Karl May – Am Stillen Ocean

admin am Okt 13th 2011


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Am Stillen Ocean

Reiseerzählungen
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Der Ehri
Erstes Kapitel
Potomba
Ein heiterer, wolkenloser Himmel breitete sich über uns aus; aber das strahlende
Licht der Sonne vermochte die finstern Schatten nicht zu verscheuchen, welche
auf den Zügen der wackern Seeleute lagen, die mit mir um das lodernde Feuer
saßen, an welchem wir unser Mittagsmahl bereiteten.
Vor uns lag der niedrige Strand, von drei scharfen, gefährlichen Korallenringen
umgeben, außerhalb deren die See ihre weiten, glänzenden Wogen wälzte, während
zwischen ihnen und der Küste das Wasser so unbewegt lag, als habe nie ein Sturm
in diesen sonnendurchglühten Breiten getobt. Hinter uns stieg das Land zur Höhe,
hier und da von grünen Eucalyptussträuchern, dichten Melaleuceen (Theebäumen)
und Gruppen von Callitrisconiferen bestanden, unter und zwischen denen zahlreiche
Akazia und andere feinstielige Leguminosen-Arten eine dichte Bodenbekleidung
bildeten. Auf dem höchsten Punkte der Insel stand Bob, der Zimmermann, denn
an ihm war die Reihe, mit dem Fernrohre unausgesetzt den Horizont abzusuchen
nach irgend einer Art von Segel, welches uns Befreiung aus unserer nichts weniger
als angenehmen Lage bringen konnte.
Wir hatten mit unserm guten Dreimaster ›Poseidon‹ vor nunmehr sechs Wochen Valparaiso
verlassen, um nach Hongkong zu segeln, in kurzer Zeit die sehr befahrenen Linien
nach Callao, Guayaquill, Panama und Acapulco durchschnitten und waren dann in
schneller, glücklicher Fahrt vor einem steifen Südostpassat immer scharf nach
West gegangen, bis auf der ungefähren Höhe von Ducir und Elisabeth der Passat
in einen Orkan umschlug, wie ich ihn von solcher Stärke und Unwiderstehlichkeit
während meiner vielen Fahrten noch niemals erlebt hatte.
Wir waren gezwungen gewesen, alle Leinwand, außer dem Sturmsegel, einzuziehen,
und dennoch hatte der ›Poseidon‹ einen Spielball der empörten Wogen gebildet,
der durch keine menschliche Einsicht, Kraft und Geschicklichkeit zu regieren
gewesen war. jetzt lag unser Dreimaster gestrandet draußen zwischen den verräterischen
Korallenklippen; der Kutter war über Bord gerissen worden; die Schaluppe hatte
bei unserer Landung ein unheilbares Leck bekommen, und das Langboot stak auf
einem spitzen, haarscharfen Riff, welches sich wie ein malayischer Dolch in
seinen Bug gebohrt hatte.
Die Brandung draußen riß Planke um Planke von dem Schiff, welches unrettbar
verloren war, und wir hatten zwei Tage lang unter Anstrengung aller Kräfte arbeiten
müssen, um von der Fracht und dem Proviante so viel zu bergen, als wir der gefräßigen
See zu entreißen vermochten.
Nun war es mit der schweren Arbeit zu Ende, und wir saßen, wie bereits gesagt,
zwischen großen Warenballen und Fässern um das Feuer und bemühten uns, einer
den andern an Düsterheit der Mienen zu übertreffen.
Seitwärts stand Kapitän Roberts und war bemüht, die Länge und Breite zu berechnen.
Wir hatten seit früh wieder freien Himmel, und es konnte ihm also jetzt, da
sämtliche astronomische und nautische Instrumente gerettet worden waren, nicht
schwer werden, seine Aufgabe genau zu lösen.
»Nun, Kapt’n, seid Ihr fertig?« fragte der Steuermann, indem er ein mächtiges
Stück Salzfleisch vom Feuer nahm, um die Bratschärfe zu prüfen, die es erlangt
hatte.
»Aye, aye, Maat; bin fertig!« lautete die Antwort.
»Wo sind wir?«
»Wir sitzen anderthalb Grad nördlich vom Steinbock auf dem zweihundertneununddreißigsten
Grad östlich von Ferro.«
»Wollte, wir säßen daheim in Hobokken bei Mutter Grys und hätten einen festen
Stuhl oder Schemel unter uns und ein Glas Steifen vor der Nase. Was meint Ihr
wohl zu dieser Insel, Kapt’n? Wird ihr Name ausfindig zu machen sein?«
Der Kapitän neigte bedenklich den Kopf.
»Hier giebt es mehr Inseln als Pockennarben in Euerem Gesichte, und das ist
ziemlich viel gesagt, wie Ihr wohl wißt, Maat. Habt Ihr für jede Narbe gleich
den richtigen Namen bei der Hand?«
Der Steuermann bemühte sich, das Kompliment, welches der Vergleich für ihn enthielt,
mit einem allerdings sehr sauren Lächeln zu erwidern.
»Habe noch nie daran gedacht, meine ehrliche Physiognomie zu benamsen, Kapt’n.
Aber wenn dieses unglückselige Stück Koralle hier noch keinen Namen hat, so
sind wir wahrhaftig gezwungen, ihm einen zu geben. Ich schlage vor, wir heißen
das Eiland Maatepockeninsel!«
Er schien seinen Witz für außerordentlich geistreich zu halten, denn die Gesichtssäure
verschwand, und neben dem riesigen Stücke Kautabaks, welches er im Munde hatte,
drängte sich ein Lachen hervor, das nicht kräftiger und herzlicher gedacht werden
konnte.
Die Schiffsdisziplin ist eine außerordentlich exakte, und selbst der ›unbefahrenste‹
Seejunge weiß, daß alle einstimmen müssen, wenn der Kapitän oder der Maat so
gnädig ist, zu lachen; nur muß der eine sich leiser und der andere lauter beteiligen,
je nach dem Range, den er auf der Schiffsliste einnimmt. Daher öffneten jetzt
alle Mannen vom Hochbootsmann an bis herab zum Kajütenhelp die Lippen, um ihre
Lachmuskeln pflichtschuldigst in Bewegung zu setzen. Sogar der Kapitän verzog
den Mund, als wolle er ein beistimmendes Lächeln versuchen, und meinte dann:

»Ich denke, wir befinden uns so zwischen Holt und Miloradowitsch auf einem weit
nach West vorgeschobenen Platze. Was meint Ihr, Master Charley?«
Ich war auf dem Schiffe der einzige Passagier gewesen, mit dem sich der sonst
sehr schweigsame Kapitän unterhalten hatte; es war mir vorgekommen, als ob ich
mich seiner Zuneigung rühmen dürfe, und er hatte wirklich die Gewohnheit angenommen,
mich mehr zu Rate zu ziehen, als es sonst von einem Seemanne einem Laien gegenüber
zu geschehen pflegt. Daher kam es, daß die Mannschaft einen gewissen Respekt
vor mir hegte, der mir in manchen Fällen sehr zu statten kam und sehr oft eine
kleine Bevorzugung oder Erleichterung zur Folge hatte.
»Meine Berechnung vorhin stimmt ganz mit der Eurigen, Sir,« antwortete ich.
»Zwar bin ich in diesen Gegenden noch nie gewesen, aber ich habe mich über sie
sehr genau unterrichtet. Sicher ist es jedenfalls, daß wir uns auf einer der
Pomatu-Inseln befinden, obgleich dieses Eiland eine andere Form zeigt, als man
bei den andern gesehen hat.«
»Ich war auch noch nicht hier,« gestand der Kapitän. »Wollt Ihr mir wohl sagen,
wie die Pomatu-Inseln gebaut sind?«
»Sie sind korallischen Ursprunges, meist rundlich gebaut und nicht viel höher
als das Niveau des Meeres. Sie haben in ihrer Mitte meist einen kleinen See


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