Jack London – Kid & Co

admin am Jan 25th 2012


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JACK LONDON

Kid & Co

* * *

Über das Buch

Längst ist aus Kid Bellew, dem Grünschnabel, ein erfahrener Jäger und Goldsucher, einer der

kühnsten Männer des wilden Nordens geworden. Er und sein Freund Kurz durchstreifen die weißen

Einöden von Alaska, und mit ihnen reist das Abenteuer. Sie gehen seltsamen Spuren im Schnee

nach, die sie zu einem merkwürdigen Waldlager führen, über dessen Bewohnern ein Geheimnis zu

liegen scheint… Sie steigen groß in das Geschäft mit Eiern ein, das sich allerdings sehr bald

als Fehlspekulation erweist; doch Kid und Kurz nehmen Rache an denen, die sie hereingelegt und

allgemeinem Spott ausgeliefert haben…

Von Frauen scheinen beide keine allzu hohe Meinung zu haben. Aber das soll sich – zumindest

was Kid betrifft – eines Tages ändern: Anläßlich eines unfreiwilligen Aufenthalts in einem

Indianerlager lernt er die Tochter des weißen Häuptlings kennen. Sie animiert ihn zur Flucht.

Während er mit ihr in unwegsamem Gelände umherirrt, schreckliche Entbehrungen erdulden muß und

dabei stets die aufopfernde Liebe dieses Mädchens spürt, kreisen Kids Gedanken immer häufiger

um eine Person, die bereits in dem Roman Alaska-Kid eine Rolle spielte: Joy Gastell…

* * *

Über den Autor

Jack London (eig. John Griffith, später J. G. London nach seinem Stiefvater) wurde am

12.01.1876 in San Franzisko geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich

als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach,

beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel

von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und

bereist die ganze Welt. Am 22.11.1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in

Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.

* * *

Ein Mißgriff der Schöpfung

»Brrr!« brüllte Kid den Hunden zu und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die

Lenkstange, um den Schlitten zum Stehen zu bringen. Kid, genannt Alaska-Kid, der ehemalige

Journalist, der in Alaska zum Manne herangereift war, zu einem der kühnsten Männer des wilden

Nordens.

»Was willst du denn?« klagte Kurz, sein ständiger Gefährte. »Hier ist doch kein Wasser unter

dem Schnee.«

»Nein, aber sieh dir mal die Fährte an, die hier nach rechts abschwenkt«, antwortete Kid. »Ich

hätte nicht geglaubt, daß jemand hier in der Gegend überwinterte.«

Im selben Augenblick, als sie anhielten, legten sich die Hunde in den Schnee und begannen die

kleinen Eisstücke, die zwischen ihren Zehen saßen, abzuknabbern. Noch vor fünf Minuten war

dieses Eis Wasser gewesen. Die Tiere waren durch eine dünne, von Schnee bedeckte Eisschicht

eingebrochen, und unter dem Eis verbarg sich die Quelle, die am Hang entsprang und auf der

drei Fuß dicken Winterkruste des Nordbeskaflusses kleine Pfützen bildete.

»Das ist das erstemal, daß ich von Menschen hier in Nordbeska höre«, sagte Kurz und starrte

die fast gänzlich verwischte Fährte an, die, von zwei Fuß tiefem Schnee verdeckt, das Flußbett

in einem rechten Winkel verließ und nach der Mündung eines Baches führte, der von links

geflossen kam.

»Vielleicht sind es Jäger gewesen«, meinte er. »Jäger, die längst wieder abgezogen sind.«

Kid fegte den lockeren Neuschnee mit den in Fäustlingen steckenden Händen beiseite, blieb

einen Augenblick stehen, um sich die Fährte anzusehen, fegte wieder, sah abermals nach.

»Nein«, entschied er dann. »Die Spuren laufen nach beiden Richtungen, aber die jüngere geht

den Bach hinauf. Wer es auch sein mag, er muß jedenfalls noch da sein. Es ist mehrere Wochen

her, daß jemand hier ging. Aber was hält ihn noch dort? Das möchte ich wissen.«

»Und was ich wissen möchte, ist, wo wir heute nacht lagern werden«, sagte Kurz und betrachtete

den Horizont im Südwesten mit mißtrauischen Blicken. Die Dunkelheit der kommenden Nacht begann

bereits das Zwielicht des Nachmittags zu verdrängen.

»Wir können ja der Fährte den Bach hinauf folgen«, schlug Kid vor. »Wir haben trockenes Holz

genug hier. Wir können lagern, wann es uns beliebt.«

»Ja, natürlich können wir lagern, wann es uns beliebt. Aber wenn wir nicht hungern wollen,

müssen wir marschieren, und es handelt sich auch darum, die rechte Richtung einzuschlagen.«

»Bachaufwärts werden wir schon etwas finden«, erklärte Kid.

»Aber schau dir doch den Proviant an! Schau dir die Hunde an!« rief Kurz. »Schau… na,

meinetwegen los… du sollst deinen Willen haben.«

»Es wird die Reise nicht um einen Tag verlängern«, meinte Kid, »wahrscheinlich nicht einmal um

eine Meile.«

»Es ist vorgekommen, daß Männer um weniger als eine Meile verreckt sind«, antwortete Kurz und

schüttelte mit finsterer Miene den Kopf. »Aber nur los jetzt! Auf, ihr armen wundfüßigen

Viecher. Auf jetzt… Los, Bright… Hüh!«

Der Leithund gehorchte, und das ganze Gespann schleppte sich müde weiter durch den lockeren

Schnee.

»Brrr… halt!« schrie Kurz. »Hier müssen wir uns die Fährte selbst stampfen.«

Kid holte seine Schneeschuhe unter der Schlittenpersenning hervor, band sie an seine in

Mokassins steckenden Füße und ging voraus, um die lockere Oberfläche für die Hunde

festzutreten.

Es war eine mühselige Arbeit. Hunde und Männer hatten seit Tagen nur kleine Rationen erhalten,

und die Kraft, die sie noch in Reserve hatten, war sehr begrenzt und armselig. Sie folgten dem

Bachbett, welches aber so steil abfiel, daß der jähe, unzugängliche Hang ihnen viel Mühe

machte. Die hohen Felswände zu beiden Seiten verengten sich schnell immer mehr zu einer

Schlucht, in der es, da die hohen Berge die lang anhaltende Dämmerung nicht hereinließen, fast

ganz dunkel war.

»Das ist ja die reine Falle«, sagte Kurz. »Verdammt eklig ist es überhaupt hier. Es ist ein

Loch im Boden. Hier wird das Pech nur so herausquellen.«

Kid antwortete nicht. Und die nächste halbe Stunde zogen sie wortlos weiter. Dann brach Kurz

wieder das Schweigen.

»Das Unheil marschiert schon«, murrte er. »Es ist schon an der Arbeit… und ich will es dir

erzählen, wenn du es hören magst.«

»Nur los«, sagte Kid.

»Gut, meine Ahnung sagt mir ganz offen und einfach, daß wir nie und nimmer aus diesem

verdammten Dreckloch herauskommen, jedenfalls erst nach vielen, vielen Tagen. Wir werden

verflucht viel Pech haben und sehr lange Zeit und noch einige Tage dazu hierbleiben müssen…«

»Sagt deine Ahnung nichts von Proviant?« fragte Kid unfreundlich. »Denn wir haben ja nicht

Proviant für Tage und Tage und noch einige Zeit dazu.«

»Nee… kein Wort von Proviant. Ich glaube ja noch, daß wir die Sache deichseln werden, aber ich

will dir was sagen, Kid, offen und ehrlich, ich esse jeden Hund hier im Gespann, aber Bright

nicht. Bei Bright mache ich halt.«

»Hör jetzt auf«, schalt Kid. »Meine Ahnung ist auch an der Arbeit, und zwar ganz gewaltig. Sie

sagt mir, daß es kein Essen aus Hundefleisch geben wird und daß wir uns fett und dick fressen

werden, mag es nun an Elch- oder Rentierfleisch oder Kaviar sein.«

Kurz gab seinen Widerwillen nur durch ein verächtliches Grunzen kund, und wieder verging eine

Viertelstunde in tiefem Schweigen.

»Jetzt beginnt dein Unheil schon«, sagte Kid und machte halt.

Dann starrte er auf einen Gegenstand, der neben der alten Fährte lag.

Kurz verließ die Lenkstange und trat zu ihm. Gemeinsam starrten sie auf den Körper eines

Mannes, der im Schnee lag.

»Er ist gut genährt«, sagte Kid.

»Sieh dir mal seine Lippen an«, sagte Kurz.

»Steif wie ein Besenstiel«, erklärte Kid, als er den einen Arm der Leiche hob. So steif war

der Arm, daß der ganze Körper der Bewegung folgte.

»Wenn du ihn aufhebst und wieder fallen läßt, zerbricht er in Stücke«, sagte Kurz.

Der Mann lag auf der Seite und war völlig gefroren. Aus dem Umstand, daß er nicht mit Schnee

bedeckt war, schlossen sie, daß er erst kurze Zeit hier lag.

»Vor drei Tagen hat es ja mächtig geschneit«, erinnerte sich Kurz.

Kid nickte, dann beugte er sich über die Leiche, drehte sie halb um, so daß sie das Gesicht

sahen, und zeigte auf eine Schußwunde in der Schläfe. Er untersuchte den Boden zu beiden

Seiten und zeigte nickend auf einen Revolver, der im Schnee lag.

Einige hundert Meter weiter fanden sie eine zweite Leiche, die mit dem Gesicht nach unten im

Schnee lag.

»Zweierlei ist klar«, sagte Kid. »Sie sind gut genährt. Es handelt sich also nicht um

Hungersnot. Aber sie haben auch nicht viel Gold gefunden, sonst hätten sie nicht Selbstmord

begangen.«

»Wenn sie das getan haben«, wandte Kurz ein.

»Das haben sie ganz sicher. Es sind ja keine Spuren außer ihren eigenen vorhanden, und sie

sind beide vom Pulver verbrannt.«

Kid zog die Leiche beiseite und grub mit der Spitze seines Mokassins einen Revolver aus dem

Schnee, wo er unter der Leiche gelegen hatte. »Damit hat er es getan. Ich sagte dir ja, daß

wir etwas finden würden.«

»Es sieht sogar aus, als ob wir kaum erst beim Anfang wären. Aber warum haben die beiden

dicken Kerle sich wohl erschossen?«

»Wenn wir das erst entdecken, dann wissen wir auch, wie es mit dem Unheil zusammenhängt, das

du uns prophezeit hast«, antwortete Kid. »Komm. Wir müssen weiter… es ist schon verflucht

dunkel.«

Es war wirklich schon sehr dunkel, als Kid mit seinen Schneeschuhen über eine dritte Leiche

stolperte. Dann fiel er quer über einen Schlitten, neben dem eine vierte lag. Und als er den

Schnee, den er im Fallen in den Kragen bekommen, entfernt und ein Streichholz angezündet

hatte, sahen er und Kurz noch eine Leiche, die, in Decken gehüllt, neben einem halbfertigen

Grab lag. Ehe das Streichholz erlosch, hatten sie noch ein halbes Dutzend Gräber daneben

entdeckt.

»Pfui Teufel«, erklärte Kurz schaudernd. »Ein Selbstmörderlager. Alle dick und gut genährt.

Ich vermute, daß die ganze Gesellschaft tot ist.«

»Nein… sieh dort!« Kid starrte auf einen schwachen Lichtschimmer in der Ferne. »Und dort ist

noch ein Licht… und dort ein drittes… Komm… schnell!«

Sie fanden keine weiteren Leichen, und wenige Minuten später hatten sie auf einem

festgetretenen Weg das Lager erreicht.

»Das ist ja eine Stadt!« flüsterte Kurz. »Es müssen mindestens zwanzig Hütten sein. Und nicht

ein einziger Hund. Ist das nicht seltsam?«

»Und damit ist auch die ganze Geschichte geklärt. Es ist die Expedition Laura Sibleys«,

flüsterte Kid sehr erregt zurück. »Erinnerst du dich noch? Die Leute kamen letzten Herbst mit

der Port Townsend Nummer sechs den Yukon herauf. Sie fuhren an Dawson vorbei, ohne anzuhalten.

Der Dampfer muß sie an der Mündung des Baches an Land gesetzt haben.«

»Ich weiß schon… es waren Mormonen.«

»Nein, Vegetarier«, sagte Kid und grinste in der Dunkelheit.

»Sie wollten kein Fleisch essen und die Hunde nicht arbeiten lassen.«

»Ist ja alles Jacke wie Hose… der Allweise hatte ihnen selbst den Weg zum Gold gezeigt. Und

Laura Sibley wollte sie spornstreichs dorthin führen, wo sie alle Millionäre werden sollten.«

»Ja, sie war ihre Seherin… hatte Visionen und ähnliches. Ich dachte, sie wären den

Nordenskjöld hinaufgezogen.«

»Pst… hör mal…«

Kurz tippte Kid warnend gegen die Brust, und beide lauschten auf ein tiefes, langgezogenes

Stöhnen, das aus einer der Hütten kam. Bevor es verstummte, kam ein neues aus einer anderen

Hütte und dann wieder aus einer anderen… es war wie das furchtbare Stöhnen einer leidenden

Menschheit… es wirkte unheimlich wie ein Alpdruck.

»Pfui Deibel!« Kurz erschauerte. »Mir wird ganz übel davon. Wir wollen hingehen und sehen, was

los ist.«

Kid klopfte an die Tür einer Hütte, in der Licht brannte. Und als von drinnen »Herein!«

gerufen wurde – offenbar von der Stimme, die vorher gestöhnt hatte -, traten beide ein.

Es war eine ganz einfache Hütte aus rohen Balken, die Wände mit Moos gedichtet, der lehmige

Boden mit Hobelspänen und Sägemehl bestreut. Das Licht rührte von einer Öllampe her, und in

seinem Schein konnten sie fünf Betten sehen. In dreien davon lagen Männer, die sofort zu

stöhnen aufhörten, um die Neuankömmlinge anzustarren.

»Was ist los?« fragte Kid einen Mann, dessen breite Schultern und mächtige Muskeln die

Bettdecke nicht zu verbergen vermochte. Seine Augen waren jedoch von Schmerz verdunkelt und

seine Wangen ausgehöhlt. »Pocken? Oder was sonst?«

Statt zu antworten zeigte der Mann auf seinen Mund und öffnete mit großer Mühe die schwarzen

und geschwollenen Lippen. Kid erschauerte, als er ihn ansah. »Skorbut«, flüsterte er Kurz zu.

Und der Mann nickte, um die Richtigkeit der Feststellung zu bestätigen.

»Lebensmittel genug?« fragte Kurz.

»Jawohl«, antwortete der Mann. »Aber ihr müßt euch selber helfen. Es ist massenhaft da. Die

nächste Hütte auf der andern Seite steht leer. Das Depot liegt daneben. Geht nur hin.«

In allen Hütten, die sie in dieser Nacht besuchten, fanden sie dasselbe Bild. Das ganze Lager

war vom Skorbut ergriffen. Es waren auch ein Dutzend Frauen da, aber die bekamen sie nicht

gleich zu sehen. Ursprünglich waren es im ganzen dreiundneunzig Männer und Frauen gewesen,

aber zehn waren gestorben und zwei kürzlich verschwunden. Kid erzählte, wie sie die beiden

gefunden hatten, und drückte sein Erstaunen darüber aus, daß es keinem eingefallen war, die

Fährte eine so kurze Strecke zu verfolgen und selbst Untersuchungen anzustellen. Was aber ihm

und Kurz besonders auffiel, war die völlige Hilflosigkeit dieser Leute. Ihre Hütten waren

unordentlich und unsauber. Die Teller standen ungewaschen auf den roh gezimmerten Tischen. Sie

halfen sich auch nicht gegenseitig. Die Sorgen einer Hütte waren nur ihre Sorgen allein, ja,

die Leute hatten sogar schon aufgehört, ihre Toten zu begraben.

»Es ist wirklich ganz unheimlich«, sagte Kid zu Kurz. »Ich habe viele Gauner und Taugenichtse

in meinem Leben getroffen, aber noch nie so viele auf einmal. Du hörst ja selbst, was sie

sagen. Sie haben die ganze Zeit keine Hand zur Arbeit gerührt. Ich wette, sie haben sich nicht

einmal die Gesichter gewaschen. Kein Wunder, daß sie Skorbut bekommen haben.«

»Aber Vegetarianer sollten doch eigentlich gar nicht Skorbut bekommen können«, wandte Kurz

ein. »Man glaubt ja immer, daß nur Leute, die Salzfleisch essen, Skorbut bekommen. Und die

Leute hier essen ja gar kein Fleisch, weder frisches noch gepökeltes, weder rohes noch

gekochtes oder sonst irgendwie zubereitetes.«

Kid schüttelte den Kopf. »Ich weiß schon. Und mit vegetarischer Kost heilt man Skorbut, was

keine Medizin vermag. Pflanzen, namentlich Kartoffeln, sind die einzigen Gegenmittel. Aber

vergiß eines nicht, Kurz: Wir haben es hier nicht mit einer Theorie, sondern mit der

Wirklichkeit zu tun. Es ist eine Tatsache, daß diese Grasfresser alle Skorbut bekommen haben.«

»Es ist vielleicht ansteckend.«

»Nein, soviel wissen die Ärzte jedenfalls. Skorbut ist keine ansteckende Krankheit. Man wird

nicht angesteckt. Er entsteht im Organismus selbst. Soviel ich weiß, ist die Ursache das

Fehlen irgendeines Stoffes im Blut. Es kommt nicht davon, daß sie etwas gekriegt haben,

sondern daß ihnen etwas fehlt. Ein Mensch bekommt Skorbut, wenn ihm gewisse Chemikalien in

seinem Blut fehlen, und diese Chemikalien zieht man nicht aus Pulvern und Flaschen, sondern

nur aus Pflanzen.«

»Und diese Leute haben nichts als Gras gefressen«, stöhnte Kurz. »Und sie sind bis über die

Ohren damit vollgestopft. Das beweist, daß du auf einem falschen Gleis bist, Kid. Du hast

wieder mal so eine Theorie, aber die Tatsachen schlagen deiner Theorie den Boden aus. Skorbut

steckt an, und deshalb sind sie alle angegriffen, und das sogar ganz niederträchtig! Und wir

beide werden auch krank werden, wenn wir in dieser Gegend bleiben. Pfui Deibel, ich kann schon

merken, wie der Dreck mir durch den ganzen Körper dringt.«

Kid lachte spöttisch und klopfte an die Tür einer Hütte.

»Ich denke, daß wir hier ganz dieselbe Lage vorfinden werden«, sagte er. »Komm, wir müssen

sehen, wie die Geschichte zusammenhängt.«

»Was wünschen Sie?« rief eine scharfe Frauenstimme.

»Wir möchten sehen, wie es mit Ihnen steht«, antwortete Kid.

»Wer sind Sie?«

»Zwei Ärzte aus Dawson«, rief Kid ohne zu überlegen. Sein Leichtsinn bewog Kurz, ihm mit dem

Ellbogen einen Rippenstoß zu geben.

»Ich will keinen Arzt sehen«, sagte die Frau. Ihre Stimme klang abgerissen und heiser vor

Schmerz und Ärger. »Gehen Sie! Gute Nacht. Wir glauben nicht an Doktoren.«

Kid drückte die Türklinke nieder und öffnete die Tür.

Drinnen drehte er die kleingeschraubte Öllampe hoch, so daß sie sehen konnten. Die vier Frauen

in den vier Betten hörten mit Stöhnen und Seufzen auf, um die Eindringlinge anzustarren. Zwei

von ihnen waren junge Geschöpfe mit ausgemergelten Gesichtern, die dritte war eine ältere,

sehr kräftige Frau, und die vierte, die Kid an der Stimme wiedererkannte, war das magerste und

gebrechlichste Exemplar der menschlichen Rasse, das er je gesehen. Er erfuhr bald, daß es

Laura Sibley selbst war… die Seherin und berufsmäßige Wahrsagerin, die die Expedition in Los

Angeles auf die Beine gebracht und nach dem Todeslager in Nordbeska geführt hatte. Die

Unterredung, die jetzt stattfand, war recht ungemütlich. Laura Sibley glaubte nicht an Ärzte.

Zu ihrer Entschuldigung muß gesagt werden, daß sie auch schon fast aufgehört hatte, an sich

selbst zu glauben.

»Warum haben Sie nicht nach Hilfe geschickt?« fragte Kid, als sie erschöpft und atemlos einen

Augenblick schwieg. »Unten am Stewart ist doch ein Lager, und Dawson selbst können Sie im

Laufe von achtzehn Tagen erreichen.«

»Warum ist Arnos Wentworth denn nicht hingegangen?« fragte sie in einem an Hysterie grenzenden

Wutanfall.

»Ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen«, gab Kid zur Antwort. »Was macht er denn?«

»Nichts, gar nichts… aber er ist der einzige, der keinen Skorbut hat. Und warum hat er ihn

nicht bekommen? Das will ich Ihnen erzählen… nein… ich will es lieber nicht…« Die dünnen

Lippen, die so ausgezehrt waren, daß sie fast durchsichtig erschienen, preßten sich so fest

zusammen, daß Kid sich einbildete, die Zähne nebst ihren Wurzeln sehen zu können. »Und was

hätte es auch genützt? Was weiß ich? Ich bin nicht so blöd! Unsere Depots sind voll von

Fruchtsäften und eingekochten Gemüsen. Wir sind besser gegen Skorbut geschützt als alle

anderen Lager in ganz Alaska. Es gibt keine Sorte von Gemüsen, Obst und Nüssen, die wir nicht

in Mengen hätten… und wie!«

»Da hat sie dir eins ausgewischt, Kid«, rief Kurz eifrig. »Hier geht es aber um eine Tatsache

und nicht um Theorien. Du sagst, Gemüse heilt! Hier ist Gemüse genug… aber wo bleibt die

Heilung?«

»Es gibt anscheinend keine Erklärung, das räume ich ja ein«, gestand Kid. »Aber dennoch gibt

es kein Lager in ganz Alaska wie dieses. Ich habe früher schon Skorbut gesehen… vereinzelte

Fälle hie und da. Aber ich habe nie ein ganzes Lager angegriffen gesehen und auch nie so

furchtbare Fälle wie hier. Damit kommen wir jedoch nicht weiter, Kurz! Wir müssen jedenfalls

für die Leute tun, was wir können, aber zuerst wollen wir uns selber einrichten und für unsere

Hunde sorgen. Wir werden Sie morgen wieder besuchen… Frau Sibley.«

»Fräulein Sibley«, fauchte sie. »Und nun hören Sie, junger Mann, was ich Ihnen sage! Wenn Sie

hier herumlungern, den Idioten spielen und uns so eine Doktormixtur geben wollen, dann werde

ich Sie mit Kugeln durchlöchern, daß Sie wie ein Sieb aussehen.«

»Sie ist wirklich reizend, die göttliche Seherin«, lachte Kid, als er und Kurz durch die

Dunkelheit nach der leeren Hütte tappten, die sie zuerst betreten hatten. Sie konnten hier

feststellen, daß sie bis vor kurzem von zwei Männern bewohnt gewesen war. Vermutlich waren es

die beiden Selbstmörder gewesen, deren Leichen sie gefunden hatten. Sie untersuchten das Depot

und fanden, daß es mit ungeahnten Mengen von Lebensmitteln versehen war, die alle eingemacht,

pulverisiert, gedämpft, kondensiert oder gedörrt waren.

»Wie in aller Teufel Namen haben die Leute sich den Skorbut geholt?« fragte Kurz und zeigte

auf die kleinen Pakete mit pulverisierten Eiern und italienischen Champignons.

»Sieh dir das mal an… und das!« Er zog Büchsen mit Tomaten und Mais und Gläser mit gefüllten

Oliven hervor.

»Und dabei hat selbst die göttliche Lenkerin Skorbut bekommen. Was sagst du dazu?«

»Lenkerin… wie kommst du darauf?« fragte Kid.

»Na, ganz einfach«, antwortete Kurz. »Hat sie nicht ihre Schafe nach diesem verdammten Loch

gelenkt?«

Am nächsten Morgen, als es hell geworden war, sah Kid einen Mann, der ein mächtiges Bündel

Brennholz trug. Es war ein kleiner Kerl, aber er war sauber gekleidet und sah recht keck aus.

Trotz der schweren Bürde bewegte er sich rasch und leicht. Kid fühlte unwillkürlich einen

gewissen Unwillen gegen ihn.

»Was ist mit Ihnen los?« fragte er.

»Gar nichts«, antwortete der Kleine.

»Das dachte ich mir schon«, erklärte Kid. »Eben deshalb habe ich gefragt. Dann sind Sie also

Arnos Wentworth. Aber sagen Sie mir, warum in aller Welt haben Sie keinen Skorbut gekriegt,

wie alle andern?«

»Weil ich mir tüchtig Bewegung gemacht habe«, lautete die rasche Antwort. »Die andern hätten

ihn auch nicht zu kriegen brauchen, wenn sie sich nur ein bißchen Bewegung gemacht und

gearbeitet hätten. Warum haben sie das nicht getan? Sie haben nur gemurrt, gemeckert und

geschimpft, weil es kalt und die Nächte zu lang und das Leben zu schwer war, haben über ihre

Schmerzen und Leiden und über alles mögliche geklagt. Sie haben tagsüber in ihren Betten

gepennt, bis sie so aufgedunsen waren, daß sie sie überhaupt nicht mehr verlassen konnten. Das

ist die ganze Geschichte. Sehen Sie mich an! Ich habe geschuftet. Kommen Sie nur mit in meine

Hütte.«

Kid folgte ihm.

»Schauen Sie sich nur ruhig um! Alles blitzblank, nicht? Was sagen Sie nun? Alles piekfein und

sauber! Ich würde auch die Späne und das Sägemehl nicht auf dem Boden liegen lassen, wenn es

nicht warmhielte… aber es sind saubere Späne und sauberes Sägemehl, kann ich Ihnen sagen.

Schauen Sie sich mal den Fußboden in den andern Hütten an, Verehrtester! Sauställe, sag ich

Ihnen. Ich pflege auch nicht von ungewaschenen Tellern zu futtern. Nee, besten Dank,

Verehrtester. Aber es heißt arbeiten, und gearbeitet hab’ ich wie ein Vieh, und deshalb hab’

ich auch keinen Skorbut gekriegt! Darauf können Sie sich verlassen, Verehrtester!«

»Da haben Sie offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen«, gab Kid zu. »Aber ich sehe, daß Sie

hier nur ein Bett haben… Warum sind Sie so ungesellig?«

»Weil es mir lieber so ist! Es ist leichter, nach einem sauberzumachen als nach zweien. Die

stinkfaulen Pennbrüder! Kein Wunder, daß sie Skorbut gekriegt haben.«

Das klang ja alles sehr überzeugend, aber Kid konnte sich dennoch nicht von einem Gefühl des

Unbehagens dem Mann gegenüber befreien.

»Was hat Laura Sibley eigentlich gegen Sie?« fragte er plötzlich.

Arnos Wentworth warf ihm einen raschen Blick zu.

»Die ist ja verrückt«, antwortete er. »Im übrigen sind ja alle verrückt… aber der Himmel

bewahre mich vor Leuten, deren Verrücktheit darin besteht, daß sie die Teller, von denen sie

gefressen haben, nicht abwaschen wollen, und von der Sorte sind all die Trottel hier.«

Wenige Minuten später sprach Kid mit Laura Sibley. Auf zwei Stöcke gestützt, humpelte sie im

Lager herum und war vor Wentworth’ Hütte stehengeblieben.

»Was haben Sie eigentlich gegen Wentworth?« fragte er ganz unvermittelt, als er sich mit ihr

unterhielt. Die Frage kam so unerwartet, daß sie nicht darauf vorbereitet sein konnte.

Ihre grünen Augen blitzten erbost auf, ihr ausgemergeltes Gesicht verzerrte sich vor Wut, und

ihre wunden Lippen konnten nur mit Mühe einen unbeherrschten, unbesonnenen Ausbruch

zurückhalten. Aber sie gab nur ein hörbares Stöhnen und einige unverständliche Laute von sich.

Dann gelang es ihr, sich durch eine furchtbare Willensanspannung zu beherrschen.

»Weil er gesund geblieben ist«, ächzte sie. »Nur weil er keinen Skorbut gekriegt hat! Weil er

keinem von uns die geringste Hilfe leisten will! Weil er uns verrecken läßt, ohne einen Finger

zu rühren, um uns Wasser oder Brennholz zu bringen! So ein Biest ist er. Das ist alles. Aber

er soll sich in acht nehmen.«

Stöhnend und ächzend humpelte sie weiter. Als Kid aber fünf Minuten später aus seiner Hütte

trat, um die Hunde zu füttern, sah er, wie sie sich in die Hütte von Arnos Wentworth schlich.

»Hier stimmt etwas nicht, Kurz, das ist todsicher«, sagte er und schüttelte düster den Kopf,

als sein Kamerad zur Tür herauskam, um einen Eimer mit Abwaschwasser auszugießen.

»Zweifle gar nicht daran«, antwortete Kurz gut gelaunt. »Und wir beide werden den Dreck auch

noch kriegen – du wirst schon sehen.«

»Ich meine gar nicht den Skorbut.«

»Ach so, du meinst die göttliche Lenkerin. Die würde selbst einen Toten ausziehen, wenn sie

was davon hätte! Sie ist das gierigste Frauenzimmer, das ich je gesehen habe.«

»Es ist nur die Bewegung, Kurz, die uns beide gesund hält. Und dadurch ist auch Wentworth

gesund geblieben. Du siehst ja, wie es den anderen ergangen ist, weil sie nicht für Bewegung

gesorgt haben. Jetzt müssen wir also den Patienten hier Bewegung verordnen. Ich ernenne dich

hiermit zur Oberschwester.«

»Was sagst du? Ausgerechnet mich?« rief Kurz entgeistert. »Ich lege das Amt nieder.«

»Nein, das tust du nicht. Ich werde dir schon behilflich sein, denn es wird ja wahrscheinlich

keine Sinekure werden. Wir wollen sie schon springen lassen. Zuallererst müssen sie ihre Toten

begraben. Die Kräftigsten stecken wir in die Begräbnisschicht. Die Zweitstärksten kommen in

die Holzfällerschicht… Sie sind in ihren Betten geblieben, um Brennholz zu sparen… und so

geht’s weiter. Dann kommt der Fichtentee. Den darfst du um Gottes willen nicht vergessen. Die

Leute hier haben nie davon gehört.«

»Da werden wir ja genug zu tun haben«, grinste Kurz. »Aber ich glaube, daß wir selbst doch

vorher ein paar Kugeln in den Bauch kriegen werden.«

»Du könntest recht haben… zuerst wollen wir uns also damit beschäftigen«, sagte Kid. »Nur

los.«

Im Laufe der nächsten Stunde machten sie die Runde durch sämtliche zwanzig Häuser. Die gesamte

Munition, alle Stutzen, Schrotbüchsen und Revolver wurden beschlagnahmt.

»Hört mal, ihr Invaliden«, rief Kurz den Kranken zu, »her mit den Schießprügeln! Wir brauchen

sie.«

»Wer sagt denn das?« wurde gleich in der ersten Hütte gefragt.

»Zwei Ärzte aus Dawson«, gab Kurz zur Antwort. »Und was die sagen, wird getan. Nur her damit!

Her mit eurer Munition!«

»Was wollt ihr denn damit?«

»Einen kleinen Feldzug gegen Büchsenfleisch unternehmen, das den Canyon heraufmarschiert… Und

ich rate euch, gut aufzupassen, denn es steht eine Überschwemmung von Fichtentee bevor. Also

los.« Und das war der Anfang des ersten Tages. Mit Hilfe von Überredungskunst und

Kommandieren, und hin und wieder auch mit Gewalt, gelang es ihnen, die Männer aus den Betten

zu jagen und sie so weit zu bringen, daß sie sich anzogen. Kid suchte sich die leichtesten

Fälle für die Beerdigungsschicht heraus. Eine zweite Schicht erhielt den Befehl, Holzscheite

herbeizuschaffen, mit denen die Gräber durch den Schnee bis zur gefrorenen Erde gebrannt

wurden. Eine dritte Schicht mußte Brennholz schlagen und es unparteiisch in den Hütten

verteilen. Wer zu schwach war, um ins Freie zu gehen, mußte die Hütten säubern, Fußböden

schrubben und Kleider waschen.

Eine besondere Schicht mußte Fichtenzweige in Mengen sammeln; sämtliche Öfen wurden geheizt,

damit man genügend Fichtentee zubereiten konnte.

Aber was Kurz und Kid auch taten, die Lage blieb doch äußerst ernst und unbehaglich.

Mindestens dreißig schlimme und offenbar unheilbare Kranke mußten sie in den Betten liegen

lassen, nachdem sie mit Grauen und Ekel ihren Zustand geprüft hatten. In Laura Sibleys Hütte

starb eine der Frauen.

Aber strenge Maßnahmen waren ja unter den gegebenen Verhältnissen unvermeidlich.

»Es geht mir gegen den Strich, kranke Leute zu verhauen«, erklärte Kurz und ballte drohend die

Fäuste. »Aber ich würde ihnen den Kopf abschlagen, wenn ich sie dadurch heilen könnte. Und was

euch Taugenichtsen nottut, sind Dresche! Also los! Heraus aus den Decken und etwas willig,

oder ich mache eure schönen Gesichter zu Apfelmus.«

Alle Arbeitsschichten stöhnten, seufzten und schluchzten.

Und die Tränen strömten ihnen aus den Augen und gefroren noch während der Arbeit auf den

Wangen zu Eiszapfen.

Als die Arbeiter dann gegen Mittag in die Hütten zurückkehrten, fanden sie anständig

zubereitetes Essen, das die schwächeren Leute inzwischen unter Kids und Kurz’ Fuchtel und

Anleitung gekocht hatten, auf den Tischen vor.

»Und jetzt genug für heute«, sagte Kid gegen drei Uhr nachmittags. »Jetzt ist Schluß! Geht zu

Bett! Ihr fühlt euch natürlich sehr schlecht, aber morgen wird es schon besser gehen.

Selbstverständlich ist es kein Spaß, wieder gesund zu werden, aber ich werde euch schon

zurechtkriegen.«

»Zu spät«, erklärte Wentworth mit einem leisen Lächeln, als er Kids Bemühungen betrachtete.

»Sie hätten schon letzten Herbst auf diese Weise anfangen müssen.«

»Kommen Sie mal mit«, antwortete Kid. »Nehmen Sie die beiden Eimer hier. Ihnen fehlt ja

nichts.« Dann gingen die drei Männer von Hütte zu Hütte und flößten jedem einen ganzen Liter

Fichtentee ein. So ganz leicht ging das freilich nicht.

»Ihr könnt sicher sein, daß wir nicht spaßen«, erklärte Kid dem ersten Widerspenstigen, der in

seinem Bett auf dem Rücken liegenblieb und mit zusammengebissenen Zähnen ächzte. »Pack an,

Kurz!« Kurz faßte den Patienten an der Nase und gab ihm mit der anderen Hand einen Stoß in das

Zwerchfell, daß er den Mund öffnen mußte. »So, und jetzt hinunter damit.«

Und hinunter kam der Fichtentee, wenn der Patient auch die unvermeidlichen prustenden und

röchelnden Laute von sich gab.

»Nächstes Mal wird es schon besser gehen«, tröstete Kurz das Opfer, während er den Mann im

Nebenbett an der Nase packte.

»Ich für meinen Teil würde ja lieber Rizinus nehmen«, gestand Kurz vertraulich, bevor er die

eigene Portion hinunterwürgte. »Lieber Gott!« war alles, was er laut sagen konnte, als er den

bitteren Trank eingenommen hatte. »Klein wie ein Mäuschen, aber stark wie ein Elefant… das

hat’s in sich.«

»Wir werden diese Fichtenteerunde viermal täglich machen, und jedesmal müssen achtzig Personen

betreut werden«, teilte Kid Laura Sibley mit. »Wir haben also keine Zeit, Allotria zu treiben…

Wollen Sie den Tee schlucken oder soll ich Sie an der Nase fassen?« Er hob Daumen und

Zeigefinger in sehr beredter Weise. »Er ist ja aus Fichtennadeln hergestellt, der Tee, so daß

Sie sich keine Gewissensbisse zu machen brauchen.«

»Gewissensbisse!« prustete Kurz. »Bei Gott im Himmel, nein… es ist eine himmlische Medizin.«

Laura Sibley zögerte immer noch. Sie verschluckte jedoch, was sie sagen wollte.

»Na? Wird’s?« fragte Kid barsch.

»Ich werde… werde es ja schon nehmen«, sagte sie zitternd.

»Aber machen Sie schnell.«

Als es Abend wurde, krochen Kid und Kurz ins Bett, müder, als sie selbst nach den längsten

Schlittenfahrten und Wanderungen je gewesen.

»Es macht mich ganz krank«, gestand Kid. »Es ist furchtbar, wie sie dabei leiden. Aber

Bewegung ist wirklich das einzige Mittel, das ich weiß, und wir müssen es natürlich gründlich

versuchen. Ich möchte nur, wir hätten einen einzigen Sack Kartoffeln.«

»Sparkins kann nicht mehr Teller abwaschen«, sagte Kurz. »Er hat solche Schmerzen, daß er

schwitzt. Ich mußte ihn wieder ins Bett bringen, so hilflos war der arme Kerl.«

»Wenn wir nur rohe Kartoffeln hätten«, spann Kid seinen Gedanken weiter. »Das Entscheidende,

das Wesentliche fehlt in dem eingemachten Fraß. Das, was Leben schafft, ist einfach

herausgekocht.«

»Und wenn der junge Bengel, der Jones aus der Hütte von Brownlow, nicht abkratzt, ehe es

Morgen wird, kannst du mich einen Affen schimpfen.«

»Um Gottes willen, sei doch nicht solch Schwarzseher!« rügte Kid.

»Wir werden ihn wohl begraben dürfen, nicht wahr?« fauchte Kurz entrüstet. »Ich sage dir, dem

jungen Burschen geht es verdammt dreckig.«

»Halt’s Maul«, rief Kid.

Nachdem Kurz noch ein paarmal entrüstet gegrunzt hatte, schlief er unter lautem Schnarchen

ein.

Am nächsten Morgen zeigte es sich, daß nicht nur Jones tatsächlich im Laufe der Nacht

gestorben war, sondern auch einer der Kräftigeren, der in der Brennholzschicht gearbeitet

hatte. Er hatte sich aufgehängt. Und jetzt begann eine Reihe von Tagen, die ein wahrer

Alpdruck waren. Eine ganze Woche gelang es Kid noch, seine Bestimmungen in bezug auf

Fichtentee und Bewegung durchzuführen, obgleich er sich sehr hart machen mußte, um es

erzwingen zu können. Er war aber doch genötigt, bald einen, bald mehrere der Kranken von der

Arbeit zu befreien. Allmählich sah er ein, daß Bewegung ungefähr das schlimmste Mittel war,

das man Skorbutkranken empfehlen konnte. Die Beerdigungsschicht, die täglich kleiner wurde,

hatte unaufhörlich Arbeit genug und mußte jetzt immer ein halbes Dutzend Gräber in

Bereitschaft halten, die auf ihre Opfer warteten.

»Sie hätten auch keinen schlechteren Platz für das Lager wählen können als diesen«, sagte Kid

zu Laura Sibley. »Sehen Sie sich nur um… er liegt tief unten in einer engen Schlucht, die von

Osten nach Westen geht. Die Mittagssonne steigt nie über den Rand der Schlucht empor. Es muß

ja Monate her sein, daß Sie überhaupt die Sonne gesehen haben.«

»Aber wie konnte ich das wissen?«

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß eigentlich nicht, warum Sie es nicht hätten wissen sollen,

wenn Sie imstande waren, hundert Verrückte nach einer Goldmine zu führen.«

Sie warf ihm einen bösen Blick zu und humpelte weiter. Als er einige Minuten später von einem

Spaziergang nach der Stelle zurückkehrte, wo eine Schicht ächzender Patienten Fichtenzweige

sammelte, sah er die Seherin in die Hütte Arnos Wentworth’ treten und folgte ihr. Noch vor der

Tür hörte er ihre Stimme wimmern und betteln.

»Nur für mich«, bat sie, als Kid eintrat. »Ich werde es keiner Seele verraten.«

Beide starrten den Ankömmling eigentümlich schuldbewußt an, und Kid hatte den Eindruck, daß er

dicht vor einer Entdeckung stand, wenn er auch nicht wußte, um was es ging, und er verfluchte

sich, daß er nicht an der Tür gehorcht hatte.

»Heraus damit!« befahl er barsch. »Was ist los?«

»Was soll los sein?« fragte Arnos Wentworth mürrisch.

Kid konnte aus guten Gründen keine nähere Erklärung geben, was los sein sollte.

Die Lage wurde immer unheimlicher. In der Tiefe der dunklen Schlucht, wo nie die Sonne

hereinschien, stieg die Sterbeliste von Tag zu Tag. Und täglich untersuchten Kid und Kurz

gegenseitig ihren Mund, aus Furcht, daß der Gaumen und die Schleimhäute anfangen sollten, weiß

zu werden… das erste sichere Zeichen, daß sie von der Krankheit befallen wären.

»Jetzt hab’ ich genug«, erklärte Kurz eines Abends. »Ich hab’ mir die Sache genau überlegt.

Ich hab’ genug davon. Ich mache gern mit, wenn es gilt, Sklaven an die Arbeit zu treiben, aber

Krüppel anzutreiben, ist mehr, als mein Magen verträgt. Es wird immer schlimmer mit ihnen! Es

sind im ganzen kaum noch zwanzig Mann, die ich an die Arbeit treiben kann. Ich sagte heute

abend zu Jackson, daß er ruhig wieder ins Bett kriechen sollte. Er stand am Rande des

Selbstmords. Ich konnte es ihm direkt ansehen. Bewegung tut nicht gut.«

»Das hab’ ich auch eingesehen«, antwortete Kid.

»Wir werden sie alle von der Arbeit befreien mit Ausnahme von einem Dutzend, die uns helfen

müssen. Sie können sich ja ablösen. Und dann wollen wir mit dem Fichtentee aufhören. Der hilft

auch nichts.«

»Ich bin fast derselben Ansicht«, seufzte Kid. »Aber er schadet ihnen jedenfalls nicht.«

»Wieder ein Selbstmord«, berichtete Kurz am nächsten Morgen. »Philipps hat Schluß gemacht. Ich

hab’ es schon seit Tagen kommen sehen.«

»Ja, wir haben das Schicksal jetzt gegen uns«, klagte Kid. »Was würdest du vorschlagen, Kurz?«

»Wer? Ich? Ich gebe mich nicht mit Vorschlägen ab. Die Sache muß eben ihren schiefen Gang

weitergehen.«

»Aber das würde bedeuten, daß alle sterben«, protestierte Kid.

»Mit Ausnahme von Wentworth«, knurrte Kurz ärgerlich, denn er teilte schon längst den Unwillen

seines Partners gegen diesen Menschen.

Kid war ganz verblüfft über den immer noch guten Zustand Wentworth’, der unter den gegebenen

Verhältnissen das reine Wunder schien. Warum in aller Welt war er der einzige, der keinen

Skorbut bekam? Und warum haßte Laura Sibley ihn… während sie doch gleichzeitig winselte und

bettelte und ihn anflehte, um irgend etwas Geheimnisvolles von ihm zu bekommen? Was war dieses

Geheimnisvolle, das sie von ihm erhalten und das er ihr nicht geben wollte?

Kid hatte sich daran gewöhnt, hin und wieder einen Besuch in der Hütte Wentworth’ abzustatten,

wenn der seine Mahlzeiten einnahm. Aber das einzig Verdächtige, das er feststellen konnte, war

lediglich Wentworth’ Mißtrauen gegen ihn. Bei der nächsten Gelegenheit versuchte er, Laura

Sibley auszufragen.

»Rohe Kartoffeln würden ja die ganze Gesellschaft kurieren«, bemerkte er zu der Seherin. »Das

weiß ich. Ich habe schon früher gesehen, wie gut sie tun.«

In ihren Augen blitzte Zustimmung auf, wurde aber sofort von Haß und Bitterkeit verdrängt. Er

merkte, daß er auf die richtige Spur gekommen war.

»Warum haben Sie keine rohen Kartoffeln auf dem Dampfer mitgebracht?«

»Das taten wir ja auch. Als wir aber den Fluß heraufkamen, verkauften wir sie in Bausch und

Bogen in Fort Yukon. Wir hatten ja reichlich Eingemachtes und wußten, daß es sich besser

hielt.«

Kid stöhnte. »Und Sie haben wirklich alle verkauft?« fragte er.

»Ja. Wie konnten wir denn wissen…«

»Nein… aber blieben nicht vielleicht ein paar Säcke übrig?… So ganz zufällig, wissen Sie…

irgendwo auf dem Dampfer versteckt?«

Es kam ihm vor, als zögerte sie ein bißchen, ehe sie den Kopf schüttelte.

»Aber wäre das nicht doch möglich?« beharrte er.

»Wie soll ich das wissen?« fauchte sie wütend. »Ich hatte nicht das Amt eines

Proviantverwalters.«

»Das hatte wohl Arnos Wentworth…« Plötzlich fiel ihm die Möglichkeit ein. »… Gut, sehr gut…

aber was meinen Sie denn rein persönlich über diese Sache? Ganz unter uns. Glauben Sie, daß

Wentworth irgendwo rohe Kartoffeln versteckt hält?«

»Nein… sicher nicht… warum sollte er?«

»Warum sollte er nicht?«

Aber sie zuckte nur die Achseln.

»Wentworth ist ein Sauvieh«, gab Kurz seine Meinung von der Sache kund, als Kid ihm seinen

Verdacht mitgeteilt hatte.

»Und das ist Laura Sibley auch«, fügte Kid hinzu. »Sie glaubt, daß er Kartoffeln hat, hält es

aber geheim, weil sie hofft, daß er mit ihr teilen werde.«

»Und er will nicht?« Kurz fluchte der Schwäche des menschlichen Charakters mit ausgesuchten

Verwünschungen, bis er kaum noch japsen konnte.

Als es Nacht geworden war und das ganze Lager schnarchte und ächzte oder stöhnte, ohne

schlafen zu können, suchte Kid die bereits dunkle Hütte Wentworth’ auf.

»Hören Sie mal, Wentworth«, sagte er. »Ich habe in diesem Beutel genau tausend Dollar in

Goldstaub. Ich gelte als reicher Mann hier im Lande und kann es mir leisten. Ich fürchte, daß

ich auch angesteckt worden bin… Geben Sie mir eine rohe Kartoffel, und der Staub gehört Ihnen.

Hier… nehmen Sie.«

Es schauderte Kid, als Arnos Wentworth wirklich die Hand ausstreckte und das Gold nahm. Kid

hörte ihn in seinem Bett herumwühlen und dann merkte er, wie ihm… nicht das Gold, sondern eine

richtige Kartoffel in die Hand gedrückt wurde.

Kid wartete den nächsten Morgen nicht ab. Er und Kurz fürchteten, daß die zwei am meisten

angegriffenen ihrer Patienten jeden Augenblick sterben würden, und sie suchten deshalb deren

Hütten auf. Sie zerrieben die Kartoffel im Werte von tausend Dollar mit der Schale und dem

Schmutz, der daran klebte, in einer Tasse und träufelten von dieser breiigen Masse jede Stunde

ein wenig in die furchtbaren Löcher, die einst Münder gewesen waren. Die ganze Nacht hindurch

lösten sie einander ab, so daß sie den Patienten in regelmäßigen Zwischenräumen den

Kartoffelsaft einflößen konnten.

Als der nächste Tag zu Ende ging, schien ihnen die Besserung im Zustand der Patienten fast

wunderbar. Sie waren schon nicht mehr die Kränksten. Und als die Kartoffel nach achtundvierzig

Stunden verbraucht war, waren die beiden Patienten außer Gefahr, wenn auch noch längst nicht

geheilt.

»Ich will Ihnen sagen, was ich jetzt tun möchte«, sagte Kid zu Wentworth. »Ich besitze viele

Grundstücke hier im Lande, und mein Kredit ist so gut wie nur einer. Ich gebe Ihnen

fünfhundert Dollar für jede Kartoffel bis zum Gesamtbetrag von fünfzigtausend Dollar. Also für

insgesamt hundert Kartoffeln.«

»War das aller Staub, den Sie hatten?« fragte Wentworth.

»Kurz und ich haben alles zusammengescharrt, was wir bei uns hatten. Aber, offen gesagt, er

und ich sind zusammen mehrere Millionen schwer.«

»Ich habe keine Kartoffeln mehr«, sagte Wentworth schließlich. »Es ist wirklich schade. Die

Kartoffel, die ich Ihnen gab, war die einzige… Ich habe sie den ganzen Winter über aufbewahrt,

aus Angst, daß ich Skorbut kriegen würde. Ich habe sie nur abgegeben, um mir eine Fahrkarte

kaufen und das Land verlassen zu können.«

Obgleich die beiden Patienten keinen Kartoffelsaft mehr bekamen, hielt die Besserung noch am

dritten Tage an. Die Fälle aber, die nicht behandelt worden waren, wurden unterdessen immer

schlimmer. Am vierten Morgen wurden vier gräßlich aussehende Leichen begraben. Kurz machte

alles geduldig mit, aber dann wandte er sich zu Kid und sagte: »Du hast jetzt deine Methode

versucht. Jetzt bin ich an der Reihe.«

Er ging direkt in die Hütte Wentworth’. Er hat aber später nie – nicht einmal Kid – berichtet,

was dort vor sich ging. Er kam jedoch mit zerschlagenen, wunden Knöcheln wieder zum Vorschein,

und das Gesicht Wentworth’ wies nicht nur alle Anzeichen einer ziemlich unfreundlichen

Behandlung auf, er trug auch längere Zeit den Kopf schief und hatte einen steifen Hals. Diese

eigentümliche Haltung war zum Teil verständlich, wenn man die vier blauen und schwarzen Flecke

auf der einen und einen blau-schwarzen Fleck auf der anderen Seite seiner Kehle bemerkte. Es

waren ganz deutliche Spuren von Fingern.

Hierauf begaben Kid und Kurz sich nach der Hütte Wentworth’. Ihn selbst warfen sie in den

Schnee hinaus, während sie alles in seiner Hütte auf den Kopf stellten. Laura Sibley half

ihnen mit dem Eifer einer Verrückten beim Suchen.

»Du kriegst nicht soviel, wie auf meiner Hand liegen kann, altes Mädchen, und wenn wir eine

ganze Tonne finden«, versicherte Kurz ihr.

Aber sie sollte ebenso enttäuscht werden wie Kid und Kurz.

Sie fanden nicht das geringste, obgleich sie sogar den Boden aufbrachen.

»Ich bin dafür, ihn über einem langsamen Feuer zu rösten, bis er nachgibt«, schlug Kurz vor.

Kid schüttelte abweisend den Kopf.

»Er ist doch ein Mörder«, erklärte Kurz. »Er tötet ja all die armen Trottel ebenso, wie wenn

er ihnen mit einer Keule den Kopf zerschlüge.«

Und wieder verging ein Tag, an dem sie alle Bewegungen Wentworth’ überwachten. Mehrmals

näherten sie sich wie zufällig seiner Hütte, wenn er mit seinem Eimer ausging, um Wasser aus

dem Bach zu holen, und jedesmal eilte er zurück, ehe er Wasser geschöpft hatte.

»Die Kartoffeln sind offenbar in seiner Hütte versteckt«, sagte Kurz. »So sicher, wie Gott das

Mistzeugs geschaffen hat. Aber wo, zum Teufel, hat er sie denn? Wir haben doch wirklich alles

auf den Kopf gestellt.« Er stand auf und zog sich die Fäustlinge an. »Ich werde sie finden,

und wenn ich die Hütte abreißen sollte.«

Er sah Kid an, der mit einem abwesenden, nach innen gewandten Ausdruck dasaß und gar nicht

zugehört hatte.

»Was ist denn mit dir los?« fragte Kurz empört. »Du wirst mir doch nicht erzählen wollen, daß

du Skorbut gekriegt hast?«

»Ich versuche mich an etwas zu erinnern.«

»An was denn?«

»Das weiß ich eben nicht. Das ist ja das Verfluchte. Es war etwas sehr Gutes, wenn ich mich

nur entsinnen könnte.«

»Nun hör aber mal, Kid! Du vertrottelst doch wohl hier nicht allmählich?« sagte Kurz

eindringlich. »Denk auch ein bißchen an mich! Laß deinen Gehirnapparat etwas schneller

arbeiten. Komm und hilf mir die Hütte abreißen. Ich würde sie anzünden, wenn wir nicht

riskierten, die Kartoffeln dabei mitzubraten.«

»Ich hab’s«, rief Kid und sprang auf. »Das war es eben, an das ich mich zu erinnern suchte. Wo

steht die Petroleumkanne? Ich bin dabei, Kurz. Die Kartoffeln kriegen wir schon.«

»Was ist es denn?«

»Warte nur ab, mein Junge, dann wirst du schon sehen«, neckte ihn Kid.

Kurz darauf schlichen die beiden Männer – im blaßgrünen Schein des Nordlichts – nach der Hütte

von Arnos Wentworth.

Lautlos und vorsichtig gossen sie Petroleum über die Balken und besonders sorgfältig über Tür

und Fensterrahmen. Dann strichen sie ein Zündholz an, blieben stehen und sahen zu, wie das

brennende Öl sich ausbreitete.

Sie sahen, wie Wentworth aus der Hütte stürzte, mit wildem Schrecken die Feuersbrunst

anstarrte und dann wieder hineinstürmte. Kaum eine Minute war vergangen, als er wiederkam…

diesmal aber ganz langsam und tief gebückt unter der Last, die er auf seinem Rücken trug. Es

war ganz unverkennbar ein schwerer Sack. Kid und Kurz sprangen wie ein paar hungrige Wölfe auf

ihn los. Sie trafen ihn gleichzeitig von links und rechts. Er brach zusammen unter dem Gewicht

des Sacks, den Kid kräftig drückte, um den Inhalt mit Sicherheit festzustellen. Da merkte Kid,

wie Wentworth’ Arme seine Knie umfaßten, während der Mann ihm ein leichenfahles Gesicht

zuwandte.

»Geben Sie mir ein Dutzend, nur ein Dutzend… ein halbes Dutzend nur, dann überlasse ich Ihnen

den Rest«, heulte er. Er bleckte die Zähne und wollte, halb verrückt vor Wut, Kid in die Beine

beißen. Aber dann änderte er seinen Entschluß und begann zu betteln: »Nur ein halbes Dutzend«,

wimmerte er. »Ich wollte sie Ihnen ja sowieso morgen geben. Ja, ja, morgen früh… sie sind das

Leben… sie sind das Leben! Nur ein halbes Dutzend!«

»Wo ist der andere Sack?« bluffte ihn Kid.

»Den habe ich aufgegessen«, lautete die zweifellos aufrichtige Antwort. »Nur dieser Sack ist

übriggeblieben. Geben Sie mir doch ein paar… Sie können den ganzen Rest behalten.«

»Du hast sie aufgegessen?« brüllte Kurz. »Einen ganzen Sack voll! Und die armen Schlucker da

drüben sterben, weil sie keine haben! Da hast du… und hier… und hier… und da… Du verfluchtes

Dreckschwein… du Lausebengel!«

Der erste Hieb riß Wentworth von Kids Beinen fort, die er noch immer umklammert hielt. Der

nächste schlug ihn in den Schnee. Aber Kurz hieb immer wieder auf ihn los.

»Nimm deine Zehen in acht«, war das einzige, was Kid sagte.

»Ich brauche ja auch nur die Absätze«, antwortete Kurz.

»Hol’ mich der Teufel… Ich schlage ihm den Kopf in den Bauch hinein, daß er zwischen den

eigenen Rippen herausguckt und glaubt, er sitze hinter schwedischen Gardinen. Ich schlage ihn

zu Spinat… Da… und da… Nur schade, daß ich Mokassins und keine Stiefel anhabe. Du stinkiges

Mistschwein!«

Diese Nacht wurde im Lager wenig geschlafen. Stunde um Stunde machten Kid und Kurz die Runde

und gossen den lebenserneuernden Kartoffelsaft in die kranken Schlünde der Bevölkerung.

Jedesmal wurde nur ein viertel Löffel voll gegeben. Und den ganzen folgenden Tag setzten sie

diese Arbeit fort, doch wechselten sie jetzt miteinander ab, um auch selbst etwas Schlaf zu

bekommen.

Todesfälle gab es nicht mehr. Selbst die am schwersten Angegriffenen begannen, sich zu

erholen, und zwar kam die Besserung so plötzlich, daß man staunen mußte. Am dritten Tage waren

Männer, die viele Wochen lang nicht das Bett verlassen hatten, imstande, aufzustehen und

herumzugehen, wenn auch nur auf Krücken. Und an diesem Tag war die Sonne, die schon seit zwei

Monaten auf dem Anmarsch war, so liebenswürdige zum ersten Male einen freundlichen Blick über

den Rand der Schlucht zu werfen.

»Nicht so viel Kartoffeln wie auf meiner bloßen Hand«, sagte Kurz zu dem wimmernden und

flehenden Wentworth. »Sie haben ja gar keinen Skorbut. Sie haben einen ganzen Sack voll

aufgefressen und sind also gegen Skorbut für die ersten zwanzig Jahre gefeit. Jetzt, nachdem

ich Sie kennengelernt habe, verstehe ich erst den lieben Gott. Ich konnte nie begreifen, warum

er den Teufel am Leben ließ. Jetzt weiß ich aber, warum. Er ließ ihn am Leben, genau wie ich

Sie am Leben lasse. Aber es ist eigentlich ein Mordsskandal.«

»Nur einen freundschaftlichen Rat«, flüsterte Kid Wentworth zu. »Die Leute werden jetzt

schnell gesund sein. Und Kurz und ich können nur noch eine Woche hierbleiben – dann gibt es

keinen mehr, der Sie beschützen kann, wenn die Leute sich für Sie interessieren sollten. Dort

geht der Weg! Nach Dawson sind es nur achtzehn Tage…«

»Ja, machen Sie sich lieber dünne«, stimmte Kurz ihm bei, »sonst befürchte ich, daß das, was

ich Ihnen so freundlich gegeben habe, nur ein bescheidener Vorgeschmack von dem sein wird, was

Ihnen die andern Herren hier zuteilen werden.«

»Meine Herren, ich bitte Sie, schenken Sie mir doch Gehör«, heulte Wentworth. »Ich bin ja ganz

fremd in diesem schrecklichen Land. Ich weiß nicht einmal den Weg! Ich kenne die Sitten hier

nicht! Lassen Sie mich mit Ihnen gehen! Ich gebe Ihnen tausend Dollar, wenn Sie mich mit Ihnen

reisen lassen.«

»Glaub’ ich ja gern«, grinste Kid boshaft. »Aber meinetwegen, wenn Kurz nichts dagegen hat.«

»Wer? Ich?« Kurz erstarrte wie in einer ungeheuren Anspannung. »Ich? Ich bin ein Herr

Garnichts. Ich bin nur ein Wurm, eine Made, ein bescheidener Bruder der kleinsten Kröte, das

jüngste Kind von einem Brummer… ich fürchte freilich weder, was kreucht noch was fleucht… und

bin auch sonst nicht sehr schüchtern. Aber mit einer solchen Mißgeburt reisen… geh weg, Mann…

daß ich nicht kotze!«

Und Arnos Wentworth mußte allein abreisen. Und allein mußte er seinen Schlitten ziehen, der

mit genügend Proviant für die Fahrt nach Dawson beladen war. Eine Meile von dem Lager entfernt

wurde er von Kurz eingeholt.

»Du… komm mal her«, lautete Kurz’ Gruß… »Komm mal her… ein bißchen fix! Her mit der Pinke!«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, erklärte Wentworth zitternd, denn er hatte die beiden

Portionen Prügel noch nicht vergessen, die Kurz ihm gegeben hatte.

»Ich meine die tausend Dollar, verstanden, mein Herr?… Die tausend Dollar, die Kid Ihnen als

Bezahlung für die lausige kleine Kartoffel gegeben hat. Das war Wucher… heraus damit!«

Wentworth warf ihm den Sack mit dem Goldstaub zu.

»Hoffentlich wirst du von einem Stinktier gebissen, du Schwein… und kriegst echte Tollwut!« so

lautete Kurz’ letzter Abschiedsgruß an Arnos Wentworth.

* * *

Die Geschichte eines kleinen Mannes

»Wenn du nur nicht so verdammt eigensinnig wärst«, murrte Kurz. »Mir flößt der verdammte

Gletscher da eine Hundeangst ein. Kein vernünftiger Mensch würde ganz allein mit so einem

Biest anbinden.«

Kid lachte heiter und ließ den Blick über die blinkende Oberfläche des kleinen Gletschers

schweifen, der den Eingang zu dem engen Tal versperrte. »Jetzt haben wir schon August, und in

den zwei letzten Monaten sind die Tage immer kürzer geworden«, sagte er, um Kurz die Situation

klarzumachen. »Du verstehst dich auf Quarz, und ich habe keine Ahnung davon. Aber ich kann den

Proviant hierherschaffen, während du die Mutterader suchst. Also auf Wiedersehen solange.

Morgen abend bin ich wieder da.«

Er drehte sich um und schickte sich zum Gehen an.

»Aber ich habe das Gefühl, daß etwas geschehen wird«, rief Kurz ihm nach.

Kid antwortete nur mit einem übermütigen Lachen und setzte seinen Weg durch das kleine Tal

fort. Ab und zu wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Im Gehen zertraten seine Stiefel

die reifen Berghimbeeren und die zarten Farnkräuter neben den kleinen eisbedeckten Pfützen,

die die Sonnenstrahlen noch nicht erreicht hatten.

Zeitig im Frühjahr waren Kurz und er den Stewart hinaufgezogen und hatten sich in das seltsame

Chaos begeben, das diese Gegend kennzeichnete, wo auch der Überraschungssee lag. Und sie

hatten den ganzen Frühling und den halben Sommer mit vergeblichen Wanderungen vergeudet.

Bis sie endlich – als sie schon drauf und dran waren umzukehren – zum erstenmal die tückische

Wasserfläche erblickten, die in ihrer Tiefe so viel Gold barg und die eine ganze Generation

von Goldsuchern verlockt und ins Unglück geführt hatte. Sie ließen sich in der Hütte, die Kid

bei seinem ersten Besuche gefunden hatte, häuslich nieder und entdeckten bald dreierlei.

Erstens, daß große Goldklumpen den Boden des Sees bedeckten, zweitens, daß man an den

seichteren Stellen nach dem Golde tauchen konnte, daß aber die niedrige Temperatur des Wassers

jeden Menschen töten mußte, und drittens, daß das Trockenlegen des Sees eine viel zu große

Arbeit war, als daß zwei Männer sie im Laufe der kürzeren Hälfte eines an sich kurzen Sommers

hätten ausführen können. Sie ließen sich dadurch aber nicht von ihrem Plan abschrecken. Und

aus der Größe der Goldkörner zogen sie den Schluß, daß es nicht von weither kommen konnte. Sie

begannen deshalb die Mutterader zu suchen. Sie überquerten den großen Gletscher, der düster

und drohend am südlichen Rande des Sees lag, und widmeten ihre Kräfte zunächst einer genauen

Untersuchung des verworrenen Labyrinths von kleinen Tälern und Canyons, die in einer sehr

wenig gebirgsmäßigen Weise nach dem See führten oder einst geführt hatten.

Das Tal, in das Kid jetzt hinabstieg, erweiterte sich allmählich nach Art jedes normalen

Tales. Aber sein unteres Ende wurde ganz unerwartet von hohen und schroffen Wänden eingeengt,

um plötzlich von einer Querwand ganz versperrt zu werden. Am Fuße dieser Wand verschwand das

Bächlein in einem Tohuwabohu von Felsen und fand offenbar seinen Ablauf irgendwo unter der

Oberfläche. Als Kid die Felswand erklommen hatte, sah er vom Gipfel aus den See tief unter

sich liegen. Im Gegensatz zu andern Bergseen, die er gesehen hatte, war dieser nicht blau,

sondern von intensiver pfauengrüner Farbe, und er schloß daraus, daß er sehr seicht sein

mußte; diese Seichtheit ermöglichte es eben, ihn trockenzulegen. An allen Seiten war der See

von einem Gewirr von Bergen umgeben, deren eisglitzernde Zinnen und Gipfel groteske Gestalten

und Gruppen bildeten. Es war alles chaotisch und planlos anzusehen… fast wie der böse Traum

eines Dore. So phantastisch und unwirklich erschien ihm das ganze Bild, daß es auf Kid eher

den Eindruck machte, ein landschaftlicher Witz des Schöpfers als ein vernünftiger Teil der

Erdoberfläche zu sein. In den Canons sah er viele Gletscher… die meisten waren freilich

ziemlich klein, aber während er noch dastand, kalbte vor seinen Augen ein größerer am

nördlichen Ufer des Sees unter Getöse und Schaumspritzern. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees

- scheinbar nur eine halbe Meile, in Wirklichkeit aber, wie er wußte, mehr als fünf Meilen

entfernt – konnte er den kleinen Fichtenhain und die Hütte sehen. Er spähte noch einmal, um

seiner Sache sicher zu sein, hinüber und sah ganz deutlich Rauch aus dem Schornstein

aufsteigen.

Er überlegte sich, daß irgend jemand offenbar ganz unerwartet den See gefunden haben mußte.

Dann wandte er sich ab, um die südliche Wand zu erklettern.

Von deren Gipfel gelangte er in ein kleines Tal, das von bunten Blumen und dem schläfrigen

Summen der Bienen erfüllt war. Dieses Tälchen benahm sich ganz wie andere Täler, jedenfalls

insofern, als es in traditioneller Weise nach dem See führte. Aber doch stimmte seine Länge

nicht, denn es war kaum hundert Schritt lang. Es begann an einer Felswand, die mindestens

tausend Fuß hoch war und von der ein Bach sich wie ein Nebelschleier ins Tal stürzte.

Und wieder sah er hier Rauch. Diesmal stieg er jedoch irgendwo hinter einem vorspringenden

Felsblock träge durch den warmen Sonnenschein. Als Kid um den Felsen bog, hörte er das

metallische Geräusch von Hammerschlägen und ein heiteres Pfeifen, das den Takt markierte. Dann

sah er einen kleinen Mann, der einen Schuh mit der Sohle nach oben zwischen den Knien hielt

und große Bergsteigernägel hineinschlug.

»Donnerwetter«, lautete der Gruß des Fremden, und sofort schloß Kid den kleinen Mann in sein

Herz. »Sie kommen gerade rechtzeitig, um einen Happen mitzuessen. Hier ist Kaffee genug im

Topf, ein paar kalte Pfannkuchen und ein bißchen Pemmikan.«

»Ich wäre ein Esel, wenn ich ein so freundliches Angebot ablehnen würde«, erklärte Kid und

nahm Platz. »Bei den letzten Mahlzeiten habe ich ein bißchen sparen müssen. Aber sonst haben

wir Lebensmittel genug in der Hütte drüben.«

»Auf der andern Seite des Sees? Da wollte ich ja eben hin.«

»Es sieht so aus, als sei der Überraschungssee plötzlich volkstümlich geworden«, klagte Kid,

während er die Kaffeekanne leerte.

»Der Überraschungssee?… Na hören Sie mal, Sie machen doch Spaß, nicht wahr?« sagte der Mann,

und auf seinem Gesicht malte sich Erstaunen.

Kid lachte. »Ja, so wirkt der See auf alle. Sehen Sie die Felsterrasse drüben? Von dort habe

ich den See zum erstenmal gesehen. Ganz unverhofft. Auf einmal sah ich den ganzen See vor mir

liegen. Und ich hatte es damals schon aufgegeben, ihn überhaupt je zu finden.«

»So ging es mir auch«, stimmte der andere ihm bei. »Ich wollte gerade umkehren und hatte

gedacht, heute abend den Stewart zu erreichen, als ich plötzlich den See entdeckte. Aber wenn

das da der Überraschungssee ist, wo zum Teufel ist dann der Stewart? Und wo bin ich die ganze

Zeit gewesen? Und wie sind Sie hierhergekommen? Und wie heißen Sie eigentlich?«

»Bellew… Kid Bellew.«

»Oh, dann kenne ich Sie ja.« Die Augen und das ganze Gesicht des kleinen Mannes leuchteten vor

heller Freude, und er reichte Kid eifrig die Hand. »Ich habe schon allerlei von Ihnen gehört.«

»Sie lesen vermutlich die Polizeinachrichten?« fragte Kid bescheiden.

»Nee, doch nicht«, lachte der Mann und schüttelte den Kopf. »Nur die Tagesgeschichte von

Klondike. Ich hätte Sie ja gleich erkannt, wenn Sie glattrasiert gewesen wären. Ich war mit

dabei und habe Sie gesehen, als Sie das ganze Spielergesindel mit der Roulette im Elch zum

besten hielten. Ich heiße Carson – Andy Carson. Und ich kann gar nicht sagen, wie ich mich

freue, daß ich Sie getroffen habe.«

Er war ein kleiner schlanker Mann, hatte aber Muskeln wie Stahl, lebhafte blaue Augen und eine

anziehende, kameradschaftliche Art.

»Und das hier ist also wirklich der Überraschungssee?« murmelte er ungläubig.

»Ganz gewiß.«

»Und sein Boden ist mit Gold gepflastert?«

»Vollkommen richtig. Hier sehen Sie ein paar von den Pflastersteinen.« Kid steckte die Hand in

die Hosentasche und zog ein halbes Dutzend Goldklumpen heraus. »So sehen die Dinger aus. Sie

brauchen also nur zu tauchen – einfach ins Blinde – und können eine ganze Handvoll sammeln.

Dann müssen Sie freilich nachher eine halbe Meile laufen, um den Blutumlauf wieder in Ordnung

zu bringen.«

»Hol’ mich der Teufel, da sind Sie mir also zuvorgekommen«, fluchte Carson launig, aber er war

ganz offensichtlich sehr enttäuscht. »Und ich bildete mir schon ein, daß ich die ganze

Goldmühle für mich allein haben sollte. Na, ich habe ja jedenfalls das Vergnügen gehabt, den

Weg hierher zu finden.«

»Das Vergnügen?« rief Kid. »Wenn es uns gelingt, alles Gold, das dort in der Tiefe liegt, in

die Finger zu kriegen, wird Rockefeller ein Waisenknabe gegen uns sein.«

»Es gehört ja alles Ihnen«, wandte Carson ein.

»Quatsch, lieber Freund. Sie müssen sich mal klarmachen, daß noch nie, solange es Goldminen

gibt, ein solches Goldlager gefunden wurde wie dieses. Wir brauchen Sie und mich und meinen

Partner und alle Freunde, die wir finden können, um das Gold in die Finger zu kriegen. Bonanza

und Eldorado zusammen sind nicht soviel wert wie ein halber Morgen da unten, selbst wenn man

sie beide in einen Topf schmeißt. Die Frage ist nur, wie man den See trockenlegt. Das wird

Millionen kosten. Und ich habe eine Befürchtung. Es ist nämlich so viel Gold darin, daß es,

wenn wir es nicht zurückhalten, einfach im Wert fallen wird.«

»Und Sie sagen, daß ich…« Carson verstummte sprachlos.

»Und wir sind froh, daß Sie mitmachen. Wir werden ein oder zwei Jahre und alles Geld, das wir

haben, brauchen, um den See trockenzulegen. Aber es ist zu machen! Ich habe den Boden genau

untersucht. Aber wir werden jeden Mann im Lande brauchen, der für guten Lohn arbeiten will.

Wir brauchen ein ganzes Heer, und jetzt im Anfang vor allem anständige Menschen, die mitmachen

wollen. Wollen Sie mit dabei sein?«

»Ob ich will? Sehe ich nicht so aus? Ich fühle mich schon dermaßen als Millionär, daß ich

Angst habe, den großen Gletscher dort zu überschreiten. Jetzt kann ich es mir nicht mehr

leisten, das Genick zu brechen. Ich möchte gern noch einige von den großen Nägeln da haben.

Ich schlug mir gerade die letzten ein, als Sie kamen. Wie sind Ihre denn? Lassen Sie mal

sehen?«

Kid hob den einen Fuß.

»Glattgescheuert wie `ne Schlittschuhbahn!« rief Carson.

»Die müssen Sie gründlich gebraucht haben. Warten Sie einen Augenblick, dann ziehe ich einige

von meinen heraus und gebe sie Ihnen.«

Aber Kid wollte nichts davon wissen. »Außerdem«, fügte er hinzu, »habe ich ungefähr zwölf

Meter Seil da, wenn wir ans Eis kommen. Mein Partner und ich haben es gebraucht, als wir

hinübergingen. Es ist ganz einfach.«

Es war ein mühseliges und warmes Klettern. Die Sonne blendete sie auf der flimmernden

Eisfläche, der Schweiß strömte aus allen Poren, und sie stöhnten vor Anstrengung. Es waren

Stellen da, die von unzähligen Rissen und Spalten durchquert wurden, wo sie nach einer

gefährlichen und mühseligen Arbeit von einer Stunde kaum mehr als hundert Meter weitergekommen

waren. Als sie um zwei Uhr nachmittags eine kleine Wasserpfütze, die sich im Eis gesammelt

hatte, erreichten, machte Kid halt.

»Wollen wir nicht ein bißchen Pemmikan futtern?« sagte er. »Ich bin etwas knapp mit Proviant,

und ich merke, daß mir die Knie zittern. Außerdem haben wir schon das Schlimmste hinter uns.

Wir haben nur noch dreihundert Meter bis zu den Felsen drüben, und es ist kein schlimmer Weg,

mit Ausnahme von einigen unangenehmen Spalten und einer besonders bösen, die uns zu dem

Vorsprung führt… es kommt freilich eine etwas schwächliche Eisbrücke, aber Kurz und ich sind

damals doch hinübergegangen.«

Während die beiden Männer aßen, lernten sie einander besser kennen, und Andy Carson machte

keine Mördergrube aus seinem Herzen, sondern erzählte seine ganze Lebensgeschichte.

»Ich wußte ja, daß ich den Überraschungssee finden würde«, sagte er zwischen zwei Bissen. »Und

ich mußte es auch. Denn ich kam zu spät bei den Franzosenbänken, beim großen Skookum und bei

Monte Christo… und da hieß es eben Überraschungssee oder sich aufhängen. Und da bin ich also

jetzt. Meine Frau wußte auch, daß ich es schaffen würde. Ich habe schon Vertrauen genug, aber

es ist gar nichts gegen das ihrige. Sie ist überhaupt prima, primissima… Edelware… geht keiner

Arbeit aus dem Wege, reines Gold vom Scheitel bis zur Sohle, ein Prachtstück, kennt weder das

Wort niemals noch kann nicht oder so was. Eine Kampfnatur durch und durch. Die einzige Frau

für mich, waschecht und alles, was dazu gehört. Sehen Sie nur mal…«

Er öffnete seine Uhr, und auf der Innenseite des Deckels sah Kid eine kleine dort eingeklebte

Photographie. Sie zeigte eine blondhaarige Frau, und zu jeder Seite das lachende Gesicht eines

Kindes.

»Jungens?« fragte er.

»Junge und Mädel«, antwortete Carson stolz. »Er ist anderthalb Jahre älter.« Er seufzte. »Sie

hätten ja älter sein können, aber wir mußten eben so lange warten. Sehen Sie, meine Frau war

krank. Die Lunge… aber sie hat den Kampf mit der Krankheit aufgenommen. Was zum Kuckuck

verstanden wir davon? Ich war im Büro – bei der Eisenbahn, Chicago -, als wir heirateten. Ihre

Verwandten waren alle tuberkulös. Damals hatten die Ärzte ja nicht viel Schimmer. Sie sagten,

daß es erblich wäre! Die ganze Familie hatte Tuberkulose. Einer bekam es vom andern, nur

dachten sie nie daran. Bildeten sich alle ein, damit geboren zu sein. Schicksal! Sie und ich

lebten die ersten Jahre mit den andern zusammen. Ich hatte keine Angst. In meiner Familie gab

es keine Tuberkulose. Aber ich kriegte sie. Das gab mir zu denken. Es war also ansteckend. Ich

kriegte sie, weil ich die Ausdünstung der andern einatmete.

Wir besprachen die Sache. Sie und ich. Dann schickte ich den alten Hausarzt zum Teufel und

fragte einen modernen Spezialisten um Rat. Der erzählte mir, was ich mir selbst ausgeknobelt

hatte. Und sagte auch, daß Arizona die richtige Gegend für uns wäre. Da brachen wir unsere

Zelte ab und reisten hin. Nicht einen Cent. Ich fand eine Stellung als Schafhirt und ließ die

Frau in der Stadt, einer richtigen Lungenstadt, so voll von Lungenkranken, daß man kaum

spucken konnte.

Na, ich lebte und schlief ja im Freien und begann mich bald zu erholen. Ich war immer

monatelang draußen. Und jedesmal, wenn ich zurückkam, ging es ihr schlechter. Sie konnte

einfach nicht gesund werden. Aber wir hatten was gelernt. Ich nahm sie weg aus der verfluchten

Stadt. Sie ging einfach mit mir Schafe hüten. Vier Jahre, Sommer und Winter, in Hitze und

Kälte, im Regen, Schnee und Frost und allem Dreckwetter schliefen wir im Freien. Nie unter

Dach. Und wir wechselten immer wieder unsern Lagerplatz. Sie hätten nur den Unterschied sehen

sollen… braun wie Kaffeebohnen, mager wie Indianer, zäh wie frischgegerbtes Leder. Als wir uns

einbildeten, geheilt zu sein, gingen wir nach San Franzisko zurück. Aber wir waren zu voreilig

gewesen. Schon im zweiten Monat hatten wir leichte Blutstürze. Sofort flüchteten wir wieder

nach Arizona und zu unseren Schafherden. Blieben noch zwei Jahre dort. Dann waren wir in

Ordnung. Vollkommen geheilt. Ihre ganze Familie ist ausgestorben. Wollten nicht hören, was wir

ihnen sagten. Wir hielten uns aber von allen Städten fern. Zogen die Küste des Pazifiks

hinunter. Das südliche Oregon gefiel uns besonders gut. Wir ließen uns im Rogue-River-Tal

nieder. Äpfel! Hat eine große Zukunft. Ich bekam meinen Grund und Boden – natürlich in Pacht -

für vierzig Dollar den Morgen. In zehn Jahren wird er fünfhundert wert sein.

Aber wir haben ja auch anständig geschuftet. Kostet auch viel Geld, so was. Und anfangs hatten

wir keinen Cent, verstehn Sie, und mußten das Haus bauen, die Scheune, Pferde, Pflüge und

alles andere anschaffen. Sie hielt zwei Jahre lang Schule. Dann kam der Junge! Sie sollten nur

die Bäume sehen, die wir gepflanzt haben… hundert Morgen voll! Fast alle tragen jetzt. Aber

damals machte es ja nur Kosten… und dazu waren auch immer noch die Hypothekenzinsen zu

bezahlen. Deshalb bin ich ja hier. Sie macht die Sachen dort unten, und ich sitze hier, ein

erstklassiger, verfluchter Millionär… wenn man nach den Aussichten gehen darf.«

Er war einen glücklichen Blick über das Eis, das im Sonnenschein flimmerte, nach dem grünen

See in der Ferne.

Dann sah er auch die Photographie an und murmelte: »Sie ist ein Prachtstück von einer kleinen

Frau, das ist sie. Donnerwetter, wie sie geschuftet hat! Sie wollte einfach nicht sterben,

obgleich sie nur noch Haut und Knochen war, die um ein kleines Häufchen brennenden Feuers

gewickelt waren, als wir mit den Schafen losgingen. Oh, sie ist immer noch dünn, sie wird auch

nie dick werden. Aber es ist die süßeste Dünnheit, die ich je gesehen habe, und wenn ich

zurückkomme, und die Bäume tragen, und die Kleinen gehen in die Schule, dann werden wir beide,

meine Frau und ich, nach Paris fahren. Ich habe freilich nicht viel Vertrauen zu der

verdammten Stadt, aber sie hat sich ihr ganzes Leben danach gesehnt.«

»Nun, und hier liegt ja das Gold, das Sie nach Paris bringen wird«, versicherte ihm Kid. »Wir

brauchen nur die Hand danach auszustrecken.«

Carson nickte mit leuchtenden Augen. »Ich sage ja, unsere Farm ist der hübscheste Obstgarten

Gottes an der ganzen Pazifikküste. Und ein herrliches Klima dazu! Unsere Lungen werden nicht

mehr zum Teufel gehen. Leute, die Tuberkulose gehabt haben, müssen sonst vorsichtig sein,

wissen Sie! Wenn Sie sich mal irgendwo ansässig machen wollen, dann werfen Sie zuerst einen

Blick in unser Tal, ehe Sie sich entscheiden. Das müssen Sie tun! Unbedingt! Und fischen kann

man dort. Donnerwetter! Haben Sie je einen Lachs von fünfunddreißig Pfund mit einer Angelrute

von sechs Unzen gefangen?«

»Ich bin um vierzig Pfund leichter als Sie«, sagte Carson. »Lassen Sie mich vorangehen.«

Sie standen am Rande der großen Spalte. Sie war wirklich ungeheuer groß und alt, mindestens

hundert Fuß breit und hatte schräge, vom Alter verwitterte Hänge statt scharfer Ränder. An der

Stelle, wo Kid und Carson standen, wurde sie von einem riesigen Haufen festgeballten Schnees

überbrückt, der halb zu Eis geworden war. Sie konnten nicht einmal sehen, wo dieser

Schneehaufen aufhörte, oder wie tief er in den Spalt hinabreichte, und noch weniger, wie tief

dieser Spalt selbst war. Die Brücke begann indessen schon zu schmelzen und drohte jeden

Augenblick zusammenzubrechen. Man konnte sehen, daß Teile davon erst kürzlich abgebröckelt

waren. Und selbst in dem Augenblick, als die beiden diese Brücke untersuchten, brach ein Stück

im Gewicht von einer halben Tonne ab und stürzte in die Tiefe.

»Sieht scheußlich unsicher aus«, gab Carson zu, während er bedenklich den Kopf schüttelte.

»Und sie sieht viel schlimmer aus als damals, als ich noch kein Millionär war.«

»Aber wir müssen losgehen«, sagte Kid. »Wir sind schon zu weit, um umkehren zu können. Und die

ganze Nacht hier oben auf dem Eis lagern können wir auch nicht. Es gibt keinen andern Weg.

Kurz und ich haben eine ganze Meile zu beiden Seiten geforscht. Aber die Brücke war damals,

als wir sie überschritten, freilich in besserem Zustande.«

»Sie kann nur einen tragen. Lassen Sie mich zuerst hinübergehen.« Carson nahm Kid den Schlag

des Seiles aus der Hand. »Sie müssen loslassen. Ich nehme das Seil und die Hacke. Geben Sie

mir die Hand, so daß ich leichter hinuntersteigen kann.«

Langsam und vorsichtig kletterte er einige Fuß bis zur Brücke hinunter, auf der er dann einen

Augenblick stehenblieb, um die letzten Vorbereitungen für den gefährlichen Übergang zu

treffen. Auf dem Rücken trug er seine Ausrüstung. Das Seil legte er sich um den Hals, so daß

es auf seinen Schultern ruhte.

Das eine Ende war indessen um seinen Körper festgebunden.

»Ich würde einen ansehnlichen Teil meiner künftigen Million für eine Bande tüchtiger

Brückenarbeiter geben«, sagte er, aber sein heiteres, launiges Lächeln strafte seine Worte

Lügen.

Dann fügte er hinzu: »Alles in Ordnung! Ich bin die reine Katze.«

Die Hacke und die lange Stange, die er als Alpenstock benutzte, hielt er des Gleichgewichts

wegen waagerecht vor sich wie ein Seiltänzer. Er setzte erst den einen Fuß prüfend vor, zog

ihn wieder zurück und nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen.

»Ich möchte lieber eine arme Laus sein«, sagte er lächelnd; »wenn ich diesmal kein Millionär

werde, versuche ich es nie wieder. Es ist doch zu unbequem.«

»Wird schon gehen«, ermunterte ihn Kid. »Ich bin ja schon einmal hinübergekommen. Lassen Sie

mich lieber zuerst versuchen.«

»Ausgerechnet Sie mit Ihren vierzig Pfund Mehrgewicht«, gab der kleine Mann eifrig zurück. »In

einer Minute bin ich bereit. Ich bin es schon.«

Diesmal hatte er seine Nerven sofort in der Gewalt.

»Gut, hier geht es um den Rogue River und die Äpfel«, sagte er, als er den Fuß vorsetzte.

Diesmal aber ließ er ihn leicht und vorsichtig stehen, während er den andern langsam und

sachte hob und an ihm vorbeischob. Mit großer Umsicht und Sorgfalt setzte er dann den Weg über

die zerbrechliche Brücke fort, bis er zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Dann machte

er halt, um eine Vertiefung zu untersuchen, die er überschreiten mußte. Er bemerkte aber darin

einen ganz frischen Riß und blieb zögernd stehen. Kid, der ihn die ganze Zeit beobachtete,

sah, daß er erst zur Seite und dann in die Tiefe hinunterblickte und darauf leise hin und her

zu schwanken begann.

»Nicht nach unten blicken«, befahl Kid barsch. »Weitergehen… sofort!«

Der kleine Mann gehorchte und schwankte nicht mehr unterwegs. Der von der Sonne zernagte

Abhang auf der andern Seite der Kluft war schlüpfrig, aber nicht steil, und es gelang ihm, ein

schmales Felsstück zu erreichen, das aus der Wand vorsprang. Dort wandte er sich mit dem

Gesicht gegen Kid und setzte sich.

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen!« rief er ihm zu. »Aber bleiben Sie nicht stehen und sehen Sie

auch nicht nach unten! Und jetzt los! Der ganze Mist hier taugt schon nichts mehr.«

Kid begann mit waagerecht gehaltenem Stock den Übergang.

Es war klar, daß die Brücke schon in ihren letzten Zügen lag.

Er vernahm ein Knistern unter seinen Füßen. Die ganze Schneemasse schien sich zu bewegen. Das

Knistern wurde immer stärker. Dann hörte er einen einzelnen scharfen Knack.

Er erkannte, daß irgend etwas Schlimmes hinter ihm geschah.

Hätte er sonst nichts gespürt, so würde schon der gespannte und erregte Ausdruck in Carsons

Gesicht es ihm enthüllt haben. Aus der Tiefe hörte er das leise und schwache Plätschern eines

rieselnden Baches, und ganz unwillkürlich und unfreiwillig warf er einen schnellen Blick in

den schimmernden Abgrund. Dann nahm er sich zusammen und starrte wieder geradeaus. Als er die

zwei Drittel zurückgelegt hatte, war er bei der Vertiefung angelangt. Die scharfen Ränder des

Risses, die von der Sonne noch kaum berührt waren, zeigten deutlich, wie frisch er war. Kid

hob bereits den einen Fuß, um den Riß zu überqueren, als dieser langsam breiter zu werden

begann, während Kid gleichzeitig eine Reihe von scharfen, schnappenden Geräuschen vernahm. Er

wollte sich beeilen weiterzukommen und machte deshalb den Schritt länger als beabsichtigt.

Aber dadurch glitt sein Schuh, dessen Nägel abgeschliffen waren, auf der andern Seite des

Risses aus. Er fiel auf sein Gesicht und rutschte sofort in den Spalt der Brücke hinab. Seine

Beine schwebten frei in der Luft, aber es war ihm gelungen, im Fallen den Stock quer über die

Lücke zu legen, und er konnte jetzt seine Brust dagegen stemmen…

Zuerst wurde ihm ganz übel, weil sein Herz mit unheimlicher Schnelligkeit klopfte. Sein erster

Gedanke war indessen nur Staunen, daß er nicht tiefer gefallen war. Hinter sich vernahm er

Krachen und Knistern und ein Schütteln, das seinen Stock zittern ließ. Und tief, tief unter

sich, aus dem Herzen des Gletschers, drang das leise und hohle Dröhnen der Schneemassen zu ihm

herauf, die sich losgerissen hatten und auf den Boden des Abgrundes schlugen. Dennoch hielt

die Brücke immer noch, obgleich sie an der andern Seite fast völlig vom Felsen losgerissen war

und in der Mitte den großen Riß hatte, während der Teil, den er bereits zurückgelegt hatte, in

einem Winkel von zwanzig Grad abwärts hing. Er konnte sehen, daß Carson, der auf seinem

Vorsprung saß, die Füße fest gegen die allmählich schmelzende Oberfläche stemmte, schnell das

Seil von der Schulter nahm und es abzuwickeln begann.

Mit einem schnellen Blick berechnete Carson den Abstand, löste das Tuch, das er um den Hals

trug, und knüpfte es an das Seil, das er durch ein zweites Tuch, das er in seiner Tasche

hatte, noch weiter verlängerte. Das Seil selbst war aus Schlittentauen und kurzen,

zusammengeflochtenen Ledersträngen geknüpft und sowohl leicht wie stark. Carson warf es sehr

gewandt und hatte gleich Erfolg, so daß es Kid gelang, es zu ergreifen. Er hatte offenbar die

Absicht, mit dem Seil in der Hand aus dem Spalt zu kriechen. Aber Carson, der inzwischen das

andere Ende des Seils um seinen Körper gebunden hatte, hinderte ihn daran.

»Binden Sie es sich auch um«, befahl er.

»Wenn ich dann hinunterstürze, ziehe ich Sie mit«, wandte Kid ein.

Der kleine Mann erlaubte keinen Widerspruch. »Halten Sie den Mund«, kommandierte er. »Der

Klang Ihrer Stimme genügt vollkommen, um das Ding da zum Einsturz zu bringen.«

»Wenn ich aber wirklich zu gleiten beginne…«, begann Kid.

»Halten Sie jetzt gefälligst die Schnauze… Sie werden überhaupt nicht zu fallen beginnen,

verstanden? Nun tun Sie, wie ich gesagt habe… so… so ist’s richtig… unter die Achsel. Binden

Sie es gehörig fest… Jetzt… Los! Aber vorsichtig! Ich werde das Seil schon einholen! Kommen

Sie jetzt…« Kid war vielleicht zehn Schritt weit gekommen, als die Brücke völlig

zusammenzubrechen begann. Lautlos und stoßweise zerbröckelte sie und stellte sich dabei immer

schräger.

»Schnell«, rief Carson und holte mit beiden Händen das Seil ein, das sich durch Kids Bewegung

gelockert hatte.

Als es dann krachte, krampften sich Kids Finger in die harte Wand, während sein Körper von der

zerbröckelnden Brücke nach unten gezogen wurde. Carson saß, die Beine gespreizt und gegen den

Boden gestemmt, da und holte das Seil aus allen Kräften ein. Durch diese Bemühungen wurde Kid

wohl an die Wand heran, gleichzeitig aber Carson aus der Höhlung, in der er saß,

herausgezerrt. Er schnellte wie eine Katze herum, krallte sich mit wilder Energie am Eise

fest, glitt aber doch hinab. Unter ihm – mit vierzig Fuß Seil zwischen ihnen – kämpfte Kid

ebenso verzweifelt, um sich festzuhalten. Aber ehe das Dröhnen aus der Tiefe ihnen meldete,

daß die Brücke den Boden des Abgrunds erreicht hatte, waren beide hängengeblieben. Carson fand

zuerst eine Stelle, und das bißchen Gewicht, das er jetzt in seinen Zug am Seil noch legen

konnte, genügte, um seinen eigenen Sturz aufzuhalten.

Beide blieben in kleinen Vertiefungen stecken, aber die von Kid war so schmal, daß er ohne

Hilfe von oben doch tiefer gestürzt wäre, obgleich er sich aus allen Kräften an die Wand

drückte und festkrallte. Er hing über einem Vorsprung an der Felswand und konnte deshalb nicht

hinabsehen. Einige Minuten vergingen, während deren beide sich bemühten, sich Klarheit über

ihre Lage zu verschaffen. Auch machten sie verblüffende Fortschritte in der Kunst, sich an dem

nassen und glitschigen Eise festzukrallen. Der kleine Mann war der erste, der zu sprechen

begann.

»Kreuzdonnerwetter«, sagte er. Und fügte dann eine Minute später hinzu: »Wenn Sie sich einen

Augenblick festhalten und das Seil ein bißchen lockern, werde ich mich umdrehen können.

Versuchen Sie es mal.«

Kid machte einen Versuch, stützte sich aber dann wieder auf das Seil.

»Es geht«, meinte er. »Sagen Sie mir, wann Sie bereit sind. Aber schnell.«

»Ungefähr drei Fuß unter mir ist eine Stelle, wo meine Hacken Halt finden können«, sagte

Carson. »Ich brauche nur einen Augenblick dazu. Sind Sie bereit?«

»Nur los.«

Es war eine schwere Arbeit, die paar Meter hinabzukriechen und sich dann umzudrehen und

hinzusetzen. Aber es war noch schwerer für Kid, sich eng an die Eiswand zu pressen und in

einer Lage zu verharren, die von Minute zu Minute immer höhere Anforderungen an seine Muskeln

stellte. Er merkte schon, wie er ganz leise, fast unmerklich, hinabzurutschen begann, als das

Seil sich endlich wieder straffte. Da sah er auch schon das Gesicht Carsons über sich. Kid

bemerkte, daß die sonnengebräunte Haut Carsons ganz fahl war, weil ihm das Blut aus dem

Gesicht gewichen war, und er dachte, wie er wohl aussehen mochte. Als er dann aber sah, wie

Carson mit zitternden Fingern nach seinem Messer tastete, sagte er sich, daß er Schluß machen

müßte. Der Mann war offenbar außer sich vor Angst und wollte das Seil durchschneiden.

»Kü… kü… kümmern Sie si… si… sich nur nicht um mi… mi… mich…«, stotterte der kleine Mann. »Mir

i… i… ist ga… gar nicht ba… bange. Es sind n… nur meine Ne… nerven… hol… hol sie der T…

teufel… In einer Mi… mi… nu… nute geht es wie… wie… wieder.«

Und Kid beobachtete ihn, wie er dalag: ganz zusammengekauert, die Schultern zwischen den

Knien, zitternd und linkisch. Mit der einen Hand straffte er das Seil ein bißchen, mit der

andern, die das Messer hielt, schlug und hieb er Löcher für seine Absätze in das Eis.

Kid wurde es ganz warm ums Herz. »Hören Sie mal, Carson. Sie können mich nie da hinaufziehen,

und es hat keinen Zweck, daß wir beide zum Teufel gehen. Machen Sie Schluß und schneiden Sie

das Seil durch…«

»Halten Sie doch die Schnauze«, lautete die empörte Antwort. »Wem gehört der Laden hier?«

Und Kid merkte, daß der Zorn ein gutes Heilmittel für die Nerven des andern war. Für seine

eigenen Nerven war es eine schlimme Belastung, eng an das Eis gedrückt dazuliegen, ohne etwas

anderes tun zu können, als sich festzukrallen. Ein Stöhnen und ein schneller Ruf: »Halten Sie

sich fest!« warnten ihn. Das Gesicht gegen die Eiswand gedrückt, machte er eine äußerste

Anspannung, um sich festzuhalten, merkte, daß das Seil sich lockerte, und erkannte, daß Carson

im Begriff war, zu ihm herunterzugleiten. Er wagte erst aufzublicken, als er merkte, daß das

Seil sich wieder straffte, und wußte, daß der andere einen neuen Halt gefunden hatte.

»Pfui Deibel… Das war aber auf der Kippe«, stotterte Carson. »Ich bin mehr als einen Meter

weit gerutscht. Nun müssen Sie ein bißchen warten. Ich muß mir einen neuen Halt hauen. Wenn

dies verfluchte Eis nicht so verdammt brüchig wäre, würden wir besser dran sein.«

Und während der kleine Mann mit der einen Hand das Seil so straff hielt, wie es für Kid

dringend notwendig war, zerhieb und zerriß er das Eis mit dem Messer, das er in der andern

hielt. So vergingen zehn Minuten.

»Jetzt werde ich Ihnen sagen, was wir zu tun haben«, rief Carson zu Kid hinunter. »Ich habe

Löcher für Ihre Hände und Füße neben mir gehauen. Jetzt werde ich das Seil ganz langsam und

vorsichtig einholen, und dann kommen Sie herauf. Aber halten Sie sich gut fest, und machen Sie

nicht zu schnell! Ich will Ihnen vorher noch was sagen. Ich halte Sie am Seil fest, und Sie

werfen unterdessen das ganze Gepäck weg. Verstanden?«

Kid nickte und löste mit unendlicher Vorsicht seinen Rucksackriemen. Dann schüttelte er

kräftig die Schultern, so daß der Rucksack abfiel. Carson sah, wie das Gepäck über den

Vorsprung kollerte und in der Tiefe verschwand.

»Jetzt werfe ich meinen weg«, rief er hinab. »Inzwischen müssen Sie sich nur ruhig verhalten.«

Fünf Minuten darauf begann für Kid der Kampf, um nach oben zu gelangen. Erst wischte er sich

die Hände an der Innenseite seiner Ärmel ab, dann begann er vorsichtig hinaufzuklettern… kroch

auf dem Bauche, klammerte, krallte und krampfte sich an die Wand… unterstützt und festgehalten

von dem Zug Carsons am Seil. Allein wäre er nicht einen Zoll vorwärts gekommen. Trotz seiner

stärkeren Muskeln konnte er nicht wie Carson klettern, weil sein Mehrgewicht von vierzig Pfund

ihn behinderte. Als er ein Drittel des Weges hinter sich hatte und die Wand steiler und das

Eis weniger brüchig wurde, fühlte er, daß der Zug, am Seil nachließ. Immer langsamer ging es

vorwärts. Hier war es aber ausgeschlossen, stehenzubleiben und zu warten. Und selbst mit der

größten Anstrengung war es ihm nicht möglich, weiterzukommen. Er merkte auch schon, wie er

wieder hinabzugleiten begann.

»Ich rutsche«, rief er nach oben.

»Ich auch«, lautete die Antwort, die Carson mit Mühe durch die Zähne hervorstieß.

»Dann lassen Sie das Seil fahren.«

Kid merkte, daß das Seil sich eine Sekunde in einer vergeblichen Anspannung straffte… dann

rutschte er schneller nach unten, und während er zu seinem früheren Standpunkt, ja über den

Vorsprung hinabglitt, sah er gerade noch, wie Carson dort auf den Rücken gefallen war und wie

ein Wahnsinniger mit Armen und Beinen zappelte, um nicht weiter hinabgezogen zu werden. Zu

Kids Staunen stürzte er selbst, als er den Vorsprung passiert hatte, nicht jäh in die Tiefe.

Das Seil hielt ihn etwas zurück, als er einen noch schrofferen Abhang hinunterrutschte, der

jedoch gleich wieder sanfter wurde, und schließlich blieb er in einer neuen Vertiefung am

Rande eines neuen Vorsprungs liegen. Carson konnte er jetzt gar nicht mehr sehen, denn der lag

ihm verborgen an der Stelle, die Kid vorher eingenommen hatte.

»Pfui Deibel«, hörte er Carson mit klappernden Zähnen stottern.

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann merkte Kid, daß das Seil angezogen wurde.

»Was machen Sie denn?« rief er hinauf.

»Ich haue neue Löcher für Hände und Füße«, lautete die zitternde Antwort. »Sie müssen eben so

lange warten. Ich werde Sie im Handumdrehen heraufziehen. Kehren Sie sich nicht daran, wie ich

spreche! Ich bin eben ein bißchen aufgeregt! Sonst bin ich aber ganz auf der Höhe. Warten Sie

nur, dann werden Sie sehen!«

»Sie halten mich ja nur durch Ihre Kraft«, wandte Kid ein. »Früher oder später, wenn das Eis

schmilzt, rutschen Sie mir nach. Das einzige, was Sie zu tun haben, ist das Seil

durchzuschneiden. Tun Sie, wie ich Ihnen sage! Es hat doch keinen Zweck, daß wir beide zum

Teufel gehen. Sie sind der größte kleine Mann in der ganzen Welt, und Sie haben Ihr Bestes

getan. Schneiden Sie mich jetzt los.«

»Nun halten Sie doch endlich einmal Ihre werte Schnauze. Ich haue jetzt hier Löcher, und

diesmal so tief, daß ich ein ganzes Pferdegespann heraufziehen könnte.«

»Sie haben mich schon lange genug festgehalten«, erklärte Kid eindringlich. »Lassen Sie mich

fahren.«

»Wie oft habe ich Sie gehalten?« fragte der Mann wütend.

»Mehrmals… und jedesmal war einmal zuviel… Sie rutschen ja selbst immer weiter herunter.«

»Und dabei lerne ich immer mehr, wie die Sache zu deichseln ist. Ich werde Sie festhalten, bis

wir aus diesem Schlamassel heraus sind. Verstehen Sie? Als Gott mich zu einem Leichtgewichtler

machte, wußte er schon, denke ich mir, was er tat. Also… Maul halten und still sein! Ich habe

hier zu tun…«

Wieder vergingen einige Minuten in Schweigen. Kid konnte den metallischen Klang des Messers

hören, mit dem der Kleine auf das Eis losschlug, und hin und wieder glitten kleine

Eisstückchen über den Vorsprung zu ihm herab. Da er durstig war, fing er, sich mit Händen und

Füßen festkrallend, einige dieser Stückchen mit den Lippen und ließ sie im Munde zergehen, um

sich auf diese Weise zu erfrischen.

Er hörte Carson schwer atmen, vernahm ein klagendes Stöhnen der Verzweiflung und merkte, daß

das Seil wieder nachließ, so daß er sich aus allen Kräften festhalten mußte. Das Seil straffte

sich jedoch gleich wieder. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, einen Blick den Steilhang

hinaufzuwerfen. Er spähte einige Sekunden vergeblich empor… dann sah er, wie das Messer mit

der Spitze nach unten über den Rand des Vorsprungs zu ihm herunterglitt. Er preßte seine Wange

dagegen, zuckte zusammen, als er fühlte, wie die Schneide seine Haut zerschnitt, drückte

wieder stärker und merkte dann, daß das Messer liegenblieb.

»Ich bin doch ein Esel«, klang es bedauernd von oben.

»Nur ruhig, ich habe es«, antwortete Kid.

»Schön, aber warten Sie ein bißchen. Ich habe eine Menge Bindfaden in der Tasche. Ich lasse

ihn zu Ihnen hinab, und dann schicken Sie mir das Messer wieder herauf.«

Kid antwortete nicht. Ihm schoß plötzlich ein Einfall durch den Kopf.

»Hallo, Sie da… jetzt kommt der Bindfaden! Sagen Sie mir, ob Sie ihn bekommen haben.«

Ein kleines Taschenmesser, das am Ende des Bindfadens festgebunden war, glitt über das Eis

herab. Kid fing es auf.

Durch eine rasche Bewegung mit den Zähnen und der einen Hand gelang es ihm, die große Klinge

zu öffnen; er überzeugte sich, daß sie scharf war. Dann band er das Messer an den Bindfaden.

»Hinaufziehen!« rief er.

Mit gespannten Blicken beobachtete er, wie das Messer nach oben gezogen wurde. Aber er sah

noch mehr… er sah einen kleinen Mann, der voll tödlicher Angst und dennoch unerschrocken,

zitternd und mit klappernden Zähnen, krank vor Schwindel, Übelkeit und Furcht heldenmütig

überwand.

Seit Kid Kurz getroffen, hatte er noch keinem so schnell aufrichtige und warme Freundschaft

entgegengebracht wie diesem Manne. »Glänzend«, erklang die Stimme von oben über den Vorsprung

zu ihm hinab. »Jetzt werden wir im Handumdrehen aus diesem Eisloch heraus sein.«

Die erschütternde Anstrengung, Mut und Hoffnung aufrechtzuerhalten, die aus Carsons Stimme

herausklang, war für Kid entscheidend.

»Hören Sie, Carson«, sagte er ruhig, während er sich vergeblich bemühte, das Bild Joy Gastells

aus seinem Gehirn zu bannen. »Ich habe Ihnen das Messer hinaufgeschickt, damit Sie sich aus

dieser Lage befreien. Ich werde jetzt mit dem Taschenmesser das Seil durchschneiden. Es

genügt, wenn einer von uns beiden zum Teufel geht. Verstanden?«

»Beide oder keiner«, kam die barsche, aber zitternde Antwort zurück. »Wenn Sie noch eine

Minute ausharren…«

»Ich habe schon zu lange ausgeharrt. Ich bin nicht verheiratet. Ich habe keine anbetungswürdig

dünne Frau, keine Kinder und keine Apfelbäume, die auf mich warten. Jetzt müssen Sie sehen,

daß Sie wenigstens aus dem Dreck herauskommen… und das bald…«

»Warten Sie doch… um Gottes Willen, warten Sie…«, schrie Carson zu ihm herab. »Das dürfen Sie

nicht! Geben Sie mir doch eine Möglichkeit, Sie zu retten. Nur ruhig, alter Freund! Wir werden

es schon kriegen! Sie werden sehen! Ich haue jetzt Löcher, die groß genug sind, um ein ganzes

Haus mit Scheune heraufzuholen.«

Kid antwortete nicht. Ruhig und sicher, wie gebannt von dem, was er im Geiste sah, sägte er

weiter mit dem Messer, bis der eine von den drei Strängen durchschnitten war.

»Was tun Sie«, rief Carson verzweifelt. »Wenn Sie es durchschneiden, verzeihe ich es Ihnen

nie… Niemals… Ich sage Ihnen ja: entweder kommen wir beide aus dem Dreck hinaus oder keiner

von uns… Wir werden die Sache schon deichseln… Nur warten! Um Gottes willen…«

Und Kid, der den durchschnittenen Strang, der kaum fünf Zoll vor seinen Augen baumelte,

anstarrte, empfand eine so jämmerliche Furcht wie noch nie in seinem Leben. Er wollte nicht

sterben… er prallte zurück, als er in den schimmernden Abgrund unter sich blickte, und die

sinnlose Angst ließ sein Gehirn die törichtesten Vorwände hervorsuchen, um die Sache in die

Länge zu ziehen…

»Gut«, rief er hinauf. »Ich werde noch warten. Tun Sie, was Sie können. Aber ich sage Ihnen,

Carson, sobald wir wieder zu gleiten beginnen, schneide ich das Seil durch.«

»Pscht… Nicht daran denken… Wenn wir uns wieder bewegen, geht es nach oben! Ich klebe wie eine

Klette… ich würde hier hängenbleiben, und wenn es doppelt so steil wäre… Ich habe schon ein

reines Riesenloch für den einen Absatz fertig… und jetzt werden Sie still sein und mich

arbeiten lassen.«

Nur langsam vergingen die Minuten. Kid konzentrierte all seine Gedanken auf einen dumpfen

Schmerz, den ihm ein Niednagel an dem einen Finger verursachte. Er hatte ihn am selben Morgen

abschneiden wollen – er schmerzte schon damals, überlegte er. Und er faßte den Entschluß, ihn

abzuschneiden, wenn er nur erst aus dieser verdammten Klemme herausgekommen war. Als er aber

den Finger und den Niednagel in solcher Nähe betrachtete, kam ihm ein ganz neuer Gedanke.

Gleich – bestenfalls in wenigen Minuten – waren dieser Niednagel, dieser Finger, der mit so

kunstfertigen und geschmeidigen Gelenken versehen war, vielleicht Teile einer zerschmetterten

Leiche in der Tiefe der Schlucht. Als er sich seiner Angst bewußt wurde, fühlte er Haß gegen

sich selbst.

Liebhaber von Bärenfleisch mußten aus anderem Holz geschnitzt sein! In der Wut über seine

eigene Furcht begann er wieder mit dem Messer auf das Seil loszusägen… Da hörte er wieder

Carson stöhnen und seufzen. Eine plötzliche Lockerung des Seils warnte ihn. Er begann zu

gleiten. Die Bewegung war zuerst sehr langsam. Das Seil wurde treu und brav wieder angezogen -

aber er glitt dennoch immer weiter. Carson konnte ihn nicht mehr halten, sondern wurde mit

hinabgezogen! Er fühlte sich mit der Fußspitze vor und merkte den leeren Raum unter sich;

jetzt, wußte er, mußte er senkrecht nach unten stürzen. Und er war sich gleichzeitig darüber

klar, daß sein Körper im Fall sofort Carson mitreißen würde.

Dann wurde ihm auf einmal klar, was Recht und was Unrecht war. In blinder Verzweiflung setzte

er wieder das Messer an das Seil, sah, wie die zerschnittenen Stränge auseinanderplatzten.

Fühlte dann, wie er immer schneller glitt und schließlich in die Tiefe stürzte…

Was dann geschah, wußte er nicht. Er war nicht bewußtlos, aber alles geschah so schnell und

kam so unerwartet. Statt im Todessturz zu zerschmettern, schlugen seine Füße fast

augenblicklich gegen Wasser, und er setzte sich mitten in eine Pfütze, die ihn mit kalten

Spritzern durchnäßte.

»Oh, warum haben Sie das getan?« hörte er eine klagende Stimme von oben rufen.

»Hören Sie«, rief er hinauf. »Ich bin vollkommen heil. Sitze hier bis zum Hals im Wasser. Und

unsere beiden Rucksäcke sind auch da. Ich setze mich darauf. Es ist Platz für ein halbes

Dutzend hier. Wenn Sie heruntergleiten, halten Sie sich nur dicht an die Wand, und Sie werden

heil landen wie ich. Aber sonst machen Sie, daß Sie schnell hinaufklettern und wegkommen.

Gehen Sie nach der Hütte. Es muß jemand drinnen sein. Ich habe den Rauch ja gesehen. Verlangen

Sie dort ein Seil oder etwas, das ein Seil vorstellen kann… und kommen Sie wieder und holen

mich hinauf.«

»Ist es wirklich wahr?« rief Carson zweifelnd.

»So wahr ich hier sitze und hoffe, daß ich einst sterben werde. Machen Sie jetzt, daß Sie

wegkommen… sonst erkälte ich mich und hole mir den Tod.«

Kid hielt sich warm, indem er mit seinen Füßen einen Kanal durch die Eisdecke hämmerte. Er

hatte eben das letzte Wasser durch die Rinne abgeleitet, als ein Ruf anzeigte, daß Carson den

oberen Rand der Kluft erreicht hatte.

Darauf verwendete Kid die Zeit in aller Ruhe dazu, seine Kleider zu trocknen. Die späte

Nachmittagssonne schien warm auf ihn herab, während er seine Kleider wrang und sie rings um

sich ausbreitete. Seine Streichholzschachtel war wasserdicht, und es gelang ihm, genügend

Tabak und Reispapier zu trocknen, um sich Zigaretten drehen zu können.

Als er zwei Stunden später auf den beiden Rucksäcken saß und rauchte, hörte er von oben eine

Stimme, in der er sich nicht irren konnte.

»Aber Kid, Kid!«

»Tag Fräulein Gastell!« rief er zurück. »Wo in aller Welt kommen Sie denn her?«

»Haben Sie sich verletzt?«

»Keine Spur!«

»Papa wirft Ihnen jetzt das Seil hinunter… Können Sie es sehen?«

»Jawohl… und ich hab’ es auch schon gefangen«, antwortete er. »Sie müssen nur so freundlich

sein, ein paar Minuten zu warten!«

»Was ist denn los?« fragte sie ängstlich nach einigen Minuten. »Oh, ich weiß, Sie haben sich

doch verletzt.«

»Nein, durchaus nicht… ich muß mich nur anziehen…«

»Anziehen?«

»Ja… ich hab’ ein bißchen gebadet… So, sind Sie bereit? Also, ziehen Sie!«

Er ließ zuerst die beiden Rucksäcke hinaufziehen und mußte dafür eine kleine Rüge von Fräulein

Gastell einstecken… dann erst folgte er selber.

Joy Gastell sah ihn mit leuchtenden Augen an, während ihr Vater und Carson sich bemühten, das

Seil aufzuwickeln. »Es war prachtvoll, daß Sie das Seil durchschnitten«, erklärte sie. »Es

war… es war einfach herrlich…«

Kid lehnte die Bewunderung mit einer Handbewegung ab.

»Ich habe schon die ganze Geschichte gehört…«, erklärte sie. »Carson erzählte sie mir. Sie

haben sich geopfert, um ihn zu retten.«

»Keine Rede davon«, log Kid. »Ich hatte ja schon längst das kleine Schwimmbecken unter mir

gesehen.«

* * *

Eier

An einem klaren Wintermorgen gab Lucille Arral in dem großen Laden der A. C. Company Kid über

den Ladentisch hinweg einen geheimnisvollen Wink. Der Verkäufer war auf einer Forschungsreise

in das Innere der Lagerräume verschwunden, und trotz dem dickbäuchigen, rotglühenden Ofen

hatte Lucille sich wieder ihre Handschuhe angezogen.

Kid gehorchte bereitwillig. In Dawson gab es keinen Mann, dem eine Auszeichnung Lucilles nicht

geschmeichelt hätte. Sie war nämlich die sehr beliebte und fesche Soubrette der kleinen

Sängertruppe, die allabendlich in der Palast-Oper auftrat.

»Es ist schrecklich langweilig hier«, klagte sie mit einer bezaubernden Ausgelassenheit,

sobald sie Kid die Hand gegeben hatte. »Eine ganze Woche lang ist gar nichts Interessantes

vorgefallen. Und der Maskenball, den Stiff Mitchell arrangieren wollte, ist verschoben worden.

Es wird kein Goldstaub umgesetzt! Nicht einmal das Opernhaus ist abends voll. Und es ist

länger als zwei Wochen her, daß wir die letzte Post bekamen. Die ganze Stadt ist in ihre Höhle

gekrochen und schläft den Winterschlaf… Wir müssen etwas anstellen… es muß Leben in die Bude

kommen, und das können wir beide schon schaffen. Wenn jemand die Stadt auf den Kopf stellen

kann, dann sind wir beide es. Ich habe übrigens mit Wild Water gebrochen, wissen Sie.«

Kid sah sogleich zwei Bilder vor sich. Das eine stellte Joy Gastell dar. Das andere zeigte ihn

selbst im Schein des kalten nördlichen Mondes auf einem öden Schneefeld liegend, und es war

der obenerwähnte Herr Wild Water, der ihn mit gutgezielten und schnellen Schüssen

niedergeknallt hatte. Kids Neigung, die Stadt mit Lucille Arrals Hilfe auf den Kopf zu

stellen, war demgemäß so gering, daß sie es bemerken mußte.

»Ich meine gar nicht das, was ich Ihrer Meinung nach jetzt meinen sollte… danke schön«, sagte

sie, schnippisch lachend, aber doch ein bißchen gekränkt. »Wenn ich mich Ihnen einmal an den

Hals werfe, so müssen Sie Ihre Augen besser aufmachen… sonst wissen Sie gar nicht, wie ich

aussehe.«

»Andere Männer wären einfach am Herzschlag tot umgefallen, wenn ihnen ein so unerhörtes Glück

in den Schoß gefallen wäre«, murmelte er und versuchte vergeblich seine Erleichterung zu

verbergen.

»Sie Lügner«, antwortete sie gutgelaunt. »Sie wären wohl eher aus Angst gestorben. Aber ich

will Ihnen etwas erzählen, Herr Alaska-Kid: Nichts liegt mir ferner, als mit Ihnen zu flirten,

und wenn Sie es wagen sollten, mir den Hof zu machen, so wird Herr Wild Water sich Ihrer schon

annehmen. Sie kennen ihn ja. Außerdem… außerdem habe ich nicht ganz mit ihm gebrochen.«

»Na… nur weiter mit Ihren Rätseln«, neckte er sie. »Vielleicht kriege ich doch noch heraus,

was Sie eigentlich wollen, wenn Sie mir nur ein bißchen Zeit lassen… ich hab’ so eine lange

Leitung.«

»Da gibt es nichts herauszukriegen, Kid. Ich will es Ihnen ganz offen erklären. Wild Water

glaubt, ich hätte mit ihm gebrochen… verstehen Sie?«

»Ja, aber haben Sie es oder haben Sie es nicht?«

»Ich habe es nicht, daß Sie’s wissen! Aber das bleibt unter uns beiden… auf Ehre! Ich habe nur

ein bißchen Krach mit ihm gemacht, so als ob ich mit ihm brechen wollte… und er hat es auch

verdient, glauben Sie mir… wirklich!«

»Und wo bleibt mein Stichwort?« fragte Kid.

»Wie? Na ja, Sie werden eine Menge Geld verdienen, und wir machen Wild Water ein bißchen

lächerlich und stellen dabei ganz Dawson auf den Kopf… und, was das Allerbeste ist… Wild Water

wird eine gesunde kleine Lehre erhalten. Er hat es wirklich nötig… aber wirklich, sage ich

Ihnen. Er ist… na, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll… er ist eben ein bißchen zu

wild, der liebe Junge! Er macht sich so furchtbar wichtig… und nur, weil er so `n großer

Lümmel ist und weil er so viel Claims hat, daß er sie nicht mehr zählen kann…«

»Und weil er mit dem süßesten kleinen Weibsstück in ganz Alaska verlobt ist«, fügte Kid

schnell hinzu.

»Ja, deshalb auch, ich danke schön… aber deshalb braucht er doch wirklich keinen Koller zu

kriegen! Gestern abend hat er wieder mal solchen Anfall gehabt… hat den ganzen Fußboden bei M.

& M. mit Goldstaub überstreut… es waren mindestens tausend Dollar, öffnete einfach seinen

Goldsack und streute den Staub vor die Füße der Tanzenden… Sie haben es natürlich schon

gehört.«

»Ja, natürlich, heute morgen schon… ich hätte nichts dagegen gehabt, Reinemachefrau zu sein.

Aber ich verstehe noch immer nicht, was ich machen soll.«

»Jetzt hören Sie zu! Er war zu verrückt, und da habe ich unsere Verlobung aufgehoben, und

jetzt läuft er herum, macht Theater und spielt den Mann mit dem gebrochenen Herzen… und jetzt

kommen wir zu dem springenden Punkt. Ich esse leidenschaftlich gern Eier.«

»Aber großer Gott!« schrie Kid verzweifelt. »Was in aller Welt haben die Eier mit mir zu tun?«

»Warten Sie doch ab.«

»Ja, aber sagen Sie mir doch, was Eier und Ihr Appetit mit dieser Sache zu tun haben?« fragte

er.

»Sehr viel sogar, wenn Sie nur Geduld hätten.«

»Ach, Geduld, holde Himmelsgabe.«

»Also hören Sie bitte jetzt um Himmels willen zu! Ich liebe Eier über alles. Aber es gibt nur

eine begrenzte Menge von Eiern hier in Dawson.«

»Vollkommen richtig. Das weiß ich auch. Die meisten hat Slavovitschs Restaurant. Schinken und

ein Ei, drei Dollar! Schinken und zwei Eier – fünf Dollar. Das heißt also zwei Dollar das Ei,

im Kleinhandel… und es sind nur Protzen und natürlich Menschen wie die schöne kleine Lucille

Arral oder wie Wild Water, die sich Eier leisten können.«

»Er liebt Eier auch«, erklärte sie weiter. »Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Ich liebe

sie! Ich pflege jeden Morgen um elf bei Slavovitsch zu frühstücken. Und ich esse immer zwei

Eier.« Sie hielt inne, um Eindruck auf ihn zu machen. »Denken wir uns nun… denken wir uns nun,

daß jetzt jemand in Eiern spekulieren würde.«

Sie wartete die Wirkung ihrer Worte ab und kassierte vergnügt die bewundernden Blicke ein, die

Kid ihr sandte. Er mußte auch in seinem Herzen gestehen, daß Wild Water wirklich einen guten

Geschmack bezeigt hatte, als er sie zu seiner Auserwählten machte.

»Sie hören ja gar nicht zu«, rief sie.

»Aber ja«, sagte er. »Nur weiter. Ich gebe das Rätselraten auf. Was soll ich denn antworten?«

»Gott, haben Sie eine lange Leitung! Sie kennen doch Wild Water. Wenn er sieht, daß ich Eier

haben möchte… und ich lese ja in ihm wie in einem offenen Buch… und ich weiß auch, wie ich ihm

zeigen soll, daß ich Lust auf Eier habe… na, was glauben Sie, daß er dann tun wird?«

»Geben Sie lieber selbst die Antwort. Also weiter.«

»Nun… er wird sofort zu dem Mann hinstürzen, der das Eiergeschäft gemacht hat. Er wird den

ganzen Vorrat aufkaufen, einerlei, was es kostet. Also stellen Sie sich vor: Ich komme gegen

elf in das Restaurant von Slavovitsch. Wild Water wird am Nebentisch sitzen. Er wird schon

dafür sorgen, daß er da ist, wenn ich komme. Zwei Spiegeleier, bitte, werde ich dem Kellner

sagen. Tut mir leid, Fräulein Arral, wird der Kellner antworten. Tut mir sehr leid, aber wir

haben keine Eier mehr. Dann sagt Wild Water mit seiner gewaltigen Brummbärstimme: Ober, sechs

Eier, weich gekocht. Und der Ober antwortet: Jawohl, Herr… und er bringt wirklich die Eier.

Nächstes Bild: Wild Water wirft mir einen Blick zu, und ich sehe wie ein ganz außergewöhnlich

entrüsteter Eiszapfen aus und rufe den Kellner: Tut mir wirklich sehr leid, Fräulein Arral,

sagt er, aber die Eier da sind Privateigentum des Herrn Wild Water. Verstehen Sie, gnädiges

Fräulein, er ist ihr Besitzer. Neues Bild: Wild Water tut sein Bestes, um den Gleichmütigen zu

markieren, während er triumphierend seine sechs Eier verzehrt.

Neues Bild: Herr Slavovitsch bringt mir in höchst eigener Person zwei Spiegeleier und sagt:

Mit einem ergebenen Gruß von Herrn Wild Water, Fräulein. Was kann ich dann tun? Natürlich nur

Wild Water freundlich anlächeln, und dann sprechen wir uns selbstverständlich aus, und er wird

es billig finden, selbst wenn er zehn Dollar für das Stück bezahlt hat, und zwar für alle

vorhandenen Eier.«

»Nur weiter, immer weiter«, rief Kid. »Was habe ich denn mit der Geschichte zu tun?«

»Gott, sind Sie blöd! Sie machen doch eben die Spekulation in den Eiern. Und Sie müssen gleich

anfangen, noch heute. Sie können sämtliche Eier in Dawson für drei Dollar das Stück kaufen und

sie an Wild Water mit so viel Gewinn verkaufen, wie Sie wollen. Und nachher lassen wir dann

durchsickern, wie alles zugegangen ist. Dann wird man Wild Water tüchtig auslachen! Vielleicht

wird er dann vernünftiger werden… Und wir beide werden die Ehre davon haben. Außerdem

verdienen Sie eine Stange Gold dabei, und Dawson wird durch ein ordentliches Gelächter aus

seinem Winterschlaf geweckt. Aber wenn Sie meinen, daß die Sache zu gefährlich ist, dann gebe

ich Ihnen natürlich das Geld dazu.«

Das war doch zu starker Tabak für Kid. Da er nur ein sterblicher Mann des Westens mit den

gewöhnlichen verschrobenen Vorstellungen von Geld und Frauen war, lehnte er mit tiefer

Entrüstung ihr Angebot ab, ihm Goldstaub zur Verfügung zu stellen.

»Holla, Kurz!« brüllte Kid durch die Hauptstraße seinem Partner zu. Dort kam nämlich Kurz mit

seinem langsamen, schlotternden Gang. In der einen Hand hielt er eine nicht eingepackte

Flasche so, daß alle sie sehen konnten; der Inhalt schien gefroren zu sein.

Kid überschritt den Fahrdamm. »Wo warst du denn den ganzen Tag?« fragte er.

»Beim Doktor«, antwortete Kurz und hielt die Flasche hoch. »Sally ist nicht ganz in Ordnung.

Als ich sie heute nacht fütterte, sah ich, daß sie die Haare im Gesicht und an den Flanken zu

verlieren beginnt. Der Doktor sagt…«

»Laß das jetzt«, unterbrach Kid ihn ungeduldig. »Was ich wollte…«

»Was ist denn mit dir los?« fragte Kurz entrüstet und erstaunt. »Bei dem verflixten Wetter

wird Sally eines schönen Tages ganz nackt herumspazieren müssen.«

»Laß doch Sally warten. Hör mal zu.«

»Ich sage dir ja, daß sie nicht warten kann. Es ist die reine Tierquälerei. Sie erfriert ja.

Warum bist du denn plötzlich so verrückt?«

»Das werde ich dir schon erzählen. Aber du mußt mir einen Gefallen tun, Kurz.«

»Selbstverständlich«, sagte Kurz heiter. Er war sofort versöhnt und dienstbereit. »Was gibt’s

denn? Schieß nur los! Ich stehe ganz zu deiner Verfügung.«

»Ich möchte, daß du Eier für mich kaufst.«

»Schön… und Kölnisch Wasser und Talkumpuder, wenn du willst! Und die arme Sally verliert

unterdessen ihre Haare, daß es ein Skandal ist. Weißt du, Kid, wenn du ein so üppiges Leben

führen willst, kannst du wirklich selbst deine Eier kaufen…«

»Ich kaufe auch, aber du mußt mir behilflich sein. Halt jetzt die Schnauze, Kurz. Jetzt bin

ich dran! Du gehst sofort zu Slavovitsch. Zahle bis zu drei Dollar das Stück, aber nimm alle,

die er hat…«

»Drei Dollar«, stöhnte Kurz. »Und ich habe noch gestern sagen hören, daß er nicht weniger als

siebenhundert auf Lager hat. Zweitausendeinhundert Dollar für Eier! Ich will dir einen guten

Rat geben, Kid. Lauf du lieber umgehend zum Doktor! Er wird dir schon sagen, was los ist. Und

er nimmt höchstens eine Unze für die erste Untersuchung. Auf Wiedersehen nachher! Ich muß die

Flasche nach Hause bringen.«

Aber Kid hielt seinen Partner an der Schulter fest.

»Kid, du weißt ja, daß ich alles für dich täte«, protestierte Kurz ernst. »Wenn du einen

Schnupfen hättest und gleichzeitig mit gebrochenen Armen zu Bett lägest, würde ich Tag und

Nacht neben dir sitzen und dir die Nase putzen. Aber ich will in alle Ewigkeit verflucht sein,

wenn ich zweitausendeinhundert Dollar für Eier wegschmeiße.«

»Erstens sind es gar nicht deine Dollars, sondern meine, Kurz. Ich habe etwas vor. Ich will

einfach sämtliche gesegneten Eier aufkaufen, die es in Dawson, in Klondike und am ganzen Yukon

gibt. Du mußt mir dabei behilflich sein! Ich habe keine Zeit, dir zu erzählen, wie es mit dem

Geschäft eigentlich zusammenhängt. Das tue ich hinterher, und du kannst halbpart machen, wenn

du Lust hast. Aber jetzt gilt es, die Eier schnellstens zu bekommen. Also mach, daß du zu

Slavovitsch kommst, und kauf alle, die er hat.«

»Aber was soll ich ihm denn sagen? Er weiß doch, daß ich sie nicht alle fressen kann.«

»Gar nichts sollst du ihm sagen. Geld spricht für sich. Er verkauft sie gekocht für zwei

Dollar. Biete ihm bis zu drei für die ungekochten Eier. Wenn er neugierig werden sollte,

kannst du ihm ja erzählen, daß du eine Hühnerfarm einrichten willst. Was ich haben muß, sind

Eier. Also mach schnell! Und vergiß nicht, daß die kleine Frau auf der anderen Seite der

Sägemühle – die die Mokassins macht – auch welche hat.«

»Gut, wenn du durchaus willst, Kid. Aber Slavovitsch scheint ja derjenige zu sein, an den wir

uns hauptsächlich heranmachen müssen.«

»Also beeil dich jetzt! Und heute abend werde ich dir die ganze Geschichte erzählen…«

Aber Kurz schwenkte die Flasche. »Erst muß ich Sally kurieren. Solange können die Eier schon

noch warten. Wenn sie bis jetzt nicht aufgefressen sind, werden sie es auch nicht, weil ich

mich um einen armen kranken Hund kümmere, der mehr als einmal dein und mein Leben gerettet

hat.«

Nie ging eine Spekulation schneller vor sich. Ehe drei Tage vergangen waren, hatten Kid und

Kurz sämtliche Eier, die es in Dawson gab – ein paar Dutzend ausgenommen – in der Hand.

Kid war beim Einkauf der Großzügigste gewesen. Ohne zu erröten gestand er, daß er einem alten

Mann in Klondike City fünf Dollar das Stück für seine zweiundsiebzig Eier gegeben hatte. Kurz

hatte die meisten gekauft und einen richtigen Kuhhandel dabei getrieben. Der Frau mit den

Mokassins hatte er nur zwei Dollar das Ei gegeben, und er war ganz stolz, daß er Slavovitsch

an die Wand gedrückt und seine siebenhundertundfünfzig Eier zu einem Durchschnittspreis von

nur zweieinhalb Dollar bekommen hatte. Dagegen ärgerte er sich aufrichtig, daß das kleine

Restaurant auf der anderen Seite der Straße einen Preis von eindreiviertel Dollar das Stück

für hundertdreißig schäbige Eier verlangt hatte.

Die wenigen Dutzend, die noch übrig waren, befanden sich in den Händen von nur zwei Personen.

Die eine, mit der Kurz verhandelte, war eine Indianerin, die in einer Hütte auf dem Hügel

hinter dem Krankenhaus wohnte.

»Ich werde sie schon kleinkriegen«, erklärte Kurz am nächsten Morgen. »Du wäschst die Teller

ab, Kid. Ich bin im Handumdrehen wieder da, wenn ich mir nicht die Zunge verrenken muß, um sie

zu überreden. Laß mich mit Männern Geschäfte machen, wenn es sein soll, aber diese verdammten

Frauenzimmer… es ist einfach traurig, wie sie einen mit ihrem Quatsch aufhalten.«

Als Kid nachmittags zurückkehrte, fand er Kurz auf dem Boden sitzen, eifrig beschäftigt,

Sallys Rute mit Öl einzureiben. Sein Gesicht war so ausdruckslos, daß es direkt verdächtig

war.

»Na, wie ist es dir ergangen?« fragte Kurz gleichgültig.

»Nichts zu machen«, sagte Kid. »Hoffentlich hattest du Erfolg bei deiner Indianerin?«

Kurz wies triumphierend mit dem Kopf auf einen Eimer voller Eier, der auf dem Tisch stand.

»Sieben Dollar das Stück«, gestand er, nachdem er noch einige Minuten schweigend die Rute des

Hundes eingerieben hatte.

»Ich habe schließlich sogar zehn Dollar geboten«, erzählte Kid, »und dann sagte der Kerl mir,

daß er die Eier schon verkauft hätte. Die Sache sieht also dreckig aus, Kurz. Es ist offenbar

noch jemand auf dem Markt. Diese achtundzwanzig Eier können uns die ganze Suppe versalzen. Du

weißt ja, daß der Erfolg lediglich davon abhängt, daß wir auch das letzte Ei haben.«

Er schwieg plötzlich, um seinen Partner anzustarren. Dessen Ausdruck hatte sich unverkennbar

verändert… er war sichtbar aufgeregt, verbarg es aber hinter einer Maske scheinbarer

Beherrschung… Dann machte Kurz die Salbenbüchse zu, wischte sich die Hände ruhig und bedächtig

an Sallys dichtem Pelz ab, stand auf, ging in die andere Ecke, sah sich das Thermometer an und

kam dann wieder zurück. Er sprach mit einer leisen, trockenen und übertrieben höflichen

Stimme.

»Würdest du vielleicht die Güte haben zu wiederholen, wieviel Eier es waren, die der Mann dir

nicht verkaufen wollte«, fragte er.

»Achtundzwanzig…«

»Hm«, sagte Kurz bei sich und nickte gleichgültig zur Bestätigung mit dem Kopfe. Dann starrte

er mit steigender Erbitterung auf den Ofen. »Du, Kid, wir müssen uns bald einen neuen Ofen

bauen… er ist falsch gebaut, der Ofen, unser Brot verbrennt immer.«

»Laß den Ofen«, rief Kid herrisch, »und sage mir, was los ist.«

»Los? Du willst wissen, was los ist? Bitte, dann hab nur die Güte, deine außergewöhnlich

schönen Augen auf den Eimer zu richten, der auf dem Tisch da steht. Hast du ihn gesehen?«

Kid nickte.

»Gut, dann will ich dir etwas sagen: nur eine einzige Sache… In dem Eimer sind ganz genau,

weder mehr noch weniger, achtundzwanzig Eier! Und sie kosten, jedes verfluchte Ei, genau die

ernorme Summe von sieben herrlichen, großen, runden Dollar. Wenn du irgendwelche weiteren

Auskünfte dringend brauchst, stehe ich dir ausschließlich zur Verfügung.«

»Nur weiter«, sagte Kid.

»Nun meinetwegen… der Trottel, mit dem du gehandelt hast, war ein großer plumper Indianer…

nicht wahr?«

Kid nickte und nickte auch zu allen folgenden Fragen.

»Er hat nur eine Backe; die andere ist ihm fast ganz von einem Grisly abgerissen… Nicht wahr?

Er ist Hundehändler… stimmt’s? Er heißt Narbengesicht, richtig? Da ist es also, nicht wahr?

Verstehst du?«

»Du meinst also, daß wir beide…«

»Gegeneinander geboten haben. Uns überboten, ja. Daran ist nicht zu tippen. Die Indianerin ist

seine Frau, und sie wohnen beide hinter dem Krankenhaus. Ich hätte die Eier für zwei Dollar

das Stück haben können, wenn du nicht dazwischengekommen wärest.«

»Und ebenso wäre es gewesen«, lachte Kid, »wenn du dich nicht in die Sache gemischt hättest.

Aber das ist an sich ganz schnuppe. Wir wissen jetzt, daß wir die Eier haben. Darauf kommt es

ja schließlich an.«

Kurz verbrachte die nächste Stunde damit, mit einem Bleistiftstummel etwas auf den Rand einer

drei Jahre alten Zeitung zu kritzeln. Und je unbestimmter und geheimnisvoller seine Figuren

wurden, desto gemütlicher wurde er selbst.

»Hier steht’s…«, sagte er, »… schwarz auf weiß. Schön, nicht wahr? Donnerwetter, ja. Laß dir

mal die Gesamtsumme sagen. Du und ich besitzen in diesem seligen Augenblick nicht weniger als

neunhundertdreiundsiebzig Eier. Sie kosten uns genau zweitausendsiebenhundertundsechzig

Dollar, wenn ich den Goldstaub zum Kurs von sechzehn Dollar die Unze nehme und die Zeit nicht

berechne. Und jetzt hör mal! Wenn es uns gelingt, Wild Water die Eier zu einem Stückpreis von

zehn Dollar aufzuschwatzen, dann haben wir, rein netto gerechnet, alles in allem,

sechstausendneunhundertsiebzig Dollar verdient. Siehst du, das ist eine Buchführung, die sich

gewaschen hat! Das kannst du jedem erzählen. Und ich mache halbpart mit dir. Es ist eine feine

Sache, Kid.«

Gegen elf Uhr am selben Abend wurde Kid von Kurz aus tiefem Schlaf geweckt. Seine Pelzparka

war mit frischem Reif bedeckt, und Kid fühlte an seinem Kinn, wie eiskalt seine Hände waren.

»Was ist denn jetzt los?« murrte Kid. »Hat Sally die letzten Haare verloren?«

»Unsinn! Aber ich muß dir ein paar gute Neuigkeiten mitteilen. Ich habe mit Slavovitsch

gesprochen. Oder richtiger, Slavovitsch hat mit mir gesprochen, denn er war es, der anfing. Er

sagte zu mir: Sie, Kurz, ich möchte mal wegen dieser Eiergeschichte mit Ihnen sprechen. Ich

habe bisher mit keinem darüber gesprochen. Niemand weiß, daß ich sie Ihnen verkauft habe. Aber

wenn Sie eine Spekulation damit machen wollen, so kann ich Ihnen einen guten Tip geben. Und

das hat er auch getan, Kid. Nun, was glaubst du, was es für ein Tip war?«

»Nur weiter. Erzähle!«

»Schön… vielleicht klingt es unwahrscheinlich. Aber der Tip war Wild Water Charley! Er will

Eier kaufen. Er kam bei Slavovitsch vorbei und bot ihm fünf Dollar das Stück, und ehe er ging,

war er schon bei acht Dollar angelangt. Und der gute Slavovitsch hat ja keine Eier mehr. Das

letzte, was Wild Water sagte, war, daß er dem Slavovitsch den Kopf abhauen würde, wenn er je

hörte, daß Slavovitsch seine Eier irgendwo versteckt hätte. Slavovitsch mußte ihm erzählen,

daß er die Eier verkauft hatte, daß aber der Käufer nicht bekannt zu werden wünschte.«

Und Kurz fügte hinzu: »Slavovitsch bat, Wild Water erzählen zu dürfen, wer die Eier bekommen

hat. Kurz, sagte er, Wild Water wird sofort zu Ihnen laufen. Sie können ihm die Dinger für

acht Dollar das Stück verkaufen. Acht Dollar, sagte ich. Sie alte Großmama… er wird zehn geben

müssen, ehe ich mit ihm zu tun haben will. Jedenfalls würde ich mir die Sache überlegen und

ihm morgen früh Bescheid geben, sagte ich zu Slavovitsch. Natürlich werden wir ihm erlauben,

Wild Water Bescheid zu sagen. Nicht wahr?«

»Selbstverständlich, Kurz. Gleich morgen früh werden wir Slavovitsch Bescheid geben. Laß ihn

ruhig Wild Water erzählen, daß alle Eier dir und mir gehören.«

Fünf Minuten später wurde Kid wieder von Kurz geweckt.

»Du… Kid… Kid, zum Teufel…«

»Ja?«

»Nicht einen Cent unter zehn Dollar, nicht?«

»Ganz einverstanden«, antwortete Kid schläfrig.

Am nächsten Morgen traf Kid zufällig wieder Lucille Arral am Ladentisch.

»Jetzt läuft die Sache«, rief er begeistert. »Sie läuft, wie sie soll. Wild Water war schon

bei Slavovitsch und hat versucht, Eier von ihm zu kaufen oder aus ihm herauszuquetschen… und

in diesem heiligen Augenblick wird Slavovitsch ihm schon erzählt haben, daß Kurz und ich in

Eiern spekulieren.«

Die Augen der hübschen Lucille Arral blitzten vor Freude.

»Ich gehe jetzt frühstücken«, rief sie. »Und ich werde Eier beim Kellner bestellen, und wenn

es keine gibt, werde ich klagen und jammern, daß es ein steinernes Herz erweichen würde. Und

Sie wissen ja, daß Wild Waters Herz gar nicht aus Stein ist. Er wird die Eier kaufen, und wenn

es ihm seine sämtlichen Minen kosten sollte. Und Sie halten jetzt den Rücken steif! Ich bin

nicht zufrieden, wenn Sie weniger als zehn Dollar das Stück bekommen; und wenn Sie wirklich

billiger verkaufen, verzeihe ich es Ihnen nie.«

Als es Mittag wurde und beide zu Hause in ihrer Hütte saßen, stellte Kurz einen Topf Bohnen,

die Kaffeekanne, eine Pfanne mit frischgebackenem Brot, eine Dose mit Butter und eine Büchse

eingemachte Sahne auf den Tisch. Dann kam noch eine Schüssel mit dampfendem Elchbraten und

Räucherspeck und eine Schüssel mit Kompott aus getrockneten Pfirsichen hinzu.

Als alles bereitstand, rief Kurz zu Tisch: »Komm, Kid. Das Essen ist fertig! Aber sieh zuerst

mal nach Sally.«

Kid legte das Hundegeschirr, an dem er gerade genäht hatte, beiseite, öffnete die Tür und sah,

daß Sally und Bright mit großem Eifer und Gekeif dabei waren, eine Bande von Schlittenhunden,

die auf Plünderung ausgegangen war, aus der Nachbarhütte zu verjagen. Er sah aber noch etwas,

das ihn veranlaßte, die Tür schnell wieder zuzuwerfen und zum Ofen zu stürzen. Die Bratpfanne,

die noch ganz heiß von dem Elchfleisch mit Speck war, stellte er wieder auf das vorderste

Herdloch. Dann legte er einen tüchtigen Klumpen Butter darauf, nahm ein Ei, zerschlug es und

warf es in die Pfanne, wo es in der heißen Butter zischte. Als er die Hand nach einem zweiten

Ei ausstreckte, hielt Kurz empört seinen Arm fest.

»Aber großer Gott, was tust du denn?« fragte er.

»Mache Spiegeleier«, erklärte ihm Kid, während er das zweite Ei zerschlug und sich von Kurz’

Hand befreite, die ihn zurückhalten wollte. »Kannst du denn nicht mehr sehen?«

»Ist dir vielleicht nicht ganz wohl?« fragte Kurz seinerseits entrüstet, als Kid ein drittes

Ei zerschlug und sich durch einen kräftigen Stoß vor die Brust von Kurz’ Griff befreite. »Da

hast du schon für dreißig Dollar Eier verschwendet.«

»Und ich werde für sechzig Dollar Eier braten«, lautete Kids Antwort, während er das vierte in

die Pfanne warf. »Geh weg, Kurz. Wild Water ist unterwegs hierher; in fünf Minuten kann er

schon hier sein.«

Kurz stieß einen tiefen Seufzer, von Verständnis und Erleichterung aus und setzte sich an den

Tisch. Fast im selben Augenblick wurde, wie erwartet, an die Tür geklopft. Kid setzte sich

auch schnell an den Tisch, und jeder von ihnen hatte einen Teller mit drei heißen Spiegeleiern

vor sich.

»Herein!« rief Kid.

Wild Water Charley – ein gutgewachsener junger Riese, der kaum um einen Zoll weniger als sechs

Fuß maß und gut hundertneunzig Pfund wog – trat ein und gab ihnen die Hand.

»Nehmen Sie Platz, Herr Wild Water«, lud Kurz ihn ein. »Kid, mach doch ein paar Spiegeleier

für ihn. Ich bin überzeugt, daß er schon als kleiner Junge gern Eier gegessen hat.«

Kid tat noch drei Eier in die Pfanne und setzte einige Minuten später die fertigen Spiegeleier

dem Gast vor, der sie mit einem so seltsamen und gespannten Ausdruck anstarrte, daß Kurz

später gestand, er hätte Angst gehabt, Wild Water würde die Eier gleich in die Tasche stecken

und mitnehmen.

»Sehen Sie, die großen Leute in den Staaten haben es nicht viel besser als wir, was das Essen

betrifft«, protzte Kurz. »Hier sitzen Sie und Kid und ich und essen Eier im Wert von neunzig

Dollar, ohne mit der Wimper zu zucken.«

Wild Water starrte immer noch die Eier an, die mit verblüffender Schnelligkeit verschwanden.

Er sah aus, als wäre er zu Stein geworden.

»Greifen Sie nur zu und essen Sie«, sagte Kid aufmunternd.

»Sie sind… sind aber doch keine zehn Dollar wert«, sagte Wild Water langsam.

Kurz nahm die Herausforderung an. »Jede Sache hat den Wert, den man dafür bekommen kann… nicht

wahr?« sagte er.

»Ja… aber…«

»Gar kein Aber. Ich sage Ihnen ja nur, was wir dafür bekommen können. Zehn das Stück. Wir sind

Eiertrust, Kid und ich, vergessen Sie das nicht.« Er stippte mit einer Brotkruste die Butter

vom Teller. »Ich glaube, ich könnte noch ein paar essen«, seufzte er. Dann machte er sich an

die Bohnen.

»Sie sollten aber nicht auf diese Weise Eier essen«, wandte Wild Water ein. »Das ist… das ist

einfach unrecht.«

»Wir sind nun mal auf Eier versessen, Kid und ich.«

Wild Water leerte seinen Teller halb in Gedanken und starrte dann die beiden Partner mit etwas

mißtrauischen Blicken an.

»Sagt mal, Kameraden, ihr könntet mir einen großen Dienst erweisen«, begann er vorsichtig.

»Verkauft mir… oder leiht mir etwa ein Dutzend Eier.«

»Gern«, antwortete Kid. »Ich weiß ja selbst, was es heißt, Appetit auf Eier zu haben. Aber wir

sind nicht so arm, daß wir unsere Gastfreundschaft zu verkaufen brauchen. Sie kosten nichts.«

Als er so weit war, verriet ihm ein energischer Fußtritt unter dem Tisch, daß Kurz ängstlich

zu werden begann.

»Ein Dutzend, sagten Sie, Wild Water?«

Wild Water nickte.

»Du, Kurz«, fuhr Kid fort. »Brate sie doch für ihn! Ich verstehe ihn gut… Ich habe selbst

Augenblicke gehabt, da ich ein ganzes Dutzend essen konnte, eines nach dem andern.«

Aber Wild Water legte dem eifrigen Kurz die Hand auf den Arm, um ihn aufzuhalten, und

erklärte: »Ich meine ja nicht gebraten… ich möchte sie roh mit der Schale haben.«

»Zum Mitnehmen?«

»Ganz recht.«

»Ja, aber das hat nichts mehr mit Gastfreundschaft zu tun«, wandte Kurz ein. »Das ist ja… das

ist Geschäft.«

Kid nickte zum Einverständnis. »Das ist ja etwas ganz anderes, Wild Water. Ich dachte, Sie

wollten sie essen. Sehen Sie, wir haben sie ja auf Spekulation gekauft.«

Das stets gefährlich drohende Blau in Wild Waters Augen begann noch bedrohlicher auszusehen.

»Ich will sie natürlich bezahlen«, sagte er schneidend. »Wieviel?«

»Kein Dutzend natürlich«, antwortete Kid. »Wir können kein Dutzend verkaufen. Wir sind ja

keine Kleinhändler. Wir sind eben Spekulanten geworden. Wir können uns doch nicht selbst den

Markt verderben! Wir haben eine richtig gute Spekulation gemacht…«

»Wie viele habt ihr denn, und was wollt ihr dafür haben?«

»Wie viele haben wir eigentlich, Kurz?« fragte Kid.

Kurz räusperte sich und begann laut nachzurechnen. »Laß mal sehen. Neunhunderteinundsiebzig

weniger neun, das macht also neunhundertzwoundsechzig. Und wenn ich das Stück zu zehn Dollar

rechne, macht die ganze Geschichte genau neuntausendsechshundertundzwanzig gute runde Dollar

aus. Selbstverständlich sind wir kulante Kaufleute mit Dienst am Kunden und so weiter und

geben das Geld für jedes Ei, das nicht gut ist, zurück. Aber das ist das einzige, was ich noch

nie hier in Klondike gesehen… ein schlechtes Ei. Niemand ist so verrückt, ein faules Ei

hierherzubringen.«

»So ist’s recht«, fügte Kid hinzu. »Wir geben das Geld für die schlechten Eier zurück, Wild

Water. Und da haben Sie unseren Vorschlag: neuntausendsechshundertundzwanzig Dollar, und alle

Eier, die es in Klondike gibt, gehören Ihnen.«

»Sie werden sicher den Preis auf zwanzig Dollar treiben und also ihre Auslagen doppelt wieder

einbringen können«, meinte Kurz.

Wild Water schüttelte melancholisch den Kopf und tröstete sich mit den Bohnen. »Das ist zu

teuer, Kurz. Ich will ja nur einige wenige haben. Ich gebe euch zehn Dollar das Stück, wenn

ihr mir ein paar Dutzend ablaßt.«

»Alle oder gar keine«, lautete Kids Ultimatum.

»Seht mal her, ihr beiden«, sagte Wild Water in einem plötzlichen Anfall von

Vertrauensseligkeit. »Ich will ganz aufrichtig zu euch sein, aber ihr dürft es nicht zu weit

treiben. Ihr wißt ja, daß ich mit Fräulein Arral verlobt war. Na, und sie hat jetzt mit mir

gebrochen. Das wißt ihr natürlich auch… alle Leute wissen es ja. Und die Eier möchte ich gern

für sie haben.«

»Ach so«, sagte Kurz ironisch. »Dann begreifen wir schon, daß Sie sie ausgerechnet in den

Schalen haben wollen. Aber das hätte ich doch nicht von Ihnen gedacht.«

»Was gedacht?«

»Das ist ja ein ganz gemeines Mittel, jawohl«, fuhr Kurz mit wachsender Entrüstung fort. »Und

es sollte mich gar nicht wundern, wenn Ihnen jemand dafür eine Kugel durch den Kopf schösse…

verdienen täten Sie’s.«

Wild Water war nahe daran, einen seiner bekannten Wutanfälle zu bekommen. Er ballte die

Fäuste, bis die billige Gabel, die er hielt, sich zu krümmen begann, und seine blauen Augen

blitzten feurige Warnungen. »Nun sagen Sie mal, Kurz, was meinen Sie denn? Wenn Sie etwas

dabei im Sinne haben…«

»Ich meine, was ich meine«, gab Kurz eigensinnig zurück. »Und Sie können darauf schwören, daß

es keine Hinterlist ist. Wenn Sie etwas tun wollen, so kann es nur offen und ehrlich

geschehen. Denn anders können Sie sie ja gar nicht schmeißen.«

»Was schmeißen?«

»Eier, Pflaumen, Fußbälle, was Sie wollen. Aber, Wild Water, machen Sie keine Dummheit! Für so

etwas gibt es hier kein Publikum. Nur weil sie Sängerin ist, haben Sie kein Recht, sie mit

Eiern zu bombardieren.«

Einen Augenblick schien es, als wollte Wild Water entweder einen Wutanfall oder einen

Schlaganfall bekommen. Er trank schnell einen Schluck von dem heißen Kaffee und gewann langsam

seine Selbstbeherrschung wieder. »Sie irren sich, Kurz«, sagte er mit kühler Ruhe. »Ich habe

nicht die Absicht, sie mit Eiern zu bewerfen. Fällt mir nicht ein, Mensch!« brüllte er dann in

plötzlich wachsender Erregung. »Ich will ihr die Eier schenken, auf einem Teller… Spiegeleier,

zum Teufel…«

»Na, ich konnte mir ja schon denken, daß ich mich irrte…«, erklärte Kurz großzügig, »… ich

wußte ja, daß Sie solche Gemeinheiten nicht machen würden.«

»Das stimmt auch wirklich, Kurz«, sagte Wild Water versöhnlich. »Aber reden wir wieder

geschäftlich. Ihr seht also, warum ich die Eier kaufen möchte.«

»Sie wollen also wirklich neuntausendsechshundertundzwanzig dafür zahlen?« fragte Kurz.

»Das ist der reine Nepp, jawohl«, erklärte Wild Water erbost.

»Geschäft, nur Geschäft«, erwiderte Kurz. »Sie glauben doch wohl nicht, daß wir die Eier nur

unserer Gesundheit wegen aufgekauft haben?«

»Nee… aber jetzt seid doch mal ein bißchen vernünftig«, sagte Wild Water eindringlich. »Ich

möchte nur ein Dutzend haben. Ich gebe gern zwanzig Dollar das Stück. Was in aller Welt soll

ich denn mit all den Eiern?«

»Deswegen brauchen Sie sich doch nicht aufzuregen«, beschwichtigte Kurz ihn. »Wenn Sie sie

nicht haben wollen, ist die Sache ja erledigt. Wir zwingen Sie doch nicht, die Eier zu

kaufen…«

»Aber ich will sie ja haben«, klagte Wild Water.

»Na, dann wissen Sie ja, was sie kosten… es macht genau neuntausendsechshundertundzwanzig

Dollar, und wenn ich falsch gerechnet habe, komme ich für den Fehler auf.«

»Aber vielleicht tun die Eier es gar nicht«, wandte Wild Water ein. »Vielleicht hat Fräulein

Arral jetzt gar keinen Appetit mehr auf Eier.«

»Ich muß zugeben, daß Fräulein Arral schon den Preis für die Eier wert ist«, warf Kid ruhig

ein.

»Wert?« Wild Water wurde so eifrig, daß er aufstand. »Sie ist eine Million wert. Sie ist alles

wert, was ich habe. Sie ist alles Gold wert, das es in Klondike gibt.« Er setzte sich wieder

und fuhr dann mit ruhiger Stimme fort: »Aber deshalb brauche ich doch nicht zehntausend Dollar

für ein Frühstück für sie wegzuschmeißen. Ich will euch einen Vorschlag machen. Leiht mir ein

Dutzend von diesen verdammten Eiern. Ich werde sie Slavovitsch geben. Er wird sie wieder

Fräulein Arral mit einem Gruß von mir geben. Es ist schon länger als hundert Jahre her, daß

sie mich angelächelt hat. Wenn die Eier mir ein Lächeln von ihr eintragen, dann nehme ich euch

den ganzen Laden ab.«

»Wollen wir einen Vertrag in diesem Sinne abschließen?« sagte Kid schnell. Er wußte ja genau,

Lucille Arral würde Wild Water anlächeln, wenn sie die Eier bekam.

Wild Water ächzte. »Ihr seid ja verdammt schnell hier oben, wenn es sich um Geschäfte

handelt.«

»Wir nehmen ja nur Ihren eigenen Vorschlag an«, antwortete Kid.

»Das ist wahr… also bringt das Papier… und legt mir Handschellen an«, rief Wild Water.

Kid verfaßte die Urkunde, durch die Wild Water sich verpflichtete, sämtliche Eier, die ihm

geliefert wurden, zum Preise von zehn Dollar das Stück anzunehmen, vorausgesetzt, daß die zwei

Dutzend, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, ihm ein Lächeln von Lucille Arral eintrugen.

Als Wild Water die Feder, mit der er eben unterzeichnen wollte, in der erhobenen Hand hielt,

besann er sich. »Einen Augenblick«, sagte er. »Wenn ich die Eier kaufe, nehme ich nur gute

Eier ab.«

»Es gibt ja gar keine schlechten Eier in Klondike«, erklärte Kurz entrüstet.

»Ganz einerlei… wenn ich ein schlechtes Ei finde, müßt ihr es mir ersetzen…«

»Einverstanden«, sagte Kid vermittelnd.

»Und ich verpflichte mich, alle schlechten Eier aufzufuttern«, fügte Kurz hinzu.

Kid schob das Wort »gut« in den Vertrag ein, und Wild Water unterzeichnete mürrisch. Dann

bekam er die zwei Dutzend, die er zur Probe genommen hatte, zog sich die Handschuhe an und

öffnete die Tür.

»Guten Abend, ihr beiden Räuber«, knurrte er und knallte wütend die Tür zu…

Am nächsten Morgen war Kid ein gespannter Zuschauer des Auftritts, der sich im Restaurant von

Slavovitsch abspielte. Er war von Wild Water eingeladen worden, und sie saßen zusammen am

Tisch neben dem, an welchem Fräulein Arral zu sitzen pflegte. Alles ging wirklich fast

wortgetreu vor sich, wie sie es vorausgesagt hatte.

»Haben Sie wirklich immer noch keine Eier«, fragte sie den Kellner mit rührend-kläglicher

Stimme.

»Nein, meine Dame«, lautete die Antwort. »Irgend jemand in Dawson hat sämtliche Eier

aufgekauft. Herr Slavovitsch hat selbst versucht, extra für Sie ein paar zu kaufen. Aber der

Spekulant will nichts abgeben.«

Eben in diesem Augenblick rief Wild Water den Besitzer zu sich, legte ihm die Hand auf die

Schulter und zog seinen Kopf zu sich herab, um ihm etwas ins Ohr flüstern zu können.

»Hören Sie mal, Slavovitsch«, sagte Wild Water leise und heiser. »Ich habe Ihnen doch heute

nacht ein paar Dutzend Eier gegeben. Wo haben Sie die?«

»Im Safe… mit Ausnahme von den sechs, die ich schon aufgetaut und für Sie bereitgestellt

habe…«

»Ich will sie ja gar nicht selber haben«, flüsterte Wild Water noch leiser und heiserer.

»Machen Sie Spiegeleier daraus und lassen Sie sie Fräulein Arral reichen.«

»Ich werde sie persönlich servieren«, versicherte ihm Herr Slavovitsch.

»Und vergessen Sie nicht… mit einem Gruß von mir«, fügte Wild Water hinzu und ließ die

Schulter des Wirtes wieder los.

Die hübsche Lucille Arral starrte gerade verzweifelt ihr aus einem kleinen Häppchen Speck und

Kartoffelmus bestehendes Frühstück an, als Herr Slavovitsch die zwei Spiegeleier auf ihren

Tisch stellte.

»Mit einem ergebenen Gruß von Herrn Wild Water«, hörten die beiden am Nachbartisch ihn sagen.

Kid mußte einräumen, daß sie blendend Komödie zu spielen verstand… dieser schnelle, freudige

Blick in ihren Augen, die impulsive Drehung des Köpfchens, der halb unfreiwillige Vorläufer

eines Lächelns, das durch eine bewundernswerte Selbstbeherrschung zurückgehalten wurde, mit

der sie sich auch wieder dem Wirt zuwandte, um einige freundliche Worte zu sagen. Kid merkte,

daß Wild Waters Fuß im Mokassin ihm unter dem Tisch ein Zeichen gab.

»Wird sie sie auch essen… darauf kommt es ja an… ob sie sie jetzt auch wirklich essen will?«

flüsterte er, ganz außer sich vor Spannung.

Und als sie heimlich Lucille beobachteten, sahen sie, wie sie einen Augenblick zögerte, nahe

daran war, die Schüssel fortzuschieben, dann aber doch der Versuchung erlag.

»Ich nehme die Eier also«, sagte Wild Water zu Kid. »Der Vertrag tritt jetzt in Kraft. Haben

Sie sie beobachtet? Haben Sie alles gesehen? Sie war nahe daran zu lächeln! Ich kenne sie… Es

ist alles in Ordnung. Morgen wieder zwei Eier, dann wird sie mir verzeihen, und wir werden uns

wieder aussöhnen. Wenn sie nicht dabei wäre, würde ich Ihnen die Hand schütteln, Kid… ich bin

Ihnen wirklich dankbar. Sie sind gar kein Räuber, wie ich gestern sagte… Sie sind ein… ein

Menschenfreund.«

Kid kehrte triumphierend in die Hütte auf dem Hügel zurück und fand dort Kurz, der einsam in

schwarzer Verzweiflung dasaß und Karten legte. Wenn sein Partner allein Karten legte, dann -

das wußte Kid – bedeutete es, daß der Himmel über ihm eingestürzt war.

»Geh… sprich lieber nicht zu mir«, lautete die erste Abfuhr, die Kid bekam.

Kurz taute indessen bald auf und begann frisch von der Leber weg zu erzählen.

»Jetzt ist’s vorbei mit dem großen Schweden«, stöhnte er. »Unsere Spekulation ist zum Teufel

gegangen. Morgen werden sie in allen Kneipen Sherry mit Ei für einen Dollar das Glas

verkaufen. Es gibt kein hungriges Waisenkind in ganz Klondike, das sich nicht an Eiern

vollfressen kann. Was, glaubst du, hab’ ich heute erlebt? Einen verfluchten Idioten hab’ ich

getroffen, der dreitausend Eier hergebracht hat… verstehst du? Dreitausend… direkt aus Forty

Mile.«

»Das ist doch nicht wahr«, meinte Kid zweifelnd.

»Wahr wie die Hölle… ich hab’ ja die Eier höchst persönlich gesehen. Gauteraux heißt der

Lümmel… ein großer, blöder blauäugiger Bengel von französischem Kanadier. Erst fragte er nach

dir, dann nahm er mich beiseite und traf mich direkt ins Herz! Es war unsere Eierspekulation,

die ihn auf den Weg gebracht hatte. Er hatte von den dreitausend gehört, die in Forty Mile

lagen, ging einfach hin und kriegte sie. Zeigen Sie sie mir, sagte ich zu ihm. Und das tat er

auch. Da stand sein Hundegespann mit ein paar indianischen Fahrern, die am Uferhang so

warteten, wie sie soeben aus Forty Mile gekommen waren. Und auf dem Schlitten lagen

Seifenkisten… dünne hölzerne Kisten.

Wir nahmen eine mit auf das Eis, mitten auf den Fluß, und öffneten sie, Eier, so wahr ich

lebe! Unmengen von Eiern! Alle in Sägespäne eingepackt. Wir haben das Spiel verloren, Kid. Wir

haben eben Hasard gespielt. Weißt du, was er die Frechheit hatte, mir zu sagen? Daß wir sie

alle für zehn Dollar das Stück bekommen könnten. Und weißt du, was er tat, als ich seine Hütte

verließ? Er zeichnete ein Plakat, auf dem er die Eier zum Verkauf anbot. Sagte, er habe uns

das Vorkaufsrecht gegeben, für zehn Dollar das Stück bis zwei Uhr heut nachmittag… und wenn

wir bis dahin nicht handelseinig seien, würde er uns das Geschäft verderben. Er sagte, er sei

kein Geschäftsmann, aber er könne schon sehen, wenn eine Sache gut wäre… und damit meinte er,

soviel ich verstehen konnte, dich und mich.«

»Das ist ja alles nicht so schlimm«, sagte Kid zufrieden. »Verlier nur nicht den Kopf und laß

mich einen Augenblick überlegen. Hier helfen nur kaltes Blut und schnelles Handeln! Um zwei

Uhr werde ich Wild Water hierherbestellen, um die Eier abzunehmen. Inzwischen kaufst du die

Eier von Gauteraux. Versuch, den Preis zu drücken. Aber selbst wenn du zehn Dollar das Stück

bezahlen mußt, wird Wild Water sie uns ja zum selben Preis abnehmen müssen. Wenn du sie

billiger kriegst, schön, dann verdienen wir auch an ihnen. Aber sorg dafür, daß sie nicht

später als bis zwei Uhr hier sind. Leih dir die Hunde von Oberst Bowie und nimm auch unser

Gespann mit. Punkt zwei Uhr mußt du hier sein.«

»Du, Kid…«, rief Kurz, als sein Partner die Anhöhe hinabging. »Nimm lieber einen Regenschirm

mit. Es sollte mich nicht wundern, wenn es Eier zu regnen begänne, bevor du zurückkommst.«

Kid fand Wild Water bei M & M. und es wurde eine ziemlich stürmische Sitzung.

»Ich muß Ihnen sagen, daß wir noch einige Eier dazubekommen haben«, sagte Kid, als Wild Water

sich bereit erklärt hatte, den Goldstaub um zwei Uhr nach der Hütte zu bringen und die Ware

bei sofortiger Abnahme zu bezahlen.

»Ihr habt offenbar mehr Glück bei eurer Eiersuche als ich«, gab Wild Water zu. »Nun, wie viele

Eier habt ihr denn im ganzen, und wieviel Staub muß ich mitbringen?«

Kid schlug in seinem Notizbuch nach. »So, wie es jetzt steht, macht es nach Kurz’ Berechnung

genau dreitausendneunhundertzweiundsechzig Eier… multipliziert mit zehn…«

»Vierzigtausend Dollar«, brüllte Wild Water. »Sie sagten doch, es wären im ganzen nur ungefähr

neunhundert Eier da! Das ist ja der reine Nepp… da mach ich nicht mit.«

Kid zog den Vertrag aus der Tasche und zeigte auf die Worte: »Zahlbar bei Abnahme.«

»Es steht kein Wort da, wie viele Eier abzunehmen sind. Sie haben sich bereit erklärt, zehn

Dollar für jedes Ei zu zahlen, das wir Ihnen liefern. Wir haben die Eier bekommen, und Vertrag

bleibt Vertrag! Ich gebe gern zu, daß wir nichts von den Eiern wußten, als wir mit Ihnen

abschlossen. Aber dann kauften wir sie, um uns das Geschäft nicht zu verderben.«

Fünf lange Minuten herrschte ein schwüles Schweigen. Wild Water kämpfte einen schweren Kampf

mit sich. Dann gab er widerstrebend nach.

»Ich bin im Nachteil«, sagte er mit gebrochener Stimme. »Das ganze Land scheint Eier

auszuspucken. Und je schneller ich die Sache erledige, um so besser! Sonst gibt es noch eine

wahre Sturzflut von Eiern. Ich werde um zwei Uhr bei euch sein… aber vierzigtausend Dollar!«

»Es sind übrigens nur neununddreißigtausendsechshundertundzwanzig«, berichtigte Kid.

»Das wiegt mehr als zweihundert Pfund«, wütete Wild Water. »Ich muß das Geld mit einem Gespann

hinausfahren.«

»Wir werden Ihnen unsere Hunde zur Verfügung stellen, um die Eier abzutransportieren«, erbot

sich Kid freundlich.

»Aber wo, zum Teufel, soll ich sie aufbewahren? Wo schaffe ich sie nur hin? Na… nichts zu

machen. Um zwei bin ich da. Aber solange ich lebe, werde ich kein Ei mehr anrühren.«

Um halb zwei kam Kurz, der den schroffen Hang hinauf ein doppeltes Gespann gebraucht hatte,

mit Gauteraux’ Eiern an.

»Wir können unsern Gewinn, hol’ mich der Teufel, fast verdoppeln«, erzählte er Kid, als sie

die Seifenkisten in die Hütte brachten. »Ich hab’ den Preis auf acht Dollar gedrückt. Nachdem

er zuerst ganz verdammt auf französisch geflucht hatte, gab er schließlich nach. Wir haben

also einen regulären Nettoprofit von zwei Dollar das Ei, und es sind im ganzen dreitausend.

Ich habe sie in bar bezahlt. Hier die Quittung.«

Während Kid die Goldwaage hervornahm und alles für die Ablieferung der Ware bereitmachte,

vertiefte Kurz sich in Berechnungen.

»Hier haben wir es schwarz auf weiß«, berichtete er triumphierend. »Es ergibt einen Gewinn von

zwölftausendneunhundertsiebzig Dollar. Und Wild Water tun wir nichts Böses an. Er gewinnt ja

seine Lucille dabei. Außerdem bekommt er alle die herrlichen Eier. Es ist also für beide Teile

ein gutes Geschäft. Keiner wird geschädigt.«

»Selbst Gauteraux verdient seine vierundzwanzigtausend«, lachte Kid. »Natürlich mit Abzug

seiner Unkosten für Kauf und Transport der Eier. Und wenn Wild Water die Eier hält, kann er

auch noch einen Profit herauspressen.«

Als Kurz um Punkt zwei hinausguckte, sah er Wild Water den Hügel heraufkommen. Als er in die

Hütte trat, war er kurz angebunden und sehr geschäftsmäßig.

»Bringt die Eier her, ihr Räuber«, begann er. »Und ich gebe euch den guten Rat, nie mehr in

meiner Anwesenheit von Eiern zu reden, jedenfalls nicht, wenn ihr in Freundschaft mit mir

leben wollt.«

Sie machten den Anfang mit den verschiedenen Posten des ursprünglichen Corners, und alle drei

beteiligten sich an der Nachzählung. Als die ersteh zweihundert erreicht waren, zerschlug Wild

Water plötzlich ein Ei am Tischrand.

»Hallo… was soll das…!« protestierte Kurz.

»Es ist ja mein Ei, oder etwa nicht?« brummte Wild Water mürrisch. »Ich bezahle ja meine zehn

guten Dollar dafür, nicht wahr? Aber ich pflege keine Katze im Sack zu kaufen. Wenn ich zehn

runde Dollar für ein Ei zahlen muß, will ich auch wissen, daß es gut ist.«

»Wenn es Ihnen nicht gut genug ist, bin ich bereit, es zu essen«, erbot sich Kurz ironisch.

Wild Water guckte das Ei an, beroch es und schüttelte den Kopf. »Nee, daraus wird nichts,

Kurz. Das Ei ist gut! Geben Sie mir einen Topf. Ich werde es heut abend selber essen.«

Dreimal noch zerschlug Wild Water versuchsweise ein Ei, aber sie waren alle gut, und er tat

sie in den neben ihm stehenden Topf.

»Es sind zwei mehr, als Sie gerechnet haben, Kurz«, sagte er, als sie endlich sämtliche Eier

nachgezählt hatten.

»Neunhundertdreiundsechzig, nicht einundsechzig.«

»Da hab’ ich mich also geirrt«, gab Kurz artig zu. »Die kriegen Sie als Gratiszugabe.«

»Glaub schon, daß ihr euch den Spaß leisten könnt«, räumte Wild Water grimmig ein. »Den Posten

nehme ich also ab. Neuntausendsechshundertzwanzig Dollar. Ich bezahle gleich! Schreiben Sie

die Quittung aus, Kid.«

»Warum nehmen Sie nicht lieber auch gleich den Rest ab?« schlug Kid vor. »Dann können Sie

alles auf einmal zahlen.«

Wild Water schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht so gut im Rechnen. Jeder Posten für sich und

kein Fehler, das ist meine Methode.«

Er trat zu seinem Pelz und zog aus den Taschen zwei Beutel mit Goldstaub, die so dickbäuchig

und lang waren, daß sie wie Salamiwürste aussahen.

Als er den ersten Posten bezahlt hatte, blieben nur wenige hundert Dollar in den Säcken.

Jetzt wurde eine Seifenkiste auf den Tisch gestellt, und sie begannen die dreitausend

abzuzählen. Als sie die ersten hundert voll hatten, schlug Wild Water ein Ei hart gegen die

Kante des Tisches. Es ging aber nicht entzwei.

»Durch und durch gefroren«, sagte er und schlug noch härter.

Dann hielt er das Ei hoch, und sie sahen alle drei, daß die Schale an der Stelle, wo er sie

gegen den Tisch geschlagen, in ganz feine Stückchen zersplittert war.

»Hm«, sagte Kurz. »Es muß ja auch gefroren sein, da es eben erst den weiten Weg von Forty Mile

hierhergebracht worden ist. Wir müssen es mit einer Axt zerschlagen.«

»Dann geben Sie eine Axt«, sagte Wild Water.

Kid holte die Axt, und mit dem sicheren Auge und der geübten Hand des Holzfällers teilte Wild

Water das Ei mit einem Hieb in zwei gleiche Teile. Das Aussehen des Eis war durchaus nicht

befriedigend. Kid wurde von einer unheimlichen Ahnung durchschauert. Kurz war

zuversichtlicher. Er hielt die eine Hälfte an seine Nase.

»Riecht sehr gut«, sagte er.

»Aber sieht verdammt schlecht aus«, behauptete Wild Water. »Stinken kann es ja gar nicht, weil

der Geruch mitgefroren ist. Warten Sie nur einen Augenblick, dann werden Sie es schon merken.«

Er legte beide Hälften in eine Bratpfanne, die er dann auf den heißen Ofen stellte. Dann

standen die drei Männer eine Weile da und warteten mit weit geöffneten Nüstern der Dinge, die

da kommen sollten. Langsam begann ein unverkennbarer Geruch sich durch den Raum zu verbreiten.

Wild Water blieb stumm, und auch Kurz schwieg, obgleich er schon überzeugt war.

»Werfen Sie es weg«, rief Kid, nach Luft schnappend.

»Was hilft das?« fragte Wild Water. »Wir müssen die andern ja auch nachprüfen.«

»Nicht hier im Haus.« Kid hustete, und ihm wurde recht übel. »Zerschlagen Sie sie mit dem

Beil, dann brauchen wir sie nur anzusehen. Schmeiß es doch weg, Kurz… hinaus damit! Pfui

Deibel!«

Kiste auf Kiste wurde geöffnet. Ein Ei nach dem andern wurde in zwei Stücke zerschlagen. Und

jedes trug dieselben unverkennbaren Merkmale; sie waren ohne Ausnahme unrettbar und

hoffnungslos verdorben.

»Ich verlange nicht, daß Sie alle aufessen, Kurz«, spottete Wild Water. »Und wenn Sie nichts

dagegen haben, will ich mich schleunigst aus dem Staube machen. Mein Vertrag lautet auf gute

Eier! Wenn Sie mir einen Schlitten und Ihr Gespann zur Verfügung stellen wollen, werde ich die

guten Eier entführen, bevor sie angesteckt sind.«

Kid half ihm die Eier auf den Schlitten zu verstauen. Kurz blieb am Tisch sitzen, die Karten

vor sich, bereit, sobald sie allein waren, eine Patience zu legen.

»Sagen Sie mal, wie lange habt ihr beide eigentlich die Eier gehalten?« lauteten die

spöttischen Abschiedsworte Wild Waters.

Kid gab keine Antwort, sondern begann nach einem schnellen Blick auf seinen Partner, die

Seifenkisten in den Schnee hinauszuwerfen.

»Sag mal, Kurz, wieviel hast du eigentlich für die dreitausend bezahlt?«

»Acht Dollar… Aber geh, sprich nicht… ich rechne genauso gut wie du. Wir haben siebzehntausend

Dollar an der Geschichte verloren, wenn jemand auf einem Schlitten angefahren kommen sollte,

um dich zu fragen. Ich hab’ es ausgerechnet, während wir warteten, daß das erste Ei schmelzen

sollte.«

Kid überlegte einige Minuten, dann begann er wieder zu sprechen: »Sag mal, Kurz.

Vierzigtausend Dollar wiegen gut zweihundert Pfund. Wild Water lieh sich unsern Schlitten und

unser Gespann, um die Eier wegzuschaffen. Er kam ohne Schlitten den Hügel herauf. Die beiden

Säcke mit Goldstaub, die er in den Taschen trug, hatten ein Gewicht von kaum zwanzig Pfund je.

Wir hatten verabredet, daß er bei Abnahme bezahlen sollte. Und doch brachte er nur so viel

Staub mit, daß er die guten Eier bezahlen konnte. Er hatte offenbar gar nicht daran gedacht,

die dreitausend zu bezahlen. Mit andern Worten: er wußte, daß sie schlecht waren. Und wie hat

er denn wissen können, daß sie nicht gut waren?… Was meinst du dazu, Kurz?«

Kurz sammelte die Karten und mischte sie, um eine neue Patience zu legen, hielt dann aber

inne: »Hm… die Frage ist ja sehr einfach. Jedes Kind kann sie beantworten. Wir haben

siebzehntausend Dollar verloren. Wild Water hat also siebzehntausend gewonnen. Die Eier von

Gauteraux haben die ganze Zeit Wild Water gehört. Möchtest du sonst noch etwas wissen?«

»Ja«, sagte Kid. »Warum hast du denn nur die Eier nicht untersucht, bevor du sie bezahltest?«

»Ebenso einfach wie deine erste Frage. Wild Water hat das verfluchte Spiel auf Minute und

Sekunde zurechtgelegt. Ich mußte mich schon genug beeilen, um sie herzubringen, so daß wir sie

rechtzeitig liefern konnten. Und jetzt, Kid, mußt du mir erlauben, dir eine offene, anständige

Frage zu stellen: Wie hieß der Mann, der die Idee zu dieser Spekulation gab?«

Kurz hatte seine sechzehnte Patience verloren, und Kid war schon dabei, das Abendbrot

vorzubereiten, als Oberst Bowie an die Tür klopfte, Kid einen Brief überreichte und gleich

nach seiner eigenen Hütte weiterging.

»Hast du sein Gesicht gesehen?« wütete Kurz. »Er mußte sich ordentlich zusammennehmen, um

ernst zu bleiben. Jetzt gibt es ein Mordsgelächter… aber auf unsere Kosten, Kid. Wir können

unsere Gesichter in Dawson nie wieder sehen lassen.«

Der Brief war von Wild Water, und Kid las ihn vor:

»Liebe Freunde Kid und Kurz!

Ich schreibe, um Euch zu bitten, mich mit Eurer Anwesenheit heute abend zu einem Essen im

Restaurant Slavovitsch zu beehren. Fräulein Arral wird kommen und Gauteraux ebenfalls. Er und

ich waren in Circle vor fünf Jahren Kompagnons. Er ist in jeder Beziehung ein ausgezeichneter

Mensch und wird mein Trauzeuge sein. Was die Eier betrifft, so kamen sie schon vor fünf Jahren

ins Land. Sie waren bei der Ankunft verdorben. Sie waren es schon, als sie Kalifornien

verließen. Sie sind überhaupt immer verdorben gewesen. Einen Winter haben sie in Carluk und

einen in Nutlik verbracht, wo sie gegen Erstattung der Lagerspesen verkauft wurden. Diesen

Winter werden sie vermutlich in Dawson verbringen. Aber lagern Sie sie nicht in einem

geheizten Raum! Lucille sagt, ich soll Ihnen sagen, daß Sie beide und ich Dawson jetzt ein

paar gemütliche Stunden verschafft haben. Und ich sage, daß Sie eine Runde schmeißen müssen;

darüber kann kein Zweifel sein.

Ihr ergebener Freund

W. W.«

»Na, was sagst du nun?« fragte Kid. »Wir nehmen die Einladung natürlich an, nicht wahr?«

»Eins möchte ich aber doch noch bemerken«, antwortete Kurz, »nämlich, daß Wild Water nie zu

hungern braucht, wenn es ihm schiefgehen sollte. Denn er ist ein guter Schauspieler…ein ganz

gottverfluchter, gerissener Schauspieler. Und dann muß ich noch bemerken, daß meine Zahlen

alle falsch gewesen sind. Wild Water hat einen Gewinn von siebzehntausend Dollar gehabt, aber

in Wirklichkeit hat er noch mehr gewonnen. Wir beide haben ihm alle guten Eier, die es in

Klondike gibt, geschenkt… neunhundertvierundsechzig, davon zwei als Gratiszugabe. Und er war

so unsagbar knickerig, daß er die drei, die er öffnete, in einem Topf mitnahm! Und dann habe

ich noch eine letzte Bemerkung zu machen. Wir beide sind Grubenbesitzer und verstehen uns auf

Goldminen. Wenn es sich aber um richtige Geschäfte handelt, sind wir die armseligsten Trottel,

die je die verrückte Idee bekommen haben, schnell reich zu werden. Nach dieser Geschichte

haben wir nichts anderes zu tun, als uns an unzugängliche Felsen und große Baumstämme zu

halten… und wenn du noch einmal das Wort Ei aussprichst, dann sind wir geschiedene Leute…

Verstanden?«

* * *

Die neue Stadt

Kid und Kurz, die aus entgegengesetzten Richtungen kamen, trafen sich an der Ecke, wo das

Schanklokal »Elchgeweih« lag.

Kid sah sehr vergnügt aus und ging flott und rasch, während Kurz anscheinend sehr

niedergeschlagen dahertrottete.

»Was ist los?« fragte Kid übermütig.

»Ich will ewig verflucht sein, wenn ich es selbst ahne«, gab Kurz mißmutig zur Antwort. »Ich

möchte es tatsächlich gern wissen. Es gibt auch nichts, was mich ein bißchen aufrütteln

könnte. Zwei Stunden lang habe ich die blödesten, langweiligsten Patiencen gelegt… keine

Aufregung, keine Trümpfe, nichts zu machen. Dann habe ich ein paar Robber Whist mit Skiff

Mitchel um Schnäpse gespielt, und jetzt sehne ich mich so nach einem Erlebnis, daß ich die

Straße hier auf und ab laufe in der Hoffnung, daß es wenigstens eine Hundekeilerei oder einen

Streit oder sonst irgendwas geben möchte.«

»Da hab’ ich was Besseres auf Lager«, antwortete Kid, »deshalb bin ich auf der Suche nach dir.

Komm mit.«

»Jetzt?«

»Ja, natürlich…«

»Wohin denn?«

»Über den Fluß, um dem alten Dwight Sanderson einen Besuch abzustatten.«

»Hab’ nie was von dem gehört«, gab Kurz mißmutig zur Antwort, »… auch noch nie, daß überhaupt

jemand auf der andern Seite des Flusses lebt. Warum in aller Welt wohnt er denn da? Ist er

vollkommen verrückt?«

»Er hat was zu verkaufen«, lachte Kid.

»Hunde? Oder eine Goldmine? Vielleicht Tabak?«

Kid schüttelte zu jeder Frage den Kopf.

»Komm nur mit, dann wirst du schon sehen, was es ist. Ich will es jedenfalls kaufen… und wenn

du willst, kannst du halbpart mit mir machen.«

»Sag nur um Gottes willen nicht, daß es Eier sind«, rief Kurz, und sein Gesicht verzog sich zu

einem Grinsen, das halb drollig, halb spöttisch war.

»Komm nur mit«, erklärte Kid, »ich lasse dich noch zehnmal raten, während wir über das Eis

gehen.«

Sie kletterten den schroffen Hang am Ende der Straße hinab und erreichten den eisbedeckten

Yukon. Dreiviertel Meilen entfernt sahen sie gerade vor sich das andere Ufer mit seinen noch

schrofferen Felsen. Dazwischen schlängelte sich, von vielen zerborstenen Eisblöcken

unterbrochen, eine schmale, nur wenig benutzte Schlittenspur. Kurz trottete dicht hinter Kid

her und verbrachte die Zeit mit zahlreichen Versuchen, zu enträtseln, was Dwight Sanderson

wohl zu verkaufen hätte.

»Rentiere? Eine Kupfermine? Oder eine Ziegelei? Das war mein erster Versuch, das Rätsel zu

lösen! Bären- oder andere Felle? Lotterielose? Eine Kartoffelfarm?«

»Jetzt kommst du der Sache schon näher«, ermunterte ihn Kid.

»Zwei Kartoffelfarmen? Eine Käsefabrik? Ein Binsengut?«

»Du irrst dich gar nicht so sehr, Kurz, bist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt, wie

du selber glaubst.«

»Ein Steinbruch?«

»Jetzt bist du fast ebenso nahe daran wie mit dem Binsengut und der Kartoffelfarm.«

»Sei mal einen Augenblick ruhig, ich muß nachdenken! Ich darf noch einmal raten.«

Zehn Minuten vergingen im Schweigen.

»Weißt du, Kid, ich versuche es gar nicht mehr. Wenn das Ding, das du kaufen willst, so

ähnlich lautet wie eine Kartoffelfarm, ein Binsengut und ein Steinbruch, dann geb’ ich es

lieber gleich auf. Und ich werde mich auch nicht an dem Geschäft beteiligen, bevor ich es

gesehen habe und mir meine Meinung darüber bilden kann.«

»Gut… du wirst ja bald genug die Karten auf dem Tische sehen. Guck mal dort hinauf… Siehst du

den Rauch aus der Hütte? Da wohnt der alte Dwight Sanderson. Er hat Grundstücke genug für eine

ganze Stadt.«

»Was hat er sonst noch?«

»Weiter nichts«, lachte Kid. »Das heißt, er hat auch Gicht… das hab’ ich wenigstens gehört.«

»Sag mal…« Kurz streckte die Hand aus, packte seinen Kameraden an der Schulter und zwang ihn

stehenzubleiben.

»Du willst mir doch nicht einreden, daß du auf diesem vollkommen verrückten Land Grundstücke

für eine Stadt kaufen willst?«

»Jetzt hast du das zehntemal geraten… und diesmal richtig!«

»Aber wart doch einen Augenblick«, bat Kurz. »Sieh dir doch die Grundstücke hier an. Sie sind

ja nichts als Felsen und Glitschbahnen… die reine Rutschbahn. Wo zum Teufel soll die Stadt

denn stehen?«

»Ja, das möchtest du wohl wissen!«

»Dann willst du also gar keine Stadt hier bauen?«

»Nein, aber Dwight Sanderson will sie uns zur Gründung einer Stadt verkaufen«, neckte ihn Kid.

»Komm jetzt, wir müssen diese Rutschbahn hinaufklettern.«

Es war ein sehr schroffer Hang, und der schmale Steg schlängelte sich wie eine riesige

Jakobsleiter empor. Kurz stöhnte und ächzte über die vielen scharfen Ecken und Spitzen.

»Daß jemand hier eine Stadt anlegen will! Es ist nicht so viel ebene Fläche hier, um eine

Briefmarke aufzukleben. Und außerdem ist es ja die falsche Seite vom Fluß! Der ganze

Warenverkehr geht ja am anderen Ufer vor sich. Schau dir mal Dawson dort unten an! Da ist

Platz genug für eine Erweiterung, selbst wenn die Bevölkerung auf vierzigtausend steigen

sollte. Du, Kid, ich weiß ja, daß du die Grundstücke nicht kaufen willst, um eine Stadt zu

gründen, aber warum in aller Teufel Namen kaufst du sie denn?«

»Um sie wieder zu verkaufen natürlich.«

»Aber andere Leute sind nicht solche Trottel wie der Alte dort oben oder wie du.«

»Vielleicht nicht in derselben Weise, Kurz. Aber ich kaufe jetzt diese Grundstücke. Dann teile

ich sie in kleine Parzellen auf und verkaufe sie an eine ganze Menge von den vernünftigen

Leuten in Dawson.«

»Brrr… ganz Dawson grinst heute noch über uns beide wegen der verdammten Eier. Du möchtest

wohl, daß sie noch mehr grinsen?«

»Ja, natürlich.«

»Aber es ist ein verflucht teures Vergnügen, Kid! Bei der Eiergeschichte hab’ ich dir

geholfen, die Leute zum Lachen zu bringen, und mein Anteil an diesem neuen Vergnügen betrug

fast neuntausend Dollar.«

»Ganz recht… aber du brauchst ja diesmal nicht mitzumachen. Dann stecke ich den Gewinn allein

ein. Trotzdem mußt du mir aber helfen.«

»Oh, helfen tue ich gern! Und auslachen können sie mich meinetwegen auch. Aber ich gebe nicht

eine Unze dafür aus. Was verlangt der alte Sanderson denn für seine Grundstücke… ein paar

hundert?«

»Zehntausend. Ich denke aber, daß ich sie für fünf kriegen werde.«

»Ich möchte gern Pastor sein«, erklärte Kurz mit brennendem Eifer in seiner Stimme.

»Pastor? Wieso?«

»Dann würde ich eine wunderbar beredte Predigt über einen Text halten, den du vielleicht

öfters gehört hast, nämlich über einen Narren und sein Geld…«

»Herein«, hörten sie Dwight Sanderson mürrisch rufen, als sie an seine Tür klopften. Und als

sie eintraten, sahen sie ihn am steinernen Kamin hocken, wo er Kaffeebohnen, die in einem

Fetzen aus einem alten Mehlsack eingewickelt waren, zerstampfte.

»Was wünschen Sie?« fragte er barsch, während er die zerstoßenen Kaffeebohnen in die

Kaffeekanne schüttete, die auf den Kohlen stand.

»Etwas Geschäftliches mit Ihnen besprechen«, erwiderte Kid. »Sie haben Grundstücke für eine

Stadt hier abgesteckt, wie ich gehört habe. Was verlangen Sie für die ganze Geschichte?«

»Zehntausend Dollar«, lautete die Antwort. »Und nachdem ich es Ihnen gesagt habe, können Sie

ja wieder hinausgehen und mich auslachen. Da ist die Tür.«

»Ich habe gar nicht die Absicht zu lachen. Ich kenne eine Menge lustigerer Sachen, als

ausgerechnet diese verdammten Felsen heraufzuklettern. Ich will Ihr Land kaufen.«

»So, wollen Sie? Nun, ich freue mich, endlich mal etwas Vernünftiges zu hören.« Sanderson trat

zu ihnen und setzte sich seinen Besuchern gegenüber; seine Hände legte er auf den Tisch vor

sich, während seine Blicke hin und wieder ängstlich nach der Kaffeekanne schweiften. »Ich habe

Ihnen ja meinen Preis gesagt, und ich schäme mich nicht, ihn zu wiederholen… zehntausend

Dollar! Und Sie können lachen oder kaufen… das ist mir beides ganz schnuppe.«

Um zu zeigen, wie schnuppe es ihm war, begann er mit seinen geschwollenen Knöcheln auf den

Tisch zu trommeln und starrte wild die Kaffeekanne an. Ein paar Minuten später fing er auch

an, eintönig und einförmig vor sich hin zu summen: »Tralalu, tralali, tralalu, tralali…«

»Aber sehen Sie, Herr Sanderson…«, sagte Kid. »Diese Grundstücke sind keine zehntausend wert.

Wären sie das, so würden sie ebensogut hunderttausend wert sein. Und wenn sie keine

hunderttausend wert sind – und daß sie das nicht sind, wissen Sie ja selbst sehr gut -, dann

sind sie keine zehn Cent wert.«

Sanderson trommelte weiter mit seinen Knöcheln und summte: »Tralali, tralalu«, bis die

Kaffeekanne überkochte. Er goß kaltes Wasser auf und nahm dann wieder seinen Platz ein.

»Wieviel bieten Sie denn?« fragte er Kid.

»Fünftausend.«

Kurz stöhnte.

Wieder folgte eine Pause, die nur durch das Trommeln auf dem Tische gestört wurde.

»Sie sind ja kein Idiot«, ließ Sanderson Kid wissen, »denn Sie sagten, wenn sie keine

hunderttausend wert seien, hätten sie auch nicht den Wert von zehn Cent. Und doch bieten Sie

fünftausend. Dann sind sie also hunderttausend wert. Ich erhöhe deshalb meine Forderung auf

zwanzigtausend.«

»Sie werden ja nie einen Heller dafür kriegen«, antwortete Kid eifrig. »Und wenn Sie

hierbleiben, bis Sie in Verwesung übergegangen sind.«

»Ich werde es schon aus Ihnen herauskriegen.«

»Nicht zu machen.«

»Dann werde ich eben hierbleiben, bis ich in Verwesung übergehe«, gab Sanderson in einem Ton

zurück, der offensichtlich die Unterredung abschließen sollte.

Er nahm keine Rücksicht mehr auf die Anwesenheit der beiden, sondern bereitete seine

kulinarischen Genüsse vor, als ob er ganz allein wäre. Als er einen Topf Bohnen aufgewärmt und

eine Scheibe Brot geröstet hatte, deckte er den Tisch für eine Person und begann zu essen.

»Nein, nein, danke schön… sehr liebenswürdig«, murmelte Kurz. »Wir sind gar nicht hungrig.«

»Lassen Sie mich Ihre Urkunden sehen«, sagte Kid schließlich. Sanderson suchte unter seinem

Kopfkissen im Bett herum und zog schließlich einen ganzen Stoß Dokumente hervor. »Es ist alles

tipptopp, in prima Ordnung«, sagte er.

»Das große da, mit den riesigen Siegeln, kommt den weiten Weg aus Ottawa hierher.

Territorialschwierigkeiten gibt es nicht, die kanadische Regierung steht in dieser Sache

hinter mir und bestätigt mir mein Besitzrecht.«

»Wie viele Parzellen haben Sie eigentlich in den zwei Jahren, in denen Sie das Grundstück

besitzen, verkauft?«

»Das ist nicht Ihre Sache«, antwortete Sanderson mürrisch. »Es gibt kein Gesetz, das einem

Mann verbietet, allein auf seinem Grund und Boden zu wohnen, solange er Lust dazu hat.«

»Ich gebe Ihnen fünftausend«, sagte Kid.

»Ich weiß nicht, wer von euch beiden der Verrücktere ist«, klagte Kurz. »Komm mal einen

Augenblick mit hinaus, Kid. Ich möchte dir gern etwas sagen.«

Zögernd fügte sich Kid den Überredungskünsten seines Partners.

»Ist es dir denn nie eingefallen«, fragte Kurz, als sie im Schnee draußen vor der Hütte

standen, »daß es Meile auf Meile zu beiden Seiten dieser blöden Baugrundstücke gibt, die

keinem gehören? Die kriegst du doch umsonst, wenn du sie nur selbst absteckst und die Pfähle

einrammst.«

»Ja, aber sie erfüllen meinen Zweck nicht«, sagte Kid.

»Wieso denn nicht?«

»Du staunst, daß ich ausgerechnet diese Parzellen haben will, wo ich so viele Meilen umsonst

bekommen kann, nicht wahr?«

»Selbstverständlich«, räumte Kurz ein.

»Und darauf kommt es eben an«, fuhr Kid triumphierend fort. »Wenn du darüber staunst, werden

die andern noch mehr staunen. Und wenn sie staunen, werden sie angestürmt kommen. Durch dein

Staunen beweist du, daß ich die Sache psychologisch richtig sehe. Und jetzt hör mal zu, Kurz:

ich habe die Absicht, Dawson ein Geschenk zu machen, das diesem verdammten Eiergrinsen den

Boden ausschlagen wird. Komm jetzt mit hinein.«

»Nun?« sagte Sanderson, als sie wieder eintraten. »Ich dachte, ich würde euch nicht wieder zu

sehen bekommen…«

»Nun sagen Sie mir Ihre letzte Forderung«, sagte Kid.

»Zwanzigtausend.«

»Ich gebe zehntausend.«

»Schön, zu dem Preis verkaufe ich. Das ist ja meine ursprüngliche Forderung. Wann bezahlen

Sie?«

»Morgen – in der Nordwest-Bank. Aber ich stelle zwei Bedingungen. Erstens, daß Sie, wenn Sie

das Geld bekommen haben, sofort den Fluß hinab nach Forty Mile fahren und den Rest des Winters

dort bleiben.«

»Das kann ich ohne weiteres. Was sonst?«

»Daß ich Ihnen fünfundzwanzig auszahle und Sie mir fünfzehntausend wiedergeben.«

»Kann ich gern machen.« Sanderson wandte sich zu Kurz. »Die Leute sagen, daß ich verrückt war,

als ich hierherzog und die Grundstücke parzellierte«, spottete er. »Aber jedenfalls bin ich

doch nicht verrückter gewesen, als daß ich zehntausend Dollar daran verdient habe.«

»In Klondike gibt’s wahrhaftig Verrückte genug«, war alles, was Kurz antworten konnte. »Und

wenn es so viele gibt, muß einer von ihnen wohl mal Glück haben.«

Am nächsten Morgen wurden die juristischen Formalitäten des Grundstücksverkaufs geregelt, und

auf Kids ausdrücklichen Wunsch wurde im Vertrag bemerkt, daß dieser Grundstückskomplex künftig

den Namen »Tra-li« tragen sollte. Dann wog der Kassierer der Nordwest-Bank Goldstaub im Werte

von fünfundzwanzigtausend Dollar ab, während ein halbes Dutzend zufällige Zuschauer dem

Abwiegen, der Auszahlung und dem Empfang beiwohnten.

In einem Goldgräberlager sind alle mißtrauisch. Alles, was jemand unerwartet unternimmt, kann

ja der Schlüssel zu einem geheimnisvollen Goldfund sein, selbst wenn der Betreffende in

Wirklichkeit nur auf die Elchjagd geht oder einen Abendspaziergang macht, um das schöne

Nordlicht zu betrachten. Und als bekannt wurde, daß eine so bekannte Persönlichkeit wie

Alaska-Kid dem alten Dwight Sanderson fünfundzwanzigtausend Dollar ausgezahlt hatte, wollte

ganz Dawson wissen, wofür er diesen Betrag gezahlt hatte. Was hatte nun Dwight Sanderson, der

drüben auf seinen einsamen Grundstücken hockte und halb verhungerte, was hatte er zu

verkaufen, das fünfundzwanzigtausend Dollar wert war? Da die Leute von Dawson nirgends eine

Antwort auf diese Frage bekamen, war es nur selbstverständlich, daß sie mit fieberhafter

Spannung alles beobachteten, was Kid jetzt unternahm. Am Nachmittag wußte man bereits überall

in der Stadt, daß eine ganze Anzahl von Männern leichte Wanderbündel geschnürt hatten, die sie

in verschiedenen, ihnen geeignet erscheinenden Kneipen an der Hauptstraße versteckten. Wo Kid

auch hinging, beobachteten ihn viele Augen. Und zum Beweis, wie ernst man ihn nahm, mag

erwähnt werden, daß keiner die Stirn hatte, ihn offen über seine Geschäfte mit Sanderson

auszufragen. Andererseits gab es auch keinen, der die Geschichte mit den Eiern vor ihm zu

erwähnen wagte. Kurz war natürlich Gegenstand einer ähnlichen Beobachtung und derselben

diskreten Freundlichkeit.

»Ich habe fast das Gefühl, als ob ich irgend jemand totgeschlagen oder die Pocken bekommen

hätte, so lauern sie auf alles, was ich tue, und solche Angst haben sie, mir etwas zu sagen«,

gestand Kurz, als er Kid zufällig vor dem »Elchgeweih« traf. »Schau dir mal Bill Saltman da

drüben an – er platzt schon fast vor Neugierde und guckt doch dabei immerfort anderswohin…

wenn man ihn ansieht, glaubt man, er hätte überhaupt keine Ahnung davon, daß wir beide auf der

Welt sind. Aber ich wette Schnaps soviel du willst, Kid, daß wir, wenn wir um die Ecke hier

abbögen, als ob wir irgendwohin gehen wollten, und dann an der nächsten Ecke umkehrten, sehen

würden, daß er uns nachrennte, als ob ihm der Teufel auf den Hacken wäre.«

Sie machten den Versuch, und als sie an der nächsten Ecke umkehrten und zurückkamen, liefen

sie Saltman direkt in die Arme. Er war ihnen tatsächlich im Schlittentrott nachgelaufen.

»Tag, Bill«, grüßte Kid. »Wohin denn?«

»Nur ein bißchen herumbummeln«, antwortete Saltman. »So ein klein bißchen bummeln. Es ist

verdammt schönes Wetter heute… nicht?«

»Hm«, meinte Kurz ironisch. »Wenn du die Schnelligkeit bummeln nennst, dann möchte ich wissen,

was du tust, wenn du läufst.«

Als Kurz gegen Abend die Hunde fütterte, hatte er das unverkennbare Gefühl, daß ringsum im

Dunkeln eine Menge Augen auf ihn lauerten. Und als er die Hunde an den Zaun band, statt sie,

wie sonst, nachts frei herumlaufen zu lassen, wußte er genau, daß er die Nervosität der

Bevölkerung noch um ein Bedeutendes vermehrte.

Wie verabredet, nahm Kid sein Abendbrot in der Stadt ein und ging dann weiter, um sich zu

amüsieren. Wo er auch erschien, wurde er gleich zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Er

machte absichtlich eine Rundreise durch sämtliche Lokale. Die Bars füllten sich, sobald er

erschien, und leerten sich, sobald er wieder ging. Wenn er an einem schläfrigen Roulettetisch

einige Spielmarken kaufte, saß binnen fünf Minuten mindestens ein halbes Dutzend Spieler um

ihn herum. Er benutzte die Gelegenheit, um eine kleine Rache an Lucille Arral zu nehmen, indem

er den Zuschauerraum der Oper gerade in dem Augenblick verließ, als sie ihr volkstümlichstes

Lied ableiern sollte. In kaum drei Minuten hatten mindestens zwei Drittel des gesamten

Publikums das Theater verlassen. Gegen ein Uhr morgens ging er durch die außergewöhnlich

belebte Hauptstraße. Er bog auf den Seitenweg ein, der die Anhöhe zu seiner Hütte

hinaufführte. Als er einen Augenblick oben stehenblieb, hörte er, wie der Schnee hinter ihm

unter den Tritten vieler Mokassins knirschte.

Eine Stunde blieb es noch dunkel in der Hütte, dann steckte er eine Kerze an, und nachdem er

und Kurz sich so lange still verhalten hatten, wie man braucht, um sich anzuziehen, öffneten

sie die Tür und begannen, die Hunde anzuspannen.

Als der Schein der Kerze aufflackerte und sie und die Hunde beleuchtete, hörten sie nicht weit

entfernt einen leisen Pfiff.

Dieses Pfeifen wurde dann von jemand am Fuße des Hügels beantwortet.

»Horch mal«, lachte Kid. »Sie haben Posten aufgestellt, um uns zu belauschen, und jetzt geht

der Bescheid weiter durch die ganze Stadt. Ich wette, daß mindestens vierzig Leute in diesem

Augenblick im Begriff sind, aus dem Bett zu steigen.«

»Sind die Leute nicht verrückt?« kicherte Kurz. »Sag mal, Kid, wozu hat man eigentlich seinen

Grips? Man muß ja blöd sein, um sich heutzutage abzuschinden und mit den Händen zu schuften,

wenn man Grips hat. Die Welt ist ja zum Überlaufen voll von Trotteln, die ganz verrückt danach

sind, ihr Gold loszuwerden. Und bevor wir den Hügel hinunterklettern, möchte ich dir nur noch

sagen, daß ich natürlich halbpart mit dir mache – wenn du nichts dagegen hast.«

Auf dem Schlitten hatten sie eine leichte Schlaf- und Minenausrüstung verstaut. Eine kleine

Rolle Stahldraht guckte ganz unschuldig aus ihrem Versteck unter einem Proviantsack hervor,

während ein Brecheisen, nur halb verborgen, unten auf dem Schlitten lag. Kurz strich leise mit

den Händen über den Stahldraht und gab dem Brecheisen einen letzten freundschaftlichen Klaps.

»Ho«, flüsterte er. »Ich weiß ja, was ich selbst denken würde, wenn ich das Zeugs nachts auf

einem Schlitten sähe.«

Sie lenkten die Hunde ganz vorsichtig und leise den Hügel hinab, und als sie die Ebene

erreichten, fuhren sie mit dem Gespann nordwärts durch die Hauptstraße. Dann ging es unter

Beachtung noch größerer Vorsichtsmaßregeln aus dem Geschäftsviertel der Stadt hinaus in

Richtung Sägemühle. Sie hatten noch niemand gesehen, als sie aber die Richtung änderten,

hörten sie leise Pfiffe aus der Finsternis hinter sich, die nicht einmal die Sterne zu

erhellen vermochten. Nachdem sie an der Sägemühle und dem Krankenhaus vorbeigekommen waren,

fuhren sie noch eine halbe Stunde, so schnell es ihnen möglich war, weiter geradeaus. Dann

machten sie plötzlich kehrt und fuhren denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Kaum

waren sie die ersten hundert Meter gefahren, als sie mit Mühe und Not einen Zusammenstoß mit

fünf Männern vermieden, die in schnellem Tempo angelaufen kamen. Alle gingen gebückt unter dem

Gewicht der Goldsucherausrüstung.

Der eine hielt Kids Leithund an, während die andern sich um sie scharten.

»Habt ihr nicht einen Schlitten gesehen, der in der andern Richtung gefahren ist?« fragte

einer.

»Nee«, antwortete Kid. »Bist du’s, Bill?«

»Jawohl, und ich will ewig verflucht sein, wenn das nicht Alaska-Kid ist!« rief Bill Saltman

in ehrlichem Staunen aus.

»Was machst du denn hier mitten in der Nacht?« fragte Kid.

Ehe Bill Saltman antworten konnte, hatten sich schon zwei weitere Männer, die herbeigelaufen

kamen, der Gruppe angeschlossen. Ihnen folgten noch andere, während das Knirschen des Schnees

unter den Mokassins das Kommen vieler verkündete.

»Wer sind denn all Ihre Freunde hier?« fragte Kid.

Saltman steckte sich die Pfeife an, obgleich er kaum viel Vergnügen daran haben konnte, danach

zu urteilen, wie er nach dem langen Lauf stöhnte und japste. Eine Antwort gab er aber nicht.

Der Kniff mit dem Streichholz war zu deutlich, als daß die Absicht mißverstanden werden

konnte, und Kid sah denn auch, wie sämtliche Augenpaare sich auf die Rolle Stahldraht und das

große Brecheisen richteten. Dann erlosch das Streichholz wieder.

»Ach, ich hab’ etwas reden hören, das ist alles, nur ein Gerücht«, murmelte Saltman mit

feierlicher Geheimnistuerei.

»Da mußt du wirklich Kurz und mich einweihen«, meinte Kid.

Irgend jemand in der Gruppe kicherte ironisch.

»Aber wo wolltet ihr denn eigentlich hin?« fragte Saltman.

»Und als was seid ihr denn eigentlich hier?« erwiderte Kid. »Vielleicht Mitglieder eines

Sicherheitsausschusses?«

»Nur als Interessenten… als richtige Interessenten«, sagte Saltman.

»Ihr könnt euer Leben wetten, daß wir Interessenten sind«, erklang eine andere Stimme aus der

Dunkelheit.

»Wißt ihr, Kinder«, bemerkte Kurz, »ich möchte eigentlich wissen, wer von euch sich am

dümmsten vorkommt.«

Man lachte nervös.

»Komm, Kid, wir wollen weitergehen«, sagte Kurz und trieb die Hunde an.

Die ganze Schar schloß sich ihnen an.

»Hört mal, Kinder«, verhöhnte Kurz sie. »Irrt ihr euch jetzt nicht? Als wir euch trafen, gingt

ihr in der entgegengesetzten Richtung, und jetzt macht ihr wieder kehrt, ohne irgendwo gewesen

zu sein! Habt ihr vielleicht die Adresse vergessen?«

»Geh zum Teufel«, sagte Saltman wenig gemütvoll. »Wir gehen und kommen, wie es uns paßt. Wir

brauchen keinen Vormund.«

Und der Schlitten fuhr, Kid voran und Kurz an der Lenkstange, durch die Hauptstraße, begleitet

von drei Dutzend Männern, von denen jeder eine Goldgräberausrüstung auf dem Rücken trug. Es

war schon drei Uhr morgens, und nur die schlimmsten Nachtbummler der Stadt sahen die

Prozession und konnten in Dawson am nächsten Tage von der neuesten Sensation berichten.

Eine halbe Stunde später kletterten die beiden mit ihren Hunden, gefolgt von der ganzen Schar,

den Hügel hinauf. Und als sie die Hunde vor der Hütte abgeschirrt hatten, warteten sechzig

erbitterte Goldsucher immer noch draußen.

»Gute Nacht, Kameraden«, rief Kid ihnen zu und schloß die Tür.

Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als die Kerze drinnen ausgelöscht wurde… aber nach einer

halben Stunde tauchten Kid und Kurz wieder leise und vorsichtig vor der Hütte auf und

schirrten die Hunde wieder an, ohne jedoch Licht zu machen.

»Hallo, Kid«, sagte Saltman, der sich ihnen so weit näherte, daß sie den Umriß seiner Gestalt

sehen konnten.

»Ich kann dich offenbar nicht abschütteln, Bill«, antwortete Kid gemütlich. »Wo sind denn alle

deine Freunde?«

»In die Stadt gegangen, um ein Glas zu trinken. Sie haben mich hiergelassen, um euch im Auge

zu behalten, und das werde ich auch tun! Was ist denn eigentlich mit euch los, Kid? Du kannst

mich und die andern auf keinen Fall abschütteln… du kannst uns also ebensogut gleich

mitnehmen. Wir sind ja lauter gute Freunde. Das weißt du doch.«

»Es gibt Fälle, in denen man nicht einmal seine besten Freunde mitnehmen darf«, gab Kid

vorsichtig zur Antwort. »Und andere Fälle, in denen man es tun kann. Und siehst du, Bill, dies

ist einer von denen, wo man es eben nicht tun darf. Es wäre viel vernünftiger, wenn du zu Bett

gingest. Gute Nacht!«

»Hier gibt es heute keine Gute Nacht, Kid. Du kennst uns nicht… Wir sind die reinen Kletten,

weißt du.«

Kid seufzte hörbar. »Na ja, wenn du durchaus deinen Willen durchsetzen willst, kann ich es ja

nicht verhindern. Aber komm jetzt, Kurz, wir können nicht mehr die Dummköpfe spielen, wir

müssen ja weiter.«

Als der Schlitten losfuhr, ließ Saltman einen scharfen Pfiff hören und folgte ihm dann selbst.

Unterhalb des Hügels, von der Ebene her hörte man das Pfeifen der Wachtposten. Kurz lief an

der Lenkstange, und Kid und Bill gingen nebenher.

»Weißt du, Bill«, sagte Kid. »Ich will dir einen Vorschlag machen. Möchtest du nicht selbst

mitmachen… aber natürlich nur du allein?«

Saltman zögerte nicht eine Minute mit der Antwort.

»Und all meine Freunde im Stich lassen? Nee, mein Herr! Wir wollen alle mit dabei sein.«

»Dann kommst du zuerst dran…«, rief Kid aus, bückte sich, um den andern besser anpacken zu

können, und warf ihn dann in den tiefen Schnee neben der Schlittenbahn.

Kurz trieb die Hunde an und schwenkte mit seinem Gespann südwärts auf den Weg ein, der an den

baufälligen Hütten auf den wellenförmigen Abhängen hinter Dawson vorbeiführt. Kid und Saltman

rollten fest umschlungen im Schnee herum. Kid war freilich der Ansicht, daß er in glänzender

Form sei, aber Saltman hatte ein Mehrgewicht von fünfzig Pfund, die nur aus schieren,

harttrainierten Muskeln bestanden, und er bekam deshalb auch mehrmals die Oberhand. Ein über

das andere Mal gelang es ihm, Kid auf den Rücken zu legen; und Kid machte es sich dabei

gemütlich und ruhte sich aus. Sooft aber Saltman den Versuch machte, sich von ihm zu befreien,

um weiterzulaufen, streckte Kid die Hand aus und hielt ihn am Bein fest, so daß er fiel und

ein neuer Ringkampf begann.

»Du bist nicht ganz ohne«, räumte Saltman anerkennend ein, als er zehn Minuten später keuchend

auf Kids Brust saß. »Aber ich kriege dich doch immer wieder unter.«

»Und ich halte dich doch immer wieder fest«, gab Kid ächzend zurück. »Und deshalb bin ich ja

auch hier… nur um dich festzuhalten, nicht wahr? Wohin, glaubst du, ist Kurz inzwischen

gelaufen?«

Saltman machte eine verzweifelte Anstrengung, um sich freizumachen, jedoch erfolglos. Kid

erwischte ihn am Bein und schleuderte ihn mit dem Gesicht in den Schnee. Oben vom Hügel her

hörte man ängstlich fragende Pfiffe. Saltman setzte sich auf und ließ ein schrilles Pfeifen

hören, wurde aber wieder von Kid umgeworfen, der sich auf seine Brust setzte und ihn mit den

Händen auf den Schultern unten hielt. In dieser Lage wurden sie von den Goldsuchern gefunden.

Kid lachte und stand auf.

»Und jetzt gute Nacht, Kameraden«, sagte er und lief den Hügel hinab, während die sechzig

verzweifelten, aber entschlossenen Goldsucher ihm auf den Fersen folgten.

Er schwenkte nach Norden ab, lief an der Sägemühle und dem Krankenhaus vorbei und folgte dann

dem Uferweg über die schroffen Hänge am Fuß der Mooshillberge entlang. In einem großen Bogen

umkreiste er das Indianerdorf und lief dann weiter nach der Mündung des Moosbaches, wo er

kehrtmachte und sich seinen Verfolgern stellte.

»Ihr macht mich aber tüchtig müde, Kameraden«, sagte er und knurrte in scheinbarer Wut.

»Hoffentlich überanstrengen wir dich nicht«, murmelte Saltman höflich.

»Durchaus nicht«, knurrte Kid mit besser vorgetäuschter Wut, während er an den andern

vorbeisauste und den Rückweg nach Dawson einschlug. Zweimal versuchte er das unwegsame Packeis

auf dem Fluß zu überqueren, und seine entschlossenen Begleiter folgten ihm, aber beide Male

mußten er und die andern den Versuch aufgeben. Er kehrte deshalb zum Ufer bei Dawson zurück,

trottete geradenwegs durch die Hauptstraße, setzte über den gefrorenen Klondike und kehrte

dann wieder nach Dawson zurück. Als es gegen acht Uhr hell zu werden begann, führte er seine

todmüden Verfolger nach dem Wirtshaus von Slavovitsch, wo wenige Minuten später selbst für

teures Geld kein Tisch zum Frühstücken mehr zu haben war.

»Gute Nacht, Kameraden«, sagte er, als er seine Rechnung bezahlt hatte.

Und er sagte ihnen wiederum »Gute Nacht«, als er den Hügel hinaufkletterte. Im hellen

Tageslicht konnten sie ihn nicht mehr begleiten, sondern mußten sich damit begnügen, ihn in

seine Hütte gehen zu sehen.

Zwei Tage blieb Kid noch in der Stadt, ständig unter schärfster Bewachung. Kurz war mit dem

Schlitten verschwunden. Weder Wanderer, die den Yukon auf und hinab gegangen waren, noch

solche, die aus Bonanzo, Eldorado oder Klondike kamen, hatten ihn gesehen. Es blieb also nur

übrig, Kid zu beobachten, der ja doch früher oder später die Verbindung mit seinem

verschwundenen Kompagnon aufnehmen mußte. Deshalb richtete sich alle Aufmerksamkeit jetzt auf

Kid. Am zweiten Abend verließ er die Hütte überhaupt nicht, sondern löschte schon um neun Uhr

die Lampe und stellte den Wecker auf zwei Uhr morgens. Der Posten, der vor seiner Hütte stand,

hörte auch das schrille Klingeln der Uhr, so daß sich Kid – als er eine Stunde später aus der

Hütte kam – sofort von einer ganzen Bande umgeben sah, nur waren es diesmal nicht sechzig,

sondern mindestens dreihundert. Ein flammendes Nordlicht beleuchtete die Landschaft, als er

mit einer zahlreichen Eskorte nach der Stadt hinunterging und in den Schankraum des

»Elchgeweih« trat.

Der ganze Raum füllte sich sofort mit einer ängstlichen und wütenden Schar, die Getränke

bestellte und vier langweilige Stunden damit verbrachte, Kid zuzuschauen, wie er mit seinem

guten alten Freund Breck Whist spielte. Nach sechs Uhr morgens verließ Kid mit wutentbrannter,

düsterer Miene das »Elchgeweih« und ging durch die Hauptstraße. Ihm folgten treu und brav die

dreihundert Goldsucher in unordentlichen Reihen. Sie sangen dabei höhnisch: »Hep hep hep, Herr

Hasenfuß, Herr Schlauberger… hep hep.«

»Gute Nacht, Kameraden«, sagte Kid wütend, als sie den Rand des Yukonabhanges erreichten, wo

die Winterfährte steil hinabführte. »Ich gehe jetzt frühstücken, und dann will ich pennen.«

Die dreihundert riefen ihm zu, daß sie ihn begleiten würden, und folgten ihm auch wirklich

über den zugefrorenen Fluß direkt nach Tra-li. Gegen sieben Uhr morgens führte er seine

goldsuchende Schar den gewundenen Pfad nach der Hütte Dwight Sandersons empor. Das Licht einer

Kerze schien durch das Fenster, das mit Pergamentpapier verklebt war, und blauer Rauch stieg

aus dem Schornstein auf. Kurz öffnete die Tür.

»Komm nur herein, Kid«, grüßte er. »Das Frühstück wartet schon. Wo sind deine Freunde?«

Kid drehte sich auf der Schwelle um. »Also jetzt gute Nacht, Kameraden. Ich hoffe, daß euer

Spaziergang euch ein bißchen Vergnügen gemacht hat.«

»Einen Augenblick nur, Kid«, rief Bill Saltman mit einer Stimme, durch welche die Enttäuschung

hindurchklang. »Ich möchte einen Augenblick mit dir sprechen.«

»Schieß nur los«, sagte Kid freundlich.

»Warum hast du dem alten Sanderson fünfundzwanzigtausend Dollar gezahlt? Willst du mir eine

Antwort darauf geben?«

»Bill, warum willst du mir solchen Kummer bereiten?« lautete Kids Antwort. »Ich bin

hierhergezogen, um mich ein bißchen zu erholen, sozusagen… und jetzt bist du mit einer ganzen

Bande da, und ihr wollt mich ins Kreuzverhör nehmen, während ich doch nur Ruhe haben will…

Ruhe und Frühstück.«

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, stellte Bill Saltman unerschütterlich fest.

»Und ich habe auch nicht die Absicht, es zu tun, Bill. Denn das ist eine rein persönliche

Angelegenheit zwischen Dwight Sanderson und mir und geht keinen andern etwas an! Willst du

sonst noch was wissen?«

»Ja… was ist denn mit dem Brecheisen und mit der Rolle Stahldraht, die du auf deinem Schlitten

mitgenommen hast?«

»Das ist auch etwas, das mit dir und deinen süßen und unschuldigen Geschäften nichts zu tun

hat, Bill. Aber wenn Kurz Lust hat, es dir zu erzählen, dann meinetwegen.«

»So, meinst du?« sagte Kurz, der sich jetzt eifrig in die Bresche stellte. Er öffnete den

Mund, um etwas zu sagen, dann stockte er plötzlich und wandte sich an seinen Partner: »Du,

Kid, im tiefsten Vertrauen… ich glaube nicht, daß das die andern Herren etwas angeht. Komm

lieber herein! Dein Kaffee kocht schon so lange, daß Kraft und Saft längst verdampft sind.«

Die Tür schloß sich, und die dreihundert zogen sich in mißmutigen, murrenden Gruppen zurück.

»Na, weißt du, Saltman«, sagte einer. »Ich dachte, du würdest uns zur Goldquelle führen.«

»Geh zum Teufel«, antwortete Saltman wütend. »Ich habe gesagt, daß Kid uns führen würde.«

»Und du meinst, daß es hier ist?«

»Ihr wißt genau so viel davon wie ich, und das einzige, was wir wissen, ist, daß Kid

herumschleicht und irgend etwas fingern will! Denn warum, zum Teufel, hätte er sonst dem alten

Sanderson fünfundzwanzigtausend für diese dreckigen, blöden Grundstücke gezahlt? Doch

todsicher nicht, um eine verflucht idiotische Stadt hier zu gründen!«

Eine Menge von Stimmen bestätigte die Richtigkeit von Saltmans Gedanken.

»Nun ja… aber was jetzt?« fragte einer mißmutig.

»Ich bin dafür, daß wir frühstücken gehen«, erklärte Wild Water guter Laune. »Diesmal hast du

uns in eine Sackgasse geführt, lieber Bill.«

»Das stimmt nicht, sage ich euch«, gab Bill Saltman zurück. »Kid hat uns geführt! Und mag es

sein, wie es will… was haltet ihr von den fünfundzwanzigtausend?«

Nach halb acht, als es schon ganz hell geworden war, öffnete Kurz die Tür und spähte hinaus.

»Donnerwetter«, rief er. »Sie sind alle nach Dawson zurückgekehrt. Ich hätte geglaubt, sie

würden hier ihr Lager aufschlagen.«

»Nur ruhig… sie werden schon wiederkommen«, tröstete ihn Kid. »Wenn ich mich nicht sehr irre,

wirst du halb Dawson hier sehen, bevor wir mit unserer Arbeit fertig sind. Komm jetzt nur mit

hinein und hilf mir! Wir haben genug zu tun!«

»Um Gottes willen, erkläre mir jetzt, was du eigentlich vorhast«, klagte Kurz, als sie eine

Stunde später das Ergebnis ihrer Arbeit betrachteten – in der einen Ecke der Hütte stand eine

Winde mit einem endlosen, durch einen Doppelblock laufenden Seil.

Kid begann ohne Mühe zu drehen, und das Seil straffte sich, knarrte und quietschte. »Jetzt

kannst du mal hinausgehen, Kurz, und mir nachher erzählen, wie das draußen klingt.«

Kurz stand draußen, lauschte an der Tür und hörte all die vielen Geräusche, die eine Winde

macht, wenn eine schwere Last damit heraufgeholt wird, und er erwischte sich dabei, wie er

ganz unbewußt die Tiefe des Schachtes, aus dem die Last heraufgeholt wurde, einzuschätzen

versuchte. Dann trat eine Pause ein, und vor seinem inneren Auge sah er, wie der Eimer am

kurzen Seil hin und her schaukelte. Dann hörte er, wie der Eimer wieder schnell

hinuntergelassen wurde und mit einem dumpfen Schlag gegen den Rand des Schachtes schlug. Er

öffnete strahlend die Tür.

»Das hört sich einfach wunderbar an«, rief er. »Ich wurde selbst ganz neugierig. Was ist jetzt

zu tun?«

Zuerst mußten mehrere Schlittenladungen von schweren Steinen in die Hütte geschleppt werden.

»Und heute abend fährst du dann mit den Hunden nach Dawson hinüber«, sagte Kid, als sie

Abendbrot gegessen hatten.

»Laß sie bei Breck, er wird sich ihrer schon annehmen. Die Leute werden gehörig aufpassen, was

du tust, deshalb sollst du Breck überreden, daß er zur A. C. Company geht und ihr ganzes

Sprengstofflager aufkauft. Sie haben höchstens ein paar hundert Pfund liegen! Und dann mußt du

Breck beauftragen, ein halbes Dutzend Steinbohrer beim Grobschmied zu bestellen. Breck ist

selbst Fachmann, er wird dem Schmied schon erklären, wie die Dinger sein sollen. Und gib Breck

auch diese Grundbuchauszüge, so daß er sie morgen früh dem Goldkommissar überreichen kann. Und

endlich mußt du gegen zehn durch die Hauptstraße gehen und hören, was geschehen soll. Vergiß

nicht, daß die Explosionen nicht zu laut sein dürfen. Man muß sie in Dawson nur gerade hören

können, nicht mehr. Ich werde es dreimal versuchen, mit verschiedenen Mengen, und du mußt dir

merken, welche am natürlichsten klingt.«

Gegen zehn Uhr desselben Abends bummelte Kurz durch die Hauptstraße und fühlte, daß viele

neugierige Blicke sich auf ihn richteten. Er paßte eifrig auf, was kommen sollte, und hörte

bald eine sehr schwache Explosion, die aus weiter Ferne zu kommen schien. Dreißig Sekunden

später erfolgte eine zweite, die schon so stark war, daß sie die Aufmerksamkeit der Passanten

erregte. Und endlich folgte eine dritte, die so gewaltig war, daß alle Bewohner auf die Straße

stürzten.

»Du hast sie herrlich aufgerüttelt«, erklärte Kurz, als er eine Stunde später atemlos die

Hütte in Tra-li erreichte. Er ergriff Kids Hand. »Du hättest sie nur sehen sollen: Bist du nie

in einen Ameisenhaufen getreten? Genauso sah Dawson aus. Die ganze Hauptstraße war voll von

summenden Menschen, als ich mich dünnemachte. Morgen werden wir Tra-li vor lauter Menschen

nicht sehen können. Und wenn nicht schon in diesem heiligen Augenblick ein paar draußen

herumkriechen, dann weiß ich nicht, wie ein Goldsucher beschaffen ist.«

Kid grinste, trat zur Winde und ließ sie ein paarmal quietschen und knarren. Kurz zupfte etwas

Moos zwischen den Wandbalken heraus, so daß man durch die Löcher hereingucken konnte. Dann

blies er die Kerze aus.

»Jetzt«, flüsterte er, als eine halbe Stunde vergangen war.

Kid drehte langsam das Spill, hörte aber nach einigen Minuten auf, nahm einen verzinkten, mit

Erde gefüllten Eimer und zog ihn scharrend, schleifend und kratzend über den Haufen von

Steinen, die sie in die Hütte geschleppt hatten.

Dann steckte er sich eine Zigarette an, hielt aber die Hand vor die Flamme des Streichholzes.

»Es sind drei draußen«, flüsterte Kurz. »Du hättest sie sehen sollen. Als du vorhin das dumpfe

Geräusch mit dem Eimer machtest, wären sie fast geplatzt. Jetzt steht einer am Fenster und

versucht hereinzugucken.«

Kid ließ seine Zigarette aufglühen und sah auf die Uhr.

»Wir müssen die Sache jetzt aber auch durchführen«, flüsterte er. »Jede Viertelstunde müssen

wir einen Eimer heraufziehen. Und in der Zwischenzeit…«

Er begann mit einem Meißel auf einen Stein zu hämmern, nachdem er zuerst einen dreifach

zusammengelegten Sack darübergelegt hatte.

»Herrlich… wunderbar«, stöhnte Kurz begeistert. Er schlich sich lautlos an sein Guckloch…

»Jetzt stecken sie die Köpfe zusammen… ich kann beinahe sehen, wie eifrig sie miteinander

reden.«

Von da an bis gegen vier Uhr morgens wiederholten sie jede Viertelstunde den Trick mit dem

Eimer, der scheinbar mit der Winde heraufgezogen wurde, die in der natürlichsten Weise

quietschte und knarrte. Dann verschwanden die Besucher, und Kid und Kurz konnten endlich ins

Bett gehen. Als es hell geworden war, untersuchte Kurz die Mokassinfährten. »Der lange Bill

Saltman war jedenfalls mit dabei«, stellte er fest.

Kid guckte nach der andern Seite des Flusses.

»Mach dich bereit, Besuch zu empfangen«, sagte er. »Es kommen zwei jetzt über das Eis.«

»Hoho… warte nur, bis Breck die Geschichte von den Goldclaims erzählt hat, dann kommen

zweitausend über den Fluß.«

Kurz war inzwischen auf einen hohen Felsen geklettert und betrachtete von dort aus mit dem

Auge des Kenners das Gelände, das sie abgezeichnet hatten. »Es sieht tatsächlich wie ein

richtiger Claim aus«, sagte er. »Ein Experte würde fast die Linien ziehen können, wo die Ader

unter dem Schnee läuft. Selbst der Klügste würde sich hinters Licht führen lassen. Die

Rutschbahn da füllt den ganzen Vordergrund aus, und guck dir nur die Ausläufer da an… Es sieht

alles ganz echt aus… und doch steckt nichts dahinter!«

Als die beiden Männer, die soeben den Fluß überquerten, den gewundenen Pfad die glatten

Felswände heraufgeklettert waren, fanden sie die Hütte verschlossen. Bill Saltman, der den

Führer machte, ging leise zur Tür und lauschte. Dann gab er Wild Water ein Zeichen, daß auch

er kommen und lauschen sollte. Von drinnen hörten beide das Knarren und Quietschen einer

Winde, die eine schwere Last heraufzog. Sie warteten die Pause ab, dann hörten sie endlich,

wie der Eimer hart gegen die Felswand schlug. Viermal im Laufe einer Stunde hörten sie, wie

dieselben Geräusche sich wiederholten. Dann klopfte Wild Water an die Tür. Von drinnen kamen

noch einige leise, verstohlene Geräusche… dann wurde es still. Wieder hörte man einige noch

verdächtigere Laute… und als schließlich mindestens fünf Minuten vergangen waren, öffnete Kid,

schwer atmend, die Tür auf Zollbreite und spähte vorsichtig hinaus. Auf seinem Gesicht und

Hemd sahen sie noch den grauen Staub von dem Gestein, in dem er gearbeitet hatte. Sein Gruß

war so freundlich, daß er ihnen doppelt verdächtig erschien.

»Wartet nur noch einen Augenblick«, sagte er. »Ich bin gleich bei euch.«

Während er sich die Handschuhe anzog, schlüpfte er zur Tür hinaus und stellte sich in den

Schnee vor dem Haus neben seine Besucher. Ihre raschen Blicke stellten sofort fest, daß sein

Hemd, besonders an den Schultern, schmutzig und voll Staub war und daß die Knie seiner

Arbeitshosen deutliche Spuren von Erde trugen, die er offenbar ebenso schnell wie

oberflächlich abzuwischen versucht hatte.

»Ein bißchen früh für einen Besuch«, sagte er. »Aber was hat euch über den Fluß gebracht?«

»Wir haben euch durchschaut«, sagte Wild Water vertraulich. »Und ihr könnt uns ebensogut die

ganze Geschichte verraten… ihr habt was Feines vor, ihr beiden.«

»Wenn Sie Eier haben wollen«, begann Kid.

»Na, lassen wir die Geschichte. Wir wollen doch Geschäfte machen.«

»Ihr meint, daß ihr Parzellen kaufen wollt, nicht wahr?« leierte Kid schnell ab. »Es sind

tatsächlich pikfeine Grundstücke hier. Aber, seht, wir können noch nicht verkaufen! Wir haben

die Stadt noch nicht parzelliert. Wenn Sie nächste Woche vorbeikommen wollen, Wild Water, und

wenn Sie Ruhe und Frieden lieben und im Ernst hier wohnen möchten, dann werde ich Ihnen etwas

ganz besonders Schönes zeigen. Also nächste Woche, ihr beiden, dann haben wir alles in

Ordnung. Auf Wiedersehen… Tut mir leid, daß ich euch nicht hereinbitten kann, aber Kurz… na,

ihr kennt ihn ja… er ist ja etwas sonderbar… Er sagt, er ist hierhergekommen, um Ruhe und

Frieden zu finden… und er hat sich eben schlafen gelegt. Ich würde ihn nicht um ein

Kaiserreich zu wecken wagen…«

Während Kid noch redete, schüttelte er ihnen freundschaftlich die Hände. Und noch immer

sprechend und die Hände schüttelnd, schlüpfte er schnell wieder ins Haus und schlug, bevor sie

ein Wort sagen konnten, die Tür zu.

Sie guckten sich an und nickten.

»Hast du seine Hosen gesehen?« flüsterte Saltman heiser.

»Natürlich! Und seine Schultern? Er ist ordentlich herumgekrochen drinnen im Schacht.«

Bei diesen Worten ließ Wild Water seine Blicke über die verschneite Schlucht gleiten, bis sie

an etwas hängenblieben, das seinen Lippen einen verständnisinnigen Pfiff entlockte.

»Guck mal da hinauf, Bill. Siehst du, wo ich hinzeige? Wenn das nicht ein Minenloch ist… und

dann guck auch nach beiden Seiten… siehst du, wie sie da im Schnee herumgestampft sind? Wenn

das kein Randfelsen ist… und zu beiden Seiten, du, Bill… dann weiß ich nicht, was ein

Randfelsen ist… da ist der Eingang zu einer Ader… kein Zweifel!«

»Und sieh dir mal an, wie groß er ist!« brüllte Saltman. »Da haben sie was gefunden, so wahr

ich hier stehe.«

»Und da… guck dir mal den Erdrutsch an… da, wo die Felswände herausgucken und gleich wieder

abfallen… Der ganze Abhang gehört bestimmt mit zur Ader!«

»Ja, du, aber schau jetzt mal aufs Eis hinaus… auf den Weg da unten…«, und Saltman zeigte mit

dem Finger… »Es sieht aus, als ob das halbe Dawson unterwegs wäre, nicht?«

Wild Water warf einen Blick hinab und sah, daß der Weg bis zu dem fernen Hang bei Dawson

schwarz von Menschen war, und selbst ganz drüben strömte eine ununterbrochene Reihe von

Menschen den Hang hinunter.

»Na, ich werde mir jedenfalls mal das Loch angucken, bevor die Leute herkommen«, sagte er und

begann schnell nach der Schlucht zu gehen.

Aber im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und die beiden Bewohner traten heraus.

»Hallo, Sie!« rief Kid. »Wo wollen Sie hin?«

»Mir einen Claim abstecken«, rief Wild Water zurück.

»Schaut euch den Fluß an. Ganz Dawson ist unterwegs, um sich Claims abzustecken, und da wollen

wir ihnen doch zuvorkommen und uns selbst welche aussuchen… Das ist ja unser gutes Recht,

nicht wahr, Bill?«

»Todsicheres Recht«, bestätigte Saltman. »Hier scheint ja die richtige Stelle zu sein, um eine

Vorstadt zu gründen. Und offenbar wird sie eine zahlreiche Bevölkerung bekommen.«

»Wir werden aber dort, wo Sie jetzt hingehen, keine Parzellen verkaufen«, antwortete Kid. »Die

Grundstücke liegen rechts drüben, weiter hinter den Felsblöcken. Dieser Teil, vom Fluß bis zum

obersten Rand des Abhangs ist reserviert! Kehren Sie lieber gleich wieder um.«

»Das ist aber die Stelle, die wir uns ausgesucht haben«, wandte Saltman ein.

»Da habt ihr aber nichts zu suchen… sage ich euch«, gab Kid ihm scharf zurück.

»Habt ihr denn etwas dagegen, daß wir dort herumspazieren?« fragte Saltman hartnäckig.

»Ja, wahrhaftig… Dein Herumspazieren fängt an, mich zu langweilen… Kommt jetzt zurück!«

»Aber ich denke, daß wir trotzdem hier herumspazieren werden«, knurrte Saltman. »Komm, Wild

Water!«

»Ich warne euch… es ist eine Verletzung des Besitzrechtes«, lautete Kids letztes Wort.

»Ach wo, wir wollen ja nur Spazierengehen«, antwortete Saltman gut gelaunt und ging weiter.

»Halt… Komm sofort zurück, Bill, oder ich knall dich nieder«, donnerte Kurz und hob zwei

unfreundlich aussehende 44er Colts. »Wenn du nicht sofort umkehrst, schieße ich dir elf Löcher

in deinen verflucht gemeinen Bauch. Verstanden?«

Saltman blieb ganz überrascht stehen.

»Er weiß schon Bescheid«, murmelte Kurz Kid zu. »Aber wenn er weitergehen sollte, bringt er

mich in eine verdammt schwierige Lage. Ich kann doch nicht einfach auf ihn schießen. Was zum

Deibel soll ich machen?«

»Hör mal, Kurz, sei doch vernünftig«, bat Saltman.

»Komm hierher, dann werden wir vernünftig miteinander reden«, lautete Kurz’ Antwort.

Und sie standen noch und sprachen »vernünftig« miteinander, als die Spitze der

Goldsucherkolonne am Ende des geschlängelten Weges auftauchte und sich ihnen näherte.

»Ihr könnt nicht sagen, daß ein Mann sich gegen das Eigentumsrecht vergeht, wenn er auf einem

Baugrundstück herumgeht, um sich eine Parzelle auszuwählen, die er kaufen will«, rechtfertigte

sich Wild Water, und Kurz antwortete: »Selbst auf einem Stadtareal gibt es Privatbesitz, und

das Stück dort oben ist eben Privatbesitz. Ich wiederhole es Ihnen: Die Parzellen dort werden

nicht verkauft!«

»Jetzt müssen wir das Geschäft aber schnell abwickeln«, murmelte Kid, »wenn die Leute auf

eigene Faust herumzugehen beginnen.«

»Du mußt verdammt viel Selbstvertrauen haben«, flüsterte Kurz zurück, »wenn du glaubst, daß du

all die Leute zurückhalten kannst. Es kommen mindestens zweitausend aus Dawson herüber… oder

noch mehr. Sie werden unsere Absperrung einfach durchbrechen.«

Die Sperrlinie lief am Rande der Schlucht entlang, und Kurz hatte sie geschaffen, indem er die

zuerst Gekommenen angehalten hatte, so daß sie dort stehenblieben. Unter der Menge befanden

sich auch einige Beamte der Nordwest-Polizei mit einem Leutnant. Kid unterhielt sich flüsternd

mit ihm.

»Es strömen immer noch neue Scharen aus Dawson herbei«, sagte er, »und es wird nicht lange

dauern, dann sind fünftausend Menschen hier. Die Gefahr besteht darin, daß sie früher oder

später anfangen werden, sich auf eigene Faust Claims auszusuchen. Wenn Sie bedenken, daß es im

ganzen nur fünf Claims gibt, so bedeutet das also tausend Mann pro Feld, und vier- von den

fünftausend werden versuchen, das ihnen Zunächstliegende zu bekommen! Das ist natürlich

unmöglich, und wenn es wirklich so weit kommt, wird es mehr Tote geben als in der ganzen

Geschichte Alaskas. Außerdem sind diese fünf Felder schon heute morgen angemeldet und

eingetragen worden und können also gar nicht mehr belegt werden. Mit anderen Worten: es darf

gar nicht erst so weit kommen.«

»Gut, mein Herr«, sagte der Leutnant. »Ich werde meine Leute zusammenrufen und ihnen ihre

Posten anweisen. Wir dürfen keine Unruhen bekommen, und wir wollen sie auch nicht haben. Aber

ich glaube, es wird besser sein, wenn Sie mit den Leuten sprechen.«

»Hier muß ein Mißverständnis vorliegen, Kameraden«, begann Kid mit lauter Stimme. »Wir sind

noch gar nicht so weit, daß wir Parzellen verkaufen. Die Straßen sind noch nicht einmal

abgesteckt. Aber nächste Woche werden wir mit dem öffentlichen Verkauf beginnen können.«

Er wurde durch einen gewaltigen Ausbruch von Ungeduld und Entrüstung unterbrochen.

»Wir wollen gar keine Bauparzellen kaufen«, rief ein junger Goldgräber. »Wir sind gekommen, um

zu kriegen, was im Boden ist.«

»Wir haben keine Ahnung, was im Boden ist«, antwortete Kid. »Aber wir wissen, daß eine

pikfeine Stadt hier oben entstehen wird, wenn es erst so weit ist.«

»Eine verdammt feine Stadt«, fügte Kurz hinzu. »Mit wunderbarer Aussicht und herrlicher

Einsamkeit.«

Wieder hörte man ungeduldige Ausbrüche, und Saltman rückte jetzt heran.

»Wir sind hierhergekommen, um Goldclaims zu belegen«, begann er. »Wir wissen schon, was ihr

getan habt… Ihr habt euch nicht weniger als fünf Quarzclaims einregistrieren lassen, und sie

liegen alle in einer Linie quer durch die Bauplätze, am Erdrutsch und der Schlucht. Aber ihr

habt einen Fehler gemacht! Denn zwei von den Eintragungen sind einfach Schwindel! Wer ist Seth

Talbot? Keiner hat je etwas von so einem Kerl gehört. Und doch habt ihr heute morgen einen

Claim auf seinen Namen eintragen lassen! Und ein zweites Feld habt ihr auf den Namen von Harry

Macewell eintragen lassen. Aber der wohnt in Seattle. Ist schon letzten Herbst von hier

weggezogen. Diese beiden Felder müssen also neu belegt und eingetragen werden.«

»Wie könnt ihr wissen, ob ich nicht Vollmacht von ihnen habe?« fragte Kid.

»Die hast du nicht«, antwortete Saltman. »Und wenn du sie wirklich hast, so bist du

verpflichtet, sie vorzulegen… Jedenfalls werden wir die Claims neu belegen.«

Saltman hatte schon die Sperrlinie überschritten und wandte sich eben zu den andern, um sie

anzutreiben, als der Polizeileutnant rief: »Zurück da… Das ist nicht erlaubt.«

»Ich handle in Übereinstimmung mit dem Gesetz… oder etwa nicht?« fragte Saltman herausfordernd

den Leutnant.

»Mag sein, daß es gesetzlich ist«, lautete die ruhige Antwort. »Aber ich kann und werde nicht

erlauben, daß fünftausend Mann den Versuch machen, zwei Claims zu belegen und abzustecken. Es

würde äußerst gefährlich sein! Hier, an dieser Stelle und in diesem Augenblick ist es die

Nordwest-Polizei, die das Gesetz vertritt. Der erste Mann, der die Sperrlinie überschreitet,

wird erschossen. Und Sie, Bill Saltman, treten sofort zurück!«

Saltman gehorchte widerstrebend. Die ganze Menge aber, die sich in unregelmäßigen Haufen

zusammenballte, wurde von einer Unruhe ergriffen, die wenig Gutes verhieß.

»Donnerwetter«, flüsterte der Leutnant Kid zu. »Sehen Sie doch die Leute, die wie Fliegen dort

am Rande des Felsens kleben.«

Kid trat heraus.

»Ich bin gern bereit, mit offenen Karten zu spielen, Kameraden«, sagte er. »Wenn ihr durchaus

Bauplätze haben wollt, bin ich bereit, sie euch zum Preise von hundert Dollar das Stück zu

verkaufen, und dann könnt ihr ja, sobald wir alles vermessen haben, über die Lage würfeln.«

Die Menge zeigte deutlich ihren Unwillen gegen diesen Vorschlag, aber Kid hob abermals die

Hand, um sie zu beruhigen. »Bleibt doch stehen… sonst geraten Hunderte von euch in

Lebensgefahr.«

»Das ist uns ganz egal… deshalb sollt ihr uns doch nicht beschwindeln«, rief eine Stimme. »Wir

verlangen eine neue Belegung der Felder.«

»Aber es sind ja nur zwei Felder, die überhaupt in Frage kommen«, wandte Kid ein. »Wenn sie

neu belegt werden, was macht dann der Rest von euch?« Er wischte sich mit dem Hemdsärmel die

Stirn, und im selben Augenblick rief eine Stimme: »Nehmt uns alle mit… mit gleich großen

Anteilen!«

Keiner von den vielen, die diesem Vorschlag ihren Beifall zubrüllten, hatte eine Ahnung, daß

er verabredet war, sobald Kid sich die Stirn mit dem Hemdsärmel wischte.

»Ihr müßt eure Chancen mit uns teilen! Schmeißt die gesamten Bauplätze in einen Topf«, rief

der Mann weiter… »Und das Gold kommt mit in den Topf.«

»Aber es ist ja der reine Unsinn mit dem Gold«, wandte Kid ein.

»Das ist uns gleichgültig! Dann könnt ihr sie ja ruhig mit in denselben Pott schmeißen. Das

Risiko wollen wir schon laufen.«

»Kameraden«, sagte Kid. »Ihr übt ja einen mordsmäßigen Zwang auf mich aus. Mir wäre es lieber,

wenn ihr alle am anderen Ufer geblieben wäret.«

Aber sein Versuch, die Entscheidung zu verzögern, war so unzweideutig, daß die Menge ihn unter

gewaltigem Gebrüll nötigte, sofort seine Zustimmung zu geben. Saltman und die andern in der

vordersten Reihe murrten.

»Kameraden«, rief Kid. »Bill Saltman und Wild Water wollen euch nicht alle teilnehmen lassen!«

Dadurch machten sich Bill Saltman und Wild Water unter sämtlichen Anwesenden gründlich

unbeliebt.

»Aber wie sollen wir’s jetzt anfangen?« fragte Kid. »Kurz und ich wollen natürlich die

Majorität behalten. Wir sind die Entdecker.«

»Das ist euer gutes Recht«, riefen mehrere.

»Drei Fünftel für uns«, schlug Kid vor. »Und ihr, Kameraden, kriegt zwei Fünftel. Und ihr müßt

eure Anteile natürlich bezahlen.«

»Zehn Cent per Dollar«, rief einer. »Und steuerfrei…«

»Und der Präsident der Gesellschaft muß persönlich herumgondeln und euch die Dividende auf

einem silbernen Teller bringen, nicht?« spottete Kid. »Nein, mein Herr. Aber zehn Cent per

Dollar wird die ganze Geschichte schon in Schwung bringen. Ihr bekommt zwei Fünftel vom

Aktienpaket, hundert Dollar pro Aktie zum Kurs von zehn Dollar, die sofort zahlbar sind. Mehr

kann ich beim besten Willen nicht für euch tun.«

»Keine Vertrustung hier«, ertönte eine Stimme, und dieser Ausruf war es, der all die vielen

Köpfe Kids Vorschlag einstimmig billigen ließ.

»Es sind rund fünftausend Mann hier anwesend… das macht also fünftausend Aktien«, rechnete Kid

laut nach. »Und diese fünftausend Aktien sollen zwei Fünftel des gesamten Kapitals ausmachen.

Die Tra-li-Grundstücksgesellschaft wird demnach mit einem Kapital von einer Million

zweihundertfünfzigtausend Dollar gegründet, also mit zwölftausendfünfhundert Aktien zu je

hundert Dollar, und ihr, Kameraden, bekommt fünftausend von diesen Aktien zum Vorzugskurse von

zehn Dollar die Aktie. Mir persönlich ist es vollkommen gleichgültig, ob ihr sie nehmt oder

nicht.«

Die Menge fühlte sich vollständig überzeugt, ihn auf frischer Tat ertappt zu haben, daß er die

beiden Claims auf falsche Namen hatte eintragen lassen. Sie traute ihm deshalb nicht ganz,

sondern verlangte sofortige Erledigung der Angelegenheit. Ein Komitee wurde gewählt, das in

großen Zügen die Organisation der Tra-li-Gesellschaft entwarf. Das Komitee lehnte den

Vorschlag, die Aktien am nächsten Tage in Dawson zu liefern, ab, und zwar weil man

befürchtete, daß die übrige Bevölkerung von Dawson, die an dem heutigen Rennen nach dem Golde

nicht teilgenommen hatte, sonst auch noch einen Anteil an den Aktien fordern würde. Es wurde

deshalb auf dem Eis unterhalb des Erdrutsches ein großes Feuer angezündet, und hier saß nun

das Komitee und schrieb jedem Teilnehmer eine Quittung über zehn Dollar aus. Die zehn Dollar

wurden an Ort und Stelle in Goldstaub abgewogen.

Gegen Abend war die Arbeit vollbracht, und Tra-li lag wieder still und öde da. Nur Kid und

Kurz waren zurückgeblieben. Sie saßen jetzt in ihrer Hütte und verzehrten ihr Abendbrot,

während sie sich über die Goldsäcke und das Verzeichnis der Aktionäre, das nicht weniger als

viertausendachthundertvierundsiebzig Namen umfaßte, belustigten.

»Aber du hast das Geschäft noch nicht zu Ende geführt«, meinte Kurz.

»Das kommt schon noch«, versicherte Kid im Brustton der Überzeugung. »Er ist der geborene

Hasardeur, und wenn Breck ihm unsern Tip zuflüstert, hält ihn nicht einmal eine Herzlähmung zu

Hause.«

Es dauerte kaum eine Stunde, als es an die Tür klopfte und Wild Water in Begleitung Bill

Saltmans eintrat. Ihre Blicke durchsuchten sofort eifrig die Hütte.

»Wenn ich nun aber im ganzen zwölfhundert Aktien haben möchte«, erklärte Wild Water, als sie

schon eine halbe Stunde hin und her geredet hatten. »Mit den fünftausend, die heute verkauft

worden sind, würde das nur sechstausendzweihundert Aktien ausmachen. Sie und Kurz würden dann

immer noch sechstausenddreihundert behalten. Ihr hättet also doch die Majorität.«

»Aber Bill will ja auch welche haben«, sagte Kid widerstrebend. »Wir geben auf keinen Fall

mehr als fünfhundert ab.«

»Wieviel kannst du denn anlegen?« fragte Wild Water Bill Saltman.

»Na… sagen wir fünftausend Dollar.«

»Nun gut, Wild Water«, sagte Kid dann. »Wenn ich Sie nicht so gut kennen würde, gäbe ich Ihnen

keine einzige von diesen dummen Aktien. Aber Kurz und ich wollen keinesfalls mehr als

fünfhundert Aktien abgeben und verlangen fünfzig Dollar für die Aktie. Das ist unser letztes

Wort in dieser Sache. Bill kann hundert haben, und die übrigen vierhundert kannst du ja

nehmen.«

Schon am nächsten Tage erhielt Dawson Anlaß zum Lachen.

Es begann frühmorgens, kurz vor Tagesanbruch, als Kid zum Warenhaus der A. C. Company kam und

auf der schwarzen Tafel vor dem Eingang eine Bekanntmachung mit Reißnägeln befestigte. Es

versammelten sich sogleich mehrere Zuschauer.

Sie lasen die Mitteilung über seine Schulter hinweg und begannen schon, ehe der letzte

Reißnagel saß, zu schmunzeln.

Sofort strömten Hunderte von Leuten herbei, die nicht nahe genug an die schwarze Tafel kommen

konnten, um die Bekanntmachung zu lesen; sie wählten deshalb einstimmig einen Vorleser, und im

Laufe des Tages wurden viele ernannt, die mit lauter Stimme die von Kid am Eingang des

Warenhauses angeschlagene Bekanntmachung vorlesen mußten. Viele Männer blieben stundenlang im

Schnee stehen und hörten immer wieder zu, um all die heiteren Einzelheiten auswendig zu

lernen. Die Bekanntmachung lautete wie folgt:

»Die Tra-li-Grundstücksgesellschaft veröffentlicht ihren Geschäftsbericht an der Mauer des

Warenhauses A. C. Company. Der vorliegende Bericht ist der erste und letzte zugleich.

Sämtliche Aktionäre, die nicht bereit sind, für das allgemeine Krankenhaus in Dawson zehn

Dollar zu stiften, können diesen Betrag durch persönliche Rücksprache mit Herrn Wild Water

Charley oder, falls diese nicht zum Erfolge führen sollte, durch Rücksprache mit Herrn

Alaska-Kid zurückerhalten.

Einnahmen und Ausgaben:

* * *

Einnahmen Ausgaben 4874 Aktien à 10 Dollar 48.740$

An Dwight Sanderson für Grundstücke 10.000$

An verschiedene Unkosten: Pulver,

Bohrer, Winde, Eintragungsgebühren 1.000$

An Allgemeines Krankenhaus, Dawson 37.740$

———————————————————-

insgesamt 48.740$ 48.740$ Von Bill Saltman für 100 Aktien

Privatverkauf à 50 Dollar 5.000$

Von Wild Water Charley für

400 Aktien à 50 Dollar 20.000$

An Bill Saltman zur Deckung

von Unkosten als freiwilliger Aktionär 5.000$

An Allgemeines Krankenhaus, Dawson 3.000$

An Alaska Kid und Kurz als

Entschädigung für Verlust an

Eiern und für moralisches Guthaben 17.000$

———————————————————-

insgesamt 25.000$ 25.000$

Übriggebliebene Aktien: 7126. Diese Aktien, die keinen Wert haben, befinden sich im Besitz von

Alaska-Kid und Jack Kurz und werden auf Wunsch an Interessenten, die geneigt sind, nach dem

einsamen und friedlichen Gelände von Tra-li überzusiedeln, gratis abgegeben. Anmerkung: Ruhe

und Einsamkeit werden auf den Bauplätzen von Tra-li für alle Ewigkeit garantiert.

Gezeichnet: Alaska-Kid, Präsident & Jack Kurz, Sekretär.«

* * *

Das Wunder des Weibes

»Na, weißt du, Kid«, bemerkte Kurz, um die Unterredung, die allmählich eingeschlafen war,

wieder in Fluß zu bringen, »ich finde jedenfalls nicht, daß du besonders aufs Heiraten

versessen warst.«

Kid saß auf einem Zipfel seines Schlafsacks und war eifrig damit beschäftigt, die Füße eines

knurrenden Hundes zu untersuchen, den er im Schnee auf den Rücken gewälzt hatte.

Er gab deshalb keine Antwort. Kurz, der einen dampfenden Mokassin an einem Stock zum Trocknen

ans Feuer hielt, sah seinem Kameraden aufmerksam ins Gesicht.

»Schau dir mal das Nordlicht an«, sagte er. »Ein bißchen leichtfertig sieht es aus! Fast genau

wie so `n schillerndes, flatterndes Frauenzimmer! Von denen sind ja selbst die besten

leichtfertig, wenn sie nicht komplett verrückt sind. Und Katzen sind sie alle, ohne Ausnahme,

die kleinsten und die größten, die hübschesten und die häßlichsten. Sie sind ganz wie

brüllende Löwen und keifende Hyänen, wenn sie erst mal einen Mann aufgespürt haben, den sie

verzehren möchten.«

Wiederum blieb der Monolog Kurz’ unbeantwortet. Kid gab dem Hund, der nach seiner Hand

schnappte, einen leichten Klaps und setzte seine Untersuchung der wunden und blutenden

Fußballen fort.

»Hm«, plauderte Kurz weiter. »Vielleicht denkst du, ich hätte nicht verheiratet sein können,

wenn ich Lust gehabt hätte? Und vielleicht glaubst du auch nicht, daß ich verheiratet wäre,

selbst wenn ich keine Lust gehabt hätte, wäre ich nicht aus so hartem Holz geschnitzt? Kid,

willst du wissen, was mich gerettet hat? Ich will es dir sagen. Meine gute Lunge! Ich lief

einfach fort, und die Schürze möchte ich sehen, die mich einholen könnte!«

Kid ließ den Hund laufen und krempelte seine eigenen dampfenden Mokassins um, die ebenfalls

auf Stöcken zum Trocknen am Feuer hingen. »Wir werden bis morgen hierbleiben und Mokassins für

die Hunde machen müssen«, ließ er sich herab mitzuteilen. »Die dünne Eiskruste verdirbt ihnen

die Pfoten.«

»Wir wollen lieber weitermarschieren«, wandte Kurz ein. »Wir haben nicht Proviant genug, um

umkehren zu können, und müssen also sehen, so bald wie möglich das Gebiet der Rentiere oder

der weißen Indianer zu erreichen… sonst werden wir unsere eigenen Hunde essen müssen… mit Haut

und Haaren und wunden Pfoten! Aber glaubst du denn, daß überhaupt einer diese weißen Indianer

gesehen hat? Alles nur Unsinn. Wie zum Teufel sollte eine Rothaut weiß sein können? Ein weißer

Schwarzer wäre genauso natürlich und wahrscheinlich! Du, Kid, wir müssen also jedenfalls

sehen, daß wir morgen weiterkommen. Das Land hier ist ja von allen Göttern verlassen…

jedenfalls von allem Wild. Die ganze Woche haben wir nicht eine einzige Hasenfährte gesehen…

das weißt du ja. Und wir müssen aus dieser Einöde heraus und irgendwohin, wo das Futter

lebendig herumläuft.«

»Die Hunde werden aber alle besser laufen, wenn sie einen Ruhetag gehabt haben und Mokassins

bekommen«, riet Kid. »Wenn du von irgendeiner Wasserscheide aus Ausschau halten würdest, so

daß wir sehen könnten, was auf der anderen Seite liegt, wäre es gar nicht so dumm. Wir müßten

eigentlich jeden Augenblick offenes Hügelland antreffen. Das hat jedenfalls La Perle gesagt.«

»Pah! Nach seinem eigenen Bericht ist es zehn Jahre her, daß er durch diese Gegend kam, und er

war damals so verrückt vor Hunger, daß er gar nicht ahnte, was er sah! Denk doch daran, daß er

uns erzählt hat, er hätte große Flaggen auf den Bergen wehen sehen. Danach kannst du

ausrechnen, wie verrückt er war! Und er gibt selber zu, daß er nie eine weiße Rothaut gesehen

hat… es war Anton, der ihm diesen Bären aufgebunden hat. Und der gute Anton war ja auch, zwei

Jahre, ehe wir beide nach Alaska kamen, durchgebrannt. Aber ich werde morgen einen kleinen

Ausflug machen. Und vielleicht erwische ich auch einen Elch. Aber wollen wir jetzt nicht

schlafen?«

Kid verbrachte den Morgen im Lager, wo er Mokassins für die Hunde nähte und das Geschirr

reparierte. Gegen Mittag kochte er für sie beide, aß dann seine Ration und begann sich nach

Kurz’ Rückkehr zu sehnen. Eine Stunde später schnallte er sich die Schneeschuhe an und begann

der Fährte seines Partners nachzugehen. Sie führte ihn das Flußbett hinauf und durch eine enge

Schlucht, die sich ganz plötzlich zu einer Elchweide erweiterte. Aber offenbar waren seit dem

ersten Schneefall keine Tiere dagewesen. Die Furchen von Kurz’ Schneeschuhen überquerten die

Weide und führten den sanften Hang einer niedrigen Wasserscheide hinauf. Auf der Kuppe blieb

Kid stehen. Die Fährte Kurz’ lief den anderen Hang wieder hinab. Die ersten Fichten standen

unten im Flußbett, eine kleine Meile entfernt, und es leuchtete Kid ein, daß Kurz sie passiert

haben mußte. Kid sah auf seine Uhr, gedachte der eintretenden Dunkelheit, der wartenden Hunde,

des einsamen Lagers und entschloß sich widerstrebend zur Umkehr. Vorher aber warf er noch

einen langen spähenden Blick über das weite Land. Der ganze östliche Horizont war von dem

schneebedeckten Grat der Rocky Mountains begrenzt und glich der zackigen Schneide einer Säge.

Das gewaltige Gebirge erstreckte sich, Kette neben Kette, nach Nordwesten und schien den Weg

nach dem offenen Lande, von dem La Perle erzählt hatte, zu versperren. Es sah deshalb aus, als

ob die Berge sich zusammengetan hätten, um den Wanderer nach dem Westen und dem Yukon

zurückzudrängen.

Bis Mitternacht unterhielt Kid ein großes Feuer, das Kurz als Wegweiser dienen konnte. Und

sobald er am nächsten Morgen das Lager abgebrochen und die Hunde vorgespannt hatte, nahm er

die Verfolgung auf. In der engen Schlucht, durch die er ging, spitzte der Leithund plötzlich

die Ohren und begann zu heulen. Bald danach stieß Kid auf sechs Indianer, die ihm

entgegenkamen. Sie trugen nur leichtes Gepäck und hatten keine Hunde bei sich. Sie umringten

ihn und gaben ihm sofort verschiedene Gründe, erstaunt zu sein. Es war nämlich ganz offenbar,

daß sie unterwegs waren, um ihn zu suchen. Ebenso schnell stellte er fest, daß sie keinen der

ihm bekannten Indianerdialekte sprachen. Es waren indessen keine weißen Rothäute, obgleich sie

größer und kräftiger gebaut waren als die Indianer unten am Yukon. Fünf von ihnen trugen lange

altmodische Gewehre, während der sechste einen Winchesterstutzen trug, den Kid sofort als

Kurz’ Eigentum erkannte.

Sie verschwendeten auch keine Zeit, um ihn feierlich gefangenzunehmen. Er selbst trug keine

Waffen und war also gezwungen, sich zu ergeben. Den Inhalt des Schlittens übernahmen sie ohne

weiteres und verteilten ihn unter sich. Er selbst mußte ein Bündel mit seinem und Kurz’

Schlafsack auf den Rücken nehmen. Die Hunde liefen ohne Sielen herum, und als Kid dagegen

Einspruch erhob, bedeutete ihm einer der Indianer durch Zeichen, daß der Weg zu schwierig zum

Schlittenfahren sei. Kid mußte sich deshalb in das Unvermeidliche fügen, stellte den Schlitten

auf den Hang oberhalb des Flusses aufrecht in den Schnee und trottete dann mit seinen Wärtern

weiter. Sie zogen über die Wasserscheide nordwärts nach den Fichten, die Kid am vorigen Abend

aus der Ferne gesehen hatte.

Die erste Nacht verbrachten sie in einem Lager, das seit mehreren Tagen benutzt sein mußte.

Hier lagen reichliche Mengen von getrocknetem Lachs und einer Art Pemmikan, die die Indianer

in ihren Bündeln verstauten. Von diesem Lagerplatz aus lief eine durch viele Schneeschuhe

getretene Fährte… Kid war sich darüber klar, daß sie von den Leuten herrührte, die Kurz

gefangengenommen hatten. Und schon ehe es dunkel wurde, hatte er unter den vielen Spuren die

von Kurz’ Schneeschuhen festgestellt, die schmaler als die der Indianer waren. Als er die

Indianer durch Zeichen danach befragte, nickten sie zur Bestätigung und wiesen mit den Fingern

nach Norden.

Die folgenden Tage zeigten sie immer nur nach dem Norden, und auch die Fährte, die sich durch

ein wahres Chaos von hohen Felsblöcken schlängelte, führte in diese Richtung. Der Schnee war

tiefer als in den niedriger gelegenen Tälern, und sie hätten überhaupt nicht ohne Schneeschuhe

vorwärts kommen können. Kids Wärter, die alle jung waren, wanderten indessen leicht und

sicher. Und er konnte einen gewissen Stolz nicht unterdrücken, daß er so mühelos mit ihnen

Schritt zu halten vermochte.

Sie brauchten sechs Tage, um den mittleren Paß zu erreichen und zu überschreiten, denn wenn er

auch im Verhältnis zu den Bergen, die ihn umgaben, niedrig erschien, war er an sich doch

schreckenerregend und für schwerbeladene Schlitten überhaupt unbefahrbar. Nachdem sie weitere

fünf Tage dem gewundenen Weg, der sich immer tiefer und tiefer den Berg hinabschlängelte,

gefolgt waren, gelangten sie in das offene, wellenförmige, nur leicht hügelige Gelände, das La

Perle zehn Jahre zuvor besucht hatte. Kid erkannte es auf den ersten Blick – es war ein

eisiger Tag, das Thermometer stand vierzig Grad unter Null, und die Luft war so klar, daß er

Hunderte von Meilen weit sehen konnte. So weit sein Blick reichte, erstreckte sich das

wellenförmige Gelände. Fern im Osten erhoben die Gipfel der Rocky Mountains ihre

schneebedeckten Bastionen gen Himmel. Nach Süd und Südwest liefen die zackigen Ketten, die dem

soeben überschrittenen hoch aufragenden System von Ausläufern angehörten. Und in der großen

Senkung inmitten dieser Gebirge lag das Gelände, das La Perle durchwandert hatte… im

Augenblick freilich weiß von Schnee, aber sicher zu verschiedenen Jahreszeiten reich an Wild,

und im Sommer von bunten Blumen bedeckt.

Sie wanderten weiter an einem breiten Strom entlang, an verschneiten Weiden und an entlaubten

Eschen vorbei, durch Niederungen mit vielen Fichten und erreichten gegen Mittag ein großes

Lager, das seit einigen Tagen verlassen schien. Im Vorbeigehen warf Kid einen prüfenden Blick

hin und schätzte es auf vier- bis fünfhundert Feuer, so daß also die Bevölkerung in die

Tausende gehen mußte. Die Schlittenfährte war so frisch und von den vielen Füßen so

festgestampft, daß Kid und seine Wärter sich die Schneeschuhe abschnallten und nun in

Mokassins schneller weitergehen konnten. Allmählich begannen die Spuren eines Wildbestandes

sichtbar zu werden, der immer reicher zu werden schien… Sie sahen Fährten von Wölfen und

Luchsen, die ohne Fleisch ja nicht leben konnten.

Einmal stieß einer der Indianer einen Ruf der Zufriedenheit aus und wies auf ein weites

verschneites Feld, das mit Rentierschädeln bedeckt war, denen die wilden Tiere Haut und

Fleisch abgenagt hatten. Und auf dem ganzen Gelände war die Schneedecke so zerstampft und

aufgerissen, als ob ein ganzes Heer dort einen schweren Kampf ausgefochten hätte. Kid war sich

gleich darüber klar, daß Jäger hier seit dem letzten Schneefall sehr viele Tiere erlegt

hatten. Obgleich die lang andauernde Dämmerung schon angebrochen war, schien doch niemand die

Absicht zu haben, ein Lager aufzuschlagen. Die Indianer gingen weiter durch die zunehmende

Dunkelheit, die jedoch allmählich von dem leuchtenden Himmel erhellt wurde… große glitzernde

Sterne funkelten durch den grünen Schimmer des zitternden Nordlichts. Die Hunde waren die

ersten, die das ferne Getöse des Lagers hörten… Sie spitzten die Ohren und winselten leise aus

Eifer und Verlangen. Dann hörten auch die Wanderer das Geräusch… zuerst ein Murmeln, das die

Entfernung noch schwach und dumpf machte, das aber doch ohne die sanft rauschende Romantik

war, welche alle sehr fernen Geräusche kennzeichnet. Es waren statt dessen wilde und laute

Töne… ein Gewirr von schrillen Lauten, die von einem noch schrilleren durchbrochen wurden… dem

langen, unheimlich eintönigen Wolfsgeheul vieler Hunde… einem Johlen und Schreien, wie aus

Unfrieden und Schmerz, schwermütig und klagend, wie die Stimmen hoffnungsloser Empörung gegen

ein unabwendbares Schicksal.

Kid öffnete sein Uhrglas, und mit bloßen Fingern Zeiger und Ziffern nachprüfend, konnte er

feststellen, daß es bereits gegen elf Uhr war. Die Männer, die ihn begleiteten, beschleunigten

ihren Gang. Die Beine, die sich bereits mehr als zwölf ermüdende Stunden bewegt hatten, mußten

sich noch mehr beeilen, so daß sie fast liefen oder, die meiste Zeit jedenfalls, trabten. Aus

einer düsteren Fichtenniederung traten sie auf einmal in den Lichtkreis vieler Feuer und in

einen plötzlich gewaltig anwachsenden Lärm. Vor ihnen lag das große Lager.

Und als sie es erst betreten hatten und durch seine unregelmäßigen Wege gingen, gerieten sie

in ein wildes Getümmel, das wie eine Woge gegen sie anbrach und brausend mit ihnen

weiterrollte… Rufe, Grüße, Fragen und Antworten, Späße und Witze flogen hin und her; die

Wolfshunde schnappten und knurrten wütend und stürzten sich wie zottige Kugeln auf Kids

fremdartige Hunde; die Indianerfrauen schimpften und lachten; die Kinder wimmerten und

weinten; die Kranken klagten und stöhnten, wenn sie aus ihrem Schlaf zu neuen Schmerzen

geweckt wurden… hier herrschte der ganze Höllenlärm, der ein Lager von Völkern der Einöden,

von Völkern ohne Nerven, kennzeichnet.

Mit ihren Keulen und Gewehrkolben scheuchten Kids Begleiter die angriffslustigen Hunde zurück,

während seine eigenen Tiere, die sich vor so vielen Feinden fürchteten, sich erregt knurrend

und schnappend zwischen den Beinen ihrer menschlichen Beschützer verkrochen.

Es wurde erst haltgemacht, als sie den festgestampften Schnee um ein großes Feuer erreichten,

wo Kurz mit zwei jungen Indianern hockte und lange Streifen Elchfleisch briet.

Drei andere junge Indianer, die bereits in ihren Schlafsäcken auf einem Lager von

Fichtenzweigen lagen, richteten sich auf.

Kurz sah seinen Partner über das Feuer hinweg an, aber seine Miene blieb unbewegt und

gleichgültig, genau wie die der Indianer. Er gab auch keine Zeichen, daß er Kid erkannte,

sondern briet seelenruhig sein Fleisch weiter.

»Was hast du denn?« fragte Kid verärgert. »Kannst du nicht mehr reden?«

Das alte, vertraute Lachen glitt über Kurz’ Gesicht. »Nein«, antwortete er. »Ich bin Indianer

geworden. Ich habe jetzt gelernt, daß man keine Überraschung zeigen darf. Wann haben sie dich

erwischt?«

»Am Tage nach deinem Verschwinden.«

»Hm«, sagte Kurz, und ein halb spöttisches Lächeln blitzte in seinen Augen auf. »Ich befinde

mich hier sauwohl, darauf kannst du schwören. Es ist das Lager der Junggesellen.« Er streckte

mit einer großartigen Bewegung die Hand aus, als ob er all die Herrlichkeiten an seine Brust

drücken wollte, obgleich sie nur aus einem Feuer, aus Schlafplätzen aus Fichtenzweigen, die

auf dem Schnee ausgestreut waren, aus Elchhautzelten und aus Windschirmen, die aus

Weidenzweigen geflochten waren, bestanden.

»Und hier siehst du die Junggesellen!«

Diesmal zeigte er auf die jungen Männer und spie dabei einige Gaumenlaute in ihrer Sprache

aus, so daß sie dankbar und erfreut das Weiße ihrer Augen und Zähne blitzen ließen.

»Sie freuen sich, dich kennenzulernen, Kid. Setz dich und trockne deine Mokassins, dann werde

ich etwas Futter für dich fertigmachen. Ich kann schon richtig mit ihrem Kauderwelsch umgehen.

Das wirst du auch nötig haben, denn mir scheint, als ob wir ziemlich lange hierbleiben werden!

Es ist noch ein Weißer hier. Der wurde vor sechs Jahren gefangengenommen. Es ist ein Ire, den

sie am Großen Sklavensee aufgegabelt haben. Hier wird er Danny McCan genannt. Er hat sich

schon mit einer Indianerfrau zur Ruhe gesetzt. Hat schon zwei Kinderlein, will sich aber

trotzdem unsichtbar machen, wenn sich eine Möglichkeit bieten sollte. Siehst du das niedrige

Feuer drüben rechts? Da ist sein Wigwam.«

Kid sollte offenbar auch hierbleiben, denn seine Wärter verließen ihn und seine Hunde und

schritten tiefer ins Lager hinein. Während er für seine Fußbekleidung Sorge trug und

gleichzeitig lange Streifen warmen Fleisches verschlang, kochte und schwätzte Kurz weiter.

»Es ist ja zweifellos eine herrliche Suppe, die wir uns hier eingebrockt haben… kannst mir

ruhig glauben! Und wir müssen verdammt früh aufstehen, wenn wir lebendig aus diesem

Hexenkessel entschlüpfen wollen. Sie sind richtige, waschechte wilde Indianer. Sie sind

freilich nicht weiß, aber ihr Häuptling ist es. Er spricht, als ob er das Maul voll von heißem

Brei hätte… Und wenn er nicht ein Vollblutschotte ist, dann gibt’s überhaupt gar nicht so was

wie Schotten in dieser verworrenen Welt. Er ist der Hiju, Skookum, Oberhäuptling des ganzen

Warenhauses. Was er sagt, ist einfach Gesetz… das mußt du dir gleich von Anfang an klarmachen.

Danny McCan versucht jetzt seit sechs Jahren durchzubrennen. Danny ist ein ganz guter Kerl,

aber viel Mumm steckt nicht mehr in seinen alten Knochen. Er weiß einen Weg, auf dem man

entkommen kann – hat ihn auf den Jagden kennengelernt – westlich von dem Weg, den wir gekommen

sind. Er hat nur nicht die richtigen Nerven, um so eine Sache allein zu deichseln. Aber wir

drei werden den Laden schon schmeißen. Backenbart ist ja ganz nett und todanständig, aber

trotzdem ist er ein bißchen reichlich verschroben.«

»Wer ist der Backenbart?« fragte Kid, der unterdessen die warmen Fleischstücke mit wahrem

Wolfshunger verschlungen hatte, jetzt aber eine kleine Pause machte.

»Na, das ist ja der Obergeneral-Idiot… der alte Schotte… er ist wirklich etwas alt geworden,

und deshalb schläft er wohl auch jetzt schon. Aber morgen wird er dich sehen wollen, und er

wird dir mit aller gewünschten Deutlichkeit sagen, was du für ein jämmerlicher Wicht bist,

wenn du auf seine Jagdgründe gerätst. Denn dieses ganze Gebiet gehört ihm, das mußt du deiner

Kokosnuß gleich einbleuen. Hier ist noch nie ein Forscher oder Entdecker gewesen, und es

gehört ihm alles. Er hat ungefähr zwanzigtausend Quadratmeilen als Jagdgebiet. Er ist auch der

weiße Indianer… er und sein Frauenzimmer. Haha, du brauchst mich deshalb nicht so anzugucken…

warte, bis du sie gesehen hast… Verflucht hübsches Ding und ganz weiß, wie der Papa… du weißt,

der Backenbart! Und Rentiere! Donnerwetter noch mal! Ich hab sie schon gesehen… die Herden

werden jetzt ostwärts getrieben, und wir sollen ihnen nachgehen… jeden Tag kann es losgehen…

Was Backenbart von Rentieren und von Lachsen weiß, das weiß sonst keiner in der Welt… das

kannst du mir ruhig glauben.«

»Da kommt Backenbart – er sieht aus, als ob er irgendwas vorhätte«, flüsterte Kurz.

Es war Morgen, und die Junggesellen hockten schon um das Feuer und verzehrten ein gutes

Frühstück aus Elchfleisch, das sie geröstet hatten. Kid blickte auf und sah einen kleinen

schlanken Mann. Er war wie ein Wilder in Pelze gekleidet, aber trotzdem sah man sofort, daß er

ein Bleichgesicht war. Er ging an der Spitze eines Hundegespanns und wurde von einem halben

Dutzend Indianer begleitet. Kid zerbrach eben einen heißen Knochen, und während er das

dampfende Mark aussaugte, blickte er seinen Wirt, der sich ihnen näherte, prüfend an. Ein

ergrauter, vom Rauch vieler Lagerfeuer geschwärzter, buschiger Bart verbarg den größten Teil

des Gesichtes, konnte aber doch die mageren, fast unheimlich eingefallenen Wangen nicht

verbergen. Kid stellte aber fest, daß diese Magerkeit nicht von Krankheit oder Schwäche

herrührte, denn die weit geöffneten Nüstern und die gewölbte, breite Brust zeugten von

außergewöhnlicher Gesundheit.

»Guten Tag«, sagte der Mann. Gleichzeitig zog er einen Handschuh ab und gab Kid die Hand.

»Mein Name ist Snass«, fügte er hinzu, als sie sich die Hände schüttelten.

»Und ich heiße Alaska-Kid«, antwortete Kid mit einem eigentümlichen Gefühl der Unruhe, als er

in die klaren, durchdringenden Augen blickte.

»Sie haben genug zu essen, scheint es.«

Kid nickte und begann wieder seinen Markknochen zu bearbeiten. Das Schnurren der schottischen

Aussprache berührte ihn seltsam angenehm.

»Es sind natürlich nur derbe Gerichte, die wir Ihnen bieten können. Aber es geschieht dafür

selten, daß wir hungern müssen. Und unser Essen ist jedenfalls natürlicher und gesünder als

der gekünstelte Fraß, den man in den Städten bekommt.«

»Sie lieben offenbar die Städte nicht«, sagte Kid lachend, nur um etwas zu sagen. Er war aber

ganz verblüfft, als er die Veränderung bemerkte, die seine Worte in Snass’ Gesicht

hervorriefen.

Wie eine empfindliche Pflanze schien die ganze Gestalt des Mannes plötzlich zu zittern und

sich zu krümmen. Dann wich die Erregung, um sich in seinen Augen zu konzentrieren, die – in

wildem Aufruhr – einen Haß sprühten, der seine unermeßliche Pein, seinen unsagbaren Schmerz

fast in die Welt hinausschrie. Mit einem Ruck wandte er sich ab, nahm sich aber mit einer

gewaltigen Anstrengung wieder zusammen und warf Kid einen Gruß zu: »Ich werde Sie später ja

sehen, Herr Kid. Die Rentiere beginnen ostwärts zu wandern, und ich muß deshalb fort, um einen

Lagerplatz zu finden. Morgen werden wir alle weiterwandern müssen.«

»Ein tüchtiger Backenbart, nicht?« flüsterte Kurz, als Snass an der Spitze seiner Schar

verschwunden war.

Später am selben Morgen bummelte Kid im Lager herum.

Alle waren mit ihren einfachen Pflichten beschäftigt. Eine große Schar von Jägern war soeben

zurückgekehrt, und die Männer zerstreuten sich an die verschiedenen Lagerfeuer.

Viele Frauen und Kinder waren im Begriff, mit den Hunden, die vor leere Tobogganschlitten

gespannt waren, auszuziehen, während andere Frauen, Kinder und Hunde Schlitten mit

frischgeschlachtetem, aber schon gefrorenem Fleisch herbeizogen. Ein kalter Frühlingswind

wehte, und der ganze wilde Auftritt spielte sich bei einer Temperatur von dreißig Grad unter

Null ab. Nirgends sah man gewebte Stoffe, alle waren in Pelzwerk und leichtgegerbte Felle

gekleidet. Knaben liefen vorbei, sie hatten Bogen in den Händen, und ihre Köcher waren von

Pfeilen mit knöchernen Widerhaken vollgestopft. Er sah auch viele Jagdmesser aus Knochen oder

Stein, die am Gürtel oder in ledernen Riemen um den Hals getragen wurden.

Frauen beugten sich über die Feuer und kochten und brieten, während die kleinen Kinder, die

sie auf dem Rücken trugen, mit großen runden Augen um sich blickten und an Klumpen von Talg

saugten. Hunde, sehr nahe Verwandte von Wölfen, kamen mit gesträubten Haaren auf Kid zu, aber

nur, um von ihm mit seinem kurzen Knüppel verjagt zu werden. Sie wollten alle diesen Fremden

beschnüffeln, den sie des harten Knüppels wegen dulden mußten.

Mitten im Lager brannte ein Feuer ganz für sich. Kid war sich klar darüber, daß es der

Lagerplatz Snass’ sein mußte.

Obwohl offenbar nur zu vorübergehendem Gebrauch gedacht, schien er dennoch sorgfältig gebaut

zu sein und war von bedeutendem Umfang. Eine ganze Menge Bündel Felle und Ausrüstungen aller

Art lagen auf einem Gerüst, so daß die Hunde sie nicht erreichen konnten. Eine große

Leinwandplane war wie ein Halbzelt so aufgestellt, daß man in seinem Schutz schlafen und sich

aufhalten konnte. Daneben stand ein Zelt aus Seide, wie Forschungsreisende oder reiche

Großwildjäger sie bevorzugen. Kid hatte noch nie ein solches Zelt gesehen und trat deshalb

näher. In diesem Augenblick wurde der Vorhang beiseite geschlagen, und eine junge Frau trat

heraus. Sie kam so plötzlich und schnell, daß ihr Erscheinen auf Kid wie eine Offenbarung

wirkte. Er schien jedoch denselben Eindruck auf sie gemacht zu haben, und einen langen

Augenblick blieben beide stehen und starrten sich an.

Sie war ganz in Pelzwerk gekleidet, aber in Pelzwerk von so wunderbarer Schönheit, wie Kid es

nie auch nur im Traum gesehen hatte. Ihre Parka, deren Kapuze sie zurückgeschlagen hatte,

bestand aus irgendeinem unbekannten Pelz von der Farbe fahlen Silbers. Die Mukluks, deren

Sohlen aus Walroßhaut waren, bestanden aus den silberfarbenen Fußballen vieler Luchse. Die

langen Stulpenhandschuhe, die Troddeln an den Knien, all der verschiedenartige Pelzbesatz

ihrer Kleidung hatte denselben blassen Silberglanz, der in der eisigen Luft wie Mondlicht

schimmerte… und aus diesem fahlfunkelnden Silber erhob sich auf einem schlanken, feingeformten

Hals ein Kopf, dessen rosiges Gesicht ebenso hell war, wie ihre Augen blau waren. Die Ohren

glichen rosigen Muscheln. Das hellbraune Haar war von Reif bedeckt, so daß es wie von

glitzernden Eiskristallen funkelte. Kid sah das alles und noch mehr wie in einem märchenhaften

Traum.

Dann nahm er sich zusammen und faßte nach seiner Mütze. Im selben Augenblick wich der

benommene Blick aus den Augen des Mädchens, die ihn wie ein Wunder angestarrt hatte, einem

natürlichen Lächeln. Mit einer schnellen, lebhaften Bewegung zog sie einen Handschuh aus und

gab ihm die Hand. »Guten Tag«, flüsterte sie ernst, mit einem eigenartigen, aber reizenden

Akzent. Ihre Stimme hatte einen silbernen Klang, der ihrem Pelzwerk in sonderbarer Weise

entsprach, und berührte Kids Ohr als etwas Ungewohntes und Merkwürdiges, da er so lange nur

die rauhen Stimmen der Squaws in den verschiedenen Lagern gehört hatte.

Er vermochte nur einige Gemeinplätze zu stammeln, ungeschickte Erinnerungen aus seinem

einstigen Gesellschaftsleben.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte sie langsam und unsicher, während ein strahlendes

Lächeln über ihr Gesicht glitt. »Sie müssen mein Englisch entschuldigen. Es ist nicht sehr

schön. Ich bin Engländerin«, versicherte sie ihm ernst. »Mein Vater ist Schotte. Meine Mutter

ist tot. Sie war Französin und Engländerin und auch ein klein wenig Indianerin. Ihr Vater war

irgend etwas Großes bei der Hudson-Bucht-Company. Hu, es ist so kalt heute.« Sie zog ihren

Handschuh wieder an und rieb sich die Ohren, deren zartes Rosa schon anfing, weiß zu werden.

»Wollen wir ans Feuer gehen und uns ein bißchen unterhalten? Ich heiße Labiskwee. Wie heißen

Sie denn?«

Auf diese Weise machte Kid die Bekanntschaft Labiskwees, der Tochter des alten Snass, der sie

selbst Margaret nannte.

»Mein Vater heißt gar nicht Snass«, teilte sie Kid mit. »Snass ist nur sein indianischer

Name…«

Kid lernte vieles an diesem Tage und den folgenden, während das Jagdlager der Fährte der

Rentiere folgte. Es waren wirklich wilde Indianer, dieselben, die Anton einst getroffen hatte

und denen er vor so vielen Jahren entkommen war. Sie befanden sich jetzt nahe der westlichen

Grenze ihres Territoriums. Im Sommer zogen sie nordwärts bis zu den arktischen Tundren und

westwärts bis an den Luskwa. Was der Luskwa für ein Fluß war, konnte Kid freilich nicht

feststellen, und weder Labiskwee noch McCan konnten ihm Auskunft darüber geben.

Hin und wieder zog Snass mit einer großen Schar tüchtiger Jäger ostwärts über die Rocky

Mountains, an den Seen und am Mackenzie vorbei in die Einöde. Bei dem letzten Ausflug in

dieser Richtung hatte man das Zelt Labiskwees gefunden.

»Es gehörte der Milicent-Abdury-Expedition«, erzählte Snass Kid.

»Ach wirklich? Ja, ich erinnere mich! Sie suchte nach Moschusochsen. Die Hilfsexpedition fand

nie eine Spur von den beiden.«

»Ich fand sie«, sagte Snass. »Aber sie waren tot.«

»Die Welt weiß es noch nicht; sie hat nie etwas davon erfahren.«

»Die Welt wird auch nie etwas davon erfahren«, versicherte Snass ihm freundlich.

»Sie meinen, wenn sie am Leben gewesen wären, als Sie sie fanden…«

Snass nickte. »So hätten sie bei mir und meinem Volke bleiben müssen.«

»Anton entkam aber«, sagte Kid herausfordernd.

»Ich entsinne mich nicht mehr des Namens. Wie lange ist das her?«

»Vierzehn oder fünfzehn Jahre«, antwortete Kid.

»Er kam also durch… trotz allem. Wissen Sie, ich habe seinerzeit oft an ihn gedacht. Wir

nannten ihn Langzahn. Er war ein kräftiger Mann.«

»La Perle kam vor zehn Jahren durch dieses Gebiet.« Snass schüttelte den Kopf.

»Er fand Spuren Ihrer Lagerplätze… es war im Sommer.«

»Das erklärt die Sache«, antwortete Snass. »Im Sommer sind wir im hohen Norden, Hunderte von

Meilen von hier entfernt.«

Soviel Kid sich aber auch bemühte, konnte er doch nichts von der Geschichte Snass’ aus der

Zeit erfahren, ehe er in der Wildnis des Nordens zu leben begann. Er war nicht ohne Erziehung,

aber in der ganzen dazwischenliegenden Zeit hatte er weder Bücher noch Zeitungen gelesen. Er

hatte keine Ahnung, was in der Welt seither geschehen war – aber es interessierte ihn auch gar

nicht, es zu erfahren. Er hatte etwas von den Goldsuchern am Yukon und von dem großen Goldfund

in Klondike gehört. Aber die Goldsucher hatten nie sein Gebiet betreten, und er freute sich

aufrichtig darüber. Die Welt außerhalb seines Territoriums existierte nicht für ihn.

Und er duldete nicht, daß sie erwähnt wurde.

In dieser Beziehung konnte Labiskwee auch keine Auskunft geben. Sie selbst war in den

Jagdgründen geboren. Ihre Mutter hatte noch sechs Jahre gelebt… sie war die einzige weiße

Frau, die Labiskwee je gesehen hatte. Sie erzählte ihm das mit einem wehmütigsehnsuchtsvollen

Klang in der Stimme. Überhaupt zeigte sie bei tausend Gelegenheiten, daß sie ein wenig von der

großen fremden Welt wußte, deren Tür ihr Vater so fest verriegelt hatte. Aber sie bewahrte

dieses Wissen wie ein furchtbares Geheimnis, das sie ängstlich hüten mußte.

Labiskwee hatte schon längst aus Erfahrung gelernt, daß ihr Vater bei jeder Erwähnung der

fremden Welt wahre Wutanfälle bekam.

Anton hatte einst einer Indianerin von ihrer Mutter erzählt, und er war es, der gesagt hatte,

daß sie die Tochter eines hohen Beamten der Hudson-Bucht-Company gewesen war. Später hatte

diese Squaw es dann Labiskwee selbst weitererzählt.

Aber den Namen ihrer Mutter hatte sie nie gekannt.

Als Quelle bedeutungsvoller Informationen war der gute McCan absolut untauglich. Er liebte

überhaupt keine Abenteuer. Das Leben in der Einöde war ihm ein Greuel, und doch hatte er neun

Jahre hier verbracht. In San Franzisko war er von einem Heuerbaas schanghait worden, aber

später bei Point Barrow mit drei Kameraden von dem Walfängerschiff desertiert. Zwei von ihnen

waren längst gestorben, und der dritte hatte ihn auf der furchtbaren Wanderung nach dem Süden

verlassen. Zwei Jahre hatte er unter den Eskimos verbracht, bevor er den Mut fand, die

Wanderung nach dem Süden fortzusetzen… und dann, nur noch wenige Tagesreisen von einer der

Stationen der Hudson-Bucht-Company entfernt, wurde er von einer kleinen Schar von Snass’

jungen Männern eingefangen. Er war ein schmächtiger, unintelligenter Mensch, der an einer

Augenkrankheit litt. Und er konnte von nichts anderem sprechen und träumen als von der

Möglichkeit, nach San Franzisko und zu seinem geliebten Maurerhandwerk zurückzukehren.

»Sie sind der erste intelligente Mensch, den wir hier gehabt haben«, erklärte Snass

liebenswürdig, als er und Kid eines Abends am Feuer saßen. »Das heißt, mit Ausnahme von

Vierauge, so wurde der Alte von meinen Indianern genannt, denn er trug eine Brille und war

sehr kurzsichtig. Er war ursprünglich Professor der Zoologie…« Kid bemerkte, wie korrekt Snass

dieses Fremdwort aussprach… »Er starb vor gut einem Jahr. Meine jungen Männer fanden ihn, als

er sich von seiner Expedition am oberen Porcupine verirrt hatte. Er war sehr intelligent… o

ja… aber dabei freilich auch ein Narr… das war seine Schwäche… er verirrte sich immer! Er war

gründlich in Geologie beschlagen und wußte, wie man Metall bearbeitet. Drüben am Luskwa, wo

Kohle ist, haben wir auch einige sehr anständige Handschmieden nach seiner Anleitung

eingerichtet. Er reparierte unsere Gewehre und lehrte auch unsere jungen Männer, wie sie es

machen sollten. Er starb leider voriges Jahr, und wir haben ihn ehrlich vermißt. Er verirrte

sich… er tat es, wirklich… und erfror kaum eine Meile von unserem Lager.«

Am selben Abend sagte Snass zu Kid: »Es wäre klüger, wenn Sie sich eine Frau wählen würden, so

daß Sie Ihr eigenes Feuer bekommen könnten. Dann würden Sie es viel bequemer haben als bei den

jungen Leuten. Das Feuer der Jungfrauen wird erst angezündet, wenn Hochsommer und Lachs da

sind… es ist so eine Art Fest der Jungfrauen, wissen Sie… aber ich kann es früher tun lassen,

wenn Sie es wünschen.«

Kid lachte und schüttelte den Kopf.

»Vergessen Sie nicht«, beendete Snass ruhig die Unterredung. »Anton ist der einzige, der

jemals von hier entkam. Er hatte Glück – ganz außergewöhnliches Glück.«

Labiskwee erzählte Kid, daß ihr Vater einen eisernen Willen hatte.

»Vierauge pflegte ihn den gefrorenen Seeräuber zu nennen – ich weiß nicht, was er damit meinte

- oder den Tyrannen des Eises, den Höhlenbären, den primitiven Tiermenschen, den König der

Rentiere, den bärtigen Panther und mit einer Menge ähnlicher Namen zu nennen. Vierauge liebte

solche Ausdrücke sehr. Er lehrte mich auch mein erstes Englisch. Er machte immer Späße. Man

wußte nie, wo er eigentlich hinwollte. Er nannte mich seinen Cheetah-Kameraden, wenn ich

zornig gewesen war. Was bedeutet eigentlich Cheetah?«

Sie plauderte weiter mit einer eifrigen und offenen Kindlichkeit, die Kid nicht gleich mit der

reifen Fraulichkeit ihrer Gestalt und ihres Gesichts in Einklang bringen konnte.

Ja, ihr Vater war eisern und herrisch. Alle fürchteten ihn.

Wenn er zornig wurde, war er schreckenerregend. Da war zum Beispiel die Geschichte mit den

Leuten aus Porcupine. Durch sie und die Leute von Luskwa verkaufte er seine Felle an die

Handelsstationen, und durch sie erhielt er auch seine Vorräte an Munition und Tabak. Er war

stets korrekt in seinen Geschäften, aber der Häuptling der Porcupines versuchte ihn zu

betrügen. Und nachdem Snass ihn zweimal gewarnt hatte, brannte er sein hölzernes Dorf ab, und

mehr als ein Dutzend Porcupines fielen in dem Kampf. Aber mit dem Betrügen war es ein für

allemal vorbei! Ein andermal war es – als sie noch ein kleines Kind war – geschehen, daß ein

Weißer zu fliehen versuchte… aber Snass fing und tötete ihn, das heißt, er selbst tat es

natürlich nicht, sondern er gab den jungen Männern des Stammes Befehl, es zu tun. Keiner der

Indianer würde es wagen, ihrem Vater nicht zu gehorchen.

Aber je mehr Kid von ihr erfuhr, um so mehr vertiefte sich das Geheimnis, das die

Persönlichkeit Snass’ umgab.

»Und erzählen Sie mir doch, ob es wahr ist«, fragte das junge Mädchen, »ob es wahr ist, daß

einst ein Mann und seine Frau gelebt haben, die Paolo und Francesca hießen und einander über

alles in der Welt liebten?«

Kid nickte.

»Vierauge erzählte mir von ihnen«, berichtete sie und strahlte dabei vor Glück. »Er hat es

also nicht selbst erfunden, wie es scheint. Sie sehen, ich war nicht ganz sicher… ich habe

meinen Vater einmal gefragt, aber er wurde nur böse. Die Indianer haben mir verraten, daß er

dem armen Vierauge deswegen furchtbare Vorwürfe machte. Dann gab es ja auch zwei, die Tristan

und Isolde hießen… zwei Isolden sogar. Es war schrecklich traurig, aber ich möchte so

furchtbar gern auf diese Weise lieben! Tun alle jungen Männer und Frauen in der Welt so wie

die beiden? Hier tun sie es nicht! Sie heiraten einfach… sie scheinen gar keine Zeit zum

Lieben zu haben. Aber ich bin Engländerin und würde nie einen Indianer heiraten – würden Sie?

- Deshalb habe ich nie mein Jungfrauenfeuer angezündet. Einige von den jungen Männern quälen

meinen Vater immer, daß er mich zwingen soll, es zu tun. Einer von ihnen ist Libash – ein

großer Jäger. Und Mahkook kommt immer hierher und singt seine Lieder. Er ist verrückt! Wenn

Sie heute abend nach Dunkelwerden in mein Zelt kommen wollen, werden Sie ihn in der Kälte

stehen sehen und singen hören. Aber mein Vater sagt immer, ich soll tun, was ich will, und

deshalb zünde ich mein Feuer nicht an. Sehen Sie… wenn ein Mädchen sich entschlossen hat zu

heiraten, zündet sie ein Feuer an, um es den jungen Männern auf diese Weise bekanntzugeben.

Vierauge sagte immer, daß es eine schöne Sitte sei. Aber er selbst nahm sich keine Frau.

Vielleicht nur, weil er zu alt war. Er hatte fast keine Haare mehr, aber ich finde doch nicht,

daß er so furchtbar alt war. Und wie können Sie es denn wissen, wenn Sie von der richtigen

Liebe erfaßt werden – so wie Paolo und Francesca, meine ich?«

Der klare Blick ihrer blauen Augen verwirrte Kid.

»Ja, man sagt…«, stotterte er, »… sie sagen… also diejenigen, die selbst lieben… die sagen,

daß Liebe mehr wert sei als das Leben. Wenn einer merkt, daß er – oder sie – einen andern

lieber hat als sonst jemand in der ganzen Welt… ja, dann weiß er, daß er liebt. So geht es…

aber es ist unendlich schwer zu erklären. Man weiß es einfach… das ist alles!«

Sie starrte durch den beißenden Rauch des Lagerfeuers in den blauen Abend hinaus. Dann seufzte

sie tief und wandte sich wieder dem Handschuh zu, an dem sie gerade nähte.

»Nun ja«, sagte sie in einem Ton, als ob sie einen endgültigen Entschluß faßte, »ich werde

jedenfalls nie heiraten… nie.«

»Wenn es uns je gelingt, aus dem Lager zu entkommen, werden wir die Beine ordentlich

gebrauchen müssen«, sagte Kurz mißmutig.

»Ja… die Gegend hier ist eine einzige Riesenfalle«, stimmte Kid ihm bei.

Von der Kuppe eines nackten Felsens blickten sie über das schneebedeckte Reich Snass’ hinaus.

Im Osten, Westen und Süden war es von hohen Zinnen und zackigen Ketten eingeschlossen. Gegen

Norden schien das wellenförmige Gelände schier unendlich… aber es war ihnen bekannt, daß auch

in dieser Richtung ein Dutzend querlaufender Gebirgsketten alle Wege verriegelten.

»Zu dieser Jahreszeit könnte ich Ihnen drei Tage Vorsprung geben«, sagte Snass am selben Abend

zu Kid. »Sie können Ihre Fährte gar nicht verstecken, wissen Sie? Anton flüchtete, als der

Schnee geschmolzen war. Meine jungen Leute laufen ebenso schnell wie der schnellste Weiße…

außerdem würden Sie ja den Weg für sie festtreten. Und wenn der Schnee geschmolzen ist, werde

ich schon dafür sorgen, daß Sie nicht die Chancen bekommen, die Anton seinerzeit hatte. Das

Leben hier ist schön! Und die Erinnerung an die Welt schwindet sehr schnell. Ich habe mich nie

von meinem Staunen erholt, daß es so leicht war, ohne diese Welt zu leben, die ihr die eure

nennt.«

»Was mir besondere Sorge macht, ist, daß wir Danny McCan mitnehmen müssen«, vertraute Kurz Kid

an. »Er taugt nicht für große Fahrten. Aber er schwört alle möglichen heiligen Eide, daß er

den Weg nach dem Westen kennt, und deshalb müssen wir ja einen Versuch mit ihm machen, Kid,

sonst wird dein Schicksal bald entschieden sein.«

»Soo?…« sagte Kid. »Wir sitzen doch wohl im selben Boot.«

»O nein, durchaus nicht, mein Freund… für dich birgt das Schicksal etwas ganz anderes im

Busen.«

»Wieso?«

»Hast du die letzte Neuigkeit noch nicht gehört?«

Kid schüttelte den Kopf.

»Die Junggesellen haben es mir erzählt. Sie hatten es gerade erfahren. Heute abend geht’s los…

obgleich es für die Geschichte eigentlich mehrere Monate zu früh ist.«

Kid zuckte die Achseln.

»Interessiert es dich nicht, das Nähere zu hören?«

»Ich warte ja darauf.«

»Gut… Dannys Frau hat es den Junggesellen erzählt…« Kurz machte eine Pause, um den Eindruck zu

erhöhen. »Und die Junggesellen haben es natürlich wieder mir erzählt… nämlich, daß heute abend

das Jungfrauenfeuer angezündet werden soll. Das ist alles. Wie gefällt dir die Geschichte?«

»Ich verstehe nicht, was du meinst, Kurz.«

»Ach nee… wirklich? Mir scheint es wahrhaftig einfach und klar genug! Es ist ein Mädel nach

dir aus, und dies Mädel will ein Feuer anstecken, und das Mädel heißt Labiskwee! O ja, ich

habe schon bemerkt, wie sie dich anguckt, wenn du es nicht siehst! Sie hat ja auch noch nie

ein Feuer anzünden wollen. Sie sagte immer, daß sie keinen Indianer nehmen wollte -. Und wenn

sie jetzt ihr Feuer anzündet, so ist es todsicher, daß es meinem armen, unglücklichen Freund

Alaska-Kid gilt.«

»Das klingt ja ganz logisch«, sagte Kid. Aber das Herz wurde ihm sehr schwer, denn er entsann

sich, wie seltsam Labiskwee in den letzten Tagen gewesen war.

»Ja, siehst du«, meinte Kurz, »so geht es uns immer… sobald wir im Begriff sind, etwas Gutes

auszuknobeln, kommt immer so ein verfluchtes Frauenzimmer und verdirbt uns die ganze Mahlzeit.

Wir haben in dieser Beziehung ein verdammtes Pech… Holla… horch!«

Drei uralte Squaws waren gerade zwischen dem Lager der Junggesellen und dem McCans

stehengeblieben, und die älteste von ihnen hielt in schrillem Falsett einen Vortrag.

Kid verstand nur die Namen, aber nicht alle Worte, die Kurz ihm indessen mit wehmütiger Ironie

übersetzte.

»Labiskwee, die Tochter Snass’, des Herrn des Regens, des großen Häuptlings, zündet heute

abend zum ersten Male ihr Jungfrauenfeuer an. Maka, die Tochter Owits, des gewaltigen Jägers…«

Im ganzen wurden die Namen von fünf bis sechs jungen Mädchen genannt… dann watschelten die

drei Heroldinnen weiter nach dem nächsten Feuer, um ihre Botschaft dort zu verkünden.

Die Junggesellen, die im jugendlichen Übermut geschworen hatten, kein Mädchen je anreden zu

wollen, bezeigten kein Interesse für die angekündigte Zeremonie. Um ihre Geringschätzung so

deutlich wie möglich zum Ausdruck zu bringen, begannen sie sofort eine Expedition

vorzubereiten, die Snass ihnen befohlen hatte, die aber freilich eigentlich erst am nächsten

Tag stattfinden sollte. Der Häuptling war nämlich unzufrieden mit den Erklärungen, die die

alten Jäger über die Wanderung der Rentiere gaben, weil er selbst der Ansicht war, daß die

Herde sich geteilt hatte. Den Junggesellen war deshalb die Aufgabe gestellt worden, nach

Norden und Westen vorzustoßen, um die zweite Abteilung der großen Herde dort zu suchen. Kid,

der sich durch Labiskwees Feuer sehr beunruhigt fühlte, erklärte, die Junggesellen begleiten

zu wollen. Vorher aber hatte er eine Unterredung mit Kurz und McCan.

»Am dritten Tag mußt du also da sein, Kid«, sagte Kurz. »Wir bringen die Ausrüstung und die

Hunde mit.«

»Aber vergiß nicht«, warnte ihn Kid, »wenn wir uns aus irgendeinem Grund nicht treffen

sollten, dann geht ihr doch weiter, bis ihr den Yukon erreicht… das ist ja selbstverständlich,

denn wenn euch das gelingt, könnt ihr nächsten Sommer wiederkommen und mich holen. Und wenn es

mir gelingt, zu entkommen, werde ich natürlich dasselbe tun und euch nächstes Jahr holen.«

McCan, der an seinem Feuer stand, zeigte mit dem Blick auf einen zackigen Berg drüben, wo die

westliche Gebirgskette in die Ebene verlief.

»Da drüben ist es«, sagte er. »Ein schmaler Fluß auf der Südseite. Wir gehen den Strom hinauf.

Am dritten Tag treffen Sie uns dann! Denn am dritten Tag überschreiten wir den Fluß. Wo Sie

ihn auch erreichen, werden Sie entweder uns oder unsere Fährte treffen.«

Aber am dritten Tag fand Kid überhaupt gar keine Möglichkeit zu entfliehen. Die Junggesellen

hatten die Richtung, in der sie zogen, geändert. Während Kurz und McCan mit ihren Hunden den

Strom hinaufzogen, befanden sich Kid und die jungen Männer sechzig Meilen entfernt an einem

Ort, wo sie der Fährte der Herde nordwärts folgten. Erst mehrere Tage später kamen sie an

einem dunklen Abend im Schneegestöber in das große Lager zurück. Eine Indianerin, die an einem

Feuer saß und klagte, sprang auf, als sie Kid sah, und lief auf ihn zu.

Wild und böse blickend, verfluchte sie ihn, während sie mit den Armen auf eine stumme,

pelzbekleidete Gestalt zeigte, die reglos auf einem Schlitten lag.

Kid konnte nur ahnen, was geschehen war, und als er das Feuer McCans erreichte, war er deshalb

darauf vorbereitet, hier wiederum verflucht zu werden. Statt dessen sah er aber McCan

gemütlich am Feuer sitzen und mit gutem Appetit einen großen Bissen Rentierfleisch verzehren.

»Ich bin keine Kampfnatur«, erklärte der Ire klagend. »Aber Kurz ist geflohen, wenn sie ihm

auch noch auf den Fersen sind. Er wird sich schon kräftig schlagen… aber sie werden ihn doch

kriegen. Er hat ja keine Möglichkeit zu entkommen. Er hat übrigens zwei junge Indianer

verwundet, aber die werden sich schon erholen. Einen hat er freilich gerade durch die Brust

geschossen.«

»Ja, ich weiß schon«, sagte Kid. »Ich habe soeben seine Witwe gesehen.«

»Der alte Snass wünscht mit Ihnen zu sprechen«, fügte McCan hinzu. »Er hat schon Befehl

gegeben: Sobald Sie zurück sind, sollen Sie gleich an sein Feuer kommen. Ich habe kein Wort

von Ihnen gesagt! Sie wissen also von gar nichts! Vergessen Sie das nicht… Kurz ist ganz von

selbst mit mir davongelaufen.«

Am Feuer des Häuptlings traf Kid Labiskwee. Sie sah ihn mit Augen an, die von solcher Wärme

und Liebe leuchteten, daß ihm angst und bange wurde. »Ich bin so glücklich, daß Sie nicht auch

fortgelaufen sind«, sagte sie. »Sie sehen ja, daß ich…«, sie zögerte einen Augenblick, schlug

aber die Augen nicht nieder… es funkelte in ihnen ein Licht, das nicht mißzuverstehen war…

»Ich habe mein Feuer angezündet… und natürlich für Sie. Es ist geschehen… ich habe Sie mehr

liebgewonnen als sonst jemand in der Welt… lieber als meinen Vater, lieber als tausend Männer

wie Libash oder Mahkook. Ich liebe… es ist sehr seltsam… ich liebe, wie Francesca geliebt hat,

wie Isolde es getan. Der alte Vierauge hat die Wahrheit gesprochen! Auf diese Weise können

Indianer nicht lieben. Aber meine Augen sind blau, meine Haut ist weiß… Wir sind beide weiß,

Sie und ich…«

Zum erstenmal in seinem Leben war Kid Gegenstand einer Werbung, und er wußte deshalb nicht,

wie er sich benehmen sollte. Ja, schlimmer noch… es war keine Werbung im üblichen Sinne, denn

die Werbung ging davon aus, daß er mit ihr einig war. So sicher fühlte Labiskwee sich seiner

Gegenliebe, so warm und weich war das Licht in ihren Augen, daß er sich nur wunderte, daß sie

nicht ihre Arme um seinen Hals schlang und ihren süßen Kopf an seine Brust lehnte. Da wurde

ihm klar, daß sie – trotz der keuschen Freimütigkeit ihrer Gefühle – noch nichts von den

zarten Mitteln der Liebe wußte. Unter den primitiven Indianern kennt man dergleichen ja nicht.

Sie hatte keine Möglichkeit gehabt, sie kennenzulernen.

Sie plauderte weiter, und jedes Wort, das sie sagte, verriet, wie glücklich ihre Liebe sie

machte, während Kid mit sich kämpfte, um einen Weg zu finden, sie durch die Wahrheit zu

verwunden, in der Hoffnung, sie dadurch abzukühlen. Nur jetzt hatte er Gelegenheit, der

unerquicklichen Lage ein für allemal ein Ende zu machen.

»Aber hören Sie doch, bitte, Labiskwee«, begann er. »Sind Sie denn auch sicher, daß Vierauge

Ihnen die Geschichte von Paolo und Francesca zu Ende erzählt hat?«

Sie schlug begeistert die Hände zusammen und lachte in einem wahren Rausch unschuldiger

Freude. »Oh!« rief sie. »Die Geschichte geht also weiter! Ich wußte ja, daß es mehr und immer

mehr Liebe geben mußte! Ich habe so viel darüber nachgedacht, seit ich selbst zu lieben

begann… Ich habe…«

Aber in diesem Augenblick trat Snass aus der Dunkelheit und den fallenden Schneeflocken in den

hellen Lichtkreis des Feuers, und Kid wußte, daß er die einzige Gelegenheit verpaßt hatte.

»Guten Abend«, knurrte Snass barsch. »Ihr Kamerad hat eine nette Verwirrung hier angerichtet.

Es freut mich, daß Sie wenigstens vernünftiger gewesen sind.«

»Erzählen Sie mir bitte zuerst, was geschehen ist«, bat Kid.

Das Blitzen der weißen Zähne in dem grauen Bart machte einen unheimlichen Eindruck auf Kid.

»Natürlich kann ich Ihnen die Sache gern erst erzählen. Ihr Freund hat einen meiner Leute

getötet. Diese schleimige Memme, der McCan, floh beim ersten Schuß. Er wird nie wieder den

Versuch machen, wegzulaufen. Aber meine Jäger haben Ihren Freund in den Bergen eingeschlossen

und werden ihn schon kriegen. Er wird nie den Yukon erreichen! Und was Sie betrifft, so wird

es am besten sein, wenn Sie künftig an meinem Feuer schlafen. Es gibt auch kein Herumstrolchen

mit den jungen Männern mehr. Ich werde schon aufpassen.«

Kids Lage war sehr schwierig geworden, seit er sich immer am Feuer Snass’ aufhalten mußte. Er

sah Labiskwee jetzt öfter als je. Eben weil ihre Liebe so süß und keusch war, brachte ihr

Freimut ihn in unbeschreiblich heikle Situationen. All ihre Blicke waren Blicke der Liebe;

sooft sie ihn ansah, war es wie eine Liebkosung. Immer wieder entschloß er sich, ihr von Joy

Gastell zu erzählen, und immer wieder mußte er feststellen, daß er ein moralischer Feigling

war. Das Furchtbarste dabei war, daß Labiskwee so unendlich bezaubernd war. Es war eine

Freude, sie anzusehen. Obgleich seine Selbstachtung sich krümmte, sobald er mit ihr zusammen

war, freute er sich doch über jede Minute, die er mit ihr verbrachte. Zum erstenmal in seinem

Leben lernte er eine Frau richtig kennen, und so klar und hell war Labiskwees Seele, so

rührend und verführerisch in ihrer Unschuld und Unwissenheit, daß er in ihr wie in einem Buch

lesen konnte. Die ganze Güte des Weibes, die seit uralten Zeiten in der Seele der Frau lebt,

war auch in ihr unberührt geblieben von der Kenntnis der Anforderungen der Konvention und von

dem Betrug der Notwehr, die so oft die Frauen zivilisierter Völker verdirbt und entartet. In

seinem Gedächtnis ging er wieder den Gedanken Schopenhauers nach und erkannte hinter allen

Sophismen, daß dieser schwermütige Philosoph sich in allen Punkten irrte. Die Frau

kennenzulernen, wie er Labiskwee kennenlernte, war gleichbedeutend mit der Erkenntnis, daß

alle Weiberfeinde nur kranke Menschen waren.

Labiskwee war einfach wundervoll, und doch brannte neben ihrem Gesicht, das er täglich in der

Wirklichkeit sah, das traumhafte Bild Joy Gastells. Joy konnte sich beherrschen, sie konnte

ihre Gefühle zurückhalten, sie besaß alle Hemmungen, die unsere Zivilisation von Frauen

verlangt. Und doch war seine Phantasie und die lebendige Kraft der Frau, die neben ihm saß, so

seltsam, daß Joy Gastell ihm von derselben Güte wie Labiskwee erschien. Die eine erhöhte nur

den Wert der andern, und der Wert aller Frauen der Welt stieg in den Augen Kids durch alles,

was er in der wunderbaren Seele Labiskwees abends am Feuer Snass’ im Schneelande las.

Und Kid lernte auch vieles über sich selbst. Er gedachte aller Erlebnisse, die er mit Joy

Gastell gehabt hatte, und erkannte, daß er sie liebte. Und dennoch war er von Labiskwee

entzückt.

Und war dies Entzücken denn etwas anderes als Liebe? Er konnte seinen Zustand mit keinem

geringeren Wort bezeichnen. Es war Liebe! Es mußte Liebe sein! Und er wurde bis in die Wurzel

seines Wesens erschüttert, als er diesen polygamen Zug bei sich feststellte. In den Ateliers

von San Franzisko hatte er öfters behaupten hören, daß ein Mann zwei Frauen gleichzeitig

lieben könnte. Damals hatte er es nicht für möglich gehalten… und wie hätte er es auch glauben

sollen, solange er selbst keine Erfahrung auf diesem Gebiet gemacht hatte? Jetzt lag die Sache

natürlich ganz anders. Er wußte jetzt, daß er tatsächlich zwei Frauen gleichzeitig liebte,

ehrlich und aufrichtig liebte. Und wenn er auch vielleicht meistens überzeugt war, daß seine

Liebe zu Joy Gastell die tiefere war, gab es doch auch sehr viele Stunden, in denen er mit

derselben unerschütterlichen Sicherheit wußte, daß seine Liebe zu Labiskwee doch noch größer

war.

»Es muß sehr viele Frauen in der Welt geben«, sagte sie eines Tages in ihrer naiven Art. »Und

Frauen haben die Männer gern. Viele Frauen müssen auch Sie geliebt haben. Erzählen Sie mir

doch bitte von ihnen.«

Er gab keine Antwort.

»Erzählen Sie mir doch«, bat sie eindringlich. »Ist es denn nicht so?«

»Ich bin nie verheiratet gewesen«, sagte er mit einem Versuch, die Frage zu umgehen.

»Und sonst haben Sie nie geliebt? Gibt es keine andere Isolde in eurer Welt hinter unsern

Bergen?«

In diesem Augenblick erkannte Kid mit Bitterkeit, daß er ein Feigling war. Denn er log. Er tat

es widerstrebend, aber er tat es. Er schüttelte den Kopf und lächelte dabei langsam und

nachsichtig. Und es war mehr Liebe in seinen Augen, als er selbst ahnte, auch in dem

Augenblick, als er bemerkte, wie eine unbeschreibliche Freude das Gesicht Labiskwees

verklärte. Er versuchte, sich vor sich selbst zu entschuldigen.

Er wußte aber selbst sehr gut, daß seine Gründe überaus spitzfindig waren. Anderseits war er

doch nicht Spartaner genug, um ihr kindlich-frauliches Herz tödlich verwunden zu können.

Auch Snass tat das Seinige, um das Problem noch verwickelter zu machen.

»Kein Mann sieht seine Tochter gern verheiratet«, sagte er zu Kid. »Am allerwenigsten, wenn er

ein wenig Phantasie besitzt. Es tut weh… selbst der Gedanke daran tut einem einfach weh! Und

doch gehört es ja zur Ordnung der Natur. Und auch Margaret muß einmal heiraten. – Ich bin ein

harter und grausamer Mann, das weiß ich«, erklärte er weiter. »Aber Gesetz ist Gesetz, und ich

bin gerecht. Ja… für dieses Volk bin ich sogar das Gesetz und die Gerechtigkeit selbst…«

Kid erfuhr nie, wohin er eigentlich mit seinen Worten zielte, denn sie wurden von einem lauten

Schimpfen unterbrochen, das durch das silberne Lachen Labiskwees abgelöst wurde. Ein

schmerzlicher Zug ging über Snass’ Gesicht.

»Ich werde es ertragen müssen«, murmelte er grimmig. »Margaret muß heiraten… und es ist mein

Glück… und auch das Ihre, daß Sie bei uns sind.«

Dann kam Labiskwee aus dem Zelt und setzte sich mit einem Wolfsjungen in den Armen ans Feuer.

Wie von einem Magnet angezogen, starrten ihre Augen den Mann an, den sie liebte.

Und ihre blauen Augen leuchteten von dieser Liebe, die keine Unnatur sie zu verbergen gelehrt

hatte.

»Hören Sie, was ich Ihnen sage«, predigte McCan. »Der Frühling ist gekommen, und es beginnt

schon zu tauen. Auf dem Schnee wird sich bald eine harte Kruste bilden. Jetzt würde die

richtige Zeit zum Wandern sein, wären nicht die Frühlingsstürme im Gebirge… ich kenne sie. Ich

würde mit einem schwächeren Mann als Sie eine solche Wanderung nicht unternehmen.«

»Aber Sie können ja selbst nicht laufen«, wiedersprach Kid. »Sie können überhaupt nie mit

einem Schritt halten. Ihr Rückgrat ist schlapp wie gekochtes Mark. Wenn ich gehen will, gehe

ich allein. Aber die Welt verdorrt allmählich, und es ist sehr wohl möglich, daß ich nie von

hier wegkommen werde. Rentierfleisch schmeckt sehr gut… und bald kommt der Sommer und mit ihm

der Lachs.«

Snass sagte: »Ihr Freund ist tot. Aber meine Jäger haben ihn nicht getötet… sie fanden seinen

Leichnam steifgefroren in den ersten Frühlingsstürmen im Gebirge. Keiner kann von hier

entkommen. Wann werden wir die Hochzeit feiern?«

Und Labiskwee sagte: »Ich beobachte dich. Es regt sich Sehnsucht in deinen Augen, in deinem

Gesicht. Oh, ich kenne jede Bewegung, jeden Ausdruck deines Gesichtes. Du hast eine kleine

Narbe am Hals, gerade unter dem rechten Ohr. Wenn du glücklich bist, ziehen sich deine

Mundwinkel nach oben, wenn du an etwas Trauriges denkst, nach unten. Wenn du lächelst, hast du

drei oder vier Runzeln in deinen Augenwinkeln. Wenn du aber lachst, sind es sechs! Zuweilen

habe ich sogar sieben gezählt. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr zählen! Ich habe nie Bücher

lesen gelernt. Ich weiß nicht, wie man liest. Aber Vierauge hat mich vieles gelehrt. Ich kann

sehr gut Grammatik, die hat er mich gelehrt. Und in seinen Augen lernte ich die Sehnsucht nach

der Welt lesen. Ihn hungerte sehr oft nach der Welt! Und doch ist das Fleisch hier gut, und es

gab Fisch in Hülle und Fülle, und Beeren und Wurzeln und oft genug Mehl, das wir für die Felle

bekommen, die die Leute am Porcupine und am Luskwa für uns verkaufen… aber ihn hungerte nach

der Welt selbst und nach ihrem Leben. Ist denn die Welt so wunderbar, daß auch du dich nach

ihr sehnst? Vierauge besaß nichts. Aber du… du hast ja mich…«

Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

»Als Vierauge starb, war er noch voller Hunger nach der Welt. Und wenn du immer hier leben

müßtest, würde dich dann nicht auch nach der Welt hungern, bis du stürbest? Ich fürchte, daß

ich die Welt nicht kenne. Möchtest du denn so gerne fliehen, um diese Welt, nach der du

hungerst, wiederzusehen?«

Kid konnte nicht sprechen, aber aus seinen Mundwinkeln las sie, was er dachte und empfand. Und

das überzeugte sie.

Minuten vergingen schweigend, in denen sie furchtbar mit sich kämpfte, während Kid der

unerwarteten Schwäche fluchte, die es ihm unmöglich machte, seinen Hunger nach der früheren

Welt zu verhehlen, ihn aber zwang, ihr die Wahrheit von der andern Frau zu verschweigen.

Wieder seufzte Labiskwee.

»Gut, mein Freund… ich liebe dich mehr, als ich den Zorn meines Vaters fürchte, und doch ist

er gefährlicher in seinem Zorn als die Stürme in den Bergen. Du hast mir erzählt, was Liebe

ist. Und dies ist eine Probe meiner Liebe. Ich werde dir helfen, in deine frühere Welt

zurückzukehren.«

Leise und vorsichtig wurde Kid geweckt. Warme, kleine Finger strichen sanft über seine Wange

und legten sich weich auf seine Lippen. Dann merkte er, wie Pelzwerk, das die Kälte draußen

mit eisigem Reif bedeckt hatte, seine Haut kitzelte.

Und ein einziges Wort wurde in sein Ohr geflüstert: »Komm.«

Er erhob sich vorsichtig und lauschte. Die vielen hundert Wolfshunde des Lagers hatten ihren

Nachtgesang angestimmt, aber trotz diesem gewaltigen Geheul konnte er ganz dicht neben sich

Snass leicht und regelmäßig atmen hören.

Leise zupfte Labiskwee ihn am Ärmel, und er verstand, daß er ihr folgen sollte. Er nahm seine

Mokassins und die wollenen Strümpfe in die Hand und kroch, noch in den Schlafmokassins, in den

Schnee hinaus. Auf der andern Seite des Lagerfeuers, dessen Glut noch nicht ganz erloschen

war, bedeutete sie ihm durch Zeichen, daß er seine Wandermokassins anziehen sollte.

Und während er ihrem Wunsche nachkam, schlüpfte sie noch einmal in das Zelt, in dem Snass

schlief.

Als Kid mit der Hand auf seiner Uhr nach der Zeit fühlte, stellte er fest, daß es ein Uhr

nachts war. Es war schon ganz warm, fand er, höchstens zehn Grad unter Null. Labiskwee kam

wieder zu ihm und führte ihn durch die dunklen Wege des schlafenden Lagers. Obgleich sie

vorsichtig und leise gingen, knisterte der Schnee doch klirrend unter ihren Mokassins, aber

das Geräusch ertrank in dem stürmischen Geheul der Hunde.

»Jetzt können wir endlich reden«, sagte sie, als das letzte Feuer des Lagers eine halbe Meile

hinter ihnen lag. Im hellen Sternenlicht standen sie Angesicht zu Angesicht da. Jetzt erst sah

Kid, daß sie eine schwere Last in ihren Armen trug. Und als er nachfühlte, stellte er fest,

daß sie seine Schneeschuhe, einen Stutzen, zwei Patronengürtel und seinen Schlafsack

mitgenommen hatte.

»Es ist alles da«, sagte sie und lachte glücklich. »Ich habe zwei Tage gebraucht, um das

Versteck einzurichten. Wir haben Fleisch, ein bißchen Mehl, Streichhölzer und

Indianerschneeschuhe, die für die harte Kruste am besten sind; selbst wenn sie zerbrechen,

hält das Netzwerk doch. Oh, ich kann schon Schneeschuh laufen, und wir werden schnell gehen

können, mein Geliebter.«

Kid bezwang seine Zunge… Daß sie diese Flucht vorbereitet hatte, war ihm schon eine große

Überraschung, daß sie ihn aber selbst begleiten wollte, war mehr, als er gedacht hatte.

Außerstande, sofort einen Entschluß zu fassen, nahm er ihr freundlich ein Bündel nach dem

andern ab. Dann legte er seinen Arm um sie und preßte sie eng an sich, wußte aber immer noch

nicht, was er tun sollte.

»Gott ist so gut«, flüsterte sie. »Er hat mir einen Mann geschickt, der mich liebt.«

Kid war doch anständig genug, ihr nicht vorzuschlagen, daß er allein gehen sollte. Und bevor

er zu reden begann, fühlte er, wie all seine Erinnerungen an die glückliche Welt und die

Länder der Sonne dahinschwanden und welkten.

»Wir werden umkehren, Labiskwee«, sagte er. »Du sollst meine Frau sein, und wir werden immer

bei dem Volk der Rentiere leben.«

»Nein… nein« – sie schüttelte den Kopf. Und selbst ihr Körper, den er umfaßt hielt, sträubte

sich gegen seinen Vorschlag. »Ich weiß zu gut Bescheid. Ich habe zuviel darüber nachgedacht.

Dich würde ja doch der Hunger nach der Welt packen, und in den langen Nächten würde er dein

Herz ganz verzehren. Vierauge starb vor Sehnsucht nach der Welt. So würdest auch du sterben!

Und ich will nicht, daß du stirbst. Wir werden den Schnee der Berge durchwandern, bis wir nach

dem Süden gelangt sind.«

»Höre, Geliebte«, bat er. »Laß uns umkehren.«

Sie legte ihren Handschuh leise gegen seine Lippen, um zu verhindern, daß er weitersprach.

»Du liebst mich… sag, daß du mich liebst.«

»Ich liebe dich, Labiskwee. Du bist meine wunderbare, süße Geliebte.«

Wieder hinderte der sanfte Druck des Handschuhs ihn am Weitersprechen. »Laß uns nach dem

Versteck gehen«, sagte sie entschlossen. »Es liegt drei Meilen von hier.«

Er hielt sie zurück, und so stark sie auch an seinen Armen zerrte, konnte sie ihn doch nicht

von der Stelle bringen. Er fühlte sich fast versucht, ihr von der andern Frau fern im Süden zu

erzählen, die er liebte.

»Es würde ein furchtbares Unrecht gegen dich sein, wenn wir umkehren sollten«, sagte sie. »Ich

bin… ich bin nur ein kleines wildes Mädchen, und ich habe Angst vor der Welt, aber noch mehr

fürchte ich für dich. Du siehst, es ist alles ganz, wie du mir erzählt hast. Ich liebe dich

mehr als sonst etwas in dieser Welt. Ich liebe dich viel mehr als mich selbst. Alle Gedanken

in meinem Herzen leuchten nur für dich, so hell und so zahlreich wie die Sterne am Himmel… und

es gibt keine Sprache, die reich genug für sie wäre. Wie sollte ich sie dir alle sagen können…

Sie sind nur da, fühlst du?«

Und während sie sprach, zog sie ihm den Fäustling von der Hand und führte sie unter ihre warme

Parka, bis sie auf ihrem Herzen ruhte. Fest preßte sie seine Hand an sich. Und während sie

beide schwiegen, spürte er das Klopfen des Herzens, das Klopfen ihres heißen Herzens… und

verstand, daß jeder Schlag, den es schlug, nur von Liebe, immer nur von Liebe sprach. Dann

begann ihr Körper – erst ganz langsam, fast unmerkbar – sich von dem seinen zurückzuziehen,

und während sie noch immer seine Hand an ihre Brust drückte, begann sie, nach dem Versteck zu

gehen. Er vermochte ihr nicht mehr zu widerstehen. Ihm war, als zöge ihn ihr Herz… ihr

klopfendes Herz, das so nahe an seiner Hand pochte.

Die Eiskruste, die sich nach dem Auftauen gebildet hatte, war so fest, daß sie auf ihren

Schneeschuhen sehr schnell vorwärts kamen.

»Hier zwischen den Bäumen ist das Versteck«, erzählte Labiskwee Kid.

Im nächsten Augenblick faßte sie seinen Arm mit einem Ausruf des Erstaunens. Die Flammen eines

kleinen Feuers tanzten lustig zwischen den Bäumen hin und her… und am Feuer hockte kein

anderer als McCan. Labiskwee murmelte einige indianische Worte, und das plötzliche Aufblitzen

ihrer Augen erinnerte unwillkürlich daran, daß Vierauge sie »Cheetah« genannt hatte.

»Ich habe mir ja schon gedacht, daß Sie ohne mich weglaufen würden«, erklärte McCan, als sie

ihn erreichten, und seine kleinen stechenden Augen funkelten listig. »Deshalb behielt ich Ihr

Mädel im Auge, und als ich sah, daß sie Schneeschuhe und Lebensmittel verbarg, wußte ich ja,

woran ich war. Ich habe meine eigenen Schneeschuhe und Lebensmittel mitgebracht. Das Feuer?

Ach wo, das ist ganz ungefährlich. Das ganze Lager schnarcht, und das Warten hier war so

verdammt kalt. Wollen wir jetzt losgehen?«

Labiskwee sah Kid mit einem schnellen, erschrockenen Blick an, aber ebenso schnell hatte sie

sich ein Urteil gebildet und sprach. Und als sie sprach, zeigte sie, daß sie in Sachen der

Liebe freilich noch ein Kind war, aber in allen anderen Angelegenheiten des Lebens die

Fähigkeit, schnelle Entschlüsse zu fassen, besaß, und die Kaltblütigkeit, die es ihr

ermöglichte, auf eigenen Füßen zu stehen.

»McCan, du bist ein Köter«, fauchte sie, und ihre Augen sprühten wilde Wut. »Ich weiß, daß du

die Absicht hast, das Lager zu alarmieren, wenn wir dich nicht mitnehmen. Gut, wir sind also

gezwungen, dich mitzunehmen. Aber du kennst meinen Vater. Ich bin von derselben Art wie er. Du

wirst deinen Anteil an der Arbeit leisten müssen. Und wenn du uns auch nur einen einzigen

schmutzigen Streich zu spielen versuchst, dann würde es besser für dich sein, wenn du nie

geflohen wärest.«

Als es Tag wurde, hatten sie den Gürtel von niedrigen Hügeln erreicht, der zwischen dem

wellenförmigen Gelände und den großen Bergen lag. McCan schlug vor, daß sie frühstücken

sollten, aber sie gingen weiter. Erst als die Nachmittagswärme die Schneekruste erweichte und

dadurch das Wandern erschwerte, machten sie halt, um zu essen.

Labiskwee erklärte Kid, was sie von dem Gelände wußte, und sagte ihm auch, wie sie sich

gedacht hatte, die Verfolger hinters Licht zu führen. Es gab nur zwei richtige Wege, einen

westlichen und einen südlichen. Snass würde unverzüglich Abteilungen von jungen Kriegern

aussenden, die beide Wege beobachten sollten. Aber außerdem gab es noch einen dritten Weg nach

Süden. Freilich führte er nur halbwegs bis zu den Bergen, dann schwenkte er plötzlich nach

Westen ab, überquerte drei Wasserscheiden und vereinigte sich schließlich mit dem gewöhnlich

gebrauchten westlichen Wege. Wenn die Indianer keine Fährte auf dem normalen Wege nach Süden

fanden, kehrten sie wahrscheinlich um, in der Annahme, daß die Flüchtlinge den westlichen Weg

eingeschlagen hätten, auf keinen Fall aber würden sie darauf kommen, daß sie den weiten Umweg

vorgezogen hatten.

Während sie noch sprachen, warf Labiskwee einen Blick auf McCan, der als letzter ging, und

flüsterte Kid zu: »Er ißt. Das ist kein gutes Zeichen.«

Kid beobachtete ihn. Der Ire ging und kaute tatsächlich vorsichtig an einem Klumpen

Rentiertalg, den er aus seiner Tasche gezogen hatte.

»Zwischen den Mahlzeiten wird nicht gegessen, McCan«, befahl er. »Es gibt kein Wild in dem

Gebiet, das vor uns liegt, und wir müssen von Anfang an die Lebensmittel in gleich große

Rationen einteilen.«

Um ein Uhr war die Kruste so aufgeweicht, daß die Schneeschuhe durchbrachen. Da schlugen sie

ihr Lager auf, und die erste Mahlzeit wurde eingenommen. Dann nahm Kid eine Schätzung des

Proviantbestandes vor. McCans Bündel war eine Enttäuschung. Er hatte so viele Silberfuchsfelle

in seinen Proviantsack gestopft, daß nur wenig Platz für Lebensmittel geblieben war.

»Ja… aber ich habe wirklich keine Ahnung gehabt, daß so viele darin waren«, erklärte er. »Ich

machte es zu recht, als es noch ganz dunkel war. Aber sie werden viele schöne Dollar geben.

Und mit der Menge Munition, die wir mitführen, können wir ja Wild in Hülle und Fülle

schießen.«

»Die Wölfe werden dich in Hülle und Fülle fressen«, war das einzige, was Kid in seiner

Hilflosigkeit zu sagen wußte.

Labiskwees Augen blitzten vor Zorn.

Sie hatten für einen Monat Proviant – wie Kid und Labiskwee feststellten -, aber freilich nur,

wenn sie sehr haushälterisch wirtschafteten und ihren Hunger nie völlig stillten. Kid

bestimmte Größe und Gewicht der einzelnen Bündel, nachdem er schließlich Labiskwees dringendem

Wunsch, auch einen Teil des Gepäcks zu tragen, hatte nachgeben müssen.

Am nächsten Tage erreichten sie eine Stelle, wo das Flußbett sich zu einem großen Gebirgstal

erweiterte, und sie begannen schon durch die Eiskruste zu brechen, als sie zu ihrem Glück die

härtere Oberfläche auf dem Hang der Wasserscheide erreichten.

»Zehn Minuten später – und wir wären nicht mehr herübergekommen«, sagte Kid, als sie auf

halber Höhe eine Atempause machten.

»Wir müssen hier schon tausend Fuß höher sein.« Wortlos wies Labiskwee auf eine offene

Niederung zwischen den Bäumen hinab. Mitten darin sahen sie in einer Reihe nebeneinander fünf

kleine schwarze Punkte, die sich kaum vorwärts zu bewegen schienen. »Die jungen Männer«, sagte

Labiskwee. »Sie stecken bis zu den Hüften im Schneewasser«, meinte Kid. »Heute werden sie kaum

noch festen Boden unter die Füße bekommen. Wir sind ihnen also um mehrere Stunden voraus. Komm

jetzt, McCan! Nimm dich zusammen, zum Teufel. Wir essen nicht, ehe wir so müde sind, daß wir

nicht weiterkönnen.« McCan murrte, aber er hatte keinen Rentiertalg mehr in der Tasche, und

verdrießlich schloß er sich deshalb als letzter den andern an.

In dem höher gelegenen Tal, in dem sie sich jetzt befanden, begann die Kruste erst nach drei

Uhr nachmittags zu bersten, und um diese Zeit hatten sie den Schatten eines Berges erreicht,

wo die harte Schneeschicht schon wieder zu gefrieren begann. Sie machten nur ein einziges Mal

halt, um den Talg herauszuholen, den sie MacCan weggenommen hatten, und den sie im

Weiterwandern verzehren konnten. Das Fleisch war ja ganz steifgefroren und nur genießbar, wenn

man es am Feuer aufgetaut hatte. Aber der Talg zerging ihnen im Munde und stärkte immerhin

etwas den Magen, der sonst von einem zitternden Schwächegefühl gequält wurde.

Nach einer langen Dämmerung trat gegen neun Uhr die Dunkelheit ein, die noch dadurch stärker

wurde, daß der Himmel von Wolken überzogen war. Sie schlugen deshalb ihr Lager mitten in einem

Hain von Zwergkiefern auf. MacCan war vollkommen hilflos und wimmerte fortwährend. Die

Wanderung des Tages war sehr ermüdend gewesen, und er hatte seinen Zustand noch dadurch

verschlimmert, daß er – trotz neunjähriger Erfahrung in den arktischen Gebieten – Schnee

gegessen hatte, so daß sein versengter Mund ihm furchtbare Schmerzen bereitete.

Labiskwee war unermüdlich, und Kid wunderte sich unwillkürlich über die ungeheure Lebenskraft

ihres Körpers und die Ausdauer ihrer Seele und ihrer Muskeln. Ihre gute Laune war auch

keinesfalls gekünstelt oder gewollt. Sie hatte stets ein Lächeln für ihn bereit, und sooft

ihre Hand die seine berührte, zögerte sie einen Augenblick in einer Liebkosung.

Im Laufe der Nacht begann es zu wehen und zu regnen, und den ganzen Tag lang bahnten sie sich

blindlings den Weg, ohne zu merken, daß sie die Biegung des Weges, der an einem schmalen Fluß

entlang westwärts führte und eine Wasserscheide überquerte, übersehen hatten. Dann wanderten

sie noch zwei Tage weiter, überschritten andere Wasserscheiden, aber nicht die richtigen, und

in diesen zwei Tagen ließen sie den Frühling hinter sich und stiegen wieder in das Gebiet des

eisigen Winters empor.

»Die jungen Männer haben unsere Fährte verloren… wir können uns doch einen Tag ausruhen«,

bettelte McCan.

Aber es wurde keine Ruhepause bewilligt. Kid und Labiskwee erkannten die Gefahren, die ihnen

drohten. Sie hatten sich im Hochgebirge verirrt und sahen weder Wild noch irgendwelche

Anzeichen davon. Tag für Tag kämpften sie sich durch das schwierigste Gelände vorwärts, das

sie in verschlungene Schluchten und Täler hineinzwängte. Wenn sie einmal in einen solchen

Canyon hineingerieten, waren sie gezwungen, ihm zu folgen, gleichgültig in welche Richtung er

führte, denn die vereisten Hänge zu beiden Seiten ließen sich nicht übersteigen. Die

furchtbare Ermüdung und die unaufhörliche Kälte zermürbten ihre Energie, und dennoch setzten

sie die Rationen, die sie sich täglich bewilligten, noch weiter herab.

Eines Nachts wurde Kid durch das Geräusch eines Kampfes geweckt. Er vernahm deutlich Stöhnen

und Ächzen von der Stelle, wo McCan lag und schlief. Er schürte das Feuer, bis es hell

aufloderte, und sah bei seinem Schein Labiskwee, die über den Iren gebeugt stand und die eine

Hand um seine Kehle preßte, während sie mit der andern einen Bissen zum Teil schon gekauten

Fleisches aus seinem Munde riß. In dem Augenblick, als Kid hinsah, führte sie schnell die eine

Hand nach der Hüfte und zog ihr Messer so schnell aus der Scheide, daß es blitzte.

»Labiskwee!« rief Kid, und seine Stimme klang herrisch.

Ihre Hand zauderte.

»Tue es nicht«, sagte er und trat zu ihr.

Sie zitterte vor Wut, steckte aber doch das Messer nach kurzem Zögern langsam wieder in die

Scheide. Als ob sie fürchtete, sich nicht länger beherrschen zu können, ging sie schnell zum

Feuer und schürte es. McCan erhob sich jammernd und schimpfend, und halb wütend, halb

verängstigt begann er eine unverständliche Entschuldigung zu stottern.

»Wo hast du das da her…?« fragte Kid.

»Untersuche seine Kleider«, rief Labiskwee.

Es waren die ersten Worte, die sie sprach, und ihre Stimme bebte noch vor Zorn.

McCan versuchte Widerstand zu leisten, aber Kid hielt ihn mit harter Hand fest und untersuchte

ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er fand auch in der Armhöhle ein Stück Rentierfleisch, das die

Körperwärme schon aufgetaut hatte. Ein kurzer Ausruf Labiskwees erregte Kids Aufmerksamkeit.

Sie war zu McCans Bündel hingesprungen und öffnete es jetzt. Statt Lebensmittel fand sie nur

Moos, Fichtennadeln, Späne… allerlei leichten Abfall, den er statt des Fleisches in das Bündel

gepackt hatte, damit es wohl dieselbe Größe, aber nicht dasselbe Gewicht hatte.

Wieder fuhr die Hand Labiskwees an ihre Hüfte, und sie stürzte sich auf den Verbrecher, wurde

jedoch von Kids Arm zurückgehalten. Erst da ergab sie sich seinem Willen, während sie noch vor

zwecklosem Zorn schluchzte.

»Oh, Geliebter, glaub’ mir, es ist nicht des Proviants wegen«, ächzte sie, »sondern weil es

dein Leben gilt. Dieser Köter! Er verzehrt dein Leben, wenn er uns bestiehlt… er frißt dich

auf.«

»Wir werden schon weiterleben«, beruhigte Kid sie. »Von jetzt an kann er das Mehl tragen. Das

kann er jedenfalls nicht roh essen… und wenn er es doch tun sollte, würde das Selbstmord für

ihn bedeuten, denn er fräße dann nicht nur mein Leben, sondern auch deines.« Er drückte sie

fester an sich. »Geliebte, Töten ist Männerarbeit… Frauen dürfen es nicht.«

»Würdest du mich denn nicht mehr lieben, wenn ich den räudigen Köter töten würde?« fragte sie

überrascht.

»Nicht mehr so wie jetzt«, antwortete Kid verlegen.

Sie seufzte.

»Nun gut«, sagte sie, »dann werde ich es nicht tun.«

Die jungen Männer setzten ihre Verfolgung unbarmherzig fort.

Teils durch merkwürdige Zufälle, teils durch Berechnung, welchen Weg die Flüchtlinge

einschlagen mußten, gelang es den Verfolgern wirklich, die Fährte zu finden, die das

Schneegestöber inzwischen verhüllt hatte, und sie folgten ihr unverdrossen.

Wenn Schneesturm herrschte, machten Kid und Labiskwee die unwahrscheinlichsten Umwege, um sie

irrezuleiten -, bogen nach Osten ab, wenn der bessere Weg süd- oder westwärts ging, oder

ließen eine niedrige Wasserscheide links liegen, um eine höhere zu erklimmen. Da sie sich nun

doch einmal verirrt hatten, spielte ein Umweg keine Rolle mehr.

Und doch gelang es ihnen nicht, die Verfolger abzuschütteln.

Zuweilen gewannen sie einen Vorsprung von einigen Tagen, aber immer wieder tauchten die jungen

Männer auf.

Kid konnte die Tage nicht mehr zählen. Er kannte sich nicht mehr aus mit Tagen und Nächten,

mit Stürmen und Lagern.

Das Ganze war wie ein ungeheurer, wahnsinniger Fiebertraum von Leiden, Qualen und

Anstrengungen, durch die Labiskwee und er sich vorwärtskämpften… während McCan irgendwie und

irgendwo hinter ihnen herstolperte. Sie flohen schwarze Canons hinab, deren Wände so schroff

waren, daß die Felsen trotz der Kälte schneefrei waren. Sie wateten durch vereiste Täler, wo

gefrorene Seen tief unter der Schneekruste lagen, auf der sie wanderten. Hoch über der

Baumgrenze lagerten sie ohne Feuer machen zu können, so daß sie das Fleisch nur durch die

Wärme ihrer Körper auftauen und genießbar machen konnten. Und doch verlor Labiskwee keinen

Augenblick ihre gute Laune -, höchstens, wenn sie McCan sah. Und ihre Liebe zu Kid blieb immer

gleich beredt und unstillbar.

Wie eine Tigerin überwachte sie die Verteilung der mageren Rationen, und Kid konnte merken,

daß sie seinetwegen McCan um jeden Bissen, den er in den Mund steckte, grollte. Einmal

verteilte sie die Rationen. Das erste, was Kid hörte, waren wilde Widersprüche seitens McCans

- sie hatte nicht nur ihm, sondern auch sich selbst kleine Rationen gegeben, damit Kid um so

mehr erhielt. Von diesem Tage an nahm Kid selbst die Verteilung vor.

Eines Nachts hatte es geschneit, und am nächsten Morgen gerieten sie in eine Lawine, die sie

viele hundert Meter weit den Berg hinabschleuderte. Halb erstickt, aber unverletzt tauchten

sie wieder auf… nur McCan hatte sein Bündel mit dem gesamten Mehlvorrat verloren. Eine zweite,

noch größere Lawine begrub es vollkommen, so daß sie keine Hoffnung mehr hatten, es wieder

auszugraben. Aber von diesem Tag an war Labiskwee nicht mehr imstande, McCan anzusehen,

obgleich er an dem Unfall völlig unschuldig war, und Kid wußte genau, daß sie einfach nicht

den Mut hatte, ihn anzusehen… sie wußte, daß sie ihn sonst töten würde.

Dann kam ein Morgen, an dem es vollkommen windstill und der Himmel klar und blau war. Weiße

Sonnenlichter flackerten auf dem weißen Schnee, und der Weg führte einen langen breiten Hang

hinauf, der von einer dünnen Eiskruste bedeckt war. Wie müde Gespenster schlichen sie sich

durch diese totenstille Welt vorwärts. In der eisigen, unwirklichen Stille regte sich kein

Hauch. Weiße Gipfel, die Hunderte von Meilen entfernt hinter dem Grat der Rocky Mountains

auftauchten, schienen so nahe, als seien sie nur fünf Meilen von ihnen entfernt.

»Es wird etwas geschehen«, flüsterte Labiskwee. »Kannst du es nicht merken… hier, dort,

überall…? Alles ist heute so seltsam.«

»Ich empfinde auch einen merkwürdigen Schauer, der nicht von der Kälte herrührt«, antwortete

Kid. »Und Hunger ist es auch nicht.«

»Er ist in deinem Herzen… in deinem Gehirn«, bestätigte sie erregt. »So empfinde ich es

nämlich auch.«

»Aber es hat eigentlich nichts mit meiner Stimmung zu tun«, erklärte Kid. »Es kommt von

außerhalb, merke ich, und durchschauert mich wie Eis. Es sind meine Nerven.«

Eine Viertelstunde mußten sie stehenbleiben, um Atem zu schöpfen.

»Ich kann die fernen Gipfel nicht mehr sehen«, sagte Kid.

»Die Luft wird so dick und schwer«, sagte Labiskwee. »Ich kann kaum atmen.«

»Es sind drei Sonnen da«, murmelte McCan heiser und wankte, obgleich er sich auf seinen Stock

stützte. Sie sahen tatsächlich je eine falsche Sonne zu beiden Seiten der richtigen.

»Jetzt sind es fünf«, erklärte Labiskwee. Und noch während sie emporstarrten, bildeten sich

neue Sonnen vor ihren Augen, Sonnen, die blaß funkelten.

»Mein Gott!« schrie McCan voller Furcht. »Der Himmel ist voller Sonnen, die man nicht zählen

kann.«

Und es war wahr; denn wo sie auch hinsahen, flammten und funkelten neue Sonnen an der

Himmelswölbung.

McCan schrie auf vor Überraschung und Schmerz. »Ich bin gestochen worden«, rief er.

Dann kam die Reihe zu schreien an Labiskwee, und Kid fühlte gleichzeitig einen Stoß und einen

Stich an seiner Wange, so kalt, daß es wie Säure brannte. Es erinnerte ihn an vergangene

Zeiten, wenn er im salzigen Meere schwamm und von Quallen verbrannt wurde. So ähnlich empfand

er selbst den Schmerz, daß er ganz mechanisch die Hand hob, um die beißende Substanz, die gar

nicht da war, von seiner Wange zu wischen.

Da knallte ein Schuß, seltsam dumpf, wie durch Watte. Am Fuße des Hanges standen die jungen

Männer auf ihren Schneeschuhen, und einer nach dem andern feuerten sie ihre Gewehre ab.

»Wir müssen uns verstreuen«, kommandierte Kid, »und dann klettern, so schnell wir können! Wir

sind ja gleich auf dem Gipfel. Sie sind eine Viertelmeile unter uns, und das bedeutet einen

Vorsprung von etlichen Meilen, wenn wir erst die andere Seite des Hanges hinuntergefahren

sind.«

Mit Gesichtern, die von den unsichtbaren Stacheln der Luft gestochen und verbrannt wurden,

entfernten sich die drei voneinander und kletterten die Schneefläche hinauf. Der gedämpfte

Knall der Stutzen klang wie verzaubert in ihren Ohren.

»Gott sei Dank«, sagte Kid zu Labiskwee, »daß drei von ihnen nur alte Musketen haben und nur

der eine einen Winchesterstutzen. Außerdem machen die vielen Sonnen ihnen ein sorgfältiges

Zielen unmöglich.«

»Es zeigt aber, wie wütend mein Vater ist«, erklärte sie. »Sie haben offenbar den Befehl, uns

zu töten.«

»Wie merkwürdig du sprichst«, sagte Kid. »Deine Stimme klingt wie aus weiter Ferne.«

»Bedecke deinen Mund«, schrie Labiskwee plötzlich. »Und sprich nicht! Ich weiß, was es ist!

Deck den Mund mit deinem Ärmel zu!«

McCan war der erste, der hinfiel. Er kämpfte kraftlos, um wieder auf die Beine zu kommen. Und

dann fielen sie alle ein über das andere Mal, ehe sie den Gipfel erreichten. Ihr Wille war

stärker als ihre Muskeln… sie wußten selbst nicht, was eigentlich geschah, sie fühlten nur,

daß ihre Körper unter einer merkwürdigen Empfindungslosigkeit und einer Schwere litten, die

ihnen jede Bewegung zur Qual machte. Als sie vom Gipfel den Abhang hinabblickten, den sie

soeben hinaufgeklettert waren, sahen sie, daß auch die jungen Männer immer wieder stürzten und

stolperten.

»Sie werden nie heraufgelangen«, sagte Labiskwee. »Es ist der weiße Tod. Ich kenne ihn, wenn

ich ihn auch nie gesehen habe. Aber ich habe oft genug die alten Männer des Stammes davon

sprechen hören. Bald wird der Nebel kommen… aber er ist ganz anders als jeder Nebel, Dunst

oder Rauch, den du je gesehen hast. Nur sehr wenige haben ihn erlebt… und überlebt.«

McCan ächzte und keuchte.

»Halt den Mund geschlossen«, befahl ihm Kid.

Von allen Seiten flammte jetzt ein durchdringender Lichtschein auf. Kid blickte zu den vielen

Sonnen empor und sah sie wie durch einen Schleier schimmern. Die Luft war von mikroskopischem

Feuerstaub erfüllt. Die nahen Gipfel waren von dem zauberhaften Nebel schon wie ausgewischt.

Und die jungen Männer, die tapfer und hartnäckig vorzudringen versuchten, wurden langsam von

ihm verschlungen. McCan war zusammengesunken. Halb lag er, halb hockte er auf seinen

Schneeschuhen, während er Mund und Augen mit den Armen bedeckte.

»Komm jetzt, wir müssen weiter«, befahl Kid.

»Ich kann mich nicht rühren«, ächzte McCan.

Sein gekrümmter Körper begann hin und her zu schwanken.

Langsam ging Kid zu ihm, kaum imstande, den Willen zur Bewegung gegen die Lethargie, die

seinen Körper zentnerschwer machte, durchzusetzen. Er stellte fest, daß sein Gehirn vollkommen

klar war. Nur der Körper schien angegriffen zu sein.

»Laß ihn doch hier«, murmelte Labiskwee.

Aber Kid hielt an seinem Entschluß fest, zog den Iren wieder auf die Beine und stellte ihn mit

dem Gesicht in der Richtung des Hanges, den sie hinab sollten. Dann setzte er ihn durch einen

kräftigen Stoß in Bewegung. Mit dem Stock bremsend und steuernd, schoß McCan in eine Wolke von

diamantenem Staub hinein und verschwand.

Kid sah Labiskwee an, und sie lächelte, obgleich es ihr nur mit großer Mühe gelang, sich

aufrecht zu halten. Er nickte ihr zu, daß sie aufbrechen sollte, aber sie kam zu ihm hin,

stellte sich neben ihn, und Seite an Seite, nur wenige Fuß voneinander entfernt, sausten sie

durch die schwere, brennende Luft, die wie eisiges Feuer war.

So stark Kid auch bremste, riß sein größeres Körpergewicht ihn doch an ihr vorbei, und er

sauste mit furchtbarer Schnelligkeit ein großes Stück weiter. Es ging erst langsamer, als er

ebenes, mit einer Eiskruste bedecktes Gelände erreichte.

Hier wartete er, bis Labiskwee ihn einholte, und dann liefen sie wieder Seite an Seite weiter,

während ihre Schnelligkeit allmählich nachließ, bis sie schließlich ganz still standen. Ihre

Benommenheit war indessen noch stärker geworden. Selbst mit der größten Anspannung aller

Energie konnten sie sich doch nur so langsam wie eine Schnecke vorwärts bewegen. Sie kamen an

McCan vorbei, der wieder über seinen Schneeschuhen kauerte, und Kid gab ihm mit seinem Stock

einen Hieb, daß er sich wieder aufraffte.

»Jetzt müssen wir haltmachen«, flüsterte Labiskwee mit schmerzlicher Mühe. »Sonst sterben wir.

Jetzt müssen wir uns ganz zudecken… so haben mir die Alten gesagt.«

Sie ließ sich nicht einmal Zeit, die Knoten zu lösen, sondern zerschnitt ihre Gepäckriemen mit

dem Messer. Kid machte es ebenso, und nachdem sie einen letzten Blick auf die feurigen

Todesnebel und die täuschenden Sonnen geworfen hatten, deckten sie sich mit den Schlafsäcken

zu und krochen eng aneinander. Sie fühlten, daß ein Körper über sie stolperte und fiel. Dann

hörten sie ein leises Wimmern und Fluchen, das durch einen Hustenanfall erstickt wurde, und

wußten, daß es McCan war, der zu ihnen kroch und sich in seinen Schlafsack hüllte. Dann hatten

sie selbst Erstickungsanfälle und wurden durch einen trockenen Husten, den sie nicht zu

unterdrücken vermochten, wie in Krämpfen geschüttelt und gequält. Kid merkte, daß seine

Temperatur stieg und zum Fieber wurde, und Labiskwee erlitt dieselben Qualen. Stunde auf

Stunde nahmen die Hustenanfälle an Häufigkeit und Stärke zu, und erst am Nachmittag hatten sie

den Höhepunkt erreicht. Dann trat eine langsame Besserung ein, und zwischen den Anfällen

schlummerten sie jetzt erschöpft.

McCans Husten wurde dagegen immer schlimmer, und aus seinem Stöhnen und Jammern erkannten sie,

daß er im Fieberdelirium lag. Einmal wollte Kid schon den Schlafsack beiseite schleudern, aber

Labiskwee hielt ihn fest.

»Nein, tue es nicht«, bat sie. »Es ist der Tod, wenn du dich jetzt entblößt. Verbirg dein

Gesicht hier in meiner Parka, atme ganz ruhig und still und sprich nicht.«

So lagen sie im Halbschlaf in der Dunkelheit, obgleich der immer schwächer werdende Husten des

einen die andern immer weckte. Es schien Kid, als ob McCan nach Mitternacht zum letztenmal

hustete.

Kid erwachte, als Lippen sich gegen die seinen preßten. Er lag in Labiskwees Armen, sein Kopf

ruhte an ihrer Brust. Ihre Stimme war heiter wie sonst. Der verschleierte Klang war ganz

verschwunden.

»Es ist schon Tag«, sagte sie und lüftete vorsichtig einen Zipfel des Schlafsacks. »Sieh,

Geliebter, es ist Tag! Wir haben den weißen Tod überlebt, und wir husten nicht mehr! Laß uns

die Welt anschauen, obgleich ich gern für immer hierbliebe. Die letzte Stunde war voll

wunderbarer Süße. Ich war die ganze Zeit wach, und ich lag hier und hatte dich so lieb.«

»Ich höre McCan nicht mehr«, sagte Kid. »Und was ist aus den jungen Männern geworden, da sie

uns nicht gefangen haben?«

Er schlug die Schlafsäcke zurück und sah eine normale und vernünftige Sonne allein am Himmel

stehen. Ein leiser Wind wehte knisternd vor Frost und doch voll von Verheißungen warmer Tage,

die bald kommen sollten. Die ganze Welt war wieder wie sonst. McCan lag auf dem Rücken, sein

ungewaschenes, vom Rauch der Lagerfeuer geschwärztes Gesicht war hartgefroren, so daß es wie

in Marmor gehauen zu sein schien. Der Anblick machte keinen Eindruck auf Labiskwee.

»Sieh«, rief sie. »Ein Schneehuhn! Das ist ein gutes Zeichen!«

Von den jungen Männern war keine Spur zu sehen. Sie hatten so wenig Proviant, daß sie es nicht

wagten, auch nur ein Zehntel von dem, was sie nötig hatten, oder ein Hundertstel von dem,

worauf sie Appetit hatten, zu essen. Und in den folgenden Tagen, an denen sie durch das

einsame und öde Gebirge wanderten, wurde der scharfe Stachel ihrer Lebenskraft abgestumpft,

und sie gingen weiter wie in einem Dämmerzustand. Hin und wieder kehrte bei Kid das Bewußtsein

zurück, und er fand sich, wie er dastand und nach den fernen Schneekuppen starrte, die nie ein

Ende nehmen wollten und die er längst hassen gelernt hatte, während sein eigenes sinnloses

Plappern ihm noch in den Ohren hallte. Auch Labiskwee war meistens verstört. Überhaupt mühten

sie sich rein automatisch ab, ohne darüber nachzudenken. Und immer wieder wurden sie durch

schneebedeckte Gipfel enttäuscht und nach Norden oder Süden abgelenkt.

»Es gibt keinen Weg nach dem Süden«, sagte Labiskwee. »Die alten Männer wußten es. Westwärts,

nur westwärts geht unser Weg.« Dann kam ein Tag, an dem es wieder kalt wurde und ein dichtes

Schneegestöber sie überfiel, das nicht aus richtigen Schneeflocken, sondern aus Eiskristallen

von der Größe von Sandkörnern bestand. Drei Tage lang fiel dieser Schnee, Tag und Nacht

ununterbrochen. Es war unmöglich, weiterzuwandern, ehe sich unter dem Einfluß der

Frühlingssonne eine Kruste gebildet hatte. Sie legten sich deshalb in ihren Schlafsäcken zur

Ruhe, und da sie ruhten, brauchten sie nicht so viel zu essen. So klein waren die Rationen

bereits geworden, daß sie den stechenden Hunger, der erst aus dem Magen, aber doch noch mehr

aus dem Gehirn kam, nicht zu besänftigen vermochten. Und Labiskwee, die im Fiebertraum lag,

wurde halb verrückt, wenn sie ihre kleine Ration kostete; sie schluchzte und murmelte und

stieß kleine Schreie tierischer Freude aus. Dann stürzte sie sich über die Ration für den

nächsten Tag und steckte sie in den Mund.

Aber da erlebte Kid etwas Wunderbares. Als sie das Essen zwischen den Zähnen spürte, kam sie

zum Bewußtsein. Sie spie den Bissen aus, und in einem furchtbaren Zornesausbruch schlug sie

sich mit der geballten Faust auf den eigenen Mund, der ihr solches Ärgernis bereitet hatte.

Überhaupt war es Kid vergönnt, in den kommenden Tagen viel Wunderbares zu erleben.

Nach dem lang anhaltenden Schneegestöber begann ein starker Wind zu wehen, der die feinen

trockenen Eisstäubchen durch die Luft jagte, so wie der Wüstensturm die Sandkörner vor sich

hertreibt. Die ganze Nacht hindurch wehte dieser Sturm des Eissandes, als es dann aber Tag -

ein klarer, windiger Tag – geworden war, sah Kid mit schwimmenden Augen und schwindelndem Hirn

etwas, das er für eine Vision oder einen Traum hielt. Zu allen Seiten erhoben sich mächtige

Gipfel, kleinere, einsame Schildwachen und ganze Gruppen und Versammlungen von gewaltigen

Titanen. Und von allen diesen Zinnen und Gipfeln flatterten mächtige, meilenlange

Schneebanner, wehten, wogten und winkten weitausladend zum blauen Himmel empor, milchweiß und

nebelig woben Licht und Schatten und funkelten silbern im Widerschein der Sonne.

»Meine Augen haben den Glanz deines Kommens geschaut, o Herr!« sang Kid, als er diese

Schneewolken sah, die wie Schärpen aus schimmernder Seide im Winde flatterten.

Und er blieb stehen und starrte, und die Banner auf den Zinnen verschwanden nicht, und er

glaubte noch zu träumen, als Labiskwee sich erhob.

»Ich träume, Labiskwee«, sagte er. »Sieh! Träumst du denselben Traum wie ich?«

»Es ist kein Traum«, antwortete sie. »Auch davon erzählten die alten Männer des Stammes. Und

wenn dies vorbei ist, werden warme Winde wehen, und wir werden am Leben bleiben und Frieden

finden.«

Kid erlegte ein Schneehuhn, und sie teilten es. In einem tiefen Tal, wo die Weiden schon

Knospen trugen, schoß er einen Schneehasen. Und ein andermal war es ein mageres, weißes

Wiesel, das er erlegte. Das war aber auch alles, was sie sich an Lebensmitteln verschaffen

konnten. Mehr fanden sie nicht.

Labiskwees Gesicht war mager geworden, aber die großen, klaren Augen waren jetzt noch klarer

und größer. Wenn sie ihn ansah, schien sie sich zu verwandeln und von einer seltsam wilden,

unirdischen Schönheit zu werden.

Die Tage wurden immer länger, und die Schneedecke begann dünner zu werden. Jeden Tag taute die

Eiskruste, und jede Nacht gefror sie wieder. Früh und spät waren sie unterwegs, denn in den

Mittagsstunden zwang die Wärme sie zu rasten, weil die Eiskruste ihr Gewicht nicht mehr tragen

konnte. Wenn Kid schneeblind wurde, band Labiskwee ihn mit einem Riemen an ihren Gürtel und

führte ihn so. Und wenn sie schneeblind war, tat er dasselbe mit ihr. Elend vor Hunger,

kämpften sie sich in einem sich immer mehr vertiefenden Dämmerzustand durch ein Land, das im

Begriff war zu erwachen, wo sie aber die einzigen lebenden Wesen waren.

In seiner Erschöpfung fürchtete Kid fast einzuschlafen, so furchtbar und trostlos waren die

Visionen aus dem Lande des Wahnsinns und des Zwielichts. Er träumte immer von Essen, das ihm

immer wieder, sobald es sich seinen Lippen näherte, von dem bösen Schöpfer seiner Träume

weggerissen wurde. Er gab große Gelage für seine Kameraden aus den guten alten San-Franziskoer

Tagen. Er selbst leitete mit wachsamem Blick die Vorbereitungen und schmückte den Tisch mit

Ranken des wilden Weins in den tiefen Farben des Herbstes. Die Gäste kamen spät, und während

er sie begrüßte und sie ihre neuesten Witze glänzen ließen, war er wie von Sinnen vor Gier

nach dem Essen. Ohne daß jemand es bemerkte, schlich er sich in das Eßzimmer, raubte eine

Handvoll schwarzer, reifer Oliven und kehrte zurück, um einen neuen Gast zu empfangen. Und

andere umringten ihn, und das Lachen und die Jonglierkünste des Witzes gingen weiter, während

er immer noch diese blöden reifen Oliven in seiner Hand hielt.

Er gab viele Gesellschaften dieser Art, und alle endeten sie in derselben unbefriedigenden

Weise. Er beteiligte sich an mächtigen, eines Gargantua würdigen Orgien, bei denen Scharen von

Menschen sich an dem Fleisch zahlloser Ochsen, die ganz am Spieß gebraten wurden, sättigten.

Sie zogen die Braten selbst aus dem Feuer heraus und schnitten mit scharfen Messern gewaltige

Bissen von den dampfenden Körpern. Er selbst aber stand mit offenem Munde zwischen langen

Reihen von Puten, die von Männern mit weißen Schürzen verkauft wurden. Und viele Käufer waren

da, nur Kid bekam nichts; er blieb immer mit offenem Mund stehen, weil sein bleischwerer

Körper ihn an das Pflaster fesselte. Oder er war wieder Knabe geworden und saß mit erhobenem

Löffel vor großen Schüsseln voll Brei und Milch. Er verfolgte scheu gewordene Kühe über

hochgelegene Weiden und erlebte Jahrhunderte von Qual infolge der vergeblichen Versuche, ihnen

die Milch aus den Eutern zu stehlen… oder er kämpfte in stinkenden Gefängnissen mit den Ratten

um Abfälle und Reste.

Nur einmal… ein einziges Mal… hatte er Erfolg in seinem Traum. Als verhungerter

Schiffbrüchiger oder Ausgesetzter kämpfte er mit der gewaltigen Dünung des Stillen Ozeans um

die Muscheln, die an den Felsen der Küsten hafteten. Und er schleppte seine Beute auf den Sand

hinauf bis zu dem trockenen Strandgut, das von den Frühlingsstürmen herrührte.

Damit machte er ein Feuer, und in die schwelenden Holzkohlen legte er seinen köstlichen Fund.

Er sah den Dampf aus den Muscheln strömen und die geschlossenen Schalen sich allmählich

öffnen, so daß das lachsfarbene Fleisch sichtbar wurde. Gerade so gekocht, wie es sein mußte -

das wußte er… und diesmal trat keine Störung ein, die ihm das Essen von den Lippen fortriß.

Endlich einmal… so träumte er mitten in seinem Traum… sollte sich ein Traum verwirklichen.

Diesmal sollte er wirklich essen! Und doch fühlte er selbst in dieser Sicherheit Zweifel, und

er hatte sich bereits gestählt, um die unvermeidliche Änderung der Vision ertragen zu können…

aber schließlich fühlte er das lachsrote Fleisch heiß und wohlschmeckend in seinem Mund. Seine

Zähne schlossen sich gierig, um es festzuhalten. Er aß! Das Wunder war erfüllt! Aber die

Verwunderung weckte ihn. Es war dunkel, als er wach wurde, er lag auf dem Rücken und hörte

sich selbst leise fröhliche Rufe ausstoßen und grunzen wie ein Ferkel. Seine Kiefer bewegten

sich, und die Zähne zermalmten das Fleisch. Er regte sich nicht… da merkte er, wie kleine

Finger seine Lippen berührten und einen winzigen Bissen Fleisch zwischen sie steckten. Und

weil er nicht mehr essen wollte – weniger deshalb, weil er böse wurde -, weinte Labiskwee sich

in seinen Armen in den Schlaf. Aber er blieb wach, voll Verwunderung über die Liebe und die

Wunder der Frau.

Dann kam der Tag, an dem sie nichts mehr zu essen hatten.

Die hohen Gipfel zogen sich immer weiter zurück, die Wasserscheiden wurden immer niedriger,

und der Weg nach dem Westen lag offen und verheißungsvoll vor ihnen. Aber die letzten

Kraftreserven waren schon erschöpft, und weil sie nichts zu essen hatten, kam bald der

Augenblick, da sie sich abends hinlegten und morgens nicht mehr aufstehen konnten.

Labiskwee lag bewußtlos, und ihr Atem ging so schwach, daß Kid oft glaubte, sie wäre tot. Am

Nachmittag wurde er durch das Schnattern eines Eichhörnchens geweckt. Er schleppte den

schweren Stutzen hinter sich her, als er durch die Kruste, die zu Schlamm geworden war,

watete. Bald kroch er auf Händen und Knien, bald stand er aufrecht und fiel dann vornüber,

während das schnatternde Eichhörnchen vor ihm herkletterte, langsam und spöttisch, daß es ihm

wahre Tantalusqualen verursachte. Er hatte nicht Kraft genug, einen schnellen Schuß abzugeben,

und das Tier verhielt sich nie still. Zuweilen wälzte sich Kid im nassen Schnee und heulte vor

Schwäche. Zuweilen schienen seine Lebensgeister ganz zu entschwinden, und er versank in

Bewußtlosigkeit. Wie lange er in der letzten Ohnmacht gelegen hatte, wußte er nicht, aber er

kam wieder zum Bewußtsein, als er in der windigen Abendluft vor Kälte zitterte; da waren seine

nassen Kleider bereits am Boden festgefroren. Das Eichhörnchen war verschwunden, und nach

einem furchtbaren Kampf mit seiner Kraftlosigkeit kam er wieder zu Labiskwee zurück. So

erschöpft war er, daß er die ganze Nacht wie tot dalag und nicht einmal träumte.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und dasselbe Eichhörnchen schnatterte lustig in den

Wipfeln der Bäume, als Labiskwee ihre Hand sanft auf Kids Wange legte und ihn weckte.

»Lege deine Hand auf mein Herz, Geliebter«, sagte sie. Ihre Stimme war klar, aber schwach und

schien aus weiter Ferne zu kommen. »Mein Herz ist meine Liebe, und du hältst es in deiner

Hand.«

Es schien lange Zeit vergangen zu sein, als sie wieder sprach: »Vergiß nicht, daß es keinen

Weg südwärts gibt. Das weiß das ganze Volk der Rentiere! Westwärts… dorthin geht der Weg… und

du bist schon nahe am Ziel… und du wirst es erreichen.«

Aber Kid versank in eine Ohnmacht, die fast der Tod war, und erwachte erst, als sie ihn wieder

weckte.

»Lege deine Lippen an die meinen«, bat sie. »So will ich sterben…«

»Wir wollen zusammen sterben, Geliebte«, gab er zur Antwort.

»Nein.« Eine leise zitternde Bewegung ihrer Hand ließ ihn verstummen… so schwach war jetzt

ihre Stimme, daß er sie kaum hören konnte, und doch hörte er alles. Ihre Hand tastete unsicher

nach irgend etwas in der Kapuze der Parka, dann zog sie ein Säckchen hervor, das sie in seine

Hand legte.

»Und jetzt reichst du mir deine Lippen, Geliebter. Deine Lippen auf meinen Lippen… deine Hand

auf meinem Herzen…«

Doch während des langes Kusses wurde er wieder bewußtlos, und als er aus der Ohnmacht

erwachte, wußte er, daß er allein war und selbst sterben wollte. Aber er freute sich auf den

Tod.

Er merkte, daß seine Hand auf dem Säckchen ruhte…

Innerlich mußte er über die Neugierde lachen, die ihn bewog, die Schnur zu lösen. Aber er

öffnete es doch, und ein kleiner Strom von Lebensmitteln rann heraus. Kein Stückchen davon,

das er nicht kannte, alles Labiskwee durch Labiskwee gestohlen… da waren kleine Brotstücke aus

den Tagen, als McCan das Mehl verlor, da lagen Bissen und Streifen von Rentierfleisch, zum

Teil schon gekaut… und Krümel von Talg.

Da war auch ein Hinterbein des Schneehasen, völlig unberührt, und ein Hinterbein und ein Teil

vom Vorderbein des weißen Wiesels… ein Flügel vom Schneehuhn mit Merkmalen ihrer Zähne, die es

nur zögernd freigegeben hatten, und auch ein Beinknochen, jämmerliche Reste, tragische

Entsagungen, ein Kreuzweg der Lebensfreude und des Lebenswillens… kleine Bissen nur, aber

durch ihre unendliche Liebe ihrem furchtbaren Hunger entrissen. Mit dem Lachen eines

Wahnsinnigen schleuderte Kid den Inhalt des Säckchens in den Schnee und sank wieder in

Ohnmacht.

Er träumte. Der Klondike war ausgetrocknet. Er wanderte durch sein Bett, zwischen schmutzigen

Wasserpfützen und eisbedeckten Felsblöcken hindurch und hob große Goldklumpen auf. Allmählich

wurde ihr Gewicht so groß, daß er die Last kaum noch tragen konnte, aber da entdeckte er, daß

das Gold eßbar war und gut schmeckte. Und er verschlang es gierig. Welchen Wert hatte

schließlich das Gold, das die Menschen so priesen, wenn es nicht einmal zu essen war?

Er erwachte zu einem neuen Tage. Sein Gehirn war sonderbar frei und klar, und er sah keine

Nebelflecken mehr vor seinen Augen. Das bisherige gewohnte Zittern, das ihn so lange gequält,

war auch verschwunden. Alle Säfte in seinem Körper schienen zu singen, als ob der Frühling

selbst ihn erobert hätte. Er fühlte sich so unerhört wohl! Er wandte sich zu Labiskwee um, sah

- und erinnerte sich, was geschehen war. Er spähte nach den weggeworfenen Lebensmitteln… sie

waren verschwunden. Da verstand er, daß sie in seinen Fieberträumen die Rolle der Goldklumpen

gespielt hatten. Im Fieber und im Traum hatte er neuen Lebensmut gewonnen durch das Todesopfer

Labiskwees, die ihr Herz in seine Hand gelegt und seine Augen für die Wunder des Weibes

geöffnet hatte.

Er war ganz überrascht, wie leicht er sich bewegte, und staunte, daß er mühelos ihren

pelzgekleideten Leib nach dem Kieshang schleppen konnte, wo er ihn bestattete.

Drei Tage kämpfte er sich weiter nach Westen, ohne daß er etwas zu essen bekam. Gegen Mittag

des dritten Tages sank er unter einer Fichte nieder, die an einem breiten offenen Wasser

wuchs, von dem er wußte, daß es der Klondike sein mußte.

Bevor er in die Finsternis versank, öffnete er sein Bündel, sagte der hellen Welt Lebewohl und

hüllte sich in seinen Schlafsack.

Ein schläfriges Zirpen weckte ihn. Die lange andauernde Dämmerung war schon angebrochen. Über

ihm, in den Zweigen der Fichte, saßen mehrere Schneehühner. Der Hunger ließ ihn sofort

handeln, wenn er seine Handlungen auch sehr langsam vollbrachte. Fünf Minuten vergingen, ehe

er überhaupt imstande war, seinen Stutzen an die Schulter zu bringen, und fünf weitere

Minuten, ehe er, auf dem Rücken liegend und gerade nach oben zielend, genügend Kraft gesammelt

hatte, um zu schießen. Der Schuß ging indessen glatt vorbei. Kein Vogel fiel, aber es flog

auch keiner fort. Sie putzten alle schläfrig und schlaff ihre Flügel und raschelten in den

Zweigen. Ein zweiter Schuß ging ebenfalls vorbei, weil Kid beim Schießen zusammenfuhr.

Die Schneehühner blieben indessen weiter sitzen. Er legte seinen Schlafsack mehrmals zusammen

und steckte ihn in den freien Raum zwischen seinem rechten Arm und seiner Seite.

Dann stützte er den Kolben seines Stutzens gegen das Pelzwerk und feuerte wieder… und diesmal

fiel ein Huhn herab. Er ergriff es gierig, mußte aber feststellen, daß das meiste Fleisch

fortgerissen war. Die schwere Kugel hatte kaum etwas mehr übriggelassen als einen Klumpen

blutiger Federn.

Die Schneehühner flogen immer noch nicht fort, und er entschloß sich, nur nach den Köpfen zu

schießen – sonst lieber gar nicht. Er zielte deshalb jetzt nur nach den Köpfen. Immer wieder

füllte er das Magazin, er schoß vorbei, er traf… und die dummen Schneehühner, die nicht

fortfliegen wollten, fielen wie ein Regen von frischem Fleisch auf ihn herab… So wurde wieder

das Leben anderer Wesen vernichtet, damit er weiterleben konnte.

Das erste Huhn verschlang er roh. Dann ruhte er und schlief, während die Lebenskraft des

kleinen Tieres zu einem Teil seines Wesens wurde. Als es dunkel geworden war, wachte er auf,

hungrig, aber genügend gekräftigt, um ein Feuer zu machen. Und bis zum frühen Morgen briet und

aß er abwechselnd und zermalmte die Knochen zu Brei zwischen seinen Zähnen, die so lange

unbeschäftigt gewesen waren. Und dann schlief er ein, wachte, als es wieder Nacht geworden

war, und schlief dann weiter bis zum nächsten Tage.

Da stellte er fest, daß das Feuer mit frischem Holz geschürt worden war und lichterloh

brannte. Und über den Gluten am Rande des Feuers hing eine rauchgeschwärzte Kaffeekanne, die

ihm bekannt vorkam. Daneben saß… kaum um Armeslänge von ihm entfernt… kein anderer als Kurz,

der wohlgefällig eine Zigarette aus Packpapier rauchte, während er ihn aufmerksam beobachtete.

Kids Lippen bewegten sich, aber seine Kehle war wie gelähmt, und er hatte Mühe, die Tränen

zurückzuhalten, die hervorzustürzen drohten… Er streckte die Hand nach einer Zigarette aus und

sog den Rauch mit tiefen Zügen ein.

»Es ist lange her, daß ich geraucht habe«, sagte er leise. »Sehr sehr lange her.«

»Und nach deinem Aussehen zu urteilen, ist es offenbar auch lange her, daß du gegessen hast«,

fügte Kurz barsch hinzu.

Kid nickte und machte eine Handbewegung nach den Federn der Schneehühner, die ihn umgaben…

»Mit Ausnahme der letzten Tage«, antwortete er. »Weißt du, ich möchte gern eine Tasse Kaffee

haben… er muß ganz merkwürdig schmecken… und dann Eierkuchen und Speck.«

»Und vielleicht auch mit Bohnen?« fragte Kurz lächelnd.

»Die müßten himmlisch schmecken. Ich habe den Eindruck, daß ich wieder einen mächtigen Hunger

kriege…«

Während der eine kochte und der andere aß, erzählten sie einander kurz, was ihnen geschehen

war, seit sie sich getrennt hatten.

»Das Eis auf dem Klondike wollte schmelzen«, schloß Kurz seinen Bericht, »und wir mußten also

warten, bis das Wasser wieder befahrbar geworden. Wir haben zwei gute Wrickboote und noch

sechs Leute… du kennst sie alle, tüchtige Kerle, kann ich dir sagen… und allerhand Ausrüstung

mit, und wir sind langsam, aber sicher vorwärts gekommen, haben gewrickt und geschoben und

gezogen. Aber die Stromschnellen mußten die Boote eine gute Woche zurückhalten. Da habe ich

die andern zurückgelassen, als sie einen Weg über die Felsen am Ufer anlegten, um die Boote an

den Schnellen vorbeizuziehen. Ich hatte so eine Ahnung, weißt du, daß ich weiterlaufen müßte.

Deshalb schnürte ich mir ein tüchtiges Bündel mit Proviant und ging. Ich wußte, daß ich dich

irgendwo unterwegs finden würde, wenn auch ein bißchen mitgenommen.«

Kid ergriff seine Hand und drückte sie stumm. »Wollen wir nicht sehen, daß wir weiterkommen?«

sagte er.

»Aber du bist ja so schwach wie ein neugeborenes Zicklein. Du kannst vorläufig nicht ans

Wandern denken. Warum denn so eilig?«

»Weißt du, Kurz, ich bin auf der Suche nach dem Größten und Besten, das es hier in Klondike

gibt… und ich kann nicht länger warten… das ist es, Kurz! Fang nur an zu packen. Es ist das

Größte in der ganzen Welt! Es ist größer als Seen voller Gold, als Berge aus Gold, größer als

alle Abenteuer und als Fleisch essen und Bären töten.«

Kurz’ Augen traten fast aus den Höhlen, so entgeistert war er über diesen Ausbruch.

»In drei Teufels Namen«, fragte er endlich, »was ist dir denn zugestoßen? Bist du vielleicht

verrückt geworden?«

»Gar nicht, mein Freund… es geht mir sogar verdammt gut. Es kann ja sein, daß man eine

Zeitlang ganz ohne Essen leben muß, um die Welt und die Menschen im richtigen Licht zu sehen.

Jedenfalls habe ich für mein Teil Dinge gesehen, von deren Dasein ich mir nie hätte träumen

lassen. Ich weiß jetzt, was eine Frau ist.«

Kurz öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und sowohl um seine Lippen wie um seine funkelnden

Augen lag ein merkwürdiger Zug, der verriet, daß er schon eine spöttische Bemerkung auf der

Zunge hatte.

»Bitte, laß das«, sagte Kid sanft. »Du weißt nichts davon… aber ich habe es kennengelernt.«

Kurz behielt also seine Bemerkung für sich und schlug ein anderes Thema an.

»Hm… ich brauche keine fremde Hilfe, um ihren Namen zu erraten! Alle andern sind schon nach

dem Überraschungssee gezogen, um ihn trockenzulegen, nur Joy Gastell wollte nichts davon

hören. Sie sagte, sie hätte keine Lust mitzugehen. Sie strolcht in Dawson herum und wartet,

daß ich dich mit nach Hause bringe. Und sie hat geschworen, wenn ich es nicht tue, ihre

Minenanteile zu verkaufen, ein ganzes Heer von guten Schützen zu heuern, nach dem Rentierland

zu marschieren und dem alten Snass und seiner Rasselbande die letzte Puste aus dem Leibe zu

schießen. Und wenn du dich noch ein bißchen beherrschen kannst, werde ich inzwischen den

ganzen Mist einpacken und mich fertigmachen, so daß wir schnellstens von hier verduften

können.«

Und Alaska-Kid lächelte…

ENDE

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