Karl May - Der Ölprinz
admin am Apr 1st 2008
»Alle Wetter, werdet ihr da ungeheure Heldenthaten verrichten. Zeigt doch einmal
das Schießholz her! Das müssen wir uns unbedingt besehen.«
Er nahm Sam Hawkens das Gewehr aus der Hand und ging mit demselben zu seinen
Genossen hinüber, welche es unter den kräftigsten Bemerkungen betrachteten.
Auch Dick Stone mußte seine lange Rifle zeigen, welche denselben ironischen
Beifall fand; dann sagte Buttler, indem er die Gewehre zurückgab:
»Ich habe euch ein großes Unrecht gethan, Mesch’schurs, und muß euch deshalb
um Verzeihung bitten.«
»Welches Unrecht?« fragte Sam.
»Ich hätte euch fast mit andern Leuten verwechselt.«
»Mit wem?«
»Mit dem Kleeblatte.«
»Kleeblatt? Wer ist das?«
»Das sind drei berühmte Jäger, welche stets beisammen sind und darum das Kleeblatt
genannt werden, Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker.«
»Kennt Ihr die?«
»Nein, eben nicht, sonst wäre ich doch nicht in die Gefahr geraten, euch beinahe
mit ihnen zu verwechseln.«
»Aber Ihr müßt doch wenigstens wissen, wie sie aussehen!«
»Das weiß ich auch. Sam Hawkens ist so klein und dick wie Ihr, und die beiden
andern sollen so lang und dürr wie Eure Gefährten sein; das stimmt. Dazu kommt,
daß Sam einen ledernen Jagdrock zu tragen pflegt, an welchem Fleck an Fleck
so aufgenäht ist, daß kein Indianerpfeil mehr hindurchzudringen vermag. Ihr
habt auch einen solchen Rock. Das ist nur Zufall, führte mich aber doch für
einige Minuten irre. Jetzt freilich weiß ich, woran ich bin. Das Kleeblatt hat
nicht mit alten Kleidern Pleite gemacht, ist jedenfalls ganz anders und weit
besser beritten als ihr und würde nie solche Schießprügel auch nur berühren,
wie die eurigen sind. Da man aber nie vorsichtig genug sein kann und besonders
Sam Hawkens ein großer Pfiffikus sein soll, so will ich doch noch sicherer gehen,
als ich bis jetzt gegangen bin. Ich habe gehört, daß Will Parker einmal skalpiert
worden sein soll und infolgedessen eine Perücke trägt. Mr. Berry und Mr. White
mögen mir also einmal ihre Köpfe zeigen!«
Buttler fühlte sich also noch nicht ganz beruhigt. Glücklicherweise war er
falsch berichtet worden; nicht Will Parker, sondern Sam Hawkens hatte das entsetzliche
Unglück gehabt, skalpiert zu werden. Stone und Parker entblößten bereitwillig
ihre Häupter; Buttler griff in ihre Haare, überzeugte sich, daß es keine falschen
waren, und sagte:
»All right, ihr seid drei Schneider, und ich will nun nur um euertwillen hoffen,
daß ihr mit euern Gewehren jetzt ebenso umzugehen versteht wie früher mit euern
Nähnadeln.«
»Keine Sorge!« meinte Sam sehr zuversichtlich. »Was wir treffen wollen, das
treffen wir.«
»Wirklich?«
»Wirklich!«
»Wettschießen, wettschießen!« flüsterten diejenigen, welche Buttler am nächsten
saßen, diesem zu.
Im Westen, wo fast jeder Mann ein guter Schütze ist, läßt nie jemand die Gelegenheit
zu einem Wettschießen vorübergehen. Die Schützen messen sich gern miteinander;
der Ruhm des Siegers spricht sich weit herum, und es werden oft dabei bedeutende
Summen auf das Spiel gesetzt. Hier nun gab es nicht nur Gelegenheit zu einem
Wett-, sondern sogar zu einem spaßhaften Schießen; die drei Schneider hatten
wohl nicht gelernt, mit Gewehren umzugehen, und da die ihrigen nichts taugten,
so gab es jedenfalls etwas zu lachen, wenn man sie dazu brachte, ihre vermeintliche
Kunst zu zeigen. Darum sagte Buttler, um Sam anzustacheln, in zweifelndem Tone:
»Ja, mit der Nähnadel den Ärmel eines Rockes treffen, das kann sogar ein Blinder;
aber schießen, Schießen, das ist doch etwas ganz andres. Habt Ihr denn schon
einmal geschossen, Mr. Grinell?«
»Yes,« antwortete der Kleine.
»Wonach?«
»Nach Sperlingen.«
»Mit diesem Gewehre?«
»Nein, mit dem Blasrohre.«
»Mit dem Blasrohre!« lachte Buttler laut auf. »Und da denkt Ihr, daß Ihr auch
mit dem Gewehre ein guter Schütze
seid?«
»Warum nicht? Zielen ist doch zielen!«
»So? Wie weit könnt Ihr denn treffen?«
»Doch jedenfalls so weit, wie die Kugel läuft.«
»Sagen wir zweihundert Schritte?«
»Well.«
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