Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Das sind sie wahrscheinlich.«
»So gehören sie dem Bestohlenen, aber nicht mir.«
»Das ist richtig; aber diese Leute würden die Uhren niemals wieder bekommen.
Wahrscheinlich sind sie ermordet worden und selbst wenn dies nicht wäre, dürfen
Sie ohne Skrupel zugreifen. Es herrschen hier ganz andre Verhältnisse als drüben
in der deutschen Heimat.«
»Aber man hat doch, wenn die rechtmäßigen Eigentümer nicht mehr leben oder
nicht ausfindig gemacht werden können, die Pflicht, solche Gegenstände der Behörde
zu übergeben!«
»Wen meinen Sie hier unter der Bezeichnung Behörde? Kein hiesiger Beamter würde
sich die Mühe geben, nach dem Eigentümer zu forschen, sondern die Uhren einfach
für sich behalten und Sie heimlich auslachen. Stecken Sie dieselben also getrost
ein und falls Sie damit ein Unrecht zu begehen glauben, werde ich die Verantwortung
auf mein Gewissen nehmen.«
»Wenn das so ist, so würde es geradezu Dummheit von mir sein, wenn ich mich
ferner weigern wollte.«
Er schob die Uhren also in die Tasche. Als Buttler dies sah, rief er aus:
»Was soll das heißen? Ich glaube, dieser Mensch will sich an unserm Eigentum
vergreifen. Das soll -«
»Schweig, Schurke!« schnitt ihm Sam in donnerndem Tone die Rede ab. »Er hat
sie als Bezahlung für den getöteten Ochsen betrachtet und ihr könnt froh sein,
wenn dies die ganze Strafe ist, welche ihr für das, was ihr gethan habt und
noch thun wolltet, erleidet. Heute seid ihr einmal an die richtigen Leute gekommen,
an drei Schneider, welche es verstehen, solchen Halunken, wie ihr seid, die
Röcke anzumessen. Wenn euch wieder einmal solche Kleiderhändler begegnen sollten,
so seht euch ja vor, ehe ihr wieder daran denkt, mit ihnen wetten zu wollen!
Übrigens sind wir ganz und gar nicht gewillt, uns in Beziehung auf diese Uhren
der Rechenschaft zu entziehen. Wir fahren von hier nach Tucson und werden morgen
abend an dem dahinter liegenden Knotenpunkte unser Lager aufschlagen. Ihr könnt
uns folgen und uns mit Polizei aufsuchen, welcher wir sehr gern Rede stehen
wollen.«
»Ja, ja, das werden wir thun, ganz gewiß werden wir das thun! Wir kommen in
euer Lager und holen uns wieder, was ihr uns gestohlen habt. Und nun nehmt uns
die Fesseln ab! Das können wir verlangen, da ihr jetzt wohl endlich mit uns
fertig seid.«
»Daß wir Narren wären. Geben wir euch frei, so würdet ihr uns schon heut im
Lager aufsuchen anstatt morgen. Ihr bleibt also so liegen, wie ihr seid. Wenn
es Tag geworden ist, wird wohl jemand kommen, der euch frei macht.«
»So nehmt den Lohn dafür später in der Hölle!«
»Danke, Sir! Und damit ihr nicht etwa einen von uns unberechneten Schaden anrichten
könnt, werden wir euch jetzt eure Munition nehmen. Ihr könnt sie euch morgen
mit den Uhren wieder holen. Es wird euch bis dahin alles ehrlich aufgehoben
werden.«
Hawkens, Stone und Parker entluden die Gewehre und nahmen alle vorhandenen
Patronen oder Kugeln und das Pulver an sich, worüber die Finders in außerordentlichen
Zorn gerieten.
Frau Ebersbach war während der ganzen Scene stille Zuschauerin gewesen. Sie
verstand nicht, was gesprochen wurde, konnte sich aber dennoch alles leicht
erklären. Und noch einen andern stummen Zuschauer gab es - Mary, das Maultier
Sams, welches seinem Herrn auch jetzt wieder gefolgt war, mit dem Vorderleibe
im Hause stand und alle Bewegungen seines Herrn mit großer Aufmerksamkeit verfolgte.
Als man mit den Finders zu Ende war, wurde die Schänke verlassen und die Thür
von außen zugemacht und mit einem schweren Steine angedrückt; dann marschierten
die fünf Personen nach dem Lager. Mary trabte gemütlich hinterdrein. Sie war
gewohnt, ihrem Herrn wie ein treuer Hund auf Schritt und Tritt zu folgen, wenn
er ihr nicht durch ein bestimmtes Zeichen zu verstehen gegeben hatte, daß sie
an Ort und Stelle zu bleiben habe.
Während ihrer Abwesenheit waren alle Vorbereitungen getroffen worden, so daß
jetzt sofort aufgebrochen werden konnte. Der Führer ritt voran, mit ihm die
beiden Jünglinge, denen es von Interesse war, nächtlich an der Spitze dieses
einsamen Zuges zu reiten. Dann folgten die Wagen, von Dick Stone und Will Parker
geleitet, während Sam Hawkens mit dem Kantor hinten folgte. Er hatte sich mit
Absicht diesen Begleiter auserwählt, da er glaubte, von diesem am besten über
die Verhältnisse der Personen, welche diese kleine Karawane bildeten, unterrichtet
werden zu können. Eigenartig, sehr eigenartig mußten diese Verhältnisse sein;
das sagte er sich nach dem, was er bis jetzt davon gesehen und erfahren hatte.
Der originelle musikalische Kantor; diese Frau Rosalie Ebersbach, vor welcher
alle so bedeutenden Respekt zu haben schienen und die ihm, dem erfahrenen Westmanne,
so absprechend entgegengetreten war; der Sohn des Indianerhäuptlings, welcher
aus Deutschland kam; der junge Deutsche, welcher dessen Freund zu sein und nicht
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