Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

Er wollte weiter sprechen; sie aber fiel ihm schnell in die Rede:

»I was Se nich sagen! Eene Ausnahme! Als ob ich mer das gefallen ließe! Da
kennen Se mich schlecht! Was gucken Se mich denn so an? Se brauchen keen solches
Gesicht zu machen. Wissen Se, ich bin’s, nach der man sich hier zu richten hat,
ich; verschtehn Se mich? Wer hat denn die ganzen Kosten bezahlt? Für die Überfahrt
und nachher ooch für den Landweg bis hierher? Und wer wird noch weiter herborgen
müssen? Ich! Ich bin’s Kapital! jetzt wissen Se alles, und nun woll’n mer wieder
schlafen gehn!«

Wieder sagte keiner der Männer ein Wort dagegen, selbst Schmidt nicht, der
doch der Anführer zu sein schien und vor Abend gegen Sam so kräftig aufgetreten
war. Darum stand dieser letztere vom Feuer, an welchem er gesessen hatte, auf
und sprach in gleichgültigem Tone:

»Ganz wie Sie wollen. Sagen wir also gute Nacht, wenn ich mich nicht irre.
Es ist das letzte Mal, daß Sie es thun, denn ich bin überzeugt, daß der heutige
Schlaf Ihr letzter ist, hihihi!«

Er wendete sich zum Gehen; da stand die Frau auch schnell auf, hielt ihn am
Arme fest und fragte:

»Unser letzter Schlaf? Wie meenen Se das, Sie kleenes Männchen Sie?«

Sie war allerdings, als sie so neben ihm stand, um einen Kopf länger als er.
Er that, als hätte er diese Bezeichnung nicht gehört, und antwortete:

»Ich meine, daß Sie früh nicht wieder aufwachen werden.«

»Warum denn nich?«

»Weil Sie tot sein werden.«

»Tot? Das fällt mir gar nich ein! Frau Rosalie Eberschbach schtirbt noch lange
nich!«

»Glauben Sie, daß die zwölf Vagabunden, mit denen Sie es zu thun haben, gesonnen
sein werden, sich nach Frau Rosalie Ebersbach zu richten?«

»Die können uns nischt thun; die sind gefangen und gebunden, wie Sie uns erzählt
haben.«

»Sie werden sich aber frei machen und über Sie herfallen, sobald ich mich mit
meinen beiden Kameraden aus der Schenke entfernt habe.«

»Sie wollen sich entfernen, wollen fort?«

»Natürlich!«

»Wohin?«

»Nach Tucson.«

»Warum aber denn? Es is doch eegentlich Ihre Pflicht, diese Gefangenen zu bewachen,
bis wir uns in Sicherheet befinden! Was soll ich denn von Ihnen denken, wenn
Sie uns im Schtiche lassen und von hier verschwinden wie Butter an der Sonne!«

»Denken Sie, was Sie wollen!«

»Schöne Rede das, sehr schöne Rede! Haben Se denn noch nich gehört, daß Männer
gegen Damen uffmerksam zu sein und sie zu beschützen haben? Und Frau Rosalie
Eberschbach is eene Dame, verschtanden!«

»Ganz richtig; aber wer sich unter meinen Schutz begibt, der hat sich nach
mir zu richten. Auch verstanden? Sie sollen überfallen werden. Geschieht das
hier, nachdem Sie sich wieder schlafen gelegt haben, so sind Sie verloren. Geschieht
es nicht, so können wir nichts beweisen. Um den Beweis zu führen, müssen wir
nach Tucson, wo ich den Kommandanten ersuchen will, uns ein Detachement Soldaten
zur Hilfe zu geben. Dann sind wir den Finders auch an Zahl so überlegen, daß
wir sie ergreifen können, ohne daß es zum Schusse kommt und einer von uns verwundet
wird. Darum müssen wir sofort aufbrechen, um schon am Morgen in Tucson zu sein
und die Falle, welche wir den Finders stellen wollen, fertig zu haben, ehe sie
dieselbe bemerken. Können Sie das begreifen, Frau Ebersbach, geborene Leiermüller?«

»Warum haben Se das nich gleich gesagt?« fragte sie in ganz anderm Tone. »Übrigens
bin ich als Leiermüllern verwitwet, nich aber geboren. Wenn Sie so vernünftig
mit mir reden wie eben itzt, bin ich ooch vernünftig. Ich bin nämlich ooch nich
uff den Kopp gefallen; das können Sie sich merken. Also wollen wir die Ochsen
anschpannen und uns zum Weiterfahren fertig machen. Aber daß nur Schmidt mit
Ihnen gehen soll, daraus wird nischt. Ich will mer diese Kerls ooch ansehen.
Warten Se een bißchen; ich will mer eene Flinte holen.«

Sie ging zu ihrem Wagen, in welchem sich das Gewehr befand. Als sie mit demselben
zurückkehrte, wurde sie von ihrem Manne gebeten:

»Bleib da, Rosalie! Das ist nichts für Frauen. Ich werde an deiner Stelle mitgehen.«

»Du?« antwortete sie. »Du wärscht der Kerl dazu! Schpiel dich nur nich etwa
als Mann und Helden uff ; du weeßt, daß ich das een für allemal nich leiden
kann. Du bleibst also und wartest, bis ich wiederkomme!«

Sie wendete sich zu Sam, welcher, leise vor sich hinkichernd, mit ihr und Schmidt
nach dem Dorfe ging. Als sie die Schenke erreichten und in dieselbe traten,
waren die Finders infolge der drückenden Fesseln aus ihrem betäubenden Rausche
erwacht, und Buttler sprach eben zornig auf Stone und Parker ein.

»Was will der Mann?« fragte Sam Hawkens die beiden.

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