Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

»Der Frosch sah einen Ochsen, wollte sich so groß machen, wie dieser war, blies
sich auf und — zerplatzte dabei.«

»Und die Lehre, welche man aus dieser Fabel zu ziehen hat?«

»Der Kleine soll sich nicht groß dünken, sonst kommt er in Schaden.«

»Schön, sehr schön! Ausgezeichnet sogar!« stimmte Frank begeistert bei. »Nehmen
Sie sich diese Lehre zu Herzen, Herr Kantor emeriticus!«

»Warum, wenn ich Sie darum fragen darf?«

»Weil diese Fabel außerordentlich gut off uns paßt, nämlich off Sie und mich.«

»Wieso?«

Das schlaue Lächeln, mit welchem der Kantor dieses Fragewort aussprach, ließ
erraten, daß er beabsichtigte, den Hobble-Frank in seine eigene Falle zu locken.
Auch die andern blickten mit großer Spannung zu dem erregten Kleinen herüber;
sie waren neugierig, ob er wirklich in die Grube fallen würde, in welche der
Kantor stürzen sollte. Frank war zu begeistert, dies zu bemerken; er antwortete
auf das »Wieso?« des Emeritus, ohne sich zu überlegen, was er sagte:

»Weil Sie geistig unbedeutend sind, während ich eene Größe bin. Wenn Sie sich
mit mir vergleichen wollen, so müssen Sie unbedingt zerplatzen, denn Sie sind
in Bezug off Kenntnisse, Fertigkeeten und Wissenschaften der kleene Frosch,
während ich in allen diesen Dingen der große Och - - -«

Frank hielt mitten im Worte inne; sein Gesicht wurde länger; er erkannte plötzlich,
an welcher Leimrute er im Begriff stand, kleben zu bleiben.

» … der große Ochse bin, « ergänzte der Kantor den unterbrochenen Satz. »Ja,
ja, da haben Sie Recht. Ihr Beispiel ist nicht ganz unzutreffend gewählt, besonders
rücksichtlich des einen Bildes, welches Sie auf sich beziehen.«

Es brach natürlich ein allgemeines Gelächter aus, welches gar nicht enden wollte.
Frank schrie zornig dazwischen hinein, was aber nur zur Folge hatte, daß das
Lachen immer stärker wurde und immer wieder von neuem ausbrach. Da sprang er,
im höchsten Grade ergrimmt, auf und brüllte, was er nur brüllen konnte:

»Haltet die Mäuler, ihr Schreihälse, ihr! Wenn ihr nich off der Schtelle schtille
seid, reite ich fort und lasse euch hier sitzen!«

Aber man beachtete diese Drohung nicht; das Gelächter schwoll im Gegenteile
von neuem an und selbst sein Freund und Vetter Droll lachte, daß er sich den
Bauch mit beiden Händen halten mußte. Dies brachte den Hobble vollends außer
sich, er schüttelte die geballten Fäuste wütend gegen die Lachenden und rief
mit vor Zorn fast überschnappender Stimme:

»Nu gut! Ihr wollt nich hören, da sollt ihr fühlen! Ich schüttle den Schtaub
von meinen Schtiefeln wie Johann Huß off seinem Scheiderhaufen in Magenta und
gehe meine Wege. Düh l’ah wollüh, Anton! Ich wasche meine Hände in kindlicher
Unschuld und lasse die Seefe bei euch zurück. Adieu, off Reservoir in eener
bessern Welt, wo’s keene dummen Menschen gibt, die über meine reformatorische
Geistesgröße lachen!«

Er rannte davon, während das Gelächter nun wahrhaft homerisch hinter ihm erscholl.
Sein Pferd graste draußen im Freien; er lief hinaus.

Ein einziger nur war es, der nicht mit in das Lachen eingestimmt hatte, nämlich
Schi-So, der Häuptlingssohn. Der angeborene Indianerernst ließ ihn zurückhaltend
sein. Er verstand ja auch deutsch und hatte gar wohl gehört, in welch drolliger
Weise Frank in sein eigenes Netz gelaufen war; er fühlte sich auch belustigt,
doch fand seine Heiterkeit ihren Ausdruck nur in einem Lächeln, welches um seine
Lippen spielte. Er erhob sich nach kurzer Zeit von seinem Platze und ging nach
dem Thore, um sich nach dem zornigen Kleinen umzusehen. Bereits nach wenigen
Augenblicken kehrte er zurück und meldete.

»Er macht wirklich Ernst, denn er sattelt draußen sein Pferd. Soll ich ihn
bitten zurückzukommen?«

»Nee,« antwortete Droll in seiner Altenburger Mundart. »Er will uns nur in
Verlegenheet bringe. Ich kenne meine Pappenheimer; dem fällt es epper gar nich
ein, fortzureite und mich hier sitze zu lasse.«

Dennoch kehrte Schi-So an das Thor zurück. Kaum war er dort angekommen, so
ließ er einen Pfiff hören und rief, als sie nach ihm hinblickten, ihnen zu:

»Er steigt auf; es scheint ihm Ernst zu sein.«

Nun rannten alle hin. Da kamen sie gerade recht, zu sehen, daß der ergrimmte
Hobble wirklich im Sattel saß und, sein Pferd nach dem Flusse lenkend, fortritt.
Droll rief ihm nach.

»Frank, Vetter, wo willste hin? Es war ja gar nich so gemeent!«

Der Hobble drehte sein Pferd herum und antwortete:

»Meents wie ihr wollt; der Prairiejäger und Privatgelehrte Heliogabalus Morpheus
Edeward Franke läßt sich nich auslachen.«

»Mer habe ja nich über dich, sondern über den Kantor gelacht,« log Droll.

»Das machste mir nich weiß. Ihr habt über den Ochsen gelacht, den ich gar nich
‘mal vollschtändig ausgeschprochen habe; er kam nur halb heraus; die hintere
Hälfte is mir im Munde schtecken geblieben. Is das etwa lächerlich?«

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