Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

Man hörte Kolbenschläge und einige unterdrückte Schreie; dann war es rundum
still.

»Hallo,« rief Sam mit lauter Stimme, »ist alles gut gegangen?«

»Alles,« antwortete Will Parker auf der andern Seite. »Wir haben sie.«

»So bringt sie hierher und brennt das Feuer wieder an, damit wir, wie es die
Höflichkeit erfordert, ihnen unsre Gesichter zeigen können!«

Einige Minuten später lagen die gefangenen und gefesselten Finders innerhalb
der Wagenburg; um sie herum saßen Sam, Dick, Will, der Lieutenant, Schi-So und
Adolf Wolf, während die Soldaten fortgegangen waren, um ihre Pferde zu holen
und mit diesen alle Personen, welche sich mit bei denselben befanden. Das Feuer
loderte hell und hoch auf, so daß das Lager fast tageshell erleuchtet war.

Die Finders lagen nebeneinander und zwar jetzt mit offenen Augen. Es war keiner
von ihnen erschlagen worden; sie hatten ihre Besinnung wieder; sie sahen und
hörten also alles, was um sie her vorging, aber keiner von ihnen schien Lust
zu haben, ein Wort zu sprechen, doch konnte man ihre Gefühle leicht aus den
wütenden Blicken erraten, welche sie um sich warfen. Es hatte bisher noch niemand
eine Frage an sie gerichtet. Sam Hawkens wollte damit bis zur Rückkehr der Auswanderer
warten, da diese es ja waren, gegen welche der beabsichtigte Überfall hatte
unternommen werden sollen. Da hörte man von weitem eine jubillerende, weibliche
Stimme rufen:

»We have them, we have them!«

Es war eine weibliche Stimme, die Ruferin kam näher, erreichte das Lager, kroch
unter einer Deichsel hindurch, schoß auf Sam los und schrie ihn an:

»We have them, we have them !Heeßt das nicht: Wir haben sie, wir haben sie,
Herr Hawkens?«

Es war die liebe Frau Rosalie Ebersbach, geborene Morgenstern, verwitwete Leiermüller.
Sie war allen andern vorausgeeilt.

»Ja,« antwortete Sam. »So heißen diese englischen Worte, wenn man sie ins Deutsche
übersetzt.«

»Also we have them, we have them, wir haben sie! Gott sei Dank. Was für eine
Angst habe ich ausgestanden und was für eine Sorge habe ich gehabt! Ich wäre
beinahe ausgerissen und wieder herzugekommen, um mit kämpfen, fechten und schtreiten
zu helfen. Da aber kamen die Soldaten und sagten:

»We have them!« Was das in unsrer Mutterschprache zu bedeuten hat, das weeß
ich ungefähr und bin offs schleunigste fortgerannt, um sie ooch mit zu haben.
Das sind sie wohl, die dahier liegen?«

Sie deutete auf die Gefesselten.

»Ja, das sind sie,« antwortete der Gefragte.

»Aber, was is denn das? Die leben ja noch! Ich dachte, es würden nur ihre toten
Leichen zu erblicken sein. Das will mir nich in den Kopp. Is das vielleicht
mit Fleiß geschehen?«

»Allerdings.«

»Na, da is Ostern heuer off eenen Donnerschtag gefallen, anschtatt off eenen
Sonntag, wie sich’s von Rechtswegen ganz von selbst verschteht! Wissen Sie denn
nich, Herr Hawkens, daß uns diese Raubmörder und Wildschützen haben um unser
Leben bringen wollen?«

»Das weiß ich allerdings.«

»Und Sie haben dieselben dennoch nich erschossen? Das is eene Edelmütigkeet,
der ich unmöglich meine Billigung zu erteilen vermag. Wer umbringt, der muß
wieder umgebracht werden; Ooge um Ooge, Backzahn um Backzahn; so schteht es
in der Bibel und in allen Gesetzbüchern geschrieben!«

»Sind Sie denn wirklich ermordet worden, Frau Ebersbach?«

»Nee. Wie können Sie nur so fragen! Wenn ich umgebracht wäre, so schtände ich
jetzt doch als Geist oder als Geschpenst vor ihnen, und ich hoffe, daß Sie mich
nich für so etwas halten.«

»O nein, als Geist kommen Sie mir gar nicht vor. Also Auge um Auge, Zahn um
Zahn. Sie sind nicht umgebracht worden; darum haben wir die Finders auch nicht
umgebracht.«

»Aber sie wollten uns doch ermorden! Das is doch ganz dasselbe, als ob sie
uns wirklich ermordet hätten!«

»Und ich wollte sie dafür erschießen lassen; das ist also ganz genau so, als
ob sie wirklich erschossen worden wären.«

Sie sah ihn in komisch wirkender Betroffenheit an, schlug sich gegen die Stirn
und bekannte offenherzig:

»Was für eene dumme Rosalie ich da gewesen bin! Laß mich da mit meinen eegenen
Worten schlagen! Das is mir jetzt zum erschtenmale in meinem Leben vorgekommen,
denn Sie können es mir off mein Ehrenwort glooben, daß ich gar nich so leicht
zu schlagen bin, wie Sie zu denken scheinen. Wer es in Redensarten und Spitzfindigkeiten
mit mir offnehmen will, der muß sehr schpät zu Bette gehen und morgens früh
halb dreie wieder munter sein. Aber sagen Sie mir doch wenigstens, was nun mit

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