Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

daß Ihr Euch an uns rächen wollt und uns vielleicht zu diesem Zwecke folgen
werdet; ich werde Euch also dadurch unschädlich machen, daß ich Eure Waffen
zurückbehalte.«

»Ich protestiere! Das wäre Diebstahl, Raub!«

»Pshaw! Nennt es, wir Ihr wollt; es wird durchaus nicht anders.«

Poller wurde von seinen Banden befreit, setzte sich wetternd und schimpfend
auf sein Pferd und ritt westwärts davon, um später unbemerkt in die Richtung
nach Tucson umzulenken. Dann, nachdem der Lieutenant Abschied genommen hatte,
machte er sich mit seinen Soldaten und Gefangenen ostwärts auf den Weg. Nun,
da die vielen Menschen fort waren und man wieder an den Einzelnen denken konnte,
bemerkte Sam Hawkens, daß der Kantor fehlte. Schon sollten Boten nach ihm ausgesandt
werden, da sah man ihn kommen, langsam und wie zornig gestikulierend, von Westen
her. Als er das Lager erreichte, fuhr Sam ihn heftig an:

»Wo laufen Sie schon wieder herum? Was haben Sie da draußen zu suchen?«

»Einen Triumphmarsch,« antwortete der Musikenthusiast, welcher ziemlich echauffiert
aussah.

»Triumphmarsch? Sind Sie toll?«

»Toll? Wie kommen Sie zu einer so beleidigenden Frage, werter Herr? Wir haben
ja gesiegt; wir haben die Feinde gefangen genommen, und darum bin ich fortgegangen,
um in der Einsamkeit das Motiv zu einem Sieges- und Einzugsmarsch zu finden.«

»Dummheit! Sie sollen sich nicht so da draußen herumtreiben; es ist das ein
Fehler, den ich nicht dulden darf!«

»Fehler? Erlauben Sie gütigst! Ein jünger der Kunst begeht keinen Fehler; den
hat vielmehr der Scout begangen.«

»Der Scout? Wieso?«

»Ich war eben im schönsten Komponieren, da kam er auf mich zugeritten und nahm
mir alle meine Waffen ab; nur den Säbel hier hat er mir gelassen; er könne ihn
nicht brauchen.«

»Donnerwetter!« fuhr da Sam Hawkens auf. »Dachte es mir doch! Ich schicke den
Burschen ohne Waffen fort und Sie laufen extra hinaus ins Weite, um ihm dafür
die Ihrigen zu überlassen!«

Ȇberlassen! Ist mir nicht eingefallen. Genommen hat er sie mir und und mir
als Bezahlung zwei - zwei - ich darf es gar nicht sagen, gegeben.«

»Sagen Sie es nur! Ich muß es wissen.«

»Deutsch bring ich es nicht heraus. Lateinisch wird es Colaphus genannt.«

»Colaphus ist Ohrfeige. Also zwei Ohrfeigen haben Sie von ihm bekommen?«

»Ja, und was für welche! Fortissimo!«

»Das war die beste That, die dieser Mensch in seinem Leben begangen hat!«

»Bitte, bitte, wertester Herr Hawkens! Ein Komponist und Musenjünger, dem man
zwei so gewaltige Maulschellen gibt, der - -«

»Der hat sie verdient, und auch noch einige dazu!« fiel Sam ihm in die Rede.
»Ich werde Sie viel, viel schärfer im Auge behalten als bisher. Machen Sie sich
jetzt zum Aufbruche fertig; wir fahren weiter!«

Eine Stunde später setzte sich der Wagenzug in Bewegung. Voran ritt Sam Hawkens,
welcher an die Stelle des bisherigen Führers getreten war. -

Buttler war fest entschlossen, den Rat des Scouts zu befolgen; er kannte sonst
keinen andern Weg, der zur Rettung führen konnte.

Also Unwohlsein heucheln! Er hatte dies heute gleich nach seinem Erwachen seinen
Leuten mitgeteilt, sie aber gewarnt, damit nicht etwa zu früh zu beginnen, da
dies Verdacht erregt hätte. Darum stellte er sich erst dann, als ungefähr die
Hälfte des Weges zurückgelegt worden war, angegriffen, fuhr sich mit den gefesselten
Händen nach dem Kopfe und stöhnte dabei. Dem Lieutenant mußte dies auffallen;
er erkundigte sich nach der Ursache und erhielt zur Antwort, daß der gestrige
Kolbenhieb das Gehirn erschüttert haben müsse. Buttler wurde schwächer und schwächer;
er begann im Sattel zu wanken, so daß er rechts und links je einen Kavalleristen
bekam, die ihn stützen mußten. Als dieselbe Schwäche sich dann auch noch bei
einigen andern Gefangenen zeigte, wurde der Offizier besorgt und gab den Befehl
zu halten und abzusitzen. Natürlich stiegen die Soldaten zuerst ab, um dann
den Finders die Riemen, mit denen sie an die Pferde befestigt waren, von den
Beinen zu nehmen. Buttler war der erste, mit dem dies geschah; er wurde vom
Pferde gehoben und sank sofort auf die Erde nieder. Infolge dieser sehr großen
Schwäche glaubte man, für ihn keine besondere Aufmerksamkeit nötig zu haben,
und wendete diese vielmehr seinen Leuten zu. Das beabsichtigte er. Er hatte
gesehen, daß das Pferd des Lieutenants das beste von allen war; es stand abseits
ledig, denn der Offizier war natürlich auch abgestiegen. Während die Kavalleristen
also für Buttler keinen Blick der Beobachtung hatten, sprang er plötzlich auf,
schnellte zu dem Pferde hin, warf sich trotz seiner zusammengebundenen Hände
in den Sattel, ergriff die Zügel und jagte davon - westwärts, weil er dort von
dem Scout erwartet wurde.

Das war so schnell geschehen, und der Schreck lähmte die Glieder der Kavalleristen

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