Jack London – In den Wäldern des Nordens

admin am Jan 25th 2012


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JACK LONDON

In den Wäldern des Nordens

Erzählungen

* * *

Über das Buch

Zwei Welten prallten aufeinander, als die ersten Weißen über die frostigen, baumlosen Einöden

zu den ungeahnten, riesigen Wäldern des Nordens vorstießen und bis dahin unbekannte

Eskimostämme entdeckten. Die Titelgeschichte erzählt von einem Moschusjäger, der als einziger

Überlebender seiner Gruppe zu Tode erschöpft bei einem jener Stämme Aufnahme fand und bei

diesen unkomplizierten Menschen blieb. Nach fünf Jahren wird er von einer Expedition gefunden.

Seine Entscheidung, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, wird für ihn zum Schicksal.

Dasselbe Thema wird – mit umgekehrten Vorzeichen – in der Erzählung ›Nam-Bok, der Lügner‹

wieder aufgenommen. In ein Fischerdorf im Yukon-Delta, dessen Bewohner in ihrem ganzen Leben

nur zwei Weiße – den Volkszählungsbeamten und einen verirrten Jesuitenpater – gesehen haben,

kehrt der jahrelang verschollene und für tot gehaltene Nam-Bok zurück. Seine Geschichten von

riesigen Kanus, die aus Eisen gemacht sind, und von dem Ungeheuer, das Rauch ausspeit und auf

eisernen Stangen läuft, können nach Ansicht des Häuptlings nur Lügen sein oder aus der

Schattenwelt stammen. Nam-Bok verliert erneut seine Heimat. Ergreifend ist die Geschichte ›Das

Gesetz des Lebens‹, in der sich ein alter, blinder Mann, von seinem Sohn nur mit einem

Häufchen Reisig im Schnee zurückgelassen, aufs Sterben vorbereitet. Mit unterkühltem Humor

erzählt Jack London dagegen, wie ein Schamane mit einem kriminalistischen Trick das Vertrauen

seines Stammes wiedergewinnt. In der Vielfalt ihrer Motive und Formen illustrieren die

Geschichten dieses Bandes Jack Londons Erzählkunst ebenso packend wie überzeugend.

* * *

Über den Autor

Jack London wurde am 12. 1. 1876 in San Franzisko geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen

auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt

das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang

im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in

Gefangenschaft und bereist die ganze Welt. Am 22. 11. 1916 setzt der berühmte Schriftsteller

auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten

Leben ein Ende.

* * *

In den Wäldern des Nordens

Nach einer beschwerlichen Reise bis hinter das letzte verkrüppelte Buschwerk und wuchernde

Unterholz, hinter tiefen Einöden, wo der karge Norden der Erde alles zu verweigern scheint,

stößt man auf weite Waldgebiete und Striche lächelnden Landes. Aber das hat die Welt erst

jetzt erfahren. Einige Forschungsreisende haben es gewußt, aber keiner von ihnen kehrte bisher

zurück, um es der Welt zu verraten.

Einöden – ja, es sind Einöden, dieses traurige Land des Nordens, diese Wüsten des

Polarkreises, sie, die frostige, rauhe Heimat des Moschusochsen, die unfruchtbare, karge

Stätte des mageren Steppenwolfes. So fand Avery van Brunt sie, baumlos und freudlos, kaum mit

Moos und Flechten bewachsen und so gar nicht einladend. So fand er sie wenigstens, bis er zu

den weißen Stellen auf der Landkarte vordrang und auf ungeahnte reiche Fichtenwälder und auf

nirgends verzeichnete Eskimostämme stieß. Er hatte die Absicht – und den Ehrgeiz – gehabt,

diese weißen Stellen auf der Karte auszufüllen, indem er in buntem Wechsel Gebirgsketten, Seen

und Flußbetten, sich schlängelnde Ströme einzeichnete, und mit wachsendem Entzücken malte er

sich die Möglichkeit eines Gürtels von Nutzholz und heimischen Dörfern aus.

Avery van Brunt, oder mit seinem vollen Titel: A. van Brunt, Professor am Geologischen

Vermessungsinstitut, war Nächstkommandierender der Expedition und Führer der Unterexpedition,

die er selbst auf einem Abstecher 500 Meilen weit durch die Täler des Thelon hinaufgeleitet

hatte und jetzt in eines der nicht verzeichneten Dörfer führte. Hinter ihm mühten sich

unverdrossen auf seiner Fährte acht Männer: zwei französisch-kanadische Reisende, die übrigen

stämmige Crees von der Manitoba-Straße. Er allein war Vollblut-Angelsachse, und das Blut

rollte, durch die Tradition seiner Rasse geheiligt, stolz durch seine Adern. Mit ihm schritten

Clive und Hastings, Drake und Raleigh, Hengist und Horsa. Als erster aller Männer seiner Rasse

sollte er dies weltabgeschiedene Dorf des Nordlandes betreten. Bei diesem Gedanken überkam ihn

ein Triumphgefühl, eine frohe Erregung, und seine Kameraden bemerkten, wie seine Müdigkeit

wich und wie er unversehens seinen Schritt beschleunigte.

Das Dorf leerte sich, und eine buntscheckige Menge zog ihm dichtgeschart entgegen. Voran die

Männer, Bogen und Speere drohend in den Fäusten, als Nachtrab schüchtern Frauen und Kinder.

Van Brunt hob den rechten Arm und gab das übliche Friedenszeichen, ein Zeichen, das alle

Völker verstehen, und die Dorfbewohner antworteten mit dem Zeichen des Friedens. Aber da lief

zu seinem Kummer ein fellbekleideter Mann vor und streckte die Hand mit einem vertraulichen

»Hallo« aus. Es war ein bärtiger Mann, Wangen und Stirn bronzefarbig verbrannt, und in ihm

erkannte van Brunt einen seiner eignen Rasse.

»Wer sind Sie?« fragte er, die ausgestreckte Hand ergreifend. »Andrée?«

»Wer ist Andrée?« fragte der Mann seinerseits.

Van Brunt sah ihn schärfer an. »Bei Gott, Sie müssen eine gute Weile hier gelebt haben.«

»Fünf Jahre«, antwortete jener, und ein düsterer Schimmer von Stolz leuchtete in seinen Augen.

»Aber kommen Sie, lassen Sie uns plaudern. – Lassen Sie sie hier lagern«, beantwortete er den

fragenden Blick, den van Brunt auf seine Leute warf. »Der alte Tant latch wird für Sie sorgen.

Kommen Sie.«

Mit langen Schritten ging er. Van Brunt folgte ihm auf dem Fuße durch das ganze Dorf.

Unregelmäßig, wo sich gerade eine günstige Stelle bot, waren die Zelte aus Elchfellen

aufgeschlagen. Van Brunt ließ seinen erfahrenen Blick darüber hingleiten und berechnete.

»Zweihundert außer den Kindern«, schätzte er.

Der Mann nickte. »So ungefähr. Aber hier wohne ich, etwas außerhalb, wissen Sie – mehr für

mich. Nehmen Sie Platz. Ich esse mit Ihnen, wenn Ihre Leute abkochen. Ich habe ganz vergessen,

wie Tee schmeckt. – Fünf Jahre, und weder geschmeckt noch gerochen. – Etwas Tabak? – Ah,

danke, und eine Pfeife? Gut. Und nun noch ein Zündholz, und dann wollen wir sehen, ob das alte

Kraut noch seine Zaubermacht besitzt.«

Mit der peinlichen Vorsicht eines Waldbewohners strich er das Zündholz an, freute sich an der

jungen Flamme, als hätte es noch nie etwas Ähnliches in der Welt gegeben, und zog den ersten

Mundvoll Rauch ein. Er hielt ihn eine Weile nachdenklich zurück und blies ihn dann mit spitzen

Lippen langsam und zärtlich aus. Als er sich zurücklehnte, war sein Ausdruck milder, und ein

weicher Schimmer trat in seine Augen. Er seufzte tief und glücklich mit unermeßlicher

Zufriedenheit und sagte plötzlich: »Weiß Gott! Das schmeckt!«

Van Brunt nickte verständnisvoll. »Fünf Jahre, sagen Sie?«

»Fünf Jahre.« Der Mann seufzte wieder. »Und ich nehme an, Sie möchten darüber hören, sind

natürlich neugierig; es ist ja auch eine seltsame Situation, das stimmt. Aber es ist nicht

viel zu erzählen. Ich kam von Edmonton auf der Jagd nach Moschusochsen, hatte Pech wie Pike

und die andern und verlor meine Leute und meine Ausrüstung. Hunger, Entbehrung, die alte

Geschichte, wissen Sie, der einzige Überlebende und so weiter, bis ich auf Händen und Füßen

hier bei Tant latch angekrochen kam.«

»Fünf Jahre«, murmelte van Brunt nachdenklich und suchte in seiner Erinnerung.

»Im Februar waren es fünf Jahre. Anfang Mai kam ich über den Great Slave…«

»Und Sie sind – Fairfax?« unterbrach van Brunt ihn.

Der Mann nickte.

»Warten Sie… John, nicht wahr, John Fairfax.«

»Woher wissen Sie?« fragte Fairfax träge und mit seinen Gedanken beschäftigt, während er

Rauchspiralen in die stille Luft steigen ließ.

»Die Zeitungen waren voll davon, als Prevanche…«

»Prevanche!« Fairfax setzte sich, plötzlich munter geworden, auf. »Er verschwand in den Smoke

Mountains.«

»Ja, aber er arbeitete sich durch und kam dann heraus.«

Fairfax lehnte sich zurück und wandte sich von neuem seinen Rauchspiralen zu. »Das freut

mich«, meinte er nachdenklich. »Prevanche war ein Prachtkerl, wenn er auch seine eigenen Ideen

über das Zaumzeug von Zugtieren hatte, das Biest. Und er kam wirklich durch? Wahrhaftig, das

freut mich.«

Fünf Jahre – das fuhr van Brunt immer wieder durch den Sinn, und irgendwie schien Emily

Southwaithes Antlitz vor ihm aufzutauchen und lebendig zu werden. Fünf Jahre. – Ein Keil von

Wildgänsen schwebte niedrig über ihnen, und beim Anblick des Lagers schwenkten sie schnell

nach Norden ab in die glimmende Sonne.

Es war eine Stunde nach Mitternacht. Die Wolken im Norden färbten sich plötzlich blutig,

dunkelrote Strahlen schossen südwärts, und die düsteren Wälder brannten in einem blassen

Feuer. Die Luft hing in atemloser Stille, keine Nadel zitterte, und die letzten Töne vom Lager

kamen klar und deutlich herüber wie Trompetenschall. Crees und Reisende spürten einen Hauch

davon, murmelten leise und träumerisch, und der Koch dämpfte unbewußt das Rasseln der Töpfe

und Pfannen. Irgendwo weinte ein Kind, und aus der Tiefe des Waldes erhob sich wie das Klingen

einer silbernen Saite das Klagelied einer Frauenstimme: »O-o-o-o-o-o-a-haa-ha-a-ha-aa-a-a, O-

o-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a.«

Van Brunt erschauerte, und er rieb sich kräftig seine Handrücken.

»Und sie gaben mich auf, dachten, ich sei tot?« fragte sein Genosse langsam.

»Ja, Sie kamen nie zurück, und da haben Ihre Freunde…«

»Mich prompt vergessen.« Fairfax lachte hart und verächtlich.

»Warum kamen Sie nicht wieder?«

»Teils aus Widerwillen, denke ich, und teils aus Ursachen, über die ich keine Macht hatte.

Sehen Sie, Tant latch hatte sich den Fuß gebrochen, als ich seine Bekanntschaft machte – und

es war ein häßlicher Bruch –, und ich renkte ihn ein und bekam ihn wieder zurecht. Ich blieb

einige Zeit und kam wieder zu Kräften. Ich war der erste Weiße, den er gesehen hatte, und

natürlich erschien ich ihm sehr weise, und tatsächlich zeigte ich seinem Volke unendlich viele

Dinge. Unter anderm paukte ich ihnen Strategie ein, so daß sie die vier andern zum Stamme

gehörenden Dörfer, die Sie noch nicht gesehen haben, besiegten und Herren des Landes wurden.

Und natürlich hielten sie viel von mir, so viel, daß sie nichts davon hören wollten, als ich

daran dachte, wieder aufzubrechen. Sie waren wirklich sehr gastfrei, stellten ein paar Wächter

an und bewachten mich Tag und Nacht. Und dann gebrauchte Tant latch gewissermaßen Lockmittel –

er überredete mich sozusagen, und da es so oder so doch keinen großen Unterschied machte, so

fand ich mich damit ab und blieb.«

»Ich kannte Ihren Bruder in Freiburg. Ich bin van Brunt.«

Fairfax streckte impulsiv die Hand aus und schüttelte die des andern. »Wie, Sie sind der

Freund Billys? Armer Billy. Er sprach oft von Ihnen. – Und ausgerechnet hier müssen wir uns

treffen«, fügte er hinzu, ließ seinen Blick über die urweltliche Landschaft schweifen und

lauschte einen Augenblick auf die Trauerklage der Frau. »Ihr Mann ist von einem Bären

zerrissen worden, und sie kommt schwer darüber hinweg.«

»Scheußliches Leben!« Van Brunt schnitt eine Grimasse des Ekels. »Ich denke, nach fünf Jahren

muß Zivilisation süß schmecken? Was meinen Sie?«

Das Gesicht von Fairfax nahm einen schlaffen Ausdruck an. »Ach, ich weiß nicht. Schließlich

sind es ehrliche Menschen, und sie leben ihrer Einsicht gemäß. Und dazu sind sie

bewundernswert einfach. Nichts Kompliziertes, nicht tausend feine Verästelungen jeder

Gefühlsregung. Sie lieben, fürchten, hassen, und ärgern und freuen sich in gewöhnlichen,

offenen, unfehlbaren Ausdrücken. Es mag ein scheußliches Leben sein, aber es lebt sich

wenigstens leicht. Keine Liebelei, keine Zeitvergeudung. Wenn eine Frau Sie liebt, wird sie

nicht zögern, es Ihnen zu sagen. Haßt sie Sie, so wird sie es auch sagen, und wenn Sie dann

Lust dazu haben, können Sie sie schlagen. Die Hauptsache ist, daß sie genau weiß, was Sie

meinen und umgekehrt. Keine Irrtümer, keine Mißverständnisse. Das hat seinen Reiz nach dem

krampfhaften Fieber der Zivilisation. Verstehen Sie das? – Nein, es ist ein ganz gutes Leben«,

fuhr er nach einer Pause fort, »gut genug, wenigstens für mich, und ich gedenke es

fortzusetzen.«

Van Brunt senkte nachdenklich den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln spielte auf seinen

Lippen. Keine Liebelei, keine Tändelei, kein Mißverständnis. – Nun, Fairfax nimmt es auch

nicht leicht, dachte er, eben weil Emily Southwaithe versehentlich in die Klauen eines Bären

geriet. Und er war auch kein schlechter Bär, dieser Carlton Southwaithe.

»Aber Sie werden doch mit mir kommen«, meinte van Brunt vorsichtig.

»Nein.«

»Doch.«

»Das Leben ist zu leicht hier, wie gesagt.« Fairfax sprach mit Entschiedenheit. »Sommer und

Winter wechseln wie das Flammen der Sonne durch die Latten eines Zaunes, die Jahreszeiten sind

ein nebelhaftes Etwas zwischen Licht und Schatten, die Zeit flieht, und das Leben zerrinnt und

dann… Eine Klage im Walde und die Finsternis. Hören Sie!« Er streckte die Hand in die Höhe,

und durch die Stille und Einsamkeit ertönte die silberne Saite von der Trauer des Weibes.

Fairfax stimmte leise mit ein.

»O-o-o-o-o-a-haa-ha-a-aa-a-a, O-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a«, sang er. »Hören Sie nicht? Sehen Sie

nicht? Die Klage eines Weibes? Das Totenlied? Meine Haare weißlockig und ehrwürdig? Die rauhe

Pracht meiner Pelze, in die ich gehüllt bin? Der Jagdspeer an meiner Seite? Wer kann da sagen,

es sei nicht gut so?«

Van Brunt blickte ihn kühl an: »Fairfax, Sie sind ein Narr. Fünf solche Jahre genügen, um

einen Mann zu knicken, und Sie befinden sich in einer ungesunden, krankhaften Verfassung.

Übrigens: Carlton Southwaithe ist tot.«

Van Brunt stopfte seine Pfeife, steckte sie an und beobachtete den andern vorsichtig und mit

fast berufsmäßigem Interesse. Einen Augenblick blitzten Fairfax’ Augen auf, seine Fäuste

ballten sich, und er erhob sich halb. Dann erschlafften seine Muskeln, er schien zu grübeln.

Michael, der Koch, meldete, daß das Essen fertig sei, aber van Brunt winkte ihm, daß er noch

warten wolle. Das Schweigen war drückend, und er hatte den Einfall, die Gerüche des Waldes zu

analysieren, diese Düfte modernder und verwesender Vegetation, dann die harzigen der

Tannenzapfen und Nadeln, den aromatischen Rauch von vielen Lagerfeuern. Zweimal blickte

Fairfax auf, ohne etwas zu sagen, und dann kam es: »Und – Emily…?«

»Seit drei Jahren Witwe, und noch immer Witwe.«

Wieder Schweigen, ein langes Schweigen, das Fairfax endlich mit naivem Lächeln brach. »Sie

haben wohl recht, van Brunt. Ich komme mit.«

»Ich wußte es.« Van Brunt legte Fairfax die Hand auf die Schulter. »Man kann natürlich nicht

wissen, aber ich glaube – eine Frau in ihrer Lage – sie hatte Anträge…«

»Wann brechen Sie auf?« unterbrach Fairfax ihn.

»Wenn die Leute etwas geschlafen haben. Dabei fällt mir ein, daß Michael böse wird; kommen

Sie, wir wollen essen.«

Nach dem Abendbrot, nachdem die Crees und die Reisenden sich in ihre Decken gehüllt hatten und

schnarchten, saßen die beiden Männer noch an dem erlöschenden Feuer. Sie hatten viel zu reden

– von Kriegen und Politik, Forschungsreisen, Männertaten und Ereignissen, Freunden, Heiraten

und Todesfällen – von fünfjährigem Geschehen, auf das Fairfax brannte.

»So wurde die spanische Flotte bei Santiago erledigt«, sagte van Brunt gerade, als eine junge

Frau mit leichtem Schritt zu ihnen trat und neben Fairfax stehenblieb. Sie blickte ihm rasch

ins Gesicht und warf einen verwirrten Blick auf van Brunt.

»Die Tochter des Häuptlings Tant latch, eine Art Prinzessin«, erklärte Fairfax mit ehrlichem

Erröten. »Um es gleich zu gestehen, eines von den Lockmitteln, die mich hierbleiben ließen.

Thom, das ist mein Freund, van Brunt.«

Van Brunt streckte die Hand aus, aber die Frau verharrte in ihrer starren Ruhe, die über ihrer

ganzen Erscheinung lag. Weder wurde eine Linie in ihrem Antlitz sanfter, noch entspannten sich

ihre Züge. Ihr Blick begegnete dem seinen durchdringend, fragend, suchend.

»Köstlich, sie versteht es!« lachte Fairfax. »Ihre erste Vorstellung, wissen Sie. Aber wie

sagten Sie, die spanische Flotte wurde bei Santiago vernichtet?«

Thom kauerte neben ihrem Gatten nieder, reglos wie eine Bronzestatue, nur ihre Blicke

wanderten unaufhörlich spähend von Angesicht zu Angesicht. Und während Avery van Brunt immer

weiter sprach, spürte er unter dem stummen Blick eine gewisse Nervosität. Mitten in

malerischen Schlachtenschilderungen fühlte er plötzlich das schwarze Auge auf sich brennen,

und dann stotterte und stammelte er, bis er seine Haltung wiedergewann und wieder in Gang kam.

Die Hände um die Knie geschlungen, mit erloschener Pfeife und in tiefem Sinnen trieb Fairfax

ihn an, wenn er zögerte, und malte sich die Welt wieder, die er vergessen zu haben glaubte.

Eine oder zwei Stunden vergingen, dann erhob Fairfax sich zaudernd. »Und Cronje wurde in die

Enge getrieben, wie? Na ja! Warten Sie einen Augenblick, ich gehe nur schnell zu Tant latch

hinüber. Er wird Sie erwarten, und ich werde es so einrichten, daß Sie ihn nach dem Frühstück

begrüßen können. Das ist Ihnen doch recht, nicht wahr?«

Er verschwand zwischen den Kiefern, und van Brunt fand sich, wie er in das warme Auge Thoms

starrte. Fünf Jahre, überlegte er, und sie kann jetzt nicht älter als zwanzig sein. Ihre Nase

war nicht flach und gleichsam breitgedrückt wie die der Eskimofrauen, sondern adlerhaft mit

zarten Flügeln und so fein gebildet wie die einer Dame weißer Rasse. – Also irgendwie

Indianerblut, verlaß dich drauf, Avery van Brunt. Und sei nicht nervös, Avery van Brunt, sie

wird dich nicht auffressen; sie ist nur eine Frau, und noch dazu keine häßliche. Eher

orientalisch als arktisch. Große und weit offene Augen mit einer ganz schwachen Andeutung von

Mongolentum. Thom, du bist eine Anomalie. Du gehörst nicht zu den Eskimos, selbst wenn dein

Vater einer ist. Wo kam deine Mutter her? Oder deine Großmutter? Und Thom, liebes Kind, du

bist eine Schönheit, eine eisige, frostige kleine Schönheit mit Alaska-Lava im Blut, und

bitte, schau mich nicht so an. – Er lachte und stand auf. Ihr unausgesetztes Starren verwirrte

ihn. Ein Hund schnupperte an den Nahrungsmittelsäcken. Er wollte ihn vertreiben und den

Proviant in Sicherheit bringen, bis Fairfax wiederkam. Aber Thom hinderte ihn mit einer

Handbewegung daran und stand, ihn musternd, auf.

»Du?« sagte sie in einem arktischen Dialekt, der fast ohne Abweichungen von Grönland bis Point

Barrow gesprochen wird. »Du?«

Und der Ausdruck, der schnell auf ihr Gesicht trat, verriet alles, was sie mit diesem »Du«

meinte: die Frage, warum er hier sei, was er wolle, was er mit ihrem Manne zu schaffen habe –

alles.

»Brüder«, antwortete er im selben Dialekt, indem er mit der Hand nach Süden wies. »Brüder sind

wir, dein Mann und ich.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gut, daß du hier bist.«

»Nach einem Schlaf gehe ich.«

»Und mein Mann?« fragte sie mit zitterndem Eifer.

Van Brunt zuckte die Achseln. Ihn überkam ein gewisses heimliches Schamgefühl, eine Art

unpersönlicher Scham, und ein Zorn auf Fairfax. Und als er die junge Wilde ansah, spürte er

das heiße Blut, das ihm ins Gesicht stieg. Sie war eben Weib. Das sagte alles – Weib. Wieder

einmal die alte niederträchtige Geschichte, immer wieder, so alt wie Eva und so jung wie der

letzte Liebeskuß.

»Mein Mann! Mein Mann! Mein Mann!« wiederholte sie heftig, indem sie ihm mit leidenschaftlich

gerötetem Gesicht und der unbarmherzigen Milde des ewigen Weibes in die Augen blickte.

»Thom«, sagte er ernst auf englisch, »du bist in den Wäldern des Nordlandes geboren, du hast

Fisch und Fleisch gegessen, mit Kälte und Hunger gekämpft und alle deine Tage einfach gelebt.

Und es gibt viele Dinge, die wahrlich nicht einfach sind, die du nicht kennst und nicht

verstehen kannst. Du weißt nicht, was es heißt, sich nach fernen Fleischtöpfen zu sehnen, du

kannst nicht verstehen, was es heißt, Verlangen nach dem Antlitz einer schönen Frau zu tragen.

Und die Frau ist schön, Thom, die Frau ist sehr schön. Du warst diesem Manne eine Frau, und du

warst ihm alles, was du konntest, aber dein ›Alles‹ ist sehr wenig und sehr einfach. Zu wenig

und zu einfach, und er ist ein Mann von einer fremden Rasse. Ihn hast du nie gekannt und wirst

ihn nie kennen. Es ist so bestimmt. Du hieltest ihn in deinen Armen, aber du hieltest nie sein

Herz, das Herz dieses Mannes, dem die Jahreszeiten wechselnde Farben sind und dessen Träume

barbarisch enden. Traum und Traumdunst, das ist er dir gewesen. Du griffst nach einer Gestalt

und faßtest einen Schatten, schenktest dich einem Manne und warst die Bettgenossin eines

Gespenstes. So ging es in alten Zeiten den Töchtern der Menschen, wenn die Götter sie schön

fanden. Und doch, Thom, Thom, ich möchte nicht John Fairfax sein in den schlaflosen Nächten

der kommenden Jahre, in den Nächten, da seine Augen nicht den Sonnenglanz von dem Haare der

Frau an seiner Seite, sondern die dunklen Flechten einer Gefährtin sehen werden, die er in den

Wäldern des Nordens verlassen hat.«

Obwohl sie ihn nicht verstand, hatte sie mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht, als hinge

ihr Leben von seinen Worten ab. Aber sie erfaßte den Namen ihres Gatten und rief auf

eskimoisch: »Jaja, Fairfax! Mein Mann!«

»Armes Närrchen, wie könnte er dein Mann sein?«

Aber sie verstand seine englische Sprache nicht und glaubte, daß er sich über sie lustig

mache. Der triebhafte, unvernünftige Zorn des Weibchens flammte auf ihrem Gesicht, und es

schien dem Manne fast, als kröche sie wie ein Panther zum Sprunge zusammen. Er fluchte leise

bei sich und sah, wie die Flamme von ihrem Antlitz wich und die weiche strahlende Glut des

flehenden Weibes sich entzündete – des flehenden Weibes, das auf Stärke verzichtet und sich

wohlweislich mit seiner Schwäche waffnet.

»Er ist mein Mann«, sagte sie sanft. »Ich habe nie einen andern gekannt. Es kann nicht sein,

daß ich je einen andern kennen werde. Es kann auch nicht sein, daß er von mir geht.«

»Wer hat gesagt, daß er von dir gehen soll?« fragte er scharf, halb im Zorn, halb in Ohnmacht.

»Du mußt sagen, daß er nicht von mir gehen soll«, antwortete sie sanft und mit Tränen in der

Stimme.

Van Brunt stieß zornig mit dem Fuß ins Feuer und setzte sich nieder.

»Du mußt es ihm sagen. Er ist mein Mann. Vor allen Frauen ist er mein Mann. Du bist groß, du

bist stark, und sieh, ich bin schwach. Sieh, ich liege zu deinen Füßen. Du hast es in der

Hand, mit mir zu tun, was du willst. Es ist deine Sache.«

»Steh auf!« Er riß sie heftig hoch und stand selbst auf. »Du bist ein Weib, und deshalb darfst

du nicht zu Füßen eines Mannes liegen.«

»Er ist mein Mann.«

»Dann verzeihe Christus allen Männern!« rief van Brunt leidenschaftlich.

»Er ist mein Mann!« wiederholte sie eintönig und flehend.

»Er ist mein Bruder«, antwortete er.

»Mein Vater ist der Häuptling Tant latch. Er herrscht über fünf Dörfer. Ich will dafür sorgen,

daß die fünf Dörfer durchsucht werden nach einem Mädchen, das dir gefällt, so daß du in

Wohlbehagen hier bei deinem Bruder leben kannst.«

»Nach einem Schlaf gehe ich fort.«

»Dort kommt mein Mann, sieh!«

Aus dem Dunkel der Fichten erklang Fairfax’ Stimme in munterm Trällern.

Wie der Tag durch ein Nebelmeer verdrängt wird, so vertrieb sein Gesang das Licht von ihrem

Antlitz.

»Es ist die Sprache seines eigenen Volkes«, sagte sie, »die Sprache seines eigenen Volkes.«

Sie wandte sich mit den leichten Bewegungen eines geschmeidigen jungen Tieres und verschwand

im Walde.

»Alles in Ordnung!« rief Fairfax im Näherkommen. »Seine Majestät werden Sie nach dem Frühstück

empfangen.«

»Haben Sie es ihm gesagt?« fragte van Brunt.

»Nein. Ich will es ihm auch nicht sagen, ehe wir marschfertig sind.«

Van Brunt warf verstimmt einen Blick auf die schlafenden Gestalten seiner Leute.

»Ich werde froh sein, wenn wir hundert Meilen von hier weg sind«, sagte er.

Thom hob den Fellvorhang von der Hütte ihres Vaters. Zwei Männer saßen drinnen bei ihm, und

alle drei blickten sie mit lebhaftem Interesse an. Aber ihr Gesicht verriet nichts, als sie

eintrat und sich schweigend niederließ. Tant latch trommelte mit den Knöcheln auf einem

Speerschaft, den er über seine Knie gelegt hatte, und starrte träge einem Sonnenstrahl nach,

der durch ein Schnürloch fiel und eine schimmernde Spur in die trübe Luft der Hütte zeichnete.

An seiner rechten Schulter kauerte Chugungatte, der Schamane. Beides waren alte Männer, und

die Müdigkeit vieler Jahre nistete in ihren Augen. Ihnen gegenüber aber saß Keen, ein junger

und im Stamme sehr beliebter Mann. Er hatte rasche und lebhafte Bewegungen, und seine

schwarzen Augen blitzten unaufhörlich forschend und herausfordernd von einem Antlitz zum

andern.

Es war still in der Hütte. Hin und wieder drang der Lärm vom Lager herein, und in der Ferne

klang schwach wie die Schatten von Stimmen das Zanken von Knaben in dünnen, schrillen Tönen.

Ein Hund steckte plötzlich den Kopf zum Eingang herein und blinzelte die Versammelten eine

Weile wolfsartig an, während der Geifer von seinen elfenbeinweißen Fangzähnen tropfte. Nach

einer Weile knurrte er aufreizend, senkte dann aber, durch die Unbeweglichkeit der

menschlichen Gestalten erschreckt, wieder den Kopf und kroch rückwärts hinaus. Tant latch

blickte seine Tochter gleichgültig an.

»Und dein Mann, wie steht es mit ihm und dir?«

»Er singt fremdartige Lieder«, antwortete Thom, »und es ist ein neuer Ausdruck in seinem

Gesicht.«

»So? Hat er gesprochen?«

»Nein, aber es ist ein neuer Ausdruck in seinem Gesicht, ein neues Licht in seinen Augen, und

er sitzt mit dem Fremden am Feuer, und sie reden und reden, reden ohne Ende.«

Chugungatte flüsterte seinem Herrn etwas ins Ohr, und Keen bog sich in den Hüften vor.

»Irgend etwas ruft ihn aus der Ferne«, fuhr sie fort, »und er scheint zu lauschen und mit

einem Lied in der Sprache seines eigenen Volkes zu antworten.«

Wieder flüsterte Chugungatte, Keen bog sich vor, und Thom schwieg, bis ihr Vater ihr zunickte,

daß sie fortfahren solle.

»Du weißt, Tant latch, daß Wildgans und Schwan und die kleine Krickente hier im Tieflande

geboren werden. Und du weißt, daß sie vor dem Froste in unbekannte Länder fliehen, und ebenso

weißt du, daß sie stets zurückkehren, wenn die Sonne über dem Lande steht und die Wasserläufe

frei sind. Stets kehren sie dorthin zurück, wo sie geboren sind, damit dort neues Leben

entstehen kann. Das Land ruft sie, und sie kommen. Und jetzt ruft ein anderes Land, und es

ruft meinen Mann – das Land, in dem er geboren ist –, und er gedenkt, dem Rufe zu folgen.

Dennoch ist er mein Mann. Vor allen Frauen ist er mein Mann.«

»Ist das gut, Tant latch? Ist das gut?« fragte Chugungatte mit einer leisen Drohung in der

Stimme.

»Ja, es ist gut!« rief Keen dreist. »Das Land ruft seine Kinder, alle Länder rufen ihre Kinder

wieder. Wie Wildgans und Schwan und die kleine Krickente gerufen werden, so auch dieser

Fremdling, der bei uns verweilt hat und nun gehen muß. Auch das Geschlecht ruft. Die Gans

paart sich mit der Gans, und der Schwan paart sich nicht mit der kleinen Krickente. Es tut

nicht gut, wenn der Schwan sich mit der kleinen Krickente paart. Und es tut auch nicht gut,

wenn Fremdlinge sich ihre Weiber in unsern Dörfern suchen. Daher sage ich, daß der Mann zu

seinem eigenen Geschlecht in sein eigenes Land gehen soll.«

»Er ist mein Mann«, antwortete Thom, »und er ist ein großer Mann.«

»Ja, er ist ein großer Mann.« Chugungatte hob den Kopf mit einem leisen Erwachen jugendlicher

Kraft. »Er ist ein großer Mann, und er hat deinem Arm Stärke geschenkt, o Tant latch, hat dir

Macht gegeben und deinen Namen gefürchtet im Lande gemacht, gefürchtet und geehrt. Er ist sehr

weise und seine Weisheit bringt viel Nutzen. Ihm haben wir vieles zu verdanken – die Anwendung

von Kriegslisten und die Geheimnisse einer Verteidigung des Dorfes und bei Überfällen im

Walde, die Abhaltung von Beratungen, Besiegung des Feindes durch Worte und feierliche

Versprechungen, Einkreisung des Wildes, das Stellen von Fallen, die Aufbewahrung von

Nahrungsmitteln und die Heilung von Krankheit und Wunden auf der Jagd und im Kampfe. Du, Tant

latch, würdest heute ein lahmer alter Mann sein, wäre der Fremdling nicht zu uns gekommen und

hätte dich gepflegt. Und stets, wenn wir im Zweifel über eine schwierige Frage waren, sind wir

zu ihm gegangen, daß er uns durch seine Weisheit Rat schaffte, und stets hat er uns Rat

geschafft. Und es werden immer wieder Fragen kommen, da wir sein Wissen brauchen werden. Wir

können ihn deshalb nicht gehen lassen. Es ist nicht gut, ihn gehen zu lassen.«

Tant latch trommelte weiter auf dem Speerschaft und gab kein Zeichen, daß er zugehört hatte.

Thom forschte vergebens in seinem Gesicht, Chugungatte schien einzuschrumpfen und

zusammenzusinken, als ob die Last der Jahre wieder auf ihn fiele.

»Niemand tötet meine Beute.« Keen schlug sich kräftig vor die Brust. »Ich töte meine Beute

selbst. Ich freue mich des Lebens, wenn ich meine Beute töte. Wenn ich mich über den Schnee an

den großen Elch anpirsche, so bin ich glücklich. Und wenn ich mit voller Kraft den Bogen

spanne und ihm den Pfeil schnell und scharf ins Herz jage, so bin ich glücklich. Und das

Fleisch von der Beute, die ein anderer Mann gefällt hat, schmeckt mir nicht so gut wie das von

meiner eigenen Beute. Ich freue mich des Lebens, freue mich meiner eigenen List und Kraft,

freue mich, daß ich etwas ausrichte, etwas für mich selber. Wozu sollte man sonst wohl leben?

Wozu sollte ich leben, wenn ich mich nicht freute über mich selbst und über das, was ich

vollbringe? Und weil ich mich freue und glücklich darüber bin, daß ich jage und fische, darum

werde ich listig und stark. Der Mann, der in seiner Hütte am Feuer sitzt, wird nicht listig

und stark. Er wird nicht froh, wenn er von meiner Beute ißt, und das Leben ist keine Freude

für ihn. Er lebt nicht. Und deshalb sage ich: Es ist gut, daß der Fremdling geht. Seine

Weisheit macht uns nicht weise. Wenn er listig ist, so brauchen wir es nicht zu sein. Haben

wir List nötig, so gehen wir zu ihm und holen sie uns. Wir essen das Fleisch von seiner Beute,

und es schmeckt nicht. Wir haben den Nutzen von seiner Stärke, und wir werden nicht glücklich

dadurch. Wir leben nicht, wenn er für uns lebt. Wir werden dick und weibisch, wir fürchten uns

vor der Arbeit, und wir vergessen, was wir für uns selbst tun müssen. Laß den Mann gehen, o

Tant latch, auf daß wir Männer sein können! Ich bin Keen, ein Mann, und ich töte selbst meine

Beute!«

Tant latch sandte ihm einen Blick, in dem die Leere der Ewigkeit zu liegen schien. Keen

wartete gespannt auf die Entscheidung; aber die Lippen blieben unbeweglich, und der alte

Häuptling wandte sich zu seiner Tochter.

»Was gegeben ist, kann nicht zurückgenommen werden«, brach sie los. »Ich war noch ein Kind,

als der Fremdling, der mein Mann ist, zu uns kam. Und ich kannte nicht Männer und Männerart,

und mein Herz lebte im Spiel der Mädchen, als du, Tant latch, du und kein anderer, mich zu dir

riefst und mich in die Arme des Fremdlings legtest. Du und kein anderer, Tant latch! Und wie

du mich dem Manne gabst, so gabst du auch den Mann mir. Er ist mein Mann. In meinen Armen hat

er geschlafen, und aus meinen Armen kann er nicht gerissen werden.«

»Es wäre gut, o Tant latch«, fügte Keen schnell mit einem bedeutungsvollen Blick auf Thom

hinzu, »es wäre gut, daran zu denken: Was gegeben ist, kann nicht zurückgenommen werden.«

Chugungatte richtete sich auf. »Deine Jugend, Keen, gibt deinem Mund diese Worte ein. Aber

wir, o Tant latch, wir sind alte Männer, und wir verstehen. Auch wir haben in die Augen von

Frauen geblickt und gefühlt, wie unser Blut heiß wurde von seltsamen Wünschen. Aber die Jahre

haben uns abgekühlt, und wir haben die Weisheit der Ratsversammlung, die Schlauheit des kühlen

Kopfes und der ruhigen Hand gelernt, und wir wissen, daß das heiße Herz allzu heiß ist und zur

Unbesonnenheit neigt. Wir wissen, daß Keen Gnade vor deinen Augen fand. Wir wissen, daß Thom

ihm in alten Tagen versprochen wurde, als sie noch ein Kind war. Und wir wissen, daß die neuen

Tage kamen und mit ihnen der Fremdling und daß um unseres Wissens und unseres Verlangens nach

Glück willen Keen Thom verlor und das Versprechen gebrochen ward.«

Der alte Schamane schwieg und sah dem jungen Mann gerade in die Augen.

»Und man mag auch wissen, daß ich, Chugungatte, den Rat gab, das Versprechen zu brechen.«

»Auch nahm ich kein anderes Weib in mein Bett«, fiel Keen ein. »Ich habe selbst mein Feuer

entzündet und mein Essen gekocht und in meiner Einsamkeit mit den Zähnen geknirscht.«

Chugungatte winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er noch nicht fertig sei. »Ich bin ein alter

Mann, und ich spreche, weil ich verstehe. Es ist gut, stark zu sein und nach Macht zu streben.

Es ist besser, auf Macht zu verzichten, auf daß Gutes daraus entstehe. In alten Tagen saß ich

neben deiner Schulter, Tant latch, und meine Stimme wurde überall gehört im Rate, und mein Rat

wurde in wichtigen Dingen befolgt. Und ich war stark und hatte Macht. Nächst Tant latch war

ich der Größte. Da kam der Fremdling, und ich sah, daß er listig und weise und groß war. Und

weil er weiser und größer war als ich, wurde es klar, daß größerer Vorteil von ihm kommen

würde als von mir. Und ich hatte dein Ohr, Tant latch, und du lauschtest meinen Worten, und

der Fremdling erhielt Macht und Stellung und deine Tochter Thom. Und der Stamm gedieh unter

den neuen Gesetzen in den neuen Tagen, und so wird er weiter gedeihen, solange wir den

Fremdling in unserer Mitte haben. Wir sind alte Männer, wir beiden, o Tant latch, du und ich,

und dies ist eine Sache des Kopfes und nicht des Herzens. Hör meine Worte! Laß den Mann

hierbleiben.«

Ein langes Schweigen herrschte. Der alte Häuptling grübelte mit der gewichtigen Sicherheit

eines Gottes, und Chugungatte schien sich in die Nebel eines hohen Alters zu hüllen. Keen sah

verlangend auf das Weib, aber sie achtete nicht darauf, sondern hielt ihre Augen starr auf das

Gesicht ihres Vaters geheftet. Der Wolfshund schob wieder den Vorhang beiseite, faßte in der

Stille Mut und kroch auf dem Bauche näher. Er schnupperte neugierig an Thoms gleichgültiger

Hand, spitzte Chugungatte gegenüber herausfordernd die Ohren und kroch vor Tant latch

zusammen. Der Speer fiel rasselnd zu Boden, der Hund sprang mit einem erschrockenen Heulen

beiseite, schnappte in die Luft und erreichte mit einem neuen Sprung den Eingang.

Tant latch sah von einem Gesicht auf das andre und betrachtete jedes lange und sorgfältig.

Dann hob er den Kopf mit rauher Königswürde und sprach sein Urteil in kaltem, ruhigem Tone:

»Der Mann bleibt. Laßt die Jäger zusammenrufen. Schickt einen Läufer in das nächste Dorf mit

dem Befehl, die Krieger zu schicken. Ich will den neuen Fremdling nicht sehen. Sprich du mit

ihm, Chugungatte. Sag ihm, daß er gleich gehen soll, wenn er in Frieden gehen will. Kommt es

aber zum Kampfe, so tötet, tötet, tötet bis zum letzten Mann, aber gebt mein Wort kund, daß

nichts Böses unserm Manne widerfahren darf – dem Manne, den meine Tochter geheiratet hat. – Es

ist gut.«

Chugungatte erhob sich und stolperte hinaus; Thom folgte ihm. Als Keen sich aber im Eingang

bückte, hielt Tant latchs Stimme ihn zurück: »Keen, es ist gut, auf mein Wort zu hören. Der

Mann bleibt. Sorge dafür, daß ihm nichts Böses widerfährt.«

Infolge des strategischen Unterrichts von Fairfax kam der Stamm nicht wild und lärmend

angestürzt. Vielmehr herrschte große Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, die Krieger

begnügten sich damit, schweigend, von Deckung zu Deckung kriechend, vorzurücken. Unten am

Flusse und teilweise durch eine kleine Lichtung geschützt, lagen zusammengekauert die Crees

und die Reisenden. Ihre Augen konnten nichts sehen und ihre Ohren nur undeutlich hören, aber

sie fühlten das Leben, daß durch den Wald pulste, die undeutlichen, unbestimmbaren Bewegungen

eines vorrückenden Heeres.

»Verflixt!« brummte Fairfax. »Sie hatten noch nie Pulver gerochen, aber ich hab’ es sie

gelehrt.«

Avery van Brunt lachte, klopfte seine Pfeife aus und steckte sie samt dem Tabaksbeutel

sorgfältig ein. Dann lockerte er das Jagdmesser in der Scheide an seiner Hüfte.

»Wartet nur«, sagte er, »wir wollen euch die Suppe schon versalzen.«

»Wenn sie an meine Lehre denken, greifen sie uns in einzelnen Abteilungen an.«

»Mögen sie. Unsere Magazingewehre sind bereit. Sie wollen es – gut! So möge das erste Blut

fließen! Eine Extraration Tabak, Lom!«

Lom, einer der Crees, hatte eine ungedeckte Schulter entdeckt und ihren Besitzer mit einer

brennenden Kugel über seine Entdeckung belehrt.

»Wenn wir sie nur zum Losbrechen reizen könnten«, murmelte Fairfax. »Wenn wir sie nur zum

Losbrechen reizen könnten.«

Van Brunt sah hinter einem entfernten Baum einen Kopf hervorlugen und brachte den Mann durch

einen schnellen Schuß zu Fall. Er zappelte im Todeskampf auf dem Boden. Michael erledigte

einen dritten, und Fairfax beteiligte sich mit den übrigen ebenfalls am Spiel und feuerte,

sobald jemand sich eine Blöße gab oder ein Busch sich bewegte. Beim Lauf über eine kleine

Niederung, wo es keine Deckung gab, blieben fünf Eingeborene auf ihren Gesichtern liegen, und

links, wo die Deckung nur spärlich war, wurde ein Dutzend getroffen. Aber trotzdem behielten

sie ihre trotzige Hartnäckigkeit und näherten sich vorsichtig und ruhig, ohne Hast, aber auch

ohne Zögern.

Zehn Minuten später, als sie ganz nahe waren, hörten alle Bewegungen auf, der Vormarsch wurde

plötzlich eingestellt, und die Stille, die jetzt folgte, war unheilverkündend und drohend. Es

waren nur die grünen und goldenen Farben des Waldes und der Büsche zu sehen, die in dem ersten

schwachen Hauch des Morgenwindes erschauerten. Die blasse, weiße Morgensonne sprenkelte den

Boden mit langen Schatten und Lichtstreifen. Ein Verwundeter hob den Kopf und kroch

beschwerlich über die Niederung. Michael folgte ihm mit der Büchse, schoß aber nicht. Ein

Pfeifen durchfuhr die unsichtbare Linie von links nach rechts, und ein Schauer von Pfeilen

schwirrte durch die Luft.

»Fertig!« kommandierte van Brunt mit einem metallischen Klang in seiner Stimme. »Jetzt!«

Gleichzeitig brachen sie aus der Deckung hervor. Der Wald wurde plötzlich lebendig. Ein

mächtiges Geheul ertönte, und die Gewehre kläfften in scharfem Trotz. Die Männer des Stammes

begegneten dem Tod mitten im Sprunge, und während sie fielen, fluteten ihre Brüder in einer

brüllenden, unwiderstehlichen Woge über sie hinweg. Allen voran, mit flatterndem Haar und die

Arme schwingend, über gefallene Bäume springend, kam Thom. Fairfax zielte auf sie und hätte

fast abgedrückt, als er sie noch rechtzeitig erkannte.

»Die Frau! Schießt nicht!« rief er. »Seht, sie ist unbewaffnet!«

Die Crees hörten nicht, ebensowenig Michael und sein Kamerad, der andere Reisende, auch nicht

van Brunt, der unaufhörlich schoß. Aber Thom lief unverletzt weiter, auf den Fersen eines

fellbekleideten Jägers, der von seitwärts vor sie gestürzt war. Fairfax leerte sein Magazin

auf die Männer rechts und links von ihr und drehte seinen Gewehrlauf, um den großen Jäger zu

treffen. Aber der Mann schien ihn zu erkennen, schwenkte plötzlich ab und rannte Michael einen

Speer in den Leib. Im nächsten Augenblick hatte Thom ihren Arm um den Hals ihres Gatten

geschlungen und, sich herumwirbelnd, mit Stimme und Bewegung den Schwarm der Angreifer

gespalten. Ein Schock Männer stürzte an beiden Seiten vorüber, und Fairfax stand einen

Augenblick da und betrachtete sie und ihre bronzefarbene Schönheit. Ergriffen und frohlockend

starrte er in unerhörte Tiefen, hatte Gesichte von den seltsamsten Dingen, träumte

unsterbliche Träume. Vage Erinnerungen an die Lehrsätze alter Philosophie und neuer Ethik

gingen ihm durch den Sinn und wunderbare, greifbare, aber schmerzhaft unzusammenhängende

Bilder – Jagdszenen, finstere Waldstrecken, schweigende Schneefelder, Ballsäle mit strahlenden

Lichtern, große Galerien und Vorlesungssäle, das undeutliche Blinken schimmernder

Reagenzgläser, Regale mit langen Bücherreihen, Maschinengeratter und Straßenlärm, Fragmente

eines vergessenen Liedes, Gesichter geliebter Frauen und alter Kameraden, ein einsamer Bach

zwischen ragenden Bergspitzen, fette Täler, Duft von Heu. – Ein Jäger stürzte, von einer Kugel

zwischen den Augen getroffen, plötzlich leblos vornüber, schoß durch die Wucht seines Falles

noch ein Stück über den Boden. Fairfax kam wieder zu sich. Seine Kameraden waren, soweit sie

noch lebten, weit zurück zwischen die Bäume getrieben. Er konnte das leidenschaftliche Heia!

Heia! der Jäger hören, während sie drauflosgingen und mit ihren Waffen aus Knochen und

Elfenbein hieben und stachen. Die Schreie der Gefallenen trafen ihn wie Schläge. Er wußte, daß

der Kampf zu Ende und die Schlacht verloren war, aber alle Überlieferungen und die Treue

seiner Rasse zwangen ihn, sich ins Getümmel zu stürzen, um wenigstens mit seinen Brüdern zu

sterben.

»Mein Mann! Mein Mann!« schrie Thom. »Du bist gerettet!«

Er versuchte, vorwärts zu kommen, aber das Gewicht ihres Körpers hemmte seinen Schritt.

»Es ist unnütz! Sie sind tot, und das Leben ist sehr schön!« Sie hielt seinen Hals fest

umschlungen, umwand ihn mit ihren Beinen, so daß er strauchelte, kämpfen mußte, um wieder auf

die Füße zu kommen, wieder strauchelte und hintenüberfiel. Im Fallen hatte Thom das Sausen

eines gefiederten Pfeiles gehört, der vorbeiflog: sie deckte seinen Leib mit dem ihren wie mit

einem Schilde, während sie ihn immer noch fest mit den Armen umschlungen hielt und Gesicht und

Lippen gegen seinen Hals preßte.

Da erhob Keen sich aus einem wirren Laubdickicht einige Fuß entfernt. Er blickte sich

vorsichtig um. Der Kampf hatte sich verzogen, und der Schrei des letzten Mannes erstarb.

Niemand war zu sehen. Er legte einen Pfeil auf die Bogensehne und warf einen Blick auf den

Mann und die Frau. Zwischen ihrer Brust und ihrem Arm zeigte sich das weiße Fleisch der Flanke

des Mannes. Keen spannte den Bogen und zog den Pfeil bis zur Spitze zurück. Zweimal tat er es,

ruhig und um seines Schusses sicher zu sein. Dann ließ er das mit knöchernen Widerhaken

versehene Geschoß gerade in das weiße Fleisch fliegen, das nie weißer leuchtete als in der

dunkelarmigen, dunkelbrüstigen Umarmung.

* * *

Das Gesetz des Lebens

Der alte Koskoosh lauschte begierig. Obwohl er längst das Augenlicht verloren hatte, waren

seine Ohren doch noch scharf, und das schwächste Geräusch drang zu der Intelligenz, die noch

hinter seiner welken Stirn glimmte, aber nicht mehr auf die Dinge dieser Welt blickte. Aha!

Das war Sit-cum-to-ha, die mit schriller Stimme die Hunde ausschalt, während sie sie puffte

und schlug, damit sie sich einspannen ließen. Sit-cum-to-ha war die Tochter seiner Tochter,

aber sie war zu sehr in Anspruch genommen, um einen Gedanken an ihren altersschwachen

Großvater zu verschwenden, der allein, einsam und hilflos, dort im Schnee saß. Das Lager mußte

abgebrochen werden. Der weite Weg wartete, und der kurze Tag zögerte nicht. Das Leben rief

sie, das Leben und die Pflichten des Lebens, nicht der Tod. Und er war dem Tode jetzt sehr

nahe.

Der Gedanke flößte dem alten Manne einen Augenblick Schrecken ein, und er streckte die

gichtige Hand aus, die zitternd über dem kleinen Haufen trockenen Holzes neben ihm hin und her

fuhr. Als er sich vergewissert hatte, daß er wirklich da war, kehrte seine Hand in den Schutz

seines räudigen Pelzes zurück, und er lauschte wieder. Das widrige Knarren halbgefrorener

Felle sagte ihm, daß die Elchhäute, vom Zelt des Häuptlings heruntergeholt, in tragbare Form

geknetet und gepreßt wurden. Der Häuptling war sein Sohn, stark und kraftvoll, der beste Mann

des Stammes und ein mächtiger Jäger. Während die Weiber sich mit dem Lagergepäck abplagten,

erscholl seine Stimme, die sie ihrer Langsamkeit wegen ausschalt. Der alte Koskoosh spitzte

die Ohren. Es war das letztemal, daß er die Stimme hören sollte. Jetzt fiel Geehows Zelt! Und

nun Tuskens! Sieben, acht, neun; jetzt konnte nur noch das des Schamanen stehen. So! Jetzt

arbeiteten sie daran. Er konnte den Schamanen brummen hören, während er es auf dem Schlitten

aufstapelte. Ein Kind wimmerte, und eine Frau beruhigte es mit sanften, klagenden Kehllauten.

Die kleine Kootee, dachte der alte Mann, ein unruhiges Kind und nicht sehr kräftig. Es starb

vielleicht bald, und dann brannten sie ein Loch in die gefrorene Tundra und häuften Steine

darüber, um den Vielfraß abzuhalten. Nun ja, was machte das? Wenige Jahre bestenfalls, und

ebensooft ein leerer Magen wie ein voller. Und zuletzt wartete der Tod, der immer Hungrige,

der Hungrigste von allen.

Was war das? Oh, die Männer schirrten die Schlitten an und zogen die Leinen fest. Er lauschte,

er, der nie mehr lauschen sollte. Die Peitschenhiebe sausten und schnitten in die Hunde.

Horch, wie sie heulten! Wie sie die Arbeit und die Reise haßten! Jetzt zogen sie an! Schlitten

auf Schlitten schwankte langsam in das Schweigen hinaus. Sie waren fort. Waren aus seinem

Leben geglitten, und er sah allein der letzten bitteren Stunde ins Angesicht. Nein. Der Schnee

knirschte unter einem Mokassin. Ein Mann stand neben ihm, und eine Hand legte sich weich auf

sein Haupt. Sein Sohn war gut, daß er dies tat. Er erinnerte sich anderer alter Männer, deren

Söhne nicht geblieben waren, als der Stamm fortzog. Aber sein Sohn war geblieben. Seine

Gedanken verloren sich in der Vergangenheit, bis die Stimme des jungen Mannes ihn zurückrief.

»Geht es dir gut?« fragte er.

Und der alte Mann antwortete: »Es geht mir gut.«

»Es liegt Holz neben dir«, fuhr der Jüngere fort, »und das Feuer brennt hell. Der Morgen ist

trübe, und die Kälte hat nachgelassen. Es wird gleich schneien. Gerade jetzt fängt es an.«

»Ja, es schneit schon.«

»Der Stamm hat Eile. Die Lasten sind schwer und ihre Leiber flach aus Mangel an Nahrung. Der

Weg ist weit, und sie reisen schnell. Ich gehe jetzt. Ist es gut?«

»Ja, es ist gut. Ich bin wie das letzte Blatt des Jahres, das noch lose am Stamme hängt. Der

erste Windhauch, und ich falle. Meine Stimme ist wie die eines alten Weibes geworden. Meinen

Augen zeigen den Füßen nicht mehr den Weg, und meine Füße sind schwer, und ich bin müde. Es

ist gut.«

Er neigte ergeben das Haupt, bis der letzte Laut des knirschenden Schnees erstorben war und er

wußte, daß er seinen Sohn nicht mehr zurückrufen konnte. Dann tastete seine Hand schnell nach

dem Holze. Das war das einzige, das noch zwischen ihm und der Ewigkeit stand, die über ihn

hereinbrach. Zu guter Letzt war sein Leben nach einer Handvoll Scheite zu messen. Eines nach

dem andern würde schwinden, um das Feuer zu nähren, und Schritt für Schritt würde sich der Tod

an ihn heranschleichen. Wenn das letzte Scheit seine Wärme abgegeben hatte, würde die Kälte

ihre Kräfte sammeln. Zuerst würden die Füße nachgeben, dann die Hände, und langsam würde die

Starre der Glieder den Leib ergreifen. Sein Haupt würde auf die Knie fallen, und er würde Ruhe

haben. Das war ganz leicht. Alle Menschen mußten sterben.

Er beklagte sich nicht. Das war das Gesetz des Lebens, und es war recht so. Dicht an der Erde

war er geboren, dicht an der Erde hatte er gelebt, und ihr Gesetz war ihm daher nicht neu. Es

war das Gesetz allen Fleisches. Die Natur war nicht gütig gegen das Fleisch. Es galt ihr

nichts das greifbare Ding, das man Individuum nannte, ihre Sorge galt nur der Art, der Rasse.

Dies war die tiefste Abstraktion, der der barbarische Geist des alten Koskoosh fähig war, aber

sie hatte er auch mit festem Griff gepackt.

In allem Lebendigen sah er Beispiele dafür. Das Steigen des Pflanzensaftes, das aufbrechende

Grün der Weidenknospe, der Fall des gelben Laubes – schon darin lag alles. Aber eine Aufgabe

stellte die Natur dem Individuum. Löste es sie nicht, so starb es. Löste es sie – gleichviel

–, es starb dennoch. Der Natur war es gleichgültig: Es waren unzählige, die gehorchten, und

nur der Gehorsam, nicht der Gehorchende, lebte und lebte ewig.

Koskoosh’ Stamm war sehr alt. Die Alten Männer, die er als Knabe gekannt, hatten alte Männer

vor ihnen gekannt. So war es also wahr, daß der Stamm lebte, daß er für den Gehorsam all

seiner Glieder, deren Gräber unbekannt waren, bis in die vergessene Vorzeit einstand. Sie

zählten nicht, sie waren Episoden. Sie waren entschwunden wie die Wolken an einem

Sommerhimmel. Auch er war eine Episode und würde verschwinden. Die Natur kümmerte sich nicht

darum. Sie stellte dem Leben nur eine Aufgabe, gab nur ein Gesetz. Sich fortzupflanzen war die

Aufgabe des Lebens, sein Gesetz der Tod. Eine Jungfrau war schön anzusehen, stark und mit

vollen Brüsten, den Frühling in ihrem Gange und Licht in ihren Augen. Aber ihre Aufgabe lag

noch vor ihr. Das Licht in ihren Augen wurde noch heller, ihr Schritt schneller, sie war den

jungen Männern gegenüber bald keck, bald furchtsam und teilte ihnen ihre eigene Unruhe mit.

Und immer schöner und schöner wurde sie, bis irgendein Jäger sie in sein Zelt nahm, wo sie ihm

sein Essen bereitete, für ihn arbeitete und die Mutter seiner Kinder wurde. Und wenn ihre

Nachkommenschaft kam, verfiel ihre Schönheit. Ihre Glieder wurden langsam und träge, ihre

Augen stumpf und trübe, und nur die kleinen Kinder freuten sich noch an der runzligen Wange

der alten Squaw am Lagerfeuer. Ihre Aufgabe war gelöst. Nur eine kurze Weile, und bei der

ersten Hungersnot, beim ersten langen Marsch wurde sie zurückgelassen, wie es ihm geschehen

war, mit einem Häufchen Reisig im Schnee. So war das Gesetz.

Er legte behutsam ein Scheit in das Feuer und gab sich wieder seinen Betrachtungen hin.

Überall und mit allen Wesen war es dasselbe. Die Moskitos verschwanden beim ersten Frost. Das

kleine Eichhörnchen verkroch sich, um zu sterben. Wenn das Kaninchen alterte, wurde es langsam

und dick und konnte seinen Feinden nicht mehr entkommen. Selbst der große Hirsch wurde

schwerfällig und blind und zänkisch und konnte zuletzt von einer Handvoll kläffender junger

Hunde gefällt werden.

Er dachte daran, wie er seinen eigenen Vater eines Winters am Oberlaufe des Klondike verlassen

hatte, den Winter, bevor der Missionar mit seinen Büchern voll von Geschwätz und seiner Kiste

voll von Medizin gekommen war. Oft hatte Koskoosh in der Erinnerung an die Kiste mit der Zunge

geschnalzt, aber jetzt wollte ihm das Wasser im Munde nicht mehr zusammenlaufen. Der

»Schmerzstiller« war besonders gut gewesen. Aber der Missionar war schließlich doch eine

Plage, denn er brachte kein Fleisch ins Lager, aß aber für drei, und die Jäger murrten. Aber

an der Wasserscheide von Mayo bekam er Lungenentzündung, und nachher stießen die Hunde die

Steine weg und balgten sich um seine Knochen.

Koskoosh legte noch ein Scheit aufs Feuer und ließ seine Gedanken weiter zurück in die

Vergangenheit schweifen. Da war die Zeit der großen Hungersnot, als die Männer sich mit leerem

Magen ums Feuer kauerten und düstere Sagen von den alten Zeiten erzählten, als der Yukon drei

Winter lang breit und offen dahinströmte, dafür aber in drei Sommern zu Eis erstarrte. Er

hatte seine Mutter bei der Hungersnot verloren. Im Sommer hatte die Laichzeit der Lachse einen

Fehlschlag ergeben, und der Stamm hatte sich mit der Hoffnung auf den Winter und das

Erscheinen der Rene getröstet. Und dann kam der Winter, aber kein Ren. Nie war so etwas

geschehen, selbst die ältesten Männer hatten es nicht erlebt. Aber das Ren kam nicht, und es

war das siebente Jahr, und die Kaninchen hatten sich nicht vermehrt, und die Hunde bestanden

nur noch aus Haut und Knochen. Und in der langen Finsternis weinten und starben Kinder und

Frauen und alte Männer, und nicht einer von zehn im Stamme lebte noch, um die Sonne willkommen

zu heißen, als sie im Frühling wiederkehrte. Das war eine Hungersnot!

Aber er hatte auch Zeiten der Fülle erlebt, da das Fleisch verfaulte und die Hunde vor

Übersättigung faul und untauglich waren – Zeiten, da sie das Wild laufen ließen, ohne es zu

erlegen, da die Frauen fruchtbar und die Zelte überfüllt waren von krabbelnden Knaben und

Mädchen.

Da geschah es, daß die Männer übermütig wurden, alte Streitigkeiten wiederaufnahmen, über die

Wasserscheide nach Süden gingen, um die Pellys zu töten, und nach Westen, um an den

ausgebrannten Feuern der Tananas zu sitzen.

Er erinnerte sich, als Knabe in einer guten Zeit gesehen zu haben, wie ein Elch von Wölfen

getötet wurde. Zing-ha lag neben ihm im Schnee und sah zu – Zing-ha, der später der listigste

Jäger wurde und der schließlich durch eine Wake in den Yukon fiel. Sie fanden ihn einen Monat

später. Er war halb herausgekrochen und zu Eis gefroren.

Aber der Elch. Er war an dem Tage mit Zing-ha fortgegangen, um Jäger zu spielen. Am Bache

hatten sie die frische Fährte eines Elchs und gleichzeitig eine Menge Wolfsfährten gefunden.

»Ein alter Bursche«, sagte Zing-ha, der die Zeichen schneller lesen konnte, »ein alter

Bursche, der dem Rudel nicht mehr folgen kann. Die Wölfe haben ihn von seinen Brüdern

getrennt, und jetzt lassen sie nicht mehr von ihm ab.«

Und so war es. Das war nun einmal ihre Art. Tag und Nacht, ohne Rast und Ruhe, knurrten sie

dicht hinter ihm, schnappten nach seiner Schnauze, wollten ihn verfolgen bis zum Ende. Wie in

Zing-ha und ihm der Blutdurst erwachte! Das Ende mußte sehenswert sein!

Schnellfüßig folgten sie der Fährte, und selbst er, Koskoosh, dessen Auge nicht so scharf und

der ein ungeübter Spürer war, hätte ihr blind folgen können, so breit war sie. Sie waren dicht

hinter der Beute her und konnten mit jedem Schritt die furchtbare, soeben geschriebene

Tragödie lesen.

Jetzt kamen sie an eine Stelle, wo der Elch haltgemacht hatte. Auf die dreifache Länge eines

erwachsenen Mannes war der Schnee nach allen Richtungen zerstampft und fortgeschleudert. In

der Mitte waren die tiefen Eindrücke von den breiten Hufen des Wildes und ringsherum die

leichteren Fußspuren der Wölfe. Einige hatten sich, während ihre Brüder die Beute umsprangen,

seitwärts niedergelegt und ausgeruht. Die Eindrücke ihrer ausgestreckten Körper waren so

deutlich im Schnee, als wären sie soeben erst entstanden. Ein Wolf war bei dem wilden Ansprung

von dem wütenden Opfer abgefangen und zu Tode gestampft worden. Eine wenige reingenagte

Knochen zeugten davon.

Wieder hielten sie ihre Schneeschuhe an. Hier hatte das große Tier verzweifelt gekämpft.

Zweimal war es, wie der Schnee zeigte, zu Boden gerissen worden, und zweimal hatte es seine

Angreifer abgeschüttelt und war wieder auf die Beine gekommen. Seine Aufgabe hatte es längst

gelöst, aber dennoch war ihm das Leben noch lieb gewesen. Zing-ha sagte, es wäre etwas

Seltenes, daß ein Elch, der einmal niedergerissen war, wieder freikäme, aber hier war es

unleugbar geschehen. Der Schamane würde Zeichen und Wunder darin gesehen haben, wenn sie es

ihm erzählt hätten.

Und nun hatten sie die Stelle erreicht, wo der Elch versucht hatte, den Hang hinaufzusteigen

und den Wald zu gewinnen. Aber seine Feinde hatten ihn von hinten angegriffen, so daß er sich

gebäumt, sich überschlagen und zwei von ihnen zermalmt und tief in den Schnee gepreßt hatte.

Es war klar, daß das Ende bevorstand, denn die Wölfe hatten ihre gefallenen Brüder nicht

angerührt.

Sie eilten weiter, an zwei Stellen vorbei, wo das Tier wieder haltgemacht hatte, wenn auch nur

ganz kurze Zeit. Jetzt war die Fährte rot, und die weiten Schritte des großen Tieres waren

kürzer und wankend geworden. Und dann hörten sie das erste Geräusch des Kampfes – nicht den

vollen Jagdchor, sondern das kurze, knurrende Kläffen, das von Nahkampf und von im Fleisch

vergrabenen Zähnen erzählte.

Auf dem Bauche kroch Zing-ha gegen den Wind durch den Schnee, und zusammen mit ihm kroch er,

Koskoosh, der im nächsten Jahre Häuptling des Stammes werden sollte. Sie schoben sich zusammen

unter die Zweige einer jungen Fichte und spähten vorwärts. Es war das Ende, das sie sahen.

Dies Bild stand, wie alle Jugendeindrücke, noch klar vor ihm, und seine stumpfen Augen sahen

das Ende ebenso lebendig, wie es sich in jener fernen Zeit abgespielt hatte. Koskoosh wunderte

sich darüber, denn in den folgenden Tagen, als er der Führer von Männern und das Haupt der

Berater gewesen, hatte er große Taten ausgeführt und seinen Namen zum Fluch im Munde der

Pellys gemacht, gar nicht zu reden von den fremden weißen Männern, die er, Messer gegen

Messer, in offenem Kampfe getötet hatte. Lange grübelte er über die Tage seiner Jugend, bis

das Feuer zusammensank und der Frost zu schneiden begann.

Diesmal legte er zwei Scheite auf und maß sein Leben an dem Holz, was noch übrig war. Hätte

Sit-cum-to-ha an ihren Großvater gedacht und einen größeren Armvoll gesammelt, hätten seine

Stunden länger gedauert. Das wäre leicht gewesen. Aber sie war stets ein gleichgültiges Kind

gewesen und hatte nichts für die Alten übrig gehabt seit der Stunde, da der Biber, der Sohn

von Zing-has Sohn, sein Auge auf sie geworfen hatte.

Nun, was tat es? Hatte er nicht in seiner eigenen unbedachtsamen Jugend ebenso gehandelt?

Eine Weile lauschte er auf die Stille. Vielleicht wurde das Herz seines Sohnes weich, und er

kehrte mit den Hunden zurück, um seinen alten Vater mit dem Stamme weiterzubringen bis zu

einer Stelle, wo die Rene zahlreich waren und ihnen die Bäuche schwer von Fett hingen. Er

strengte sein Ohr an, sein ruheloses Gehirn wurde einen Augenblick still. Nichts regte sich,

nichts. Er allein atmete mitten in der großen Stille. Es war sehr einsam.

Horch, was war das?

Ein kalter Schauer rann über seinen Körper.

Das wohlbekannte, langgezogene Geheul durchbrach die Stille, ganz nahe. Und dann sahen seine

trüben Augen das Bild des Elches – des alten Elchbullen –, der mit zerrissenen Flanken und

blutigen Seiten, wirrer Mähne und das große verzweigte Geweih auf den Boden gesenkt, bis zum

letzten kämpfte. Er sah die blitzschnellen grauen Gestalten, die schimmernden Augen, die

lechzenden Zungen, die triefenden Fangzähne. Und er sah, wie der unerbittliche Kreis sich

schloß, bis er zu einem dunklen Punkte mitten in dem zerstampften Schnee wurde.

Eine kalte Schnauze stieß gegen seine Wange, und bei dieser Berührung sprang seine Seele

wieder in die Gegenwart. Seine Hand fuhr ins Feuer und zog ein brennendes Scheit heraus. Einen

Augenblick, von seiner ererbten Furcht vor dem Menschen überwältigt, zog das Tier sich zurück

und schickte seinen Brüdern einen langgezogenen Ruf, und die antworteten gierig, bis sich ein

Kreis zusammengekrochener, geifernder grauer Tiere um ihn schloß. Der alte Mann spürte, wie

dieser Kreis enger wurde. Er schwang wild seinen Brand, und das Schnaufen wurde zum Knurren,

aber die keuchenden Bestien wollten nicht weichen. Jetzt schlängelte sich eine, den Hinterleib

nachziehend, vorwärts, jetzt eine zweite, jetzt eine dritte, aber keine einzige wich zurück.

Warum sich ans Leben klammern? fragte er sich und ließ das flammende Scheit in den Schnee

fallen. Es zischte und erlosch. Der Kreis knurrte unruhig, blieb aber liegen.

Wieder sah er den letzten Kampf des alten Elchbullen, und Koskoosh ließ das Haupt müde auf die

Knie sinken. Was tat es schließlich? War es nicht das Gesetz des Lebens?

* * *

Nam-Bok, der Lügner

»Eine Bidarka, nicht wahr? Schau, eine Bidarka, und ein Mann, der sie ungeschickt mit einem

Paddel rudert!«

Die alte Bask-Wah-Wan erhob sich, vor Kraftlosigkeit und Eifer zitternd, auf die Knie und

starrte übers Meer hinaus. »Nam-Bok war immer ungeschickt mit dem Ruder«, murmelte sie, sich

erinnernd, beschattete die Augen gegen die Sonne und spähte über das silberfunkelnde Wasser.

»Nam-Bok war immer ungeschickt. Ich weiß noch…«

Aber Frauen und Kinder lachten laut, und in ihrem Lachen lag ein sanfter Spott. Bask-Wah-Wans

Stimme wurde leiser, bis ihre Lippen sich nur noch lautlos bewegten.

Koogah hob das ergraute Haupt von seiner Beinschnitzerei und folgte ihrem Blick. Eine Bidarka

näherte sich dem Strande, wurde nur hin und wieder von heftigen Böen abgetrieben. Ihr Besitzer

ruderte mit mehr Kraft als Geschicklichkeit und kam in mühseligstem Zickzack näher. Koogah

ließ sein Haupt wieder auf die Arbeit sinken und kratzte in den Elfenbeinhauer zwischen seinen

Knien die Rückenflosse eines Fisches, desgleichen nie im Meere geschwommen war.

»Es ist zweifellos der Mann aus dem Nachbardorfe«, sagte er abschließend. »Er kommt, um mich

über das Schnitzen in Bein zu Rate zu ziehen. Und der Mann ist ein ungeschickter Bursche. Er

wird es nie lernen.«

»Es ist Nam-Bok«, wiederholte die alte Bask-Wah-Wan. »Sollte ich meinen eigenen Sohn nicht

kennen?« fragte sie schrill. »Ich sage und ich sage es wieder: Es ist Nam-Bok.«

»Und das hast du viele Sommer gesagt«, spottete eine der Frauen sanft. »Immer, wenn das Eis

auf dem Meere schmolz, saßest du hier und hieltest den lieben langen Tag Wache, und bei jedem

Kanu sagtest du: ›Das ist Nam-Bok.‹ Nam-Bok ist tot, Bask-Wah-Wan, und die Toten kehren nicht

wieder. Es ist unmöglich, daß die Toten wiederkehren.«

»Nam-Bok!« rief die alte Frau so laut und deutlich, daß das ganze Dorf sie verblüfft

anblickte.

Sie kam mit Anstrengung auf die Beine und wankte über den Sand hinab. Sie stolperte über ein

Kind, das in der Sonne lag, und die Mutter beschwichtigte sein Weinen und rief der alten Frau

harte Worte nach, ohne daß diese sich jedoch darum kümmerte. Die Kinder liefen ihr zum Strande

voraus, und während der Mann in der Bidarka immer näher kam und das Boot in seiner

Ungeschicklichkeit fast zum Kentern gebracht hätte, kamen die Frauen ihr nach. Koogah ließ

seinen Walroßzahn fallen und folgte, schwer auf seinen Stock gestützt, und die andern Männer

schlenderten zu zweien oder dreien hinter ihm her.

Die Bidarka wandte dem Lande die Breitseite zu, und der Wellenschlag drohte sie zu füllen,

aber ein nackter Knabe lief ins Wasser und zog den Bug hoch auf den Strand. Der Mann erhob

sich und warf einen fragenden Blick über die Reihe der Dorfbewohner. Eine bunte Wolljacke

hing, schmutzig und abgenutzt, über seiner breiten Schulter, und er hatte ein rotes

Taschentuch nach Matrosenart um den Hals gebunden. Eine Fischermütze auf seinem

kurzgeschorenen Kopfe, Wollhosen und schwere Schuhe vervollständigten seine Kleidung.

Aber nichtsdestoweniger war er eine merkwürdige Erscheinung für diese einfachen Fischer im

großen Yukon-Delta, die ihr ganzes Leben lang übers Beringmeer gestarrt und in der ganzen Zeit

nur zwei weiße Männer gesehen hatten – den Volkszählungsbeamten und einen Jesuitenpater, der

sich verirrt hatte. Sie waren arm, ihr Erdboden enthielt kein Gold, ihre Jagd brachte kein

wertvolles Pelzwerk, so daß die Weißen sie stets hatten links liegenlassen. Dazu hatte der

Yukon in den Jahrtausenden das Meer in der Nähe mit Alaskakies gefüllt und seicht gemacht, so

daß die Schiffe auf Grund stießen, ehe sie das Land in Sicht bekamen. Daher wurde die feuchte

Küste mit ihren weiten Lagunen und den großen Barrieren schlammiger Inseln von den Schiffen

der Weißen gemieden, und die Fischer wußten nicht einmal, daß solche Wesen existierten.

Koogah, der Beinschnitzer, zog sich in plötzlicher Eile zurück, stolperte über seinen Stock

und fiel hin. »Nam-Bok!« rief er, während er erschrocken wieder auf die Füße zu kommen suchte.

»Nam-Bok, der aufs Meer hinausgeweht wurde, ist zurückgekehrt!«

Männer und Frauen schauderten zurück, und die Kinder liefen ihnen zwischen den Beinen fort.

Nur Opee-Kwan war kühn, wie es sich für den Dorfhäuptling ziemte. Er trat vor und starrte den

Ankömmling lange und ernst an.

»Es ist Nam-Bok«, sagte er schließlich, und bei dem überzeugten Klang seiner Stimme heulten

die Weiber furchtsam und zogen sich weiter zurück.

Die Lippen des Fremden bewegten sich unentschlossen, und sein brauner Hals wand sich und

kämpfte mit unausgesprochenen Worten.

»La, la, es ist Nam-Bok«, sang Bask-Wah-Wan, während sie ihm ins Gesicht blickte. »Ich habe

immer gesagt, daß Nam-Bok zurückkehren würde.«

»Ja, es ist Nam-Bok, der zurückgekehrt ist.« Diesmal war es Nam-Bok selbst, der sprach, indem

er ein Bein über den Rand der Bidarka streckte und mit dem einen Fuß im Boote, mit dem andern

an Land stehenblieb. Wieder wand sich sein Hals und kämpfte, während er nach vergessenen

Worten suchte. Und als die Worte kamen, war ihr Klang seltsam, und ein Sprudeln der Lippen

begleitete die Kehllaute. »Seid gegrüßt, o Brüder«, sagte er, »Brüder aus alter Zeit, ehe der

Festlandwind mich entführte.«

Er trat mit beiden Füßen auf den Strand, aber Opee-Kwan winkte ihn zurück.

»Du bist tot, Nam-Bok«, sagte er.

Nam-Bok lachte. »Ich bin dick.«

»Tote sind nicht dick«, räumte Opee-Kwan ein. »Es geht dir gut, aber es ist seltsam. Niemand

kann sich mit dem Festlandwind paaren und nach Jahren zurückkehren.«

»Ich bin zurückgekehrt«, antwortete Nam-Bok einfach.

»Vielleicht bist du aber doch ein Schatten, ein Schatten, der kommt und geht, ein Schatten des

Nam-Bok, der lebte. Schatten können wiederkehren.«

»Ich bin hungrig. Schatten essen nicht.«

Aber Opee-Kwan war unschlüssig und strich sich in trauriger Verwirrung mit der Hand über die

Stirn. Nam-Bok war gleichfalls verwirrt. Er blickte auf und die Reihe entlang, fand aber kein

Willkommen in den Augen der Fischer. Männer und Frauen flüsterten zusammen. Die Kinder zogen

sich ängstlich zwischen die Erwachsenen zurück, und den Hunden sträubten sich die Haare, sie

krochen zu ihm und beschnupperten ihn mißtrauisch.

»Ich gebar dich, Nam-Bok, und ich säugte dich, als du klein warst«, wimmerte Bask-Wah-Wan und

kam näher, »und magst du nun ein Schatten sein oder nicht, so will ich dir doch zu essen

geben.«

Nam-Bok machte eine Bewegung, als wollte er auf sie zutreten, aber ein furchtsames und

drohendes Murren hielt ihn zurück. Er sagte etwas in einer fremden Sprache, das wie »den

Teufel auch« klang, und fügte hinzu: »Kein Schatten bin ich, sondern ein Mensch.«

»Wer kann diese geheimnisvollen Dinge begreifen?« fragte Opee-Kwan halb bei sich, halb zu

seinem Stamme gewandt. »Wir sind, und einen Atemzug später sind wir nicht mehr. Wenn ein

Mensch zum Schatten werden kann, kann dann ein Schatten nicht auch zum Menschen werden? Nam-

Bok war, aber er ist nicht. Das wissen wir, aber wir wissen nicht, ob dies Nam-Bok ist oder

Nam-Boks Schatten.«

Nam-Bok räusperte sich und antwortete: »In alten, längst vergangenen Tagen zog deines Vaters

Vater, Opee-Kwan, fort und kam erst nach Jahren wieder. Und ihm wurde nicht der Platz am Feuer

verweigert. Man sagt…« Er machte eine bedeutungsvolle Pause, und sie lauschten. »Man sagt«,

wiederholte er und betonte absichtlich das Folgende, »daß Sipsip, seine Klooch, ihm nach

seiner Heimkehr zwei Söhne gebar.«

»Aber er hatte nichts mit dem Festlandwinde zu schaffen«, antwortete Opee-Kwan. »Er zog ins

Herz des Landes, und es ist nur natürlich, daß der Mensch immer tiefer ins Land hineingehen

kann.«

»Und ebenso auf dem Meere. Aber das hat nichts damit zu tun. Man sagt, daß deines Vater

seltsame Geschichten von dem erzählte, was er gesehen hatte.«

»Ja, seltsame Geschichten erzählte er.«

»Ich habe auch seltsame Geschichten zu erzählen«, erklärte Nam-Bok einschmeichelnd. Und als

sie wankten: »Und Geschenke habe ich auch.«

Aus der Bidarka nahm er einen Schal, wunderbar von Stoff und Farbe, und warf ihn seiner Mutter

um die Schulter. Die Frauen stöhnten im Chor vor Bewunderung, und die alte Bask-Wah-Wan rollte

den bunten Stoff zwischen den Fingern, streichelte ihn und sang leise in kindischer Freude.

»Er hat Geschichten zu erzählen«, murmelte Koogah.

»Und Geschenke«, half eine Frau ihm.

Und Opee-Kwan wußte, daß sein Volk eifrig war, und vor allem spürte er selbst eine kribbelnde

Neugier nach diesen noch nicht erzählten Geschichten. »Der Fischfang ist gut gewesen«, sagte

er einsichtsvoll. »Und wir haben Tran die Menge. Also komm, Nam-Bok, laß uns schmausen.«

Zwei Männer hoben die Bidarka auf ihre Schultern und trugen sie zum Feuer. Nam-Bok ging neben

Opee-Kwan, und die Dorfbewohner folgten ihnen mit Ausnahme einiger Weiber, die einen

Augenblick zögerten, um den Schal mit zärtlichen Fingern zu betasten.

Während des Schmauses wurde nicht viel gesprochen, obwohl viele neugierige Blicke auf Bask-

Wah-Wans Sohn fielen. Das störte ihn zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern weil der Gestank

des Robbentrans ihm den Appetit geraubt hatte und er aufrichtig wünschte, seine Gefühle in

dieser Beziehung zu verbergen.

»Iß, du bist hungrig«, gebot Opee-Kwan ihm, und Nam-Bok schloß beide Augen und griff mit der

Hand in den großen Topf mit verfaultem Fisch.

»La, la, zier dich nicht. Es gab viele Robben heuer, und starke Männer sind immer hungrig.«

Und Bask-Wah-Wan tunkte ein besonders widerliches Stück Lachs in den Tran und reichte den

triefenden Bissen zärtlich ihrem Sohne.

Als warnende Anzeichen ihm bedeuteten, daß sein Magen nicht mehr so widerstandsfähig wie in

alten Tagen war, stopfte er verzweifelt seine Pfeife und begann zu paffen. Die Leute fraßen

lärmend weiter und sahen zu. Nur wenige von ihnen konnten sich näherer Bekanntschaft mit dem

kostbaren Kraut Tabak rühmen, obwohl sie hin und wieder geringe Mengen, freilich von

abscheulicher Qualität, von Eskimos aus dem Norden kaufen konnten. Koogah, der neben ihm saß,

ließ verstehen, daß er nichts dagegen habe, auch einen Zug zu tun, und zwischen zwei Bissen

sog er mit Lippen, die dick mit Tran beschmiert waren, an der Bernsteinspitze drauflos. Und

hierauf hielt Nam-Bok sich mit zitternder Hand den Magen und lehnte es ab, die Pfeife

zurückzunehmen, als sie ihm wieder angeboten wurde. Koogah könnte sie gern behalten, sagte er,

denn er habe von Anfang an die Absicht gehabt, ihn damit zu beehren. Und die Leute leckten

sich die Finger und freuten sich über seine Freigebigkeit.

Opee-Kwan erhob sich. »Und jetzt, o Nam-Bok, ist der Schmaus zu Ende, und wir wollen die

Geschichten von den seltsamen Dingen hören, die du gesehen hast.«

Die Fischer klatschten Beifall, nahmen ihre Arbeit zur Hand und machten sich bereit, zu

lauschen. Die Männer befestigten Speerspitzen an die Schäfte und schnitzten in Elfenbein,

während die Frauen den Speck von den Robbenfellen schrapten und sie aufweichten oder mit

Sehnenfaden Kamicker nähten. Nam-Bok ließ seine Blicke über die Szene schweifen, aber sie

hatte nicht den Reiz, den seine Erinnerung ihn hatte erwarten lassen. In den Jahren seiner

Wanderung hatte er stets diese Szene vor Augen gehabt, und jetzt, da sie gekommen, war er

enttäuscht. Es schien ihm ein nacktes mageres Leben, nicht zu vergleichen mit dem, an das er

sich gewöhnt hatte. Aber dennoch wollte er ihnen die Augen ein wenig öffnen, und bei dem

Gedanken funkelten die seinen.

»Brüder«, begann er mit der behaglichen Selbstzufriedenheit eines Mannes, der im Begriffe ist,

seine eigenen großen Taten zu erzählen. »Letzten Sommer waren es schon viele Sommer her, seit

ich fortzog, gerade in solchem Wetter, wie dies zu werden scheint. Ihr erinnert euch alle des

Tages: die Möwen flogen niedrig, der Wind wehte stark vom Lande her, und ich konnte meine

Bidarka nicht gegen ihn halten. Ich band den Überzug der Bidarka dicht um mich zusammen, so

daß kein Wasser eindringen konnte, und kämpfte die ganze Nacht mit dem Sturm. Und am Morgen

war kein Land zu sehen – nur das Meer –, und der Festlandwind hielt mich fest in seinen Armen

und trug mich fort. Drei solcher Nächte erhellten sich zum Tagesgrauen, und kein Land zeigte

sich mir, und der Festlandwind wollte mich nicht loslassen. Und als der vierte Tag kam, war

ich wie von Sinnen. Von Hunger geschwächt, konnte ich das Ruder nicht ins Wasser stecken, und

der Kopf wirbelte mir von dem Durst, der über mir war. Aber das Meer war nicht mehr zornig,

und der milde Südwind blies, und als ich mich umsah, hatte ich einen Anblick, der mich glauben

ließ, daß ich den Verstand verloren hätte.«

Nam-Bok schwieg, um ein Stückchen Lachs zu entfernen, das sich zwischen seinen Zähnen

festgesetzt hatte. Männer und Frauen warteten mit müßigen Händen und vorgebeugten Köpfen.

»Ich erblickte ein Kanu, ein großes Kanu. Wenn alle Kanus, die ihr je gesehen habt, zu einem

einzigen vereinigt würden, so wäre es nicht so groß.«

Ausrufe von Zweifel wurden laut, und Koogah, der Uralte, schüttelte den Kopf.

»Wenn jede Bidarka ein Sandkorn wäre«, fuhr Nam-Bok trotzig fort, »und wenn es ebenso viele

Bidarkas gäbe wie Sandkörner hier am Strande, so würden sie dennoch kein so großes Kanu

ausmachen wie das, welches ich am Morgen des vierten Tages sah. Es war ein sehr großes Kanu

und wurde Schoner genannt. Ich sah, wie dieses Wunderding, dieser große Schoner, hinter mir

herkam, und auf ihm sah ich Männer…«

»Halt, o Nam-Bok!« unterbrach Opee-Kwan ihn. »Was für eine Art von Männern war das? – Große

Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich.«

»Kam das große Kanu schnell?«

»Ja.«

»Seine Seiten waren hoch und die Männer klein.«

Opee-Kwan bekräftigte diese Voraussetzungen in überzeugtem Ton. »Und ruderten diese Männer mit

langen Paddeln?«

Nam-Bok lächelte. »Es waren gar keine Paddel da«, sagte er.

Die Münder blieben offen, und ein langes Schweigen trat ein. Opee-Kwan lieh sich die Pfeife

von Koogah und machte ein paar nachdenkliche Züge. Eine der jüngeren Frauen kicherte erregt

und zog sich dafür zornige Blicke zu.

»Es waren keine Paddel da?« fragte Opee-Kwan sanft, indem er die Pfeife zurückgab.

»Der Südwind stand hinter ihnen«, erklärte ihm Nam-Bok.

»Aber der Wind treibt nur langsam.«

»Der Schoner hatte Flügel – so.« Er entwarf eine Zeichnung von Masten und Segeln im Sande, und

die Männer scharten sich darum und studierten sie. »Der Wind frischte auf«, und zur

Veranschaulichung ergriff er die Ecken vom Schal seiner Mutter und spannte ihn auf, bis er wie

ein Segel schwoll. Bask-Wah-Wan schalt und wehrte sich, wurde jedoch ein ganzes Stück den

Strand hinuntergeweht und landete hilflos auf einem Stapel Treibholz. Die Männer grunzten klug

und verständnisvoll, Koogah aber warf plötzlich sein graues Haupt hintenüber.

»Ho! Ho!« lachte er. »Ein verrücktes Ding, dies große Kanu! Ein ganz verrücktes Ding! Ein

Spielzeug für den Wind! Wohin der Wind geht, geht es auch. Kein Mann, der darin reist, kann im

voraus den Strand nennen, wo er landen wird, denn er geht immer mit dem Wind, und der Wind

geht irgendwie, aber keiner weiß wohin.«

»So ist es«, fügte Opee-Kwan ernst hinzu. »Mit dem Winde gehen ist leicht, aber gegen den Wind

muß man schwer kämpfen, und diese Männer mit dem großen Kanu hatten ja keine Paddel und

konnten daher nicht kämpfen.«

»Sie brauchten nicht zu kämpfen!« rief Nam-Bok ärgerlich. »Der Schoner ging auch gegen den

Wind.«

»Und was, sagtest du, ließ den Sch-Sch-Schoner gehen?« fragte Koogah und trippelte vorsichtig

über das fremde Wort.

»Der Wind«, lautete die ungeduldige Antwort.

»Der Wind ließ also den Sch-Sch-Schoner gegen den Wind gehen?« Der alte Koogah grinste ganz

offensichtlich Opee-Kwan an, und während das Lachen ringsum wuchs, fuhr er fort: »Der Wind

weht gleichzeitig sowohl von vorn wie von hinten. Das ist ganz einfach. Das verstehen wir,

Nam-Bok. Das verstehen wir ganz deutlich.«

»Du bist ein Narr!«

»Wahrheit fällt von deinen Lippen«, antwortete Koogah demütig. »Ich habe zu lange gebraucht,

um zu verstehen, und es war ja ganz einfach.«

Aber Nam-Boks Antlitz war düster, und er sprach einige schnelle Worte, die die andern nie

zuvor gehört hatten. Beinschnitzerei und Fellschrapen begannen wieder, aber er schloß die

Lippen dicht über der Zunge, der man nicht glauben konnte.

»Dieser Sch-Sch-Schoner«, fragte Koogah unerschütterlich, »er war wohl aus einem sehr großen

Baum gemacht?«

»Er war aus vielen Bäumen gemacht«, knurrte Nam-Bok kurz. »Er war sehr groß.«

Er versank wieder in finsteres Schweigen, und Opee-Kwan stieß Koogah an, der mit schlaffem

Erstaunen den Kopf schüttelte und murmelte: »Das ist sehr seltsam.«

Nam-Bok biß an. »Das ist noch gar nichts«, sagte er überlegen. »Da solltest du erst den

Dampfer sehen. Was das Sandkorn gegen die Bidarka und die Bidarka gegen den Schoner, das ist

der Schoner gegen den Dampfer. Dazu ist der Dampfer aus Eisen gemacht. Ganz und gar aus

Eisen.«

»Nein, nein, Nam-Bok!« rief der Häuptling. »Wie kann das sein? Eisen geht doch immer unter.

Ich habe einmal ein eisernes Messer von dem Häuptling des nächsten Dorfes erstanden, und

gestern glitt mir das Messer aus der Hand und fiel tief, tief ins Meer. Alle Dinge haben ihr

Gesetz. Nie geschieht etwas gegen das Gesetz. Das wissen wir. Und außerdem wissen wir, daß

alle Dinge derselben Art dasselbe Gesetz haben und daß alles Eisen dies Gesetz hat. So nimm

denn deine Worte zurück, Nam-Bok, damit wir dich in Ehren halten können.«

»Es ist so«, behauptete Nam-Bok. »Der Dampfer ist ganz aus Eisen und sinkt doch nicht.«

»Nein, nein, das kann nicht sein.«

»Ich hab’ es mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Das ist gegen die Natur der Dinge.«

»Aber sage mir, Nam-Bok«, unterbrach Koogah aus Furcht, daß die Geschichte nicht weitergehen

würde, »sage mir, wie diese Männer ihren Weg übers Meer finden, wenn es keine Küste gibt, nach

der sie steuern können.«

»Die Sonne zeigt ihnen den Weg.«

»Aber wie?«

»Zur Mittagszeit nimmt der Häuptling des Schoners ein Ding, durch das seine Augen nach der

Sonne sehen, und dann läßt er die Sonne vom Himmel bis zum Rand der Erde hinabsteigen.«

»Aber das ist doch böse Medizin!« rief Opee-Kwan entsetzt über den Frevel. Die Männer hoben

voll Schreck die Hände, und die Frauen stöhnten. »Das ist böse Medizin. Es ist nicht recht,

die große Sonne auf falschen Weg zu leiten, die Sonne, die die Nacht verjagt und uns Robben,

Lachs und Wärme schenkt.«

»Und wenn es nun böse Medizin wäre?« fragte Nam-Bok hart. »Ich habe selbst durch das Ding nach

der Sonne gesehen und die Sonne vom Himmel heruntersteigen lassen.«

Die Nächststehenden zogen sich eiligst von ihm zurück, und eine Frau verdeckte das Gesicht

ihres Säuglings, damit seine Augen nicht darauffielen.

»Aber am Morgen des vierten Tages, o Nam-Bok«, meinte Koogah, »am Morgen des vierten Tages,

als der Sch-Sch-Schoner hinter dir herkam?«

»Ich hatte nur noch wenig Kräfte und konnte nicht fliehen. So wurde ich an Bord geholt, und

man flößte mir Wasser in den Mund und gab mir gutes Essen. Zweimal, meine Brüder, habt ihr

einen weißen Mann gesehen. Diese Männer waren alle weiß, und es waren ihrer ebensoviele, wie

ich Finger und Zehen habe. Und als ich sah, daß sie voller Freundlichkeit waren, faßte ich Mut

und beschloß, auf alles zu achten, was ich sah. Und sie lehrten mich die Arbeit, die sie

selbst taten, und gaben mir gutes Essen und eine Stelle, wo ich schlafen konnte. Und Tag auf

Tag fuhren wir übers Meer, und jeden Tag zog der Häuptling die Sonne vom Himmel herunter und

ließ sich von ihr erzählen, wo wir waren. Und wenn die Wellen freundlich waren, jagten wir die

Pelzrobbe, und ich wunderte mich sehr, denn sie warfen immer Fleisch und Speck fort und

behielten nur das Fell.«

Opee-Kwans Mund zitterte heftig, und er wollte gegen eine solche Verschwendung protestieren,

als Koogah ihm mit einem Fußtritt bedeutete, daß er schweigen solle.

»Nach langer Zeit, als die Sonne fort war und die Schärfe des Frostes durch die Luft schnitt,

wandte der Häuptling die Nase des Schoners nach Süden. Nach Süden und Osten reisten wir Tag

auf Tag und bekamen nie Land in Sicht, bis wir in die Nähe des Dorfes kamen, aus dem die

Männer stammten.«

»Wie konnten sie wissen, daß sie in der Nähe waren?« fragte Opee-Kwan, der nicht länger an

sich halten konnte. »Es war ja kein Land in Sicht gekommen.«

Nam-Bok blickte ihn zornig an. »Sagte ich nicht, daß der Häuptling die Sonne vom Himmel

herunterholte?«

Koogah legte sich dazwischen, und Nam-Bok fuhr fort: »Wie gesagt, als wir in der Nähe des

Dorfes waren, kam ein starker Sturm, und nachts wußten wir nicht, wo wir waren.«

»Du sagtest doch eben, daß der Häuptling wußte…«

»Schweig, Opee-Kwan! Du bist ein Narr und kannst nicht verstehen. Wie gesagt, wir waren

hilflos in der Nacht, als ich durch den Lärm des Sturmes das Geräusch der Brandung hörte. Und

gleich darauf stießen wir mit einem mächtigen Krach auf, und ich fiel ins Wasser und schwamm.

Es war eine felsige Küste, wo es auf viele Meilen nur ein einziges Fleckchen flachen Sand gab,

und es war mir bestimmt, daß ich den Sand erreichte und mich mit den Händen aus der Brandung

zog. Die andern Männer müssen auf die Klippen gespült sein, denn keiner von ihnen kam an Land,

außer dem Häuptling, und ihn konnte ich nur an dem Ring an seinem Finger erkennen. Als der Tag

kam, war nichts mehr vom Schoner übrig, und ich wandte mein Gesicht dem Lande zu und wanderte

hinein, um Nahrung zu finden und Menschen zu treffen. Und als ich an ein Haus kam, wurde ich

empfangen und bekam zu essen, denn ich hatte ihre Sprache gelernt, und weiße Männer sind immer

freundlich. Und es war ein Haus, größer als alle Häuser, die wir und unsere Väter vor uns

gebaut haben.«

»Es war ein mächtiges Haus«, sagte Koogah und verbarg seinen Unglauben hinter Verwunderung.

»Und es gehören viele Bäume dazu, um ein solches Haus zu bauen«, fügte Opee-Kwan hinzu, indem

er es dem andern nachmachte.

»Das ist gar nichts.« Nam-Bok zuckte geringschätzig die Achseln. »Was unsere Häuser gegen das

Haus, das war das Haus gegen die Häuser, die ich später sehen sollte.«

»Und es sind keine großen Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich«, antwortete Nam-Bok. »Ich hatte mir einen Stock

geschnitten, um bequemer zu gehen, und da ich daran dachte, euch, meinen Brüdern, zu melden,

was ich zu sehen bekam, so schnitt ich für jeden Menschen, der in dem Hause wohnte, eine Kerbe

in den Stock. Und dort blieb ich viele Tage und arbeitete, und zum Lohn gaben sie mir Geld –

etwas, das ihr nicht kennt, das aber sehr gut ist. Und eines Tages verließ ich den Ort und

ging weiter ins Land hinein. Und während ich ging, traf ich viele Menschen, und ich schnitt

kleinere Kerben in meinen Stock, damit für sie alle Platz wäre. Und da stieß ich auf ein

seltsames Ding. Auf dem Boden vor mir lag eine Eisenstange, so dick wie ein Arm, und einen

weiten Schritt davon lag eine andere Eisenstange…«

»Da warst du ein reicher Mann«, versicherte Opee-Kwan, »denn Eisen ist mehr wert als alles

andere auf der Welt. Es muß für viele Messer gereicht haben.«

»Ja, aber es gehörte nicht mir.«

»Du hattest es gefunden, und was man findet, darf man behalten.«

»Nein, die weißen Männer hatten es dort hingelegt. Und außerdem waren diese Stangen so lang,

daß kein Mensch sie forttragen konnte – so lang, daß sie kein Ende hatten, so weit man sehen

konnte.«

»Nam-Bok, das ist sehr viel Eisen«, warnte Opee-Kwan.

»Ja, es war schwer zu glauben, selbst als ich es mit eigenen Augen sah; aber ich konnte meine

eigenen Augen nicht widerlegen. Und als ich es betrachtete, hörte ich…«

Er wandte sich plötzlich zu dem Häuptling. »Opee-Kwan, du hast den Seelöwen im Zorn brüllen

hören. Denke dir nur, so viele Seelöwen, wie Wellen im Meere sind, und denke dir, daß alle

diese Seelöwen zu einem einzigen Seelöwen geworden sind, und wie dieser eine Seelöwe brüllen

würde, so brüllte das Ding, das ich hörte.«

Die Fischer stießen laute Rufe des Erstaunens aus, und Opee-Kwans Mund öffnete sich und blieb

offenstehen.

»Und in der Ferne sah ich ein Ungeheuer wie tausend Wale. Es war einäugig und spie Rauch aus,

und es schnaufte entsetzlich laut. Ich fürchtete mich und lief auf zitternden Beinen den Weg

zwischen den Stangen entlang. Aber es kam mit der Schnelligkeit des Windes, dieses Ungeheuer,

und ich lief fort von den Eisenstangen, als es mir seinen heißen Atem ins Gesicht blies…«

Opee-Kwan gewann die Herrschaft über seinen Mund wieder. »Und – und was dann, o Nam-Bok?«

»Dann lief es weiter die Stangen entlang und tat mir nichts, und als ich wieder auf den Beinen

stehen konnte, war es nicht mehr zu sehen. Und das war etwas ganz Gewöhnliches in diesem Land.

Selbst Frauen und Kinder fürchten sich nicht davor. Die Männer lassen sie für sich arbeiten,

diese Ungeheuer.«

»Wie wir unsere Hunde arbeiten lassen?« fragte Koogah mit skeptischem Augenzwinkern.

»Ja, wie wir unsere Hunde arbeiten lassen.«

»Und wie vermehren sie sich, diese – diese Dinge?« fragte Opee-Kwan.

»Sie vermehren sich gar nicht. Die Menschen machen sie sinnreich aus Eisen, füttern sie mit

Steinen und geben ihnen Wasser zu trinken. Die Steine werden zu Feuer, und das Wasser wird zu

Dampf, und der Wasserdampf ist der Atem in ihren Nüstern, und…«

»So so, o Nam-Bok«, unterbrach Opee-Kwan ihn. »Erzähl uns von andern Wundern. Dies ermüdet

uns, da wir es nicht verstehen können.«

»Versteht ihr es nicht?« fragte Nam-Bok verzweifelt.

»Nein, wir verstehen es nicht«, antworteten die Männer und Frauen klagend. »Wir können es

nicht verstehen.«

Nam-Bok dachte an eine komplizierte Mähmaschine und an die Maschinen, in denen man Bilder

lebender Menschen sehen konnte, und an die Maschinen, aus denen Menschenstimmen kamen, und er

wußte, daß sein Volk sie nie verstehen würde.

»Darf ich sagen, daß ich auf diesem eisernen Ungeheuer durch das Land ritt?« fragte er bitter.

Opee-Kwan hob die Hände mit nach außen gekehrten Flächen in offenbarem Unglauben. »Weiter.

Sag, was du willst. Wir lauschen.«

»Ja, dann ritt ich auf diesem Ungeheuer und gab Geld dafür…«

»Du sagtest doch, es würde mit Steinen gefüttert.«

»Und ich sagte auch, du Narr, daß Geld etwas sei, wovon ihr nichts verständet. Wie gesagt, ich

ritt auf dem Ungeheuer durch das Land und durch viele Dörfer, bis ich in ein großes Dorf an

einem salzigen Meeresarm kam. Und die Häuser hoben ihre Dächer ganz bis zwischen die Sterne

des Himmels, und die Wolken trieben an ihnen vorbei, und überall war viel Rauch. Und der Lärm

in dem Dorfe war wie das Brüllen des Meeres im Sturm, und die Menschen waren so zahlreich, daß

ich meinen Stock wegwarf und nicht mehr an die Kerben dachte.«

»Hättest du die Kerben ganz klein gemacht«, sagte Koogah vorwurfsvoll, »so hättest du uns

Nachricht bringen können.«

Nam-Bok schnellte zornig zu ihm herum. »Wenn ich die Kerben ganz klein gemacht hätte! Hör zu,

Koogah, du Knochenkratzer! Wenn ich die Kerben auch ganz klein gemacht hätte, so würde doch

weder der Stock noch zwanzig Stöcke – ja, nicht einmal alles Treibholz am ganzen Strande

zwischen diesem Dorf und dem nächsten für sie Platz gehabt haben. Und wenn ihr alle, Frauen

und Kinder inbegriffen, zwanzigmal so viele wäret und jeder zwanzig Hände und einen Stock und

ein Messer in jeder Hand hättet, so könntet ihr doch nicht Kerben schneiden für alle Menschen,

die ich sah, so viele waren es und so schnell kamen und gingen sie.«

»So viele Menschen kann es in der ganzen Welt nicht geben«, wandte Opee-Kwan, halb betäubt,

ein, denn sein Sinn konnte eine solche Zahl nicht fassen.

»Was weißt du von der ganzen Welt und davon, wie groß sie ist?« fragte Nam-Bok.

»Aber es können doch nicht so viele Menschen an einem Ort sein.«

»Wer bist du, daß du sagen kannst, was sein und was nicht sein kann?«

»Es kann sich doch jeder selbst sagen, daß nicht so viele Menschen an einem Ort sein können.

Ihre Kanus würden ja das ganze Meer füllen, so daß kein Platz mehr wäre. Und sie könnten jeden

Tag das Meer von Fischen leeren und würden doch nicht Nahrung genug haben.«

»So sollte es scheinen«, lautete Nam-Boks endgültige Antwort. »Aber dennoch war es so. Ich sah

es mit eigenen Augen, und ich warf meinen Stock weg.«

Er gähnte tief und erhob sich.

»Ich bin weit gerudert. Der Tag ist lang gewesen, und ich bin müde. Jetzt will ich schlafen,

und morgen werden wir mehr von den Dingen reden, die ich gesehen habe.«

Bask-Wah-Wan humpelte ängstlich vor, zwar stolz, aber dennoch ängstlich besorgt um ihren

wunderbaren Sohn, und führte ihn in ihr Iglu, wo sie ihn in die fettigen, übelduftenden Felle

stopfte. Die Männer aber blieben am Feuer sitzen und hielten Rat mit vielem Flüstern und

leiser Rede und Widerrede.

Eine Stunde verging und noch eine, und Nam-Bok schlief, während die Beratung ihren Fortgang

nahm. Die Abendsonne sank im Nordwesten, und um elf Uhr stand sie fast genau im Norden.

Da verließen der Häuptling und der Beinschnitzer den Rat, gingen zu Nam-Bok und weckten ihn.

Er blinzelte sie an und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Aber Opee-Kwan

ergriff ihn am Arm und schüttelte ihn freundlich, aber bestimmt, bis er zu sich kam.

»Komm, Nam-Bok, steh auf!« befahl er. »Es ist Zeit.«

»Wieder ein Schmaus?« rief Nam-Bok. »Nein, ich bin nicht hungrig. Eßt ihr nur weiter und laßt

mich schlafen.«

»Es ist Zeit, daß du gehst!« donnerte Koogah.

Aber Opee-Kwan sprach sanfter. »Du warst mein Bidarka-Kamerad, als wir Knaben waren«, sagte

er. »Gemeinsam lernten wir die Robbe jagen und den Lachs fangen. Und du zogst mich ins Leben

zurück, Nam-Bok, als das Meer sich über mir schloß und ich hinabgezogen wurde zu den schwarzen

Felsen. Gemeinsam hungerten wir und fanden uns in die Qual des Frostes, und gemeinsam krochen

wir unter ein Fell und lagen dicht aneinander. Und wegen all diesem und wegen der

Freundschaft, die ich für dich hegte, tut es mir so sehr leid, daß du als ein so schrecklicher

Lügner zurückgekommen bist. Wir können die Dinge, die du gesagt hast, nicht verstehen, und uns

schwindeln die Köpfe davon. Und deshalb schicken wir dich fort, damit unsere Köpfe klar und

stark bleiben und nicht von den unbegreiflichen Dingen verwirrt werden.«

»Diese Dinge, von denen du sprichst, sind Schatten«, ergriff Koogah das Wort. »Du hast sie aus

der Schattenwelt gebracht, und zur Schattenwelt mußt du sie zurückbringen. Deine Bidarka ist

bereit, und der Stamm wartet. Sie können nicht schlafen, ehe du fortgezogen bist.«

Nam-Bok war verblüfft, lauschte aber der Stimme des Häuptlings.

»Wenn du Nam-Bok bist«, sagte Opee-Kwan, »so bist du ein schrecklicher und höchst wunderbarer

Lügner; bist du aber Nam-Boks Schatten, so sprichst du von Schatten, und es ist nicht gut, daß

lebende Menschen etwas davon wissen. Das große Dorf, von dem du sprichst, muß ein Dorf der

Schatten sein. Darin schweben die Seelen der Toten, denn der Toten sind viele und der Lebenden

wenige. Die Toten kehren nicht wieder. Nie ist ein Toter wiedergekehrt – außer dir mit deinen

wunderbaren Geschichten. Es ist nicht schicklich, daß die Toten wiederkehren, und würden wir

es erlauben, so könnte großes Unglück über uns kommen.«

Nam-Bok kannte sein Volk gut und wußte, daß die Stimme des Rates unumstößlich war. Daher ließ

er sich an den Strand führen, wo man ihn in seine Bidarka setzte und ihm ein Paddelruder in

die Hand gab.

Eine einsame Wildgans schrie draußen auf dem Meere, und die Brandung schlug lässig und hohl

gegen den Sand. Eine trübe Dämmerung brütete über Land und Meer, und gegen Norden glühte

schwach und unfreundlich, in blutrote Nebel gehüllt, die Sonne. Die Möwen flogen niedrig. Der

Festlandwind wehte scharf und kalt, und die schwarzen Wolkenmassen im Hintergrunde versprachen

schlechtes Wetter.

»Vom Meere kamst du«, sang Opee-Kwan orakelhaft, »und zum Meere gehst du. So ist alles

ausgeglichen und dem Gesetz Genüge getan.«

Bask-Wah-Wan humpelte an den Schaumrand und rief: »Ich segne dich, Nam-Bok, weil du an mich

dachtest.«

Aber Koogah schob Nam-Bok vom Strande ab, riß ihr den Schal von der Schulter und warf ihn in

die Bidarka.

»Es ist kalt in den langen Nächten«, jammerte sie, »und der Frost beißt in alte Knochen.«

»Das Ding ist ein Schatten«, antwortete der Beinschnitzer, »und Schatten können dich nicht

erwärmen.«

Nam-Bok erhob sich, damit man seine Stimme an Land hören konnte.

»Oh, Bask-Wah-Wan, Mutter, die mich gebar!« rief er. »Lausche den Worten deines Sohnes Nam-

Bok. Seine Bidarka hat Platz für zwei, und er will dich gern mitnehmen. Denn er reist dorthin,

wo es voll ist von Fischen und Tran. Dorthin kommt der Frost nicht, dort ist das Leben bequem,

und Eisendinge tun die Arbeit der Menschen. Willst du mitkommen, o Bask-Wah-Wan?«

Sie zögerte einen Augenblick, während die Bidarka schnell abtrieb, und erhob dann ihre Stimme

in zitterndem Diskant: »Ich bin alt, Nam-Bok, und muß bald zu den Schatten gehen. Aber ich

möchte nicht gehen, ehe meine Zeit gekommen ist. Ich bin alt, Nam-Bok, und ich fürchte mich.«

Ein Lichtstrahl schoß über das schwach beleuchtete Meer und warf auf das Boot und den Mann

einen rotgoldenen Glanz.

Es ward still unter den Fischern, und man hörte nichts mehr als das Stöhnen des Festlandwindes

und die Schreie der niedrig fliegenden Möwen.

* * *

Der Herr des Geheimnisses

Es herrschte Jammer im Dorfe. Die Frauen riefen mit schrillen, hohen Stimmen durcheinander.

Die Männer sahen finster und unschlüssig drein, und selbst die Hunde streiften unsicher umher,

erschrocken über die Unruhe im Lager und bereit, sich beim ersten Ausbruch von Unruhen in die

Wälder zurückzuziehen. Die Luft war schwül von Mißtrauen. Kein Mensch war seines Nachbarn

sicher, und jeder war sich bewußt, daß seine Kameraden ihm gegenüber ebenso unsicher waren.

Selbst die Kinder befanden sich in gedrückter und feierlicher Stimmung, und der kleine Di Ya,

die Ursache von allem, hatte erst von seiner Mutter Hooniah, dann von seinem Vater Bawn eine

tüchtige Tracht Prügel bekommen und wimmerte nun und betrachtete die Welt vorwurfsvoll im

Schutze der großen umgestürzten Kanus am Strande.

Und um es gar noch schlimmer zu machen, war Scundoo, der Schamane, in Ungnade gefallen, und

man konnte nun seinen Zauber nicht in Anspruch nehmen, um den Missetäter zu finden. Hatte doch

Scundoo vor einem Monat guten Südwind versprochen, daß der Stamm nach dem Potlatch in Tonkin

reisen konnte, wo Taku Jim auszugeben gedachte, was er sich seit zwanzig Jahren erspart hatte.

Und als der Tag kam, wehte ein scharfer Nordwind, und von den drei ersten Kanus, die sich

hinauswagten, wurde eins von der schweren See vollgeschlagen und die beiden andern auf den

Klippen zerschmettert, wobei ein Kind ertrank. Er hätte versehentlich den falschen Sack

geöffnet, erklärte er. Aber die Leute wollten ihm kein Gehör schenken; die Opfer von Fleisch,

Fisch und Fellen fanden nicht mehr den Weg zu seiner Tür, und nun saß er drinnen und schmollte

und tat bittere Buße beim Fasten, wie sie glaubten; in Wirklichkeit aß er gründlich von seinen

reichen Vorräten und grübelte über den Wankelmut der Menge.

Hooniahs Decken waren verschwunden. Es waren gute Decken, wunderbar dick und warm, und

Hooniahs Stolz auf sie wurde noch dadurch erhöht, daß sie so billig zu ihnen gekommen war.

Ty-Kwan aus dem Nachbardorfe war ein Narr, daß er sie so preiswert abgelassen hatte. Aber sie

wußte allerdings nicht, daß sie aus dem Besitz des ermordeten Engländers stammten, wegen

dessen Verschwinden der Kutter der Vereinigten Staaten lange Zeit die Küste entlang

geschnüffelt hatte, während Jollen die geheimen Einläufe durchschnauften und durchfauchten.

Und da sie nicht wußte, daß Ty-Kwan Eile gehabt hatte, die Decken loszuwerden, damit sein

eigenes Volk der Regierung keine Rechenschaft abzulegen brauchte, war Hooniahs Stolz

unerschüttert. Und weil die andern Frauen sie beneideten, war ihr Stolz ohne Ende und

schrankenlos, so daß er sich über die Grenzen des Dorfes hinaus über die ganze Küste Alaskas

von Dutch Harbour bis St. Mary verbreitete. Ihr Totem war mit Recht berühmt, und ihr Name

lebte auf den Lippen von Männern, wo immer Männer zusammenkamen, um zu fischen oder zu

schmausen, eben wegen der Decken und deren wunderbarer Dicke und Wärme. Nun aber waren sie

verschwunden – man stand vor einem Mysterium.

»Ich hatte sie gerade an die Hüttenwand in die Sonne zum Trocknen gehängt«, erklärte Hooniah

zum tausendsten Male ihren Thlinket-Schwestern. »Ich hatte sie gerade aufgehängt und mich

umgedreht; denn Di Ya, der Teigdieb und Mehlfresser, der er ist, stand kopfüber in dem großen

eisernen Topf, so daß seine Beine wie die Zweige eines Baumes im Winde schwankten. Und ich

hatte ihn eben herausgezogen und zweimal mit dem Kopf gegen die Tür gestoßen, um ihm Vernunft

beizubringen – und denkt euch: da waren die Decken weg!«

»Weg waren die Decken!« wiederholten die Frauen in ehrfurchtsvollem Flüstern.

»Ein schwerer Verlust«, sagte eine, und eine zweite: »Nie hat es solche Decken gegeben.« Und

eine dritte: »Dein Verlust tut uns leid, Hooniah.« Dennoch war jede der Frauen im Herzen froh,

daß die abscheulichen Decken, die so viel Zwietracht veranlaßt hatten, weg waren.

»Ich hatte sie gerade in die Sonne gehängt«, begann Hooniah zum tausendundersten Male.

»Jaja«, sagt Bawn müde. »Aber es war keiner von den Spitzbuben aus andern Dörfern hier. Und

daher ist es klar, daß es irgend jemand von unserm eigenen Stamme gewesen sein muß, der sich

an den Decken vergriffen hat.«

»Wie ist das möglich, o Bawn?« ertönte es in ärgerlichem Chor von den Frauen. »Wer sollte das

sein?«

»Dann ist es Hexerei gewesen«, fuhr Bawn stumpfsinnig fort, ließ jedoch einen schlauen Blick

über ihre Gesichter schweifen.

»Hexerei!« Und bei dem furchtbaren Worte dämpften sie ihre Stimmen und blickten sich ängstlich

an.

»Ja«, bestätigte Hooniah, und einen Augenblick flammte die versteckte Bosheit in ihr jubelnd

auf.

»Und sie haben nach Klok-No-Ton geschickt und starke Ruder mitgegeben. Er kommt sicher mit der

Nachmittagsflut.«

Die kleinen Gruppen brachen auf, und Furcht legte sich auf das Dorf. Von allem Unglück war

Hexerei das entsetzlichste. Mit den ungreifbaren und unsichtbaren Mächten konnten nur die

Schamanen es aufnehmen, und weder Mann noch Weib oder Kind konnte bis zum Augenblick der Probe

wissen, ob ihre Seelen vom Teufel besessen waren oder nicht. Und von allen Schamanen war

Klok-No-Ton, der im Nachbardorfe wohnte, der furchtbarste. Keiner fand mehr böse Geister als

er, keiner suchte seine Opfer mit schrecklicheren Foltern heim. Einmal hatte er sogar einen

Teufel gefunden, der im Leibe eines drei Monate alten Kindes wohnte – einen äußerst

widerspenstigen Teufel, der sich erst austreiben ließ, nachdem das Kind eine ganze Woche auf

Dornen gelegen hatte. Die Leiche war dann ins Meer geworfen worden, aber die Wellen

schleuderten sie immer wieder an den Strand wie einen Fluch über das Dorf, und sie verschwand

erst wirklich, als zwei kräftige Männer bei Ebbe an Pfähle gebunden und ertränkt waren.

Und nach diesem Klok-No-Ton hatte Hooniah jetzt geschickt. Besser wäre es gewesen, wenn

Scundoo, ihr eigener Schamane, sich nicht mit Schande bedeckt hätte. Denn er war immer milder

aufgetreten und hatte einmal zwei Teufel aus einem Manne gejagt, der später sieben gesunde

Kinder zeugte. Aber Klok-No-Ton! Es schauderte sie vor trüben Ahnungen bei dem Gedanken an

ihn, und jeder einzige fühlte sich als das Ziel anklagender Augen und sah anklagend die andern

an – jeder einzige, mit Ausnahme von Sime, und Sime war ein Lästerer, dessen schlimmes Ende

mit Sicherheit vorausbestimmt war, die durch seine Erfolge nicht erschüttert werden konnte.

»Ho! Ho!« lachte er. »Teufel und Klok-No-Ton! Es gibt keinen größeren Teufel als ihn selber im

ganzen Thlinket-Lande.«

»Du Narr! Jetzt kommt er gerade mit seinen Hexereien und Zauberkünsten; halte deine Zunge im

Zaum, daß dir nichts Böses widerfährt und deine Tage nicht kurz werden im Lande!«

So sprach La-lah, auch der Sünder genannt, und Sime lachte höhnisch.

»Ich bin Sime, der keine Angst kennt und sich nicht fürchtet vor der Dunkelheit. Ich bin ein

starker Mann, wie mein Vater vor mir, und mein Kopf ist klar. Weder du noch ich, keiner von

uns beiden hat die unsichtbaren bösen Mächte mit Augen gesehen.«

»Aber Scundoo hat es«, antwortete La-lah. »Und Klok-No-Ton auch. Das wissen wir.«

»Woher weißt du das, du Sohn eines Toren?« donnerte Sime, und sein heißes Blut färbte seinen

dicken Stierhals.

»Aus ihrem eigenen Munde, daß du es weißt.«

Sime schnaubte. »Ein Schamane ist auch nur ein Mensch. Können seine Worte nicht falsch sein

wie deine und meine? Pah! Pah! Nicht so viel gebe ich für alle deine Schamanen und alle Teufel

deiner Schamanen!«

Und nach rechts und links mit den Fingern schnippend, verließ Sime den Kreis der Zuschauer,

die ihm ängstlich und beflissen Platz machten.

»Ein guter Fischer und ein starker Jäger, aber ein böser Mensch«, sagte einer.

»Aber er gedeiht doch«, grübelte ein anderer.

»Darum sei auch du böse und gedeihe«, gab Sime über die Schulter zurück. »Und wenn ihr alle

böse wäret, so brauchtet ihr keinen Schamanen. Pah! Ihr seid Kinder, die sich vor der

Dunkelheit fürchten!«

Und als Klok-No-Ton mit der Nachmittagsflut kam, klang Simes trotziges Lachen noch ebenso

dreist, ja, er konnte sich nicht einmal einen Witz verbeißen, als der Schamane beim Landen auf

dem Sande ausglitt. Klok-No-Ton blickte ihn mürrisch an und schritt grußlos mitten durch sie

hindurch nach Scundoos Haus.

Über die Begegnung mit Scundoo erfuhr keiner vom Stamme etwas, denn sie standen ehrerbietig in

einiger Entfernung zusammen und flüsterten miteinander, während die Herren des Geheimnisses

sich trafen.

»Sei gegrüßt, o Scundoo!« brummte Klok-No-Ton, augenscheinlich im Zweifel, wie der andere ihn

empfangen würde.

Er war ein wahrer Riese und ragte weit über den kleinen Scundoo empor, dessen dünne Stimme wie

das schwache ferne Zirpen einer Grille tönte.

»Sei gegrüßt, Klok-No-Ton«, antwortete er. »Dein Kommen macht den Tag schön.«

»Aber es scheint…«, Klok-No-Ton zögerte.

»Jaja«, fiel der kleine Schamane ungeduldig ein, »daß böse Tage über mich gekommen sind, sonst

brauchte ich dir nicht zu danken, daß du meine Arbeit tust.«

»Es tut mir leid, Freund Scundoo…«

»Nein, ich freue mich, Klok-No-Ton.«

»Aber ich will dir die Hälfte von dem geben, was man mir gibt.«

»Nein, nein, mein guter Klok-No-Ton«, murmelte Scundoo mit einer abwehrenden Handbewegung.

»Ich bin dein Sklave, und meine Tage sind von dem Wunsch erfüllt, dir Freundschaft zu

erweisen.«

»Wie auch ich…«

»Wie auch du mir jetzt Freundschaft erweisest.«

»Ist dem so, so sage mir, ob es eine schlimme Geschichte mit den Decken dieser Frau Hooniah

ist?«

Der große Schamane fühlte sich vorsichtig vor, und Scundoo lächelte ein blasses fahles

Lächeln, denn er war gewohnt, in den Herzen der Menschen zu lesen, und alle Menschen

erschienen ihm sehr klein.

»Du hast immer starke Medizin gebraucht«, sagte er. »Zweifellos wirst du bald den Täter

entdecken.«

»Ja, bald, sobald meine Augen ihn gesehen haben.« Wieder zögerte Klok-No-Ton. »Sind Spitzbuben

von anderswo hier gewesen?« fragte er.

Scundoo schüttelte den Kopf. »Sieh! Ist das nicht ein prachtvoller Kamik?«

Er hielt den Schuh aus Robbenfell und Walroßhaut hoch, und sein Gast untersuchte ihn mit

heimlichem Interesse.

»Ich bekam ihn billig.«

Klok-No-Ton nickte aufmerksam.

»Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah. Er ist ein merkwürdiger Mann, und ich habe oft gedacht…«

»So?« sagte Klok-No-Ton ungeduldig auf gut Glück.

»Ich habe oft gedacht«, schloß Scundoo, indem er die Stimme senkte und eine Pause machte. »Es

ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark, Klok-No-Ton.«

Klok-No-Tons Gesicht klärte sich auf. »Du bist ein großer Mann, Scundoo, ein Schamane unter

den Schamanen. Jetzt gehe ich. Ich werde stets an dich denken. Und der Mann La-lah ist, wie du

sagst, ein merkwürdiger Mann.«

Scundoo lächelte, noch fahler und blasser, schloß die Tür hinter seinem sich entfernenden

Gaste und verriegelte sie sorgsam.

Sime setzte sein Kanu instand, als Klok-No-Ton an den Strand kam, und er unterbrach seine

Arbeit gerade lange genug, um herausfordernd seine Büchse zu laden und neben sich zu legen.

Der Schamane bemerkte es und rief: »Laß alle Leute sich hier an dieser Stelle versammeln! So

befiehlt Klok-No-Ton, der Teufelsucher und Teufelaustreiber!«

Er hatte sie eigentlich bei Hooniahs Hause versammeln wollen, es war aber notwendig, daß alle

dabei waren, und er zweifelte an Simes Gehorsam und wollte sich ungern mit ihm einlassen. Sime

war seiner Meinung nach ein Mann, den man am besten in Frieden ließ und mit dem in Streit zu

geraten für einen Schamanen überhaupt nicht geraten war.

»Laßt das Weib Hooniah vortreten«, befahl Klok-No-Ton und blickte wütend im Kreise herum, so

daß denen, die er ansah, ein kalter Schauder den Rücken hinabrann.

Hooniah watschelte vor mit gesenktem Haupt und abgewandtem Blick.

»Wo sind deine Decken?«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gehängt, und dann waren sie weg!« jammerte sie.

»So?«

»Es war Di Yas Schuld.«

»So?«

»Er hat eine tüchtige Tracht Hiebe bekommen und soll noch mehr haben, weil er Unglück über uns

arme Leute gebracht hat.«

»Die Decken!« brüllte Klok-No-Ton heiser, der voraussah, daß sie von dem Preis, den sie

bezahlen sollte, abhandeln wollte. »Die Decken, Weib! Daß du reich bist, wissen wir.«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gelegt«, greinte sie, »und wir sind arme Leute und haben

nichts.«

Sein ganzer Körper wurde plötzlich starr, sein Gesicht verzog sich zu einer häßlichen

Grimasse, und Hooniah schauderte zurück. Aber da sprang er plötzlich mit verdrehten Augen und

herabhängendem Unterkiefer auf sie los, daß sie stolperte und vor ihm niederfiel, wo sie, sich

krümmend, liegenblieb. Er machte wilde Armbewegungen und peitschte die Luft, während sein

Körper sich wie in Qualen wand und drehte. Er sah aus, als habe er einen epileptischen Anfall

erlitten. Weißer Schaum stand ihm auf den Lippen, und sein Körper erschauerte und zitterte in

Krämpfen.

Die Frauen brachen in einen jammernden Gesang aus und wiegten sich in völliger Selbstaufgabe

vor und zurück, und die Männer erlagen einer nach dem andern der Erregung, bis nur Sime noch

übrig war. Er saß rittlings auf seinem Kanu und sah mit spöttischer Miene zu; aber dennoch

lasteten die Vorfahren, deren Abkomme er war, schwer auf ihm, und er schwor seine stärksten

Eide, um sich zu ermutigen. Klok-No-Ton war schrecklich anzusehen. Er hatte seine Decke

abgeworfen und sich die Kleider vom Leibe gerissen, so daß er, bis auf einen Gürtel von

Adlerklauen um die Lenden, ganz nackt war. Unter Schreien und Heulen sprang er mit flatterndem

langem, schwarzem Haar wie ein nächtlicher Schatten im Kreise umher. Sein Wahn drückte sich in

einem gewissen unkultivierten Rhythmus aus, der schließlich alle beherrschte, so daß ihre

Leiber im Takt mit dem seinen schwangen und ihre Schreie mit den seinen zusammenklangen. Da

blieb er plötzlich starr aufrecht sitzen und streckte einen langen krallenartigen Finger aus.

Ein leises Stöhnen, wie vom Tode, erklang, und das Volk kroch mit zitternden Knien zusammen,

während der entsetzliche Finger über sie hinglitt. Denn der Tod wanderte mit ihm, und das

Leben blieb bei denen, die ihn vorübergehen sahen, und die, an denen er vorbeigegangen war,

folgten ihm mit eifrigem Interesse. Zuletzt ertönte ein furchtbarer Schrei, und der

unheilvolle Zeigefinger blieb auf La-lah haften. Der zitterte wie Espenlaub und sah sich im

Geiste bereits tot, seinen Besitz in alle Winde zerstreut und seine Witwe mit seinem Bruder

verheiratet. Er versuchte zu sprechen, zu leugnen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und

die Kehle war ihm wie vor unerträglichem Durst verdorrt. Klok-No-Ton schien jetzt, da sein

Werk vollbracht, halb ohnmächtig zu sein, aber er wartete mit geschlossenen Augen und

lauschte, ob das große Blutgeschrei sich erhob – das große Blutgeschrei, das seine Ohren so

gut kannten aus tausend Beschwörungen, wenn der Stamm sich wie Wölfe über das zitternde Opfer

gestürzt hatte. Aber hier herrschte nur Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern und wuchs,

bis sich eine mächtige Woge von Lachen bis zum Himmel erhob. »Was heißt das?« rief er.

»Na, na!« lachte das Volk. »Deine Medizin taugt nichts, o Klok-No-Ton!«

»Alle wissen«, stammelte La-lah, »daß ich acht lange Monate weit fort mit den Siwash-

Robbenfängern jagte und erst heute morgen heimgekommen bin und gehört habe, daß Hooniahs

Decken verschwunden waren, ehe ich kam!«

»Das ist wahr!« schrien sie einstimmig. »Hooniahs Decken waren verschwunden, ehe er kam!«

»Und du bekommst keine Bezahlung für deine Medizin, die nichts taugt«, erklärte Hooniah, die

wieder auf die Beine gekommen war und unter dem Gefühl litt, sich lächerlich gemacht zu haben.

Aber Klok-No-Ton sah nur Scundoos Gesicht mit dem blassen, fahlen Lächeln vor sich und hörte

nur das schwache ferne Grillenzirpen: »Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah, und ich habe oft

gedacht« und »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark.«

Er schoß an Hooniah vorbei, und der Kreis machte ihm instinktiv Platz. Sime rief ihm von

seinem Kanu aus eine Anzüglichkeit zu, die Frauen kicherten ihm ins Gesicht, höhnische Rufe

ertönten hinter ihm her, aber ohne sich darum zu kümmern, eilte er nach Scundoos Haus. Er

donnerte an die Tür, schlug mit geballten Fäusten auf sie los und heulte Verwünschungen. Aber

es kam keine Antwort, nur in den Pausen erklang Scundoos Stimme in unheimlichen

Zaubergesängen. Klok-No-Ton raste wie ein Verrückter, als er aber die Tür mit einem großen

Stein einzuschlagen versuchte, ertönte Knurren von Männern und Frauen. Und er, Klok-No-Ton,

wußte, daß er hier, seiner Stärke und Autorität beraubt, einem fremden Volke gegenüberstand.

Er sah, wie ein Mann sich nach einem Stein bückte, sah, wie ein zweiter dasselbe tat, und er

wurde von Furcht gepackt.

»Tu Scundoo nichts, er ist ein Meister!« rief eine Frau.

»Es ist am besten, wenn du in dein eigenes Dorf zurückkehrst!« rief ein Mann drohend.

Klok-No-Ton machte kehrt und schritt durch sie hindurch zum Strande hinunter, grimmige Wut im

Herzen und in seinem Kopfe begründete Besorgnis um seinen wehrlosen Ruf. Aber kein Stein wurde

ihm nachgeworfen. Die Kinder umschwärmten ihn mit Spottworten, und die Luft erscholl von

Hohngelächter, aber das war auch alles. Immerhin atmete er erst auf, als sein Kanu auf offener

See war. Da erhob er sich und schleuderte einen zwecklosen Bannstrahl auf das ganze Dorf und

seine Bewohner und vergaß nicht, Scundoo, der ihn angeführt hatte, besonders zu erwähnen.

An Land rief man nach Scundoo, und die Bevölkerung scharte sich um seine Tür und bat und

flehte in babylonischer Verwirrung, bis er mit erhobener Hand heraustrat.

»Da ihr meine Kinder seid, bin ich bereit, euch zu verzeihen«, sagte er. »Aber nur dieses eine

Mal. Es ist das letztemal, daß ich euch eure Torheit ungestraft hingehen lasse. Was ihr

wünscht, soll erfüllt werden und ich weiß schon, was es ist. Heute nacht, wenn der Mond hinter

die Welt gegangen ist, um die mächtigen Toten anzuschauen, soll das Volk sich in der

Dunkelheit um Hooniahs Haus versammeln. Dann soll der Missetäter vortreten und seinen

verdienten Lohn empfangen. Ich habe gesprochen.«

»Und er soll den Tod erleiden«, brüllte Bawn, »denn er hat uns Kummer und Schande gebracht!«

»So sei es denn«, erwiderte Scundoo und schloß seine Tür.

»Jetzt wird alles an den Tag kommen, und Zufriedenheit wird unter uns herrschen«, erklärte

La-lah orakelhaft.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Hilfe«, höhnte Sime.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Medizin«, berichtigte La-lah.

»Kinder der Torheit, dieses Thlinket-Volk!«

Sime schlug sich klatschend auf den Schenkel. »Es ist ganz unverständlich, daß erwachsene

Frauen und starke Männer in den Dreck hinunter wollen, um Märchen zu träumen.«

»Ich bin ein weitgereister Mann«, antwortete La-lah. »Ich habe die tiefen Meere befahren und

Zeichen und Wunder gesehen, und ich weiß, daß es so ist. Ich bin La-lah…«

»Der Betrüger…«

»So nennt man mich, aber mein rechter Name wäre ›der Weltbereiste‹.«

»Ich bin kein so großer Reisender«, begann Sime.

»Dann solltest du den Mund halten«, unterbrach ihn Bawn, und sie schieden in Unfrieden.

Als der letzte Silberstrahl des Mondes auf der andern Seite der Welt verschwunden war, trat

Scundoo unter das Volk, das sich um Hooniahs Haus gesammelt hatte. Er ging mit schnellen,

leichten Schritten, und wer ihn so im Scheine von Hooniahs Tranlampe sah, bemerkte, daß er mit

leeren Händen ohne Rasseln, Masken oder die sonstige Ausstattung eines Schamanen kam, außer

einem großen, schläfrigen Raben, den er unter dem einen Arme trug.

»Ist Holz für ein Feuer gesammelt, damit alle sehen können, wie das Werk vor sich geht?«

fragte er.

»Ja«, antwortete Bawn. »Hier ist reichlich Holz.«

»So hört alle wohl zu, denn meiner Worte sind nur wenige. Ich habe Jelchs, den Raben,

mitgebracht, der Geheimnisse errät und Verborgenes sieht. Ihn, den Schwarzen, will ich unter

Hooniahs großen schwarzen Topf in den schwärzesten Winkel des Hauses setzen. Die Tranlampe

soll ausgelöscht werden, daß alles dunkel ist. Das ist ganz einfach. Einer nach dem andern

sollt ihr dann ins Haus gehen, so lange, wie man braucht, um Luft zu schöpfen, die Hand an den

Topf legen und sie dann wieder zurückziehen. Zweifellos wird Jelchs schreien, wenn die Hand

des Missetäters ihm nahe kommt. Wenn aber ein anderer es besser weiß, so laßt ihn seine

Weisheit zeigen. Seid ihr bereit?«

»Wir sind bereit«, ertönte die vielstimmige Antwort.

»Dann will ich der Reihe nach den Namen jedes Mannes und jeder Frau aufrufen, bis ihr alle

genannt seid.«

Nun wurde als erster La-lah gerufen, und er ging gleich hinein. Alle spitzten die Ohren, und

in der Stille konnten sie seine Fußtritte auf dem Boden knirschen hören. Aber das war auch

alles. Jelchs schrie nicht und gab kein Zeichen. Der nächste war Bawn, denn es war ja denkbar,

daß ein Mann seine eigenen Decken stahl, um Schande über seine Nachbarn zu bringen. Dann

folgten Hooniah und andere Frauen und Kinder, aber ohne Ergebnis.

»Sime!« rief Scundoo.

»Sime!« wiederholte er.

Aber Sime rührte sich nicht.

»Fürchtest du dich vor der Dunkelheit?« fragte La-lah, dessen eigene Unschuld bewiesen war,

schroff.

Sime kicherte. »Ich lache darüber, denn es ist eine große Torheit. Dennoch will ich

hineingehen, nicht, weil ich an Wunder glaube, sondern zum Zeichen, daß ich nicht bange bin.«

Und er ging dreist hinein und kam, immer noch spottend, wieder heraus.

»Eines Tages wirst du ganz plötzlich sterben«, flüsterte La-lah in gerechtem Zorn.

»Ich zweifle nicht daran«, antwortete der Spötter rasch. »Wenige Männer unseres Volkes sterben

in ihren Betten. Das machen die Schamanen und das tiefe Meer.«

Als sicher die Hälfte der Leute die Probe bestanden hatte, wurde die Spannung in ihrer

Heftigkeit qualvoll, eben weil sie zurückgedrängt werden mußte. Als zwei Drittel sie

überstanden hatten, brach eine junge Frau, die bald zum ersten Mal gebären sollte, zusammen,

und ihr Entsetzen machte sich in nervösem Schreien und Lachen Luft.

Endlich kam die Reihe an den letzten von allen, und noch war nichts geschehen. Und Di Ya war

der letzte von allen. Sicher, er mußte es sein. Hooniah sandte ein Klagegeschrei zu den

Sternen, während die übrigen sich von dem elenden Jungen zurückzogen. Er war halbtot vor

Angst, und die Beine gaben unter ihm nach, so daß er auf der Schwelle wankte und fast gefallen

wäre. Scundoo stieß ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es verging eine lange Zeit, in

der man nur das Weinen des Knaben hören konnte. Dann ganz langsam seine knirschenden Schritte

in dem entferntesten Winkel, eine Pause und dann wieder ein Knirschen: Er kam zurück. Die Tür

öffnete sich, und er trat heraus. Nichts war geschehen, und er war der letzte.

»Zündet das Feuer an«, befahl Scundoo.

Die hellen Flammen schossen empor und zeigten Gesichter, die noch die Spuren der schwindenden

Furcht trugen, aber auch von Zweifel verdüstert waren.

»Es ist sicher fehlgeschlagen«, flüstert Hooniah heiser.

»Ja«, antwortete Bawn selbstzufrieden. »Scundoo wird alt, und wir brauchen einen neuen

Schamanen.«

»Wo ist nun Jelchs Weisheit?« lachte Sime La-lah ins Ohr. La-lah strich sich verblüfft über

die Stirn und antwortete nicht.

Sime blies sich übermütig auf und brüstete sich vor dem kleinen Schamanen. »Ho! Ho! Wie ich

sagte: Es ist nichts dabei herausgekommen!«

»So scheint es, so scheint es«, antwortete Scundoo demütig. »Und das muß denen, die in den

Mysterien nicht erfahren sind, sonderbar vorkommen.«

»Wie dir selbst zum Beispiel?« fragte Sime frech.

»Ja, vielleicht gerade wie mir.« Scundoo sprach ganz sanft, aber seine Lider sanken leise

immer tiefer, bis seine Augen fast verborgen waren. »Und deshalb denke ich jetzt an eine neue

Probe. Laßt jeden Mann, jede Frau und jedes Kind die Hände über den Kopf empor strecken.«

So unerwartet kam das Gebot, und so gebieterisch wurde es ausgesprochen, daß alle ohne Zögern

gehorchten. Alle Hände wurden hochgestreckt.

»Blicke nun jeder auf die Hände der andern und seht alle«, gebot Scundoo, »auf daß…«

Aber seine Stimme wurde übertönt von dem zornigen Gelächter. Alle Augen ruhten auf Sime. Jede

Hand außer der seinen war schwarz von Ruß, die seine war die einzige, die sich nicht an

Hooniahs Topf beschmutzt hatte.

Ein Stein sauste durch die Luft und traf ihn an der Backe.

»Es ist Lüge!« rief er. »Lüge! Ich weiß nichts von Hooniahs Decken!«

Ein zweiter Stein verwundete ihn an der Stirn, ein dritter flog an seinem Kopfe vorbei, das

große Blutgeschrei ertönte, und überall suchten die Leute auf dem Boden nach Wurfgeschossen.

Er wankte und sank halb zusammen.

»Es war nur ein Scherz! Nur ein Scherz!« schrie er. »Ich tat es nur zum Spaß!«

»Wo hast du sie versteckt?« Scundoos gellende scharfe Stimme durchschnitt den Lärm wie ein

Messer.

»In dem großen Fellpacken, der unter dem Dachbalken in meinem Hause hängt«, lautete die

Antwort. »Aber es war nur Scherz, sage ich, nur…«

Scundoo nickte, und es wurde dunkel von fliegenden Steinen. Simes Frau weinte schweigend, den

Kopf auf den Knien, aber sein kleiner Knabe warf wie die andern unter Schreien und Lachen

Steine. Hooniah kam mit den kostbaren Decken angewatschelt. Scundoo hielt sie an.

»Wir sind arme Leute und besitzen nur wenig«, jammerte sie. »Sei daher nicht zu hart gegen

uns, o Scundoo.«

Das Volk trat von dem schwankenden Steinhaufen zurück, den es errichtet hatte, und sah zu.

»Nein, das ist nie meine Art gewesen, gute Hooniah«, antwortete Scundoo und streckte die Hand

nach den Decken aus. »Zum Beweise, daß ich nicht hart bin, will ich mich mit einigen von

diesen begnügen. – Bin ich nicht weise, meine Kinder?« fragte er.

»Wahrlich, du bist weise, o Scundoo!« riefen sie einstimmig.

Und er ging ins Dunkel, die Decken um sich geschlagen und den schläfrig nickenden Jelchs unter

dem Arm.

* * *

Die Männer des Sonnenlandes

Mandell ist ein unbekanntes Dorf am Gestade des Polarmeeres. Es ist nicht groß, und seine

Bewohner sind friedlich, noch friedlicher als die umwohnenden Stämme. Es wohnen in Mandell

wenige Männer und viele Frauen. Dies ist der Grund für die Ausübung einer gesunden und

notwendigen Vielweiberei. Die Frauen setzen mit Eifer Kinder in die Welt, und die Geburt eines

Knaben wird mit allgemeinem Jubel begrüßt. Und dann lebt Aab-Waak dort, dessen Kopf stets auf

der einen Schulter ruht, als wäre sein Hals einmal müde geworden und hätte sich dann für immer

geweigert, seine gewohnte Pflicht zu tun.

Die Ursache zu alledem – Friedlichkeit, Vielweiberei und Aab-Waaks müdem Hals – liegt Jahre

zurück, in der Zeit, da der Schoner »Search« in der Mandelbucht vor Anker ging und Tyee, der

Häuptling, einen Plan schmiedete, wie der Stamm plötzlich zu Reichtum gelangen solle. Noch

heute erinnert sich das Volk in Mandell dessen, was geschah, und erzählt es mit gedämpfter

Stimme, dieses Volk, das mit den westlich davon lebenden »Hungrigen« verwandt ist. Die Kinder

rücken enger zusammen, wenn die Geschichte erzählt wird, und wundern sich, klug wie sie sind,

über die Dummheit derer, die ihre Eltern hätten sein können, wenn sie nicht die Männer des

Sonnenlandes herausgefordert und ein bitteres Ende gefunden hätten.

Es begann damit, daß sechs Mann von der »Search« mit schwerer Ausrüstung an Land kamen und

sich in Negaahs Iglu einquartierten, als gedächten sie, sich hier häuslich niederzulassen. Sie

bezahlten zwar recht gut für die Unterkunft mit Mehl und Zucker, aber Negaah grämte sich sehr,

weil Mesahchie, seine Tochter, ihr Schicksal gewählt hatte und Nahrung und Decke mit Bill, dem

Anführer der weißen Männer, teilte.

»Sie ist ihren Preis wert«, klagte Negaah der Versammlung um das Beratungsfeuer, als die sechs

weißen Männer eingeschlafen waren. »Sie ist ihren Preis wert, denn wir haben mehr Männer als

Frauen, und die Männer bieten hoch. Der Jäger Ounenk bot mir einen neuen Kajak und eine

Büchse, die er bei den Hungrigen erstanden hatte. Das wurde mir geboten, und seht, nun ist sie

fort, und ich habe nichts bekommen.«

»Ich bot auch auf Mesahchie«, brummte eine Stimme in nicht allzu mißmutigem Tone, und Peelos

breites, freundliches Gesicht zeigte sich einen Augenblick im Lichtschein.

»Du auch«, bestätigte Negaah. »Und andere ebenfalls. Warum ist eine solche Unruhe über den

Männern des Sonnenlandes?« fragte er recht verdrießlich. »Warum bleiben sie denn nicht zu

Hause? Das Schneevolk wandert ja auch nicht ins Sonnenland.«

»Frag sie lieber, warum sie hergekommen sind«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit, und

Aab-Waak drängte sich in die erste Reihe vor.

»Ja! Warum sind sie gekommen?« riefen viele Stimmen, und Aab-Waak gebot mit einer Handbewegung

Schweigen.

»Männer graben nicht ohne Grund in der Erde«, begann er. »Ich weiß das noch von den Walleuten,

die auch aus dem Sonnenland stammten und ihr Schiff im Eise verloren. Ihr erinnert euch alle

der Walleute, die in ihren halb zerstörten Booten zu uns kamen und, als der Frost kam und der

Schnee das Land bedeckte, mit Hunden und Schlitten südwärts zogen. Und ihr erinnert euch, wie

sie auf den Frost warteten und wie einer von ihnen in der Erde zu graben begann. Dann gruben

zwei und drei und schließlich alle, unter großer Spannung und Unruhe. Was sie aus der Erde

gruben, wissen wir nicht, denn sie jagten uns fort, so daß wir es nicht sehen konnten. Später

aber, als sie weg waren, sahen wir nach und fanden nichts. Aber es ist viel Erde da, und sie

durchwühlten nicht alles.«

»Ja, Aab-Waak, ja!« rief das Volk bewundernd.

»Und daher denke ich«, schloß er, »daß einer der Männer des Sonnenlandes es dem andern erzählt

und daß diese Männer des Sonnenlandes es so erfahren haben und nun hergekommen sind, um in der

Erde zu graben.«

»Aber wie kann es sein, daß Bill unsere Sprache spricht?« fragte ein eingeschrumpfter alter

kleiner Jäger. »Bill, den unsere Augen nie zuvor gesehen haben?«

»Bill ist zu andern Zeiten im Schneeland gewesen«, antwortete Aab-Waak, »sonst könnte er nicht

die Sprache des Bärenvolkes reden, die die gleiche wie die der Hungrigen, also der der

Mandeller sehr ähnlich ist. Denn es sind viele Männer aus dem Sonnenlande unter dem

Bärenvolke, aber nur wenige unter den Hungrigen und kein einziger unter den Mandellern

gewesen, ausgenommen die Walleute und die, die jetzt in Negaahs Iglu schlafen.«

»Ihr Zucker ist sehr gut«, bemerkte Negaah, »und ihr Mehl auch.«

»Sie haben große Reichtümer«, fügte Ounenk hinzu. »Gestern war ich auf ihrem Schiff und sah

ungeheuer sinnreiche Geräte aus Eisen und Messer und Büchsen und Mehl und Zucker und seltsame

Nahrungsmittel ohne Ende.«

»So ist es, Brüder!« Tyee erhob sich und jubelte innerlich über das ehrerbietige Schweigen,

mit dem das Volk ihn ehrte. »Sie sind sehr reich, diese Männer des Sonnenlandes. Zudem sind

sie Toren. Denn seht! Sie kommen hierher zu uns, kühn und blind und ohne an ihren großen

Reichtum zu denken. Eben jetzt schnarchen sie, und wir sind zahlreich und unerschrocken.«

»Vielleicht sind sie auch unerschrocken und große Kämpfer«, wandte der eingeschrumpfte kleine

alte Jäger ein.

Aber Tyee warf ihm einen Blick zu. »Nein, das scheint mir nicht so. Sie leben im Süden, unter

der Bahn der Sonne, und sind weichlich wie ihre Hunde. Erinnert ihr euch der Hunde der

Walleute? Unsere Hunde fraßen sie am zweiten Tage, weil sie weichlich waren und nicht zu

kämpfen verstanden. Die Sonne ist warm und das Leben bequem in den Sonnenländern, und die

Männer sind wie Weiber und die Weiber wie Kinder.«

Köpfe nickten Beifall, und die Frauen streckten den Hals aus, um zu lauschen.

»Es heißt, sie seien gut gegen ihre Frauen, die nicht viel Arbeit verrichten«, kicherte

Likita, ein breithüftiges, gesundes junges Weib, die Tochter Tyees.

»Du möchtest wohl Mesahchies Spuren folgen, wie?« rief er zornig. Dann wandte er sich schnell

zu den Männern des Stammes: »Seht ihr, Brüder, so sind die Männer des Sonnenlandes. Sie

blicken auf unsere Frauen und nehmen sie eine nach der andern. Wie Mesahchie ihnen gefolgt ist

und Negaah um seinen Preis gebracht hat, so will Likita ihnen folgen, und so wollen sie es

alle, und wir sind die Betrogenen. Ich habe mit einem Jäger des Bärenvolkes gesprochen, und

ich weiß es. Hier sind einige der Hungrigen unter uns; laßt sie sprechen und sagen, ob meine

Worte wahr sind.«

Die sechs Jäger vom Stamme der Hungrigen bezeugten die Wahrheit seiner Worte, und jeder von

ihnen erzählte dem neben ihm Sitzenden von den Männern des Sonnenlandes und ihren Sitten.

Murren ertönte von den jüngeren Männern, die sich Frauen suchen sollten, und von den älteren,

die Töchter zu guten Preisen abzugeben hatten, und ein leises Summen von Wut wurde lauter und

deutlicher.

»Sie sind sehr reich und haben sinnreiche Geräte aus Eisen, Messer und zahllose Büchsen«,

hetzte Tyee, und sein Traum von plötzlichem Reichwerden begann feste Gestalt anzunehmen.

»Ich werde mir Bills Büchse nehmen«, erklärte Aab-Waak plötzlich.

»Nein, die soll mein sein!« rief Negaah. »Denn der Preis für Mesahchie muß einberechnet

werden.«

»Friede! O Brüder!« Tyee beschwichtigte die Versammlung mit einer Handbewegung. »Laßt Frauen

und Kinder in ihre Iglus gehen. Dies ist Männerrede; laßt sie nur für Männerohren sein.«

»Es sind Büchsen genug für uns alle«, sagte er, als die Frauen sich widerwillig zurückgezogen

hatten. »Ich zweifle nicht, daß es zwei Büchsen für jeden Mann sein werden, gar nicht zu reden

vom Mehl, Zucker und von den andern Dingen. Und leicht wird alles auszuführen sein. Die sechs

Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu töten wir heute nacht, wenn sie schlafen. Morgen gehen

wir friedlich zum Schiffe, um Handel zu treiben, und wenn die Gelegenheit günstig ist, töten

wir dort alle ihre Brüder. Und morgen abend halten wir Schmaus, sind lustig und teilen uns

ihre Reichtümer. Und der Geringste soll mehr haben, als selbst der Reichste zuvor besaß. Ist

es weise, was ich gesprochen habe, Brüder?«

Ein leises, beifälliges Gemurmel antwortete ihm, und die Vorbereitungen für den Überfall

begannen. Die sechs Hungrigen waren mit Büchsen bewaffnet und reichlich mit Munition versehen,

wie es sich für Angehörige eines wohlhabenderen Stammes geziemte. Von den Mandell-Leuten

besaßen jedoch nur wenige eine Büchse, und die waren fast alle entzwei. Außerdem herrschte

allgemeiner Mangel an Pulver und Patronen. Diese Armut an Kampfwaffen wurde indessen reichlich

aufgewogen durch eine Unzahl von Pfeilen und Wurfspeeren mit Knochenspitzen zum Fernkampf und

stählernen Messern russischen und amerikanischen Fabrikats für den Nahkampf.

»Macht keinen Lärm«, lauteten die letzten Anweisungen Tyees, »aber es müssen auf jeder Seite

des Iglus viele stehen, und zwar so nahe, daß die Männer des Sonnenlandes nicht durchbrechen

können. Und dann wirst du, Negaah, mit sechs von den jungen Männern hinter dir, zu ihnen

hineinkriechen. Nehmt keine Büchsen mit, denn die gehen meistens los, wenn man es gerade am

wenigsten erwartet, sondern legt die Stärke eurer Arme in eure Messer.«

»Und denkt daran, daß Mesahchie nichts geschieht, denn sie ist ihren Preis wert«, flüsterte

Negaah heiser.

Flach auf dem Boden liegend, konzentrierte sich das kleine Heer um den Iglu, und hinter den

Kriegern kauerten, begeistert und erwartungsvoll, viele Frauen und Kinder, die dem Morde

beiwohnen wollten. Die kurze Augustnacht war fast vorbei, und in der grauen Dämmerung konnte

man undeutlich die kriechenden Gestalten Negaahs und der jungen Männer unterscheiden. Auf

Händen und Knien krochen sie immer weiter, bis sie in dem langen Gange verschwanden, der in

die Hütte führte. Tyee stand auf und rieb sich die Hände. Alles ging gut. In dem großen Kreise

hob sich erwartungsvoll Kopf auf Kopf. Jeder malte sich die Szene seiner Phantasie

entsprechend aus – die schlafenden Männer, die Messerstiche und den plötzlichen Tod in der

Finsternis.

Der laute Ruf eines der Männer des Sonnenlandes durchbrach die Stille, und ein Schuß knallte.

Und dann erhob sich ein furchtbares Getöse im Iglu. Ohne Überlegung stürzte der ganze Kreis

vor und drängte sich um den Eingang. Drinnen begann ein halbes Dutzend Repetiergewehre zu

knattern, und die auf einen engen Raum zusammengedrängten Mandeller waren machtlos. Die

vordersten kämpften wild, um aus dem Bereich der feuerspeienden Büchsen vor ihnen zu kommen,

und von hinten drängte man ebenso wild zum Angriff vorwärts. Die Kugeln der schweren Kaliber

gingen durch ein halbes Dutzend Menschen auf einmal, und der Gang, der vollgestopft von

kämpfenden, hilflosen Männern war, wurde zu einer Schlachtbank. Die ziellos in die Menge

abgefeuerten Büchsen fegten sie hinweg wie ein Maschinengewehr, und gegen diesen ständigen

Strom des Todes konnte niemand vorrücken.

»Nie hat es dergleichen gegeben!« stöhnte einer der Hungrigen. »Ich guckte nur hinein, und da

lagen die Toten aufgestapelt wie die Robben nach dem Schlagen auf dem Eise!«

»Sagte ich nicht, daß es kampfgeübte Männer seien?« schwatzte der eingeschrumpfte Jäger.

»Das war zu erwarten«, antwortete Aab-Waak keck. »Wir kämpften in einer Falle, die wir uns

selbst gestellt hatten.«

»O ihr Toren!« schalt Tyee. »Ihr Söhne von Toren! So war es nicht gemeint. Nur Negaah und die

sechs jungen Leute sollten hineingehen. Meine Weisheit ist größer als die der Männer des

Sonnenlandes, aber ihr macht sie zuschanden und raubt mir ihre Früchte.«

Keiner antwortete, aber alle Augen hefteten sich auf den Iglu, der sich undeutlich und riesig

von dem klaren Nordosthimmel abhob. Durch ein Loch im Dache stieg der Pulverrauch in langsamen

Spiralen in die unbewegliche Luft empor, und hin und wieder kam ein Verwundeter beschwerlich

in das graue Licht herausgekrochen.

»Jeder soll seinen Nebenmann nach Negaah und den sechs jungen Leuten fragen«, befahl Tyee.

Nach einer Weile kam die Antwort: »Negaah und die sechs jungen Leute sind tot.«

»Und viele andere sind auch tot«, jammerte eine Frau im Hintergrunde.

»Um so größerer Reichtum bleibt für die Überlebenden«, tröstete Tyee grimmig. Dann wandte er

sich an Aab-Waak und sagte: »Geh und hol viele mit Tran gefüllte Robbenfelle. Die Jäger sollen

sie über die hölzerne Außenseite des Iglus und des Ganges ausgießen. Und dann zündet sie an,

ehe die Männer des Sonnenlandes Löcher für ihre Büchsen in den Iglu schlagen können.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als sich schon ein Loch im Lehm zwischen den Balken zeigte

und eine Büchsenmündung herausgestreckt wurde. Einer der Hungrigen griff sich mit der Hand an

die Seite und schnellte in die Luft. Noch ein Schuß durchbohrte seine Lunge und brachte ihn zu

Fall. Tyee und die andern sprangen beiseite, um aus der Schußlinie zu kommen, und Aab-Waak

schalt auf die Männer mit den Tranfellen. Unter Vermeidung der Schießscharten, die sich jetzt

auf allen Seiten des Iglus bildeten, entleerten sie die Felle auf das trockene Treibholz, das

der Mandellfluß aus den holzreichen Ländern im Süden herabgeführt hatte. Ounenk lief mit einem

brennenden Scheit vor, und die Flammen schlugen hoch. Es vergingen viele Minuten, ohne daß

etwas geschah, und sie hielten ihre Waffen bereit, während das Feuer um sich griff. Tyee rieb

sich vergnügt die Hände, während der trockene Bau brannte und knisterte.

»Jetzt haben wir sie in der Falle, Brüder!«

»Und niemand kann mir Bills Büchse streitig machen«, erklärte Aab-Waak.

»Außer Bill selbst«, quiekte der alte Jäger. »Seht, da kommt er!«

In eine angesengte und geschwärzte Decke gehüllt, sprang der große weiße Mann zu dem

flammenden Eingang heraus, und dicht hinter ihm kamen Mesahchie und die fünf anderen Männer

des Sonnenlandes. Die Leute vom Stamme der Hungrigen versuchten, den Angriff mit einer

schlecht gezielten Salve abzuwehren, während die Mandell-Leute einen Schauer von Speeren und

Pfeilen schleuderten. Aber die Männer des Sonnenlandes warfen im Laufen ihre brennenden Decken

ab, und man sah, daß jeder von ihnen auf der Schulter ein Päckchen Munition trug. Das war das

einzige, was sie von ihren Besitztümern gerettet hatten. In schnellem, wohlüberlegtem Laufe

durchbrachen sie den Kreis und stürzten gerade auf die große Klippe los, die sich eine halbe

Meile hinter dem Dorfe schwarz in den klaren Tag erhob.

Aber Tyee ließ sich auf das Knie nieder und zielte mit seiner Büchse auf den letzten der

Männer des Sonnenlandes.

Ein lauter Schrei ertönte, als er abdrückte. Der Mann fiel vornüber, kam wieder halb auf die

Beine, fiel aber wieder. Ohne sich um den Pfeilregen zu kümmern, kehrte ein anderer Mann des

Sonnenlandes um, beugte sich über ihn und hob ihn auf die Schulter. Aber die mit Speeren

bewaffneten Mandeller näherten sich ihm, und ein kräftig geschleuderter Spieß durchbohrte den

Verwundeten. Er schrie laut und erschlaffte schnell, während sein Kamerad ihn zu Boden sinken

ließ. Unterdessen hatten Bill und die drei andern haltgemacht und schickten nun den

vorrückenden Speerschleuderern einen Schauer von Blei entgegen. Der fünfte Mann des

Sonnenlandes beugte sich über seinen getroffenen Kameraden, fühlte sein Herz, schnitt dann

kaltblütig das Päckchen ab und erhob sich mit der Munition und den beiden Büchsen in der Hand.

»Nun, ist er nicht ein Narr?« rief Tyee und machte im Vorwärtsstürmen einen Luftsprung, um

nicht auf den krampfhaft zitternden Körper eines Mannes vom Stamme der Hungrigen zu treten.

Seine eigene Büchse war in Unordnung geraten, so daß er sie nicht gebrauchen konnte, und er

rief, daß irgend jemand mit dem Speer nach dem Manne des Sonnenlandes werfen solle, der

kehrtgemacht hatte, um Deckung hinter dem schützenden Feuer zu suchen. Der alte kleine Jäger

wiegte seinen Speer auf dem Wurfholz, schwang im Laufen den Arm zurück und schleuderte die

Waffe.

»Beim Körper des Wolfs, sage ich, das war ein guter Wurf!« lobte Tyee, als der Fliehende

vornüberstürzte, so daß der Speer, aufrecht zwischen seinen Schultern haftend, langsam hin und

her schwankte. Der eingeschrumpfte kleine Mann hustete und setzte sich nieder. Ein roter

Streifen zeigte sich auf seinen Lippen, dann wälzte sich ein dicker Strom hervor. Er hustete

wieder, und ein seltsam pfeifender Ton begleitete seine Atemzüge.

»Sie fürchten sich auch nicht, sie sind große Kämpfer«, pfiff er und tastete unsicher mit den

Händen in die Luft. »Und seht! Jetzt kommt Bill!« Tyee sah auf. Viele Mandeller und einer der

Hungrigen hatten sich über den Gefallenen, der sich auf die Knie erhoben hatte, gestürzt und

ihn mit ihren Speeren durchbohrt, so daß er wieder zurücksank. In einer Sekunde sah Tyee vier

von ihnen unter den Kugeln der Männer des Sonnenlandes fallen. Der fünfte, der noch

unverwundet war, ergriff die beiden Büchsen; als er sich aber erhob, um zu fliehen, wurde er

durch den Schlag einer Kugel, die ihn am Arme traf, beinahe herumgewirbelt, von einem zweiten

zum Stehen gebracht und von einem dritten zu Boden geworfen. Im nächsten Augenblick war Bill

da, um die Päckchen abzuschneiden und die Büchsen zu holen.

Dies sah Tyee, und er sah seine eigenen Leute fallen, als sie in zerstreuter Ordnung

vorrückten, und plötzlich spürte er Zweifel und beschloß liegenzubleiben, wo er war, um mehr

zu sehen. Aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde lief Mesahchie zu Bill zurück, aber ehe sie

ihn erreicht hatte, sah Tyee, wie Peelo vorsprang und sie mit seinen Armen umschlang. Er

versuchte, sie über seine Schulter zu werfen, aber sie klammerte sich an ihn und zerriß und

zerkratzte ihm das Gesicht. Dann stellte sie ihm ein Bein, und beide fielen schwer zu Boden.

Als sie wieder auf die Füße kamen, hatte Peelo den Griff gewechselt, so daß sein Arm unter

ihrem Kinn lag und sein Handgelenk auf ihre Kehle drückte und sie würgte. Er begrub das

Gesicht an ihrer Brust, fing die Schläge ihrer beiden Hände mit seinem dicken, verfilzten Haar

auf und begann sie langsam vom Kampfplatz wegzuschleppen. Aber in diesem Augenblick prallten

sie gegen Bill, der mit den Waffen seiner gefallenen Kameraden zurückkam. Als Mesahchie ihn

sah, wirbelte sie ihr Opfer herum und hielt es fest. Bill schwang die Büchse in der Rechten

und schlug zu, fast ohne stehenzubleiben. Tyee sah Peelo wie vom Blitz getroffen zu Boden

sinken und den Mann des Sonnenlandes mit Negaahs Tochter fliehen.

Eine Gruppe Mandeller machte unter Führung eines vom Stamme der Hungrigen einen nutzlosen

Sturmangriff, der unter dem prasselnden Feuer zusammenbrach.

Tyee schnappte nach Luft und murmelte: »Wie Reif in der Morgensonne.«

»Ich sagte es ja, sie sind große Kämpfer«, flüsterte der alte Jäger matt, vom Blutverlust sehr

geschwächt. »Ich weiß es. Ich habe es gehört. Sie sind Seeräuber und Robbenjäger, sie schießen

schnell und sicher, denn das ist ihr Leben und ihre Arbeit.«

»Wie Reif in der Morgensonne«, wiederholte Tyee, indem er sich zusammenkauerte und hinter dem

sterbenden Manne Deckung suchte, um nur hin und wieder hervorzulugen.

Man konnte es nicht länger einen Kampf nennen, denn kein Mandeller wagte sich vor, und

andererseits waren sie den Männern des Sonnenlandes zu nahe gekommen, um wieder zurück zu

können. Drei versuchten es, indem sie verstreut wie Kaninchen liefen, aber der eine fiel mit

gebrochenem Bein, der zweite erhielt eine Kugel durch den Leib, und der dritte, der sich

drehte und schlängelte, fiel am Rande des Dorfes. Der Stamm kauerte sich daher in Löchern

zusammen und wühlte sich auf freiem Felde in den Staub ein, während die Kugeln der Männer des

Sonnenlandes über die Ebene dahinfuhren.

»Beweg dich nicht«, bat Tyee, als Aab-Waak am Boden zu ihm hinkroch. »Beweg dich nicht, guter

Aab-Waak, oder du bringst den Tod über uns.«

»Der Tod hat viele von uns geholt«, lachte Aab-Waak, »daher wird es, wie du sagst, großen

Reichtum zwischen uns zu teilen geben. Mein Vater liegt hinter dem großen Felsen dort und

atmet kurz und schnell, und neben ihm liegt mein Bruder, als hätte man einen Knoten in ihn

geschlagen. Aber ihr Teil soll mein Teil werden, und das ist gut.«

»Wie du sagst, guter Aab-Waak, und wie ich gesagt habe; aber ehe wir teilen können, müssen wir

etwas zu teilen haben, und die Männer des Sonnenlandes sind noch nicht tot.«

Eine Kugel prallte von einem Felsblock vor ihnen ab und flog mit gellendem Pfeifen in ihrem

zweiten Fluge tief über ihren Häuptern dahin. Tyee duckte sich und schauderte, aber Aab-Waak

grinste und versuchte ihr vergebens mit den Augen zu folgen. »So schnell fliegen sie, daß man

sie nicht einmal sehen kann«, bemerkte er.

»Aber viele von uns sind tot«, fuhr Tyee fort.

»Und viele sind noch übrig«, lautete die Antwort.

»Und sie pressen sich dicht an die Erde, denn sie haben gelernt, wie man kämpfen muß. Dazu

sind sie zornig geworden. Und wenn wir die Männer des Sonnenlandes auf dem Schiffe getötet

haben, so sind nur noch vier hier auf dem Lande übrig. Es dauert vielleicht lange, bis wir sie

getötet haben, aber schließlich wird es doch geschehen.«

»Wie können wir zum Schiff gelangen, wenn wir nicht hier und nicht dort gehen können?« fragte

Tyee.

»Es ist eine schlechte Stelle, wo Bill und seine Brüder liegen«, erklärte Aab-Waak. »Wir

können von allen Seiten über sie herfallen, und das ist nicht gut. Daher suchen sie die

Klippen in den Rücken zu bekommen, um dort zu warten, bis ihre Brüder vom Schiff ihnen zu

Hilfe kommen.«

»Nie sollen sie vom Schiff kommen, ihre Brüder! Ich habe es gesagt.«

Tyee schöpfte wieder Mut, und als die Männer des Sonnenlandes die Prophezeiung erfüllten und

sich nach der Klippe zurückzogen, war ihm so leicht ums Herz wie nur je.

»Es sind nur noch drei von uns übrig!« klagte einer vom Stamme der Hungrigen, als man sich zur

Beratung versammelte.

»Dafür soll statt zwei Büchsen jeder vier haben«, lautete Tyees Erwiderung.

»Wir haben gut gekämpft.«

»Ja, und sollte es sein, daß nur zwei von euch übrigbleiben, so würdet ihr sechs Büchsen jeder

bekommen. Darum kämpft gut.«

»Und wenn keiner von ihnen übrigbleibt?« flüsterte Aab-Waak schlau.

»Dann bekommen wir die Büchsen, du und ich«, antwortete Tyee ebenfalls flüsternd.

Um aber die Männer vom Hungrigen Volke günstig zu stimmen, machte er einen von ihnen zum

Führer des Zuges gegen das Schiff. Diese Abteilung umfaßte volle zwei Drittel des Stammes und

ging in einer Entfernung von einem Dutzend Meilen, mit Fellen und andern Handelswaren beladen,

an die Küste. Die Zurückgebliebenen bildeten einen weiten Halbkreis um die Brustwehr, die Bill

und seine Männer des Sonnenlandes aufzuwerfen begonnen hatten. Tyee war sich schnell über den

Nutzen einer Sache klar, und er ließ sofort seine Leute kleine Schützengräben auswerfen.

»Die Zeit wird vergehen, ehe sie es gewahr werden«, sagte er zu Aab-Waak, »und wenn sie

beschäftigt sind, werden sie nicht so sehr an die Gefallenen oder an ihre eigenen Beschwerden

denken. Und im Dunkel der Nacht können wir uns weiter vorschieben, so daß die Männer des

Sonnenlandes, wenn sie im Morgenrot Ausschau nach uns halten, uns ganz nahe finden werden.«

In der Mittagshitze machten die Männer eine Arbeitspause und nahmen eine Mahlzeit von

Stockfisch und Robbentran ein, die ihnen von den Frauen gebracht wurde. Einige riefen nach den

Nahrungsmitteln, die die Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu hatten, aber Tyee weigerte

sich, sie auszuteilen, ehe die, welche das Schiff angreifen sollten, zurückgekehrt waren. Es

wurde hin und her über den Ausfall geredet, aber auf einmal ertönte ein dumpfes Dröhnen vom

Meere her über das Land. Wer gute Augen hatte, sah eine dichte Rauchwolke, die sich schnell

auflöste und die ihrer Behauptung nach gerade über dem Schiff der Männer des Sonnenlandes

schwebte. Tyee meinte, es müsse ein Kanonenschuß sein. Aab-Waak wußte es nicht, dachte aber,

daß es irgendein Signal sein müsse. Auf jeden Fall, sagte er, sei es Zeit, daß etwas geschehe.

Fünf bis sechs Stunden später erblickte man einen Mann, der allein über die breite Ebene vom

Meere heraufkam, und Frauen und Kinder strömten ihm in einer großen Schar entgegen. Es war

Ounenk, nackt, atemlos und verwundet. Das Blut rann ihm noch aus einer Schramme an der Stirn

über das Gesicht herab. Sein linker Arm hing furchtbar verstümmelt und hilflos an seiner

Seite. Aber am merkwürdigsten von allem war ein wildes Licht in seinen Augen, das die Frauen

nicht verstanden.

»Wo ist Peshack?« fragte eine alte Squaw.

»Und Olitlie?« – »Und Polak?« – »Und Mah-Kuk?« stimmten andre ein.

Aber er sagte nichts, sondern drängte sich nur durch die lärmende Menge und wankte auf Tyee

zu. Die alte Squaw erhob das Trauergeheul, und die Frauen stimmten eine nach der andern mit

ein, während sie sich hinten anschlossen. Die Männer krochen aus ihren Schützengräben und

liefen zurück, um sich um Tyee zu scharen, und man bemerkte, wie die Männer des Sonnenlandes

auf ihre Barrikade kletterten, um sehen zu können.

Ounenk machte halt, wischte sich das Blut aus den Augen und blickte sich um. Er versuchte zu

sprechen, aber seine trockenen Lippen klebten aufeinander. Likita brachte ihm Wasser, und er

grunzte und trank wieder.

»War es ein Kampf?« fragte Tyee schließlich. »Ein guter Kampf?«

»Ho! ho! ho!« So plötzlich und wild lachte Ounenk, daß alle schwiegen. »Nie hat es einen

solchen Kampf gegeben! Das sage ich, Ounenk, der ich so manchen Kampf mit Tieren und Menschen

ausgefochten habe. Und ehe ich es vergesse, laßt mich große und weise Worte sprechen. Die

Männer des Sonnenlandes kämpfen gut und lehren uns Mandeller kämpfen. Und wenn wir lange genug

kämpfen, werden wir große Kämpfer wie die Männer des Sonnenlandes, oder – wir sind tot. Ho!

ho! ho! Das war ein Kampf!«

»Wo sind deine Brüder?« Tyee schüttelte ihn, daß der Verwundete vor Schmerz schrie.

Ounenk wurde ruhiger. »Meine Brüder? Sie sind nicht mehr.«

»Und Pome-Lee?« rief einer der Hungrigen. »Pome-Lee, der Sohn meiner Mutter?«

»Pome-Lee ist nicht mehr«, sagte Ounenk eintönig.

»Und die Männer des Sonnenlandes?« fragte Aab-Waak.

»Die Männer des Sonnenlandes sind nicht mehr.«

»Aber das Schiff der Männer des Sonnenlandes und ihr Reichtum, ihre Büchsen und anderen

Dinge?« fragte Tyee.

»Weder das Schiff der Männer des Sonnenlandes noch ihr Reichtum oder ihre anderen Dinge,

nichts ist mehr. Nichts. Ich bin allein.«

»Und du bist ein Narr.«

»Das kann sein«, antwortete Ounenk unbewegt. »Ich habe gesehen, was mich wohl zu einem Narren

machen konnte.«

Tyee schwieg, und alle warteten, bis es Ounenk gefiele, seine Geschichte zu erzählen.

»Wir nahmen keine Büchsen mit, o Tyee«, begann er endlich, »keine Büchsen, meine Brüder – nur

Messer und Jagdbogen und Speere. Und zu je zweien und dreien kamen wir in unsern Kajaks zum

Schiffe. Sie freuten sich, als sie uns sahen, die Männer des Sonnenlandes, wir breiteten

unsere Felle aus, sie holten ihre Handelswaren, und alles ging gut. Und Pome-Lee wartete –

wartete, bis die Sonne hoch am Himmel stand und sie sich zum Essen gesetzt hatten. Da stieß er

den Schrei aus, und wir fielen über sie her. Nie hat es einen solchen Kampf gegeben und nie

solche Kämpfer. Die Hälfte erschlugen wir im ersten Augenblick, aber die Hälfte, die

übrigblieb, wurde zu Teufeln, und sie vervielfältigten sich und kämpften überall wie die

Teufel. Sie stellten sich mit dem Rücken gegen den Mastbaum, und wir umgaben sie mit einem

Kreis unserer Toten, ehe sie selbst starben. Und einige nahmen zwei Büchsen und schossen,

indem sie beide Augen offenhielten, und sie schossen sehr schnell und sicher. Und einer nahm

eine große Büchse, aus der er eine Menge kleiner Kugeln auf einmal schoß. Seht her!« Ounenk

zeigte auf sein Ohr, das sauber von einem Rehposten durchbohrt war.

»Aber ich, Ounenk, durchstieß ihn von hinten mit meinem Speere. Und so töteten wir sie alle

irgendwie – alle außer dem Häuptling. Und ihn umringten wir, viele von uns, und er war allein,

aber da stieß er einen lauten Schrei aus, brach durch und lief in das Innere des Schiffes,

während fünf oder sechs von uns sich an ihn hängten. Und da, als der Reichtum des Schiffes

unser und nur der Häuptling, den wir auch bald töten mußten, noch unten war, ja, da ertönte

ein Krachen wie von allen Büchsen der Welt – ein mächtiges Krachen! Und wie ein Vogel flog ich

in die Luft, und das lebende Mandellervolk und die toten Männer des Sonnenlandes, die kleinen

Kajaks, das große Schiff, die Büchsen, der Reichtum – alles flog in die Luft. Darum sage ich,

Ounenk, der diese Geschichte erzählt, daß ich der einzige bin, der übrigblieb.«

Tiefes Schweigen senkte sich auf die Versammlung. Tyee blickte Aab-Waak mit entsetzten Augen

an, sagte aber nichts. Selbst die Frauen waren zu erstaunt, um über die Toten zu jammern.

Ounenk sah sich stolz um. »Ich bin der einzige, der übrigblieb«, wiederholte er.

Aber in diesem Augenblick knallte eine Büchse von Bills Barrikade, und es klatschte scharf

gegen Ounenks Brust. Er schwankte hintenüber und richtete sich mit einem Ausdruck von

Verblüffung wieder auf. Er schnappte nach Luft, und seine Lippen verzogen sich zu einem

grimmigen Lächeln. Seine Schultern fielen zusammen, und seine Knie knickten ein. Er schüttelte

sich wie ein Mann, der im Begriff ist, einzuschlafen, und raffte sich wieder auf. Aber das

Zusammenfallen und Einknicken begann wieder, und er sank langsam, ganz langsam zu Boden.

Es war eine ganze Meile bis zum Graben der Männer des Sonnenlandes, aber der Tod hatte den

Abstand überbrückt. Ein mächtiges Wutgeschrei erhob sich, in dem viel Rachgier und

gedankenlose tierische Wildheit lag. Tyee und Aab-Waak versuchten, das Mandellvolk

zurückzuhalten, wurden aber beiseite gestoßen und konnten nichts als sich umdrehen und dem

wahnsinnigen Ansturm zusehen. Aber es fiel kein Schuß von den Männern des Sonnenlandes, und

ehe die Hälfte der Strecke zurückgelegt war, wurden viele durch die geheimnisvolle Stille

erschreckt, machten halt und warteten. Die wilderen Geister stürmten weiter, sie hatten wieder

die Hälfte des übriggebliebenen Abstandes zurückgelegt, und immer noch gab der Graben kein

Lebenszeichen von sich. In einer Entfernung von zweihundert Ellen verlangsamten sie den Lauf

und sammelten sich; bei hundert Ellen blieben sie, an zwanzig Mann, mißtrauisch stehen und

berieten sich. Da wurde die Barrikade von einer Rauchwolke gekrönt, und sie zerstreuten sich

wie eine Handvoll kleiner Steine, die aufs Geratewohl hingeworfen werden. Vier fielen und noch

vier, und sie fielen weiter schnell, immer einer oder zwei zugleich, bis nur einer übrig war,

und der jagte in voller Flucht zurück, während der Tod ihm um die Ohren pfiff. Es war Nok, ein

junger Jäger, langbeinig und hochgewachsen, und er lief, wie er nie zuvor gelaufen war. Er

fuhr über die nackte Ebene wie ein Vogel, schwang sich auf und segelte und sprang von einer

Seite auf die andere. Die Büchsen im Graben donnerten in einer mächtigen Salve, sie knallten

durcheinander, aber immer noch schwang Nok sich auf, tauchte nieder und schwang sich immer

wieder unbeschädigt auf. Das Schießen ließ nach, als hätten die Männer des Sonnenlandes es

aufgegeben, ihn zu treffen, und Nok zickzackte immer weniger in seinem Fluge, bis er bei jedem

Sprunge geradeaus flog. Und wie er schnell und geradeaus so sprang, kläffte eine einzelne

Büchse aus dem Graben, und Nok ballte sich mitten in der Luft zusammen und kam als ein Klumpen

auf die Erde, flog durch den Aufprall wieder hoch und landete als ein zerschmettertes

Häufchen.

»Wer ist so schnell wie das schnellbeschwingte Blei?« grübelte Aab-Waak.

Tyee brummte und wandte sich ab. Der Fall war erledigt, und es gab Wichtigeres zu denken. Ein

Mann vom Stamme der Hungrigen und vierzig von seinen eigenen Kriegern, darunter einige

Verwundete, waren noch übrig, und man hatte noch mit vier Männern des Sonnenlandes zu rechnen.

»Wir halten sie in ihrem Loch an der Klippe fest«, sagte er, »und wenn der Hunger sie gepackt

hat, so töten wir sie, als ob es Kinder wären.«

»Aber warum kämpfen?« fragte Oloof, einer der jüngeren Männer. »Der Reichtum der Männer des

Sonnenlandes ist nicht mehr; es ist nur übrig, was sich in Negaahs Iglu befindet, ein elender

Rest…« Er brach hastig ab, denn eine Kugel pfiff scharf an seinem Ohr vorbei.

Tyee lachte höhnisch. »Nimm das als Antwort. Was könnten wir sonst tun mit diesen wahnsinnigen

Menschen des Sonnenlandes, die nicht sterben wollen?«

»Welche Torheit!« protestierte Oloof, während er im stillen die Ohren spitzte, ob nicht eine

neue Kugel käme. »Es ist nicht recht, daß sie so kämpfen, diese Männer des Sonnenlandes. Warum

wollen sie nicht einen leichten Tod sterben? Sie sind Toren, daß sie nicht wissen, daß sie

doch des Todes sind, und uns so viel Mühe machen.«

»Zuerst kämpften wir, um großen Reichtum zu gewinnen, jetzt tun wir es, um unser Leben zu

retten«, faßte Aab-Waak in Kürze die Lage zusammen.

Nachts ertönte Lärm in den Gräben, und Schüsse wurden gewechselt. Und am Morgen fand man

Negaahs Iglu von den Besitztümern der Männer des Sonnenlandes geräumt. Sie hatten sie selbst

geholt, wie ihre Fährten zeigten, als die Sonne aufging. Oloof kroch auf den Rand der Klippe,

um große Steine in den Graben hinabzuschleudern, aber die Klippe hing über, und so schleuderte

er statt dessen Scheltworte und Beleidigungen hinunter und versprach ihnen bittere Foltern,

wenn das Ende gekommen sei. Bill schickte ihm Hohnworte in der Sprache des Bärenvolkes zurück,

und Tyee, der den Kopf aus dem Graben hervorsteckte, um zuzusehen, erhielt einen tiefen

Streifschuß an der Schulter.

Und in den traurigen Tagen, die jetzt folgten, und den wilden Nächten, in denen sie die Gräben

näher an den Feind heranführten, wurde viel davon gesprochen, ob es nicht klug sei, die Männer

des Sonnenlandes entwischen zu lassen. Aber davor fürchteten sie sich, und die Frauen erhoben

stets ein Geschrei bei dem Gedanken. Sie hatten viel von den Männern des Sonnenlandes gesehen

und hatten keine Lust, noch mehr zu sehen. Die ganze Zeit hindurch war die Luft von dem

Pfeifen und Klatschen der Kugeln erfüllt, und die ganze Zeit hindurch wuchs die Verlustliste.

Im goldenen Morgengrauen ertönte der schwache, ferne Knall einer Büchse, und eine Frau

streckte getroffen am fernen Rande des Dorfes die Hände hoch. In der Mittagshitze hörten die

Männer in den Gräben das gellende Pfeifen und wußten, daß ihr Tod geflogen kam, und im grauen

Abendschein spritzte der Staub in kleinen Wölkchen bei dem schwachen Feuer auf. Und durch die

Nächte klang das langgezogene, jammernde »Wa-hoo-ha-a, wa-hoo-ha-a!« der trauernden Frauen.

Wie Tyee vorausgesagt hatte, kam es schließlich so weit, daß der Hunger die Männer des

Sonnenlandes packte. Und während eines zeitigen Herbststurmes kroch einer von ihnen in der

Dunkelheit in die Gräben und stahl eine Menge Stockfische. Aber er konnte nicht wieder

zurückkommen, und die Sonne fand ihn, wie er sich vergebens im Dorfe zu verstecken suchte. So

kämpfte er denn den großen Kampf ganz allein in einem engen Kreis des Mandellvolkes, erschoß

vier mit seinem Revolver, und ehe sie ihn ergreifen und foltern konnten, kehrte er die Waffe

gegen sich selber und starb.

Das warf Schwermut über das Volk. Oloof stellte die Frage: »Wenn nur ein Mann sich so kühn

verteidigt, ehe er stirbt, was werden dann die drei tun, die noch übrig sind?«

Dann stellte Mesahchie sich auf die Barrikade und rief die Namen dreier Hunde, die in die Nähe

gekommen waren. Das war Fleisch und Leben – und das schob den Tag der Abrechnung hinaus und

goß Verzweiflung in die Herzen des Mandellvolkes. Und die Flüche eines ganzen Geschlechtes

wurden über Mesahchies Haupt ausgeschüttet.

Die Tage schleppten sich hin. Die Sonne eilte gen Süden, die Nächte wurden immer länger, und

es kam ein Hauch von Frost in die Luft. Und immer noch hielten die Männer des Sonnenlandes

ihren Graben. Unter diesem endlosen Druck sank der Mut, und Tyee grübelte tief und ernsthaft.

Dann erließ er die Botschaft, daß alle Felle und Häute im ganzen Stamme gesammelt werden

sollten. Die ließ er zu großen Rollen wickeln und legte hinter jede Rolle einen Mann.

Als der Befehl gegeben wurde, war der kurze Tag beinahe verstrichen, und es war eine

langwierige Arbeit, die großen Ballen Fuß für Fuß vorwärts zu rollen. Die Kugeln der Männer

des Sonnenlandes klatschten und schlugen in sie, ohne sie zu durchdringen, und die Männer

heulten vor Begeisterung. Aber die Dunkelheit brach herein, und Tyee, der jetzt seines

Erfolges sicher war, ließ die Ballen in die Gräben zurückholen.

Am nächsten Morgen begann das Vorrücken im Ernst, während im Graben der Männer des

Sonnenlandes ein unheimliches Schweigen herrschte. Anfangs rückten die Ballen sich langsam mit

weiten Zwischenräumen näher, während der Kreis sich verengerte. In einer Entfernung von

hundert Ellen waren sie einander ganz nahe gekommen, so daß Tyees Befehl, anzuhalten,

flüsternd von einem Flügel zum andern lief. Der Graben gab kein Lebenszeichen von sich. Sie

warteten lange und gespannt, aber nichts regte sich. Das Vorrücken begann wieder, und das

Manöver wiederholte sich in einem Abstand von fünfzig Ellen. Immer noch kein Zeichen, kein

Laut. Tyee schüttelte den Kopf, und selbst Aab-Waak hegte Zweifel. Aber wieder wurde Befehl

zum Vorrücken gegeben, und sie rückten vor, bis Ballen neben Ballen lag und eine feste Schanze

aus Fellen und Häuten sich von der Klippe rings um den Graben wieder bis zur Klippe

erstreckte. Tyee blickte sich um und sah, wie Frauen und Kinder sich wie dunkle Schatten in

den verlassenen Gräben scharten. Er sah vorwärts nach dem schweigenden Graben. Die Männer

bewegten sich nervös, und er ließ einen um den andern Ballen vorrücken. Diese neue Linie

bewegte sich vorwärts, bis wieder wie zuvor Ballen an Ballen stieß. Dann schob Aab-Waak aus

eigenem Antriebe einen Ballen allein vor. Als er gegen die Barrikade stieß, wartete er lange.

Dann warf er Steine in den Graben hinüber, bekam aber keine Antwort, und schließlich erhob er

sich mit großer Vorsicht und guckte hinunter. Ein Teppich von leeren Patronenhülsen, einige

reingenagte Hundeknochen und eine sumpfige Stelle, wo das Wasser aus einer Felsspalte

herabträufelte, begegneten seinem Blick. Das war alles. Die Männer des Sonnenlandes waren weg.

Ein Murmeln von Hexerei und unbestimmte Klagen ertönten, und düstere Blicke wurden gewechselt,

die Tyee unheimliche Dinge prophezeiten, die noch geschehen konnten, und er atmete erleichtert

auf, als Aab-Waak den Spuren am Fuße der Klippe folgte.

»Die Höhle!« rief Tyee. »Sie sahen meine Weisheit mit den Fellballen voraus und flohen in die

Höhle!« Die Klippe war von einem Labyrinth unterirdischer Gänge durchbohrt, die in der Mitte,

wo der Graben gegen die Felswand stieß, zusammenliefen. Dorthin folgten die Männer des Stammes

Aab-Waak unter vielen Ausrufen, und als sie die Stelle erreichten, konnten sie deutlich sehen,

daß die Männer des Sonnenlandes in die einige zwanzig Fuß hohe Mündung geklettert waren.

»Jetzt ist es geschehen«, sagte Tyee und rieb sich die Hände. »Jetzt gebiete ich, daß alle

sich freuen sollen, denn jetzt sind sie in der Falle, diese Männer des Sonnenlandes – in der

Falle. Die jungen Leute sollen hinaufklettern und den Eingang der Höhle mit Steinen füllen, so

daß Bill und seine Brüder und Mesahchie vom Hunger gequält werden, bis sie zu Schatten werden

und unter Fluchen in Stille und Finsternis sterben.«

Rufe, die Jubel und Erleichterung ausdrückten, begrüßten diese Worte, und Howgah, der letzte

vom Stamme der Hungrigen, kletterte den steinigen Hang hinauf und kauerte sich am Rande der

Öffnung zusammen. Aber im selben Augenblick ertönte ein scharfer Knall, dann noch einer,

während er sich verzweifelt an den glatten Felsrand klammerte. Mit widerstrebender Schwäche

ließ er los und stürzte zu Tyees Füßen nieder, zitterte einen Augenblick wie ein riesiger

Gallertklumpen und lag dann still da.

»Wie konnte ich wissen, daß sie so große Kämpfer seien und sich nicht fürchteten?« fragte Tyee

unter dem Drange, sich zu verteidigen, bei der Erinnerung an die düsteren Blicke und die

unbestimmten Klagen.

»Wir waren viele und glücklich«, erklärte einer der Männer geradezu. Ein anderer ließ die

lüsternen Finger mit seinem Speere spielen.

Aber Oloof gebot ihnen Schweigen. »Hört, meine Brüder! Es gibt einen andern Weg! Als Knabe

fand ich ihn zufällig eines Tages, als ich oben auf dem Hange spielte. Er ist von den Felsen

verborgen, und niemand kommt dorthin. Daher ist er ein Geheimnis, und kein Mensch kennt ihn.

Er ist sehr schmal, man kriecht ein weites Stück auf dem Bauche, und dann ist man in der

Höhle. Heute nacht wollen wir geräuschlos hineinkriechen und die Männer des Sonnenlandes von

hinten überraschen. Und morgen wird Friede sein, und nie wieder werden wir in den kommenden

Jahren mit Männern des Sonnenlandes kämpfen.«

»Nie mehr!« tönte es im Chor von den müden Männern. »Nie mehr!« Und Tyee stimmte mit ein. Am

Abend sammelte sich die Schar von Frauen und Kindern um den bekannten Eingang der Höhle, die

Erinnerung an ihre Toten im Herzen und Steine, Speere und Messer in den Händen. Die mehr als

zwanzig Fuß zur Erde konnte keiner der Männer des Sonnenlandes hoffen, lebend

hinunterzugelangen. Im Dorfe blieben nur die Verwundeten zurück, während alle gesunden und

beweglichen Männer – es waren noch dreißig – Oloof nach dem heimlichen Zugang folgten. Es

waren hundert Fuß unwegsame Felsen und unsicher aufgehäufte Steine zwischen ihnen und der

Erde, und aus Furcht, die Steine durch Hand oder Fuß in Unordnung zu bringen, kroch immer nur

ein Mann auf einmal in den Gang. Oloof, der zuerst kam, rief leise den nächsten, daß er kommen

solle, und verschwand drinnen. Ein Mann folgte, noch einer, ein dritter und so fort, bis nur

Tyee übrig war. Er hörte das Rufen des letzten Mannes, wurde aber von einem plötzlichen

Zweifel gepackt und blieb zurück, um nachzudenken. Eine halbe Stunde später schwang er sich

zur Öffnung empor und guckte hinein. Er konnte fühlen, wie eng der Gang war, und die

Dunkelheit vor ihm wirkte gleichsam massiv. Die Furcht vor dem Raum zwischen den Erdwänden

ließ ihn erstarren, und er konnte sich nicht hineinwagen. Alle Toten, von Negaah, dem ersten

der Mandeller, bis zu Wawgah, dem letzten der Hungrigen, setzten sich zu ihm. Aber er zog das

Unheimliche ihrer Gesellschaft dem Entsetzen vor, das er in dem dichten Dunkel lauern spürte.

Er hatte lange dort gesessen, als etwas Weiches und Kaltes leise gegen seine Wange flatterte,

und er wußte, daß es der erste Winterschnee war, der fiel. Dann kam die schwache

Morgendämmerung und hierauf der klare Tag, und dann hörte er einen leisen Kehllaut, ein

Schluchzen, das näher kam und deutlicher wurde. Er ließ sich über den Rand gleiten, setzte die

Füße auf den ersten Felsvorsprung und wartete.

Das Schluchzen kam langsam näher, aber endlich, nach manchem Stocken war es da, und er war

sicher, daß es von keinem Manne des Sonnenlandes ausgehen konnte. Daher streckte er die Hand

dem Laut entgegen, aber wo ein Kopf hätte sein sollen, fühlte er die Schulter eines Mannes,

der sich auf die Ellenbogen stützte. Den Kopf fand er hinterher, nicht aufrecht, sondern

herabhängend, so daß der Scheitel auf dem Boden des Ganges ruhte.

»Bist du es, Tyee?« fragte der Kopf. »Denn ich bin es, Aab-Waak, hilflos und geknickt wie ein

schlecht geworfener Speer. Mein Kopf liegt im Schmutze, und ich kann nicht ohne Hilfe

hinunterklettern.«

Tyee kroch hinein und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, aber der Kopf hing auf die

Brust herab und schluchzte und jammerte.

»Ai-oo-o, ai-oo-o!« kam es. »Oloof hatte vergessen, daß Mesahchie auch das Geheimnis kannte,

und sie hat es den Männern des Sonnenlandes verraten, sonst hätten sie nicht am andern Ende

des Ganges gewartet. Und darum bin ich ein geknickter Mann und hilflos – ai-oo-o, ai-oo-o!«

»Und starben sie, die verfluchten Männer des Sonnenlandes, am andern Ende des Ganges?« fragte

Tyee.

»Wie konnte ich wissen, daß sie warteten?« gurgelte Aab-Waak. »Denn meine Brüder waren

vorausgegangen, viele von ihnen, und es war nichts von einem Kampf zu hören. Wie konnte ich

wissen, warum es keinen Kampflärm gab? Und ehe ich es wußte, legten sich zwei Hände um meinen

Hals, so daß ich nicht rufen und meine Brüder warnen konnte, die hinter mir kamen. Und dann

legten sich noch zwei Hände um meinen Kopf und zwei um meine Füße. Auf diese Weise hielten die

Männer des Sonnenlandes mich. Und während die Hände meinen Kopf festhielten, drehten die Hände

um meine Füße meinen Körper herum, und der Hals wurde mir umgedreht, wie wir einer Wildente

den Hals umdrehen. Aber es war nicht bestimmt, daß ich sterben sollte«, fuhr er mit einem

schwachem Funken von Stolz fort. »Ich bin der einzige, der übrigblieb. Oloof und die andern

liegen in einer Reihe auf dem Rücken, und ihre Gesichter sind hierhin und dorthin gedreht, und

manche Gesichter sind dort, wo ihre Nacken sein sollten. Es ist kein schöner Anblick; denn als

das Leben in mich zurückkehrte, sah ich sie alle beim Schein einer Fackel, die die Männer des

Sonnenlandes zurückgelassen hatten, und ich war in eine Reihe mit den andern gelegt worden.«

»So? So?« grübelte Tyee, zu verblüfft, um mehr sagen zu können.

Es gab einen Ruck in ihm, und ihn schauderte, denn Bills Stimme ertönte aus dem Gange.

»Es ist gut«, sagte sie, »ich suche den Mann, der mit gebrochenem Hals fortkriecht, und siehe,

ich finde Tyee. Wirf deine Büchse von dir, Tyee, daß ich sie auf die Steine fallen hören

kann.«

Tyee gehorchte ohne Einwand, und Bill kroch ins Licht heraus. Tyee betrachtete ihn neugierig.

Er war mager, mitgenommen und schmutzig, und seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen in

ihren tiefen Höhlen.

»Ich bin hungrig, Tyee«, sagte er. »Sehr hungrig sogar!«

»Und ich bin Schmutz zu deinen Füßen«, antwortete Tyee. »Dein Wort ist mir Gebot. Außerdem

werde ich meinem Volke befehlen, dir keinen Widerstand zu leisten. Ich rate ihnen…«

Aber Bill hatte sich umgedreht und rief in den Gang hinein: »He! Charley! Jim! Kommt her und

bringt das Mädchen mit!«

»Jetzt bekommen wir etwas zu essen«, sagte er, als seine Kameraden und Mesahchie sich ihm

angeschlossen hatten. Tyee rieb sich entschuldigend die Hände. »Wir haben nur wenig, aber was

wir haben, ist dein.«

»Und dann wollen wir südwärts über den Schnee wandern«, fuhr Bill fort.

»Möget ihr ohne Beschwer wandern, und möge der Weg euch leicht werden.« – »Es ist ein weiter

Weg. Wir brauchen Hunde und Nahrung – viel!«

»Du kannst unter unsern Hunden wählen und so viel Nahrung nehmen, wie sie ziehen können.«

Bill ließ sich über den Felsrand gleiten und schickte sich an hinunterzusteigen. »Aber wir

kommen wieder, Tyee. Wir kommen wieder, und unsere Tage werden lang sein hier im Lande.«

Und so reisten sie in den ungebahnten Süden, Bill, seine Brüder und Mesahchie. Und als das

nächste Jahr kam, lag »Search II« in der Mandellbucht vor Anker. Die wenigen vom Mandellvolke,

die noch lebten, weil ihre Wunden sie gehindert hatten, in die Höhlen zu kriechen, begannen

auf Befehl der Männer des Sonnenlandes zu arbeiten und in der Erde zu graben. Sie jagen und

fischen nicht mehr, sondern erhalten Tagelohn, für den sie sich Mehl, Zucker, Baumwollstoff

und solche Waren kaufen, wie »Search II« sie alljährlich von den Männern des Sonnenlandes

bringt.

Und diese Mine wird in aller Heimlichkeit ausgebeutet, wie so viele Nordlandminen ausgebeutet

worden sind, und kein weißer Mann außerhalb der Aktiengesellschaft, die aus Bill, Jim und

Charley besteht, weiß, wo an der Küste des Polarmeeres Mandell liegt. Aab-Waak trägt immer

noch seinen Kopf schief auf der Schulter hängend, er ist zum Orakel geworden und predigt den

jüngeren Generationen Frieden, wofür er eine Pension von der Aktiengesellschaft erhält. Tyee

ist Vorarbeiter in der Mine und hat sich eine neue Theorie über die Männer des Sonnenlandes

gebildet.

»Wer unter dem Pfade der Sonne lebt, ist nicht weichlich«, sagt er, während er seine Pfeife

raucht und beobachtet, wie die Tagschicht nach Hause geht und die Nachtschicht sich zur Arbeit

begibt. »Denn die Sonne dringt in ihr Blut ein und brennt sie mit einem starken Feuer, so daß

sie von Lüsten und Leidenschaften erfüllt werden. Sie brennen immer, so daß sie es selbst

nicht wissen, wenn sie besiegt sind. Dazu ist eine Unrast in ihnen, ein Teufel, der sie über

die ganze Erde treibt, um unaufhörlich zu arbeiten, zu schleppen und zu kämpfen. Ich weiß es.

Ich bin Tyee.«

* * *

Li Wan, die Schöne

»Die Sonne sinkt, Canim, und die Hitze des Tages ist vorbei!« So rief Li Wan ihrem Manne zu,

dessen Kopf in dem Eichhörnchenfellgewand verborgen war, aber sie rief es so leise, als wankte

sie zwischen der Pflicht, ihn zu wecken, und der Furcht vor ihm, wenn er erwachte. Denn sie

fürchtete ihren großen Gatten, der keinem der Männer glich, die sie je gekannt hatte.

Das Elchfleisch prasselte unruhig über dem Feuer, und sie stellte die Bratpfanne neben die

rote Glut. Dabei warf sie einen vorsichtigen Blick auf die beiden Hudsonbuchthunde, von deren

scharlachroten Zungen gierig der Geifer troff und die jeder ihrer Bewegungen folgten. Es waren

mächtige zottige Gesellen, die auf der vom Winde geschützten Seite des Feuers in dem dünnen

Rauch zusammengekauert waren, um den schwärmenden Myriaden von Moskitos zu entgehen. Als Li

Wan den Hang hinabblickte, dorthin, wo der Klondike seine angeschwollenen Fluten zwischen den

steilen Ufern dahinwälzte, schlängelte sich einer der Hunde wie ein Wurm vorwärts und warf mit

einem gewandten, katzenartigen Pfotenschlag ein Stück des heißen Fleisches auf den Boden. Aber

Li Wan ergriff ihn auf frischer Tat und gab ihm mit einem Holzscheit einen Schlag über die

Schnauze, daß er schnappend und knurrend zurücksprang.

»Nein, Olo«, lachte sie und hob das Fleisch auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Du bist

immer hungrig, und dann bringt deine Nase dich in endlose Unannehmlichkeiten.«

Aber Olos Kamerad gesellte sich zu ihm, und gemeinsam boten sie der Frau Trotz. Die Haare

sträubten sich ihnen auf Rücken und Schultern, sie verzerrten und fletschten die dünnen Lippen

und entblößten die grausam drohenden Fleischfresser-Fangzähne. Selbst ihre Nasen zuckten und

wanden sich wie die wilden Bestien, und sie knurrten wie Wölfe mit all dem Haß und der ganzen

Bosheit ihrer Rasse, bereit, sich auf die Frau zu stürzen und sie zu Boden zu reißen.

»Und du auch, Bash? Du bist so wild wie dein Herr und beugst dich nie der Hand, die dich

füttert! Dies ist nicht deine Sache, darum nimm dies! Und das!«

Dies rufend, schlug sie mit dem Scheit nach ihnen, aber sie wichen den Schlägen aus, ohne sich

zurückzuziehen. Sie trennten sich und näherten sich je von einer Seite, kriechend und

knurrend. Li Wan rang mit dem Wolfshund um die Herrschaft seit der Zeit, da sie zwischen den

Fellballen der Teepee herumgezottelt war, und sie wußte, daß eine Krisis bevorstand. Bash

hatte haltgemacht, seine Muskeln strafften sich zum Sprunge; Olo kroch noch in Reichweite

ihres Schlages.

Sie ergriff zwei qualmende Scheite an den verkohlten Enden und trat den Bestien entgegen. Die

eine hielt sich zurück, aber Bash sprang zu, und ihre brennende Waffe traf ihn in der Luft.

Ein scharfes Schmerzgeheul ertönte, und der Geruch von verbranntem Haar und Fleisch machte

sich bemerkbar, während das Tier in den Schmutz rollte und die Frau ihm die schwelende Asche

in den Rachen stieß. Wild schnappend warf er sich beiseite und suchte in fast wahnsinniger

Furcht das Weite. Olo hatte schon seinen Rückzug begonnen, als Li Wan ihn an ihre Übermacht

gemahnte, indem sie ihm ein schweres Holzscheit in die Rippen jagte. Unter einem Regen von

Brennholz zog sich das Paar zurück und begann sich am Rande des Lagerplatzes, abwechselnd

wimmernd und knurrend, die Wunden zu lecken.

Li Wan blies die Asche vom Fleisch und setzte sich wieder. Ihr Herz hatte nicht schneller

geschlagen, sie war die Zwischenfälle gewohnt, sie gehörten mit zu ihrem täglichen Leben.

Canim hatte sich bei dem Lärm nicht gerührt, sondern nur kräftig geschnarcht.

»Komm, Canim!« rief sie. »Die Hitze des Tages ist entschwunden, und der Weg wartet auf uns.«

Das Eichhörnchenfell geriet in Bewegung und wurde durch einen braunen Arm beiseite geworfen.

Das Augenlid des Mannes zuckte und senkte sich wieder. – Seine Last ist schwer, dachte sie,

und er ist noch müde von der Morgenarbeit.

Ein Moskito stach sie in den Nacken, und sie betupfte sich die ungeschützte Stelle mit

feuchtem Lehm aus einem Klumpen, den sie immer zur Hand hatte. Den ganzen Morgen hatten sich

Mann und Frau, während sie sich, in eine Wolke dieser Pest eingehüllt, zur Wasserscheide

hinaufgeschleppt hatten, mit dieser klebrigen Masse beschmiert, die in der Sonne trocknete und

ihre Gesichter mit Lehmmasken bedeckte. Diese Masken sprangen an verschiedenen Stellen durch

die Bewegung der Gesichtsmuskeln und mußten beständig erneuert werden, so daß der Niederschlag

unregelmäßig stark und von seltsamem Aussehen war.

Li Wan schüttelte Canim sanft, aber anhaltend, bis er völlig erwachte und sich aufsetzte. Sein

erster Blick galt der Sonne, und nachdem er die Himmelsuhr befragt hatte, beugte er sich über

das Feuer und machte sich gierig über das Fleisch her.

Er war ein großer Indianer, volle sechs Fuß hoch, mit breiter Brust und schweren Muskeln, und

seine Augen blickten kühner und zeugten von einer Geisteskraft, wie sie bei seiner Rasse

selten ist. Linien, von Energie geprägt, hatten tiefe Furchen in sein Antlitz gegraben und

ließen einen Mann erkennen, der gewohnt war, seinen Willen unerschütterlich durchzusetzen und

Versuchen, ihn zu durchkreuzen, mit tückischer Grausamkeit zu begegnen.

»Morgen, Li Wan, werden wir ein Festessen haben.« Er saugte einen Markknochen aus und warf ihn

den Hunden zu. »In Speck gebratene Pfannkuchen und, was noch besser schmeckt, Zucker…«

»Pfannkuchen?« fragte sie, das Wort neugierig genießend.

»Ja«, antwortete Canim überlegen, »und ich werde dir neue Kochkünste beibringen. Die Dinge,

von denen ich spreche, kennst du nicht und vieles andere auch nicht. Du hast deine Tage in

einem kleinen entlegenen Winkel verlebt und weißt nichts. Ich aber«, er richtete sich auf und

blickte sie stolz an, »ich bin ein großer Wanderer und war überall, selbst unter den Weißen,

und ich kenne ihre Gebräuche und die vieler anderer Völker. Ich bin kein Baum, der immer auf

demselben Platze steht und nicht weiß, was hinter dem nächsten Hügel liegt; ich bin Canim, das

Kanu, geschaffen, hierhin und dorthin zu wandern und die Welt der Länge und Breite nach zu

durchreisen und zu durchforschen.«

Sie neigte demütig ihr Haupt. »Es ist wahr. Ich habe alle meine Tage Fisch, Fleisch und Beeren

gegessen und in einem kleinen Winkel gelebt. Ich ließ mir nicht träumen, daß die Welt so groß

war, bis du mich meinem Volke entführtest und ich auf endlosen Wegen für dich kochte und

Lasten trug.« Sie sah plötzlich zu ihm auf. »Sag mir, Canim, hat dieser Weg nie ein Ende?«

»Nein«, antwortete er. »Mein Weg gleicht der Welt, er endet nie. Mein Weg ist die Welt, ich

befahre ihn, seit meine Füße mich tragen konnten, und ich werde ihn wandern, bis ich sterbe.

Mein Vater und meine Mutter sind vielleicht tot – es ist lange her, seit ich sie sah –, aber

ich mache mir nichts daraus. Mein Stamm ist wie der deine. Er bleibt auf demselben Fleck, weit

von hier, aber ich mache mir nichts aus meinem Stamm, denn ich bin Canim, das Kanu!«

»Und muß ich, Li Wan, so müde ich bin, immer deinen Weg wandern, bis ich sterbe?«

»Du, Li Wan, bist mein Weib, und das Weib wandert den Weg des Gatten, wohin er auch führt. So

ist das Gesetz. Und wäre es nicht so, so würde es doch Canims Gesetz sein, der sich selbst und

den Seinen die Gesetze gibt.«

Wieder neigte sie ihr Haupt, denn sie kannte kein anderes Gesetz, als daß der Mann der Herr

des Weibes sei.

»Beeile dich nicht«, warnte er sie, als sie die spärlichen Ausrüstungsgegenstände in ein

Bündel zusammenzuschnüren begann. »Die Sonne brennt noch heiß, der Weg führt bergab und ist

gut.«

Sie ließ gehorsam von ihrer Arbeit und setzte sich wieder.

Canim betrachtete sie mit forschenden Blicken. »Du kauerst nicht nieder wie andere Frauen?«

bemerkte er.

»Nein«, sagte sie. »Es ermüdet mich, und ich kann in der Stellung nicht ausruhen.«

»Und warum zeigen deine Füße nicht geradeaus?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie anders als die Füße unserer Frauen sind.«

Ein zufriedenes Leuchten blitzte in seinen Augen auf, sonst aber gab er kein Zeichen.

»Gleich dem anderer Frauen ist dein Haar schwarz; aber weißt du, daß es weich und fein ist,

weicher und feiner als das anderer Frauen?«

»Ich habe es bemerkt«, erwiderte sie kurz, denn sie war verwirrt von einer solchen kalten

Erwähnung ihrer weiblichen Mängel.

»Es ist jetzt ein Jahr her, seit ich dich deinem Volke entführte«, fuhr er fort, »und du bist

noch beinahe ebenso scheu und furchtsam vor mir wie damals, als meine Augen zum ersten Male

auf dir ruhten. Woher kommt das?«

Li Wan schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich vor dir, Canim, du bist so stark und fremd. Und

dann: Bevor du deine Blicke auf mich warfst, fürchtete ich mich vor allen jungen Leuten. Ich

weiß nicht – ich kann nicht sagen… Aber mir scheint, ich weiß nicht wieso, als wäre ich nicht

für sie geschaffen, als wäre ich…«

»Nun?« ermutigte er sie, ungeduldig über ihr Stocken.

»Als wären sie nicht von meiner Art.«

»Nicht von deiner Art?« fragte er langsam.

»Ich weiß nicht, ich…« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich kann nicht in Worte kleiden, was

ich empfand. Es war ein Gefühl von Fremdheit in mir. Ich war anders als andere Mädchen, die

die jungen Männer im geheimen aufsuchten. Ich konnte mir nichts aus den jungen Männern auf

diese Weise machen. Es schien mir, als wäre es ein großes Unrecht, eine schlechte Handlung.«

»Was ist deine früheste Erinnerung?« fragte Canim plötzlich ohne Übergang.

»Pow-Wah-Kaan, meine Mutter.«

»Und nichts vor Pow-Wah-Kaan?«

»Nichts.«

Aber Canim hielt ihren Blick mit dem seinen fest, suchte im Innersten ihrer Seele und sah sie

schwanken.

»Denk nach, denk scharf nach, Li Wan!« drohte er. Sie stammelte, und ihre Augen flehten um

Mitleid, aber sein Wille beherrschte sie und entrang die Worte ihrem widerstrebenden Munde.

»Aber es waren nur Träume, Canim, böse Träume meiner Kindheit, Schatten unwirklicher Dinge,

Gesichte, ähnlich wie Hunde sie wimmernd sehen, wenn sie in der Sommerhitze schlafen.«

»Erzähle von diesen Dingen!« befahl er.

»Es sind vergessene Gedanken«, wandte sie ein. »Als Kind träumte ich wach, die offenen Augen

dem Tage zugewandt, und wenn ich von den seltsamen Dingen sprach, die ich sah, lachte man mich

aus, und die andern Kinder fürchteten sich und zogen sich vor mir zurück. Und wenn ich von

dem, was ich sah, zu Pow-Wah-Kaan sprach, so schalt sie mich aus und sagte, es sei häßlich;

sie schlug mich auch deswegen. Es war eine Krankheit, glaube ich, wie die Fallsucht, die alte

Männer befällt, und allmählich ging es mir besser, und ich träumte nicht mehr. Und jetzt –

kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.« Sie hob verwirrt die Hand an die Stirn. »Hier

irgendwo stecken sie, aber ich kann sie nicht finden, nur…«

»Nur«, wiederholte Canim und hielt sie fest.

»Nur eines. Aber du wirst über meine Torheit lachen, es ist so unwahrscheinlich.«

»Nein, Li Wan. Träume sind Träume. Sie mögen Erinnerungen an andere Leben sein, die wir

lebten. Ich war einst ein Elch. Ich glaube ganz fest, daß ich einst ein Elch war, wenn ich

daran denke, was ich in Träumen gesehen und gehört habe.«

Sosehr er sich auch bemühte, sie zu verbergen, offenbarte sich doch eine immer wachsende

Ängstlichkeit, aber Li Wan, die nach Worten suchte, in die sie ihre Gedanken kleiden konnte,

bemerkte sie nicht.

»Ich sehe einen Platz mit festgestampftem Schnee zwischen den Bäumen«, begann sie, »und im

Schnee die Fährte eines Mannes, der sich schwer auf Händen und Füßen weiterschleppt. Und ich

sehe auch den Mann im Schnee, und wenn ich ihn sehe, scheint es mir, als sei ich ihm ganz

nahe. Er sieht nicht so aus wie andere Männer, denn er hat Haar im Gesicht, viel Haar, und das

Haar auf seinem Gesicht und seinem Kopfe ist gelb wie das Sommerkleid eines Wiesels. Seine

Augen sind geschlossen, aber sie öffnen sich und suchen umher. Sie sind blau wie der Himmel

und schauen in die meinen und suchen nicht mehr. Und seine Hand bewegt sich langsam wie in

großer Schwäche, und ich fühle…«

»Nun«, flüsterte Canim heiser. »Du fühlst…«

»Nein, nein!« schrie sie hastig. »Ich fühle nichts. Sagte ich ›fühle‹? Ich meinte es nicht. Es

kann nicht sein, daß ich es fühlte. Ich sehe und sehe nur, und alles, was ich sehe, ist – ein

Mann im Schnee, mit Augen wie der Himmel und Haaren wie das Wiesel. Ich sah es oft und immer

dasselbe – einen Mann im Schnee…«

»Und siehst du dich selber?« fragte er, indem er sich vorbeugte und sie fest anblickte.

»Siehst du je dich selber und den Mann im Schnee?«

»Warum sollte ich mich sehen? Bin ich nicht wirklich?«

Seine Muskeln erschlafften, und er ließ sich zurücksinken, mit großer Befriedigung in den

Augen, die er von ihr wandte, damit sie sie nicht sähe.

»Ich will dir etwas sagen, Li Wan!« sprach er mit Entschiedenheit. »In einem früheren Leben,

als du dies sahst, warst du ein Vögelchen, und die Erinnerung hieran lebt noch in dir. Das ist

nicht seltsam. Ich war einst ein Elch, und meines Vaters Vater wurde ein Bär nach seinem Tode,

so sagte der Schamane, und der Schamane lügt nicht. So gleiten wir von Leben zu Leben auf den

Pfaden der Götter, und nur die Götter wissen und verstehen. Träume und Schatten von Träumen

sind Erinnerungen, nichts weiter, und der Hund, der in der Sonnenhitze im Schlafe wimmert,

erinnert sich zweifellos längst geschehener Dinge. Bash hier war einst ein Krieger. Ich glaube

fest, daß er ein Krieger war.«

Canim warf dem Tiere einen Knochen zu und erhob sich. »Komm, laß uns aufbrechen. Es ist noch

heiß, aber es wird nicht kühler werden.«

»Und diese Weißen, wie sind sie?« fragte Li Wan plötzlich.

»Sie sind wie du und ich«, erwiderte er, »nur ist ihre Haut heller. Ehe der Tag stirbt, wirst

du bei ihnen sein.«

Canim band seinen Schlafsack an seinen anderthalb Zentner schweren Packen, bestrich das

Gesicht mit nassem Lehm und setzte sich, um sich auszuruhen, bis Li Wan die Hunde beladen

hatte. Olo kroch beim Anblick des Knüttels in ihrer Hand zusammen und machte keine

Schwierigkeiten, als ihm das vierzig Pfund schwere Bündel auf den Rücken geschnallt wurde.

Bash jedoch war gekränkt und schlechter Laune und wimmerte und knurrte, als die Last ihm

aufgeladen wurde. Er krümmte den Rücken, fletschte die Zähne, als Li Wan die Riemen anzog,

während die ganze Heimtücke seiner Natur aus seinen Blicken blitzte, die er ihr von der Seite

zuwarf. Und Canim lachte. »Hab’ ich nicht gesagt, daß du einst ein großer Krieger warst?«

»Diese Felle werden einen guten Preis bringen«, bemerkte er, indem er sich den Kopfriemen

zurechtrückte und seinen Packen vom Boden aufhob. »Einen großen Preis. Die weißen Männer

zahlen gut für solche Ware, denn sie haben keine Zeit zu jagen und sind zu empfindlich gegen

die Kälte. Bald werden wir Festschmaus halten, Li Wan, wie noch nie in allen deinen früheren

Leben.«

Sie murmelte ihre Anerkennung für die Leutseligkeit ihres Herrn, schlüpfte ins Geschirr und

beugte sich unter der Last vorwärts.

»Das nächste Mal möchte ich als weißer Mann zur Welt kommen«, fügte er hinzu und schwang sich

den Weg hinab, der in die Schlucht zu seinen Füßen mündete.

Die Hunde folgten ihm rasch auf den Fersen, und Li Wan schloß den Zug. Aber ihre Gedanken

waren weit fort, jenseits der Gletscher im Osten, an dem kleinen Fleckchen Erde, wo sie ihre

Kindheit verlebt hatte. Als Kind schon, dessen erinnerte sie sich wohl, hatte man sie stets

als etwas Merkwürdiges angesehen, wie eine, die von einem Leid heimgesucht war. Tatsächlich

hatte sie wachend geträumt und war gescholten und geschlagen worden wegen der seltsamen

Gesichte, die sie hatte, bis sie ihnen mit der Zeit entwachsen war. Aber nicht ganz. Wenn sie

sie auch nicht mehr im Wachen beunruhigten, so kamen sie doch, so erwachsen sie auch war, im

Schlafe zu ihr, und manche Nacht wurde sie von diesem von flatternden Gestalten erfüllten,

unbestimmten sinnlosen Alp bedrückt. Das Gespräch mit Canim hatte sie angeregt, und den ganzen

Weg, den unebenen Hang der Wasserscheide hinab, lauschte sie den neckischen Phantasien ihrer

Träume.

»Wir wollen verschnaufen«, sagte Canim, als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt und das Bett

des Hauptflusses erreicht hatten.

Er stützte seinen Packen auf einen Felsvorsprung, streifte den Kopfriemen ab und ließ sich

nieder. Li Wan folgte seinem Beispiel, und die Hunde streckten sich keuchend aus. Zu ihren

Füßen rauschte die eisige Flut der Berge, aber sie war schmutzig und mißfarben, als ob jemand

die Erde aufgewühlt und das Wasser dadurch verunreinigt hätte.

»Woher kommt das?« fragte Li Wan.

»Weil die Weißen in der Erde arbeiten. Hörst du?«

Er hob die Hand und sie hörten den Klang von Hacke und Spaten und den Ton menschlicher

Stimmen. »Sie sind verrückt nach Gold und arbeiten unablässig, um es zu finden. Gold? Das ist

etwas Gelbes, wird in der Erde gefunden und gilt als sehr wertvoll. Es dient auch als

Wertmesser.«

Aber Li Wans umherschweifende Blicke hatten ihre Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Einige

Schritte weiter abwärts, halb verborgen hinter einer Gruppe junger Tannen, erhoben sich die

Querbalken und das vorspringende Dach einer Hütte. Ein Schauer durchrieselte sie, und all ihre

Traumgesichte erhoben sich und regten sich unruhig.

»Canim«, flüsterte sie in Angst und Qual, »Canim, was ist das?«

»Das Zelt des weißen Mannes, in dem er ißt und schläft.«

Sie betrachtete es schweigend, übersah seine Vorzüge mit einem Blick und zitterte wieder bei

den unerklärlichen Gefühlen, die es in ihr wachrief.

»Es muß sehr warm bei Frostwetter sein«, sagte sie laut, obgleich ihr war, als ob ihre Lippen

fremdartige Laute bilden müßten.

Sie fühlte den Drang, sie zu sprechen, tat es aber nicht, und im nächsten Augenblick sagte

Canim: »Es wird Hütte genannt.«

Ihr Herz sprang heftig. Das waren die Laute! Eben das! In plötzlichem Erschrecken sah sie sich

um. Wie konnte sie dieses seltsame Wort kennen, ehe sie es noch gehört hatte? Wie konnte das

sein? Und dann wußte sie plötzlich, zwischen Furcht und Entsetzen schwankend, daß zum ersten

Male in ihrem Leben Sinn und Bedeutung in dem gelegen hatte, was ihre Träume ihr zugeflüstert

hatten.

»Hütte«, wiederholte sie bei sich. »Hütte – Hütte.« Ein Gewirr undeutlicher Traumbilder

wirbelte um sie auf, bis ihr der Kopf schwirrte und das Herz zu springen drohte. Schatten,

Ungewisse Gestalten und unverständliche Gedankenverbindungen flatterten und wirbelten

durcheinander, und vergebens suchte sie sie in ihr Bewußtsein zu zwingen und festzuhalten.

Denn sie fühlte, daß hier, in diesem Chaos von Erinnerungen, der Schlüssel des Geheimnisses

lag; wenn sie ihn nur fassen und halten konnte, so mußte alles klar und verständlich werden.

O Canim! O Pow-Wah-Kaan! O Schatten und Phantome, was bedeutete das alles?

Sprachlos und zitternd wandte sie sich zu Canim. Sie war krank und halb ohnmächtig und konnte

nur den berauschenden Tönen lauschen, die in wundersamem Rhythmus aus der Hütte drangen. In

ihrer Ekstase schien es ihr, als ob alles sich endlich klären müßte. – Jetzt! Jetzt! dachte

sie. Plötzlich wurden ihre Augen feuchte, und Tränen rannen über ihre Wangen herab. Das

Geheimnis erschloß sich, aber ihre Schwäche übermannte sie. Wenn sie sich nur noch lange genug

aufrecht halten konnte! Wenn nur… Aber die Landschaft senkte und hob sich, und die Hügel

schwankten am Himmel auf und nieder, als sie aufsprang und rief: »Väterchen! Väterchen!« Dann

schwankte die Sonne, Finsternis schlug sie, und sie fiel kraftlos zwischen den Felsblöcken

vornüber.

Canim überzeugte sich, daß ihr Hals nicht durch das schwere Bündel gebrochen war, brummte

zufrieden und bespritzte sie mit Wasser aus dem Flusse. Langsam kam sie unter erstickendem

Schluchzen zu sich und setzte sich auf.

»Es ist nicht gut, wenn die Sonne einem so heiß auf den Kopf scheint«, meinte er.

Und sie antwortete: »Nein, es ist nicht gut, und die harte Last drückte mich schwer.«

»Wir werden unser Lager aufschlagen, so daß du lange schlafen kannst und wieder zu Kräften

kommst«, sagte er freundlich. »Und wenn wir jetzt gehen, werden wir um so eher zur Ruhe

kommen.«

Li Wan sagte nichts, gehorsam erhob sie sich, wenn auch schwankend, und jagte die Hunde auf.

Mechanisch folgte sie seinen Schritten, und als sie an der Hütte vorbeikam, wagte sie kaum zu

atmen. Aber kein Ton drang heraus, obgleich die Tür offenstand und Rauch dem Schornstein aus

dünnem Eisenblech entstieg.

An der Wendung des Flusses stießen sie auf einen Mann. Seine Haut war weiß, und er hatte blaue

Augen, und für einen Augenblick war es Li Wan, als sähe sie den andern Mann im Schnee. Aber

sie sah ihn nur verschwommen, denn sie war schwach und müde von allem, was geschehen war.

Dennoch blickte sie ihn neugierig an und blieb neben Canim stehen, um ihn arbeiten zu sehen.

Mit einer regelmäßig wiederkehrenden wippenden Bewegung wusch er Sand in einer großen Pfanne,

und wie sie sahen, gab er ihr einen gewandten Schwung, daß sich das gelbe Gold in einem

breiten Streifen quer über den Boden der Pfanne legte.

»Dieser Fluß ist sehr reich«, erzählte ihr Canim im Weitergehen. »Eines schönen Tages werde

ich schon einen ebensolchen Fluß finden, und dann werde ich ein mächtiger Mann.«

Hütten und Menschen wurden zahlreicher, bis sie an eine Stelle kamen, wo der Hauptarm des

Flusses vor ihnen lag. Es war ein Schauplatz großer Verwüstung. Überall war die Erde

umgepflügt und zerrissen, wie nach einer Titanenschlacht. Wo sich nicht aufgeworfene Kieshügel

erhoben, gähnten tiefe Löcher; Risse und Spalten, wo die dicke Erdschicht bis zur

Felsunterlage abgeschält war. Der Fluß strömte nicht in seinem Bette, das Wasser war abgedämmt

und abgeleitet, sickerte in Senkgruben und tiefgelegene Stellen und wurde, durch riesige

Wasserräder gehoben, tausend- und abertausendmal ausgenützt. Die Hügel waren ihrer Bäume

beraubt, und ihre bloßgelegten Flanken waren von großen Holzgleitbahnen und Versuchsbohrungen

angebohrt und durchlöchert. Und über allem breitete sich wie ein ungeheures Ameisenheer eine

Schar von Männern aus – von Männern, die zu den selbstgegrabenen Löchern hinein- und

herauskrabbelten und schwitzend an den großen Sandhaufen arbeiteten, die sie in beständiger

Bewegung hielten. Männer, so weit das Auge reichte, bis zu den Hängen der Hügel, Männer, die

das Antlitz der Natur zerfurchten und zerrissen. Li Wan war entsetzt über diese ungeheure

Umwälzung. »Wahrhaftig, diese Männer sind verrückt«, sagte sie zu Canim.

»Was für ein Wunder! Das Gold, nach dem sie graben, ist etwas Großes«, erwiderte er. »Es ist

das Größte in der Welt.«

Stundenlang wanderten sie durch dieses Chaos der Habgier, Canim eifrig und aufmerksam, Li Wan

schwach und teilnahmslos. Sie wußte, daß sie am Rande der Enthüllung gewesen war, und fühlte,

daß sie sich immer noch am Rande der Enthüllung befand, aber die Nervenerregung, die sie

durchgemacht, hatte sie ermüdet, und sie wartete passiv auf das Ereignis, das eintreten mußte,

ohne daß sie wußte, was es war. Überallher erfaßten ihre Sinne zahllose Eindrücke, und jeder

einzelne wurde ihr zu einem wirren Anreiz ihrer erschöpften Einbildungskraft. Irgendwo aus

ihrem Innern kam die Antwort auf die sie umgebenden Dinge, vergessene und ungeahnte

Zusammenhänge wurden erneuert, und sie wurde dessen in einer schlaffen, gleichgültigen Weise

gewahr, ihre Seele war verwirrt, aber sie war den geistigen Anforderungen nicht gewachsen, um

die Dinge deuten und verstehen zu können. So trottete sie müde weiter hinter ihrem Herrn her

und begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß das, was sie erwartete, irgendwo und irgendwie

einmal geschehen müsse.

Nachdem der Strom die wahnsinnige Sklaverei der Menschen erduldet hatte, kehrte er schließlich

zu seiner alten Art zurück, jedoch völlig beschmutzt und getrübt von seiner Fron, und

schlängelte sich träge zwischen den Niederungen und Wäldern dahin, zu denen sich das Tal in

der Nähe der Mündung weitete. Hier führte der Boden kein Gold mehr, und die Männer hatten

nicht Lust, sich weiterlocken zu lassen. Und hier war es, wo Li Wan, als sie stehenblieb, um

Olo mit ihrem Stock anzutreiben, den weichen Silberklang eines Frauenlachens hörte.

Vor einer Hütte saß eine Frau mit schöner Haut und rosig wie ein Kind und lachte mit Grübchen

in den Wangen über die Worte einer anderen Frau in der Tür. Aber die sitzende Frau schüttelte

die schwere Masse ihres schwarzen, nassen Haares, das unter der warmen Liebkosung der Sonne

seine Feuchtigkeit verströmte.

Einen Augenblick blieb Li Wan wie angewurzelt stehen. Da sah sie ein blendendes Aufblitzen und

fühlte ein Schnappen, als ob etwas nachgab. Darauf verschwanden die Frau vor der Hütte und die

Hütte selbst, die hohen Fichten und der gezackte Horizont, und Li Wan sah eine andere Frau im

Scheine einer andern Sonne, die die schwere Masse ihres schwarzen Haares bürstete, und beim

Bürsten sang. Und Li Wan hörte die Worte des Liedes und verstand sie und war wieder Kind. Sie

hatte eine Erscheinung, in der all die verwirrenden Träume verschmolzen und eins wurden, und

Gestalten und Schatten nahmen ihren gewohnten Platz ein, und alles wurde klar und deutlich und

wirklich. Viele Bilder rollten vorbei, fremde Szenen und Bäume und Blumen und Menschen, und

sie sah sie und kannte sie alle.

»Als du ein Vögelchen warst«, sagte Canim, und seine Augen bohrten sich in die ihren.

»Als ich ein Vögelchen war«, flüsterte sie so schwach und leise, daß er es kaum hörte. Und sie

wußte, daß sie log, als sie den Kopf gegen den Riemen stemmte und weiterschritt. Und so

seltsam war alles, daß die Wirklichkeit jetzt unwirklich wurde. Die meilenweite Wanderung und

das Aufschlagen des Lagers am Flußufer erschienen ihr wie ein Erlebnis in einem Nachtspuk. Sie

kochte das Fleisch, fütterte die Hunde und lud die Packen ab wie im Traum und kam erst wieder

zu sich, als Canim von seinen nächsten Reisen zu sprechen begann.

»Der Klondike mündet in den Yukon«, sagte er. »Das ist ein mächtiger Strom, größer als der

Mackenzie, den du kennst. Dann gehen wir beide, du und ich, nach Fort Yukon hinab. Mit den

Hunden im Winter sind es zwanzig Tagemärsche. Dann folgen wir dem Yukon nach Westen – hundert

bis zweihundert Tage. Ich habe nie genau gehört, wieviel es sind, aber es ist sehr weit. Und

dann endlich kommen wir ans Meer. Du kennst das Meer nicht, so lasse mich denn davon erzählen:

Wie ein See zu einer Insel, so verhält sich das Meer zum Festland. Alle Ströme fließen ihm zu,

und es ist ohne Ende. Ich habe es in der Hudsonbucht gesehen, und ich werde es noch bei Alaska

sehen. Und dann können wir in einem großen Kanu aufs Meer fahren, du und ich, Li Wan, oder wir

können dem Lande viele Hundert Tage südlich folgen. Und weiter weiß ich nichts mehr, außer,

daß ich Canim, das Kanu, bin, der weit über die Erde wandert und schweift.«

Sie saß lauschend da, und Furcht schlich sich ihr ins Herz, als sie an die grenzenlose Wildnis

dachte, in die sie sich stürzen sollte. »Es ist ein schwerer Weg«, war alles, was sie sagte,

während sie den Kopf ergeben auf die Knie sinken ließ.

Und dann hatte sie einen prachtvollen Einfall, einen so wunderbaren, daß sie ganz Feuer und

Flamme wurde. Sie schritt zum Flusse hinab und wusch sich den getrockneten Lehm vom Gesicht.

Und als das Wasser wieder still geworden war, blickte sie lange auf das Spiegelbild ihrer

Züge. Jedoch Sonne und Wetter hatten ihre Arbeit getan, und die Rauheit und der Bronzeton

ihrer Haut zeigte nicht die Weichheit und die Grübchen eines Kindes. Aber der Einfall war doch

prachtvoll, und als sie wieder neben ihren Gatten unter das Schlaffell kroch, war sie immer

noch gleich freudig erregt. Wach lag sie da, starrte in den blauen Himmel hinauf und wartete

darauf, daß Canim fest eingeschlafen wäre. Als dies geschehen war, kroch sie langsam und

vorsichtig fort, stopfte das Schlaffell fest um ihn und stand auf. Als sie den zweiten Schritt

tat, knurrte Bash wild. Sie sprach ihm flüsternd zu und blickte auf den Mann. Canim schnarchte

tief. Da wandte sie sich um und eilte mit schnellen, geräuschlosen Schritten den Weg, den sie

gekommen, zurück.

Frau Evelyn van Wyck wollte sich gerade zu Bett begeben. Müde der Pflichten, die das

Gesellschaftsleben, ihr Reichtum und ihr Witwentum ihr auferlegten, war sie nach dem Norden

gereist und war darauf verfallen, sich in einer gemütlichen Hütte am Rande des Minenlagers

häuslich niederzulassen. Mit Hilfe ihrer Freundin und Genossin Myrtle Giddings spielte sie ein

erdnahes Leben und pflegte das Primitive mit einer Hingebung, die sie mit ihrer ganzen

Verfeinerung würzte.

Sie war bestrebt, sich von den Generationen der überfeinsten Kultur loszureißen, und suchte

die enge Verbindung mit der Erde, die ihre Vorfahren längst aufgegeben hatten. Auch geistig

glaubte sie aufrichtig, sich der Art des Steinzeitmenschen zu nähern, und gerade jetzt, als

sie ihr Haar für die Nacht aufsteckte, frönte sie ihrer Phantasie, indem sie sich eine

paläologische Liebeswerbung vorstellte. Die Einzelheiten dieser Phantasie bestanden

hauptsächlich aus Höhlenwohnungen und gespaltenen Markknochen, wilden Raubtieren, zottigen

Mammuts und Kämpfen mit roh zugehauenen Feuersteinmessern. Aber die Erregung war bezaubernd.

Und als Evelyn van Wyck gerade durch die finsteren Laubengänge des Waldes vor den allzu

glühenden Angriffen ihres niedrigstirnigen, fellbekleideten Verehrers floh, öffnete sich die

Tür der Hütte, ohne daß jemand die Höflichkeit besessen hätte anzuklopfen, und herein trat ein

fellbekleidetes wildes Weib.

»Herrgott!«

Mit einem Sprunge, der einer Höhlenbewohnerin Ehre gemacht haben würde, landete Fräulein

Giddings hinter dem Tisch. Aber Frau van Wyck wich nicht. Sie bemerkte, daß der Eindringling

sich in großer Aufregung befand, und warf einen raschen Blick nach rückwärts, um sich zu

vergewissern, daß der Weg zu ihrem Bette frei war, unter dessen Kissen der große Coltrevolver

lag.

»Sei gegrüßt, o Frau mit dem wunderbaren Haar«, sagte Li Wan.

Aber sie sagte es in ihrer eigenen Sprache, die nur an einem ganz kleinen Fleckchen der Erde

gesprochen wurde, und die beiden Frauen verstanden sie nicht.

»Soll ich Hilfe holen?« fragte Fräulein Giddings zitternd.

»Das arme Geschöpf ist harmlos, glaube ich«, antwortete Frau van Wyck. »Und sieh nur ihre

Fellkleider, wie zerlumpt und zerschlissen sie sind. Sie sind sicher einzig in ihrer Art. Ich

kaufe sie mir für meine Sammlung. Hol bitte meinen Beutel mit Goldstaub, Myrtle, und die

Waagschale.«

Li Wan sah, wie die Lippen die Worte formten, aber die Worte waren unverständlich, und in

diesem Augenblick banger Erwartung erkannte sie erst, daß es kein Verständigungsmittel für sie

gab. Verzweifelt über ihre Stummheit, brach sie mit weit ausgebreiteten Armen aus: »O meine

Schwester!« Die Tränen rannen ihr über die Wangen herab, als sie sich ihnen sehnsüchtig

zuwandte, und ihre brechende Stimme verriet den Kummer, dem sie keine Worte zu leihen

vermochte. Aber Fräulein Giddings zitterte, und selbst Frau van Wyck war verwirrt.

»Ich möchte leben, wie ihr lebt. Eure Wege sind meine Wege, und unsere Wege sollen eins sein.

Mein Gatte ist Canim, das Kanu, und er ist groß und seltsam, und ich fürchte mich. Sein Weg

ist die ganze Welt und endet nie, und ich bin müde. Meine Mutter war wie du, und ihr Haar war

wie deines und ihre Augen wie deine. Und damals war das Leben freundlich für mich, und die

Sonne war warm.«

Demütig kniete sie und beugte das Haupt zu Frau van Wycks Füßen. Aber Frau van Wyck zog,

erschrocken über diese Leidenschaftlichkeit, ihre Füße an sich.

Li Wan erhob sich, nach Worten ringend. Ihre stummen Lippen vermochten nicht, das

überwältigende verwandtschaftliche Gefühl auszusprechen.

»Handeln? Du handeln?« fragte Frau van Wyck, indem sie nach Art überlegener Menschen gebrochen

zu sprechen begann.

Sie berührte Li Wans zerlumpte Felle, um ihren Wunsch anzudeuten, und schüttete für mehrere

Hundert Dollar Goldstaub in die Waagschale. Sie rührte in dem Staub und ließ ihn verführerisch

durch ihre Finger gleiten.

Aber Li Wan sah nur diese milchweißen, so wohlgeformten Finger, die sich zart zu den rosigen,

juwelengleichen Nägeln rundeten. Sie legte ihre eigene Hand daneben, diese verarbeitete,

schwielige Hand, und weinte.

Frau van Wyck mißverstand sie. »Gold«, ermunterte sie, »gutes Gold! Du handeln? Du tauschen?«

Und sie legte wieder ihre Hand auf Li Wans Fellkleid. »Wieviel? Du verkaufen? Wieviel?« fuhr

sie fort und ließ die Hand gegen den Strich der Felle gleiten, um sich zu vergewissern, daß

die Säume mit Sehnenfaden genäht waren.

Aber Li Wan war ebenso taub wie stumm, und die Worte der Frau bedeuteten ihr nichts.

Verzweiflung über ihren Mißerfolg ergriff sie. Wie sollte sie diesen Frauen verständlich

machen, daß sie eine der Ihren war? Sie wußte, daß sie vom selben Stamme, daß sie

Blutschwestern waren. Ihre Augen irrten durch das Innere der Hütte und blieben an den weichen

Vorhängen, die rings an den Wänden hingen, an den weiblichen Kleidungsstücken, dem ovalen

Spiegel und den eleganten Toilettegegenständen haften. Und diese Dinge beunruhigten sie, denn

sie hatte ähnliche früher gesehen. Und als sie so darauf blickte, formten ihre Lippen

unwillkürlich Laute, die auszusprechen sich ihre Kehle noch zitternd widersetzte. Dann überkam

sie ein Gedanke, und sie versuchte sich zu fassen. Sie mußte ruhig sein. Sie mußte sich

beherrschen, denn diesmal durfte sie sich keinem Mißverständnis aussetzen, sonst… Und sie rang

mit einer Flut unterdrückter Tränen und beruhigte sich.

Sie legte die Hand auf den Tisch, »Tisch«, sagte sie klar und deutlich. »Tisch«, wiederholte

sie.

Sie blickte Frau van Wyck an, die zustimmend nickte.

Li Wan frohlockte, beherrschte sich aber mit Anspannung aller Willenskraft und blieb ruhig.

»Ofen«, fuhr sie fort. »Ofen.«

Und jedesmal, wenn Frau van Wyck nickte, stieg Li Wans Aufregung. Stammelnd und zögernd, dann

wieder in fieberhafter Hast, je nachdem die vergessenen Ausdrücke schnell oder langsam wieder

auftauchten, ging sie durch die Hütte und nannte ein Ding nach dem andern beim Namen. Und als

sie endlich stehenblieb, tat sie es triumphierend, in aufrechter Haltung und mit

zurückgezogenem Kopf, erwartungsvoll, fragend.

»Katze«, sagte Frau van Wyck lachend und buchstabierte nach Kinderart: »Ich – sehe – wie – die

– Katze – eine – Maus – hascht.«

Li Wan nickte ernsthaft. Endlich begannen sie zu begreifen, diese Frauen. Ihr Blut färbte den

Bronzeton ihrer Haut noch dunkler bei diesem Gedanken, und sie lächelte und nickte noch

heftiger.

Frau van Wyck, wandte sich an ihre Freundin. »Ich vermute, sie hat irgendwo ein bißchen

Missionserziehung genossen und will sich nun zeigen.«

»Natürlich«, kicherte Fräulein Giddings. »Die kleine Närrin. Ihre Eitelkeit bringt uns noch um

unsern ganzen Schlaf.«

»Macht nichts, ich will nun mal die Jacke haben. Wenn sie auch alt ist, so ist es doch

ausgezeichnete Arbeit – ein Prachtstück.« Sie wandte sich an ihre Besucherin: »Tauschen? Du?

Tauschen? Wieviel? He! Wieviel, du?«

»Vielleicht will sie lieber ein Kleid oder etwas Derartiges haben«, meinte Fräulein Giddings.

Frau van Wyck ging zu Li Wan und machte ihr ein Zeichen, daß sie ihr ihren Morgenrock für die

Jacke geben wolle. Um den Abschluß des Handels zu beschleunigen, ergriff sie Li Wans Hand,

legte sie zwischen die Spitzen auf ihrem wogenden Busen und rieb die Finger hin und her, damit

Li Wan die Feinheit des Stoffes fühlte. Der edelsteinbesetzte Schmetterling jedoch, der das

Gewand an dieser Stelle zusammenhielt, war nicht sicher befestigt, und so glitt der Stoff

beiseite und entblößte eine feste weiße Brust, die noch nie die Berührung von Kinderlippen

gespürt hatte.

Frau van Wyck ordnete ruhig ihr Kleid, aber Li Wan stieß einen lauten Schrei aus und riß und

zerrte an ihrem Fellhemd, bis ihre eigene Brust, fest und weiß wie die Evelyn van Wycks, sich

enthüllte. Mit unartikuliertem Stammeln und lebhaften Zeichen versuchte sie, ihre

Stammesverwandtschaft zu beweisen.

»Ein Mischling«, erklärte Frau van Wyck. »Ich dachte es mir gleich, als ich ihr Haar sah.«

Fräulein Giddings machte eine Bewegung des Abscheus. »Stolz auf die weiße Haut ihres Vaters.

Das ist ekelhaft. Gib ihr etwas Evelyn, und laß sie gehen.«

Aber die andere seufzte. »Die Ärmste! Wenn ich nur etwas für sie tun könnte!«

Ein schwerer Fußtritt knirschte draußen im Sand. Dann öffnete sich die Tür der Hütte, und

Canim trat ein.

Fräulein Giddings sah sich einem plötzlichen Tode ausgesetzt und schrie, aber Frau van Wyck

trat ihm ruhig entgegen.

»Was willst du?« fragte sie.

»Guten Abend«, sagte Canim liebenswürdig und geradezu; dann zeigte er auf Li Wan: »Meine

Frau.« Er streckte die Hand nach ihr. aus, aber sie wies ihn zurück.

»Sprich, Canim! Sag ihnen, daß ich…«

»Daß du die Tochter Pow-Wah-Kaans bist? Nein, was geht sie das an? Was sollten sie sich daraus

machen? Ich erzähle ihnen lieber, daß du ein schlechtes Weib bist, das sich aus dem Bett des

Gatten fortschleicht, wenn der Schlaf schwer auf seinen Augen liegt.«

Wieder streckte er die Hand nach ihr aus, aber sie floh zu Frau van Wyck, warf sich ihr zu

Füßen und machte verzweifelte Anstrengungen, ihre Knie zu umklammern.

Die Dame wich zurück und erlaubte Canim mit einem Blick, sich ihrer zu bemächtigen. Er ergriff

Li Wan unter den Armen und hob sie auf. Sie kämpfte in wahnsinniger Verzweiflung mit ihm, bis

seine Brust vor Anstrengung wogte.

»Laß mich los, Canim«, schluchzte sie.

Aber er drehte ihr Handgelenk, bis sie den Kampf aufgab.

»Die Erinnerungen an die Zeit, da du ein kleines Vögelchen warst, sind allzu stark und

verwirren dich«, sagte er.

»Ich weiß es! Ich weiß es!« brach sie aus. »Ich sehe den Mann auf Händen und Knien durch den

Schnee kriechen. Und ich bin ein kleines Kind und sitze auf seinem Rücken. Und das war, ehe

ich Pow-Wah-Kaan und die Zeit kannte, da ich in einem kleinen Winkel der Erde lebte.«

»Das weißt du«, antwortete er und drängte sie zur Tür, »aber du wirst mit mir den Yukon

hinabwandern und wirst vergessen.«

»Nie werde ich es vergessen!« Wie rasend klammerte sie sich an den Türpfosten.

»Dann werde ich dich lehren, zu vergessen, ich, Canim, das Kanu!«

Und mit diesen Worten riß er ihre Finger los und schritt mit ihr den Weg hinab.

* * *

Der Bund der Alten

Vor dem Kriegsgericht stand ein Mann, bei dem es um Leben und Tod ging. Es war ein alter Mann,

ein Eingeborener vom Weißfischfluß, der unterhalb des Le-Barge-Sees in den Yukon mündet. Ganz

Dawson befand sich in Aufregung, ja, die Bevölkerung längs des Yukons auf tausend Meilen

flußauf und – ab. Es war von jeher Brauch bei den land- und seeräuberischen Angelsachsen

gewesen, den besiegten Völkern Gesetze zu geben, und oft sind diese Gesetze hart. Aber in

Imbers Fall schien das Gesetz einmal unzulänglich und milde zu sein. Wollte man sie

mathematisch berechnen, so entsprach die Strafe, die ihn treffen mußte, nicht der Schwere des

Verbrechens. Daß er gestraft würde, stand von vornherein fest und konnte nicht bezweifelt

werden, aber obwohl das Urteil auf Todesstrafe lauten mußte, besaß Imber ja nur ein einziges

Leben, während es sich bei der Anklage gegen ihn um ein Dutzend von Menschenleben handelte.

Tatsächlich klebte das Blut so vieler Menschen an seinen Händen, daß die Zahl seiner Opfer

sich nicht genau feststellen ließ. Eine Pfeife am Wegrande rauchend oder am Ofen hockend,

machte man lose Überschläge über die Zahl seiner Opfer. Sie waren alle weiß gewesen, die armen

Ermordeten, und sie waren einzeln, paar- oder scharenweise erschlagen worden. Und so sinnlos

und unüberlegt waren diese Morde gewesen, daß sie der berittenen Polizei lange ein Mysterium

gewesen waren, sogar in den Tagen der Kapitäne und später, als die Goldwäsche sich zu

rentieren begann und ein Gouverneur von der Regierung geschickt wurde, um das Land für seinen

Reichtum bezahlen zu lassen.

Aber noch mysteriöser war, daß Imber nach Dawson kam und sich selbst stellte. Es war spät im

Frühling, und der Yukon murrte und wand sich unter seiner Eisdecke, als der alte Indianer

mühsam das Flußufer hinaufklomm und blinzelnd an der Hauptstraße stehenblieb. Leute, die ihn

hatten kommen sehen, bemerkten, daß er schwach und unsicher auf den Beinen war und daß er zu

einem Stapel Bauholz wankte, auf dem er sich niederließ. Hier saß er einen ganzen Tag und

starrte geradeaus auf den ununterbrochenen Strom weißer Männer, der vorüberflutete. Mancher

Kopf wandte sich neugierig zur Seite, um seinem stieren Blick zu begegnen, und mehr als eine

Bemerkung fiel über den Alten. Unzählige Menschen erinnerten sich später, daß die

ungewöhnliche Gestalt ihnen aufgefallen war, und brüsteten sich stets damit, daß sie sofort

das Seltsame der Erscheinung erkannt hatten.

Aber es war Dickensen, Klein Dickensen, vorbehalten, der Held des Tages zu werden. Klein

Dickensen war mit großen Träumen und einer Handvoll Geld ins Land gekommen. Mit dem Gelde

waren aber auch die schönen Träume verschwunden, und um den Betrag für die Rückreise nach den

Staaten zu verdienen, hatte er eine Stellung bei der Maklerfirma Holbrook & Mason angenommen.

Auf der andern Seite der Straße, gerade gegenüber dem Kontor von Holbrook & Mason, lag der

Stapel Bauholz, auf den Imber sich gesetzt hatte. Dickensen sah ihn durch das Fenster, ehe er

frühstücken ging, und als er vom Frühstück zurückkam und wieder zum Fenster hinaussah, saß der

alte Siwash immer noch da.

Dickensen sah weiter zum Fenster hinaus, und auch er brüstete sich später stets mit seiner

schnellen Auffassungsgabe. Er war ein romantisches Kerlchen, und so verglich er den

unbeweglichen alten Heiden mit dem Schutzgeist der Siwashrasse, der ruhig auf die Heerscharen

der angelsächsischen Eindringlinge starrte. Die Stunden gingen, aber Imber blieb unbeweglich

sitzen und regte keinen Muskel, und Dickensen mußte an den Mann denken, der einmal aufrecht

auf einem Schlitten in der Hauptstraße gesessen hatte, wo die Leute von allen Seiten

vorübergekommen waren. Man hatte geglaubt, daß der Mann sich ausruhe. Als man ihn aber später

berührte, fand man, daß er steif und kalt war. Er war mitten in der verkehrsreichen Straße

erfroren. Um ihn zu strecken, damit man ihn in den Sarg legen konnte, mußte man ihn erst ans

Feuer schleppen und ein bißchen auftauen. Es schauderte Dickensen bei der Erinnerung.

Später trat Dickensen auf die Straße, um eine Zigarre zu rauchen und ein wenig frische Luft zu

schnappen, und gleich darauf kam Emily Travis zufällig vorbei. Emily Travis war fein, zart und

reizend, und ob sie sich nun in London oder in Klondike befand, so kleidete sie sich stets,

wie es sich für die Tochter eines millionenschweren Mineningenieurs geziemte. Klein Dickensen

legte seine Zigarre auf den Rand des Fensterrahmens, wo er sie leicht wiederfinden konnte, und

lüftete den Hut. Sie hatten sich zehn Minuten unterhalten, als Emily Travis über Dickensens

Schulter blickte und erschrocken aufschrie. Dickensen drehte sich um und war auch betroffen.

Imber war über die Straße geschritten und stand nun, ein magerer und hungrig aussehender

Schatten, da, den Blick auf das junge Mädchen geheftet.

»Was willst du?« fragte Klein Dickensen zitternd, indem er seinen ganzen Mut zusammennahm.

Imber murmelte etwas und trat auf Emily Travis zu. Er betrachtete sie genau und eingehend, als

wollte er sich jeden Quadratzentimeter ihrer Gestalt einprägen. Namentlich schienen ihn ihr

seidenweiches braunes Haar und die Farbe ihrer Wangen zu interessieren, die, leicht

sommersprossig und zart, an den daunigen Reif von Schmetterlingsschwingen erinnerten. Er ging

um sie herum und betrachtete sie mit einem berechnenden Blick, als studiere er die Linien im

Bau eines Pferdes oder Schiffes. Bei dem Rundgang kam ihre rosige Ohrmuschel zwischen sein

Auge und die sinkende Sonne, und er machte halt, um ihre rosenrote Durchsichtigkeit zu

betrachten. Dann kehrte er zu ihrem Antlitz zurück und blickte lange und fest in die blauen

Augen. Er brummte und legte die eine Hand auf ihren Arm mitten zwischen Schulter und

Ellenbogen. Mit der andern Hand hob er ihren Unterarm und bog ihn zurück. Widerwille und

Verwunderung zeigten sich auf seinen Zügen, und er ließ den Arm mit verächtlichem Grunzen

fallen. Dann murmelte er einige Kehllaute, drehte ihr den Rücken zu und wandte sich an

Dickensen.

Dickensen verstand nicht, was er sagte, und Emily Travis lachte. Imber wandte sich von einem

zum andern und runzelte die Stirn, aber beide schüttelten den Kopf. Er war im Begriff zu

gehen, als sie rief: »He, Jimmy! Komm mal her!«

Jimmy kam von der andern Seite der Straße. Er war ein großer, dicker Indianer, wie ein Weißer

gekleidet, mit einem Dorado-Sombrero auf dem Kopf. Er sprach mit Imber, mühselig und mit

krampfhafter Heiserkeit. Jimmy war ein Sitkan und kannte die Mundarten des Innern nur

oberflächlich. »Ihn Weißfischmann«, sagte er zu Emily Travis. »Mich kennen sein Sprach nicht

viel. Ihn sprechen wollen Häuptling von weiße Männer.«

»Den Gouverneur«, ließ Dickensen einfallen.

Jimmy sprach noch etwas mit dem Weißfischmann, und sein Gesicht wurde ernst und bestürzt.

»Ich glauben, ihn fragen nach Käptn Alexander«, erklärte er. »Ihn sagen, ihn töten weiße

Männer, weiße Frauen, weiße Knaben, ihn töten viele weiße Leute. Ihn wollen sterben.«

»Wahrscheinlich verrückt«, sagte Dickensen mit einer bezeichnenden Handbewegung.

»Vielleicht, vielleicht«, sagte Jimmy und wandte sich wieder an Imber, der immer noch nach dem

Häuptling der weißen Männer fragte.

Ein Polizist trat zu der Gruppe und hörte, wie Imber seinen Wunsch wiederholte. Er war ein

handfester junger Bursche, breitschultrig und breitbrüstig, mit festen, etwas gespreizten

Beinen, und so groß Imber auch war, war er doch noch einen halben Kopf größer. Seine Augen

waren kühl, grau und ruhig, und er trug das eigentümliche Selbstbewußtsein zur Schau, das von

edlem Herkommen stammt. Seine prachtvolle Männlichkeit wurde noch betont durch eine

ausgesprochene Jungenhaftigkeit – er war blutjung –, und seine glatten Wangen schienen so

leicht zu erröten wie die einer Jungfrau.

Imber fühlte sich gleich zu ihm hingezogen. Seine Augen leuchteten beim Anblick einer

Säbelhiebnarbe auf seiner Backe. Er ließ seine welke Hand über das Bein des jungen Mannes

gleiten und streichelte seine schwellenden Muskeln. Er beklopfte mit den Knöcheln die breite

Brust und drückte und betastete die dicke Muskelschicht, die seine Schultern wie ein Harnisch

bedeckte. Die Gruppe hatte sich um einige neugierige Passanten vermehrt – rauhe Minenarbeiter,

Gebirgs- und Grenzbewohner, Nachkommen langbeiniger und breitschultriger Generationen. Imber

sah von einem zum andern und sagte dann laut etwas in der Weißfischsprache.

»Was sagt er?« fragte Dickensen.

»Ihn sagen, das sein ein Mann, das Polizeimann«, erklärte Jimmy.

Klein Dickensen war nur klein, und wegen Fräulein Travis’ Anwesenheit bereute er seine Frage.

Dem Polizisten tat er leid, und er sprang in die Bresche. »Ich glaube fast, es ist etwas an

seiner Geschichte. Ich will ihn mit zum Kapitän nehmen. Sag ihm, daß er mich begleiten soll,

Jimmy.«

Jimmy willfahrte dem Wunsche in noch krampfhafteren Kehllauten, und Imber brummte zufrieden.

»Aber frag ihn, Jimmy, was er meinte, als er meinen Arm faßte.«

So sprach Emily Travis, und Jimmy gab die Frage weiter, und er nahm die Antwort entgegen.

»Ihn sagen, du nicht bange«, sagte Jimmy.

Emily Travis sah froh aus.

»Ihn sagen, du nicht skookum, nicht stark, du sehr zart wie ein kleines Kind. Ihn brechen dich

mit seinen Händen in Stücke. Ihn finden es sehr komisch, sehr merkwürdig, daß du kannst werden

Mutter von Männern so groß, so stark wie Polizeimann.«

Emily Travis blickte nicht fort, aber ihre Wangen färbten sich rot. Klein Dickensen errötete

auch und wurde ganz verlegen. Dem Polizisten strömte sein Knabenblut ins Gesicht.

»Komm«, sagte er barsch und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

So kam es, daß Imber den Weg nach den Militärbaracken nahm, wo er freiwillig ein umfassendes

Geständnis ablegte und von wo er nie zurückkehren sollte.

Imber sah sehr abgespannt aus. Die Ermüdung der Hoffnungslosigkeit und des Alters stand auf

seinen Zügen. Seine Schultern hingen, und seine Augen waren glanzlos. Sein wirres Haar hätte

weiß sein müssen, aber Sonne, Wind und Wetter hatten es verbrannt und verwittert, so daß es

strähnig, leb- und farblos herabhing. Er zeigte keinerlei Interesse für die Vorgänge um ihn

her. Der Gerichtssaal war vollgepfropft mit Männern von den Flüssen und Wegen, und in dem

leisen Murren und Knurren ihrer Stimmen lag ein unheilverkündender Klang, der in seinen Ohren

klang wie das Rauschen des Meeres in tiefen Höhlen.

Er saß dicht an einem Fenster und ließ seine Augen hin und wieder teilnahmslos auf der trüben

Szenerie draußen ruhen. Der Himmel war bedeckt, und ein grauer Staubregen fiel. Der Yukon war

im Steigen begriffen. Der eisfreie Fluß überschwemmte die Stadt. In der Hauptstraße fuhren die

immer rastlosen Menschen in Kanus und Booten hin und her. Meistens sah er, wie diese Boote

sich von der Straße seitwärts wandten und auf das überschwemmte Viereck zuhielten, das den

Exerzierplatz des Lagers bezeichnete. Zuweilen verschwanden die Fahrzeuge unter ihm, und er

hörte, wie sie gegen die Balken des Hauses schrammten und ihre Besitzer durchs Fenster des

tiefergelegenen Stockwerks hineinkletterten. Hierauf vernahm er das Plätschern, wenn die

Männer im Zimmer darunter durch das Wasser wateten und die Treppe heraufkamen. Dann erschienen

sie in der Tür mit gezogenen Hüten und triefenden Schifferstiefeln und schlossen sich der

wartenden Menge an.

Und während sie ihre Blicke auf ihn hefteten und in grimmiger Erwartung schon die Strafe

genossen, die er erleiden sollte, betrachtete Imber sie und dachte nach über ihre Gebräuche

und Gesetze, die niemals schliefen, sondern ununterbrochen wirkten, in guten und schlechten

Zeiten, bei Überschwemmung und Hungersnot, in Sorge und Schrecken und Tod, und die

unaufhörlich weiterleben würden bis ans Ende aller Tage.

Ein Mann klopfte scharf auf einen Tisch, und die Unterhaltung erstarb. Imber sah den Mann an.

Er schien Autorität zu besitzen, aber Imber erriet, daß der Mann mit der vierkantigen Stirn,

der an einem Tische weiter hinten saß, der Häuptling über alle, auch über den, der geklopft

hatte, war. Ein anderer Mann am selben Tische erhob sich und begann aus vielen Bogen Papier

laut vorzulesen. Bei Beginn jedes Bogens räusperte er sich, und am Schlusse feuchtete er sich

die Finger an. Imber verstand nicht, was er las, aber die anderen taten es, und Imber sah, daß

sie zornig wurden. Zuweilen wurden sie sehr zornig, und einmal fluchte ihm ein Mann, langsam,

mit scharf betonten Silben sprechend, brennend und scharf, bis der Mann am Tische ihn durch

Klopfen zur Ruhe brachte.

Unendlich lange las der Mann. Seine eintönige, singende Aussprache verlockte Imber zu Träumen,

und er träumte tief, als der Mann innehielt. Eine Stimme sprach ihn in seiner eigenen

Weißfischsprache an, und er raffte sich auf und erkannte ohne Überraschung den Sohn seiner

Schwester, einen jungen Mann, der vor Jahren ausgewandert war, um sich bei den Weißen

niederzulassen.

»Du kennst mich nicht mehr?« sagte er statt eines Grußes.

»Doch«, antwortete Imber. »Du bist Howkan, der fortzog. Deine Mutter ist tot.«

»Sie war eine alte Frau«, sagte Howkan.

Aber Imber hörte nicht, und Howkan legte ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn wieder.

»Ich werde dir sagen, was der Mann gesprochen hat: Es ist die Geschichte der Untaten, die du

verübt hast, und die du, o Tor, dem Kapitän erzählt hast. Und du wirst erklären, ob es wahr

ist oder nicht. So ist es befohlen.«

Howkan war in die Mission geraten, und dort hatte man ihn lesen und schreiben gelehrt. In

seinen Händen hielt er die vielen dünnen Bogen, aus denen der Mann vorgelesen hatte und die,

als Imber, mit Jimmy als Dolmetscher, sein Geständnis vor Kapitän Alexander abgelegt hatte,

von einem Schreiber beschrieben worden waren. Jetzt begann Howkan zu lesen. Imber lauschte

eine Weile, dann zeigte sich Erstaunen in seinen Zügen, und er unterbrach ihn schroff.

»Das ist, was ich gesagt habe, Howkan. Aber jetzt kommt von deinen Lippen, was deine Ohren

nicht gehört haben.«

Howkan schmunzelte selbstzufrieden. Sein Haar war mitten über der Stirn gescheitelt. »Nein, es

kommt aus dem Papier, o Imber. Meine Ohren haben es nie gehört. Es kommt aus dem Papier durch

meine Augen in meinen Kopf und aus meinem Munde zu dir. Das ist der Weg, den es geht.«

»Das ist der Weg, den es geht? Und es ist in dem Papier da?« Imbers Stimme senkte sich zu

einem ehrerbietigen Flüstern, während er die Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger knistern

ließ und auf die Schriftzeichen starrte. »Das ist eine große Medizin, Howkan, und du bist ein

Wundertäter.«

»Das ist gar nichts, das ist gar nichts«, antwortete der junge Mann nachlässig und stolz. Dann

las er aufs Geratewohl einen Satz aus dem Dokument: »In diesem Jahre kam, ehe das Eis brach,

ein alter Mann mit einem Knaben, der hinkte. Die tötete ich ebenfalls, und der alte Mann

machte sehr viel Lärm…«

»Das ist wahr«, unterbrach Imber ihn atemlos. »Er machte sehr viel Lärm und brauchte lange, um

zu sterben. Aber woher weißt du das, Howkan? Hat der Häuptling der weißen Männer es dir

vielleicht erzählt? Niemand sah es, und er ist der einzige, dem ich es gesagt habe.«

Howkan schüttelte ungeduldig den Kopf. »Habe ich dir nicht gesagt, daß es auf dem Papier

steht, du Narr?«

Imber starrte auf das beschriebene Blatt. »Wie der Jäger den Schnee betrachtet und sagt: Erst

gestern ist hier ein Kaninchen vorbeigekommen; hier bei den Weiden machte es halt, lauschte

und hörte etwas und wurde bange; hier machte es kehrt und lief zurück; hier machte es

schnelle, weite Sprünge, und hier kam ein Luchs mit noch schnelleren und weiteren Sprüngen;

hier, wo die Klauen sich tief in den Schnee gegraben haben, machte der Luchs einen sehr weiten

Satz, und hier packte er das Kaninchen, und es rollte unter ihn, und hier ist die Spur des

Luchses allein und kein Kaninchen mehr – wie der Jäger die Zeichen im Schnee sieht und so und

so und hier und da sagt, so siehst du auf das Papier und erkennst die Dinge, die der alte

Imber getan hat.«

»Geradeso«, sagte Howkan. »Und nun hör zu und halt deine Weiberzunge zwischen deinen Zähnen,

bis man verlangt, daß du sprichst.«

Hierauf las Howkan ihm sein Geständnis vor. Es dauerte lange, und Imber saß nachdenklich und

schweigend da. Zuletzt sagte er: »Das ist, was ich gesagt habe, und wahr ist es, aber ich bin

alt geworden, Howkan, und mir fallen Dinge ein, die ich vergessen habe und die der Häuptling

dort wissen sollte. Erstens war da der Mann, der mit klug erdachten Fallen aus Eisen über die

Gletscher kam, der die Biber des Weißfischflusses jagte. Ihn erschlug ich. Und dann waren da

drei Männer, die vor langer Zeit am Weißfischfluß Gold suchten. Die tötete ich auch und ließ

sie dem Vielfraß. Und bei den Fünf Fingern war ein Mann mit einem Floß und viel Fleisch.«

In den Pausen, die Imber machte, um nachzudenken, übersetzte Howkan, was er gesagt hatte, und

ein Schreiber schrieb es nieder. Das Gericht lauschte gespannt auf jede dieser ungeschminkten

kleinen Tragödien, bis Imber von einem rothaarigen, schieläugigen Manne erzählte, den er durch

einen Schuß auf ungewöhnliche Entfernung getötet hatte.

»Teufel auch«, sagte ein Mann in der vordersten Reihe der Zuhörer. Er sagte es in

tiefempfundenem, traurigem Ton. Er war rothaarig. »Teufel auch«, wiederholte er. »Das war mein

Bruder Bill.« Und mit regelmäßigen Zwischenräumen hörte man während der ganzen Sitzung sein

feierliches »Teufel auch« im Gerichtssaal; er ließ sich weder von seinen Kameraden noch von

einem Manne am Tische zum Schweigen bringen.

Imbers Kopf sank wieder herab, und seine Augen wurden trübe, wie von einem Schleier überzogen,

der die Welt vor ihm verbarg.

Da weckte Howkan ihn wieder: »Steh auf, o Imber. Es wird befohlen, daß du erzählst, warum du

dieses Unheil angerichtet und diese Menschen getötet hast und warum du zuletzt hierhergekommen

bist, um das Gesetz zu suchen.«

Imber erhob sich schwerfällig und schwankend. Er begann leise murmelnd zu erzählen, aber

Howkan unterbrach ihn.

»Dieser alte Mensch ist ganz verrückt«, sagte er auf englisch zu dem Manne mit der

vierkantigen Stirn. »Seine Rede ist töricht und wie die eines Kindes.«

»Wir wollen seine Rede hören, die wie die eines Kindes ist«, sagte der Mann mit der

vierkantigen Stirn. »Und wir wollen sie Wort für Wort hören, genau wie er sie spricht.

Verstehst du?«

Howkan verstand, und Imbers Augen leuchteten, denn er hatte dies Spiel zwischen seinem Neffen

und dem mächtigen Manne verstanden. Und dann begann die Erzählung, das Epos eines

bronzefarbigen Patrioten, selbst wert, in Bronze gegossen und für ungeborene Geschlechter

aufbewahrt zu werden. Eine seltsame Stille legte sich über die Menge, und der Richter mit der

vierkantigen Stirn stützte den Kopf in die Hand und sann nach über seine Seele und die Seele

seiner Rasse. Man hörte nichts als die tiefen Laute Imbers, regelmäßig unterbrochen von der

schrillen Stimme des Dolmetschers, und hin und wieder wie den Schlag einer tiefen

Kirchenglocke das erstaunte und nachdenkliche »Teufel auch« des rothaarigen Mannes.

»Ich bin der Imber vom Weißfischflusse.« So übersetzte Howkan, dessen angeborene Barbarei

Macht über ihn gewann und der seine Missionserziehung und seinen Zivilisationsfirnis vergaß,

als er von dem wilden Klange und dem Rhythmus der Erzählung des alten Imber gepackt wurde.

»Mein Vater war Otsbaok, ein starker Mann. Das Land war warm von Sonnenschein und Frohsinn,

als ich Knabe war. Das Volk hungerte weder nach fremden Dingen, noch lauschte es neuen

Stimmen, und die Wege seiner Väter waren auch seine Wege. Die Frauen fanden Gnade vor den

Augen der jungen Männer, und die jungen Männer blickten mit Zufriedenheit auf sie. Säuglinge

hingen an den Brüsten der Frauen, und die Hüften der Frauen waren schwer vom Wachstum des

Stammes. Männer waren Männer in jenen Tagen. In Frieden und Überfluß wie in Krieg und Hunger

waren sie Männer.

Damals gab es mehr Fische im Wasser als jetzt und mehr Wild im Walde. Unsere Hunde waren

Wölfe, warm in ihrem dicken Pelz und abgehärtet gegen Frost und Sturm. Und wie unsere Hunde,

so waren auch wir, denn auch wir waren abgehärtet gegen Frost und Sturm. Und als die Pellys in

unser Land kamen, töteten wir sie oder wurden getötet. Denn wir waren Männer, wir vom

Weißfischvolke, und unsere Väter und die Väter unserer Väter hatten mit den Pellys gekämpft

und die Grenzen des Landes festgesetzt.

Ja, wie unsere Hunde, so waren auch wir. Und eines Tages kam der erste weiße Mann. Auf Händen

und Knien schleppte er sich über den Schnee. Und seine Haut war straff gespannt, und die

Knochen stachen spitz heraus. – Nie hat es einen solchen Mann gegeben, dachten wir, und wir

wunderten uns, aus welchem fremden Stamme er sein und wo sein Land liegen mochte. Und er war

schwach, sehr schwach, wie ein kleines Kind, so daß wir ihm einen Platz am Feuer und warme

Pelze gaben, und wir gaben ihm zu essen, wie man kleinen Kindern zu essen gibt. Und bei ihm

war ein Hund, so groß wie drei von unseren Hunden, aber sehr schwach. Das Haar dieses Hundes

war kurz und nicht warm, und sein Schwanz war erfroren, so daß die Spitze abfiel. Und diesen

fremden Hund fütterten wir und jagten unsere Hunde vom Feuer fort, damit er daran liegen

konnte, denn sonst hätten sie ihn getötet. Und das Elchfleisch und der in der Sonne gedörrte

Lachs brachten Mann und Hund wieder zu Kräften, und wie die Kräfte kamen, wurden sie groß und

unerschrocken. Und der Mann sprach laute Worte und lachte über die alten und jungen Männer und

betrachtete die Jungfrauen mit dreisten Blicken. Und der Hund kämpfte mit unsern Hunden, und

obwohl er kurzhaarig und weichlich war, biß er drei von ihnen an einem Tage tot.

Als wir den Mann nach seinem Volke fragten, sagte er: ›Ich habe viele Brüder‹, und lachte auf

eine Weise, die nicht gut war. Und als er seine volle Kraft wieder hatte, zog er fort, und mit

ihm zog Noda, die Tochter des Häuptlings. Dann warf eine unserer Hündinnen. Und nie hat man

solche Welpen gesehen – dickköpfig, großmäulig und kurzhaarig und hilflos. Ich entsinne mich

deutlich meines Vaters Otsbaok, eines starken Mannes. Sein Gesicht wurde schwarz vor Zorn über

solche Hilflosigkeit, und er nahm einen Stein, und gleich darauf gab es keine Hilflosigkeit

mehr. Und zwei Sommer darauf kam Noda wieder zu uns mit einem Knaben auf dem Arm. Und so

begann es. Dann kam ein anderer weißer Mann mit kurzhaarigen Hunden, die er zurückließ, als er

fortzog. Und mit ihm gingen sechs unserer stärksten Hunde, die er von Koo-So-Tee, dem Bruder

meiner Mutter, für eine wunderbare Pistole gekauft hatte, die sehr schnell sechsmal

hintereinander schießen konnte. Und Koo-So-Tee war sehr stolz auf seine Pistole und lachte

über unsere Bogen und Pfeile. ›Weiberkram‹ nannte er sie und trat einem Grislybären mit der

Pistole in der Hand entgegen. Nun ist es bekanntlich nicht gut, einen Bären mit einer Pistole

zu jagen, aber wie sollten wir das wissen? Und wie konnte Koo-So-Tee das wissen? Also er trat

dem Bären keck entgegen und schoß seine Pistole sehr schnell sechsmal ab, aber der Bär brummte

nur und erdrückte ihn an seiner Brust, als ob er ein Ei wäre, und wie der Honig aus dem Nest

der wilden Bienen, so tropfte Koo-So-Tees Hirn zu Boden.

Er war ein guter Jäger gewesen, und jetzt gab es niemand, der seiner Squaw und seinen Kindern

Fleisch bringen konnte. Und wir wurden erbittert und sagten: ›Was gut für die weißen Männer

ist, ist nicht gut für uns.‹ Und das ist wahr. Es gibt viele weiße Männer, und sie sind fett,

aber ihre Sitten haben uns verzehrt. Es kam der dritte weiße Mann, mit großen Reichtümern an

jeder Art, wundersamen Nahrungsmitteln und anderen Dingen. Er erstand zwanzig von unseren

stärksten Hunden. Und mit Geschenken und großen Versprechungen lockte er zehn von unsern

jungen Jägern mit auf die Reise, von der keiner wußte, wohin sie ging. Es heißt, daß sie im

Schnee auf den Eisbergen umkamen, wo nie ein Mensch gewesen ist, oder auf den Hügeln des

Schweigens, die hinter dem Ende der Welt liegen. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls wurden

Hunde und junge Männer nie mehr vom Weißfischvolke gesehen.

Und mit den Jahren kamen mehr weiße Männer, und immer, gegen Bezahlung und Geschenke, nahmen

sie junge Männer mit. Und die jungen Männer kehrten zuweilen zurück mit so seltsamen

Geschichten über Gefahren und Mühseligkeiten in Ländern, die hinter dem der Pellys lagen, und

zuweilen kehrten sie nicht zurück. Und wir sagten: ›Wenn sie sich nicht fürchten, ihr Leben

aufs Spiel zu setzen, diese weißen Männer, so ist es, weil ihrer viele sind; aber wir hier am

Weißfischflusse sind unser wenige, und unsere jungen Männer dürfen nicht mehr fortziehen.‹

Aber die jungen Männer zogen weiterhin fort und die jungen Weiber auch, und wir waren sehr

zornig.

Wahr ist, wir aßen Mehl und gesalzenen Speck und tranken Tee, was uns großes Vergnügen

bereitete; wenn wir aber keinen Tee bekommen konnten, war es sehr schlimm, und wir wurden

mürrisch und gerieten schnell in Wut. So sehnten wir uns nach den Dingen, die die weißen

Männer uns verhandelten. Handel! Handel! Immer wurde gehandelt. Einen Winter verkauften wir

unser Fleisch für unbrauchbare Uhren und für abgenutzte Feilen und Pistolen, zu denen die

Patronen fehlten. Und dann kam Hungersnot, und wir hatten kein Fleisch, und zweimal zwanzig

von uns starben, ehe der Frühling kam. ›Jetzt sind wir schwach geworden‹, sagten wir, ›und

jetzt werden die Pellys uns überfallen und unsere Grenzen auslöschen.‹ Aber wie uns, so war es

auch den Pellys ergangen, und sie waren zu schwach, gegen uns zu ziehen. Mein Vater Otsbaok,

ein starker Mann, war jetzt alt und sehr weise. Und er sprach zum Häuptling und sagte: ›Sieh,

unsere Hunde sind wertlos. Nicht länger sind sie dickpelzig und stark, und sie sterben im

Frost und im Geschirr. Laß uns ins Dorf gehen und sie töten und nur die verschonen, die von

Wölfen abstammen. Die laß uns des Nachts draußen anbinden, damit sie sich mit den wilden

Wölfen des Waldes paaren können. So werden wir wieder warme, kräftige Hunde erhalten.‹

Und seine Worte fanden Gehör, und das Weißfischvolk wurde bekannt wegen seiner Hunde, die die

besten im Lande waren. Aber um unserer selbst willen wurden wir nicht bekannt. Die besten

unserer jungen Männer und Frauen waren weggezogen mit den weißen Männern, um auf Wegen und

Flüssen nach fernen Orten zu wandern. Und die jungen Frauen kamen zurück, alt und gebrochen

wie Noda, oder sie kehrten gar nicht wieder. Und die jungen Männer kamen zurück, um eine

Zeitlang an unserm Feuer zu sitzen, voll von übler Rede und roher Art, sie tranken und

spielten lange Tage und Nächte hindurch, eine große Unrast lebte in ihren Herzen, bis der Ruf

der weißen Männer zu ihnen drang und sie wieder weiterzogen nach unbekannten Orten. Und sie

waren ohne Ehre und Achtung, sie spotteten der alten Gebräuche und lachten Häuptling und

Schamanen ins Gesicht.

Ja, wir waren ein schwaches Häufchen geworden, wir Weißfische. Wir verkauften unsere warmen

Pelze und Felle für Tabak und Whisky und dünnen Baumwollstoff, in dem wir vor Kälte

schauerten. Und der Husten kam über uns, und Männer und Frauen husteten und schwitzten die

langen Nächte hindurch, und die Jäger auf der Fährte des Wildes spuckten Blut in den Schnee.

Bald blutete der eine, bald der andere und starb. Und die Frauen gebaren wenig Kinder, und die

wenigen waren schwach und kränklich. Und andere Krankheiten kamen von den weißen Männern zu

uns, Krankheiten, wie wir sie nie gekannt hatten und auf die wir uns nicht verstanden. Pocken

und Masern habe ich diese Krankheiten nennen hören, und wir starben an ihnen, wie der Lachs im

Herbst im stillen Bergstrom stirbt, wenn er gelaicht hat und nicht mehr zu leben braucht. Und

immer noch, und das ist das Seltsame daran, kommen die weißen Männer wie der Atem des Todes.

Alle ihre Wege führen zum Tode, ihre Nüstern sind voll von ihm, und doch sterben sie nicht.

Ihrer ist der Whisky, der Tabak und die kurzhaarigen Hunde; ihrer sind die vielen Krankheiten,

die Pocken und die Masern, der Husten und das Bluten aus dem Munde; ihrer die weiße Haut und

die Empfindlichkeit gegen Frost und Sturm; ihrer die Pistolen, die sechsmal sehr schnell

hintereinander schießen und die wertlos sind. Und dennoch werden sie dick und gedeihen mit

ihren vielen Übeln und legen eine schwere Hand auf die ganze Welt und stampfen schwer über

ihre Völker. Und ihre Frauen sind zart wie kleine Kinder, leicht zerbrechlich und doch nie

zerbrochen, Mütter von Männern. Und aus all dieser Weichlichkeit und Krankheit und großen

Schwäche erwachsen Stärke, Macht und Herrschertum. Sie sind Götter oder Teufel, wie dem nun

sein mag. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ich, der alte Imber von den Weißfischen? Nur das

weiß ich, daß sie unerforschlich sind, diese weißen Männer, die über die ganze Erde wandern

und überall kämpfen. Ja, das Wild im Walde wurde immer seltener. Es ist wahr, die Büchse des

weißen Mannes ist eine vortreffliche Waffe und tötet auf weite Entfernung, aber was nützt die

Büchse, wenn es kein Wild zu töten gibt? Als ich ein Knabe am Weißfischflusse war, gab es

Elche auf jedem Hügel, und jedes Jahr kamen unzählige Rene. Aber jetzt kann der Jäger zehn

Tage lang einer Fährte folgen, und nicht ein einziger Elch erfreut sein Auge, und die

unzähligen Rene sind verschwunden. Wenig wert ist die Büchse, sage ich, die auf weite

Entfernung tötet, wenn es nichts zu töten gibt. Und ich, Imber, sann über diese Dinge nach und

sah unterdessen, wie die Weißfische und die Pellys und alle Stämme im Lande ausstarben wie das

Wild im Walde. Lange sann ich nach. Ich sprach mit den Schamanen und mit den alten und weisen

Männern. Ich hielt mich abseits, damit der Lärm des Dorfes mich nicht störte, und ich aß kein

Fleisch, daß mein Magen mich nicht beschweren und Auge und Ohr erschlaffen sollten. Lange und

schlaflos saß ich im Walde und wartete mit offenen Augen auf das Zeichen und mit geduldig

lauschenden Ohren auf die Worte, die da kommen sollten. Und ich wanderte allein im Dunkel der

Nacht das Flußufer hinab, wo der Wind klagte, das Wasser schluchzte und wo ich Weisheit bei

den Geistern alter verstorbener Schamanen in den Bäumen suchte. Und zuletzt kamen, wie in

einer Vision, die abscheulichen kurzhaarigen Hunde zu mir, und der Weg lag deutlich vor mir.

Durch die Weisheit Otsboaks – er war mein Vater und ein starker Mann – war das Blut unsrer

eigenen Wolfshunde rein geblieben, und daher hatten wir ihren warmen Pelz und ihre Stärke im

Geschirr behalten. Und so kehrte ich in mein Dorf zurück und sprach zu den Männern. ›Dies ist

ein Stamm, diese weißen Männer‹, sagte ich, ›ein sehr großer Stamm, und sicherlich gibt es

kein Wild mehr in ihrem Lande, und nun kommen sie zu uns, um selbst neues Land zu erhalten.

Aber sie machen uns schwach, und wir müssen sterben. Sie sind ein sehr hungriges Volk. Schon

hat unser Wild uns verlassen, und wenn wir leben wollen, müssen wir mit ihnen verfahren, wie

wir es mit ihren Hunden getan haben.‹

Und ich redete weiter und riet zum Kampf. Und die Männer der Weißfische lauschten, und einige

sagten dies und andere das, und einige sprachen von andern, gleichgültigen Dingen, aber

niemand sprach kühn von Taten und Kampf. Während aber die jungen Männer weich wie Wasser und

furchtsam waren, bemerkte ich, wie die Alten schwiegen und in ihren Augen das Feuer kam und

ging. Und später, als das Dorf schlief und niemand davon wußte, führte ich die alten Männer in

den Wald und sprach noch mehr. Und jetzt waren wir einig, und wir erinnerten uns der guten

Tage unserer Jugend und des freien Landes und des Reichtums und des Frohsinns und des

Sonnenscheins, und wir nannten uns Brüder und schworen uns tiefstes Geheimnis und einen

mächtigen Eid, das Land von der bösen Brut zu reinigen, die sich darin niedergelassen hatte.

Es ist klar, daß wir Toren waren, aber wie konnten wir das wissen, wir Alten vom

Weißfischvolke?

Und um die andern anzufeuern, beging ich die erste Tat. Ich lauerte am Yukon, bis das erste

Kanu den Fluß hinabkam. In ihm saßen zwei weiße Männer, und als ich mich am Ufer erhob und die

Hand hob, änderten sie den Kurs und ruderten auf mich zu. Und als der Mann im Steven den Kopf

aufrichtete, um zu wissen, was ich von ihm wollte, sang mein Pfeil durch die Luft gerade in

seine Kehle, und er wußte es. Der andere Mann, der achtern am Ruder saß, hatte die Büchse halb

zur Schulter gehoben, als der erste meiner drei Wurfspieße ihn traf.

›Das waren die ersten‹, sagte ich, als die Alten sich um mich scharten. ›Später wollen wir die

jungen Männer, die noch stark sind, sammeln, dann wird die Arbeit leicht sein.‹

Und dann warfen wir die beiden toten Männer in den Fluß. Und aus dem Kanu, das ein sehr gutes

Kanu war, machten wir ein Feuer und ebenso aus den Dingen, die im Kanu waren. Aber erst sahen

wir uns die Dinge an; es waren Ledersäcke, die wir mit unsern Messern aufschnitten. Und in

diesen Säcken war eine Menge Papier, gerade wie das, aus dem du liest, Howkan, mit Zeichen

darauf, über die wir uns wunderten und die wir nicht verstehen konnten. Jetzt bin ich weise

geworden und weiß, daß es die Rede von Menschen ist, was du mir erzählt hast.«

Ein Flüstern und Summen ging durch den Gerichtssaal, als Howkan diese Geschichte vom Kanu

fertig übersetzt hatte, und die Stimme eines Mannes sagte laut: »Das war die Post, die im

Jahre 1891 verlorenging; Peter James und Delany brachten sie, und zuletzt hörte man von ihnen

in Le Barge, wo sie Matthrews trafen.« Der Schreiber kritzelte ruhig weiter, und die

Geschichte des Nordens wurde um ein neues Kapitel vermehrt.

»Es gibt nicht viel mehr«, fuhr Imber langsam fort. »Sie stehen in dem Papier, die Dinge, die

wir taten. Wir waren alte Männer, und wir verstanden nicht. Selbst ich, Imber, verstehe es

jetzt noch nicht. Im geheimen töteten und töteten wir, denn das Alter hatte uns listig

gemacht, und wir hatten gelernt, wie schnell es geht, wenn man nicht eilt. Als weiße Männer

mit bösen Blicken und harten Worten zu uns kamen und sechs der jungen Männer in eisernen

Fesseln fortführten, wußten wir, daß wir weiter töten mußten. Und einer nach dem andern zogen

wir Alten den Fluß hinauf nach unbekannten Ländern. Das war tapfer. Alt waren wir und

unerschrocken, aber die Furcht vor der Ferne ist eine schreckliche Furcht für Männer, die alt

sind. So töteten wir, listig und ohne Hast. Auf dem Chilcoot und im Delta töteten wir, von den

Pässen bis ans Meer, überall, wo die weißen Männer sich ihren Weg bahnten und ihr Lager

aufschlugen. Es ist wahr, sie starben, aber es half nichts. Immer wieder kamen sie über die

Berge, immer mehr, während unter den Alten immer weniger waren. Ich erinnere mich des Lagers

eines weißen Mannes beim Renkreuzweg. Er war ein sehr kleiner weißer Mann, und drei von den

Alten überraschten ihn im Schlafe. Und am nächsten Tage stieß ich auf alle vier. Der weiße

Mann war der einzige, der noch atmete, und es war Atem genug in ihm, um mich zu verfluchen,

ehe er starb.

Und so ging es, bald ein alter Mann und bald ein anderer. Manchmal erfuhren wir lange

hinterher, wie sie gestorben waren, und manchmal erfuhren wir gar nichts davon. Und die alten

Männer der andern Stämme waren gebrechlich und ängstlich und wollten sich uns nicht

anschließen. Wie ich sage: einer nach dem andern, bis ich allein übrig war. Ich bin Imber vom

Weißfischvolke. Mein Vater war Otsbaok, ein starker Mann. Jetzt gibt es kein Weißfischvolk

mehr. Von den Alten bin ich der letzte. Die jungen Männer und Frauen sind weggezogen, manche,

um mit den Pellys, manche, um mit den Lachsen, und die meisten, um mit den weißen Männern

zusammen zu leben. Ich bin sehr alt und sehr müde, und da es zu nichts führt, gegen das Gesetz

zu kämpfen, bin ich, wie du sagst, Howkan, gekommen, um das Gesetz zu suchen.«

»O Imber, du bist wahrlich ein Tor«, sagte Howkan.

Doch Imber träumte.

Der Richter mit der vierkantigen Stirn träumte ebenfalls, und seine ganze Rasse erhob sich vor

ihm in einem mächtigen Phantasiegebilde, seine eisenbeschlagene, gepanzerte Rasse, die

Gesetzgeberin und Weltschöpferin unter den Geschlechtern der Menschen. Wie im Morgenrot sah er

sie hinter finsteren Wäldern und düsteren Meeren tagen, in blutrot flammendem Triumph, und den

dunkelbeschatteten Hang hinab sah er den blutroten Sand in die Nacht tropfen. Und in allem sah

er das Gesetz, das mächtige, unbarmherzige, unabänderliche und stets gebieterische, größer als

die Menschenstäubchen, die es erfüllten oder von ihm zermalmt wurden, wie es auch größer war

als er, dessen Herz jetzt nach Frieden verlangte.

* * *

Wie vor alters zog die Argo…

Es war im Sommer 1897, als Unruhe in der Familie Tarwater entstand. Großvater Tarwater war

nach einem Jahrzehnt der Unterjochung und Unterdrückung wieder einmal ausgebrochen. Diesmal

war es das Klondikefieber. Das erste und einzige Symptom solcher Anfälle war Gesang. Er sang

nur ein Lied, und auch von dem konnte er nicht mehr als vier Verse der ersten Strophe. Und die

Familie wußte, daß ihn die Füße juckten und daß ihm die alte Tollheit im Hirn krabbelte, wenn

er sein heiseres, brüchiges Falsett erhob und sang:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut’ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Zehn Jahre zuvor hatte er das Lied nach der Melodie des kirchlichen Lobgesangs gesungen, als

ihn das Fieber gepackt hatte, nach Patagonien zu ziehen und Gold zu graben. Die ganze

zahlreiche Familie hatte sich ihm widersetzt, aber sie hatte eine schwere Zeit mit ihm gehabt.

Als nichts seinen Entschluß erschüttern konnte, hatten sie ihm Rechtsanwälte geschickt mit der

Drohung, ihn zu entmündigen und in der staatlichen Irrenanstalt einzusperren – eine

vernünftige Maßregel einem Mann gegenüber, der vor einem Vierteljahrhundert alles bis auf zehn

Morgen mageren Bodens eines Gutes in Kalifornien verspekuliert und seitdem auch nicht viel

mehr Scharfsinn in Geschäften bewiesen hatte.

Die Anwendung der Rechtsanwälte bei John Tarwater glich der Anwendung eines Senfpflasters,

denn seiner Meinung nach waren es von allen Menschen gerade diese, die ihm seinen ausgedehnten

Besitz entrissen hatten. Zu der Zeit, als er das Patagonienfieber hatte, genügte der Gedanke

an ein so drastisches Mittel allein, um ihn zu kurieren. Er bewies schnell, daß er nicht

verrückt war, indem er das Fieber abschüttelte und darauf einging, nicht nach Patagonien zu

ziehen.

Hierauf bewies er, wie verrückt er in Wirklichkeit war, indem er unaufgefordert seiner Familie

die zehn Morgen zu Tarwater Flat, einschließlich Haus, Scheuer, Wirtschaftsgebäude und

Wasserrechte, überschrieb. Ebenfalls übertrug er ihnen die achthundert Dollar, die er auf der

Bank hatte, das lang gesparte Wrackgut seines vernichteten Vermögens. Hierin sah die Familie

jedoch keinen Grund, ihn in die Irrenanstalt zu schicken, was ja unweigerlich seine löblichen

Absichten durchkreuzt hätte. »Großvater ist sicher schlechter Laune«, sagte Mary, seine

älteste Tochter, selbst schon Großmutter, als ihr Vater das Rauchen aufgab.

Alles, was er für sich behalten hatte, war ein Gespann alter Pferde und ein einziges Zimmer in

dem überfüllten Hause. Da er versicherte, niemand Dank schulden zu wollen, übertrug man ihm

ferner die Aufgabe, zweimal wöchentlich die Post der Vereinigten Staaten von Kelterville über

die Tarwater-Berge nach Old Almaden zu bringen – einer sporadisch bearbeiteten Quecksilbermine

im Viehland in den Bergen. Mit seinen beiden alten Pferden beanspruchten die beiden

wöchentlichen Fahrten seine ganze Zeit. Und in den zehn Jahren hatte er, ob Regen oder

Sonnenschein, nie eine Fahrt versäumt. Und ebensowenig hatte er es auch nur ein einziges Mal

unterlassen, allwöchentlich die Bezahlung für seine Beköstigung in Marys Hand zu legen. Diese

Beköstigung hatte er während der Erholung von seinem Patagonienfieber verlangt und genau

bezahlt, obwohl er seinen Tabak hatte aufgeben müssen, um dazu imstande zu sein.

»Hu!« vertraute er dem zerbrochenen Wasserrad der alten Tarwater-Wassermühle an, die er selbst

aus Stämmen aus dem Walde erbaut und die Weizen für die ersten Ansiedler gemahlen hatte. »Hu!

Solange ich mich selbst erhalte, werden sie mich nicht ins Armenhaus schicken, und wenn ich

nicht einen roten Heller habe, so ist es nicht wahrscheinlich, daß so ein Rechtsverdreher

kommt und mich beschnüffelt.«

Und doch waren gerade diese in hohem Maße vernünftigen Handlungen der Grund, daß man John

Tarwater für leicht verrückt hielt.

Das erste Mal hatte er das Lied »Wie vor alters zog die Argo« im Jahre 1849 gesungen, als er,

zweiundzwanzig Jahre alt und heftig vom Kalifornienfieber ergriffen, in Michigan

zweihundertvierzig Morgen, davon vierzig gerodet, für vier Ochsengespanne und einen Wagen

verkauft hatte und quer über die Steppe gezogen war.

»Und bei Fort Hall, wo die Oregon-Auswanderer nach Norden gingen, bogen wir südwärts nach

Kalifornien ab«, pflegte er seinen Bericht von dieser beschwerlichen Reise zu schließen. »Und

Bill Ping und ich fingen Grislybären mit dem Lasso im Unterholz von Cache Slough im

Sacramento-Tal.«

Dann waren Jahre mit Frachtfahren und Minenarbeit gefolgt. Mit einem in den Mercedes-

Goldwäschereien gesammelten Gewinn befriedigte er schließlich den Landhunger seiner Rasse und

seiner Zeit und ließ sich im Sonoma-Land nieder.

Die zehn Jahre, die er die Post in der Tarwater-Gemeinde, durch das Tarwater-Tal und über den

Tarwater-Berg – das meiste davon hatte ihm einmal gehört – fuhr, verbrachte er damit, daß er

davon träumte, das Land wiederzugewinnen, ehe er starb.

Und jetzt, da seine riesige, magere Gestalt aufrechter war, als sie seit Jahren gewesen, und

blaue Flammen in seinen kleinen, engstehenden Augen glimmten, stimmte er wieder sein altes

Lied an.

»Da geht er nun – hört nur!« sagte William Tarwater.

»Niemand zu Hause«, lachte Harris Topping, Tagelöhner, mit Annie Tarwater verheiratet und

Vater ihrer neun Kinder.

Die Küchentür öffnete sich, um den alten Mann einzulassen, der soeben seine Pferde gefüttert

hatte. Der Gesang war auf seinen Lippen verstummt, aber Mary war gereizt, weil sie sich die

Hand verbrannt hatte und weil der Magen eines Enkelkindes sich weigerte, die gewässerte

Kuhmilch ordentlich zu verdauen.

»Es hat keinen Zweck, so anzufangen«, wandte sie sich streitsüchtig an ihn. »Die Zeit ist

vorbei, als du nach einer Gegend wie Klondike durchbrennen konntest, und dein Singen kann sie

dir nicht wiederkaufen.«

»Einerlei«, antwortete er ruhig. »Ich wette, daß ich nach diesem Klondike gehen und Gold genug

sammeln könnte, um den Tarwater-Besitz zurückzukaufen.«

»Alter Narr!« bemerkte Annie.

»Um ihn zurückzukaufen, brauchst du mindestens dreihunderttausend, wenn nicht mehr«, versuchte

William ihn zum Schweigen zu bringen.

»Dann könnte ich dreihunderttausend und noch mehr sammeln, wenn ich nur dort wäre«, sagte der

alte Mann ruhig.

»Danke Gott, daß du nicht hinspazieren kannst, sonst brächest du heute schon auf!« rief Mary.

»Seereisen kosten Geld.«

»Ich hatte Geld«, sagte ihr Vater demütig.

»Aber jetzt hast du keines – daher denk nicht mehr dran«, riet William. »Die Zeiten sind

vorbei, da du mit Bill Ping Bären fingst. Es gibt keine Bären mehr.«

»Einerlei…«

Aber Mary schnitt ihm das Wort ab. Sie nahm die Zeitung vom Küchentisch und schwang sie ihrem

betagten Vater heftig vor der Nase hin und her.

»Was sagen diese Klondiker? Hier steht es schwarz auf weiß. Nur die Jungen und Starken können

Klondike aushalten. Es ist schlimmer als der Nordpol. Und selbst die haben dort massenhaft

Tote zurückgelassen. Sieh nur die Bilder. Du bist vierzig Jahre älter als die ältesten von

ihnen.«

John Tarwater sah wirklich hin, aber seine Augen schweiften zu anderen Fotografien auf dem im

höchsten Maße effektvollen Umschlag.

»Und sieh hier die Fotografien von den Goldklumpen, die sie mitgebracht haben«, sagte er. »Ich

kenne Gold. Habe ich nicht zwanzigtausend aus der Mercedes-Grube geholt? Und wären es nicht

hunderttausend geworden, wenn der Wolkenbruch nicht meinen Damm gesprengt hätte! Wenn ich

jetzt nur in Klondike wäre…«

»Total verrückt!« knurrte William beiseite, aber hörbar für die andern.

»Eine hübsche Art, mit seinem alten Vater zu reden«, tadelte der alte Tarwater ihn mild. »Mein

Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so zu ihm gesprochen

hätte.«

»Aber du bist wirklich verrückt, Vater«, begann William.

»Du wirst schon recht haben, mein Sohn. Aber in dem Punkt war mein Vater nicht verrückt. Er

hätte es getan.«

»Der alte Mann hat ein paar Artikel von Männern gelesen, die noch nach den Vierzigern Glück

gehabt haben«, höhnte Annie.

»Und warum nicht, mein Kind?« fragte er. »Warum kann ein Mann nicht Glück haben, wenn er

siebzig ist? Ich bin dies Jahr erst siebzig geworden. Und vielleicht hätte ich Glück, wenn ich

nur nach Klondike kommen könnte.«

»Was du eben nicht kannst«, wies Mary ihn ab.

»Na ja«, seufzte er, »wenn nicht, dann kann ich ja ebensogut gleich zu Bett gehen.«

Er stand auf, lang, mager knochig und knorrig, die prächtige Ruine eines Mannes. Sein zottiges

Haar und sein Backenbart waren nicht grau, sondern schneeweiß, ebenso die Haarbüschel, die auf

der Rückseite seiner ungeheuer knochigen Finger standen. Er bewegte sich zur Tür, öffnete sie,

seufzte, blieb stehen und sandte einen Blick zurück.

»Und doch«, murmelte er klagend, »jucken mich die Fußsohlen ganz schrecklich.«

Lange, ehe die Familie am nächsten Morgen aufstand, hatte der alte Tarwater seine Pferde beim

Laternenschein gefüttert und angespannt, sich das Frühstück bei Lampenlicht bereitet und

gegessen und war durch das Tarwater-Tal nach Kelterville aufgebrochen. Zweierlei

Ungewöhnliches war an dieser gewöhnlichen Fahrt, die er seit Abschluß des Postkontraktes

tausendundvierzigmal gemacht hatte. Er fuhr nicht nach Kelterville, sondern bog südwärts auf

die Landstraße nach Santa Rosa ab. Noch merkwürdiger als dies war das in Papier gewickelte

Paket zwischen seinen Füßen. Es enthielt seinen einzigen schwarzen Anzug, den Mary ihn lange

nicht mehr hatte tragen lassen wollen, nicht weil er abgetragen war, sondern weil er, wie sie

seiner Vermutung nach im Innersten dachte, anständig genug war, um ihn darin zu begraben.

Und in Santa Rosa verkaufte er den Anzug sofort in einem Trödlerladen für zweieinhalb Dollar.

Von demselben willfährigen Geschäftsmann empfing er vier Dollar für den Trauring seiner längst

verstorbenen Frau. Sein Gespann und den Wagen verkaufte er für fünfundsiebzig Dollar, wenn er

auch nur fünfundzwanzig in bar erhielt. Als er zufällig auf der Straße Alton Granger traf,

demgegenüber er noch nie ein Wort von den zehn Dollar erwähnt hatte, die er ihm im Jahre

vierundsiebzig geliehen, erinnerte er ihn an die kleine Angelegenheit und erhielt

augenblicklich sein Geld. Und von all den Menschen, die vermutlich nicht bei Kasse waren,

hatte er allein Glück bei dem Trunkenbold der Stadt, dem er in seinen alten guten Tagen

manches Glas spendiert hatte: Er lieh sich von ihm einen Dollar. Schließlich fuhr er mit dem

Nachmittagszug nach San Franzisko.

Zwölf Tage später landete er, einen Leinensack mit wollenen Decken und altem Zeug schleppend,

an der Küste von Dyea, mitten in dem großen Klondikestrom. Der Strand war ein brüllendes

Tollhaus. Zehntausend Tonnen Ausrüstung lagen angehäuft und verstreut da, zweimal zehntausend

Mann ruderten darin herum und riefen durcheinander. Die Fracht auf Indianerrücken über den

Chilcoot nach dem Linderman-See war von sechzehn auf dreißig Cent gesprungen, was einem Preis

von sechshundert Dollar für eine Tonne entsprach. Und der subarktische Winter mit seiner

Finsternis stand vor der Tür. Alle wußten es, und alle wußten auch, daß von den zwanzigtausend

nur wenige über die Pässe kommen sollten, während die übrigen hier überwintern und auf das

späte Frühlingstauwetter warten mußten.

So war der Strand, den der alte John Tarwater betrat, und er steuerte direkt über den Strand

auf den Chilcoot los, sein altes Lied gackernd, selbst ein richtiger alter Argonaute, den

keine Ausrüstung beschwerte. Denn er besaß keine Ausrüstung. Nachts schlief er auf der flachen

Strecke fünf Meilen oberhalb Dyeas, an der Stelle, wo die Schiffahrt in Booten begann. Hier

wurde der Dyea-Fluß ein stürmischer Gebirgsstrom, der in einer engen Schlucht aus den

Gletschern stürzte, die ihm ihr Wasser von weit her sandten.

Und hier sah er früh am nächsten Morgen einen kleinen Mann, der nicht mehr als hundert Pfund

wog, über einen Baumstamm wandern, mit gut hundert Pfund Mehl auf dem Rücken. Er sah ferner,

wie der kleine Mann von dem Baumstamm stolperte, kopfüber in eine ruhige, zwei Fuß tiefe

Pfütze fiel und sich ganz ruhig anschickte, zu ertrinken. Er wünschte sicher nicht, so leicht

zu sterben, aber das Mehl auf seinem Rücken wog ebensoviel wie er selber und erlaubte ihm

nicht aufzustehen.

»Schönen Dank, Alter«, sagte er zu Tarwater, als der ihn aufs Trockene gezogen hatte.

Während er sich die Schuhe aufschnürte und das Wasser ausgoß, setzten sie die Unterhaltung

fort. Dann zog er ein Zehndollarstück aus der Tasche und bot es seinem Retter an.

Der alte Tarwater schüttelte den Kopf und zitterte vor Kälte, denn das Eiswasser hatte ihn bis

zu den Knien durchnäßt.

»Aber ich denke, ich hätte nichts dagegen, mich zu einer freundschaftlichen Mahlzeit mit Ihnen

zusammenzusetzen.«

»Haben Sie noch nicht gefrühstückt?« fragte der kleine Mann, der über Vierzig war und gesagt

hatte, daß er Anson hieß, mit einem offenbar interessierten Blick.

»Nicht einen Bissen«, antwortete John Tarwater.

»Wo ist Ihre Ausrüstung? Voraus?«

»Hab’ keine Ausrüstung.«

»Wollen Sie im Lande kaufen?«

»Hab’ nicht einen Dollar, um was zu kaufen, Freundchen. Was im Augenblick nicht so wichtig ist

wie ein bißchen warmes Frühstück.«

In Ansons Lager, eine Viertelmeile weiter, fand Tarwater einen schlanken jungen Mann von

dreißig mit rotem Backenbart, der über einem Feuer aus nassem Weidenholz fluchte. Nachdem er

als Charles vorgestellt war, übertrug er seine finsteren Blicke und seine Wut auf Tarwater,

der tat, als ob er nichts merkte, und sich seinerseits mit dem Feuer zu schaffen machte. Er

benutzte den kühlen Morgenwind, um Zug zu erhalten, den die andern dummerweise durch Steine

ferngehalten hatten, und erzeugte bald weniger Rauch und mehr Feuer. Das dritte Mitglied der

Gesellschaft, Bill Wilson, oder der Große Bill, wie sie ihn nannten, kam mit einem

hundertvierzig Pfund schweren Packen; und Charles servierte etwas, das Tarwater für ein sehr

schlechtes Frühstück ansah. Die Grütze war halbgar und zum größten Teil verbrannt, der Speck

verkohlt und der Kaffee unaussprechlich.

Sobald das Essen verschlungen war, nahmen die drei Teilhaber ihre Packgurte und machten sich

auf den Weg nach der Stelle, wo in ihrem letzten Lager, eine Meile zurück, der Rest ihrer

Ausrüstung lag. Und der alte Tarwater bekam zu tun. Er wusch die Schüsseln, holte trockenes

Holz, setzte einen zerrissenen Packgurt instand, schliff Schlachtermesser und Lageraxt und

packte Hacken und Schaufeln um, so daß sie besser zu tragen waren.

Was während des kurzen Frühstücks Eindruck auf ihn gemacht hatte, war der Respekt, den Anson

und der Große Bill vor Charles hatten. Als Anson am Morgen einmal, nachdem er einen neuen

Hundertpfundpacken hereingebracht hatte, verschnaufte, machte Tarwater eine feine Anspielung

hierauf.

»Sehen Sie, die Sache ist die«, sagte Anson. »Wir haben die Führerschaft geteilt. Jeder hat

seine besondere Aufgabe. Ich bin Zimmermann. Wenn wir zum Linderman-See kommen und die Bäume

gefällt und zu Planken zersägt sind, habe ich den Bootsbau zu leiten. Der Große Bill ist

Flößer und Grubenarbeiter. Er hat für das Holz und für alle Minenunternehmen zu sorgen. Das

meiste von unserer Ausrüstung ist vorausgeschickt. Wir mußten den Indianern so viel für den

Transport nach dem Chilcoot bezahlen, daß wir ruiniert sind. Unser letzter Teilhaber ist oben

bei den Sachen und schafft sie selbst nach der anderen Seite hinüber. Er heißt Liverpool und

ist Seemann. Wenn die Boote gebaut sind, ist er es daher, der ihre Ausrüstung zu leiten hat,

damit wir die Seen und Stromwirbel bis Klondike hinunterfahren können.«

»Und Charles – dieser Herr Crayton –, was ist seine Spezialität?« fragte Tarwater.

»Er ist Geschäftsmann. Er leitet die Organisation und etwaige Geschäfte.«

»Hm«, überlegte Tarwater. »Es ist ein Glück, eine solche Schar von Sonderkenntnissen für eine

Expedition zu bekommen.«

»Mehr als Glück«, meinte Anson. »Es war auch alles Zufall. Jeder von uns zog allein. Wir

trafen uns auf dem San-Franziskoer Dampfer und gründeten die Gesellschaft. – Na, ich muß fort.

Sonst gibt Charles mir noch einen Tritt, weil ich nicht meinen Teil trage. Eigentlich kann man

doch nicht verlangen, daß ein Mann von hundert Pfund ebensoviel trägt wie einer von

hundertsechzig.«

»Los, mach uns was zu Essen«, sagte Charles zu Tarwater, als er das nächste Mal mit einer Last

hereinkam und sah, wie geschickt der alte Mann war.

Und Tarwater bereitete ein Mittagessen, das wirklich ein Mittagessen war, wusch die Schüsseln,

hatte wirkliches Schweinefleisch und Bohnen zum Abendessen und dazu in einer Bratpfanne

gebackenes Brot, das so delikat war, daß die drei Teilhaber sich fast zuschanden daran aßen.

Als das Aufwaschen nach dem Abendessen besorgt war, hieb er Späne, um am Morgen schnell und

sicher Feuer anmachen zu können, zeigte Anson einen Kniff mit dem Schuhzeug, unentbehrlich für

einen Mann, der etwas schleppen sollte, sang sein »Wie vor alters zog die Argo« und erzählte

ihnen von der großen Auswanderung über die Steppe im Jahre neunundvierzig.

»Wahrhaftig, das erste anständige und angenehme Lager, seit wir von der See aufbrachen«,

bemerkte der Große Bill, als er seine Pfeife ausklopfte und sich die Schuhe aufschnürte, um zu

Bett zu gehen.

»Hab’ ich’s euch ein bißchen erleichtert, Jungens, was?« forschte Tarwater freundlich.

Alle nickten.

»Na, dann will ich euch einen Vorschlag machen, Jungens. Ihr könnt ihn annehmen oder nicht,

aber hört ihn bitte an. Ihr habt Eile, weiterzukommen, ehe alles zufriert. Die halbe Zeit, die

ihr zum Tragen verwenden könntet, vergeudet einer von euch auf das Kochen. Wenn ich das für

euch besorge, werdet ihr schneller weiterkommen. Das Essen wird auch besser sein und euch

befähigen, besser zu tragen. Und ich selbst kann hin und wieder auch ein bißchen tragen, ein

ganz klein bißchen, ja, ein ganz klein bißchen.«

Der große Bill und Anson wollten gerade zum Zeichen ihres Einverständnisses nicken, als

Charles sich dazwischenlegte.

»Was wollen Sie von uns dafür?« fragte er den alten Mann.

»Ach, das überlasse ich Ihnen.«

»Das ist kein Geschäft«, verwies Charles ihn scharf. »Sie haben den Vorschlag gemacht. Nun

machen Sie ihn auch ganz.«

»Nun, die Sache ist so…«

»Sie denken, daß wir Sie den ganzen Winter durchfüttern sollen, wie?« unterbrach ihn Charles.

»Nein, mein Herr, das tue ich nicht. Alles, womit ich rechne, ist, daß eine Reise nach

Klondike in Ihrem Boot hochanständig von Ihnen wäre.«

»Sie haben nicht eine Unze Proviant, Alter, Sie würden verhungern, wenn Sie hinkämen.«

»Ich hab’ lange Zeit hindurch ziemlich viel Glück mit meiner Ernährung gehabt«, antwortete der

alte Tarwater mit einem lustigen Schimmer in den Augen: »Ich bin siebzig und bis jetzt noch

nie verhungert.«

»Wollen Sie eine Erklärung unterschreiben, daß Sie selbst für sich sorgen werden, sobald Sie

nach Dawson kommen?« fragte der Geschäftsmann.

»Gewiß«, lautete die Antwort.

Und wieder brachte Charles seine beiden Kompagnons zum Schweigen, die ihre Zufriedenheit mit

dem Arrangement äußern wollten.

»Noch eines, Alter: Wir sind vier Teilhaber, die alle in einer solchen Frage Stimmrecht haben.

Der junge Liverpool ist mit der Hauptausrüstung vorausgezogen, hat deshalb ein Wörtchen

mitzureden und kann es nicht, weil er nicht hier ist.«

»Was für eine Art Teilhaber ist er denn?« fragte Tarwater.

»Er ist ein grobkörniger Seemann und hat ein rasches, bösartiges Temperament.«

»Ein bißchen ungestüm«, fügte Anson hinzu.

»Und fluchen kann er, einfach fürchterlich«, bezeugte der Große Bill. »Aber er ist ehrlich«,

fügte er hinzu.

Anson nickte herzhaft zu dieser Einschätzung.

»Na, Jungens«, meinte Tarwater, »ich bin von Kalifornien hierhergekommen, und jetzt bin ich

unterwegs nach Klondike. Nichts kann mich aufhalten. Ich muß dreihunderttausend aus der Erde

holen. Nichts kann mich aufhalten, weil ich das Geld eben brauche. Daß der Junge bösartig ist,

stört mich nicht, wenn er nur ehrlich ist. Ich will auf gut Glück mit euch gehen, bis wir ihn

einholen. Wenn er dann nicht auf den Vorschlag eingehen will, gebe ich’s auf. Aber ich kann

mir eigentlich nicht vorstellen, daß er nein sagen wird, denn das hieße, daß wir der Zeit,

wenn alles zufriert, zu nahe kommen würden und daß es zu spät für mich wäre, eine andere

Möglichkeit zu finden. Und da ich sicher bin, nach Klondike zu kommen, ist es einfach

unmöglich, daß er nein sagen wird.«

Der alte John Tarwater wurde eine auffallende Gestalt auf einem Wege, der von auffallenden

Gestalten wimmelte. Tausende von Männern, die jeder für sich für jede halbe Tonne Ausrüstung

zurücktrotteten und jede Meile Weges zwanzigmal zurücklegten, lernten ihn kennen und begrüßten

ihn als »Vater Weihnacht«. Und immer, wenn er arbeitete, stimmte er mit der Fistelstimme des

alten Mannes sein Lied an. Keiner der drei Männer, denen er sich angeschlossen hatte, konnte

sich über seine Arbeit beklagen. Allerdings waren seine Glieder steif – und er litt ein wenig

an Rheumatismus. Er bewegte sich langsam und schien zu knirschen und zu knacken, wenn er sich

regte. Aber er hielt sich immer in Bewegung. Er war der letzte, der abends in die Wolldecken

kroch, und der erste, der morgens herauskam, so daß die andern warmen Kaffee erhielten, ehe

sie ihren einen Packen vor dem Frühstück holten. Und zwischen Frühstück und Mittag und

zwischen Mittag und Abendbrot ging er stets selber zurück und holte verschiedene Packen. Mehr

als sechzig Pfund konnte er indessen nicht tragen. Er konnte es zwar auf fünfundsiebzig

bringen, aber nicht für die Dauer. Einmal versuchte er es mit neunzig, fiel aber unterwegs um

und war einige Tage ganz schwach.

Arbeit! Auf einem Wege, wo schwer arbeitende Männer zum erstenmal lernten, was Arbeit war,

arbeitete keiner im Verhältnis zu seiner Kraft schwerer als der alte Tarwater. Verzweifelt von

der Nähe des Winters angetrieben und wahnsinnig von dem Traum vom Golde angelockt, arbeiteten

sie bis aufs äußerste und sanken neben dem Wege nieder. Andere schossen sich eine Kugel vor

den Kopf, wenn sie sich von der Hoffnungslosigkeit ihres Unternehmens überzeugt hatten. Einige

verloren den Verstand, und unter der Qual dieser für Menschen so vernichtenden Anspannung

brachen andere die Kameradschaft und beendeten lebenslängliche Freundschaften mit Burschen,

die ebenso gut wie sie selbst und ebenso überanstrengt und wahnsinnig waren.

Arbeit! Der alte Tarwater beschämte sie alle trotz seinem Knirschen und Knacken und dem

schlimmen trockenen Husten, den er sich angeschafft hatte. Früh und spät, unterwegs oder im

Lager neben dem Wege, konnte man ihn stets irgendwie beschäftigt sehen, und immer antwortete

er auf den Ruf »Vater Weihnacht«. Müde Menschen, die zurückgingen, pflegten ihre Packen auf

einen Baumstamm oder einen Stein zu stützen, wenn sie zu ihm kamen, und zu sagen: »Sing uns

dein Lied von neunundvierzig, Vater.« Und wenn er stöhnend ihren Wunsch erfüllt hatte, nahmen

sie ihre Lasten wieder auf, bemerkten, daß es wirklich herzergreifend wäre, und gingen weiter.

»Wenn sich je ein Mann seine Reise erarbeitet und verdient hat«, vertraute der Große Bill

seinen beiden Kompagnons an, »dann ist es unser alter Schelm.«

»Darauf kannst du wetten«, bestätigte Anson. »Er ist ein wertvoller Zuwachs unserer

Gesellschaft, und ich meinerseits hätte nicht das geringste dagegen, ihn zum regelrechten

Teilhaber zu machen.«

»Nichts davon!« fuhr Charles Clayton dazwischen. »Wenn wir nach Dawson kommen, sind wir fertig

mit ihm – so lautet das Abkommen. Wenn wir ihn bei uns behielten, müßten wir ihn nur begraben.

Außerdem gibt es Hungersnot, und da ist jede Unze Proviant von Bedeutung. Denkt daran, daß wir

ihn den ganzen Weg von unserem eigenen Vorrat füttern, und wenn uns nächstes Jahr der Proviant

ausgeht, dann wißt ihr den Grund. Dampfschiffe können erst Mitte Juni Proviant nach Dawson

bringen, und bis dahin sind es noch neun Monate.«

»Nun ja, du hast ebensoviel an Geld und Ausrüstung eingeschossen wie wir andern«, gab der

Große Bill zu, »und selbstverständlich hast du ein Wörtchen mitzureden.«

»Und das will ich auch haben«, betonte Charles mit wachsender Gereiztheit. »Und es ist ein

Glück für euch, daß ihr mit eurer blöden Gefühlsduselei einen habt, der für euch an die

Zukunft denkt, sonst würdet ihr alle verhungern. Ich sage euch, die Hungersnot steht vor der

Tür. Ich bin mir über die Situation klar. Mehl wird zwei Dollar das Pfund kosten oder auch

zehn, und niemand wird zu verkaufen haben. Denkt an meine Worte.«

Über die mit losem Geröll bedeckte Ebene, durch die dunkle Schlucht nach dem Scheidekamm,

vorbei an überhängenden, stets drohenden Gletschern, nach den Scales und von den Scales die

steilen, vom Eis polierten Hänge der Felsen hinauf, wo die Träger mit Händen und Füßen

klettern mußten, sorgte der alte Tarwater für das Essen, schleppte und sang. Der erste

Herbststurm wehte ihn über den Chilcoot-Paß, jenseits der Waldgrenze. Leute ohne Brennholz am

schneidend kalten Rande des Kratersees unter ihm hörten aus dem dichten Schneegestöber oben

eine gespensterhafte Stimme singen:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut’ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Und aus dem Schneetreiben sahen sie eine hohe, magere Gestalt auftauchen, mit einem Backenbart

aus fliegendem Weiß, das sich mit dem Schneesturm mischte, während die Gestalt sich unter

einem sechzigpfündigen Packen mit Lagerutensilien beugte.

»Vater Weihnacht!« ertönte es, und dann: »Drei donnernde Hurras für Vater Weihnacht!«

Zwei Meilen hinter dem Kratersee lag das Glückslager – so genannt, weil hier die Waldgrenze

war und die Menschen sich wieder am Feuer erwärmen konnten. Es war kaum Wald zu nennen, denn

er bestand nur aus zwergenhaften Bergkiefern, deren Wipfel sich nie höher als einen Fuß über

das Moos erhoben und die sich schlängelten und krochen wie die Pflanzen, die von Schweinen

aufgewühlt werden. Hier auf dem Wege, der nach dem Glückslager führte, beim ersten

Sonnenschein seit mehr als einer Woche, stützte der alte Tarwater seine Last auf einen großen

Findlingsstein und schöpfte Luft. Um diesen großen Stein herum ging der Weg, auf dem beladene

Männer sich langsam vorwärts arbeiteten und Männer mit leeren Tragriemen schnell nach neuen

Lasten zurückhumpelten. Zweimal versuchte der alte Tarwater sich zu erheben und weiterzugehen,

und jedesmal ließ er sich, von seinem Zittern gewarnt, wieder sinken, um mehr Kraft zu

gewinnen. Vom Wege hinter dem Stein hörte er, wie zwei Männer sich begrüßten; er erkannte die

Stimme Charles Claytons und war sich darüber klar, daß sie jetzt Jung Liverpool getroffen

hatten. Sofort stürzte Charles sich in Geschäfte, und Tarwater hörte mit großer Deutlichkeit

jedes Wort von der wenig schmeichelhaften Beschreibung, die Charles von ihm gab, sowie von dem

Vorschlag, ihm freie Reise bis Dawson zu gewähren.

»Ein verflucht blöder Vorschlag«, lautete Liverpools Meinung, als Charles ausgesprochen hatte.

»Ein alter Großvater von siebzig. Wenn er auf dem letzten Loch pfeift, warum, zum

Donnerwetter, habt ihr euch dann so an ihm festgehakt? Wenn es Hungersnot gibt, und es sieht

danach aus, brauchen wir jede Unze Proviant für uns selbst. Wir haben uns nur für vier

versorgt und nicht für fünf.«

»Es ist alles in Ordnung«, hörte Tarwater den andern versichern. »Reg dich nicht auf. Das alte

Wrack ist darauf eingegangen, die endgültige Entscheidung dir zu überlassen, sobald wir dich

einholten. Du brauchst nichts zu tun, als deinen Willen geltend zu machen und nein zu sagen.«

»Du meinst, ich soll den Alten an die Luft setzen, nachdem ihr ihn ermutigt habt und seine

Arbeit von Dyea bis hierher gebraucht habt?«

»Die Reise ist hart, Liverpool, und nur Männer, die hart sind, kommen durch«, bemühte Charles

sich, die Sache zu beschönigen.

»Und da soll ich es sein, der die dreckige Arbeit tut?« beschwerte sich Liverpool, während

Tarwater das Herz im Leibe sank.

»Da hast du nicht ganz unrecht«, sagte Charles, »die Entscheidung liegt bei dir.«

Dann stieg das Herz wieder im alten Tarwater, als die Luft von einem Orkan lästerlicher Rede

durchschnitten wurde, aus der Sätze brachen wie: »Dreckiges Stinktier. – Erst will ich euch in

der Hölle sehen! – Mein Entschluß ist gefaßt. – Brand und Verderbnis der Hölle. – Das alte

Wrack zieht mit uns den Yukon hinauf, darauf kannst du dich verlassen, mein Junge! – Hart? Du

weißt nicht, was hart ist, aber ich will es dir zeigen! – Ich lasse die ganze Ausrüstung zum

Teufel gehen, wenn einer von euch versucht, ihn beiseite zu schieben! – Versucht es nur, und

ihr werdet denken, der Jüngste Tag und alle Plagen Gottes hätten euch auf einmal getroffen!«

So sehr stärkte Liverpools Redestrom den alten Mann, daß er sich, ganz ohne sich der

Anstrengung bewußt zu sein, unter der Last erhob und nach dem Glückslager schritt.

Vom Glückslager nach dem Langen See, vom Langen See nach dem Tiefen See und über den

ungeheuren Schweinerücken bis zum Linderman-See ging der menschentötende Wettlauf mit dem

Winter. Männern brachen die Herzen und sprangen die Rücken, und sie weinten neben dem Wege vor

Ermattung. Aber der Winter gab nicht nach. Die Herbststürme wehten, und unter bitterkalten,

durchweichenden Regenschauern und immer zunehmenden Schneegestöbern schafften Tarwater und die

Gesellschaft, an die er geknüpft war, das letzte von ihrer Ausrüstung an den Strand.

Es gab keine Ruhe. Jenseits des Sees, eine Meile hinter einem brüllenden Bergstrom, stachen

sie ein Stück Tannenwald ab und bauten ihre Sägegrube. Hier sägten sie mit Handkraft, mit

einer unzweckmäßigen Langsäge, Baumstämme zu Brettern. Sie arbeiteten Tag und Nacht. Dreimal

wurde der alte Tarwater bei der Nachtarbeit in der Sägegrube ohnmächtig. Am Tage bereitete er

wie gewöhnlich das Essen, und in den Abendpausen half er Anson, am Ufer des Bergstromes aus

den frischen Planken das Boot zu bauen.

Die Tage wurden kürzer. Der Wind schlug nach Norden um und wurde zu unendlichem Sturm. Morgens

krochen die müden Männer aus ihren Wolldecken, setzten sich in Socken an das Feuer, das

Tarwater stets für sie angezündet hatte, und trockneten und tauten ihre gefrorenen Schuhe auf.

Immer mehr wurde von der Hungersnot im Lande erzählt. Die letzten Dampfer, die Proviant von

der Beringsee brachten, wurden durch den niedrigen Wasserstand an der Grenze des Yukonlandes,

Hunderte von Meilen nördlich von Dawson, aufgehalten. Sie lagen bei der Station der alten

Hudsonbucht-Kompanie am Fort Yukon innerhalb des Polarkreises. Mehl kostete in Dawson zwei

Dollar das Pfund, aber niemand wollte Mehl verkaufen. Bonanza- und Doradokönige mit ungeheurem

Geld verließen das Land, weil sie keinen Proviant kaufen konnten. Komitees von Minenarbeitern

konfiszierten alle Nahrungsmittel und setzten die Bevölkerung auf knappe Rationen. Ein Mann,

der auch nur eine Unze Proviant zurückhielt, wurde wie ein Hund niedergeschossen. Zwei Dutzend

waren schon hingerichtet worden.

Und unter einer Anstrengung, die so viele jüngere geknickt hatte, begann auch der alte

Tarwater zusammenzubrechen. Sein Husten war schrecklich geworden, und hätten seine ermatteten

Kameraden nicht wie die Toten geschlafen, so würde er sie die Nächte hindurch wach gehalten

haben. Er begann auch an Kälteschauern zu leiden, so daß er sich mit allen Kleidungsstücken,

die er hatte, ins Bett legte und sein Kleidersack nicht einen Fetzen mehr enthielt. Alles, was

er besaß, war um seine magere, alte Gestalt gewickelt.

»Wenn er jetzt schon, wo das Thermometer nicht niedriger als zwanzig Grad Fahrenheit über dem

Nullpunkt steht, alles anzieht, was er hat«, sagte der Große Bill, »was will er dann erst tun,

wenn es auf fünfzig oder sechzig unter Null fällt?«

Sie zogen das roh gearbeitete Boot an einer Leine den Bergstrom hinab, wobei sie es ein

dutzendmal fast verloren hätten, und ruderten es über das Südende des Linderman-Sees direkt in

einen Herbststurm hinein. Am nächsten Morgen gedachten sie das Boot zu beladen und geradeswegs

nach Norden ihre gefährliche Fahrt von fünfhundert Meilen über Seen, Stromschnellen und tief

eingeschnittene Flußbetten anzutreten. Ehe jedoch der junge Liverpool an diesem Abend zu Bett

ging, verließ er das Lager. Er kehrte wieder und fand die ganze Gesellschaft im Schlaf. Er

weckte Tarwater und sprach leise mit ihm.

»Hören Sie, Vater«, sagte er, »Sie haben freie Fahrt in unserm Boot. Und wenn sich je ein Mann

freie Fahrt verdient hat, so sind Sie es. Aber Sie wissen selbst, daß Sie schon ziemlich bei

Jahren sind und daß Sie augenblicklich nicht mit Ihrer Gesundheit prahlen können. Wenn Sie mit

uns weiterziehen, setzen Sie, so sicher wie die Hölle, Ihren Pelz zu. – Lassen Sie mich

ausreden, Vater. Die Bezahlung für eine Reise ist jetzt auf fünfhundert Dollar gestiegen. Ich

habe meinen Willen durchgesetzt und einen Passagier abgelehnt. Er ist Beamter der Alaska-

Handelsgesellschaft, muß unbedingt ins Land und hat sechshundert geboten, um in unserm Boot

mitzufahren. Die Fahrt gehört Ihnen. Verkaufen Sie sie ihm, stecken Sie die sechshundert in

die Tasche und ziehen Sie wieder heim, solange der Weg gut ist. Sie können in zwei Tagen in

Dyea und eine Woche später in Kalifornien sein. Was meinen Sie dazu?«

Tarwater hustete und zitterte eine Weile, ehe er Luft bekam, um zu reden.

»Mein Sohn«, sagte er, »ich möchte Ihnen nur eines sagen. Ich fuhr neunundvierzig mit einem

Viergespann von Ochsen über die Steppe, ohne einen einzigen zu verlieren. Ich fuhr mit ihnen

direkt nach Kalifornien, und später arbeitete ich als Fuhrmann mit ihnen von Sutter Fort nach

American Bar. Und jetzt bin ich nach Klondike unterwegs. Nichts kann mich halten. Nichts. Ich

muß mit Ihnen am Steuer im Boot bis nach Klondike reisen und dreihunderttausend aus den

Graswurzeln schütteln. Da es so steht, wäre es gegen alle Vernunft, wenn ich meine Reise

verkaufte. Aber ich danke Ihnen herzlich, mein Sohn, ich danke Ihnen herzlich.«

Einer plötzlichen Eingebung folgend, streckte der junge Seemann die Hand aus und ergriff die

des alten Mannes.

»Bei Gott, Vater!« rief er. »Sie werden sicher hinkommen. Sie sind aus dem richtigen Stoff

gemacht.«

Er ließ einen Blick unverstellter Verachtung über die Schlafenden zu der Stelle schweifen, wo

Charles Crayton in seinen roten Bart schnarchte. »Es scheint heute nicht mehr viele Ihres

Schlages zu geben, Vater.«

Nordwärts kämpften sie sich, obwohl Veteranen, die zurückkehrten, den Kopf schüttelten und

prophezeiten, daß sie auf den Seen einfrieren würden. Daß das Wasser jeden Tag zufrieren

konnte, war klar, und es hieß ohne Zögern aufzubrechen. Deshalb entschloß Liverpool sich, mit

dem vollbelasteten Boot über den reißenden Strom zu fahren, der den Linderman-See mit dem

Bennett-See verbindet. Man pflegte die leeren Boote abwärts zu ziehen und die Fracht

hinüberzutragen, und selbst dabei hatten viele leere Boote Schiffbruch erlitten. Jetzt aber

war keine Zeit zu solcher Vorsicht.

»Steigen Sie aus, Vater«, kommandierte Liverpool, als er sich anschickte, vom Ufer abzustoßen

und sich in die Stromschnellen zu stürzen.

Der alte Tarwater schüttelte sein weißes Haupt.

»Ich bleibe bei der Ausrüstung«, erklärte er. »Das ist die einzige Möglichkeit, durchzukommen.

Sehen Sie, mein Sohn, ich muß nach Klondike. Wenn ich im Boot bleibe, ist es

selbstverständlich, daß das Boot nach Klondike kommt. Steige ich aus, so ist es

höchstwahrscheinlich, daß ihr das Boot verliert.«

»Na, es hat keinen Zweck, das Boot zu überlasten«, erklärte Charles und sprang plötzlich ans

Ufer, als das Boot loswarf.

»Das nächste Mal wartest du meinen Befehl ab!« rief Liverpool ihm zu, während die Strömung das

Boot packte. »Und dann gibt es kein Herumspazieren um die Stromschnellen und keine

Zeitvergeudung mehr, um auf dich zu warten und dich wieder aufzulesen.«

Für jedes Stück, das sie auf dem Strom in zehn Minuten schafften, brauchte Charles fast eine

halbe Stunde, und die Zeit, die sie am Ende des Bennett-Sees auf ihn warteten, verbrachten sie

mit mehreren arg mitgenommenen zurückkehrenden Veteranen. Die Nachrichten von der Hungersnot

waren ernster als je. Die berittene Nordwest-Polizei, die am unteren Ende des Marsh-Sees

stationiert war, wo die Goldgräber auf kanadisches Gebiet gelangten, ließ keinen durch, der

nicht mindestens siebenhundert Pfund Proviant mitbrachte. In Dawson warteten tausend Mann mit

Hunden auf das Zufrieren des Sees, um über das Eis zu kommen. Die Handelsgesellschaften

konnten ihre Verträge bezüglich der Lieferung von Nahrungsmitteln nicht erfüllen, und

Teilhaber losten unter sich, wer weiterziehen und wer zurückbleiben und die Claims bearbeiten

sollte. »Das entscheidet«, sagte Charles, als er von dem Auftreten der berittenen Polizei

hörte. »Alter Mann, Sie können ebensogut gleich umkehren.«

»Klettern Sie an Bord«, kommandierte Liverpool, »wir gehen nach Klondike, und der alte Vater

geht mit.«

Ein Umschlagen des Sturmes nach Süden schaffte ihnen günstigen Wind auf dem Bennett-See, auf

dem sie vor dem Winde unter einem großen, von Liverpool verfertigten Segel liefen. Das schwere

Gewicht der Ausrüstung wirkte als Ballast, so daß er drauflosfuhr, wie ein kühner Seemann muß,

wenn jede Minute von Wichtigkeit ist. Eine Drehung des Windes von vier Strich nach Südwest,

die gerade rechtzeitig kam, als sie den Caribou Crossing erreichten, trieb sie durch dieses

Bindeglied von Tagish- und Marsh-See. Während eines stürmischen Sonnenuntergangs und der

darauffolgenden Dämmerung unternahmen sie die gefährliche Kreuzung über den Großen Windarm, wo

sie zwei andere Boote mit Goldgräbern kentern und die Insassen ertrinken sahen.

Charles war dafür, daß sie nachts an Land gehen sollten, aber Liverpool blieb unerbittlich und

steuerte nach dem Tagish-See, wobei er sich nach dem Geräusch der Brandung auf den Klippen und

nach den gelegentlichen Feuern an der Küste richtete, die von schiffbrüchigen oder furchtsamen

Argonauten erzählten. Um vier Uhr morgens weckte er Charles. Der alte Tarwater, der wach lag

und zitterte, hörte, wie Liverpool Charles nach achtern neben sich an die Ruderpinne rief, und

hörte auch die einseitige Unterhaltung.

»Hör gut zu, Freund Charles, und halt selber den Mund«, begann Liverpool. »Ich wünsche, daß du

dir eins merkst. Der alte Vater reist weg auf Order der Polizei. Verstanden? Er reist weg.

Wenn sie unsere Ausrüstung untersuchen, gehört dem alten Vater ein Fünftel davon. Verstanden?

Dadurch kommen wir alle unter das Gewicht, das wir haben sollten, aber wir werden sie schon

irgendwie bluffen. Also merk dir das und vergiß es nicht! Es bleibt dabei!«

»Wenn du glaubst, ich würde das alte Wrack verraten…«, begann Charles gekränkt.

»Das ist dein Gedanke, ich habe nicht ein Wort davon gesagt«, unterbrach ihn Liverpool.

»Versteh mich recht: Mir ist es einerlei, was du gedacht hast. Es kommt darauf an, was du

denken wirst. Wir kommen heute im Laufe des Nachmittags an der Polizeistation vorbei und

müssen uns bereithalten, die Geschichte ohne Blinzeln durchzuführen, und es ist am besten, so

wenig wie möglich davon zu reden.«

»Wenn du glaubst, ich wollte…«, begann Charles wieder.

»Hör mal«, unterbrach ihn Liverpool. »Ich weiß nicht, was du willst. Ich will es auch nicht

wissen. Ich wünsche, daß du weißt, was ich will. Wenn wir Pech haben, wenn der alte Vater von

der Polizei zurückgeschickt wird, dann suche ich mir den ersten ruhigen Platz aus und setze

dich an Land. Und dann gebe ich dir eine gehörige Tracht Prügel. Versteh mich recht. Das wird

keine halbe Sache, sondern eine richtige zweibeinige und zweihändige Tracht Prügel. Ich

gedenke dich nicht totzuschlagen, aber viel wird nicht daran fehlen.«

»Aber was kann ich denn dabei machen?« meinte Charles kläglich.

»Nur eines«, waren Liverpools Schlußworte. »Bete nur kräftig, daß der alte Vater an der

Polizei vorbeikommt, daß er wirklich vorbeikommt – das ist alles. Und nun mach, daß du wieder

in deine Decken kommst.«

Ehe sie den Le-Barge-See erreichten, war das Land mit Schnee bedeckt, der das nächste halbe

Jahr nicht schmelzen sollte. Sie konnten auch nicht nach Belieben am Ufer anlegen, denn dort

bildete sich schon eine Eiskante. Gerade vor der Mündung des Flusses in den Le-Barge-See

fanden sie Hunderte von Argonauten, deren Boote der Sturm aufgehalten hatte. Von Norden wehte

quer über den großen See herüber ein unendlicher Schneesturm. Drei Morgen hintereinander

stießen sie ab und kämpften mit dem Sturm und den Wellen, deren Spritzer zu Eis wurden, wenn

sie ins Boot fielen. Während die anderen sich an den Riemen zuschanden arbeiteten, sorgte der

alte Tarwater dafür, sein Blut genügend in Zirkulation zu halten, indem er das Eis zerhieb und

über Bord warf.

Als sie drei Tage nacheinander geschlagen waren und hilflos dalagen, machten sie kehrt und

liefen wieder in den schirmenden Fluß ein. Am vierten Tage waren die Boote zu dreihundert

angewachsen, und die zweitausend Argonauten an Bord wußten, daß der große Sturm das Zufrieren

des Le-Barge-Sees verkündete. Eine Strecke weiter strömten die reißenden Flüsse noch tagelang.

Wenn sie aber nicht gleich aufbrachen, waren sie dazu verurteilt, für die nächsten sechs

Monate einzufrieren.

»Heute müssen wir durchkommen«, erklärte Liverpool. »Heute gibt es kein Umkehren. Und wer von

uns an den Riemen stirbt, wird wieder aufleben und weiterrudern.«

Und sie kamen durch; sie legten bis Anbruch der Nacht die Hälfte von der Länge des Sees zurück

und ruderten weiter die ganze Nacht, während der Wind sich legte. Sie schliefen an den Riemen

ein, wurden von Liverpool aufgerüttelt und arbeiteten sich durch einen bösen Traum, lang wie

ein Leben, hindurch, während die Sterne zum Vorschein kamen, die Oberfläche des Sees glatt wie

ein Stück Papier wurde und zu dünnem Eis gefror, das wie zerbrochenes Glas klirrte, wenn die

Ruderblätter es zerschlugen.

Als der Tag klar und kalt anbrach, fuhren sie in die Flußmündung ein und ließen einen

zugefrorenen See hinter sich. Liverpool sah sich nach seinem betagten Passagier um und fand

ihn hilflos und fast bewußtlos. Als er das Boot an die Eiskante schwang, um ein Feuer zu

machen und Tarwater von innen und außen zu erwärmen, protestierte Charles gegen einen solchen

Zeitverlust.

»Dies ist nicht Geschäft, misch dich also nicht hinein«, unterrichtete Liverpool ihn. »Ich bin

es, der für die Bootsfahrt einsteht. Klettere also nur heraus und hack Holz, und zwar eine

Menge. Du, Anson, machst ein Feuer, und du, Bill, stellst den Yukonofen im Boot auf. Der alte

Vater ist nicht so jung wie wir andern, und für den Rest dieser Reise soll er am Feuer

sitzen.« Alles geschah, wie er sagte, und das Boot, dessen zwei Ofenröhren der Rauch wie einem

Flußdampfer entstieg, wurde vom Strom gepackt, stieß auf Klippen, blieb hängen, wo der Strom

sich teilte, ging auf Stromschnellen und tiefe Schluchten los und trieb immer tiefer in den

Winter des Nordlandes hinein. Der Große und der Kleine Lachsfluß warfen Grützeis in den

Hauptstrom, als sie vorbeifuhren, und unterhalb der Schnellen löste sich Grundeis vom Flußbett

und bedeckte die Oberfläche mit kristallklarem Schaum. Tag und Nacht wuchs das Randeis, bis es

an ruhigen Stellen hundert Meter weit von der Küste in den Strom ragte. Und der alte Tarwater

saß mit all seinen Kleidungsstücken am Ofen und schürte das Feuer. Da sie aus Furcht vor dem

drohenden Zufrieren nicht anzuhalten wagten, fuhren sie Tag und Nacht weiter, inmitten einer

immer wachsenden Menge Grützeis.

»Hallo, wie steht’s, Alter?« rief Liverpool von Zeit zu Zeit.

»Glänzend«, hatte der alte Tarwater zu antworten gelernt.

»Mein Sohn, was kann ich je zum Dank für Sie tun?« fragte Tarwater, der für das Feuer sorgte,

zuweilen Liverpool, der, um die Blutzirkulation rege zu halten, bald die eine, bald die andere

Hand auf den Bootsrand schlug, während er auf dem eiskalten Achtersitz saß und steuerte.

»Sing nur dein Lied, alter Neunundvierziger«, lautete die merkwürdige Antwort.

Und Tarwater erhob seine Stimme zu einem gackernden Singen, das er laut erklingen ließ, als

das Boot schließlich durch das treibende Grützeis ans Ufer schwang, am Ufer von Dawson vertäut

wurde und die ganze Flußstraße in Dawson die Ohren spitzte, um den Triumphgesang zu hören:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut’ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Charles tat es, aber er tat es so vorsichtig, daß keiner von seiner Gesellschaft, am wenigsten

der Seemann, etwas davon erfuhr. Er sah, daß zwei große, offene Boote sich mit Männern

füllten. Auf seine Frage erfuhr er, daß es Leute ohne Proviant waren, die vom

Sicherheitsausschuß eingefangen waren und den Yukon hinabgeschickt wurden. Die Boote sollten

von dem letzten kleinen Dampfer, der sich in Dawson befand, geschleppt werden und man hoffte,

daß sie, ehe der Fluß zufror, Fort Yukon erreichten, wo die gestrandeten Dampfer lagen. Auf

jeden Fall sollte Dawson von ihrer Anwesenheit und ihrem Hunger befreit werden, einerlei, wie

es ihnen erging. Deshalb begab sich Charles zum Sicherheitsausschuß, um ihm heimlich einen

Floh bezüglich Tarwaters ins Ohr zu setzen, der weder Proviant noch Geld hatte und alt war.

Tarwater war einer der letzten, der aufgelesen wurde, und als der junge Liverpool ans Ufer

zurückkehrte, sah er gerade noch die Boote in einer Pressung von Grützeis um die Biegung

hinter den Moosehide-Bergen verschwinden.

Die Boote fuhren den ganzen Tag im Grützeis und entgingen mehrmals Baumstämmen, die an

seichten Stellen im Grunde des Yukons saßen. Sie legten ihre Hunderte von Meilen nordwärts

zurück und froren dicht neben der Proviantflotte ein. Hier, innerhalb des Polarkreises, ließ

der alte Tarwater sich für den langen Winter nieder. Er arbeitete täglich einige Stunden,

indem er Holz für die Dampfschiffgesellschaft hackte, und das genügte, ihn zu ernähren. Die

übrige Zeit hatte er nichts zu tun, als in seiner aus Baumstämmen erbauten Hütte den

Winterschlaf zu halten.

Wärme, Ruhe und genügend Nahrung heilten seinen schlimmen Husten und brachten ihn in einen so

guten Gesundheitszustand, wie es für seine vorgeschrittenen Jahre möglich war. Aber kurz vor

Weihnachten verursachte der Mangel an frischem Gemüse eine Skorbutepidemie, und einer der

enttäuschten Abenteurer nach dem anderen ergab sich auf diesem Höhepunkt des Unglücks kläglich

und legte sich in seine Koje. Das tat Tarwater nicht. Als sich die ersten Symptome bei ihm

zeigten, brachte er sein einziges Heilmittel, nämlich Bewegung, in Anwendung. In der der alten

Handelsstation gehörigen Niederlage suchte er eine Anzahl alter Fallen hervor, und von einem

Dampferkapitän lieh er sich eine Büchse.

So ausgerüstet, ließ er das Holzhacken und begann mehr als sein bloßes Auskommen zu verdienen.

Auch als der Skorbut in seinem eigenen Körper ausbrach, verlor er den Mut nicht. Immer noch

versorgte er seine Fallen und sang sein altes Lied. Kein Pessimist konnte seine Sicherheit

bezüglich der dreihunderttausend erschüttern, die er in einem Strom von Klondikegold aus den

Graswurzeln schütteln wollte.

»Aber dies ist kein Goldland«, sagten sie zu ihm.

»Gold ist, wo man es findet, mein Sohn. Ich muß es doch wissen, denn ich habe in Minen

gearbeitet, längst ehe du geboren wurdest, im Jahre neunundvierzig«, lautete die Antwort. »Was

war Bonanza Creek anderes als eine Elchweide? Kein Goldsucher wollte ihn ansehen; und doch

wuschen sie Pfannen zu fünfhundert Dollar aus und gewannen fünfzig Millionen Dollar. Dorado

war ebenso schlecht. Nach allem, was man weiß, liegen gerade unter dieser Hütte oder eben

jenseits des nächsten Hügels Millionen und warten darauf, daß ein Glücklicher wie ich kommt

und sie ans Tageslicht bringt.«

Ende Januar kam sein Unglück. Irgendein kräftiges Tier, seiner festen Meinung nach ein Luchs,

verfing sich in einer seiner Fallen und schleppte sie fort. Ein starker Schneefall hielt seine

Verfolgung auf halbem Wege auf, verlöschte die Fährte und ließ ihn sich verirren. Es war nur

wenige Stunden täglich zwischen den zwanzig Stunden Finsternis hell, und seine Bemühungen in

der Dämmerung und dem beständigen Schneefall hatten zur Folge, daß er sich noch gründlicher

verirrte.

Glücklicherweise steigt das Thermometer stets, wenn Winterschnee im Nordland fällt; statt der

gewöhnlichen vierzig, fünfzig oder sogar sechzig Grad Fahrenheit unter Null blieb die

Temperatur auf fünfzehn Grad stehen. Er war auch warm gekleidet und hatte eine volle

Streichholzschachtel bei sich. Ferner trug zur Linderung seiner Unannehmlichkeit bei, daß er

am fünften Tage einen verwundeten Elch tötete, der mehr als eine halbe Tonne wog. Er schlug

sein Lager neben dem toten Elch in einem tannenbewachsenen Gelände auf und bereitete sich

darauf vor, hier den Winter durchzuhalten, falls er nicht von einer Abteilung, die nach ihm

suchte, gefunden wurde oder sein Skorbut sich verschlimmern sollte.

Nach zwei Wochen aber hatte sich noch kein Mensch gezeigt, sein Skorbut sich aber unweigerlich

verschlimmert. Dicht an seinem Feuer, gegen die äußere Kälte durch eine Mauer aus

Tannenzweigen geschützt, lag er lange Stunden zusammengekauert schlafend und lange Stunden

wach da. Aber die wachen Stunden wurden weniger, wurden sehr bald zu halbwachen und

halbträumenden Stunden. Und langsam sank der letzte Funke von Bewußtsein, der John Tarwater

ausmachte, immer tiefer hinab in die Tiefe seines Wesens, die zusammengesetzt war, ehe der

Mensch Mensch war oder während er Mensch wurde, als er zuerst von allen Tieren sich selbst mit

nach innen gewandten Augen betrachtet und den Grundstein zur Moral in einem Aberglauben gelegt

hatte, der die Welt mit den Ungeheuern bevölkert, die seinen eigenen, jeder Ethik baren

Wünschen entsprungen waren.

Wie ein Mensch im Fieber mit langen Zwischenräumen zum Bewußtsein erwacht, so erwachte der

alte Tarwater, bereitete sich sein Elchfleisch und legte Holz aufs Feuer. Aber immer längere

Zeit verbrachte er in seiner Schlaffheit, ohne zu wissen, was Traum im Wachen und was Traum im

Schlafen während seiner Bewußtlosigkeit war. Und hier, in den unvergeßlichen Verstecken der

ungeschriebenen Geschichte der Menschheit, die undenkbar und nicht zu erfahren ist, wie die

Begebenheiten in einem Alptraum oder unmögliche Erlebnisse in der Verrücktheit, begegnete er

den Ungeheuern, die das erste Moralgefühl des Menschen geschaffen und die ihn seither stets

geplagt haben, so daß er phantastische Erzählungen ersinnen mußte, um sie zu täuschen oder zu

bekämpfen.

Kurz, unter der Last seiner siebzig Jahre, in der ungeheuren schweigenden Einsamkeit des

Nordens fand der alte Tarwater wie in einem durch einen Schlaftrunk oder ein Betäubungsmittel

hervorgerufenen Delirium das kindliche Gemüt des Kindmenschen einer früheren Zeit wieder. In

der Dämmerung der flatternden Schwingen des Todes kauerte Tarwater nieder und begann wie sein

ferner Vorgänger, der Kindmensch, Mythen zu schaffen, die Sonne zu einem Halbgott zu machen

und selbst der Halbgott zu werden, der nach dem Schatz aus undenkbaren Zeiten suchte, nach dem

Schatz, der so schwer zu erringen ist.

Entweder mußte er den Schatz gewinnen – denn so lautete die unerbittliche Logik im

Schattenland des Unbewußten –, oder er mußte in dem alles verschlingenden Meer, dem schwarzen

Verzehrer des Lichts, versinken, der allnächtlich die Sonne verschlang, so daß sie erlosch –

die Sonne, die immer wieder neu geboren am nächsten Morgen im Osten aufging und die für den

Menschen das erste Symbol der Unsterblichkeit durch Wiedergeburt geworden ist. Alles das war

in den Tiefen seines Bewußtseins (dem dunklen Westen des sinkenden Lichts) die nahe Dämmerung

des Todes, in der er langsam versank.

Wie aber sollte er diesen finsteren Ungeheuern entgehen, die ihn von innen heraus langsam

verschlangen? Allzu tief versunken war er, um von Befreiung zu träumen oder einen

Fluchtgedanken zu hegen. Für ihn hatte die Wirklichkeit aufgehört zu sein. Nicht einmal aus

der verfinsterten Kammer seines eigenen Ichs konnte die Wirklichkeit wieder aufflammen. Seine

Jahre lasteten zu schwer auf ihm, und die Schwäche, die Folge der Krankheit, und die

Schlaffheit und Gefühllosigkeit, die Folgen der Stille und Kälte, waren zu mächtig. Nur von

außen konnte die Wirklichkeit auf ihn wirken und in ihm die Aufmerksamkeit für die

Wirklichkeit wieder erwecken. Sonst mußte er durch das Schattenreich des Unbewußten in die

völlige Finsternis der Auslöschung sinken.

Doch er kam, dieser Anstoß der Wirklichkeit von außen, krachte in einem lauten, explosiven

Schnauben gegen seine Trommelfelle. Zwei Tage lang, bei einer Temperatur, die sich nie über

fünfzig Grad unter Null erhob, hatte sich nicht ein Windhauch geregt, hatte nicht der

geringste Laut die Stille durchbrochen. Wie der Opiumraucher auf seiner Ruhebank seine Augen

wieder von den weiten Räumen des Traumes auf die Enge der elenden Kammer einstellt, so starrte

der alte Tarwater mit unsicherem Blick vor sich hin, über das sterbende Feuer, auf einen

großen Elch, der ihn, ein verwundetes Bein nachschleppend, mit allen Anzeichen äußerster

Ermattung erschrocken anstarrte; auch der war blind im Schattenland umhergeschweift und

gerade, als er an Tarwaters Feuer trat, zur Wirklichkeit erwacht.

Matt zog der alte Tarwater sich den großen Fäustling aus Fell mit dem dicken Wollrand von

seiner rechten Hand. Er versuchte, den Zeigefinger zu bewegen, fand aber, daß er zu steif war.

Vorsichtig, langsam, in langen Minuten, wühlte er die bloße Hand unter seine Wolljacke und

seine Fellparks, durch die Brustöffnung seiner Hemden in seine linke Armhöhle, die nur wenig

warm war. Lange Minuten vergingen, ehe der Finger beweglich wurde, und dann hob er mit ebenso

vorsichtiger Langsamkeit die Büchse an die Schulter und zielte über das Feuer hinweg auf das

große Tier.

Bei dem Schuß wankte der eine der beiden schattenhaften Wanderer in die Finsternis hinab, und

der andere wirbelte aufwärts zum Licht, wie ein Betrunkener auf seinen vom Skorbut

geschwächten Beinen taumelnd, vor Nervosität und Kälte bebend. Er rieb sich mit zitternden

Fingern die rinnenden Augen und starrte auf die wirkliche Welt um sich her, die mit einer so

überwältigenden Plötzlichkeit zu ihm zurückgekehrt war. Er nahm sich zusammen und erkannte,

daß er lange Zeit, wie lange, wußte er nicht, in den Armen des Todes gebettet gewesen. Er spie

aus, lauschte auf das Geräusch und schloß daraus, daß es weit unter sechzig Grad sein mußte.

Tatsächlich zeigte das Spiritusthermometer in Fort Yukon an diesem Tage fünfundsiebzig Grad

Fahrenheit unter Null, was, da der Gefrierpunkt zweiunddreißig Grad über Null liegt,

hundertundsieben Grad Frost entspricht.

Langsam schmiedete Tarwaters Hirn einen vernünftigen Plan zur Tat. Hier in der unendlichen

Einsamkeit wohnte der Tod. Zwei verwundete Elche waren hierhergekommen. Als sich der Himmel

nach Eintritt der großen Kälte geklärt hatte, war ihm die Lage seiner Zufluchtsstätte

klargeworden. Er wußte, daß die beiden verwundeten Elchtiere sich von Osten zu ihm geschleppt

hatten. Deshalb mußte es Menschen im Osten geben – ob Weiße oder Indianer, konnte er nicht

sagen –, aber jedenfalls Menschen, die ihm in seiner Not beistehen und ihm helfen konnten,

sich jenseits des Meeres der Finsternis in der Wirklichkeit zu verankern.

Er bewegte sich langsam, aber er bewegte sich, umgürtete sich mit Büchse und Munition, nahm

Streichhölzer und einen Packen mit zwanzig Pfund Elchfleisch. Ein verjüngter Argonaute, wenn

auch auf beiden Beinen lahm und wankend, kehrte er dem gefährlichen Westen den Rücken und

hinkte nun nach Osten, wo die Sonne aufgeht und wiedergeboren wird.

Mehrere Tage später – wie viele, sollte er nie erfahren – gelangte er, unter Träumen und

Gesichten und sein altes Goldlied von neunundvierzig gackernd, wie einer, der am Ertrinken ist

und matt schwimmt, um sein Bewußtsein über der verschlingenden Finsternis zu halten, auf einen

Schneehang über einer tiefen Bergesschlucht und sah von unten Rauch aufsteigen und Männer, die

mit der Arbeit aufhörten, um ihn anzustarren. Immer singend, stolperte er zu ihnen hinab, und

als er vor Atemlosigkeit aufhörte, riefen sie ihn mit verschiedenen Namen: Heiliger Nikolaus,

alter Weihnacht, Vollbart, Letzter Mohikaner und Vater Weihnacht. Und als er bei ihnen war,

stand er ganz still, ohne zu reden, während große Tränen aus seinen Augen rannen. Er weinte

lange schweigend, bis er sich, als besänne er sich plötzlich, mit krachenden und knirschenden

Gliedern in den Schnee setzte, in dieser vorteilhaften Stellung seitwärts umsank und in eine

ruhige und leichte Ohnmacht fiel.

In weniger als einer Woche war der alte Tarwater wieder auf den Beinen und hinkte bei der

Hausarbeit in der Hütte umher, bereitete Essen und wusch auf für die fünf Mann am Bache. Es

waren echte Pioniere, zäh und schwer zu narren, die so tief in der Polarwelt begraben gewesen

waren, daß sie nichts von dem Sturm auf Klondike wußten. Die Nachrichten, die er ihnen

brachte, waren das erste, was sie davon hörten. Sie lebten fast ausschließlich von Elch- und

Renfleisch und geräuchertem Lachs, dazu wilden Beeren und einigen saftigen wilden Wurzeln, von

denen sie im Sommer einen Vorrat gesammelt hatten. Sie hatten vergessen, wie Kaffee schmeckt,

machten Feuer mit einem Brennglas, führten, wohin sie reisten, natürliche Feuerhölzer mit sich

und rauchten in ihren Pfeifen getrocknete Blätter, die die Zunge bissen und in der Nase

brannten.

Vor drei Jahren hatten sie von den Hauptstrecken von Koyokuk nordwärts bis zur Mündung des

Mackenzie in das Nördliche Eismeer nach Gold gesucht. Dort hatten sie auf den

Walfängerschiffen die letzten weißen Männer gesehen und sich mit dem letzten Proviant für

weiße Männer versehen, der hauptsächlich aus Salz und Rauchtabak bestand. Auf dem Wege nach

Süden und Westen, auf dem weiten Zuge bis zur Vereinigung von Yukon und Porcupine bei Fort

Yukon, fanden sie in diesem Bache Gold und blieben hier, um den Boden zu bearbeiten.

Sie begrüßten Tarwaters Ankunft mit Freuden, wurden nie müde, seinen Erzählungen von

neunundvierzig zu lauschen, und tauften ihn um zu »alter Held«. Mit Tee aus Tannennadeln, mit

einem Gebräu aus Weidenrinde, mit sauren und bitteren Wurzeln und Zwiebeln aus der Erde

trieben sie den Skorbut aus ihm heraus, so daß er nicht mehr hinkte und seine knochige Gestalt

sich mit Fleisch zu bedecken begann. Er sah immer noch nicht ein, weshalb er nicht einen

reichen Goldschatz aus der Erde gewinnen sollte.

»Wir wissen nichts von diesen dreihunderttausend«, sagten sie eines Morgens beim Frühstück,

ehe sie zu ihrer Arbeit gingen, zu ihm. »Aber würden hunderttausend nicht genügen, alter Held?

Das ist ein Claim unserer Berechnung nach wert; der Boden ist schlecht abgegrenzt, und wir

haben schon ein Stück für dich abgesteckt.«

»Na ja, Jungens«, antwortete der alte Tarwater. »Ich danke euch herzlich, und alles, was ich

sagen kann, ist, daß hunderttausend hübsch und für einen Anfänger sogar sehr hübsch sein

würden. Aber natürlich höre ich nicht auf, ehe ich die dreihunderttausend voll habe. Deshalb

bin ich ins Land gekommen.«

Sie lachten, priesen seinen Ehrgeiz und meinten, daß sie dann einen reicheren Bach für ihn

ausfindig machen müßten. Und der alte Held meinte, daß er sich selbst, wenn das Frühjahr käme

und er sich kräftiger fühlte, ein bißchen umschauen müsse.

»Denn nach allem, was man weiß«, sagte er, indem er auf einen Bergeshang auf der anderen Seite

des Tales wies, »kann das Gold vielleicht in Klumpen an den Mooswurzeln dort unter dem Schnee

hängen.«

Er sagte nichts mehr, als aber die Sonne stieg und die Tage wärmer und länger wurden, starrte

er oft nach dem Bach und nach der deutlichen Terrassenformation in halber Höhe des Berges

hinüber. Und eines Tages, als die Schneeschmelze schon in vollem Gange war, setzte er über den

Fluß und erklomm die Terrasse. Wo der Boden der Sonne ausgesetzt war, war er schon einen Zoll

tief geschmolzen. An einer solchen Stelle legte er sich nieder, nahm eine Handvoll Moos in

seine großen, knorrigen Hände und zerrte die Wurzeln auseinander. Die Sonne schien auf

mattschimmerndes Gold. Er schüttelte das Moos, und derbe Klumpen wie Kies fielen auf die Erde.

Es war das Goldne Vlies, zum Scheren bereit.

Nicht vergessen in den Annalen Alaskas ist der Sommer 1898, in dem die Goldgräber von Fort

Yukon nach den Minen bei den Terrassen von Tarwater Hill strömten. Und als Tarwater seinen

Besitz für rund eine halbe Million an die Bowdie-Gesellschaft verkaufte und die Nase nach

Kalifornien kehrte, ritt er auf einem Maultier auf einem neu angelegten Wege mit behaglichen

Häusern bis zur Dampferanlegestelle von Fort Yukon.

Bei der ersten Mahlzeit auf dem Ozeandampfer von St. Michaels wurde er von einem grauhaarigen

Steward bedient, dessen Gesicht von Sorgen verheert und dessen Körper vom Skorbut verrenkt

war. Der alte Tarwater mußte ihn zweimal in Augenschein nehmen, um sich zu vergewissern, daß

es Charles Crayton war.

»Schlecht gegangen, mein Sohn, was?« fragte Tarwater.

»So viel Glück habe ich gehabt«, klagte der andere, als er ihn erkannt und begrüßt hatte. »Nur

einer von der Gesellschaft wurde vom Skorbut gepackt. Ich habe Höllenqualen erduldet. Die

anderen drei arbeiten alle, sind gesund und bekommen Proviant und Ausrüstung, um im Winter am

Weißen Fluß nach Gold zu suchen. Anson verdient fünfundzwanzig täglich als Zimmermann.

Liverpool schlägt Holz für die Sägemühle und kriegt zwanzig, und der Große Bill hat vierzig

täglich als Vorarbeiter der Sägemühle. Ich tat mein Bestes, und wenn der Skorbut nicht gewesen

wäre…«

»Sicher, mein Sohn, hast du dein Bestes getan, was viel sein muß, da du von Natur aus reizbar

und durch zu viele Geschäfte hart geworden bist. Aber ich will dir etwas sagen. Jetzt bist du

so verschandelt, daß du dich nicht mehr zur Arbeit eignest. Ich werde deine Überfahrt beim

Kapitän bezahlen, in freundlicher Erinnerung an die Unterstützung, die du mir gewährt hast,

und du kannst dich den Rest der Reise ausruhen. Wie steht es mit dir, wenn du in San Franzisko

an Land gehst?«

Charles Cray ton zuckte die Achseln.

»Ich will dir etwas sagen«, fuhr Tarwater fort. »Es gibt Arbeit für dich auf meinem Gut, bis

du wieder mit Geschäften anfangen kannst.«

»Ich könnte Ihr Geschäft verwalten«, begann Charles eifrig.

»Nein, mein Herr«, erklärte Tarwater mit Nachdruck. »Aber es gibt immer Löcher für Pfosten zu

graben und Brennholz zu hacken, und das Klima ist ausgezeichnet…«

Tarwater kam heim als der wahre verlorene Großvater, für den das fette Kalb bereitstand und

geschlachtet wurde. Aber ehe er sich zu Tisch setzte, mußte er erst ein wenig umherschweifen.

Und Söhne und Töchter sowie Schwiegersöhne und Schwiegertöchter mußten ihn unbedingt

begleiten, so widerwärtig es ihnen auch war, aus der knorrigen alten Hand zu essen, die eine

halbe Million auszubezahlen hatte. Er schritt an der Spitze, und keine Ansicht, die er heiter

aussprach, war so falsch oder unmöglich, daß sie Widerspruch bei seinem Gefolge erregt hätte.

Als er bei dem verfallenen Wasserrad stehenblieb, zu dem er das Holz im Hochwald geschlagen

hatte, strahlte sein Gesicht, während er den Blick über das Tarwater-Tal und weiter über die

fernen Höhen bis zu den Zinnen der Tarwater-Berge schweifen ließ – jetzt wieder alles sein.

Da kam ihm der Einfall, der ihn sich abwenden und die Nase putzen ließ, um das Blinzeln in

seinen Augen zu verbergen. Immer noch von der ganzen Familie gefolgt, begab er sich zu der

baufälligen Scheuer. Er hob einen alten Knüppel vom Boden auf.

»William«, sagte er, »erinnerst du dich der kleinen Unterhaltung, die wir hatten, ehe ich nach

Klondike ging? Du erinnerst dich sicher noch, William. Du erzähltest mir, daß ich verrückt

sei. Und ich sagte, mein Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so

mit ihm geredet hätte.«

»Ach, das war ja nur Unsinn«, versuchte William sich zu entschuldigen.

William war ein grauhaariger Mann von fünfundvierzig, und seine Frau und seine erwachsenen

Söhne standen dabei und sahen neugierig zu, wie Großvater Tarwater seinen Rock auszog und ihn

Mary zu halten gab.

»William, komm her!« befahl er gebieterisch.

William kam, wenn auch äußerst widerstrebend.

»Nur eine Kostprobe, mein Sohn William, von dem, was mein Vater mir oft genug gegeben hat«,

brüllte der alte Tarwater, indem er auf Rücken und Schultern seines Sohnes mit dem Knüppel

losprügelte. »Ich mache dich darauf aufmerksam, daß ich dich nicht auf den Kopf schlage. Mein

Vater war sehr heftig und fragte nicht danach, wenn er prügelte. – Stoß nicht die Ellbogen

zurück! Sonst bekommst du noch zufällig einen Schlag darauf. Und nun sag mir nur eines, mein

Sohn William: Denkst du noch, daß ich verrückt bin?«

»Nein«, heulte William, vor Schmerzen herumtanzend, »du bist nicht verrückt, Vater! Natürlich

bist du nicht verrückt.«

»Gesagt hast du es«, bemerkte der alte Tarwater bündig, indem er den Knüppel wegwarf und sich

wieder in den Rock hineinarbeitete. »Und jetzt laßt uns hineingehen und essen.«

* * *

Die Goldschlucht

Es war mitten in der grünen Schlucht, wo die Felswände zurückweichen und die starren, harten

Linien der Schlucht durch ein stilles, warmes und weichgepolstertes Winkelchen unterbrochen

wurden. Hier ruhte alles. Selbst der kleine Bergbach hielt einen Augenblick in seinem eiligen

Fall inne und bildete einen ruhigen Teich. Knietief im Wasser stand mit gesenktem Haupt und

geschlossenen Augen ein roter, vielzackiger Hirsch.

Auf der einen Seite stieß eine kleine Wiese an den Teich, ein kühler, federnder, grüner

Teppich, der sich bis an den Fuß der düsteren Felswand erstreckte. Auf der andern Seite des

Teiches zog sich ein Sandhang bis zum Felsen empor. Der Hang war mit feinem Gras bewachsen –

Gras, das mit Blumen vermischt war, die hier und dort orangefarbene, purpurne und goldene

Flecken bildeten. Abwärts schloß sich die Schlucht und versperrte die Aussicht. Die schroffen

Felswände lehnten sich aneinander, die Schlucht endete in einem Chaos bemooster Felsblöcke und

wurde von einem grünen Vorhang von Weinranken, Schlinggewächsen und Zweigen verborgen. Fern am

oberen Ende der Schlucht erhoben sich ferne Gipfel und Zinnen: die hohen, mit Kiefern

bestandenen Randberge. Und weit hinter ihnen ragten wie Wolken weiße Minaretts in den Himmel:

Dort funkelte der ewige Schnee der Sierra in der flammenden Sonne.

Nicht ein Stäubchen war in der Schlucht zu sehen. Das Laub und die Blumen waren rein und

jungfräulich. Das Gras war wie frischer Samt. Drei Pappeln ließen ihre schneeweißen Daunen

durch die stille Luft auf den Teich herabregnen. Auf den freien Stellen des Hanges, wohin

selbst die längsten Schatten der Manzanitaranken nicht reichten, erhoben sich die

Mariposalilien wie ein Schwarm juwelengeschmückter Nachtfalter, die plötzlich festgehalten

werden, sich aber im nächsten Augenblick wieder in die Luft werfen wollen. Hier und da

erfüllte der Harlekin der Wälder, die Madrona, deren erbsengrüne Stämme gerade eine krapprote

Farbe annahmen, die Luft mit süßem Wohlgeruch aus den wachsbleichen Glocken ihrer großen

Blütendolden. Sahnenartig waren diese Glocken, sie glichen in der Form Narzissen, und ihr Duft

enthielt die ganze Süße des Frühlings.

Nicht ein Hauch regte sich. Die Luft war schläfrig und von Duft geschwängert. Dieser süße Duft

würde drückend gewesen sein, wäre die Luft schwer und feucht gewesen. Aber sie war dünn und

scharf wie Sternenlicht, das in Atmosphäre verwandelt und von Sonnenlicht und süßem Blumenatem

durchdrungen und durchwärmt ist.

Hin und wieder flatterte ein Schmetterling durch die Licht- und Schattenflecken. Und von allen

Seiten hörte man das leise, einschläfernde Summen der Bergbienen – feiernder Sybariten, die

sich gutmütig stießen, aber keine Zeit hatten, grob und unhöflich zu sein. So ruhig quoll und

rieselte der kleine Bach durch die Schlucht, daß man ihn nur hin und wieder leise murmeln

hörte. Die Stimme des Baches erklang wie ein schläfriges Wispern, das durch träumerisches

Schweigen unterbrochen wurde, aber immer wieder von neuem erwachte.

Hier im Herzen der Schlucht ging alles seinen stillen Gang. Sonnenschein und Schmetterlinge

glitten ein und aus zwischen den Bäumen. Das Summen der Bienen und das Flüstern des Baches

bildeten ein anhaltendes gleitendes Geräusch, und die gleitenden Farben verwoben sich zu einem

zarten unfaßbaren Gespinst, das der Geist der Stätte war. Dieser Geist war vom Frieden

geprägt, nicht vom Frieden des Todes, sondern von dem Frieden, den das Leben schenkt, wenn es

leicht und sorglos dahingleitet; er war von einer Ruhe geprägt, die aber nicht Schweigen, von

einer Bewegung, die nicht Handlung war, von einer Ruhe, die von Leben überströmte, aber fern

von der gewaltsamen Unruhe des Kampfes und der Arbeit war. Der Geist der Stätte war vom

Frieden des Lebens geprägt, leichtschläfrig in seinem zufriedenen, sorglosen Wohlbefinden und

ganz ungestört von allen Gerüchten von fernem Streit.

Der rote, vielzackige Hirsch unterwarf sich willig dem Geist der Stätte und stand schläfrig

bis zu den Knien in dem kühlen, schattigen Teich. Es gab offenbar keine Fliegen, die ihn

störten, und er war in tiefe Ruhe versunken. Zuweilen, wenn der Bach erwachte und flüsterte,

bewegten sich seine Ohren, aber sie taten es träge, weil er gut wußte, daß es nur der Bach

war, der gemerkt hatte, daß er eingeschlafen war, und jetzt plötzlich redselig wurde. Aber es

kam ein Augenblick, da der Hirsch gespannt und eifrig lauschend die Ohren spitzte. Er wandte

den Kopf und sah die Schlucht hinab. Seine empfindsamen, zitternden Nüstern witterten. Seine

Augen vermochten nicht den grünen Vorhang zu durchdringen, unter dem der Bach rieselnd

verschwand, aber seine Ohren fingen den Laut einer Menschenstimme auf. Es war eine eintönige,

ununterbrochen singende Stimme. Einmal hörte der Hirsch das harte Klingen von Metall, das

gegen den Felsen schlug. Als er den Laut hörte, schnaufte er und sprang mit einem Satz aus dem

Teich auf die Wiese; seine Füße versanken in dem weichen, samtenen Grase, er spitzte die Ohren

und sicherte wieder. Dann schritt er still über die kleine Wiese, blieb hin und wieder stehen,

um zu lauschen, und verschwand leichtfüßig und geräuschlos wie ein Schatten aus der Schlucht.

Der harte Klang von eisenbeschlagenen Stiefelsohlen gegen den Felsen wurde allmählich stärker

und die Männerstimme lauter und deutlicher. Es war eine Art Singen und wurde beim Näherkommen

allmählich so deutlich, daß man die Worte unterscheiden konnte:

»Lasse deine Augen sehen

Lieblich waldbedeckte Höhen

(Achte nicht der Sünde Macht).

Schau dich um die Kreuz und Quere,

Deinen Sündensack entleere

(Triffst du doch den Herrn bei Nacht).«

Ein rasselndes Geräusch begleitete den Gesang, und der Geist der Stätte floh auf der Fährte

des Hirsches. Der grüne Vorhang wurde beiseite gerissen, und ein Mann spähte über Wiese, Teich

und Bergeshang. Es war ein vorsichtiger, ruhiger Mann. Er warf einen schnellen Blick durch die

Schlucht und ließ dann seine Augen forschend auf allen Einzelheiten weilen, wie um seinen

ersten Eindruck zu vervollständigen. Dann, aber auch nicht eher, öffnete er den Mund und sagte

zugleich lebhaft und mit feierlicher Anerkennung: »Weiß Gott! Das ist ein Anblick! Wald und

Wasser und Gras und ein Bergeshang! Eine Freude für jedes Goldgräberauge und ein Paradies für

ein Präriepony! Kühles Grün, eine Erquickung für müde, wehe Augen! Eine einsame Weide für

Goldgräber und eine Erholungsstätte für erschöpfte Viecher, der Teufel soll mich holen!«

Er hatte einen sandfarbenen Teint, und sein Gesicht, das sehr beweglich und von wechselndem

Ausdruck war, zeigte als hervorstechende Eigenschaften Lebhaftigkeit und Humor. Wenn er

dachte, konnte man es ihm direkt ansehen. Die Gedanken fuhren sozusagen über sein Gesicht wie

Windstöße über einen Wasserspiegel. Sein dünnes, ungekämmtes Haar hatte dieselbe unbestimmbare

Farblosigkeit wie sein Teint. Es sah aus, als hätte sich aller Farbstoff in ihm in seinen

Augen gesammelt, die erstaunlich blau waren. Es waren zudem lachende, frohe Augen, die sich

nicht wenig von dem verwunderten, naiven Ausdruck des Kindes bewahrt hatten, dabei aber

gleichzeitig seltsam unbewußt in ruhigem Selbstvertrauen und einer Festigkeit leuchteten, die,

wie man ahnte, in persönlichen Erfahrungen in der Erkenntnis von Welt und Leben wurzelten.

Aus dem dichten Gewirr von Ranken und Schlingpflanzen holte er eine Hacke, eine Schaufel und

eine Goldgräberpfanne heraus und warf die Sachen vor sich auf den Boden. Dann kroch er selbst

aus seinem Versteck heraus und trat ins Freie. Er trug verblichene Überziehhosen, ein

schwarzes Baumwollhemd, an den Füßen nägelbeschlagene Transtiefel und auf dem Kopf einen Hut,

der mit seinen vielen Beulen und Flecken davon zeugte, daß er lange Wind und Wetter, Regen und

Sonne und dem Rauch der Lagerfeuer ausgesetzt gewesen war. Er blieb stehen, betrachtete mit

offenen Augen die ruhige Stätte und sog mit friedlich zitternden Nasenflügeln den süßen

Blütenhauch der Vegetation ein. Er kniff die Augen zu, so daß sie zu zwei lachenden blauen

Spalten wurden, sein Gesicht verzog sich vor Freude, und seine Lippen kräuselten sich in einem

Lächeln, während er laut rief: »Donnerwetter, der Duft ist was für mich! Laß die andern ihre

Parfüm- und Eau-de-Cologne-Fabriken behalten! Hier können sie nicht mit!«

Er hatte die Gewohnheit, laute Selbstgespräche zu halten. Zwar verrieten seine beweglichen

Züge alle seine Gedanken und Stimmungen, aber seine Zunge kam gleich hinterher und sprach die

Gedanken aus.

Der Mann legte sich am Rande des Teiches nieder und trank tief und lange vom Wasser. »Das

schmeckt«, murmelte er, hob den Kopf und blickte über den Teich auf den Bergeshang, während er

sich den Mund mit dem Handrücken wischte. Der Hang hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Immer

noch auf dem Bauche liegend, studierte er die Gebirgsformation lange und sorgsam. Es war ein

geübtes Auge, das den Hang bis zu der verwitterten Felswand hinauf und wieder herab zum Ufer

des Teiches durchforschte. Dann erhob er sich und untersuchte den Hang noch einmal.

»Sieht gut aus«, sagte er schließlich und hob Hacke, Schaufel und Pfanne auf.

Er überschritt den Bach unterhalb des Teiches, indem er gewandt von Stein zu Stein sprang. An

einer Stelle, wo der Hang direkt bis ans Wasser reichte, hob er eine Schaufel voll Erde aus

und schüttete sie in die Pfanne. Er hockte mit der Pfanne nieder und tauchte sie halb in den

Bach. Dann setzte er die Pfanne in schnell kreisende Bewegung, die das Wasser über Erde und

Kies ein- und ausströmen ließ. Die größeren und leichteren Teile kamen an die Oberfläche, und

durch gewandte schaukelnde Bewegungen mit der Pfanne ließ er sie über den Rand gleiten. Hin

und wieder hielt er in der Bewegung inne und suchte, um das Auswaschen zu beschleunigen, die

größeren Steine und Felsklumpen mit den Fingern heraus.

Der Inhalt der Pfanne verringerte sich schnell, und zuletzt waren nur noch Sand und die

allerkleinsten Kiesteilchen übrig. Jetzt begann er sehr vorsichtig und sorgsam zu waschen, und

er wusch immer vorsichtiger, sah genau nach und drehte die Pfanne mit ganz kleinen, behutsamen

Bewegungen. Zuletzt schien die Pfanne nur noch Wasser zu enthalten, aber mit einer schnellen,

halbkreisförmigen Bewegung schleuderte er das Wasser über den Rand der Pfanne hinweg, und

jetzt zeigte sich eine Schicht schwarzen Sandes auf dem Boden der Pfanne. Die Schicht war so

dünn, daß sie wie ein feiner Anstrich wirkte. Er untersuchte sie genau. Mittendarin war ein

winziger goldener Punkt. Er ließ ein wenig Wasser über den abwärts gehaltenen Rand der Pfanne

laufen. Mit einer schnellen Bewegung ließ er das Wasser über den Boden spülen und die

schwarzen Sandkörner umkehren. Ein neuer goldener Punkt war das Ergebnis seiner Mühe. Das

Waschen wurde jetzt sehr sorgfältig – viel sorgfältiger, als Goldwaschen im allgemeinen zu

sein braucht. Er arbeitete mit dem schwarzen Sand, nahm immer ein wenig auf einmal davon und

untersuchte es auf dem gebogenen Rand der Pfanne. Jedesmal durchforschte er es so scharf, daß

er jedes Körnchen gesehen hätte, ehe er es über den Rand gleiten ließ. Körnchen für Körnchen

ließ er, genau aufpassend, den schwarzen Sand fortgleiten. Ein Goldkorn, nicht größer als eine

Stecknadelspitze, zeigte sich auf dem Rande, aber durch eine kleine Bewegung mit dem Wasser

spülte er es wieder in die Pfanne. Und auf diese Weise entdeckte er ein neues Goldkörnchen und

wieder eines. Er achtete genau auf sie. Wie ein Hirt hütete er seine Herde von Goldkörnchen,

daß keines von ihnen verlorenging. Zuletzt war nichts mehr in der Pfanne als seine goldene

Herde. Er zählte sie und schleuderte sie dann mit dem letzten Wasser aus der Pfanne, trotz

aller Arbeit, die er darauf verwandt hatte.

Aber seine blauen Augen schimmerten vor Verlangen, als er sich erhob. »Sieben«, murmelte er

laut, mit Bezug auf die Zahl der Goldkörnchen, für die er so schwer gearbeitet und die er

soeben so nachlässig fortgeworfen hatte. »Sieben«, wiederholte er mit einem Nachdruck, als

wollte er sich die Zahl seinem Gedächtnis unverlöschlich einprägen. Er stand eine Weile still

und betrachtete den Bergeshang. Ein Ausdruck von brennender Neugier war in seinen Augen. Seine

ganze Haltung drückte Frohlocken aus, dabei aber eine Wachsamkeit, an ein jagendes Tier

erinnernd, das soeben die Beute gewittert hat.

Er ging ein paar Schritte am Bach entlang und füllte seine Pfanne wieder mit Erde.

Wieder wusch er die Erde sorgfältig aus, wachte eifersüchtig über seine goldenen Körnchen und

schleuderte sie, als er sie gezählt hatte, wieder ohne weiteres in den Bach.

»Fünf«, murmelte er und wiederholte: »Fünf!«

Noch einmal mußte er den Berghang studieren, ehe er seine Pfanne ein wenig weiter abwärts am

Bache füllte. Seine goldene Herde nahm ab. »Vier, drei, zwei, zwei, eins«, wiederholte er bei

sich, während er den Bach abwärts kam. Als sich nach einer Wäsche nur noch ein einziges

Körnchen vorfand, hielt er inne und zündete ein kleines Feuer an. Er warf die Pfanne auf das

Feuer und ließ sie in Flammen liegen, daß sie ganz blauschwarz wurde, dann holte er sie heraus

und untersuchte sie kritisch. Er nickte beifällig. Bei dieser Farbe konnte auch nicht das

kleinste Goldkörnchen seiner Aufmerksamkeit entgehen.

Er ging das Bachbett weiter hinab und wusch wieder eine Pfanne aus. Das Ergebnis war ein

einziges Goldkörnchen. Die dritte Pfanne enthielt gar kein Gold. Er begnügte sich jedoch nicht

damit, sondern wusch noch drei Pfannen aus, und zwar waren die Stellen, an denen er die Erde

mit der Schaufel entnahm, nicht mehr als je einen Fuß voneinander entfernt. Keinmal war Gold

in der Pfanne, aber diese Tatsache schien ihn nicht zu entmutigen, sondern eher zu

befriedigen. Sein Siegesstolz wuchs jedesmal, wenn die Wäsche ein niedrigeres Ergebnis

brachte, und zuletzt erhob er sich und rief freudestrahlend: »Wenn das nicht das richtige ist,

dann mag der liebe Gott mir den Kopf mit sauren Äpfeln zerschlagen.«

Er kehrte zu seinem Ausgangspunkt zurück und begann am oberen Lauf des Baches Probepfannen

auszuwaschen. Anfangs wuchs seine goldene Ernte an Zahl – wuchs erstaunlich. »Vierzehn,

achtzehn, einundzwanzig, sechsundzwanzig«, wiederholte er bei sich. Am Oberlauf des Baches

wusch er seine reichste Pfanne aus – »fünfunddreißig Körner«. Die Sonne stand jetzt hoch am

Himmel. Der Mann arbeitete weiter. Er ging das Bachbett hinauf und wusch eine Pfanne nach der

andern aus, und die Ergebnisse wurden immer geringer.

»Direkt großartig, mit welcher Gleichmäßigkeit es abnimmt!« rief er triumphierend, als seine

Pfanne schließlich nicht mehr als ein einziges Goldkörnchen enthielt. Und als sich zuletzt in

mehreren Pfannen keine Goldkörnchen mehr gezeigt hatten, richtete er sich auf und warf einen

zuversichtlichen Blick auf den Bergeshang.

»Aha, eine Tasche!« rief er, als wendete er sich an einen Zuhörer, der irgendwo unter der

Oberfläche des Hanges versteckt lag. »Aha, eine Tasche! Ich komme, ich komme, und ich werde

sie erwischen, so wahr ich hier stehe.«

Er wandte sich um und warf einen forschenden Blick auf die Sonne, die gerade über ihm an dem

azurblauen Himmel stand. Dann schritt er durch die Schlucht, an der Reihe von Löchern entlang,

die er jedesmal beim Füllen der Pfanne mit der Schaufel gegraben hatte. Unterhalb des Baches

überschritt er den Teich und verschwand hinter dem grünen Vorhang.

Der Geist der Stätte konnte noch nicht mit seiner Ruhe wiederkehren, denn die Stimme des

Mannes ertönte mit ihrem trällernden Singen immer noch durch die Schlucht.

Nach einer kleinen Weile kehrte er zurück, und man hörte ein stärkeres Trampeln

eisenbeschlagener Füße gegen den Felsen als zuvor. Der grüne Vorhang geriet in heftige

Bewegung. Er wogte hin und her wie in einem qualvollen Kampfe. Man hörte den laut klirrenden

Klang von Metall. Die Stimme des Mannes schrillte noch heftiger und nahm einen scharfen,

gebieterischen Klang an. Ein schwerer Körper fiel, und man hörte Schnaufen und Stöhnen. Aus

dem Gebüsch kam ein Schnappen, Zerren und Reißen, und unter einer Woge fallender Blätter brach

ganz plötzlich ein Pferd durch den Vorhang.

Es trug ein Bündel auf dem Rücken und schleppte abgerissene Ranken und Schlingpflanzen hinter

sich her. Das Tier starrte äußerst erstaunt die Umgebung an, in die es hineingestürzt war,

senkte aber einen Augenblick darauf den Kopf ins Gras und begann zufrieden zu weiden.

Ein zweites Pferd taumelte plötzlich aus dem Gebüsch heraus, glitt auf den moosigen

Felsblöcken aus, kam aber wieder auf die Füße, als seine Hufe in die weiche Oberfläche der

Wiese einsanken. Es trug keinen Reiter, hatte aber auf dem Rücken einen hohen mexikanischen

Sattel, der von langem Gebrauch abgenutzt und mitgenommen war.

Zuletzt kam der Mann. Er warf Bündel und Sattel ab, sah sich nach einem passenden Lagerplatz

um und ließ die Tiere frei weiden. Dann packte er Proviant sowie eine Bratpfanne und eine

Kaffeekanne aus. Hierauf sammelte er einen Armvoll trockenen Reisigs und errichtete mit einem

Armvoll Steinen eine Feuerstatt.

»Lieber Gott«, sagte er, »wie hungrig ich bin! Ich könnte Eisenspäne und Hufeisennägel fressen

und sogar mehrere Portionen, wenn es sein sollte.«

Er richtete sich auf, und während er in der Hosentasche nach einer Schachtel Streichhölzer

suchte, ließ er seinen Blick über den Teich und den Hang schweifen. Seine Finger hatten schon

nach den Streichhölzern gefaßt, ließen sie aber wieder los, und als er die Hand aus der Tasche

zog, war sie leer.

Der Mann zögerte unentschlossen. Sein Blick schweifte von den Vorbereitungen zum Mittagessen

nach den Bergen.

»Ich glaube, ich will noch einen Versuch machen«, sagte er schließlich und ging über den Bach.

»Es hat nicht viel Sinn, das weiß ich«, murmelte er, sich gleichsam entschuldigend. »Aber ich

glaube nicht, daß es mir jemand übelnehmen wird, wenn ich das Mittagessen um eine Stunde

verschiebe.«

Wenige Fuß hinter der Lochreihe, wo er seine Probepfannen gefüllt hatte, begann er eine neue

Reihe zu graben. Die Sonne sank im Westen, und die Schatten wurden immer länger, aber der Mann

arbeitete weiter. Er begann eine dritte Reihe von Probelöchern. Allmählich zum Berg

hinaufsteigend, legte er eine Reihe von Probelöchern quer über den Hang. Das mittlere Loch in

jeder Reihe ergab die reichste Ausbeute, während die Löcher zu beiden Enden der Reihe nicht

das geringste Goldkörnchen in der Pfanne ergaben. Und je höher er stieg, desto kürzer wurden

die Reihen. Die Regelmäßigkeit, mit der sie sich abkürzten, zeigten deutlich, daß die letzte

Reihe irgendwo oben auf dem Hang so kurz wurde, daß man überhaupt nicht mehr von einer Länge

sprechen konnte und daß sie schließlich in einem Punkt enden mußten. Die Zeichnung nahm die

Form eines umgekehrten V an. Die zusammenlaufenden Linien dieses V bildeten die Grenzen des

Gebietes, innerhalb dessen sich die goldhaltige Erde befand.

Die Spitze dieses V war offenbar das Ziel des Mannes. Er ließ seinen Blick oft die

konvergierenden Linien entlang und weiter den Hang hinauf schweifen, um zu erraten, wo die

Spitze des umgekehrten V, der Punkt, wo der goldhaltige Boden aufhörte, sein würde. Dort war

die »Tasche«, und der Mann rief: »Komm her, Tasche! Sei brav und komm herunter!«

»Also schön!« sagte er kurz darauf in resigniertem, aber festem Ton. »Also schön, Tasche, ich

merke schon, daß ich ganz hinaufkommen und dich an den Ohren zupfen muß. Aber dazu bin ich

auch der Rechte. Verlaß dich drauf«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Jede Pfanne brachte er ans Wasser hinunter und wusch sie aus, und je höher er den Hang

hinaufkam, desto reicher wurde der Inhalt der Pfannen, so daß er schließlich begann, das Gold

in eine leere Backpulverdose zu schütten, die er nachlässig in die Hosentasche steckte. Er war

so von seiner Arbeit in Anspruch genommen, daß er nicht die Dämmerung bemerkte, die den

Eintritt des Abends verkündete. Erst als er die Goldkörner auf dem Boden der Pfanne nicht mehr

erkennen konnte, merkte er, daß es spät geworden war. Er richtete sich plötzlich auf und sagte

zögernd, mit einem komisch verwunderten und erschrockenen Gesichtsausdruck: »Gottverdammich!

Vor lauter Arbeit hab’ ich ganz das Mittagessen vergessen!«

Er stolperte in der Dunkelheit über den Bach und zündete das Reisig an, das er lange zuvor

gesammelt und zurechtgelegt hatte. Das Abendessen bestand aus Pfannkuchen, Speck und

aufgewärmten Bohnen. Hinterher rauchte er an dem ausgehenden Feuer eine Pfeife, lauschte auf

die Laute der Nacht und freute sich über den Mondschein, der die Schlucht erleuchtete.

Schließlich packte er das Bettzeug aus, zog sich die schweren Stiefel von den Füßen und

wickelte sich gut in die Decke ein. Sein Gesicht leuchtete weiß im Mondlicht und erinnerte an

das einer Leiche. Aber es war eine Leiche, die nach Wunsch aufstehen konnte, denn plötzlich

stützte sich der Mann auf den einen Ellbogen und starrte nach dem Hang hinüber.

»Gute Nacht, Tasche«, murmelte er schläfrig. »Gute Nacht!«

Er schlief die ganze Nacht und die ersten grauen Morgenstunden. Erst als die fast senkrechten

Strahlen der Morgensonne auf seine geschlossenen Lider fielen, erwachte er mit einem Ruck und

sah sich um, bis ihm klar war, wer und wo er war.

Seine Toilette bestand hauptsächlich darin, daß er sich die Stiefel anzog. Er ließ den Blick

von der Feuerstätte nach der Bergwand streifen, schwankte unschlüssig einen Augenblick,

überwand aber die Versuchung und machte sich daran, das Feuer anzuzünden.

»Immer ruhig, Bill, immer ruhig«, ermahnte er sich. »Wozu die Eile? Es hat ja keinen Zweck,

sich zu erhitzen und zu schwitzen. Die Tasche wartet schon noch auf dich. Die läuft nicht weg,

ehe du dein Frühstück gegessen hast. Nein, Bill, was du brauchst, ist ein bißchen Abwechslung

auf der Speisekarte. Da mußt du wohl sehen, etwas zu fassen zu kriegen.«

Am Ufer des Teiches schnitt er sich einen kurzen Stock ab und zog eine Schnur sowie eine

ramponierte Fliege, die einst bessere Tage gesehen hatte, aus einer seiner Taschen.

»Früh am Morgen beißen sie vielleicht an«, murmelte er, indem er die Schnur auswarf. Und einen

Augenblick später rief er freudestrahlend: »Hab ich’s nicht gesagt? Hab ich’s nicht gesagt?«

Er hatte keine Rolle an der Schnur, und um nicht mehr Zeit als notwendig zu vergeuden, zog er

schnell mit den bloßen Händen eine schimmernde, zehn Zoll lange Forelle aus dem Wasser. Sie

und noch drei, die er schnell hintereinander fing, machten sein Frühstück aus. Als er auf dem

Wege nach dem Hang zu den Steinen am Bach kam, hatte er einen Einfall, der ihn plötzlich

stillstehen ließ.

»Es wäre vielleicht gut, ein Stückchen den Bach hinunterzugehen«, sagte er. »Man kann nie

’wissen, ob nicht irgendein Kerl in der Nähe herumschleicht.«

Aber er ging weiter über die Steine, und mit einem »Eigentlich müßte ich ja die kleine

Untersuchungsexpedition unternehmen«, schlug er die Anwandlung in den Wind und machte sich an

seine Arbeit.

Bei Eintritt der Dunkelheit richtete er sich auf. Seine Lenden waren steif, weil er so lange

gebückt gearbeitet hatte, und indem er die Hand auf den Rücken legte, um die schmerzenden

Muskeln zu beschwichtigen, sagte er: »So was hab’ ich doch, Gottverdammich, noch nicht erlebt!

Jetzt hab’ ich das Mittagessen rein vergessen! Wenn ich nicht aufpasse, endet es noch damit,

daß ich wie diese durchgedrehten Kerle werde, die nur zweimal täglich essen.«

»Taschen haben eine verfluchte Art, einen abzulenken«, sagte er bei sich am Abend, als er sich

in seine Decken rollte. Und er vergaß auch nicht, zum Hang hinauf zurufen: »Gute Nacht,

Tasche! Gute Nacht!«

Mit der Sonne stand er auf, aß eilig sein Frühstück und machte sich an seine Arbeit. Er war

wie von einem Fieber ergriffen, und die Tatsache, daß die Probepfannen immer reicher

ausfielen, war nicht dazu angetan, sein Fieber zu beschwichtigen! Die Röte seiner Wangen kam

nicht allein von der Hitze der Sonne, und er vergaß Müdigkeit und Zeit. Wenn er eine Pfanne

mit Erde gefüllt hatte, lief er den Hang hinab, um sie auszuwaschen; und er konnte sich nicht

halten, sondern lief schnaufend und stolpernd den Hang hinauf, um die Pfannen von neuem zu

füllen. Er war jetzt etwa hundert Meter vom Wasser entfernt, und das umgekehrte V begann

endgültige Form anzunehmen. Das Terrain, das den hinreichend goldhaltigen Kies enthielt, wurde

immer schmaler, und der Mann verlängerte im Geiste die Seiten des umgekehrten V bis zu ihrem

Schnittpunkt, hoch oben auf dem Hange. Die Spitze dieses V war sein Ziel, und er wusch viele

Probepfannen aus, um sie festzustellen.

»Genau zwei Meter oberhalb des Manzanitastrauchs und einen Meter rechts«, sagte er

schließlich.

Dann packte ihn die Versuchung. »Es ist ja sonnenklar«, sagte er, gab sein mühseliges Graben

quer über den Hang auf und kletterte zu der Stelle, wo er die Spitze des umgekehrten V annahm.

Er füllte seine Pfanne und trug sie den Hang hinunter, um sie auszuwaschen. Sie enthielt nicht

ein einziges Goldkörnchen. Er grub tiefer, und er grub an der Oberfläche, füllte und wusch ein

Dutzend Pfannen aus, erhielt aber nicht ein einziges Goldkörnchen für all seine Mühe. Er

ärgerte sich, daß er der Versuchung erlegen war, wütete und verfluchte sich auf die

gotteslästerlichste Art. Schließlich schritt er den Hang hinab und nahm seine Arbeit nach dem

ursprünglichen Plan wieder auf.

»Langsam, aber sicher, Bill, langsam, aber sicher«, murmelte er. »Für dich gibt es keinen

Richtweg zum Glück, das solltest du doch bald wissen. Sei vernünftig, Bill, sei vernünftig.

Die langsame, sichere Methode ist die einzige, auf die du dich verstehst. Halt dich an sie.«

Je kürzer die Querlinien wurden und je mehr sich die Seitenlinien ihrem Schnittpunkt näherten,

um so mehr vertiefte sich das V. Die Goldkörner lagen in immer größerer Tiefe. Dreißig Zoll

unter der Oberfläche erhielt er kleine Goldkörnchen in die Pfanne. Der Kies, den er aus

fünfundzwanzig und fünfunddreißig Zoll Tiefe holte, enthielt nicht die geringste Andeutung von

Gold. An der Basis des umgekehrten V, unten am Wasser, hatte er die Goldkörner zwischen den

Graswurzeln gefunden. Je höher er den Hang hinauf kam, desto tiefer sank das Gold. Es war eine

recht mühselige Arbeit, ein drei Fuß tiefes Loch zu graben, nur um eine Probepfanne zu füllen,

und bis zur Spitze des V mußten noch unzählige derartige Löcher gegraben werden. »Und kein

Mensch kann wissen, wie tief es später noch geht«, seufzte er, als er einen Augenblick

innehielt, um sich seinen schmerzenden Rücken zu reiben.

Mit fieberhafter Gier, wehem Rücken und steifen Muskeln arbeitete sich der Mann mit Hacke und

Schaufel in dem weichen braunen Boden langsam den Hang hinan. Vor ihm lag der ebenmäßige Hang,

mit Blumen bestreut, die mit ihrem süßen Duft die Luft erfüllten. Hinter ihm war Vernichtung.

Es sah aus, als sei die glatte Oberfläche des Hanges einem furchtbaren vulkanischen Ausbruch

zum Opfer gefallen. Seine langsam vorschreitende Arbeit erinnerte an die Schnecke, die die

Schönheit mit ihren abscheulichen Spuren besudelt.

Die immer tiefere Lage der Goldader vermehrte die Arbeit des Mannes, doch er tröstete sich mit

dem immer reicheren Goldinhalt der Pfannen. Der Wert des Goldes in den Pfannen wechselte

zwischen zwanzig, dreißig und fünfzig Cent, und als er bei Anbruch der Dunkelheit seine letzte

Pfanne auswusch, gab sie ihm in einer einzigen Schaufel Erde für einen Dollar Goldstaub.

»Ich möchte wetten, daß irgendein zudringlicher Bursche auf meine kleine Weide angestiegen

kommt«, murmelte er schläfrig, als er sich am Abend in die Decke wickelte.

Plötzlich setzte er sich auf. »Bill!« rief er scharf. »Hör jetzt, was ich sage, Bill,

verstehst du? Du wirst morgen zeitig aufstehen müssen und dich ein wenig umgucken, ob du

jemand entdecken kannst. Verstanden? Zeitig morgen früh, vergiß es nicht!« Er gähnte und warf

einen Blick nach seinem Bergeshang. »Gute Nacht, Tasche«, rief er.

Am Morgen kam er der Sonne zuvor, denn als ihre ersten Strahlen auf ihn fielen, hatte er

längst gefrühstückt und war im Begriff, die Felswand an einer Stelle zu erklimmen, wo ihm die

Verwitterung des Gesteins ermöglichte, Fuß zu fassen. Als er den Gipfel erreicht hatte und

umherspähte, sah er sich von allen Seiten von Öde und Einsamkeit umgeben. Eine Bergeskette

erhob sich hinter der anderen, so weit er sehen konnte. Im Osten wurde sein Blick, der so

leicht und schnell über die zahlreichen, meilenweit auseinanderliegenden Bergesketten

hinwegglitt, doch zuletzt von den weißen, himmelanragenden Zinnen der Sierra – des

Hauptgebirges, dem Rückgrat des Westlandes – aufgehalten. Im Norden und Süden sah er deutlich

die Ketten, die quer durch dieses endlose Meer von Bergen liefen. Im Westen wurden die Berge

immer kleiner und niedriger und gingen schließlich in die weichgeschwungenen Randhügel über,

die sich ihrerseits wiederum zu dem großen Tal hinabsenkten, das er nicht sehen konnte.

Und in diesem ganzen mächtigen Gebiet sah er keine Spur von Menschen oder von der Arbeit von

Menschen – mit Ausnahme des aufgewühlten Hanges zu seinen Füßen. Lange durchforschte der Mann

spähend die Landschaft. Einmal kam ihm vor, als sähe er eine schwache Andeutung von Rauch weit

unten in seiner eigenen Schlucht. Er blickte mit geschärfter Aufmerksamkeit nach diesem

Phänomen und kam zu dem Ergebnis, daß es der violette Bergnebel sei, den die dahinterliegende

Felswand der Schlucht dunkel und wogend wie eine Rauchspirale erscheinen ließ.

»Heda, Tasche!« rief er in die Schlucht hinab. »Heraus mit dir! Jetzt komme ich, Tasche! Jetzt

komme ich!«

Die schweren Transtiefel, die der Mann trug, behinderten ihn anscheinend, aber dennoch schwang

er sich leicht und gewandt wie eine Bergziege von der schwindelnden Höhe hinab. Ein Felsblock,

der am Rande des Abgrundes unter seinen Füßen fortglitt, brachte ihn nicht aus der Fassung. Er

schien genau zu wissen, wann der kritische Augenblick eintreffen würde, und benutzte

unterdessen den trügerischen Boden als Stützpunkt, um sich in Sicherheit zu bringen. Dort, wo

die Wand so steil abfiel, daß er nicht eine Sekunde aufrecht stehen konnte, zögerte er keinen

Augenblick. Nur einen Bruchteil der verhängnisvollen Sekunde berührte sein Fuß die gefährliche

Oberfläche, aber gerade lange genug, um ihm den Sprung, der ihn weiterbrachte, zu ermöglichen.

Dort wo er selbst diesen Bruchteil einer Sekunde nicht Fuß fassen konnte, schwang er seinen

Körper vorbei, indem er blitzschnell nach einem Felsvorsprung, einem Spalt oder einem nicht

sehr festsitzenden Strauch griff. Zuletzt ließ er die Wand fahren, sprang desperat ab,

rutschte mit einem lauten Geheul abwärts und endete seine Niederfahrt inmitten mehrerer Tonnen

gleitender Erde.

Heute ergab seine erste Probepfanne für über zwei Dollar grobkörniges Gold. Die Erde war genau

aus der Mitte des Winkels des umgekehrten V entnommen. Nach beiden Seiten von dieser Stelle

nahm der Goldinhalt der Pfannen schnell ab. Die Löcherreihen, die er grub, waren allmählich

sehr kurz geworden. Die Seiten des umgekehrten V waren jetzt nur noch wenige Meter voneinander

entfernt. Der Schnittpunkt befand sich wenige Schritte über ihm. Aber das goldhaltige Material

mußte er aus immer größeren Tiefen schürfen. Früh am Nachmittag mußte er die Probelöcher fünf

Fuß tief machen, ehe die Pfannen auch nur das geringste Gold aufwiesen.

Im übrigen waren es nicht mehr Goldkörner; der Boden bestand fast aus reinem Golde, und der

Mann beschloß, hierher zurückzukehren und den Boden zu bearbeiten, sobald er die Tasche

gefunden hatte. Aber der steigende Goldgehalt der Pfannen begann ihn zu ärgern. Spät am

Nachmittag war der Goldinhalt der Pfannen auf drei bis vier Dollar gestiegen. Der Mann kratzte

sich bedenklich den Kopf und ließ seinen Blick über die Felswand nach dem Manzanitastrauch

schweifen, der ungefähr angab, wo die Spitze des umgekehrten V war. Er nickte und sagte in

tiefsinnigem Orakelton: »Es gibt zwei Möglichkeiten, Bill. Zwei Möglichkeiten. Entweder hat

die Tasche sich selbst über den ganzen Bergeshang verstreut, oder sie ist so verdammt reich,

daß du vielleicht nicht imstande bist, sie auf einmal mit nach Haus zu nehmen. Und das wäre

doch eine verfluchte Geschichte, nicht wahr?« Er lachte und belustigte sich bei dem Gedanken,

möglicherweise vor einem so angenehmen Dilemma zu stehen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, saß er am Ufer des Baches und starrte sich bei der schnell

zunehmenden Dämmerung fast die Augen aus dem Kopfe bei dem Versuch, eine Probepfanne

auszuwaschen, die für fünf Dollar Gold enthielt.

»Wenn ich nur elektrisches Licht hätte, um weiterarbeiten zu können«, sagte er.

In dieser Nacht wurde es ihm schwer, zu schlafen. Immer wieder veränderte er seine Lage und

schloß die Augen, um einzuschlafen, aber sein Blut klopfte wild und fieberhaft, und immer

wieder öffnete er seine Augen und murmelte müde: »Wenn die Sonne doch bald aufginge!«

Schließlich schlief er doch ein, als aber die ersten Sterne zu erblassen begannen, schlug er

die Augen auf, und als die graue Morgendämmerung eintrat, hatte er schon gefrühstückt und war

im Begriff, den Bergeshang zu erklimmen, um das Versteck der Tasche zu finden.

In der ersten Querreihe, die der Mann grub, war nur Raum für drei Löcher, so schmal war das

goldhaltige Gebiet geworden und so nahe war er der Quelle des goldenen Stromes gekommen, die

er seit vier Tagen suchte.

»Ruhig, Bill, nur ruhig«, ermahnte er sich, als er das letzte Loch dort grub, wo die Seiten

des umgekehrten V schließlich in ihrem Schnittpunkt zusammenliefen.

»Jetzt hab’ ich dich zu fassen gekriegt, Tasche, und du entkommst mir nicht«, sagte er immer

wieder, während er tiefer und tiefer grub.

Vier, fünf, sechs Fuß grub er in den Boden. Das Graben wurde immer schwieriger. Zuletzt

klirrte seine Hacke auf den reinen Felsgrund. Er untersuchte den Felsen. »Verrotteter Quarz«,

erklärte er, während er mit der Schaufel den Boden des Loches von losem Kies reinigte. Er

bearbeitete den zermürbten Quarz mit der Hacke und schlug mit jedem Schlage etwas von dem

verwitterten Felsgrund ab. Er setzte die Schaufel in die lose Masse. Seine Augen sahen einen

goldenen Schimmer. Plötzlich warf er die Schaufel fort und hockte sich nieder. Und wie ein

Bauer vor ausgegrabenen Kartoffeln, begann er von einem verwitterten Quarzstück, das er in

beiden Händen hielt, die Erde zu reiben.

»Heiliger Himmel!« rief er. »Hier sind ja ganze Klumpen. Wahrhaftig, ganze Klumpen!«

Nur die Hälfte dessen, was er in der Hand hielt war Quarz. Das andere war reines Gold. Er ließ

es in die Pfanne fallen und untersuchte ein anderes Stück. Von außen schien es nur wenig gelb,

aber mit seinen starken Fingern zerrieb er den verwitterten Quarz, bis seine beiden Hände voll

von schimmerndem Golde waren. Ein Stück nach dem anderen rieb er von Erde rein und warf es in

die Goldpfanne. Das Loch war die reine Schatzkammer. Der Quarz war so verwittert, daß es

weniger Quarz als Gold war. Hin und wieder fand er ein Stück, das ganz frei von Quarz – ein

Stück, das durch und durch Gold war. Ein großer Klumpen, den die Hacke zerbrochen hatte,

leuchtete wie eine Handvoll gelber Edelsteine. Mit schiefem Kopf betrachtete er ihn und drehte

ihn langsam, um das strahlende Spiel des Lichtes darin zu beobachten.

»Die Leute reden so oft von reichen Goldfunden«, sagte er höhnisch. »Hiermit verglichen sind

die meisten derartigen Funde nur armselige Dreißig-Cent-Funde. Dies hier ist ja durch und

durch Gold. Daher taufe ich denn auch auf der Stelle und in diesem heiligen Augenblick diese

Schlucht auf den Namen ›Goldschlucht‹, weiß Gott, das tue ich!«

Immer noch hockend, untersuchte er weiter die Quarzstücke und warf sie in die Pfanne.

Plötzlich hatte er das Gefühl, daß ihm irgendeine Gefahr drohte. Es war, als fiele ein

Schatten auf ihn. Aber es war kein Schatten. Es war, als hätte er einen Klumpen in den Hals

bekommen und sollte ersticken. Im nächsten Augenblick gefror ihm das Blut in den Adern, und er

fühlte, wie sein verschwitztes Hemd ihm kalt auf dem Körper klebte. Er sprang nicht auf und

sah sich auch nicht um. Er rührte sich nicht. Er überlegte, was für eine Warnung es wohl sein

mochte, die er empfangen hatte, versuchte herauszufinden, von wo die mystische Kraft, die ihn

gewarnt, ausgegangen, und bemühte sich, die Anwesenheit des unsichtbaren Wesens, das ihn

bedrohte, zu spüren. Feindliche Mächte strahlen eine Aura aus, die sich in so ätherischer Form

offenbart, daß die gewöhnlichen Sinne sie nicht zu unterscheiden vermögen; er hatte das

Gefühl, daß eine solche Aura sich in seiner Nähe befand, war sich aber nicht klar darüber, auf

welche Weise er sie eigentlich fühlte und spürte. Er hatte ein Gefühl, wie man es etwa

bekommt, wenn eine Wolke die Sonne verdunkelt. Es war von derselben verstimmenden und

drohenden Art; es war, als ob etwas Finsteres sich zwischen ihn und das Dasein geschoben

hätte, das Leben mit seinem Würgegriff bedrohte und den Tod – seinen Tod – verkündete. Jede

Fiber, jeder Nerv in ihm war gespannt und bereit für den Fall, daß er sich entschloß,

aufzuspringen und Angesicht zu Angesicht der unsichtbaren Gefahr zu begegnen; aber seine

Seelenstärke bezwang den panischen Schrecken, und er blieb, einen Goldklumpen in den Händen,

sitzen. Er wagte nicht sich umzusehen, aber er wußte jetzt, daß etwas hinter und über ihm war.

Er tat, als wäre er ganz von dem Golde in seiner Hand in Anspruch genommen. Er untersuchte es

kritisch, wendete und drehte es und reinigte es von der Erde. Aber die ganze Zeit fühlte er,

daß ein Wesen hinter ihm stand, ihm über die Schulter blickte und das Gold betrachtete.

Er lauschte angespannt und tat dabei weiter, als wäre er ganz mit dem Golde in seiner Hand

beschäftigt, und jetzt hörte er ein Wesen hinter sich atmen. Sein Blick glitt suchend über den

Boden vor ihm, um eine Waffe zu entdecken, aber er sah nur das ausgegrabene Gold, das in

seiner jetzigen Lage wertlos für ihn war. Er hatte allerdings seine Hacke, die bei gewissen

Gelegenheiten eine ganz brauchbare Waffe gewesen wäre, nicht aber jetzt. Der Mann erkannte

plötzlich, wie gefährlich seine Lage war. Er befand sich in einem engen, sieben Fuß tiefen

Loch. Mit seinem Kopf reichte er nicht bis zur Erdoberfläche. Er saß in einer Falle.

Er blieb sitzen. Er war ganz ruhig und gefaßt; aber sein Verstand, der alle Möglichkeiten

überdachte, sagte ihm, daß seine Lage hoffnungslos war. Er rieb weiter die Erde von den

Quarzstücken und warf das Gold in die Pfanne. Es war nichts anderes zu tun. Und doch wußte er,

daß er früher oder später gezwungen war, sich zu erheben und Angesicht zu Angesicht der Gefahr

zu begegnen, die ihm hinter seinem Rücken drohte. Die Minuten vergingen, und er wußte, daß er

sich mit jeder Minute, die schwand, mehr dem Zeitpunkt näherte, da er sich erheben mußte, wenn

er nicht – sein nasses Hemd klebte bei dem Gedanken an seinem Körper – den Tod, über seinen

Schatz gebeugt, hinnehmen wollte. Immer noch saß er da, rieb die Erde vom Golde und überlegte

gleichzeitig, wie er es machen sollte, um sich zu erheben. Er konnte es plötzlich tun, aus dem

Loch springen und dem, was ihm drohte, auf gleichem Fuße draußen begegnen. Oder er konnte sich

langsam aufrichten und tun, als entdeckte er zufällig das Wesen, das hinter seinem Rücken

atmete. Sein Instinkt und jede kampflustige Fiber in seinem Körper sagten ihm, daß er die

erste, desperate Lösung wählen und sich mit Händen und Füßen so schnell wie möglich aus dem

Loch herausarbeiten sollte. Sein Verstand hingegen riet ihm, sich langsam und vorsichtig dem

Wesen zu nähern, das ihn bedrohte und das er nicht sehen konnte. Während er aber alles das

überdachte, ertönte plötzlich ein lauter Knall an seinem Ohr. Im selben Augenblick erhielt er

einen lähmenden Schlag auf die linke Seite des Rückens, und von der Stelle, wo er getroffen

war, verbreitete sich ein brennender Schmerz durch seinen Körper. Er sprang hoch, brach aber

zusammen, ehe er halb auf den Füßen war. Sein Körper krümmte sich wie ein Blatt, das in

plötzlicher heftiger Hitze welkt. Er fiel mit der Brust gegen die Pfanne und bohrte das

Gesicht in Kies und Quarzstücke, während sich seine Beine wegen des beschränkten Raumes auf

dem Boden des Loches verrenkten. Seine Glieder zitterten mehrmals krampfhaft, seinen Körper

durchfuhr es wie ein heftiger Kälteschauer. Die Lungen weiteten sich langsam, und man hörte

einen tiefen Seufzer. Dann ließ er langsam, ganz langsam wieder die Luft ausströmen, und

ebenso langsam fiel sein Körper schlaff zusammen.

Von oben guckte ein Mann, der einen Revolver in der Hand hielt, über den Rand des Loches

hinweg. Er starrte lange auf den bäuchlings ausgestreckten, unbeweglichen Körper unter ihm.

Nach einer Weile setzte der Fremde sich auf den Rand des Loches, so daß er hinabsehen konnte,

und legte gleichzeitig den Revolver auf seine Knie. Er steckte die Hand in die Tasche und zog

einen Streifen braunes Papier heraus. Er streute ein bißchen Tabak auf das Papier, und das

Ergebnis wurde eine braune kurze Zigarette mit eingeschlagenen Enden. Unaufhörlich starrte er

dabei den ausgestreckten Körper auf dem Boden des Loches an. Er zündete sich die Zigarette an

und sog in stillem Genuß den Rauch in die Lungen. Er rauchte langsam. Einmal ging die

Zigarette aus, aber er zündete sie wieder an. Und die ganze Zeit saß er da und starrte auf den

unbeweglichen Körper drunten.

Zuletzt warf er den Zigarettenstummel fort und erhob sich. Er trat an den Rand des Loches. Die

Hände auf den Rand gestützt, den Revolver noch in der Rechten, spannte er seinen Körper und

arbeitete sich in das Loch hinunter. Als seine Füße noch einen halben Meter vom Boden entfernt

waren, ließ er sich hinabfallen.

Im selben Augenblick, als seine Füße den Boden berührten, sah er den Arm des Goldgräbers

hervorschießen und fühlte einen festen Griff an seinem Bein; dann wurde er umgerissen. Die

Hand, in der er den Revolver hielt, befand sich infolge der Stellung, die er beim

Herabspringen eingenommen hatte, über seinem Kopfe. Aber er senkte sie blitzschnell, sobald er

den Griff an seinem Bein fühlte. Er hatte den Boden noch nicht erreicht, als er auch schon

schoß. Der Knall ertönte ohrenbetäubend in dem engen Loch, und der Rauch füllte es, so daß man

nichts sehen konnte. Er fiel rücklings auf den Boden des Loches, und wie eine Katze sprang der

Goldgräber über ihn. Der Fremde beugte den rechten Arm, um zu schießen, aber in derselben

Sekunde stieß der Goldgräber mit einem schnellen Ellbogenstoß sein Handgelenk beiseite. Der

Revolver fuhr hoch, und die Kugel schlug klatschend in die Erdwand des Loches.

Im selben Augenblick fühlte der Fremde, wie die Hand des Goldgräbers sein Handgelenk packte.

Jetzt galt der Kampf dem Revolver. Jeder wollte ihn gegen den andern benutzen. Der Rauch im

Loche begann sich zu verziehen, und der Fremde, der auf dem Rücken lag, konnte allmählich

wieder etwas sehen. Plötzlich aber wurde er von einer Handvoll Erde geblendet, die sein Gegner

ihm kaltblütig in die Augen warf. Bei dem Schreck darüber löste sich sein Griff um den

Revolver. Im nächsten Augenblick spürte er, daß eine überwältigende Finsternis sein Hirn

verschleierte, und mitten in der Finsternis hörte die Finsternis selbst auf.

Aber der Goldgräber feuerte immer wieder, bis der Revolver leer war. Dann schleuderte er ihn

fort und setzte sich atemlos auf die Beine des Toten.

Der Goldgräber stöhnte und schnappte nach Luft. »Elender Schuft!« keuchte er. »Schleicht mir

nach, läßt mich die Arbeit tun und schießt mich dann in den Rücken.«

Er weinte fast vor Wut und Erschöpfung. Er starrte forschend dem Toten ins Gesicht. Das war

halb von Erde und Kies bedeckt, und er konnte die Züge nur schwer erkennen.

»Hab’ ihn noch nie gesehen«, sagte der Goldgräber, als er ihn ein wenig angesehen hatte, »ein

ganz gewöhnlicher Dieb, der Teufel soll ihn holen! Mich in den Rücken zu schießen! In den

Rücken!«

Er öffnete sein Hemd und befühlte seine linke Seite vorn und hinten.

»Ist glatt hindurchgegangen, hat aber nichts getan!« rief er triumphierend. »Ich möchte

wetten, daß er gut zielte, hat nur beim Abdrücken den Revolver bewegt – der elende Bursche!

Aber ich hab’s ihm gegeben!«

Er befühlte das Loch, das die Kugel ihm in der linken Seite geschlagen hatte, und ein Schatten

von Kummer glitt über sein Gesicht. »Das wird mich verdammt steif machen«, sagte er. »Und es

ist wohl am besten, daß ich einen Verband kriege und sehe, von hier fortzukommen.«

Er kroch aus dem Loch hinaus und ging den Hang hinab zu seinem Lagerplatz. Eine halbe Stunde

später kam er mit seinem Packpferd zurück. Unter seinem offenen Hemd sah man den primitiven

Verband, den er sich gemacht hatte. Die Bewegungen seiner linken Hand waren langsam und

unbeholfen, aber das hinderte ihn nicht, den Arm zu gebrauchen. Mit Hilfe eines Stricks, den

er dem Toten unter den Armen hindurchzog, glückte es ihm, die Leiche aus dem Loch zu ziehen.

Dann machte er sich daran, sein Gold aufzusammeln. Er arbeitete mehrere Stunden, mußte aber

oft innehalten, um seine steife Schulter ausruhen zu lassen, wobei er murmelte: »Mich in den

Rücken zu schießen, der elende Kerl! Mich in den Rücken zu schießen!«

Als er seinen ganzen Schatz in seine Decken und eine Menge Bündel gepackt hatte, überschlug

er, wieviel er wohl wert sein mochte. »Vierhundert Pfund – oder ich will mich hängen lassen«,

erklärte er. »Sagen wir, daß zweihundert Pfund Quarz und Erde sind – dann bleiben mir noch

zweihundert Pfund Gold übrig. Bill, wach auf! Zweihundert Pfund Gold! Vierzigtausend Dollar!

Und das ist dein – alles dein!«

Er kratzte sich vergnügt den Kopf, und seine Finger gerieten plötzlich in eine Furche, die er

nicht kannte. Untersuchend befühlte er sie mehrere Zoll weit. Es war eine Furche, die die

zweite Kugel in seine Kopfhaut gepflügt hatte.

Ärgerlich trat er zu dem Toten.

»Du hättest mich gern um die Ecke gebracht, was?« sagte er triumphierend. »Das hättest du gern

getan, nicht wahr? Aber ich hab’ dir dein Teil gegeben, und obendrein sollst du ein hübsches

Begräbnis haben. Das ist mehr, als du für mich getan hättest.« Er schleppte die Leiche an den

Rand des Loches und ließ sie hinunterfallen. Mit einem dumpfen Krach schlug sie unten auf und

fiel auf die Seite, so daß sie das Gesicht zum Licht wandte. Der Goldgräber guckte hinunter.

»Mich in den Rücken zu schießen!« sagte er vorwurfsvoll.

Mit Hacke und Schaufel füllte er das Loch. Dann belud er sein Pferd mit dem Golde. Die Last

war zu schwer für das Tier, und als er sein Lager erreichte, lud er einen Teil davon auf sein

Reitpferd. Aber selbst dann noch war er gezwungen, einen Teil seiner Ausrüstung, Hacke,

Schaufel und Pfanne, seine eiserne Ration, Kochgeschirre und verschiedene Kleinigkeiten

zurückzulassen. Die Sonne stand im Zenit, als der Mann die Pferde durch den Ranken- und

Schlingpflanzenvorhang trieb. Um über die großen Felsblöcke und Steine zu klettern, mußten die

Tiere sich auf die Hinterbeine stellen und sich ihren Weg blind durch das Gewirr von Pflanzen

bahnen. Einmal stürzte das Reitpferd schwer zu Boden, und der Mann mußte es von seiner Last

befreien, um es wieder auf die Füße zu bringen. Als es sich wieder in Gang setzte, steckte der

Mann den Kopf durch das Laub und blickte nach dem Bergeshang zurück.

»Der elende Kerl!« sagte er und verschwand.

Man hörte ein Brechen und Reißen in den Ranken und Schlingpflanzen. Die Bewegungen der Tiere

ließen die Bäume hin und her schwanken. Die eisenbeschlagenen Hufe klangen auf dem Felsboden,

und hin und wieder hörte man einen Fluch oder einen scharfen, kommandierenden Ruf. Zuletzt

erhob der Mann seine Stimme und sang:

»Lasse deine Augen sehen

Lieblich waldbedeckte Höhen

(Achte nicht der Sünde Macht).

Schau dich um die Kreuz und Quere,

Deinen Sündensack entleere

(Triffst du doch den Herrn bei Nacht).«

Der Gesang wurde immer schwächer, und der Geist der Stätte schlich sich durch die Stille

zurück. Der Bach flüsterte wieder schläfrig. Das einschläfernde Summen der Bergbienen ertönte

wieder, und die schneeweißen Daunen der Pappeln sanken durch die duftende Luft herab. Die

Schmetterlinge glitten zwischen den Bäumen ein und aus, und über dem Ganzen flammte der ruhige

Sonnenschein. Nur die Spuren von den Pferdehufen auf der Wiese und der aufgewühlte Bergeshang

erinnerten noch daran, daß heftige Wogen des Lebens den Frieden der Stätte gebrochen hatten

und jetzt anderswohin wanderten.

ENDE

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