Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Ja, wie Greenhörner, was freilich bei dir, Will Parker, keiner Verstellung
bedarf, da du wirklich eins bist. Seht, wie sie über meine Mary, über mein Maultier
lachen!«
»Ist aber auch keine Schönheit, Sam!«
»Schönheit? Unsinn! Ein häßliches Vieh ist sie, ein großartig häßliches Vieh;
aber ich vertausche sie dennoch nicht gegen tausend edle Rosse. Ist klug, erfahren
und verständig wie - wie - wie, na, wie Sam Hawkens, ihr Herr, selber, und hat
mir hundertmal das Leben gerettet. Hab sie aber auch nie, nie im Stiche gelassen
und würde mein Leben wagen, wenn sie sich in Gefahr befände. Meine Mary ist
eben meine Mary, einzig, unübertrefflich und mit keinem andern Viehzeug zu vergleichen,
sonst aber eine störrische, heillose, niederträchtige Bestie, welche man am
liebsten gleich totschießen sollte.«
»Grad wie deine Liddy,« warf Dick Stone ein.
»Ja, die Liddy erst,« nickte Sam Hawkens, wobei seine kleinen Äuglein funkelten
und er mit der Hand liebkosend über sein altes, sonderbares Gewehr strich. »Die
Liddy ist mir ebenso lieb wie die Mary; sie hat mir nicht ein einzigesmal versagt,
mich nie im Stich gelassen. Wie oft hat Freiheit und Leben von ihr abgehangen,
und stets hat sie ihre Schuldigkeit gethan. Freilich hat sie auch ihre Mucken,
ihre großen Mucken, und wer sie nicht kennt, dessen Kürbis schwimmt gegen das
WasserTrapperausdruck für Unglück haben. Ich aber kenne sie, ich habe sie studiert
wie der Arzt die Karfunkelbeule; ich weiß genau, welche Vorzüge und welche Schwächen
sie besitzt und an welcher Stelle ich sie streicheln und liebkosen muß, um sie
bei guter Laune zu erhalten. Ich gebe sie nicht aus der Hand, bis ich sterbe,
und wenn ich einmal tot bin, und ihr seid dabei, so thut mir den Gefallen und
gebt mir meine Liddy mit unter den Rasen, mit dem ihr mich bedeckt. Kein andrer,
der sie nicht kennt und lieb hat, soll sie jemals in die Hände bekommen. Die
Mary, die Liddy, Dick Stone und Will Parker, das sind die vier, die mir ans
Herz gewachsen sind und außer denen ich nichts mag und nichts besitze auf der
ganzen weiten Welt.«
Ein feuchter Schimmer verdrängte das vorher so helle Funkeln seiner Augen,
doch strich er mit den beiden Händen schnell über dieselben und sagte in wieder
munterem Tone:
»Seht, da steht einer von den zwölfen auf, der, welcher mit dem Wirte so heimlich
gemunkelt hat. Höchst wahrscheinlich kommt er her, um uns zu äffen. Well, die
Komödie kann losgehen; aber verderbt sie mir nicht etwa!«
Man darf sich nicht darüber wundern oder es gar belächeln, daß Sam Hawkens
seinem Maultiere und seinem Gewehre solche Kosenamen gegeben hatte und in so
zärtlicher Weise von ihnen sprach. Die Westmänner vom alten Schrote und Korne
- leider ist diese Sorte bis auf wenige, die man zählen kann, jetzt ausgestorben
- waren ganz andre Menschen als das Gesindel, welches nach ihnen kam. Unter
dem Ausdrucke Gesindel sind hier nicht etwa nur moralisch verkommene Menschen
gemeint; dieses Wort hat hier eine andre als die gewöhnliche Bedeutung. Wenn
ein Millionär, ein Bankier, ein Offizier, ein Advokat, meinetwegen auch der
Präsident der Vereinigten Staaten selbst, nach dem Westen geht, ausgerüstet
mit den jetzigen massenmörderischen Waffen, ängstlich behütet und bewacht von
einer zahlreichen Begleitung, damit ihm ja keine Mücke in die Hühneraugen beißt,
und von einem sicheren Standorte aus das Wild zu hundert Exemplaren niederknallt,
ohne dessen Fleisch gegen den Hunger zu gebrauchen, so wird dieser hohe und
vornehme Herr von dem wirklichen Westmann eben zum »Rabble«, zum Gesindel gerechnet.
Der Indianer, der Westmann vom Fache, »machte« nur dann Fleisch, wenn er es
brauchte. Er fing das ihm nötige Pferd aus einer Herde wilder Mustangs heraus;
er kannte die Zeiten, wenn die Büffel von Süden nach Norden zogen und wenn sie
zurückkehrten; er wußte die Gegenden, durch welche sie auf ihren Wanderungen
kamen, und machte dort und dann Jagd auf sie, nur um sein Leben zu fristen.
Da traf man auf Mustangherden zu fünftausend Stück; da kamen die Bisons gewallt
wie ein Meer, zwanzig- und dreißigtausend und noch mehr zählend. Wo sind diese
ungeheuren Massen hin? Verschwunden! So weit die Savannen reichen, ist kein
einziger Mustang mehr zu sehen. Ausgerottet, vernichtet! Im Nationalparke droben
»hegt« oder »schont« man jetzt einige Büffel; hier oder da kann man in irgend
einem zoologischen Garten noch einen einzelnen sehen; aber in der Prairie, welche
sie früher zu Millionen bevölkerten, sind sie ausgestorben; der Indianer verhungert
körperlich und moralisch, und einen wirklichen, echten Westmann sieht man nur
noch in Bilderbüchern. Daran ist das schuld, was der Trapper, der Squatter »Gesindel«
nennt. Man sage ja nicht, daß der Grund in dem Vorrücken der Zivilisation liege.
Die Zivilisation hat nicht die Aufgabe der Ausrottung, der Vernichtung. Wie
oft thaten sich, als die Pacificbahnen erstanden, Gesellschaften von hundert
und noch mehr »Gentlemen« zusammen, um, mit Gewehren »neuester« Konstruktion
bewaffnet, einen Jagdausflug zu unternehmen. Sie dampften nach dem Westen, ließen
in der Prairie halten und schossen aus den sicheren Coupés heraus auf die vorüberziehenden
Büffelherden; dann fuhren sie weiter, ließen die Tierleichen zum Verfaulen liegen
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