Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Auf Weg von Tubac her.«
»O wirklich? Wer ist’s?«
»Nicht wissen. Alte Augen nicht erkennen. Es Reiter sein, viele Reiter.«
Auf diese Worte hin stand er auf und eilte um die Ecke der Hütte. Von dort
aus konnte er den Weg nach Tubac überblicken. Dann kam er schnell zurück und
rief der Alten zu:
»Es sind die Finders, verstanden, die Finders, und zwar alle zwölf! Die verstehen
es, zu trinken; da blüht der Weizen. Schnell hinein; wir müssen Flaschen füllen!«
Beide verschwanden in der Hütte. Nach einigen Minuten kamen zwölf Reiter in
das Dorf, hielten vor der Hütte an und sprangen von den Pferden, die sie dann
frei laufen ließen. Es waren wilde Gestalten von verwegenem Aussehen und so
gut bewaffnet, wie es in dieser Gegend und bei den jetzigen Verhältnissen für
jedermann nötig war. Einige trugen mexikanische Kleidung; die andern stammten
aus den Staaten; das sah man ihnen deutlich an. Eins aber hatten sie alle gemein:
es gab keinen einzigen unter ihnen, der ein vertrauenerweckendes Aussehen besaß.
Sie lärmten und schrieen roh durcheinander, warfen sich Scheltworte zu, einer
von ihnen trat an die geöffnete Thür, zog seinen Revolver, gab einen Schuß in
das Innere der Hütte ab und rief dann hinein:
»Hallo, Paddy! Bist du daheim oder nicht, alter Giftmischer? Komm heraus mit
deiner Schwefelsäure; wir haben Durst!«
Paddy ist bekanntlich die scherzhafte Bezeichnung des Irländers. Der Wirt erschien
mit einer vollen Flasche unter jedem Arme und zwölf Gläsern in den Händen. Die
Gläser auf zwei Tische setzend und sie dann füllend, antwortete er:
»Bin schon da, Mesch’schurs. Waret schon angemeldet; meine Schwarze hat euch
kommen sehen. Hier, trinkt, und seid gebenedeiet in meinem Hause!«
»Behalte die Benediktion für dich, alter Spitzbube, außer sie soll als Vorbereitung
zum Tode gelten! Wer dein Zeug trinkt, begeht einen Selbsttotschlag.«
»Schlagt euch nur immer tot, Mr. Buttler; werde euch mit einer weiteren Flasche
wieder auferwecken. Haben einander seit Wochen nicht gesehen. Wie ist’s inzwischen
ergangen? Gute Geschäfte gemacht?«
»Gute?« antwortete Buttler mit einer wegwerfenden Handbewegung und indem er
den Inhalt seines Glases hinunterstürzte, worin ihm seine Kameraden folgten.
»Miserabel ist’s gegangen, armselig wie noch nie. Haben nicht ein einziges Geschäft
gemacht, welches der Rede wert gewesen wäre.«
»Aber warum? Ihr werdet doch die Finders genannt und nennt euch selbst auch
so. Habt ihr die Augen nicht offen gehalten? Ich glaubte, heut ein gutes Geschäft
mit euch machen zu können.«
»Das heißt, du wolltest uns den erwarteten Raub abkaufen und uns dabei wieder
betrügen, wie du ja immer thust. Diesmal aber gibt es nichts, wirklich nichts.
Den Roten ist nichts mehr abzunehmen, und wenn man einem Weißen begegnet, so
ist er selbst einer, der in andrer Leute Taschen greifen muß. Dazu kommt der
Sicherheitsausschuß, den der und jener holen möge! Was haben diese Halunken
sich in unser Geschäft zu mischen? Was kümmert es sie, wenn wir da ernten, wo
wir nicht, aber auch sie nicht, gesäet haben. Wahrlich, man muß jetzt darauf
vorbereitet sein, aus jedem Strauche, an welchem man vorüberkommt, die Läufe
einiger Doppelgewehre hervorblicken zu sehen! Aber Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn!
Wir haben uns vorgenommen, jeden ohne Gnade und Barmherzigkeit aufzuhängen,
der den Verdacht in uns erweckt, zu diesem Vigilanzausschusse zu gehören. Hast
du vielleicht dergleichen Burschen bei dir bemerkt, Paddy?«
»Hm!« brummte der Wirt. »Traut ihr mir zu, allwissend zu sein? Kann man es
einem Menschen an der Nase absehen, ob er vigiliert oder, wie ihr, massakriert?«
»Blamiere dich nicht, Paddy! Ein Vorstehhund ist von einem Bluthund leicht
zu unterscheiden, auch wenn beide Menschen sind. Ich gebe dir mein Wort, daß
ich jedem Menschen, der zu diesem Ausschusse gehört, dies auf fünfzig Schritt
Entfernung ansehe. Doch jetzt einstweilen von etwas anderm. Wir haben Hunger.
Hast du Fleisch?«
»Nicht so viel, wie man auf die Zungenspitze bringen kann.«
»Eier?«
»Kein einziges. Lauft stundenweit herum, und ihr werdet kein Schlachttier noch
eine Henne finden. Daran sind euresgleichen schuld, welche überall aufgeräumt
haben.«
»Aber Brot?«
»Nur Maisfladen, und auch die müssen erst gebacken werden.«
»So mag deine Negerin backen; für frisches Fleisch werden wir selbst Sorge
tragen.«
»Ihr? Ich habe euch doch schon gesagt, daß nichts zu finden ist.«
»Pshaw! Wir haben doch gefunden.«
»Was?«
»Einen Ochsen.«
»Wohl gar! Unmöglich! Wo denn?«
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