Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

sie in solche Aufregung, daß sie seinen Arm faßte und ihn deutsch andonnerte,
weil ihr englischer Sprachschatz nun nicht weiterreichte:

»Sie Esel, großartiger, Sie! Wie können Sie eine Dame schimpfen! Wissen Sie,
wer ich bin? Ich bin Frau Rosalie Eberschbach, geborene Morgenschtern und verwitwete
Leiermüllern. Ich werde Sie beim Gerichtsamte anzeigen! Erscht machen Sie mir
meinen Esel irre; nachher quetschen Sie Ihre Arme um meine Tallje, und endlich
werfen Sie mir Schimpfwörter ins Gesicht, die een anschtändiger Mensch gar nich
kennen darf. Das muß gerochen werden! Ich werde Sie ganz exemplarisch beschtrafen
lassen. Verschtehn Se mich?«

Sie blickte ihn höchst herausfordernd an und stemmte kampfeslustig beide Hände
in die Hüften. Der Hobble-Frank trat vor Überraschung einen Schritt zurück und
fragte:

»Wie war das? Ihr Name is Rosalie Eberschbach?«

»Ja,« antwortete sie, indem sie ihm diesen Schritt folgte.

»Geborene Morgenschtern?« fuhr er fort, indem er zwei Schritte retirierte.

»Natürlich! Oder hab’n Sie vielleicht etwas dagegen?« erwiderte sie, indem
sie ihm um zwei Schritte folgte.

»Verwitwete Leiermüllern?«

»Na, freilich!« nickte sie.

»Aber da sind Sie doch wohl eene Deutsche?«

»Und was für eene! Sagen Se nur noch een falsches Wort, so werden Se mich kennen
lernen! Ich bin gewöhnt, daß man per Galanterie mit mir verkehrt. Verschtehn
Se mich!«

»Und ich bin doch galant gegen Sie gewesen!«

»Galant? Was Se nich sagen! Is es etwa galant von Ihnen, sich an meinem Esel
zu vergreifen?«

»Ich wollte ihn nur halten, weil er Ihnen nich gehorchte.«

»Nich gehorchte? Da hört aber gradezu alles und verschiedenes off! Mir gehorcht
jeder Esel; das können Se sich merken! Und nachher haben Se mich in Ihren Armen
halb zerdrückt. Der Atem ging mir aus, und das Feuer is mir förmlich aus den
Oogen herausgefahren. Das muß ich mir schtreng verbitten. Mit eener Dame muß
man hübsch sachte und behutsam verfahren. Wir sind das schönere und ooch das
sanftere Geschlecht und wollen zart behandelt sein. Wer aber wie een Packträger
zugreift und - - -«

Sie hielt inne, denn sie wurde unterbrochen; es erscholl hinter ihr ein Ausruf,
der sie verstummen ließ, ein Ausruf der Verwunderung und des Entzückens:

»Herr Jemmineh, das ist ja doch wohl der berühmte Hobble-Frank!«

Frank wendete sich schnell um und rief, als er den Sprecher sah, mit ebenso
großem Erstaunen:

»Unser Kantor Hampel! Is das denn die Möglichkeet! Schteigen Sie ab, und schweben
Sie in meine Arme!«

Der langsame Opernbeflissene war, wie gewöhnlich, zurückgeblieben und erst
jetzt beim Thore angekommen. Er hielt warnend den Finger empor und antwortete:

»Kantor emeritus, wenn ich bitten darf, Herr Frank! Sie wissen ja, es ist nur
der Vollständigkeit halber und um etwaige Verwechselungen zu vermeiden. Es könnte
leicht einen zweiten Kantor Matthäus Aurelius Hampel geben, der noch nicht emeritiert
worden ist. Und sodann möchte ich Sie, ehe ich absteige, auf einen noch andern
Punkt aufmerksam machen.«

»Off welchen denn?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen.«

»Sie sehen, wie begierig ich darauf bin, mein sehr verehrter und lieber Kantor.«

»Sehen Sie, da ist es schon wieder! Sie sagen bloß Kantor, während ich Sie
höflicher Weise Herr Frank tituliere. Ein jünger der Kunst darf sich nichts
vergeben, und darum muß ich Sie bitten, bei mir zukünftig den ›Herrn‹ nicht
wegzulassen. Das ist nicht etwa Stolz von mir, sondern nur der Vollständigkeit
wegen, wie Sie wohl wissen werden.«

Der Kantor kletterte sehr vorsichtig vom Pferde und umarmte Frank mit majestätischen
Bewegungen. Dieser meinte lachend:

»Wir befinden uns hier merschtenteels im wilden Westen, wo so eene Vollschtändigkeet
eegentlich gar nich nötig is; aber wenn es Ihnen Schpaß und Vergnügen macht,
da werde ich Herr Kantor sagen.«

»Herr Kantor emeritus, bitte ich!«

»Gut, schön! Aber sagen Sie mir jetzt zu allererscht, wo und wie Sie da so
hergeschneit kommen. Sie können sich mit aller Offiziellität daroff verlassen,
daß ich een Reservoir mit Ihnen hier nicht für möglich gehalten hätte.«

»Revoir, auf deutsch Wiedersehen, wollen Sie wohl sagen! Das wundert mich sehr.
Sie mußten auf ein Zusammentreffen mit mir gefaßt sein, Sie kennen doch meine
Absicht, eine Oper zu komponieren?«

»Ja, Sie haben davon gesprochen, eene Oper von drei oder vier Aktricen.«

»Zwölf! Und nicht Aktricen, sondern Akte! Es soll eine Heldenoper werden, und

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