Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Das ist kein Beweis, denn wir haben es soeben von einem unbekannten Roten
gekauft. Und will man uns trotzdem noch weiter belästigen, so haben wir Gewehre
und Messer, uns jeden Lästigen vom Halse zu schaffen.«
»Die drei Schneider da drüben essen mit?«
»Ja. Weißt du, Paddy, was für einen Gedanken ich habe?«
»Nun?«
»Wir machen sie betrunken.«
»Um sie dann - - - ?«
»Ja, um sie dann - - - ganz so, wie du meinst.«
»Bei mir im Hause?«
»Ja, drin in der Stube. Hier im Freien wäre es unmöglich. Man könnte versteckte
Zeugen haben.«
»Aber es ist für mich höchst gefährlich, eine solche That in meinem Hause,
in meiner Stube geschehen zu - - -«
»Schweig! Du bekommst von dem, was wir bei den Kerls finden, dreihundert Dollar;
das ist genug für die kleine Belästigung -bist du einverstanden?«
»Ja, denn ich sehe, es geht nicht wohl anders. Aber ich befürchte, daß sich
die Kerls schwer berauschen lassen werden.«
»Leicht, sehr leicht im Gegenteile. Hast du nicht gesehen, daß sie deinen Schnaps
wegschütteten?«
»So etwas sieht jeder Wirt!«
»Daraus folgt doch, daß sie keine Schnapstrinker sind und also nichts vertragen
können. Nach einigen Gläsern werden sie toll und voll betrunken sein.«
»Ich bin der Ansicht: Daraus folgt, daß sie keine Schnapstrinker sind und also
keinen trinken werden. Wie wollt ihr sie da betrunken machen?«
»Hm, auch das wäre möglich. Hast du denn gar nichts andres als nur Schnaps?«
Der Wirt machte ein Gesicht, welches pfiffig sein sollte, und antwortete:
»Für gute Freunde und wenn es ehrlich bezahlt wird, habe ich irgendwo ein Fäßchen
sehr hitzigen Kalientewein aus Kalifornien liegen - - -«
»Kalientewein? Alle Wetter, den mußt du schaffen!« fiel Buttler ein. »Ein einziger
Liter davon wirft die drei Schneider um, und für uns wird dieser Kaliente eine
wahre Wonne sein. Wieviel soll er kosten?«
»Vierzig Liter sechzig Dollar.«
»Etwas teuer, aber einverstanden. Du bekommst also dreihundertsechzig Dollar
von dem, was uns die nächste Nacht einbringt.«
»Warum wollt ihr solche Umwege mit diesen Schneidern machen, Sir? Sie einladen,
mit ihnen essen, sie unterhalten, dann berauschen und so weiter? Gibt es denn
keinen kürzern und bessern Weg?«
»Das sehr wohl; aber Paddy, ich will dir sagen: Es liegt in dem Habitus dieser
drei Männer so ein Etwas, was mich nicht so ganz an die Schneider glauben läßt.
Ich habe es mir überlegt. Die Schüsse, welche der Kleine gethan hat, sind Meisterschüsse
gewesen, sogar die ersten Fehlschüsse. Wir sahen ihn nach dem Papiere zielen,
und doch hat er mit einer blitzschnellen Bewegung des Gewehres, welche wir gar
nicht bemerkt haben, genau Kugel auf Kugel in die Ecke geschickt. Schau hin,
wie sie da sitzen! Sie sehen nicht ein einziges Mal her, 0 bewahre; aber ich
sage dir, daß sie trotzdem alles so genau wissen, als ob sie ihre Augen immerwährend
hierher richteten. Ich kenne diese maskierten Späherblicke. Und ihre Haltung!
Als ob sie jeden Augenblick bereit wären, ihre Revolver abzudrücken. Hätte einer
von ihnen eine Perücke aufgehabt, so würde ich jetzt darauf schwören, daß sie
das gefürchtete ›Kleeblatt‹ sind. Und auch trotzdem, daß sie es nicht sein können,
müssen wir uns vorsehen. Überfallen, überrumpeln lassen die sich nicht so leicht,
wenigstens nicht ohne daß sie blitzschnell mit ihren Messern und Kugeln zur
Hand sind.«
»Aber zwölf oder gar dreizehn gegen drei; da muß der Ausgang doch wohl sicher
sein!«
»Allerdings; aber von den zwölf, also von uns, werden dabei sicher einige getötet
oder gar verwundet. Eine Betäubung durch einen tüchtigen Rausch ist da das sicherste
und ungefährlichste - - -«
Buttler hielt mitten in der Rede inne, deutete nach dem freien Platze hinüber
und fuhr fort:
»Da kommt die sonderbare Gestalt, welche hinter dem Wagen herritt; sie ist
zurückgeblieben, sieht den Zug nicht mehr und weiß nun augenscheinlich nicht,
wohin sie sich wenden soll.«
Der Ausdruck »sonderbare Gestalt«, dessen er sich bediente, war sehr zutreffend
und sagte eher zu wenig als zu viel. Indem sie langsam nähergeritten kam, machte
sie in kurzen, fast genau abgemessenen Zeiträumen die regelmäßigsten Pendelbewegungen
auf dem Pferde, jetzt mit den Beinen weit nach hinten und den Kopf vornüber
gesunken, dann rasch mit demselben nach hinten und mit den beiden Beinen nach
vorn. Der Körper war in einen langen, weiten Regenmantel und der Kopf in ein
großes Wiener Saloppentuch gehüllt, dessen Zipfel bis auf den Rücken des Pferdes
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