Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
mit niederzusetzen. Es wurde ihnen natürlich nicht versagt, und sie aßen und
tranken mit, ohne daß man sie nach ihren Namen und sonstigen Verhältnissen oder
Absichten fragte.
Die beiden Brüder, welche sich nicht kennen durften, beabsichtigten ganz selbstverständlich,
sich gegen einander auszusprechen; dies mußte aber heimlich geschehen. Darum
stand Grinley nach dem Essen auf und sagte, er wolle hinter das Haus gehen und
sich dort im Schatten niederlegen, um ein wenig auszuruhen. Buttler folgte ihm
nach einiger Zeit so unauffällig und unbefangen wie möglich. Die andern blieben
sitzen.
Und wieder kamen zwei Reiter, aber nicht jenseits des Flusses, sondern am diesseitigen
Ufer entlang. Sie waren sehr gut beritten. Wären ihre Figuren andre gewesen,
so hätte man sie von weitem für Old Shatterhand, den berühmten Prairiejäger,
und für Winnetou, den ebenso berühmten Häuptling der Apachen, halten können.
Aber sie waren beide von zu kleiner Gestalt, der eine dick und der andre schmächtig.
Der Schmächtige trug lederne ausgefranste Leggins und ein ebenso ausgefranstes
ledernes Jagdhemde, dazu lange Stiefel, deren Schäfte er über die Kniee emporgezogen
hatte. Auf seinem Kopfe saß ein sehr breitkrämpiger Filzhut. In dem breiten,
aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser.
Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hing ein Lasso und am Halse an
einer seidenen Schnur eine indianische Friedenspfeife. Quer über dem Rücken
hatte er zwei Gewehre, ein langes und ein kurzes. Genau so pflegte sich Old
Shatterhand zu kleiden. Auch er besaß zwei Gewehre, den gefürchteten Henrystutzen
und den weltbekannten langen, schweren Bärentöter.
Während dieser kleine hagere Mann bemüht zu sein schien, ein Eben- oder Abbild
von Old Shatterhand zu liefern, war der andre bemüht gewesen, Winnetou nachzuahmen.
Er trug ein weißgegerbtes und mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemde.
Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und an den Nähten mit Haaren
besetzt; ob dies aber Skalphaare waren, das ließ sich sehr bezweifeln. Die Füße
steckten in mit Perlen gestickten Mokassins, welche mit Stachelschweinsborsten
geschmückt waren. Am Halse trug er auch eine Friedenspfeife und dazu ein Ledersäckchen,
welches einen indianischen Medizinbeutel vorstellen sollte. Um die dicke Taille
schlang sich ein breiter Gürtel, welcher aus einer Santillodecke bestand. Aus
demselben schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. Sein
Kopf war unbedeckt; er hatte sich die Haare lang wachsen lassen und sie in einen
hohen Schopf geordnet. Quer über dem Rücken hing ihm ein doppelläufiges Gewehr,
dessen Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren -eine Imitation der berühmten
Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou.
Wer Old Shatterhand und Winnetou kannte und hier diese beiden Männlein sah,
der hätte sich sicher eines Lächelns nicht erwehren können - das glattrasierte,
gutmütige und etwas naseweise Gesicht des Hageren im Vergleiche zu den durchgeistigten,
gebieterischen Zügen Old Shatterhands -und die blühend roten, runden Backen,
die treuherzigen Augen und freundlich lächelnden Lippen des Dicken als Konterfei
des ernsten, bronzenen Gesichtes des Apachen!
Und doch waren diese beiden ganz und gar nicht Personen, über welche zu lachen
man Ursache gehabt hätte. Ja, sie besaßen gewisse auffällige Eigentümlichkeiten,
aber sie waren Ehrenmänner, Gentlemen durch und durch, und hatten mancher großen
und seltenen Gefahr tapfer und unerschrocken in das Auge geschaut. Mit einem
Worte: der Dicke war der als »Tante Droll« bekannte Westmann und der Hagere
sein Freund und Vetter Hobble-Frank.
Ihre Verehrung für Old Shatterhand und Winnetou war so groß, daß sie sich wie
diese beiden gekleidet hatten, was ihnen freilich ein ganz ungewohntes Aussehen
gab. Ihre Anzüge waren neu und hatten jedenfalls ein nicht geringes Geld gekostet;
und in Beziehung auf ihre Pferde waren sie auch nicht sparsamer gewesen.
Auch sie hatten den Rancho zum Ziele und ritten durch das Thor desselben ein.
Als sie auf dem Hofe erschienen, erregten sie einiges Aufsehen, welches seinen
Grund in dem Kontraste hatte, welcher zwischen ihrer kriegerischen Ausrüstung
und ihrem gutmütigen Aussehen bestand. Sie machten nicht viel Federlesens, stiegen
von ihren Pferden, grüßten kurz und setzten sich auf zwei noch leere Steine,
ohne zu fragen, ob dies den andern angenehm sei oder nicht.
Forner musterte die beiden Ankömmlinge mit neugierigen Augen. Er war ein erfahrener
Mann und wußte dennoch nicht, was er aus ihnen machen sollte. Er konnte nur
durch Fragen zum Ziele kommen; darum erkundigte er sich:
»Wollen die Gentlemen vielleicht auch etwas genießen?«
»Jetzt nicht,« antwortete Droll.
»Also später. Wie lange gedenkt ihr hier zu bleiben?«
»Das kommt auf die Verhältnisse an, wenn es nötig ist.«
»Ihr meint jedenfalls hiesige Verhältnisse?«
»Ja.«
»Da kann ich euch sagen, daß ihr bei mir sicher seid.«
»Wo anders auch!«
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