Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

als vorher. Sein Schuß traf das Papier, wenn auch nicht den Mittelpunkt desselben.

»Prachtschuß, Hauptschuß, famoser Schuß!« belobten ihn seine Gefährten.

Er nickte siegesgewiß dazu und hielt es für unter seiner Würde, auf Sam nun
acht zu geben. Dieser stand bereit zum Schusse und rief seinem Gegner zu:

»Mr. Buttler, macht einmal die Augen auf!«

»Warum?«

»Ich werde diesmal grad den Punkt in der Mitte treffen.«

»Bildet Euch das nicht ein! Ihr könnt ihn in dieser Entfernung gar nicht sehen
und kaum das Papier erkennen.«

»Ist auch nicht nötig, denn ich habe ihn doch nicht zu sehen, sondern zu treffen.
Paßt auf, eins - zwei - drei!«

Bei eins stellte er sich in Positur, bei zwei legte er an, und bei drei krachte
sein Schuß. Ein zwölf- oder dreizehnstimmiger Ruf des Schreckens oder des Ärgers
folgte; er hatte wirklich den Mittelpunkt getroffen. Dick Stone eilte zu ihm,
hielt ihm das Geld hin und sagte:

»Nimm rasch, alter Sam, sonst bekommst du es dann nicht!«

»Well, würden mir es später aber doch noch geben müssen.«

Er steckte es ein und schritt dann der Hütte zu.

»Ein unbegreifliches, ein verdammtes Glück ist das!« rief ihm Buttler zornig
entgegen. »So ein Zufall ist noch gar nicht dagewesen!«

»Bei mir allerdings noch nicht,« gestand Sam ein, und zwar ganz der Wahrheit
gemäß, denn er war ein so vortrefflicher Schütze, daß er keines Zufalles bedurfte.
Buttler aber nahm diese Worte in andrem Sinne und sagte:

»So gebt das Geld wieder heraus!«

»Herausgeben? Warum? Aus welchem Grunde?«

»Weil Ihr soeben zugegeben habt, daß das Ziel nicht von Euch, sondern durch
den Zufall getroffen worden ist.«

»Schön! Aber der Zufall hat sich meiner Hand und meiner Flinte bedient; er
hat das Ziel getroffen, also die Wette gewonnen; ihm gehört das Geld, und ich
werde es ihm geben, sobald ich ihm zum nächstenmal begegne.«

»Das soll wohl ein Witz sein, Sir?« fragte Buttler drohend, und zugleich bildeten
seine Leute einen engen Kreis um ihn und Sam.

Dieser letztere zeigte nicht die mindeste Besorgnis, sondern antwortete ruhig:

»Sir, Schneider pflegen keine Witze zu machen, wenn es sich um Geld handelt.
Es ist mein Ernst. Wollen wir weiter schießen?«

»Nein; ich habe mit Euch, aber nicht mit Eurem Zufalle wetten wollen. Ist Euch
derselbe immer so günstig?«

Er gab seinen Gefährten einen verstohlenen Wink, auf Feindseligkeiten zu verzichten;
Sam bemerkte denselben aber doch und antwortete:

»Stets, nämlich wenn es sich der Mühe lohnt, eines lumpigen Dollars wegen aber
nicht; da geht meine Kugel lieber in die Ecke.«

Eben wollten sie sich um diese Ecke wenden, um nach der’ vorderen Seite des
Hauses zurückzukehren, als ihnen jemand entgegenkam. Dieser jemand war - Sam
Hawkens Maultier, dessen Kopf neugierig nach seinem Herrn auszublicken schien.
Buttler, welcher vorangegangen war, stieß mit dem Tiere fast zusammen.

»Häßliches Vieh!« rief er aus, der Mary einen Fausthieb gegen den Kopf gebend.
»Ist ein wahres, richtiges Schneiderpferd! Einem andern könnte es im ganzen
Leben nicht einfallen, sich auf eine solche Bestie zu setzen!«

»Sehr richtig!« stimmte Sam bei. »Nur fragt es sich, warum?«

»Warum? Aus Abscheu natürlich! Was denn sonst?«

»Es läßt sich gut sagen, aus Abscheu, wenn der Grund wo ganz anders liegt.«

»Wo soll er denn liegen?«

»Im Unvermögen.«

»Wieso? Wie meint Ihr das? Wollt Ihr etwa sagen, daß man Euern Ziegenbock nicht
reiten könne?«

»Das behaupte ich nicht, Sir; ich wollte nur soviel sagen, daß ihn nur ein
sehr guter Reiter besteigen kann.«

Er sagte diese Worte in einem so eigenartigen Tone, daß Buttler rasch frug:

»Meint Ihr etwa, daß ich kein guter Reiter bin, daß ich mit Eurer Bestie nicht
fortkäme?«

»Das ist nicht meine Meinung gewesen, Sir, obgleich sehr zu erwarten steht,
daß es Euch binnen einer Minute abwerfen würde.«

»Mich? Den besten Reiter zwischen Frisco und New Orleans? Ihr seid verrückt!«

Sam maß ihn mit einem neugierigen Blicke vom Kopfe an bis zu den Füßen herab
und fragte dann in ungläubigem Tone:

»Ihr der beste Reiter? Das glaube ich nicht. Ihr seid nicht zum Reiter gebaut;
dazu sind Eure Beine zu lang.«

»Nicht zum Reiter gebaut!« lachte Buttler auf. »Was will ein Schneider vom
Reiten verstehen! Als Ihr vorhin hier ankamt, hingt Ihr auf Euerm Viehzeuge
wie ein Affe auf dem Kamele, und da wollt Ihr vom Reiten sprechen? Laßt Euch

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 136 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158 159 160 161 162 163 164 165 166 167 168 169 170 171 172 173 174 175 176 177 178 179 180 181 182 183 184 185 186 187 188 189 190 191 192 193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203 204 205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar