Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

»Das ist schwer, sehr schwer, zumal diese Entscheidung so rasch getroffen werden
muß. Ich habe bis zu dieser Stunde das vollste Vertrauen zu Grinley gehabt;
jetzt ist es beinahe erschüttert worden, Was soll ich thun? Verzichten? Die
größte Dummheit, die es gäbe, wenn die Sache ehrlich wäre! Mr. Baumgarten, Ihr
steht mir hier am nächsten, was werdet Ihr mir raten?«

Der junge Deutsche war dem Gespräche mit Aufmerksamkeit gefolgt, ohne sich
an demselben zu beteiligen. Jetzt, da er direkt aufgefordert worden war, zu
sprechen, antwortete er:

»Die Sache ist so wichtig, daß ich darauf verzichten muß, Euch einen Rat zu
geben, es würde dadurch eine Verantwortlichkeit auf mich fallen, die ich nicht
auf mich nehmen kann. Also mit Eurer Erlaubnis, Sir, einen direkten Rat nicht;
aber was ich an Eurer Stelle thun würde, das kann ich Euch sagen.«

»Nun? Verzichten, oder die Gefahr auf mich nehmen?«

»Keines von beiden.«

»Es gibt ja nichts Drittes!«

»O doch!«

»Was wäre das?«

»Wir reiten mit dem Ölprinzen weiter, ohne uns dadurch in Gefahr zu bringen.«

»Wie wollt Ihr das anfangen?«

»Wir bitten diese beiden Gentlemen hier, Mr. Frank und Mr. Droll, uns zu begleiten.«

»Hm!« brummte der Bankier. »Meint ihr, daß uns dies

nützen könnte?«

Er schien die beiden kleinen Männer nicht für voll anzusehen.

»Unbedingt!« antwortete der Buchhalter im Tone vollster Überzeugung. »Wer mit
Winnetou und Old Shatterhand so lange zusammengewesen ist, wie diese meine beiden
lieben Landsleute, auf den kann man sich gar wohl verlassen, ganz abgesehen
davon, daß Mr. Frank und Mr. Droll auch ohnedies Männer sind, welche Haare auf
den Zähnen haben.«

»Zugegeben! Aber ob sie einverstanden sein werden, mit uns zu gehen?«

»Ich hoffe, daß sie es thun, wenn wir darum bitten.«

»Nein, das werden wir nicht,« antwortete der Hobble-Frank.

»Nicht?« fragte Baumgarten. »Warum?«

»Erstens weil wir hier bleiben müssen, um mit Shatterhand und dem Apachen zusammenzutreffen,
und zweitens weil wir uns nur solchen Leuten anzuschließen pflegen, welche Vertrauen
zu uns haben.«

»Das haben wir ja!«

»Nein.«

»Wieso?«

»Hat Mr. Rollins es nicht sehr deutlich in Frage gestellt, ob wir Euch nützen
würden?«

»Das war nicht so gemeint, wie Ihr es aufzunehmen beliebt. Ihr habt ihn besorgt
gemacht und tragt also selbst die Schuld, wenn er sich nun bedenklich zeigt.
Was aber mich betrifft, so halte ich grad euch beide für die Leute, welche wir
brauchen, und denke, daß ihr einen Landsmann nicht im Stiche lassen werdet.«

»Hm, das mit dem Landsmann hat seine Richtigkeit; ein Deutscher kann stets
und überall auf uns rechnen. Ich würde also wohl mitgehen; aber Ihr wißt es
ja, warum wir hier bleiben müssen.«

»Müssen? Das wohl nicht. Winnetou und Old Shatterhand können uns ja nachkommen,
oder, wenn sie das nicht wollen, hier warten, bis Ihr zurückkehrt. Bedenkt,
daß wir bis zum Chellyflusse nur drei Tage zu reiten haben; das wären sechs
Tage für hin und zurück, gewiß keine lange Zeit für Leute, welche nicht nach
Stunden zu rechnen brauchen, sondern vielmehr freie Herren ihrer Tage und Wochen
sind. Euch und ihnen kann es sogar auf Monate und Jahre nicht ankommen.«

»Das geben wir zu; in dieser Beziehung sind wir nicht nur Freiherren, sondern
Grafen und Fürsten. Übrigens sind wir überzeugt, daß unsre berühmten Freunde
sehr gern auf uns warten, oder gar uns nachfolgen werden, wenn wir sie durch
den Ranchero darum bitten lassen. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir hier
sind, und schon die Freude, uns so unerwartet wiederzusehen, wird sie veranlassen,
unsern Wunsch zu erfüllen. Was meinst du dazu, Vetter Droll?«

»Wir reiten mit, « antwortete der Gefragte kurz entschlossen. »Old Shatterhand
kommt sicher nach und der Apache auch. Ich brenne darauf, diesem Ölprinzen ein
wenig auf die Finger zu sehen, und da er nicht warten will, so bleibt uns nichts
übrig, als mitzugehen. Es gibt hier zwei Gründe, welche so wichtig sind, daß
wir ihnen folgen müssen. es handelt sich um ein Millionengeschäft, und Mr. Baumgarten
ist ein Deutscher, der ein Recht hat, Teilnahme und Hilfe von uns zu erwarten.«

»Ich danke euch!« sagte der letztere, indem er ihnen die Hände drückte. »Ich
will nun auch offen sein und gestehen, daß ich dem Ölprinzen kein volles Vertrauen
entgegengebracht habe; grad darum bat ich Mr. Rollins, mich mitzunehmen. Ich
habe Grinley unterwegs stets beobachtet und sehr scharf im Auge behalten, aber
freilich nichts entdeckt, was mein Mißtrauen hätte vergrößern können. Jedoch

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