Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

freuten, den Wagenzug zu erblicken. Die Pferde wurden etwas rückwärts angepflockt,
und dann nahmen die Reiter die verschiedensten Stellungen ein, in denen sie
das Lager bequem beobachten konnten.

»Sie sind’s,« nickte Sam. »Zwölf; man kann sie jetzt zählen.«

»Gehen wir hinüber?« fragte Will.

»Ja, sobald es dunkel geworden ist.«

Da brauchten sie nicht lange zu warten. Die Sonne hatte schon den Horizont
berührt; sie verschwand; der immer tiefer werdende Schatten der Dämmerung flog
von Osten herbei, und draußen am Wasser leuchtete nun ein hohes, helles Feuer
auf. Man konnte die Finders schon nicht mehr erkennen.

»Komm,« forderte Sam seinen Kameraden auf. »Wir wollen keine Zeit verlieren.«

Sie verließen ihr Versteck und schritten demjenigen ihrer Gegner zu. Je näher
sie demselben kamen, desto leiser, zuletzt vollständig unhörbar, wurden ihre
Schritte. Daß Sam Hawkens mit seinen Riesenstiefeln so geräuschlos auftrat wie
ein Sperling im Grase, das war geradezu unbegreiflich. Und Will Parker benahm
sich mit einem Geschick, welches bewies, daß er kein Greenhorn war, wenn er
von Sam auch oft so genannt wurde.

Als sie an den Fuß der kleinen Anhöhe gelangten, gab Sam seinem Begleiter das
Gewehr und flüsterte ihm zu:

»Bleib hier zurück und halte meine Liddy! Ich will allein hinauf.«

»Well; aber wenn du in Gefahr gerätst, komme ich nach.«

»Pshaw, wüßte nicht, welche Gefahr dies sein könnte! Spitz die Ohren, Will,
damit du nicht etwa ertappt wirst!«

»Von wem?«

»Von dem Kundschafter, den sie gewiß nun bald fortschicken werden. Es ist zwar
nicht wahrscheinlich, aber doch möglich, daß er hier vorüberkommt.«

Er legte sich auf den Boden nieder und kroch weiter. Es war jetzt die beste
Zeit zum Anschleichen, weil so kurz nach der Dämmerung die wenigen Sterne, welche
zu sehen waren, noch matt schimmerten. Bekanntlich wächst der Glanz der Sterne
von der Dämmerung an.

Wie bereits bemerkt, bestand die Bodenwelle, auf welcher die Felsenstücke lagen,
aus lauter Geröll, welches demjenigen, welcher im Anschleichen keine sehr große
Gewandtheit besaß, unter den Füßen und Händen fortrollen mußte. Sam aber schob
sich Zoll um Zoll vorwärts, ohne daß ein Steinchen aus seiner Lage geriet. Es
ergab sich dabei wirklich die absoluteste Unhörbarkeit. So erreichte er die
Höhe und hielt an. Seine scharfen an die Dunkelheit gewöhnten, weil in derselben
geübten Augen sahen die Gegner vor sich; er hätte sie ebensogut bemerkt, wenn
er sie nicht gesehen hätte, denn sie sprachen miteinander. Er wagte es, sich
ihnen noch mehr zu nähern, und hielt endlich bei einem großen Steinbrocken an,
hinter welchem er sich niederkauerte. Zwei oder drei der Finders standen aufgerichtet
an den Felsen, um über dieselben hinweg das ferne Lagerfeuer zu beobachten;
die übrigen hatten es sich bequem gemacht; sie saßen auf der Erde. Zwei waren
es, welche miteinander sprachen, Buttler und ein andrer. Eben als Sam es sich
hinter seinem Steine bequem gemacht hatte, hörte er den letzteren sagen:

»Hätten Wir nur mehr Munition bekommen können! Wir müssen außerordentlich sparsam
sein.«

»Nur einstweilen,« antwortete Buttler. »Wir werden uns alles wiedernehmen und
noch weit mehr dazu. Poston, jetzt ist’s Zeit, dunkel genug. Mache dich fort!
Aber laß dich ja nicht erwischen oder auch nur hören oder sehen, sonst hast
du es mit mir zu thun!«

»Werde mich hüten, mich sehen zu lassen,« antwortete der Angeredete. »Es ist
nicht zum erstenmal, daß ich lauschen gehe.«

»Darum eben schicke ich dich und keinen andern. Du brauchst dich nicht in Gefahr
zu begeben, brauchst nichts zu wagen und dich ihnen nicht allzuweit zu nähern,
das wäre unnötig.«

»Aber ich möchte doch gern wissen, was sie reden!«

»Ist von keinem Nutzen für uns. Ich will nur wissen, ob sie allein am Wasser
sind oder noch andre sich mit dort befinden.«

»Aber wenn ich sie reden hören könnte, würde ich erfahren, ob sie vielleicht
Verdacht haben!«

»Verdacht? Woher soll ihnen dieser kommen?«

»Sie können doch denken, daß wir ihnen folgen werden?«

»Dazu sind sie zu dumm. Die Deutschen sind gar nicht zu rechnen, und der Scout
schien nicht der Mann zu sein, der sein Leben wagt, um andre zu retten. Also
bleiben nur die drei Schufte, welche gestern trotz ihrer Dummheit ein solches
Glück gegen uns gehabt haben. Ihr Verstand reicht sicher nicht so weit, zu denken,
daß wir ihnen nachgeritten sind. Am Gila in Fallen Bären und Biber fangen! Hat
man jemals eine solche Verrücktheit gehört? Also geh, Poston, und spute dich!
In einer halben Stunde kannst du wieder hier sein.«

Der Späher entfernte sich, und der allererste Sprecher nahm nun wieder das

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar