Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»In Moll.«
»Gut; da werde ich C-moll wählen, denn dies hat den Dominantsextaccord von
G und ist im ersten Grade mit dem herrlichen Es-dur verwandt. Und als Taktart
wählen wir nicht Dreiviertel- oder Sechsachtel-, sondern den Viervierteltakt,
weil das Pferd, auf welchem Sie auf der Bühne erscheinen werden, gerade vier
Beine hat. Sie sehen, daß alles stimmen wird. Ich werde mir das alles gleich
notieren.«
Er zog sein Merkbuch aus der Tasche. Da erklang hinter ihm eine Stimme:
»Ich habe Ihnen auch etwas zu notieren, Herr Kantor.«
Er drehte sich um und sah Sam vor sich stehen. In höflichem Tone antwortete
er:
»Bitte, bitte, Kantor emeritus! Es ist nur der Vollständigkeit halber. Da ich
nicht mehr im Amte bin -«
»So treiben Sie sich da draußen vordem Lager herum!« unterbrach ihn Sam. »Wer
hat Ihnen denn geheißen, das Lager zu verlassen?«
»Geheißen? Die Kunstbegeisterung trieb mich hinaus, erst lento, dann vivace
und endlich gar allegrissimo. Sie wissen, wenn die Muse befiehlt, dann muß ihr
jünger gehorchen.«
»Da bitte ich Sie, Ihrer Muse den Abschied zu geben, denn sie meint es nichts
weniger als gut mit Ihnen.«
»Wieso?«
»Weil sie Sie auf Wege treibt, wo Sie leicht verunglücken können.«
»Daß ich nicht wüßte, werter Herr. Ich brauchte für meine Oper einen Doppeltriller;
da ich denselben nicht hier im Lager finden konnte, so verließ ich dasselbe,
um mir draußen in der Einsamkeit, wo mich niemand stört, einen auszusinnen.«
»Da setzten Sie sich auf die Erde nieder?«
»Ja.«
»Und warteten, ob der Triller kommen würde? Aber statt seiner kam ein fremder
Mann, der Sie nicht sah, und stolperte über Sie weg!«
»O, er stolperte nicht nur, sondern er stürzte wirklich hin, lang über mich
hinweg. Im nächsten Augenblicke hatte er mich beim Halse, gerade so, wie man
eine Violine bei dem Halse faßt.«
»Dann gab es ein Duett!«
»Eigentlich kein Duett; wir sprachen nur ein wenig mit einander.«
»Sie deutsch, er englisch, und keiner verstand den andern!«
»Das ist kein Wunder. Wer mich verstehen will, darf mir doch nicht den Hals
zusammenpressen. Das konnte er sich denken! Übrigens benutzte ich die Gelegenheit,
als er mich einmal locker ließ, ihn und den Ort zu verlassen.«
»Wohl auch allegro oder allegrissimo?«
»Es war schon mehr con fretta, denn ich hatte ihn in dem Verdachte, mich abermals
fesseln zu wollen.«
»Das wollte er allerdings, und noch viel mehr als das! Wissen Sie, wer er war?«
»Nein; es gab im Laufe der kurzen Unterredung keine Gelegenheit, uns einander
vorzustellen.«
»Das glaube ich wohl. Es war überhaupt nicht auf solche Höflichkeiten, sondern
auf Ihr Leben abgesehen.«
»Auf mein Leben?« fragte der Kantor sehr erstaunt.
»Allerdings. Der Mann, welcher über Sie hinwegtrillerte, gehörte zu den Finders,
welche uns überfallen und ermorden wollen.«
»Sollte man dies glauben!«
»Viel leichter zu glauben, als zu bezweifeln. Sie wußten, daß die Feinde sich
da drüben befinden und liefen trotzdem hinaus und nach dieser Richtung hin.
Sie scheinen nicht recht bei Sinnen gewesen zu sein, wenn ich mich nicht irre.
Welcher vernünftige Mensch begibt sich in eine so offen drohende Gefahr!«
»Gefahr? Sie irren. Ich hatte schon wiederholt das Vergnügen, Ihnen zu erklären,
daß es für einen Sohn der Musen keine Gefahr gibt außer der einzigen, daß seine
Werke nicht anerkannt werden. Andre Fährlichkeiten existieren nicht.«
»Also, wenn ein offenbarer Mörder geradezu über Sie wegstolpert und Sie bei
der Gurgel faßt, um Sie zu erdrosseln, so ist das keine Gefahr für Sie?«
»Nein. Sie haben ja den Beweis, lieber Herr; er hat mich gehen lassen und ist
auch selbst gegangen. Über mir schwebt eben ein Genius, welcher über mich wacht
und mich vor jedem Unglücke bewahrt.«
»Wenn dieser Glaube Sie glücklich macht, so mögen Sie ihn meinetwegen behalten,
bis Sie einmal erschossen, erschlagen, erstochen und skalpiert werden. Aber
aus Rücksicht auf uns sollten Sie vorsichtig sein. Ihre sehnsüchtige Erwartung
eines Trillers hat auch uns in Gefahr gebracht. Wir werden in Zukunft nicht
nur Ihr Pferd anbinden dürfen.«
»Etwa mich auch?«
»Allerdings.«
»Herr, dagegen muß ich protestieren! Das Genie kennt keine Banden, und wenn
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