Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Unterwegs, da hinten im Thale von Santa Cruz. Notabene, dieser Ochse gehört
zu einem Wagenzuge, dem wir begegnet, oder vielmehr, an dem wir vorübergeritten
sind.«
»Ein Wagenzug? Vielleicht Emigranten?«
»Wahrscheinlich; vier Wagen, jeder mit vier Ochsen bespannt.«
»Wieviel Menschen?«
»Weiß ich nicht genau. Es waren nebst den Ochsenlenkern noch einige Reiter
bei den Wagen. Wieviel Personen im Innern saßen, konnte ich nicht sehen.«
»Aber gesprochen habt ihr doch mit ihnen?«
»Ja. Sie wollen über den Colorado hinüber und werden heut nacht hier Rast halten.«
»Hier? Hm! Hoffentlich geschieht nichts, was unsern guten Ort in Verruf bringen
könnte, Sir!«
Er machte bei diesen Worten eine nicht mißzuverstehende Gebärde.
»Keine Sorge!« antwortete Buttler. »Wir wissen unsre Freunde zu schonen. Freilich,
der Wagenzug muß unser werden, aber erst, wenn er sich jenseits Tucson befindet.
Hier werden wir uns bloß einen Ochsen holen, weil wir Fleisch brauchen.«
»Mit der Absicht etwa, ihn zu bezahlen? Es wird diesen Leuten nicht einfallen,
ein Zugtier zu verkaufen.«
»Unsinn! Was fällt dir ein, Paddy! Wir nehmen wohl, aber wir bezahlen nie;
das weißt du ja. Wenn wir bei dir einkehren, ist es freilich anders. Du bist
unser Hehler, und dich bezahlen wir nicht bloß, sondern wir lassen uns sogar
von dir betrügen. Übrigens werden uns diese Leute nicht viel Widerstand leisten.
Es gab da vier Ochsentreiber, die wir kaum rechnen, zwei Knaben zu Pferde und
den Scout(Pfadfinder”>, den sich die Emigranten gemietet haben. Dieser
letztere allein ist zu fürchten, doch werden wir zwölf schnell mit ihm fertig
werden. Er bekommt die erste Kugel. Wer in den Wagen saß, weiß ich nicht, wie
bereits gesagt; aber wer so weichlich ist, sich unter die Plane zu stecken,
von dem haben wir keine ernste Gegenwehr zu erwarten. Dann ritt noch so eine
Figur hinterdrein, von der ich wahrlich nicht zu sagen vermag, ob sie eine männliche
oder eine weibliche gewesen ist, obgleich sie ein Gewehr überhängen hatte und
unter dem Mantel sogar einen Säbel zu tragen schien. Ich redete auch diese Gestalt
an, bekam aber eine höchst kurze Antwort, die ich nicht verstand. Wenn ich mich
nicht irre, ist es Deutsch gewesen.«
»Welch ein Blödsinn! Wer hier einen Säbel trägt, der ist verrückt und jedenfalls
nicht zu fürchten. Ihr werdet also diesen Zug überfallen?«
»Gewiß.«
»Dann hoffe ich, daß ihr mich bei dem Geschäft beteiligen werdet!«
»Natürlich. Die Bedingungen sollst du sofort hören.«
Da jetzt die alte Negerin aus der Hütte trat, um die Gäste zu bedienen, steckten
die beiden die Köpfe zusammen, um ihr Gespräch leise fortzusetzen. Die andern
elf hatten auf dasselbe wenig geachtet und sich miteinander in überlauter Weise
unterhalten, wobei sie dem Brandy so fleißig zusprachen, daß die leer gewordenen
Flaschen bald mit vollen vertauscht werden mußten. Die Indianer des Ortes, welche
währenddem ihren Beschäftigungen nachzugehen hatten, machten ziemliche Umwege,
um nicht an der Schnapsbude vorüber zu kommen. Sie fürchteten sich vor den lärmenden
Weißen, von denen ihnen die Erfahrung sagte, daß sie besser fern von denselben
blieben.
Und dazu hatten sie allen Grund. Der Irländer hatte die zwölf Reiter mit dem
Namen »the Finders« bezeichnet. So wurde eine überall gefürchtete Gesellschaft
von Freibeutern genannt, die sich seit längerer Zeit im südlichen Arizona berüchtigt
gemacht hatte. Sie tauchte bald hier, bald dort, oft geteilt und an verschiedenen
Orten zu gleicher Zeit auf und entwickelte, da ihre Mitglieder sehr gut beritten
waren, in Beziehung auf die Ortsveränderung eine solche Schnelligkeit, daß es
noch niemand, selbst den Vigilanzmännern nicht, gelungen war, einem von ihnen
beizukommen. Finder ist gleichbedeutend mit dem gleichlautenden deutschen Worte
Finder, war hier aber wohl mit »die Findigen« zu übersetzen, weil ihnen nicht
leicht eine Beute zu entgehen vermochte.
Plötzlich verstummte der Lärm vor der Schenkhütte, und aller Augen richteten
sich verwundert auf drei neue Ankömmlinge, welche auf dem Platze erschienen.
Das Aussehen dieser drei Männer berechtigte allerdings einen jeden, der sie
zum erstenmal sah, verwundert zu sein. Sie waren von ihren Tieren gesprungen
und gingen nach einem leerstehenden Tische, ohne, wie es den Anschein hatte,
die anwesende Gesellschaft zu beachten.
Der vorderste von ihnen war ein kleines, sehr dickes Kerlchen. Unter der wehmütig
herabhängenden Krempe eines Filzhutes, dessen Farbe, Alter und Gestalt selbst
dem schärfsten Denker ein nicht geringes Kopfzerbrechen verursacht haben würde,
blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine
Nase hervor, welche von fast erschreckenden Dimensionen war und jeder beliebigen
Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. Infolge des gewaltsamen Bartwuchses
waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den andern
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