Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
Gesichtsteilen nur zwei kleine, kluge Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen
Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit dem Ausdrucke schalkhafter List
die »Gifthütte« des Irländers überflogen, während ihr versteckter Blick eigentlich
den zwölf Finders galt.
Die beschriebene Oberpartie ruhte auf einem Körper, der bis auf die Kniee herab
völlig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen Jagdrocke stak, welcher
augenscheinlich für eine bedeutend längere Person angefertigt worden war, aus
Fleck auf Fleck und Flick auf Flick bestand und dem kleinen Männchen das Aussehen
eines Kindes gab, welches sich zum Vergnügen einmal in den Schlafrock des Großvaters
gesteckt hat. Aus dieser mehr als zulänglichen Umhüllung guckten zwei dürre,
sichelkrumme Beinchen hervor, die in ausgefransten Leggins steckten, welche
so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor Jahrzehnten ausgewachsen
haben mußte, und die dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel
gestatteten, in welchen zur Not der Besitzer in voller Person hätte Platz finden
können. Die Füße hatten jene außerordentliche Dimension, von welcher man in
Deutschland zu sagen pflegt: »Mit fünf Schritten über die Rheinbrücke hinüber.«
In der Hand trug dieser Mann eine Flinte, die das Aussehen eines alten Prügels
hatte, der im Walde abgeschnitten worden war. Die Waffen, welche wahrscheinlich
in seinem Gürtel steckten, konnte man nicht sehen, weil der Jagdrock sie verdeckte.
Und sein Pferd? Es war kein Pferd, sondern ein Maultier, aber augenscheinlich
ein so altes, daß die Eltern desselben kurz nach der Sündflut gelebt haben mußten.
Die langen Ohren, mit denen es wie mit Windmühlenflügeln spielte, waren kahl;
eine Mähne gab es wohl schon längst nicht mehr; der Schwanz bestand aus einem
nackten Stummel, an welchem sich zehn oder zwölf Härchen langweilten, und dazu
war das Tier wirklich zum Erschrecken dürr. Aber seine Augen waren hell wie
bei einem jungen Füllen und von einer Lebhaftigkeit, einem Ausdrucke, welche
wenigstens dem Kenner Respekt einzuflößen vermochten.
Derjenige, der ihm nach dem Tische folgte, war nicht weniger ein Original.
Unendlich lang und entsetzlich fleischlos und ausgetrocknet, hing seine knochige
Gestalt weit vornüber, so daß es schien, als gebe es für seine Augen keine andre
Perspektive als diejenige auf seine beiden Füße, welche an zwei Beine gewachsen
waren, deren Längsausdehnung einem angst und bange machen konnte. Über seine
festen, kernigen Jagdschuhe hatte er ein Paar lederne Gamaschen geschnallt,
welche noch ein gutes Stück des Oberschenkels bedeckten; der Leib steckte in
einem eng anliegenden Kamisole, das mittelst eines breiten Gürtels, in und an
welchem neben Messer und Revolver die verschiedensten kleinen Notwendigkeiten
staken und hingen, zusammengehalten wurde; um die breiten, eckigen Schultern
zog sich eine wollene Decke, deren Fäden die ausgedehnteste Erlaubnis hatten,
nach allen Himmelsgegenden auseinander zu laufen, und auf dem kurzgeschorenen
Kopfe saß ein Ding, nicht Tuch, nicht Mütze und auch nicht Hut, dessen Definition
geradezu eine Sache der reinsten Unmöglichkeit war. Auf seiner Schulter hing
eine alte, lange Rifle, die von weitem aus einem an einen Stock befestigten
Wasserschlauch zu bestehen schien.
Der dritte und letzte war ebensolang und dürr, wie dieser zweite, hatte ein
großes, dunkles Tuch turbanartig um den Kopf gewunden und trug eine rote Husarenjacke,
welche sich auf irgend eine unbegreifliche Weise nach dem fernen Westen verirrt
hatte, lange Leinenhose und darüber Wasserstiefel, an welche zwei riesige Sporen
geschnallt waren. In seinem Gürtel steckten zwei Revolver und ein Messer vom
besten Kingfieldstahl; sein Gewehr war eine jener doppelläufigen Kentuckybüchsen,
welche in der Hand ihres Besitzers nie einen Schuß versagen und nie das Ziel
verfehlen. Wollte man in der Physiognomie dieses Mannes nach irgend einer Eigentümlichkeit
suchen, so fiel der sehr breite Mund auf, den er hatte. Die beiden Mundwinkel
schienen eine ganz bedeutende Zuneigung für die Ohrläppchen zu besitzen und
näherten sich denselben auf die zutraulichste Weise. Dabei besaß das Gesicht
den Ausdruck der ehrlichsten Treuherzigkeit; der Besitzer desselben war jedenfalls
ein Mann, in dem kein Falsch gefunden werden konnte.
Diese beiden letzteren waren mit Pferden beritten, die wohl schon viele Strapazen
hinter sich hatten, aber noch weit mehr aushalten konnten.
Als die drei sich niedergesetzt hatten und der Wirt zu ihnen trat und nach
ihren Wünschen fragte, erkundigte sich der Kleine:
»Was gibt’s bei Euch zu trinken?«
»Brandy, Sir,« antwortete der Irländer.
»Gebt drei Gläser, wenn Ihr sonst weiter nichts habt!«
»Was soll es sonst hier geben? Oder wollt ihr vielleicht Champagner trinken?
Ihr seht nicht so aus, als ob ihr ihn bezahlen könntet.«
»Leider, leider, ja,« nickte das Männchen mit bescheidenem Lächeln, »Ihr im
Gegenteile seht mir ganz danach aus, als ob Ihr so einige hunderttausend Flaschen
hier liegen hättet, wie mir scheint.«
Der Wirt entfernte sich, brachte das Verlangte und setzte sich dann wieder
zu den zwölfen hin. Der Kleine setzte das Glas an die Lippen, kostete den Brandy,
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