Karl May - Der Ölprinz

admin am Apr 1st 2008

Der Oelprinz

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Das Kleeblatt

Wer auf dem gewöhnlichen Wege von El Paso del Norte über den Rio Colorado nach
Kalifornien hinüber wollte, der kam, bevor er Tucson, die Hauptstadt von Arizona
erreichte, vorher nach der alten Mission San Xavier del Bac, welche ungefähr
neun Meilen von Tucson entfernt liegt. Diese Mission wurde im Jahre 1668 gegründet
und ist ein so prächtiges Bauwerk, daß es den Wanderer mit Staunen erfüllt,
ein so glänzendes Monument der Zivilisation mitten in den Wildnissen von Arizona
anzutreffen.

An jeder Ecke des Gebäudes erhebt sich ein hoher Glockenturm; die Front ist
mit phantastischen Ornamenten reich verziert; die Hauptkapelle trägt eine große
Kuppel und über den Mauern sind massive Simskränze und geschmackvolle Verzierungen
angebracht. Dieses Bauwerk würde jeder großen Stadt, jeder Residenz zur Zierde
gereichen.

Diese Mission ist zum Teil von einem Dorfe umgeben, in dem zur Zeit, in welcher
unsre Erzählung spielt, Papago-Indianer in der Stärke von vielleicht dreihundert
Seelen wohnten. Diese Papagos waren und sind noch heute ein friedfertiger, arbeitsamer
und den Weißen wohlgesinnter Stamm, dessen Angehörige ihr Gebiet durch ein künstliches
Bewässerungssystem wunderbar ergiebig gemacht haben und mit Weizen, Korn, Granaten,
Kürbissen und andern Früchten und Lebensmitteln fleißig bebauen.

Leider hatten diese braven, arbeitsamen Menschen sehr viel von und unter dem
weißen Gesindel zu leiden, welches sich Arizona zum Tummelplatze auserkoren
hatte. Dieses ringsum von Gebirgen und Wüsten eingeschlossene Territorium besaß
so gut wie gar keine Verwaltung; der Arm der Gerechtigkeit konnte nur schwer
oder gar nicht über die Grenzen hereinreichen, und so zogen sich Hunderte und
aber Hunderte, welche mit dem Gesetze zerfallen waren, aus Mexiko und den Staaten
herein, um ein Leben zu führen, dessen Grundlage in der rohesten Gewaltthätigkeit
bestand.

Zwar lag in der Hauptstadt Militär, welches die Aufgabe hatte, für die öffentliche
Sicherheit zu sorgen; aber es waren nur zwei Kompagnien, also viel zu wenig
für einen so weiten Bereich von gegen 300 000 Quadratkilometer, und dazu standen
die Verhältnisse so, daß diese Helden froh waren, wenn sie selbst von dem Gesindel
in Ruhe gelassen wurden. Hilfe konnte von ihnen wohl kaum erwartet werden. Das
wußten die außerhalb des Gesetzes Stehenden nur zu wohl und zeigten darum eine
Frechheit, welche geradezu ihresgleichen suchte. Sie wagten sich, in Banden
versammelt, bis in die unmittelbare Nähe von Tucson heran, und niemand getraute
sich nur eine Viertelstunde weit zu entfernen, ohne ein Arsenal von Waffen mit
sich zu führen. Ein amerikanischer Reisender schildert die damaligen Zustände
in folgender Weise:

»Die verzweifeltsten Schurken von Mexiko, Texas, Kalifornien und den andern
Staaten fanden in Arizona sichere Zuflucht vor dem Strafrichter. Mörder und
Diebe, Gurgelabschneider und Spieler bildeten die Masse der Bevölkerung. Alle
Welt mußte bewaffnet sein, und blutige Scenen bildeten das tägliche Vorkommnis.
Von einer Regierung war nicht die Rede, noch weniger von Gesetzes- oder Militärschutz.
Die Beschäftigung der Besatzung von Tucson bestand darin, daß sie sich betrank
und alles gewähren ließ. So war Arizona vielleicht der einzige unter der schützenden
Aegide einer zivilisierten Regierung stehende Punkt des Landes, wo jedermann
die Justiz in seinem Interesse handhabte.«

Da traten drüben in San Franzisko rechtlich denkende, mutige Männer zusammen,
um einen »Sicherheitsausschuß« zu bilden, welcher zwar zunächst seine Thätigkeit
über Kalifornien erstrecken sollte, bald aber sein kräftiges Walten auch im
benachbarten Arizona bemerken ließ. Kühne Gestalten tauchten bald hier und bald
dort, bald einzeln und bald zu Trupps vereinigt, im Lande auf, um dasselbe von
den Verbrechern zu säubern, und nie verschwanden sie wieder, ohne die deutlichsten
Spuren davon zurückzulassen, daß sie Gericht gehalten hatten. - -

Bei den Papagos von San Xavier del Bac hatte sich ein Irländer niedergelassen,
welcher wohl auch aus keinem ehrbaren Grunde nach Arizona gekommen war. Er hatte
da einen Laden eröffnet und behauptete, alle möglichen Gegenstände zu verkaufen;
in Wirklichkeit aber konnte man bei ihm fast weiter nichts bekommen als einen
Schnaps, für dessen Selbstfabrikation und Verkauf er die Bezeichnung eines Giftmischers
verdiente. Sein Ruf war ein solcher, daß ehrliche Leute nicht bei oder mit ihm
verkehrten.

Es war ein wunderbar schöner Apriltag, als er an einem der rohen Tische saß,
welche vor seiner aus Luftziegeln errichteten Hütte standen. Er schien bei schlechter
Laune zu sein, denn er klopfte mit dem leeren Schnapsglase auf die Platte des
Tisches, und als nicht sofort jemand erschien, ihm dasselbe zu füllen, rief
er, sich nach der offenen Thür wendend, in zornigem Tone:

»Holla, alte Hexe! Hast du keine Ohren? Brandy will ich haben, Brandy! Mach
schnell, sonst helfe ich nach!«

Da trat eine alte Negerin mit der Flasche aus der Hütte und füllte ihm das
Glas. Er leerte es in einem Zuge, ließ sich wieder eingießen, und während sie
dies that, sagte er:

»Den ganzen Tag kein einziger Gast zu sehen! Die roten Halunken wollen das
Trinken nicht lernen. Wenn dann auch kein Fremder kommt, kann ich mich hersetzen
und mir Löcher in den eigenen Magen brennen!«

»Nicht allein sitzen,« begütigte die Alte. »Gäste kommen.«

»Woher weißt du das?« fragte er.

»Hab’sehen.«

»Wo?«

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