Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»So fällt es mir nicht ein, Euch zu hindern. Ich zwinge keinen Menschen mit
mir zu gehen. Wenn ich hinüber nach Frisko reite, finde ich Kapitalisten genug,
welche sofort dabei sind und mich nicht unterwegs im Stiche lassen. Wer mir
nicht glaubt, der mag daheim bleiben.«
Er goß ein volles Glas Brandy hinunter und ging dann hinaus zu seinem Pferde.
»Da habt ihr es,« meinte der Bankier. »Sein Verhalten muß euch vollständig
überzeugen, daß er seiner Sache sicher ist.«
»Das ist er allerdings,« antwortete der Hobble-Frank. »Aber ob diese Sache
eine gerechte oder ungerechte ist, wird sich erst später herausstellen.«
»Ich habe ihn beleidigt, und er wird nicht hier warten. Es versteht sich ganz
von selbst, daß ich ihn nicht allein fortlassen kann, sondern mit ihm gehen
muß, denn ich mag auf das außerordentliche Geschäft, auf welches ich mit ihm
eingegangen bin, nicht verzichten. Ihr werdet doch wohl zugeben, daß euer Mißtrauen
noch gar nichts beweist.«
»Für Euch wahrscheinlich nicht; aber wir hielten es für unsre Pflicht, Euch
zur Vorsicht zu mahnen. Wir haben gesagt, daß da oben, wohin Ihr wollt, kein
Petroleum gefunden werden kann; damit soll freilich nicht direkt behauptet werden,
daß Euer Grinley partout ein Betrüger sei, denn er kann sich ja selbst geirrt
haben. Doch will ich Euch freimütig gestehen, daß mir sein Gesicht nicht gefällt.
Was mich betrifft, so würde ich es mir zehnmal überlegen, ehe ich ihm mein Vertrauen
schenkte.«
»Ich danke Euch für Eure Aufrichtigkeit, bin aber nicht der Meinung, daß man
einen Menschen für sein Gesicht verantwortlich machen kann, denn er hat es sich
nicht selbst gegeben.«
»Da irrt Ihr Euch, Sir. Allerdings, das Gesicht wird dem Kinde von der Natur
gegeben, dann aber durch die Erziehung und andre Eindrücke verändert, wobei
auch die Seele von innen heraus an dieser Veränderung teilnimmt. Ich werde keinem
Menschen trauen, der mich nicht aufrichtig und grad ansehen kann, und das ist
mit diesem Master Grinley der Fall. Ich fordere keineswegs von Euch, ihn für
einen Spitzbuben zu halten, sondern will Euch nur zur Vorsicht mahnen.«
»Was das betrifft, so würde ich auch ohne diese Eure Ermahnung nicht leichtsinnig
handeln. Ich bin Geschäftsmann und pflege scharf zu kalkulieren. Da versteht
es sich ganz von selbst, daß ich hier, wo es sich um so hohe Summen dreht, mich
hundertmal bedenke, ehe ich nur zehn Worte sage.«
»Well, ich begreife das; aber Ihr seid unerfahren hier im wilden Westen. Ich
will gern glauben, daß Ihr in Eurem Comptoir der Mann und Meister seid, dem
nichts entgehen kann; die hiesigen Verhältnisse aber sind Euch fremd. Auch von
dem Petroleum ganz abgesehen, wollt Ihr, der Ihr ein reicher Mann seid, mit
einem Menschen, den Ihr nicht kennt, nach einer Gegend, in welcher Euch im Falle
der Gefahr keine Spur von Hilfe werden kann - - -«
»O, wir sind ja zwei gegen einen!« fiel der Bankier ein, indem er auf seinen
Begleiter deutete.
»Jetzt; ob aber auch später, das könnt Ihr nicht behaupten. Grinley kann da
oben Helfershelfer haben, die auf Euch warten; auch müßt Ihr bedenken, daß die
Roten, durch deren Gebiet Ihr kommt, grad jetzt im Aufstande begriffen zu sein
scheinen. Und selbst, wenn dies nicht wäre, so gewährt Euch der Umstand, daß
Ihr zwei gegen einen seid, nicht die mindeste Sicherheit. Er schießt Euch plötzlich
nieder, oder er nimmt Euch im Schlafe fest, um Euch Geld oder sonst etwas abzupressen.
Darum habe ich Euch vorgeschlagen, hier zu warten, bis Old Shatterhand und Winnetou
kommen. Das sind berühmte und erfahrene Männer, auf deren Urteil Ihr Euch ganz
sicher verlassen könntet.«
Rollins blickte eine ganze Weile nachdenklich und still vor sich nieder. Franks
Vorstellungen hatten sichtlich Eindruck auf ihn gemacht. Dann fragte er:
»Meint Ihr denn, daß beide Gentlemen sich für mein Vorhaben interessieren würden?«
»Ich bin überzeugt davon. Petroleum da oben am Chelly-flusse! Ich versichere
Euch, daß sie sich den Mann, der das behauptet, sehr genau ansehen würden. Höchst
wahrscheinlich würden sie es Euch ganz aus freien Stücken anbieten, mit hinaufzureiten.
Und in solcher Begleitung wäret Ihr sicherer, als wenn hundert Soldaten über
Euch wachten.«
»Das glaube ich gern; aber wie Ihr gesehen habt, kann ich leider nicht warten,
bis sie kommen. Wenn ich darauf bestehe, hier zu bleiben, reitet der Ölprinz
ganz sicher ohne mich fort.«
»Davon bin ich auch überzeugt, und ich kenne auch den Grund: er hat die Begleitung
solcher Leute höchst wahrscheinlich sehr zu fürchten.«
»Mögt Ihr da recht haben, oder nicht, es bleibt mir nur die eine Wahl: Entweder
begleiten wir Grinley weiter und setzen uns den Gefahren aus, auf welche Ihr
hingedeutet habt, oder ich verzichte auf ein Geschäft, welches Millionen einbringen
muß, wenn es glückt.«
»Das ist richtig. Ich habe meine Schuldigkeit gethan und Ihr müßt nun selbst
wissen, wofür Ihr Euch zu entscheiden habt.«
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