Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

vor keenem Maultiere, vor keenem roten Indianer und ooch vor keenem weißen Bleichgesichte.
Der Herr Kantor emeritus hat uns so viel Liebes und Schönes von Ihnen erzählt,
daß ich Sie lieb gewonnen habe und bereit bin, Ihnen in aller Not und Gefahr
hilfreich beizuschpringen. Sie können sich droff verlassen: ich gehe für Sie
durchs Feuer, wenn es sein muß. Da, nehmen Sie noch dieses Schtückchen Rindfleesch;
es is das beste, was ich noch für Sie habe.«

»Danke, danke!« wehrte er ihr ab. »Ich kann nich mehr, wirklich nich mehr.
Ich bin geschtoppt voll und könnte mir, wenn ich noch mehr äße, leicht eene
gefährliche Indigestikulation zuziehen.«

»Indigestion, wollen Sie wohl sagen, Herr Frank,« fiel der Kantor ihm in die
Rede. Da aber fuhr ihn der Kleine zornig an:

»Schweigen Sie, Sie konfuser Emeritechnikus! Was verschtehen denn Sie von griechischen
und arabischen Wörterbüchern! Sie können zwar Orgel schpielen und vielleicht
ooch Opern komprimieren, im übrigen müssen Sie ganz schtille sein, zumal eenem
Prairiejäger und Gelehrten gegenüber, wie ich eener bin. Wenn ich mich mit Ihnen
in gelehrten Schtreit einlassen wollte, würden Sie doch allemal kleene zugeben
müssen!«

»Das möchte ich denn doch bezweifeln,« wendete der Kantor ein.

»Wie? Was? Das wollen Sie nich zugeben? Soll ich’s Ihnen beweisen? Soll ich
Ihnen zeigen, was für eene schprächliche Null Sie gegen mich sind, wenn es sich
um unsre extrakten Wissenschaften handelt?«

»Exakt muß es heißen, Herr Frank!«

Da fuhr der Kleine ihn noch zorniger als vorher an:

»Was? Schon wieder wollen Sie mich verbessern? Was meenen Sie denn eegentlich
mit Ihrem exakt, he?«

»Unter exakten Wissenschaften versteht man bekanntlich diejenigen Wissenschaften,
welche auf sichern, feststehenden Kenntnissen beruhen.«

»Ach so! Und damit wollen Sie mich Schlagen, mich, den berühmten Hobble-Frank?
Wissen Sie, was das zu bedeuten hat? Besitzen Sie eene Ahnung davon? Es soll
Ihnen gleich een Licht offgehen! Was verschtehen Sie denn nu zweetens unter
dem Worte, dessen ich mich höchst zutreffender Weise bedient habe; ich meene
nämlich das Wort extrakt?«

»Den Auszug aus irgend etwas, zum Beispiele aus Schriften, aus Kräutern und
so weiter.«

»Schön, sehr schön, mein lieber Herr Kantor emeritus! Sie geben aber doch wohl
zu, daß der Extrakt stets das Beste enthält? Lindenblütenextrakt zum Beispiel
enthält die ganzen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, welche in der Lindenblüte
geschteckt haben. Nich?«

»Ja, wenn ich mich auch vielleicht etwas anders ausgedrückt hätte.«

»O bitte, drücken Sie sich immer ergebenst aus, wohin es Ihnen beliebt, ich
bin Ihnen nich im geringsten hinderlich. Die Hauptsache is, daß Sie mir zugeschtimmt
haben. Extrakt is der Inbegriff aller Geister, die sich herausziehen lassen.
Wenn ich nun von extrakten Wissenschaften schpreche, so meene ich natürlich,
daß die Geister aller Wissenschaften in mir vereenigt sind. Das muß jedes Kind
einsehen, Ihnen aber scheint diese Schprache viel zu hoch zu sein. Es ist wirklich
nich zu begreifen, wie es menschenmöglich sein kann, daß Sie sich vorhin über
meine Indigestikulation offgehalten haben!«

»Weil es Indigestion heißen muß.«

»So, so! Was soll denn dieses schöne, liebliche Wort bedeuten?«

»Unverdaulichkeit. Indigestibel bedeutet unverdaulich oder unverdaubar.«

»Das gloobe ich Ihnen sofort und von ganzem Herzen, denn Sie selber sind im
höchsten Grade indigestibel; wenigstens ich kann Sie ganz unmöglich verdauen.
Was haben Sie nun aber gegen das Wort, welches ich gebraucht habe, nämlich Indigestikulation?«

»Daß es kein richtiges Wort, sondern der reine Unsinn ist.«

»Ach so, hm, hm! Und was heeßt denn wohl Gestikulation?«

»Die Gebärdensprache, die Sprache durch Bewegung der Hand oder andrer Körperteile.«

»Schön, sehr schön! jetzt habe ich Sie, wohin ich Sie haben wollte. Jetzt sind
Sie gefangen wie Kleopatra von Karl Martell in der Schlacht an der Beresina!
Also Gestikulation is Gebärden- oder Bewegungsschprache, und indi bedeutet innerlich,
sich off den Magen beziehend, denn Sie haben selber gesagt, daß indigestibel
unverdaulich heißt. Also wenn ich mich des sehr geistreichen Ausdruckes Indigestikulation
bediene, so habe ich zu viel gegessen und will durch die Blume andeuten, daß
mein Magen sich in schtürmische Windungen versetzt, um mich durch diese Gebärden-
und Bewegungsschprache daroff offmerksam zu machen, daß ich Messer, Gabel und
Löffel nun in die Serviette wickeln und beiseite legen soll. Sie aber scheinen
für solche zarten Andeutungen Ihres Magens keen Verschtändnis zu besitzen, sonst
hätten Sie meine Indigestikulation nich angezweifelt. Is Ihnen vielleicht die
Fabel von dem Frosche und dem Ochsen bekannt?«

»Ja.«

»Nu, wie war die denn?«

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar