Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

»Das ist doch der Name des Häuptlingssohnes?«

»Allerdings. Sie sind, wie ich gehört habe, ein Bekannter dieses Häuptlings.
Wissen Sie vielleicht, weshalb dieser seinen Sohn nach Deutschland geschickt
hat?«

»Ja.«

»Das ist mir lieb. Können Sie es mir einmal prima vista vorgeigen, oder ist
vielleicht ein Geheimnis dabei?«

»Es gibt keinen Grund, die Sache geheim zu halten; es ehrt vielmehr den Häuptling
und kennzeichnet ihn als einen Mann, der den Bildungsgrad von seinesgleichen
weit, weit überragt. Nämlich als er noch jung war, überfiel ein feindlicher
Stamm einen Auswandererzug; es wurde alles niedergemetzelt und nur ein Mädchen
verschont und mitgenommen, welches eine Deutsche war. Der Häuptling rettete
sie und brachte sie zu seinem Stamme. Sie sollte sich dort zunächst von ihrem
Unglücke und Leide erholen, und dann wollte er sie nach der nächsten weißen
Ansiedelung bringen. Sie wurde gut gepflegt und noch besser behandelt; ihre
Verwandten waren ermordet worden; sie hatte nirgends Bekannte; die Ansiedelung,
wohin sie gebracht werden sollte, war ihr fremd; es gefiel ihr bei den Navachos,
und sie gewann den Häuptling Nitsas-Ini (großer Donner) lieb, der sie gerettet
hatte - sie blieb und wurde seine Frau. Sie hat es nie zu bereuen gehabt und
lebte außerordentlich glücklich mit ihm.«

»Ist das die Möglichkeit!« rief der Kantor aus. »Ein roter Mensch mit einer
weißen Frau!«

»Ein roter Mensch, sagen Sie? Das klingt wie verächtlich! Ich sage Ihnen, daß
Gott der Vater und Schöpfer aller Menschen ist; die Farbe der Haut macht keinen
Unterschied. Ich habe Indianer kennen gelernt, vor denen sich tausend und hunderttausend
Weiße schämen müßten. Nitsas-Ini war ein solcher. Seine weiße Frau war kein
hochgebildetes Fräulein, sondern ein gewöhnliches Mädchen gewesen, aber als
Deutsche überragte sie doch in jeder Beziehung alle roten Frauen und Mädchen.
Das gereichte dem ganzen Stamme zum Segen. Sie wurde das Vorbild aller Squaws
und Töchter. Es trat ein andrer Ton ein; es bildeten sich andre Formen; ihr
Mann, der Häuptling, war ihr erster und ihr eifrigster Schüler und hatte später
nichts dagegen, daß sie mit den Kindern, die sie ihm schenkte, deutsch sprach,
sie unterrichtete und ihnen Bücher kaufte. Da lernten sie Winnetou, den großen
Apachen kennen; mit ihm kam Old Shatterhand, der berühmte Freund und Beschützer
aller gutgesinnten roten Männer. Sie sahen mit Freuden, was die weiße Squaw
geleistet, welchen Segen sie gestiftet hatte; sie blieben längere Zeit bei dem
Stamme und kehrten oft zu demselben zurück, um dem Werke Festigkeit und Ausbau
zu geben. Nie hat dieser Stamm wieder Krieg geführt, sondern nur, wenn er sich
verteidigen mußte, zu den Waffen gegriffen. Seine Angehörigen sind Freunde der
Weißen, wurden infolgedessen von diesen nie vertrieben, sondern durften ihr
Gebiet behalten, wenn sie sich auch in Beziehung auf die Abgrenzung und Einteilung
desselben nach den vorgeschriebenen Gesetzen richten mußten. Diese Navachos
befinden sich im Besitze fruchtbarer Weideländereien und ungeheurer Wälder;
ihr Reichtum ist von Jahr zu Jahr gewachsen, und so sehnsüchtig die weißen Squatter
und Landfresser nach demselben blicken, es ist für keinen dieser Männer etwas
zu holen. Denn infolge von Old Shatterhands Bemühungen betrachtet die Regierung
der Vereinigten Staaten das Gebiet nicht als Indianerreservation, sondern als
in berechtigten Händen befindliches Privateigentum, dessen Besitzer das Gesetz
gegen jeden Eingriff zu schützen hat. Man könnte sich bewogen fühlen, dieses
Gebiet ein zivilisiertes zu nennen. Der ›große Donner‹ war einsichtig genug,
zu erkennen, daß er für die Zukunft nicht die nötigen Kenntnisse besitze, und
daß sein Nachfolger mehr, viel mehr lernen müsse, als er selbst gelernt hatte.
Er faßte, beeinflußt durch seine kluge weiße Frau, den Entschluß, seinen Erstgeborenen
in eine Schule der Weißen zu schicken. Old Shatterhand kam und stimmte lebhaft
bei. Er war ein Deutscher und die Squaw eine Landsmännin von ihm, und beide
brachten den Häuptling dahin, den Sohn nach Deutschland zu senden, um ihn dort
einer berühmten Erziehungsanstalt anzuvertrauen. Old Shatterhand schlug eine
solche vor, und sein Vorschlag wurde angenommen.«

»Ich weiß, ich weiß,« fiel da der Kantor ein. »Ich kenne diese Anstalt.«

»Wirklich? Nun, welche?«

»Es ist die höhere Lehr- und Erziehungsanstalt, kurz und gut, das berühmte
Institut Direktor Arno Kriegers in Kötzschenbroda bei Dresden.«

»Woher wissen Sie das?«

»Schi-So sagte es mir, und auch Adolf Wolf ist dort für die Tharandter Akademie
vorgebildet worden.«

»So brauche ich nicht viel mehr hinzuzufügen, denn das weitere scheinen Sie
besser zu wissen, als ich es weiß. Old Shatterhand ebnete den Weg zur Aufnahme
in das Institut, und die Häuptlingssquaw brachte dann ihren Sohn hinüber, bei
welcher Gelegenheit sie die große Freude hatte, ihre Heimat wiederzusehen. Später
lernte ich den ›großen Donner‹ kennen und erfuhr zu meinem Erstaunen von ihm,

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