Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
man es dennoch schnürt, zerreißt es alle Fesseln. Wie wollen Sie die Töne einer
Trompete unterdrücken, wenn sie einmal am Munde sitzt?«
»Indem ich sie einfach vom Munde wegnehme, wenn ich mich nicht irre. Für jetzt
nun verlange ich, daß Sie sich unbedingt ruhig verhalten und da bleiben, wohin
ich Sie stelle. Es hängt unser aller Leben davon ab, daß niemand einen Fehler
macht.«
»Wenn dies der Fall ist, werde ich Ihren Anordnungen folgen; Sie können sich
darauf verlassen. Sollte es aber doch zum Kampfe kommen und jemand dabei sterben,
so bin ich gern erbötig, für ihn schnell eine Missa pro defunctis auf beliebigem
Text zu komponieren. Ich werde augenblicklich über ein schönes und ergreifendes
Thema dazu nachdenken.«
Das Feuer war bis jetzt noch immer hoch geschürt worden. Nun sollte das Lager
verlassen werden. Sam bestimmte, daß nur er, Stone, Parker und die Soldaten
sich bei der Überrumpelung der Finders zu beteiligen hätten; die andern sollten
der dabei doch drohenden Gefahr nicht ausgesetzt werden. Schmidt, Strauch, Ebersbach
und Uhlmann waren damit einverstanden. Frau Rosalie aber erklärte beherzt:
»Was, ich soll die Hände in den Schoß legen, wenn andre für mich ihr Leben
wagen? Das kann ich nich zugeben, ganz gewiß nich. Wenn keene Flinte für mich
übrig is, da nehme ich eene Hacke oder Schaufel, und wehe dem Urian, der mir
zu nahe kommt! In dem Herrn Emeritus seiner Heldenoper müssen doch ooch Damen
ufftreten, und ich will die erschte sein, die erscheint. Also sagt mir nur den
Ort, wo ich mich hinzuschtellen hab’. Ich werde meine Sache machen; ausreißen
thu ich sicher nich!«
Es kostete nicht wenig Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß ihre Beteiligung
nicht nur nichts nützen, sondern sogar nur schaden könne, und sie ergab sich
nur ungern darein, sich den Unthätigen zugesellen zu müssen. Die vier deutschen
Auswanderer zogen mit ihren Frauen, Kindern und Zugtieren nach der Stelle, an
welcher die Soldaten warteten. Der Kantor war natürlich auch bei ihnen, und
Sam schärfte ihnen ein, ja streng acht auf ihn zu geben, damit es ihm nicht
möglich sei, sich zu entfernen und Unheil anzustiften. Die Pferde wurden auch
dorthin in Sicherheit gebracht. Eigentlich sollten Schi-So und Adolf Wolf, da
sie noch so jung waren, auch von der Beteiligung ausgeschlossen sein; aber der
erstere erklärte so bestimmt, daß dies eine große Beleidigung für ihn sei, daß
Sam ihm seinen Wunsch erfüllte und infolgedessen auch Adolf nicht mehr zurückweisen
konnte. Der gefangene Scout wurde selbstverständlich auch mit in Sicherheit
gebracht. Nun konnten alle Soldaten sich beteiligen; es brauchte keiner von
ihnen als Pferdewache zurückzubleiben, da ihre Tiere von den Deutschen unter
Aufsicht genommen wurden; sie kamen jetzt herbei, und eben wollte Sam Hawkens
ihren Offizier über die Art und Weise der Abwehr gegen die Finders unterrichten,
als der junge Häuptlingssohn in bescheidenem Tone zu ihm sagte:
»Werden Sie es mir verzeihen, wenn ich es wage, Sie auf etwas sehr Notwendiges
aufmerksam zu machen?«
Er hatte deutsch gesprochen, um von dem Lieutenant nicht verstanden zu werden.
Sam erkannte diese Rücksichtsnahme an und antwortete.
»Wie könnte ich dem Sohne meines Freundes, des ›großen Donners‹, zürnen. Sprich,
wie du es auf der Zunge hast!«
Der Jüngling folgte dieser Aufforderung, indem er fortfuhr:
»Wer den Feind in der Nähe weiß, der sucht ihn zu beschleichen; das weiß der
berühmte Sam Hawkens viel besser, als ich es ihm zu sagen vermag. Wir haben
die Finders beschlichen und belauscht. Werden sie dasselbe nicht auch mit uns
thun?«
Über Sams Bartwald ging eine Bewegung, wie wenn der Wind über die Wipfel der
Bäume streicht. Seine kleinen, listigen Äuglein schlossen sich für einen Augenblick;
dann, als sie sich wieder geöffnet hatten, zwinkerte er wie in halber Verlegenheit
mit den Lidern und antwortete:
»Behold, das ist wirklich kein übler Gedanke! Du hast recht, vollständig recht,
und ich bin ein Esel sonder gleichen gewesen, daß ich nicht daran gedacht habe.
Wenn es den Kerls eingefallen ist, uns zu belauschen, so wissen sie, daß wir
auf ihren Überfall vorbereitet sind und sogar Soldaten bei uns haben, wenn ich
mich nicht irre. Ich werde also sofort einmal um das Lager schleichen, um zu
erfahren, ob die Luft rein ist.«
»Und soll ich nicht vielleicht nach der Richtung gehen, aus welcher die Finders
kommen werden? Ich könnte Euch schnell von ihrer Annäherung benachrichtigen.«
»Ja, thue das, mein Sohn, thue das sogleich! Ich habe eine Unterlassungssünde
begangen, welche uns aber hoffentlich keinen Schaden bringen wird. Sie wissen,
wo wir uns befinden, denn sie können unser Feuer sehen, und so denke ich, daß
sie es nicht für notwendig gehalten haben, noch extra einen Späher auszusenden.«
Schi-So huschte in die finstere Nacht hinaus, und der kleine Jäger fuhr fort:
»Ein ganz tüchtiger junger Mann! Wird es zu ‘was bringen! Hat mir eine Lehre
gegeben, eine Lehre, daß ich altes Coon mich schämen möchte wie ein Sonntagsschütze,
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