Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

der von Hasen erschossen worden ist, wenn ich mich nicht irre. Ist mir auch
noch nicht passiert, zu vergessen, daß man unter solchen Umständen einen Kundschafter
aussendet, sogar einen zweiten und auch dritten, wenn der erste nichts erfahren
hat oder mit der Rückkehr zögert! Bleibt hier stehen, Mesch’schurs, ich werde
euch nicht lange auf mich warten lassen.«

Er ging. Sein Unternehmen war nicht ganz ungefährlich. Befand sich einer der
Finders in der Nähe und er wurde von demselben bemerkt, ehe er selbst ihn sah,
so konnte er leicht eine scharfe, spitze Messerklinge in den Leib bekommen.
Darum durfte er nicht unvorsichtig sein, sondern mußte alle Finessen eines erfahrenen
Westmannes in Anwendung bringen. Er ging nicht etwa schnell und aufrecht um
das Lager, sondern er kroch langsam auf Händen und Füßen um dasselbe und strengte
dabei Augen und Ohren auf das äußerste an, um einen etwa anwesenden Feind rechtzeitig
zu gewahren. Daher kam es, daß über eine halbe Stunde verging, bis er zu dem
Punkte zurückkehrte, von welchem er ausgegangen war.

Unterdessen hatte Schi-So ganz genau die gerade Linie eingehalten, welche nach
dem Aufenthaltsorte der Finders führte. Als er ungefähr zehn Minuten gegangen
war, natürlich ganz ebenso vorsichtig, wie Sam seine Runde gemacht hatte, hielt
er an und setzte sich nieder. Um ihn her herrschte die tiefste Stille; er kannte
die Schärfe seines Gehöres und wußte, daß er die Annäherung der Feinde gewiß
gewahren würde. Hinter ihm brannte das Lagerfeuer tiefer und immer tiefer, bis
es nur noch glimmte und dann ganz erlosch. Das war der Zeitpunkt, an welchem
die Finders aufbrechen wollten. Er durfte nun jeden Augenblick ihres Nahens
gewärtig sein. Und wirklich, er hörte jetzt etwas wie ein leises Wehen von der
betreffenden Seite her. Ein andrer hätte gemeint, daß ein Lufthauch über die
Gräser gehe; Schi-So aber wußte, daß es das kaum wahrnehmbare Geräusch schleichender
Schritte sei. Er richtete sich halb auf und lauschte noch angestrengter als
bisher; er erkannte, daß er sich nicht getäuscht habe. Seine guten Ohren sagten
ihm, daß die Nahenden in einer Entfernung von zwanzig bis dreißig Schritten
von ihm vorüberkommen würden; darum huschte er schnell fünfzehn Schritte vor
und legte sich dann platt auf die Erde nieder.

Und da kamen sie, leise und langsam, einen dichten Trupp bildend und nicht
einer hinter dem andern, wie Indianer oder erfahrene Westmänner gegangen wären.
Sie passierten vorüber, und Schi-So erhob sich, um ihnen auf dem Fuße zu folgen.
Er wußte, daß sie an irgend einer Stelle stehen bleiben würden. Dann sprach
der Anführer jedenfalls einige Worte, und vielleicht gelang es ihm, dieselben
zu vernehmen.

So ging es weiter und weiter, sie voran und er wie ein unhörbarer Schatten
hinter ihnen her. Ja, sie hielten an, aber nicht eher, als bis sie fast in der
unmittelbaren Nähe des Lagers angekommen waren. Wenn der Häuptlingssohn jetzt
etwas hören wollte, so mußte er verwegen sein. Er legte sich also wieder auf
die Erde nieder und kroch so nahe zu ihnen hin, daß er die Füße des Nächsten
hätte mit der Hand erreichen können. Dieses kühne Experiment wurde belohnt,
denn er hörte Buttler sprechen, zwar leise, aber doch so, daß er die Worte noch
so leidlich verstehen konnte:

»Da sind wir angekommen. Seht Ihr nun das Lager?«

»Ja,« entgegnete einer, und die andern stimmten ihm bei.

Die hohen, massig gebauten Wagen waren nämlich trotz der Dunkelheit gegen den
helleren Himmel zu sehen. Der Anführer fuhr fort:

»Das Feuer ist vollständig ausgegangen, und ich denke, daß sie schlafen werden.
Dennoch werden wir noch einige Zeit warten, bevor wir über sie herfallen. Sicher
ist sicher. Aber umzingeln müssen wir sie schon jetzt. Wenn jeder von uns sich
dreißig Schritte von dem andern entfernt, reicht unsre Zahl aus, einen Kreis
um die Wagen zu bilden. Ist das geschehen, so wartet ihr, bis ich euch das Zeichen
gebe.«

»Welches Zeichen?« wurde gefragt.

»Ich ahme mit einem Grashalme das Zirpen eines Heimchens nach. Auf dieses Zeichen
kriecht jeder von euch auf die Wagen zu, hinter denen sie schlafen werden. Wenn
ich vor den Wagen angekommen bin, zirpe ich zum zweitenmal und warte ein wenig,
um euch Zeit zu geben, auch dort anzulangen. Wenn ich dann zum drittenmal zirpe,
ist das für euch der Befehl, unter den Wagen und Deichseln und zwischen den
Rädern hindurchzukriechen und den Kerls eure Messer zu geben. Zu schießen vermeiden
wir wo möglich.«

»Was geschieht mit den Weibern und Kindern?«

»Sie werden auch ausgelöscht. Es darf keine Seele leben bleiben, welche uns
später verraten könnte. Die Beute teilen wir, und die Wagen werden dann verbrannt,
die Leichen auch. Also vorwärts jetzt! Die eine Hälfte von euch geht nach rechts
und die andre nach links; ich bleibe hier. Nehmt euch aber in acht und vermeidet
jedes Geräusch, damit wir nicht verraten werden!«

Da fragte einer noch:

»Wenn wir nun auf einen Wächter treffen? Vielleicht haben sie einen ausgestellt.«

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar