen, Sorgen und Segen in

die freie Luft gesendet, und sie konnte sich nicht bergen, daß, so sie ihn jetzt ohne eins von

allen entließ, er nur den letzteren vermissen würde, und auch dies nur in Überlegung und

Religiosität, nicht in jenem scheuen frommen Gefühle, was sich in der Welt ohne den

mütterlichen Segen wie zwischen reißenden Tieren dünkt. Marien duldete er offenbar nur in

Rücksicht ihrer, und sein gereiztes Gemüt mußte gerade bei einer Veranlassung hervorbrechen,

wo sie ihr fast wie das einzige ihrige Kind erschien, und doch konnte sie eben hier ohne die

äußerste Taktlosigkeit nichts sagen. Karl begriff ihre Gefühle auch jetzt nur so im groben in

der ersten Entstehung und folgte ihnen gar nicht; er ging auf und ab, rauchte und war noch

etwas verdutzt, aber völlig ruhig. Ledwina hätte wohl alles dieses am empfindlichsten

aufgefaßt, aber eine früherhin schmerzlich berührte Saite klang so hell nach, daß sie noch

jeden andern Laut übertönte. Sie konnte überhaupt sehr lange an einem Gedanken zehren und nahm

noch oft das Frühstück ein, wenn die andern schon ein wichtiges Mittagsmahl, einen

unbedeutenden Tee nebst einer Menge amüsanter Konditorwaren verzehrt hatten und sich nun zur

Abendtafel setzten. Nur Therese, die immer wie der Engel mit dem flammenden Schwerte vor und

mit dem Ölzweige über den Ihrigen stand, mußte die ganze Last dieses Augenblicks tragen und

suchte angstvoll nach einer klug beschwichtigenden Rede.

»Warum wählst du immer den verdrießlichen Weg am Flusse, Ledwina?« begann die Frau von

Brenkfeld gesammelt, da die Stille kein Ende nahm.

»Ich habe den Weg einmal sehr lieb«, versetzte Ledwina, »ich glaube, das Wasser tut viel

dazu.«

»Den Fluß hast du ja auch unter deinem Fenster«, sagte die Mutter, »aber es ist so ein

bequemer Gedankenschlender, deshalb geht man auch leicht weiter, wie man sollte.«

»Ich muß gestehn«, sprach Karl, »daß mir die Gegend hier besonders jetzt recht erbärmlich

vorkömmt. Man spaziert wie auf dem Tische, die Gegend vor uns wie hinter uns, oder vielmehr

gar keine. Der Himmel über uns und der Sand unter uns.« »Die Gegend könnte noch viel malerisch

schlechter sein, wie sie ist«, sagte Ledwina, »und mir bliebe sie doch lieb; von den

Erinnerungen, die in jedem Baume wohnen, will ich gar nicht reden, denn so kann nichts mit ihr

verglichen werden, aber so, wie sie da steht und überall, wär’ sie mir höchst ansprechend und

wert.«

»Chacun à son goût«, versetzte Karl, »nach deinen eben gemachten Ausnahmen weiß ich nicht, was

dich reizt: das stachlichte Heidekraut oder die langweiligen Weidenbäume oder die goldnen

Berge, die uns in einer Stunde ein zauberischer Wind schenkt.«

»Die Weiden zum Beispiel«, versetzte Ledwina, und in ihr Gesicht goß sich ein trübes, aber

bewegliches Leben, »haben für mich etwas Rührendes, eine sonderbare Verwechslung in der Natur:

die Zweige farbicht, die Blätter grau, sie kommen mir vor wie schöne, aber schwächliche

Kinder, denen der Schrecken in einer Nacht das Haar gebleicht. Und überhaupt die tiefe Ruhe

auf manchen Flächen dieser Landschaft: keine Arbeit, kein Hirt, nur allerhand größre Vögel und

das einsam weidende Vieh, daß man nicht weiß, ist man in einer Wildnis oder in einem Lande

ohne Trug, wo die Güter keinen Hüter kennen als Gott und das allgemeine Gewissen.«

»Es ist nicht schwer«, versetzte Karl lächelnd, »einer Sache, die so viel liebe Seiten hat,

auch eine schöne abzugewinnen, aber ich versichere dich, man darf keine zwanzig Meilen reisen,

sonst fallen die schönen romantischen Läppchen ab, und was nackt übrig bleibt, ist eine halbe

Wüste.«

»Die Wüste«, versetzte Ledwina, gleichfalls lächelnd und wie träumend, »die Wüste mag

vielleicht große und furchtbare Reize haben.«

»Kind, du rappelst«, sagte Karl und lachte laut auf.

Ledwina fuhr langsam fort: »So plötzlich hineinversetzt, ohne ähnliche und doch völlig

ungleiche Umgebungen zu kennen und hauptsächlich ohne früher von ihnen gelitten zu haben, und

nun weithin nichts als die gelbe glimmernde Sandfläche, keine Begrenzung als den Himmel, der

niedersteigen muß, um die Unendlichkeit zu hemmen, und nun flammend über ihr steht; statt der

Wolken die himmelhohen, wandelnden Glutsäulen, statt der Blumen die farbicht brennenden

Schlangen, statt der grünen Bäume die furchtbaren Naturkräfte der Löwen und Tiger, die durch

die rauschenden Sandwogen schießen wie die Delphine durch die schäumenden Fluten – überhaupt

muß es dem Ozean gleichen.«

Karl war vor Verwundrung stillgestanden, dann sagte er mit einem närrischen Gesichte: »Und

wenn nun die wandelnden Glutsäulen uns Visite machen oder die Blumen der Wüste uns umkränzen

oder die furchtbaren Naturkräfte sich an uns probieren wollen?«

Ledwina fühlte sich widrig erkältet. Sie beugte, ohne zu antworten, nieder, um ein Garnknäul

vom Boden aufzuheben.

»Aber mein Gott«, rief Frau von Brenkfeld, der durch diese rasche Bewegung ihre noch nicht

völlig getrockneten Schuhe sichtbar geworden waren, »du bist ja ganz naß!« – »Ich bin etwas

naß«, versetzte Ledwina, ganz herunter von widrigen Empfindungen. »Und das schon die ganze

Zeit«, versetzte die Mutter verweisend, »leg dich augenblicklich nieder, du weißt es ja in

Gottes Namen auch selbst wohl, wie wenig du vertragen kannst.« – »Ja«, sagte Ledwina kurz und

stand auf, um in ihrer Empfindlichkeit allen weitern Reden zu entgehn. »Daß du dich aber ja

niederlegst, und trinke Tee«, rief ihr die Mutter nach. Sie wendete sich in der Tür um und

sagte mit gewaltsamer Freundlichkeit: »Ja, gewiß.« Therese folgte ihr.

*

»Du hast noch nicht getrunken«, sprach Therese sanft verweisend, da sie nach einer

Viertelstunde mit einem Glase Wasser von neuem in die Kammer trat und die weislich vor dem

Fortgehn eingeschenkte Tasse noch unberührt sah; »wenn nun die Mutter käme«, fuhr sie fort,

»du weißt, wie sie auf ihr Wort hält.«

»Ach Gott, ich habe noch nicht getrunken? Wenn nun die Mutter käm’!« wiederholte Ledwina, aus

tiefem Sinnen auffahrend, und im Nu reichte sie Theresen die geleerte Tasse; »mir ist so

heiß«, sagte sie dann, warf unruhig die weißen Gardinen weit zurück und legte die brennenden

Hände in der Schwester Schoß.

»Du trinkst zu schnell«, sagte diese. – »Ich wollte, ich dürfte das Glas Wasser trinken«,

versetzte Ledwina. »Trink du deinen Tee, der bekömmt dir viel besser«, antwortete Therese

mitleidig, »das kannst du deiner Gesundheit wohl opfern, es ist ja nur ein kleiner Wunsch.« –

»O, er kömmt auch nur oben vom Herzen«, lächelte Ledwina, »und dann setz’ dich doch recht zu

mir und sprich mir etwas vor. Das Bettliegen ist so fatal; es ist noch lange nicht dunkel, und

dann die lange Nacht!«

Therese setzte sich auf den Rand des Bettes und seufzte unwillkürlich recht tief. Ledwina

lächelte von neuem und sehr freundlich, fast freudig. »Der heutige Tag«, sagte Therese dann

tiefsinnig, »ist äußerlich so unbedeutend gewesen und doch innerlich so reich; es ist so viel

durchgedacht und auch wohl ausgesprochen worden, was in Jahren nicht hat zu der Klarheit

kommen können, wie der Brennpunkt einer langen Zeit.« – »Jawohl, allerhand«, versetzte Ledwina

erwartend, der in diesem Augenblicke nur eins still bewegend im Sinn lag. »Ich wollte«, sprach

Therese weiter, »der Kerl säh’ etwas weniger imposant aus, damit er etwas minder geehrt würde.

Alles wendet sich an ihn, und die Mutter wird jedesmal rot, wenn er mit der gefälligen Miene

sagt: ›Tragt das meiner Mutter vor!‹«

Ledwina hatte, wie vorhin gesagt, den Teil des vorigen Gesprächs, auf den sich dieses bezog,

völlig überhört, und auch jetzt hielt ihr Geist eine andere Richtung fest. So faßte sie es gar

nicht in seinem tiefen Schmerze. »Ja«, sagte sie, noch immer still träumend, »es wurde so

vielerlei gesprochen, daß man das erste über dem letzten vergaß. Mich soll wundern, ob

Steinheim sich auch verändert hat.« Therese ward feuerrot. »Ich möchte es gar nicht«, fuhr sie

fort, »mir scheint immer, er könnte dabei nur verlieren.« Therese schenkte etwas mühsam eine

neue Tasse ein. »Mich dünkt, ich sehe ihn«, hub Ledwina wieder an, »wie er gefragt wird und

dann das liebe treue Gesicht so freundlich eine Antwort weiß; es wird einem ganz ruhig, wenn

man eine Zeitlang darauf weilt.« – »Das geht wohl an«, sagte Therese in der Angst. Ledwina sah

hoch auf. »Meinst du nicht?« fragte sie ernst. »O nein«, sagte Therese verwirrter und brach

sehr unpassend ab. Aber Ledwina hatte sich aufgerichtet und ihre Hände krampfhaft gefaßt.

»Bitte, bitte«, sagte sie in strenger Angst, »schweig, aber lüg nicht«, und mit einem leisen

Ton der tiefsten Wehmut lag Therese an ihrer Brust und weinte und zitterte, daß die Gardinen

bebten. Ledwina hielt sie fest an sich, und ihr Gesicht war aufgegangen wie ein Mond, der

leuchtend über die Schwester wachte. Beide ließen sich nach einer langen lebensreichen Pause

und suchten ihre verlorene Fassung, die eine auf der seidenen Bettdecke, die andere an dem

Bande des Teetopfes, was sie losknüpfte, statt es fester zu heften, denn es ist eben den

besten und herrlichsten Menschen eigen, daß sie sich schämen, wenn ein unbewachter Augenblick

verraten hat, wie weich sie sind, indes die Armen im Geiste von jener Art, der nicht der

Himmel verheißen ist, es in Ewigkeit nicht vergessen können, wenn sie einmal einen rührenden

Gedanken gefunden haben, wie das blinde Huhn die Erbse.

»Ich bin mir oft recht lächerlich und eitel vorgekommen«, fing Therese endlich an, »dir auch?«

– Ledwina mußte lachen und sah sie fragend an. Therese fuhr fort: »Allen dunkel und mir allein

hell; es ist betrübt, Ledwina, so etwas ganz allein zu merken, man wird ganz irr. Ich habe

immer innerlich glühn müssen, wenn ich diese oder jene unsrer Bekanntinnen mit geträumten

Eroberungen prunken sah. Es ist so häßlich und so allgemein. Die Bescheidenheit schützt

heutzutage gar nicht mehr, und für mich wär’ es so traurig. Ach, Ledwina, soll ich es mir wohl

nur einbilden? Ich kann ja auf nichts bauen als auf meinen innigsten Glauben.«

»Baue du dein Haus nur«, sagte Ledwina bewegt, »du hast einen guten Grund, einen verborgenen,

aber festen, der nicht unter dir einsinken wird.« – »Er hat mir nie etwas Derartiges gesagt«,

versetzte Therese, indes ihre Augen wie in den Boden brennen wollten. – Ledwina sagte

nachsinnend und lieblich: »Für einen anderen nichts, für ihn alles. Wär’s ein andrer, so

hättest du auch den Glauben nicht. Ach, Therese, du wirst sehr glücklich sein; das sage ich

frei und schäme mich nicht. Wir suchen doch alle einmal, wenn schon meistens inkognito, aber

ich habe aufgehört, denn ich weiß, daß ich nicht finde.« – Therese entgegnete demütig: »Ich

darf auch nicht so viel verlangen wie du.« – »Das heißt nun nichts«, versetzte Ledwina sanft

vorwerfend, »das kannst du selbst nicht glauben; du bist Gott und Menschen angenehmer, das

weiß ich wohl.« Therese erschrak ordentlich und wollte einfallen, aber Ledwina winkte ernst

mit der schmalen weißen Hand und fuhr fort: »Doch mein loses törichtes Gemüt hat so viele

scharfe Spitzen und dunkle Winkel, das müßte eine wunderlich gestaltete Seele sein, die da so

ganz hineinpaßte.« – Therese faßte erschüttert ihre beiden Hände und sagte, indem sie das

Gesicht wie scheu umherwandte, um die Zeichen der höchsten Bewegung zu verbergen: »Ach

Ledwina, ich mag jetzt gar nicht davon reden, wie lieb dich viele Menschen haben, aber auch du

wirst finden, was dir einzig lieb bleibt. Gott wird ein so reines und leises Flehn nicht

überhören.«

Ledwine, der das Gespräch zu angreifend wurde, sagte wie leichtsinnig: »Jawohl, man sagt ja,

es gibt keinen so schlechten Topf, daß sich nicht ein Deckel dazu fände, aber Gott weiß, wo

mein Erwählter lebt; vielleicht ist er in diesem Augenblick auf der Tigerjagd, es ist doch

grade die Zeit, und dann, du meinst, Steinheims Liebe sei unbemerkt geblieben? Glaub das ja

nicht! Hab’ ich dir je früherhin ein Wort gesagt? Und doch ist mir alles seit einem Jahr die

höchste Gewißheit, und ich kann euch gar nicht mehr in Gedanken trennen. Aber wie kannst du

glauben, daß unsre Mutter auf einen bloßen, auch noch so getreuen Schein sich über eine so

zarte Sache äußern sollte, oder Karl, dem die Ehre und der Anstand fast zu viel sind? Ich habe

oft und heimlich lachend den Kampf beider gesehn, wenn sie weder absichtlich störend noch

nachlässig erscheinen wollten. Glaub mir, könnte Steinheim dich vergessen oder übergehn, so

würden beide schweigen und sich fassen, aber ihr Glaube an die Menschen wär’ dahin, so gut wie

der deinige.«

»Aber auch heute, wo die Entscheidung so gar nahe gestellt ist«, versetzte Therese beklemmt,

»nicht das kleinste Zeichen in Miene oder Worten.«

»O Therese«, sagte Ledwina lächelnd, »ich sehe wohl, die Liebe macht die Leute dumm. Ist dir

dies Vermeiden seines Namens, dies behutsame, verräterische Umgehen des ganzen Besuches, der

doch bei weitem das Hauptsächlichste im Briefe war, nichts? Ich sage dir, Therese, ich wußte

von nichts, da ich in die Stube trat, aber ich bin zusammengefahren und habe in der höchsten

Spannung geharrt und geglaubt, jeder Laut werde das Geheimnis gebären, besonders im Gesichte

unsrer Mutter wogte ja die ganze offene See der Empfindungen.«

Therese hatte nach und nach das Haupt erhoben und sah nun peinlich hoffend auf Ledwina, wie

ein Kind auf den Vater, wenn es merkt, daß er ihm etwas schenken will. »Nun, ich will es so

denken, und ich kann auch nicht gut anderst«, sagte sie verschämt, »aber bitte, bitte, nun

nicht mehr davon reden!« Nach ein’gen Augenblicken fuhr sie wieder trübe fort: »Man muß sich

nicht so in eine Hoffnung eingraben, das Glück ist gar zu kugelrund.« Dann schwieg sie und

faßte die Schale und Teetopf, als wolle sie einschenken, sagte dann: »Ich komme gleich wieder«

und ging hinaus, denn sie zitterte so sehr, daß sie den Topf nicht hatte heben können.

Nach einer langen Weile trat sie wieder mit leisen Schritten herein und blickte weit

vorgebeugt mit angestrengter Sehkraft nach der Schwester hinüber, weil sie gedachte, sie

möchte schlummern, und es nicht wagte, ihr zu nahen um der frischen Abendluft willen, die aus

ihren Kleidern duftete, denn sie war im Freien gewesen, tief, tief im Gebüsche und hatte sich

einmal recht satt geweint und gesehnt, und nun war sie wieder still und sorgsam wie vorher,

denn diese süße, überteure Seele lebte ein doppeltes Leben, eins für sich, eins für andre,

wovon das erstere nur zum Kampf für das letztere vortrat, nur daß es statt des Schwertes die

Leidenspalme führte. So stand sie eine Weile, kein Vorhang rauschte, aber ein tiefer, schwerer

Atem zog hinüber und gab ihr mit der Gewißheit des Schlummers zugleich eine wehmütige Sorge.

Sie setzte sich ganz still in ein Fenster. Die Sonne ging unter, und ihre letzten Strahlen

standen auf einem Weidenbaum am jenseitigen Ufer. Der Abendwind regte seine Zweige, und so

traten sie aus dem Glanz und erschienen in ihrer natürlichen Farbe, dann bogen sie sich wieder

in die Goldglut zurück. Für Ledwinens krankes, überreiztes Gemüt hätte dies flimmernde

Naturspiel leicht zu einem finstern Bilde des Gefesseltseins in der sengenden Flamme, der man

immer vergeblich zu entrinnen strebt, da der Fuß in dem qualvollen Boden wurzelt, ausarten

können, aber Therese war es unbeschreiblich wohl geworden in Betrachtung des reinen wallenden

Himmelsgoldes und überhaupt der lieblichen gefärbten Landschaft, ihre Gedanken waren ein

leises und brünstiges Gebet geworden, und ihre Augen waren scharf auf den Abendglanz

gerichtet, als sei hier die Scheidewand zwischen Himmel und Erde dünner; es war ihr auch, als

zögen die Strahlen ihrer Seufzer mit hinauf, und sie legte das glühende Antlitz dicht an die

Scheibe, aber wie die Sonne nun ganz dahin war und auch der Abendhimmel begann, ihre Farbe zu

verleugnen, da sanken auch ihre Flügel, und sie ward wieder trüber und wußte nicht, warum. Das

Vieh zog langsam und brummend in den Hofraum, und zugleich stieg das Abendrot höher, und ein

frischer Wind trieb die rosenfarbne Herde auch nach dem Schlosse hinüber. »Nun wird es gut«,

sagte sie ziemlich laut, das Wetter meinend, und erschrak, daß sie der Schlummernden vergessen

hatte, aber eine unbeschreibliche Zuversicht umfing sie gleich, und diese unwillkürlichen,

ausgesprochnen Worte waren ihr wie durch Gottes Eingebung. Sie war von nun an völlig ruhig und

blieb es bis zu der Stunde, die ihr Schicksal entschied.

So haben auch die klarsten, sichersten Seelen ihre Augenblicke, wo der Glaube an eine

verborgene, geistige Abspiegelung aller Dinge ineinander, an das vielgeleugnete Orakel der

Natur sie mächtig berührt, und wer dem widerspricht, dessen Stunde ist noch nicht gekommen,

aber sie wird nicht ausbleiben, und wäre es die letzte.

Therese stand wie aus einem schönen Traum auf und schlich zum Lager Ledwinens. Unbeweglich, ja

fast starr lag die Schlafende, und ihr Antlitz war bleich wie Marmor, aber in ihrer Brust

arbeitete ein schweres, unruhiges Leben in tiefen Zügen. Therese sah sorgsam auf die Gegend

des Herzens und legte dann sachte die Hand darauf, die sich von den heftigen Schlägen hob.

Hätte sie nicht gewußt, daß plötzliches Erwecken bei der Schwester immer mit einem

erschütternden Schrecken verbunden sei, sie hätte sie nicht dieser angstvollen, betäubenden

Ruhe überlassen, aber nun blickte sie noch einmal sorgenvoll auf die Schlafende, segnete sie

zum ersten Male in ihrem Leben, zog die Vorhänge des Bettes weit los, schloß die der Fenster

und ging dann sachte und wehmütig zurückblickend hinaus mit dem Vorsatz, späterhin noch einmal

nachzusehn.

*

Es war tief in der Nacht, als Ledwina aus ihrem langen Schlummer erwachte. Sie hatte äußerlich

tief geruht, und Therese war unbemerkt vor ein’gen Stunden noch einmal an ihrem Lager gewesen,

wo sie die Schwester, die ihr nun erleichtert schien, beruhigt verlassen hatte. Aber in

Ledwinens Innrem hatte sich eine grauenvolle Traumwelt aufgeschlossen, und es war ihr, als

gehe sie zu Fuße mit einer großen Gesellschaft, worunter alle die Ihrigen und eine Menge

Bekannter waren, um einer theatralischen Vorstellung beizuwohnen. Es war sehr finster, und die

ganze Gesellschaft trug Fackeln, was einen gelben Brandschein auf alles warf, besonders

erschienen die Gesichter übel verändert. Ledwinens Führer, ein alter, aber unbedeutender

Bekannter, war sehr sorgsam und warnte sie vor jedem Stein. »Jetzt sind wir auf dem Kirchhof«,

sagte er, »nehmen Sie sich in acht, es sind ein’ge frische Gräber.« Zugleich flammten alle

Fackeln hoch auf, und Ledwinen wurde ein großer Kirchhof mit einer zahllosen Menge weißer

Leichensteine und schwarzer Grabhügel sichtbar, die nun regelmäßig eins ums andre wechselten,

daß ihr das Ganze wie ein Schachbrett vorkam und sie laut lachte, als ihr plötzlich einfiel,

daß hier ja ihr Liebstes auf der Welt begraben liege. Sie wußte keinen Namen und hatte keine

genauere Form dafür als überhaupt die menschliche, aber es war gewiß ihr Liebstes, und sie riß

sich mit einem furchtbar zerrißnen Angstgewimmer los und begann zwischen den Gräbern zu suchen

und mit einem kleinen Spaden die Erde hier und dort aufzugraben. Nun war sie plötzlich die

Zuschauende und sah ihre eigne Gestalt totenbleich mit wild im Winde flatternden Haaren an den

Gräbern wühlen, mit einem Ausdrucke in den verstörten Zügen, der sie mit Entsetzen füllte. Nun

war sie wieder die Suchende selber. Sie legte sich über die Leichensteine, um die Inschriften

zu lesen, und konnte keine herausbringen, aber das sah sie, keiner war der rechte. Vor den

Erdhügeln fing sie an sich zu hüten, denn der Gedanke des Einsinkens begann sich zu erzeugen;

dennoch ward sie im Zwang des Traumes zu einem wie hingestoßen, und kaum betrat sie ihn, so

stürzte er zusammen. Sie fühlte ordentlich den Schwung im Fallen und hörte die Bretter des

Sarges krachend brechen, in dem sie jetzt neben einem Gerippe lag. Ach, es war ja ihr

Liebstes, das wußte sie sogleich; sie umfaßte es fester, wie wir Gedanken fassen können, dann

richtete sie sich auf und suchte in dem grinsenden Totenkopfe nach Zügen, für die sie selbst

keine Norm hatte. Es war aber nichts, und zudem konnte sie nicht recht sehen, denn es fielen

Schneeflocken, obschon die Luft schwül war. Übrigens war es jetzt am Tage. Sie faßte eine der

noch frischen Totenhände, die vom Gerippe losließ. Das schreckte sie gar nicht. Sie preßte die

Hand glühend an ihre Lippen, legte sie dann an die vorige Stelle und drückte das Gesicht fest

ein in den modrichten Staub. Nach einer Weile sah sie auf; es war wieder Nacht, und ihr

voriger Begleiter stand sehr hoch am Grabe mit einer Laterne und bat sie mitzugehn. Sie

antwortete, sie werde nur hier liegen bleiben, bis sie tot sei; er möge gehn und die Laterne

dalassen, was er auch sogleich tat, und sie sah wieder eine Weile nichts als das Gerippe, dem

sie mit einer herzzerreißenden Zärtlichkeit liebkoste. Plötzlich stand ein Kind neben dem

Grabe mit einem Korb voll Blumen und Früchten, und sie besann sich, daß es eins derer sei, die

im Theater Erfrischungen umherbieten. Sie kaufte ihm seine Blumen ab, um den Toten damit zu

schmücken, wobei sie ganz ordentlich und ruhig die Früchte auslas und zurückgab. Da sie den

Korb umschüttete, wurden der Blumen so viele, daß sie das ganze Grab füllten. Des freute sie

sich sehr, und wie ihr Blut milder floß, formte sich die Idee, als könne sie den verweseten

Leib wieder aus Blumen zusammensetzen, daß er lebe und mit ihr gehe.

Über dem Aussuchen und Ordnen der Blumen erwachte sie, und, wie bei Träumen immer nur der

allerletzte Eindruck in das wache Leben übergeht, ziemlich frei, aber ihr war unerträglich

heiß. Sie richtete sich auf und sah noch etwas verstört im Zimmer umher. Das Mondlicht stand

auf den Vorhängen eines der Fenster, und da der Fluß unter ihm zog, schienen sie zu wallen wie

das Gewässer. Der Schatten fiel auf ihr Bett und teilte der weißen Decke dieselbe Eigenschaft

mit, daß sie sich wie unter Wasser vorkam.

Sie betrachtete dies eine Weile, und es wurde ihr je länger je grauenhafter; die Idee einer

Ondine ward zu der einer im Fluß versunknen Leiche, die das Wasser langsam zerfrißt, während

die trostlosen Eltern vergebens ihre Netze in das unzugängliche Reich des Elementes senden.

Ihr ward so schauerlich, daß sie sich nach ein’gen Skrupeln wegen der Glut in ihrem Körper

entschloß, aufzustehn und die Vorhänge loszuziehn. Die Nacht war überaus schön, der Mond stand

klar im tiefen Blau, die Wolken lagerten dunkel am Horizont in einer schweren getürmten Masse,

und der Donner hallte leise und doch mächtig herüber, wie das Gebrüll des Löwen.

Ledwina blickte lüstern durch die Scheiben, das graue Silberlicht lag wie ein feenhaftes

Geheimnis auf der Landschaft, und dünne, matte Schimmer wogten über die Gräser und Kräuter wie

feine Fäden, als bleichten die Elfen ihre duftigen Schleier. Am Flusse war die Luft ganz

still, denn die Weiden standen wie versteint, und kein Hauch bog die gesträubten Haare, aber

in der Ferne schüttelten sich die Pappeln und hielten dem Mondlicht die weißen Flächen

entgegen, daß sie schimmerten wie die silbernen Alleen in Träumen und Märchen. Ledwina sah und

sah, und ihr Fuß wurzelte immer fester an der lockenden Stelle, und bald stand sie, halb

unwillkürlich, halb mit leisen Vorwürfen, in ein dichtes Tuch gehüllt am offenen Fenster. Sie

schauderte linde zusammen vor der sehr frischen Luft und der geisterhaften Szene. Ihre Blicke

fielen auf das klare Licht über sich und das sanfte Licht unter sich im Strom, dann auf den

finstren lauernden Hintergrund, und das Ganze kam ihr vor wie der stolze und wilde Seegruß

zwei erleuchteter Fürstengondeln, indes das Volk gepreßt und wogend in der Ferne steht und

sein dumpfes Gemurmel über das Wasser hallt.

Da erschien fern am Strome noch ein drittes Licht, aber ein hüpfendes, trübes Flämmchen, wie

ein dunstiges Meteor, und sie wußte nicht, war es wirklich ein Irrlicht oder ward es von

Menschenhänden getragen, mehr zur Gesellschaft als zum Führer in der täuschenden Nachthelle.

Sie richtete die Blicke fest darauf, wie es langsam herantanzte, und sein unausgesetztes

Nähern bürgte für die letztere Meinung. Sie war so verloren in fremde Reiche, daß sie sich den

Wandrer als einen grauen Zaubermeister bildete, der in der Mondnacht die geheimnisvollen

Kräuter in den feuchten Heidgründen sucht. Wirklich gab es viele Beschwörer, sogenannte

Besprecher, in jener Gegend, wie überhaupt in allen flachen Ländern, wo Menschen die schwere

neblichte Luft mit der Schwermut und eine gewisse krankhafte Tiefe, den Geisterglauben,

einatmen; diese Zaubrer, meistens angeseßne, geachtete alte Leute, sind mit seltnen Ausnahmen

so truglos wie ihre Kinder, so wie sie auch das unheimliche Werk fast nie als Erwerb, sondern

meistens als ein zufällig erobertes, aber teures Arkanum in nachbarlichen Liebesdiensten

ausüben. Sie halten sonach auch vor sich selber streng auf alle die kleinen Umstände, die

dergleichen Dingen selbst bei völlig Ungläubigen etwas Schauderhaftes leihn, als das starre

Stillschweigen, das Pflücken der Kräuter oder Zweige im Vollmond oder in einer bestimmten

Nacht des Jahres usw., und so wär’ es nichts so Unmögliches gewesen, auf einer nächtlichen

Wanderung dergleichen unheimlichen Gefährten zu finden, aber das Flämmchen hüpfte näher, und

bald ward es Ledwinen kenntlich als der brennende Docht einer Laterne, die ein Mann trug,

indes eine Gestalt zu Pferde ihm folgte. Sie besann sich, daß es wohl ein nächtlich Reisender

sei, den ein Wegeskundiger an den trügerischen Buchten des Stromes vorüberleite. Das Feenreich

war zerstört, aber ein menschliches Gefühl der tiefsten Wehmut ergriff sie um den Unbekannten,

mit dem sie eine schöne Nacht erlebte, und der doch achtlos an ihr vorüberzog wie an den

Steinen des Weges und wußte nichts von ihr, wenn er einst ihren Tod las in den Blättern der

Zeitungen. Jetzt war er dem Schlosse gegenüber, wo der Fußsteig mit Steinen gepflastert war,

ein langsamer Hufschlag schallte zu ihr hinauf, und sie strengte ihre Sehkraft an, um eine

leichte Form festzuhalten von der flüchtigen Erscheinung.

Plötzlich zog eine Wolke, die die Verschwörung am Horizont als Herold aussandte, über den

Mond; es ward ganz finster, und zugleich schlug ein schwerer, klatschender Fall an ihr Ohr,

ihm folgte ein heftiges Plätschern und der laute Angstruf einer männlichen Stimme. Ledwina

sprang aus einem fürchterlichen Schrecken vom Fenster zurück und wollte nach Hülfe eilen, aber

ihre Knie trugen sie nur bis in die Mitte des Zimmers, wo sie zusammenbrach, doch ohne die

Besinnung zu verlieren. Sie schrie nun im höchsten Entsetzen anhaltend, fast über ihre Stimme,

und nach einer Minute war ihre Mutter, ihre Schwester und fast das ganze weibliche Personale

um sie versammelt. Man hob sie auf, trug sie ins Bett und meinte, sie rede irre, da sie

beständig und angstvoll rief: »Macht das Fenster auf! – im Flusse – er liegt im Flusse«, und

sich loszureißen strebte. Marie, die vor Schrecken hell weinte, war jedoch die erste, die den

Ruf vom Flusse her durch das laute Gewirr unterschied. Man riß das Fenster auf, und bald zogen

die Domestiken des Schlosses, noch ganz betäubt und mit Stangen und Haken an das Ufer. Den

Reisenden hatte sein rasches Pferd aus den Wellen getragen, in die er dem Irrlichte in der

Hand seines Führers gefolgt war, da er sehr dicht hinter ihm trabte. Er stand triefend neben

seinem schnaubenden Tiere und wollte eben in der Angst von neuem in den Strom, das

fortschwimmende Menschenleben zu retten, da ihm das fremde Land sonst keine Hülfe zu bieten

wußte.

Therese stand händeringend am Fenster und horchte auf Laute der Suchenden durch den Sturm, der

nun mit einer fürchterlichen Heftigkeit losgebrochen war, der Donner rollte sonder Aufhören,

das Wasser tanzte in greulicher Lust über der gefallnen Beute und warf sprühnden Schaum in die

Augen derer, die sie ihm zu entreißen suchten. Der Fremde stand am Ufer, bebend vor Frost. Er

wollte nicht ins Schloß, aber mit einem Kahn in die empörten Wogen. »Wollen Sie sich selbst

ums Leben helfen?« sagte der alte Verwalter. »Mich dünkt, an einem ist es genug.« – »O Gott!«

rief der Fremde schmerzlich, »ich habe ihn so beredet; er wollte nicht von seiner alten

Mutter, die sich vor dem Gewitter fürchtet. Um Gottes willen, einen Kahn, einen Kahn!« –

»Einen Kahn können Sie nicht kriegen, wir haben keinen«, sagte der Verwalter. Der Fremde hielt

ihm eine Laterne hoch vors Gesicht, und wie er ihm in dem falschen Schein zu lachen schien,

faßte er ihn wie wütend an die Brust und rief: »Einen Kahn, oder ich werfe dich auch ins

Wasser.« Der Verwalter blickte ihn fest an und sagte: »Wir haben keinen.« Der Fremde sprach

sehr zweifelnd und verwirrt: »Wie seid Ihr denn hergekommen?« – »Über die Brücke dort«,

versetzte der Verwalter. »Eine Brücke«, sagte der Fremde wie gelähmt, ließ ihn los und

gesellte sich in höchster Angst zu den Suchenden. »Hier habe ich etwas«, rief einer und warf

ein weißes Ding ans Ufer, was man als die Mütze des Verlornen erkannte. Man suchte hier

emsiger, aber die Haken fuhren vergebens durch das schäumende Wasser. »Wir finden ihn nicht«,

rief ein andrer, ermattet in der frucht- und fast zwecklosen Arbeit, »das Wetter ist zu toll.«

– »Das Wasser gibt ihn auch nicht her«, rief wieder einer, »es hat in diesem Jahr noch kein

Menschenfleisch gehabt.« – »Nicht?« versetzte ein andrer, und der Fremde sah mit Schrecken,

wie nach dieser Bemerkung aller Eifer sichtbar erlosch. Er bot Geld über Geld, und man fuhr

ihm zu Gefallen fort zu suchen, aber so mutlos, daß man bald nur noch zum Anschein mit den

Stangen und Haken ins Wasser klatschte.

Therese hatte indessen das Fenster nicht verlassen. »Ich höre nichts«, sagte sie jammernd zu

Ledwina gewandt, die sie zum Schrecken halb angekleidet und im Begriff aus dem Bette zu

steigen sah. Sie schloß das Fenster schnell und drängte die zitternde Schwester in das Bett

zurück, worin sich diese jedoch bald ergab mit dem Beding der schnellsten Mitteilung aller

Nachrichten. Therese versprach alles und meinte mit ihrem Gewissen wohl auszukommen. Sie hatte

sich mit großer Kraft gefaßt und redete jetzt viel Tröstliches, geistlich und irdisch, zu

Ledwina, daß diese endlich ganz stille ward und in der höchsten Ermattung wieder einschlief.

Dann ging sie, um ein warmes Zimmer und Bette für den Fremden zu besorgen, der endlich nach

mehrern Stunden durch und durch erfroren und innerlich bebend einzog. Dann legte sie sich

selbst nieder, ob der Morgen ihr vielleicht noch ein’ge Erholung schenken wolle, da der Tag

sie wieder in ihrer ganzen Kraft forderte, nachdem sie eine Zofe neben Ledwinens Gemach

gebettet hatte.

*

Es hatte sieben geschlagen, als Minchen auf den Zehen in die Kammer schlich und das Fräulein

ihr schon völlig gekleidet entgegentrat.

»Was gibt’s, Minchen?« sagte sie bewegt und heftete die letzte Nadel. »Der fremde Herr ist

ganz munter«, antwortete das Mädchen. »Aber der Bote?« fragte Ledwina. »Das weiß Gott«,

versetzte Minchen, und beide schwiegen. »Man brauch sich nicht viel Gutes zu denken«, sagte

Minchen dann und fing bitterlich an zu weinen. Ledwina sah starr vor sich nieder und fragte:

»Weiß man nicht, wer es gewesen ist?« »Freilich wohl«, versetzte das schluchzende Mädchen, »es

ist ja der Klemens von der alten Lisbeth; o mein Gott, was soll sich das arme alte Mensch

haben!« und weinte ganz laut. Ledwina setzte sich auf das Bett und legte das Gesicht in die

weißen Kissen, dann erhob sie sich schneeweiß und sagte: »Ja, Gott muß es wissen«, nahm ihr

Schnupftuch vom Tische und ging langsam hinaus. Im Wohnzimmer war alles um das Frühstück

versammelt, da Ledwina hereintrat. Der fast zu blendend schöne Fremde stand auf und verbeugte

sich. Karl sagte vornehm und höflich: »Das ist meine älteste Schwester«, und zu Ledwinen: »Der

Graf Hollberg.« Man saß wieder um den spendenden Tisch, und das Gespräch ging etwas gedrückt

fort über allerhand Göttinger Vorfälle, als einzig bekanntem Berührungspunkt der beiden.

»Fräulein Marie, nehmen Sie sich in acht«, sagte der Fremde ernst aus dem Gespräche zu Marien

gewandt, die ein geöffnetes Federmesser wiederholt an den Mund hielt, um den Stahl zu prüfen.

Marie ward rot und legte das Messer hin.

»Ganz recht, Marie heißt sie«, sagte die Frau von Brenkfeld höflich lächelnd.

»Ich glaube, ich werde Sie alle zu nennen wissen«, versetzte der Graf lebhaft und sandte die

leuchtenden Augen durch den Kreis, »Steinheim ist ein getreuer Maler; glauben Sie wohl, daß

ich Sie sämtlich sogleich wiedererkannte?«

»Sie haben Steinheim viel gesehn«, sagte Karl.

»O sehr«, versetzte Hollberg rasch, »in dem letzten Jahre täglich oder vielmehr fast den

ganzen Tag. Ich habe sogar ihm zu Gefallen ein mir sonst ganz unnötiges Kollegium mitgehört.«

Karl lachte ganz trocken.

»Solange Sie dort waren«, fuhr der Graf fort, »konnte man freilich nicht so recht an ihn

kommen, denn sein Herz ist wohl für mehrere Abwesende, aber immer nur für einen Gegenwärtigen

offen. Ich hatte keinen Vorwand, ihn zu besuchen, und auf unsern Commercen erschien er gar

nicht. Aber jetzt«, fuhr er mit einem blitzenden raschen Blicke fort, »jetzt glaube ich, weder

mich noch andre zu täuschen, wenn ich sage, wir haben uns beide sehr lieb.« – »Ich habe ihn

gleich so liebgewonnen, seit ich ihn zuerst in der Bibliothek traf. Er saß am Fenster und las

im ›Kaufmann von Venedig‹ von Shakespeare, ein Stück, was mich damals verkehrterweise nicht so

ansprach wie die übrigen Werke dieses Riesen; denn«, fuhr er kindlich lachend fort, »ich muß

leider immer eine kurze Weile die Livree der Zeit tragen, und so glänzte ich damals in der

wildromantischen, donnergrau mir Schlangen und Dämonen gestickt; ich mag mich herrlich

ausgenommen haben!«

Er blickte vergnügt umher und in das verlegne Gesicht der Frau von Brenkfeld, die durchaus

keine Antwort hierauf wußte, er nickte dann freundlich und sagte: »Ja gewiß, meine gnädige

Frau, in N. ist einmal eine Staatslivree gewesen, da legten die Leute den Kopf beiseite, zogen

herdeweis in die Wälder und suchten statt der Pilze Offenbarungen aus der Geisterwelt, da bin

ich mit beigewesen, und deshalb stand mir auch der ›Kaufmann von Venedig‹ nicht an, da gibt’s

nicht den mindesten Schauer. Ich machte mich also an den Lesenden und wollte recht mit meinem

Urteile glänzen, aber ein spanisches Sprichwort sagt: Mancher geht aus zu scheren und kommt

selber kahl wieder; nun sagen Sie mir, meine beste gnädige Frau, wie kann man bei sonst

unbestechlichem Verstande von Zeit zu Zeit so komplett irrsinnig sein?«

Karl suchte sich mit Lachen auszuhelfen und sagte: »Steinheim schreibt recht fleißig von

Ihnen. »Wissen Sie auch, wie ich heiße?« sagte die Frau von Brenkfeld in Verlegenheit, das

Ungehörige ihrer Frage nicht bedenkend. Der Fremde ward rot und sagte: »Sie meinen, gnädige

Frau?« Dann sah er nieder und sagte mit bescheidener Stimme: »Feiern Sie nicht Ihr Namensfest

am 19. November?« – »Ganz recht«, versetzte Frau von Brenkfeld, »ich heiße Elisabeth.« – »Die

drei Fräulein«, fuhr der Graf fort, »werden sich Fräulein Therese und Marie nennen. Der Name

der dritten ist nur schwer zu behalten, und ich fürchte, ihn zu verfehlen; es muß beinah wie

Lidwina oder Ledwina klingen.« – »Völlig wie das letztere«, sagte die Mutter und blickte auf

Ledwina, und der Graf neigte lächelnd und freundlich gegen sie, die es jedoch nicht bemerkte,

da sie eben an die Freude Theresens dachte, der sie so gern diesen milden Öl in die, wie sie

meinte, noch wogende See gegönnt hätte.

»Können Sie mir nicht sagen«, sagte Karl, »wann Steinheim hieher kommen wird?« – »Gewiß so

bald wie möglich«, versetzte der Graf mit einem langen, sprechenden Blicke. Karl zog die

Lippen und sagte: »Ich habe eine kleine Reise vor, so möchten wir uns verfehlen, aber ich

schiebe oder gebe sie auf, nachdem es fällt.« »Eine Reise, wohin?« fragte Ledwina verwundert,

und Karl versetzte kurz und verdrießlich: »Auf den Harz vielleicht«, und dann zum Grafen: »Wir

hofften Sie zugleich hier zu sehn.« Der Graf sagte freundlich, indem er die schwarzen Locken

aus der breiten Stirne schüttelte: »Sehn Sie, wie gut Steinheim es mit mir meint; aber ich muß

selbst wissen, was ich wagen darf. Wenn Sie mir nun den Stuhl vor die Tür gesetzt hätten –«

Die Frau von Brenkfeld wollte höflich einfallen, aber der Graf fuhr fort: »Mir ist eine liebe

Freude verdorben: ich wollte meine Schwester zu ihrem Geburtstage überraschen; daher der

unglückliche Gedanke, die schöne Nacht zu Hülfe zu nehmen.« Dann wurde er plötzlich finster,

stand auf und ging hinaus.

»Wie gefällt dir der?« sagte Frau von Brenkfeld, wie aus tiefer Beklemmung aufschauend, zu

Ledwina. Diese schüttelte seltsam lächelnd das Haupt und sagte: »Ich weiß noch nicht, aber

ganz eigen.« »Er hat etwas Kindisches«, fiel Karl ein, »aber das bringt seine Krankheit mit

sich.« – »Ist er krank?« sprach Ledwina gespannt, »er sieht ja ganz frisch aus, beinah zu

frisch.« – »Ach Gott, was wollte er frisch aussehn«, versetzte Karl, »es hat mich recht

erschreckt, wie ich ihn sah. Bei meinem Aufenthalt zu Göttingen war er immer leichenblaß; er

hat deshalb lange Pallidus geheißen, bis die Sache sich endlich nicht mehr für den Scherz

eignete, aber jetzt –« Karl schwieg ernst und fuhr dann fort: »Ich denke, wie wir einmal einen

guten Commerce in Ulrichs Garten hatten und, da mehrere aus uns Sträuße wilder Blumen im Gehn

pflückten, einer endlich die Frage aufwarf, was eigentlich die sogenannte Totenblume sei, da

viele die dunkelrote Klatschrose, andere den hellroten Widerstorz und noch andre nur gelbe,

hohe Blumen so nennen; wie er da so wehmütig sagte: ›Mir scheint die hellrote diesen Namen vor

allen zu verdienen, das Hellrot ist doch die rechte Totenfarbe. Lieber Gott, wie schön können

die Totenblumen blühen, so kurz vor dem Abfallen!‹ Dann blieb er zurück und war den ganzen

Abend still, denn sein Vater hat mit der schönen, geistreichen Mutter, gegen den Willen aller

Verwandten, die Auszehrung in die Familie geschleppt.«

»Das finde ich wahrhaft schlecht, du wählst harte Ausdrücke, Karl«, sagte Therese, die seit

den letzten Minuten wieder gegenwärtig war, »es ist wahrhaft genug Schlechtes in der Welt, man

brauch mit dem Worte nicht so zu wuchern.« Karl sagte beleidigt und deshalb kalt: »Vielleicht

kann ich es nach seiner Persönlichkeit auch verrückt nennen; ich müßte dann annehmen, daß er

in einer fixen Idee sie für gesund hielt. Mich mindestens würde die heftigste Leidenschaft

nicht verleiten, mein ganzes Geschlecht wissentlich zu vergiften.« Therese, die Hollberg aus

begreiflichen Gründen sehr wohlwollte, sagte diesmal rasch und ganz unüberlegt: »Wenn er aber

nun außerdem gar nicht lieben und deshalb auch nicht heiraten kann?« Karl blieb stehen, sah

sie spöttisch an, klopfte dann mit dem Finger sacht an ihre Stirn und sagte mit Nachdruck: »O,

du blinde Welt, wie stolperst du im Dunkeln!« Therese bog die Stirn unwillig zurück, aber sie

sagte nichts, denn es ärgerte sie unglaublich, grade jetzt etwas Albernes gesagt zu haben,

noch mehr Ledwina, die im Grunde die Schwester nicht allein an Herz und Gemüt reicher, sondern

auch in ihrer klaren Umsicht im ganzen für klüger hielt als den kenntnisreichen, kräftigen,

aber in seinem oft übertriebenen Selbstgefühl beschränkten Bruder. »Dem sei, wie ihm wolle«,

fuhr Karl ernst fort, »genug, die ganze Familie ist vor lauter Geist und Schwächlichkeit

ausgebrannt wie ein Meteor, bis auf ihn und eine Schwester, denen die Totenblumen auch bereits

auf den Wangen stehn. Der arme Junge hat feine Bemerkungen genug machen können. Ihm ist der

Tod schon oft recht hart ans Herz gefallen, und jetzt sitzt er ihm gar mittendrin.«

Es pochte an die Tür, und ein Ackerknecht trat auf den Socken herein. »Ihr Gnaden«, hub er an,

»der fremde Herr frägt nach Leuten im Dorfe, die ihm für Geld und gute Worte den Klemens

suchen sollen. Wenn das so sein soll, dann muß das geschehn, aber finden tun sie ihn nicht,

das Wasser ist zu lang, der mag schon wohl zehn Stunden weit sein.« – »Ich will mit dem

fremden Herrn sprechen«, sagte die Frau von Brenkfeld, »geht nur«, und wie der Knecht hinaus

war, sah sie ihre Kinder schweigend an und sagte dann: »Die entsetzliche Unruhe! Ich glaube,

wir vertragen uns nicht lange.« Dann ging sie hinaus, dem Grafen Vorstellungen zu machen.

Karl sah ihr nach und sagte dann peinlich lachend: »Es freut mich nur, daß dieser Aufenthalt

nicht mir gilt, ich habe das alles gefürchtet. Hollberg ist doch sein ganzes Leben verwöhnt

worden. Es waren wohl unsrer viere, denen er gefiel. Wir hatten uns vorgenommen, einen

ordentlichen flotten Suitier aus ihm zu machen. Er gab sich auch recht gut zu allem, aber

mitten im besten Commerce konnte ihn plötzlich etwas meistens ganz Unbedeutendes so tief und

seltsam ergreifen, daß er uns die ganze Lust verdarb mit seiner wunderlichen Stimmung; das ist

zuweilen interessant, aber immer ungeheuer unbequem, zudem konnte er nie einen rechten Begriff

vom Studentenleben fassen und blieb bei Zusammenkünften fein wie unter Philistern, bei

Ehrenpunkten arglos und zutraulich wie unter Brüdern und hätte können die ärgsten Händel

haben, aber jeder kannte und schonte ihn.« – »So ward er wohl sehr geliebt?« fragte Therese.

»O doch«, versetzte Karl, indem er seinen verlegten Tabaksbeutel in der Stube umsonst suchte,

»zudem ist zugleich arglos und nobel sein wohl der sicherste Weg zu allgemeiner

Berücksichtigung, es gibt so etwas Prinzenhaftes.«

Therese wandte sich zu Ledwine: »Es ist doch etwas Eigenes um das angeborene Vornehme.« – »Es

darf viel wagen«, versetzte Ledwina, »solange es nur an äußeren Formen, die das innre

Ehrgefühl gar nicht nennt, und auch die nur arglos verletzt.« – »Jawohl«, sagte Therese, »dann

ist es mir aber auch lieber als Schönheit; – nicht allein beim Manne«, fuhr sie freundlich

sinnend fort, »auch für mich selber würde es meine Wahl treffen.« – »O, freilich«, versetzte

Ledwina, und Karl, der wieder zu ihnen trat, sagte: »Ich möchte mich indessen nicht so

berücksichtigt sehen; es erinnert doch immer etwas an die Achtung für die Frauen.« Therese sah

unwillig auf; dann begann sie erst leise, dann immer herzlicher zu lachen. »Es ist doch

häßlich«, sagte sie, sich vergebens zu bezwingen suchend, »daß man so albern lachen muß.«

Die Mutter trat mit dem Grafen herein. »Sie sehn das wohl ein«, sagte sie eben. – »Ganz

gewiß«, versetzte derselbe und sah glühend um sich, »die gnädige Frau haben zu befehlen, es

ist mir nur um der Mutter willen.« – »Die Mutter«, sagte Frau von Brenkfeld, »wird den Anblick

der Leiche nach einigen Tagen vielleicht besser ertragen wie jetzt, wenigstens hoffe ich es.«

– »Ich glaube es nicht«, erwiderte der Graf bewegt, »sie kann sich nicht trösten, sie hat ja

nichts gehabt wie den Sohn.« Frau von Brenkfeld sprach ernst: »Sie irren; wir alle dürfen

nicht bestimmen, wieviel ein wahrhaft christliches und starkes Gemüt aus den niedern Ständen,

vor allem eine Frau, zu tragen vermag, so wenig wir die ununterbrochne Kette von Sorgen und

Entsagungen ahnden, aus denen ihr Leben fast immer besteht; glauben Sie mir, was man so sieht,

ist nichts.« Der Graf hob das brennende Antlitz und sagte: »Wie, meine gnädige Frau? Ach,

verzeihn Sie!« Er schwieg ein’ge Sekunden wie betrübt, dann fuhr er fort: »Denken Sie, wie ihn

das Wasser zurichten wird. Die alte Frau geht gewiß immer an den Strom, bis er ihn ausgespien

hat, und dann kennt sie ihn nicht.« Er stand hastig auf, sagte nochmals »Verzeihn Sie« und

ging hinaus.

Die Frau von Brenkfeld sah ihm verwundert nach und sagte dann: »Ist das Krankheit oder

Eigensinn?« – »Beides«, entgegnete Karl phlegmatisch, und so ging das Gespräch fort zwischen

Menschen, die man gut nennen mußte, in scharfen Strichen, oft ungerecht, immer verfehlt, über

ein Gemüt, das man nicht leise genug hätte berühren können und das bei der durchsichtigsten

Klarheit dennoch an ewig mißverstandenen Gefühlen verglühen mußte.

Frau von Brenkfeld sagte eben: »Ich sehe täglich mehr ein, wie dankbar ich Gott dafür sein

muß, daß ich zwischen sieben Schwestern geboren bin, und zwar so recht mitten in, weder die

älteste noch die jüngeste«, als Marie angstvoll hereineilend rief: »O Mutter, der Graf sitzt

auf den Altan und ist schneeweiß.« – »Mein Gott«, sagte Frau von Brenkfeld, »sollte ihm unwohl

werden?« – »Jawohl«, versetzte Marie, »er hat den Kopf auf den steinernen Tisch gelegt und sah

mich gar nicht.«

Man eilte hinaus, der Graf wollte noch mit einigen mühsamen, verwirrten Worten seine offenbare

Schwäche verleugnen, aber die Sinne schienen ihn immer mehr zu verlassen, und bald ließ er

sich geduldig und unter Anstrengung seiner letzten Besinnung, noch etwas Beruhigendes zu

sagen, zu seiner Stube mehr tragen als führen. Nach einer halben Stunde zeigte sich

entschieden ein heftiges Fieber, und der Vormittag verging unter angstvoller Erwartung des

Hausarztes, nach dem man sofort geschickt hatte.

*

»Was sagen Sie zu dem Kranken?« fragte Frau von Brenkfeld den wieder Hereintretenden. Der

Doktor Toppmann langte langsam seinen Hut vom Spiegeltische neben den Blumentöpfen, und putzt

bedächtlich ein wenig Blütenstaub mit dem Ärmel herab. Dazu sagte er: »Nicht viel; ich kenne

seine Konstitution zu wenig, und ich kann nicht mit ihm sprechen, da er ganz irre ist.« –

»Mein Gott, seit wann?« rief Frau von Brenkfeld; »davon weiß ich ja nichts.« – »Es soll auch

früher nicht gewesen sein«, entgegnete der Doktor, »erst seit er jetzt erwacht ist.« – »Das

ist ja höchst traurig«, versetzte Frau von Brenkfeld heftig, »er wird doch, um Gottes willen,

nicht gar sterben können?« Der Doktor Toppmann schnitt seine seltsamsten Gesichter und sagte:

»Wir können alle sterben; übrigens muß man so etwas nicht eher denken, bis das Gegenteil

unmöglich ist.« – »Keineswegs«, fiel Therese ein, »ich bitte sehr, täuschen Sie uns hierin

nicht.« Toppmann kniff das linke Auge zu und fragte: »Warum denn das?« – »Man ist doch

sorgsamer«, versetzte Therese; »man weiß doch auf jeden Fall, was man zu tun hat.« – »Was hat

man denn zu tun?« fragte Toppmann. »Ach Gott«, entgegnete Therese, »wir haben noch tausend

andre Gründe, bleiben Sie doch bei der Sache!« Toppmann schwieg ein Weilchen, dann sagte er

ernst und zu allen Anwesenden gewandt: »Ich weiß, Sie werden nichts versäumen, was in Ihren

Kräften und Wissen steht; deshalb halten Sie die Stube kühl, aber vor allem ohne Zugwind, und

sorgen Sie ja, daß die Arznei ordentlich genommen wird; auch darf der Patient vorerst nicht

allein gelassen werden. Morgen früh komme ich wieder, wenn nichts Besonderes früherhin

vorfällt.« Er machte eine Verbeugung und wollte fortgehn, dann wandte er sich um und sagte:

»Notabene, nähern Sie sich ihm nicht mehr als unumgänglich nötig, die Sache könnte leicht

nervös sein.« Er verbeugte sich nochmals und ging hinaus.

Karl sagte: »Ich glaube, ich kann mich gelegentlich noch jedes Worts erinnern, was ich den

Toppmann mein lebelang habe reden hören, das macht das unvergeßliche Mienenspiel, dem die

Worte wie angegossen sind, oder vielmehr umgekehrt.« – »Er redet wohl auch überall sehr

wenig«, versetzte die Mutter, »heute war er nach seiner Art recht los.« – »Therese hat ihn

auch ehrlich geschraubt«, entgegnete Karl und sah nach Theresen, die eben mit den Zeichen der

äußersten Unruhe das Zimmer verließ. Karl fuhr fort: »Ich habe mir mal eine Sammlung von den

verschiedenen Abarten seines Grundgesichts machen wollen, vorzeiten, eh ich nach Göttingen

ging, und machte deshalb einen Strich auf ein dazu bestimmtes Papier, sooft ich etwas Neues zu

entdecken glaubte, verwirrte mich jedoch dermaßen, daß ich es nur bis auf etwa vierzig bringen

konnte, und ich muß gestehn, daß dies scharfe Merken auf allerhand Verzerrungen in Phantasie

und Wirklichkeit, dem ich mich hiedurch nach und nach mit wahrer Leidenschaft ergab, mir

endlich anfing eine Schwäche und solche dumpfe Zersteutheit zuzuziehn, daß ich dies für eine

der gefährlichsten Beschäftigungen halte. Ich begreife nur nicht, wie die Karikaturmaler vor

dem Tollhause vorbeikommen.«

»Es ist eine alte Erfahrung«, versetzte Frau von Brenkfeld, »daß dergleichen Künstler, die

Satiriker in Literatur und Leben und die berühmtesten Buffonen der Theater mit eingerechnet,

gewöhnlich mindestens sehr hypochondrisch sind.«

Ledwina hatte sich unter diesen Gesprächen leise hinaus und ins Freie geschlichen, um einen

sie überwältigenden so körperlichen als geistigen Druck zu verhehlen, vielleicht zu lindern.

Es zog sie gewaltsam zu dem Ufer des Flusses, als sei noch etwas zu retten, und tausend

wunderbare Möglichkeiten, die nur für sie so heißen konnten, tanzten in greulichen Bildern um

ihr brennendes Haupt. Bald sah sie den Verlornen, wie ein Dornstrauch das blasse Gesicht noch

an einem Teile seines Haares über dem Wasser erhielt, während der andere vom Haupte gerissen

an den schwankenden Zweigen des Strauchs wehte; seine blutenden Glieder wurden in grausamem

Takte von den Wellen an das steinichte Ufer geschleudert. Er lebte noch, aber seine Kräfte

waren hin, und er mußte harren in gräßlicher Todesangst, bis der Wellenstoß das letzte Haar

zerrissen. Bald ein anderes gleich gräßliches und angstvolles Gesicht. Sie schmiegte sich

leise an der Mauer her unter dem Fenster, wo ihre Mutter saß, aber die sah weder auf noch um

sich, sondern redete rasch und angelegentlich mit Karin über allerhand Dinge, die ihr durchaus

gleichgültig waren, um die Verstimmung zu verbergen, die sich ihrer seit der Ankunft des

Grafen unwiderstehlich bemächtigt hatte und durch den Bericht des Arztes auf einen Grad

gestiegen war, den sie selber als Unrecht fühlen mußte. Der arme Klemens war gewiß der Grund

dessen, was in dieser Stimmung von wahrem Kummer lag; außerdem gehörte zu der festen Ordnung

ihres Hauses eine übertriebne Angst und fast kindisches Hüten vor aller Ansteckung, und in der

Frau von Brenkfeld nahm demnach eine leise Abneigung und feststehende Ungerechtigkeit gegen

den Grafen Platz, der ihr zu aller Sorge und Not ihr reines Haus zu verpesten drohte, und auf

den sein freilich schuldloser Anteil am Tode des guten Burschen schon gleich einen leisen

Schatten geworfen hatte, den sie damals nicht in seinem Grunde oder überhaupt nicht genug

fühlte, um ihn zu verwischen. Sie war jedoch auch jetzt billig genug, etwas Ungerechtes in

sich zu beachten, und hätte nach ihrer tiefen, verborgenen Güte jetzt um keinen Preis über ihn

urteilen oder auch nur von ihm reden mögen. Mit Karln stand es ebenso, nur aus andren Gründen,

und es hätte für einen Beobachter höchst unterhaltend sein müssen, ein beiden Teilen so völlig

langweiliges Zweigespräch dennoch mit so großer Lebhaftigkeit und oft so anziehenden

Bemerkungen sich bewegen zu hören.

*

Eine Kutsche rasselte über die Zugbrücke, und sechs langgespannte Goldfüchse trabten auf den

Vorhof.

»Bendraets!« sagte Karl. »Ich desertiere«, versetzte seine Mutter, über und über rot vor

Unmut, und ging, diese jederzeit unwillkommenen Gäste zu empfangen. Die beiden kleinen

geschminkten Fräulein waren schon am Arme des langen Referendarius, wie der junge semper

freundliche Herr von Türk überall in der Gegend genannt wurde, ins Haus gestrichen, um, wie

sie sich ausdrückten, Ledwinchen und Thereschen ein bißchen mobil zu machen, als ihre Mutter,

langsam aus dem Wagen steigend, den Gruß der Frau von Brenkfeld erwiderte.

Die Frauen nahmen den Sofa ein, und das Auge der Hausfrau ruhte immer gemilderter auf den

welken, wehmütigen Zügen der Nachbarin, die auf ihre Nachfrage mit verlegener Leichtigkeit

erzählte, daß ihr Mann und ihre Söhne zu einer kleinen Jagdpartie nebst dem jungen Warneck

ausgezogen, jedoch gegen Mittag in diese Gegend kommen und alsdann vorsprechen würden.

Mitleiden mit der immer Gedrückten ließ die Frau von Brenkfeld sehr gütig antworten, und ein

sanftes, leises Gespräch begann zwischen den beiden Frauen, die sich so gern gegenseitig

getraut hätten und es doch nie konnten, da vielfach drückende Familienverhältnisse eine gute

arglose Seele zwingen, ihr Heil in der Intrige zu suchen. Die Rede fiel auf den Baron Warneck,

den seit einigen Monden von mehrjährigen Reisen zurückgekehrten Besitzer der benachbarten

Güter.

»Es ist ein Mann von vielem Verstande«, sagte die Frau von Brenkfeld. »Gewiß, von ganz

vorzüglichen Gaben«, versetzte die Bendraet, »und sehr brav.« – »Meinst du damit mutig oder

rechtlich?« – »Eigentlich das letztere«, lächelte die Bendraet, »doch glaube ich es in beidem

Sinne.« – »Wir kennen ihn wenig«, versetzte die Brenkfeld, »doch denke ich gern alles Gute von

ihm. Mein Karl ist neulich herübergeritten wegen kleiner Jagdverstöße und rühmt seine

Billigkeit und nachbarlichen Sinn. Die Besitzer von Schnellenfort sind immer sehr interessant

für uns; unsre beiderseitigen Besitzungen und Rechte durchkreuzen sich auf eine unangenehme

Weise. Gott gebe ihm eine gute friedliche Frau«, fügte sie bedeutend hinzu. »Was meinst du«,

sagte die Bendraet fixierend, »man spricht von der Claudine Triest.« – »So?« versetzte Frau

von Brenkfeld lächelnd, »ich denke, man spricht von der Julie Bendraet.« – »Er hat uns doch

keinen Grund gegeben, das zu glauben«, versetzte die Bendraet errötend, »im Gegenteile scheint

er eher ein kleine Vorliebe für Elisen zu verraten, aber auf jeden Fall« – sie stockte und

faßte die Hand der Freundin – »es ist eigentlich lächerlich, in solchen Dingen abzusprechen,

eh man um seine Meinung gefragt wird, aber in jedem Falle würde sich Elise auch schwerlich für

Warneck bestimmen. Der Baron hat sich zu gern und viel herumgetrieben, um je ruhig zu werden.

Er muß eine lebhafte und lebenslustige Frau haben, die die Mühe und die Begeisterung seiner

Liebhabereien mit ihm teilt. Das wär’ nichts für mein Hausmütterchen. Der gebe Gott«, fügte

sie weich hinzu, »ein stilles, häusliches Los, wo sie es nicht empfindet, daß sie weniger

hübsch und lebhaft ist als Julie.« Frau von Brenkfeld drückte sanft die Hand der Redenden, und

diese fuhr lebhafter fort: »Aber daß ich dir mit gleicher Münze bezahle, den guten Türk habe

ich wohl recht glücklich mit der kleinen Tour hieher gemacht. Sein volles Herz ergießt sich

täglich in den schönsten Gedichten zu Ehren Ledwinens.« – »So, dichtet der?« lachte die

Brenkfeld. »O doch«, versetzte die Frau von Bendraet, »sehr artig, und ich glaube wirklich, er

zieht jetzt auf der Freite umher.« – »Aber für Ledwinen paßt er nicht; die ist zu sanft für

ihn. Solange Türk nicht besser zu leben hat, paßt er für keine seinesgleichen.« – »Er hat doch

ein Gut«, sagte Frau von Bendraet. »Ach liebes Kind, nenne es doch lieber einen Bauernhof. Die

kleinen ritterlichen Freiheiten werden es nicht sehr verbessern.« – »Er wird gut angestellt

werden«, sagte die Nachbarin. »Wir wollen es hoffen, aber er hat noch Zeit bis dahin; der

Referendariusposten ist noch nicht bedeutend.« Die Bendraet errötete sehr und sprach: »Er ist

munter und artig, er kann gefallen. Soll denn eine Mutter ihrer Kinder Glück und Fortkommen

verhindern und der Familie ein Haus voll unversorgter Töchter hinterlassen? – zwar«,

unterbrach sie sich, »deine Töchter sind präbendiert, allein den Vorteil hat nicht jede

Familie.« »Auch in dem entgegengesetzten Falle«, versetzte die Brenkfeld, »ist der Entschluß,

eine Tochter zu unterhalten, besser, als die Wahrscheinlichkeit, dereinst auf mehrere

Generationen an den trostlosen Umständen ihrer Nachkommen vergebens zu flicken. Sie ist ja

auch nicht gesund«, sagte die Frau von Brenkfeld mit kämpfendem Tone. »O doch«, versetzte die

Bendraet rasch und ängstlich; »ich denke, sie bessert sich sehr und sieht viel wohler aus.«

Beide schwiegen eine kleine Weile, dann sagte die Frau von Brenkfeld: »Du hast sie ja kürzlich

nicht gesehn.« – »Ich habe es aber gehört«, versetzte die Bendraet, »von dem schwarzen

Musikmeister zu Erlenburg; der sagte neulich, sie sähe schöner und wohler aus wie je.« »So,

der Wildmeister?« sagte die Frau von Brenkfeld und ward noch trüber; dann fuhr sie rasch und

gefaßt fort.

Der lange Referendarius und Julie unterbrachen dieses Gespräch. Der Lange erzählte, Fräulein

Therese sei so eifrig am Kochen und Braten für den Unglücklichen, daß ihr keine Rede

abzugewinnen gewesen sei, und Fräulein Elise habe der Freundin ihre schönen Pflichten

erleichtern wollen und sei deshalb bei ihr zurückgeblieben.

Die Frau von Brenkfeld erzählte jetzt die Geschichte der vorigen Nacht. Die Bendraet wunderte

sich, daß sie ihrer noch nicht erwähnt.

»Ich unterhalte meine Gäste nicht gern mit unangenehmen Dingen«, versetzte die Hausfrau. »Herr

von Türk«, rief Julie von Theresens Stickrahmen, bei dem sie sich gesetzt, »Sie müssen der

Frau von Brenkfeld Fehde ankündigen, sie nennt einen jungen schönen Mann ein unangenehmes

Ding.« Frau von Brenkfeld sah ernst aus, und Türk wußte sich nicht zu nehmen. »Verdirb nur

nichts, liebes Kind«, rief die Mutter. »Gott bewahre«, versetzte Julie, »ich werde mich nicht

daran wagen.«

Nun stand sie auf und begann, den armen Türk mit oft fadem, oft treffendem Witze aufs

unbarmherzigste zu schrauben, wobei sie öfters auf leichtsinnig unehrerbietige Art die beiden

Frauen hineinzog und dadurch den Langen, der es gern mit der ganzen Welt gut stehen hatte,

sehr ängstigte.

Therese stand indes wie auf Kohlen vor der Tür des Kranken, dem sie eben ein Glas Limonade

hineingesandt, und suchte leise mit den besten Worten Elisen fortzubringen, die von einer

Türritze zur andren trat, um eine Ansicht des Fremden zu erlauschen.

»Elise«, sagte Therese, »der Bediente wird heraustreten und dir die Tür vor die Stirn stoßen.«

– »Ich bitte dich«, flüsterte Elise, »suche einen Vorwand, mich hereinzubringen.« – »Mein

Gott, wie kann es dergleichen Vorwand geben«, versetzte Therese und vertröstete sie auf Karln,

der drinnen sei und ihr alles erzählen solle.

Nun wollte Elise aufpassen, wann Karl herauskomme. Therese ward ungeduldig und ließ Karln

durch einen Bedienten herausrufen. Er erschien verstimmt und eilig, grüßte Elisen flüchtig,

gab schnellen, kurzen Bericht und trat in das Krankenzimmer zurück. Elise schien beleidigt

oder verlegen, verließ die Tür mit Theresen, und sie gingen zur Gesellschaft.

Elise setzte sich sogleich an Theresens Stickrahmen und arbeitete eifrig. Türk machte ihr die

schuldigen Komplimente über ihren Fleiß und mußte für jedes eine Spötterei von Julien

einstecken. So verging der Morgen. Man vermißte plötzlich Ledwinen und tröstete sich, da man

wußte, sie sei spazieren. »Unsre Herrn bleiben aus«, sagte die Frau von Bendraet eben, da rief

Marie: »Sieh, Mutter, ein Reuter!« – »Das ist mein Mann«, sagte die Bendraet. »Und noch

einer«, rief Marie, »und noch einer«, sagte sie mit Nachdruck. »Es wird noch einer kommen,

liebes Kind«, sagte die Bendraet und wandte sich entschuldigend zur Hausfrau.

Die Ankommenden stiegen von den Pferden. Herr von Bendraet küßte der Hausdame mit vielen

höflichen Reden die Hand. Baron Warneck brachte noch auf dem Hofe etwas an seinen Stiefeln in

Ordnung, wobei Junker Klemens Bendraet nicht unterließ, ihm die Sporen unter die Sohlen zu

drehen.

»Mach kein dummes Zeug«, sagte sein Bruder, aber Warneck lachte, brachte alles in Ordnung, und

man trat ein. Jagdgeschichten und Politik kamen zur Sprache, und der Mittag war da, ersehnt

und doch unerwartet.

Therese hatte schon die Tür des Speisesaals, in dem die Gesellschaft bereits die englischen

Kupferstiche an den Wänden musterte, geöffnet, als sie umschaute, weil sie Ledwinens Tritte

auf der Treppe vernahm. Sie wollte hastig umkehren, denn glühend und erschöpft ließ sich

soeben die Schwester auf eine der Stufen nieder, aber jene winkte rasch bittend mit der Hand,

und Therese trat in die geöffnete Tür. Nicht lange, so erschien auch Ledwina, und man setzte

sich zu Tisch. Elise wollte sich durchaus neben Ledwinchen setzen, aber Therese zog sie zu

sich hinüber.

»Du sollst mir vorlegen helfen«, sagte sie, und dies war Elisen auch sehr recht.

Tischgespräche begannen und stockten wieder. Herr von Bendraet sprach von einer Reise, die er

vorhabe.

»Wenn ich einmal das große Los gewinne«, rief Julie, »so will ich immer reisen; ich kann mir

kein größeres Glück denken.« – »Ich glaube«, versetzte Elise, »daß das gar zu viele Reisen

Frauenzimmern nicht gut tut und sie unstet und unzufrieden im Hause macht; ich will lieber zu

Hause bleiben und lasse mir andrer Leute Reisen erzählen. Ach, wie schön hat uns Baron Warneck

nicht gestern unterhalten! Sie müssen auch vieles erzählen können, Herr von Brenkfeld.« – »Hat

Ihnen Warneck öfters erzählt?« fragte Karl. »Ich mag nicht daran denken, wie oft wir oder

eigentlich ich den Herrn von Warneck schon belästigt haben. Wirklich, je weniger ich selbst zu

sehn hoffe und wünsche, je weniger kann ich mir den Ersatz einer lebhaften Beschreibung

versagen.« – »Der Warneck ist ein gequälter Mann«, lachte Julie, »ich fürchte immer, er bleibt

noch ganz fort, denn was der für Anfechtungen von der Elise zu erleiden hat!«

Elise sah scharf aus, und Karl sagte: »Wenn Ihnen Warneck viel erzählt hat, so sind meine

kleinen Erfahrungen brodlos; denn er hat dieselben Gegenden beachtet und durchsucht, die nur

an mir vorübergeflogen sind wie in der Laterna magica.«

Er neigte sich zu Warneck, der aus dem Gespräche mit Louis Bendraet auflauschte, da er seinen

Namen nennen hörte. »Ich sage, Sie haben nicht nur viel mehreres, sondern auch alles jene

gesehn, wovon ich erzählen könnte.« – »Auf die Weise«, versetzte Warneck, »würden uns die

vielen Reisebeschreibungen eben von jenen Gegenden gewiß nichts übriggelassen haben. Es sind

die verschiedenartigen Ansichten und Empfindungen, die kleinen Unfälle und Begebenheiten der

Reise, die eine Reiseerzählung aus dem hundertsten Munde so merkwürdig machen wie aus dem

zweiten, und zudem in der Schweiz, wo die ergreifendsten Naturbilder so gemein wie das

tägliche Brod sind; wer kann da glauben, alles gesehn zu haben? Gesetzt, ich habe den

Schaffhauser Wasserfall in der Sonne schimmern gesehn, Sie aber sahn ihn beim Sturm oder im

Nebel, welches verschiedenartige und doch gleich wunderbare Schauspiel! Und von den herrlichen

Schluchten und Höhlen hab’ ich nur wenig gesehn, da ich sehr zum Schwindel geneigt bin.« – »In

den Höhlen bin ich tüchtig umhergestiegen«, sagte Karl. »Es muß ein seltsam angenehmes Gefühl

sein«, fiel Louis Bendraet ein, »so in voller Lebenskraft unter der Erde zu wandeln, wie

begraben, in dem feuchten, modrichten Gesteine. Ich möchte es mitmachen.« – »Du bist mir der

rechte Held«, rief sein Bruder, »willst halsbrechende Klettereien unternehmen und bist so

schwindlicht wie eine Eule; ich müßte dich wie eine Kuh am Stricke führen und nötigenfalls

über die Schulter hängen.« – »Was meinst du, Louis«, lachte Warneck, »das würde doch

unpoetisch aussehn, und zudem bedenk mal die Höhlenfrauen und Bergmännchen und Erdmännchen und

die Gnomen, die den Leuten einen Buckel anzaubern. Ich fürchte, das würde keinen guten Effekt

in deiner Figur machen.«

Man lachte, Türk und Louis mit.

»Einmal«, sagte Karl, »hätte ich doch beinahe geglaubt, ein Höhlengespenst zu sehn. Wir waren

zu sechsen in eine Kluft am *** gestiegen. Die beiden Briehls, die beiden Herdrings, Rolling

und ich. Die übrigen hatten sich müde gelaufen und lagen in einer schäbichten Bergkneipe. Der

Eingang war niedrig und schmal, und sehr hoher Schwarzwald machte ihn noch dunkler. Wir waren

kaum einige Schritte gegangen, als wir in dichter Finsternis standen. Unser Führer wollte also

die mitgebrachten Fackeln anzünden. Das zögerte etwas.« – »Das war Unvorsichtigkeit von dem

guten Mann«, rief Klemens Bendraet dazwischen, »das hätte er vor der Höhle tun sollen.« Seine

Mutter winkte ihm unwillig, und Karl fuhr fort: »Ich habe zu sagen vergessen, daß es etwas

regnete; also, indem der Mann sich mit Feuerschlagen quält, höre ich durch das Rufen meiner

Begleiter, die den Schall versuchten, etwas über den Boden rutschen, und plötzlich schlingt es

sich um die Knie und grunzt und zupft mir an den Kleidern und sucht mich niederzureißen. Ich

gesteh’, daß ich zusammenschauderte. ›Guter Freund‹, rief ich, ›macht, daß Ihr Licht bekommt!

Hier ist etwas, aber ich will es halten.‹ Dabei griff ich nach nieder in einen struppichten

Haarbusch oder Pelz, ich wußte nicht, was. Da fing es an zu grunzen und um sich zu schlagen

und brummte: ›Ich rufe den Apostel Petrus.‹ – ›Wie, bist du da?‹ rief unser Führer; ›sein Sie

nicht furchtsam, meine Herren, das ist nur so ein armes Blut, der tut Ihnen nichts.‹

Indem brannte die Fackel an, und ich erblickte einen zerlumpten, abgezehrten Kerl von etwa

vierzig Jahren, der vor mir auf den Knien lag und mich fest umklammert hatte. Ich hielt sein

Haupt am Haar zurückgebogen, und das ockergelbe, entstellte Gesicht starrte mich grunzend an.

Der Führer sagte: ›Sei doch ruhig, Seppi, das sind ja die lieben Apostel‹; dann zeigte er auf

den jüngsten Herdring mit den langen Locken und sagte: ›Sieh, das ist Marie Magdalene.‹ Der

arme Kerl ließ mich gleich los und kroch bis in einen Winkel der Höhle, wo, wie wir nun sahn,

etwas Stroh lag. Der Führer entschuldigte sich nachher, daß er uns nicht von diesem

Wahnsinnigen gesagt. Er hielt sich für den Engel Gabriel und diese Höhle für das Grab Christi,

das er bewache; er ließ niemand hinein als die Apostel und heiligen Frauen; dafür könnte sich

aber jeder ausgeben. Er war krank gewesen, und unser Wirt hatte ihn noch nicht wieder in der

Höhle geglaubt.«

»Der arme Kerl hatte eine höllisch langweilige Arbeit«, sagte Klemens.

»Dabei«, sagte Karl, »glaubte er als Engel nichts genießen zu dürfen als Kräuter und Früchte –

anfangs roh – und was er im Gebirge fand, nachher hatte man ihn unter dieser Rubrik an alle

Arten von Gemüse und Obst gewöhnt, außer Äpfel, die er für die Früchte vom Baum der Erkenntnis

hielt, und Erbsen; warum diese nicht, kann ich nicht sagen.«

»Wahrscheinlich«, rief Klemens, »um der unschuldigen Erbsenläuse willen, die sich zuweilen

drin finden.«

»Gingen Sie auch noch weiter in die Höhle?« sagte Julie.

»Ja, Fräulein«, versetzte Karl, »wir schämten uns, umzukehrn, was im Grunde wohl jeder von uns

lieber getan hätte, denn wir waren alle erschüttert von dem Anblick des Schrecklichsten, was

die Natur hat. Aber wie denn – ich weiß nicht, soll ich gottlob oder leider sagen –, wie sich

denn solche traurige Eindrücke, die unser eignes Schicksal nicht berühren, so leicht

verwischen, so dachten wir in ein paar Tagen nicht ferner daran, als um den Fritz Herdring

›Marie Magdalene‹ zu nennen, und so blieb von der ganzen greulichen Geschichte nichts übrig

als ein fader Scherz.«

Eine kurze Stille entstand. Dann begann Warneck: »Der Wahnsinn ist eine Sache, worüber

geistliche und weltliche Gesetze verbieten sollten, nicht gar zu scharf zu grübeln und

untersuchen. Ich glaube, daß nichts leichter zur Freigeisterei führt.« – »Ich sollte eher

meinen«, fiel Türk ein, »ins Tollhaus.« Warneck versetzte: »Eins von beiden, und sehr leicht

beides zugleich.«

Wieder eine Stille, dann sagte Warneck: »Ich habe in dieser Art auch manche greuliche

Erfahrung gemacht, aber nichts ist mir lebhafter als das Bild einer alten Frau in Westfalen,

die ich in Begleitung eines schon nicht mehr jüngsten, düstern, grämlichen Mädchens an der Tür

des Gasthofs, in dem ich wohnte, fand. Die verkümmerte Phisiognomie der Alten, irr, aber ohne

eine Spur von Wildheit, machte mein Mitleid rege, und ich hielt mich einen Augenblick bei ihr

auf. Sie benagte langsam eine harte, trockne Brodkruste; dann hielt sie wie erschrocken inne,

steckte die Finger in den Mund und hielt die Trümmer eines ihr eben ausgefallenen Zahns in

ihrer Hand. Nun zog sie ein schmutziges Papier aus der Tasche, wickelte es auf und legte den

Zahn zu ein’gen andren alten Stücken von Zähnen. Das Mädchen sagte auf meine Nachfrage, die

Base hebe alle ihre Zähne auf, wie sie ihr von nach und nach ausfielen, um – hier zog die

Kreatur das Gesicht zum Lachen, mir wurde ganz schlimm dabei – nun also – um, wenn sie

dereinst hinkäme, wo Heulen und Zähneklappern sei, sie doch auch nicht immer zu heulen

brauche, sondern zuweilen zähneklappern könne. Mein Wirt sagte mir späterhin, sie sei immer

eine sehr brave Frau gewesen, aber da ihr Mann, ein kleiner Krämer, einen einigermaßen

verschuldeten Banquerout gemacht und da einige dabei zu Schaden gekommene Familien sie in der

ersten Wut mit Verwünschungen überhäuft, sei sie wahnsinnig geworden und meine nun, für den

Banquerout verdammt zu sein. Nur im Frühling, wenn die Himmelsschlüssel blühn, sei sie

fröhlich und trage Tag und Nacht große Sträuße davon bei sich, weil sie meint, wenn sie in

dieser Zeit stürbe, könne sie damit den Himmel aufschließen. Wenn die Blumen anfangen

abzunehmen, werde sie immer ängstlicher und suche zuletzt mit der größten Anstrengung nach den

letzten Blumen, auch wenn zuletzt die Blütezeit schon vorüber; nachher müsse sie immer lange

liegen, so habe sie sich abgequält.«

Warneck schwieg, und ein allgemeines Gespräch über Wahnsinn, menschliche Geisteskräfte usw.

entstand und verlor sich bald in andre Gegenstände. –

Der Nachmittag verging unter Spaziergängen, Ballschlagen, Schaukeln und überhaupt den

unruhigstem Umhertreiben. Herr von Bendraet spielte Pikett mit Warneck, und Julie hetzte sich

mit Türk, der bald verliebt, bald gänzlich ermattet schien und in den kurzen Zwischenpausen

vergebens mit Ledwinen anzuknüpfen suchte.

Elise saß am Rahmen und zeigte ihr einen neuen Stich, den Ledwine sogleich versuchte.

»Fräulein Ledwine«, sagte Türk, »können doch alles nachmachen.« – »Und Herr von Türk«,

versetzte Julie, »über alles etwas sagen, aber es steht ihm nicht so gut.« Karl und Louis

traten herein und fragten nach Klemens.

»Ich dachte, er sei bei Ihnen«, sagte Elise. »Nicht doch«, entgegnete Karl, »wir sprachen von

den Kunstwerken Italiens. Da sagte er, wenn wir die schönen Künste vorreiten wollten, so gehe

er zum Henker. Nachher kam er noch einmal wieder, brachte ein paar ausgefallne Gänsefedern und

etwas Birkenrinde und bat, unsren schönen Gedanken die Ewigkeit zu schenken. Gleich werde eine

Hirtin vorüberwandeln, noch obendrein mit den Attributen der Künste und Weisheit, wir möchten

nur gut aufpassen, er wolle indessen mit den Schnitterinnen dort auf dem Felde idyllisieren.

Darauf lief er fort.«

»Und ein altes schmutziges Baurenweib schleppte ihren Milcheimer vorüber«, sagte Louis

lachend, »der Henker weiß, wie sie aussah. Sie hatte ihren Rock wohl mit zwanzig Lappen von

verschiednen Farben dekoriert. Unter den Attributen verstand er wahrscheinlich einen alten

verdorrten Gänseflügel, den sie draußen irgendwo aufgelesen hatte.«

»So ist er wohl jetzt auf dem Felde«, sagte Therese.

»Ich habe von der Mauer das ganze Feld übersehn und kann ihn nicht bemerken.«

Das Pikettspiel war geendigt; Bendraet hatte verloren und stand mißmutig auf. Da trat Klemens

herein, die blonden Locken verwirrt um das glühende Gesicht.

»Marie Magdalene«, rief Julie, »wo bist du so lange gewesen?« fragte Elise. »In meinem Rocke«,

antwortete er. »Aber, mein Gott, wie ist dir, hast du Lust zu lachen oder zu weinen?« – »Ich

habe Lust, dir die Haut über die Ohren zu ziehn«, versetzte er noch halb unwirsch und brach

nun je mehr und mehr in ein unaufhaltsames Gelächter aus. Er rettete sich in das Fenster zu

den übrigen jungen Leuten, redete leise und lebhaft zu ihnen. Die lustige Stimmung nahm auch

dort überhand, und man sah, daß er geneckt wurde. Die Schloßuhr schlug fünf. Warneck wollte

Abschied nehmen und nach Schnellenfort kehren, aber Frau von Bendraet bat ihn, zuvor mit ihnen

zu Abend zu essen.

»Wenn Sie nicht zu Nacht bleiben«, versetzte er. »Es ist doch nur ein halbes Stündchen von

Lünden bis Schnellenfort, und der Mond scheint ja hell.« »Sie müssen uns auch noch allerlei

erzählen von Ihren Reisen«, fiel Elise ein. »Ach, das meiste wissen Sie«, versetzte Warneck,

»doch«, setzte er lachend hinzu, »die merkwürdigste mir auf meinen Reisen vorgekommene

Erscheinung habe ich noch nicht erwähnt. Ich habe sie in den südlichsten Gegenden Frankreichs

beobachtet, wo sie sich noch seltsamer ausnahm, wie wenn es sich hier fände.« – »Nun?« sagte

Julie.

Warneck stockte lächelnd ein Weilchen, dann sagte er: »Eine Frau, die ihrem Manne nie

widersprochen hat.« – »Führen Sie die Leute nicht an«, sagte Julie getäuscht lachend, und Türk

rief: »Hören Sie wohl, Warneck? Fräulein Julie hält Ihre Seltenheit für erdichtet.« – »Ich

glaube es auch nicht«, sagte Klemens, »oder hatte ihr der Mann einen Maulkorb angehängt?« –

»Nicht viel besser«, sagte Warneck; »sie war taubstumm und zwar von ihrer Geburt an.« – »Und

doch verheiratet!« sprach Therese. »Das, mein Fräulein«, versetzte Warneck, »ist eigentlich

das Merkwürdige und zugleich Abscheuliche an der Sache. Sie war nicht viel besser als ein

Tier, aber sie hatte ein paar hundert Gulden.« – »Das ist ganz recht«, rief KIemens, »es ist

unmöglich, sich eine bequemere Frau zu denken.« – »Klemens, Klemens,« sagte Frau von Bendraet,

»wie redest du wieder in den Tag hinein!« – »Er hat sich nur verredet, gnädige Frau«,

entgegnete Warneck, »sehn Sie nur, wie rot er wird.« Dabei legte er seine Hand an die Wange

des jungen Bendraet. Klemens schlug ihm halb verlegen, halb scherzend auf die Finger.

»Übrigens«, hub Karl an, »gibt es in hiesiger Gegend in allem Ernste eine Bäurin, die aus

Vorsatz, um mit ihrem Manne in Frieden zu leben, vierzehn Jahre lang keine Silbe geredet hat.«

– »Das ist richtig«, sprach Frau von Brenkfeld, »wir kennen diese Frau sehr wohl. Sie hatte

lange und viel durch den zänkischen Geist ihres Mannes gelitten. Auf einmal hört sie auf zu

reden; man hält sie erst für aufgebracht, dann für wahnsinnig, dann für stumm. So währt es

vierzehn Jahre. Der Mann stirbt. Auf seinem Begräbnistage fängt sie wieder an zu reden und

versichert, es werde sie noch in ihrer Todesstunde trösten, ihren Vorsatz durchgehalten zu

haben. Sie könne nun ohne Unruhe und Reue an ihren seligen Mann denken, denn seit vierzehn

Jahren sei keine Uneinigkeit zwischen ihnen gewesen.« – »Das ist viel«, sagte Warneck. »Lebt

die Frau noch?« fragte Louis. »Jawohl«, entgegnete Frau von Brenkfeld, »nahe bei Emdorf in dem

kleinen roten Häuschen an der Heerstraße.« »Die Frau kenne ich wohl«, sagte Klemens. »Ich

nicht«, versetzte Louis, »aber ich möchte sie wohl kennen.« Klemens beugte zu ihm und sagte

halbleise: »Strapazier dich nicht, mein Söhnchen, es ist eine alte Hexe, und an hübsche

Töchter ist auch gar nicht zu denken.« – »Geh!« sagte Louis. Warneck lachte und drohte ihm mit

dem Finger. »Nun, was ist es denn weiter?« sagte Klemens laut, »ich sagte eben, die Frau hat

keine Kinder, aber so ein Dutzend Schreihälse würden ihr die Worte schon von der Zunge

gebracht haben.« Warneck versetzte neckend: »Es kam mir beinahe vor, als hätte, was du

sagtest, anderst geklungen; aber ich will dich nicht noch röter machen; du blühst doch schon

wie eine Rose.« – »Beinahe, als wenn man ihn zu Claudinens Füßen ertappte«, rief Julie. »Hm«,

brummte Klemens halbleise vor sich hin, »die Blankenau gefällt mir in kurzem vielleicht besser

als die Triest. Man wird des ewigen Silbenstechens doch endlich hundemüde.« – »Vorzüglich«,

versetzte Julie, »wenn ein bißchen Handwerksneid dazukömmt.« – »Ich merke wohl«, rief Klemens,

»du arbeitest darauf, daß ich widernecken soll, aber ich wüßte wahrhaftig nicht, womit, ich

müßte denn deine unglückliche Liebe zu dem Wohlgeflickten ans Licht ziehn.« – »Darüber

brauchst du nichts zu sagen«, entgegnete Julie lachend, »hätte der arme Schelm besser zu

leben, so würde er gewiß die alten Röcke nicht so lange flicken lassen.« – »Es ist Schande

genug, daß die Kunst so nach Brod gehn muß«, rief Louis dazwischen. »Und eigentlich«, sagte

Julie, »ist er Louis’ Ideal und nicht das meinige.« – »Ideal will viel sagen«, antwortete

Louis, »ich kann, gottlob! noch höher hinauf denken, aber daß ich Anteil an dem Wengenberg

nehme, das finde ich sehr natürlich und nur wunderbar, daß ich der einzige in unsrem Hause

bin; die Musik ist doch sonst eine Sprache, die sogar Kinder und Wilde verstehn.« – »Für

welches von beiden hältst du mich denn?« fragte Julie. Louis neigte zu ihr und sagte leise:

»Für ein Kind und wild dazu.«

Julie sprang rasch auf und griff ihn mit großer Schnelligkeit an. Louis wollte sich

verteidigen, aber die Schläge fielen wie Schneeflocken auf Wangen und Schultern und Rücken,

daß Louis, den Kopf zwischen die Schultern gedrückt, bald diesen, bald jenen der Gesellschaft

vergebens vorschob und nur endlich am Sofa neben den Frauen Ruhe fand. Dabei rief sie: »Nach

Erlenburg solltest du ziehn, dahin gehörst du, du Troubadour, du Mondhase!«

Der kleine Krieg war geendigt. Louis schöpfte Atem. Julie sah auf ihre rotgewordenen Händchen

und trat vor den Baron Warneck: »Sein Sie nicht böse, ich habe Sie tüchtig gestoßen. Warum

machen Sie sich zur Mauer? Die muß nieder, wenn der Feind dahinter steckt.«

Warneck sah in das zarte, glühende Antlitz, und eine leise Bewegung zuckte über sein Gesicht.

Er senkte seine scharfen Blicke in ihre Augen und sagte: »Sollte Fräulein Julie sich selbst so

wenig kennen?«

Dann wandte er sich rasch zu den übrigen.

Der Wagen fuhr vor, und die schönen, reichgezäumten Reitpferde scharrten ungeduldig auf dem

Pflaster. Die Reuter ließen sie die schönsten Fensterparaden machen, und der Besuch war zu

Ende.

»Der Klemens kann doch seine eigne Schande nicht verschweigen«, hub Karl an zu seinen

Schwestern, indem sie dem Zuge durch die Scheiben nachblickten. »Wißt ihr, was das Necken mit

seiner Röte bedeutet? Er hat sich auf dem Felde von einem hübschen Bauernmädchen eine tüchtige

Maulschelle geholt, und wie er es recht betrachtet, da wird es ihm so lächerlich, daß er es

nicht verschweigen kann. So macht er’s immer. Er ist eigentlich nicht schlimmer als andre

Leute, aber er sagt immer alles Üble, was er von sich selber weiß, und noch ein’ges und andre

dazu, woran er nicht denkt.«

»Mir ist er sehr fatal«, versetzte Therese.

Die Mutter saß indes an dem andern Fenster und dachte an die arme, gedrückte Nachbarin, Mutter

und Gattin und doch verwaist, und sah sie im Geiste schleichen, alt und verkümmert, in dem

dürren, rasselnden Laube ihrer liebsten, letzten Hoffnungen. Sie dachte an ihre eignen Kinder,

an ihre Zucht, ihren Gehorsam, ihre kindliche Sorgfalt, und ihr Herz ward vor Rührung durch

und durch weich in Wehmut und Reue. Sie nahm ein Gebetbuch aus der Lade des Tisches und ging

hinaus in ihre Kammer.

Karl unterhielt indessen Theresen von dem Zustande des Patienten, der ihm sehr beruhigend

schien. Der Kranke war völlig bei Sinnen und hatte mehrere Stunden sehr ruhig geschlummert.

»Ich bitte dich«, sagte Therese, »nimm dich seiner doch recht an; wir können es nicht.«

Karl entgegnete noch manches, und Therese wurde zerstreut, denn sie hatte Ledwinen soeben über

den Vorhof in den Garten wandeln sehn, und ihr langsamer matter Gang, die feine, sanft

gebeugte Gestalt, der wie dem blühenden Schneeballe das farblose, reich umflochtne Haupt zu

schwer zu werden schien, hatte sich mit wehmütiger Angst auf ihr Herz gelegt. Karl sagte eben:

»Ich will wieder hinauf zu dem Kranken gehn.« – »Das tu«, versetzte sie rasch und schritt dann

gedankenvoll und unruhig hinaus in den weiten, schön angelegten Garten des Schlosses. Sie sah

Ledwinen von fern, wie sie am Rande des Parks unter der alten Linde saß, die Arme übereinander

auf den steinernen Tisch gelegt und das Gesicht fest darauf gedrückt. Da fiel ihr ein, wie sie

den Grafen Hollberg am Morgen in ähnlicher Lage gesehn, bleich in der Ohnmacht, und alles, was

Karl über seine Krankheit gesagt, und sie erschrak vor der Ähnlichkeit, denn wie hätte sie

sich je bei Ledwina das eingestehn sollen, was sie bei dem Grafen sogleich als unleugbar

anerkannte! Es ist ja ein schönes Wahrzeichen liebender Herzen, so, wie ohne Not für das

Geliebte zu sorgen, so auch mit glühender, herzzerreißender Blindheit die Hoffnung zu

umklammern, wenn sie für einen jeden andern längst dahin ist. Eine Stimmung der Angst überfiel

sie, in der sie nicht vor Ledwina treten mochte. Sie wollte sich eben umwenden, als die

Schwester aufsah und nach ihr hinüber. Sie suchte sich nun zu ermannen, nahte sich der Linde

und saß nieder neben ihr.

Ledwina sah auf und sagte ganz matt: »Mein Gott, wenn Lünden so nah wäre wie Erlenburg!« – »Es

ist aber, gottlob!« versetzte Therese, »mehr als noch einmal so weit bis dahin; wir haben doch

jetzt gewiß für ein paar Monate Ruh.« – »Zum Beispiel der Klemens«, sagte Ledwina, »und ich

glaube wahrlich, die Adolfine Dobronn könnte ihn nehmen.« – »O, ungezweifelt«, entgegnete

Therese. Ledwina versetzte: »Und die Linchen Blankenau vielleicht auch – mein Gott, wenn ich

des Menschen Frau werden müßte, ich könnte unmöglich lange leben.« Sie lehnte das Haupt, wie

ermüdet von dem Gedanken, an Theresens Schulter und fuhr fort: »Nein, sterben würde ich wohl

vielleicht nicht, aber verkrüppeln an jeder Kraft des Geistes, alle Gedanken verlieren, die

mir lieb sind, halb wahnsinnig, eigentlich stumpfsinnig würde ich werden.« Sie sann ein

Weilchen, dann sagte sie: »Überhaupt, Therese, ich bin so ungenügsam und habe so wenig Sinn

für fremde Ansichten, das ist einer meiner größten Fehler. Gott weiß, welche Schule mir

vielleicht noch vorbehalten ist. Ich gestehe, daß ich mich sehr vor einer Schwägerin fürchte.

Vielleicht wird sie kein Herz für mich haben.« Dann sagte sie mit einem raschen Blitze in den

matten Augen: »Nein, so ist es nicht, aber ich fürchte, ich habe keins für sie. Es wird wie

eine Mauer zwischen uns stehn, daß sie mir die Mutter und dich ersetzen soll und nicht kann,

denn du bist dann längst fort und glücklich.«

Therese legte sanft ihren Arm um die seltsam Bewegte und ward selbst trüber: »Liebe Ledwina,

verkümmere dir doch dein Leben nicht mit der Zukunft; sie kömmt von selbst, ohne daß wir sie

in Angst und Sorgen herbeischleppen.« – »Eben darum«, antwortete Ledwina lebhaft, »müssen wir

uns im voraus mit dem Gedanken vertraun, damit es nachher nicht zu schwer fällt. Weißt du

wohl, daß es sündlich ist, aus eigener Schuld einem Geschicke unterliegen, das so allgemein

getragen wird? Aber«, fuhr sie dann langsamer fort, »wenn ich mir das so denke, daß eine andre

hier regiert an der Mutter Stelle und in dem Bette schläft, vor dem wir so oft gestanden und

ihr eine gute Nacht gewünscht…« Sie wandte sich unruhig nach allen Seiten umher. »So wird es

aber gar nicht kommen«, sagte Therese, »die Mutter wird wahrscheinlich hier bleiben. Karl ist

ja so vernünftig; seine Wahl wird nicht leicht so schlimm ausfallen, daß die Mutter fortziehn

müßte.« – »Aber wenn die Mutter nun tot ist?« versetzte Ledwina. »Die Mutter«, sagte Therese

wehmütig, »kann, gottlob, wohl länger leben wie wir.« – »Aber die Zeit kommt doch endlich«,

unterbrach sie Ledwina. Dann legte sie sanft ihren Arm um Theresens Nacken und fuhr, nah an

ihrer Schulter gelehnt, leise und beklemmt fort: »Sieh, Therese, auf unsrem Boden stehn so

viele alte Bilder aus der Familie, aber wir wissen doch fast von keinem recht, wen es

vorstellt, und es sind doch alles unsre Voreltern und haben hier gewohnt, Gott weiß, in

welchen Zimmern, und haben Geschwister und Kinder gehabt, die diese Bilder mit Freude und

Verehrung betrachtet und bewahrt und vielleicht späterhin mit der teuersten, rührendsten

Erinnerung, und nun? Wie sehn sie aus! Der alten Frau, du weißt wohl, mit der schwarzen Kappe,

sind jetzt auch die Nase und die Augen ausgestoßen. Das ist gewiß absichtlich geschehn, weil

sie eigentlich so häßlich aussieht.« Sie fuhr tief atmend fort: »Die Vergangenheit, die

liebsten, teuersten Überbleibsel werden endlich mit Füßen getreten. Denk, wenn Mutter ihr Bild

–« Sie fing heftig an zu weinen und klammerte sich fest um ihre Schwester. Therese mußte sich

gewaltsam innehalten; denn alle Fasern ihres Herzens schmerzten, aber sie hielt sich fest und

sagte: »Ledwine, sei ruhig, schade dir nicht selber. Warum suchst du gewaltsam Gegenstände

auf, die dich erschüttern und krank machen müssen? Nun bitte ich dich, wenn du mich lieb hast,

so nimm dich zusammen und sprich und denk etwas andres.« Beide schwiegen. Ledwine stand auf

und wandelte ein paarmal den Garten auf und nieder. Dann setzte sie sich wieder zu Theresen,

die über allerlei Dinge zu reden begann. Sie antwortete so, daß Therese sowohl ihren guten

Willen als seine gänzliche Schwäche sehn mußte. Die Sonne begann sich zu neigen, und ihre

milden Lichter tanzten durch die Zweige der Linde auf den Gewändern der Mädchen und Ledwinens

leise bebendem Antlitz.

»Wie schön der Abend wird!« sagte Therese. »Gestern um diese Stunde lebte der arme Klemens

noch«, seufzte Ledwine. »Suchst du wieder das Trübe?« sagte Therese sanft. »Ist denn«,

versetzte Ledwine beklemmt, »ein Tag Andenken zuviel für seiner Mutter einzigsten Trost? Hör

mich an!«

Nun erzählte sie, wie sie an dem Flusse gewandelt, immer hinauf, kämpfend mit greulichen,

sinnlosen Bildern, wie sie sich fast besiegt und umkehren wollen, nur noch diese eine Bucht

vorüber, – und ein matter, flimmernder Schein sah durch dichte Brombeerranken aus dem Gewässer

zu ihr hinüber. Heimlich schaudernd nannte sie es den Widerschein der Sonne. Da wehten leichte

Wolken herauf, das Sonnengold schwand vom Strome, und heller flammte das heimliche Licht durch

die dunklen Blätter.

»Begreifst du wohl, Therese«, sagte sie, »daß ich an die Sagen dachte von Lichtern, die über

den Versunknen wachen? Indes ergab ich mich nicht und schritt rasch darauf zu; da flammte es

hoch auf und schwand, und wie ich an das Gestrippe trat, da war es die Laterne des armen

Klemens, die, ausgebrannt und in die Ranken verschlungen, auf dem Wasser schwankte. Ich kniete

an das Ufer und löste sie aus den Dornen, aber wie ich sie so kalt und naß und erloschen in

der Hand hielt, da war es mir, als sei sie ein toter, erstarrter Teil des Verlornen. Ich habe

sie am Ufer stehen lassen.« Sie drückte sich leise schaudernd an Theresen. »Aber was ist denn

das?« sagte sie und deutete auf den Boden. »Was meinst du?« versetzte Therese. »Mich dünkt,

ich sehe mehr als die Schatten der Bäume.« – »Auch die unsrigen«, sagte Therese. – »Es wird

nichts sein; hör zu, und wie ich zurückgehe und an das Sandloch komme, da seh ich von weitem

die alte Lisbeth aus ihrem Hause gehn. O Therese, sie ist so klein geworden, ich hätte sie

fast nicht erkannt. Sie ging lange vor mir, ohne mich zu sehn, sondern immer starr in das

Wasser. Du weißt, sie ist immer so ordentlich. O Gott, sie sah so verstört aus. Die Hälfte

ihrer grauen Haare hing unter der Mütze hervor. Ich konnte es nicht mehr aushalten und ging

vorüber. Da schlug es Mittag im Dorfe, und die Betglocke begann zu läuten. Ich sagte im

Vorübergehn: ›Gelobt sei Jesus Christus!‹ Sie sah nicht auf, sondern preßte die Hände zusammen

und sagte: ›In alle Ewigkeit, in alle Ewigkeit, Amen‹ laut und oft nacheinander. Ich hörte es

noch, wie ich schon eine Strecke von ihr war.«

»Gott wird sie trösten«, sagte Therese und sah bewegt vor sich nieder. Da war es ihr selber,

als sehe sie durch den Schlagschatten der Bäume noch eine andre Gestalt lauschen. Sie sah

rasch um sich, aber es war nichts.

»Es wird zu kühl für dich, Ledwine«, sagte sie aufstehend, und die von heimlichen

Fieberschauern Durchbebte folgte ihr willig. Auf dem Hofe begegnete ihnen Karl. Therese ließ

die Schwester vorangehn und teilte ihm ihre Bemerkung mit, und er schritt sogleich in den

Garten, dann eilte sie der trauernd Wandelnden nach.

Annette von Droste-Hülshoff – Die Judenbuche

Annette von Droste-Hülshoff

Die Judenbuche

Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen

Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren

Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren,

So fest, daß ohne Zittern sie den Stein

Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein?

Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,

Zu wägen jedes Wort, das unvergessen

In junge Brust die zähen Wurzeln trieb,

Des Vorurteils geheimen Seelendieb?

Du Glücklicher, geboren und gehegt

Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,

Leg hin die Waagschal’, nimmer dir erlaubt!

Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt! –

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder

Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein

mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage

in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges. Das

Ländchen, dem es angehörte, war damals einer jener abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und

Handel, ohne Heerstraßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehen erregte, und eine Reise von

dreißig Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte – kurz, ein Fleck, wie

es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden, all der

Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen Zuständen gedeihen. Unter höchst

einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und

Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem

gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit

und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung. Die Gutsbesitzer, denen die niedere

Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach ihrer in den meisten Fällen redlichen

Einsicht; der Untergebene tat, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiten Gewissen

verträglich schien, und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubichten

Urkunden nachzuschlagen. Es ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins Auge zu fassen; sie ist

seit ihrem Verschwinden entweder hochmütig getadelt oder albern gelobt worden, da den, der sie

erlebte, zuviel teure Erinnerungen blenden und der Spätergeborene sie nicht begreift. Soviel

darf man indessen behaupten, daß die Form schwächer, der Kern fester, Vergehen häufiger,

Gewissenlosigkeit seltener waren. Denn wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch

so mangelhaft, kann nie ganz zugrunde gehen, wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen

das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen.

Ein Menschenschlag, unruhiger und unternehmender als alle seine Nachbarn, ließ in dem kleinen

Staate, von dem wir reden, manches weit greller hervortreten als anderswo unter gleichen

Umständen. Holz-und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung, und bei den häufig vorfallenden

Schlägereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu trösten. Da jedoch große

und ergiebige Waldungen den Hauptreichtum des Landes ausmachten, ward allerdings scharf über

die Forsten gewacht, aber weniger auf gesetzlichem Wege, als in stets erneuten Versuchen,

Gewalt und List mit gleichen Waffen zu überbieten.

Das Dorf B. galt für die hochmütigste, schlauste und kühnste Gemeinde des ganzen Fürstentums.

Seine Lage inmitten tiefer und stolzer Waldeinsamkeit mochte schon früh den angeborenen

Starrsinn der Gemüter nähren; die Nähe eines Flusses, der in die See mündete und bedeckte

Fahrzeuge trug, groß genug, um Schiffbauholz bequem und sicher außer Land zu führen, trug sehr

dazu bei, die natürliche Kühnheit der Holzfrevler ermutigen, und der Umstand, daß alles umher

von Förstern wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da bei den häufig vorkommenden

Scharmützeln der Vorteil meist auf seiten der Bauern blieb. Dreißig, vierzig Wagen zogen

zugleich aus in den schönen Mondnächten, mit ungefähr doppelt soviel Mannschaft jedes Alters,

vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock

den Zug mit gleich stolzem Bewußtsein anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube

einnahm. Die Zurückgebliebenen horchten sorglos dem allmähligen Verhallen des Knarrens und

Stoßens der Räder in den Hohlwegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuß, ein

schwacher Schrei ließen wohl einmal eine junge Frau oder Braut auffahren; kein anderer achtete

darauf. Beim ersten Morgengrau kehrte der Zug ebenso schweigend heim, die Gesichter glühend

wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach

ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Forstbeamten,

die aus dem Walde getragen wurden, zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und für einige Zeit

unfähig, ihrem Berufe nachzukommen.

In diesen Umgebungen ward Friedrich Mergel geboren, in einem Hause, das durch die stolze

Zugabe eines Rauchfangs und minder kleiner Glasscheiben die Ansprüche seines Erbauers, sowie

durch seine gegenwärtige Verkommenheit die kümmerlichen Umstände des jetzigen Besitzers

bezeugte. Das frühere Geländer um Hof und Garten war einem vernachlässigten Zaune gewichen,

das Dach schadhaft, fremdes Vieh weidete auf den Triften, fremdes Korn wuchs auf dem Acker

zunächst am Hofe, und der Garten enthielt, außer ein paar holzichten Rosenstöcken aus besserer

Zeit, mehr Unkraut als Kraut. Freilich hatten Unglücksfälle manches hiervon herbeigeführt;

doch war auch viel Unordnung und böse Wirtschaft im Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann

Mergel, war in seinem Junggesellenstande ein sogenannter ordentlicher Säufer, d.h. einer, der

nur an Sonn- und Festtagen in der Rinne lag und die Woche hindurch so manierlich war wie ein

anderer. So war denn auch seine Bewerbung um ein recht hübsches und wohlhabendes Mädchen ihm

nicht erschwert. Auf der Hochzeit ging’s lustig zu. Mergel war gar nicht zu arg betrunken, und

die Eltern der Braut gingen abends vergnügt heim; aber am nächsten Sonntage sah man die junge

Frau schreiend und blutrünstig durchs Dorf zu den Ihrigen rennen, alle ihre guten Kleider und

neues Hausgerät im Stich lassend. Das war freilich ein großer Skandal und Ärger für Mergel,

der allerdings Trostes bedurfte. So war denn auch am Nachmittage keine Scheibe an seinem Hause

mehr ganz, und man sah ihn noch bis spät in die Nacht vor der Türschwelle liegen, einen

abgebrochenen Flaschenhals von Zeit zu Zeit zum Munde führend und sich Gesicht und Hände

jämmerlich zerschneidend. Die junge Frau blieb bei ihren Eltern, wo sie bald verkümmerte und

starb. Ob nun den Mergel Reue quälte oder Scham, genug, er schien der Trostmittel immer

bedürftiger und fing bald an, den gänzlich verkommenen Subjekten zugezählt zu werden.

Die Wirtschaft verfiel; fremde Mägde brachten Schimpf und Schaden; so verging Jahr auf Jahr.

Mergel war und blieb ein verlegener und zuletzt ziemlich armseliger Witwer, bis er mit

einemmale wieder als Bräutigam auftrat. War die Sache an und für sich unerwartet, so trug die

Persönlichkeit der Braut noch dazu bei, die Verwunderung zu erhöhen. Margareth Semmler war

eine brave, anständige Person, so in den Vierzigen, in ihrer Jugend eine Dorfschönheit und

noch jetzt als sehr klug und wirtlich geachtet, dabei nicht unvermögend; und so mußte es jedem

unbegreiflich sein, was sie zu diesem Schritte getrieben. Wir glauben den Grund eben in dieser

ihrer selbstbewußten Vollkommenheit zu finden. Am Abend vor der Hochzeit soll sie gesagt

haben: »Eine Frau, die von ihrem Manne übel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenn’s

mir schlecht geht, so sagt, es liege an mir.« Der Erfolg zeigte leider, daß sie ihre Kräfte

überschätzt hatte. Anfangs imponierte sie ihrem Manne; er kam nicht nach Haus oder kroch in

die Scheune, wenn er sich übernommen hatte; aber das Joch war zu drückend, um lange getragen

zu werden, und bald sah man ihn oft genug quer über die Gasse ins Haus taumeln, hörte drinnen

sein wüstes Lärmen und sah Margreth eilends Tür und Fenster schließen. An einem solchen Tage –

keinem Sonntage mehr – sah man sie abends aus dem Hause stürzen, ohne Haube und Halstuch, das

Haar wild um den Kopf hängend, sich im Garten neben ein Krautbeet niederwerfen und die Erde

mit den Händen aufwühlen, dann ängstlich um sich schauen, rasch ein Bündel Kräuter brechen und

damit langsam wieder dem Hause zugehen, aber nicht hinein, sondern in die Scheune. Es hieß, an

diesem Tage habe Mergel zuerst Hand an sie gelegt, obwohl das Bekenntnis nie über ihre Lippen

kam.

Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne, man kann nicht sagen erfreut,

denn Margreth soll sehr geweint haben, als man ihr das Kind reichte. Dennoch, obwohl unter

einem Herzen voll Gram getragen, war Friedrich ein gesundes, hübsches Kind, das in der

frischen Luft kräftig gedieh. Der Vater hatte ihn sehr lieb, kam nie nach Hause, ohne ihm ein

Stückchen Wecken oder dergleichen mitzubringen, und man meinte sogar, er sei seit der Geburt

des Knaben ordentlicher geworden; wenigstens ward der Lärmen im Hause geringer.

Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Es war um das Fest der heiligen drei Könige, eine

harte, stürmische Winternacht. Hermann war zu einer Hochzeit gegangen und hatte sich schon

beizeiten auf den Weg gemacht, da das Brauthaus Dreiviertelmeilen entfernt lag. Obgleich er

versprochen hatte, abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger darauf, da

sich nach Sonnenuntergang dichtes Schneegestöber eingestellt hatte. Gegen zehn Uhr schürte sie

die Asche am Herde zusammen und machte sich zum Schlafengehen bereit. Friedrich stand neben

ihr, schon halb entkleidet und horchte auf das Geheul des Windes und das Klappen der

Bodenfenster.

»Mutter, kommt der Vater heute nicht?« fragte er. – »Nein, Kind, morgen.« – »Aber warum nicht,

Mutter? er hat’s doch versprochen.« – »Ach Gott, wenn der alles hielte, was er verspricht!

Mach, mach voran, daß du fertig wirst.«

Sie hatten sich kaum niedergelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob sie das Haus

mitnehmen wollte. Die Bettstatt bebte und im Schornstein rasselte es wie ein Kobold. – »Mutter

– es pocht draußen!« – »Still, Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind

jagt.« – »Nein, Mutter, an der Tür!« – »Sie schließt nicht; die Klinke ist zerbrochen. Gott,

schlaf doch! Bring mich nicht um das armselige bißchen Nachtruhe.« – »Aber wenn nun der Vater

kommt?« – Die Mutter drehte sich heftig im Bett um. – »Den hält der Teufel fest genug!« – »Wo

ist der Teufel, Mutter?« – »Wart du Unrast! Er steht vor der Tür und will dich holen, wenn du

nicht ruhig bist!«

Friedrich ward still; er horchte noch ein Weilchen und schlief dann ein. Nach einigen Stunden

erwachte er. Der Wind hatte sich gewendet und zischte jetzt wie eine Schlange durch die

Fensterritze an seinem Ohr. Seine Schulter war erstarrt; er kroch tief unters Deckbett und lag

aus Furcht ganz still. Nach einer Weile bemerkte er, daß die Mutter auch nicht schlief. Er

hörte sie weinen und mitunter: »Gegrüßt seist du, Maria!« und: »Bitte für uns arme Sünder!«

Die Kügelchen des Rosenkranzes glitten an seinem Gesicht hin. – Ein unwillkürlicher Seufzer

entfuhr ihm. – »Friedrich, bist du wach?« – »Ja, Mutter.« – »Kind, bete ein wenig – du kannst

ja schon das halbe Vaterunser – daß Gott uns bewahre vor Wasser- und Feuersnot.«

Friedrich dachte an den Teufel, wie der wohl aussehen möge. Das mannigfache Geräusch und

Getöse im Hause kam ihm wunderlich vor. Er meinte, es müsse etwas Lebendiges drinnen sein und

draußen auch. »Hör, Mutter, gewiß, da sind Leute, die pochen.« – »Ach nein, Kind; aber es ist

kein altes Brett im Hause, das nicht klappert.« – »Hör! hörst du nicht? Es ruft! Hör doch!«

Die Mutter richtete sich auf; das Toben des Sturms ließ einen Augenblick nach. Man hörte

deutlich an den Fensterläden pochen und mehrere Stimmen: »Margreth! Frau Margreth, heda,

aufgemacht!« – Margreth stieß einen heftigen Laut aus: »Da bringen sie mir das Schwein

wieder!«

Der Rosenkranz flog klappernd auf den Brettstuhl, die Kleider wurden herbeigerissen. Sie fuhr

zum Herde und bald darauf hörte Friedrich sie mit trotzigen Schritten über die Tenne gehen.

Margreth kam gar nicht wieder; aber in der Küche war viel Gemurmel und fremde Stimmen. Zweimal

kam ein fremder Mann in die Kammer und schien ängstlich etwas zu suchen. Mit einemmale ward

eine Lampe hereingebracht. Zwei Männer führten die Mutter. Sie war weiß wie Kreide und hatte

die Augen geschlossen. Friedrich meinte, sie sei tot; er erhob ein fürchterliches Geschrei,

worauf ihm jemand eine Ohrfeige gab, was ihn zur Ruhe brachte, und nun begriff er nach und

nach aus den Reden der Umstehenden, daß der Vater vom Ohm Franz Semmler und dem Hülsmeyer tot

im Holze gefunden sei und jetzt in der Küche liege.

Sobald Margreth wieder zur Besinnung kam, suchte sie die fremden Leute loszuwerden. Der Bruder

blieb bei ihr und Friedrich, dem bei strenger Strafe im Bett zu bleiben geboten war, hörte die

ganze Nacht hindurch das Feuer in der Küche knistern und ein Geräusch wie von Hin- und

Herrutschen und Bürsten. Gesprochen ward wenig und leise, aber zuweilen drangen Seufzer

herüber, die dem Knaben, so jung er war, durch Mark und Bein gingen. Einmal verstand er, daß

der Oheim sagte: »Margreth, zieh dir das nicht zu Gemüt; wir wollen jeder drei Messen lesen

lassen, und um Ostern gehen wir zusammen eine Bittfahrt zur Muttergottes von Werl.«

Als nach zwei Tagen die Leiche fortgetragen wurde, saß Margreth am Herde, das Gesicht mit der

Schürze verhüllend. Nach einigen Minuten, als alles still geworden war, sagte sie in sich

hinein: »Zehn Jahre, zehn Kreuze. Wir haben sie doch zusammen getragen, und jetzt bin ich

allein!« dann lauter: »Fritzchen, komm her!« – Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm

ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. »Fritzchen,«

sagte sie, »willst du jetzt auch fromm sein, daß ich Freude an dir habe, oder willst du

unartig sein und lügen, oder saufen und stehlen?« – »Mutter, Hülsmeyer stiehlt.« – »Hülsmeyer?

Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? wer sagt dir so schlechtes Zeug?« – »Er hat

neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.« – »Hat er dem Aaron Geld

genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein

ordentlicher, angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.« – »Aber, Mutter, Brandis

sagt auch, daß er Holz und Rehe stiehlt.« – »Kind, Brandis ist ein Förster.« – »Mutter, lügen

die Förster?«

Margreth schwieg eine Weile; dann sagte sie: »Höre, Fritz, das Holz läßt unser Herrgott frei

wachsen und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können niemand

angehören. Doch das verstehst du noch nicht; jetzt geh in den Schoppen und hole mir Reisig.«

Friedrich hatte seinen Vater auf dem Stroh gesehen, wo er, wie man sagt, blau und fürchterlich

ausgesehen haben soll. Aber davon erzählte er nie und schien ungern daran zu denken. Überhaupt

hatte die Erinnerung an seinen Vater eine mit Grausen gemischte Zärtlichkeit in ihm

zurückgelassen, wie denn nichts so fesselt, wie die Liebe und Sorgfalt eines Wesens, das gegen

alles Übrige verhärtet scheint, und bei Friedrich wuchs dieses Gefühl mit den Jahren, durch

das Gefühl mancher Zurücksetzung von seiten anderer. Es war ihm äußerst empfindlich, wenn,

solange er Kind war, jemand des Verstorbenen nicht allzu löblich gedachte; ein Kummer, den ihm

das Zartgefühl der Nachbarn nicht ersparte. Es ist gewöhnlich in jenen Gegenden, den

Verunglückten die Ruhe im Grabe abzusprechen. Der alte Mergel war das Gespenst des

Brederholzes geworden; einen Betrunkenen führte er als Irrlicht bei einem Haar in den

Zellerkolk (Teich); die Hirtenknaben, wenn sie nachts bei ihren Feuern kauerten und die Eulen

in den Gründen schrieen, hörten zuweilen in abgebrochenen Tönen ganz deutlich dazwischen sein:

»Hör mal an, feins Lieseken,« und ein unprivilegierter Holzhauer, der unter der breiten Eiche

eingeschlafen und dem es darüber Nacht geworden war, hatte beim Erwachen sein geschwollenes

blaues Gesicht durch die Zweige lauschen sehen. Friedrich mußte von andern Knaben vieles

darüber hören; dann heulte er, schlug um sich, stach auch einmal mit seinem Messerchen und

wurde bei dieser Gelegenheit jämmerlich geprügelt. Seitdem trieb er seiner Mutter Kühe allein

an das andere Ende des Tales, wo man ihn oft stundenlang in derselben Stellung im Grase liegen

und den Thymian aus dem Boden rupfen sah.

Er war zwölf Jahre alt, als seine Mutter einen Besuch von ihrem jüngern Bruder erhielt, der in

Brede wohnte und seit der törichten Heirat seiner Schwester ihre Schwelle nicht betreten

hatte. Simon Semmler war ein kleiner, unruhiger, magerer Mann mit vor dem Kopf liegenden

Fischaugen und überhaupt einem Gesicht wie ein Hecht, ein unheimlicher Geselle, bei dem

dicktuende Verschlossenheit oft mit ebenso gesuchter Treuherzigkeit wechselte, der gern einen

aufgeklärten Kopf vorgestellt hätte und statt dessen für einen fatalen, Händel suchenden Kerl

galt, dem jeder um so lieber aus dem Wege ging, je mehr er in das Alter trat, wo ohnehin

beschränkte Menschen leicht an Ansprüchen gewinnen, was sie an Brauchbarkeit verlieren.

Dennoch freute sich die arme Margreth, die sonst keinen der Ihrigen mehr am Leben hatte.

»Simon, bist du da?« sagte sie, und zitterte, daß sie sich am Stuhle halten mußte. »Willst du

sehen, wie es mir geht und meinem schmutzigen Jungen?« – Simon betrachtete sie ernst und

reichte ihr die Hand: »Du bist alt geworden, Margreth!« – Margreth seufzte: »Es ist mir

derweil oft bitterlich gegangen mit allerlei Schicksalen.« – »Ja, Mädchen, zu spät gefreit,

hat immer gereut! Jetzt bist du alt und das Kind ist klein. Jedes Ding hat seine Zeit. Aber

wenn ein altes Haus brennt, dann hilft kein Löschen.« – Über Margreths vergrämtes Gesicht flog

eine Flamme so rot wie Blut.

»Aber ich höre, dein Junge ist schlau und gewichst,« fuhr Simon fort. – »Ei nun so ziemlich,

und dabei fromm.« – »Hum, ‘s hat mal einer eine Kuh gestohlen, der hieß auch Fromm. Aber er

ist still und nachdenklich, nicht wahr? Er läuft nicht mit den andern Buben?« – »Er ist ein

eigenes Kind,« sagte Margreth wie für sich; »es ist nicht gut.« – Simon lachte hell auf: »Dein

Junge ist scheu, weil ihn die andern ein paarmal gut durchgedroschen haben. Das wird ihnen der

Bursche schon wieder bezahlen. Hülsmeyer war neulich bei mir; der sagte, es ist ein Junge wie

‘n Reh.«

Welcher Mutter geht das Herz nicht auf, wenn sie ihr Kind loben hört? Der armen Margreth ward

selten so wohl, jedermann nannte ihren Jungen tückisch und verschlossen. Die Tränen traten ihr

in die Augen. »Ja, gottlob, er hat gerade Glieder.« – »Wie sieht er aus?« fuhr Simon fort. –

»Er hat viel von dir, Simon, viel.«

Simon lachte: »Ei, das muß ein rarer Kerl sein, ich werde alle Tage schöner. An der Schule

soll er sich wohl nicht verbrennen. Du läßt ihn die Kühe hüten? Ebenso gut. Es ist doch nicht

halb wahr, was der Magister sagt. Aber wo hütet er? Im Telgengrund? im Roderholze? im

Teutoburger Wald? auch des Nachts und früh?« – »Die ganzen Nächte durch; aber wie meinst du

das?«

Simon schien dies zu überhören; er reckte den Hals zur Türe hinaus. »Ei, da kommt der Gesell!

Vaterssohn! er schlenkert gerade so mit den Armen wie dein seliger Mann. Und schau mal an!

Wahrhaftig, der Junge hat meine blonden Haare!«

In der Mutter Züge kam ein heimliches, stolzes Lächeln; ihres Friedrichs blonde Locken und

Simons rötliche Bürsten! Ohne zu antworten, brach sie einen Zweig von der nächsten Hecke und

ging ihrem Sohne entgegen, scheinbar, eine träge Kuh anzutreiben, im Grunde aber, ihm einige

rasche, halbdrohende Worte zuzuraunen; denn sie kannte seine störrische Natur, und Simons

Weise war ihr heute einschüchternder vorgekommen als je. Doch ging alles über Erwarten gut;

Friedrich zeigte sich weder verstockt, noch frech, vielmehr etwas blöde und sehr bemüht, dem

Ohm zu gefallen. So kam es denn dahin, daß nach einer halbstündigen Unterredung Simon eine Art

Adoption des Knaben in Vorschlag brachte, vermöge deren er denselben zwar nicht gänzlich

seiner Mutter entziehen, aber doch über den größten Teil seiner Zeit verfügen wollte, wofür

ihm dann am Ende des alten Junggesellen Erbe zufallen solle, das ihm freilich ohnedies nicht

entgehen konnte. Margreth ließ sich geduldig auseinandersetzen, wie groß der Vorteil, wie

gering die Entbehrung ihrerseits bei dem Handel sei. Sie wußte am besten, was eine kränkliche

Witwe an der Hülfe eines zwölfjährigen Knaben entbehrt, den sie bereits gewöhnt hat, die

Stelle einer Tochter zu ersetzen. Doch sie schwieg und gab sich in alles. Nur bat sie den

Bruder, streng, doch nicht hart gegen den Knaben zu sein.

»Er ist gut,« sagte sie, »aber ich bin eine einsame Frau; mein Kind ist nicht, wie einer, über

den Vaterhand regiert hat.« Simon nickte schlau mit dem Kopf: »Laß mich nur gewähren, wir

wollen uns schon vertragen, und weißt du was? Gib mir den Jungen gleich mit, ich habe zwei

Säcke aus der Mühle zu holen; der kleinste ist ihm grad recht, und so lernt er mir zur Hand

gehen. Komm, Fritzchen, zieh deine Holzschuh’ an!« – Und bald sah Margreth den beiden nach,

wie sie fortschritten, Simon voran, mit seinem Gesicht die Luft durchschneidend, während ihm

die Schöße des roten Rocks wie Feuerflammen nachzogen. So hatte er ziemlich das Ansehen eines

feurigen Mannes, der unter dem gestohlenen Sacke büßt; Friedrich ihm nach, fein und schlank

für sein Alter, mit zarten, fast edlen Zügen und langen blonden Locken, die besser gepflegt

waren, als sein übriges Äußere erwarten ließ; übrigens zerlumpt, sonneverbrannt und mit dem

Ausdruck der Vernachlässigung und einer gewissen rohen Melancholie in den Zügen. Dennoch war

eine große Familienähnlichkeit beider nicht zu verkennen, und wie Friedrich so langsam seinem

Führer nachtrat, die Blicke fest auf denselben geheftet, der ihn gerade durch das Seltsame

seiner Erscheinung anzog, erinnerte er unwillkürlich an jemand, der in einem Zauberspiegel das

Bild seiner Zukunft mit verstörter Aufmerksamkeit betrachtet.

Jetzt nahten die beiden sich der Stelle des Teutoburger Waldes, wo das Brederholz den Abhang

des Gebirges niedersteigt und einen sehr dunkeln Grund ausfüllt. Bis jetzt war wenig

gesprochen worden. Simon schien nachdenkend, der Knabe zerstreut, und beide keuchten unter

ihren Säcken. Plötzlich fragte Simon: »Trinkst du gern Branntwein?« – Der Knabe antwortete

nicht. »Ich frage, trinkst du gern Branntwein? Gibt dir die Mutter zuweilen welchen?« – »Die

Mutter hat selbst keinen,« sagte Friedrich. – »So, so, desto besser! – Kennst du das Holz da

vor uns?« – »Das ist das Brederholz.« – »Weißt du auch, was darin vorgefallen ist?« –

Friedrich schwieg. Indessen kamen sie der düstern Schlucht immer näher. »Betet die Mutter noch

so viel?« hob Simon wieder an. – »Ja, jeden Abend zwei Rosenkränze.« – »So? Und du betest

mit?« – Der Knabe lachte halb verlegen mit einem durchtriebenen Seitenblick. – »Die Mutter

betet in der Dämmerung vor dem Essen den einen Rosenkranz, dann bin ich meist noch nicht

wieder da mit den Kühen, und den andern im Bette, dann schlaf’ ich gewöhnlich ein.« – »So, so,

Geselle!«

Diese letzten Worte wurden unter dem Schirme einer weiten Buche gesprochen, die den Eingang

der Schlucht überwölbte. Es war jetzt ganz finster; das erste Mondviertel stand am Himmel,

aber seine schwachen Schimmer dienten nur dazu, den Gegenständen, die sie zuweilen durch eine

Lücke der Zweige berührten, ein fremdartiges Ansehen zu geben. Friedrich hielt sich dicht

hinter seinem Ohm; sein Odem ging schnell, und wer seine Züge hätte unterscheiden können,

würde den Ausdruck einer ungeheuren, doch mehr phantastischen als furchtsamen Spannung darin

wahrgenommen haben. So schritten beide rüstig voran, Simon mit dem festen Schritt des

abgehärteten Wanderers, Friedrich schwankend und wie im Traum. Es kam ihm vor, als ob alles

sich bewegte und die Bäume in den einzelnen Mondstrahlen bald zusammen, bald voneinander

schwankten. Baumwurzeln und schlüpfrige Stellen, wo sich das Wegwasser gesammelt, machten

seinen Schritt unsicher; er war einige Male nahe daran, zu fallen. Jetzt schien sich in

einiger Entfernung das Dunkel zu brechen, und bald traten beide in eine ziemlich große

Lichtung. Der Mond schien klar hinein und zeigte, daß hier noch vor kurzem die Axt

unbarmherzig gewütet hatte. Überall ragten Baumstümpfe hervor, manche mehrere Fuß über der

Erde, wie sie gerade in der Eile am bequemsten zu durchschneiden gewesen waren; die verpönte

Arbeit mußte unversehens unterbrochen worden sein, denn eine Buche lag quer über dem Pfad, in

vollem Laube, ihre Zweige hoch über sich streckend und im Nachtwinde mit den noch frischen

Blättern zitternd. Simon blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den gefällten Stamm mit

Aufmerksamkeit. In der Mitte der Lichtung stand eine alte Eiche, mehr breit als hoch; ein

blasser Strahl, der durch die Zweige auf ihren Stamm fiel, zeigte, daß er hohl sei, was ihn

wahrscheinlich vor der allgemeinen Zerstörung geschützt hatte. Hier ergriff Simon plötzlich

des Knaben Arm.

»Friedrich, kennst du den Baum? Das ist die breite Eiche.« – Friedrich fuhr zusammen und

klammerte sich mit kalten Händen an seinen Ohm. – »Sieh,« fuhr Simon fort, »hier haben Ohm

Franz und der Hülsmeyer deinen Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Buße und Ölung

zum Teufel gefahren war.« – »Ohm, Ohm!« keuchte Friedrich. – »Was fällt dir ein? Du wirst dich

doch nicht fürchten? Satan von einem Jungen, du kneipst mir den Arm! Laß los, los!« – Er

suchte den Knaben abzuschütteln. – »Dein Vater war übrigens eine gute Seele; Gott wird’s nicht

so genau mit ihm nehmen. Ich hatt’ ihn so lieb wie meinen eigenen Bruder.« – Friedrich ließ

den Arm seines Ohms los; beide legten schweigend den übrigen Teil des Waldes zurück und das

Dorf Brede lag vor ihnen, mit seinen Lehmhütten und den einzelnen bessern Wohnungen von

Ziegelsteinen, zu denen auch Simons Haus gehörte.

Am nächsten Abend saß Margreth schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken vor der Tür und

wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die sie zugebracht hatte, ohne den Atem

ihres Kindes neben sich zu hören, und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war ärgerlich und

ängstlich und wußte, daß sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Turm schlug sieben, das Vieh

kehrte heim; er war noch immer nicht da und sie mußte aufstehen, um nach den Kühen zu schauen.

Als sie wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde; er hatte sich

vornübergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zügen und

gab ihnen ein widriges Ansehen von Magerkeit und ängstlichem Zucken. Margreth blieb in der

Tennentür stehen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor.

»Friedrich, wie geht’s dem Ohm?« – Der Knabe murmelte einige unverständliche Worte und drängte

sich dicht an die Feuermauer. – »Friedrich, hast du das Reden verlernt! Junge, tu das Maul

auf! Du weißt ja doch, daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre.« – Das Kind erhob seine

Stimme und geriet dermaßen ins Stammeln, daß Margreth es um nichts mehr begriff. – »Was sagst

du? Einen Gruß von Meister Semmler? Wieder fort? Wohin? Die Kühe sind schon zu Hause.

Verfluchter Junge, ich kann dich nicht verstehen. Wart, ich muß einmal sehen, ob du keine

Zunge im Munde hast!« – Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf, mit dem

Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schildwacht stehen lernt, und begann in der

Angst mit den Füßen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben.

Margreth stand still; ihre Blicke wurden ängstlich. Der Knabe erschien ihr wie

zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, nein, das war ihr Kind nicht!

Und dennoch – »Friedrich, Friedrich!« rief sie.

In der Schlafkammer klappte eine Schranktür und der Gerufene trat hervor, in der einen Hand

eine sogenannte Holzschenvioline, d.h. einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschabten

Geigensaiten überspannt, in der andern einen Bogen, ganz des Instruments würdig. So ging er

gerade auf sein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Haltung bewußter Würde und

Selbständigkeit, die in diesem Augenblicke den Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig

ähnlichen Knaben stark hervortreten ließ.

»Da, Johannes!« sagte er und reichte ihm mit einer Gönnermiene das Kunstwerk; »da ist die

Violine, die ich dir versprochen habe. Mein Spielen ist vorbei, ich muß jetzt Geld verdienen.«

– Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick auf Margreth, streckte dann langsam seine Hand

aus, bis er das Dargebotene fest ergriffen hatte, und brachte es wie verstohlen unter die

Flügel seines armseligen Jäckchens.

Margreth stand ganz still und ließ die Kinder gewähren. Ihre Gedanken hatten eine andere, sehr

ernste Richtung genommen, und sie blickte mit unruhigem Auge von einem auf den andern. Der

fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen

Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines

offenbar mehr selbstischen als gutmütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger

Klarheit zum erstenmale bestimmt den Ausdruck jenes ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum

Großtun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handlungen hervortrat. Der Ruf

seiner Mutter störte ihn aus Gedanken, die ihm ebenso neu als angenehm waren. Sie saß wieder

am Spinnrade.

»Friedrich,« sagte sie zögernd, »sag einmal –« und schwieg dann. Friedrich sah auf und wandte

sich, da er nichts weiter vernahm, wieder zu seinem Schützling. »Nein, höre –« und dann

leiser: »Was ist das für ein Junge? Wie heißt er?« – Friedrich antwortete ebenso leise: »Das

ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hülsmeyer hat. Der Ohm hat mir ein

Paar Schuhe und eine Weste von Drillich gegeben; die hat mir der Junge unterwegs getragen;

dafür hab’ ich ihm meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Johannes heißt

er.« – »Nun –?« sagte Margreth. – »Was willst du, Mutter?« – »Wie heißt er weiter?« – »Ja –

weiter nicht – oder, warte – doch: Niemand, Johannes Niemand heißt er. – Er hat keinen Vater,«

fügte er leiser hinzu.

Margreth stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile kam sie heraus, mit einem harten,

finstern Ausdruck in den Mienen. – »So, Friedrich«, sagte sie, »laß den Jungen gehen, daß er

seine Bestellung machen kann. – Junge, was liegst du da in der Asche? Hast du zu Hause nichts

zu tun?« – Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf, daß ihm alle

Glieder im Wege standen und die Holschenvioline bei einem Haar ins Feuer gefallen wäre.

»Warte, Johannes,« sagte Friedrich stolz, »ich will dir mein halbes Butterbrod geben, es ist

mir doch zu groß, die Mutter schneidet allemal übers ganze Brod.« – »Laß doch,« sagte

Margreth, »er geht ja nach Hause.« – »Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon ißt um sieben

Uhr.« Margreth wandte sich zu dem Knaben: »Hebt man dir nichts auf? Sprich, wer sorgt für

dich?« – »Niemand,« stotterte das Kind. – »Niemand?« wiederholte sie; »da nimm, nimm!« fügte

sie heftig hinzu; »du heißt Niemand und Niemand sorgt für dich! Das sei Gott geklagt! Und nun

mach dich fort! Friedrich, geh nicht mit ihm, hörst du, geht nicht zusammen durchs Dorf.« –

»Ich will ja nur Holz holen aus dem Schuppen,« antwortete Friedrich. – Als beide Knaben fort

waren, warf sich Margreth auf einen Stuhl und schlug die Hände mit dem Ausdruck des tiefsten

Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. »Ein falscher Eid, ein falscher Eid!«

stöhnte sie. »Simon, Simon, wie willst du vor Gott bestehen!«

So saß sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in völliger Geistesabwesenheit.

Friedrich stand vor ihr und hatte sie schon zweimal angeredet. »Was ist’s? Was willst du?«

rief sie auffahrend. – »Ich bringe Euch Geld,« sagte er, mehr erstaunt als erschreckt. –

»Geld? Wo?« Sie regte sich und die kleine Münze fiel klingend auf den Boden. Friedrich hob sie

auf. »Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten helfen. Ich kann mir nun selber was

verdienen.« – »Geld vom Simon? Wirf’s fort, fort! – Nein, gib’s den Armen. Doch, nein,

behalt’s,« flüsterte sie kaum hörbar; »wir sind selber arm. Wer weiß, ob wir bei dem Betteln

vorbeikommen!« – »Ich soll Montag wieder zum Ohm und ihm bei der Einsaat helfen.« – »Du wieder

zu ihm? Nein, nein, nimmermehr!« – Sie umfaßte ihr Kind mit Heftigkeit. – »Doch,« fügte sie

hinzu, und ein Tränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen Wangen; »geh, er ist

mein einziger Bruder, und die Verleumdung ist groß! Aber halt Gott vor Augen und vergiß das

tägliche Gebet nicht!«

Margreth legte das Gesicht an die Mauer und weinte laut. Sie hatte manche harte Last getragen,

ihres Mannes üble Behandlung, noch schwerer seinen Tod, und es war eine bittere Stunde, als

die Witwe das letzte Stück Ackerland einem Gläubiger zur Nutznießung überlassen mußte und der

Pflug vor ihrem Hause stillestand. Aber so war ihr nie zumute gewesen; dennoch, nachdem sie

einen Abend durchgeweint, eine Nacht durchwacht hatte, war sie dahin gekommen, zu denken, ihr

Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, der Knabe gehöre gewiß nicht ihm, Ähnlichkeiten

wollen nichts beweisen. Hatte sie doch selbst vor vierzig Jahren ein Schwesterchen verloren,

das genau dem fremden Hechelkrämer glich. Was glaubt man nicht gern, wenn man so wenig hat und

durch Unglauben dies wenige verlieren soll!

Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle wärmern Gefühle,

deren er fähig war, dem Schwestersohn zugewendet zu haben; wenigstens vermißte er ihn sehr und

ließ nicht nach mit Botschaften, wenn ein häusliches Geschäft ihn auf einige Zeit bei der

Mutter hielt. Der Knabe war seitdem wie verwandelt, das träumerische Wesen gänzlich von ihm

gewichen, er trat fest auf, fing an, sein Äußeres zu beachten und bald in den Ruf eines

hübschen, gewandten Burschen zu kommen. Sein Ohm, der nicht wohl ohne Projekte leben konnte,

unternahm mitunter ziemlich bedeutende öffentliche Arbeiten, z.B. beim Wegbau, wobei Friedrich

für einen seiner besten Arbeiter und überall als seine rechte Hand galt; denn obgleich dessen

Körperkräfte noch nicht ihr volles Maß erreicht hatten, kam ihm doch nicht leicht jemand an

Ausdauer gleich. Margreth hatte bisher ihren Sohn nur geliebt, jetzt fing sie an, stolz auf

ihn zu werden und sogar eine Art Hochachtung vor ihm zu fühlen, da sie den jungen Menschen so

ganz ohne ihr Zutun sich entwickeln sah, sogar ohne ihren Rat, den sie, wie die meisten

Menschen, für unschätzbar hielt und deshalb die Fähigkeiten nicht hoch genug anzuschlagen

wußte, die eines so kostbaren Förderungsmittels entbehren konnten.

In seinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich sich bereits einen bedeutenden Ruf in der jungen

Dorfwelt gesichert, durch den Ausgang einer Wette, infolge deren er einen erlegten Eber über

zwei Meilen weit auf seinem Rücken trug, ohne abzusetzen. Indessen war der Mitgenuß des Ruhms

auch so ziemlich der einzige Vorteil, den Margreth aus diesen günstigen Umständen zog, da

Friedrich immer mehr auf sein Äußeres verwandte und allmählich anfing, es schwer zu verdauen,

wenn Geldmangel ihn zwang, irgend jemand im Dorf darin nachzustehen. Zudem waren alle seine

Kräfte auf den auswärtigen Erwerb gerichtet; zu Hause schien ihm, ganz im Widerspiel mit

seinem sonstigen Rufe, jede anhaltende Beschäftigung lästig, und er unterzog sich lieber einer

harten, aber kurzen Anstrengung, die ihm bald erlaubte, seinem frühern Hirtenamte wieder

nachzugehen, was bereits begann, seinem Alter unpassend zu werden, und ihm gelegentlichen

Spott zuzog, vor dem er sich aber durch ein paar derbe Zurechtweisungen mit der Faust Ruhe

verschaffte. So gewöhnte man sich daran, ihn bald geputzt und fröhlich als anerkannten

Dorfelegant an der Spitze des jungen Volks zu sehen, bald wieder als zerlumpten Hirtenbuben

einsam und träumerisch hinter den Kühen herschleichend, oder in einer Waldlichtung liegend,

scheinbar gedankenlos und das Moos von den Bäumen rupfend.

Um diese Zeit wurden die schlummernden Gesetze doch einigermaßen aufgerüttelt durch eine Bande

von Holzfrevlern, die unter dem Namen der Blaukittel alle ihre Vorgänger so weit an List und

Frechheit übertraf, daß es dem Langmütigsten zuviel werden mußte. Ganz gegen den gewöhnlichen

Stand der Dinge, wo man die stärksten Böcke der Herde mit dem Finger bezeichnen konnte, war es

hier trotz aller Wachsamkeit bisher nicht möglich gewesen, auch nur ein Individuum namhaft zu

machen. Ihre Benennung erhielten sie von der ganz gleichförmigen Tracht, durch die sie das

Erkennen erschwerten, wenn etwa ein Förster noch einzelne Nachzügler im Dickicht verschwinden

sah. Sie verheerten alles wie die Wanderraupe, ganze Waldstrecken wurden in einer Nacht

gefällt und auf der Stelle fortgeschafft, so daß man am andern Morgen nichts fand, als Späne

und wüste Haufen von Topholz, und der Umstand, daß nie Wagenspuren einem Dorfe zuführten,

sondern immer vom Flusse her und dorthin zurück, bewies, daß man unter dem Schutz und

vielleicht mit dem Beistande der Schiffeigentümer handelte. In der Bande mußten sehr gewandte

Spione sein, denn die Förster konnten wochenlang umsonst wachen; in der ersten Nacht,

gleichviel, ob stürmisch oder mondhell, wo sie vor Übermüdung nachließen, brach die Zerstörung

ein. Seltsam war es, daß das Landvolk umher ebenso unwissend und gespannt schien, als die

Förster selber. Von einigen Dörfern ward mit Bestimmtheit gesagt, daß sie nicht zu den

Blaukitteln gehörten, aber keines konnte als dringend verdächtig bezeichnet werden, seit man

das verdächtigste von allen, das Dorf B., freisprechen mußte. Ein Zufall hatte dies bewirkt,

eine Hochzeit, auf der fast alle Bewohner dieses Dorfes notorisch die Nacht zugebracht hatten,

während zu eben dieser Zeit die Blaukittel eine ihrer stärksten Expeditionen ausführten.

Der Schaden in den Forsten war indes allzu groß, deshalb wurden die Maßregeln dagegen auf eine

bisher unerhörte Weise gesteigert; Tag und Nacht wurde patrolliert, Ackerknechte, Hausbediente

mit Gewehren versehen und den Forstbeamten zugesellt. Dennoch war der Erfolg nur gering und

die Wächter hatten oft kaum das eine Ende des Forstes verlassen, wenn die Blaukittel schon zum

andern einzogen. Das währte länger als ein volles Jahr, Wächter und Blaukittel, Blaukittel und

Wächter, wie Sonne und Mond, immer abwechselnd im Besitz des Terrains und nie

zusammentreffend.

Es war im Juli 1756 früh um drei; der Mond stand klar am Himmel, aber sein Glanz fing an zu

ermatten und im Osten zeigte sich bereits ein schmaler gelber Streif, der den Horizont

besäumte und den Eingang einer engen Talschlucht wie mit einem Goldbande schloß. Friedrich lag

im Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem Weidenstabe, dessen knotigem

Ende er die Gestalt eines ungeschlachten Tieres zu geben versuchte. Er sah übermüdet aus,

gähnte, ließ mitunter seinen Kopf an einem verwitterten Stammknorren ruhen und Blicke,

dämmeriger als der Horizont, über den mit Gestrüpp und Aufschlag fast verwachsenen Eingang des

Grundes streifen. Ein paarmal belebten sich seine Augen und nahmen den ihnen eigentümlichen

glasartigen Glanz an, aber gleich nachher schloß er sie wieder halb und gähnte und dehnte

sich, wie es nur faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund lag in einiger Entfernung nah bei den

Kühen, die unbekümmert um die Forstgesetze ebenso oft den jungen Baumspitzen als dem Grase

zusprachen und in die frische Morgenluft schnaubten. Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein

dumpfer, krachender Schall; der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen

Echo an den Bergwänden und wiederholte sich etwa alle fünf bis acht Minuten. Friedrich achtete

nicht darauf; nur zuweilen, wenn das Getöse ungewöhnlich stark oder anhaltend war, hob er den

Kopf und ließ seine Blicke langsam über die verschiedenen Pfade gleiten, die ihren Ausgang in

dem Talgrunde fanden.

Es fing bereits stark zu dämmern an; die Vögel begannen leise zu zwitschern und der Tau stieg

fühlbar aus dem Grunde. Friedrich war an dem Stamm hinabgeglitten und starrte, die Arme über

den Kopf verschlungen in das leise einschleichende Morgenrot. Plötzlich fuhr er auf: über sein

Gesicht fuhr ein Blitz, er horchte einige Sekunden mit vorgebeugtem Oberleib wie ein Jagdhund,

dem die Luft Witterung zuträgt. Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff

gellend und anhaltend. – »Fidel, du verfluchtes Tier!« – Ein Steinwurf traf die Seite des

unbesorgten Hundes, der, vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um sich biß und dann heulend auf

drei Beinen dort Trost suchte, von wo das Übel ausgegangen war. In demselben Augenblicke

wurden die Zweige eines nahen Gebüsches fast ohne Geräusch zurückgeschoben und ein Mann trat

heraus, im grünen Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Büchse in der

Hand. Er ließ schnell seine Blicke über die Schlucht fahren und sie dann mit besonderer

Schärfe auf dem Knaben verweilen, trat dann vor, winkte nach dem Gebüsch, und allmählich

wurden sieben bis acht Männer sichtbar, alle in ähnlicher Kleidung, Weidmesser im Gürtel und

die gespannten Gewehre in der Hand.

»Friedrich, was war das?« fragte der zuerst Erschienene. – »Ich wollte, daß der Racker auf der

Stelle krepierte. Seinetwegen können die Kühe mir die Ohren vom Kopf fressen.« – »Die Kanaille

hat uns gesehen,« sagte ein anderer. – »Morgen sollst du auf die Reise mit einem Stein am

Halse,« fuhr Friedrich fort und stieß nach dem Hunde. – »Friedrich, stell dich nicht an wie

ein Narr! Du kennst mich und du verstehst mich auch!« – Ein Blick begleitete diese Worte, der

schnell wirkte. – »Herr Brandis, denkt an meine Mutter!« – »Das tu ich. Hast du nichts im

Walde gehört?« – »Im Walde?« – Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Försters Gesicht. –

»Eure Holzfäller, sonst nichts.« – »Meine Holzfäller!«

Die ohnehin dunkle Gesichtsfarbe des Försters ging in tiefes Braunrot über. »Wie viele sind

ihrer, und wo treiben sie ihr Wesen?« – »Wohin Ihr sie geschickt habt; ich weiß es nicht.«–

Brandis wandte sich zu seinen Gefährten: »Geht voran; ich komme gleich nach.«

Als einer nach dem andern im Dickicht verschwunden war, trat Brandis dicht vor den Knaben:

»Friedrich,« sagte er mit dem Ton unterdrückter Wut, »meine Geduld ist zu Ende; ich möchte

dich prügeln wie einen Hund, und mehr seid ihr auch nicht wert. Ihr Lumpenpack, dem kein

Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Betteln habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner

Tür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte Brodrinde bekommen. Aber vorher

sollt ihr mir noch beide ins Hundeloch!«

Friedrich griff krampfhaft nach einem Aste. Er war totenbleich und seine Augen schienen wie

Kristallkugeln aus dem Kopfe schießen zu wollen. Doch nur einen Augenblick. Dann kehrte die

größte, an Erschlaffung grenzende Ruhe zurück. – »Herr,« sagte er fest, mit fast sanfter

Stimme; »Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten könnt, und ich vielleicht auch. Wir

wollen es gegeneinander aufgehen lassen, und nun will ich Euch sagen, was Ihr verlangt. Wenn

Ihr die Holzfäller nicht selbst bestellt habt, so müssen es die Blaukittel sein; denn aus dem

Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier Wagen sind es. Ich habe

sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinauffahren hören.« – Er stockte einen Augenblick. –

»Könnt Ihr sagen, daß ich je einen Baum in Eurem Revier gefällt habe? Überhaupt, daß ich je

anderwärts gehauen habe, als auf Bestellung? Denkt nach, ob Ihr das sagen könnt?«

Ein verlegenes Murmeln war die ganze Antwort des Försters, der nach Art der meisten rauhen

Menschen leicht bereute. Er wandte sich unwirsch und schritt dem Gebüsche zu. – »Nein, Herr,«

rief Friedrich, »wenn Ihr zu den andern Förstern wollt, die sind dort an der Buche

hinaufgegangen.« – »An der Buche?« sagte Brandis zweifelhaft, »nein, dort hinüber, nach dem

Mastergrunde.« – »Ich sage Euch, an der Buche; des langen Heinrich Flintenriemen blieb noch am

krummen Ast dort hängen; ich hab’s ja gesehen!«

Der Förster schlug den bezeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine

Stellung nicht verlassen, halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem

Fortgehenden unverrückt nach, wie er durch den halbverwachsenen Steig glitt, mit den

vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so geräuschlos wie ein Fuchs die Hühnerstiege

erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden

immer mehr. Da blitze es noch einmal durchs Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun

war er fort. Friedrichs Gesicht hatte während dieses allmähligen Verschwindens den Ausdruck

seiner Kälte verloren und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute es ihn

vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige

Schritte voran, blieb dann stehen. »Es ist zu spät,« sagte er vor sich hin und griff nach

seinem Hute. Ein leises Picken im Gebüsche, nicht zwanzig Schritte von ihm. Es war der

Förster, der den Flintenstein schärfte. Friedrich horchte. – »Nein!« sagte er dann mit

entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die

Schlucht entlang.

Um Mittag saß Frau Margreth am Herd und kochte Tee. – Friedrich war krank heimgekommen, er

klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich

schwer geärgert über den Förster; kurz den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Ausnahme

einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, für sich zu behalten. Margreth sah schweigend und

trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören,

aber heute kam er ihr so angegriffen vor, wie sonst nie. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge

sein? Sie seufzte tief und ließ einen eben ergriffenen Holzblock fallen.

»Mutter!« rief Friedrich aus der Kammer. – »Was willst du?« – »War das ein Schuß?« – »Ach

nein, ich weiß nicht, was du meinst.« – »Es pocht mir wohl nur so im Kopfe,« versetzte er.

Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgendeine unbedeutende

Klatscherei, die Margreth ohne Teilnahme anhörte. Dann ging sie. – »Mutter!« rief Friedrich.

Margreth ging zu ihm hinein. »Was erzählte die Hülsmeyer?« – »Ach gar nichts, Lügen, Wind!« –

Friedrich richtete sich auf. – »Von der Gretchen Siemers; du weißt ja wohl die alte

Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran.« – Friedrich legte sich wieder hin. »Ich will

sehen, ob ich schlafen kann,« sagte er.

Margreth saß am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf;

die Türe klinkte und der Gerichtsschreiber Kapp trat herein. – »Guten Tag, Frau Mergel,« sagte

er; »könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? Ich komme von M.« – Als Frau Mergel das Verlangte

brachte, fragte er: »Wo ist Friedrich?« Sie war gerade beschäftigt, einen Teller

hervorzulangen und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen. »Wißt Ihr

wohl,« sagte er dann, »daß die Blaukittel in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze

Strecke so kahl gefegt haben, wie meine Hand?« – »Ei, du frommer Gott!« versetzte sie

gleichgültig. »Die Schandbuben,« fuhr der Schreiber fort, »ruinieren alles; wenn sie noch

Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmchen wie mein Arm dick, wo nicht einmal

eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob ihnen andrer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie

ihr Profit!« – »Es ist schade!« sagte Margreth.

Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu

haben. »Habt Ihr nichts von Brandis gehört?« fragte er plötzlich. – »Nichts; er kommt niemals

hier ins Haus.« – »So wißt Ihr nicht, was ihm begegnet ist?« – »Was denn?« fragte Margreth

gespannt. – »Er ist tot!« – »Tot!« rief sie, »was, tot? Um Gotteswillen! Er ging ja noch heute

morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!« – »Er ist tot,« wiederholte

der Schreiber, sie scharf fixierend; »von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde

wurde die Leiche ins Dorf gebracht.«

Margreth schlug die Hände zusammen. – »Gott im Himmel, geh nicht mit ihm ins Gericht! Er wußte

nicht, was er tat!« – »Mit ihm!« rief der Amtsschreiber, »mit dem verfluchten Mörder, meint

Ihr?« Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margreth eilte hin und der Schreiber folgte

ihr. Friedrich saß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt und ächzte wie ein

Sterbender. – »Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter. – »Wie ist dir?« wiederholte der

Amtsschreiber. – »O mein Leib, mein Kopf!« jammerte er. – »Was fehlt ihm?« – »Ach, Gott weiß

es,« versetzte sie; »er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so übel war. –

Friedrich – Friedrich, antworte doch, soll ich zum Doktor?« – »Nein, nein,« ächzte er, »es ist

nur Kolik, es wird schon besser.«

Er legte sich zurück; sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe

wieder. – »Geht,« sagte er matt; »ich muß schlafen, dann geht’s vorüber.« – »Frau Mergel,«

sagte der Amtsschreiber ernst, »ist es gewiß, daß Friedrich um vier zu Hause kam und nicht

wieder fortging?« – Sie sah ihn starr an. »Fragt jedes Kind auf der Straße. Und fortgehen? – –

wollte Gott, er könnt’ es!« – »Hat er Euch nichts von Brandis erzählt?« – »In Gottes Namen,

ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut vorgeworfen hat, der Lump! – Doch Gott

verzeih mir, er ist tot! – Geht!« fuhr sie heftig fort; »seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute

zu beschimpfen? Geht!« – Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging. –

»Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter; »hast du wohl gehört? Schrecklich, schrecklich!

Ohne Beichte und Absolution!« – »Mutter, Mutter, um Gottes willen laß mich schlafen; ich kann

nicht mehr!«

In diesem Augenblick trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang wie eine Hopfenstange,

aber zerlumpt und scheu wie wir ihn vor fünf Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher

als gewöhnlich. »Friedrich,« stotterte er, »du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat Arbeit

für dich; aber sogleich.« – Friedrich drehte sich gegen die Wand. – »Ich komme nicht,« sagte

er barsch, »ich bin krank.« – »Du mußt aber kommen,« keuchte Johannes; »er hat gesagt, ich

müßte dich mitbringen.« – Friedrich lachte höhnisch auf: »Das will ich doch sehen!« – »Laß ihn

in Ruhe, er kann nicht,« seufzte Margreth, »du siehst ja, wie es steht.« – Sie ging auf einige

Minuten hinaus; als sie zurückkam, war Friedrich bereits angekleidet. – »Was fällt dir ein?«

rief sie, »du kannst, du sollst nicht gehen!« – »Was sein muß, schickt sich wohl,« versetzte

er und war schon zur Türe hinaus mit Johannes. – »Ach Gott,« seufzte die Mutter, »wenn die

Kinder klein sind, treten sie uns in den Schoß, und wenn sie groß sind, ins Herz!«

Die gerichtliche Untersuchung hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag klar am Tage; über den

Täter aber waren die Anzeigen so schwach, daß, obschon alle Umstände die Blaukittel dringend

verdächtigten, man doch nicht mehr als Mutmaßungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben

wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig darauf. Die Abwesenheit des Gutsherrn hatte den

Gerichtschreiber genötigt, auf eigene Hand die Sache einzuleiten. Er saß am Tische; die Stube

war gedrängt voll von Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung

eigentlicher Zeugen einigen Aufschluß zu erhalten hoffte. Hirten, die in derselben Nacht

gehütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt, alle standen stramm und fest, die Hände

in den Taschen, gleichsam als stillschweigende Erklärung, daß sie nicht einzuschreiten

gesonnen seien. Acht Forstbeamte wurden vernommen. Ihre Aussagen waren völlig gleichlautend:

Brandis habe sie am zehnten abends zur Runde bestellt, da ihm von einem Vorhaben der

Blaukittel müsse Kunde zugekommen sein; doch habe er sich nur unbestimmt darüber geäußert. Um

zwei Uhr in der Nacht seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zerstörung gestoßen, die

den Oberförster sehr übel gestimmt; sonst sei alles still gewesen. Gegen vier Uhr habe Brandis

gesagt: »Wir sind angeführt, laßt uns heimgehen.« – Als sie nun um den Bremerberg gewendet und

zugleich der Wind umgeschlagen, habe man deutlich im Masterholz fällen gehört und aus der

schnellen Folge der Schläge geschlossen, daß die Blaukittel am Werk seien. Man habe nun eine

Weile beratschlagt, ob es tunlich sei, mit so geringer Macht die kühne Bande anzugreifen, und

sich dann ohne bestimmten Entschluß dem Schalle langsam genähert. Nun folgte der Auftritt mit

Friedrich. Ferner: nachdem Brandis sie ohne Weisung fortgeschickt, seien sie eine Weile

vorangeschritten und dann, als sie bemerkt, daß das Getöse im noch ziemlich weit entfernten

Walde gänzlich aufgehört, stille gestanden, um den Oberförster zu erwarten. Die Zögerung habe

sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie weitergegangen und so bis an den Ort der

Verwüstung. Alles sei vorüber gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefällten Stämmen

noch acht vorhanden, die übrigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen unbegreiflich, wie man

dieses ins Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu finden gewesen. Auch habe die Dürre der

Jahreszeit und der mit Fichtennadeln bestreute Boden keine Fußstapfen unterscheiden lassen,

obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun überlegt, daß es zu nichts

nützen könne, den Oberförster zu erwarten, sei man rasch der andern Seite des Waldes

zugeschritten, in der Hoffnung, vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen.

Hier habe sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in Brombeerranken

verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im Gestrüpp blitzen sehen; es war die

Gurtschnalle des Oberförsters, den man nun hinter den Ranken liegend fand, grad ausgestreckt,

die rechte Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt und die Stirn von einer Axt

gespalten.

Dies waren die Aussagen der Förster; nun kamen die Bauern an die Reihe, aus denen jedoch

nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr noch zu Hause oder anderswo beschäftigt

gewesen zu sein, und keiner wollte etwas bemerkt haben. Was war zu machen? sie waren sämtlich

angesessene, unverdächtige Leute. Man mußte sich mit ihren negativen Zeugnissen begnügen.

Friedrich ward hereingerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich durchaus nicht von seinem

gewöhnlichen unterschied, weder gespannt noch keck. Das Verhör währte ziemlich lange und die

Fragen waren mitunter ziemlich schlau gestellt; er beantwortete sie jedoch alle offen und

bestimmt und erzählte den Vorgang zwischen ihm und dem Oberförster ziemlich der Wahrheit

gemäß, bis auf das Ende, das er geratener fand, für sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des

Mordes war leicht erwiesen. Der Förster lag am Ausgange des Masterholzes; über dreiviertel

Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr angeredet und aus der dieser

seine Herde schon zehn Minuten später ins Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle

anwesenden Bauern beeiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenem

zugenickt.

Der Gerichtsschreiber saß unmutig und verlegen da. Plötzlich fuhr er mit der Hand hinter sich

und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge. »Wem gehört dies?« – Friedrich sprang drei

Schritt zurück. »Herr Jesus! Ich dachte Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen.« Seine Augen

waren rasch über das tödliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf einem ausgebrochenen

Splitter am Stiele zu haften. »Ich weiß es nicht,« sagte er fest. – Es war die Axt, die man in

dem Schädel des Oberförsters eingeklammert gefunden hatte. – »Sieh sie genau an,« fuhr der

Gerichtschreiber fort. Friedrich faßte sie mit der Hand, besah sie oben, unten, wandte sie um.

»Es ist eine Axt wie andere,« sagte er dann und legte sie gleichgültig auf den Tisch. Ein

Blutfleck ward sichtbar; er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr

bestimmt: »Ich kenne sie nicht.« Der Gerichtschreiber seufzte vor Unmut. Er selbst wußte um

nichts mehr, und hatte nur einen Versuch zu möglicher Entdeckung durch Überraschung machen

wollen. Es blieb nichts übrig, als das Verhör zu schließen.

Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt sind, muß ich sagen,

daß diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl noch viel dafür geschah und diesem Verhöre

mehrere folgten. Den Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht und die

darauf folgenden geschärften Maßregeln der Mut genommen; sie waren von nun an wie

verschwunden, und obgleich späterhin noch mancher Holzfrevler erwischt wurde, fand man doch

nie Anlaß, ihn der berüchtigten Bande zuzuschreiben. Die Axt lag zwanzig Jahre nachher als

unnützes Corpus delicti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit ihren

Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Geschichte unrecht sein, die Neugier des Lesers so

zu täuschen. Aber dies alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann nichts davon oder dazutun.

Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu gehen. Es war Mariä

Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor Tagesanbruch im Beichtstuhle. Nachdem er sich

im Finstern angekleidet, verließ er so geräuschlos wie möglich den engen Verschlag, der ihm in

Simons Hause eingeräumt war. In der Küche mußte sein Gebetbuch auf dem Sims liegen und er

hoffte, es mit Hülfe des schwachen Mondlichts zu finden; es war nicht da. Er warf die Augen

suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertür stand Simon, fast unbekleidet, seine dürre

Gestalt, sein ungekämmtes, wirres Haar und die vom Mondschein verursachte Blässe des Gesichts

gaben ihm ein schauerlich verändertes Ansehen. »Sollte er nachtwandeln?« dachte Friedrich, und

verhielt sich ganz still. – »Friedrich, wohin?« flüsterte der Alte. – »Ohm, seid Ihr’s? Ich

will beichten gehen.« – »Das dacht’ ich mir; geh in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter

Christ.« – »Das will ich,« sagte Friedrich. – »Denk an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugnis

ablegen gegen deinen Nächsten.« – »Kein falsches!« – »Nein, gar keines; du bist schlecht

unterrichtet; wer einen andern in der Beichte anklagt, der empfängt das Sakrament unwürdig.«

Beide schwiegen. – »Ohm, wie kommt Ihr darauf?« sagte Friedrich dann; »Eur Gewissen ist nicht

rein; Ihr habt mich belogen.« – »Ich? So?« – »Wo ist Eure Axt?« – »Meine Axt? Auf der Tenne.«

– »Habt Ihr einen neuen Stiel hineingemacht? Wo ist der alte?« – »Den kannst du heute bei Tag

im Holzschuppen finden. Geh,« fuhr er verächtlich fort, »ich dachte du seist ein Mann; aber du

bist ein altes Weib, das gleich meint, das Haus brennt, wenn ihr Feuertopf raucht. Sieh,« fuhr

er fort, »wenn ich mehr von der Geschichte weiß, als der Türpfosten da, so will ich ewig nicht

selig werden. – Längst war ich zu Haus,« fügte er hinzu. – Friedrich stand beklemmt und

zweifelnd. Er hätte viel darum gegeben, seines Ohms Gesicht sehen zu können. Aber während sie

flüsterten, hatte der Himmel sich bewölkt.

»Ich habe schwere Schuld,« seufzte Friedrich, »daß ich ihn den unrechten Weg geschickt –

obgleich – doch, dies hab’ ich nicht gedacht, nein, gewiß nicht. Ohm, ich habe Euch ein

schweres Gewissen zu danken.« – »So geh, beicht!« flüsterte Simon mit bebender Stimme;

»verunehre das Sakrament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den Hals, der

schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brod aus den Zähnen zu reißen, wenn er gleich

nicht reden darf – geh!« – Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Geräusch; die

Wolken verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertür: sie war geschlossen.

Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. –

Der Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leider nur zu bald. Wer

zweifelt daran, daß Simon alles tat, seinen Adoptivsohn dieselben Wege zu leiten, die er

selber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten:

Leichtsinn, Erregbarkeit, und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den Schein

verschmähte, und dann alles daran setzte, durch Wahrmachung des Usurpierten möglicher

Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere

Schande der äußern vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine

Mutter darbte.

Diese unglückliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk mehrerer Jahre, in denen

man bemerkte, daß Margreth immer stiller über ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand

der Verkommenheit versank, den man früher bei ihr für unmöglich gehalten hätte. Sie wurde

scheu, saumselig, sogar unordentlich, und manche meinten, ihr Kopf habe gelitten. Friedrich

ward desto lauter; er versäumte keine Kirchweih oder Hochzeit, und da ein sehr empfindliches

Ehrgefühl ihn die geheime Mißbilligung mancher nicht übersehen ließ, war er gleichsam immer

unter Waffen, der öffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie den Weg zu

leiten, der ihm gefiel. Er war äußerlich ordentlich, nüchtern, anscheinend treuherzig, aber

listig, prahlerisch und oft roh, ein Mensch, an dem niemand Freude haben konnte, am wenigsten

seine Mutter, und der dennoch durch seine gefürchtete Kühnheit und noch mehr gefürchtete Tücke

ein gewisses Übergewicht im Dorfe erlangt hatte, das um so mehr anerkannt wurde, je mehr man

sich bewußt war, ihn nicht zu kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fähig

sei. Nur ein Bursch im Dorfe, Wilm Hülsmeyer, wagte im Bewußtsein seiner Kraft und guter

Verhältnisse ihm die Spitze zu bieten; und da er gewandter in Worten war, als Friedrich, und

immer, wenn der Stachel saß, einen Scherz daraus zu machen wußte, so war dies der einzige, mit

dem Friedrich ungern zusammentraf.

–––––––––––

Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von 1760, der alle Scheunen

mit Korn und alle Keller mit Wein füllte, hatte seinen Reichtum auch über diesen Erdwinkel

strömen lassen, und man sah mehr Betrunkene, hörte von mehr Schlägereien und dummen Streichen,

als je. Überall gab’s Lustbarkeiten; der blaue Montag kam in Aufnahme, und wer ein paar Taler

erübrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm heute essen und morgen hungern helfen

könne. Da gab es im Dorfe eine tüchtige, solide Hochzeit, und die Gäste durften mehr erwarten,

als eine verstimmte Geige, ein Glas Branntwein und was sie an guter Laune selber mitbrachten.

Seit früh war alles auf den Beinen; vor jeder Tür wurden Kleider gelüftet, und B. glich den

ganzen Tag einer Trödelbude. Da viele Auswärtige erwartet wurden, wollte jeder gern die Ehre

des Dorfes oben halten.

Es war sieben Uhr abends und alles in vollem Gange; Jubel und Gelächter an allen Enden, die

niedern Stuben zum Ersticken angefüllt mit blauen, roten und gelben Gestalten, gleich

Pfandställen, in denen eine zu große Herde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, das

heißt, wer zwei Fuß Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rundum und suchte durch

Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war glänzend, die erste Geige als

anerkannte Künstlerin prädominierend, die zweite und eine große Baßviole mit drei Saiten von

Dilettanten ad libitum gestrichen; Branntwein und Kaffee im Überfluß, alle Gäste von Schweiß

triefend; kurz, es war ein köstliches Fest. Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen

himmelblauen Rock, und machte sein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die

Gutsherrschaft anlangte, saß er gerade hinter der Baßgeige und strich die tiefste Saite mit

großer Kraft und vielem Anstand.

»Johannes!« rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem Tanzplatze, wo er

auch seine ungelenken Beine zu schlenkern und eins zu jauchzen versucht hatte. Friedrich

reichte ihm den Bogen, gab durch eine stolze Kopfbewegung seinen Willen zu erkennen und trat

zu den Tanzenden. »Nun lustig, Musikanten: den Papen van Istrup!« – Der beliebte Tanz ward

gespielt und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, daß die Kühe an der Tenne

die Hörner zurückzogen und Kettengeklirr und Gebrumm an ihren Ständern herlief. Fußhoch über

die andern tauchte sein blonder Kopf auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser

überschlägt; an allen Enden schrien Mädchen auf, denen er zum Zeichen der Huldigung mit einer

raschen Kopfbewegung sein langes Flachshaar ins Gesicht schleuderte.

»Jetzt ist es gut!« sagte er endlich und trat schweißtriefend an den Kredenztisch; »die

gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und

wer’s nicht mittrinkt, den will ich an die Ohren schlagen, daß er die Engel singen hört!« –

Ein lautes Vivat beantwortete den galanten Toast. – Friedrich machte seinen Bückling. –

»Nichts für ungut, gnädige Herrschaften; wir sind nur ungelehrte Bauersleute!« In diesem

Augenblick erhob sich ein Getümmel am Ende der Tenne, Geschrei, Schelten, Gelächter, alles

durcheinander. »Butterdieb, Butterdieb!« riefen ein paar Kinder, und heran drängte sich, oder

vielmehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopf zwischen die Schultern ziehend und mit

aller Macht nach dem Ausgange strebend. – »Was ist’s? Was habt ihr mit unserem Johannes?« rief

Friedrich gebieterisch.

»Das sollt Ihr früh genug gewahr werden,« keuchte ein altes Weib mit der Küchenschürze und

einem Wischhader in der Hand. – Schande! Johannes, der arme Teufel, dem zu Hause das

Schlechteste gut genug sein mußte, hatte versucht, sich ein halbes Pfündchen Butter für die

kommende Dürre zu sichern, und ohne daran zu denken, daß er es, sauber in sein Schnupftuch

gewickelt, in der Tasche geborgen, war er ans Küchenfeuer getreten und nun rann das Fett

schmählich die Rockschöße entlang. Allgemeiner Aufruhr; die Mädchen sprangen zurück, aus

Furcht, sich zu beschmutzen, oder stießen den Delinquenten vorwärts. Andere machten Platz,

sowohl aus Mitleid als Vorsicht. Aber Friedrich trat vor: »Lumpenhund!« rief er; ein paar

derbe Maulschellen trafen den geduldigen Schützling; dann stieß er ihn an die Tür und gab ihm

einen tüchtigen Fußtritt mit auf den Weg.

Er kehrte niedergeschlagen zurück; seine Würde war verletzt, das allgemeine Gelächter schnitt

ihm durch die Seele, ob er sich gleich durch einen tapfern Juchheschrei wieder in den Gang zu

bringen suchte – es wollte nicht mehr recht gehen. Er war im Begriff, sich wieder hinter die

Baßviole zu flüchten; doch zuvor noch ein Knalleffekt: er zog seine silberne Taschenuhr

hervor, zu jener Zeit ein seltener und kostbarer Schmuck. »Es ist bald zehn,« sagte er. »Jetzt

den Brautmenuett! Ich will Musik machen.«

»Eine prächtige Uhr!« sagte der Schweinehirt und schob sein Gesicht in ehrfurchtsvoller

Neugier vor. – »Was hat sie gekostet?« rief Wilm Hülsmeyer, Friedrichs Nebenbuhler. – »Willst

du sie bezahlen?« fragte Friedrich. – »Hast du sie bezahlt?« antwortete Wilm. Friedrich warf

einen stolzen Blick auf ihn und griff in schweigender Majestät zum Fidelbogen. – »Nun, nun,«

sagte Hülsmeyer, »dergleichen hat man schon erlebt. Du weißt wohl, der Franz Ebel hatte auch

eine schöne Uhr, bis der Jude Aaron sie ihm wieder abnahm.« Friedrich antwortete nicht,

sondern winkte stolz der ersten Violine, und sie begannen aus Leibeskräften zu streichen.

Die Gutsherrschaft war indessen in die Kammer getreten, wo der Braut von den Nachbarfrauen das

Zeichen ihres neuen Standes, die weiße Stirnbinde, umgelegt wurde. Das junge Blut weinte sehr,

teils weil es die Sitte so wollte, teils aus wahrer Beklemmung. Sie sollte einem verworrenen

Haushalt vorstehen, unter den Augen eines mürrischen alten Mannes, den sie noch obendrein

lieben sollte. Er stand neben ihr, durchaus nicht wie der Bräutigam des Hohen Liedes, der »in

die Kammer tritt wie die Morgensonne.« – »Du hast nun genug geweint,« sagte er verdrießlich;

»bedenk, du bist es nicht, die mich glücklich macht, ich mache dich glücklich!« – Sie sah

demütig zu ihm auf und schien zu fühlen, daß er recht habe. – Das Geschäft war beendigt; die

junge Frau hatte ihrem Manne zugetrunken, junge Spaßvögel hatten durch den Dreifuß geschaut,

ob die Binde gerade sitze, und man drängte sich wieder der Tenne zu, von wo unauslöschliches

Gelächter und Lärm herüberschallte. Friedrich war nicht mehr dort. Eine große, unerträgliche

Schmach hatte ihn getroffen, da der Jude Aaron, ein Schlächter und gelegentlicher Althändler

aus dem nächsten Städtchen, plötzlich erschienen war, und nach einem kurzen, unbefriedigenden

Zwiegespräch ihn laut vor allen Leuten um den Betrag von zehn Talern für eine schon um Ostern

gelieferte Uhr gemahnt hatte. Friedrich war wie vernichtet fortgegangen und der Jude ihm

gefolgt, immer schreiend: »O weh mir! Warum hab’ ich nicht gehört auf vernünftige Leute! Haben

sie mir nicht hundertmal gesagt, Ihr hättet all Eur Gut am Leibe und kein Brod im Schranke!« –

Die Tenne tobte von Gelächter; manche hatten sich auf den Hof nachgedrängt. – »Packt den

Juden! Wiegt ihn gegen ein Schwein!« riefen einige; andere waren ernst geworden. – »Der

Friedrich sah so blaß aus wie ein Tuch,« sagte eine alte Frau, und die Menge teilte sich, wie

der Wagen des Gutsherrn in den Hof lenkte.

Herr von S. war auf dem Heimwege verstimmt, die jedesmalige Folge, wenn der Wunsch, seine

Popularität aufrecht zu erhalten, ihn bewog, solchen Festen beizuwohnen. Er sah schweigend aus

dem Wagen. »Was sind denn das für ein paar Figuren?« – Er deutete auf zwei dunkle Gestalten,

die vor dem Wagen rannten wie Strauße. Nun schlüpften sie ins Schloß. – »Auch ein paar selige

Schweine aus unserm eigenen Stall!« seufzte Herr von S. Zu Hause angekommen, fand er die

Hausflur vom ganzen Dienstpersonal eingenommen, das zwei Kleinknechte umstand, welche sich

blaß und atemlos auf der Stiege niedergelassen hatten. Sie behaupteten, von des alten Mergels

Geist verfolgt worden zu sein, als sie durchs Brederholz heimkehrten. Zuerst hatte es über

ihnen an der Höhe gerauscht und geknistert; darauf hoch in der Luft ein Geklapper wie von

aneinander geschlagenen Stöcken; plötzlich ein gellender Schrei und ganz deutlich die Worte:

»O weh, meine arme Seele!« hoch von oben herab. Der eine wollte auch glühende Augen durch die

Zweige funkeln gesehen haben, und beide waren gelaufen, was ihre Beine vermochten.

»Dummes Zeug!« sagte der Gutsherr verdrießlich und trat in die Kammer, sich umzukleiden. Am

andern Morgen wollte die Fontäne im Garten nicht springen, und es fand sich, daß jemand eine

Röhre verrückt hatte, augenscheinlich um nach dem Kopfe eines vor vielen Jahren hier

verscharrten Pferdegerippes zu suchen, der für ein bewährtes Mittel wider allen Hexen-und

Geisterspuk gilt. »Hm,« sagte der Gutsherr, »was die Schelme nicht stehlen, das verderben die

Narren.«

Drei Tage später tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber alles im Schlosse außer

dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah besorgt ins Dunkle, nach seinen Feldern

hinüber. An den Scheiben flogen Blätter und Zweige her; mitunter fuhr ein Ziegel hinab und

schmetterte auf das Pflaster des Hofes. – »Furchtbares Wetter!« sagte Herr von S. Seine Frau

sah ängstlich aus. »Ist das Feuer auch gewiß gut verwahrt?« sagte sie; »Gretchen, sieh noch

einmal nach, gieß es lieber ganz aus! – Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis beten.«

Alles kniete nieder und die Hausfrau begann: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott

und Gott war das Wort.« Ein furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren zusammen; dann furchtbares

Geschrei und Getümmel die Treppe heran. – »Um Gottes willen! Brennt es?« rief Frau von S. und

sank mit dem Gesichte auf den Stuhl. Die Türe ward aufgerissen und herein stürzte die Frau des

Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar wild um den Kopf, von Regen triefend. Sie warf sich

vor dem Gutsherrn auf die Knie. »Gerechtigkeit!« rief sie, »Gerechtigkeit! Mein Mann ist

erschlagen!« und sank ohnmächtig zusammen.

Es war nur zu wahr, und die nachfolgende Untersuchung bewies, daß der Jude Aaron durch einen

Schlag an die Schläfe mit einem stumpfen Instrumente, wahrscheinlich einem Stabe, sein Leben

verloren hatte, durch einen einzigen Schlag. An der linken Schläfe war der blaue Fleck, sonst

keine Verletzung zu finden. Die Aussagen der Jüdin und ihres Knechtes Samuel lauteten so:

Aaron war vor drei Tagen am Nachmittage ausgegangen, um Vieh zu kaufen, und hatte dabei

gesagt, er werde wohl über Nacht ausbleiben, da noch einige böse Schuldner in B. und S. zu

mahnen seien. In diesem Falle werde er in B. beim Schlächter Salomon übernachten. Als er am

folgenden Tage nicht heimkehrte, war seine Frau sehr besorgt geworden und hatte sich endlich

heute um drei nachmittags in Begleitung ihres Knechtes und des großen Schlächterhundes auf den

Weg gemacht. Beim Juden Salomon wußte man nichts von Aaron; er war gar nicht da gewesen. Nun

waren sie zu allen Bauern gegangen, von denen sie wußten, daß Aaron einen Handel mit ihnen im

Auge hatte. Nur zwei hatten ihn gesehen, und zwar an demselben Tage, an welchem er

ausgegangen. Es war darüber sehr spät geworden. Die große Angst trieb das Weib nach Haus, wo

sie ihren Mann wiederzufinden eine schwache Hoffnung nährte. So waren sie im Brederholz vom

Gewitter überfallen worden und hatten unter einer großen, am Berghange stehenden Buche Schutz

gesucht; der Hund hatte unterdessen auf eine auffallende Weise umhergestöbert und sich

endlich, trotz allem Locken, im Walde verlaufen. Mit einemmale sieht die Frau beim Leuchten

des Blitzes etwas Weißes neben sich im Moose. Es ist der Stab ihres Mannes, und fast im selben

Augenblicke bricht der Hund durchs Gebüsch und trägt etwas im Maule: es ist der Schuh ihres

Mannes. Nicht lange, so ist in einem mit dürrem Laube gefüllten Graben der Leichnam des Juden

gefunden. – Dies war die Angabe des Knechtes, von der Frau nur im allgemeinen unterstützt;

ihre übergroße Spannung hatte nachgelassen und sie schien jetzt halb verwirrt oder vielmehr

stumpfsinnig. – »Aug’ um Auge, Zahn um Zahn!« dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen

hervorstieß.

In derselben Nacht noch wurden die Schützen aufgeboten, um Friedrich zu verhaften. Der Anklage

bedurfte es nicht, da Herr von S. selbst Zeuge eines Auftritts gewesen war, der den

dringendsten Verdacht auf ihn werfen mußte; zudem die Gespenstergeschichte von jenem Abende,

das Aneinanderschlagen der Stäbe im Brederholz, der Schrei aus der Höhe. Da der Amtsschreiber

gerade abwesend war, so betrieb Herr von S. selbst alles rascher, als sonst geschehen wäre.

Dennoch begann die Dämmerung bereits anzubrechen, bevor die Schützen so geräuschlos wie

möglich das Haus der armen Margreth umstellt hatten. Der Gutsherr selber pochte an; es währte

kaum eine Minute, bis geöffnet ward und Margreth völlig gekleidet in der Türe erschien. Herr

von S. fuhr zurück; er hätte sie fast nicht erkannt, so blaß und steinern sah sie aus.

»Wo ist Friedrich?« fragte er mit unsicherer Stimme. – »Sucht ihn,« antwortete sie und setzte

sich auf einen Stuhl. Der Gutsherr zögerte noch einen Augenblick. »Herein, herein!« sagte er

dann barsch; »worauf warten wir?« Man trat in Friedrichs Kammer. Er war nicht da, aber das

Bett noch warm. Man stieg auf den Söller, in den Keller, stieß ins Stroh, schaute hinter jedes

Faß, sogar in den Backofen; er war nicht da. Einige gingen in den Garten, sahen hinter den

Zaun und in die Apfelbäume hinauf; er war nicht zu finden. – »Entwischt!« sagte der Gutsherr

mit sehr gemischten Gefühlen: der Anblick der alten Frau wirkte gewaltig auf ihn. »Gebt den

Schlüssel zu jenem Koffer.« – Margreth antwortete nicht. – »Gebt den Schlüssel!« wiederholte

der Gutsherr, und merkte jetzt erst, daß der Schlüssel steckte. Der Inhalt des Koffers kam zum

Vorschein: des Entflohenen gute Sonntagskleider und seiner Mutter ärmlicher Staat; dann zwei

Leichenhemden mit schwarzen Bändern, das eine für einen Mann, das andere für eine Frau

gemacht. Herr von S. war tief erschüttert. Ganz zu unterst auf dem Boden des Koffers lag die

silberne Uhr und einige Schriften von sehr leserlicher Hand, eine derselben von einem Manne

unterzeichnet, den man in starkem Verdacht der Verbindung mit den Holzfrevlern hatte. Herr von

S. nahm sie mit zur Durchsicht, und man verließ das Haus, ohne daß Margreth ein anderes

Lebenszeichen von sich gegeben hätte, als daß sie unaufhörlich die Lippen nagte und mit den

Augen zwinkerte.

Im Schlosse angelangt, fand der Gutsherr den Amtsschreiber, der schon am vorigen Abend

heimgekommen war und behauptete, die ganze Geschichte verschlafen zu haben, da der gnädige

Herr nicht nach ihm geschickt. – »Sie kommen immer zu spät,« sagte Herr von S. verdrießlich.

»War denn nicht irgendein altes Weib im Dorfe, das Ihrer Magd die Sache erzählte? Und warum

weckte man Sie dann nicht?« – »Gnädiger Herr,« versetzte Kapp, »allerdings hat meine Anne

Marie den Handel um eine Stunde früher erfahren als ich; aber sie wußte, daß Ihre Gnaden die

Sache selbst leiteten, und dann,« fügte er mit klagender Miene hinzu, »daß ich so todmüde

war.« – »Schöne Polizei!« murmelte der Gutsherr, »jede alte Schachtel im Dorf weiß Bescheid,

wenn es recht geheim zugehen soll.« Dann fuhr er heftig fort: »Das müßte wahrhaftig ein dummer

Teufel von Delinquenten sein, der sich packen ließe!«

Beide schwiegen eine Weile. – »Mein Fuhrmann hatte sich in der Nacht verirrt,« hob der

Amtsschreiber wieder an; ȟber eine Stunde lang hielten wir im Walde; es war ein Mordwetter;

ich dachte, der Wind werde den Wagen umreißen. Endlich, als der Regen nachließ, fahren wir in

Gottes Namen darauf los, immer in das Zellerfeld hinein, ohne eine Hand vor den Augen zu

sehen. Da sagte der Kutscher: wenn wir nur nicht den Steinbrüchen zu nahe kommen! Mir war

selbst bange; ich ließ halten und schlug Feuer, um wenigstens etwas Unterhaltung an meiner

Pfeife zu haben. Mit einemmale hörten wir ganz nah, perpendikulär unter uns die Glocke

schlagen. Ew. Gnaden mögen glauben, daß mir fatal zu Mut wurde. Ich sprang aus dem Wagen, denn

seinen eigenen Beinen kann man trauen, aber denen der Pferde nicht. So stand ich, in Kot und

Regen, ohne mich zu rühren, bis es gottlob sehr bald anfing zu dämmern. Und wo hielten wir?

dicht an der Heerser Tiefe und den Turm von Heerse gerade unter uns. Wären wir noch zwanzig

Schritt weiter gefahren, wir wären alle Kinder des Todes gewesen.« – »Das war in der Tat kein

Spaß,« versetzte der Gutsherr, halb versöhnt.

Er hatte unterdessen die mitgenommenen Papiere durchgesehen. Es waren Mahnbriefe um geliehene

Gelder, die meisten von Wucherern. – »Ich hätte nicht gedacht,« murmelte er, »daß die Mergels

so tief drin steckten.« – »Ja, und daß es so an den Tag kommen muß,« versetzte Kapp; »das wird

kein kleiner Ärger für Frau Margreth sein,« – »Ach Gott, die denkt jetzt daran nicht!« – Mit

diesen Worten stand der Gutsherr auf und verließ das Zimmer, um mit Herrn Kapp die

gerichtliche Leichenschau vorzunehmen. – Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen,

der vermutliche Täter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravierend, doch ohne

persönliches Geständnis nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr verdächtig. So mußte die

gerichtliche Verhandlung ohne genügenden Erfolg geschlossen werden.

Die Juden der Umgegend hatten großen Anteil gezeigt. Das Haus der Witwe ward nie leer von

Jammernden und Ratenden. Seit Menschengedenken waren nicht so viel Juden beisammen in L.

gesehen worden. Durch den Mord ihres Glaubensgenossen aufs Äußerste erbittert, hatten sie

weder Mühe noch Geld gespart, dem Täter auf die Spur zu kommen. Man weiß sogar, daß einer

derselben, gemeinhin der Wucherjoel genannt, einem seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte

schuldete und den er für einen besonders listigen Kerl hielt, Erlaß der ganzen Summe angeboten

hatte, falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube war allgemein

unter den Juden, daß der Täter nur mit guter Beihülfe entwischt und wahrscheinlich noch in der

Umgegend sei. Als dennoch alles nichts half und die gerichtliche Verhandlung für beendet

erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im

Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter

der Aarons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war. – »Wollt ihr sie

fällen? So mitten im vollen Laube?« fragte der Gutsherr. – »Nein, Ihro Gnaden, sie muß

stehenbleiben im Winter und Sommer, solange ein Span daran ist.« – »Aber wenn ich nun den Wald

hauen lasse, so schadet es dem jungen Aufschlag.« – »Wollen wir sie doch nicht um gewöhnlichen

Preis.« – Sie boten 200 Taler. Der Handel ward geschlossen und allen Förstern streng

eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise zu schädigen. Darauf sah man an einem Abende wohl

gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend

und mit gesenkten Augen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst

und feierlich zurück, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und

jeder seines Weges ging. Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eingehauen:

Und wo war Friedrich? Ohne Zweifel fort, weit genug, um die kurzen Arme einer so schwachen

Polizei nicht mehr fürchten zu dürfen. Er war bald verschollen, vergessen. Ohm Simon redete

selten von ihm, und dann schlecht; die Judenfrau tröstete sich am Ende und nahm einen andern

Mann. Nur die arme Margreth blieb ungetröstet.

Etwa ein halbes Jahr nachher las der Gutsherr einige eben erhaltene Briefe in Gegenwart des

Amtsschreibers. – »Sonderbar, sonderbar!« sagte er. »Denken Sie sich, Kapp, der Mergel ist

vielleicht unschuldig an dem Morde. Soeben schreibt mir der Präsident des Gerichtes zu P.: ›Le

vrai n’est pas toujours vraisemblable; das erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt

neuerdings. Wissen Sie wohl, daß Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag

ebensowenig erschlagen haben, als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die

Wahrscheinlichkeit ist groß. Ein Mitglied der Schlemmingschen Bande (die wir jetzt, nebenbei

gesagt, größtenteils unter Schloß und Riegel haben), Lumpenmoises genannt, hat im letzten

Verhöre ausgesagt, daß ihn nichts so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron,

den er im Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe. Leider ward das

Verhör durch die Mittagsstunde unterbrochen, und während wir tafelten, hat sich der Hund von

einem Juden an seinem Strumpfband erhängt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter

Name usw.‹ – Was sagen Sie dazu?« wiederholte der Gutsherr; »und weshalb wäre der Esel von

einem Burschen denn gelaufen?« – Der Amtsschreiber dachte nach. – »Nun, vielleicht der

Holzfrevel wegen, mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heißt es nicht: der Böse

läuft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug auch ohne diesen

Flecken.«

Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden und – Johannes Niemand, der arme,

unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit ihm.

Eine schöne, lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre, fast die Hälfte eines

Menschenlebens; der Gutsherr war sehr alt und grau geworden, sein gutmütiger Gehülfe Kapp

längst begraben. Menschen, Tiere und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schloß

B. sah immer gleich grau und vornehm auf die Hütten herab, die wie alte hektische Leute immer

fallen zu wollen schienen und immer standen. Es war am Vorabende des Weihnachtfestes, den

24sten Dezember 1788. Tiefer Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwölf Fuß hoch, und eine

durchdringende Frostluft machte die Fensterscheiben in der geheizten Stube gefrieren.

Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte Lichtchen aus den Schneehügeln, und in

jedem Hause lagen die Einwohner auf den Knien, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit

Gebet zu erwarten, wie dies in katholischen Ländern Sitte ist, oder wenigstens damals

allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine Gestalt langsam gegen das Dorf;

der Wanderer schien sehr matt oder krank; er stöhnte schwer und schleppte sich äußerst mühsam

durch den Schnee.

An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf seinen Krückenstab und starrte

unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still überall, so tot und kalt; man mußte an

Irrlichter auf Kirchhöfen denken. Nun schlug es zwölf im Turm; der letzte Schlag verdröhnte

langsam und im nächsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Hause zu Hause

schwellend, sich über das ganze Dorf zog:

Ein Kindelein so löbelich

Ist uns geboren heute,

Von einer Jungfrau säuberlich,

Des freun sich alle Leute;

Und wär’ das Kindelein nicht geborn,

So wären wir alle zusammen verlorn:

Das Heil ist unser aller.

O du mein liebster Jesu Christ,

Der du als Mensch geboren bist,

Erlös uns von der Hölle!

Der Mann am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder Stimme einzufallen; es

ward nur ein lautes Schluchzen daraus, und schwere, heiße Tropfen fielen in den Schnee. Die

zweite Strophe begann; er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt

und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der Mann sich mühselig

auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An mehreren Häusern keuchte er vorüber, dann stand

er vor einem still und pochte leise an.

»Was ist denn das?« sagte drinnen eine Frauenstimme; »die Türe klappert und der Wind geht doch

nicht.« – Er pochte stärker: »Um Gottes willen, laßt einen halberfrorenen Menschen ein, der

aus der türkischen Sklaverei kommt!« – Geflüster in der Küche. »Geht ins Wirtshaus,«

antwortete eine andere Stimme, »das fünfte Haus von hier!« – »Um Gottes Barmherzigkeit willen,

laßt mich ein! Ich habe kein Geld.« – Nach einigem Zögern ward die Tür geöffnet und ein Mann

leuchtete mit der Lampe hinaus. – »Kommt nur herein!« sagte er dann, »Ihr werdet uns den Hals

nicht abschneiden.«

In der Küche befanden sich außer dem Manne eine Frau in den mittlern Jahren, eine alte Mutter

und fünf Kinder. Alle drängten sich um den Eintretenden her und musterten ihn mit scheuer

Neugier. Eine armselige Figur! Mit schiefem Halse, gekrümmtem Rücken, die ganze Gestalt

gebrochen und kraftlos; langes, schneeweißes Haar hing um sein Gesicht, das den verzogenen

Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging schweigend an den Herd und legte frisches Reisig

zu. – »Ein Bett können wir Euch nicht geben,« sagte sie; »aber ich will hier eine gute Streu

machen; Ihr müßt Euch schon so behelfen.« – »Gott’s Lohn!« versetzte der Fremde; »ich bin’s

wohl schlechter gewohnt.« – Der Heimgekehrte ward als Johannes Niemand erkannt, und er selbst

bestätigte, daß er derselbe sei, der einst mit Friedrich Mergel entflohen.

Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange Verschollenen. Jeder

wollte den Mann aus der Türkei sehen, und man wunderte sich beinahe, daß er noch aussehe wie

andere Menschen. Das junge Volk hatte zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die Alten fanden

seine Züge noch ganz wohl heraus, so erbärmlich entstellt er auch war. »Johannes, Johannes,

was seid Ihr grau geworden!« sagte eine alte Frau. »Und woher habt Ihr den schiefen Hals?« –

»Vom Holz- und Wassertragen in der Sklaverei,« versetzte er. – »Und was ist aus Mergel

geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?« – »Freilich wohl; aber ich weiß nicht, wo er

ist, wir sind voneinander gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet für ihn,« fügte er hinzu, »er

wird es wohl nötig haben.«

Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er den Juden doch nicht

erschlagen? – »Nicht?« sagte Johannes und horchte gespannt auf, als man ihm erzählte, was der

Gutsherr geflissentlich verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu löschen. »Also

ganz umsonst,« sagte er nachdenkend, »ganz umsonst so viel ausgestanden!« Er seufzte tief und

fragte nun seinerseits nach manchem. Simon war lange tot, aber zuvor noch ganz verarmt, durch

Prozesse und böse Schuldner, die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte,

zwischen ihnen keine reine Sache war. Er hatte zuletzt Bettelbrod gegessen und war in einem

fremden Schuppen auf dem Stroh gestorben. Margreth hatte länger gelebt, aber in völliger

Geistesdumpfheit. Die Leute im Dorf waren es bald müde geworden, ihr beizustehen, da sie alles

verkommen ließ, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist, gerade die Hülflosesten

zu verlassen, solche, bei denen der Beistand nicht nachhaltig wirkt und die der Hülfe immer

gleich bedürftig bleiben. Dennoch hatte sie nicht eigentlich Not gelitten; die Gutsherrschaft

sorgte sehr für sie, schickte ihr täglich das Essen und ließ ihr auch ärztliche Behandlung

zukommen, als ihr kümmerlicher Zustand in völlige Abzehrung übergegangen war. In ihrem Hause

wohnte jetzt der Sohn des ehemaligen Schweinehirten, der an jenem unglücklichen Abende

Friedrichs Uhr so sehr bewundert hatte. – »Alles hin, alles tot!« seufzte Johannes.

Am Abend, als es dunkel geworden war und der Mond schien, sah man ihn im Schnee auf dem

Kirchhofe umherhumpeln; er betete bei keinem Grabe, ging auch an keines dicht hinan, aber auf

einige schien er aus der Ferne starre Blicke zu heften. So fand ihn der Förster Brandis, der

Sohn des Erschlagenen, den die Gutsherrschaft abgeschickt hatte, ihn ins Schloß zu holen.

Beim Eintritt in das Wohnzimmer sah er scheu umher, wie vom Licht geblendet, und dann auf den

Baron, der sehr zusammengefallen in seinem Lehnstuhl saß, aber noch immer mit den hellen Augen

und dem roten Käppchen auf dem Kopfe wie vor achtundzwanzig Jahren; neben ihm die gnädige

Frau, auch alt, sehr alt geworden.

»Nun, Johannes,« sagte der Gutsherr, »erzähl mir einmal recht ordentlich von deinen

Abenteuern. Aber,« er musterte ihn durch die Brille, »du bist ja erbärmlich mitgenommen in der

Türkei!« Johannes begann: wie Mergel ihn nachts von der Herde abgerufen und gesagt, er müsse

mit ihm fort. – »Aber warum lief der dumme Junge denn? Du weißt doch, daß er unschuldig war?«

– Johannes sah vor sich nieder: »Ich weiß nicht recht, mich dünkt, es war wegen

Holzgeschichten. Simon hatte so allerlei Geschäfte; mir sagte man nichts davon, aber ich

glaube nicht, daß alles war, wie es sein sollte.« – »Was hat denn Friedrich dir gesagt?« –

»Nichts, als daß wir laufen müßten, sie wären hinter uns her. So liefen wir bis Heerse; da war

es noch dunkel und wir versteckten uns hinter das große Kreuz am Kirchhofe, bis es etwas

heller würde, weil wir uns vor den Steinbrüchen am Zellerfelde fürchteten; und wie wir eine

Weile gesessen hatten, hörten wir mit einem Male über uns schnauben und stampfen und sahen

lange Feuerstrahlen in der Luft gerade über dem Heerser Kirchturm. Wir sprangen auf und

liefen, was wir konnten in Gottes Namen gerade aus, und wie es dämmerte, waren wir wirklich

auf dem rechten Wege nach P.«

Johannes schien noch vor der Erinnerung zu schaudern, und der Gutsherr dachte an seinen

seligen Kapp und dessen Abenteuer am Heerser Hange. – »Sonderbar!« lachte er, »so nah wart ihr

einander! Aber fahr fort.« – Johannes erzählte nun, wie sie glücklich durch P. und über die

Grenze gekommen. Von da an hatten sie sich als wandernde Handwerksbursche durchgebettelt bis

Freiburg im Breisgau. »Ich hatte meinen Brodsack bei mir,« sagte er, »und Friedrich ein

Bündelchen; so glaubte man uns.« – In Freiburg hatten sie sich von den Österreichern anwerben

lassen; ihn hatte man nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train.

»Den Winter über blieben wir in Freiburg,« fuhr er fort, »und es ging uns ziemlich gut; mir

auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im

Frühling mußten wir marschieren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Türken los.

Ich kann nicht viel davon nachsagen, denn ich wurde gleich in der ersten Affaire gefangen und

bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der türkischen Sklaverei gewesen!« – »Gott im Himmel! Das

ist doch schrecklich!« sagte Frau von S. – »Schlimm genug; die Türken halten uns Christen

nicht besser als Hunde; das schlimmste war, daß meine Kräfte unter der harten Arbeit

vergingen; ich ward auch älter und sollte noch immer tun wie vor Jahren.«

Er schwieg eine Weile. »Ja,« sagte er dann, »es ging über Menschenkräfte und Menschengeduld;

ich hielt es auch nicht aus. – Von da kam ich auf ein holländisches Schiff.« – »Wie kamst du

denn dahin?« fragte der Gutsherr. – »Sie fischten mich auf, aus dem Bosporus,« versetzte

Johannes. Der Baron sah ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes

erzählte weiter. Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen. »Der Skorbut riß ein;

wer nicht ganz elend war, mußte über Macht arbeiten, und das Schiffstau regierte ebenso streng

wie die türkische Peitsche. Endlich,« schloß er, »als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam,

ließ man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das Schiff gehörte, hatte

auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu seinem Pförtner machen. Aber« – er schüttelte den

Kopf – »ich bettelte mich lieber durch bis hieher.« – »Das war dumm genug,« sagte der

Gutsherr. – Johannes seufzte tief: »O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und Ketzern

zubringen müssen, soll ich nicht wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe liegen?« Der

Gutsherr hatte seine Börse gezogen: »Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir

das alles noch ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durcheinander. Du bist wohl

noch sehr müde?« – »Sehr müde,« versetzte Johannes; »und,« er deutete auf seine Stirn, »meine

Gedanken sind zuweilen so kurios, ich kann nicht recht sagen, wie es so ist.« – »Ich weiß

schon,« sagte der Baron, »von alter Zeit her. Jetzt geh. Hülsmeyers behalten dich wohl noch

die Nacht über, morgen komm wieder.«

Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm; bis zum folgenden Tage war

überlegt worden, wo man ihn einmieten könne; essen sollte er täglich im Schlosse, und für

Kleidung fand sich auch wohl Rat. »Herr,« sagte Johannes, »ich kann auch noch wohl etwas tun;

ich kann hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich auch als Boten schicken.« Herr von S.

schüttelte mitleidig den Kopf: »Das würde doch nicht sonderlich ausfallen.« – »O doch Herr,

wenn ich erst im Gange bin – es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir

auch nicht so sauer, wie man denken sollte.« – »Nun,« sagte der Baron zweifelnd, »willst du’s

versuchen? Hier ist ein Brief nach P. Es hat keine sonderliche Eile.«

Am folgenden Tage bezog Johannes sein Kämmerchen bei einer Witwe im Dorfe. Er schnitzelte

Löffel, aß auf dem Schlosse und machte Botengänge für den gnädigen Herrn. Im ganzen ging’s ihm

leidlich; die Herrschaft war sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm

über die Türkei, den österreichischen Dienst und die See. – »Der Johannes könnte viel

erzählen,« sagte er zu seiner Frau, »wenn er nicht so grundeinfältig wäre.« – »Mehr tiefsinnig

als einfältig,« versetzte sie; »ich fürchte immer, er schnappt noch über.« – »Ei bewahre!«

antwortete der Baron, »er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute werden nie verrückt.«

Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengange über Gebühr lange aus. Die gute Frau von

S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute aussenden, als man ihn die Treppe

heraufstelzen hörte. – »Du bist lange ausgeblieben, Johannes,« sagte sie; »ich dachte schon,

du hättest dich im Brederholz verirrt.« – »Ich bin durch den Föhrengrund gegangen.« – »Das ist

ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Brederholz?« – Er sah trübe zu ihr auf: »Die

Leute sagten mir, der Wald sei gefällt, und jetzt seien so viele Kreuz- und Querwege darin, da

fürchtete ich, nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig,« fügte er langsam

hinzu. – »Sahst du wohl,« sagte Frau von S. nachher zu ihrem Manne, »wie wunderlich und quer

er aus den Augen sah? Ich sage dir, Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende.«

Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen und

mancher Hektische fühlte die Schere an seinem Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem

Einflusse des nahen Äquinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagen, er habe

auffallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch

sonst mitunter tat, aber selten. Endlich kam er eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die

Herrschaft habe ihn verschickt, am zweiten auch nicht, am dritten Tage ward seine Hausfrau

ängstlich. Sie ging ins Schloß und fragte nach. – »Gott bewahre,« sagte der Gutsherr, »ich

weiß nichts von ihm; aber geschwind den Jäger gerufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige

Krüppel,« setzte er bewegt hinzu, »auch nur in einen trockenen Graben gefallen ist, so kann er

nicht wieder heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von seinen schiefen Beinen gebrochen hat!

– Nehmt die Hunde mit,« rief er den abziehenden Jägern nach, »und sucht vor allem in den

Gräben; seht in die Steinbrüche!« rief er lauter.

Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur gefunden. Herr von S. war

in großer Unruhe: »Wenn ich mir denke, daß einer so liegen muß wie ein Stein, und kann sich

nicht helfen! Aber er kann noch leben; drei Tage hält’s ein Mensch wohl ohne Nahrung aus.« –

Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nachgefragt, überall in die Hörner

geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt – umsonst! – Ein Kind hatte ihn gesehen, wie

er am Rande des Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte; »er schnitt ihn aber ganz

entzwei,« sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen. Nachmittags fand sich

wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ihn an der andern Seite des Waldes bemerkt hatte, wo

er im Gebüsch gesessen, das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen

Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz herumgetrieben.

»Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht wäre! da kann keine Seele hindurch,« sagte

der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hallote und kehrte

endlich mißvergnügt heim, als man sich überzeugt, daß die Tiere den ganzen Wald abgesucht

hatten. – »Laßt nicht nach! laßt nicht nach!« bat Frau von S.; »besser ein paar Schritte

umsonst, als daß etwas versäumt wird.« – Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sie. Seine

Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes’ Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden.

Er ließ sich die Kammer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch ungemacht, wie

er es verlassen hatte; dort hing sein guter Rock, den ihm die gnädige Frau aus dem alten

Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel

und eine Schachtel. Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier

gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie aufmerksam. »Ein

Andenken von Mergel,« murmelte er und trat hinaus, denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen,

engen Kämmerchen. Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes

sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war er denn zum zweitenmal

verschwunden; ob man ihn wiederfinden würde – vielleicht einmal nach Jahren seine Knochen in

einem trockenen Graben? Ihn lebend wieder zu sehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls

nach achtundzwanzig Jahren gewiß nicht.

Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandis morgens von einer Besichtigung seines Reviers

durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahreszeit ungewöhnlich heißer Tag; die Luft

zitterte, kein Vogel sang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Ästen und hielten ihre

offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermüdet. Bald nahm er seine von der Sonne

durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war alles gleich unerträglich, das

Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum außer der

Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich todmatt auf das

beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch seine Glieder, daß er die

Augen schloß. »Schändliche Pilze!« murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nämlich in jener Gegend

eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen, dann einfallen und einen

unerträglichen Geruch verbreiten. Brandis glaubt solche unangenehmen Nachbarn zu spüren, er

wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang

unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und bellte hinauf. – »Was hast du da, Bello?

Eine Katze?« murmelte Brandis. Er öffnete die Wimper halb und die Judenschrift fiel ihm ins

Auge, sehr ausgewachsen, aber doch noch ganz kenntlich. Er schloß die Augen wieder; der Hund

fuhr fort zu bellen und legte endlich seinem Herrn die kalte Schnauze ans Gesicht. – »Laß mich

in Ruh’! Was hast du denn?« Hiebei sah Brandis, wie er so auf dem Rücken lag, in die Höhe,

sprang dann mit einem Satze auf und wie besessen ins Gestrüpp hinein. Totenbleich kam er auf

dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem

Gesichte hängen sehen. – »Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?« rief der Baron. –

»Herr,« keuchte Brandis, »wenn Ew. Gnaden dagewesen wären, so wüßten Sie wohl, daß der Mensch

nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien die Pilze.« Dennoch trieb der Gutsherr zur

größten Eile und zog selbst mit hinaus.

Sie waren unter der Buche angelangt. »Ich sehe nichts,« sagte Herr von S. – »Hierher müssen

Sie treten, hierher, an diese Stelle!« – Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine

eigenen abgetragenen Schuhe. – »Gott, es ist Johannes! – Setzt die Leiter an! – So – nun

herunter! – Sacht, sacht! Laßt ihn nicht fallen! – Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran!

Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.« – Eine breite Narbe ward sichtbar; der

Gutsherr fuhr zurück. – »Mein Gott!« sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche,

betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer

Erschütterung. Dann wandte er sich zu den Förstern: »Es ist nicht recht, daß der Unschuldige

für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da« – er deutete auf den Toten – »war

Friedrich Mergel.« – Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.

Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahrs 1788. – Die

hebräische Schrift an dem Baume heißt:

»Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.«

Annette von Droste-Hülshoff – Bei uns zulande auf dem Lande

Annette von Droste-Hülshoff

Bei uns zulande auf dem Lande

Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz

Einleitung des Herausgebers

Ich bin ein Westfale, und zwar ein Stockwestfale, nämlich ein Münsterländer, – Gott sei Dank!

füge ich hinzu und denke gut genug von jedem Fremden, wer er auch sei, um ihm zuzutrauen, daß

er gleich mir den Boden, wo »seine Lebenden wandeln und seine Toten ruhen«, mit keinem andern

auf Erden vertauschen würde, obwohl seit etwa zwei Jahrzehnten, d.h. seit der Dampf sein

Bestes tut, das Landeskind in einen Weltbürger umzublasen, die Furcht, beschränkt und

eingerostet zu erscheinen, es fast zur Sitte gemacht hat, die Schwächen der Alma mater, welche

man sonst Vaterland nannte und bald nur als den zufälligen Ort der Geburt bezeichnen wird, mit

möglichst schonungsloser Hand aufzudecken und so einen glänzenden Beweis seiner Vielseitigkeit

zu geben. Es ist bekanntlich ja unendlich trostloser, für albern als für schlimm zu gelten.

Möge die zivilisierte Welt also getröstet sein, denn ihre Fortschritte zu der alles

nivellierenden Unbefangenheit der wandernden Schauspieler, Scherenschleifer und vazierenden

Musikanten sind schnell und unwidersprechlich. – Dennoch bleiben Erbübel immer schwer

auszurotten, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, sobald man auf die Redeweisen dieser

grandiosen Parteilosen fein kräftig eingeht und etwa hier und dort noch den rechten Drücker

aufsetzt, sie geradeso vergnügt lächeln als ein Bauer, der Zahnweh hat.

Gott besser’s, sage ich und überlasse die beliebige Auslegung jedem. – Was mich anbelangt, so

bin ich, wie gesagt, ein Mensch nullius iudicii, nämlich ein Münsterländer, sonst guter Leute

Kind, habe studiert in Bonn, in Heidelberg, auch auf einer Ferienreise vom Rigi geschaut und

die Welt nicht nur weitläufig, sondern sogar überaus schön gefunden – ein in der Tat wunderbar

köstlicher Moment, und für den armen Studenten, der um jeden zu diesem Zwecke heimgelegten

Taler irgendeine andere Freude hat totschlagen müssen, ein tief, fast heilig bewegender –

dennoch nichts gegen das erste Knistern des Heidekrauts unter den Rädern, nichts gegen das

mutwillige Andringen der ersten Blütenstaubwolke, die die erste Nußhecke uns in den Wagen

wirbelte, nach drei langen auswärts verlebten Jahren. Da habe ich mich mal weit aus dem

Schlage gelehnt und mich gelb einpudern lassen, wie ein Römer aus den Zeiten Augusts, und so

wie berauscht die erstickenden Küsse meiner Heimat eingesogen. Dann kamen meine klaren,

stillen Weiher mit den gelben Wasserlilien, meine Schwärme von Libellen, die wie glänzende

Zäpfchen sich überall anhängen, meine blauen, goldenen, getigerten Schmetterlinge, die wie

flatternde Miniaturen aufstiegen. Wie gern wäre ich ausgestiegen und ein Weilchen

nebenhergetrabt, aber es kam mir vor, als müßte ich mich schämen vor den Leuten im

Schnellwagen und vor allen machte mir ein bleicher, winddürrer Herr not, der ganz aussah wie

ein Genie, was auf Menschenkenntnis reist, denn ich bin ehrlicher Leute Kind und möchte nicht

gern als empfindsame Heidschnucke in einem Journale figurieren. Deshalb will ich denn auch

hier abbrechen und nur noch sagen, daß ich seit zwölf Jahren wieder bei uns zulande bin und

mein friedliches Brot habe, als Rentmeister meines guten gnädigen Herrn, der keine Schwalbe an

seinem Dache belästigen mag, wieviel weniger seine Leute überladet, so daß ich meine Arbeit in

der Tat ganz wohl zwingen kann und um vieles an gutem, ich meine gesundem Aussehen gewonnen

habe, sonderlich in den letzten fünf Jahren, seit ich das obere Turmzimmer bewohne, was das

gesundeste im Hause ist und mir noch allerlei kleine Ergötzlichkeiten, als aus dem Fenster zu

angeln und die Reiher über dem Schloßweiher wegzuschießen, bietet. – Die Zeitungen werden mir

auch gebracht, wenn der Herr sie gelesen, und die Bücher aus der Leihbibliothek; so füllt sich

mein Überschuß an Zeit ganz behaglich aus, und ich bleibe hinlänglich in Rapport mit der

politischen und belletristischen Außenwelt. – Sehr wunderlich war mir zumute, als ich vor etwa

zehn Jahren zum erstenmal mein gutes Ländchen in van der Veldens Roman unverhofft begegnete,

es war mir fast, als sei ich nun ein Lion geworden und könne fortan nicht mehr in meinem

ordinären Rocke ausgehen. In den letzten Jahren habe ich mich indessen dagegen verhärtet, seit

wir Westfalen in der Literatur wie Ameisen umherwimmeln. Ich will nichts gegen diese Schriften

sagen, da ich wohl weiß, wie es mir ergehen würde, wenn ich z.B. einen Russen oder Kalmücken

in die Szene setzen sollte, aber soviel ist gewiß, daß ich in den Figuren, die dort unsere

Straßen durchwandeln, höchstens meine Nebenmenschen erkannt habe. Mir fiel dabei ein, wie ich

in den Gymnasialjahren bei einer stillen honetten Familie wohnte, wo jeden Abend Walter Scotts

Romane, einer nach dem andern, andächtig vorgenommen wurden; mein Wirt war Forstmann, sein

Bruder Militär, und seiner Frauen Bruder, der sich pünktlich um sieben mit der langen Pfeife

und einem starken Salbenduft einstellte, Wundarzt – Gott, wie haben wir uns an dem

Schottländer ergötzt, aber nur ich ganz rein, weil ich von allem, was er verhandelte, eben

kaum oberflächliche Kenntnisse hatte, die andern hingegen fanden alles unübertrefflich, bis

auf die greulichen Schnitzer in jedes eignem Fach, und lagen sich oft in den Haaren, daß sie

im Eifer das Licht ausdampften und mir in Rauch und Angst der Atem ausging, denn mein Held lag

derweil hart verwundet am Boden, und mir war, als müsse er sich verbluten, oder er hing über

einem schaudernden Abgrund, und mir war, als sähe ich ein Steinchen nach dem andern unter

seinen Fußen wegbröckeln; daraus habe ich mir denn den Schluß gezogen, nicht damals, sondern

nachträglich, daß man sowohl aus Billigkeit als um sich nicht unnötig zu verstimmen, zuweilen

eine Krähe für einen Raben muß gelten lassen, und es ist nicht zu genau zu nehmen mit Leuten,

die vielleicht aus Not als gute Familienväter sich mit Gegenständen befaßt haben, zu deren

Durchdringen ihnen nun einmal die Gelegenheit nicht ist gegeben worden. Dennoch war es mir,

sooft ich las, als rufe alles Totgeschlagene um Hülfe und fordere sein Leben von mir. Ich

hatte seitdem keine Ruhe, weniger vor dem, was besteht, als vor dem, was für immer hin ist.

Alte, nebelhafte Erinnerungen aus meinen frühsten Jahren tauchten auf, glitten mir tages über

die Rechnungen und kamen nachts in einer lebendigen Verkörperung wieder; ich war wieder ein

Kind und knieete neugierig und andächtig auf dem grünen Stiftsanger, während die Prozession an

mir vorüberzog, die Kirchenfahnen, die breite Sodalitätsfahne; ich sah genau die seit dreißig

Jahren vergessenen Zieraten des Reliquienkastens, und Fräulein, die ich schon so lange als alt

und verkümmert kannte, daß es mir war, als könnten sie nie jung und selbständig gewesen sein,

traten in ihrer weißen Ordenstracht so stattlich und sittsam hinter dem hochwürdigen Gute her,

wie es christlichen Herrschaften geziemt. Seltsam genug war in diesen Träumen auch alle Scheu

und Beschränktheit eines Kindes wieder über mich gekommen; ich fürchtete mich etwas weniges

vor den Bärten der Kapuziner, nahm nur zögernd und doch begierig das Heiligenbild, was sie mir

mit resolutem Nicken aus ihren Ärmel hervorsuchten, sah verstört hinter mich, wenn meine

Tritte in den Kreuzgängen widerhallten, und horchte mit offenem Munde auf die eintönigen

Responsorien der Domherren, die aus dem geschlossenen Chore mir wie eine Wirkung ohne Ursache

hervorzudröhnen schienen. Wachte ich dann auf, so war mir zumute wie einem Geplünderten,

verarmt und tiefbetrübt, daß alles dieses und auch soviel anderes Landesgetreue, was so reich

und wahrhaftig gelebt, fortan kein anderes Dasein haben sollte als in dem Gedächtnisse weniger

Alternder, die auch nach und nach abfallen wie das Laub vom Baume, bis der kalte Zugwind der

Ereignisse auch kein Blatt mehr zu verwehen findet. Träumen macht närrisch, pflegt man zu

sagen; mich hat es närrisch genug gemacht (soll ich’s gestehen? und warum nicht, irren ist

kein Schade). An einem schönen Tage, wo blöder Sonnenschein mir gute Courage machte, schnitt

ich entschlossen ein Dutzend Federn, nahm mich gewissermaßen selber bei den Ohren und dachte:

Schreib auf, was du weißt, wäre es auch nur für die Kinder des Herrn, Karl und Klärchen –

besser ein halbes Ei als eine leere Schale; angefangen habe ich denn auch, aber wenn ich

sagte, es sei gut geworden, so hätte ich mich selber zum Narren. Solange ich schrieb, kam es

mir schon leidlich vor, und ich hatte mitunter Freude an eignen netten Einfällen und, wie mich

dünkte, ganz poetischen Gedanken, aber wenn ich es mir nun vor anderer Augen oder gar gedruckt

dachte, dann schoß es mit einem Male zum Herzen, als sei ich doch ganz und gar kein Genie und,

obwohl gleichsam mit der Feder hinterm Ohre geboren, doch wohl nur, um Register zu führen und

Rechnungen auszuschreiben. In meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als wenn ich dann,

wie dies ein paarmal geschah, die Tischglocke überhörte und der Bediente mich überraschte,

der, gottlob, kein Geschriebenes lesen kann. Aller Augen sahen auf mich, ich schluckte meine

Suppe nachträglich hinunter wie ein Reiher, und es war mir, als ob alle mit dem Finger auf

mich wiesen, die doch nichts von meiner Heimlichkeit wußten, sonderlich die beiden Kinder. Bei

Gott! es muß ein angstvolles Metier sein, das Schriftstellern, und ich gönne es keinem Hunde.

– Darum bin ich auch so herzlich froh, daß ich dieses Manuskript gefunden, was alles und weit

mehr enthält, als ich zu sagen gewußt hätte, dabei in einem netten Stile, wie er mir

schwerlich würde gelungen sein. Das Heft lag im Archive unter dem Lagerbuche, und ich habe

dies wohl hundertmal daran hinein- und hinausgeschoben, ohne es je zu beachten, aber an jenem

Tage – morgen werden es drei Wochen her sein – polterte es einem Bündel Papiere nach auf den

Boden, und eine glückliche Neugier trieb mich an hineinzusehen. Der Verfasser ist ein Edelmann

aus der Lausitz, Lehnsvetter einer angesehenen, seit zwanzig Jahren erloschenen Familie, deren

Güter meinem Herrn zugekommen sind – das Hauptgut als Allodium durch Erbschaft, da des Herrn

Mutter eine Tochter jenes Hauses war, die geringern Besitzungen durch Kauf vom Bruder dieses

Lausitzers im Zeitpunkt der Aufhebung des Lehnsrechts durch Napoleon. Wie das Manuskript

hierhergekommen, weiß ich nicht, und der Herr, dem ich’s vorgelegt, wußte ebenfalls nichts

darüber; vielleicht hat es mein Vorgänger im Amte, der aufgeweckten, wißbegierigen Geistes

gewesen sein soll, von einer seiner Inspektionsreisen mitgebracht. Es lagen noch zwei

vergilbte Briefe darin, woraus erhellt, daß jener Edelmann unerwartet abreisen mußte, weil

sein Bruder am Nervenfieber schwer erkrankt war, daß er, in der Heimat angekommen, über der

Pflege desselben gleichfalls erkrankte und starb, während der andere aufkam; so mag er wohl

sein Manuskript in der Angst und Eil’ vergessen haben. Er scheint ein munterer und

wohlmeinender Mann gewesen zu sein, billig genug für einen Ausländer, mit der so seltenen

Gabe, eine fremde Nationalität rein aufzufassen, freilich nur halb fremd, denn das

westfälische Blut dringt noch bis ins hundertste Glied, und ich würde bedauern, daß er so früh

sterben mußte, wenn ich nicht bedächte, daß er jetzt doch schwerlich noch im Leben sein könnte

– sechsundfünfzig Jahre sind eine lange Zeit, wenn man schon vorher in den Dreißigen war. –

Die angesehene und fromme Familie, bei der er den einen Sommer zugebracht, hat auch, man

möchte sagen, unzeitig verlöschen müssen: zuerst der alte Herr, der sich beim Botanisieren

erkältete und, so glatt und wohlerhalten für seine Jahre er aussah, sich doch als sehr schwach

erwies, denn er schwand hin an der leichten Erkältung wie ein Hauch; dann der junge Herr

Baron, den man bis zu seiner Majorennität auf Reisen schickte, und der in Wien ein trauriges,

vorzeitiges Ende fand, im Duell, um einer eingebildeten Beleidigung willen, die das

freundliche Gemüt des jungen Mannes nicht beabsichtigte; Fräulein Sophie starb ihnen bald

nach, sie war nie recht gesund gewesen und diese beiden Stöße zu hart für sie; meines Herrn

Mutter mußte die Geburt ihres Kindes mit dem Leben bezahlen; aber wer sie alle überlebte, war

die Frau Großmutter, die nach dem Verluste der Ihrigen hierher zog und sich mit großer

Elastizität an dem Gedeihen ihres Enkels wieder aufrichtete; ich habe sie noch gekannt als

eine steinalte Frau, aber lebendig, heftig und aller ihrer Geisteskräfte mächtig bis zum

letzten Atemzuge; man hätte fast denken sollen, sie werde nimmer sterben, und doch war es am

Ende ein leichtes Magenübel, was sie hinnahm – ihr Andenken ist in Ehren und Segen und der

gnädige Herr noch immer still und nachdenklich an ihrem Todestage. Als ich ihm das Manuskript

gab, war er sehr bewegt, und ich glaubte nicht, daß er dessen Veröffentlichung zugeben werde;

nachdem es aber vierzehn Tage auf seinem Nachttische gelegen und er in dieser Zeit kein Wort

zu mir darüber geredet hatte, gab er es mir am verwichenen Sonnabend, den 29. Mai, zurück mit

dem Zusatze, von einem Westfalen geschrieben, würde es weniger bedeutend sein, aus dem Munde

eines Fremden sei es ein klares und starkes Zeugnis, was im Familienarchive nicht unterdrückt

werden dürfe. So mag es denn sein! und ich gebe es dem Publikum zum Gefallen oder Mißfallen;

es ist kein Roman, es ist unser Land, unser Glaube, und was diesen trifft an Lob oder Tadel,

was die Lebenden tragen müssen, das möge auch über diese toten Blätter kommen.

Erstes Kapitel

Der Edelmann aus der Lausitz und das Land seiner Vorfahren

Soeben hat die Schloßglocke halb zehn geschlagen – es ist eigentlich noch gar nicht Nacht –

ein schmaler Lichtstreifen steht im Westen, und zuweilen fährt noch ein Vogel im Gebüsche

drüben aus seinem Halbschlafe auf und träumt halbe Kadenzen seines Gesanges nach – dennoch

ist’s hier fast schon Nacht – soeben hat man mir eine schöne neue Talgkerze gebracht – Holz

ans Kamin gelegt, um einen Ochsen zu braten, und nun soll ich ohne Gnade in die Daunen. –

Unmöglich, ich emanzipiere mich, heimlich, aber desto sicherer, und niemand sieht es mir

morgens an, daß ich allnächtlich den stillen Wohltäter des Hauses mache und auf Wasser und

Feuer zwar nicht achte, aber doch achten würde, wenn dergleichen Dinge hierzulande nicht

unschädlich wären, wie ich wohl schließen muß, wenn ich jeden Abend Knecht und Magd mit

flackernden Lampen in Heuböden und Ställen umherwirtschaften sehe. Diese alten Mauern, die

doch wenigstens ihre drei Jahrhunderte auf dem Rücken zu tragen scheinen! seltsames,

schlummerndes Land! so sachte Elemente! so leiser, seufzender Strichwind, so träumende

Gewässer! so kleine friedliche Donnerwetterchen ohne Widerhall! und so stille, blonde

Leutchen, die niemals fluchen, selten singen oder pfeifen, aber denen der Mund immer zu einem

behaglichen Lächeln steht, wenn sie unter der Arbeit nach jeder fünften Minute die Wolken

studieren und aus ihrem kurzen Stummelchen gen Himmel schmöken, mit dem sie sich im besten

Einverständnisse fühlen. Vor einer Viertelstunde hörte ich die Zugbrücke aufknarren, ein

Zeichen, daß alles ab und tot ist und das Haus fortan unter dem Schutze Gottes und des breiten

Schloßteiches steht, der, nebenbei gesagt, an einigen Stellen nur knietiefe Furten hat; das

macht aber nichts, es ist doch blankes Wasser, was darüber steht, und man könnte nicht

durchwaten, ohne bedeutend naß zu werden: Schutz genug gegen Diebe und Gespenster! – Die Nacht

wird sehr sternhell werden, ich sehe zahllose milchichte Punkte allmählich hervordämmern; drei

Hühnerhunde und zwei Dachse lagern auf dem Estrich unter meinem Fenster und schnappen nach den

Mücken, die die dekretierte Nacht noch nicht wollen gelten lassen; aus den Ställen dröhnt

zuweilen das leise Murren einer schlaftrunkenen Kuh oder der Hufschlag eines Pferdes, das mit

Fliegen kämpft; im Zimmer meines guten Vetters von Noahs Arche her brennt das einzige

Nachtlicht; was soll ein ehrlicher Lausitzer machen, der um elf seine letzte Pikettpartie

anzufangen gewöhnt ist? Um mich liegen zwar die Schätze der Bibliothek: Hochbergs »Adliges

Landleben«, Kerßenbrocks »Geschichte der Wiedertäufer«, Werner Rolewinks »De moribus

Westphalorum« und meines Wirtes nicht genug zu preisendes »Liber mirabilis« – aber mir geht es

wie den Israeliten, die sich bei dem blanken Manna nach den Fleischtöpfen Egyptis sehnten; o

Dresdener Staatszeitung, o Frankfurter Postreiter, die ihr mich so manches Mal in den Schlaf

gewiegt habt, wann werden meine Augen euch wiedersehen? Können die Heringe und Schellfische

des Münsterschen Intelligenzblattes meine politischen Stockfische ersetzen? Aber warum

schreibe ich nicht oder vielmehr, warum habe ich nicht geschrieben diese zwei Monate lang? Bin

ich nicht im Lande meiner Vorfahren? Das Land, was mein Ahn Hans Everwin so betrübten Herzens

verließ und in sauberm Mönchslatein besang wie eine Nachtigall in der Perücke? O angulus

ridens! o prata fontesque susurro etc. etc. – Ich weiß es, wie mich einst freuen wird, diese

Blätter zu lesen, wenn dieses fremdartige Intermezzo meines Lebens weit hinter mir liegt,

vielleicht mehr, als ich jetzt noch glaube, denn es ist mir zuweilen, als wolle das

zwanzigfach verdünnte westfälische Blut sich noch geltend in mir machen. Gott bewahre! ich bin

ein echter Lausitzer – vive la Lusace! und nun! das hat Mühe gekostet, bis ich an diesen Kamin

gelangt bin – schlechte, schlechte Wege habe ich durchackert und Gefahren ausgestanden zu

Wasser und Lande. Dreimal habe ich den Wagen zerbrochen und einmal dabei auf dem Kopfe

gestanden, was weder angenehm noch malerisch war. Mit einem Spitzgespann (so nennt man hier

ein Dreigespann) von langhaarigen Bauernpferden habe ich mich durch den Sand gewühlt und mit

einem Male den vordern Renner in einer sogenannten Welle versinken sehen, einer tückischen,

wandernden Rasse von Quellen, die ich sonst nirgends angetroffen und die hier manchen

Fahrwegen Annex ist, sich das ganze Jahr stille hält, um im Frühlinge irgendeine gute

münsterische Seele zu packen, zur Strafe der Sünde, die sie nicht begangen hat. Ich bin aus

dem Wagen gesprungen wie ein Pfeil, denn – bei Gott – mir war so konfus, daß ich an die

Nordsee und Unterspülen dachte; von meinem Pferdchen war nur noch ein Stück Nase und die Ohren

sichtbar, mit denen es erbärmlich zwinkerte; zum Glück waren Bauern in der Nähe, die Heidrasen

stachen und geschickt genug Hand anlegten: »He! Hans! up! up!« Ja – Hans konnte nicht auf und

spartelte sich immer tiefer hinein; endlich ward er doch herausgegabelt und zog

niedergeschlagen und kläglich triefend weiter voran, wie der bei der Serenade übel begossene

Philister. – Ich fand vorläufig den Boden unter meinen Füßen sicherer und stapfte nebenher

durch das feuchte Heidekraut, immer an unsern Ahn denkend und sein horazisches »o angulus

ridens!« und was denn hier wohl lachen möge? der Sand? oder das kotige Pferd? oder mein

Fuhrmann in seinem bespritzten Kittel, der das Ave-Maria pfiff, daß die Heidschnucken davon

melancholisch werden sollten? oder vollends ich, der wie ein Storch von einem Maulwurfshügel

zum andern stelzte? – Doch – ich war es, der am Ende lachend in den Wagen stieg, dreimal

selig, schon vor Jahrhunderten im kleinsten Keime diesem glückseligen Arabien entflohen zu

sein, was sich mir in diesem Augenblicke von dem klassischen durch nichts zu unterscheiden

schien, als nur durch den Mangel an Sträußen und Überfluß an Pfützen. O Gott! dachte ich, wie

mag die Halle deiner Väter beschaffen sein, du guter Everwin! – Eine halbe Tagereise weiter,

und die Gegend klärte sich allmählich auf; die Heiden wurden kleiner, blumicht und beinahe

frisch und fingen an, sich mit ihren auffallend bunten Viehherden und unter Baumgruppen

zerstreuten Wohnungen fast idyllisch auszunehmen; rechts und links Gehölz und, soweit ich es

unterscheiden konnte, frischer, kräftiger Baumschlag, aber überall traten dem Blick mannshohe

Erdwälle entgegen, die, vom Gebüsch überschattet, jeden Fahrweg unerläßlich einengten – wozu?

wahrscheinlich um den Kot desto länger zu konservieren; ich befragte meinen Fuhrmann, einen

gereisten Mann, der sogar einmal Düsseldorf gesehen hatte und mich mindestens immer um mein

drittes Wort verstand: »O Herr«, sagte er, »wenn wir keine Wallhecken hätten, was würden wir

dann für schelmhaftige Wege haben?« Vivat Westphalia, dachte ich! – Wir ackerten voran – aus

allen Häusern belferten uns Kläffer an, die ich allemal, die langhaarigen »Rüden«, die glatten

ohne Ausnahme »Teckel« locken hörte; vor den Eingängen einzelner größerer Höfe zerwüteten sich

greuliche Zerberusse an ihrer Kette und es schien mir unmöglich, unzerrissen hinein- oder

hinauszukommen. – Was man nicht alles bemerkt auf einer Tagfahrt zwischen Wallhecken, den

Himmel über, die Pfütze unter sich! Der Wagen hielt einen Augenblick an, vier kleine Buben,

sämtlich in Troddelmützen und drei Kamisöler übereinander, rot wie Äpfelchen, stolperten eilig

herzu und langten mit der Hand nach dem Schlage; ich suchte nach ein paar Stübern und

Matieren, die man mir auf der letzten Station zugewechselt, und rief, indem ich sie aus dem

Schlage warf: »Habt acht, ihr Buben!« Da aber nahmen sie Reißaus, und wie verscheuchte Hasen

krabbelten sie den Erdwall hinan. Gotts Wunder, was mochte das für ein Krabat oder Slowak

sein, der kein Deutsch konnte und sein Geld in den Dreck warf? Ich sah sie noch lange aus

ihrem Hafen meinem Wagen nachstarren, wie, sans comparaison, einem abziehenden Kamele. Einem

war beim Ansatz zur Flucht sein Holzschuh abhanden gekommen, und ich hörte ihn unter dem Rade

ein unzeitiges Ende nehmen; mein Trost waren die herrenlosen Stüber und Matiere, mit denen

sich das dicke Henrichjännchen oder Jannberndchen (so heißt hier nämlich immer der dritte

Mann) bezahlt machen konnte, wenn dieses nicht außer seinem Gedankenkreise lag. Jetzt weiß

ich, daß die armen Dinger mir nur eine Kußhand geben, und schon damals begriff ich, daß sie

mindestens nicht betteln wollten. Überhaupt sah ich keine Straßenbettler am Wege, und das Land

meiner Vorfahren fing an, mir mindestens ganz nährend und behaglich vorzukommen, obwohl meine

Augen noch immer vergeblich nach dem »Fette der Erde« ausschauten, bei dem die Leute so

vollständige runde Köpfe und stämmige Schultern ansetzen konnten, bis ich durch die Lücken der

Wallhecken über die schweren Schlagbäume weg in das Geheimnis der Kämpe und Wiesengründe

drang, wo ich die eigentliche Elite der Ställe erblickte: schönes schweres Vieh ostfriesischer

Rasse, was übersatt und schnaubend in dem wie von einem Goldregen überzitterten Grasewalde

lag. – Schau mir einer die pfiffigen Münsterländer, die ihr eure dicken Taler auf vier Beinen

hinter Erdhaufen und Dornen versteckt, damit kein reisender Diplomat in der Seele seines

gnädigsten Herrn etwa Appetit dazu bekomme! Ich bin zu sehr Landwirt, als daß dieser Anblick

mich unbewegt gelassen hätte; ich dachte an mein liebes Dobbritz und meine krauslockigen

Lämmerchen und fühlte das Blut meines Ahns den Urenkeln seiner Ställe entgegenrollen –

seltsam! ich kann dies niederschreiben, als dächte ich noch heute so, und doch ist mir so gar

anders zumute. Nun weiter – zum Ziele! wenn die Lehmchausseen meiner so müde sind als ich

ihrer, so werden sie sich freuen, daß wir auseinander kommen, und ich fühle mich noch

innerlich zerschlagen von der Erinnerung und schmachte dem Ziele entgegen.

Doch zuvor noch ein Reiseabenteuer – kein kleines für meinen Fuhrmann – und was mir den ersten

dämmernden Begriff von dem Charakter dieses Volkes gab. Wir hatten einen derben Schock

überstanden – unsere Pferde verschnauften in der Heide und dampften aus Nüstern und Flanken.

Mein Bauer schlug Feuer an einer Art Lunte in messingener Scheide, die er seinen »perfekt

guten Tüntelpott« nannte, – in der Ferne bewegte sich etwas grell Rotes zwischen den Kühen –

es kam näher – es war ein Mensch in Scharlachlivree von grauschwarzer Gesichtsfarbe. Ich sagte

nichts und beobachtete meinen Bauern; der nahm langsam die Pfeife aus dem Munde, zog langsam

einen Rosenkranz aus seiner Tasche, griff nach seinem Hute zweimal, ohne ihn zu lüften, und

sah noch nicht auf, als das Unding ihm fast parallel war – es stand – es redete ihn an in

fremdartigem Dialekt: »Wo führt der Weg nach Lasbeck?« Mein Bauer winkte mit der Hand einen

breidünnen Fahrweg entlang, der Schwarze schüttelte den Kopf und sah auf seine Stiefeln, die

schon Schlimmeres überstanden hatten. – »Kann ich denn nicht dort herunter?« auf einen Fußweg

deutend, der dieselbe Richtung direkter nahm. »Das möchte nicht gut sein«, sagte der Fuhrmann

bedächtig. »Warum nicht?« mein Schwarzer kurz angebundenen, cholerischen Temperaments. Nie

werde ich den Ausdruck von, ich möchte sagen, ruhigem Schauder und tiefem Mitleid vergessen,

mit dem mein Bauer erwiderte: »Da steht ein Kruzifix.« Der Mohr stieß ein paar Sacredieus und

Coquins hervor, und fort trabte er mit seinem Briefbündel unterm Arm. Ist das nun lächerlich

oder rührend? Es kommt darauf an, wie man es auffaßt – ich gestehe, daß ich meinem Weißkittel

gern irgendeine Güte angetan hätte in diesem Augenblick, und seine religiöse Scheu ohne Furcht

und Haß, seine tiefe, überschwengliche Gutmütigkeit, die selbst den Teufel nicht ins Labyrinth

führen mochte, lag so rührend vor mir, daß ich seinem breiten Rücken, wie er so langsam, den

Rosenkranz abzählend, neben den Pferden herschritt, die ersten Liebesblicke in diesem Lande

zugewendet habe. Möge Gott dich behüten, du gutes, patriarchalisches Ländchen, Land meiner

Vorfahren, wie ich dich gern nenne, wenn man mir mein Anteil Lausitzer Blut ungekränkt läßt.

Mit der Ironie ist’s ab und tot; ich fahre durch die lange, weite Eichenhalle, wo die

schlanken Stämme ihre noch schwachbelaubten Wipfel über mich breiten; ich sah zwischen den

Lücken der Bäume einen weiten Wasserspiegel, graue Türme vortreten, – bei Gott! es war mir

doch seltsam zumut, als ich über die Zugbrücke rollte und über dem Tore den steinernen

Kreuzritter mit seinem Hunde sah, dessen der alte Everwin so wohlredend gedenkt: »Eques

vexillum crucis sublevans, cum molosso ad aquam hiante« – alter Hans Heinrich! schwenkst du

deine Fahne auch schützend über deinen verarteten Zweig, dem dein Glaube und Land fremd

geworden sind? Im Schlosse war ich so halbwege erwartet, d.h. so in Bausch und Bogen, wo es

auf eine Handvoll Wochen nicht ankommt; ein schlau aussehender, schwärzlicher Bursche in

himmelblau und gelber Livree, streng nach dem Wappenbuch, öffnete den Schlag und erkannte mich

sofort für den fremden Vetter, als ich vom »Schlosse« redete und nach dem »Baron« fragte. »Der

Herr sind auf dem Vogelfang, aber die gnädige Frau sind zu Hause« – zugleich hörte ich

drinnen: »Ihro Gnaden, he ist do, he ist do, de Herr ut de Lauswick!« und sah beim Eintritt

noch zwei dicke, passablement schiefe, himmelblaue Beine. – Das war also der Eintritt in die

Halle meiner Väter; ja, hört, wie es erging, ihr Wände, meine ich, und du, jammernder Scheit

im Kamin – denn auf die drei Spione und zwei Dachse kann ich nicht rechnen, da das Fenster

geschlossen ist. Die gnädige Frau empfing mich stattlich, aber verlegen, das Bäschen stumm

verlegen, der junge Vetter neugierig verlegen, der eigentliche Herr, der fast mit mir zugleich

eintrat und bei unserer ersten Bewillkommnung einen piependen und flatternden Vogel in der

Hand hielt, war auch verlegen, aber auf eine überaus teilnehmende Weise. Verlegen waren alle,

und so blieb mir nichts übrig, als es am Ende mit zu werden; man sah, wie in allen eine

unterdrückte Herzlichkeit kämpfte mit einem Etwas, das ich nicht ergründen konnte, und mich

verstohlen vom Kopfe bis zu den Füßen musterte. Meine Augen hatten den rechten Weg

eingeschlagen – der galonierte Rock – die Ringe an den Fingern, so tragen sich hierzulande die

Windbeutel, und womit ich, unter uns gesagt, diesen Leuten an der Welt Ende zu imponieren

glaubte und auf der letzten Station wenigstens eine gute Stunde verwendet hatte, das gab mir

hier das Ansehen eines, der nächstens zum Bankerott umkippen will und Kredit auf seine Tressen

sucht; hier ist alles so feststehend, man weiß so genau, was jeder gilt, daß dergleichen

Nachhülfe und Augenverblendung immer nur wie Notschüsse herauskommen, und ich bin jetzt

überzeugt, daß mein guter Vetter, unter seinen Grüßen und Verbeugungen, alle seine Gefälle und

Zehnten überzählte, und wieviel davon wohl zur Aushülfe eines verlorenen Sohnes im 20sten

Gliede möchte ritterlich, christlich und doch ohne Unverstand zu verwenden sein. Jetzt weiß

ich dieses, und es demütigt mich nicht; hätte ich es damals gewußt, so würde es mich

allerdings in einen kläglichen, innern Zustand von Scham und Zorn versetzt haben, – dennoch

ging der erste Tag mühsam hin, obwohl der Vetter mich in alle seine Freuden und Schätze

einweihte: seine nie gesehenen Blumenarten eigener Fabrik, seine Rüstkammer, seine

landwirtschaftlichen Reichtümer, sogar den Augapfel seines Geistes, sein unschätzbares Liber

mirabilis – ich dachte zu meiner Unterhaltung, jetzt weiß ich aber, daß es ein schlauer

Streich vom alten Herrn war, der mir so heimlich auf den Zahn fühlte, wie es mit adligen

Künsten bei mir beschaffen sei – nämlich Latein, Öconomia und Ritterschaftsverhältnissen. Mir

ging’s wie dem Nachtwandler, und ich trat um so blinder, desto sicherer auf. Acht Tage kann

ich auf mein Noviziat rechnen, wo täglich eine neue Schleuse des Wohlwollens sich zögernd

öffnete, das ganz eigentümliche milde Lächeln des Herrn täglich milder, die scharfen Augen

seiner Frau täglich strahlender und offener wurden, und als mich am achten Tage der junge Herr

Everwin auf seine Stube geführt und Fräulein Sophie abends aus freien Stücken ein schönes,

etwas altmodiges Lied zum Klaviere gesungen hatte, da war ich absolviert und fortan ein Kind

und Bruder des Hauses. Ich fühlte dieses, als ich am nächsten Morgen von Abreise sprach, um

meinem Bleiben einen festen Boden zu geben, der auch sogleich unter mir aufstieg. »Mich

dünkt«, sagte der alte Herr (»der Herr« sagt man hier kurzweg, »Baron« ist ausländisch und

windbeutelig) mit einem triumphierenden Lächeln, »mich dünkt, Sie blieben nett hier in Numero

Sicher, bis Sie Ihr Recht in der Tasche haben. Der Hund des alten Hans Heinrich hat uns so

manchen Prozeß weggebellt, der wird Ihnen auch keinen durchs Tor lassen.« – Ich dachte an

meine Gedanken, als ich unter dem Steinbilde einfuhr, und der alte Herr mußte mir etwas

dergleichen ansehen, denn er schüttelte meine Hand und sagte: »Lieber Herr Vetter!« So bin ich

denn nun seit zwei Monaten hier – Boten gehen und kommen, und meine Geschäfte ziehen sich in

die Länge; ich helfe dem Herrn botanisieren, Vögel fangen und sein Liber mirabilis auslegen,

wobei ich schlecht genug bestehe und manche Eselsbrücke schlage, die der Vetter gütig

unbemerkt läßt; besser komme ich fort in den gelegentlichen Gesprächen über ernste Gegenstände

und Klassische Wissenschaften, in denen der alte Herr vortrefflich beschlagen ist und ich eben

auch kein Hund bin – was mich aber zumeist ergötzt, ist die lebendige, frische Teilnahme, die

kräftige Phantasie, mit der alles meinen Erzählungen von Städten, Ländern und vor allem den

Wundern des grünen Gewölbes horcht. Diese stillen Leute sitzen unbewußt auf dem Pegasus, ich

will sagen, sie leben in einer innern Poesie, die ihnen im Traume mehr von dem gibt, was ihre

leiblichen Augen nie sehen werden, als wir andern übersättigten Menschen mit unsern Händen

davon ergreifen können. Ich bin gern hier, es wäre Fadheit, es zu leugnen, und Undank

zugleich; auch langweile ich mich keineswegs, man treibt hier allerlei Gutes, etwas

altfränkisch und beengt, aber gründlich. Auch gibt es hier von den seltsamsten Originalen, und

zwar rein naturwüchsigen, sich völlig unbewußten; wenn ich bedenke, was ich noch alles

nachzuholen und zu erläutern habe, ehe ich wieder bis zu diesem Abende, diesem Kamin und

diesen Mücken gelange, die mich unbarmherzig molestieren, so scheinen mir alle Gänseflügel auf

dem Hofe in Gefahr, – aber jetzt ist’s spät – meine Kerze hat sich mehr schön als dauerhaft

bewiesen; sie ist mehr verlaufen als verbrannt, und auf dem Tische schwimmt’s von Talge, den

ich noch vor Schlafengehen mit eigenen Händen reinigen muß, um nicht morgen von meinem Freunde

Dirk als der schmierige Herr aus der Lauswick bezeichnet zu werden. – Das Licht im Zimmer des

Vetters brennt dämmerig wie ein Traum – die Sterne sind desto klarer, welch schöne Nacht! –

Zweites Kapitel

Der Herr und seine Familie

Honneur aux dames! Ich fange an mit der gnädigen Frau, einem fremden Gewächs auf diesem Boden,

wo sie sich mit ihrer südlichen Färbung, dunkeln Haaren, dunkeln Augen ausnimmt wie eine

Burgundertraube, die in einen Pfirsichkorb geraten ist, – sie stammt aus einer der reichen

rheinländischen Familien, die man hier für ebenbürtig gelten läßt, und der Vetter, der vor

zwanzig Jahren nach Düsseldorf landtagen ging und von einer plötzlichen Lust, die Welt zu

sehen, befallen wurde, lernte sie in Köln vor dem Schreine der Heiligen Drei Könige kennen und

fühlte dort zuerst den vorläufig noch äußerst embryonischen Wunsch, sie zur Königin seines

Hauses zu machen. Das ist sie denn auch im vollen Sinn des Wortes: eine kluge, rasche,

tüchtige Hausregentin, die dem Kühnsten wohl zu imponieren versteht und, was ihr zur Ehre

gereicht, eine so warme, bis zur Begeistrung anerkennende Freundin des Mannes, der eigentlich

keinen Willen hat als den ihrigen, daß alle Frauen, die Hosen tragen, sich wohl daran spiegeln

möchten. Es ist höchst angenehm, dieses Verhältnis zu beobachten; ohne Frage steht diese Frau

geistig höher als ihr Mann, aber selten ist das Gemüt so vom Verstande hochgeachtet worden;

sie verbirgt ihre Obergewalt nicht, wie schlaue Frauen wohl tun, sondern sie ehrt den Herrn

wirklich aus Herzensgrunde, weiß jede klarere Seite seines Verstandes, jede festere seines

Charakters mit dem Scharfsinn der Liebe aufzufassen und hält die Zügel nur, weil der Herr eben

zu gut sei, um mit der schlimmen Welt auszukommen. Nie habe ich bemerkt, daß ein Mangel an

Welterfahrung seinerseits sie verlegen gemacht hätte, dagegen strahlten ihre schwarzen Augen

wie Sterne, wenn er seine guten Kenntnisse entwickelt, Latein spricht wie Deutsch, und sich in

alten Tröstern bewandert zeigt wie ein Cicerone. Die gnädige Frau hat südliches Blut, sie ist

heftig, ich habe sie sogar schon sehr heftig gesehen, wenn sie bösen Willen voraussetzt, aber

sie faßt sich schnell und trägt nie nach. Sehr stattlich und vornehm sieht sie aus, muß sehr

schön gewesen sein und wäre dies vielleicht noch, wenn ihre bewegten Gefühle sie etwas mehr

Embonpoint ansetzen ließen; so sieht sie aus wie ein edles, arabisches Pferd. Ihr neues

Vaterland hat sie liebgewonnen und macht gern dessen Vorzüge geltend, nur mit der Art

Überschätzung, die oft gescheiten Leuten von starker Phantasie eigen ist: so hat sie alle

alten, mitunter verwunderlichen Gewohnheiten und Rechte des Hauses bestehen lassen und wacht

nur über Ordnung und ein billiges Gleichgewicht; ich werde noch auf die respektablen

Müßiggänger kommen, über die man hier bei jedem Schritte fällt, und die ich bei mir zu Hause

würde mit dem Ochsenziemer bedienen lassen; hier möchte ich sie selbst nicht gekränkt sehen.

Bettler in dem Sinne wie anderwärts gibt es hier keine, aber arme Leute, alte oder schwache

Personen, denen wöchentlich und öfter eine Kost so gut wie den Dienstboten gereicht wird; ich

sehe sie täglich zu dreien oder mehren auf der Stufe der steinernen Flurtreppe gelagert,

ärmlich, aber ehrbar, und keinen vorübergehen, ohne sie zu grüßen. Die gnädige Frau tut mehr,

sie geht hinunter und macht die schönste Konversation mit ihnen über Welthändel, Witterung,

die ehrbare Verwandtschaft und wovon man sich sonst nachbarlich unterhält; darum gilt sie denn

auch für eine brave, gemeine Frau, was soviel gilt als populär, und sie ist immer mit gutem

Rat zur Hand, wo sie denn auch, wie billig, der Ausführung nachhilft. Sehr habe ich ihre

Geduld bewundern müssen mit einem Verrückten, dem Sohn des Müllerhauses, dessen Licht ich eben

durch die Mauerluke herüberscheinen sehe. Der arme Mensch ist irre geworden über eine

Heiratsgeschichte, obwohl nicht eben aus Liebe. Er war einziger Sohn, sie einzige Tochter, und

beide Eltern am Leben; so zog die Aussicht sich ins Blaue, da jedes die Seinigen mitbringen

mußte und für vier alte Leute in keinem der Häuser Raum war; dennoch hatten die Eltern sie

unterderhand verlobt mit dem ruhigen Zusatze, daß, wenn zweie von ihnen gestorben seien, was

bei ihrem Alter wohl nicht lange ausbleiben werde, die Heirat vor sich gehen könne. So lebten

alle friedlich und ohne Ungeduld voran, bis der Brautvater, ein Tischler, sehr kränklich,

zugleich etwas schwach im Kopfe, anfing, sich lebhaft nach einem Gehülfen zu sehnen. Sein

Geselle, ein schlauer Sauerländer, machte sich dieses zunutze, so viel vom Verfall der

Kundschaft und dem übermäßigen Wohlbefinden des Müllerpaares zu reden, denen er wenigstens

Methusalems Alter prophezeite, wobei er schlau die Verpflichtung gegen Kind und Gutsherrn auf

das geängstigte Gemüt des alten Mannes wirken ließ, bis er diesen ganz konfus über Recht und

Unrecht gemacht hatte. Die Folge war eine zweite und dieses Mal rechtskräftige Verlobung mit

Stempelpapier und Siegel zwischen dem betrübten, eingeschüchterten Mädchen und dem

Sauerländer. Zwei Tage später, und der alte Mann lag tot am Schlagflusse, und fast mit ihm

zugleich starb der Vater des Bräutigams an einer leichten Erkältung, was wahrlich kein zähes

Leben bewies. In der ersten Trauerzeit hielt jedes sich still zu Hause, dann aber trieb die

Müllerin ihren Sohn an, mit der Braut jetzt das Nähere zu bereden; als er hinkam, stand sie im

Garten, und er sah sie schon von weitem die Schürze vors Gesicht schlagen und ins Haus gehen;

darauf kam die Mutter heraus und erzählte ihm mit vielem Stottern die ganze Bescherung, worauf

er stille wieder nach Hause ging. Seitdem konnte er aber den Schimpf nicht verwinden; zugleich

drängte ihn die Mutter, deren Kräfte schnell abnahmen, zum Heiraten. Zwei neue Pläne, die

übereilt angelegt waren, schlugen fehl. Franz hatte einen tiefen, heimlichen Hochmut auf seine

ehrenwerte Familie, die seit vielen Generationen des Herrn Mühle mit Lob versehen hatte, und

noch mehr, weil er als älterer Spielkamerad und halber Aufseher der Herrschaft aufgewachsen

war und noch jetzt zu den Auserwählten gehörte, die auf Hochzeiten mit den Fräuleins einen

Tanz machten. Die Scham quälte ihn, das Drängen seiner Mutter und die Furcht, eine schlimme

Wahl zu treffen oder gar mit einem neuen Korbe aufzuziehen, ließen ihm Tag und Nacht keine

Ruhe; seine Augen bekamen nach und nach etwas Stieres im Blick, und mit einem Male fing er an,

allerlei wirres Zeug zu reden – jetzt ist er ganz irre, obwohl voll Höflichkeit und, wenn man

ihn auf ganz fremde Gegenstände lenkt, von recht verständigem Urteile; aber dazu kommt es

selten, seine fixen Ideen halten ihn wie mit eisernen Klammern und fahren in jedes beruhigende

Gespräch wie Sporenstiche hinein. Jetzt ist seine größte Not eine Prinzessin von England, die

man ihm zufreien will, was ihn als guten Katholiken ängstigt, er hält sich ihr ganz

ebenbürtig, doch hat er ein halbes Bewußtsein von ihrer hohen Stellung, und daß sie ihn, wenn

er sich sperrt, könnte wohl einstecken oder auf die Tortur bringen lassen, und er bereitet

sich durch Lesen in der Bibel auf sein einstiges Martyrtum vor, dem er doch womöglich noch

entschlüpfen möchte, und täglich mit der gnädigen Frau lange Beratungen darüber hält, die mit

himmlischer Geduld ihm schlaue Ausflüchte erfinden hilft und wirklich, wie ich glaube, allein

bis dahin ihn vor völliger Raserei gerettet hat. Mich durchrieselt jedesmal ein Schauder, wenn

ich dieses Angstbild sehe; hier erregt es nur tiefe, ruhige Teilnahme. – Aber ich bin von

meinem Thema abgekommen, also der junge Herr: Everwin heißt er, in getreuer Reihenfolge wie

die Heinriche von Reuß, steckt noch ein wenig in der Schale. Neunzehn Jahr ist er alt und lang

aufgeschossen wie eine Erle, blond, mit hellblauen Augen, durch die man glaubt, bis ins Gehirn

sehen zu können. Ich höre ihn oft im Nebenzimmer gefährlich stöhnen und räuspern über den

Klassikern und alten Geschichtswerken, an denen er eine Mühe hat, daß ihm mittags zuweilen die

Haare davon zu Berge stehen. Ich profitiere auch zur vollen Genüge von seinem Geigenspiel,

zuweilen, wenn ich gerade gutgelaunt und recht im Dolcefarniente bin, nicht ohne Vergnügen: er

streicht seinen Viotti so sanft und reinlich ab und an manchen Stellen mit so kindlich mildem

Ausdruck, daß ich oft denke: er ist doch der Papa en herbe, der nur noch nicht zum Durchbruch

kommen kann – dieses geringe, leider täglich an Wert verlierende Vergnügen wird mir aber

reichlich versalzen durch die Übungsstunden, wo absichtlich zu Schwieriges vorgenommen wird;

von all dem Wasser, was mir diese Doppelpassagen, bei denen immer ein falscher Ton nebenher

läuft, schon um die Zähne getrieben haben, könnten wenigstens zwei Mühlen gehen; zuweilen gibt

Karo, des Vetter sehr geliebter Spion, noch die dritte Stimme dazu, und dann ist der Moment

da, wo ein spleeniger Engländer sich ohne Gnade erhängen würde. Mein Zimmer ist indessen der

Ehrenplatz im Hause, und Hoffart will Not leiden; zudem kann mir nicht entgehen, daß Everwin,

wo es ohrengefährlich wird, den Bogen so leise ansetzt wie ein menschlicher Wundarzt die

Sonde, und sogar zuweilen mir zuliebe seinem Karo einen Fußtritt gibt, der ihm gewiß selber

wie ein Pfahl durchs Herz geht; er ist überhaupt ein bescheidener, jüngferlicher Nachbar, der

morgens auf den Zehen umherschleicht und sich abends gleichsam ins Bette stiehlt, daß ich kaum

die Decken rispeln höre. Sein Freund und Gefährte in allem ist der Neffe des Rentmeisters,

Wilhelm Friese, ein wunderlich begabter junger Mann, an dem Everwin sich festgesogen hat wie

die Auster an der Koralle; ich sehe sie beide oft morgens um sechs nach dem Dohnenstrich

ziehen in knappen Jagdröckchen und Lederkäppchen, fröhlich und mädchenhaft wie ein paar

Klosternovizen in den Freistunden. – Vor Frauen hat er noch eine wahre Josephsscheu und würde

einen unchristlichen Haß auf die Unglückliche werfen, mit der man ihn neckte; zwei Münstersche

Schilling gebe ich drum, ihn dereinst auf Freiersfüßen zu sehen; ohne Zweifel muß da sein

Wilhelm voran, und der wird sich ebenfalls alle zehn Nägel abkauen vor Angst, obgleich er

gegen ihn gerechnet für einen Schalk gelten kann. Neulich frühe saß ich am Ausgange der neuen

Anlagen, die diesen Landsitz umgeben wie Nester mit jungen Vögeln eine graue Warte. Everwin

kam über Feld, Wilhelm hinterdrein, ich hörte, daß sie sprachen, aber Everwin sah nicht

zurück. »Ich sage es dir nochmals«, rief Wilhelm, »wenn du dir keinen bessern Rock anschaffst,

so bekömmst du dein Lebtag keine Frau!« – »Ach, bah!« brummte Everwin und rannte wie ein

Kurier und war bereits dicht neben mir, ohne mich zu sehen. »Lauf doch nicht so, laß uns das

Ding überlegen, du kömmst doch nicht vorbei, was scheint dir blau mit Tressen, das steht gut

zu blonden Haaren.« – »Wilhelm!« drohte Everwin zurück und trat bis über die Knöchel in eine

Lache. – »Guten Morgen, Vetter!« sagte ich. – »Sieh, sind Sie da? ich habe ins Wasser

getreten!« – »Das sehe ich« – und fort trabten beide wie begossene Hunde, Wilhelm am

betroffensten; er hatte aber auch gottlose Reden geführt! Fräulein Sophie gleicht ihrem Bruder

aufs Haar, ist aber mit ihren achtzehn Jahren bedeutend ausgebildeter und könnte interessant

sein, wenn sie den Entschluß dazu faßte. Ob ich sie hübsch nenne? Sie ist es zwanzigmal im

Tage und ebensooft wieder fast das Gegenteil; ihre schlanke, immer etwas gebückte Gestalt

gleicht einer überschossenen Pflanze, die im Winde schwankt, ihre nicht regelmäßigen, aber

scharf geschnittenen Züge haben allerdings etwas höchst Adliges und können sich, wenn sie

meinen Erzählungen von blauen Wundern lauscht, bis zum Ausdruck einer Seherin steigern, aber

das geht vorüber, und dann bleibt nur etwas Gutmütiges und fast peinlich Sittsames zurück;

einen eignen Reiz und gelegentlichen Nichtreiz gibt ihr die Art ihres Teints, was, für

gewöhnlich bleich bis zur Entfärbung der Lippen, ganz vergessen macht, daß man ein junges

Mädchen vor sich hat – aber bei der kleinsten Erregung, geistiger sowie körperlicher, fliegt

eine leichte Röte über ihr ganzes Gesicht, die unglaublich schnell kömmt, geht und wiederkehrt

wie das Aufzucken eines Nordlichts über den Winterhimmel; dies ist vorzüglich der Fall, wenn

sie singt, was jeden Nachmittag zur Ergötzung des Papas geschieht. Ich bin kein natürlicher

Verehrer der Musik, sondern ein künstlicher – mein Geschmack ist, ich gestehe es, ein im

Opernhause mühsam eingelernter, dennoch meine ich, das Fräulein singt schön – über ihre Stimme

bin ich sicher, daß sie voll, biegsam, aber von geringem Umfange ist, da läßt sich ein Maßstab

anlegen, – aber dieses seltsame Modulieren, diese kleinen, nach der Schule verbotenen

Vorschläge, dieser tieftraurige Ton, der, eher heiser als klar, eher matt als kräftig,

schwerlich Gnade auswärts fände, können vielleicht nur einem geborenen Laien wie mir den

Eindruck von gewaltsam Bewegenden machen; die Stimme ist schwach, aber schwach wie ein fernes

Gewitter, dessen verhaltene Kraft man fühlt – tief, zitternd wie eine sterbende Löwin: es

liegt etwas Außernatürliches in diesem Ton, sonderlich im Verhältnis zu dem zarten Körper. Ich

bin kein Arzt, aber wäre ich der Vetter, ich ließe das Fräulein nicht singen; unter jeder

Pause stößt ein leiser Husten sie an, und ihre Farbe wechselt, bis sie sich in roten, kleinen

Fleckchen festsetzt, die bis in die Halskrause laufen – mir wird todangst dabei, und ich suche

dem Gesange oft vorzubeugen.

Fräulein Anna, in die man mich etwas verliebt glaubt, darf sich wohl sehen lassen; sie ist ein

schönes, braunes Rheinkind mit brennenden Augen, blitzenden Zähnen, Elfenfüßchen, zitternd von

verhaltenem Mutwillen wie eine Granate, über der die Lunte brennt; sie möchte gern immer reden

und schweigt doch zumeist, weil sie den rechten Ton auf der hiesigen Skala nicht finden kann;

wenn wir abends unsere stillen, ehrbaren Gespräche führen, sitzt sie gewöhnlich am Fenster und

seufzt ungeduldig Wolken und Winde an, die nach den Rebhügeln ziehen, wo ihre jungen Gefährten

sich’s wohl und lustig sein lassen, während sie hier bei der Tante die Klosterjungfer spielen

muß. Wozu? Sie begreift es nicht und klagt den Himmel und das Geschick an; ich denke, man hat

einen Dämpfer für diese üppige Wasserorgel nötig gefunden. Den Onkel ehrt sie, weiß ihn aber

nicht zu schätzen, der Tante wendet sie eine zornige Liebe zu, da sie das verwandte Element

fühlt und vor Ungeduld überschäumt, es so beengt zu sehen; dabei hat sie eine Regung von

Empfindsamkeit, liebt den Wald und schält alle Bäume, um ihre Klagen darauf auszuhauchen. Mir

ist eine dergleichen formlose Ergießung neulich zu Händen gekommen, wo in sechszehn Zeilen

dreimal »Sehnsucht«, zweimal »unverstanden« und viermal »der Friede« vorkam. Sophie ist ihr

fast fatal, und Everwin, den sie »unsre Mamsell« oder Langewin (lang, schmal) oder Gradewein

nennt, der ewige unfreiwillige Tröster ihrer Langenweile; sie gibt ihm Salz mit auf die Jagd,

macht, daß seine Leintücher eingeschlagen werden, so daß er nachts wie in einem kurzen Sacke

steckt, oder nimmt seine Dohnen aus und hängt Maulwürfe oder schwarze Hadern hinein, was ihm

allemal wirklich nahgeht und empfindlicher ist als die schlaflose Nacht. Da ihm zur Revanche

Geschick und Kühnheit fehlen, ist’s ein einseitiger Spaß, der in Everwins Herzen allmählich

einen Sauerteig von verkniffener Schadenfreude ansetzt: ich sehe allemal etwas wie einen

falschen Sonnenstrahl über sein Gesicht zucken, wenn sie mit ihrer halbbewußten Koketterie bei

einem Kameraden abfährt oder Karo, nach einem Wasserbade, sich zunächst bei ihr abschüttelt,

und ich habe ihn in Verdacht, ihn vorzugsweise auf ihrer Seite apportieren zu lassen. Dem

Wilhelm scheint sie gewogener, nennt ihn einen gebildeten, jungen Mann, und es kommt mir vor,

als ob sie seinetwegen zuweilen ein Schleifchen mehr ansteckte, was er leider nicht zu

bemerken scheint. Ich glaube überhaupt, daß zwei Drittel ihrer Seufzer dem Verkanntsein

gelten; ist’s z.B. nicht hart, daß sie, die Französisch spricht wie Deutsch und den Gellert

zitieren kann, hier noch Rechnenstunde nehmen muß bei einem invaliden Unteroffizier, der am

Ausgange des Parks wohnt? – Wäre seine fuchsige Perücke nicht und sein schönes Französisch, in

dem er sich nach ihrem »ton pêre« erkundigt, sie führe aus ihrer Sammethaut – nun aber hat sie

an ihm wenigstens einen Souffre-douleur, ein schlechtes Äpfelchen gegen den Durst, und mag ihm

Zeug sagen und tun, daß der Onkel den Kopf schüttelt und doch lachen muß. – Es ist

unerquicklich, hier jemanden zu sehen, der die Landesweise nicht aufzufassen versteht, der

Spott ärgert einen, und doch wird man sich dadurch des Entbehrten bewußt und fühlt die

Einförmigkeit wie einen schläfernden Hauch an sich streifen.

Ich bemerke eben, daß ich den Fehler habe, mich in Stimmungen hinein- und hinauszuschreiben,

so hat mich der Paragraph Anna fast rebellisch gemacht gegen das Haus meines guten Vetters,

den ich mir, als einen Bissen pour la bonne bouche, in diesem Abschnitt zuletzt aufgehoben

habe. – Gott segne ihn alle Stunden seines Lebens; ein Unglück kann ihn nur zur Läuterung

treffen, verdient hat er es nie und nimmer. Ich halte es für unmöglich, diesen Mann nicht

liebzuhaben; seine Schwächen selbst sind liebenswürdig. – Denkt euch einen großen stattlichen

Mann, gegen dessen breite Schultern und Brust fast weibliche Hände und der kleinste Fuß

seltsam abstechen, ferner eine sehr hohe, freie Stirn, überaus lichte Augen, eine starke

Adlernase und darunter Mund und Kinn eines Kindes, die weißeste Haut, die je ein Männergesicht

entstellte, und der ganze Kopf voll Kinderlöckchen, aber grauen, und das Ganze von einem

Strome von Milde und gutem Glauben überwallt, daß es schon einen Viertelschelm reizen müßte,

ihn zu betrügen, und doch einem doppelten es fast unmöglich macht; gar adlig sieht der Herr

dabei aus, gnädig und lehnsherrlich, trotz seines grauen Landrocks, von dem er sich selten

trennt, und hat Mut für drei: ich habe ihn bei einem Spaziergange, wo man auf verbotene Wege

geraten war, fast fünf Minuten lang einen wütenden Stier mit seinem Bambusrohr parieren sehen,

bis alle sich hinter Wall und Graben gesichert hatten, und da sah, wie Wilhelm sagt, der mit

seinem Spazierstöckchen zur Hülfe herbeirannte, was er vermochte, der Herr aus wie ein

Leonidas bei Thermopilae; er ist ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und Geschichtsfreund und

liebt das gedruckte Blutvergießen – Eugen und Marlborough sind Namen, die seine Augen wie

Laternen leuchten lassen; dennoch bin ich zweifelhaft, ob im vorkommenden Falle der Herr den

Feind tapferlich erschlagen oder sich lieber selbst gefangengeben würde, um keinen Mord auf

seine Seele zu laden. Von Räubern und Mordbrennern träumt er gern, und wenn die Hofhunde

nachts ungewöhnlich anschlagen und gegen irgendeinen dunkeln Winkel vor- und rückwärts fahren,

hat man ihn wohl schon unbegleitet im Schlafrock mit blankem Degen in das verdächtige Verlies

dringen sehen, mit wahrhaft acharnierter Wut, den Schelm zu packen und einzuspunden, den er

dann freilich am andern Morgen hätte laufen lassen. Den Verstand des Herrn habe ich anfangs zu

gering angeschlagen, er hat sein reichliches Anteil an der stillnährenden Poesie dieses

Landes, der den Mangel an eigentlichem Geiste fast ersetzt, dabei ein klares Judizium und

jenes haarfeine Ahnen des Verdächtigen, was aus eigner Reinheit entspringt: sein erstes Urteil

ist immer überraschend richtig, sein zweites schon bedeutend vom Mantel der christlichen Liebe

verdunkelt, und wer ihn heute als erklärter Filou anschauert, ist morgen vielleicht ein

gewandter Mann, den man etwas weniger schlau wünschen möchte. Der Herr liest viel, täglich

mehre Stunden, und immer Belehrendes, Sprachliches, Geschichtliches, zur Abwechselung

Reisebeschreibungen, wo seine naive Phantasie immer den Autor überflügelt und er heimlich auf

jedem Blatte ein neues Eldorado oder die Entdeckung des Paradiesgartens erwartet – überhaupt

kommt mir diese Familie vor wie die Scholastiker des Mittelalters mit ihrem rastlosen,

gründlichen Fleiße und bodenlosen Dämmerungen. Alles bildet an sich und lernt zu bis in die

grauen Haare hinein, und alles glaubt an Hexen, Gespenster und den Ewigen Juden. – Ich habe

schon gesagt, wie stark die Musik hier getrieben wird; die Anregung geht zumeist von der

gnädigen Frau aus, die gern aus den Leuten alles holen möchte, was irgend darin steckt, das

Talent aber vom Herrn, und es ist nichts lieblicher, als ihn abends in der Dämmerung auf dem

Klaviere phantasieren zu hören: ein wahres adliges Idyll, denn eine gewisse Grandezza fährt

immer in diese unschuldige, reizende Musik hinein und Stöße ritterlicher Courage in

Marschtempo – es wird mir nie zu lang zuzuhören, und allerlei Bilder steigen in mir auf aus

Thomsons »Jahreszeiten«, aus den Kreuzzügen. Sonst hat der Herr noch viele Liebhabereien, alle

von der kindlichsten Originalität, zuerst eine lebende Ornithologie (denn der Herr greift

alles wissenschaftlich an); neben seiner Studierstube ist ein Zimmer mit fußhohem Sand und

grünen Tannenbäumchen, die von Zeit zu Zeit erneuert werden. Die immer offenen Fenster sind

mit Draht verwahrt, und darin piept und schwirrt das ganze Sängervolk des Landes, von jeder

Art ein Exemplar, von der Nachtigall bis zur Meise; es ist dem Herrn eine Sache von

Wichtigkeit, die Reihe vollständig zu erhalten: der Tod eines Hänflings ist ihm wie der

Verlust eines Blattes aus einem naturhistorischen Werke. Er hat ein wahres Spionieren nach

jedem seltenen Durchzügler: früh um fünf sehe ich ihn schon über die Brücken schreiten nach

seinen Weidenklippen und Leimstangen, und wieder in der brennenden Mittagshitze, sieben- bis

achtmal in einem Tage; möchte ich ihm zuweilen die Mühe abnehmen und verspreche, die Klippe

wohlgeschlossen zu lassen oder den Vogel mitsamt der Leimstange in mein Schnupftuch gewickelt

fein sauber herzutragen, so gibt er mir wohl nach, um mir keine Schmach anzutun, aber er trabt

nebenher, und es ist, als ob er meinte, meine profane Gegenwart allein könne schon den

erwischten Vogel echappieren machen. Dann ist der Herr ein gründlicher Botanikus und hat

manche schöne Tulpe und Schwertlilie in seinem Garten; das ist ihm aber nicht genug, seine

reiche, innere Poesie verlangt nach dem Wunderbaren, Unerhörten – er möchte gern eine Art

unschuldigen Hexenmeister spielen und ist auf die seltsamsten Einfälle geraten, die sich

mitunter glücklich genug bewähren und für die Wissenschaft nicht ohne Wert sein möchten: so

trägt er mit einem feinen Sammetbürstchen den Blumenstaub sauber von der blauen Lilie zu der

gelben, von der braunen zur rötlichen, und die hieraus entspringenden Spielarten sind sein

höchster Stolz, die er mit einem wahren Prometheus-Ansehen zeigt; die wilden Blumen, seine

geliebten Landsleute, deren Verkanntsein er bejammert, pflegt er nach allen Verschiedenheiten

in netten Beetchen, wie Reihen kleiner Grenadiere. Manchen Schweißtropfen hat der gute Herr

vergossen, wenn er mit seinem kleinen Spaten halbe Tage lang nach einer seltenen Orchis

suchte, und manches in seiner Domäne ist ihm dabei sichtbar geworden, was er sonst nie weder

gesucht noch gefunden hätte; darum lieben die Bauern auch nichts weniger als des Herrn

botanische Exkursionen, bei denen er immer heimlich auf Unerhörtes hofft, z.B. ein

scharlachrotes Vergißmeinnicht oder blaues Maßliebchen, obwohl er als ein verständiger Mann

dies nicht eigentlich glaubt, aber man kann nicht wissen! Die Natur ist wunderbar! Nichts

zeigt die reiche, kindlich frische Phantasie des Herrn deutlicher als sein schon oft genanntes

Liber mirabilis, eine mühsam zusammengetragene Sammlung alter prophetischer Träume und

Gesichte, von denen dieses Land wie mit einem Flor überzogen ist: fast der zehnte Mann ist

hier ein Prophet – ein Vorkieker (Vorschauer, wie man es nennt); wie ich fürchte, einer oder

der andre dem Herrn zulieb. – Seltsam ist’s, daß diese Menschen alle eine körperliche

Ähnlichkeit haben: ein lichtblaues, geisterhaftes Auge, was fast ängstlich zu ertragen ist;

ich meine, so müsse Swedenborg ausgesehen haben; sonst sind sie einfach, häufig beschränkt,

des Betrugs unfähig, in keiner Weise von andern Bauern unterschieden; ich habe mit manchen von

ihnen geredet, und sie gaben mir verständigen Bescheid über Wirtschaft und Witterung, aber

sobald meine Fragen übers Alltägliche hinausgingen, waren sie ihnen unverständlich, und doch

verraten manche dieser sogenannten Prophezeiungen und Gesichte eine großartige

Einbildungskraft, streifen an die Allegorie und gehen überall weit über das Gewöhnliche, so

daß ich gezwungen bin, eine momentane geistige Steigerung anzunehmen – wie Mesmer sie jetzt in

seiner neuen Theorie aufstellt. Der Vetter nun hat alle diese in der Tat merkwürdigen

Träumereien gesammelt und teils aus scholastischem Triebe, teils um sie für alle Zeiten

verständlich zu erhalten, in sehr fließendes Latein übersetzt und sauber in einer buchförmigen

Kapsel verwahrt, und »Liber mirabilis« steht breit auf dem Rücken mit goldenen Lettern; dies

ist sein Schatz und Orakel, bei dem er anfrägt, wenn es in den Welthändeln konfus aussieht,

und was nicht damit übereinstimmt, wird vorläufig mit Kopfschütteln abgefertigt. Guter Vetter,

du hast mir deinen Schatz anvertraut, obwohl ich weiß, daß du lieber ein Mal auf deinem

Gesicht als einen Flecken auf den Blättern erträgst; da liegt er, rot, golden und stattlich

wie ein englischer Stabsoffizier, und ich sitze hier wie ein schlechter Spion und nehme eine

geheime Karte von deiner Person. Gute Nacht! würde ich sagen, aber du hast immer gute Nächte,

denn du bist gesund und reinen Herzens; ich muß früh auf – wir haben sieben Meisenkästen

abzusuchen. –

Drittes Kapitel

Der Morgen war so schön! Nachtigallen rechts und links antworteten sich so schmetternd aus dem

blühenden Gesträuch und Hagen, daß ich um fünf Uhr im engsten Sinne des Wortes davon geweckt

worden bin und es mir unmöglich war, wieder einzuschlafen; so habe ich denn bis zum Frühstück

mich in den Anlagen umhergetrieben und die erste Blüte an des Herrn neuster Iris mit meinem

profanen Auge eher erblickt als der gute Prometheus selbst. Es war in diesen Tagen viel Rede

und Erwartung wegen dieser Blume aus des Herrn Fabrik, die mir nur etwas tiefer blau scheint

als die gewöhnliche Schwertlilie – ich denke aber, er wird sie »atropurpurea« oder

»mirabilissima« taufen; jedenfalls sah die Blume in ihrem Tauperlenschleier reizend genug aus,

und überall hatten die Anlagen in ihrem jungen, von der Sonne vergoldeten Grün, ihrem Tau und

Blütenstaat eine solche beauté du diable, daß ich glaubte, nie etwas Lieblicheres gesehen zu

haben. Der feuchte Boden ist dem Blumenwuchs und den Singvögeln so zuträglich, daß man in der

schönen Jahreszeit von Düften, Farbe und Gesang berauscht vergißt, daß alles fehlt, was man

sonst von schöner Gegend zu fordern pflegt – Gebirg, Strom, Felsen. Ich muß der Seltsamkeit

wegen anmerken, daß mir ganz poetisch zumute ward und ich mich beinah auf den nassen Rasen

gesetzt hätte, wirklich mich auf eine Bank hingoß und, sehr dazu gestimmt, ein paar Gedichte

von Wilhelm hervorzog, die Fräulein Anna mir gestern abend mit verschmitztem Lächeln und ein

wenig Erröten zugesteckt hatte. Irre ich nicht, so ruhen ihre dunkeln Augen zuweilen mit einer

Teilnahme auf dem jungen Dichter, wie Langeweile und etwas Empfindsamkeit sie leicht auf dem

Lande erzeugen. Der schüchterne Junge scheint indessen nichts hiervon zu ahnen, und ich bin

ungewiß, ob eine etwaige Entdeckung dem Fräulein zum Schaden oder Vorteil gereichen würde, da

seine blauen, jungfräulichen Augen ganz anderes zu suchen scheinen als so rheinisches Blut.

Also ein Dichter ist der Wilhelm! Ich hätte es mir denken können nach seinen verklärten

Blicken, wenn wir am Weiher stehen, und die Schwäne durch den glitzernden Sonnenspiegel

segeln, wo er dann wirklich schön aussieht, die übrige Zeit aber unbehülflich und

verschüchtert, wie es einem jungen Schreiber zukömmt, den die Güte des Herrn höchst

überflüssig seinem Onkel zugesellt hat, nur um das arme Blut in freie Kost und Wohnung zu

bringen. Die Verse sind auf schlechtes Konzeptpapier geschrieben, häufig durchstrichen und

gewiß nicht für das Auge des Fräuleins bestimmt; das eine schien sie mir mit einiger Ziererei

vorenthalten zu wollen – dieses wird zuerst gelesen:

(Hier folgt »Das Mädchen am Bache«.)

Ei, ei, Wilhelmus, was sind das für gefährliche Gedanken, paßt sich dergleichen für einen

armen Studenten, der erst in zehn Jahren vielleicht lieben darf? Nun zum zweiten:

(»Der Knabe im Rohr«.)

Der junge Mensch hat wirklich Talent, und in einer günstigern Umgebung… doch nein – bleib in

deiner Heide, laß deine Phantasie ihre Fasern tief in deine Weiher senken und wie eine

geheimnisvolle Wasserlilie darüber schaukeln, – sei ein Ganzes, ob nur ein Traum, ein

halbverstandenes Märchen – es ist immer mehr wert als die nüchterne Frucht vom Baum der

Erkenntnis. – Beim Heimzuge fand ich seinen Onkel, den Rentmeister Friese, in Hemdärmeln am

Brunnen vor dem Nebengebäude, eifrig bemüht, seine Stubenfenster mit Hülfe eines Strohwisches

und endloser Wassergüsse zu säubern; seine Glatze glänzte wie frischer Speck, und ich hörte

ihn schon auf dreißig Schritt stöhnen wie ein dämpfiges Pferd. Er sah mich nicht, und so

konnte ich den wunderlichen Mann mit Muße in seinem Negligé betrachten, das an allen Stellen,

die der Rock sonst in Verborgenheit bringt, mit den vielfarbigsten Lappen verziert war und ihm

das Ansehen einer Musterkarte gab; es ist mir selten ein harpagonähnlicheres Gesicht

vorgekommen! Spitz wie ein Schermesser, mit Lippen wie Zwirnfäden, die fast immer geschlossen

sind, als fürchteten sie, etwas Brauchbares entwischen zu lassen, und nur, wenn er gereizt

wird, Witzfunken sprühen wie ein Kater, den man gegen den Strich streichelt. Dennoch ist

Friese ein redlicher Mann, dem jeder Groschen aus seines Herrn Tasche wie ein Blutstropfen vom

Herzen fällt, aber ein Spekulant sondergleichen, der mit allem, was als unbrauchbar verdammt

ist: Lumpen, Knochen, verlöschten Kohlen, rostigen Nägeln, den weißen Blättern an verworfenen

Briefen, Handel treibt und sich im Verlauf von dreißig Jahren ein hübsches, rundes Sümmchen

aus dem Kehricht gewühlt haben soll. Seine Kammer ist niemanden zugänglich als seinen

Handelsfreunden und dem Wilhelm; er fegt sie selber, macht sein Bett selber, die reine Wäsche

muß ihm ans Türschloß gehängt werden. – Nitimur in vetitum, ich wagte einen Sturm, nahte mich

höflich und bat um ein paar geschnittene Federn, – er wurde doch blutrot und zog sich wie ein

Krebs der Tür zu, um seine Hinterseite zu verbergen, – ich ihm nach und ließ ihm nur so weit

den Vortritt, daß ihm gelingen konnte, in seinen grauen Flaus zu fahren, dann stand ich vor

ihm, er sah mich an mit einem Blick des Entsetzens, wie weiland der Hohepriester ihn auf den

Tempelschänder, der ins Allerheiligste drang, mag geschleudert haben, deckte hastig eine

baumwollene Schlafmütze über ein Etwas in der babylonischen Verwirrung seines Tisches, suchte

nach einem Federbunde, dann, in verdrießlicher Eile, nach einem Federmesser – es war nicht da

– er mußte sich entschließen, in einen Alkoven zu treten, ich warf schnell meine Augen umher –

das ganze, weite Zimmer war wie mit Maulwurfshügeln bedeckt, durch die ein Labyrinth von

Pfaden führte, – saubere Knöchelchen für die Drechsler, Lumpen für die Papiermühle, altes

Eisen, auf dem Tische leere Nadelbriefe, schon zur Hälfte wieder gefüllt mit Stecknadeln,

denen man es ansah, daß sie gradegebogen und neu angeschliffen wurden; ich hörte ihn einen

Schrank öffnen und hob leise den Zipfel der blauen Mütze, – beschriebene Hefte in den

verschiedensten Formaten, offenbar Memoiren: »Heute hat der lutherische Herr wieder eine ganze

Flasche Franzwein getrunken, das Faß à 48 Taler ist fast leer.« Ich stand steif wie eine

Schildwacht, denn Herr Friese trat herein, und machte mich dann bald davon, so triumphierend

wie ein begossener Hund, – guter Vetter, wird dir deine Freundlichkeit so schändlich

kontrolliert! Ich habe den Friese nie leiden können, obendrein, ist er ein alter Narr, der

sich von der Zofe Katharina, einem schlauen, lustigen Mädchen und der gnädigen Frau Liebling,

aufs albernste hänseln läßt. Diese junge Rheinländerin stiftet überhaupt einen greulichen

Brand im Schlosse: drei westfälische Herzen seufzen ihretwegen wie Öfen; zuerst des Herrn

geliebter Johann (von ihm nur Jan Fiedel genannt), der mit ihm eigens zu seinem Kammerdiener

erzogen worden ist, recht artig die Geige mit dem Herrn Everwin streicht und in seinen

graumelierten, mit Talg glattgestrichenen Haarresten, die in einem ausgemergelten Zöpfchen

enden, einem geschundenen Hasen gleicht, dann ein paderbornischer Schlingel, derselbe, der

mich zuerst am Wagen begrüßte, ein nichtsnutziger Bursch, der sich durch tausend Foppereien an

seinen Gesellen für die Langeweile, die sie ihm machen, schadlos hält. Den Herrn beschwätzt er

zu allem, wie er will, und ist ihm erst vor kurzem etwas fatal geworden, seit er der Köchin,

einer armen, gichtischen Person, drei bunte Seidenfäden als sympathetisches Mittel gab mit dem

Zusatze, es wirke nur, wenn sie täglich einen Korb voll Holz vor des Herrn Zimmer trage (bis

dahin sein Amt). Der Spaß kam aus, und der Herr war sehr ungehalten über diese Grausamkeit

seines Johanns; doch meine ich, daß er ihn seitdem auch sonst mit mißtrauischen Blicken

betrachtet, »denn«, wie der Herr sagt, »dergleichen Dinge sind nicht ganz zu leugnen, man

trifft im Paderbörnischen seltsame Beispiele an […«]