Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

vorhin auch gefragt, ob ich ein Gehirn im Kopfe habe. Werde Ihnen erklären,
daß kein Widersinn vorhanden ist. Wir haben jetzt keine Beweise, sondern nur
Vermutungen; müssen also nach Beweisen fischen. Lassen wir die Kerls jetzt laufen,
so überfallen sie Ihren Wagenzug, und wir nehmen sie beim Schopfe; dann besitzen
wir den Beweis, der ihnen an den Kragen gehen wird, wenn ich mich nicht irre.«

»Wie? Überfallen sollen wir uns lassen?«

»Ja, freilich.«

»Da begeben wir uns aber doch in eine Gefahr, in welcher wir umkommen können!«

»Denke nicht daran! Kommt ganz darauf an, wo man das Pferd aufzäumt, ob beim
Kopfe oder beim Schwanze. Verlassen Sie sich nur auf mich! Sam Hawkens, dieses
alte Coon, wird schon eine List ausfindig machen, in welcher diese Finders stecken
bleiben müssen. Werden noch weiter darüber sprechen. Muß mich auch mit Dick
Stone und Will Parker bereden. Die Hauptsache ist jetzt zunächst die Erfüllung
meines Versprechens: Schadenersatz für den gestohlenen und getöteten Ochsen.
Wollen Sie ihn sich jetzt holen?«

»Wenn ich ihn bekommen kann, sofort. Nur fragt es sich, ob die Finders die
ganze Summe bezahlen werden.«

»Warum sollten sie nicht?«

»Weil sie nur die Lende genommen und wir uns das andere zurückgeholt haben,
um es selbst zu verzehren.«

»Bleibt sich gleich; der Ochse ist tot und muß bezahlt werden. Also kommen
Sie jetzt, sich den Ersatz zu holen! Aber hüten Sie sich dabei, mich bei meinem
hiesigen Namen Sam Hawkens zu nennen! Ich habe meine guten Gründe, diesen Menschen
denselben noch nicht wissen zu lassen.«

»Wer von uns soll alles mit nach dem Dorfe gehen?«

»Nur Sie allein, Master Schmidt; mehr brauchen wir nicht. Die andern mögen
hier bleiben, sich zum Aufbruche rüsten und die Ochsen an die Wagen spannen,
damit Ihr Zug nach unsrer Rückkehr sofort nach Tucson aufbrechen kann.«

»Jetzt schon, noch während der Nacht? Wir müssen doch ausruhen und wollten
erst am Morgen fort.«

»Das wird nun nicht möglich sein. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, müssen
Sie unbedingt auf die fernere Nachtruhe verzichten.«

Da ertönte von dort, wo die Frauen sich befanden, eine tiefe kräftige Baßstimme
im ausgesprochensten sächsischen Dialekte.

»Hörn Se, daraus wird nischt! Der Mensch will seine ordentliche Ruhe haben
und das Vieh ooch. Es wird also hier geblieben!«

Sam blickte die Sprecherin verwundert an. Einen Einspruch von weiblicher Seite,
und noch dazu in diesem Tone, hatte er nicht erwartet. Sie war eine starkknochige
Gestalt von sehr männlichem, resolutem Aussehen. Hätte das Feuer heller gebrannt,
oder wäre es Tag gewesen, so würde der Kleine bemerkt haben, daß unter ihrer
scharf gebauten Nase sich eine dunkle Linie hinzog, welche man beim besten Willen
doch nicht anders als einen Schnurrbart nennen konnte.

»Ja, gucken Sie nur immer her!« fuhr sie fort, als sie den befremdeten Blick
des Westmannes auf sich gerichtet sah. »Es wird nich andersch. Bei Tage wird
gefahren und bei Nacht geschlafen. Da könnte jeder kommen und unsre Ordnung
über den Haufen werfen!«

»Aber mein Vorschlag zielt nur auf Ihre Sicherheit, auf Ihren Vorteil hin,
liebe Frau,« antwortete Sam.

»Das machen Sie mir nich weiß!« entgegnete sie wegwerfend. »Een ordentlicher
Mensch treibt sich nich so mitten in der Nacht und bei solcher Finsterheet in
Amerika herum. ja, wenn’s derheeme wär, da ließ ich mersch gefallen; aber in
fremden Erdteelen wartet man hübsch ruhig, bis es Tag geworden is. Verschtehen
Se mich?«

»Freilich verstehe ich Sie, liebe Frau; aber ich denke, -«

»Liebe Frau?« unterbrach sie ihn. »Ich bin gar nich Ihre liebe Frau! Wissen
Se, wer ich eegentlich bin und wie ich heeße?«

»Natürlich sind Sie die Gattin eines dieser vier Gentlemen.«

»Gentlemen! Reden Se doch deutsch, wenn Se eene deutsche Frau vor sich haben!
Ich bin die Frau Eberschbach, geborene Morgenschtern und verwitwete Leiermüllern.
Der da« - - - dabei deutete sie auf einen der drei jüngeren Auswanderer - -
»is mein gegenwärtiger Gemahl und Ehemann, Herr Schmiedemeester Ebersbach; so
wird’s nämlich geschrieben, gesprochen aber Eberschbach. Und daß Sie’s gleich
von vorn’rein wissen, er tanzt nich etwa so, wie Sie pfeifen, sondern er hat
sich nach mir zu richten, weil ich elf Jahre älter bin und also mehr Verschtand
und Erfahrung haben muß als er. Ich bleibe hier und er folglich ooch. Bei nachtschlafender
Zeit wird nich in der Welt herumgefahren.«

Da keiner der Emigranten eine Entgegnung aussprach, so ließ Sam Hawkens seine
lebhaften Äuglein lustig im Kreise herumgehen und meinte dann:

»Wenn die Herren gewohnt sind, dieser sehr energischen Lady zu gehorchen, so
kann ich allerdings nur bitten, wenigstens für dieses Mal eine Ausnahme zu machen.«

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