Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
in der Weise, daß der Flüchtling einen ganz bedeutenden Vorsprung erreicht hatte,
ehe hinter ihm der erste Schrei des Zornes und der Überraschung erscholl.
»Schießen, schießen! Schießt ihn aus dem Sattel; aber trefft das Pferd nicht
etwa!« rief der Offizier.
Alle eilten nach den Pferden, an deren Sätteln die Gewehre hingen. Darüber
verging viele Zeit, und da das Pferd nicht getroffen werden sollte, war das
Zielen schwer. Endlich krachten einige Schüsse, aber weil zu hoch gezielt, gingen
die Kugeln über den Flüchtling weg; dann befand er sich außerhalb des Schußbereiches.
Indessen hatten die andern Gefangenen diese Verwirrung benützt, teils davonzulaufen,
teils auf ihren Pferden, von denen sie noch nicht gestiegen waren, davonzureiten.
Das gab ein wütendes Geschrei und heilloses Durcheinander. Die Kavalleristen
mußten sich zerstreuen, um jedem einzelnen Entrinnenden nachzujagen, und so
gab es nur vier oder fünf, welche sich hinter Buttler hermachten - ganz vergeblich;
sein Vorsprung war zu groß und sein Pferd das schnellere; sie verloren ihn aus
den Augen und kehrten schimpfend wieder um. Er aber jagte unaufhaltsam weiter,
bis er vor sich einen Reiter erblickte; es war der Scout, sein neuer Verbündeter,
der ihn froh bewillkommte. Beide suchten zunächst ein sicheres Versteck gegen
die Verfolger auf und folgten dann am nächsten Morgen, um sich zu rächen, den
Spuren des Wagenzuges, welcher ihnen nur eine Tagereise voraus war. - - -
Im Mogollongebirge
Am kleinen Rio San Carlos, einem Nebenflusse des Rio Gila, stand ein Rancho,
welcher nach seinem damaligen Besitzer Forners Rancho genannt wurde. Es gehörte
diesem Amerikaner eine große Strecke Weidelandes; zur Feldwirtschaft war nur
der am Flusse gelegene Teil desselben geeignet. Das Haus war nicht groß, aber
sehr stark aus Steinen gebaut und von einer ebenso starken, doppelt mannshohen
Mauer umgeben, welche in regelmäßigen Zwischenräumen von schmalen Schießscharten
unterbrochen wurde, hier in dieser abgelegenen und gefährlichen Gegend eine
sehr notwendige Einrichtung. Der Hof, welchen diese Mauer umschloß, war so groß,
daß Forner im Falle einer Feindseligkeit von seiten der Indianer seinen ganzen
Viehbestand in denselben zu retten vermochte.
Es war jetzt die beste Jahreszeit; die Steppe trug dichtes, grünes Gras, in
welchem sich zahlreiche Rinder und Schafe gütlich thaten; auch einige Dutzend
Pferde weideten im Freien, von mehreren Knechten bewacht, welche, ihres friedlichen
Amtes waltend, miteinander Karten spielten. Das breite, gegen den Fluß gerichtete
Mauerthor stand weit offen. Eben jetzt erschien der Ranchero unter demselben,
eine echte, sehnige und kräftige Hinterwäldlergestalt. Er überflog mit scharfem
aber zufriedenem Blicke die weidenden Herden und beschattete dann seine Augen
mit der Hand, um hinaus in die Ferne zu sehen. Da nahm sein Gesicht den Ausdruck
der Spannung an; dann wendete er sich um und rief über den Hof hinüber:
»Hallo, Boy, stell’ die Brandyflasche bereit! Es kommt einer, der ihr auf den
Boden sehen wird.«
»Wer?« fragte derjenige, dem dieser Ruf gegolten hatte, nämlich sein Sohn,
dessen Gesicht an einem Fenster des Hauses erschien.
»Der Ölprinz.«
»Kommt er allein?«
»Nein. Es sind zwei Reiter mit einem Packpferde bei ihm.«
»Well; wenn sie ebenso trinken wie er, kann ich lieber gleich mehrere Flaschen
herausstellen.«
Vor dem Hause lagen zehn oder zwölf Steinquader, welche so geordnet waren,
daß der größte, mittelste, den Tisch vorstellte, während die andern, kleineren,
als Sessel dienten. Der Sohn kam bald aus dem Hause und stellte drei volle Schnapsflaschen
nebst einigen Gläsern auf diesen Tisch; dann schritt er über den Hof herüber,
um den Ankömmlingen an der Seite des Vaters entgegenzusehen.
Diese hatten das jenseitige Ufer des Flüßchens erreicht und trieben ihre Pferde
in das nicht tiefe Wasser desselben.
»Ist’s möglich!« meinte da Forner erstaunt. »Aber wahrscheinlich irre ich mich.
Wüßte wirklich nicht, was diesen Mann aus dem sichern Arkansas in diese haltlose
Gegend führen könnte.«
»Wen?« fragte der Sohn.
»Master Rollins in Brownsville.«
»Etwa der Bankier, mit welchem du damals zu thun hattest?«
»Ja. Und wahrhaftig, er ist’s; ich irre mich nicht! Bin großartig neugierig,
zu erfahren, was er hier im wilden Arizona zu suchen hat.«
Die Reiter hatten das diesseitige Ufer erreicht und hielten nun im Trabe auf
den Rancho zu. Der vorderste von ihnen rief schon von weitem:
»Good morning, Master Forner! Habt Ihr einen kräftigen Schluck übrig für drei
Gentlemen, welche vor Durst fast von den Pferden fallen?«
Der Sprecher war ein langer, hagerer und sehr gut bewaffneter Mann, dessen
außerordentlich scharf geschnittenes Gesicht von der Sonne verbrannt und von
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