Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
Auf weiteres Reden wurde verzichtet. Man stellte die für nötig gehaltenen Wachen
aus und legte sich dann schlafen. Einer der Soldaten hatte bei den Gefangenen
zu sitzen, um dieselben nicht aus den Augen zu lassen.
Der gefesselte Scout war zu den Finders gesellt worden und ganz zufälligerweise
neben Buttler zu liegen gekommen. Diese beiden hatten bisher kein Wort mit einander
gewechselt, obgleich es gar nicht schwer war heimlich zu sprechen, da diese
Leute sehr eng zusammenlagen. Später, als alles schlief und der Scout bemerkte,
daß der Wächter wahrscheinlich nur darauf zu sehen hatte, daß keiner der Gefangenen
sich von den Banden befreie, stieß er Buttler mit dem Ellbogen an und flüsterte
ihm zu:
»Schlaft Ihr, Sir?«
»Nein,« lautete die Antwort. »Wer soll unter solchen Umständen schlafen können?«
»So dreht Euch zu mir herum! Ich habe mit Euch zu sprechen.«
Buttler folgte dieser Aufforderung und erkundigte sich sodann:
»Ihr waret doch der Führer dieser Halunken. Wie kommt es, daß man Euch Euren
Lohn in dieser Weise gegeben hat?«
»Weil man mich in dem Verdacht hatte, gemeinschaftliche Sache mit euch machen
zu wollen.«
»Das war aber doch nicht wahr?«
»Erst allerdings nicht; die Absicht kam mir dann später. Ich heiße Poller,
Sir, und möchte, daß Ihr Vertrauen zu mir habt. Es steht hundert gegen eins
zu wetten, daß Ihr verloren seid; ich aber möchte Euch gern retten.«
»Ist das Euer Ernst?«
»Ja; ich schwöre es Euch zu. Diese Kerls haben mich schwer beleidigt und ich
bin nicht der Mann, dies ungerächt hingehen zu lassen. Allein kann ich nichts
machen. Wenn Ihr mir aber helfen wollt, so sollen sie sicher und gewiß ihren
Lohn haben.«
»Helfen? Hier kann niemand helfen, weder Ihr mir, noch ich Euch.«
»Denkt das nicht! Ich bin überzeugt, daß sie mich morgen freigeben. Man wird
euch auf die Pferde binden und nach Tucson transportieren. Ich werde euch folgen;
darauf gebe ich Euch mein Wort!«
»Bin Euch dankbar, Sir! Kann mir aber nichts nützen. Es wird mir unmöglich
sein, fortzukommen.«
»Pshaw! Habe da einen guten Gedanken. Steht Ihr etwa so fest zu Euren Leuten,
daß ihr nicht frei sein wollt, ohne daß auch sie loskommen?«
»Unsinn! jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn ich nur mich rette, so mögen
sie immerhin baumeln.«
»Well, dann sind wir eins. Sagt ihnen, daß sie sich während des Rittes so stellen
sollen, als ob der Kolbenhieb, den jeder bekommen hat, schlimme Nachwehen habe.
Taumelt auf dem Pferde hin und her; stellt Euch so schwach wie möglich. Es sollte
mich wundern, wenn dieser Lieutenant nicht einmal halten ließe, damit Ihr Euch
erholen könnt. Da muß man Euch die Fesseln von den Füßen nehmen. Dann könnt
Ihr Euch, selbst wenn die Hände dann zusammengebunden bleiben, rasch des schnellsten
Pferdes bemächtigen und davon reiten, natürlich zurück, wo ich Euch erwarte.
Man wird überrascht sein und Euch nicht gleich folgen; dadurch bekommt Ihr Vorsprung.
Kommt uns dann später einer nahe, so habe ich meine gute Büchse und schieß ihn
vom Pferde herunter.«
Buttler antwortete nicht gleich; er überlegte und sagte erst nach einer längeren
Weile:
»Euer Vorschlag ist der einzige, welcher helfen kann; ich werde ihn befolgen.
Komme ich wirklich frei, dann dreimal wehe diesem ›Kleeblatte‹ und allen diesen
Deutschen! Wir wollen zusammenhalten, Master Poller.«
Hiermit war das heimlich geführte Gespräch, von welchem der Wächter nichts
bemerkt hatte, beendet. Buttler fühlte sich einigermaßen beruhigt und schlief
dann sogar ein.
Zu erwähnen wäre noch, daß Sam einige Soldaten unter der Führung des Häuptlingssohnes
nach dem Lagerplatze der Finders gesandt hatte, um sich der dort zurückgebliebenen
Pferde und ihres Wächters zu bemächtigen, was auch gelungen war.
Kaum graute der Morgen, so stand man vom Lager auf. Erst wurde von den Vorräten,
welche die Kavalleristen mitgebracht hatten, ein kurzes Frühstück gehalten,
und dann erklärte der Lieutenant, mit seinen Gefangenen aufbrechen zu wollen.
Er ließ sie auf ihre Pferde binden; die gefesselten Hände blieben ihnen vorn,
damit sie die Zügel zu führen vermochten. Während dies geschah, rief der Scout
Sam Hawkens an:
»Und was soll mit mir geschehen? Soll ich etwa als Gefangener hier gefesselt
liegen bleiben?«
»Nein,« antwortete Sam. »Ich wollte Euch bloß für diese Nacht sicher halten;
nun es Tag geworden ist, könnt Ihr reiten, wohin Ihr wollt.«
»Well; so gebt mich frei!«
»Nur keine Überstürzung, mein sehr verehrtester Master Poller! Ich kalkuliere,
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