Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Warum aber grad in dieses wilde Arizona hinein? Haben Sie denn Grund, zu glauben,
daß er sich in dieser Gegend befindet?«
»Ja. Er sprach nämlich einmal mit mir über die ungeheuern Gold- und Silberreichtümer
von Arizona und Nevada und erwähnte dabei, daß er sofort dorthin aufbrechen
werde, sobald er erfahre, daß einer seiner früheren Gefährten sich dorthin wenden
wolle. Er steht nämlich mit ihnen im Briefwechsel. Da er nun so plötzlich und
ohne auf mich zu warten abgereist ist, vermute ich, daß er von einem Freunde,
wahrscheinlich von Old Shatterhand, eine solche Nachricht empfangen hat.«
»Und daraufhin, also nur daraufhin, haben Sie diese weite Reise gemacht?«
»Ja, ich bin sicher, ihn hier zu treffen.«
»Heigh-ho! Für diese Sicherheit gebe ich Ihnen nicht einen Pfennig. Meinen
Sie denn, man treffe sich hier hüben so leicht, wie man sich drüben in der Heimat
so zwischen Klotzsche und Zitzschewig findet?«
»Warum nicht? Land ist Land, gleichviel, ob es Sachsen oder Arizona heißt.
Warum soll man sich in dem einen schwerer begegnen als in dem andern?«
»Welche Frage! Erstens handelt es sich darum, daß Arizona und Nevada je zwanzigmal
größer sind als Sachsen und dann kommen auch die Verhältnisse in Betracht. Haben
Sie eine Ahnung davon, wie viele und welche Indianerstämme hier wohnen?«
»Die gehen mich doch nichts an!«
»Kennen Sie die Unwegsamkeit des Landes, die wilden Schluchten und Canons,
die Öde der Bergregion, die Trostlosigkeit der Wüsten, besonders derjenigen,
welche zwischen Kalifornien, Nevada und Arizona liegt?«
»Geht mich auch nichts an!«
»Verstehen Sie die Sprachen der Indianer, der hiesigen Weißen?«
»Brauche ich nicht! Meine Sprache ist die Musik.«
»Aber der wilde Indianer wird ganz und gar nicht musikalisch mit Ihnen sprechen
und verfahren! Wie es scheint, wissen Sie gar nicht, welchen Gefahren Sie sich
aussetzen, wenn Sie den Hobblefrank aufsuchen wollen.«
»Gefahren? Ich habe Ihnen bereits gesagt, wie ich darüber denke. Ein Jünger
der Kunst, ein Sohn der Musen hat keine Gefahren zu fürchten. Er steht so hoch
über dem gewöhnlichen Leben wie die Violine über dem Rumpelbasse; er lebt und
atmet den Äther himmlischer Akkorde und hat mit irdischen Dissonanzen nichts
zu schaffen.«
»Well! So lassen Sie sich einmal von einem Indsman den Skalp über die Ohren
ziehen, und sagen Sie mir dann, welche himmlischen Akkorde Sie dabei vernommen
haben! Hier zu Lande gibt es nur eine Musik, und das ist diese hier.«
Er schlug bei diesen Worten mit der Hand an sein Gewehr und fuhr dann fort:
»Dieses musikalische Instrument gibt die Töne an, nach denen in Arizona und
Nevada getanzt wird, und - -«
»Getanzt - - - Pfui!« unterbrach ihn der Kantor. »Wer hat vom Tanzen gesprochen,
oder wer wird überhaupt davon sprechen! Ein Künstler niemals! Das Tanzen ist
eine hastige und immerwährende Veränderung des festen Standpunktes, durch welche
man in unästhetischen Schweiß gerät.«
»Dann will ich wünschen, daß Sie hier nicht in die Lage kommen, ganz gegen
Ihren künstlerischen Willen den Schwerpunkt und mit ihm noch einiges andre,
vielleicht gar das Leben zu verlieren. Leider steht schon jetzt zu befürchten,
daß Sie sehr bald gezwungen sein werden, einen Hopser zu tanzen, bei welchem
es wohl kaum ohne Schweiß abgehen wird.«
»Ich? Fällt mir nicht ein!«
»Oho! Sie müssen!«
»Wer wollte oder könnte mich zwingen?«
»Die Herren, welche da hinter uns vor der Schnapsschenke saßen.«
»Wieso?«
»Das werde ich Ihnen später erklären.«
»Warum nicht jetzt?«
»Weil ich es andern auch noch sagen muß und ein Ding nicht gern zweimal thue,
wenn es nicht nötig ist, und weil wir jetzt da angekommen sind, wohin wir wollten,
wenn ich mich nicht irre.«
Sie hatten das Dorf verlassen und befanden sich nun hinter demselben an der
Straße, welche nach der Hauptstadt führt. Während dieses ganzen Weges und Gespräches
hatte der Kantor seine eigentümlichen Pendelbewegungen auf dem Pferde fortgesetzt.
Bald den Oberkörper nach vorn, bald nach hinten biegend, hatte er die Beine
und Füße mit den Bügeln in die entgegengesetzte Richtung geschoben, was dem
kleinen Sam Hawkens, wie sein lustiges Augenblinzeln zeigte, nicht wenig Spaß
zu machen schien. Jetzt sahen sie die vier großen, schweren Auswandererwagen
vor sich stehen. Die Insassen derselben waren ausgestiegen und hatten die Ochsen
ausgespannt, welche das nicht allzu reich sprossende Gras abweideten.
Die Wagen waren in der Weise aufgefahren, daß sie eng neben einander standen,
mit den Deichseln alle nach einer Seite, nach Süden gerichtet, ein großer Fehler
in jener Gegend, wo es der Indianer und des herumvagierenden weißen Gesindels
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