Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
da Sie mir von den ›Helden des Westens‹ erzählt haben, so wollte ich mit Ihnen
nach dem Westen reisen, um mir Stoff für diese Oper zu sammeln. Sie sind aber
leider fortgegangen, ohne mich zu benachrichtigen, und da ich ungefähr wußte,
wohin Sie sind, so bin ich nachgekommen.«
»Welche Unvorsichtigkeet! Meenen Sie etwa, daß man sich hier so leicht und
so schnell treffen kann wie derbeeme off dem Haus- oder Oberboden? Sie haben
da mit eener gradezu lebensgefährlichen Unvorsichtigkeet gehandelt, und ich
muß Ihnen eene kräftige Reprisande erteelen, denn es gibt -«
»Reprimande wollen Sie wohl sagen,« fiel ihm der Kantorin die Rede, »was einen
Verweis, einen Tadel zu bedeuten hat.«
Da zog Frank die Stirn in Falten und sagte in sehr ernstem Tone:
»Hören Sie, Herr Kantor, Sie haben mir nun schon bereits zum drittenmale widersprochen;
das kann und darf ich aber unmöglich dulden. Die erschten beeden Male habe ich’s
unbeschtraft hingehen lassen; jetzt aber darf ich meine Nachsicht nich länger
kompendieren. Sie wissen nich bloß, wer und was ich bin; Sie wissen ooch, was
ich leiste. In allen Wissenschaften gut sistiert, habe ich mir besondersch in
Fremdwörtern eene Untrüglichkeet angeeignet, die sich niemals gymnastieren läßt.
Ihre Widerschprüche sind also Beleidigungen für mich, wegen denen ich mich eegentlich
mit Ihnen duellisieren müßte, wenn ich nich so een guter Freund von Ihnen wäre.
Also reden Sie mir nich mehr drein, wenn ich in Zukunft wieder etwas sage; es
könnte das unsre gegenseitige Sympathie auseenanderpartizipieren, was mir um
Ihretwillen leid thun würde. Jetzt aber geschtatte ich mir, Ihnen hier meinen
Freund und Vetter vorzuschtellen, wofür ich hoffe, daß Sie mich mit Ihren Begleitern
subkutan bekannt machen werden. Bei mir heeßt es immer wie bei Cäsar: fenni,
fitti, fitschi, zu deutsch: er kam, sie packte ihn, und ich kriegte ihn!«
Der Kantor schien große Lust zu haben, ihn abermals zu verbessern, sah aber
glücklicherweise davon ab und nannte ihm die Namen aller derer, welche mit ihm
gekommen waren. Da gab es ein freudiges Hallo, als die Männer, welche so viel
voneinander gehört hatten, sich nun persönlich kennen lernten, besonders als
Sam, Dick und Will erfuhren, daß sie mit Old Shatterhand und Winnetou zusammentreffen
würden. Da gab es zu erzählen und tausend Fragen zu beantworten. Aber zunächst
war es notwendig, das Lager zu errichten und für die Tiere zu sorgen; alles
andre mußte aufgeschoben werden.
Als man damit beschäftigt war, sah der Ölprinz eine Weile zu. Er hatte versprechen
müssen, sich der Auswandererkarawane zu bemächtigen und sie seinem Bruder und
dessen Begleiter nachzubringen; darum nahm er einen Augenblick wahr, an welchem
sich Sam Hawkens abgesondert von den andern befand, grüßte ihn höflich und sagte:
»Ich habe gehört, Sir, daß Ihr Sam Hawkens, der berühmte Westmann seid. Hat
man Euch vielleicht meinen Namen genannt?«
»Nein,« antwortete der Kleine, auch in höflichem Tone. Der Ölprinz war ein
Stiefbruder Buttlers und diesem in Beziehung auf seine Gesichtszüge gar nicht
ähnlich. Darum konnte Sam nicht ahnen, daß er einen so nahen Verwandten des
Räubers vor sich hatte.
»Ich heiße Grinley; man nennt mich in dieser Gegend den Ölprinzen, weil ich
eine Stelle weiß, an welcher eine außerordentlich ergiebige Ölquelle zu Tage
tritt.«
»Eine Ölquelle?« fragte Sam sofort interessiert. »Dann seid Ihr sehr glücklich
gewesen und könnt ein steinreicher Mann werden. Wollt Ihr die Ausbeutung der
Quelle in die eigene Hand nehmen?«
»Nein; dazu bin ich zu arm.«
»Also verkaufen?«
»Ja.«
»Habt Ihr schon einen Käufer?«
»Ich habe einen gefunden. Er sitzt drin im Hofe, Mr. Rollins, ein Bankier aus
Brownsville in Arkansas.«
»So laßt Euch nicht über die Ohren barbieren, und verlangt so viel wie möglich!
Ihr wollt mit ihm nach der Quelle reiten?«
»Ja.«
»Ist es weit von hier?«
»Nicht sehr.«
»Well, der Ort ist natürlich Euer Geheimnis, und ich will Euch nicht nach demselben
fragen. Aber Ihr habt mich angeredet, und ich schließe daraus, daß Ihr irgend
einen Grund habt, Euch mir zu nähern?«
»Das ist richtig, Sir. Man sagte vorhin, daß Ihr nach dem Colorado wollt?«
»Allerdings.«
»Meine Petroleumquelle liegt am Chellyflusse und ich habe von hier aus also
die Richtung, welche auch Ihr reitet.«
»Freilich wohl; aber warum sagt Ihr das grad mir?«
»Weil ich Euch bitten wollte, mir zu erlauben, mich Euch anzuschließen.«
»Mit Eurem Bankier?«
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