Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

zu den andern zu gehören schien; das waren Persönlichkeiten und Verhältnisse,
welche die Neugierde erwecken mußten. Der Kantor kam der Wißbegierde des Kleinen
entgegen, denn kurze Zeit, nachdem die Wagen sich in Bewegung gesetzt hatten,
begann er das beabsichtigte Gespräch mit der Frage:

»Unsre Frau Rosalie war mit bei diesen Finders. Denen wird sie aber ihre Meinung
gesagt haben, denn sie weiß ihre Zunge zu gebrauchen, wenn sie will. Sie hat
doch jedenfalls mit ihnen gesprochen?«

»Kein Wort.«

»Das sollte mich wundern. Ich habe im Gegenteile geglaubt, daß sie ganz fortissimo
mit ihnen verfahren würde.«

»Spricht sie denn englisch?«

»Nur einige Worte, welche sie sich unterwegs gemerkt hat.«

»Wie können Sie da denken, daß sie mit diesen Leuten reden könne, die nur englisch
oder spanisch verstehen!«

»Sie konnte sich doch eben dieser Worte, welche sie gelernt hat, bedienen.«

»Zehn oder zwölf zufällig aufgeschnappte Ausdrücke reichen zu einer langen
Strafpredigt nicht aus. Übrigens hatte es den Anschein, als ob ihr, als sie
die Finders sah, der Mut zu einer solchen Rede entschwunden sei.«

»Der Mut? Wieso? Diese Burschen haben doch gefesselt am Boden gelegen; da brauchte
sie sich nicht vor ihnen zu fürchten.«

»Zu fürchten gerade nicht; aber trotzdem haben diese wilden Gestalten einen
Eindruck auf sie gemacht, durch welchen sie zum Schweigen veranlaßt worden wäre,
selbst wenn sie englisch hätte sprechen können.«

»Das glauben Sie ja nicht! Frau Rosalie fürchtet sich vor keinem Menschen,
mag er noch so vornehm oder noch so verwegen aussehen. Sie hat Haare auf den
Zähnen und ist gewohnt, daß man ihr den Willen thut.«

»Das habe ich freilich bemerkt. Sie alle hielten ja den Mund, als sie mir widersprach.«

»Ja, das muß man thun, wenn man nicht ein tüchtiges Graupelwetter auf sich
laden will. Dabei aber ist sie seelensgut und, wenn man sie nur reden läßt,
gleich wieder um den kleinen Finger zu wickeln. Widerspruch verträgt sie freilich
nicht.«

»Das ist ein großer Fehler, wenn ich mich nicht irre. Wenn man eine Sache nicht
versteht, muß man Lehre annehmen.«

»O, diese Frau Rosalie versteht vieles und alles!«

»Unsinn! Von den hiesigen Verhältnissen und wie man sich dabei zu verhalten
hat, kann sie gar nichts wissen. Und wenn sich solche Scenen wiederholen, wie
die heutige war, muß sie sehr gewärtig sein, nicht nur tüchtig zurechtgewiesen
zu werden, sondern auch, wenn sie bei ihrem Willen beharrt, die ganze Gesellschaft
in Schaden oder gar Gefahr zu bringen.«

»Auch das dürfen Sie nicht glauben. Selbst wenn sie etwas nicht kennt und versteht,
findet sie sich außerordentlich schnell hinein. Sie haben ja auch gesehen, daß
sie dann einer Ansicht mit Ihnen war. Es ist immer besser, sie laufen zu lassen,
wie sie laufen will, sie kommt doch stets am richtigen Fine an.«

»Wenn Sie so sprechen, scheinen auch Sie einen großen Respekt vor ihr zu haben,
Herr Kantor.«

»Herr Kantor emeritus, wenn ich bitten darf! Es ist ja nur der Vollständigkeit
wegen, weil ich meinen Abschied genommen habe und also nicht mehr im Amte bin.
Ja, ich habe Respekt vor ihr, und sie verdient ihn auch. Sie ist eine tüchtige
und musikalisch gebildete Frau.«

»Aha, musikalisch gebildet, hihihihi! Komponiert sie etwa auch?«

»Nein; aber sie spielt.«

»Was?«

»Ziehharmonika.«

»Alle Wetter, das ist freilich etwas andres! Ziehharmonika! Ein vorzügliches
Instrument, wenn ich mich nicht irre! ja, wenn sie diese spielt, so muß man
Respekt vor ihr haben. Ich habe noch nie von einer Dame gehört, welche Ziehharmonika
spielt.«

»Ich auch nicht; Frau Rosalie ist die erste. Sie hat sich manchen schönen Thaler
damit verdient.«

»Ah, etwa bei einer herumziehenden Damenkapelle gewesen?«

»Nein, zum Tanze aufgespielt.«

»Öffentlich?«

»Ja.«

»Bravo! Ich denke, Sie halten den Tanz für etwas Ordinäres?«

»Das thue ich auch; hier aber lagen die Verhältnisse anders. Frau Rosalie ist
nämlich eine geborene Morgenstern -«

»Das weiß ich; sie hat es mir gesagt.«

»Und heiratete in die Leiermühle bei Heimberg -«

»Verwitwete Leiermüllerin,« nickte Sam Hawkens lächelnd.

»Zur Mühle gehörte eine Schankgerechtigkeit mit kleinem Tanzsaale. Das Geschäft

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar