Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

»Bärenfett?« fragte Baumgarten verwundert.

»Jawohl, jawohl! Sind Sie denn nich Abonnement vom ›Guten Kameraden‹, der in
Schtuttgart herausgegeben und an allen Orten der Erde begeischdert gelesen wird?«

»Sie meinen die Knabenzeitung, die diesen Titel führt?«

»Natürlich meene ich nur die!«

»Gesehen habe sich sie, aber abonniert bin ich nicht darauf.«

»Nich? Hören Sie, das is eene Unterlassungssünde, für welche es keenpaterpizzicato
gibt. Die müssen Sie halten; die müssen Sie lesen! Ohne die kann keen gebildeter
Mensch mehr existieren, denn ich bin eener ihrer oberschten Mitarbeiter. Hätten
Sie sie gelesen, so wüßten Sie ganz genau, was ich mit meinem Bärenfett meene,
nämlich meine Villa ›Bärenfett‹, die ich im dritten Jahrgange paganini 397 so
physikalisch-dramatisch geschildert habe. Wenn Sie mal nach Sachsen kommen,
müssen Sie mich da besuchen, denn dort finden Sie alle Andenken, Erinnerungen
und Souverains von meinen ein- und auswärtigen Erlebnissen.«

Baumgarten hatte vom Hobble-Frank gehört: er besann sich jetzt, daß derselbe
als ein recht sonderbares Menschenkind geschildert worden war. Jetzt hatte er
ihn in Lebensgröße vor sich und gab sich der nun in einem ununterbrochenen Strome
fließenden Unterhaltung mit großem Vergnügen hin. Dieselbe gewann dadurch an
Interesse und Lebhaftigkeit, daß sich Droll in seinem Altenburger Dialekte auch
daran beteiligte.

Unterdessen stand Poller, der entlassene Führer, von seinem Platze auf und
that, als ob er nach seinem Pferde sehen wolle. Er machte sich eine kleine Weile
mit demselben zu schaffen und verschwand dann hinter dem Hause, wo die beiden
Brüder Buttler neben einander im Grase lagen und sich höchst wichtige Dinge
mitzuteilen hatten. Da der eine von ihnen sich hier auf dem Rancho unter dem
Namen Grinley eingeführt hatte, mag ihm derselbe auch behalten bleiben. Die
Gebrüder Buttler hatten früher im Verein mit andern gleichgesinnten Menschen
an den Grenzen zwischen Kalifornien, Nevada und Arizona eine lange Reihe von
Thaten begangen, welche so unerhört waren, daß sich schließlich notgedrungener
Weise eine Gesellschaft von Regulatoren gebildet hatte, um diesem Unwesen, gegen
welches sich das Gesetz als machtlos erwies, auf eigene Faust ein Ende zu machen.
Dies war gelungen. Man hatte die meisten Mitglieder der Bande gelyncht: nur
wenige waren entkommen, unter ihnen gerade die beiden hervorragendsten und schlimmsten,
die Buttlers. Sie hatten sich, wie bereits erwähnt, getrennt. Der eine war nach
dem Süden gegangen, um die Gesellschaft der Finders zu gründen, und der andre
hatte sich lange Zeit planlos in Utah, Colorado und Neumexiko herumgetrieben,
bis er auf einen raffinierten Gedanken verfallen war, dessen Ausführung in das
Werk zu setzen er jetzt nun im Begriffe stand. Als er seinem Bruder das Hauptsächlichste
darüber mitgeteilt hatte, warf dieser einen bewundernden Blick auf ihn und sagte:

»Du warst stets der Pfiffigere von uns beiden, und ich gestehe dir aufrichtig,
daß mir auch dein jetziger Plan ungeheuer imponiert. Meinst du, daß dieser Bankier
Rollins wirklich darauf hereinfallen wird?«

»Unbedingt. Er ist geradezu begeistert für das Unternehmen, welches mir mit
einem Schlage wenigstens hunderttausend Dollars einbringen wird.«

»Soviel - - soviel setzt er daran?!« rief der andre aus.

»Still! Nicht so laut! Hier haben zuweilen die Grashalme Ohren. Bedenke, daß
er überzeugt ist, mit leichter Mühe und in kürzester Zeit Millionen verdienen
zu können! Was sind da lumpige hunderttausend Dollars, für welche ich mich ein
für allemal abfinden lasse!«

»Aber wann zahlt er sie? Er muß ja in kürzester Zeit hinter den Betrug kommen.«

»Sofort hat er zu zahlen, sofort. Ich weiß, daß er die Anweisungen schon jetzt
in der Tasche trägt. Sie sind nur noch zu unterschreiben, und das wird er sicher
thun, sobald das Öl ihn in den voraussichtlichen Taumel versetzt.«

»So wundert mich nur eins, nämlich, daß er keinen wirklich Sachverständigen
mitgenommen hat; der Buchhalter, welcher ihn begleitet, ist in dieser Beziehung
doch wohl nur ein Null.«

»Ja, das habe ich geschickt anfangen müssen. Je mehr Begleiter, desto mehr
Bieter. Ich soll auf ihn allein angewiesen sein und keine andre Gelegenheit
zum Verkaufe finden. Nähme er einen Ingenieur mit, so könnte dieser leicht auf
eigene Faust und heimlich mit mir verhandeln. Diesen Gedanken glaubt er, selbst
gefaßt zu haben, und doch bin ich es, der ihm denselben eingegeben hat. Den
Buchhalter hat er mitgenommen, weil er seiner bedarf, um sofort und nach allen
Seiten hin disponieren zu können. Ich habe mir ihn gefallen lassen, weil er
ein dummer Deutscher ist, den ich nicht zu fürchten brauche. Er wäre der Allerletzte,
auf den Gedanken zu kommen, daß die Petroleumquelle Schwindel ist.«

»Bist du überzeugt, daß dein Ölvorrat hinreichend ist?« fragte Buttler seinen
Bruder.

»Er reicht. Du kannst dir aber denken, welche Mühe es mich gekostet hat, die
Fässer von so weit her- und einzeln hinaufzuschaffen. Kein Mensch durfte etwas
ahnen, und jede Begegnung hatte ich unterwegs zu vermeiden. Ich habe mich damit

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar