Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
Freilich wird das Pferd dadurch zuweilen irre, denkt, ich will herunter, und
hält im Laufen an; aber das thut mir nichts, denn sobald ich die Komposition
dann fertig habe, treibe ich es wieder an.«
»Aber dadurch bleiben Sie doch jedenfalls oft zurück!«
»Das kommt freilich vor.«
»Das kann aber höchst gefährlich für Sie werden, Sie unvorsichtiger Mann!«
»Glaube es nicht, Herr Sam!«
»Wenn Sie zurückbleiben und von rotem oder weißem Gesindel überfallen werden,
können wir Sie nicht retten.«
»Mich überfällt kein Gesindel, ich bin gefeit dagegen.«
»Unsinn!«
»Sprechen Sie nicht von Unsinn, lieber Herr Sam! Ich weiß schon, was ich sage.
Haben Sie vielleicht schon einmal gehört, daß ein berühmter Opernkomponist von
irgend welchem Gesindel überfallen worden sei?«
»Nein; ist mir nichts erinnerlich.«
»Da haben Sie es, was ich meine. Als Komponist einer großen Heldenoper und
Selbstdichter des dazu gehörigen Librettos stehe ich unter dem ganz besonderen
Schutze der Musen. Dieselben werden sich hüten, mich zu hohen musikalischen
Gedanken zu begeistern und dann überfallen und töten zu lassen, wobei diese
Gedanken für immer wieder verloren gehen würden. Das wäre ja ganz dieselbe Dummheit,
als wenn der Schuster mir zwei neue Stiefel machte und sie, wenn er sie fertig
hat, in den Ofen steckte, um sie zu vernichten. Oder meinen Sie, die Musen seien
weniger klug, als ein gescheiter Schuster?«
»Kann das nicht sagen; habe noch mit keinem von diesen Frauenzimmern gesprochen
und auch noch keins gesehen. Aber ich kann nicht während der ganzen Nacht hier
bei Ihnen sein und darf auch keinem andern zumuten, stets nur auf Sie aufzupassen;
da Sie nun auf keinen Fall zurückbleiben dürfen, weil wir Feinde hinter uns
haben, so werde ich Sie anbinden, um Ihrer Person ganz sicher zu sein.«
»Anbinden, Herr Hawkens? Woran denn? Etwa an das Pferd?«
»Das würde nichts nützen, da der Gaul auch in diesem Falle stehen bleiben könnte.
Nein, ich meine, daß ich ihn hier an den hintersten Wagen binden werde.«
»Sie halten dieses für praktisch?«
»Sehr! Das Pferd kann nicht stehen bleiben, sondern muß trotz Ihrer Schwingungen
ununterbrochen weiterlaufen. Dabei befinden Sie sich stets allein und ungestört
und können Ihren musikalischen Schöpfungen nachhängen, ohne in denselben unterbrochen
zu werden.«
»Richtig, sehr richtig! Dieser Gedanke ist sehr gut; ich bin Ihnen außerordentlich
dankbar für denselben und werde Ihnen bei der ersten Aufführung meiner Oper
gern ein Freibillet zur Verfügung stellen. Oder wünschen Sie deren zwei?«
»Ich werde darüber nachdenken, Herr Kantor, falls ich zufällig -«
»Bitte, bitte, Herr Kantor emeritus! Ich kann es Ihnen zuschwören, daß es nur
der Vollständigkeit wegen ist.«
»Weiß, weiß! Und ich versichere Ihnen, daß es bei mir nur aus Vergeßlichkeit
geschah.«
Sam zog einen Riemen aus der Satteltasche und band mit demselben den Gaul des
Kantors hinten an den Wagen an. So war für den guten, ununterbrochenen Fortgang
sowohl des Pferdes als auch der Oper gesorgt, und der geniale Komponist brauchte
nicht immerwährend beaufsichtigt und im Auge behalten zu werden.
In langsamem Ochsenschritte ging die Fahrt die ganze Nacht hindurch vor sich,
und so kam es, daß die Reisenden erst zwei Stunden nach Tagesanbruch die Stadt
vor sich liegen sahen, obgleich die Entfernung zwischen San Xavier del Bac und
Tucson eine so kurze ist.
Der Anblick dieser Hauptstadt war ein wenig erfreulicher. Obgleich es noch
so früh am Tage war, strahlte die Sonne doch schon mit einer fast unerträglichen
Glut auf die kahlen Schlammhütten und Mauertrümmer herab. Äußerst häßliche Koyotehunde
bellten und heulten dem Zuge entgegen, und ausgedörrte, in bunte Fetzen gehüllte
Menschengestalten lungerten vor den Thüren und an den Ecken herum und verzerrten
grinsend ihre sonnverbrannten Gesichter, als der letzte Wagen an ihnen vorüberknarrte
und sie den Herrn Emeritus auf dem hinten angebundenen Pferde erblickten. Er
nickte ihnen, ohne ihr Lachen übelzunehmen, freundlich zu; mochten sie seine
Situation für lächerlich halten, ihm war es ganz recht, daß er das Tier nicht
mehr zu lenken brauchte.
Auf Sams Anweisung wurde auf einem freien oder vielmehr vollständig kahlen
Platze angehalten, wo sich bald eine Menge von kläffenden Hunden, schreienden
Kindern und neugierigen Tagedieben einfanden, welche die Wagen umlungerten und
ihre Aufmerksamkeit besonders auf Sam Hawkens und den Kantor richteten, wohl
wegen der sonderbaren Persönlichkeit des ersteren und auch infolge der ungewöhnlichen
Weise, in welcher beide gekleidet waren.
Da die deutschen Auswanderer während ihrer Reise nur wenig Englisch gelernt
und vom Spanischen sich gar nur einige Brocken angeeignet hatten und sich also
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