Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

wegen stets geraten ist, eine sogenannte Wagenburg zu bilden. Die Insassen waren
ausgestiegen und bewegten sich in geschäftiger Weise auf dem Platze umher. Zwei
Frauen suchten nach dornigem Akaziengestrüpp, dem einzigen Holze, das es hier
zu einem Feuer gab; zwei andre hantierten mit Töpfen, in denen das Essen gekocht
werden sollte; einige Kinder halfen dabei. Zwei Männer schafften in Eimern Wasser
herbei; ein dritter untersuchte die Wagenräder; diese drei waren noch ziemlich
jung. Ein vierter, welcher gewiß die Fünfzig überschritten hatte, aber noch
bei vollen Manneskräften und sehr robust und stark gebaut war, stand inmitten
dieses Treibens, um dasselbe zu bewachen und von Zeit zu Zeit mit heller Stimme
und in kurzen Worten einen Befehl auszusprechen. Er schien also der Anführer
dieser Auswanderer zu sein. Als er die beiden Ankömmlinge bemerkte, rief er
dem einen derselben entgegen.

»Wo bleiben Sie denn nun wieder einmal, Herr Kantor? Man ist in steter Sorge
um Sie und - -«

»Bitte, bitte, Herr Schmidt,« unterbrach ihn der Angeredete; »Herr Kantor emeritus,
wie ich Ihnen schon hundertmal gesagt habe. Es ist wahrhaftig nur der Vollständigkeit
wegen und weil ich mir kein Amt anmaßen darf, welches ich nicht mehr bekleide.«

Dabei hielt er sein Pferd an und stieg von demselben herunter, aber wie! Er
nahm erst das rechte Bein empor, um links herunter zu kommen; das schien ihm
aber zu gefährlich zu sein; darum zog er nun den linken Fuß aus dem Bügel, um
zu versuchen, rechts auf die Erde zu kommen, was für ihn aber wahrscheinlich
ebenso bedenklich war. Darum stemmte er beide Hände auf den Sattelknopf, lüpfte
sich empor und schob sich nach hinten, so daß er auf die Kruppe des Pferdes
zu sitzen kam. Von da aus retirierte er langsam immer weiter rückwärts und rutschte
endlich beim Schwanze herunter. Das Tier war lammfromm und ermüdet und ließ
diese sehr seltsame und lächerliche Prozedur ruhig vor sich gehen. Die Emigranten
hatten diesem »Abrutsche« schon sehr oft beigewohnt, weshalb er auf sie keinen
Eindruck machte; dem guten Sam Hawkens aber war so etwas noch nicht vorgekommen,
und so mußte er sich große Mühe geben, nicht laut aufzulachen.

»Ach was, Emeritus!« antwortete Schmidt in kräftiger Weise, die ihm eigen zu
sein schien. »Für uns sind Sie noch immer der Herr Kantor. Haben Sie sich emeritieren
lassen, so ist das Ihre Sache, aber kein Grund für uns, dieses ewige Fremdwort
immer wiederzukauen. Warum bleiben Sie immer zurück? Man hat nur stets auf Sie
aufzupassen!«

»Piano, piano, lieber Schmidt! Ich höre Sie sehr gut, auch wenn Sie nicht so
schreien. Es kam mir ein musikalischer Gedanke. Ich glaube nämlich, daß man
bei einer Ouverture, wenn das Cello im Orchester fehlt, die Stimme desselben
auch der dritten Trompete übergeben kann. Nicht?«

»Übergeben Sie sie meinetwegen der großen Paukentrommel! Ich weiß wohl, daß
ein Wagen geschmiert werden muß, wenn er gut laufen soll, aber nicht, was in
einer Ouverture getrompetet werden muß. Was haben Sie uns denn da für einen
Hanswurst mitgebracht?«

Bei diesen Worten deutete er auf Sam Hawkens. Der Kantor antwortete, ohne ihm
das kräftige und wohl auch beleidigende Wort zu verweisen:

»Dieser Herr ist - - ist - - heißt - - hm, das weiß ich selbst noch nicht.
Ich traf ihn im Dorfe und fragte ihn nach Ihnen; da ist er so freundlich gewesen,
mich heraus zu Ihnen zu modulieren. Die Hauptsache ist, daß er auch ein Sachse
ist.«

»Ein - - Sachse?« fragte Schmidt im Tone des Erstaunens, indem er Sam vom Kopfe
an bis zu den Füßen herunter betrachtete. »Das ist doch gar nicht möglich! Wenn
bei uns in Sachsen jemand in solcher Kleidung herumliefe, würde er auf der Stelle
arretiert!«

»Aber wir sind glücklicherweise jetzt nicht in Sachsen,« antwortete Hawkens
ganz freundlich; »darum werde ich meine Freiheit wahrscheinlich behalten, wenn
ich mich nicht irre. Ihr werdet hier noch ganz andre Anzüge zu sehen bekommen,
als der meinige ist. Es gibt im wilden Westen nicht auf je zwanzig Schritte
zehn Kleidermagazine. Darf ich vielleicht erfahren, wohin ihr wollt, meine Herren?«

»Ihr?« meinte Schmidt in abweisendem Tone. »Wir sind gewohnt, Sie genannt zu
werden, und möchten, ehe wir Ihnen Auskunft geben, zunächst wissen, wer Sie
sind, was Sie treiben und auf welchem Weg Sie sich befinden.«

»Well, das können Sie wissen. Ich heiße Falke, bin aus Sachsen herübergekommen,
lebe als Westmann und gebe jedem die Ehre, die ihm gebührt. Da habt Ihr meine
volle Legitimation. Ob Ihr mir meine Frage nun auch beantworten wollt, das steht
in Eurem Belieben.«

»Ihr und Euer? Herr Falke, ich habe Ihnen schon gesagt, daß wir gewohnt sind
- - -«

»Schon gut, schon gut!« unterbrach ihn der Kleine. »Und ich habe auch bereits
gesagt, daß ich einem jeden die Ehre gebe, die ihm gebührt. Wer mich als einen
Hanswurst betrachtet, der wird von mir Ihr oder gar Er genannt, und sagt der
Esel dieses Wort noch einmal, so gehe ich fort und laß ihn so dumm bleiben,

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