Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

herunter fiel. An den Füßen trug die Figur Zeugstiefeletten; über die eine Schulter
hing eine Flinte, und unter dem grauen Mantel schien ein Säbel zu stecken. Das
Gesicht, welches aus dem Tuche hervorblickte, war bartlos, voll und rot, so
daß man, besonders bei dieser Art sich zu kleiden, jetzt wirklich nicht zu sagen
vermochte, ob ein Maskulinum oder Femininum da auf dem langsamen, hagern Klepper
saß. Und das Alter des rätselhaften Wesens? War diese Frau ein männlicher Mensch,
so mochte er fünfunddreißig Jahre zählen; war dieser Mann aber eine Dame, so
stand sie sicher im Anfange der Vierzig. Jetzt war sie bei den Tischen angekommen,
hielt das Pferd an und grüßte in hohem Kopf- oder Fisteltone:

»Guten Tag, meine Herren! Haben Sie vielleicht vier Ochsenwagen gesehen?«

Alles bisher Gehörte war natürlich englisch gesprochen worden; dieser Damenherr
oder diese Herrendame aber bediente sich der deutschen Sprache, deren die Gefragten
nicht mächtig waren, weshalb auch keine Antwort erfolgte. Als die Frage in der
Tonlage des eingestrichenen d wiederholt wurde, stand Sam Hawkens auf, trat
zu dem Pferde hin und antwortete deutsch:

»Sprechen Sie nicht englisch?«

»Nein, nur deutsch.«

»Darf ich erfahren, wer Sie sind?«

Da bekam er eine kleine Terz höher, also im eingestrichenen f, zu hören:

»Ich bin der Herr Kantor emeritus Matthäus Aurelius Hampel aus Klotzsche bei
Dresden.«

»Klotzsche bei Dresden? Was der Teufel, da sind Sie wohl ein Sachse?«

»Ja, ein geborener, jetzt aber emeritiert.«

»Und ich auch, obgleich ich mich schon so lange in Amerika befinde, daß ich
beinahe vergessen habe, woher ich bin. Sie gehören wohl zu den vier Wagen, Herr
Kantor?«

»Ja. Ich bitte aber sehr, recht vollständig zu sein; sagen Sie also lieber,
Herr Kantor emeritus! Dann weiß gleich jedermann, daß ich den Orgel- und Kirchendienst
quittiert habe, um meine sämtlichen Befähigungen nun ganz allein der harmonischen
Göttin der Musik zu widmen, «

Die Äuglein Sams leuchteten lustig auf, doch meinte er in ernstem Tone:

»Gut, Herr Kantor emeritus, Ihre Wagen sind längst vorüberpassiert, und werden,
wie ich vermute, draußen vor dem Dorfe angehalten haben.«

»Wieviel Takte habe ich da noch weiterzureiten?«

»Takte?«

»Hm - - hm - - Schritte wollte ich wohl sagen.«

»Das weiß ich ebensowenig, weil ich mich gleichfalls zum erstenmale hier befinde.
Erlauben Sie, daß ich Sie führe?«

»Sehr gern, mein werter Herr. Ich bin die Melodie, und Sie machen die Begleitung.
Wenn wir unterwegs keine langen Viertelpausen und Fermaten machen, werden wir
wohl mit dem Fine bei den Wagen angekommen sein.«

Sam warf seine Liddy über die Schulter, pfiff seiner Mary, welche ihm wie ein
folgsamer Hund folgte, nahm das Pferd des seltsamen Emeritus bei dem Zügel und
schritt der Richtung nach, welche die Wagen eingehalten hatten. Da erklang die
hohe Fistelstimme vom Klepper herab:

»Sie wissen nun, wie ich heiße und wer und was ich bin; darf ich auch Ihren
Namen erfahren?«

»Später.«

»Warum nicht jetzt?«

»Weil sich Leute hier befinden, die ihn nicht wissen dürfen; ich werde Ihnen
das später erklären.«

»Warum erst später? So eine Ungewißheit ist mir so ziemlich wie eine unaufgelöste
Septime oder None. Haben Sie also die Gewogenheit, diesen Dominantseptakkord
von A gefälligst nach D-dur oder doch wenigstens nach B-moll herüberzuleiten!«

»Das wäre eine Unvorsichtigkeit, welche nicht nur mich, sondern auch Sie in
Schaden bringen kann. Sie befinden sich in Gefahr, Herr Kantor!«

»Bitte, bitte, Kantor emeritus! In Gefahr? Das geht mich nichts an. Für Musensöhne
gibt es nur die eine Gefahr, daß ihre Schöpfungen nicht anerkannt werden; ich
kann aber hier weder applaudiert noch deploriert werden, weil niemand meine
Kompositionen kennt, welche übrigens nur erst in meinem Kopfe, aber noch nicht
in Partitur vorhanden sind.«

»Also Sie komponieren?«

»Ja, bei Tag und Nacht.«

»Was?«

»Eine große Oper für drei Theaterabende in zwölf Akten, für jeden Abend vier
Akte; wissen Sie, so eine Trilogie wie der ›Ring der Nibelungen‹ von Richard
Wagner, diesesmal aber nicht von ihm sondern von mir, dem Herrn Kantor emeritus
Matthäus Aurelius Hampel aus Klotzsche bei Dresden.«

»Können Sie das denn nicht daheim komponieren? Was treibt Sie denn da nach
Amerika, noch dazu nach Arizona, dem gefährlichsten Teil des wilden Westens?«

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar