Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

Sam hatte dem Anführer sehr fleißig zugetrunken, und dieser bekam einen solchen
Rausch, daß er den Kopf in die Hände und die Ellenbogen auf die Tafel stemmen
mußte, um ihn zu halten. Er merkte sehr wohl, daß der Wein ihn übermannen wolle,
und gedachte, sich keine Blöße vor seinen Leuten geben zu dürfen. Darum blinzelte
er ihnen verstohlen, wie er meinte, zu; sie sollten denken, daß er sich bloß
verstelle. Die ganz natürliche Folge davon war, daß sie glaubten, sich denselben
Anschein geben zu sollen, dies war ihnen außerordentlich lieb, und so trat in
der erst so lauten und beweglichen Gesellschaft bald die größte Ruhe und Stille
ein.

Da stand Hawkens auf, um die Krüge zu füllen. So lange noch ein Tropfen in
dem Fasse war, weckte er bald den einen, bald den andern auf, um ihn zum Trinken
zu nötigen.

Endlich war das Faß leer und die Finders schliefen alle einen tiefen, tiefen
Schlaf, aber nicht den der Gerechten. Sam machte die Probe, indem er einige
von ihnen weckte. Sie lallten, ohne zur richtigen Besinnung zu gelangen, unverständliches
Zeug und fielen wieder zusammen. Einer von ihnen stierte mit leblosen Augen
vor sich hin und fragte:

»Sind sie nun endlich betrunken, Buttler?«

»Ja, ganz und gar,« antwortete Sam.

»Dann hinaus mit ihnen und das Messer zwischen die Rippen; dann teilen wir
das Geld und scharren sie ein.«

Und als Sam nichts dazu sagte, fuhr er mit Iallender Zunge fort:

»Was redest du nicht? Willst du sie etwa laufen lassen? Das geht nicht; ihr
Tod ist beschlossen. Soll ich — mit — meinem –Messer–anfangen?«

»Ja,« sagte Hawkens.

»Dann - - nehme ich - - den kleinen - - Di - - Di - - Dicken und - - -«

Er griff mit der Hand nach dem Gürtel, um sein Messer zu ziehen, stand auf,
konnte sich aber nicht halten und glitt auf den Boden nieder, wo er ohne Besinnung
liegen blieb.

»Da haben wir es gehört,« flüsterte Dick Stone. »Ermordet sollen wir werden,
und nachdem man uns ausgeraubt hat, will man uns verscharren. Du hattest mit
deiner Vermutung also das Richtige getroffen, alter Sam. Was thun wir nun?«

»Das Einfachste: wir fesseln sie. Riemen und Schnüre wird es wohl im Hause
geben.«

Ja, es gab deren genug, und bald hatten die Drei die Finders nicht nur, sondern
auch den Wirt und die alte Negerin, welche auch schwer betrunken war, an Händen
und Füßen gefesselt. Nun ließ Sam seine beiden Genossen als Wächter zurück und
ging nach dem Lagerplatze der deutschen Emigranten. Als er sich demselben näherte,
hörte er eine jugendliche Stimme rufen:

»Who is there? I shoot - wer ist da? Ich schieße!«

»Sam Hawkens ist’s,« antwortete er.

»Schon? Das ist prächtig! Tretet näher, Sir! Daß Ihr so bald kommt, ist ein
gutes Zeichen, wie ich vermute?«

»Kann auch ein schlimmes sein. Wie nun, wenn ich hätte fliehen müssen?«

»Dann wären Eure beiden Gefährten bei Euch. Ohne die flieht Ihr gewiß nicht;
also meine ich, weil sie im Dorfe geblieben sind, daß es dort gut stehe. Kommt
herein, Sir; steigt über diese Wagendeichsel!«

»Bin zu klein dazu; will lieber drunterweg kriechen.«

Sam bemerkte, daß man mit den Wagen ein Viereck gebildet und die Tiere in dasselbe
getrieben hatte. Sein Rat war also befolgt worden, doch leider erst dann, als
man durch Schaden klug geworden war. Der, welcher die Wache gehabt und ihn angerufen
hatte, streckte ihm die Hand zum Gruße entgegen. Es war Schi-So, der Indianerhäuptlingssohn.
Er hatte im reinsten Englisch gesprochen. Jetzt fragte ihn Sam:

»Hoffentlich sprechen Sie deutsch, junger Freund, da Sie sechs Jahre in Deutschland
gewesen sind?«

»Ziemlich gut.«

»So lassen Sie uns die Schläfer wecken und deutsch sprechen, da sie Deutsche
sind. Doch horch! Wer kommt da?«

Sie horchten in die Nacht hinaus. Man hörte Pferdegetrappel vom Dorfe her.

»Ein Reiter ist’s, ein einzelner,« flüsterte Schi-So. »Wer mag das sein?«

»Es ist kein Reiter; diesen Hufschlag kenne ich sehr genau. Es ist meine alte,
gute Mary, welche mir nachgelaufen kommt. Sie kennen sie von früher her?«

»Ja, ich kenne sie. Aber bitte, sagen Sie nicht Sie, sondern Du zu mir! Ich
bin Indsman und will ein solcher bleiben und den Gewohnheiten meines Stammes
nicht untreu werden.«

»Recht so, mein junge! Bist also da drüben nicht stolz geworden? Da wird der
alte Sam dich lieb behalten. Hast mir viel zu erzählen, doch ist jetzt nicht
die Zeit dazu; müssen es für später aufheben.«

Das Maultier kam bis an die Wagendeichsel heran, an welcher Sam noch immer
stand, und rieb den Kopf an seiner Schulter. Durch das laute Sprechen waren

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