Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Ungefähr so weit entfernt steht die zweite Hütte da drüben. Glaubt Ihr, sie
zu treffen?«
»Die Hütte?« meinte Sam in beleidigtem Tone. »Die trifft ein Blinder, grad
wie mit der Nadel den Rockärmel.«
»So wollt Ihr wohl sagen, daß das Ziel kleiner sein soll?«
»Yes.«
»Wie groß ungefähr?«
»Wie meine Hand.«
»Und das glaubt Ihr zu treffen, mit diesem Euerm Schießzeuge hier?«
»Yes.«
»Unsinn! Dieser Lauf muß ja gleich beim ersten Schuß zerplatzen, und wenn er
das nicht thut, so ist er so krumm gezogen, daß Eure Kugeln um jede Hausecke
biegen, nie aber gerade fliegen werden.«
»Versucht es doch einmal!«
»Wollen wir wetten? Ihr habt ja Geld dazu.«
»Nicht nur Geld, sondern auch Lust.«
»Wieviel setzt Ihr?«
»Soviel wie Ihr.«
»Also einen Dollar?«
»Einverstanden.«
»So gilt also die Wette. Aber wir wollen nicht nach jener Hütte schießen, weil
der Besitzer es wohl nicht dulden würde, sondern ich -«
»Schießt nach der meinigen!« unterbrach ihn der Wirt. »Ich klebe an die hintere
Front ein Papier, so groß wie meine Hand; dies ist das Ziel.«
Dieser Vorschlag wurde angenommen. Man begab sich nach der hintern Seite; das
Papier wurde angeklebt, und dann zählte Buttler zweihundert Schritte ab. Er
setzte einen Dollar, und Sam gab den seinigen. Darauf loste man, wer zuerst
schießen solle. Das Los fiel auf Buttler. Er stellte sich in der abgemessenen
Entfernung auf, zielte nur ganz kurz, drückte ab und traf das Papier.
Nun war die Reihe an Sam. Er machte die krummen Beinchen möglichst weit auseinander,
legte seine Liddy an, bog sich weit, weit nach vorn und zielte eine lange, lange
Zeit. In dieser Stellung sah er aus wie ein Photograph, welcher sich unter die
Hülle seines Apparates beugt, um nach seinem Objekte zu visieren. Alle lachten.
Da endlich krachte der Schuß, und Sam flog zur Seite, das Gewehr fallen lassend
und mit der Hand die rechte Backe haltend. Das Gelächter wurde zum förmlichen
Gejohle.
»Hat Euch die Flinte gestoßen, wohl gar einen Hieb gegeben?« fragte Buttler.
»Yes, sogar eine Ohrfeige ist’s gewesen!« antwortete der Kleine wehmütig.
»Das Ding haut also; es scheint Euch selbst gefährlicher zu sein als andern
Leuten. Wollen sehen, ob Ihr getroffen habt.«
Auf dem Papier war keine Spur von der Kugel zu bemerken. Man suchte lange,
lange Zeit, bis endlich einer, welcher zur Seite gegangen war, unter dröhnendem
Lachen den andern zurief:
»Kommt her zu mir! Es konnte mir nicht einfallen, hier zu suchen; aber da steckt
sie, da, wer sie sehen will. Kommt her! Der Schnaps läuft aus dem Loche!«
Jedenfalls zum Transporte bestimmt, stand an der Seite des Hauses, vielleicht
zehn Schritte von demselben entfernt, ein volles Branntweinfaß. In dieses war
die Kugel geflogen, und man sah den Inhalt in einem fingerdicken Strahle aus
dem frischen Schußloche strömen. Das jetzt entstehende Gelächter wollte kein
Ende nehmen. Der Wirt aber fluchte und verlangte Entschädigung. Als Sam ihm
dieselbe zusagte, beruhigte er sich und trieb mit dem Hammer einen hölzernen
Pflock in das Loch, um dasselbe zu schließen.
»Also nicht einmal das Haus habt Ihr getroffen!« rief Buttler dem ganz verdutzt
dreinschauenden Kleinen zu, »Ich habe Euch ja gesagt, daß Eure Kugeln um alle
Ecken biegen werden. Der Dollar ist mein. Wollt Ihr noch einen wagen, Mr. Grinell?«
»Yes,« antwortete Sam.
Mit dem zweiten Schusse traf er wenigstens das Haus, aber ganz unten an der
Ecke, während das Ziel oben in der Mitte der Mauer sich befand. So gab er noch
vier oder fünf Schüsse ab, ohne dem Papier näher zu kommen, und verlor noch
ebensoviele Dollars. Darüber wurde er zornig und rief aus:
»Es ist nur, weil es bloß um einen Dollar geht. Ich glaube, wenn es mehr gälte,
könnte ich besser zielen.«
»Mir recht,« lachte Buttler. »Wieviel wollt Ihr parieren?«
»Soviel wie Ihr.«
»Sagen wir zwanzig?«
»Yes!«
Sam verlor auch diese zwanzig, verlor sie aber, weil er wieder ganz genau in
dieselbe Ecke traf. Buttler strich das Geld ein und fragte:
»Noch einmal gefällig, Mr. Grinell?«
Dabei zwinkte er seinen Leuten heimlich und vergnügt mit den Augen zu.
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