Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
nicht dort gewesen, Sir.«
»Hm! Ich war auch noch nicht in Ägypten und am Nordpole; aber wenn mir jemand
sagte, er habe im Nil Buttermilch fließen und am Pole Palmen wachsen sehen,
so glaube ich es nicht.«
»Ihr zieht die Sache in das Lächerliche; um ein so schnelles und bestimmtes
Urteil fällen zu können, müßtet Ihr Geolog oder Geognost sein. Seid Ihr das?«
»Nein; aber ich besitze meinen gesunden Menschenverstand und habe ihn geübt.«
Da nahm Forner sich der Sache an, indem er der Tante Droll erklärte:
»Ihr thut Mr. Grinley unrecht, Sir, jedermann hier weiß, daß er Petroleum gefunden
hat. Es ist ihm gar mancher heimlich nachgegangen, um ihm sein Geheimnis abzulauschen
und den Ort zu entdecken, doch stets vergeblich.«
»Natürlich ganz vergeblich, weil es diesen Ort überhaupt nicht gibt!«
»Es gibt ihn, sage ich Euch! Mr. Grinley wird hier von jedermann der Ölprinz
genannt.«
»Das beweist gar nichts.«
»Aber er hat mir verschiedene Male Proben des Öles gezeigt!«
»Auch das ist kein Beweis. Petroleum kann jeder zeigen. Es ist mir wirklich
ganz unglaublich, daß es da oben Erdöl gibt. Nehmt Euch in acht, Mr. Rollins!
Denkt daran, daß es vor nicht gar langer Zeit Schwindler gab, welche Geldleute
in sogenannte Gold- und sogar auch Diamantdistrikte lockten; dann stellte es
sich heraus, daß es dort weder Metalle noch Edelsteine gab!«
»Sir, wollt Ihr Mr. Grinley verdächtigen?«
»Fällt mir nicht ein. Die Sache geht mich gar nichts an; aber Ihr habt mich
nach meiner Meinung gefragt, und ich habe sie Euch mitgeteilt.«
»Gut! Darf ich vielleicht auch erfahren, was Mr. Frank davon denkt?«
»Ganz dasselbe, was Droll denkt,« antwortete der Hobble-Frank. »Wenn Ihr uns
nicht beistimmen wollt, so wartet hier einige Tage; dann werden zwei Personen
kommen, auf deren Urteil Ihr Euch verlassen könnt.«
»Wer wird das sein?«
»Old Shatterhand und Winnetou.«
»Was?« fragte Forner freudig überrascht. »Diese beiden Männer wollen in einigen
Tagen nach hier kommen?«
»Ja.«
»Woher wißt Ihr das?«
»Von Old Shatterhand.«
»Hat er Euch hierher bestellt?«
»Nein; aber er hat die Güte, mich zuweilen mit einem Briefe zu erfreuen, und
vor acht Wochen schrieb er mir, daß er sich mit Winnetou verabredet habe, um
die jetzige Zeit mit ihm auf Forners Rancho am Rio San Carlos zusammenzutreffen.«
»Und Ihr meint, daß dies geschehen wird?«
»Ganz bestimmt.«
»Es können Störungen eintreten!«
»Ja; aber dann wartet hier einer auf den andern.«
»Und wenn sie doch nicht kommen?«
»Sie kommen so gewiß, wie der Tag auf die Nacht erscheint. Es ist dagewesen,
daß sie sich verabredet haben, an einem gewissen Tage bei einem bestimmten Baume
mitten im Urwalde zusammenzutreffen, und niemals haben sie sich verfehlt. Sobald
ich den Brief gelesen hatte, war ich überzeugt, daß sie jedes Hindernis überwinden
und zur angegebenen Zeit hier sein würden. Ich entschloß mich sofort, mit dabei
zu sein und sie zu überraschen. Mein Vetter Droll war gleich dabei, und daß
wir aus Deutschland und Sachsen herübergekommen sind, das muß Euch beweisen,
daß sie unbedingt hier eintreffen werden.«
»Aus Deutschland? Aus Sachsen?« fiel da Baumgarten, der Buchhalter, rasch ein.
»So seid Ihr wohl ein Deutscher, Sir?«
»Ja. Wißt Ihr das noch nicht?«
»Nein. Und hätte ich es einmal gewußt, so habe ich es wieder vergessen. Um
so mehr bin ich erfreut, in Euch einen Landsmann begrüßen zu können. Hier meine
Hand, Sir; erlaubt mir gefälligst, die Eurige zu drücken!«
Da reichte ihm der Hobble-Frank die seinige hin und rief erfreut in seinem
heimatlichen Dialekte:
»Da nehmen Sie sie hin; hier ist sie gegenwärtig mit allen Fingern, die daran
gehören! Sie ooch een Deutscher? Wenn mersch nich erleben thät, so thät mersch
gar nich glooben! In welcher heimatlichen Gegend sind denn eegentlich Sie aus
der jenseitigen Ewigkeet in die diesseitige Zeitlichkeet hineingeschprungen?«
»In Hamburg.«
»In Hamburg? I der Tausend! Also eenige Stunden oberhalb der geographischen
Schtelle, an welcher meine liebe Elbe ihre Verlobung mit der Nordsee feiert.
Das is mir unendlich intriguant. Wir sind also beede mit Elbwasser getooft,
und wenn ich wieder off meinem Bärenfette sitze, kann ich Ihnen mit den Wellen
meine Grüße franko zuschpedieren.«
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