Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

befehlen, so viel Ihr wollt! Basta!«

Da klopfte ihm Sam auf die Achsel und sagte mit seinem freundlichsten Lächeln,
hinter welchem sich aber stets das Gegenteil verbarg:

»Nicht basta, noch lange nicht! Ich weiß, wohin diese Leute wollen; es ist
nicht nötig, daß sie über Fort Yuma ziehen; es gibt einen kürzeren Weg, den
Ihr freilich nicht zu kennen scheint. Ihr bleibt bis morgen früh noch bei uns;
dann könnt Ihr gehen, wohin es Euch beliebt.«

»Mir recht, wenn ich meinen Lohn bis Fort Yuma bekomme!«

»Den werdet Ihr erhalten, und dann führe ich diese Leute, ohne Lohn von ihnen
zu verlangen; sie werden dann nicht wieder durch die Schwatzhaftigkeit ihres
Scout in Gefahr geraten.«

Der Führer setzte sich mürrisch auf eine Wagendeichsel; Sam wendete sich von
ihm ab und seinen Gefährten zu.

»Hast einen Fehler gemacht, Sam,« meinte Will Parker. »Kann dich nicht begreifen.«

»Fehler gemacht? Welchen?« fragte der Kleine.

»Warum soll er noch bis morgen bei uns bleiben? Hättest ihn gleich fortschicken
sollen.«

»Das also, das soll ein Fehler sein! Will Parker, das Greenhorn, untersteht
sich Sam Hawkens gute Lehren zu erteilen! Siehst du denn nicht ein, altes Coon,
daß ich ihn heut noch nicht fortschicken darf?«

»Nein, das sehe ich nicht ein.«

»O, süßer Will, wie traurig steht’s mit dir! Wirst niemals, nie, ein Westmann
werden. Wie blamiert es mich, einen solchen Lehrjungen zu haben, der nichts
begreifen kann! Du aber kannst dich glücklich schätzen, daß ich dein Meister
bin, denn ohne mich und Dick Stone wärest du längst schon ausgelöscht worden.
Weißt du, was dieser sogenannte Scout machen würde, wenn ich ihn schon heut
davon jagte?«

»Nun, was?«

»Er würde aus Rache zu den Finders gehen und ihnen unser Vorhaben verraten.
Aber dein kleines Gehirn reicht gar nicht zu, diesen großen Gedanken in sich
aufzunehmen.«

»Yes,« stimmte Parker sehr ernsthaft zu. »Du hast wirklich recht, alter Sam.
Es ist eine wahre Sünde und Schande mit mir, daß keine deiner guten Lehren und
Ermahnungen wie ein Tintenklex an mir haften bleibt. Ich begreife gar nicht,
wie du es nur so mit mir aushalten kannst.«

»Das ist kein Wunder, da du überhaupt gar nichts begreifen kannst. Der Grund
liegt darin, daß ich für dich fühle und empfinde wie eine nachsichtige Mutter,
die gerade dasjenige Kind, welches ihr die meisten Sorgen macht, am meisten
liebt.«

Jetzt sah man einen Kavalleristen vorüberreiten; der Aufbruch des Militärs
hatte also begonnen. Der Wagenzug aber blieb noch lange halten und setzte sich
erst um die Mittagszeit wieder in Bewegung.

Man hatte bis zu dem Punkte, an welchem für die Nacht gehalten werden sollte,
ungefähr neun englische Meilen zurückzulegen und mußte also selbst bei dem langsamen
Ochsenschritte noch vor abend dort ankommen. Die Gegend, durch welche der Zug
sich bewegte, war eine mit Kies bedeckte Einöde, auf welcher nur hier und da
ein hagerer Kaktus oder ein elender Mesquitestrauch zu sehen war. Was man davon
dürr fand, wurde mitgenommen, um heut abend ein großes Feuer unterhalten zu
können. Überhaupt besteht die ganze zwischen Tucson und dem Gila liegende Strecke
aus solchem kiesigen Wüstenlande, wo es Wasser für das Vieh nur in einigen Tümpeln
gibt und für die Menschen an zwei oder drei Punkten, wo die frühere Überlandpostgesellschaft
Brunnen graben ließ, welche noch heut bestehen. Man nennt diese Gegend die Neunzigmeilenwüste.
jedenfalls gibt es außer an den angeführten Stellen auch noch an andern Orten
Wasser, doch halten die wilden Indianer derartige Punkte verborgen, indem sie
die Löcher mit Häuten bedecken, auf welche sie Kies und Sand streuen, gerade
so, wie die Nomaden der Sahara es mit ihren verborgenen Brunnen thun.

Sam Hawkens leitete den Wagenzug; der bisherige Führer ritt nicht mehr voran,
sondern hinterdrein. Die Blicke, welche er von Zeit zu Zeit auf den Kleinen
warf, waren keine guten. Wenn sie bemerkt worden wären, hätte man aus ihnen
ersehen können, daß er auf Rache sann.

Als am Nachmittag nur noch zwei englische Meilen zurückzulegen waren, achtete
Sam noch weit mehr als vorher auf den Weg und dessen Umgebung. Von einem gebahnten
»Wege« war allerdings keine Rede; aber wer diese Gegend passierte, der hielt,
ob zu Pferde oder zu Wagen, dieselbe Richtung ein, und so kommt es, daß man
hyperbolisch sogar von Straßen spricht, welche die einzelnen Orte dort verbinden.

Diese letzten zwei Meilen führten über wellenförmiges Land, welches so aussah,
als ob eine Schar von Giganten riesenhafte Körbe voll Sand, Kies und Steingetrümmer
hier nebeneinander ausgeschüttet hätte. Darum kamen die Wagen nur sehr langsam
vorwärts. Einer dieser Giganten hatte seinen Korb mit großen, mannshohen und
noch höheren Felsenstücken gefüllt gehabt und dieselben so hingeworfen, daß

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