Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

die Schläfer wach geworden; sie kamen herbei, um zu fragen, wer gekommen sei;
sie konnten Sam nicht sehen, weil das Feuer verloschen war. Er wurde von Schmidt
ganz anders empfangen als beim ersten Male und erteilte die Weisung, daß es
wieder angebrannt werden solle. Als das Feuer den Platz beleuchtete, verlangte
er zunächst, die Namen der Anwesenden kennen zu lernen. Schi-So stellte ihm
die Personen vor. Die drei jüngeren, aber auch verheirateten Auswanderer hießen
Strauch, Ebersbach und Uhlmann; Schi-So’s junger Freund wurde Adolf Wolf genannt.
Mehr wollte Sam nicht wissen; er meinte, das Nähere könne er später erfahren,
und jetzt müsse man sich zunächst mit der Gegenwart beschäftigen. Die Frauen
und Kinder, unter denen keine kleinen waren, kamen auch herbei; der Scout konnte
selbstverständlich nicht fern bleiben, und so waren alle beisammen, als Sam
in seiner eigenartigen Weise von seinem heutigen Zusammentreffen mit den Finders
zu erzählen begann. Außer dem jungen, blonden Indianer hatte ihn bisher keiner
der Anwesenden gekannt. Als sie hörten, in welcher Weise er die Wetten gewonnen
und dann die Finders in den Schlaf getrunken und dann sich ihrer Personen versichert
hatte, erkannten sie trotz der Einfachheit und Bescheidenheit seiner Darstellungsweise,
daß dieses kleine, sonderbare Männchen keineswegs ein gewöhnlicher Westläufer
oder gar Herumstreicher sei. Das fühlte auch der alte Schmidt; darum streckte
er ihm, als die Erzählung zu Ende war, die Hand entgegen und sagte in entschuldigendem
Tone:

»Ich sehe ein, daß ich Sie um Verzeihung bitten muß; ich habe Sie verkannt.
Hoffentlich tragen Sie es mir nicht nach?«

»Werde mich hüten!« lachte der Kleine. »Habe an mir selbst genug zu tragen
und werde mich also nicht auch noch mit andrer Leute Fehler schleppen. Der Hanswurst
ist vergeben und soll auch vergessen sein, wenn ich mich nicht irre.«

»Sie behaupten also, daß diese zwölf Personen die Finders sind?«

»Ja.«

»Daß Sie mit Stone und Parker ermordet werden sollten?«

»Ja.«

»Und daß diese Spitzbuben auch uns überfallen und ausrauben wollten?«

»Auch das.«

»So liegen Gründe genug vor, sie alle um den Hals oder wenigstens in das Zuchthaus
zu bringen. Wir werden sie also während dieser Nacht bewachen und morgen dann
der Behörde übergeben.«

»Nein, das werden wir nicht.«

»Was denn?«

»Sie laufen lassen.«

»Laufen lassen? Solche Verbrecher, denen Sie soeben mit heiler Haut entgangen
sind? Haben Sie ein Gehirn im Kopfe?«

»Vielleicht steckt’s drin; in den Stiefeln wenigstens habe ich es nicht, Master
Schmidt. Man merkt es wohl, daß Sie eben jetzt von drüben herüberkommen und
noch fremd im Lande sind. Wenn Euch drüben jemand einen Schafskopf nennt, so
schleppt Ihr ihn schnell vor den Richter; hier aber macht man das anders. Selbst
ist der Mann! Welche Behörde meinen Sie? Wo gibt es eine? Und wenn, hat sie
auch die nötige Gewalt? Kann ich beweisen, was ich behaupte?«

»Ich denke doch!«

»Nein. Ich halte diese Männer für die Finders, weil sie ihrer zwölf sind und
einer von ihnen Buttler heißt. Ist das vor dem Richter ein Beweis? Ich behaupte,
daß man uns ermorden wollte, denn ein total Betrunkener hat es geschwatzt. Ich
sage Ihnen, daß Sie überfallen werden sollen, denn ich vermute es. Was wird
der Richter dazu meinen? Und wenn er die Anzeige annimmt und die Finders einsperrt,
so haben wir Aufenthalt und eine Menge Scherereien, daß wir himmelblau vor Ärger
werden.«

»Nun wohl! Sie sagten: Selbst ist der Mann. Bilden wir also selbst ein Gericht.
Wir verurteilen die Spitzbuben zum Tode und geben jedem von ihnen eine Kugel.«

»Soll mich Gott behüten! Ich bin kein Mörder. Nur in direkter Verteidigung
meines Lebens bin ich im stande, Menschenblut zu vergießen.«

»Also wollen Sie sie wirklich entlaufen lassen?«

»Ja.«

»Und sie sollen keine Strafe bekommen?«

»Doch! Grad deshalb, weil sie bestraft werden sollen, will ich sie laufen lassen.«

»Herr, das ist ja gar nicht möglich; das ist widersinnig! Wollen Sie mich etwa
foppen?«

»Habe keine Lust dazu. Würde keine Ehre einbringen, einen Neuling zu foppen.
Widersinnig, sagen Sie? Master Schmidt, die Sache hat den besten Sinn, den es
geben kann, wenn ich mich nicht irre. Es gehört dazu nichts weiter als ein wenig
Grütze im Kopfe. Haben Sie welche drin, hihihihi?«

»Herr, Ihr werdet beleidigend!« brauste Schmidt auf, der trotz seines vorhin
gegebenen Versprechens sein Temperament nicht bezähmen konnte.

»Beleidigend? Nein. Spreche nur stets so, wie mit mir geredet wird. Haben mich

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar