Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
daß er einen Sohn in Kötzschenbroda bei Direktor Krieger habe. Der Knabe rechtfertigte
die Empfehlungen Old Shatterhands; seine Zensuren lauteten ohne Ausnahme auf
›Eins‹, und als er von dort nach Tharandt ging, gestanden sich seine Lehrer,
daß dieser rote Schüler von keinem der bisherigen weißen übertroffen worden
sei. Übrigens darf man ihn nicht in dem Sinne ›rot‹ nennen, in welchem dieses
Wort gewöhnlich gebraucht zu werden pflegt. Sie kennen ihn und haben also gesehen,
daß seine deutsche Abstammung mütterlicherseits von Einfluß auf die Farbe seines
Haares und seiner Augen gewesen ist. So, das ist das, was Sie über ihn zu wissen
wünschten. Und nun ahne ich auch, auf welche Weise der Försterssohn zu ihm gekommen
ist. Sie sagten ja, daß dieser auch bei Direktor Krieger vorgebildet worden
sei?«
»Ja, sie waren dort Klassenbrüder und sind auch zu gleicher Zeit nach Tharandt
gegangen. Eigentümlich war es, daß der Ruf von Wolfs Oheim gerade zu der Zeit
eintraf, zu welcher der Abgang Schi-Sos beschlossen wurde. Warum hat der letztere
denn eigentlich gerade Tharandt besuchen müssen?«
»Der großen Wälder wegen, welche sein Stamm besitzt. Er soll als späterer Häuptling
die nötigen Kenntnisse besitzen, die Reichtümer, welche in diesen Forsten stecken,
nicht nur zu erhalten, sondern womöglich noch zu vermehren. Man weiß, daß die
Vereinigten Staaten sich durch die schlechteste Forstwirtschaft auszeichnen;
vor den daraus folgenden großen Schäden soll Schi-So einst seinen Stamm bewahren.
Doch weiter! Sie wollten mir doch wohl sagen, welchen Einfluß diese beiden Zöglinge
von Kriegers Institut auf die frühere Leiermüllerin ausgeübt haben, Herr Kantor?«
»Ja; aber zunächst haben Sie doch endlich die Güte, darauf zu achten, daß ich
nicht mehr im Amte bin und daß Sie also der Vollständigkeit wegen Herr Kantor
emeritus zu sagen haben. Ich darf mich nicht mit Federn schmücken, welche ich
längst abgelegt habe, und das immerwährende Weglassen dieses höchst notwendigen
Wortes erregt in mir den sehr begründeten Verdacht, daß Sie mich noch immer
im Amte stehend glauben und an meiner musikalischen Begabung zweifeln, welche
allein mich veranlaßt hat, mich emeritieren zu lassen! Oder lassen Sie diese
lateinische Bezeichnung vielleicht deshalb stets fallen, weil ich Sie nicht
bei Ihrem Namen und vollständigen Titel nenne? Sie müssen bedenken, daß mir
eigentlich noch keins von beiden bekannt ist!«
»Nicht deshalb, sondern nur aus reiner Vergeßlichkeit. Was meinen Namen betrifft,
so hieß ich drüben Samuel Falke, werde aber hier hüben Sam Hawkens genannt.
Es genügt vollständig, wenn Sie einfach Sam zu mir sagen.«
»Das ist nicht höflich genug. Ich will Ihnen also einen Vorschlag machen. Da
Sie früher Samuel Falke waren, es jetzt aber nicht mehr sind, gerade so, wie
ich nicht mehr Kantor bin, so wäre es gewiß ganz richtig und den Umständen gemäß,
wenn ich entweder Samuel emeritus oder auch Falke emeritus zu Ihnen sagte. Welches
von beiden ist Ihnen lieber?«
»Keins. Ein Name ist kein Amt. Nennen Sie mich also Sam oder Hawkens.«
»Schön, ganz wie Sie wollen! Aber warum durften die Finders nicht erfahren,
daß Sie Sam Hawkens sind?«
»Weil ich unter diesem Namen weit bekannt bin. Man hat mir, Dick Stone und
Will Parker den Namen ›das Kleeblatt‹ gegeben, weil wir drei stets beisammen
sind. Man rechnet uns nicht zu den gewöhnlichen Westläufern, sondern zu den
erfahrenen Männern, welche wissen, was sie wollen, und sich weder besiegen noch
betrügen lassen. Ich will die Finders überlisten; dies würde mir aber nicht
gelingen, wenn sie wüßten, wen sie vor sich haben; sie würden entweder ganz
von uns lassen oder doch wenigstens sich so in acht nehmen, daß ich meine Absicht
nicht erreichte. Und es liegt mir doch viel daran, diese Menschen für ehrliche
Leute unschädlich zu machen.«
»Sehr wohl; jetzt weiß ich, woran ich bin, und kann nun wieder nach Tharandt
übergehen. Schi-So und Wolf kamen nämlich von Tharandt oft nach Heimberg herauf,
welches ein vielbesuchter Luftkurort ist, und kehrten in der Leiermühle, später
auch in der Schmiede ein, als die Müllerin den Schmied geheiratet hatte. Sie
waren also mit beiden gut bekannt. Gerade als mich der Hobble-Frank bestimmt
hatte, nach Amerika zu gehen und seine Helden aufzusuchen, kam der Brief des
Onkels und auch die Nachricht, daß Schi-So zu seinem Stamme zurückkehren werde.
Dieser Onkel war ungeheuer reich und wohnte, wie man bald heraus hatte, in der
Nähe der Navachos; das ging rasch im Dorfe herum, welches meist blutarme Einwohner
hat; da fiel es mir denn nicht schwer, einige von ihnen zu vermögen auszuwandern
und mit mir hinüber zu ziehen.«
»Also haben Sie, sozusagen, diese armen Leute verführt!« meinte Sam in vorwurfsvollem
Tone.
»Verführt? Was für ein Ausdruck! Ein Kantor emeritus, welcher tausendmal beim
Gottesdienste die Orgel gespielt hat, gehört halbwegs zur Geistlichkeit, also
zu demjenigen Stande, in welchem man nicht nach Verführern suchen darf. Führer
bin ich ja, aber doch nicht Verführer, denn ich will diese Leute zum Glücke
führen. Ich bin überzeugt, daß der Onkel Wolfs sie sehr gut aufnehmen wird.
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