Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
die beiden den Reiter.
»Schi-So!« rief Sam. »Ihr seid es, Ihr? Wie kommt Ihr hierher?«
Der Gefragte hielt das Pferd an und antwortete in bittendem Tone:
»Sagt du zu mir, Sir! Ich habe Euch schon einmal darum ersucht. Der Scout ließ
sich sein Geld geben und ritt gegen unsern Willen fort. Er wollte uns den Finders
verraten; da sprang ich ihm nach, ereilte ihn und schwang mich hinter ihm auf
das Pferd. Als ich ihn mit dem Revolverkolben betäubt hatte, hielt ich das Tier
an und warf ihn herunter; nun zieht es ihn an meinem Lasso hinter sich her.«
»Tausend Donner! Nacheilen, aufs Pferd springen, betäuben, herunterwerfen!
Du bist ja der reine, richtige Old Shatterhand geworden! Braver Bursche! Werde
es deinem Vater erzählen. Du hast den Verräter vielleicht gar erschlagen?«
»Nein; er ist nur betäubt.«
»Wahrhaftig, der wirkliche Old Shatterhand! Und das alles so ruhig, ohne einen
Schuß oder sonstigen Lärm, wenn ich mich nicht irre!«
Der Jüngling antwortete einfach und bescheiden -
»Lärm durfte doch nicht sein, weil die Feinde sich in der Nähe befinden.«
»All right; hast deine Sache so brav gemacht, daß jedes Lob überflüssig ist,
Komm jetzt mit nach dem Lager! Wir wollen uns beeilen, mit den Finders fertig
zu werden. Es ist besser, sie nicht lange warten zu lassen.«
Es ging wieder dem Feuer entgegen. Dem Scout kehrte infolge der Schmerzen,
welche das auf der Erde schleifen verursachte, die Besinnung zurück. Er begann
zu wimmern, doch wurde nicht darauf geachtet, bis das Lager erreicht worden
war. Dort raffte er sich langsam auf. Der Lasso war ihm um die Hände gebunden,
unter den Armen hindurchgeschlungen und dann an den Sattel befestigt worden.
Es läßt sich leicht denken, wie er empfangen wurde. Er starrte finster vor sich
nieder und beantwortete kein an ihn gerichtetes Wort. Ebenso schweigsam verhielt
sich Schi-So zu dem Lobe, welches ihm von allen Seiten gebracht wurde. Er ging
ganz still davon, konnte es aber doch nicht verhindern, daß Frau Rosalie ihn
sehr fest beim Arme ergriff und fragte:
»Herr Schi-So, haben Se vielleicht eenmal die Geschichte von der verzauberten
Prinzessin gelesen?«
»Welche?« antwortete er. »Es gibt sehr viele Geschichten, welche diesen Titel
haben.«
»Ich meene nämlich diejenigte Prinzessin, die in eenen Kirchturmknopf hineingezaubert
war.«
»Die kenne ich nicht.«
»Der Kirchturm war hundertundelf Ellen hoch; darum mußte derjenige, der die
Prinzessin erlösen wollte, hundertundelf Heldenthaten verrichten, uff jede Elle
eene. Viele tausend Jahre hat das arme Wurm im Knopfe geschteckt, ohne daß es
jemand nur bis zur dritten oder vierten Heldenthat gebracht hat, bis endlich
een junger Rittersmann aus Schleswig-Holschteen kam und alle hundertundelf Heldenthaten,
eene nach der andern, mit dem Schwerte um das Leben brachte. Da schprang der
Kirchturmknopf uff und entzwee und die erlöste Prinzessin trat holdselig heraus,
reichte dem Erretter die rechte Hand und führte ihn hinunter in die Sankristei.«
»So!« lächelte Schi-So. »Und die Nutzanwendung dieser ebenso schönen wie rührenden
Geschichte?«
»Nutzanwendung? Was meenen Sie damit? Was soll das heeßen? Wenden Se den Nutzenwenigstens
nich zu Ihrem Schaden an! Ich habe Ihnen von diesem Turmknopf erzählt, weil
ich sehe, daß Sie ooch so een tapferer Schleswig-Holschteener sind. Gibt es
bei den Indianern ooch verzauberte Prinzessinnen?«
»Nein.«
»Jammerschade! Ich gloob, Sie brächten’s ooch bis hundertundelf. Rechnen Sie
uff meine Hochachtung und uff meine Dankbarkeet!«
Sie wollte noch weiter sprechen, wurde aber von jemand fortgeschoben, der sich
zwischen sie und ihn drängte. Es war der Kantor, welcher, seine Hand ergreifend,
sagte:
»Teurer Freund und junger Mann, Sie wissen, daß ich im Begriffe stehe, eine
große Heldenoper zu komponieren?«
»Ja; Sie haben uns das oft und wiederholt gesagt.«
»Und daß diese Oper zwölf Akte haben wird?«
»Ich glaube allerdings, daß es zwölf waren, von denen Sie sprachen.«
»Schön! In welchem Akte wollen Sie erscheinen?«
»Warum ich?«
»Weil Sie ein Held sind, wie ich ihn für meine Komposition brauche. Sie werden
auftreten, indem Sie den Verräter zu Pferde am Lasso über die Bühne schleppen.
Also bitte, in welchem Akte?«
Über das sonst so ernste Gesicht des Mestizen glitt ein fröhliches Lächeln,
als er antwortete:
»Sagen wir im neunten.«
»Schön! Und wollen Sie ihn in Dur oder in Moll über die Bühne schleppen?«
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