Wohkadeh

Nicht viel westwärts von der Gegend, in welcher die Ecken der drei nordamerikanischen Staaten Dakota, Nebraska und Wyoming zusammenstoßen, ritten zwei Männer, deren Erscheinen an einem anderen als diesem westlichen Orte ganz sicher ein sehr berechtigtes Aufsehen erregt hätte.

Sie waren von sehr verschiedener Körpergestalt. Weit über sechs Fuß hoch, war die Figur des einen fast beängstigend dürr, während der andere bedeutend kleiner, dabei aber so dick war, daß sein Leib beinahe die Gestalt einer Kugel angenommen hatte.

Dennoch befanden sich die Gesichter der beiden Jäger in gleicher Höhe, denn der Kleine ritt einen sehr hoch gebauten, starkknochigen Klepper, und der andere saß auf einem niedrigen, scheinbar schwachen Maultiere. Daher kam es, daß die Lederriemen, welche dem Dicken als Steigbügel dienten, nicht einmal die Bauchlinie des Pferdes erreichten, während der Lange gar keiner Bügel bedurfte, denn seine großen Füße hingen so weit herab, daß es von ihm nur einer kleinen, seitlichen Bewegung bedurfte, um mit dem einen oder dem anderen Fuße den Boden zu erreichen, und zwar ohne dabei aus dem Sattel zu kommen.

Freilich war von einem wirklichen Sattel bei beiden keine Rede, denn derjenige des Kleinen bestand sehr einfach aus dem Rückenstücke eines erlegten Wolfes, an welchem das Fell gelassen worden war, und der Dürre hatte eine alte Santillodecke untergelegt, welche aber so arg zerfetzt und zerrissen war, daß er eigentlich auf dem bloßen Rücken seines Maultieres saß.

Wenn schon dieser Umstand andeutete, daß die beiden einen langen und beschwerlichen Ritt hinter sich hatten, so wurde diese Vermutung durch das Aussehen ihrer Anzüge auf das unwiderleglichste bestätigt.

Der Lange trug eine Lederhose, die jedenfalls für einen viel stärkeren Mann zugeschnitten und gefertigt worden war. Sie war ihm viel, viel zu weit. Unter dem abwechselnden Einflusse von Wärme und Kälte, von Trockenheit und Regen war sie außerordentlich eingegangen und zusammengeschrumpft, leider aber nur in Beziehung auf ihre Länge, und so kam es, daß die unteren Säume der Hosenbeine dem Träger kaum bis über die Kniee reichten. Dabei zeigte die Hose einen ungemein fettigen Schimmer, was einfach darin begründet war, daß der Besitzer derselben sie bei jeder Gelegenheit als Handtuch und Serviette benutzte und alles, was er nicht an den Fingern dulden mochte, an dem Beinkleide abzuwischen pflegte.

Die nackten Füße steckten in ganz unbeschreiblichen Lederschuhen. Sie hatten ganz das Aussehen, als ob sie bereits von Methusalem getragen worden seien und als ob seitdem ein jeder Besitzer einige Lederstücke aufgeflickt habe. Ob sie je einmal Schmiere oder gar Wichse gesehen hatten, das war ganz unmöglich zu bestimmen, ja kaum zu ahnen, da sie in allen sieben Regenbogenfarben schimmerten.

Der hagere Leib des Reiters steckte in einem ledernen Jagdhemde, welches weder Knopf noch Heftel hatte und also die braune Brust unbedeckt ließ. Die Aermel reichten nur wenig bis über die Ellbogen vor, von wo aus die sehnigen, fleischlosen Vorderarme zu sehen waren. Um den langen Hals hatte der Mann ein baumwollenes Tuch geschlungen. Ob es früher einmal weiß oder schwarz, grün oder gelb, rot oder blau gewesen war, das wußte der Besitzer selbst nicht mehr.

Das Kapitalstück des Anzugs war jedenfalls der Hut, der auf dem hohen, spitzen Kopfe saß. Er war früher einmal grau gewesen und hatte diejenige Gestalt gehabt, welche von unehrerbietigen Leuten „Façon Angströhre“ genannt wird. Vielleicht hatte er vor undenkbaren Zeiten den Kopf eines englischen Lords gekrönt; dann aber war er auf der Schicksalsleiter unaufhörlich abwärts gestiegen und endlich in die Hände des Prairiejägers gekommen. Dieser besaß nun keineswegs den Geschmack eines Lords von Altengland; er hielt die Krempe für sehr überflüssig und hatte sie daher einfach abgerissen. Nur vom hatte er ein Stück gelassen, teils zur Beschattung seiner Augen und teils als Handhabe, um die Kopfbedeckung bequem abnehmen zu können. Außerdem hatte er die Meinung, daß der Kopf eines Prairiemannes auch der Luft bedürfe, und so hatte er mit seinem Bowiemesser verschiedene Stiche in den Deckel und die Seiten des Hutes gemacht, so daß nun im Inneren desselben der West- und Ost-, der Nord- und Südwind einander „guten Tag“ sagen konnten.

Als Gürtel trug der Lange einen ziemlich dicken Strick, den er einigemal um seine Taille geschlungen hatte. In demselben steckten zwei Revolver und das Bowiemesser. Außerdem hingen daran der Kugelbeutel, eine Tabaksblase, eine zusammengenähte Katzenhaut, zur Aufnahme des Mehles bestimmt, das Prairiefeuerzeug und noch verschiedene andere Gegenstände, deren Bestimmung für jeden Uneingeweihten ein Rätsel war. Auf der Brust ruhte, an einem Riemen hängend, die Tabakspfeife – aber was für eine! Sie war das eigene Kunstwerk des Jägers, und da er sie schon längst bis vor an den Kopf abgebissen hatte, so bestand sie jetzt nur noch aus dem letzteren und einem Hollunderstück, aus welchem das Mark entfernt worden war, um es hohl zu machen. Der Lange hatte nämlich als sehr leidenschaftlicher Raucher die Gewohnheit, das Rohr zu kauen, wenn ihm einmal der Tabak für längere Zeit ausgegangen war.

Zu seiner Ehrenrettung muß bemerkt werden, daß sein Anzug nicht etwa nur aus den Schuhen, der Hose, dem Jagdhemde und dem Hute bestand. O nein; er trug außerdem noch ein Stück, welches sich nicht jedermann beschaffen kann, nämlich einen Gummimantel, und zwar einen echt amerikanischen, nämlich von der Sorte, welche gleich beim ersten Regen auf die halbe ursprüngliche Länge und Weite zusammenschrumpft. Weil er ihn aus diesem höchst einfachen Grunde nicht mehr anziehen konnte, hatte er ihn wie eine Husarenjacke höchst malerisch an einer Schnur um die Schultern gehängt. Außerdem trug er ein zusammengeschlungenes Lariat (Lasso), weiches von seiner linken Achsel nach der rechten Hüfte herabhing.

Vor sich, quer über die Beine gelegt, hatte er eine Büchse in der Hand, eine jener langen Rifles, mit denen der erfahrene Jäger niemals sein Ziel verfehlt.

Wie alt dieser Mann war, das konnte man ihm unmöglich ansehen. Sein hageres Gesicht zeigte unzählige Falten und Fältchen, und doch hatte es einen beinahe jugendlichen Gesamtausdruck. Aus jedem Fältchen schien ein Schälkchen, aus jeder Falte ein Schalk herauszublicken. Das Gesicht war trotz dieser Runzeln und Runzelchen und trotz der unwirtlichen Gegend, in welcher er sich befand, vollständig glatt rasiert, denn es gibt viele, sehr viele Westmänner, welche gerade darin ihren Stolz suchen. Die großen, himmelblauen, weit geöffneten Augen hatten jenen scharfen Blick, den man bei Seeleuten und Bewohnern weiter Ebenen zu beobachten pflegt, und doch hätte man diesen Blick gern mit dem Ausdrucke „kindlich-treu“ bezeichnen mögen.

Das Maultier war, wie bereits erwähnt, nur scheinbar schwach; es trug den schweren, knochigen Reiter mit Leichtigkeit und zeigte zuweilen sogar Lust, gegen den Willen des letzteren einen kurzen Strike in Scene zu setzen, wurde dann aber allemal so kräftig zwischen die ewig langen Schenkel des Gebieters genommen, daß es den Widerstand schnell aufgab. Diese Tiere sind wegen ihres sicheren Schrittes beliebt, aber auch bekannt wegen ihrer Neigung zur störrischten Widersetzlichkeit.

Was nun den anderen Reiter betrifft, so mußte es bei der Glut, mit welcher die Sonne niederbrannte, auffallen, daß er einen Pelz trug. Freilich wenn durch irgend eine Bewegung des Dicken dieser Pelz einmal zurückgeschlagen wurde, so zeigte es sich, daß der letztere ganz bedenklich an hochgradiger Haarlosigkeit litt. Es gab nur stellenweise ein kleines, lichtes Büschel, gerade so wie in der unendlichen Wüste nur hier und da eine arme Oase anzutreffen ist. Selbst Kragen und Aufschläge waren so sehr gelichtet, daß es mehr als thalergroße nackte Stellen gab. Unter diesem Pelze blickten rechts und links riesige Aufschlagestiefeln hervor. Auf dem Kopfe trug der Mann einen breitrandigen Panamahut, der ihm viel zu weit war, so daß er ihn, um nur aus den Augen sehen zu können, weit in das Genick hinunterschieben mußte. Die Aermel des Pelzes waren so lang, daß man die Hände nicht sehen konnte. So war also das Gesicht des Reiters das einzige, was man von ihm sah; aber dieses Gesicht war es auch wert, daß man es genau betrachtete.

Es war auch glatt rasiert; keine Spur von Bart war zu sehen. Die roten Wangen waren so voll, daß das Näschen nur einen fast erfolglosen Versuch machen konnte, zwischen ihnen zur Geltung zu kommen. Ebenso erging es den kleinen, dunklen Aeuglein, die zwischen Brauen und Wangen tief versteckt lagen. Ihr Blick hatte einen gutherzig-listigen Ausdruck. Ueberhaupt stand auf dem ganzen Gesicht geschrieben: „Schau mich ‚mal an! Ich bin ein kleiner, prächtiger Kerl, und mit mir ist sehr gut auszukommen; aber brav und verständig mußt du sein, sonst hast du dich in mir verrechnet. Verstanden!“

jetzt kam ein Windstoß und trieb dem Kleinen den Pelz vorn auseinander. Da konnte man sehen, daß er unter demselben eine blauwollene Hose und eine ebensolche Bluse trug. Um seine starke Taille war ein Ledergürtel geschnallt, in welchem außer den Gegenständen, welche auch der Lange besaß, auch ein indianischer Tomahawk steckte. Den Lasso hatte er vom am Sattel hängen und dabei eine kurze, doppelläufige Kentuckybüchse, der man es ansah, daß sie schon in gar manchem Kampfe als Angriffs- oder Verteidigungswaffe gedient hatte.

Und wer waren diese beiden Männer? Nun, der Kleine hieß Jakob Pfefferkorn und der Lange führte den Namen David Kroners. Hätte man irgend einem Westmanne, einem Squatter oder Trapper diese beiden Namen genannt, so hätte er kopfschüttelnd gesagt, daß er von den zwei Jägern noch nie ein Wort gehört habe. Und doch wäre das gegen alle Wahrheit gewesen, denn sie waren gar berühmte Pfadfinder, und an manchem Lagerfeuer hatte man sich seit Jahren von ihren Thaten erzählt. Es gab keinen Ort von New York bis Frisco (San Francisco) und von den Seen im Norden bis an den mexikanischen Meerbusen, an welchem nicht das Lob dieser berühmten Savannenmänner erschollen war. Freilich, Jakob Pfefferkorn und David Kroners, diese Namen waren nur ihnen selbst geläufig. In der Prairie, im Urwalde und nun besonders bei den Rothäuten wird nicht nach dem Geburts- und Taufschein gefragt; da erhält ein jeder sehr bald einen Namen, der seinen Erlebnissen oder Eigenschaften entspricht und auch sehr bald weiter verbreitet wird.

Kroners war ein Vollblut-Yankee und wurde nicht anders als der „lange Davy“ genannt. Pfefferkorn stammte aus Deutschland und wurde nach seinem Vornamen Jakob und seiner Körperform nur der „dicke Jemmy“ genannt. Jemmy ist nämlich der englische Ausdruck für Jaköbchen.

Also Davy und Jemmy, unter diesen beiden Namen waren sie überall bekannt, und man hätte im fernen Westen wohl selten einen Menschen getroffen, der nicht imstande gewesen wäre, die eine oder andere Heldenthat von ihnen zu erzählen. Sie galten als unzertrennlich. Wenigstens gab es keinen, der sich hätte besinnen können, einen von ihnen einmal allein gesehen zu haben. Trat der Dicke an ein fremdes Lagerfeuer, so schaute man ganz unwillkürlich auch sogleich nach dem Langen aus, und kam Davy in ein Store, um sich Pulver und Tabak zu kaufen, so wurde er sicherlich gefragt, was er für Jemmy mitnehmen wolle.

Ebenso unzertrennlich fühlten sich auch die beiden Tiere dieser Westmänner. Der große Klepper hätte wohl trotz allen Durstes an keinem Bache oder Flusse getrunken, wenn nicht zugleich mit ihm das kleine Maultier den Kopf zum Wasser niedergebeugt hätte, und dieses letztere wäre selbst im schönsten, saftigsten Grase mit erhobenem Kopfe stehen geblieben, wenn nicht der erstere es vorher leise angeschnaubt hätte, als ob er flüstern wolle: „Du, sie sind abgestiegen und braten sich ihre Büffellende; nun wollen auch wir frühstücken, denn vor dem späten Abend setzt es ganz gewiß nichts mehr!“

Und nun gar sich in irgend einer Not verlassen, das fiel den beiden Tieren gar nicht ein. Ihre Herren hatten einander schon viele, viele Male das Leben gerettet. Einer stürzte sich für den anderen ohne alles Bedenken in die größte Gefahr. So hatten auch die Tiere einander oft beigestanden, wenn es galt, den Kameraden herauszubeißen, oder mit den kräftigen, scharfen Hufen gegen einen Feind zu verteidigen. Die Vier, Menschen sowohl als Tiere, gehörten eben zusammen; sie wußten es gar nicht anders.

So trabten sie jetzt fröhlich in nördlicher Richtung dahin. Am Morgen hatte es für Pferd und Maultiere Wasser und saftige Weide und für die beiden Jäger Wasser und die Keule eines Hirsches gegeben. Den Rest des Fleisches trug der Klepper, so daß an eine große Hungersnot nicht zu denken war.

Unterdessen hatte die Sonne den Zenith erreicht gehabt und war dann langsam tiefer gesunken. Es war zwar sehr heiß, aber es wehte ein erfrischender Windhauch über die Prairie, und der von Myriaden von Blumen durchwirkte Büffelgrasteppich zeigte noch lange nicht die braune, verbrannte Farbe des Herbstes, sondern sein frisches Grün erquickte das Auge, und die über die weite, weite Ebene zerstreuten, in Form von einzelnen riesigen Kegeln sich erhebenden Felsenberge wurden von den schräg herabfallenden Strahlen der Sonne in brillanter Weise beleuchtet und glänzten auf ihren westlichen Seiten in glühender Farbenpracht, welche nach Osten hin sich in immer tiefere, dunklere Töne verlief.

„Wie weit reiten wir heute noch?“ fragte der Dicke, nachdem sie stundenlang kein Wort gesprochen hatten.

„So weit wie alle Tage,“ antwortete der Lange.

Well!“ lachte der Kleine. „Also bis zum Lagerplatz.“

Ay!

Master Davy hatte nämlich die Eigentümlichkeit stets Ay anstatt Yes zu sagen.

Wieder verging eine Weile. Jemmy hütete sich sehr, durch eine weitere Frage sich abermals eine solche Antwort zu holen. Er betrachtete den Kameraden zuweilen mit seinen listigen Aeuglein und wartete die Gelegenheit zur Rache ab. Endlich wurde die Stille dem Langen doch zu drückend. Er deutete mit der Rechten hinaus in die Richtung, welcher sie folgten, und fragte:

„Kennst du diese Gegend?“

„Sehr!“

„Nun? Was ist’s?“

„Amerika!“

Der Lange zog unmutig die langen Beine empor und gab seinem Maultiere einen Hieb. Dann meinte er:

„Schlechter Kerl!“

„Wer?“

„Du!“

„Ah! Ich? Wieso?“

„Rachsüchtig!“

„Gar nicht. Ich pflege nur in dem Tone fortzufahren, in welchem man mit mir gesprochen hat. Gibst du mir dumme Antworten, so sehe ich ganz und gar nicht ein, warum ich geistreich sein soll, wenn du mich fragst.“

„Geistreich? O wehe! Du und geistreich! Du bestehst so sehr aus Fleisch, daß der Geist gar keinen Platz haben würde.“

„Oho! Hast du vergessen, was ich durchgemacht habe, drüben im alten Lande?“

„Eine Klasse des Gymnasiums? ja, das weiß ich noch. Das kann ich überhaupt niemals vergessen, denn du erinnerst mich täglich wenigstens dreißigmal daran.“

„Das ist auch notwendig. Eigentlich sollte ich es täglich vierzig- oder fünfzigmal erwähnen, da ich ein Mann bin, vor dem du gar nicht genug Hochachtung haben kannst. Uebrigens habe ich nicht nur eine Klasse absolviert!“

„Nein, drei.“

„Also!“

„Für das Weitere reichte aber der Verstand nicht aus –“

„Sei still! Das Geld wurde alle; Verstand hätte ich mehr als genug gehabt. Uebrigens weiß ich sehr wohl, was du vorhin meintest. Diese Gegend werde ich nicht vergessen. Weißt du, da drüben hinter den Höhen lernten wir uns kennen.“

Ay! Das war ein schlimmer Tag. Ich hatte all mein Pulver verschossen und wurde von den Sioux gejagt. Ich konnte schließlich nicht weiter und sie schlugen mich nieder. Am Abend aber kamst du.“

„Ja, die dummen Kerls hatten ein Feuer angebrannt, welches man droben in Kanada hätte sehen können. Ich bemerkte es und schlich mich hinan. Ich sah fünf Sioux, welche einen Weißen gefesselt hatten. Na, ich hatte mich nicht verschossen wie du. Zwei schoß ich nieder und drei entflohen, weil sie nicht ahnten, daß sie es nur mit einem einzelnen zu thun hatten; du warst frei.“

„Frei war ich freilich, aber auch grimmig zornig auf dich!“

„Darüber, daß ich die beiden Indsmen nicht erschossen sondern nur verwundet hatte, ja. Aber ein Indsman ist auch ein Mensch, und es kann mir niemals einfallen, einen Menschen zu töten, wenn es nicht partout notwendig ist. Ich bin eben ein Deutscher und kein Kannibale!“

„Aber bin ich etwa ein solcher?“

„Hm!“ brummte der Dicke. „Jetzt bist du freilich anders als früher. Da hattest du wie so viele andere die Ansicht, daß man die Roten nicht schnell genug ausrotten könne. Ich hab‘ dich geradezu zu meiner Meinung bekehren müssen.“

„Ja, ihr Deutsche seid ganz eigenartige Kerls. Mild, weich wie Butter, und nachher wenn es sein muß, so stellt ihr euren Mann wie sonst einer. Ihr möchtet alle Welt mit Handschuhen von Samt anfassen und doch schlagt ihr gleich mit dem Kolben drein, wenn ihr meint, daß ihr euch endlich wehren müßt. So seid ihr alle und so bist auch du.“

„Und ich freue mich, daß es gerade so ist und nicht anders. Aber schau, dort scheint ein Strich durch das Gras zu gehen.“

Er hielt sein Pferd an und deutete nach einem Felsen hinüber, an dessen Fuß eine lange, dunkle Linie durch das Gras vorüberführte.

Auch Davy parierte sein Pferd, beschattete die Augen mit der einen Hand und musterte die betreffende Stelle, dann sagte er:

„Du sollst mich zwingen dürfen, einen Zentner Flintenkugeln ungebraten zu essen, wenn dies nicht eine Fährte ist.“

„Auch ich halte es dafür. Wollen wir uns das Ding einmal genauer betrachten, Davy?“

„Wollen? Wer spricht vom Wollen, wenn man muß? In dieser alten Prairie ist man gezwungen, an keiner Spur leichtsinnig vorüber zu gehen. Man muß stets wissen, wen man vor oder hinter sich hat, sonst kann es leicht geschehen, daß man früh tot aufsteht, wenn man sich am Abend lebendig in das Gras gelegt hat. Vorwärts also !“

Sie ritten bis an den Felsen hin und blieben dort halten, die Fährte mit Kenneraugen musternd.

„Was sagst du dazu?“ fragte Davy.

„Eine Fährte natürlich !“ lachte der Dicke.

„Ja, ein Turmseil ist’s freilich nicht; das sehe ich auch. Aber was für eine Art von Fährte?“

„Von einem Pferde.“

„Hm! Das sieht ein jedes Kind. Oder meinst du etwa, ich sei der Ansicht, daß hier ein Walfisch vorübergeschwommen sei?“

„Nein, denn dieser Walfisch könntest nur du gewesen sein, und von dir weiß ich ja ganz genau, daß du nicht von meiner Seite gekommen bist. Uebrigens kommt mir diese Spur sehr verdächtig vor.“

„Warum?“

„Bevor ich dir antworte, will ich sie mir erst einmal genauer betrachten, denn ich habe gar keine Lust, mich vor dir alten Knaben zu blamieren.“

Er sprang vom Pferde und kniete in das Gras nieder. Sein alter Klepper hielt, als ob er Menschenverstand besitze, das Maul in das niedergetretene Gras und schnaubte leise. Auch das Maultier trat nahe herbei, wedelte mit dem Schwanze und den beiden langen Ohren und schien sich die Fährte zu betrachten.

„Nun?“ fragte Davy, welchem die Untersuchung zu lange dauerte. „Ist’s gar so wichtig?“

„Ja. Hier ist ein Indianer geritten.“

„Meinst du? Das wäre freilich auffallend, da wir uns nicht auf dem Jagd- oder Weidegrunde eines Stammes befinden. Warum vermutest du, daß es ein Indsman gewesen ist?“

„Ich sehe es an den Hufspuren, daß das Pferd auf indianische Weise geschult ist.“

„Dennoch kann es von einem Weißen geritten sein.“

„Das sage ich mir auch, aber – – aber – – –“

Er schüttelte nachdenklich den Kopf und verfolgte die Spur eine kurze Strecke weiter. Dann rief er zurück:

„Komm nach! Das Pferd war nicht beschlagen, sondern barfuß. Auch ist es sehr müde gewesen, und dennoch hat es galoppieren müssen. Der Reiter hat es also sehr eilig gehabt.“

jetzt stieg auch Davy ab. Was er gehört hatte, war wichtig genug, zu einer sorgfältigen Untersuchung zu veranlassen. Er schritt dem Dicken nach, und die beiden Tiere liefen hinter ihm her, als ob sie sich gedacht hätten, daß sich das von selbst verstehe. Bei Jemmy angekommen, ging er mit diesem noch weiter, längs der Fährte hin.

„Du,“ meinte er, „das Pferd ist wirklich übermüdet gewesen; es hat sehr oft gestrauchelt. Wer sein Tier in solcher Weise anstrengt, der muß triftige Veranlassung dazu haben. Entweder ist der Mann verfolgt worden oder er hat Grund gehabt, sein Ziel so schnell wie möglich zu erreichen.“

„Das letztere ist der Fall, das erstere nicht.“

„Wieso?“

„Wie alt ist diese Fährte?“

„Zwei Stunden ungefähr.“

„Das sage ich auch. Noch gibt es keine Spur eines Verfolgers, und wer einen Vorsprung von zwei Stunden hat, der reitet sein Pferd nicht zu Tode. Uebrigens gibt es hier so viele zerstreute Felsen, daß es ihm leicht gewesen sein würde, seinen Verfolger irre zu führen, indem er unbemerkt einen Bogen geschlagen hätte oder im Kreise geritten wäre. Meinst du das nicht auch?“

„Ja. Uns beiden zum Beispiel würde ein Vorsprung von zwei Minuten genügen, um die Verfolger mit einer ganz gehörigen Nase heimzuschicken. Also stimme ich dir bei. Der Mann hat schnell an sein Ziel gewollt. Aber wo mag dasselbe liegen?“

„Jedenfalls nicht weit von hier.“

Der Lange blickte dem Dicken erstaunt in das Gesicht.

„Du scheinst heute allwissend zu sein!“ sagte er.

„Um das zu erraten, bedarf es keiner Allwissenheit, sondern nur ein wenig Nachdenkens.“

„So! Nun, ich denke ja eben auch darüber nach, und zwar ganz vergeblich.“

„Das ist bei dir gar kein Wunder.“

„Wieso?“

„Du bist zu lang. Ehe bei dir die Ueberlegung von der Fährte hier unten bis hinauf in deinen Verstand kommt, können leicht Jahrtausende vergehen. Ich sage dir, daß das Ziel dieses Reiters gar nicht weit von hier zu suchen ist, sonst hätte er sein Pferd geschont.“

„So! Den Grund höre ich; aber begreifen kann ich ihn nicht.“

„Nun, ich kalkuliere: Hätte der Mann noch einen Tagesritt zu machen gehabt, so wäre das Pferd für eine solche Strecke zu ermüdet gewesen; er hätte es also unbedingt einige Stunden lang ausruhen lassen und sodann diese kurze Versäumnis nachholen können. Weil er aber den Ort, den er erreichen will, nahe gewußt hat, so hat er geglaubt, diese Strecke trotz der Müdigkeit seines Pferdes heute noch zurücklegen zu können.“

„Höre, mein alter Jemmy, das, was du da sagst, klingt nicht so uneben. Ich gebe dir abermals recht.“

„Dieses Lob ist ganz überflüssig. Wer fast dreißig Jahre lang in der Savanne herumgestolpert ist, der kann wohl auch einmal auf einen klugen Gedanken kommen. Freilich sind wir nun fast auch nicht klüger als vorher. Welches ist der Ort, nach welchem dieser Indianer gewollt hat? Das möchten wir natürlich wissen. Der Mann ist jedenfalls ein Bote. Er hat es jedenfalls sehr notwendig gehabt; seine Angelegenheit war von großer Wichtigkeit. Ein Indsman ist aller Wahrscheinlichkeit nur der Bote zwischen Indianern, und so möchte ich fast behaupten, daß sich Rothäute hier in der Nähe befinden.“

Der lange Davy stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen hervor und ließ seinen Blick nachdenklich rundum schweifen.

„Fatal, höchst fatal!“ brummte er. „Der Kerl kommt also von Indianern und geht zu Indianern. Wir befinden uns also zwischen ihnen und wissen nicht, wo sie stecken. Also können wir sehr leicht auf die eine Horde stoßen und unsere Skalps zum Jahrmarkt tragen.“

„Das müssen wir freilich befürchten. Es gibt aber doch ein sehr leichtes Mittel, uns Gewißheit zu verschaffen.“

„Du meinst, indem wir dieser Fährte folgen?“

„Ja.“

„Richtig! Dann wissen wir, daß sie sich vor uns befinden, und sie haben keine Ahnung von uns; wir befinden uns also im Vorteile. Es ist also meine Meinung, daß wir dem Indsman nachreiten, zumal seine Fährte gar nicht bedeutend von unserer bisherigen Richtung abweicht. Aber neugierig bin ich doch, zu welchem Stamme er gehören mag.“

„Ich ebenso. Erraten läßt es sich nicht. Da oben im nördlichen Montana gibt es die Schwarzfuß-, Pigan- und Blutindianer. Die kommen nicht herüber. Am Knie des Missouri lagern die Riccavees, welche ebensowenig hier etwas zu suchen haben. Die Sioux? Hm! Hast du etwa gehört, daß sie in neuerer Zeit den Tomahawk des Krieges ausgegraben haben?“

„Nein.“

„So wollen wir uns jetzt den Kopf nicht zerbrechen; aber vorsichtig müssen wir sein. Hinter uns haben wir den Nord-Platte, wie du von unserm letzten Streifzug dich erinnern wirst. Wir befinden uns jetzt in einer Gegend, welche uns sehr gut bekannt ist, und wenn wir nicht gradezu Dummheiten machen, so kann uns nichts geschehen. Komm!“

Sie stiegen wieder auf und folgten der Fährte, diese genau im Auge behaltend und dabei doch auch scharf nach vorn und den Seiten ausschauend, um ja irgend etwas Feindseliges sofort zu bemerken.

Es verging wohl eine Stunde, und die Sonne sank immer tiefer. Der Wind erhob sich immer mehr, und die Hitze des Tages ließ schnell nach. Bald bemerkten sie, daß der Indianer nur noch im Schritt geritten war. An einer unebenen Stelle schien sein Pferd vor Uebermüdung gestolpert und in die Kniee gesunken zu sein. Jemmy stieg sofort ab und untersuchte die Stelle.

„Ja, es ist ein Indsman,“ sagte er. „Er ist abgesprungen. Sein Mokassin ist mit Stachelschweinsborsten verziert gewesen. Hier liegt eine abgebrochene Spitze davon. Und hier -ah, der Kerl muß noch sehr jung sein.“

„Warum?“ fragte der Lange, welcher auf seinem Tiere sitzen geblieben war.

„Die Stelle ist sandig, und sein Fuß hat sich ganz genau abgezeichnet. Wenn ich nicht annehmen soll, daß es eine Squaw gewesen ist, so – – –“

„Unsinn! Eine Frau kommt nicht allein hierher.“

„So ist er ein junger Mensch, wahrscheinlich höchstens achtzehn Jahre alt.“

„So, so! Das klingt gefährlich. Es gibt Stämme, bei denen grade diese jungen Kerls als Kundschafter benutzt werden. Sehen wir uns also vor!“

Sie ritten wieder weiter. Während sie bisher durch die richtige Blumenprairie gekommen waren, tauchte jetzt hier und da ein Gebüsch auf, erst vereinzelt, dann in zusammenstehenden Gruppen. In der Ferne schien es Bäume zu geben.

Dann kamen sie an eine Stelle, an welcher der Reiter für kurze Zeit abgestiegen war, um seinem Pferde eine freilich nur kurze Ruhe zu gönnen; dann war er zu Fuße weitergeschritten, das Tier am Zügel führend.

Die vorliegenden Büsche hemmten jetzt zuweilen die Aussicht so, daß Vorsicht doppelt nötig wurde. Davy ritt voran, und Jemmy folgte. Auf einmal sagte der letztere:

„Du, Langer, es ist ein Rappen gewesen.“

„So! Woher weißt du das?“

„Hier am Busch hing ein Schwanzhaar, welches ihm ausgerissen worden ist.“

„So wissen wir schon wieder etwas mehr; aber sprich nicht so laut! Hier können wir in jedem Augenblick auf Leute stoßen, die wir erst sehen, wenn sie uns bereits erschossen haben.“

„Das fürchte ich nicht. Ich kann mich da auf mein Pferd verlassen; es schnaubt, sobald es einen Feind wittert. Also nur immer getrost weiter!“

Der lange Davy folgte wohl dieser Aufforderung, blieb aber im nächsten Augenblick bereits halten.

„Alle Teufel!“ sagte er. „Da ist etwas vorgegangen!“

Der Dicke trieb sein Pferd an und gelangte nach wenigen Schritten durch die Büsche auf einen freien Platz. Vor ihnen erhob sich einer jener kegelförmigen Felsen, deren es in dieser Prairie so viele gibt. Die Fährte führte bis zu demselben hin, hart an ihm vorüber und sprang sodann in einem scharfen Winkel nach rechts ab. Das sahen die beiden sehr deutlich, aber sie sahen noch etwas; nämlich von der anderen Seite des Felsens her zogen sich deutliche Spuren zu der genannten Fährte hinüber, um sich mit derselben zu vereinigen.

„Was meinst du dazu?“ fragte der Lange.

„Daß da hinter diesem Felsen Menschen lagerten, die den Indsman verfolgten, als sie ihn erblickten.“

„Vielleicht sind sie bereits wieder dort!“

„Oder es sind welche zurückgeblieben. Bleib hier hinter den Büschen! Ich will einmal meine Nase um die Ecke stecken.“

„Stecke sie nur nicht etwa in einen geladenen Flintenlauf, welcher im Losgehen ist!“

„Nein, denn dazu wäre die deinige geeigneter.“

Er stieg ab und gab dem Langen die Zügel seines Kleppers zu halten, dann rannte er in vollem Laufe auf den Felsen zu.

„Schlauer Fuchs!“ brummte Davy befriedigt vor sich hin –“hier würde das Anschleichen zu viel Zeit erfordern. Man sollte gar nicht glauben, daß der Dicke so springen kann!“

An der Rückseite des Felsens angekommen, schlich sich der Kleine langsam und vorsichtig nach vom und verschwand hinter einer vorspringenden Kante. Bald jedoch erschien er wieder und gab dem Langen einen Wink, indem er mit dem Arme einen Bogen beschrieb. Davy verstand genau, daß er nicht direkt nach dem Felsen reiten solle, und ritt also zwischen den Büschen hindurch einen Bogen, bis er auf die neue Fährte traf und auf derselbigen zu Jemmy an den Felsen gelangte.

„Was sagst du dazu?“ fragte der Kleine, indem er auf den Platz zeigte, der vor ihnen lag.

Es hatte sich hier ein Lager befunden. Einige eiserne Kessel lagen noch am Boden, mehrere Hacken und Schaufeln, eine Kaffeemühle, ein Mörser, verschiedene kleine und größere Pakete – eine Spur eines Lagerfeuers aber war nicht zu sehen.

„Na,“ antwortete der Gefragte kopfschüttelnd. „Diejenigen, welche sich hier so häuslich niedergelassen hatten, mögen sehr unvorsichtige Leute oder noch ganz grün im Westen sein. Hier sieht man die Spuren von wenigstens fünfzehn Pferden, aber kein einziges ist angepflockt oder auch nur angehobbelt gewesen. Wie es scheint, waren mehrere Packtiere darunter. Auch diese sind fort. Wohin? Das ist eine ganz heillose Wirtschaft! Man sollte diesen Leuten einen tüchtigen Stock auf den Rücken geben!“

„Ja, das haben sie eigentlich verdient. So wenig Erfahrung, und machen sich nach dem fernen Westen herbei! Es kann freilich nicht ein jeder auf dem Gymnasium gewesen sein – – –“

„Wie du!“ fiel der Lange schnell ein.

„Ja, wie ich; aber ein wenig Mutterwitz und Ueberlegung sollte doch ein jeder besitzen. Der Indianer ist ganz ahnungslos hier um die Ecke gekommen und hat, sobald er sie erblickte, es vorgezogen, schnell davonzureiten anstatt umzukehren; da ist ihm die ganze Rotte nach.“

„Ob sie ihn feindlich behandeln werden?“

„Natürlich, sonst hätten sie ihn doch nicht verfolgt. Und für uns kann dies verhängnisvoll werden. Den Roten ist es ganz gleich, ob ihre Rache den wirklich Schuldigen oder einen anderen trifft.“

„So müssen wir schleunigst nach, um Unheil zu verhüten.“

„Ja; weit werden wir da nicht zu reiten haben, denn weit ist der Indsman mit seinem abgematteten Pferde doch nicht gekommen.“

Sie stiegen wieder auf und folgten im Galopp der Fährte, von welcher nach rechts und links einige Hufspuren abführten, jedenfalls von den durchgegangenen Packpferden herrührend. Trotz ihrer gegenteiligen Ansicht mußten sie eine bedeutende Strecke durch coupiertes Terrain reiten, bis endlich Jemmy, welcher voranritt, sein Pferd plötzlich anhielt. Er hatte laute Stimmen gehört und lenkte rasch zur Seite in ein Gesträuch hinein, wohin Davy ihm folgte. Beide horchten. Sie hörten verschiedene Stimmen durcheinander sprechen.

„Das sind sie jedenfalls,“ meinte der Kleine. „Die Stimmen kommen nicht näher; sie scheinen sich also noch nicht auf dem Rückwege zu befinden. Wollen wir sie belauschen, Davy?“

„Ganz natürlich. Die Pferde hobbeln wir einstweilen an.“

„Nein; das könnte uns verraten, falls wir ungesehen bleiben wollen. Wir müssen sie festbinden, daß sie nicht weiter fortkönnen, als wir es erlauben.“

„Anhobbeln“ ist ein Trapperausdruck und heißt, den Pferden die Vorderbeine so zusammenbinden, daß sie nur kleine Schritte machen können. Das thut man nur, wenn man sich in Sicherheit weiß, sonst aber werden die Tiere an Bäume festgebunden oder an kurze Pfähle, die man in die Erde schlägt. Gewöhnlich führen die Jäger zu diesem Zwecke spitze Pflöcke in der holzarmen Prairie mit sich.

Also die beiden Unzertrennlichen banden ihre Tiere an den Sträuchern fest und schlichen sich dann nach der Richtung hin, aus welcher die Stimmen zu hören waren. Sie kamen bald an ein kleines Flüßchen oder vielmehr an einen Bach, welcher jetzt nicht viel Wasser hatte, dessen hohe Ufer aber zeigten, daß er im Frühjahr eine ganz ansehnliche Wassermenge mit sich führe. Er machte hier eine Krümmung, innerhalb welcher neun wild aussehende Männer teils standen teils im Grase lagen. In ihrer Mitte lag ein junger Indianer, welcher an Händen und Füßen so gefesselt war, daß er kein Glied zu rühren vermochte. Jenseits des Wassers aber, unterhalb des hohen Ufers, welches es nicht mehr zu erklimmen vermocht hatte, lag das Pferd des Roten mit schlagenden Flanken und laut schnaubend. Die Pferde der anderen standen bei ihren Herren.

Diese letzteren machten sämtlich keinen guten Eindruck. Ein echter Westmann sagte sich bei ihrem Anblicke sofort, daß er eine Probe jenes unbotmäßigen Gesindels vor sich habe, über welches im fernen Westen nur Richter Lynch die Oberhand behält.

Jemmy und Davy kauerten hinter einem Busch und betrachteten die Scene. Die Männer flüsterten leise miteinander. Sie schienen über das Schicksal des Gefangenen zu beraten.

„Wie gefallen sie dir?“ fragte der Dicke leise.

„Ganz so wie dir, nämlich gar nicht.“

„Ohrfeigengesichter. Der arme, rote junge kann mir leid thun. Zu welchem Stamme zählst du ihn?“

„Darüber bin ich noch nicht klar. Er ist nicht bemalt und trägt auch sonst kein Abzeichen einer Nation. So viel aber ist sicher, daß er sich nicht auf dem Kriegspfade befunden hat. Wollen wir ihn in unseren Schutz nehmen?“

„Das versteht sich ganz von selbst, denn ich glaube nicht, daß er ihnen Veranlassung zu ihrem feindseligen Verhalten gegeben hat. Komm, wir wollen einige Worte mit ihnen reden!“

„Und wenn sie nicht auf uns hören?“

„So haben wir die Wahl, mit Gewalt oder auch mit List unseren Willen durchzusetzen. Ich fürchte diese Kerls nicht; aber eine Kugel trifft auch dann, wenn sie von einem feigen Schurken abgeschossen wird. Wir wollen ihnen gar nicht wissen lassen, daß wir beritten sind, und besser ist’s auch, wir kommen von der anderen Seite des Wassers, damit sie nicht merken, daß wir bereits ihr Lager gesehen haben.“

Sie nahmen ihre Gewehre zu sich und schlichen sich an den Bach, aber in solcher Entfernung von den Leuten, daß sie von diesen noch nicht gesehen werden konnten. Da stiegen sie das diesseitige Ufer hinab, sprangen über das schmale Wasser und stiegen jenseits wieder hinauf. Nun schlugen sie einen kurzen Bogen und erreichten den Bach gerade an der Stelle, an welcher die Gesuchten sich am anderen Ufer befanden. Dort thaten sie ganz so, als ob sie über die Anwesenheit von Menschen ganz erstaunt seien.

„Holla!“ rief der dicke Jemmy. „Was ist denn das? Ich hab‘ gemeint, wir befinden uns ganz allein hier auf dieser gesegneten Prairie, und da treffen wir ein ganzes Meeting beisammen. Hoffentlich ist es erlaubt, teilzunehmen.“

Diejenigen, welche im Grase gelegen hatten, erhoben sich, und alle richteten ihre Augen auf die beiden Ankömmlinge. Sie mochten im ersten Augenblicke nicht sehr angenehm über die Ankunft derselben überrascht sein; aber als sie die Gestalten und Anzüge der beiden bemerkten, erhoben sie alle ein schallendes Gelächter.

Thunder-storm!“ antwortete einer, welcher ein ganzes Arsenal von Waffen an seinem Leibe trug. „Was geht hier los? Haltet ihr mitten im Hochsommer hier Fastnacht und Maskenspiel?“

Ay!“ nickte der Lange. „Es fehlen uns noch einige Narren dazu, darum kommen wir zu euch.“

„Da kommt ihr freilich an die unrechte Adresse.“

„Das glaube ich nicht.“

Bei diesen Worten machte er mit seinen ewiglangen Beinen einen einzigen Schritt über das Wasser herüber, einen zweiten das Ufer herauf und stand nun vor dem Sprecher. Der Dicke that zwei Sprünge, nach denen er neben ihm stand, und sagte:

„So, da sind wir. Good day, Mesch’schurs. Habt ihr nicht irgend einen guten Schluck zu trinken?“

„Da ist Wasser!“ lautete die Antwort des Sprechers, welcher auf das Wasser des Baches deutete.

„Fie! Meint Ihr, daß ich Lust habe, mich inwendig naß zu machen? Das fällt meines Großvaters Enkel nicht ein! Wenn ihr nichts Besseres bei euch habt, so mögt ihr ruhig nach Hause gehen, denn da ist diese gute Prairie kein passender Ort für euch!“

„Ihr scheint die Prairie für ein Frühstückslokal zu halten?“

„Freilich! Die Braten laufen einem ja vor der Nase herum. Man braucht sie nur an das Feuer zu bringen.“

„Und Euch scheint das sehr zu bekommen!“

„Will’s meinen!“ lachte Jemmy, indem er sich behaglich über den Bauch strich.

„Und was Ihr zu viel habt, das fehlt da Eurem Kameraden.“

„Weil er nur halbe Rationen bekommt. Ich darf nicht zugeben, daß seine Schönheit verdorben wird, denn ich habe ihn als Scheuche mitgenommen, damit mir kein Bär oder Indsman zu nahe kommt. Aber, mit Eurer Erlaubnis, Master -was führt euch denn eigentlich an dieses hübsche Wasser hier?“

„Niemand hat uns hergeführt. Wir haben den Weg selbst gefunden.“

Seine Gefährten lachten über diese Antwort, welche sie für eine sehr geistreiche Abfertigung hielten. Der dicke Jemmy aber meinte ganz ernsthaft:

„So? Wirklich? Das hätte ich Euch nicht zugetraut, denn Eure Physiognomie läßt gar nicht vermuten, daß Ihr imstande seid, irgend einen Weg ohne Hilfe zu finden.“

„Und die Eurige läßt vermuten, daß Ihr den Weg nicht sehen würdet, selbst wenn man Euch mit der Nase darauf legte. Seit wann seid Ihr denn eigentlich aus der Schule?“

„Ich bin noch gar nicht hineingekommen, weil ich das richtige Maß noch nicht habe, doch hoffe ich, von Euch so viel zu profitieren, daß ich wenigstens das Einmaleins des Westens leidlich aufsagen kann. Wollt Ihr mein Schoolmaster sein?“

„Habe keine Zeit dazu. Habe überhaupt Notwendigeres zu thun als anderen die Dummheit auszuklopfen.“

„So! Was sind denn das für notwendige Dinge?“

Er sah sich um, that, als ob er erst jetzt den Indianer erblicke und fuhr dann fort:

Behold! Ein Gefangener, und noch dazu gar ein roter!“

Er fuhr zurück, als ob er über den Anblick des Roten erschrocken sei. Die Männer lachten, und derjenige, welcher bisher gesprochen hatte und ihr Anführer zu sein schien, sagte:

„Fallt nicht in irgend eine Ohnmacht, Sir. Wer noch keinen solchen Kerl gesehen hat, der kann leicht einen gefährlichen Schreck davontragen. Man kann sich nur langsam an den Anblick gewöhnen. Ich vermute, daß Euch noch gar kein Indsman begegnet ist?“

„Einige zahme habe ich wohl gesehen; aber dieser hier scheint wild zu sein.“

„Ja, kommt ihm ja nicht zu nahe!“

„Ist’s so schlimm? Er ist ja gefesselt!“

Er wollte sich dem Gefangenen nähern, aber der Anführer stellte sich ihm entgegen und sagte:

„Bleibt weg von ihm! Er geht Euch gar nichts an. Uebrigens muß ich Euch nun endlich fragen, wer ihr seid und was ihr hier bei uns wollt.“

„Das könnt Ihr sofort erfahren. Mein Kamerad heißt Kroners, und mein Name ist Pfefferkorn. Wir – – –“

„Pfefferkorn?“ wurde er unterbrochen. „Ist das nicht ein deutscher Name?“

„Mit Eurer Erlaubnis, ja.“

„So hole Euch der Teufel! Ich kann Leute Eures Gelichters nicht erriechen.“

„Das liegt jedenfalls nur an Eurer Nase, welche an Feineres nicht gewöhnt ist. Und wenn Ihr von Gelichter sprecht, so meßt Ihr mich wohl mit Eurer eigenen Elle.“

Er hatte das in einem ganz anderen als dem bisherigen leichten Tone gesprochen. Der andere zog die Brauen zornig empor und fragte beinahe drohend:

„Was wollt Ihr damit sagen?“

„Die Wahrheit, weiter nichts.“

„Für was haltet Ihr uns? Heraus damit!“

Er griff nach dem Messer, welches er im Gürtel stecken hatte. Jemmy machte eine verächtliche Handbewegung und antwortete ihm:

„Laßt Euren Kneif stecken, Master; mit ihm imponiert Ihr uns nicht. Ihr seid grob gegen mich gewesen und durftet nicht erwarten, daß ich Euch mit Eau de Cologne anspritze. Ein solches Herzeleid will ich der Firma Farina zu Köln am Rhein nicht anthun. Ich kann nicht dafür, daß ich Euch nicht gefalle, und es kommt mir auch gar nicht in den Sinn, Euch zuliebe hier im fernen Westen einen Frack anzuziehen, die Schöße nach vorn, und zwölfreihige Glacéhandschuhe an die Beine. Wenn Ihr uns nach unserem Habitus beurteilt, so fahrt Ihr durch Eure eigene Schuld in einen falschen Aermel. Hier gilt nicht der Rock, sondern der Mann, und der kann vor allen Dingen Höflichkeit verlangen. Ich habe Eure Frage beantwortet und nun kann ich auch Auskunft von Euch erwarten, wenn ich erfahren will, wer ihr seid.“

Die Leute machten große Augen, als der Kleine in einem solchen Tone zu ihnen sprach. Zwar griffen noch einige andere Hände in die Gürtel, aber das resolute Auftreten des dicken Männchens hatte doch zur Folge, daß der Anführer antwortete:

„Ich heiße Walker; das genügt. Die acht anderen Namen könntet Ihr Euch doch nicht merken.“

„Merken gar wohl; aber wenn Ihr meint, daß ich sie nicht zu wissen brauche, so habt Ihr sehr recht. Der Eurige genügt vollständig, denn wer Euch ansieht, der weiß auch ganz genau, wes Geistes Kind die anderen sind.“

„Mann! Ist das eine Beleidigung?“ fuhr Walker auf. „Wollt Ihr, daß wir zu den Waffen greifen sollen?“

„Das rate ich euch nicht. Wir haben vierundzwanzig Revolverschüsse, und wenigstens die Hälfte würdet ihr bekommen, ehe es euch gelänge, eure Schießhölzer auf uns zu richten. Ihr haltet uns für Neulinge, aber diese sind wir nicht. Wollt ihr es auf eine Probe ankommen lassen, so haben wir nichts dagegen.“

Er hatte blitzschnell seine beiden Revolver gezogen, und der lange Davy hielt auch die seinigen bereits in den Händen, und als Walker nach seinem am Boden liegenden Gewehre greifen wollte, warnte Jemmy:

„Laßt die Flinte liegen! Sobald Ihr sie berührt, habt Ihr meine Kugel. Das ist das Gesetz der Prairie. Wer zuerst losdrückt, hat das Recht und ist der Sieger!“

Die Leute waren beim Erscheinen der beiden so unvorsichtig gewesen, ihre Gewehre im Grase liegen zu lassen. Jetzt wagten sie nun nicht, nach denselben zu greifen.

’sdeath!“ meinte Walker. „Ihr thut ja ganz genau so, als ob ihr uns alle verschlingen wolltet!“

„Das fällt uns nicht ein, dazu seid ihr uns nicht appetitlich genug. Wir wollen von euch weiter gar nichts wissen, als was euch dieser Indianer gethan hat.“

„Geht das euch etwas an?“

„Ja. Wenn ihr euch ohne Grund an ihm vergreift, so befindet sich dann jeder andere Weiße ohne Schuld in der Gefahr, von der Rache der Seinigen getroffen zu werden. Also, warum habt ihr ihn gefangen genommen?“

„Weil es uns so gefiel. Er ist ein roter Schurke; das ist Grund genug. Eine weitere Antwort werdet ihr nicht bekommen. Ihr seid nicht unsere Richter, und wir sind keine Knaben, welche dem ersten besten Bescheid geben.“

„Diese Antwort genügt vollständig für uns. Wir wissen nun, daß euch der Mann keinen Grund zur Feindseligkeit gegeben hat. Ganz überflüssigerweise will ich ihn auch selbst noch fragen.“

„Den, fragen?“ lachte Walker höhnisch und seine Gefährten stimmten in das Gelächter ein. „Der versteht kein Wort englisch und hat uns mit keiner Silbe geantwortet.“

„Ein Indianer antwortet seinen Feinden nicht, wenn er gefesselt ist und vielleicht habt ihr ihn so behandelt, daß er euch selbst dann, wenn ihr ihm die Banden abnehmt, kein Wort hören ließe.“

„Prügel hat er bekommen; das ist richtig.“

„Prügel?“ rief Jemmy. „Seid ihr von Sinnen! Einen Indianer prügeln! Wißt ihr nicht, daß dies eine Beleidigung ist, welche nur mit Blut gesühnt werden kann?“

„Er mag sich unser Blut holen; nur bin ich neugierig, wie er das anfangen wird.“

„Sobald er frei ist, wird er es euch zeigen.“

„Frei wird er niemals wieder sein.“

„Wollt ihr ihn töten?“

„Was wir mit ihm thun werden, das geht euch nichts an, verstanden! Die Rothäute muß man zertreten, wo man sie nur immer findet. Jetzt habt ihr unseren Bescheid. Wollt ihr, bevor ihr euch von dannen macht, mit dem Kerl einmal sprechen, so habe ich nichts dagegen. Er versteht euch nicht und ihr seht beide nicht so aus, als ob man euch für Professoren der Indianersprachen halten müsse. Ich bin also sehr begierig, der Unterhaltung beizuwohnen.“

Jemmy zuckte verächtlich die Achsel und wendete sich zu dem Indianer.

Dieser hatte mit halbgeschlossenen Augen dagelegen und mit keinem Blicke, keiner Miene verraten, ob er von dem Gespräch ein Wort verstehe. Er war noch jung, ganz so, wie der Dicke gesagt hatte, vielleicht achtzehn Jahre alt. Sein dunkles, schlichtes Haar war lang; keine Frisur zeigte an, zu welchem Stamme er gehöre. Das Gesicht war nicht bemalt, und sogar die Scheitellinie seines Kopfes war nicht mit Ocker oder Zinnober gefärbt. Er trug ein weichledernes Jagdhemd und hirschlederne Leggins, beide an den Nähten ausgefranst. Zwischen diesen Fransen war kein einziges Menschenhaar zu sehen, ein Zeichen, daß der junge Mann noch keinen Feind getötet habe. Die zierlichen Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten geschmückt, ganz wie Jemmy vermutet hatte. In dem roten Zeugstücke, welches er als Gürtel um die Hüften geschlungen hatte, war keine Waffe zu sehen; aber drüben am jenseitigen Ufer, wo das Pferd sich jetzt wieder aufgerichtet hatte und das Wasser des Baches mit Begierde zu schlürfen begann, lag ein langes Jagdmesser und am Sattel hing ein mit Klapperschlangenhaut überzogener Köcher und ein Bogen, welcher aus den Hörnern des Bergschafes verfertigt war und vielleicht den Preis von zwei oder drei Mustangs hatte.

Diese einfache Bewaffnung war ein sicherer Beweis, daß der Indianer nicht in feindlicher Absicht in diese Gegend gekommen war. Sein Gesicht war in diesem Augenblicke ohne allen Ausdruck. Der Indsman ist zu stolz, vor Fremden oder gar Feinden seine Gefühle merken zu lassen. Seine Züge waren noch jugendlich weich. Die Backenknochen traten zwar ein klein wenig hervor, doch that dies der Physiognomie nicht den mindesten Eintrag. Als Jemmy jetzt zu ihm trat, öffnete er zum erstenmal die Augen vollständig. Sie waren schwarz wie glänzende Kohle, und ein freundlicher Blick aus ihnen traf den Jäger.

„Mein junger roter Bruder versteht die Sprache der Bleichgesichter?“ fragte der Jäger.

„Ja,“ antwortete der Gefragte. „Woher weiß dies mein älterer weißer Bruder?“

„Ich sah an dem Blicke deines Auges, daß du uns verstanden hast.“

„Ich habe gehört, daß du ein Freund der roten Männer bist. Ich bin dein Bruder.“

„Will mir mein junger Bruder sagen, ob er einen Namen hat?“

Eine solche Frage ist für einen älteren Indianer eine schwere Beleidigung, denn wer noch keinen Namen hat, der hat noch nicht durch irgend eine That seinen Mut bewiesen und wird nicht zu den Kriegern gerechnet. Bei der Jugend dieses Gefangenen aber konnte Jemmy sich diese Frage erlauben. Dennoch antwortete der Jüngling:

„Meint mein guter Bruder, daß ich feig bin?“

„Nein, doch bist du ja noch zu jung, als daß du ein Krieger sein könntest.“

„Die Bleichgesichter haben den roten Männern gelehrt, bereits jung zu sterben. Mein Bruder mag mir das Jagdhemd auf der Brust öffnen, um zu erfahren, daß ich einen Namen besitze.“

Jemmy bückte sich nieder und nestelte das Jagdhemd auf. Er zog drei rotgefärbte Federn des Kriegsadlers hervor.

„Ist’s möglich!“ rief er aus. „Ein Häuptling kannst du doch nicht sein!“

„Nein,“ lächelte der Jüngling. „Ich darf die Federn des Mah-sisch tragen, weil ich Wohkadeh heiße.“

Diese beiden Worte gehören der Mandanersprache an, das erstere heißt Kriegsadler, und das letztere ist der Name für die Haut eines weißen Büffels. Da die weißen Büffel aber höchst selten sind, so gilt das Erlegen eines solchen bei manchen Stämmen mehr als das Töten mehrerer Feinde und berechtigt sogar zum Tragen der Federn des Kriegsadlers. Der junge Indianer hatte einen solchen Büffel erlegt und infolgedessen den Namen Wohkadeh erhalten.

Das war an und für sich nichts Seltsames; nur erstaunten Davy und Jemmy darüber, daß der Name der Mandanersprache entnommen war. Die Mandans gelten für ausgestorben. Darum fragte der Kleine:

„Welchem Stamme gehört mein roter Bruder an?“

„Ich bin ein Numangkake und zugleich ein Dakota.“

Numangkake nannten sich die Mandans selbst, und Dakota ist der Sammelname aller Siouxstämme.

„So bist du von den Dakota angenommen worden?“

„So, wie mein weißer Bruder sagt. Der Bruder meiner Mutter war der große Häuptling Mah-to-toh-pah. Er trug diesen Namen, weil er vier Bären auf einmal getötet hatte. Die weißen Männer kamen und brachten uns die Blattern. Mein ganzer Stamm erlag denselben bis auf wenige, welche, um den vorangegangenen nach den ewigen Jagdgründen zu folgen, die Sioux reizten und von denselben erschlagen wurden. Mein Vater, der tapfere Wah-kih (Schild), wurde nur verwundet und später gezwungen, ein Sohn der Sioux zu werden. So bin ich ein Dakota, aber mein Herz gedenkt der Ahnen, welche der Große Geist zu sich gerufen hat.“

„Die Sioux befinden sich jetzt jenseits der Berge. Wie kommst du über dieselben herüber?“

„Ich komme nicht von den Bergen, welche mein Bruder meint, sondern vom hohen Gebirge im Westen herab und habe einem kleinen weißen Bruder eine wichtige Botschaft zu bringen.“

„Dieser weiße Bruder wohnt hier in der Nähe?“

„Ja. Woher weiß mein älterer weißer Bruder das?“

„Ich folgte deiner Spur und hab‘ gesehen, daß du dein Pferd antriebst wie einer, der sich nahe am Ziele befindet.“

„Du hast richtig gedacht. Ich wäre nun jetzt am Ziele; aber diese Bleichgesichter verfolgten mich; mein Pferd war zu abgemattet und konnte den Sprung über dieses Wasser nicht thun; es stürzte. Wohkadeh kam unter dasselbe zu liegen und verlor die Besinnung; als er erwachte, war er mit Riemen gebunden.“

Und in der Siouxsprache fügte er knirschend hinzu:

„Es sind Feiglinge. Neun Männer fesseln einen Knaben, dessen Seele von ihm gewichen ist! Hätte ich mit ihnen kämpfen können, so gehörten jetzt ihre Skalpe mir.“

„Sie haben dich sogar geschlagen!“

„Sprich nicht davon, denn jedes dieser Worte riecht nach Blut. Mein weißer Bruder wird mir die Fesseln abnehmen, und dann wird Wohkadeh als Mann an ihnen handeln.“

Er sagte das mit solcher Zuversichtlichkeit, daß der dicke Jemmy lächelnd fragte:

„Hast du nicht gehört, daß ich ihnen nichts zu befehlen habe?“

„O, mein weißer Bruder fürchtet sich vor hundert solchen Männern nicht. Ein jeder von ihnen ist Wakon kanch (ein altes Weib).“

„Meinst du? Woher kannst du wissen, daß ich mich vor ihnen nicht fürchte?“

„Wokadeh hat offene Augen. Er hörte von den beiden berühmten weißen Kriegern oft sprechen, welche Davy-hons-keh und Jemmy-petahtscheh genannt werden, und hat sie an ihren Gestalten und Worten erkannt.“

Der kleine Jäger wollte antworten, wurde aber von Walker unterbrochen:

„Halt, Mann! So haben wir nicht gewettet! Ich habe Euch zwar erlaubt, mit dem Kerl zu reden; aber das muß in englischer Sprache geschehen. Euer Kauderwelsch kann ich nicht dulden; denn ich muß da gewärtig sein, daß ihr miteinander gegen uns Pläne schmiedet. Uebrigens genügt es uns, erfahren zu haben, daß er des Englischen mächtig ist. Wir brauchen euch nun nicht mehr, und ihr könnt also dahin gehen, woher ihr gekommen seid. Und wenn das nicht schnell geschieht, so werde ich euch Beine machen!“

Jemmys Blick flog zu Davy hinüber, und dieser gab ihm mit einer Wimper einen Wink, den niemand bemerkte. Für den Dicken aber war dieses blitzschnelle Zucken des Auges verständlich genug. Der Lange hatte ihn auf die Büsche aufmerksam gemacht, welche seitwärts von ihm standen. Jemmy richtete einen kurzen, aber scharf forschenden Blick hinüber und bemerkte, daß nahe am Boden die Läufe zweier Doppelgewehre ein wenig zwischen den Zweigen hervorragten. Dort lagen also zwei Männer im Anschlage. Wer waren sie? Freunde oder Feinde? Die Sorglosigkeit, welche Davy zeigte, beruhigte ihn. Er antwortete Walker:

„Die Beine, welche Ihr mir machen wollt, möchte ich wohl sehen! Ich habe keine solche Veranlassung zum schnellen Davonlaufen wie ihr.“

„Wie wir? Wem sollten wir davonlaufen?“

„Demjenigen, dem gestern noch diese beiden Pferde gehört haben. Verstanden?“

Er deutete bei diesen Worten auf zwei braune Wallachen, welche eng nebeneinander standen, als ob sie wüßten, daß sie zusammen gehörten.

„Was?“ rief Walker. „Wofür haltet Ihr uns? Wir sind ehrliche Prospekters, welche hinüber nach Idaho wollen, wo jetzt neue Goldlager entdeckt worden sind.“

„Und weil es euch zu dieser Reise an den nötigen Pferden mangelt, so seid ihr nebenbei auch eben so ehrliche Horsepilfers. Uns täuscht ihr nicht!“

„Mann, sag noch ein Wort, so schieße ich dich nieder! Wir haben alle diese Pferde gekauft und bezahlt.“

„Wo denn, mein ehrlicher Master Walker?“

„Bereits unten in Omaha.“

„So! Und da habt ihr euch dort wohl auch gleich einen Vorrat von Hufschwärze mitgenommen? Warum sind denn die beiden Braunen so frisch, wie aus der Fenz heraus? Warum haben sie frisch geschwärzte Hufe, während eure anderen Gäule abgetrieben sind und in den verwahrlosesten Pantoffeln laufen? Ich sage euch, daß die Braunen noch gestern einen anderen Herrn gehabt haben und daß der Diebstahl von Pferden hier im fernen Westen mit dem schönen Tode durch den Strang bestraft wird.“

„Lügner! Verleumder!“ brüllte Walker, sich nach seinem Gewehre bückend.

„Nein, er hat recht!“ ertönte eine Stimme zwischen den Büschen hervor. „Ihr seid elende Pferdediebe und sollt euren Lohn haben. Schießen wir sie nieder, Martin!“

„Nicht schießen!“ rief der lange Davy. „Nehmt die Kolben! Eine Kugel sind sie nicht wert.“

Er holte mit dem umgekehrten Gewehre aus und versetzte Walker einen Hieb, daß er besinnungslos zu Boden stürzte. Aus den Büschen sprangen zwei Gestalten, ein kräftiger Knabe und ein älterer Mann, mit hoch erhobenen Gewehren hervor und warfen sich auf die angeblichen Prospekters.

Jemmy hatte sich niedergebückt und mit zwei schnellen Schnitten die Fesseln Wohkadehs gelöst. Dieser schnellte empor, sprang auf einen der Feinde zu, ergriff ihm beim Genick, riß ihn nieder und schleuderte ihn über das Wasser hinüber, wo sein Skalpmesser lag. Kein Mensch hätte ihm eine solche Körperstärke zugetraut. Ihm nachspringen, das Messer mit der Rechten ergreifen, auf den Feind knieen und dessen Haarschopf mit der Linken erfassen, das war das Werk eines Augenblickes.

Help – help -for God’s sake – help!“ kreischte der Mann in höchster Todesangst auf.

Wohkadeh hatte das Messer zum tödlichen Stoße erhoben. Sein blitzendes Auge fiel auf das vor Entsetzen verzerrte Gesicht des Feindes – und seine Hand sank mit dem Messer nieder.

„Hast du Angst?“ fragte er.

„Ja, o Gnade, Gnade!“

„Sag‘, daß du ein Hund bist!“

„Gern, sehr gern! Ich bin ein Hund!“

„So bleib‘ zu deiner Schande leben; ein Indianer stirbt mutig und ohne Klage, du aber wimmerst um Barmherzigkeit. Wohkadeh kann den Skalp eines Hundes nicht tragen. Du hast mich geschlagen; dafür gehörte deine Kopfhaut mir; aber ein räudiger Hund kann keinen roten Mann beleidigen. Lauf fort; es ekelt Wohkadeh vor dir l“

Er gab ihm einen Tritt mit dem Fuße. Im nächsten Augenblicke war der Mann verschwunden.

Das alles war viel, viel schneller geschehen, als man es zu erzählen vermag. Walker lag am Boden, ein anderer neben ihm; die übrigen hatten sich schleunigst aus dem Staube gemacht. Ihre Pferde waren ihnen nachgelaufen; die beiden Braunen standen noch da und rieben ihre Köpfe an den Schultern der beiden Helfer, welche sich so unerwartet eingestellt hatten.

Der Knabe mochte ungefähr das sechzehnte Jahr zurückgelegt haben, doch war sein Körper über dies Alter hinaus entwickelt. Heller Teint, blondes Haar und blaugraue Augen wiesen auf germanische Abstammung hin. Er war barhäuptig und ganz in blaues Leinen gekleidet. In seinem Gürtel steckte ein Messer, dessen Griff von seltener indianischer Arbeit war, und das Doppelgewehr, welches er in der Hand hielt, schien für ihn fast zu schwer zu sein. Seine Wangen hatten sich im Kampfe hoch gerötet, aber er stand doch so ruhig da, als ob es etwas für ihn ganz Gewöhnliches gegeben hätte. Wer ihn jetzt betrachtete, war jedenfalls geneigt, anzunehmen, daß solche Scenen, wie die eben vergangene, für ihn nichts Seltenes seien.

Einen eigentümlichen Anblick bot sein Begleiter. Dieser war ein kleiner, schmächtiger Mann, dessen Gesicht von einem dichten, schwarzen Vollbarte umrahmt war. Ertrug indianische Schuhe und Lederhosen und dazu einen dunkelblauen Frack, welcher mit hohen Achselbuffen, Batten und blank geputzten Messingknöpfen versehen war. Dieses letztere Kleidungsstück stammte wohl aus dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts. Damals wurde ja ein Tuch fabriziert, welches für eine Ewigkeit gemacht zu sein schien.

Freilich war der Frack außerordentlich verschossen und an den Nähten fleißig mit Tinte aufgefärbt, aber es war noch kein einziges Löchlein darin zu bemerken. Solchen alten Kleidungsstücken begegnet man im „far West“ sehr oft. Dort geniert es keinen, ein altmodisches Habit zu tragen, denn bei den dortigen Verhältnissen gilt der Mann mehr als das Kleid.

Auf dem Kopfe trug der kleine Mann einen riesigen schwarzen Amazonenhut, den eine große, gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Dieses Prachtstück hatte jedenfalls vor Jahren irgend einer Lady des Ostens gehört und war dann durch ein launenhaftes Schicksal nach dem fernen Westen verschlagen worden. Da seine außerordentlich breite Krämpe sehr gut gegen Sonne und Regen schützte, so hatte sich der jetzige Besitzer gar keine Skrupel gemacht, ihm die gegenwärtige Bestimmung zu geben.

Bewaffnet war das Männchen nur mit Büchse und Messer. Selbst der Gürtel fehlte, ein sicheres Zeichen, daß der Kleine sich jetzt nicht auf einem weiten Jagdzuge befand.

Er schritt auf der kleinen Walstatt hin und her und betrachtete sich einige Gegenstände, welche von den Besiegten in der Eile der Flucht zurückgelassen worden waren, dabei konnte man bemerken, daß er mit dem linken Fuße hinkte; Wohkadeh war der erste, welchem dieser Umstand auffiel. Er trat zu ihm, legte ihm die Hand an den Arm und fragte:

„Ist mein weißer Bruder vielleicht der Jäger, welchen die Bleichgesichter den Hobbel-Frank nennen?“

Der Kleine nickte ein wenig überrascht und antwortete bejahend in englischer Sprache. Da deutete der Indianer auf den jungen Weißen und erkundigte sich weiter:

„Und dieser hier ist Martin Baumann, der Sohn des berühmten Mato-poka?“

Mato-poka ist ein aus der Sioux- und Utahsprache zusammengetragenes Wort und bedeutet „Bärentöter“.

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„So seid ihr es, die ich suche.“

„Zu uns willst du? Willst du vielleicht etwas kaufen? Wir haben nämlich ein Store und handeln mit allem, was einem Jäger von nöten ist.“

„Nein. Ich habe eine Botschaft an euch auszurichten.“

„Von wem?“

Der Indianer dachte eine kurze Weile nach, warf einen forschenden Blick rundum und antwortete dann:

„Hier ist nicht der Ort dazu, euer Wigwam liegt nicht weit von hier an diesem Wasser?“

„Ja. In einer Stunde können wir dort sein.“

„So laßt uns dahin gehen. Wenn wir an eurem Feuer sitzen, werde ich euch mitteilen, was ich euch zu sagen habe. Kommt!“

Er sprang über das Wasser, holte sein Pferd herüber, welches ihn nun wohl die kurze Strecke noch zu tragen vermochte, stieg auf und ritt davon, ohne sich umzusehen, ob die andern ihm auch folgten.

„Der macht kurzen Prozeß!“ meinte der Kleine.

„Soll er Euch etwa eine Rede halten, welche noch dünner und länger ist, als ich bin?“ lachte der lange Davy „So ein Roter weiß sehr genau, was er thut, und ich rate Euch, ihm augenblicklich zu folgen.“

„Und ihr? Was werdet ihr thun?“

„Wir reiten mit. Wenn Euer Palast sich in so großer Nähe befindet, so wäre es ja die niederträchtigste Unhöflichkeit von Euch, wenn Ihr uns nicht auf einen Schluck und zwei Bissen einladen wolltet. Und da Ihr einen Kramladen habt, so können wir Euch vielleicht einige Dollars zu verdienen geben.“

„So! Habt ihr denn einige Dollars bei euch?“ fragte der Kleine in einem Tone, welcher hören ließ, daß er die beiden Jäger nicht gerade für Millionäre halte.

„Das geht Euch erst dann etwas an, wenn wir kaufen wollen. Verstanden?“

„Hm, ja freilich! Aber wenn wir jetzt fortgehen, was soll dann mit den Kerls werden, die uns die zwei Pferde gestohlen haben? Wollen wir nicht wenigstens ihrem Anführer, diesem Walker, ein Andenken hinterlassen, welches ihn an uns erinnert?“

„Nein. Laßt sie laufen, Mann. Sie sind feige Diebe, die vor einem Bowiemesser davonlaufen. Es macht Euch keine Ehre, wenn Ihr Euch noch länger mit ihnen beschäftigt. Die Pferde habt Ihr ja wieder. Damit basta!“

„Hättet Ihr nur besser ausgeholt, als Ihr ihn niederschlugt. Der Kerl hat nur das Bewußtsein verloren.“

„Ich habe das mit Absicht gethan. Es ist kein sehr angenehmes Gefühl, einen Menschen erschlagen zu haben, den man auf andere Weise unschädlich machen kann.“

„Na, recht mögt ihr haben. Kommt also zu euren Pferden!“

„Wie? Ihr wißt, wo unsere Pferde sind?“

„Freilich. Wir müßten sehr schlechte Westmänner sein, wenn wir nicht vorher rekognosciert hätten, bevor wir euch unsere Anwesenheit merken ließen. Als wir entdeckten, daß uns zwei Pferde gestohlen worden seien, folgten wir der Spur der Diebe. Leider machten wir diese Entdeckung so spät, daß wir die Kerls erst hier einzuholen vermochten. Die Pferde weideten im Freien, und wir pflegen uns erst am Abend um sie zu bekümmern. Kommt!“

Er stieg auf das eine der wiedererlangten Tiere. Sein junger Begleiter sprang auf das andere. Beide lenkten ihre Pferde genau nach der Stelle hin, wo Jemmy und Davy die ihrigen in den Sträuchern versteckt hatten. Die beiden Letztgenannten machten sich auch beritten, und nun folgten die Vier der Fährte des Indianers, welchen sie bald vor sich erblickten. Doch ließ er sie nicht ganz an sich herankommen, sondern er ritt immer vor ihnen her, als ob er ganz genau die Richtung wisse, welche er einzuschlagen habe, um das Ziel zu erreichen.

Der Hobbel-Frank hielt sich an der Seite des dicken Jemmy, an welchem er Wohlgefallen zu finden schien.

„Wollt Ihr mir wohl sagen, Mister, was ihr eigentlich in dieser Gegend wollt?“ meinte er.

„Wir wollten eigentlich ein wenig hinauf ins Montana, wo es eine viel bessere Jagd gibt als diesseits. Dort findet man noch verständige Waldläufer und Savannenmänner, welche die Jagd eben um der Jagd willen betreiben. Hier aber schlachtet man die Tiere förmlich ab. Die Sonntagsbüchse wütet unter den armen Büffeln, welche zum Beispiel zu Tausenden getötet werden, nur weil ihre Häute sich besser zu Treibriemen eignen als gewöhnliches Rindsleder. Es ist eine Sünde und eine Schande! Nicht?“

„Da habt Ihr sehr recht, Master. Das ist früher ganz anders gewesen. Da hieß es: Mann gegen Mann; das heißt, der Jäger stellte sich dem Wilde ehrlich gegenüber, um sich das Fleisch, welches er brauchte, mit Gefahr seines Lebens zu erkämpfen. Jetzt aber ist die Jagd fast nur ein feiges Morden aus dem Hinterhalte, und die Jäger von altem Schrot und Korn sterben nachgerade aus. Leute, wie ihr beide, sind jetzt selten. Geld traue ich euch freilich nicht viel zu, aber einen guten Klang haben eure Namen; das muß man gern gestehen!“

„Kennt Ihr denn unsere Namen?“

„Will’s meinen.“

„Woher?“

„Dieser Wohkadeh hat sie ja genannt, als ich mit dem Martin im Busche lag und euch belauschte. Eigentlich habt Ihr gar nicht so die richtige Gestalt für einen Westmann. Eure Taille ist mehr geeignet für einen deutschen Bäckermeister oder Kommunalgardehauptmann; aber – – –“

„Was?“ fiel der Dicke schnell ein. „Ihr redet da von Deutschland. Kennt Ihr es vielleicht?“

„Na, und ob! Ich bin ein Deutscher mit Haut und Haar!“

„Und ich mit Leib und Seele!“

„Ist’s wahr?“ fragte Frank, indem er sein Pferd anhielt. „Na, es ist wahr, ich konnte es mir eigentlich gleich denken. Einen Yankee von Eurem Körperumfang kann es ja gar nicht geben. Ich aber freue mich königlich, einen Landsmann getroffen zu haben. Her mit Eurer Hand, Mann! Ihr seid mir herzlich willkommen!“

Sie schlugen ein, daß beiden die Hände schmerzten. Der Dicke aber meinte:

„Treibt nur Euer Pferd wieder an. Wir brauchen ja trotzdem nicht hier halten zu bleiben. Wie lange seid Ihr denn nun bereits hier in den Staaten?“

„Einige zwanzig Jahre.“

„So habt Ihr wohl indessen Euer Deutsch verlernt?“

Beide hatten bisher englisch gesprochen. Bei der letzten Frage richtete Frank seine kleine Gestalt möglichst hoch im Sattel empor und antwortete in beleidigtem Tone:

„Ich? Meine Schprache verlernt? Da kommen Sie bei mir merschtenteels verkehrt an! Ich bin een Deutscher und bleib een Deutscher, zumal wir jetzt nu eenen Kaiser haben. Wissen Sie ungefähr, wo dazumal meine Wiege geschtanden hat?“

„Nein. Ich war ja nicht dabei.“

„Wenn ooch! Sie müssen ja gleich an meiner Ausschprache merken, daß ich aus der Provinz schtamme, in der man das reinste Deutsch spricht.“

„So! Welche wäre das?“

„Allemal nur Sachsen! Verschtehen Sie? Ich hab‘ schon noch mit anderen Deutschen geschprochen, aberst ich hab‘ so einen niemals nicht so gut verschtanden, als wenn er eben in Sachsen geboren gewest wäre. Sachsen ist das Herz von Deutschland. Dresden ist klassisch; die Elbe ist klassisch; Leipzig ist klassisch; die sächsische Schweiz ist klassisch, und der Sonnenstein ooch. Das schönste und reinste Deutsch hört man auf der Schtrecke zwischen Pirna und Meißen, und grad so ziemlich zwischen diesen beiden Schtädten hab‘ ich mein erschtes Licht der Welt erblickt. Und nachhero schpäter hab‘ ich ganz in derselbigen Gegend meine Karriere angefangen. Ich war nämlich Forschtgehilfe in Moritzburg, was een sehr berühmtes königliches Jagdschloß ist mit eener famosten Bildergalerie und großen Karpfenteichen. Sie sehen also, daß ich een wirklich angeschtellter Beamter gewest bin mit zwanzig Thaler Monatsgage. Mein bester Freund war der dortige Schulmeister, mit dem ich alle Abende Sechsundsechzig geschpielt und nachhero von den Künsten und Wissenschaften geschprochen habe. Dort hab‘ ich mir eene ganz besondre allgemeine Bildung angeeignet und auch zum erschtenmale erfahren, wo Amerika liegt. In der deutschen Schprache waren wir einander sehr überlegen, und darum weiß ich ganz genau, daß in Sachsen ohne alle Umschtände der allerschönste Syntax geschprochen wird. Oder zweifeln Sie etwa daran? Sie machen mir so een verbohrtes Gesicht!“

„Ich mag nicht darüber streiten, obgleich ich früher Gymnasiast gewesen bin.“

„Wie? Ist’s wahr? Auf dem Gymnasium haben Sie schtudiert?“

„Ja, ich hab‘ auch mensa dekliniert.“

Der Kleine warf ihm von der Seite einen pfiffigen Blick zu und sagte:

Mensa dekliniert? Da haben Sie sich wohl verschprochen?“

„Nein.“

„Na, dann ist’s mit Ihrem Gymnasium ooch nicht sehr weit her. Es heißt nicht dekliniert, sondern deklamiert, und auch nicht Mensa, sondern Pensa. Sie haben Ihre Pensa deklamiert, vielleicht des Sängers Fluch von Hufeland oder den Freischütz von Frau Maria Leineweber. Aberst deshalb keine Feindschaft nicht. Es hat eben jeder so viel gelernt, wie er kann, mehr nicht, und wenn ich eenen Deutschen sehe, so freue mich drüber, ooch wenn er nicht grad een gescheiter Kerl ist oder gar een Sachse. Also, wie schtehts? Wolln wir gute Freunde sein?“

„Das versteht sich ganz von selbst!“ lachte der Dicke. „Ich hab‘ immer gehört, daß die Sachsen die gemütlichsten Kerle sind.“

„Das sind wir, ja! Da dran beißt keine Maus keinen Faden. Das ist angeborene Intelligenz.“

„Warum aber haben Sie Ihre schöne Heimat verlassen?“

„Eben wegen der Kunst und Wissenschaft.“

„Wieso?“

„Das kam ganz plötzlich und folgendermaßen: Wir schprachen von der Politik und Weltgeschichte, abends in der Restauration. Wir waren ihrer drei am Tische, nämlich ich, der Hausknecht und der Nachtwächter. Der Schulmeister saß am anderen Tische bei den Vornehmen. Weil ich aber schtets een sehr leutseliger Mensch gewest bin, hatte ich mich zu den Zween gesetzt, die ooch ganz glücklich waren über diese Art von loyaler Herablassung. Bei der Weltgeschichte nun kamen wir ooch auf den alten Papa Wrangel zu schprechen, und daß der sich das Zeitwort merschtenteels so angewöhnt gehabt hatte, daß er es bei jeder Gelegenheit um Vorscheine brachte. Bei dieser Gelegenheit nun fingen die beiden Kerls an, sich mit mir über die richtige orthographische Konterpunktion und Ausschprache dieses Wortes zu schtreiten. Jeder hatte eene andre Ansicht von seiner Meinung. Ich sagte, es müsse geschprochen werden mehrschtenteels; der Hausknecht meinte aberst mehrschtenteils, und der Nachtwächter sagte gar meistenteels. Bei diesem Schtreite kam ich nach und nach in die Wolle, und endlich wurde es mir so wann, daß ich am allerliebsten mit allen Beinen dreingeschprungen wäre; aberst als gebildeter Beamter und Schtaatsbürger bewahrte ich mir die Kraft, meine Selbstüberwindung zu beherrschen, und wendete mich an meinen Freund, den Schulmeister. Natürlich hatte ich recht, aber er mochte schlechte Laune haben oder so een bischen Anflug von gelehrtem Uebermut, kurz und gut, er gab mir nicht recht und sagte, wir hätten alle Drei unrecht. Er behauptete, in dem Worte mehrschtentheels müßten zwei ei stehen. Weil ich nun aberst ganz gewiß weiß, daß es nur een einziges Wort mit zwei ei gibt, nämlich Reisbrei, so wurde ich unangenehm. Ich will zwar keinem anderen seinen Dialekt verderben, aberst den meinigen soll man auch respektieren, zumal wenn er der richtige ist. Aberst das wollte der Nachtwächter nicht einsehen; er sagte, ich könne auch nicht richtig schprechen, und da that ich denn, was jeder Ehrenmann gethan haben würde: ich warf ihm mein beleidigtes Ehrgefühl an den Kopf und das Bierglas dazu. Jetzt freilich gab es verschiedene Scenen ohne Kulissen, und das Ende war, daß ich wegen Schtörung der öffentlichen Unruhe und wegen Verletzung eines beabsichtigten Körpers in Anklagezuschtand versetzt wurde. Ich sollte beschtraft und abgesetzt werden. Die Beschtrafung und Absetzung hätte ich mir wohl gefallen gelassen, aberst daß ich auch meine Anschtellung verlieren sollte, das war mir zu viel; das konnte ich nicht verwinden. Als ich die Schtrafe und die Absetzung überschtanden hatte, ging ich auf und davon. Und weil ich alles, was ich einmal mache, ooch gleich ordentlich mache, so ging ich gleich nach Amerika. Also ist eigentlich nur der alte Wrangel schuld, daß Sie mich heut hier getroffen haben.“

„Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn Sie gefallen mir,“ versicherte der Dicke, indem er dem Kleinen freundlich zunickte.

„So? Ist das wahr? Nun, ich habe auch gleich so eine Art von heimlicher Zuneigung für Sie empfunden, und das hat natürlich seinen guten Grund. Erschtens sind Sie kein übler Kerl; zweitens bin ich auch nicht ganz ohne, und so können wir drittens recht gute Freunde werden. Beigeschtanden haben wir auch schon einander, und so ischt eigentlich das Band schon fertig, welches uns lieblich umschlingen soll. Sie werden gütigst bemerken, daß ich mich schtets in gewählten Ausdrücken bewege, und daraus können Sie schließen, daß ich mich Ihren Freundschaftsempfindungen nicht unwürdig erweisen werde. Der Sachse ist immer nobel, und wenn mich heut ein Indianer schkalpieren wollte, so würde ich höflich zu ihm sagen: Bitte, bemühen Sie sich freundlichst! Hier haben Sie meine Schkalplocke!

Da meinte Jemmy lachend:

„Wollte er dann ebenso höflich sein, so müßte er Ihnen Ihre Kopfhaut lassen. Aber, um nun auch von einem anderen zu sprechen, ist Ihr Begleiter wirklich der Sohn des bekannten Bärenjägers Baumann?“

„Ja. Baumann ist mein Compagnon, und sein Sohn, der Martin, nennt mich Onkel, obgleich ich das einzige Kind meiner Eltern gewest bin und auch nie verheiratet war. Wir trafen uns drunten in St. Louis, damals, als das Goldfieber die Diggers nach den schwarzen Hügeln zog. Wir hatten uns beide ein Sümmchen geschpart und beschlossen, hier oben ein Store anzulegen. Das war jedenfalls vorteilhafter, als mit nach Gold zu graben. Die Sache gelang recht gut. Ich übernahm den Laden, und Baumann ging auf die Jagd, um für Proviant zu sorgen. Später aber schtellte sich’s heraus, daß hier am Orte kein Gold zu finden sei. Die Diggers zogen fort, und nun wohnten wir allein da mit unseren Vorräten, die wir nicht verkauften, weil wir keine Bezahlung erhalten hätten. Nur nach und nach wurden wir sie an Jäger los, welche ganz zufällig hier vorüberkamen. Das letzte Geschäft machten wir vor zwei Wochen. Da suchte uns eine kleine Gesellschaft auf, welche meinen Compagnon engagieren wollte, sie hinauf nach dem Yellowstone zu begleiten. Dort sollen nämlich Halbedelsteine in Massen zu finden sein, und diese Leute waren Steinschleifer. Baumann ließ sich bereit finden, machte sich ein ansehnliches Honorar aus, verkaufte ihnen eine bedeutende Quantität Munition und anderes Brauchbare und ging dann mit ihnen fort. Jetzt nun bin ich mit seinem Sohne und einem alten Neger, den wir von St. Louis mitgenommen haben, ganz allein im Blockhause.“

Während dieses trockenen Berichtes hatte er sich kaum bemerkbar seines heimatlichen Dialektes bedient, was dem dicken Jemmy, welcher gewohnt war, auf alles zu achten, auffiel. Er blickte den Kleinen forschend von der Seite an und fragte:

„Kennt denn Baumann den Yellowstone-River?“

„Er ist früher eene ziemliche Schtrecke an demselben hinaufgegangen.“

„Das ist aber höchst gefährlich.“

„Jetzt wohl nicht mehr.“

„Meinen Sie? ja, seit die Wunder jener Gegend entdeckt worden sind, hat der Vereinigten-Staaten-Kongreß mehrere Expeditionen hinaufgesandt, um die Gegend zu vermessen. Das Gebiet ist zum Nationalpark erklärt worden; aber daraus machen sich die Indianer nichts. Zwischen hier und dort jagen jetzt die Schlangenindianer.“

„Sie haben das Kriegsbeil vergraben.“

„Und ich hörte, daß sie es in neuester Zeit wieder ausgegraben haben sollen. Ihr Freund befindet sich ganz gewiß in Gefahr. Dazu der Bote, welcher heute zu Ihnen kommt. Ich ahne nichts Gutes.“

„Dieser Indianer ist ein Sioux.“

„Aber er zögerte, seine Botschaft auszurichten. Das ist nie ein gutes Zeichen. Mit einer frohen Nachricht braucht man nie zurückzuhalten, und er sagte mir ja auch, daß er vom Yellowstone komme.“

„So will ich schnell zu ihm.“

Er spornte sein Pferd an, um Wohkadeh zu erreichen. Sobald dieser dies bemerkte, stieß er dem seinigen die Fersen in die Weichen und eilte voran. Wenn der Hobbel-Frank nicht ein Wettrennen unternehmen wollte, mußte er darauf verzichten, jetzt bereits mit dem Indianer zu sprechen.

Indessen hatte sich der Sohn des Bärenjägers zu dem langen Davy gehalten. Diesem letzteren lag natürlich auch daran, etwas über die Verhältnisse seines Vaters zu erfahren; er erhielt zwar Auskunft, aber nicht so ausführlich, wie es sein Wunsch gewesen war. Der Knabe war sehr zurückhaltend und einsilbig.

Endlich machte der Bach eine Krümmung um eine Anhöhe, und auf derselben erblickten die Nahenden eine Blockhütte, deren Lage sie zu einem kleinen Fort machte, welches sicheren Schutz gegen einen Indianerangriff bot.

Die Höhe fiel an drei Seiten so steil ab, daß man sie nicht erklimmen konnte. Die vierte Seite war mit einer doppelten Fenz versehen. Unten gab es ein Maisfeld und ein kleines, mit Tabak bebautes Land. In der Nähe desselben weideten zwei Pferde. Martin deutete auf dieselben und erklärte:

„Von dort weg haben uns die Männer unsere Pferde gestohlen, als wir nicht daheim waren. Wo mag Bob, unser Neger sein?“

Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Da lugte ein schwarzer Kopf hinter den hohen Maispflanzen hervor; zwischen den breit gezogenen, wulstigen Lippen waren zwei Reihen von Zähnen zu sehen, auf welche ein Jaguar hätte stolz sein können; dann trat die herkulische Gestalt des Negers hervor. Er hatte einen schweren, dicken Pfahl in der Hand und sagte unter einem grinsenden Lachen:

„Bob sich verstecken und aufpassen. Wenn Spitzbuben wiederkommen und auch noch zwei andere Pferde stehlen wollen, dann ihnen mit diesem Stock die Köpfe einschlagen.“

Er schwang den Pfahl mit einer Leichtigkeit in der Hand, als ob derselbe eine leichte Weidenrute sei.

Der Indianer bekümmerte sich gar nicht um ihn. Er ritt an ihm vorüber, die vierte, zugängliche Seite der Höhe bis zur Doppelfenz empor, sprang vorn Rücken seines Pferdes über dieselbe hinweg und verschwand dann hinter der Einzäunung.

„Was sein Redman für ein grob Kerl!“ zürnte der Neger. „Reiten an Masser Bob vorüber, ohne sagen: good day! Springen über Fenz und gar nicht warten, bis Massa Martin ihm erlauben, einzutreten. Masser Bob ihn werden höflich machen!“

Der gute Schwarze gab sich also selbst den Titel Masser Bob, also Master oder Herr Bob. Er war ein freier Neger und fühlte sich sehr beleidigt, von dem Indianer nicht begrüßt worden zu sein.

„Du wirst ihn nicht beleidigen,“ warnte Martin. „Er ist unser Freund.“

„Das sein ein ander Sachen. Wenn Redman sein Freund von Massa, so sein auch Freund von Masser Bob. Massa Pferde wieder haben? Spitzbuben tot gemacht?“

„Nein. Sie sind entflohen. Oeffne die Fenz!“

Bob stieg mit langen Schritten voran und schob oben die beiden schweren Teile des Thores auseinander, als ob sie aus Papier geschnitten seien. Dann ritten die anderen in den Raum, welcher von der Fenz umschlossen wurde.

In der Mitte stand die viereckige Blockhütte, aber eigentlich nicht Blockhütte, da sie nicht von ineinandergefügten Holzstämmen errichtet war. Das Material, welches man zu ihrer Errichtung verwendet hatte, bestand aus Steinen, Lehm und Stangen, welche aus den Büschen geschnitten worden waren. Die Schindeln zu dem Dache waren jedenfalls von weit herbeigeholt worden.

Die Thür stand offen. Als die Männer eintraten, sahen sie den Indianer in der Mitte des einen Raumes sitzen, welchen das Innere der Hütte bildete. Wo sein Pferd sich befand, das schien ihn gar nicht zu kümmern. Es war mit den anderen in die Umfriedigung herein gekommen.

jetzt nun begrüßten Martin und der Hobbel-Frank die beiden Gäste mit herzlichen Handschlägen. Die letzteren blickten sich in dem Raume um. Im hinteren Teile desselben hatte sich der Laden befunden, dessen Vorräte aber sehr auf die Neige gegangen waren. Einige auf Pfähle geschlagene Kistendeckel bildeten die Tische. Die Sessel waren aus demselben Materiale zusammengenagelt. In einer Ecke befanden sich die Lagerstätten; sie waren so kostbar, daß man die Bewohner des Blockhauses hätte um dieselben beneiden mögen, denn sie bestanden aus einer ganzen Anzahl übereinandergelegter Felle des fürchterlichen grauen Bären, welcher das gefährlichste Raubtier Amerikas ist. Richtet sich ein solcher ausgewachsener Grizzly auf den Hinterpranken empor, so ist er leicht zwei Fuß höher als ein Mann von guter Körperlänge. Einen solchen Bären erlegt zu haben, gilt bei den Indianern als größtes Heldenstück, und selbst der viel besser bewaffnete Weiße geht diesem Tiere lieber aus dem Wege, als daß er sich ohne Not in einen Kampf mit demselben einläßt.

Verschiedene Waffen, Kriegs- und Jagdtrophäen hingen an den Wänden, und in der Nähe des Kamins waren mächtige Stücke Rauchfleisches an hölzernen Pflöcken befestigt.

Der Nachmittag hatte sich zur Rüste geneigt, und da das Dämmerlicht nur spärlich durch die kleinen, nicht mit Fenstern, sondern nur mit Läden versehenen Maueröffnungen einzudringen vermochte, so war es in der Hütte ziemlich dunkel.

„Masser Bob Feuer anbrennen,“ sagte daher der Neger.

Er brachte eine Lage trockenen Buschholzes herbeigeschleppt und machte mittelst seines „Punks“ (Prairiefeuerzeug) ein Feuer auf dem Herde an. Der Zunder zu diesem Feuerzeuge besteht aus dem trockenen, sehr leicht glimmenden Moder, welcher aus der Höhlung verfaulter Bäume gewonnen wird.

Die riesige Gestalt des Negers wurde während der erwähnten Beschäftigung von der Flamme grell beleuchtet. Er trug einen weiten Anzug aus dem einfachsten Kaliko und war nicht mit einer Kopfbedeckung versehen. Das hatte seinen Grund. Der gute Bob war nämlich ein wenig eitel; er wollte nicht als reiner Afrikaner gelten. Leider aber war sein Kopf mit einem dichten Walde kurzer, krauser Locken versehen, und da grad diese Wolle seine Abstammung auf das überzeugendste verriet, so hatte er sich alle Mühe gegeben, glauben zu machen, daß er keine Wolle, sondern schlichtes Haar besitze. Er hatte darum den Kopf sehr fett mit Hirschtalg eingerieben und das kurze, unbändige Wollgewirr in unzählige dünne Zöpfchen geflochten, welche wie die Stacheln eines Igels nach allen Richtungen von seinem Kopfe abstanden. Das gab bei der Beleuchtung durch das Herdfeuer einen wirklich grotesken Anblick.

Bis jetzt waren nur wenige Worte gewechselt worden. Nun aber meinte der Hobbel-Frank in englischer Sprache zu dem Indianer:

„Mein roter Bruder befindet sich in unserem Hause. Er ist uns willkommen und mag seine Botschaft ausrichten.“

Der Rote warf einen forschenden Blick rund umher und antwortete:

„Wie kann Wohkadeh sprechen, wenn er noch nicht den Rauch des Friedens hat schmecken dürfen?“

Da nahm Martin, der Sohn des Bärenjägers, ein indianisches Calummet von der Wand und stopfte Tabak in den Kopf desselben. Als die anderen sich nun in die Nähe des Roten gesetzt hatten, steckte er den Tabak in Brand, that sechs Züge, blies den Rauch nach oben, nach unten und nach den vier Hauptrichtungen des Himmels und sagte dann:

„Wohkadeh ist unser Freund, und wir sind seine Brüder. Er mag mit uns die Pfeife des Friedens rauchen und uns nachher seine Botschaft sagen.“

Darauf reichte er dem Indianer die Pfeife. Dieser nahm sie in Empfang, erhob sich, that ganz dieselben sechs Züge und antwortete sodann:

„Wohkadeh hat die Bleichgesichter und den Schwarzen noch nie gesehen. Er wurde zu ihnen gesandt und sie erretteten ihn aus der Gefangenschaft. Ihre Feinde sind auch seine Feinde, und seine Freunde mögen auch die ihrigen sein. Hau!“

Dieses Hau heißt bei den Indianern so viel wie: ja, jawohl, ganz gewiß. Es wird als Zeichen der Bekräftigung oder der Zustimmung gebraucht, besonders in den Pausen oder am Schlusse einer Rede.

Er gab die Pfeife weiter. Während dieselbe nun weiter die Runde machte, setzte er sich wieder nieder und wartete, bis Bob als der letzte die Brüderschaft durch den Rauch des Tabakes bestätigt hatte. Er benahm sich bei dieser Begrüßung wie ein alter, erfahrener Häuptling, und auch Martin, der noch ein halber Knabe war, zeigte einen Ernst, welcher seine Ueberzeugung, daß er in Abwesenheit seines Vaters der eigentliche Wirt dieses Hauses sei, erkennen ließ.

Als nun Bob die Pfeife weggelegt hatte, begann Wohkadeh:

„Kennen meine weißen Brüder das große Bleichgesicht, welches von den Sioux Nou-pay-klama genannt wird?“

„Du meinst Old Shatterhand?“ antwortete der lange Davy; „Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber gehört hat wohl ein jeder von ihm. Was ist’s mit ihm?“

„Er liebt die roten Männer, trotzdem er ein Bleichgesicht ist. Er ist der berühmteste Pfadfinder; seine Kugel geht nie fehl, und mit der unbewaffneten Faust fällt er den stärksten Feind. Darum wird er Old Shatterhand genannt. Er schont das Blut und das Leben seiner Feinde; er verwundet sie bloß, um sie kampfunfähig zu machen, und nur, wenn es sein eigenes Leben gilt, tötet er den Gegner. Er hat vor mehreren Wintern droben am Yellowstone gejagt als das erste Bleichgesicht, welches jene Gegend betrat. Da wurde er von den Sioux-Ogallalla überfallen und hat mit ihnen gekämpft, er allein gegen viele. Er stand auf einem Felsen. Sie konnten ihn mit ihren Kugeln nicht erreichen; er aber schoß nicht auf sie, weil er meinte, daß alle Menschen Brüder seien. Zwei Tage und zwei Nächte lang belagerten sie ihn. Da trat er hervor und erbot sich, mit dreien von ihnen zu kämpfen, sie mit dem Tomahawk und er ohne Waffe. Er hat sie alle drei mit der Faust erschlagen, obgleich Oihtka-petay, der niemals besiegte Häuptling, und Schi-tscha-pah-tah, der stärkste Mann des Stammes, sich dabei befanden. Da erhob sich ein großes Wehegeheul in den Bergen und ein Kagen in den Wigwams der Ogallalla. Es ist bis heute noch nicht verstummt, sondern es erhebt sich am Todestage der drei Krieger stets von neuem. Jetzt ist ein Shakoh vorüber, und die tapfersten Krieger des Stammes sind aufgebrochen nach dem Yellowstone, um an den Gräbern der drei Erschlagenen ihre Todesgesänge ertönen zu lassen. Der Weiße, welcher ihnen während dieses Zuges begegnet, ist verloren; er wird auf den Gräbern der von Shatterhand Getöteten an den Marterpfahl gebunden und muß unter langsamen Qualen sterben, damit seine Seele die Geister der drei Toten in den ewigen Jagdgründen bediene.“

Er machte jetzt eine Pause. Martin sprang von seinem Sitze auf und rief:

„Bob, sattle schleunigst die Pferde! Frank, du magst schnell Munition und Proviant einpacken, und ich will indessen die Gewehre ölen und die Messer schleifen!“

„Warum?“ fragte der kleine Sachse überrascht.

„Hast du Wohkadeh nicht verstanden? Mein Vater ist von den Sioux Ogallalla gefangengenommen worden und soll am Marterpfahle elendiglich hingeschlachtet werden. Wir müssen ihn retten. In spätestens einer Stunde brechen wir nach dem Yellowstone auf!“

„Alle Teufel!“ rief da Frank, auch rasch aufspringend. „Das soll den Roten schlecht bekommen!“

Auch der Neger erhob sich, raffte den Pfahl, welchen er vorhin mit hereingenommen hatte, auf und sagte:

„Masser Bob mitgehen! Masser Bob totschlagen all rot Hunde von Ogallalla!“

Da erhob der Indianer die Hand und sagte:

„Sind meine weißen Brüder Mücken, welche zornig umherfliegen, wenn sie gereizt werden? Oder sind sie Männer, welche wissen, daß die ruhige Beratung der That vorangehen muß? Wohkadeh hat noch nicht ausgesprochen.“

„Sage vor allen Dingen: Befindet mein Vater sich in Gefahr oder nicht?“ drängte Martin.

„Du wirst es hören.“

„Ich verlange, daß du es sagst, sofort, sofort!“ brauste der Jüngling auf.

Da warnte Jemmy, der Dicke:

„Beruhigt Euch, mein junger Freund! Eile soll Weile haben. Vorerst laßt Wohkadeh erzählen; nachher können wir beraten, und sodann werden wir handeln.“

„Handeln? Ihr auch mit?“

„Das versteht sich ganz von selbst. Wir haben das Calummet geraucht und sind also Freunde und Brüder. Der lange Davy und der dicke Jemmy haben noch keinen im Stich gelassen, der ihrer Hilfe bedürftig war. Ob wir beide nach Montana reiten, um dort Büffel zu jagen, oder ob wir vorher einen Abstecher nach dem Yellowstone machen, um mit den Sioux-Ogallalla einen Walzer zu tanzen, das ist uns sehr einerlei. Aber es muß alles in der gehörigen Ordnung vor sich gehen, sonst macht es so alten Jägern, wie wir beide sind, keinen rechten Spaß. Setzt euch also wieder nieder und bleibt ruhig, wie es sich schickt und geziemt. Unser roter Freund hat recht: Wir sind Männer. Verstanden!“

„Das ist richtig!“ stimmte der kleine Sachse bei. „Aufregung thut in keiner Lage gut. Wir müssen überlegsam sein.“

Nachdem die Drei sich wieder gesetzt hatten, fuhr der junge Indianer fort:

„Wohkadeh wurde von den Sioux-Ponca erzogen, welche Freunde der Bleichgesichter sind. Später wurde er gezwungen, ein Ogallalla zu sein; aber er wartete nur auf die Gelegenheit, die Ogallalla zu verlassen. Jetzt mußte er mit ihren Kriegern nach dem Yellowstone ziehen. Er war dabei, als sie den Bärentöter und seine Begleiter des Nachts im Schlafe überfielen. Die Ogallalla müssen während dieses Rittes vorsichtig sein, denn dort in den Bergen wohnen die Schoschonen, welche ihre Feinde sind. Wohkadeh wurde als Kundschafter ausgesandt, um die Wigwams der Schoschonen zu erspähen; aber er that dies nicht, sondern er ritt in größerer Eile nach dem Osten zur Hütte des Bärentöters, um dessen Sohn und Freund zu benachrichtigen, daß er gefangen ist.“

„Das ist brav, das werde ich dir niemals vergessen!“ rief Martin. „Aber weiß mein Vater davon?“

„Wohkadeh hat es ihm gesagt und sich den Weg beschreiben lassen. Er hat so heimlich mit dem Bärentöter gesprochen, daß keiner der Sioux es bemerken konnte.“

„Aber sie werden es ahnen, wenn du nicht zu ihnen zurückkehrst!“

„Nein, sondern sie werden glauben, daß Wohkadeh von den Schoschonen getötet worden ist.“

„Hat mein Vater dir bestimmte Weisungen für uns mitgegeben?“

„Nein, Wohkadeh soll euch sagen, daß er mit seinen Begleitern gefangen ist. Nun wird mein junger, weißer Bruder selbst wissen, was er zu thun hat.“

„Natürlich weiß ich es! Aufbrechen werde ich, und zwar sofort, um ihn zu befreien.“

Er wollte abermals aufspringen; aber Jemmy ergriff ihn am Arme und hielt ihn zurück.

Stop, my boy! Wollt Ihr etwa durch die Lüfte reiten, um noch heute abend bei den Indsmen zu sein und von ihnen auch ergriffen und gebraten zu werden? Wartet noch ein kleines Weilchen, junger Mann! Der dicke Jemmy hilft Euch gern, aber er hat keine Lust, mit seinem Kopfe durch eure Wand zu rennen. Wir haben ja noch nicht alles erfahren. Wohkadeh mag uns sagen, an welcher Stelle Euer Vater überfallen worden ist.“

Der Indianer antwortete:

„Das Wasser, welches die Bleichgesichter den Pulverfluß nennen, entsteht aus vier Armen. An dem westlichen derselben ist der Ueberfall geschehen.“

„Gut! Das wäre also jenseits des Camp Mac Kinney und südlich von Murphys Ranch. Diese Gegend ist mir nicht ganz unbekannt. Aber wie kann ein so berühmter Bärenjäger so unvorsichtig sein, sich überfallen zu lassen?“

„Der Jäger schlief, und der Mann, welcher die Wache hatte, war kein Mann des Westens.“

„Nur so allein ist es erklärlich. Welche Richtung haben sodann die Ogallalla eingeschlagen?“

„Nach den Bergen, welche von den Weißen das dicke Horn genannt werden.“

„Also nach dem Big-Horn-Gebirge. Und weiter?“

„Sie zogen an dem Kopfe des bösen Geistes vorüber – –“

„Ah, an Devils Head!“

„Nach dem Wasser, welches dort entspringt und in den Fluß des dicken Hornes läuft. Dort hörten wir von den feindlichen Schoschonen, und Wohkadeh wurde ausgesandt, dieselben zu erkundschaften. Er weiß also nicht, wie die Ogallalla weiter geritten sind.“

„Das ist auch nicht nötig. Wir haben Augen und werden ihre Fährte finden. Wann geschah der Ueberfall?“

„Es sind vier Tage vergangen.“

„O weh! Wann soll die große Leichenfeier stattfinden?“

„Zum Tage des vollen Mondes. An demselben Tage sind die Drei getötet worden.“

Jemmy rechnete in Gedanken nach und sagte dann:

„Wenn dies der Fall ist, so haben wir noch Zeit genug, die Roten zu erreichen. Wir haben noch volle zwölf Tage bis zum Vollmond. Aber wie stark sind die Ogallalla?“

„Als ich sie verließ, zählten sie fünf mal zehn und noch sechs.“

„Also sechsundfünfzig Krieger. Wie viele Gefangene haben sie?“

„Mit dem Bärentöter sind es sechs.“

„So wissen wir vorerst genug und können uns nun mitteilen, was wir zu thun gedenken. Lange uns zu beraten, das brauchen wir nicht. Martin Baumann, was gedenkt Ihr zu thun?“

Der junge Mann stand von seinem Sitze auf, hob die Rechte wie zum Schwure empor und antwortete:

„Ich gelobe hiermit, meinen Vater zu retten oder seinen Tod zu rächen, selbst wenn ich ganz allein die Sioux verfolgen und mit ihnen kämpfen müßte. Ich werde wohl sterben, aber meinen Schwur nicht brechen.“

„Nein, allein sollst du nicht ziehen,“ sagte der kleine Hobbel-Frank. „Ich werde natürlich mit dir reiten und dich auf keinen Fall verlassen.“

„Und Masser Bob auch mitgehen,“ erklärte der Neger, „um alt Massa Baumann befreien und Sioux Ogallalla totprügeln. Sie alle müssen in Hölle!“

Er machte dabei ein so grimmiges Gesicht und knirschte so laut mit den Zähnen, daß es zum Fürchten war.

„Und auch ich reite mit!“ sprach Jemmy, der Dicke. „Es soll mir eine Freude sein, den Roten ihre Gefangenen zu entreißen. Und du, Davy?“

„Red‘ nicht so dumm!“ antwortete der Lange gleichmütig. „Meinst du, ich bleibe hier und flicke meine Schuhe oder mahle Kaffee, während ihr euch so einen famosen Jux machen könnt? Ich dächte, du kenntest da deinen alten Kumpan zur Genüge!“

„Gut, alter Waschbär. Endlich gibt es wieder einmal etwas Ernsthaftes. Das Schießen auf Tiere wird mit der Zeit höchst langweilig. Aber Wohkadeh, was wird unser roter Bruder thun?“

Der Indianer antwortete.

„Wohkadeh ist ein Mandane, höchstens ein Pflegling der Ponca-Sioux, aber niemals ein Ogallalla. Wenn seine weißen Brüder ihm ein Gewehr geben mit Pulver und Blei, so wird er sie begleiten und mit ihnen sterben oder die Feinde besiegen.“

„Braver Kerl!“ meinte der kleine Sachse. „Eine Büchse sollst du haben und alles andere auch, sogar ein frisches Pferd, denn wir haben ja vier Stück, also eins überzählig. Das deinige ist ermüdet und kann nebenher laufen, bis es sich erholt hat. Wann aber brechen wir auf, ihr Leute?“

„Sofort natürlich!“ antwortete Martin.

„Allerdings dürfen wir keine Zeit versäumen,“ stimmte der Dicke bei; „aber uns zu übereilen, ist auch nicht ratsam. Wir kommen durch wasser- und wildarme Gegenden und müssen uns mit Proviant versehen. Daß wir möglichst viel Munition mitnehmen, versteht sich ganz von selbst. Ueberhaupt bereitet man eine solche Expedition mit aller Umsicht vor, um nichts zu versäumen oder zu vergessen. Wir sind, wie wir hier stehen, sechs Mann gegen sechsundfünfzig Ogallalla. Das will viel heißen. Auch wissen wir nicht, ob die neun Pferdediebe, denen wir heute das Einmaleins vorgebetet haben, nicht noch Böses gegen uns im Schilde führen. Wir müssen uns unbedingt überzeugen, ob sie die Gegend verlassen haben oder verlassen werden. Und wie steht es mit diesem Hause? Wollt Ihr es unbeschützt zurücklassen?“

„Ja,“ antwortete Martin.

„So kann es leicht sein, daß Ihr es bei der Rückkehr eingeäschert oder wenigstens ausgeräumt findet.“

„Gegen das letztere können wir sorgen.“

Der Jüngling nahm eine Hacke und hackte den festgestampften Lehmboden im Vierecke auf. Da zeigte es sich, daß es hier eine mit Lehm verkleidete, also unsichtbar gewesene Fallthür gab, unter welcher sich eine sehr geräumige Vertiefung befand, in welcher man alles, was nicht mitzunehmen war, verbergen konnte. War dann der Lehm wieder über der geschlossenen Thür festgestampft, so konnte kein Unberufener das Dasein dieses Versteckes erraten. Und selbst, wenn das Gebäude in Brand gesteckt werden sollte, so stand zu erwarten, daß der Lehm des Bodens die versteckten Gegenstände gegen das Verderben schützen werde.

Die Männer machten sich jetzt an die Arbeit, den ganzen Inhalt des Raumes, soweit er nicht zu ihrer Ausrüstung zu gebrauchen war, in die Vertiefung zu schaffen. Auch mit den Bärenfellen wurde das gethan. Es befand sich eins von ganz besonderer Größe und Schönheit dabei. Als Jemmy es bewundernd betrachtete, nahm Martin es aus seiner Hand und warf es in das Loch hinab.

„Fort damit!“ sagte er. „Ich kann diesen Pelz nicht sehen, ohne an die schrecklichsten Stunden meines Lebens zu denken.“

„Das klingt ja ganz so, als hättet Ihr bereits ein sehr langes Leben oder eine ganze Reihe von so schrecklichen Ereignissen hinter Euch, mein Junge.“

„Vielleicht habe ich auch wirklich bereits mehr erlebt als mancher alte Trapper.“

„Oho! Nicht aufschneiden!“

Martins Augen richteten sich mit beinahe zornigem Blicke auf den Dicken. Er fragte:

„Meint Ihr, daß der Sohn eines Bärenjägers keine Gelegenheit zu Erlebnissen habe?“

„Das bestreite ich freilich nicht.“

„So sage ich Euch, daß ich bereits als vierjähriger Bube mit dem Kerl gekämpft habe, welcher in dem Pelze lebte, den Ihr soeben bewundert habt.“

„Ein vierjähriges Kind mit einem Grizzly von dieser Mächtigkeit? Ich weiß, daß die Kinder des Westens von ganz anderem Holze geschnitzt sind als die Buben, welche da vorn in den Städten die Beinchen an ihrer Väter Wärmflaschen stemmen. Ich habe manch einen Jungen gesehen, der in New York ein Abcschütz wäre, aber doch seine Rifle zu gebrauchen wußte wie ein Alter. Aber – hm! wie ist es damals mit dem Bären zugegangen?“

„Das war da unten in den Bergen von Colorado. Ich hatte die Mutter noch und dazu ein allerliebstes Schwesterchen von drei Jahren, also ein Jahr jünger noch als ich. Der Vater war fortgegangen, um Fleisch zu schießen; die Mutter war draußen vor der Hütte, um Holz zum Feuer klar zu hacken, denn es war Winter und sehr kalt in den Bergen. Ich befand mich mit der kleinen Luddy ganz allein in der Stube. Sie saß zwischen der Thür und dem Tische am Boden und spielte mit der Puppy, die ich ihr aus einem Holzscheite geschnitzt hatte, und ich stand auf dem Tische, um mit dem großen Holzmesser ein M und ein L in den dicken Balken zu schneiden, welcher unter dem spitzen Dache von der einen Blockwand nach der gegenüberliegenden lief. Das waren die Anfangsbuchstaben meines Vornamens und desjenigen der lieben Luddy. Ich wollte nach Bubenart uns beide so verewigen. In diese schwere Arbeit vertieft, beachtete ich kaum einen lauten Schrei, welchen meine Mutter draußen ausstieß. Da er sich nicht wiederholte, arbeitete ich unbesorgt und vor Anstrengung schwitzend an der Verewigung weiter. Dann hörte ich, daß die Thür mit Gewalt aus dem Riegel gestoßen wurde. In der Meinung, daß die Mutter so geräuschvoll eingetreten sei, weil sie Holz auf den Armen habe, drehte ich mich gar nicht um, sondern sagte nur: M’a, das ist für Luddy und mich. Dann kommst auch du mit P’a [Fußnote] daran.

„Anstatt ihrer Antwort hörte ich ein tiefes, tiefes Brummen. Ich drehte mich um. Nun müßt Ihr wissen, Mesch’schurs, daß es noch nicht Tag war, aber draußen leuchtete der Schnee, und auf dem großen Herde brannte ein Holzklotz, dessen Flamme die Stube erleuchtete. Was ich beim Scheine derselben erblickte, war allerdings gräßlich. Grad vor der armen Luddy, welche vor Entsetzen keinen Laut hervorbrachte, stand ein riesiger grauer Bär. Sein Fell war mit Eis bezottelt, und sein Atem dampfte. Das sprachlose Schwesterchen hielt ihm bittend die hölzerne Puppy entgegen, als wolle es sagen: Da nimm meine Puppe, aber thu nur mir nichts, du böser, lieber Bär! Aber der Grizzly hatte kein Erbarmen. Mit einem Tatzenschlag warf er Luddy nieder, und dann zermalmte er ihr mit einem einzigen Bisse das kleine, süße, blonde Köpfchen. Ihr müßt nämlich wissen, Mesch’schurs, daß der erste Biß des Bären stets nach dem Kopfe seines Opfers geht, denn das Gehirn ist sein größter Leckerbissen. Noch heute höre ich das Malmen und Krachen – heavens, ich kann es nicht vergessen, nie, nie – – – !“ Er hielt in seiner Erzählung inne. Keiner unterbrach die eingetretene Stille, bis er fortfuhr:

„Auch ich konnte mich vor Entsetzen nicht bewegen. Ich wollte um Hilfe rufen, brachte aber keinen Laut hervor. Ich sah die Glieder des Schwesterchens im Rachen des Untieres verschwinden, bis nichts mehr übrig war als die hölzerne Puppy, welche zu Boden gefallen war. Ich hatte das lange Messer krampfhaft in der Hand; ich wollte vom Tische herabspringen, um mit dem Bären um das Leben Luddys zu kämpfen; aber ich war ja vom Schreck gelähmt. Nun jetzt kam er auf mich zu und richtete sich mit den Vorderpranken an dem Tische empor. Gott sei Dank! In diesem Augenblicke erhielt ich den Gebrauch meiner Glieder wieder. Sein schrecklicher, penetranter Atem stank mir bereits in das Gesicht, da nahm ich das Messer zwischen die Zähne, umfaßte den Balken mit den Armen und schwang mich auf denselben hinauf. Er wollte mir nach und riß dabei den Tisch um. Das war meine Rettung – – – – – – – – – – – – jetzt nun rief ich freilich auch um Hilfe, doch vergebens; die Mütter kam nicht, obgleich sie meine Stimme hören mußte, denn die Thüre stand offen und ein kalter Luftstrom drang herein. Der Grizzly richtete sich in seiner ganzen Länge auf, um mich vom Balken herabzuholen. Ihr habt seinen Pelz gesehen und müßt es mir also glauben, wenn ich euch sage, daß er mich mit seinen Vordertatzen ganz gut erlangen konnte. Aber ich hatte das Messer in der Hand, hielt mich mit der Linken fest an und stach mit der Rechten nach der Pranke, welche er nach mir ausstreckte – – – – – – – – – – – – Was soll ich euch den Kampf beschreiben, meinen Jammer und meine Angst! Wie lange ich mich verteidigt habe, weiß ich nicht; in einer solchen Lage wird eine Viertelstunde zur Ewigkeit; aber meine Kräfte schwanden, und beide Vordertatzen des Bären waren vielfach zerstochen und zerschnitten, als ich trotz seines Brummens und Heulens das Bellen unseres Hundes hörte, den der Vater mitgenommen hatte. Draußen vor der Hütte erhob er seine Stimme, wie ich noch niemals die Stimme eines Hundes gehört habe; dann kam er hereingestürzt und warf sich augenblicklich auf das riesige Raubtier. Ein jeder von euch ist wohl einmal Zeuge eines Kampfes mehrerer Hunde gegen einen Bären gewesen. Aber ein einzelner Hund gegen einen solchen Grizzly, ohne daß sein Herr mit der Büchse und dem Messer dabei anwesend ist, das solltet ihr sehen und auch hören. Ihr wißt, daß die wild gewordenen Hunde in den Staaten eine wahre Landplage geworden sind. Sie dezimieren die Schafherden. In Ohio allein rechnet man, daß jährlich gegen sechzigtausend Schafe durch diese gefräßigen, herrenlosen Tiere zu Grunde gehen, in den Vereinigten Staaten überhaupt aber jährlich eine halbe Million. Diese Hunde zeichnen sich durch eine ungeheure Kühnheit aus; sie gehen selbst dem Bären zu Leibe. Einen solchen hatten wir an uns gewöhnt und gezähmt. Er war ein häßlicher Köder, aber ungemein stark und uns treu ergeben. Als er sich jetzt auf den Bären warf, heulte er nicht, sondern er brüllte förmlich auf wie ein Raubtier. Er faßte ihn bei der Kehle, um sie ihm zu zerreißen; der Bär aber zerfleischte ihn mit seinen gewaltigen Tatzen. Nach der Zeit von einer Minute war der Hund tot -in Stücke zerrissen, und der wütende Grizzly wendete sich nun wieder gegen mich.“

„Aber Euer Vater?“ fragte Davy, welcher selbst wie die anderen mit größter Spannung zugehört hatte. „Wo der Hund ist, da kann der Mann nicht gar ferne sein.“

„Allerdings, denn eben richtete sich der Grizzly wieder unter dem Balken auf, um nach mir zu langen, den Rücken nach der Thüre gekehrt, so erschien der Vater unter derselben, im Gesichte bleich wie der leibhaftige Tod.

„Vater, Hilfe!“ schrie ich auf, einen Stoß nach dem Bären führend.

Er antwortete nicht. Auch ihm war die Kehle wie zugeschnürt. Er erhob das geladene Gewehr – jetzt wird er schießen! Doch nein, er senkte es wieder. Er war so aufgeregt, daß der Lauf in seinen Händen wankte. Er warf das Gewehr weg, riß den Bowiekneif aus dem Gürtel und sprang von hinten auf das Tier ein. Es mit der linken Hand beim Pelze fassend, trat er seitwärts vor und stieß ihm die lange Klinge bis an das Heft zwischen die bekannten beiden Rippen. Aber augenblicklich sprang er auch wieder zurück, um von dem Bären im Todeskampfe nicht gefaßt zu werden. Das gewaltige Tier stand unbeweglich, röchelte und stöhnte in ganz unbeschreiblicher Weise auf, griff dann mit den Vorderpranken in die Luft und brach tot zusammen. Wie sich später herausstellte, war ihm die Klinge gerade in das Herz gedrungen.“

„Gott sei Dank!“ meinte Jemmy, indem er tief und laut aufatmete. „Das war Hilfe in der größten Not. Aber Eure Mutter, mein junger Sir?“

„Die – – oh, ich habe sie nicht wieder gesehen.“

Er wendete sich ab, als ob er sich schäme, und wischte sich mit einer raschen Handbewegung zwei Thränen aus den Augen.

„Nicht wiedergesehen? Wieso?“

„Als der Vater mich vom Balken herabgeholt hatte, er zitternd und ich an allen Gliedern bebend, fragte er nach der kleinen Luddy. Laut aufschluchzend erzählte ich ihm, was geschehen war. Ich habe noch niemals wieder ein Menschenangesicht gesehen wie dasjenige, welches der Vater dabei zeigte. Es war aschfahl und wie von Stein. Einen Schrei stieß er aus, einen einzigen, aber was für einen! Gebe Gott, daß ich niemals wieder etwas Aehnliches zu hören bekomme! Dann war er still. Er setzte sich auf die Bank und legte das Gesicht in die Hände. Auf meine liebkosenden Worte antwortete er nicht; als ich ihn nach der Mutter fragte, schüttelte er mit dem Kopfe; aber als ich dann hinausgehen wollte, um nach ihr zu suchen, faßte er mich beim Arme, daß ich vor Schmerz laut aufschrie.

„Bleib!“ gebot er mir. „Das ist nichts für dich!“

Dann setzte er sich wieder nieder und saß da eine lange, lange Zeit, bis das Feuer niedergebrannt war. Dann schloß er mich ein und begann hinter der Hütte zu arbeiten. Ich versuchte, das Moos, welches zwischen die einzelnen Blocks gestopft war, an einer Stelle zu entfernen. Es gelang. Als ich nun hinausblickte, sah ich, daß er eine tiefe Grube anfertigte – der Bär hatte, bevor er in die Hütte kam, meine Mutter überfallen und zerrissen. Ich hab‘ nicht einmal gesehen, wie Vater sie zur Ruhe gebettet hat, denn er überraschte mich beim Lauschen und sorgte dafür, daß ich nicht wieder an die Wand gelangen konnte.“

„Schrecklich, schrecklich!“ sagte Jemmy, indem er sich mit dem Aermel seines Pelzes die Augen wischte.

„Ja freilich war es schrecklich! Der Vater ist eine sehr lange Zeit krank gewesen, und der nächste Nachbar schickte einen Mann herüber, ihn zu pflegen und für mich zu sorgen. Dann aber, als er wieder gesund geworden war, haben wir jene Gegend verlassen und – sind Bärenjäger geworden. Wenn Vater hört, daß irgendwo sich ein Bär hat sehen lassen, so läßt es ihm keine Ruhe, bis er demselben eine Kugel oder die Klinge gegeben hat. Und ich – nun, ich kann euch sagen, daß ich auch bereits das meinige gethan habe, meine arme, kleine Luddy zu rächen. Erst wollte mir freilich das Herz laut schlagen, als ich den Lauf auf einen Bären hielt; aber ich besitze einen Talisman, welcher mich beschützt, so daß ich dem Grizzly gegenüber ebenso ruhig bin, als ob ich einen Waschbären schießen wollte.“

„Talisman?“ fragte Davy. „Pah! giebt’s nicht! junger Mann, glaubt nicht an solchen Unsinn. Das ist Sünde gegen das erste Gebot!“

„Nein, denn der Talisman, den ich meine, ist von anderer Art, als Ihr denkt. Seht ihn Euch an! Dort hängt er unter der Bibel.“

Er deutete nach der Wand, wo auf einem Brettchen eine große, alte Bibel lag. Unter derselben hing an einem Pflocke ein Stück Holz, anderthalb Finger lang und einen Finger dick. Man sah deutlich, daß der obere Teil desselben einen Kopf vorstellen solle.

„Hm!“ brummte Davy, welcher wie alle Yankees streng auf seinen Glauben hielt. „Ich will nicht befürchten, daß dieses Ding ein Götzenbild vorstellen soll.“

„Nein; ich bin kein Heide sondern ein guter Christ. Ihr seht hier die hölzerne Puppy, welche ich damals dem Schwesterchen zum Spielen geschnitzt hatte. Ich habe dieses Andenken an jene schrecklichen Augenblicke aufbewahrt und hänge es stets um den Hals, wenn ich den Vater auf Bären begleiten muß. Erscheint mir ja einmal die Gefahr zu groß, so greife ich nach der Puppy und – der Bär ist verloren; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

Da legte Jemmy ihm in tiefer Rührung die Hand auf die Schulter und sagte:

„Martin, Ihr seid ein braver Boy. Nehmt an, daß ich Euer Freund bin, und Ihr werdet Euch nicht täuschen. So dick wie ich selber bin, so dick ist auch das Vertrauen, welches Ihr auf mich setzen könnt. Ich werde es Euch beweisen!“

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