Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
Kann uns alles verderben. Ich muß wieder nach den Felsen zurück, um zu hören,
was der Mann dort meldet. Bleib hier stehen! Ich muß noch eher dort sein als
er.«
Er rannte fort. Will Parker wartete. Es verging wohl eine halbe Stunde, ehe
Sam zurückkehrte. Als er kam, meldete er:
»Es ist besser abgelaufen, als ich dachte. Diese Begegnung konnte dem Kantor
das Leben kosten oder, wenn wir ihm beisprangen, wenigstens unsern Plan zu Schanden
machen.«
»Für wen halten die Finders diesen Unglücksemeritus?« erkundigte sich Parker.
»Es ist gar nicht von ihm gesprochen worden.«
»Nicht? Das ist unmöglich.«
»Es ist wirklich so. Der Kundschafter hat nämlich die Begegnung gar nicht erwähnt.«
»Wirklich nicht? Unbegreiflich! Sie ist doch so wichtig, daß er sie unbedingt
melden muß!«
»Das begreift dieser Mann vielleicht nicht. Er hat sie höchst wahrscheinlich
aus Angst verschwiegen.«
»Aus Angst? Wieso?«
»Aus Angst vor den Vorwürfen. Ehe er ging, drohte ihm Buttler, sich ja nicht
sehen zu lassen; nun ist er gar über jemand weggefallen. Wenn er dies sagt,
hat er nichts Gutes zu erwarten; darum zog er vor, lieber zu schweigen. Das
kann uns nur lieb sein. Komm nun jetzt zum Lager!«
Sie gingen weiter, hatten aber noch nicht viele Schritte gethan, als sie schon
wieder stehen blieben, da sie ein Geräusch vor sich hörten. Als es näher kam,
erkannten sie, daß es Hufschläge waren.
»Ein galoppierendes Pferd, welches gerade auf uns zukommt!« sagte Parker.
»Ja, so ist es,« stimmte Sam bei. »Was ist das nun wieder, wenn ich mich nicht
irre! Schnell zur Seite!«
Das Pferd war schnell näher gekommen; sie wichen gerade noch zu rechter Zeit
aus; als es vorüberschoß, sahen sie trotz der Dunkelheit, daß zwei Gestalten
auf demselben saßen. Die eine von ihnen stöhnte laut.
»Wir das einer von uns, Sam?« fragte Parker.
»Weiß nicht. Waren überhaupt zwei, altes Greenhorn.«
»Aber Feinde. Der eine saß richtig im Sattel; der andre kniete hinter ihm und
hatte ihn beim Halse.«
»So genau habe ich es nicht unterscheiden können. Hast du dich nicht etwa geirrt?«
»Nein. Ich stand näher als du und konnte es also deutlicher sehen. Einer von
ihnen gehörte wohl zu uns; wer aber mag der zweite sein?«
Dieser zweite gehörte ebenso wie der erste zur Gesellschaft. Daß sie miteinander
an Sam und Will vorüberritten, und zwar auf einem Pferde, beruhte auf folgender
Ursache:
Schi-So, der Häuptlingssohn, hatte sich stets nur zu Adolf Wolf, seinem gleichalterigen
einstigen Studiengenossen und jetzigen Gefährten gehalten, war nach Indianerweise
gegen Sam, Will und Dick nicht aufdringlich gewesen, hatte aber alle Vorkommnisse,
Reden und Gespräche mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Er hatte in Tucson gehört,
wie Sam den Führer zurechtwies und ihm sagte, daß er morgen entlassen werde.
Später war ihm das stille, brütende Wesen dieses Mannes aufgefallen; er hatte
Verdacht gefaßt und ihn von nun an sehr aufmerksam beobachtet. Jetzt, am Lager,
hatte der Scout mit den deutschen Auswanderern nach Sams und Will Parkers Entfernung
einen Streit vom Zaune gebrochen, und Frau Rosalie ihrem lebhaften Temperament
zufolge an demselben teilgenommen. Was der eigentliche Grund oder Gegenstand
des Zankes war, wußte Schi-So nicht; er hörte nur, daß die Frau schließlich
zornig ausrief.-
»Denken Se nich etwa, daß wir Ihre Unterthanen und Schklaven sind! Ich, Frau
Rosalie Eberschbach, geborene Morgenschtern und verwitwete Leiermüllerin habe
hier gerade so viel zu befehlen wie Sie. Verschtehn Se mich! Sie zeigen uns
den Weg und kriegen Ihr Geld dervor. So is die Sache. Und morgen gehn Se ab.
Der Herr Sam Hawkens wird uns weiter führen; der verschteht seine Sache besser
als Sie und macht’s noch derzu ganz umsonst.«
»Besser wie ich?« fragte zornig der Scout. »Darüber haben Sie als Fremde und
als Frau gar kein Urteil. Weiber haben überhaupt zu schweigen!«
»Zu schweigen? I, was Se nich sagen! Schweigen sollen wir Damen? Wozu haben
wir denn den Mund bekommen? Etwa bloß zum Nüsseknacken und Oppedeldoc trinken?
Hörn Se, da sind Se uff dem Holzwege! Schweigen lieber Sie, denn alles, was
Se sagen, is schlechte Leinewand und imitiertes Meublemang! Wir werden froh
sein, wenn Se morgen fort sein werden. Uff Ihre lockere Amtsführung als Wegweiser
und Schkuut dürfen Se sich wahrhaftig nich viel einbilden!«
»Ich kann dieses Amt ja schon heut niederlegen!«
»So? Das is uns lieb; das is uns recht; das wird oogenblicklich angenommen.
Also treten Se ab! Sie sind hiermit aus Amt und Schtand und Brot entlassen!«
»Nicht eher, als bis ich meine Bezahlung bekommen habe!«
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